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Lohr mit
Stadtteil Steinbach (Main-Spessart-Kreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Lohr lebten Juden bereits im 13. Jahrhundert. Sie
waren von der Rindfleisch-Verfolgung 1298 betroffen. Ob es damals zur
Bildung einer jüdischen Gemeinde gekommen war, ist nicht bekannt. 1331
sind wieder Juden genannt. Danach erfährt man erst im 15. Jahrhundert wieder
von einem in Lohr wohnhaften Juden. Der Amtmann zu Lohr bat 1473 in
Frankfurt am Main um Geleit für diesen Lohrer Juden. Auch im 16. Jahrhundert
waren unter dem Schutz der Grafen von Rieneck Juden in der Stadt. 1572
wurde die weitere Niederlassung jedoch durch das Erzstift Mainz als dem neuen
Landesherrn untersagt.
Erst
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es wieder zur Bildung
einer jüdischen Gemeinde in Lohr.
 | Nachdem die bayrischen Juden wieder allgemeine
Niederlassungsfreiheit hatten, zogen mehrere Familien unter anderem aus Steinbach
und Wiesenfeld zu. In dem heute zu Lohr gehörenden Vorort Steinbach
entstand im 18. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde. Die jüdischen Familien
lebten im
Bereich des sogenannten "Judenhofes" (am Anfang der Eichhornstraße;
siehe Foto unten; die ehemalige Synagoge bzw. Betkammer war in der Eichhornstraße 5b). 1740
waren es vier jüdische Haushaltungen, 1817 zehn jüdische Familien
(Matrikelliste, s.u.), 1871 37
jüdische Personen. Bereits anlässlich des Todes des langjährigen Lehrers
Eisemann 1889 werden der fehlende Minjan und die "geschlossenen Türen
und Fensterläden" der Synagoge beklagt (siehe Bericht unten). 1896 wurden die hier noch lebenden jüdischen Personen
in die jüdische Gemeinde in Lohr eingegliedert.
Bei der Erstellung der Matrikellisten 1817 werden in Steinbach
auf insgesamt zehn Matrikelstellen die folgenden jüdischen
Familienvorstände genannt (mit neuem Familiennamen und Erwerbszweig):
Samuel Moses Sternreich (Viehhandel), Wolf Süß Kahn (Viehhandel und
Waren), Moses Baruch Kleinschild (Amtsbote), Kaufmann Moses Sterner
(Ellenhandel, Amtsbote), Benjamin Süß Kahn (Vieh- und Warenhandel), Hajum
Süß Selig (Viehhandel und Waren), Lesemann Isaac Blumenstein (Handel und
Botengehen), Herz Süß Adler (Viehhandel und Waren), Moses Hirsch Isaac
Strauß (Botengehen und Tagelöhnern), Wolf Moses Marx Marcus (Viehhandel
und Schlachten), Michel Kahn (Handel mit Spezereien und Schnittwaren, ab
1825). |
Die offizielle Neubegründung der Gemeinde Lohr erfolgte 1867, die Einweihung der
Synagoge beziehungsweise des jüdischen Gemeindezentrums im November 1871 (s.u.).
Außer der Synagoge hatte die jüdische Gemeinde einen Raum für den Unterricht
der Kinder mit Lehrerwohnung und ein rituelles Bad im Synagogengebäude eingerichtet. Für die Besorgung
religiöser Aufgaben der Gemeinde war zeitweise ein Lehrer angestellt, der zugleich als Schächter und Vorbeter
fungierte (siehe unten Ausschreibung von 1872). Die Gemeinde wurde dem
Distriktsrabbinat Aschaffenburg
zugeteilt. Die Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof in Laudenbach
beigesetzt.
Bis 1910 entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner in Lohr wie folgt: 1867 37
jüdische Einwohner (0,9 % von insgesamt 4.243 Personen), 1871 41 (1,0 % von
4.205), 1890 46 (1,1 % von 4.207), 1900 91 (2,0 % von 4.525), 1910 56 (1,1 % von
5,269). Unter den jüdischen Gemeindemitgliedern gab es Anfang der 1930er-Jahre
14 Kaufleute, fünf Angestellte, einen Lehrer, eine Kindergärtnerin, einen
Bäcker und einen Lehrling; 15 Familien hatten Haus- und Grundbesitz.
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Gefreiter Benno
Markus (geb. 3.6.1887 in Lohr, gef. 16.9.1916).
Um 1924, als 40 Personen zur jüdischen Gemeinde gehörten (0,7 % von
insgesamt etwa 6.000 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde H.
Winheimer, Alfred Strauß und H. Meyer. Einen eigenen Lehrer hatte die Gemeinde
damals nicht mehr, vielmehr kam regelmäßig Jakob Weichselbaum aus Adelsberg
zum Unterricht und zu Gottesdiensten nach Lohr. 1924 hatte er in Lohr zwei
Kindern den Religionsunterricht zu erteilen. 1932 waren die Gemeindevorsteher
Simon Strauß (1. Vors.), Hermann Rothschild (Beisitzer) und Jakob Markus
(Schatzmeister). Als Lehrer und Schochet kam nun Harry Weinberg aus Gemünden
in die Gemeinde. Im Schuljahr 1931/32 erhielten von ihm in Lohr sechs Kinder
Religionsunterricht.
In der Heil- und Pflegeanstalt (Staatliche Anstalt) in Lohr gab es für
jüdische Heiminsassen eine rituelle Abteilung des "Fürsorgevereins
für israelitische Nerven- und Geisteskranke" in Aschaffenburg.
Diese besondere Abteilung war 1918 eingerichtet worden. Der Fürsorgeverein aus
Aschaffenburg sorgte für die aus ganz Unterfranken stammenden jüdischen
Patienten in Lohr für die koschere Verpflegung. Auch
seelsorgerliche Betreuung erfuhren die Patienten und Patientinnen, u.a. durch
den Bezirksrabbiner aus Aschaffenburg.
1933 lebten einschließlich der Patienten der Heil- und Pflegeanstalt (ca. 25) 70
jüdische Personen in Lohr (1,1 % von insgesamt 6.133 Einwohnern). Mit Beginn
der NS-Zeit setzten auch in Lohr der wirtschaftliche Boykott und die ständige
zunehmenden Repressalien ein. Bereits 1933 verließen daher sechs jüdische
Personen die Stadt (fünf von ihnen emigrierten nach Palästina). Bis zum
November 1938 verließen weitere 21 die Stadt. Bereits im März 1938 gab
es im Zusammenhang mit dem Anschluss Österreichs antijüdische Unruhen in der
Stadt, wobei Fenster jüdischer Häuser eingeschlagen wurden und weiterer
Schaden angerichtet wurde. Beim Novemberpogrom 1938 wurde von SA-Leuten
die Synagoge geschändet und die Inneneinrichtung zerstört (s.u.), danach
wurden die jüdischen Häuser überfallen. Der gesamte Warenvorrat eines
jüdischen Geschäfts wurde vernichtet; aus einem der jüdischen Häuser wurde
die Inneneinrichtung auf die Straße geschleppt und verbrannt. Die jüdischen
Einwohner wurden festgenommen, mehrere in die KZ Dachau und Buchenwald
verbracht. In der Folgezeit verließen fast alle jüdischen Einwohner die Stadt,
emigrierten - soweit möglich - in andere Länder (Palästina, USA, England,
Italien) oder verzogen in andere Städte. Am 31. Januar gab es nur noch zwei in
sogenannter "Mischehe" lebende jüdische Frauen in Lohr.
In der Heil- und Pflegeanstalt konnten die jüdischen Heimbewohner bis
1938 einigermaßen ungestört wohnen. Sie erfuhren auch weiterhin Betreuung: 1937 wirkte
unter den Patienten der im Ruhestand in Lohr lebende jüdische Lehrer Simon
Strauß (siehe Bericht unten). 1938 wurden von SA-Leuten auch die jüdische
Abteilung der Anstalt heimgesucht: die koscheren Lebensmittelvorräte wurden
unbrauchbar gemacht. 1940 gab es in der Anstalt noch 19 jüdische
Kranke, die dann allerdings im September 1940 wie alle jüdischen Patienten in
den bayerischen Anstalten auf Anordnung des Innenministeriums zunächst in die
Anstalt Eglfing-Haar bei München verbracht wurden. Von dort wurden sie am 20.
September 1940 angeblich in die Anstalt Cholm/Polen verbracht. Im Juli 1941 wurde der
Tod von 15 Patienten in Cholm dem Landratsamt Lohr gemeldet.
Anmerkung: die Anstalt Cholm bei Lublin/Polen existierte in Wirklichkeit gar nicht.
Alle, die mit diesem Todesort gemeldet wurden, sind im Rahmen der T-4-Aktion in
den 1940/41 existierenden sechs großen Mord-Anstalten ermordet worden. Eine
angebliche Verlegung nach "Cholm" und die diesbezügliche
Benachrichtigung der Angehörigen geschah nur, um noch für längere Zeit,
obwohl die Personen bereits tot waren, Pflegekosten von der Reichsvereinigung
kassieren zu können. Siehe Beitrag von Christiane Hoss: Die jüdischen
Patienten in rheinischen Anstalten zur Zeit des Nationalsozialismus. In: Verlegt
nach Unbekannt. Sterilisation und Euthanasie in Galkhausen 1933-1945. Hrsg. von
Matthias Leipert/Rudolf Stirnal/Winfried Schwarzer. Köln
1987.
Von den in Lohr geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Max Frank (1908), Salomon Gans (1882), Else
Goldbach geb. Markus (1892), Renate Götz geb. Neugass (1890), Manfred Jordan
(1905), Hugo Kohn (1899 oder 1900), Auguste Löb (1871), Karoline (Lina) Manasse geb. Löwenthal (1867),
Therese Pappenheimer geb. Kahn (1895), Bernhard Rothschild (1885), Fanny
Rosenthal geb. Kahn (1853 in Steinbach), Julius
Schafheimer (1902), Ida Strauss geb. Baumann (1871), Rebecka Weil geb. Eismann
(1859 in Steinbach), Siegfried Wohlfarth (1904).
An die jüdische Gemeinde erinnert heute ein Gedenkstein in der
Grafen-von-Rieneck-Straße.
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Lehrer-, Vorbeter- und Schächterstelle 1869 / 1872
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juni 1869:
"Lehrer-Gesuch. Die israelitische Kultusgemeinde Lohr am Main sucht
einen Lehrer, der zugleich die Vorbeter- und Schächterstelle versehen
kann. Einkünfte circa 300 Gulden nebst freier Wohnung und Holz. Auch ist
auf bedeutende Nebenverdienste, besonders in fremden Sprachen, sicher zu
rechnen. Eintritt kann sogleich erfolgen. Gefällige Offerten sind zu
richten an
S.H. Selig, Vorstand." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. September 1872: "Die
israelitische Gemeinde zu Lohr am Main sucht einen Lehrer, Vorbeter und
Schächter mit einem jährlichen fixen Gehalte von 200 Gulden, schöner Wohnung
und zwei Klafter Holz. Nebenverdienste werden 50 Gulden gesichert. Auch trägt
die Schächterfunktion jährlich ca. 60 Gulden ein. Ferner ist einem tüchtigen
Lehrer hier Gelegenheit geboten, noch bedeutende Nebenverdienste zu
erwerben.
F. Hirsch, Vorstand." |
Zum Tod von Amalie Löwenthal, Witwe des Lehrers J. Löwenthal
(1928)
Anmerkung: es ist nicht gamz klar, wann Lehrer
Löwenthal in Lohr tätig gewesen ist. In Karbach
war es sicher vor 1865; so kommt für Lohr möglicherweise der Zeitraum zwischen
1865 und 1869 (s.o. Ausschreibung der Stelle 1869) in Frage.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. August 1928: "Frau
Amalie Löwenthal - sie ruhe in Frieden. Im hohen Alter von
fast 87 Jahren verschied plötzlich am ersten Tag der sieben Wochen des
Trostes (erster Tag ist der 10. Aw = 27. Juli 1928) Frau Amalie
Löwenthal, die Gattin des ihr um etwa zwei Jahrzehnte im Tode
vorausgegangenen, als besonders gottesfürchtiger Mann allbekannten
Lehrers und Schochets J. Löwenthal - seligen Andenkens.
Unermüdlich war sie darauf bedacht, ihr Haus zu einem kleinen Heiligtum
zu gestalten und die von ihr und ihrem Gatten gehegten Ideale zur
Entfaltung zu bringen, was ihr auch gelungen ist. In den Gemeinden Karbach,
Lohr und Sommerhausen in
Bayern hatte sie reichlich Gelegenheit, mustergültig und beispielgebend
zu wirken. Später zog sie mit ihrem Gatten hierher (= Frankfurt). Nach
dem Heimgang ihres Gatten und der Verheiratung ihrer Kinder zog sie sich
zurück, sich an dem Gedeihen ihrer Kinder und Enkel erfreuend. Möge
ihnen allen der Verdienst der frommen Frau beistehen. Ihre Seele
sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Zum Tod von Lehrer Lazarus Eisemann (1889; seit ca. 1849
Lehrer in Steinbach, später auch für Lohr
zuständig)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. März 1889: "Aus
Unterfranken. Ihr geschätztes Blatt, das seine Spalten jederzeit gern dem
wohlverdienten Nachruhme eines echten und wahren Jehudi öffnet,
wird wohl bereitwillig einem Manne ein Gedenkblatt widmen, der von einigen
Monaten unserem Nachbarort Steinbach durch den Tod entrissen und in ein
besseres Jenseits eingeführt wurde.
Ist in jedem Orte, selbst in größeren Städten und Kehillot das
Hinscheiden eines hervorragenden, im Dienste der Menschheit stehenden
Mannes ein merklicher Verluste, so hinterlässt eine solche Person in
kleineren Gemeinden und Orten eine oft unausfüllbare Leere.
Namentlich die Talmudgelehrten und Jugendlehrer, die neben der
profanen seminaristischen Bildung auch eine tiefergehende Kenntnis der
hebräischen Fachliteratur besitzen, werden auf dem Lande leider immer
seltener, Männer, deren Praxis und Gewandtheit in den verschiedenen rabbinischen
und der Halacha entsprechenden Entscheidungen wir jüngeren Kollegen
bewundern, vermisst man oft schmerzlicher als man glauben möchte. Mit dem
Hintritte solcher Amtsgenossen versiegt oft eine lebendige Quelle, aus der
wir gern und für unseren Beruf sehr Wertvolles geschöpft,
ver- |
stummt
oft der Mund, an den sich die Landbewohner in vielen rituellen Fragen
vertrauensvoll wenden konnten.
Einen solchen Religionslehrer hat vor einigen Monaten das schlichte
Frankendörfchen Steinbach am Main zu Grabe getragen. Im Alter von
83 Jahren musste ihr Jugendbildner Rabbi Elieser Bar Schlomo Sew,
Herr Lazarus Eisemann, das Zeitliche segnen und den irdischen Kreis seiner
Lieben verlassen. Mehr denn 40 Jahre fungierte er in genanntem Orte als
Lehrer, Vorbeter und Schochet, letzteres Amt auch in den
Nachbargemeinden Wiesenfeld und Lohr lange Zeit ausübend. Als der
Sohn frommer Eltern zu Orb geboren,
führte der Verblichene schon frühzeitig aufrichtiges und warmes
Interesse für unsere heilige Tora und studierte fleißig deren
Lehren, indem er in Hanau und Kissingen aufmerksam zu den Füßen
gelehrter Rabbinen gesessen und sich jederzeit deren Zufriedenheit zu
erfreuen hatte. 'Oft' erzählte er, 'saß ich in kalten Winternächsten
einsam in meinem kleinen, ungeheizten Dachkämmerlein, eifrig meinem
Studium obliegend, und gar manchmal erlosch mein Öllämpchen erst, wenn
des Tages Grauen im Osten bereits heraufdämmerte.' Nebenbei genoss er von
tüchtigen Professoren auch in profanen Wissenschaften Privatunterricht,
um so seinem Ziele, Lehrer zu werden, immer näher zu rücken. Es gelang
ihm, am königlichen Schullehrerseminar zu Würzburg eine Prüfung
abzulegen, nach deren Beendigung ihm das Reihezeugnis mit der Bemerkung:
'Sehr gut vorbereitet' zugestellt wurde.
Nach mehrmaligem Stellenwechsel wurde ihm Steinbach übertragen, woselbst
er auch dann noch verblieb, als die jüdische Gemeinde durch Wegzug vieler
Familien immer kleiner ward - er wollte das Rabbinat des unvergesslichen,
weltberühmten Rabbiners Jizchak Dow Halewi Bamberger - das Andenken an
den Gerechten ist zum Segen - (= Seligmann Bär Bamberger) nicht
verlassen, da er nicht nur dessen Achtung als einem treuen, pflichteifrigen
Untergegebenen gegenüber, sondern auch dessen wärmste Freundschaft im
hohem Grade besaß. Ebenso stand der Entschlafene bei seiner weltlichen Schulbehörde
in rühmenswertem Ansehen, das er sich durch gute Prüfungsresultate
alljährlich aufs Neue zu erstreben wusste. Er verstand es eben, durch
eigene Begeisterung auch die Kinder für Tugend und Religion zu entflammen
und ihnen mit leichter Mühe die verschiedenen Pensen des
Religionsunterrichtes erledigen zu helfen. Alle seine Schüler und
Schülerinnen, von denen doch die meisten schon erwachsen und verheiratet,
haben Gott sei Dank einen wahren, aufrichtigen religiösen Sinn und
gelten als treue Anhänger des unverfälschten Judentums.
Sein Amt als Schochet verwaltete er mit ängst- |
licher
Gewissenhaftigkeit; unter den schwierigsten Verhältnissen, in die ihn oft
gewissenlose Metzger und mancher abgesetzte Amtsbruder verleumderischer
Weise zwangen, ließ er sich nicht beirren, fest und ohne Wanken seinen
Posten zu behaupten, den falschen Anschuldigungen mit gerechten Waffen zu
begegnen, und stets hatte er am Schlusse des Kampfes die Genugtuung,
siegreich aus demselben hervorgegangen zu sein.
Auch dem Kantordienste war er voll und ganz gewachsen. Mit lieblicher
Stimme begabt, sang er ergreifende Melodien zum Lobe des Schöpfers und
wusste namentlich an den heiligen ehrfurchtgebietenden Tagen durch warmen
und ernsten, den Worten des Textes entsprechenden Vortrag seine Gemeinde
und Zuhörer zur Andacht zu stimmen.
Von gleich wohltätiger Wirkung waren die häufig gehaltenen religiösen
Predigten des Verstorbenen. Mochte er hierbei ein 'Schiur Sefer'
(Lehrvortrag aus einem Buch) oder einen selbst ausgearbeiteten Vortrag
halten, immer sprach er in begeisterndem Tone, immer mehrte man, wie seine
edlen Worte aus der Tiefe der Empfindung flossen und immer drangen sie zu
Herzen, dieses mit Mut und frischer Kraft belebend für die Erfüllung
unserer hohen Menschenaufgabe.
Nach Erledigung seiner Amtspflichten war die Beschäftigung mit Worten der
Tora seine liebste Unterhaltung. Bis kurz vor seinem Tode saß er
allnächtlich um 11, 12 noch an seinem Tische und studierte in den
verschiedenen Büchern der heiligen Schrift. Gar nie beteiligt er sich an
Gesprächen von nichtigen Dingen: wurde in seinem Zimmer noch so laut von
den Anwesenden über gleichgültige Dinge des Lebens debattiert, er blieb
ungestört über seinem Buch gebeugt und erquickte sich an den
lauteren Wahrheiten unserer heiligen Tora.
Allein trotz dieses Indifferentismus gegen die Außenwelt begegnete er
dennoch jedermann mit freundlicher Miene, stand allen mit Rat und Tat bei
und übte, wo er immer konnte, Wohltätigkeit gerne aus.
Es ist daher nicht zu verwundern, wenn der sanft Dahingeschiedene bei
allen Bekannten hoch geachtet und geehrt wurde. Sein Leichenbegängnis
bewies auch genugsam, welche liebevolle Anhänglichkeit und Zuneigung ihm
allenthalten zuteil ward, eine starke Beteiligung seitens der
Nachbargemeinden gab beredtes Zeugnis von dem herben Verluste, den die
trauernde Familie und Gemeinde erlitten. Von seinen 4 Kindern - sie
mögen leben -, die Gott sei Dank alle im Geiste unserer
erhabenen Religion erzogen und herangebildet wurden, konnten nur 2
telegraphisch zur Beerdigung berufen werden. Der eine Sohn,
gleichfalls |
Lehrer,
hob im Sterbehause unter fließenden Tränen den großen Schmerz hervor,
der die Brust der Hinterbliebenen durchbebte, beklagte mit Recht die nun
für immer verwaiste Stätte, an der seither so viel Tora gelehrt und
gelernt wurde, schilderte den wehmütigen Anblick, den fortan der
Synagogenbau mit seinen geschlossenen Türen und Fensterläden jedem
Vorübergegenden bieten wird, da kein Minjan (für den Gottesdienst
nötige Zahl von 10 Männern) mehr am Orte und die überlebende Witwe - sie
möge leben - Steinbach verlassen und bei ihrem Sohne zu Westheim*
(bei Hammelburg) ihr
Domizil bereits genommen.
Möge sie, die würdige, durch edle Geistes- und reine Herzensbildung
gleich hochstehende Gattin des Verklärten beruhigenden Trost finden und
sich in dem Gedanken stärken, dass sie bei liebevollen, dankbaren Kindern
weilt und ihr entschlafener Gatte nunmehr allen irdischen Mühseligkeiten
enthoben, wie ein Stern der Morgenröte lichtumflossen mit allen
den Frommen im Garten Eden vereint ist, des reichen Lohnes eine
tugendhaften, verdienstvollen Lebens unaufhörlich sich labend und
erfreuend. G." |
| |
| * gemeint Lehrer Lazarus Eisemann (1860
in Steinbach - 1930 in Würzburg) - weitere Angaben zu dessen
Familie siehe auf der Seite zu
Westheim. |
Zum Tod von Lehrer Jacob Weichselbaum (1929)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. November 1929: "Adelsberg,
10. November (1929). Lehrer Jacob Weichselbaum hat bei Eingang des Sabbat Paraschat
Bereschit (Schabbat mit der Toralesung Bereschit = 1. Mose 1,1
- 6,8, das war Schabbat, 2. November 1929) seine reine Seele ausgehaucht.
Von seinem Seminaraustritt bis zu seinem unerwarteten Tode, nahezu 46
Jahre, bekleidete er das Amt eines Religionslehrers dahier sowie in den
mitverbundenen Gemeinden Gemünden und Lohr am Main. Unersetzlich ist für
uns sein Verlust. Er war ein Mann von gediegenen weltlichen und
religiösen Kenntnissen. Ein aufrichtiger Charakter, bescheiden,
freundlich, wohltätig. Er genoss großes Ansehen in weiten Kreisen der
Bevölkerung. Der Verlust von zwei hoffnungsvollen Söhnen im Weltkrieg,
von denen der eine ebenfalls den Lehrerberuf erwählt hatte, hat ihn tief
erschüttert. Sein wahrhaftiges Gottvertrauen hielt ihn aufrecht. Seine
Beerdigung gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Trauerkundgebung, wie
sie unser Ort noch nie gesehen hat. Seiner Ehrwürden Herr Rabbiner Dr.
Bamberger in Bad Kissingen schilderte tief bewegte den edlen Charakter des
Entschlafenen, seine tiefe Religiosität, sein verdienstvolles Wirken in Schulen,
Synagoge, Haus und Gemeinde und erteilte ihm zu, Schluss für seine
reichen Torakenntnisse den Chawer-Titel. Unter Hinweis auf die
Worte der Haftora (Prophetenabschnitt der Woche = 1. Samuel 20,18-42): 'Und
er sprach zu ihm: Morgen ist Neumond und man wird dich vermissen, weil
dein Sitz leer bleiben wird' (1. Samuel 20,18) rief Oberlehrer
Freudenberger von Thüngen dem lieben Jugendfreund und teuren Amtsbruder
warme Worte des Gedenkens nach und dankte im Namen des Jüdischen Lehrehrvereins
in Bayern für die unablässige Förderung der idealen Bestrebungen dieser
Vereinigung. Tief empfundene Worte des Dankes widmeten dem Entschlafenen
Kultusvorstand Birk für die Gemeinde Gemünden und Lehrer Strauß - Lohr
für die treueste Pflichterfüllung und für die reichen Erfolge seiner
Erzieher- und Lehrtätigkeit. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des
Lebens. F." |
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Mitteilung über Vorstandsneuwahl (1910)
Meldung
im Frankfurter Israelitischen Familienblatt vom 29. Januar 1910:
"Lohr am Main. Für den zurückgetretenen Leon Strauß ist Bernhard
Hirsch zum Kultusvorstand gewählt worden." |
Berichte zu einzelnen
Personen aus der Gemeinde
Zum Tod von Frummet Gutkind
(1884)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. April 1884:
"Nekrolog. Steinbach bei Lohr am Main, den 16. März (1884).
Wiederum hat der unerbittliche Todesengel eine edle Seele ihrer irdischen
Hülle entführt. Am 10. Adar verschied dahier Frau Frummet Gutkind in
ihrem 90. Lebensjahre. Sie war zu Niederstetten
geboren, zu Affaltrach verheiratet
und wohnte sei den letztern Jahren hier, um den Abend ihres Lebens im
Hause ihrer Tochter zuzubringen. Mit der Verblichenen sank ein echtes
jüdisches Weib in Grab, dessen erhabenen Tugenden und edlen Eigenschaften
es verdienen, in weiteren Kreisen bekannt gemacht zu werden. Schon in
frühester Jugend wurde sie für die Wahrhaftigkeit und Heiligkeit unserer
Religion empfänglich gemacht. Sowohl im Hause ihrer Großeltern, als im
Hause ihrer Eltern war der reine ungeschminkte Torageist heimisch. Solange
die Kinder unmündig, waren ständige Hauslehrer engagiert, welche der
ganzen Familie den lautern Born unserer heiligen Religion erschlossen und
sie mit dem Wesen und der Bedeutung der göttlichen Gebote bekannt und
vertraut machten. Das patriarchalische Leben unserer Stammeltern, hatte
sich treulich in ihrem Hause abgespiegelt. Die Eltern waren überall das
leuchtende Vorbild, und die Kinder hatten keinen anderen Wunsch, als den
gelebten Eltern nachzuleben. Eine solche Erziehung kann und muss für die
Beteiligten gute Früchte reifen, und ich darf gestehen, die Aussaat war
bei der nunmehr Verklärten auf keinen unfruchtbaren Boden gefallen. Der
reiche Schatz an Gotteserkenntnis und Gottesfurcht, den sie in ihrem
Elternhause aufgenommen, er hat sich während ihres Lebens zur herrlichen
Blüte entfaltet. Zu jeder Zeit, in jeder Lage hatte sie Gott vor Augen.
Sie mag im Glücke sich gesonnt haben, oder von harten Schicksalsschlägen
- und solche blieben ihr nicht erspart - getroffen worden sein, immer und
überall erkannte sie den Vater aller Geschicke, die weise Leitung der
himmlischen Vorsehung. Jede Regung der Freunde, jede Zuckung des Schmerzes
war Gott geweiht, den sie so sehr geliebt und dessen heilige Gebote mit
der größten Gewissenhaftigkeit und genauester Pünktlichkeit zu
erfüllen bestrebt war. Tagtäglich verweilte sie stundenlang in der
Synagoge, um daselbst ungestört ihr aufrichtiges Gebet zum Allvater empor
zu senden. Sie versäumt es nicht, regelmäßig Psalmen zu sagen,
in ihrem ... und anderen jüdisch-deutschen Büchern zu lesen, und diese
Beschäftigung zog sie der besten Unterhaltung vor. Auf den Ewigen setz
deine Hoffnung, Er wird dich versorgen, war ihr Wahlspruch. Stets -
erzählte sie häufig - habe ich mein Schicksal Gott anheimgegeben, und
immer - setzte sie unter Tränen hinzu - hat er mich erhört und mir geholfen.
- Aber diese tiefernste Gottesfurcht war es nicht allein, von der sie
erfüllt war, auch die ungeheuchelte, edle Menschenliebe sag ihr warm im
Herzen. Freundlich und gefällig gegen Jeden, war sie besonders den Armen
sehr zugetan. Gleich dem Hause unseres Erzvaters Abraham war das ihrige
der Armut geöffnet. Hier hielten alle an, hier rasteten sie, hier legten
sie ihr Gepäck nieder und hier erfreuten sie sich der besten Aufnahme und
Bewirtung. Keiner verließ hungrig ihre Schwelle, und nicht nur leibliche
Nahrung spendete sie, sondern auch Worte der Hoffnung und des Trostes gab
sie dem Wanderer mit auf den Weg, sodass alle leichten Herzens das Haus
verließen.
Bekunden schon diese Tugenden den hohen Adel ihrer Gesinnung, so kamen ihr
noch tiefe Demut und Bescheidenheit zustatten, um sich bei Verwandten und
Bekannten, Israeliten wie Nichtisraeliten, beliebt zu machen. Kinder wie Erwachsenen
unterhielten sich gern mit ihr, sie wusste Jeden durch ihr feines Benehmen
anzuziehen und zu gewinnen. Kein Wunder also, wenn der Tod der Dahingeschiedenen
allgemeine Trauer veranlasst hat. Jeder, zu dem die Kunde von ihrem
plötzlichen Ableben drang, eilte herbei, um ihr die letzte Ehre zu
erweisen. Ihr einziger Wunsch, Gott möge ihr kein langes Krankenlager
bescheiden, ging in Erfüllung. Ohne vorherige Krankheit fühlte sie
abends ihr Ende herannahen, segnete ihre Töchter, reichte ihr die Hand,
wie zum Abschiede, sagte alle Sterbegebete selbst mit und schlummerte dann
sanft und ruhig hinüber ins bessere Jenseits. Dort wird sie nun den
reichlichen Lohn ihres tugendhaften Lebens genießen. Möge der Allgütige
uns und Allen, die um die Hingeschiedene trauern, himmlischen Trost
senden. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Über
die Betreuung der jüdischen Patienten in der Heil- und Pflegeanstalt in
Lohr
vgl. die bei Aschaffenburg
eingestellten Texte
Bemühungen des "Fürsorgevereines für israelitische Nerven- und
Geisteskranke" in Aschaffenburg 1921
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. September 1921: "AUFRUF
zur Errichtung eines Heims für israelitische Nerven- und Geisteskranke.
Ein großer Prozentsatz der Nerven- und Geisteskranken gehört der
jüdischen Glaubensgemeinschaft an. An dieser Tatsache darf unsere
humanitäre und religiöse Fürsorge nicht achtlos vorübergehen. Eine
unabweisbare Pflicht der jüdischen Gemeinschaft ist es, ihren Nerven- und
Geisteskranken eine Existenzmöglichkeit zu verschaffen, die ihren
Ansprüchen als Kranken wie als Juden in gleicher Weise gerecht
wird.
Nachdem wir seit Jahren uns die rituelle Verpflegung der israelitischen
Kranken der Heil- und Pflegeanstalt Lohr am Main, die jüdische Patienten
aus ganz Deutschland aufnimmt, haben angelegen sein lassen, ist uns nun
durch Beschluss der bayerischen Staatsbehörde vom 23. August dieses
Jahres auf dem Terrain der genannten Heilanstalt ein größerer Platz zur
Verfügung gestellt worden, um darauf ein Heim für jüdische Nervenkranke
mit allem Zubehör wie Küche, Wohnhaus, Krankenpavillon etc. zu
errichten.
Wir sind nun Danke dem Entgegenkommen der bayerischen Regierung in der
Lage einen Plan zur Ausführung zu bringen, der schon lange ein ernstes
Anliegen aller ist, die Verständnis und Gefühl besitzen für die
bedauernswerte Lage von Kranken, deren Schicksal wie kaum ein anderes
Mitleid herausfordert und Mitleid verdient und deren Los doppelt tragisch
ist, wenn sie sich in ihrer Vereinsamung auch vom Judentum abgeschnitten
fühlen.
An alle, die uns bei der Verwirklichung unseres Planes helfen können,
wenden wir uns mit der Bitte, dass sie uns helfen sollen.
Gebt uns die Mittel in die Hand, den Bau unseres Heims so ausführen zu
können, wie es den Bedürfnissen unserer armen Kranken entspricht! Lasst
Euch nicht zu der irrigen Meinung verleiten, dass jüdische Nervenleidende
mit der Gesundheit ihres Geistes auch das religiöse Bewusstsein
eingebüßt haben. Wer jemals Gelegenheit hatte, zu beobachten, wie
erstaunlich rege und hell in lichten Momenten das jüdische Bewusstsein
auch in kranken Gemütern ist, wie in diesen armen, bedauernswerten Seelen
das religiöse Gewissen nicht erloschen ist, vielmehr bei jeder
Gelegenheit hervorbricht, sobald sich die Patienten nur etwas freier und
wohler fühlen, - wer jemals unter dem erschütternden Eindruck dieser
Tatsache stand, wird uns seine tatkräftige Hilfe nicht versagen.
Groß sind die finanziellen Mittel, deren wir bedürfen, um nur den
Grundstein unseres Werkes legen zu können, Sie zählen in unserer Zeit
der Geldentwertung nach, vielen Tausenden.
Gebt sie uns, damit wir unsere Aufgabe erfüllen können! Zahlungen werden
unter Nr. 3527 an das Postscheckamt Nürnberg erbeten.
Fürsorgeverein für israelitische Nerven- und Geisteskranke: Dr.
Brauer, Distriktsrabbiner, Aschaffenburg und Dr. Stein,, Distriktsrabbiner
Schweinfurt. |
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Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Oktober 1921:
"Aschaffenburg, 28. September (1921). Der rühmlichst bekannte
Fürsorge-Verein für israelitische Nerven- und Geisteskranke in
Aschaffenburg, der sich seit Jahren der rituellen Verpflegung der
jüdischen Kranken in der Heil- und Pflegeanstalt Lohr am Main annimmt,
wird, dank dem Entgegenkommen der bayerischen Regierung, nunmehr bald in
der Lage sein, auf dem Terrain der genannten Heilanstalt ein eigenes Heim
für jüdische Nervenkranke mit allem Zubehör zu erreichten. Wer die
furchtbare seelische Not kennt, die in unzähligen Fällen durch die
Unmöglichkeit der Unterbringung jüdischer Geistes- und Nervenkranker in
ein wahrhaft jüdisches religiöses Milieu hervorgerufen wird, muss die
Bemühungen des Aschaffenburger Vereines aufs dankbarste begrüßen. Bei
dieser Dankbarkeit darf es aber nicht bleiben. Es handelt sich vielmehr
jetzt vor allem darum, die finanziellen Mittel aufzubringen, die zur
Errichtung und inneren Einrichtung des Baues selbst notwendig sind,
nachdem die bayerische Staatsregierung den Grund und Boden unentgeltlich
zur Verfügung gestellt hat. Trotz den großen Kisten, die ein solcher Bau
unter den heutigen Verhältnissen verursacht, kann nicht daran gezweifelt
werden, dass die Mittel in jüdischen Kreisen vorhanden sind, um das
Unternehmen durchzuführen. Möchte nur die rechte Opferfreudigkeit sich
in diesem Falle rasch und wirksam betätigen. Ausdrücklich sei darauf
hingewiesen, dass die Pflegeanstalt jüdische Patienten aus ganz
Deutschland und nicht etwa nur aus Bayern aufnimmt. Wir verweisen auf den
im Inseratenteil der vorigen Nummer enthaltenen Aufruf. Briefliche
Mitteilungen nehmen die Herren Distriktsrabbiner Dr. Breuer, Aschaffenburg
und Dr. Stein, Schweinfurt, entgegen. Zahlungen sind unter Nr. 3527 an das
Postscheckamt Nürnberg erbeten." |
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| Bericht über eine in Lohr abgehaltene Generalversammlung
des Fürsorgevereins für israelitische Nerven- und Gemütskranke (1932)
siehe unter den Texten zur jüdischen
Geschichte in Aschaffenburg. |
Spendenaufruf für den Fürsorge-Verein (1922)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. März 1922: "Aufruf!
Unsere Arbeit steht im Dienste der jüdischen Insassen der staatlichen
Heil- und Pflegeanstalt in Lohr am Main. Jüdische Nerven- und
Geisteskranke aus allen Teilen des Reiches können dort untergebracht
werden und wurden schon in großer Zahl dort untergebracht. Sie werden
durch unseren Verein rituell verpflegt. Ihnen auf dem Gelände der Anstalt
ein eigenes Heim zu schaffen, ist unseres Strebens Ziel.
Nur dann, wenn es gelingt, in weiten Kreisen Verständnis und Mitgefühl
die die jammervolle Lage jener zahlreichen Kranken wachzurufen, denen es
nicht möglich ist, in einem kostspieligen Privat-Sanatorium unterzukommen,
werden wir unser Ziel erreichen.
An Alle, die sich in das Unglück einer jüdischen Familie
hineinversetzen können, die nicht in der Lage ist, einem nervenkranken
Angehörigen entsprechende Unterkunft zu verschaffen, wenden wir uns mit
der Bitte:
Unterstützt unser Fürsorgewerk mit reichen Spenden! Sendet uns namhafte
Beträge, die der heutigen Geldentwertung angepasst sind! Fördert ein
Werk, in welchem sich die Interessen religiöser Fürsorge mit den
edelsten Aufgaben der Nächstenliebe begegnen!
Fürsorge-Verein für israelitische Nerven- und Geisteskranke
e.V.
Dr. Breuer, Distrikts-Rabbiner, Aschaffenburg. Dr. Stein,
Distrikts-Rabbiner, Schweinfurt.
Zahlungen werden unter Nr. 3527 an das Postscheckamt Nürnberg
erbeten." |
Der Fürsorgeverein sucht einen Geschäfts- und Betriebs-Leiter
(1923)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. November 1923:
"Auf dem Gelände der staatlichen Heil- und Pflegeanstalt in Lohr am
Main haben wir zur rituellen Verpflegung der jüdischen Kranken einen
Küchenbau mit schöner Wohnung und großem Garten errichtet. Wir suchen
einen tüchtigen, zuverlässigen, verheirateten Geschäfts- und
Betriebsleiter, der für unseren Verein auch propagandistisch tätig
ist und dessen Frau die Küche übernimmt. Streng religiöse Bewerber
wollen ihre Gesuche mit Referenzen baldigst dem Unterzeichneten einsenden.
Fürsorgeverein für israelitische Nerven- und Geisteskranke e.V.
Dr. Breuer, Distrikts-Rabbiner in Aschaffenburg." |
> Über den
"jüdischen Kaplan" Bruno Paul Rothschild und seinen Vater Hermann
Rothschild siehe Bericht auf Seite zum jüdischen Friedhof in Laudenbach
Zum 70. Geburtstag des Lehrers Simon Strauß, der
seinen Lebensabend als Seelsorger in der Heil- und Pflegeanstalt in Lohr verbrachte
(1937)
(zuvor langjähriger Lehrer in Burghaun)
Bericht in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4.
Februar 1937: "Lohr, 2. Februar 1937: "In diesen Tagen begeht
Herr Lehrer i.R. Simon Strauß den siebzigsten Geburtstag. In
Jahrzehntelanger, hingebungsvoller Erzieherarbeit hat Herr Strauß sich
nicht nur einen großen Kreis dankbarer Schüler geschaffen, er hat auch
bei den Mitgliedern der Gemeinden, in denen er wirkte, sich große
Verehrung und Wertschätzung erworben. Seine Pflichttreue, verbunden mit
einer auf gutem jüdischem Wissen aufgebauten toratreuen Überzeugung,
haben sein Ansehen bei all den Menschen gesteigert, mit denen er in
Berührung kam. Mehrere Jahrzehnte wirkte er in der kleinen jüdischen
Gemeinde Burghaun. Es verdient gerade in heutiger Zeit hervorgehoben zu
werden, dass die jüdischen Lehrer in diesen kleinen Gemeinden in
besonderem Maße Träger der Überlieferung sind. Dieser Aufgabe hat Herr
Lehrer Strauß in reichem Maße gedient: Die Liebe, die er ausstreute,
strahlt auf ihn zurück in der Liebe seiner Kinder und Kinderkinder zu
ihm. Im Verein mit seiner gleichgesinnten Gattin spendet Herr Strauß
heute noch den armen unglücklichen Menschen, die in der Heil- und
Pflegeanstalt zu Lohr untergebracht sind, reichen Segen. Möge es ihm
vergönnt sein, noch lange Jahre an der Seite seiner Gattin und im Kreise
seiner Kinder, die ausnahmslos auf toratreuem Standpunkte stehen, in
Glück und Gesundheit zu verbringen. 'Bis 120 Jahre (alles Gute)!'" |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeigen des Manufaktur- und Konfektionsgeschäftes E.
Rothschild (1899 / 1900 / 1901)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. November 1899:
"Für mein Manufaktur- und Konfektionsgeschäft suche ich per sofort
einen jungen Commis, mit schöner Handschrift, als Verkäufer und
Comptoirist. Nur branchekundige Bewerber wollen sich melden. E.
Rothschild, Lohr am Main." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Juli 1900:
"Für mein Manufaktur- und Konfektionsgeschäft suche ich per sofort
einen jüngeren Commis mit schöner Handschrift als Buchhalter und
Verkäufer.
E. Rothschild, Lohr am Main." |
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Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. November 1900:
"Für mein Manufaktur- und Konfektions-Geschäft suche ich einen jüngeren
Commis als Buchhalter und Verkäufer zum sofortigen Eintritt. Offerten
bitte Photographie und Gehaltsansprüche beizufügen. Kost und Wohnung im
Hause.
E. Rothschild, Lohr am Main." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. März 1901:
"Für mein Manufaktur- und Konfektionsgeschäft suche ich per 15. Mai
einen Lehrling mit guten Schulkenntnissen.
Kost und Logis im Hause.
E. Rothschild, Lohr am Main." |
Anzeige der Pension v.d. Walde (1921)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juni 1921: "Pension
v.d. Walde.
Lohr am Main.
Gute und reichliche Verpflegung". |
Hochzeitsanzeige von Sidie Strauss und Moritz
Katzenstein (1931)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Oktober 1931: "Gott
sei gepriesen. Sidie Strauss - Moritz Katzenstein. Lohr am Main -
Berlin geben ihre - so Gott will - Montag am 2. Cheschwan /
12. Oktober in Fulda stattfindende Vermählung bekannt. Trauung 1 Uhr
Bürgerverein." |
Zur Geschichte der Synagoge
Zu möglicherweise vorhandenen Einrichtungen der älteren
jüdischen Gemeinden (falls in ausreichender Zahl jüdische Familien in der
Stadt wohnten) im Mittelalter und im 16. Jahrhundert liegen keine Informationen
vor.
Im 19. Jahrhundert konnte die 1867 neu gegründete jüdische Gemeinde ein
Haus in der Fischergasse kaufen, das sich für die Einrichtung eines jüdischen
Gemeindezentrums mit Betsaal (Synagoge), Schulzimmer, Lehrerwohnung und
rituellem Bad eignete. Am 18. November 1871 wurde die Synagoge mit dem
Gemeindezentrum feierlich durch Distriktsrabbiner Adler aus Aschaffenburg
eingeweiht. Darüber liegt folgender Bericht vor:
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Dezember 1871: "Aus Unterfranken. Noch sind wenige Jahre verflossen,
seitdem sich in Lohr a.M. eine jüdische Gemeinde gebildet hat. Wiewohl dieselbe
noch zu den kleinen Gemeinden unseres Kreises zu zählen ist, so ist es ihr Gott
sei Dank doch schon gelungen, für eine Synagoge, ein Schullokal, eine
Lehrerwohnung und ein rituelles Bad bestens zu sorgen. Und das Alles ist nur
durch guten Willen, reine Absicht und frommen, einheitlichen Sinn erzielt
worden.
Vor einigen Monaten ist nämlich von dieser jungen Gemeinde ein sehr geräumiges
Haus zu erwähnten Zwecken angekauft worden.
Am Schabbat mit der Toralesung Toledot (18. November 1871) ward nun die Synagoge
in sehr würdiger Feier ihrer heiligen Bestimmung übergeben; ihre Einweihung
fand in Gegenwart der Herren des Magistrats und des Bürgermeisters statt. Herr
Distriktsrabbiner Adler aus Aschaffenburg - sein Licht leuchte - verlieh
dieser heiligen Feier durch die Anordnung eines sehr gelungenen Festprogramms,
ganz besonders aber durch seine feurige erbauliche Festrede, die sich des
allgemeinen Beifalls zu erfreuen hatte, den rechten Glanz. Mögen aber auch
seine gediegenen Worte von der israelitischen Gemeinde zu Lohr beherzigt und
sein wohlmeinender Rat, recht bald einen tüchtigen Religionslehrer anzustellen,
befolgt werden; denn dann erst hat sie ein wahres Gotteshaus für sich und ihre
Kinder gegründet, dann wird sie fernerhin nicht sein 'wie eine Herde, die
keinen Hirten hat'.
Die Leitung des feierlichen Gottesdienstes wurde von Seilten des Herrn
Distrikt-Rabbiner Adler und der Gemeinde, Herrn Lehrer Eschwege aus Karbach, der
mit Herrn Adler von da, der Chinuch-Feier wegen, anwesend war,
anvertraut, und erntete derselbe durch seine meisterhaften Gesangsvorträge und Rezitative
allgemeines, wohlverdientes Lob." |
Über 60 Jahre war die Synagoge und das Haus
Fischergasse 34 Zentrum des jüdischen Gemeindelebens in Lohr.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung des Betsaales
vernichtet, gleichfalls die Ritualien. Am Pogrom waren vor allem uniformierte
SA-Leute beteiligt, die am frühen Morgen des 10. November in die Synagoge
einbrachen, die Fenster zertrümmerten, Einrichtungsgegenstände und Ritualien
zerschlugen sowie fünf Torarollen in Stücke rissen. Ein Teil der Ritualien
konnte später noch gerettet werden und wurde später dem Verband der
Bayerischen Israelitischen Gemeinden in München übergeben.
Nach 1945. Das Gebäude, in dem sich der Betsaal und die anderen
Einrichtungen der jüdischen Gemeinde befanden, blieb erhalten und wurde zu
einem Wohnhaus umgebaut.
Adresse/Standort der Synagoge: Fischergasse 34.
Fotos
(Fotos: Hahn, Aufnahmen vom September 2006)
| "Judenhof"
in Lohr - Steinbach |
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"Judenhof" in
Steinbach, in dem sich auch eine Synagoge und jüdische Schule befanden |
Auf einigen
Grabsteinen des jüdischen
Friedhofes in Laudenbach erinnert der Ortsname "Steinbach"
an die jüdische Geschichte des heutigen Stadtteiles von Lohr |
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| Ehemaliges jüdisches
Gemeindezentrum in Lohr |
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| Das Gebäude des ehemaligen
jüdischen Gemeindezentrums in der Fischergasse |
Gedenkstein an der
Grafen-von-Rieneck-Straße: "Die Stadt Lohr am Main gedenkt ihrer
Ehemaligen jüdischen Mitbürger und aller Opfer des
Nationalsozialismus" |
Erinnerungsarbeit vor Ort -
einzelne Berichte
Links und Literatur
Links:
 | Website der Stadt Lohr am Main |
 | Hinweis: zur Stadt Lohr gehört auch die Wallfahrtsstätte
Mariabuchen, über Jahrhunderte ständige Quelle antijüdischer
Vorurteile für ganz Unterfranken. Zum "Judenfrevelmotiv"
am Wallfahrtsort und wie heute damit umgegangen werden kann, sind sich
Überlegungen auf der Website www.mariabuchen.de
(Überlegungen von Fred G. Rausch unter >Geschichte >Geschichtliche
Hintergründe / Volkskundliche Darstellung >Das Judenfrevelmotiv am
Wallfahrtsort; vgl. gedruckte Fassung unter der Literatur). |
Literatur:
 | Germania Judaica II,1 S. 492-493; III,1 S. 758. |
 | Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die
jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979
S. 348-350. |
 | Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in
Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische
Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 85. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany -
Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 506-507. |
 | Fred Rausch: Frevelsagen in Franken und ihre
Entstehung. In: Maria Buchen. Eine fränkische Wallfahrt. Hrsg. von Wolfgang
Brückner unter Mitarbeit von Christoph Daxelmüller, Alois Düring, Hans
Dünninger, Fred Rausch, Hans-Theo Ruf, Erich Wimmer. Würzburg 1979. S.
59-76. |
 | Leonhard Scherg: Jüdisches
Leben im Main-Spessart-Kreis. Reihe: Orte, Schauplätze, Spuren. Verlag
Medien und Dialog. Haigerloch 2000 (mit weiterer Literatur). S. 31-33. |
 | Wolfgang Weismantel: Übergriffe folgen durchdachtem
Plan. Vor 70 Jahren: Terror gegenüber jüdischen Bürgern in Lohr und
Wiesenfeld - Synagoge und Ritualbad zerstört. In. Sonderseite zur
Reichspogromnacht in Lohr am Main. In: Lohrer Echo (Kopf-Blatt des
Main-Echo, Aschaffenburg) am 8./9. November 2008. |
 | ebd. findet sich ein weiteren Artikel unter der Überschrift
"Das sind alles sehr traurige Erinnerungen" - Zeitzeugin: Das Schicksal der jüdischen Familie(n Feist und Bernhard)
Hirsch".
Bei dem Text handelt es sich um die (gekürzten) Erinnerungen der Frau Lea Heinemann, geborene Hirsch (aus Lohr), deren Großvater Feist und in dessen Erbfolge ihr Vater
Bernhard Hirsch ein Textilgeschäft in Lohr in der Lohrtorstraße 276 hatte. Frau Heinemann hat ihre Erinnerungen in einem Brief vom 15. Juni 1987 niedergelegt, der heute im Archiv des Lohrer Schulmuseums liegt.
(Hinweis Fred G. Rausch vom 12.11.2008).
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 | Dirk Rosenstock: Die unterfränkischen
Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche
Quelle. Reihe: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Band 13.
Würzburg 2008. S. 172-173 (zu Steinbach).
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Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Lohr am Main Lower
Franconia. Jews were victims of the Rindfleisch massacres of 1298. Few Jews
lived there from the mid-16th century until Bavarian Jews attained equal rights
in 1861. The modern community, which was founded by Jews from Steinbach,
was well integrated into the city's social and cultural life. There was
organized Jewish education for the children. The Jewish population was 91 in
1900 and 70 in 1933 (total 6.133). From the outset of Nazi rule in 1933 the Jews
suffered from anti-Jewish agitation and the economic boycott, with anti-Jewish
rioting after the Anschluss (13 March 1938). The synagogue and Jewish
homes were vandalized on Kristallnacht (9-10 November 1938). Fiftly Jews
subsequently left for other German cities and 19 emigrated.

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