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Gemünden am Main (Main-Spessart-Kreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Gemünden lebten jüdische Familien bereits im Mittelalter.
Es ist nicht bekannt, ob es zur Bildung einer Gemeinde gekommen ist. Die Stadt
wird als Ort einer Judenverfolgung im Zusammenhang mit der sogenannten
"Rindfleischverfolgung" 1298 genannt. Wenig später waren wieder Juden
in der Stadt, da nach einem Bericht von 1309 das Kloster Medingen bereits
"lange" bei Juden in Gemünden verschuldet war. 1313 wird Josue von
Gemünden in Nürnberg genannt, 1327 werden dort auch Laudem und Abraham von
Gemünden erwähnt. Weitere Nennungen von Juden gibt es nicht im Mittelalter.
Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde geht in die zweite
Hälfte des 17. Jahrhunderts zurück. Damals konnten sich zwei jüdische
Familien niederlassen (1655). Es blieb bei der kleinen Zahl von höchstens vier
jüdischen Familien mit zusammen 15 bis 20 Personen bis zur Mitte des 19.
Jahrhunderts (1789 14, 1816 15, 1837 20 jüdische Einwohner).
Bei der Erstellung
der Matrikelliste 1817 wurden für Gemünden drei Matrikelplätze
festgelegt. Inhaber waren damals (mit bereits neuem Familiennamen, Erwerbszweig
und Familienverhältnissen): Samson Samuel Straus (Eisen- und
Ellenwarenhandlung, 34 Jahre, mit Frau, ohne Kinder), Samuel Moses Maas
(Ellenwarenhandlung, 37 Jahre, mit Frau und drei Kindern), Jacob Löb Schloss
(Ellenwarenhandlung und kleine Spezereikrämerei, 40 Jahre, mit Frau und einem
Kind).
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zogen - nach Aufhebung des
"Matrikelparagraphen" 1861 - einige Familien aus der Umgebung zu, sodass die Zahl der jüdischen Einwohner bis um
1900 zugenommen hat: 1867: 23 jüdische Einwohner (1,3 % von insgesamt 1.836
Einwohnern); 1880: 38; 1890: 90; 1900 100 jüdische
Gemeindeglieder (4,6 % von insgesamt 2.187 Einwohnern). Die Gemeinde war orthodox geprägt und gehörte zum
Rabbinatsbezirk Bad Kissingen. Die Toten
der jüdischen Gemeinde wurden in Altengronau,
Laudenbach
und Pfaffenhausen beigesetzt.
Um 1925, als 74 Personen zur jüdischen Gemeinde
gehörten (2,6 % von insgesamt etwa 2.500 Einwohnern), bildeten den
Gemeindevorstand die Herren H. Grünebaum, S. Birk und L. Strauß. Den
Religionsunterricht der damals drei schulpflichtigen jüdischen Kindern erteilte
Lehrer Jacob Weichselbaum aus Adelsberg. 1932 waren 1. Gemeindevorsteher Felix
Baumann, Schatzmeister war Leo Schild. Als Lehrer war inzwischen Harry Weinberg
tätig (vgl. unten Verlobungs- und Hochzeitsanzeigen von 1934 und 1935). Er unterrichtete in Gemünden acht jüdische Kinder in Religion, dazu
die Kinder in den umliegenden Gemeinden Adelsberg,
Lohr und
Thüngen. An jüdischen
Vereinen bestand ein Israelitischer Frauenverein (Ziel:
Wohltätigkeit).
1933 lebten noch 67 jüdische Personen in der Stadt.
Bis Anfang 1936 verließen nur wenige von ihnen die Stadt. Im Jahr 1936
(nach Erlass der Nürnberger Gesetze im Jahr zuvor) waren es allerdings 20
Personen, einschließlich des Lehrers Harry Weinberg, die von Gemünden verzogen
(Harry Weinberg zunächst noch nach Thüngen,
s.u.), teilweise auswanderten (sechs in die Vereinigten Staaten). 1937/38
emigrierten acht weitere jüdische Einwohner in die USA, andere verzogen nach
Frankfurt am Main.
Links das alte (kriegszerstörte) Rathaus in Gemünden mit
Hakenkreuzfahne und Plakat "Deutsche, kauft nichts bei Juden".
(Foto zur Verfügung gestellt durch Bruno Schneider, Kreisheimatpflege
Landkreis Main-Spessart, Gemünden) |
Beim Novemberpogrom 1938 wurde von der örtlichen SA
die Synagoge verwüstet (s.u.) sowie jüdische Wohnungen aufgebrochen,
Inneneinrichtungen zerstört und Wertsachen wie Geld geraubt. In der Folgezeit
verließen alle noch in Gemünden lebenden jüdischen Personen die Stadt, sodass
von dort aus niemand direkt deportiert wurde.
Von den in Gemünden geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Erna Blum geb. Schild (1886),
Heinemann Grünbaum (1865), Heinrich Grünbaum (1894), Rosa Gutmann geb. Schild
(1885), Arthur Kahn (1911), Regina Löb geb. Grünbaum (1894), Laura Sichel geb. Mainzer (1879), Nathan Sichel
(1873), Fanni Weinberg geb. Kahn (1913) und vermutlich noch weitere Personen (in
den angegebenen schwer recherchierbar, da es in mehreren deutschen Orten mit
Namen Gemünden bis in die 1930er-Jahre jüdische Gemeinden gab).
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibung der Stelle des Lehrers, Vorbeters und
Schochet (1930)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Februar 1930:
"Durch Ableben unseres bisherigen Lehrers ist die Lehrerstelle
Gemünden - Adelsberg sofort neu
zu besetzen. Gehalt erfolgt nach staatlicher Eingruppierung.
Seminaristisch gebildete, unverheiratete religiöse Lehrer mit Kabolaus
von orthodoxen Rabbinern wollen baldigst Bewerbungen mit Abschrift ihrer
Zeugnisse senden an den Vorstand der Israelitischen Gemeinde Gemünden am
Main, S. Birk." |
Zum Tod von Lehrer Jacob Weichselbaum - Adelsberg (1929)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. November 1929: "Adelsberg,
10. November (1929). Lehrer Jacob Weichselbaum hat bei Eingang des Sabbat Paraschat
Bereschit (Schabbat mit der Toralesung Bereschit = 1. Mose 1,1
- 6,8, das war Schabbat, 2. November 1929) seine reine Seele ausgehaucht.
Von seinem Seminaraustritt bis zu seinem unerwarteten Tode, nahezu 46
Jahre, bekleidete er das Amt eines Religionslehrers dahier sowie in den
mitverbundenen Gemeinden Gemünden und Lohr am
Main. Unersetzlich
ist für uns sein Verlust. Er war ein Mann von gediegenen weltlichen und
religiösen Kenntnissen. Ein aufrichtiger Charakter, bescheiden,
freundlich, wohltätig. Er genoss großes Ansehen in weiten Kreisen der
Bevölkerung. Der Verlust von zwei hoffnungsvollen Söhnen im Weltkrieg,
von denen der eine ebenfalls den Lehrerberuf erwählt hatte, hat ihn tief
erschüttert. Sein wahrhaftiges Gottvertrauen hielt ihn aufrecht. Seine
Beerdigung gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Trauerkundgebung, wie
sie unser Ort noch nie gesehen hat. Seiner Ehrwürden Herr Rabbiner Dr.
Bamberger in Bad Kissingen schilderte tief bewegte den edlen Charakter des
Entschlafenen, seine tiefe Religiosität, sein verdienstvolles Wirken in Schulen,
Synagoge, Haus und Gemeinde und erteilte ihm zu, Schluss für seine
reichen Torakenntnisse den Chawer-Titel. Unter Hinweis auf die
Worte der Haftora (Prophetenabschnitt der Woche = 1. Samuel 20,18-42): 'Und
er sprach zu ihm: Morgen ist Neumond und man wird dich vermissen, weil
dein Sitz leer bleiben wird' (1. Samuel 20,18) rief Oberlehrer
Freudenberger von Thüngen dem lieben Jugendfreund und teuren Amtsbruder
warme Worte des Gedenkens nach und dankte im Namen des Jüdischen
Lehrervereins
in Bayern für die unablässige Förderung der idealen Bestrebungen dieser
Vereinigung. Tief empfundene Worte des Dankes widmeten dem Entschlafenen
Kultusvorstand Birk für die Gemeinde Gemünden und Lehrer Strauß
- Lohr für die treueste Pflichterfüllung und für die reichen Erfolge
seiner Erzieher- und Lehrtätigkeit. Seine Seele sei eingebunden in den
Bund des Lebens. F." |
Lehrer Harry Weinberg wird nach seiner Zeit in Gemünden Lehrer in Thüngen
(1936)
Anmerkung: nach Strätz Biographisches Handbuch Würzburger Juden Bd. II S.
659 ist Harry Weinberg 1908 in Sulzbürg
als Sohn des Rabbiners Magnus Weinberg geboren, Er studierte 1936 (?) bis 1930
an der ILBA Würzburg. Er konnte noch (wann?)
emigrieren und lebte in den 1960er-Jahren in London. Er war verheiratet mit
Fanny geb. Kahn (geb. 1913 in Gemünden),
die nach der Deportation 1941 in Minsk ermordet
wurde.
Mitteilung
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 16.
November 1936: "Stellenbesetzungen: Dem Lehrer Harry Weinberg
wurde mit Wirkung vom 1. November dieses Jahres die Leitung der privaten
Volksschule in Thüngen übertragen." |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeigen des Manufaktur- und Modewarengeschäftes W.B. Schloß (1890 / 1891 /
1897)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. April 1890: "Für
mein Manufaktur- und Modewarengeschäft, welches am Sabbat und an
Festtagen geschlossen ist, suche zum sofortigen Eintritt einen Lehrling
mit guter Schulbildung. Kost und Logis im Hause.
W. B. Schloß, Gemünden am Main." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Dezember 1890: "Für
mein Manufaktur- und Modewaren-Geschäft, welches an Sabbat und Feiertagen
geschlossen ist, suche zum sofortigen Eintritt einen Lehrling mit
guter Schulbildung. Kost und Logis im Hause. W. B. Schloß,
Gemünden am Main." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. April 1891: "Für
mein Manufaktur- und Modewaren-Geschäft suche zum sofortigen Eintritt
einen Lehrling mit guter Schulbildung. Sabbat und Feiertage geschlossen.
W. B. Schloß, Gemünden am Main." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Oktober 1897:
"Für mein Manufaktur- und Modewaren-Geschäft suche zum
baldigen Eintritt einen Lehrling mit guter Schulbildung. Sabbat und
Festtage geschlossen. Kost und Logis im Hause. Nur selbstgeschriebene
Offerten werden berücksichtigt.
W. B. Schloß, Gemünden am Main." |
Anzeige des Getreide- und Mehlgeschäftes J.
Baumann & Sohn (1901)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. August
1901:
"Wir suchen für unser Getreide- und Mehl-Geschäft Engros einen Lehrling.
Samstags geschlossen.
J. Baumann & Sohn, Gemünden am
Main." |
Anzeige der Bäckerei und Konditorei Louis Grünebaum
(oder Grünbaum?, 1901)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Dezember
1901:
"Suche per sofort einen kräftigen Jungen als Lehrling
bei freier Station. Samstags und Feiertage geschlossen.
Louis Grünebaum, Bäckerei und Konditorei, Gemünden
(Bayern)." |
Anzeigen der Fa. Ph. Weinberg (1902)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. August 1902: "Nur
ein Versuch!
kann Sie überzeugen, dass meine streng naturell
gerösteten Kaffee's, kräftig und reinschmeckend, einzig zu beziehen
sind, in Handtuchsäckchen von 9 Pfund, auch schon von 5 Pfund an franco. Wiederverkäufer
Rabatt.
Ph. Weinberg, Gemünden am Main." |
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Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 18. Dezember 1902: "Meine Tochter, 19 Jahre alt, mit
Vorkenntnissen, wünscht in einem israelitischen Hause Aufnahme,
wo sie das Kleidermachen gründlich erlernen kann. Offerten an
Ph. Weinberg, Gemünden am Main." |
Anzeigen des Manufakturwaren-Geschäftes Samuel Birk (1902 / 1903)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. August 1902: "Lehrling
gesucht!
Samstags und Feiertage streng geschlossen.
Samuel Birk, Manufakturwaren-Geschäft, Gemünden am
Main." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. April 1903: "Suche
für mein Manufakturwaren-Geschäft, am Schabbos und Jomtof (Feiertag)
streng geschlossen, einen Lehrling aus achtbarer Familie. Kost und
Logis im Hause.
Samuel Birk, Gemünden am Main." |
Verlobungsanzeige von Lina Baumann und Alfred Schuster
(1922)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. März 1922:
"Lina
Baumann - Alfred Schuster. Verlobte.
Gemünden am Main - Hanau, Neue Anlage 16. Februar 1922." |
Verlobungsanzeige von Martel Grünebaum und Abraham Stein (1933)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. März 1933: "Gott
sei gepriesen.
Martel Grünebaum - Abraham Stein. Verlobte.
Gemünden/Main - Salmünster.
März 1933." |
Verlobungs- und Hochzeitsanzeigen von Harry Weinberg und Fanny Kahn (1934 /
1935)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Oktober 1934: "Gott
sei gepriesen.
Fanny Kahn - Harry Weinberg, Lehrer. Verlobte.
Gemünden a.M. - Gemünden a.M. / Regensburg. Tischri
5695." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Februar 1935: "Statt
Karten.
Wir geben ergebenst von unserer, so Gott will, am Sonntag, 10.
Februar in Würzburg, Bibrastraße 17, Rabbinerhaus Bamberger
stattfindenden Trauung Kenntnis.
Harry Weinberg - Fanny Kahn.
Gemünden am Main." |
Zur Geschichte der Synagoge
Die im 18. Jahrhundert in der Stadt lebenden jüdischen Familien dürften
zunächst die
Gottesdienste im benachbarten Adelsberg besucht haben. Möglicherweise wurde auch
zumindest in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Betsaal in einem der jüdischen Häuser
eingerichtet. Nachdem die Zahl der jüdischen Gemeindeglieder zugenommen
hatte, plante man den Bau einer Synagoge in Gemünden. 1887 konnte der
Plan verwirklicht werden:
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. März 1887:
"Gemünden am Main, im Februar (1887). Die hiesige Gemeinde, wenn
auch eine der älteren Bayerns, entbehrte bis jetzt, in Folge ihrer
geringen Mitgliederzahl, einer entsprechende Synagoge und eines rituellen
Frauenbades. Nachdem nun seit einigen Jahren, durch Zuzug die Gemeinde
zugenommen, bemühte man sich alles Ernstes, diesem Mangel abzuhelfen.
Unter großen Opfern wurde Grunderwerbung vorgenommen, und man ist nun im Begriffe,
eine Synagoge und eine Mikwe zu bauen. Eine Kollekte mit
Genehmigung königlicher Regierung hat zwar einige Beisteuer geschaffen,
allein weitere Mithilfe von Außen wäre immer noch sehr am Platze.
Namentlich dürfte solche in Form von Beschaffung der innern Einrichtung
sehr erwünscht sein. Vielleicht finden sich in dem großem Leserkreise
des "Israelit" Leute, die 'aufgelösten_ Gemeinden namhaft
machen könnten, wo noch Synagogen-Utensilien (Ständer, Lampen etc.)
vorhanden, die hier einer guten Verwendung zugeführt werden könnten. Die
hiesige Kultus-Verwaltung würde solche Offerten, und überhaupt jede
Förderung des frommen aber schwierigen Unternehmens, mit großem Dank
entgegennehmen." |
Zur Einweihung der Synagoge - vermutlich im Herbst
1887 - konnte noch keine Bericht in den jüdischen Periodika gefunden
werden.
Anfand der 1930er-Jahre wurde die Synagoge umfassend
renoviert und am 25. September 1932 wieder eingeweiht. Über die Feier
berichtete die Zeitschrift "Der Israelit" am 6. Oktober 1932:
Gemünden,
28. September (1932). Am Sonntag, den 25. September, feierte die hiesige
Kultusgemeinde die Wiedereinweihung ihrer renovierten Synagoge. Diese ist durch
das unermüdliche Bemühen des Herrn Kultusvorstandes Felix Baumann mit allen
modernen Errungenschaften der Innen-Architektonik ausgestattet. Die neuzeitliche
Wandbeleuchtung und die angemessene moderne Malerei machen sie zu einem
Schmuckkästchen. Die Feier selbst gestaltete sich zu einem Ereignis nicht nur
für die Kultusgemeinde, sondern auch für die ganze Stadt. Nach einer
Begrüßungsansprache des Kultusvorstandes, Felix Baumann, in der er ganz
besonders betonte, dass diese Feier die erste Amtshandlung des neuen Rabbiners
Dr. Ephraim, Bad Kissingen, in seinem Bezirk darstelle, sang der zweistimmige
Chor Mah towu ("wie lieblich..."). Nach dem darauffolgenden,
von Lehrer Weinberg vorgetragenen Psalm ergriff Bezirksrabbiner Dr. Ephraim das
wort zu einer tiefdurchdachten Weiherede. "Weasu li mikdasch we
schachanti betocham" "Und sie sollen mir machen ein Heiligtum,
dass ich wohne in ihrer Mitte". Dieses war der Leitgedanke seiner Predigt.
G'tt wohnt nicht im im Heiligtum, sondern er wohnt betocham, in
"ihrer" Mitte, in der ganzen Gemeinde. Unter dem feierlichen
Chorgesang wurden sodann die Torarollen hereingebracht, angeführt von festlich
gekleideten, blumenstreuenden Kindern. Nach dreimaligem Umzug unter Gesängen
von Kantor und Chor wurden sie dann ... in die heilige Lade eingehoben. Nach
einem Landesgebet und einer Gefallenenehrung durch den Rabbiner sang der Chor adon
olam. "ewiger Herr". Sodann hielt Lehrer Weinberg eine Ansprache,
in der er u.a. dem Kultusvorstand Felix Baumann für seine aufopferungsvolle
Mühe und Arbeit, die er der Zustandebringung dieses Werkes gewidmet hat, den herzlichsten
Dank aussprach. Nach der darauffolgenden Ansprache des Bürgermeisters Eberlein
sprach Justizrat Dr. Rosenthal aus Würzburg als Vertreter des Verbandes
Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Er betonte ganz besonders, dass es in
einer Zeit wie der heutigen eine lobenswerte Tat bedeutet, ein solches
Unternehmen durchzuführen. Da der größte Teil des Geldes durch freiwillige
Spenden zusammengebracht wurde, so stelle dieses ein schönes Zeichen der
Opferwilligkeit der jüdischen Gemeinschaft dar. Als nächstes hielt Rabbiner
Dr. Ephraim eine Weiherede für die "Ewige Lampe" und das
"Jahrzeitlicht", beide von Herrn Kultusvorstand Felix Baumann
gestiftet. Zum Schluss sang der Chor "ein keelokeinu"
"keiner ist wie unser Gott". Die Feier macht auf alle Teilnehmer einen
tiefen Eindruck und wird ihnen in dauernder Erinnerung bleiben.
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Beim Novemberpogrom 1938, der durch SA-Leute aus Gemünden
durchgeführt wurde, wurde am 10. November 1938 die Inneneinrichtung der
Synagoge einschließlich der Ritualien zerstört. In der Nacht darauf wurde das
Gebäude in Brand gesetzt, jedoch nur teilweise beschädigt. Am folgenden Tag
wurden die noch in Gemünden lebenden Juden gezwungen, die Spuren der Schändung
und Verwüstung "aufzuräumen".
Auf dem Parkplatz vor der Plattnersgasse befindet sich eine Hinweistafel zum
Standort der früheren mit dem Text: "Bis zur Kriegszerstörung im Jahre
1945 stand hier die Synagoge der Jüdischen Kultusgemeinde Gemünden a.
Main". Es findet sich kein Hinweis auf die Ereignisse in der
Pogromnacht 1938.
Adresse/Standort der Synagoge: Plattnersgasse
Fotos
Die ehemalige Synagoge 1941
(Foto zur Verfügung gestellt durch Bruno Schneider, Kreisheimatpflege
Landkreis Main-Spessart, Gemünden) |
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Die ehemalige Synagoge (links)
nach der Zerstörung ihrer Inneneinrichtung
beim Novemberpogrom 1938 und
vor der Kriegszerstörung 1945 |
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Gedenktafel für die
ehemalige Synagoge
(Foto: Elisabeth Böhrer,
Aufnahme September 2009) |
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Die Gedenktafel mit dem die
Ereignisse beim
Novemberpogrom 1938 ignorierenden Text |
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Erinnerungsarbeit vor
Ort - einzelne Berichte
| Mai 2009:
Der Stadtrat stimmt der Verlegung von "Stolpersteinen in
Gemünden" zu |
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Links: Artikel (in 2 Teilen) im "Lohrer
Echo" vom 6. Mai 2009: "Stolpersteine als Erinnerung an
deportierte Juden. Stadtrat: Zustimmung des Gremiums zur Aktion des
Künstlers Gunter Demnig - Nach den unterfränkischen Kulturtagen am 28.
September.
Gemünden. Auch in der Dreiflüssestadt werden künftig sogenannte
Stolpersteine im Pflaster an die von den Nationalsozialisten deportierten
Juden erinnern. Der Stadtrat gab am Montagabend sein Einverständnis zu
der Aktion des Künstlers Gunter Demnig. Dieser wird die Stolpersteine
voraussichtlich an fünf Stellen in der Innenstadt am 28. September
einbauen, einen Tag nach Ende der unterfränkischen
Kulturtage...."
Zum weiteren Lesen des Artikels bitte Textabbildungen anklicken.
(Artikel wurde zur Verfügung gestellt von Fred G. Rausch) |
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| September 2009:
"Stolperstein"-Verlegung in
Gemünden |
Artikel
im "Lohrer Echo" vom 14. September 2009: "Stolpersteine
der Erinnerung. Nazi-Opfer: Sechs Messingplatten wird Künstler Gunter
Demnig am 29. September in Gemünden verlegen".
Zum Lesen des Artikels bitte Textabbildung anklicken.
(Artikel
wurde zur Verfügung gestellt von Fred G. Rausch) |
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Artikel in der "Main-Post" vom 29. September 2009 (Artikel): "GEMÜNDEN.
'Wir geben ihnen ihre Namen zurück und ihre Heimat' - Feierstunde zur Verlegung der sechs Stolpersteine in Gemünden zum Gedenken an ermordete jüdische Mitbürger.
Einen 'ganz wichtigen Tag für Gemünden' nannte Bürgermeister Georg Ondrasch die Verlegung der sechs Stolpersteine zur Erinnerung an in der Nazi-Zeit ermordete jüdische Mitbürger.
'Die Stadt Gemünden ist sich ihrer historischen Verantwortung bewusst; sie blendet dieses dunkle Kapitel nicht aus, sondern stellt sich der
Geschichte', sagte Ondrasch zu Beginn der Feierstunde am Marktplatz.
Gemündens Geistlichkeit, Landrat Thomas Schiebel, einige Stadträte, interessierte Bürger und eine starke Abordnung der Hauptschule Gemünden wohnten der Verlegung durch den Kölner Künstler Gunter Demnig bei.
Darunter waren auch der Experte für den Judenfriedhof in
Laudenbach, Georg Schnabel, und die Österreicherin Dr. Brigitte
Tscholl. Sie gehört dem Museums- und Kulturverein in Kaisersteinbruch im Burgenland und dem Historischen Verein Gemünden an und hatte sich in der Gemündener Diskussion vom Mai dieses Jahres für die Aktion ausgesprochen:
'Ein Zuviel kann es für dieses Gedenken der systematischen, zynischen Massenvernichtung unter dem NS-Regime nicht
geben.' Bürgermeister Ondrasch dankte Ulf Fischer, der die Stolperstein-Aktion in Gemünden angeregt und die Vorarbeiten geleistet hatte.
Schwierige Rekonstruktion. Schwierig war und bleibt die Rekonstruktion der Schicksale der jüdischen Gemündener und anderer Verfolgter. 67 Mitglieder zählte die jüdische Gemeinde noch 1933 trotz der aufziehenden Repressionen. Als die Nationalsozialisten endgültig die Oberhand gewonnen hatten, kam es zur Vertreibung und schließlich Deportation und Vernichtung. Viele starben mutmaßlich eines gewaltsamen Todes oder an Entbehrungen auf einem Transport – aber nur sechs dieser Schicksale konnte Ulf Fischer als zweifelsfrei geklärt angeben. Er stützte sich dabei im Wesentlichen auf die 1983 vorgelegte Facharbeit des Gemündener Abiturienten Martin Kaiser.
Gunter Demnigs Betonsteine, die individuell beschriftete Messingplatten tragen, werden in der Regel vor den letzten frei gewählten Wohnstätten der NS-Opfer verlegt. Im Fall des Ehepaars Laura und Nathan Sichel (ehemals Frankfurter Straße 134, heute Fischmarkt) ergab sich das Problem, dass ihr Anwesen im Krieg zerstört wurde und heute zum Teil eine Straße darüber führt. Ihre Stolpersteine in den Gehweg vor dem heutigen Anwesen Fischmarkt 2 zu setzen, stieß wegen einer möglichen missverständlichen Zuordnung auf den Widerstand des Eigentümers. Daher liegen die Steine der Sichels nun im Marktplatz am Rathaus-Gedenkstein neben dem Stolperstein für Erna Blum, deren Gemündener Wohnung nicht lokalisierbar war.
Beiläufig Respekt bezeugen. 'Um zu lesen, was auf diesen Steinen steht, müssen wir uns bücken – und ganz beiläufig bezeugen wir mit dieser Verbeugung unseren Respekt vor Menschen, die nicht anders waren als wir es sind – die lediglich eines Wahns wegen zu Nummern gemacht wurden – im wahren Sinn des Wortes mit dem Einstanzen in ihre Haut – und damit aus der Gemeinschaft ausgestoßen und der Maschinell betriebenen Vernichtung zugeführt. Indem wir vor ihnen das Haupt beugen, geben wir ihnen ihre Namen zurück – und ihre
Heimat.' Diese Interpretation gab auf dem Marktplatz der frühere Gemündener Lokalredakteur Stefan Reis als Festredner. Er beschrieb, wie sich Ende der 1980er Jahre er für das
'Main-Echo' und Peter Kallenbach für die Main-Post sowie der Historische Verein verstärkt mit der Aufarbeitung des Nazi-Terrors beschäftigten:
'Irgendwann wollte ich wissen, warum es in dieser Stadt Momente gab, in denen Gesprächspartner lieber das Thema
wechselten.'
Stefan Reis schilderte stellvertretend das rekonstruierte Schicksal des Schuhmachers und Stadtrats Nathan Sichel und seiner Frau Laura, beginnend mit dem ersten Eintrag in ihre Gestapo-Akte vom 13. Januar 1937 und endend mit der Einweisung ins Vernichtungslager Theresienstadt am 23. September 1942. Dort wurden sie am 22. Februar 1943 ermordet.
Die Lebensdaten zu den sechs Stolpersteinen trugen ihre Paten vor: Ulf Fischer, Wolfgang Weinig, Inge Albert, Georg
Ondrasch, Claudia Rothkegel-Risser und Werner Wolf namens der Hauptschule. Weinig sprach jeweils das jüdische Totengebet Kaddisch. Michael Albert sang auf Hebräisch zwei jüdische Lieder, auf der Geige begleitet von seinem Sohn Jakob." |
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Weitere Berichte zur
"Stolperstein"-Verlegung aus dem "Lohrer
Echo" vom 30. September 2009:
(Artikel wurden zur Verfügung gestellt von Fred G. Rausch) |
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Zum Lesen der Artikel bitte
Textabbildungen anklicken |
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September
/ Dezember 2009: Erinnerung an den
Halt des "Winton-Trains" auf dem Bahnhof in Gemünden 1939
(Artikel wurde zur Verfügung gestellt von Fred G. Rausch) |
Artikel im "Lohrer Echo" (jh) vom 30. Dezember 2009 (Jahresrückblick
2009): "Bewegende Momente bei einem Zughalt. Winton-Train:
Erinnerungen an den britischen Schindler.
Gemünden. Bewegende Momente und Tränen gab es am 2. September bei
einem Zughalt in Gemünden. Passagiere des historischen Sonderzuges (Winton-Train)
waren Überlebende der NS-Zeit. Als Kinder wurden sie 1939 von Prag nach
London evakuiert. Ihr Überleben haben sie Nicholas Winton zu verdanken.
Der heute 100-jährige Brite, der aus Gesundheitsgründen nicht an der
Zugfahrt teilnehmen konnte, rettete vor 70 Jahren durch seinen selbstlosen
Einsatz 669 Kinder vor dem Todeslager. Er besorgte für sie Zugtickets und
kümmerte sich um die Unterbringung in englischen
Familien.
Freundin getroffen. Eine der Überlebenden, die durch den
Winton-Train gerettet wurden, ist Eve Leadbeater. Auch sie fuhr mit dem
Zug. In Gemünden stieg sie aus. Sie traf ihre alte Freundin Karin
Konradt-Dittmer, die sie einst in England kennen gelernt hatte. Die
Wiedersehensfreude war groß, als sich die beiden Frauen umarmten. Ein
anderer Passagier, Henry Stadler (Foto: Archiv), stieg ebenfalls aus. Er
erinnerte sich daran, wie der Zug vor sieben Jahrzehnten in Gemünden
hielt. Die Dampflokomotive bekam frisches Wasser für ihren Kessel. Auch
Stadler hat sein Überleben dem Einsatz von Nicholas Winton zu verdanken.
Auf dem Bahnsteig erzählte er interessierten Zuhörern seine
Geschichte. Der 1909 geborene Nicholas Winton, der im Mai seinen
100. Geburtstag feierte, gilt als der britische Oskar Schindler. Er
koordinierte 1939 die Rettung jüdischer Kinder, denen das Schicksal von
15.000 anderen jungen Tschechen erspart blieb, die bis Kriegsende von den
Nationalsozialisten in Vernichtungslager verschleppt und ermordet
wurden.
'Niemand unternahm etwas'. Als 20-jähriger war Winton 1938
nach Prag gefahren, um einen Freund zu besuchen. Während seines
mehrmonatigen Aufenthalts erkannte er die zunehmende Bedrohung durch die
Nazis. 'Niemand unternahm etwas für die Kinder', erinnert sich der Brite,
dessen Rettungstaten erst 50 Jahre nach Kriegsende bekannt wurden, als
seine Ehefrau alte Aufzeichnungen entdeckte. Winton
organisierte von seinem Prager Hotelzimmer aus die Kinderverschickung per
Zug nach England. Dort nahmen Gasteltern die Jungen und Mädchen in Obhut.
Später kümmerte er sich von London aus um die Koordination in
Zusammenarbeit mit dem britischen Flüchtlingskomitee. Innerhalb von neun Monaten
rettete Nicholas Winton auf diese Weise 669 Kindern das Leben. Acht Züge
kamen unbehelligt in Großbritannien an. Für seine Verdienste
ist der hundertfache Lebensretter, Sohn jüdischer Eltern, mehrfach
ausgezeichnet worden. Der tschechische Staatspräsident Vaclav Havel
überreichte Winton 1998 in einer großen Zeremonie den Marsaryk-Orden.
Die englische Königin Elisabeth II. schlug ihn 2002 zum
Ritter." |
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| August
2010: Erinnerung an die Deportation
der jüdischen Zöglinge des Josefshauses |
Artikel von Dr. Gerhard Köhler im "Mainnetz.de" vom 26.8.2010 (Artikel):
"Jüdische Zöglinge deportiert
Geschichte: Vor 70 Jahren mussten Behinderte das Josefshaus verlassen - Für Menschenversuche missbraucht
Gemünden. In diesem Sommer jährt sich zum 70. Mal die von den damaligen nationalsozialistischen Machthabern erzwungene Schließung der
'Schwachsinnigenanstalt St. Josefshaus' in Gemünden. Am 1. September 1940 begann mit der Deportierung jüdischer Zöglinge die Räumung des Hauses, von der kurz darauf auch alle übrigen Insassen betroffen waren.
Die von Johann Michael Herberich 1882 an der Stelle einer Glashütte unweit der Stadt Gemünden gegründete Anstalt beherbergte vor ihrer Räumung etwa 180 geistig Behinderte, deren Pflege und Unterrichtung in den Händen von Klosterschwestern der Kongregation der
'Töchter des Heiligsten Erlösers' lag. Eigentümer und Direktor der Anstalt, der es als seine vordringliche Aufgabe ansah, die von ihm betreuten Behinderten vor dem NS-Regime zu schützen, war Dr. Friedrich Lehnert, der Schwiegersohn des Gründers. Dessen anfänglicher Widerstand stellte sich bald als unwirksam heraus, denn angesichts des brachialen Vorgehens der Staatsgewalt musste sein Bemühen um Erhalt der Einrichtung erfolglos bleiben: Die Nationalsozialisten erzwangen die Schließung.
Der zu diesem Zeitpunkt sechsjährige Enkel des Anstaltsleiters, der spätere Direktor des Staatsarchivs in der Würzburger Residenz, Dr. Hatto Kallfelz, berichtete unserer Zeitung bemerkenswerte Details im Zusammenhang mit der Auflösung der großväterlichen Einrichtung, von denen er später aus dem Familienkreis Kenntnis erhielt.
Entschieden abgelehnt. Als an Friedrich Lehnert Vertreter des NS-Regimes
mit dem Ansinnen herantraten, sich an der
'nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik' zu beteiligen und die betreuten Behinderten den Behörden zu übergeben, lehnte dieser entschieden ab. Er führte bestehende gesetzliche Bestimmungen ins Feld, die die Weggabe von Zöglingen ohne Einwilligung der Eltern unter schwere Strafe stellte. Davon wenig beeindruckt ließen die Machthaber die Anstalt kurzerhand beschlagnahmen und enthoben Lehnert seines Amtes als Direktor. Das Haus wurde geräumt, die Insassen gingen - so die damalige Diktion -
'in den Schutz des nationalsozialistischen Staates über.' Was über das weitere Schicksal der Betreuten bekannt ist, ist der 1979 protokollierten Aussage einer Klosterschwester zu verdanken, die die Ereignisse miterlebte. Nachzulesen ist ihr Bericht in einem Heft der Schriftenreihe des Historischen Vereins Gemünden mit dem Titel
'Das Josefshaus - von der Glashütte zur Behindertenanstalt' aus dem Jahr 1992, in dem die Autoren Erhard Schenk und Walter Nickel die Geschichte des Josefshauses dargestellt haben.
Das beschlagnahmte Josefshaus nutzten die Nationalsozialisten als Umsiedlerlager und brachten dort zunächst Volksdeutsche aus der Dobrudscha unter, denen wenig später Ukrainer und Franzosen folgten. Lehnert durfte in seiner Wohnung im Josefshaus bleiben und auch die zum Anwesen gehörende Landwirtschaft weiter betreiben. Nach Kriegsende erhielt er als rechtmäßiger Besitzer das Josefshaus mit seinem Umgriff zurück, das durch Krieg und Fremdnutzung schwere Schäden erlitten hatte.
An eine Wiederaufnahme des Anstaltsbetriebs war deshalb nicht mehr zu denken. So diente das Gebäude zunächst bis 1961 als provisorisches Altenheim der Stadt Würzburg, um danach von den Nachkommen Lehnerts und deren Angehörigen als ausschließlich privater Wohnsitz genutzt zu werden. Seit ihrer Gründung zu Beginn der 60er Jahre durch Caritasdirektor Kümmert sieht sich die
'St. Josefsstiftung für geistig Behinderte' in Eisingen in der Tradition des Gemündener St. Josefshauses.
Zur späteren Nutzung für den Bau einer Privatklinik erwarb die Stadt Gemünden 1993 das gesamte Josefshausareal. Heute befindet sich an seiner Stelle - unter Erhaltung und Einbeziehung des alten Josefshausgebäudes - das private
Gesundheitszentrum Main-Spessart für Pflege und Therapie.
Hintergrund: Zöglinge im KZ Lublin ermordet. Demnach mussten am 1. September 1940 als erste die sechs jüdischen Zöglinge das Haus verlassen, wurden zunächst nach Haar bei München verbracht und noch vor Jahresende im KZ Lublin ermordet. Im Oktober 1940 verließen weitere 25 geistig Behinderte das Josefshaus und wurden der Universitätsklinik Würzburg zu Versuchszwecken überstellt.
Von ihnen sollen nur zwei oder drei überlebt haben. In der Folgezeit nahmen etliche besorgte Eltern ihre behinderten Kinder zu sich zurück. Die im Josefshaus noch verbliebenen 129 Zöglinge wurden im November in die Heil- und Pflegeanstalt Lohr gebracht, von denen ein Teil nach Kaufbeuren verschleppt wurde. Während letztere bis heute verschollen sind, haben die 116 in Lohr gebliebenen Behinderten überlebt. (koeh)". |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Germania Judaica II,1 S. 275-276. |
 | Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die
jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979
S. 295-296. |
 | Israel Schwierz: Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in
Bayern. Eine Dokumentation der Bayerischen Landeszentrale für politische
Bildungsarbeit. A 85. 1988 S. 1992² S. 60-61. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany -
Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 441-442. |
 | Leonhard Scherg: Jüdisches
Leben im Main-Spessart-Kreis. Reihe: Orte, Schauplätze, Spuren. Verlag
Medien und Dialog. Haigerloch 2000 (mit weiterer Literatur). |
 | Dirk Rosenstock (Bearbeiter): Die unterfränkischen
Judenmatrikeln von 1817. Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg Nr.
13. Würzburg 2008 S. 121. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Gemuenden Lower Franconia. The medieval Jewish
community was destroyed in the Rindfleisch massacres of 1298. Jews appeared in
the mid-17th century, and maintained a presence throughout the 18th and 19th
centuries, numbering 100 in 1900 (total 2,187) and 67 in 1933. Twenty left in
1936 after the publications of the Nuremberg racial laws and another 27 by
mid-1938. Local SA forces wrecked the synagogue and Jewish homes on Kristallnacht
(9-10 November 1938). The rest of the Jews left Gemuenden soon after.

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