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Bergen
(Bergen-Enkheim, Stadt Frankfurt am Main)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
Im
Bereich von Bergen, Enkheim und Bischofsheim (heute Maintal-Bischofsheim)
lebten Juden bereits im Mittelalter. 1331 wird "Moyses de Enkeym" genannt, 1344 lässt Sanewel (Samuel) von Bischofsheim die Gewährung eines
Darlehens in die Frankfurter Gerichtsbücher eintragen. Es ist nicht ganz
sicher, aber wahrscheinlich, dass dieses Bischofsheim genannt ist. Für Bergen
liegt eine erste indirekte Erwähnung aus dem 15. Jahrhundert vor, als der Jude
Burghardt von Bergen 1437 in Babenhausen aufgenommen wurde.
Die
Entstehung der neuzeitlichen jüdischen Gemeinde geht auf das 17./18. Jahrhundert zurück. 1680
wird der Jude Aron in Bergen genannt, 1686 Itzig zu Bergen, der sich im
Pferdehandel betätigte. 1736 und 1754
lebten in Bergen je 85, in Bischofsheim zehn jüdische Einwohner. Im
gesamten 18. und 19. Jahrhundert betrug der Anteil der jüdischen Bevölkerung in
Bergen zwischen 8 und 10 % der Gesamtbevölkerung. Die jüdischen Familien lebten zunächst
fast ausschließlich vom Handel mit Vieh und Waren. Seit der Mitte des 19.
Jahrhundert haben mehrere von ihnen Ladengeschäfte und Handlungen eröffnet.
Einige hatten auch Handwerksberufe erlernt. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es
in Bergen mehrere jüdische Viehhändler, Pferdehändler, Getreidehändler,
Schuh- und Textilwarenhändler sowie acht bis neun Metzger. Acht bis 10
Portefeuiller stellten zuhause Taschen usw. für die Offenbacher
Lederwarenfabriken her. An Geschäften gab es auch Spielwaren- und Küchengeräte-Läden
sowie eine Likör- und Spirituosenfabrik, die jüdischen Kaufleuten gehörten.
Die jüdischen Familien lebten vor allem im Bereich um das Rathaus
beziehungsweise die Marktstraße. Die höchste Zahl jüdischer Einwohner wurde 1890
mit 246 Personen erreicht.
An
Einrichtungen der Gemeinde gab es bis 1853 ein jüdisches Gemeindezentrum in der früheren
Rathausgasse mit Betsaal (s.u.), Schule und Wohnung des Lehrers/Vorbeters. Die jüdische
Konfessionsschule (Elementarschule) wurde 1844 in das Schulgebäude der
ehemaligen unierten Schule (Rathausgasse 4) verlegt. Nach 1853 war die Schule im
Synagogengebäude in
der Erbsengasse. Die jüdische Konfessionsschule bestand noch bis 1924, als sie
nur noch von sechs Schülerinnen und Schülern besucht wurde. Es gab
verschiedene jüdische Vereine, insbesondere die Israelitische ältere
Männerkrankenkasse,
die Israelitische jüngere Männerkrankenkasse, der Verein für Gegenseitigkeit
(Ziele Unterstützung Hilfsbedürftiger und Bestattungswesen),
der Israelitische Frauenverein (Ziele: Unterstützung Hilfsbedürftiger,
Gesellschaft), der Freundschaftsclub. Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk
Hanau.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde: Siegfried Hahn
(geb. 1.2.1893 in Fechenheim, gef. 19.8.1917),
David Hess (geb. 1.4.1882 in Bergen, gef. 30.6.1918), Julius Hess (geb.
12.12.1894 in Bergen, gef. 30.7.1918), Salli Hess (geb. 9.2.1888, gef.
20.5.1915), Siegfried Hess I (geb. 23.10.1885 in Bergen, gef. 20.4.1916),
Gefreiter Siegfried Heß II (geb. 27.1.1889 in Bergen, gef. 25.11.1918), Max
Levi (geb. 10.5.1885 in Bergen, gef. 17.5.1915), Siegfried Levi I (geb.
28.7.1893, gef. 11.6.1915).
Nach dem Ersten Weltkrieg, als neben den in Enkheim wohnenden jüdischen
Personen auch diejenigen in Fechenheim zur Gemeinde Bergen gehörten (1932 waren
dies in den beiden Orten zusammen 45 Personen), nannte sich die Gemeinde
zeitweise "Jüdische Gemeinde Bergen-Fechenheim".
Um 1925, als
etwa 200 Personen zur jüdischen Gemeinde gehörten (ca. 2,85 % von ca. 7.000
Einwohnern) waren die Vorsteher der Gemeinde Moses Hirsch und Oscar Wolf. Als
Lehrer, Kantor und Schochet war (bereits seit 1902, siehe Bericht unten) Emanuel Heinemann angestellt (auch 1932). 1932
waren die Vorsteher Julius Straus und Adolf Hess.
Nach
1933
ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder (1933: 145 Personen) auf Grund der
zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen (insbesondere nach
Frankfurt)
beziehungsweise ausgewandert (insbesondere USA). Die
Boykottmaßnahmen trafen u.a. den Arzt Dr. Rudolf Freudenberger (1933-38 letzter
Vorsitzender der jüdischen Gemeinde), aber auch alle anderen überwiegend in
der Markstraße befindlichen jüdischen Geschäfte: 21 von ihnen mussten bis 21
geschlossen beziehungsweise arisierte werden, neun weitere bis Dezember 1938. Beim
Novemberpogrom
1938 wurden die Synagoge demoliert (s.u.), zahlreiche jüdische Wohnungen überfallen
und geplündert, die Bewohner misshandelt. Ein Großteil der jüdischen Männer
wurde in so genannte "Schutzhaft" genommen und in das KZ Buchenwald verschleppt.
auch 1939/40 kam es immer wieder
zu Misshandlungen jüdischer Personen und Überfällen auf jüdische Häuser.
Die jüdischen Familien mussten gemeinsam in so genannte Judenhäuser ziehen.
Diejenigen, die nicht auswandern konnten, wurden im Mai und September 1942 von
Bergen aus deportiert.
Von
den in Bergen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen
Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem):
a)
Von Frankfurt aus deportierte Personen, die ihren Wohnsitz ehemals in Bergen
hatten: Katinka
Altheimer (1883), Sophie Altheimer (1869), Bernhard Appel (1875), Frieda Appel
geb. Schönthal (1876), Berta Aumann geb. Östreich (1913), Chlothilde Aumann
(1899), Jossy Aumann (1941), Judis Aumann (1940), Sally Aumann (1897), Mathilde
(Tilda) Bachheimer geb. Schatzmann (1873), Helga Bing (1926), Rosa Bing geb.
Dach (1889), Siegfried Bing (1886), Röschen Cahn geb. Rosenthal (1860), Moritz
Fuld (1886), Gustav Goldschmidt (1873), Tilli Goldschmidt geb. Stern (1884),
Jacob Grodteczinsky (geb. ?), Mina Grodteczinsky geb. Stern (1888),
Frieda Grünebaum (geb. ?), Johanna Grünebaum geb. Hahn (1870), Rebekka
Grünebaum (1898), Sally Grünebaum (1891), Ida
Gutenstein geb. Wolf (1855), Gustav Hahn (1873), Jacob Hahn (1872), Johanna Hahn
geb. Ehrmann (1875), Johanna Hahn geb. Strauss (1876), Johanna Hahn geb.
Strahlheim (1909), Ludwig Hahn (1904), Melina Hahn geb. Frank (1884), Sally Hahn
(1893), Sigmund Hahn (1878), Moritz Hess (1859), Betty Hirsch geb. Reis (1864),
Fina Hirsch (1889), Fredericke Hirsch geb. Stock (1900), Friedrich Nathan Hirsch
(1888), Harro Heinz Hirsch (1919), Heinrich Hirsch (1889), Hermann Hirsch
(1889), Jona Hirsch (1902), Max Hirsch (1874), Rosa Hirsch geb. Grünebaum
(1892), Selma Hirsch (1872), Betty Lehmann geb. Jakob (1875), Greta Lichtenstein
geb. Dach (1890), Sara Linz geb. Fuld (1886), Rosa Löwenthal (1884), Johannette
Marx geb. Hess (1882), Erna Mayer geb. Kahn (1898), Bella Nachmann (1906),
Johanna Nathan geb. Hahn (1873), Salomon Nathan (1872), Bertha Rosenthal geb.
Hirsch (1876), Mina Rosenthal geb. Schott (1872), Simon Rosenthal (1864),
Karoline Rothschild geb. Rosenthal (1863), Julius Schott (1869), Frieda Stadel
geb. Hirsch (1872), Fanny Stern
geb. Strauss (1873), Julius Stern (1884), Antonie Strauss geb. Stern (1874),
Julius Strauß (1882), Dora Strauß geb. Hess (1887), Fritz Tannenwald (1924),
Isidor Tannenwald (1885).
b)
Von Bergen aus deportierte Personen:
Henny
Ehrmann geb. Hahn (1893), Leopold Ehrmann (1881), Bella Grünebaum (1901), Emma
Grünebaum geb. Wetterhahn (1875), Emma Hahn geb. Rosenberg (1897), Frieda Hahn
(1903), Jenny Hahn (1905), Karoline Hahn geb. Grünebaum (1868), Hermann Hahn
(1888), Henriette (Jettchen) Hess geb. Strauss (1881), Klara Hess (1883),
Johanna Hess geb. Morgenthau (1859), Nathan Hess (1878), Paula Hess (1895),
Frieda Hirsch geb. Hirsch (1896), Jettchen Hirsch geb. Kaufmann (1863), Joachim
Hirsch (1929), Johanna Hirsch (1887), Otto Hirsch (1901), Wilhelm Hirsch (1890),
Emil Levi (1883), Sophie Levi geb. Löb (1886), Ella Seligmann geb. Brückheimer
(1876), Meier Seligmann (1872), Adolf Stern (1870), Emma Strauss geb. Nussbaum
(1882), Minna Weil geb. Hess (1890), Richard Weil (1930), Walter Siegfried Weil
(1928).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Lehrers, Vorbeters und Schächters 1878 / 1902
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Juli 1878: "Bekanntmachung. Die
israelitische Lehrerstelle für den gesamten Jugendunterricht in Bergen,
mit welcher zugleich die Vorsängerstelle in der dasigen Synagoge
verbunden ist, wird mit dem 1. August diesen Jahres vakant. Bewerber um
dieselbe wollen ihre Meldungsgesuche unter Beifügung der erforderlichen
Zeugnisse binnen vier Wochen bei unterzeichneter Stelle einreichen. Gehalt
900 Mark neben freier Wohnung und 90 Mark für Feuerung. Hanau, den 1.
Juli 1878. Königliches israelitisches Vorsteheramt. Hamburger". |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. April 1902: "Die erledigte
Elementarlehrer- und Vorsängerstelle bei der Synagogengemeinde Bergen soll
wieder besetzt werden. Das Grundgehalt beträgt bei freier Wohnung Mark
1200, der Einheitssatz der Alterszulage Mark 150.- Für Heizung des
Schullokals wird eine Entschädigung von Mark 85,71 gewährt. Bewerber
wollen ihre Meldungen mit den erforderlichen Zeugnissen bis zum 18. dieses
Monats anher einreichen.
Hanau, 3. April 1902.
Das Vorsteheramt der
Israeliten: Dr. Bamberger." |
25-jähriges Dienstjubiläum von Lehrer Emanuel
Heinemann (1927)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Juli 1927:
"25-jähriges Dienstjubiläum. Am 16. Juni waren es 25 Jahre, dass
Herr Lehrer Emanuel Heinemann von der Regierung in Kassel als Lehrer an
der israelitischen Volksschule in Bergen bei Frankfurt am Main angestellt
worden war. Die Gemeinde ließ es sich nicht nehmen, ihrer Anhänglichkeit
an ihren Lehrer und Kultusbeamten durch eine würdige Feier in der
Synagoge Ausdruck zu verleihen. Die ganze Gemeinde und viele Ehrengäste
versammelten sich in dem herrlich geschmückten Gotteshause. Herr Kantor
J. B. Levy begrüßte den Jubilar mit dem Vortrage des Japhetschen 'Boruch
habo'. Hierauf widmete der Gemeindeälteste Herr Julius Strauß dem
Gefeierten im Namen der Gemeinde herzliche Worte des Dankes und der
Anerkennung. Nach dem Minchagebet bestieg Herr Provinzialrabbiner Dr.
Gradenwitz - Hanau die Kanzel und feierte in groß angelegter Festrede im
Anschluss an die Sidroh den Jubilar als den Helden, der Kaleb gleich sich
von dem größten Teil seiner Genossen unterschied, 'weil ein anderer
Geist in ihm war und er ganz erfüllt war mir nach.' Er rühmte die
schönen Erfolge des Lehrers und wünschte ihm Frische des Geistes und
Gesundheit des Körpers für ein rüstiges Weiterschaffen im Dienste
seiner Gemeinde und des Judentums. Herr Kreisvorsteher Dr. Koref - Hanau
überbrachte die Glückwünsche des Vorsteheramtes der Israeliten zu Hanau
in längeren Ausführungen und wie auf das friedvolle Verhältnis hin, wie
es stets in Bergen zwischen Lehrer und Gemeinde in vorbildlicher Weise
herrschte. Herr Lehrer Sulzbacher - Hanau übermittelte im Anschlusse an
Worte der Sidroh dem Freund und Kollegen Gruß und Glückwunsch des
Vereins israelitischer Lehrer im Bezirk Kassel. Mit sichtlicher Rührung
nahm Herr Heinemann die Huldigung seiner früheren Schüler und Schülerinnen,
ausgesprochen von Fräulein Johanna Appel. Der Jubilar bestieg nun selbst
die Kanzel, um einen Rückblick zu werfen auf das Vierteljahrhundert
seiner Wirksamkeit und seine Rede in Worte des Dankes für die ihm
zahlreich erwiesenen Aufmerksamkeiten ausklingen zu lassen. Nach dem
Vortrage des 'Zadik katomor jifroch' durch Herrn Kantor Levi
versammelten scih Ehrengäste und Gemeindeälteste im Hause des Jubilars
zu einer familiären Feier, wobei noch Herr Lehrer Weingarten - Hanau dem
Kollegen seinen Glückwunsch aussprach. So war eine echt jüdische Feier
gefeiert worden, die alle Beteiligten mit voller Befriedigung und
bleibender Erinnerung erfüllte.
Nachwort der Schriftleitung: Im Namen des Bundes gesetzestreuer Lehrer
entbieten wir unserem lieben Kollegen und treuen Mitgliede herzlichen
Glückwunsch und 'Glückauf zum Goldenen Jubiläum!'". |
Aus dem jüdischen
Gemeinde- und Vereinsleben
Feier zum 100. Geburtstag des Wohltäters Sir Moses
Montefiori in Bergen (1884)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit"
3.
November 1884: "Im Bade Kissingen
hielt Herr Distrikts-Rabbiner Bamberger eine weihevolle Festrede (sc. aus
Anlass des 100. Geburtstages von Sir Moses Montefiore); die Gemeinde
sandte ein Beglück-Wünschungstelegramm an den Jubilar.- Sämtliche
Rabbiner Unterfrankens, sowie Vorstand und Kuratoren der
Lehrerbildungsanstalt zu Würzburg richteten eine Adresse an den
allverehrten Sir Moses. – Ähnliches wird uns aus Bergen bei
Langen (Großherzogtum Hessen) berichtet, wo Herr Lehrer Strauß alle
Herzen durch seinen Vortrag erfreute und erbaute."
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60-jähriges Jubiläum der Israelitischen Männerkrankenkasse (1890)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. März 1890: "Bergen bei
Frankfurt am Main. Am 19. vorigen Monats beging die hiesige ältere Männerkrankenkasse
zur Erinnerung ihres 60jährigen Bestehens und zum Andenken an die durch
Anregung ihres derzeitigen ersten Vorstehers, des Herrn Lazarus Heß
vollzogene Reorganisation des Vereins eine Feier, deren herrlicher Verlauf
auch weiteren Kreisen mitgeteilt zu werden verdient.
Nach Abhaltung des Jom Kippur Katan
in der Synagoge, versammelten sich von den 65 Mitgliedern des Vereins 55
im Saale des Gasthauses zur schönen Aussicht, um nach Vorlesung und
geschehener Unterschrift der neuen Statuten ein gemeinschaftliches Mahl
einzunehmen. An den Toast auf Herrn Raphael Heß I., der bereits an der
Wiege des Vereins gestanden und welcher durch Unwohlsein verhindert war,
dem Feste beizuwohnen, schloss sich eine Reihe von Reden und Toasten an.
Der Geist der Eintracht rief eine gehobene Stimmung hervor, in welcher der
größte Teil der Festgäste bis über Mitternacht hinaus zusammen
verblieb. Es seien noch hier als Beweis, dass auch in unserer Gemeinde der
Wohltätigkeitssinn schöne Blüten treibt, einige Notizen über das
Vereinswesen angebracht. Es bestehen dahier noch eine jüngere Männer-
und Frauenkasse, ein Zweigverein des deutsch-israelitischen Kinderheimes
und ein erst neu gegründeter ‚Verein zur Gegenseitigkeit’, dessen
Mitglieder sich die Aufgabe gesteckt, bei Krankheits- und Todesfällen die
Pflichten des Gemilut Chesed
(Wohltätigkeit) zu handhaben. H. Ehrmann." |
Berichte zu einzelnen Personen
aus der Gemeinde
Todesstrafe gegen den Mörder von Herrn Hamburger
aus Bergen (1872)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Mai 1872: "Frankfurt
am Main. Unsere Leser werden sich des in vorigem Winter in Frankfurt
am Main an einem israelitischen Handelsmann verübten schrecklichen
Raubmordes erinnern. In einem der belebtesten Stadtteile, in dem Hausgange
eines besuchten Wirtshauses, wurde am hellen, lichten Tage in der
Mittagsstunde der 67-jährige Hamburger aus Bergen bei Frankfurt
ermordet und beraubt. Der Mörder, namens Völker, stand am verflossenen
Pessach-Feste vor den Assisen, wurde von den Geschworenen schuldig
befunden und in Folge dessen von dem Gerichtshofe zum Tode verurteilt.
In Rumänien wäre er sicherlich freigesprochen worden." |
Diamantene Hochzeit von Lazarus Heß und seiner Frau
(1908)
Meldung
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 13. März
1908: "Bergen bei Frankfurt am Main. Das Lazarus Heß'sche
Ehepaar feierte die Diamantene Hochzeit." |
Zum Tod von Leopold Herz, Bergen (gest. 1925 in Gelnhausen)
|
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Oktober 1925: "Gelnhausen,
7. Oktober (1925). ...
Acht Tage später, am 2. Tag von Sukkot (= Sonntag, 4. Oktober 1925)
betteten wir an seine Seite das älteste männliche Mitglied unserer
Kehillo, Leopold Herz, Bergen, der einer alteingesessenen
gutjüdischen hiesigen Familie entstammte. Plötzlich, ohne vorheriges
Kranksein, ereilte ihn mitten in der Unterhaltung im Hause eines seiner
Schwiegersöhne im Alter von 79 Jahren am Rüsttage des Laubhüttenfestes
der Tod. In ihm verliert unsere Gemeinschaft ebenfalls einen Mann, der
für die Erhaltung des Kultus in traditionellem Sinne nach bestem Können
bestrebt war, der Pflege jüdischen Geistes Interesse entgegenbrachte und
über den religiösen Abfall der Jugend häufig Worte der Klage und des
Tages fand. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."
|
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige von Moritz Hirsch (1898)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. September 1898:
"Haushälterin gesetzten Alters, per sofort gesucht.
Moritz Hirsch, Bergen bei Frankfurt am
Main." |
Zur Geschichte der Synagoge
Auf Grund der Zahl
der jüdischen Einwohner dürfte spätestens Anfang des 18. Jahrhunderts
eine Synagoge beziehungsweise ein Betsaal eingerichtet worden sein. Diese
erste "Judenschule" befand sich in einem Gebäude in der früheren
Rathausgasse (heute: Am Berger Spielhaus), die im Volksmund auch "Rewwesgaß" hieß:
hier wohnte der Rabbiner = Rewwe. Wo er wohnte, war zugleich die Schule und im
Oberstock ein Bet- und Versammlungssaal.
Mitte des 19. Jahrhunderts war die erste Synagoge zu klein und nicht mehr den
Ansprüchen der Zeit gewachsen. Die Gemeinde entschloss sich zum Neubau einer
Synagoge, die 1854 feierlich eingeweiht werden konnte.
1894 konnte das 40-jährige Bestehen des Synagoge festlich
begangen werden.
Bergen,
9. Oktober (Jubiläum der israelitischen Gemeinde). Am 1. Oktober waren es 40* Jahre, dass die hiesige Synagoge ihrer Bestimmung übergeben wurde. Von der
Synagogengemeinde wurde deshalb dieser Tag festlich begangen. Am Freitag Abend
fand eine religiöse, sowie eine unterhaltende Vorfeier statt. Nach einem am
Samstag abgehaltenen Frühgottesdienst erfolgte um 9 Uhr die feierlich
Überbringung einer neuen Sefer Tora, deren Einweihung mit dem Feste verbunden
war, vom Schullokal nach dem Oron-Hakodesch (Toraschrein), wo unter den
üblichen Zeremonien die alten Torarollen aus- und die neuen eingehoben wurden.
Ein Gebet für den Landesfürsten wurde gesprochen. Die Festpredigt hielt Herr
Grünebaum. Ein Chorgesang beschloss die Feier. Abends fand ein gut besuchter
Ball in den Sälen des Gasthauses "Zur schönen Aussicht" statt.
*) im Artikel steht fälschlicherweise 50 Jahre. |
1929 wurde das 75jährige Bestehen der Synagoge feierlich
gegangen.
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. November 1929:
"Jubiläumsfeier in Bergen. Das 75-jährige Bestehen der hiesigen
Synagoge war der Anlass zu einer Feier, die in den Annalen der
hiesigen Gemeinde einzig dasteht. Nachdem am Freitagabend und Schabbatmorgen
feierliche Gottesdienste stattgefunden hatten, bei welcher Lehrer
Heinemann Bedeutung und Zweck eines Gotteshauses und des Gebetes in
längerer Ausführung würdigte, fand am Sonntagnachmittag die offizielle
Feier statt.
Es hatten sich zu derselben in der festlich geschmückten Synagoge neben
Herrn Provinzial-Rabbiner Dr. Gradenwitz - Hanau, Herr Kreisvorsteher
Rechtsanwalt Dr. Koref - Hanau, die Herren Gemeindeältesten von Hanau und
anderer Orte des Landkreises, zwei Herren des Vorstandes der
Synagogengemeinde Frankfurt am Main, die evangelischen Geistlichen von
Bergen und Enkheim, ein Vertreter des durch Amtshandlungen verhinderten katholischen
Geistlichen, Bürgermeister und Ortsvorstand, Gemeinderäte, beide Herren
Amtsgerichtsräte, Herr Postmeister, der Rektor und eine Anzahl Lehrer
sowie viele auswärts wohnende, von hier stammende Damen und Herren und
die ganze Gemeinde eingefunden. Die Synagoge war überfüllt wie noch
nie.
Der Gemeindeälteste, Julius Strauß, bedauerte, dass sein älterer
Kollege, Herr Moritz Hirsch, durch Krankheit am Erscheinen verhindert sei,
und begrüßte alle Ehrengäste und Festteilnehmer in sehr herzlicher
Weise. Darauf folgte ein geschichtlicher Vortrag des Lehrers Heinemann,
der erzählte, dass schon im 15. Jahrhundert Juden in Bergen wohnten und
einen Rückblick über die Verhältnisse der Gemeinde in den letzten 100
Jahren hielt mit besonderer Berücksichtigung der Geschichte der
Synagoge.
Nun folgte eine von Begeisterung getragene Festrede des Herrn Provinzialrabbiners
Dr. Gradenwitz, der über Entstehung von Gotteshäusern seit ältesten
Zeiten im Geiste auch speziell seitens unserer Väter sprach und
Zweck und Bedeutung derselben in feurigen Worten darlegte.
Es folgten herrliche Reden seitens des Herrn Kreisvorstehers Rechtsanwalt
Dr. Koref, des Herrn Bürgermeisters Zins, des Herrn Amtsgerichtsrates
Neus, des Herrn evangelischen Pfarrers von hier, eines Vertreters des
katholischen Pfarrers, des Herrn Justizrats Dr. Blau - Frankfurt am Main,
des Herrn Rektors der hiesigen christlichen Schulen, des Herrn
Gemeindeältesten Sichel - Hanau, der im Namen seiner Gemeinde ein
Festgeschenk in Form eines schönen Bechers überreichte.
Alles, was die nichtjüdischen Redner sprachen, war eine wahre Heiligung
des Gottesnamens.
Die Reden waren umrahmt und unterbrochen von herrlichen jüdischen
Gesängen, die ein Frankfurter Chor unter Leitung des Herrn Dr. Ehrenreich
mustergültig vortrug und einigen schönen musikalischen Stücken auf
Klavier, Violine und Klarinette von hiesigen Musikern dargeboten. Nachdem
die Behörden und nichtjüdischen Kreise die Synagoge verlassen hatten,
wurde Mincha und Maariw gebetet.
Ein solennes Festmahl in der 'Schönen Aussicht', gewürzt von ernsten und
heiteren Reden, musikalischen und humoristischen Darbietungen, vereinigte
am Abend nochmals die Vertreter der bürgerlichen Gemeinde mit der
Festgemeinde und viele auswärtige Gäste mit unserem verehrten
Provinzialrabbiner und Kreisvorsteher.
Die Synagoge war aufs herrlichste geschmückt und wurde durch freiwillige
Spenden mit Teppichen belegt; und für die Torarollen wurde auf gleichem
Wege ein schönes silbernes, vergoldetes Schild beschafft, das am Fest-Schabbat
erstmals seiner Bestimmung geweiht wurde.
Herr Provinzialrabbiner Dr. Gradenwitz nahm während der Abendunterhaltung
Anlass, Lehrer Heinemann durch den Chower-Titel auszuzeichnen und teilte
ihm solches nachträglich nochmals in einem ehrenvollen Schreiben
mit.
Das Fest wird allen Teilnehmern in ewigem Gedächtnis
bleiben." |
Neun Jahre nach diesem festlichen Jubiläum später wurde die Synagoge beim Novemberpogrom 1938
geschändet und zerstört. SA-Leute
zerschlugen unter tatkräftiger Unterstützung durch Personen aus Bergen,
insbesondere auch Jugendliche mit Beilen, Äxten und anderen Werkzeugen die
gesamte Inneneinrichtung und deckten das Dach ab. Die
Synagoge wurde wenig später abgebrochen.
Am 6. Mai 1962 wurde am Synagogenstandort eine Gedenktafel (Bronzetafel, 60 x
59,5 cm, Gestaltung: Werkkunstschule Offenbach, Ltg. Karlgeorg Höfer) angebracht. Sie trägt die Inschrift:
"Mein Haus soll ein Bethaus sein allen Völkern Jesaja 56/7 und
Siehe
nicht schläft noch schlummert der Hüter Israels Psalm 121/4. In diesem Hof
stand die Synagoge, das Bethaus unserer jüdischen Mitbürger. Es wurde erbaut
im Jahre 1853 und zerstört am 10./11. November 1938".
Adresse/Standort der Synagoge:
 | Alte Judenschule auf Grundstück Rathausgasse 10 |
 | Synagoge 1854-1938 in der Conrad-Weil-Gasse 5
|
Fotos
(Quelle: Informationsseiten
der Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim mbH)
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Vor der alten
"Judenschule" in der
Rathausgasse 1912/13
(Leo Baeck Institut New York) |
Die Ruine der Synagoge Bergen - zwei
Tage nach der Zerstörung
(Hessisches Hauptstaatsarchiv) |
Gedenktafel für die
Synagoge.
(Foto: Hannelore Hummel) |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Germania Judaica II,1 S. 85 (Artikel Bischofsheim). |
 | Helmut Ulshöfer: Jüdische Gemeinde Bergen-Enkheim
1933-1942. Frankfurt 1988. |
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. 65-66. |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 149-150. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 401-402. |
 | Peter Heckert: Jüdisches Leben in Maintal. Online
zugänglich
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Bergen
Hesse-Nassau. Established in the early 18th century, the community numbered 129
(10 % of the total) in 1835. It maintained an elementary school, built a new
synagogue (1854), and grew to 223 in 1895. Affiliated with the rabbinate of
Hanau, it also had members in nearby Fechenheim and a population numbering 148
in 1925. The Nazi boycott forced Jews to leave and only nine remained on Kristallnacht
(9-10 November 1938) when the synagogue's interior was destroyed. Among the 55
Holocaust victims were 28 Jews deported in 1942.

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