Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

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Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)   
   
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts unterschiedlichen Adelsfamilien, vor allem den Landgrafen von Leuchtenberg beziehungsweise als deren Lehen zum Bistum Würzburg gehörenden Grünsfeld bestand eine jüdische Gemeinde zunächst im Mittelalter. Jüdische Bewohner werden bereits seit 1218 genannt. Die Judenverfolgung 1298 zerstörte die Gemeinde. 1377 wird wieder ein Jude in der Stadt genannt. 
  
Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde geht in die Zeit Anfang des 16. bzw. in das 17. Jahrhundert zurück. Von 1576 bis um 1640 bestand ein Niederlassungsverbot für Juden in Grünsfeld. 1775 werden wieder 7 jüdische Haushaltungen genannt. 
    
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule und ein rituelles Bad. Die Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof in Allersheim beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben war zeitweise ein jüdischer Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl. Ausschreibungen der Stelle unten). 1827 wurde die Gemeinde dem Rabbinatsbezirk Wertheim zugeteilt. 

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1826 37 jüdische Einwohner, 1833 31, 1838 35, 1841 33, höchste Zahl jüdischer Einwohner um 1871 mit 63 Personen, 1875 59, 1880 60, 1885 40, 1890 51, 1895 54, 1900 55, 1905 54, 1910 49. Die Juden in Grünsfeld lebten überwiegend vom Viehhandel. 
  
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Berthold Rosenbusch (geb. 29.5.1897 in Grünsfeld, gef. 21.3.1918). Außerdem ist gefallen: Friedrich Rosenbaum (geb. 5.6.1890 in Grünsfeld, vor 1914 in Leipzig wohnhaft, gef. 20.7.1916).     
     
Um 1924, als zur Gemeinde 52 Personen gehörten (3,6 % von insgesamt etwa 1.600 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Siegfried Rothschild, Moritz Sichel, Leopold Sichel und Samuel Rothschild. Den Religionsunterricht der damals fünf schulpflichtigen jüdischen Kinder der Gemeinde erteilte Lehrer Oskar Dreifuß aus Tauberbischofsheim. 1932 waren die Gemeindevorsteher Oskar Schiller (1. Vors.), Leopold Sichel (2. Vors.) und Samson Rothschild (3. Vors.). Im Schuljahr 1931/32 war nur noch ein Kind der Gemeinde durch Lehrer Alfred Kaufmann aus Tauberbischofsheim in Religion zu unterrichten.     
  
Bis nach 1933 gab es neben den jüdischen Viehhandlungen auch zwei im Besitz jüdischer Familien stehende Manufakturwarengeschäfte. Im einzelnen bestanden: Manufakturwarengeschäft Hermann Rosenbaum (Hauptstraße 27), Manufakturwarengeschäft Rosenbusch, Inh. Hilde Rosenbusch, Oskar und Selma Schiller (Leuchtenbergstraße 8), Viehhandlung Samson Rothschild (Treppengasse 1), Viehhandlung Simon genannt Siegfried Rothschild (Abt-Wundert-Straße 1), Viehhandlung Leopold Sichel (Hauptstraße 16).   
    
1933 wurden 29 jüdische Einwohner in Grünsfeld gezählt. Auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Repressalien und der Entrechtung ist ein Teil von ihnen in den folgenden Jahren ausgewandert beziehungsweise in andere Städte verzogen. Die Gemeinde wurde am 7. März 1938 aufgelöst; die hier noch lebenden Juden der Gemeinde in Tauberbischofsheim zugeteilt. Bis 1940 emigrierten 15 jüdische Einwohner nach Frankreich, Paraguay, Palästina und in die USA, fünf starben zwischen 1933 und 1940 in ihrer alten Heimat. 1940 wurden die letzten jüdischen Einwohner Grünsfelds nach Gurs deportiert, von denen nur einer überlebt hatte. Einige Grünsfelder Juden wurden aus anderen Orten deportiert, u.a. Babette Rosenbaum, die 1942 aus Mannheim in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurde, wenig später nach Maly Trostinec, wo sie ermordet wurde.    
    
Von den in Grünsfeld geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Amalie Bender geb. Rosenbaum (1892), Rosa (Rosalie) Bravmann geb. Rosenbaum (1881), Lina Forchheimer geb. Sichel (1882), Selma Maier geb. Sichel (1901), Karolina Merzbacher (1866), Babette Rosenbaum geb. Merzbacher (1861), Hermann Rosenbaum (1877), Regina Rosenbaum geb. Adler (1881), Hilda Rosenbusch (1895), Jeanette Rosenbusch geb. Bayer (1865), Nathan Rosenbusch (1892), Leopold Rothschild (1861), Rosa Rothschild geb. Bierig (1877), Selma Schiller geb. Rosenbusch (1893), Rosa Schwab geb. Rosenheimer (1878), Berta Sichel geb. Rosenbaum (1872), Max Sichel (1896), Otto Sichel (1896).
    
    
    
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
  
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer
  

Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1855 / 1890 / 1902 / 1922 
Anmerkung: bei der Ausschreibung 1890 war Grünsfeld Filiale zur Gemeinde Messelhausen, 1922 Filiale zur Gemeinde Wenkheim.   

Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 12. Dezember 1855 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Die mit einem festen Gehalte von 135 fl. und einem jährlichen Schulgelde von 48 kr. für jedes die Religionsschule besuchende Kind, einem Aversum ferner von 15 fl. für den zu erteilenden weltlichen Unterricht, und dem Vorsängerdienste samt den davon abhängigen Gefällen, verbundene Religionsschulstelle bei der israelitischen Gemeinde Grünsfeld, Synagogenbezirks Tauberbischofsheim, ist zu besetzen.   
Die berechtigten Bewerber um dieselbe werden daher aufgefordert, mit ihren Gesuchen, unter Vorlage ihrer Aufnahmeurkunden und der Zeugnisse über ihren sittlichen und religiösen Lebenswandel, binnen 6 Wochen, mittelst des betreffenden Bezirksrabbinats, bei der Bezirkssynagoge Tauberbischofsheim sich zu melden. Bei dem Abgange von Meldungen von Schul- oder Rabbinatskandidaten, können auch andere inländische befähigte Subjekte nach erstandener Prüfung bei dem Bezirksrabbiner zur Bewerbung zugelassen werden."   
 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Mai 1890: "Vakanz
Die Religionslehrer-, Vorsänger- und Schächterstelle in Messelhausen ist auf 1. August dieses Jahres neu zu besetzen. Festes Einkommen Mark 600 bei freier Wohnung und Nebeneinkommen von Mark 200-300. Außerdem Filiale Grünsfeld mit Einkommen von über 300 Mark. Bewerbungen mit beglaubigten Zeugnisabschriften sind alsbald an den Unterzeichneten zu richten. 
Mosbach, 4. Mai 1890. Die Bezirkssynagoge. Dr. Löwenstein." 
 
Gruensfeld Israelit 12051902.jpg (72640 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Mai 1902: "Vakanz
Die mit einem festen Gehalt von 700 Mark und Nebengefällen von etwa 200 Mark nebst freier Wohnung verbundene Religionslehrer-, Vorsänger- und Schächterstelle in Grünsfeld ist sofort zu besetzen. Ledige Bewerber wollen ihre Gesuche nebst Zeugnisabschriften uns zusenden. 
Mosbach, 9. Mai (1902). 
Die Bezirkssynagoge: Dr. Löwenstein
."   
   
Gruensfeld Israelit 09021922.jpg (67296 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Februar 1922: "Vakanz. Der Religionslehrer-, Vorbeter- und Schächterdienst bei der Gemeinde Wenkheim mit Filiale Grünsfeld ist sofort zu besetzen. Freie Dienstwohnung mit großem Garten, Wasserleitung und elektrischer Beleuchtung stehen zur Verfügung. Das Einkommen regelt sich nach der vom Oberrat der Israeliten aufgestellten Gehaltsskala. Verheiratete, streng religiöse, seminaristisch gebildete Bewerber wollen ihre mit Zeugnisabschriften versehenen Gesuche baldigst dem Synagogenrat in Wenkheim (Baden) zugehen lassen. 
Mosbach, den 30. Januar 1922. Die Bezirkssynagoge Dr. Löwenstein."   

  
Lehrer Heinrich Bloch wechselt nach Neckarbischofsheim (1910)  

Neckarbischofsheim FrfIsrFambl 26081910.jpg (36933 Byte)Mitteilung im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 26. August 1910: "Aus Baden. Die mit dem Vorsänger- und Schächterdienst verbundene Religionsschulstelle in Neckarbischofsheim (mit Filiale Waibstadt) wurde dem Religionslehrer Bloch in Grünsfeld (Baden) übertragen, jene in Wollenberg (Baden) dem Lehrer Tuch in Speyer am Rhein."

  
  

Gruensfeld Israelit 03041878.jpg (34546 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. April 1878: "Wir suchen einen Commis (Israelit), der in einem Manufakturwaren-Geschäft en détail gelernt hat und mit der Buchführung vertraut ist. 'Sonn- und Feiertage geschlossen. Eintritt sofort. S. Rosenbusch & Sohn, Grünsfeld (Baden)."  

     
Anzeige des Manufakturwarengeschäftes N. Rosenbusch (1889)   

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Juni 1889: "Per September ist in meinem Manufakturwaren-Geschäft, Samstags geschlossen, die Stelle eines Détailreisenden für Landtouren zu besetzen; nur solche Bewerber, welche schon mit Erfolg gereist haben, finden Berücksichtigung. 
Grünsfeld
(Baden). N. Rosenbusch".          

    
Verlobungsanzeige für Klara Marx und Lehrer Michael Eisemann (1920)    

Gruensfeld Israelit 25031920.jpg (26995 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. März 1920: "Klara Marx - Lehrer Michael Eisemann
Verlobte. Bödigheim Baden - Grünsfeld Baden. 
Nissan 5680". 

   
Verlobungsanzeige für Else Sichel und David Katzenstein (1925)     

Gruensfeld Israelit 03121925.jpg (26579 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Dezember 1925: "Statt Karten 
Else Sichel - David Katzenstein
. Verlobte. 
Grünsfeld Baden - Rhina Kreis Hünfeld. Dezember 1925."  

      
Geburtsanzeige von Heini Schiller, Sohn von Oskar Schiller und Selma geb. Rosenbusch (1928)     

Anzeige in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des Central-Vereins) vom 26. Oktober 1928: 
"Heini
Die glückliche Geburt eines Stammhalters zeigen in dankbarer Freude an 
Oskar Schiller und Frau Selma geb. Rosenbusch

Grünsfeld
, den 14. Oktober 1928".          

 
  
  
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge        
    
Im 17./18. Jahrhundert konzentrierte sich das Wohngebiet vermutlich auf das "Judengäßlein" (heute Treppengasse).   
     
Die mittelalterliche Gemeinde hatte eine Synagoge ("Judenschul"), 1502 als "steinernes Haus" genannt, möglicherweise identisch mit dem später als Pfarrhaus (ehemaliges "Tempelhaus") benutzten Gebäude (1861 abgebrannt). Bis zur Ausweisung der Juden 1576 wird gleichfalls ein Betsaal oder eine Synagoge vorhanden gewesen sein.  
       
Um 1800 wird wieder ein Betsaal genannt. Wahrscheinlich handelte es sich dabei bereits um denselben Betsaal (Synagoge), der nach einem Bericht des Bezirksrabbinates Tauberbischofsheim an das Bezirksamt Gerlachsheim vom 25. August 1852 dringend eine Reparatur und eine Umgestaltung der inneren Einrichtung nötig hatte. Mehrfach waren nach einem Bericht des zuständigen Tauberbischofsheimer Bezirksrabbiners Jakob Löwenstein an das Bezirksamt Teile des Verputzes sogar während der Gottesdienste heruntergefallen. Er habe dies auch schon einige Male angemahnt, aber es sei nichts verbessert worden. Das Problem lag nach Meinung Löwensteins an der Tatsache, dass die Synagoge gar nicht der Gemeinde gehörte, sondern im Privatbesitz von drei jüdischen Privatleuten war, nämlich des Hirsch Sichel, des Sedel Rosenbusch und Mayer Sichels Witwe. Sie konnten sich untereinander nicht über die Höhe der Kosten zur Reparatur einigen. Rabbiner Löwenstein bat das Bezirksamt um einen Lokaltermin mit den Eigentümern zur Besprechung der nötigen Reparaturen, die noch vor den Hohen Feiertagen im Herbst 1852 erledigt werden sollten.   
  
Dass die Grünsfelder Synagoge in Privatbesitz war, führte noch zu zahlreichen anderen Problemen innerhalb der Gemeinde. Selbstverständlich beanspruchten die Eigentümer die besten Plätze im Betsaal für sich und ihre Angehörigen, was regelmäßig ein Grund zum Ärgernis für andere Gemeindeglieder wurde. Auch hier war zur Vermeidung laufender Streitereien eine Klärung nötig. Am 16. April 1859 fand aus diesem Grund eine Gemeindeversammlung statt. Inzwischen waren die Eigentümer des Betsaales zu je einem Drittel Moses Sichel, Jakob und Josef Sichel, Lehmann und Nathan Rosenbusch. In dieser Gemeindeversammlung wurde den Eigentümern zunächst zugestanden, dass diese als erste die Synagogenplätze für sich und ihre Familie auswählen konnten. Alle anderen Plätze in der Synagoge wurden verlost. Die Inhaber hatten für ihren Platz künftig einen Gulden pro Jahr in die Gemeindekasse zu bezahlen. Die eingegangenen Beträge sollten für Reparaturen und etwaige Vergrößerungen oder Veränderungen der Synagoge verwendet werden. Die getroffene Vereinbarung wurde dadurch bestätigt, dass alle durch Wahl und Los bestimmten Synagogenplätze nummeriert wurden und die Abmachungen für zehn Jahre Geltung haben sollten. Eine Liste über alle Synagogenplätze mit den Namen der Inhaber wurde erstellt und den Behörden zugesandt.  
     
Ende der 1880er-Jahre war das Synagogengebäude wiederum in höchst reparaturbedürftigem Zustand. Im Dezember 1889 wurde berichtet, dass das Gebäude einen "kläglichen Anblick" biete. Der Aufgang sei völlig dunkel, das Treppengeländer fast abgerissen, sodass man nur mit Lebensgefahr die Stiege zum Betsaal hinaufkommen könne. Die Deckengebälke im Inneren der Synagoge seien durch den regelmäßig hereindringenden Regen durchgefault. Auch der Toraschrein sei dadurch schon in Mitleidenschaft gezogen worden. Das unter der Synagoge liegende Frauenbad habe keinen Abfluss und müsse jeweils ausgeschöpft werden. Wiederum lagen die Schwierigkeiten an der Durchführung von Reparaturen an den unverändert schwierigen Eigentumsverhältnissen. Die Eigentümer waren inzwischen Nathan Rosenbusch, Jakob Sichel und Josef Sichels Witwe, die sich alle drei nicht für Reparaturen zuständig fühlten. Auch dieses Mal musste sich der Bezirksrabbiner (inzwischen Rabbiner Dr. Löwenstein von Mosbach) einschalten, um zur Lösung der Probleme beizutragen. Man einigte sich im Januar 1890 darauf, dass die Ausbesserung des Daches Sache der Gemeinde sei und von ihr bezahlt werden müsse.  
  
Eine neue Situation trat im folgenden Jahr ein. 1891 hat der nichtjüdische Flaschnermeister (= Spengler) Heinrich Huband das Gebäude ohne den im zweiten Stock gelegenen Betsaal und das rituelle Bad im Keller erworben. Diese Einrichtungen übernahm nun die israelitische Gemeinde. Da der Zugang zur Wohnung und den Betsaal bislang nur über ein gemeinschaftliches Treppenhaus möglich war, beschloss die Gemeinde im Einvernehmen mit Huband, dass zum Betsaal eine direkte Treppe angelegt werden soll. Dazu musste freilich zu Wand zur Straßenseite durchbrochen werden, aber man konnte in diesem Zusammenhang einen neuen Kamin für die Heizung des Bades anlegen. Im Sommer 1893 wurden die Arbeiten ausgeführt. Freilich wurde im Zusammenhang mit diesen Arbeiten entdeckt, dass die tragenden Balken im Bereich des Betsaales durch den darunter liegenden Stall so verfault und wurmstichig waren, dass der Bezirksbaukontrolleur aus Tauberbischofsheim sofort das Betreten des Betsaales untersagte, bis neue Balken eingezogen waren. Die Arbeiten wurden noch im September 1893 ausgeführt, danach konnte die Gemeinde wieder ihre Gottesdienste feiern. 
     
Ein großes Unglück kam über die jüdische Gemeinde im Sommer 1931: am 31. August brannte der Betsaal ab. 

Gruensfeld Israelit 10091931s.jpg (76377 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. September 1931: "Grünsfeld, 3. September (1931). Am 31. August, morgens 4 Uhr bracht in der Nähe der Synagoge ein Brand aus, dem auch das Gotteshaus zum Opfer fiel. Als die ersten Menschen an den Brandplatz kamen, stand die Synagoge schon in Flammen. Eine junge jüdische Dame, eine im Greisenalter stehende Frau und zwei hoch betagte Männer drangen unter Lebensgefahr in die Synagoge, um wenigstens die Torarollen zu retten, was auch gelang. Fast alle übrigen Kultgeräte fielen dem entfesselten Elemente zum Opfer. Vor drei Jahren erst wurde die Synagoge unter großen Opfern und mit viel Liebe und Hingabe der kleinen Gemeinde renoviert. Die Gemeindemitglieder waren stolz auf 'ihr Schmuckkkästlein'. Die Stimmung in der Gemeinde ist sehr gedrückt."   
  
Gruensfeld GblIsrGFf 101932.jpg (11252 Byte)Mitteilung im "Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt" im Oktober 1931: "Grünsfeld. Die Synagoge in Grünsfeld bei Tauberbischofsheim ist abgebrannt."  

Obwohl die Gemeinde bereits sehr klein geworden war, diskutierte man doch sehr schnell über einen Wiederaufbau einer Synagoge. Eine Gemeindeversammlung beschloss am 31. Dezember 1932, den Betrag von 10.000 Mark in einen neuen Betsaal zu investieren. Von der Brandversicherung habe man 3.740 Mark erhalten, die Gemeinde verfügte über ein Guthaben von 3.660 Mark und der Rest könnte – was allerdings nicht unumstritten war - durch ein Darlehen finanziert werden. Auf Grund der nach 1933 völlig veränderten Situation konnte dieser Plan zum Bau einer neuen Synagoge  jedoch nicht mehr verwirklicht werden, obwohl noch ein Bauplatz am Seegraben vorhanden war.  
      
Die Gemeinde hat 1932 bis 1938 ihre Gottesdienste in einem jüdischen Privathaus beim Rathaus abgehalten. Dieser Betsaal wurde 1938 geplündert. 
   
Adressen der Synagogengebäude:  bis 1931 Rieneckstraße 4,    1932 bis 1938 Treppengasse 1  
Fotos 
Historische Pläne
(Quelle: GLA Karlsruhe  (Bezirksamt Tauberbischofsheim) Fasz. 4079 (Reparatur und Innenausstattung der Synagoge in Grünsfeld mit Bauplänen).  

Gruensfeld Synagoge 030.jpg (81924 Byte) Gruensfeld Synagoge 031.jpg (123457 Byte) Gruensfeld Synagoge 033.jpg (93794 Byte)
Grundriss des Synagogengebäudes 
von 1890. Damals bestand noch ein
 Eingang von der Straße ("Unterer
 Eingang"), über den man zur Synagoge
 und die Wohnungen über ein mit der
 gemeinsames Treppenhaus gelangte.
Grundriss des I. Stockes des
 Synagogengebäudes von 1893 
anlässlich des Einbaus eines direkten
 Zugangs (Treppe) zur Synagoge von 
der Straßenseite her
Grundriss des II. Stockes des
 Synagogengebäudes mit der Synagoge. 
Von der Treppe aus gelangte man 
zu einem "Vorplatz zur Synagoge" 
   
       
      
Gruensfeld Synagoge 032.jpg (90419 Byte) Gruensfeld Synagoge 034.jpg (75458 Byte)
Querschnitt durch das Synagogengebäude. Im linken Gebäude ist die Treppe 
zur Synagoge eingezeichnet. Im gewölbten Keller darunter befindet sich das 
rituelle Bad. Eingezeichnet ist der Kessel zur Warmwasserbereitung und der 
nach oben führende Kamin.
Ansicht des Synagogengebäudes
 (Vordergebäude mit den Wohnungen) 
von der Straßenseite. Eingezeichnet ist 
die 1893 neu erstelle Eingangstür mit 
dem direkten Zugang zur Synagoge.
    


Fotos nach 1945/Gegenwart: 
Fotos der mittelalterlichen Spuren:  

Gruensfeld Judengasse 150.jpg (46594 Byte) Gruensfeld Judengasse 152.jpg (53524 Byte) Gruensfeld Judengasse 153.jpg (50542 Byte)
Blick in die mittelalterliche Judengasse
 (heute Treppengasse) 
Am Haus Treppengasse 1 findet sich die
 Darstellung eines Juden 
Vergrößerung des 
Fotos links  
     
Gruensfeld Achatiuskapelle 150.jpg (55764 Byte) Gruensfeld Achatiuskapelle 153.jpg (75558 Byte)
Die um 1200 entstandene Achatiuskapelle in Grünsfeld-Hausen  
Auf dem lange als "Näpfchenstein" bezeichneten Stein in der Außenwand der Achatiuskapelle im benachbarten Grünsfeldhausen
 handelt es sich vermutlich um einen aus einer mittelalterlichen Synagoge stammenden Chanukka-Leuchter (11./12. Jahrhundert).
 
Gruensfeld Achatiuskapelle 152.jpg (86492 Byte) Gruensfeld Achatiuskapelle 151.jpg (103218 Byte) Avignon Chanukkalampe.jpg (69871 Byte)
Nordseite der Kapelle: an der Außenwand
 ist der "Näpfchenstein"  eingemauert 
Der vermutlich als Chanukkaleuchter 
zu erklärende Stein in der Außenwand 
Zum Vergleich: Steinerner
 Chanukkaleuchter
 des 12. Jahrhunderts aus Avignon 
(Quelle: Encyclopedia Judaica Bd. 7,1294) 
        
Erklärung zum Näpfchenstein: Im Mittelalter war die Verwendung von steinernen Chanukkaleuchtern weit verbreitet. Dabei handelte es sich um Steine mit Vertiefungen für das Einfüllen des Öls und das Einlegen des Dochts. Teilweise wurden in die Vertiefungen kleine Näpfchen eingesetzt. Die Vertiefungen des Steines an der Achatiuskapelle sind stark ausgewaschen. Doch spricht die Zahl der acht Vertiefungen und der an dieser Stelle in der sonst makellosen Mauer völlig ungewöhnliche kleine Stein für die Deutung als Chanukkaleuchter. Häufig wurden im Mittelalter Steine aus zerstörten Synagogen oder Grabsteine zerstörter jüdischer Friedhöfe gerade für den Bau von Kirchen verwendet (christlicher Triumphalismus), vgl. die beim Abbruch einer mittelalterlichen Klosterkirche in Würzburg gefundenen 1500 jüdischen Grabsteine (http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/1277/), ähnliches beim Münster in Ulm.

   

Fotos 2003:
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 22.9.2003)
     
Gruensfeld Synagoge 155.jpg (137320 Byte) Gruensfeld Judengasse 151.jpg (52832 Byte)
Das heutige Gebäude Rieneckstraße 4 auf dem Grundstück der früheren Synagoge. 
Auf diesem Grundstück (Lgb. Nr. 380) besaß der Spengler Heinrich Huband Gebäude. 
Die Synagoge im Besitz der jüdischen Gemeinde befand sich im Hintergebäude im 
1. Obergeschoss. Die später eingebaute Treppe führte direkt von der 
Leopoldstraße (heute: Rieneckstraße) hinauf zur Synagoge.
Blick auf das Gebäude Treppengasse 1, 
in dem 1932-1938 die Gottesdienste
 abgehalten wurden 
  
   

      
    

Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Grünsfeld mit Seite zur Achatiuskapelle  
Website der Evangelischen Kirchengemeinde Grünsfeld zur Einweihung des Gemeindehauses, ehemalige Mainhard-Scheune, Hauptstraße 19a, die am Platz des jüdischen Bades/einer früheren Synagoge stand: hier anklicken  

Literatur:

Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 177.
Elmar Weiß: Geschichte der Stadt Grünsfeld. 1981. S. 553-581.  
Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern - Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem 1986. S.  .  
synagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007.    

  
    


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Gruensfeld Baden.  Jews are first mentioned in 1218. The community was destroyed in the Rindfleisch massacres of 1298 and renewed only in the 16th century. After being expelled in 1576, Jews were again present in the 18th century, with a synagogue built in 1751 (destroyed in a fire in 1931) and the population reaching a peak of 63 in 1871 (4 % of the total). In 1933, 29 remained, most of them cattle traders. Eighteen left by 1939 (11 emigrating) and the last seven were deported to the Gurs concentration camp on 22 October 1940.  
    
      

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 28. Juli 2013