Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


Eingangsseite

Aktuelle Informationen

Jahrestagungen von Alemannia Judaica

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft

Jüdische Friedhöfe 

(Frühere und bestehende) Synagogen

Übersicht: Jüdische Kulturdenkmale in der Region

Bestehende jüdische Gemeinden in der Region

Jüdische Museen

FORSCHUNGS-
PROJEKTE

Literatur und Presseartikel

Adressliste

Digitale Postkarten

Links

 


zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"  
zu den Synagogen in Baden-Württemberg 

  
Wertheim (Main-Tauber-Kreis) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagogen
   
(erstellt unter Mitarbeit von Dieter Fauth, Wertheim)   

    

22. Mai bis 4. Juli 2014: Ausstellung "Verfolgte Wertheimer im NS-Regime - Juden - 'Euthanasie'-Opfer - Andersdenkende"   
Weitere Informationen siehe eingestellten Flyer (pdf-Datei zum Download)   

  
Übersicht:  

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Aus der Geschichte des Bezirksrabbinates in Wertheim   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen  
Zusätzliche Dokumente      
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen 
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  
Links und Literatur   

    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)    
   
In der bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts den Grafen von Wertheim gehörenden Stadt Wertheim bestand seit dem Mittelalter eine der ältesten jüdischen Gemeinden im badischen Raum. Erstmals werden 1212 oder 1222 Juden in der Stadt genannt. Bei den Judenverfolgungen 1298 und während der Pestzeit 1349 wurden auch in Wertheim Juden ermordet. Nach diesen Verfolgungszeiten lebten nach vermutlich nur kurzen Unterbrechungen Juden in der Stadt bis zum Untergang der jüdischen Gemeinden Badens durch die Deportation nach Gurs im Oktober 1940. 
    
Das mittelalterliche Wohngebiet konzentrierte sich auf die ehemalige (alte) "Judengasse" (1381 erwähnt), nach 1447 und bis heute "Kapellengasse" genannt. Vermutlich befand sich an der Stadtmauer (Ausgang Kapellengasse) das "Judentürlein". Seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts war das Wohngebiet vor allem in der heutigen Gerbergasse beziehungsweise dem um sie gelegenen "Brückenviertel". Die Gerbergasse trug bis 1938 [siehe Fauth 2013, S. 188 Anm. 17] die Bezeichnung "Judengasse".
 
1622 wurden 16 jüdische Familien in der Stadt gezählt. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts waren es durchschnittlich etwa 10 bis 12 Familien. 
  
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl jüdischer Einwohner wie folgt: 1825 98 jüdische Einwohner (2,6 % von insgesamt 3.767 Einwohnern), 1855 115 (3,6 % von 3.198), 1880 180 (3,9 % von 4.567), 1885 221, 1895 191 (5,4 % von 3.556), 1900 201 (5,1 % von 3.915), 1910 168 (4,6 % von 3.648).  
    
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (zur Geschichte der insgesamt fünf Synagogen siehe unten), eine jüdische Schule, ein rituelles Bad (unweit der Synagoge am Neuplatz, abgebrochen, jedoch wurde bei der Neugestaltung des Neuplatzes seit 2002 auf eine Bebauung im Bereich der ehemaligen Mikwe verzichtet) sowie einen Friedhof.  Seit 1827 war Wertheim Sitz einer Bezirksrabbinates; von 1850 bis 1864 hatte das Bezirksrabbinat Wertheim seinen Sitz in Tauberbischofsheim; seit 1886 wurde das Bezirksrabbinat Wertheim von Mosbach aus mitverwaltet. Zum Rabbinatsbezirk Wertheim gehörten die jüdischen Gemeinden in Dertingen, Freudenberg, Grünsfeld, Hardheim, Königheim, Külsheim, Messelhausen, Tauberbischofsheim mit Dittigheim, Hochhausen und Impfingen sowie Wenkheim.   
 
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Max Benario (geb. 11.11.1896 in Wertheim, gef. 24.11.1915) und Karl Rothschild (geb. 21.3.1891 in Dertingen, gef. 12.4.1915). Ihre Namen stehen auf dem Gefallenendenkmal unter dem Portikus der städtischen Friedhofskapelle. Weiterhin sind unter den Wertheimer Gefallenen Jakob Schwarzschild (geb. 12.04.1889 in Dertingen, gef. 20.09.1918) und Ernst Grünstein (geb. 19.07.1894 in Wertheim, gef. 25.12.1914) zu nennen [siehe Fauth 2013 S. 308].  
   
Um 1924, als zur jüdischen Gemeinde 110 Personen gehörten (3,0 % von insgesamt 3.673 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Leopold Cahn, Simon Thalmann und Isak Müller. Als Kantor, Lehrer und Schochet war Sally Sichel tätig. Er unterrichtete an der Religionsschule der Gemeinde damals 11 Kinder. An jüdischen Vereinen bestanden eine Armenkasse (1924 unter Leitung von J. Israel), eine Chewra Kadischa (1924/32 unter Leitung von J. Israel mit etwa 25 Mitgliedern; Zweck und Arbeitsgebiet: Unterstützung Hilfsbedürftiger und Bestattungswesen) sowie eine Chewra für Frauen (1932 unter Vorsitz von Frau Fleischmann, Zweck und Arbeitsgebiete: Krankenpflege, Bestattungswesen). Im Schuljahr 1931/32 hatte Sally Sichel zehn Kinder in Religion zu unterrichten.          
  
Die jüdischen Familien spielten eine wichtige Rolle im wirtschaftlichen Leben der Stadt. An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden Handels- und Gewerbebetrieben im Besitz jüdischer Familien sind bekannt: Viehhandlung Adolf Adler (Neugasse, mit Stall in der Schulgasse), Bankhaus Bernhard Benario, Inh. Adolf Oppenheimer (Marktplatz 21), Viehhandlung Ludwig und Max Brückheimer (Bahnhofstraße, mit Stall im Lehmgrubenweg), Schuhgeschäft Brückheimer (Bahnhofstraße 4), Metzgerei-Bedarfsartikel Gustav Brunngässer (Ecke Hospitalstraße /Hans-Bardon-Straße ), Manufakturwarengeschäft Leopold Cahn (Maingasse 20), Tabakwarengroßhandlung Sigmund Cahn (Fischergasse 3), Viehhandlung Gottlieb Häusler (Brummgasse, mit Stall in der Hans-Bardon-Straße), Buchdruckerei Häusler (Maingasse 7), Textilkaufhaus Menko Held, Inh. Max Held (Marktplatz 8/10), Café und Mazzenbäckerei Isidor Israel (Maingasse 17), Viehhandlung Isaak Karpf (Lehmgrubenweg 6), Antiquitäten, Hüte und Mützen Daniel/Ernst Klaus (Maingasse 3), Schlosserei und Fahrradreparatur Sigmund Klaus (Maingasse), ein nicht näher bekanntes Geschäft von Loeb Rothschild und seiner Tochter Jetta Lack (Zollgasse 8), Viehhandlung Siegfried Schwarzschild (Veitsgasse 2), Maschinen- und Fahrradhandlung Sigmund Schwarzschild (Ecke Lindenstraße /Kapellengasse), Buchbinderei und Papierwarenhandlung Isaak Strauß (Maingasse 1), Metzgerei Isaak Strauß (Mühlenstraße 6), Modehaus Johanna Wolfers-Strauss (Marktplatz 5), Manufakturwarengeschäft Simon Thalmann (Rathausgasse 4, zugl. Stammhaus der Fam. Benario seit 1806) und die Verwertungsfirma für Knochen, Eisen u.a. Moses Wolf (Wohnung: Nebenrittergasse 3, Betrieb in Bestenheid).    
         
1933 lebten noch 92 jüdische Personen in Wertheim. In den folgenden Jahren ist ein Teil der jüdischen Einwohner auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. 1934 verkündeten Schilder an den Ortsausgängen, dass Juden in der Stadt unerwünscht seien. Die Städtische Sparkasse beschloss 1935, keinerlei Geschäft mehr mit Juden zu tätigen. Die Judengasse wurde 1938 in Gerbergasse umbenannt. Anfang November 1938 wurden noch 43 jüdische Einwohner in der Stadt gezählt. Das Kaufhaus Held, das Manufakturwarengeschäft Thalmann, das Schuhhaus Brückheimer und das Café Israel hatten trotz bereits jahreslanger Schikanen als letzte jüdische Firmen noch geöffnet [vgl. Details z.B. zum Café Israel in Fauth 2013 S. 281]. Beim Novemberpogrom 1938 wurden diese Geschäfte und die jüdische Wohnungen demoliert und geplündert. Auch das Innere der Synagoge wurde demoliert (s.u.). Max Held und Lehrer Sally Sichel wurden in das KZ Dachau verschleppt. Anfang September 1939 lebten noch 21 jüdische Personen in Wertheim. Am 22. Oktober 1940 wurden die letzten 19 jüdischen Einwohner nach Gurs deportiert [vgl. zu Zahl und Namen Fauth 2013 S. 191-192].      
      
V
on den in Wertheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945", korrigiert und ergänzt durch die Recherchen / Angaben von Dieter Fauth 12/2013): Moses Adler (1882), Nathan Adler (1885), Hermann Altmann (1860), David Bergmann (1873), Max Bergmann (1881), Michaeline Bergmann (1881), Mina Bildstein geb. Schwarzmann (1876), Max Blumenthal (1887), Gerda Braunold geb. Klaus (1893), Hilda Brückheimer (1894), Hedwig Brückheimer (1896), Selma Brückheimer (1893), Sophie Brückheimer geb. Wolf (1860), Emil Cahn (1861), Frida Diamant geb. Adler (1891), Meta Ehrlich geb. Stumpf (1900), Clara Falk geb. Stumpf (1872), Ida Falk geb. Stumpf (1875), Moritz Faller (1876), Sophie Frank geb. Arnstein (1867), Bertha Frank (1890), Moses Freimark (1871), Sofie Freimark geb. Eschelbacher (1873), Moritz Gerstle (1879), Frieda Goldschmidt geb. Thalmann (1891), Ida Gottschalk geb. Faller (1882), Heinz-Josef Hammel (1927), Hilda Hammel geb. Fleischmann (1897), Leo Hammel (1892), Robert Hammel (1931), Babette (Bertha) Häusler geb. Kaufmann (1872), Friedrich Häusler (1898), Gottlob Hausler (1870), Thekla Heilbrunn geb. Faller (1882), Alfred Heimann (1871), Rosalie Heimann geb. Kahn (1881), Johanna Held geb. Bär (1889), Max Held (1879), Isidor Israel (1882), Pauline (Paula) Israel geb. Weil (1884), Isaak Karpf (1864), Therese Karpf geb. Adler (1866), Babette Kauffmann geb. Benario (1863), Klara Kaufmann geb. Diebach (1895), Emilie Klar geb. Adler (1884), Ernst Klaus (1903), Henriette Klaus (1899), Karoline (Lina) Klaus geb. Steindecker (1865), Sigmund Klaus (1897), Klara (Cläre) Klein geb. Held (1885), Meta Krämer (1902), Jetta Lack geb. Rothschild (1876), Irma Lessner (1893), Leopold Müller (1889), Pauline Prager geb. Arnstein (1868), Alfred Rosenbaum (1910), Hermann Rosenbaum (1877), Martha Rosenbaum (1908), Regina Rosenbaum geb. Adler (1881), Betty Rosenbusch geb. Klaus (1891), Philipp Rothschild (1879), Jeanette Smilg geb. Benario (1861), Emil Nehemias Sommer (1874), Nathan Spatz (1864), Albert Spiegel (1879), Leopold Spiegel (1876), Moses Steindecker (1853), Jetta Strauß (1879), Max Louis Thalmann (1894), Jenny Ullmann (1890), Cäcilie Weissenstein geb. Held (1881), Frieda Wolf geb. Adler (1883), Hilde Wolf geb. Spiegel (1886), Moses Wolf (1878), Karoline Würzburger geb. Lehmann (1865).             
  
Hinweis: Von 2009 bis 2014 wurden in Wertheim in mehreren Verlegeaktionen insgesamt 73 sogenannte "Stolpersteine" zur Erinnerung an die in der NS-Zeit umgekommenen Personen verlegt. Darüber informieren einige unten eingestellte Presseartikel sowie das Gedenkbuch von Dieter Fauth (siehe unten).       
  
  
  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
   
Aus der Geschichte des Bezirksrabbinates in Wertheim        
Ausschreibung des Bezirksrabbinates Wertheim (1848)       

Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 23. Februar 1848 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Bekanntmachung.
(Nr. 22). Das Rabbinat des durch höchste Verordnung vom 13. März 1827, § I. 14, Regierungsblatt Nr. 10, bestimmten Synagogenbezirks Wertheim, mit welchem eine feste Besoldung von 500 fl., nebst freier Wohnung und dem Bezug der tarifmäßigen Rabbinatsgefälle verbunden ist, soll nunmehr, nachdem die in Ziffer II. jener Verordnung erwähnte Voraussetzung eingetreten ist, erstmals besetzt werden. 
Die berechtigten Bewerber werden daher aufgefordert, mit ihren Gesuchen binnen 6 Wochen bei diesseitiger Behörde sich zu melden.  
Karlsruhe, den 27. Januar 1848. 
Großherzoglicher badischer Oberrat der Israeliten. Der Ministerial-Kommissär: Fröhlich. Vdt. Mos. Heimerdinger".     


Ausschreibung der Stelle des Bezirksrabbinates Wertheim (1885)        

Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. Oktober 1885:  "Das Bezirksrabbinat Wertheim, mit welchem die Verwaltung des Bezirksrabbinates Merchingen verbunden ist, soll neu besetzt werden. Die festen Bezüge betragen 1800 bis 2000 Mark neben freier Dienstwohnung. Die Akzidenzien in dem umfassenden Dienstbezirke (29 Gemeinden) sind nicht unerheblich. Die Bestallung erfolgt mit der Bedingung, dass der Inhaber der Stelle im Falle einer organisatorischen Änderung auf Verlangen der zuständigen Behörde seinen Wohnsitz von Wertheim nach Mosbach zu verlegen hätte. Bewerbungsgesuche sind unter Beifügung einer Darlegung des seitherigen Lebensganges, ferner der Nachweise über die allgemeine wissenschaftliche und fachliche Ausbildung, sowie über erlangte Autorisation zur Ausübung von Rabbinatsfunktionen und über die seitherige Berufstätigkeit binnen 6 Wochen bei der unterzeichneten Behörde einzureichen. 
Karlsruhe
, den 15. Oktober 1885. 
Großherzoglicher Badischer Oberrat der Israeliten. Der Ministerial-Kommissär: Joos.
"      

    
    
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer    
Zum Tod von Lehrer L. Faller (1889; Lehrer in Wertheim von 1842 bis 1885)  

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 24. Oktober 1889: "Man schreibt aus Wertheim, 23. September (1889). Gestern früh starb hier im hohen Alter von 80 Jahren der pensionierte Lehrer L. Faller. Gebürtig aus Grombach, Amt Sinsheim, kam er im Jahre 1842 hierher zu Versehung der israelitischen Religionsschule, der er volle 43 Jahre, bis zu seiner vor vier Jahren erfolgten Zurruhesetzung vorstand, nachdem er bereits fünfzehn Jahre andere Stellen bekleidet hatte. Im ganzen war er 58 Jahre lang im Schuldienste tätig. Weit und breit wurde der Verstorbene wegen seines heiteren, humorvollen Wesens gekannt und geachtet. Vor einem Jahre wurde er vom Schlage gerührt und seitdem kränkelte er und nur der treuen Pflege seiner Familie gelang es, sein Leben zu fristen. Ein zweiter Anfall, den er vor wenigen Tagen erlitt, führte zur allmählichen Auflösung. Eine zahlreiche, in den geachtetsten Verhältnissen lebenden Nachkommenschaft sowie viele Freunde beweinen den Hingang des wackeren Mannes."

  
Lehrer Gumpert Thalmann ist erkrankt (1893)  
Anmerkung (auf Grund der Recherchen von Dieter Fauth, Wertheim): Gumpert Thalmann ist 1859 in Neubrunn geboren. Er war - vermutlich als Nachfolger des 1889 verstorbenen Lehrers L. Faller - Religionslehrer, Vorbeter und Schochet der jüdischen Gemeinde in Wertheim. Er war verheiratet mit Emilie geb. Gump (geb. 11.4.1867, gest. 6.2.1924 in Wertheim und auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt), mit der er vier Töchter hatte: Jenny (geb. 1891, später Zahnärztin, Dr. med. dent., verh. Stern in Pforzheim, 1943 in Tel Aviv gestorben), Minka (Mia, verh. Neter siehe weitere Informationen unten), Ella (geb. 1895, blieb unverheiratet), Karoline (geb. 1899, Towa, verh. Kaplansky in Wertheim); im Oktober 1934 Abmeldung von Gumpert Thalmann nach Mannheim; noch im selben Jahr nach Palästina emigriert.        

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Juli 1893: "Wertheim am Main, 25. Juli (1893). In der hiesigen Gemeinde waltet insofern ein ungünstiger Zustand, als der sehr tüchtige, allgemein geachtete Herr Lehrer Thalmann durch eine langwierige Krankheit an das Lager gefesselt ist. Bereits im Vorjahre hatte Herr Thalmann unter gleicher Krankheit zu leiden. Er ist zwar Dank Gotteshilfe in der Besserung, kann aber seine Stelle nicht versehen. Aushilfe in der Schechito leisten die Lehrer der umliegenden Gemeinden, während der greise Vorstand der Gemeinde, Herr Spiegel, an Sabbat und Feiertagen das Vorbeten und Vorlesen besorgt. Allerdings fällt es dem letzteren, der das 81. Lebensjahr vollendet und im Spätherbst die goldene Hochzeit feiert, beschwerlich. Obgleich die Gemeinde an 40 Familien zählt, ist Niemand da, der das Vorlesen besorgen kann und einen Vertreter aushilfsweise zu engagieren, mag man nicht. In Schechita (Schächten), Mikfah (rituelles Bad) etc. sind die Zustände der Gemeinde den strengsten Anforderungen entsprechend und der Gottesdienst ebenfalls."   

      
Lehrer Gumpert Thalmann hat ein Knabenpensionat eingerichtet (1902 / 1904)   

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. August 1902: "Zöglinge, welche das hiesige Gymnasium besuchen wollen, finden in meinem Hause gute Pflege und sachgemäße Aufsicht.
Lehrer G. Thalmann
, Wertheim am Main."
  
Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 26. Februar 1904: "Wertheim am Main. Knaben vom 9. Jahre an, welche die hiesige neugegründete 'Deutsche Nationalschule', die hauptsächlich für das praktische Leben vorbereitet, besuchen wollen, finden in meinem Hause gute Verpflegung und gewissenhafte Aufsicht. 
G. Thalmann, Lehrer. Eintrittszeit: Frühjahr und Herbst. Prospekte stehen zur Verfügung."  

      
Lehrer Gumpert Thalmann emigriert nach Erez Jisrael (1934)       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Dezember 1934: "Wertheim am Main, 26. November (1934). Lehrer Thalmann a.D., der annähernd vier Jahrzehnte hier amtierte, langjähriger Vorsitzender des Vereins israelitischer Lehrer und Kantoren Badens, verließ uns vor einigen Wochen und siedelte nach Erez Jisroel zu seinem Sohne über. Wir wünschen ihm drüben einen heiteren und glücklichen Lebensabend. (Alles Gute) bis 120 Jahre."         

     
      
Aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben 
Aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges 

Abschnitt aus einem Beitrag von Berthold Rosenthal "Während des Dreißigjährigen Krieges. Ein Beitrag zur Heimatgeschichte der badischen Juden" in der Monatsschrift des Central-Vereins vom Februar 1926 S. 16: "War aber die Soldateska verschwunden oder einigermaßen Ruhe eingekehrt, so wurden auch wieder die kleinlichen Anordnungen zur Drangsalierung der Juden hervorgeholt. In Wertheim beschwerte sich 1633 ein Beamter beim Grafen, weil die Juden kein gelbes Ringlein am Rocke tragen. Die Judenschaft begründete die Unterlassung einesteils damit, dass das Tragen dieses Abzeichnens seit 30 Jahren nicht mehr gefordert wurde und in den benachbarten Städten auch nicht mehr verlangt werde, anderseits wurde geltend gemacht: 'Würden wir bei jetzigen Kriegszeiten diese Ringlein tragen müssen, so wären wir unseres Lebens nicht sicher, wie erst neulich der Jude Männlein, als er auf der Straße ging und ein Soldat erfuhr, dass er Jude sei, von diesem mit einem Stein zu Boden geschlagen wurde und fast tot war, auch bis jetzt noch nicht geheilt ist.' 

 
Gemeindewahlen 1936 - aber nicht in Wertheim, sondern in Buchen  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. November 1936: "Wertheim (Baden), 1. November (1936). Der langjährige Bezirksälteste und Vorsteher, Leopold Cahn, verlässt unsere Gemeinde, um nach Erez Israel überzusiedeln. Bei der Gemeindewahl wurden die Herren Adolf Strauß, Lehrer Wertheimer und Leo Meyer zu Synagogenräten gewählt."  
  
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. November 1936: "Berichtigung. Bei der Notiz über eine Gemeindewahl, bei der die Herren Adolf Strauß, Lehrer Wertheimer und Leo Meyer zu Synagogenräten gewählt wurden, handelt es sich nicht, wir irrtümlich angegeben, um Wertheim, sondern um Buchen in Baden."

   
An den Ortseingängen hängen Schriftbänder "Juden sind in Wertheim unerwünscht" (1934) 

Mitteilung in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Oktober 1934: "Würzburg. Wie aus Pressemeldungen hervorgeht, hat die Stadtverwaltung in Wertheim unter den an Ortseingängen angebrachten Schriftbändern, die zum Besuch der Michaelismesse auffordern, den Satz anbringen lassen: 'Juden sind in Wertheim unerwünscht'. Von einer gleichartigen Maßnahme wird auch aus Tauberbischofsheim berichtet."    

   
   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
   

Bernhard und Leopold Benario werden in den Gemeinderat gewählt (1870)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. August 1870: "Wertheim, 6. August (1870). Bei der jüngst dahier vorgenommenen Wahl des Gemeinderats der hiesigen Stadt wurden die beiden Brüder Bernhard und Leopold Benario mit Stimmenmehrheit zu Mitgliedern des Gemeinderats gewählt. - Von 180 abgegebenen Stimmzetteln haben dieselben 178 Stimmen erhalten und da gesetzlicher Bestimmung gemäß Brüder nicht gleichzeitig Mitglieder des Gemeinderats sein können, was auch vor der Wahl gehörig bekannt gemacht wurde, so ist anzunehmen, dass unter den sämtlichen abgegebenen Stimmzettel sich nur 2 befanden, welche den Namen eines der beiden bemerkten Brüder nicht enthielten. - 
Dieses Wahlresultat gibt ein ehrendes Zeugnis für die Toleranz der Wähler, welcher ohne Rücksicht auf das religiöse Bekenntnis und ohne Rücksicht auf die religiöse Richtung der Gewählten, die durchaus nicht dieselbe ist, nur auf die Ehrenhaftigkeit und Tüchtigkeit ihrer Mitbürger ihre Augen gerichtet hatten."   

   
Zum Tod von Bernhard Benario (1885)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Februar 1885: "Wertheim, 16. Februar (1885). Heute Vormittag verstarb plötzlich der Präsident der Handelsgenossenschaft, Herr Bankier Bernhard Benario. am Herzschlag. Weit über die Grenzen Badens war der Verstorbene bekannt und geachtet. Er war Gründer und langjähriger Vorstand des hiesigen Vorschussvereins, der unter ihm zu großer Prosperität gelangte. Ebenso war er lange Mitglied des Bezirksrats und Stadtrat. Sein Eifer für alle gemeinnützigen Bestrebungen erlahmte nie und noch in letzter Zeit war er eifrig für das Zustandekommen der Bahnverbindung Worms-Würzburg tätig. Von Seiten der Regierung war auch sein Wirken stets anerkannt und erst vor zwei Jahren durch Verleihung des Ordens des Zähringer Löwen ausgezeichnet. Die Armen verlieren in dem Verstorbenen einen stets hilfsbereiten Wohltäter. Ehre seinem Andenken."  

   
   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Einzelpersonen 
Anzeige der Frau von Leopold Benario (1891)
    

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Juni 1891: 
"Ich suche eine Köchin, die auch etwas Hausarbeit zu übernehmen bereit ist. 
Wertheim
am Main, 
Frau Leopold Benario".  

   
Anzeige des Metzgers J. Müller (1898)   

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. September 1898: "Ein kräftiger Junge kann bis 1. November, eventuell bälder unter günstigen Bedingungen in die Lehre treten. Schabbat und Feiertag geschlossen, auch könnte ein schon Ausgelernter daselbst eintreten. 
J. Müller, Metzger und Wurstler, Wertheim am Main. Baden."    
 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Dezember 1901: "Metzgerlehrling gesucht
Ein kräftiger Junge kann unter günstigen Bedingungen sofort oder an Ostern in die Lehre treten. Schabbat und Feiertag geschlossen. 
J. Müller
, Metzger und Wurstler, Wertheim am Main."           

        
Anzeige von Ferdinand Häusler, Wertheim (1901)  

Wertheim Israelit 14031901.jpg (35229 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. März 1901: "Tüchtiger, junger Mann sucht Stelle in einem Manufaktur- und Konfektions-Geschäft Eintritt kann sofort erfolgen, Gehaltsansprüche nach Übereinkunft.
Ferd. Häusler, Wertheim am Main, Baden."    

    
Anzeige der Herdfabrik Wertheim von Wilhelm Kreß (1901)
      

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. September 1901: 
"Haushaltungsherd mit Sabbatofen
letzteren durch vorzüglich regulierbare Füllschachtfeuerung sparsamst in entsprechendem Brand und Wärme erhalten, Gesamtgröße des Herdes 116 x 80 cm, Sabbatofen 34 cm breit und 37 cm tief, empfiehlt unter Garantie solid und billigst.
Herdfabrik Wertheim
Wilhelm Kreß."     

    
Anzeige von Nathan Adler (1902)
        

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9.Oktober 1902: 
"Tüchtiger junger Mann, militärfrei, sucht Stelle in einem größeren Viehgeschäft. 
Nathan Adler
, Wertheim am Main."     

 
Anzeige des Engros-Geschäftes in Mehl und Getreide (1904)  

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. März 1904: "Für mein Engros-Geschäft in Mehl und Getreide suche per Ostern einen Commis und Lehrling. 
Kost und Logis im Hause. 
H. Altmann,
Wertheim am Main."     

   
Anzeige der Buchbinderei J. Strauss (1905) 
   

Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 1. Dezember 1905: 
"Ein jüngerer Buchbinder 
findet sofort bei leichter und angenehmer Stellung dauernde Arbeit. Samstags streng geschlossen. 
J. Strauss, Wertheim am Main
."     

 
Anzeige von Maier Benario (1908)   

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. April 1908: "Für einen geistig etwas schwachen, jedoch körperlich kräftigen jungen Mann Aufnahme in einem guten Hause gesucht
wo derselbe mitarbeiten kann. Bedingungen günstig. 
Näheres bei dem Vormund  
Maier Benario, Wertheim
am Main."  

  
Stellensuche des Metzgereigesellen Max Eisemann, Wertheim am Main (1910) 

Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 19. April 1912: "Suche zum baldigen Eintritt Stelle als jüngerer Geselle in einer größeren Metzgerei und Wurstlerei. Gute Zeugnisse zu Diensten. 
Max Eisemann, Wertheim am Main, Maingasse 13."  

    
Anzeige des Manufaktur- und Wäschegeschäftes Simon Thalmann (1915)  

Wertheim Israelit 12081915.jpg (40204 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. August 1915: "Für mein Manufaktur- und Wäschegeschäft suche per sofort 1 jüngeren Commis und 1 Lehrling
Kost und Logis im Hause. Samstag geschlossen. 
Simon Thalmann Wertheim am Main."    

   
Hochzeitsanzeige von Ludwig Benario und Irene geb. Rosenstock (1924)  

Anzeige in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des Central-Vereins) vom 1. Mai 1924: "Statt Karten. 
Ludwig Benario - Irene Benario geb. Rosenstock. Vermählte. 
Hamburg - Wertheim   -  Stuttgart. 4. Mai 1924. 
Hochzeit Stuttgart, Oberes Museum."      

  
Hochzeitsanzeige von Gustav Thalmann und Kläre geb. Fleischmann (1924)    

Anzeige in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des Central-Vereins) vom 8. Mai 1924: 
"Gustav Thalmann - Kläre Thalmann geb. Fleischmann. Vermählte.  
Kattowitz - Wertheim am Main. Mai 1924".       

  
Anzeige der "Pension Israel" (1925)   

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. März 1925: "'Pension Israel'. Wertheim an Main und Tauber. 
Telefon 52. Angenehmer Pessach-Aufenthalt. 
Vorzügliche streng rituelle Verpflegung. Billige Preise."      

      
Anzeige des Bezirksrabbinats Mosbach (1931)  

Wenkheim Israelit 15011931b.jpg (27229 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Januar 1931: "Unter Aufsicht des Bezirksrabbinats Mosbach stehen folgende Mazzenfabriken: J. Israel, Wertheim. S. Lehmann, Wenkheim."  

    
Verlobungsanzeige von Julie Grünebaum und Manfred Adler (1937)
  

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Juli 1937: "Gott sei gepriesen
Julie Grünebaum - Manfred Adler. Verlobte. 
Frankfurt am Main, Hanauerlandstraße 4 - Frankfurt am Main / Wertheim am Main.  
Schabbat Nachamu 15. Aw / 24. Juli 1937.   

        
        
Zusätzliche Dokumente    
(aus der Sammlung von Peter Karl Müller, Kirchheim / Ries)     
    
Karte von Minka (Mia) Neter geb. Thalmann aus Wertheim
     

Weinheim Dok 275.jpg (120666 Byte) Weinheim Dok 275a.jpg (119408 Byte) Weinheim Dok 275b.jpg (121543 Byte)
Die obige Karte ist in mehrfacher Hinsicht von Interesse. Sie zeigt den Marktplatz in Wertheim mit dem in jüdischem Besitz befindlichen Textilkaufhaus von Menko Held (Marktplatz 8/10, siehe Ausschnitt rechts). Die Karte wurde am 28. April 1929 von Minka (Mia) Neter (s.u.) geschrieben und zwar an den israelitischen Oberrat J. Hartog in Mannheim. Der erste Satz "der Jomtof (= Feiertag) lässt diesmal zum Schreiben wenig Zeit..." J. Hartog (= Julius Hartog) in Mannheim war damals auch Synagogenrat der jüdischen Gemeinde ebd.  

Mannheim Mia Neter 010.jpg (26490 Byte)Minka (Mia) Neter geb. Thalmann (geb. 8. November 1893 in Wertheim als Tochter des Lehrers Gumpert Thalmann und Emilie geb. Gump; gest. 1976 in Israel), Mia Neter war seit 1926 die Leiterin des "Jüdischen Wohlfahrts- und Jugendamtes der jüdischen Gemeinde Mannheim. Das Foto links zeigt sie 1936 (in der Mitte) im Kreis ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Über die Pessachtage 1929 war Mia Neter offenbar zuhause in Wertheim. 1939 konnte sie nach Palästina emigrieren.    
Quelle: V. Keller: jüd. Leben in Mannheim S. 120-121; ders.: Bilder vom jüd. Leben in Mannheim S. 95 Abb. 247.    

    
Foto-Karte aus der Zeit um 1915 bis 1925  

Wertheim PK 20130701.jpg (232582 Byte) Wertheim PK 20130701a.jpg (216562 Byte) Wertheim PK 20130701b.jpg (351605 Byte)

Auf der Postkarte mit dem Wertheimer Marktplatz ist - wie auf der Karte oben - (rechts vergrößert) das Textilkaufhaus von Menko Held zu sehen. Auf der linken Seite (Vergrößerung in der Mitte) erkennt man das "Putz- und Modehaus" von Johanna Strauß (bzw. Wolfers-Strauß).    

    
    
    

    
Zur Geschichte des Betsaals /der Synagoge      
     
Im Laufe ihrer 700jährigen Geschichte hatte die Gemeinde fünf Synagogen. Eine Urkunde von Graf Johann I. von Wertheim vom 24. Dezember 1381 gibt Aufschluss über den Standort der beiden ältesten Synagogen. Johannes I. gewährte den Wertheimer Juden darin Steuerfreiheit für eine Liegenschaft, genauer einen Hof samt Hofstatt. Von dieser wird gesagt, dass sie die "alte Judenschul ist gewest" und dazu, dass sie "gelegen ist in der Judengassen zu Wertheim". Hier sollten die Juden wieder ihre "Schule" haben. Aus der Urkunde geht hervor, dass es damals bereits eine alte und eine neue Judenschule gegeben hat. Beide befanden sich an derselben Stelle. Man kann vermuten, dass die erste Synagoge bei der Verfolgung 1349 zerstört wurde und einige Jahre später an derselben Stelle eine neue, zweite Synagoge aufgebaut wurde. Diese hatte jedoch nicht lange Bestand, da sie 1447 von der christlichen Bevölkerung zerstört wurde. An ihrer Stelle wurde bis 1452 die Marienkapelle (Standort bis heute in der Kapellengasse) erbaut, an der bis zur Gegenwart die Inschrift zu lesen ist: "Anno Domoni 1447 ist hie zerbrochen und verstort eine Judenschule und angehoben diese Kapelle". Die Inschrift bezieht sich also auf den Platz dieser ersten beiden Synagogen, die damals in der Judengasse, heute Kapellengasse standen. Im Gegensatz zum späteren Standort war dieser sehr nah am Zentrum der Stadt, dem Marktplatz gelegen. 
  
Hinweis: es besteht die Möglichkeit, dass sich im Bereich der "Marienkapelle" eine mittelalterliche Mikwe befindet. Weitere Untersuchungen folgen. 
Dazu Artikel in den "Fränkischen Nachrichten" vom 23. März 2012: "Birgt die Marienkapelle eine Mikwe?"     
      
Nach der Wiederaufnahme der Juden 1449 bestand eine dritte Synagoge ("Judenschule", 1520 genannt) im sogenannten Brückenviertel unweit des Spitzen Turms. Es wird sich um einen sehr einfachen Bau gehandelt haben. Der Synagogenstandort war zwar noch innerhalb der Stadtmauer, jedoch deutlich an den Rand gedrängt. 1592/93 wurde diese Synagoge neu erbaut (vierte Synagoge). Beim Abbruch der Synagoge 1961 wurde die Bauinschrift dieser Synagoge gefunden mit dem hebräischen Text (übersetzt): "Haus der Versammlung, du bist (oder: dieser ist) erbaut worden im Jahre 353 der kleinen Zeitrechnung (= 1592/93) zum zweiten Male". Der letztgenannte Zusatz beweist, dass die Synagoge von 1449 bereits an dieser Stelle im Brückenviertel stand.  
      
Die fünfte Synagoge wurde 1798/99 erbaut, in der bis 1938 Gottesdienste abgehalten wurden (Standort identisch mit dem der dritten und vierten Synagoge an der Stadtmauer zwischen Gerbergasse 18 und Spitzem Turm). Bei dieser Synagoge handelte es sich um einen relativ schmucklosen Bau. Von ihrer Geschichte ist wenig bekannt. Im Revolutionsjahr 1848 kam es zu einem Streit zwischen der Stadtverwaltung und dem Synagogenrat wegen der Übernahme der Kosten für die durch den Abbruch der Stadtmauer notwendig gewordenen Baumaßnahmen im Eingangsbereich der Synagoge. Einige Jahre später gab es Probleme mit dem christlichen Schmiedmeister Philipp Adelmann. Dieser hatte neben der Synagoge ein Haus mit Schmiedewerkstätte errichtet, in der er auch während des jüdischen Gottesdienstes arbeitete und somit regelmäßig dessen Ruhe störte. Da auch die jüdischen Gottesdienste nach den Gesetzen der badischen Landesregierung vor Störungen solcher Art geschützt waren, wurde auf die Anzeige der jüdischen Gemeinde hin Adelmann mit 30 Gulden Strafe belegt.  
      
Über das gottesdienstliche Leben in der Wertheimer Synagoge liegen einige Berichte in den Tagebuchnotizen des Haller Professors Ulrich Gerhardt vor, der zwischen 1907 und 1930 mehrfach die Gottesdienste in Wertheim besuchte und sich zu den Besonderheiten Aufschriebe machte. Der 1875 geborene Gerhardt erinnerte sich auch an "seine Jugend", als in Wertheim die jüdischen Männer noch in ausgesprochener Festkleidung, das heißt mit Gehrock und Zylinderhut die Synagoge besuchten. Inzwischen sei mehr und mehr der "gute Anzug" an deren Stelle getreten. Nach den von Gerhardt 1907 gemachten Aufzeichnungen war die Wertheimer Synagoge 130 Jahre alt, also im Unterschied zum oben angegebenen Jahr bereits 1777 erbaut worden. Vor vier Jahren, somit 1903 sei sie letztmals renoviert worden. Am 17. September 1907, beim Eingangsgottesdienst zum Jom Kippur hatte Gerhardt seinen Platz an der Misrach-Wand (Ostwand beim Toraschrein) neben dem damaligen Gemeindevorsteher Benario. Er beschrieb die Synagoge als sehr traditionelles Bethaus mit einem "nach alter Art" in der Mitte stehenden und über ein paar Stufen erreichbaren Almemor und dem rechts von der Lade stehenden Betpult. Die auch in Wertheim in Wimpeln (bestickte Beschneidungswindeln) eingewickelten, aber nicht mit Rimonim geschmückten Torarollen waren an diesem Tag in weiße Mäntel gehüllt, auch die Vorhänge vor dem Toraschrein waren weiß. Eine ganz altertümliche Tradition entdeckte Gerhardt über dem Almemor: hier war in einem an der Decke aufgehängten Magen David (Davidstern) eine Mazze (ungesäuertes Brot) aufbewahrt. Im 18. Jahrhundert soll dieser Brauch in vielen Synagogen Deutschlands verbreitet gewesen und dann immer mehr zurückgegangen sein. Merkwürdigerweise war in Wertheim eine andere Sitte verschwunden, da in der Synagoge kein Priestersegen mehr erteilt wurde. Dies wurde zwar in der Gemeinde "als Fehler empfunden", aber dennoch nicht verändert. Am 13. September 1912, dem zweiten Tag des Neujahrsfestes, war Gerhardt wiederum zum Gottesdienst in der Wertheimer Synagoge. Die Männer trugen fast alle ihre Sterbekleider ("Sargenes"). Ein Mann ohne Sargenes trug den Tallit über seinem Hut. Bei den in weiß gehüllten Torarollen fiel Gerhardt der schöne Silberschmuck auf (Ez Chajim, Kronen, Toraschilder und Jad). Zahlreiche liturgische Besonderheiten, die Gerhardt aufzählte, können hier nicht ausführlich dargelegt werden, da dies ohne längere Erklärungen nur für einen im jüdischen Gottesdienst Kundigen verständlich wäre. Als Gerhardt im September 1929 einen ganz gewöhnlichen Freitagabendgottesdienst in Wertheim besuchte, war er überrascht über die relativ leere Synagoge. Der neue Chasan (Vorbeter) Sally Sichel ("ohne Bart") erfreute ihn jedoch mit seinem sehr guten Gesang. Auch sonst trug er alles "sehr schön" vor. 1930 war Gerhardt noch zweimal zu den Gottesdiensten in Wertheim, zuletzt am Neujahrsfest (23. September 1930). Nach dem Einheben der Tora wurde dabei eine Predigt des Mosbacher Rabbiners vorgelesen. 
       
Bis 1938 blieb die Synagoge Mittelpunkt des gottesdienstlichen Lebens der jüdischen Gemeinde. Nachdem inzwischen viele Juden die Stadt verlassen hatten, verkaufte im Spätsommer 1938 die jüdische Gemeinde unter ihrem letzten Vorsitzenden Sigmund Cahn das Synagogengebäude an die Stadt. Im Gemeinderatsprotokoll vom 23. September 1938 findet sich die den Ratsherren gemachte Mitteilung: "Die Gemeinderäte nehmen davon Kenntnis, dass die Stadt die Synagoge zum Preise von 3.000 RM erworben hat. Dem Kauf wird zugestimmt". Als knapp sieben Wochen später beim Novemberpogrom 1938 der zur Einäscherung der Synagoge abgeordnete Trupp bereits im Begriff war, den Brand zu legen, wurde dies in letzter Minute durch die Eröffnung des herbeigeeilten städtischen Protokollanten verhindert. Er wies darauf hin, dass es sich bei der Synagoge um städtisches Eigentum handle. Dennoch wurde die Inneneinrichtung verwüstet. Die Torarollen und einige weitere Kultgegenstände konnten auf das Rathaus gebracht werden. Durch das Eingreifen des damaligen Stadtarchivars lagerten sie hier bis nach Kriegsende.   
       
Nach 1945 kam das Gebäude an die jüdische Vermögensverwaltung (JRSO), die es ihrerseits 1949 an die Stadt Wertheim verkaufte. 1949 wurden in der ehemaligen Synagoge Lagerräume und eine Unterkunft für die Stadtschreinerei eingerichtet. Ende Februar 1961 wurde das Gebäude beim Ausbau der Rechten Tauberstraße abgerissen. Am 12. August 1976 wurde am Synagogenstandort (an der Innenseite der Stadtmauer am Neuplatz) eine Gedenktafel angebracht. Unweit der Synagoge befand sich am Neuplatz ein rituelles Bad (abgebrochen). Der Neuplatz wurde 2002 bis 2004 neu gestaltet und bebaut. Dabei wurde auf eine Bebauung im Bereich der ehemaligen Mikwe verzichtet. Im Bereich der ehemaligen Synagoge wurde eine "reduzierte Bebauung" vorgenommen. Nach Abschluss der Bauarbeiten wurde die Gedenktafel von 1976 an der hinteren Stadtmauer im Innenhofneubau am Neuplatz (Gerbergasse 16) angebracht. Auch der Türsturz der Synagoge von 1799, der in der Kilianskapelle aufbewahrt worden war, wurde hier angebracht (Inschrift von 1799: "Moralische Belehrung an die Menschen der jetzigen Generation, die den Bau des Tempels erlebt in Verbundenheit mit den Vorvätern"; 2. Zeile: "In diesem uns Gutes verkündenden Jahr den Erbauern des Tempels, der in unseren Tagen geschwind aufgebaut wird"). 
 
Überlegungen zur Neugestaltung der Gedenkstätte am Neuplatz wurden seit 2012 durch den Bürgerverein "Pro Wertheim" angestellt. Die dort vorhandene Gedenktafel findet sich jetzt in einem Innenhof am Platz der ehemaligen Synagoge. Neben der Tafel wurde auf einem Sandsteinsockel ein Lesepunkt mit einem Gedenktext an die Deportation der Wertheimer Juden errichtet. Auch eine Namensliste mit den 15 Namen der aus Wertheim deportierten und dann ermordeten Juden (vier Deportierte überlebten) fand hier einen Platz. Weiterhin gibt es seit 2013 einen "Schattenwurf" der ehemaligen Synagoge auf dem Kopfsteinpflaster am Neuplatz sowie einige Tafeln mit Fotos der früheren Synagoge. Zudem wird jetzt dort an die frühere Mikwe erinnert und durch Zusätze zur Straßenbeschilderung angezeigt, dass Gerber- und Wehrgasse vor 1938 Judengasse hießen. 
   
Link zum Artikel in den "Fränkischen Nachrichten" vom 23. März 2012: "Wider das Vergessen. Bürgerverein Pro Wertheim will sich dem Gedenken an die Juden und ihrer wichtigen Bedeutung für die Stadt Wertheim annehmen. Birgt die Marienkapelle eine Mikwe?..."     
    
    
    
Fotos 
Historische Fotos: 
(Quellen: links im Buch von Ehmer s. Lit. 1979 S. 172; rechts bei Hundsnurscher/Taddey s. Lit. Abb. 220)

Die Synagoge am Neuplatz 
(1798/99-1938)

Wertheim Synagoge 001.jpg (59363 Byte) Wertheim Synagoge 002.jpg (63637 Byte)
  Blick über die Dachlandschaft beim 
Spitzen Turm; davor Giebel der Synagoge
Synagoge in Wertheim, dahinter 
der Spitze Turm 


Fotos nach 1945/Gegenwart:

Das Synagogengebäude 1956
(Quelle: HStAS EA 99/001 Bü. 305
 Fotosammlung)
Wertheim Synagoge 003.jpg (60726 Byte)
     Wenige Jahre vor dem Abbruch ist die ehemalige Synagoge 
inzwischen in baufälligem Zustand.
    
Fotos um 1985:
(Fotos: Hahn)
Wertheim Synagoge ma01.jpg (90804 Byte) Wertheim Synagoge ma02.jpg (58482 Byte)
Inschrift am Türsturz des nordöstlichen Eingangs zur Marienkapelle, erbaut 1447 
an Stelle der ehemaligen Synagoge: "...ist hie zubroche und verstort worde eine
 iudenschule und angehobe diese capelle") 
Der nordöstliche, zum Marktplatz 
hin orientierte Eingang zur 
Marienkapelle 
   
Wertheim Synagoge 102.jpg (42172 Byte) Wertheim Synagoge 100.jpg (45752 Byte) Wertheim Synagoge 101.jpg (37706 Byte)
Blick über den ehemaligen Synagogenplatz (Vordergrund) zum Spitzen Turm  dass.; die Gedenktafel befindet sich 
an der Hauswand rechts 
Gedenktafel zur Erinnerung 
an die zerstörte Synagoge 
     
Fotos 2003/05:
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 22.9.2003, mit * vom 19.3.2005) 
Wertheim Synagoge a501.jpg (32222 Byte) Wertheim Synagoge a153.jpg (33937 Byte) Wertheim Synagoge a500.jpg (37302 Byte)
Die Marienkapelle am Standort der mittelalterlichen Synagoge (links und rechts *) 
 
Wertheim Synagoge a155.jpg (36630 Byte) Wertheim Synagoge a151.jpg (36601 Byte) Wertheim Synagoge a152.jpg (71078 Byte)
Eingang zum Marktplatz  Inschrift über dem Eingang  Vergrößerung der Inschrift (s.o.) 
     
Wertheim Synagoge a154.jpg (52749 Byte) Wertheim Synagoge 150.jpg (53937 Byte) Wertheim Synagoge 151.jpg (58201 Byte)
Hinweisschild  Die 2003 durchgeführte Neuplatz-Bebauung im Bereich der 1938 zerstörten Synagoge 
   
Synagogengrundstück mit Gedenkstätte 2005
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 19.3.2005)
 
Wertheim Synagoge 803.jpg (32676 Byte) Wertheim Synagoge 802.jpg (32083 Byte) Wertheim Synagoge 800.jpg (35336 Byte)
Ehemaliges Synagogengrundstück, 
heute Touristeninformationsbüro 
Bauinschrift der Synagoge 
von 1799 (s.o.), darunter 
Gedenktafel 
Die Gedenkstätte für die Synagoge 
in einem kleinen Hinterhof 
bei der Touristeninformation 
   
     
   Wertheim Synagoge 801.jpg (32590 Byte)  

     
     
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  

Juli 2009: Stolperstein-Projekt in Wertheim  
Artikel von Nadine Schuon in den "Fränkischen Nachrichten" vom 2. Juli 2009 (Artikel):  Stolpersteinprojekt: Sechs Schüler beweisen viel Engagement, um deportierte Wertheimer Juden nicht in Vergessenheit geraten zu lassen - Den Opfern den notwendigen Respekt zollen
Wertheim. Ein Zeichen für die Opfer des Nationalsozialismus in Wertheim setzen, damit diese nicht vergessen werden, haben sich sechs Schüler der Comenius Realschule zum Ziel gesetzt. "Ein Mensch ist erst dann in Vergessenheit, wenn sein Name vergessen ist", sagte einst der Künstler Gunter Demnig, der das Kunstprojekt Stolpersteine ins Leben rief. Dieses Projekt soll die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung von Juden, Sinti und Roma, politisch Verfolgten, Homosexuellen, Zeugen Jehovas und Euthanasieopfern im Nationalsozialismus lebendig erhalten. Zum Gedenken an die Opfer werden vor ihren ehemaligen Häusern kleine Gedenksteine in der Größe eines Pflastersteines in den Boden eingelassen, über die die Passanten im übertragenen Sinne stolpern sollen. 
"Um den Stein lesen zu können, muss man sich vor dem Opfer verbeugen", lautet ein weiteres Zitat des Künstlers. Bereits in 300 europäischen Städten wurden solche Stolpersteine verlegt. Im Rahmen ihrer Kompetenzprüfung für die Mittlere Reife setzen sich Derya Yilmaz, Franziska Rosinsky, Maike Stöhr, Carolin Müller, Max Birkholz und Simon Merkert dafür ein, dass solche Gedenksteine bald auch in Wertheim zu finden sein werden. Als Klaus Schwitt, der sich seit längerer Zeit privat um das Projekt bemüht, zu Beginn dieses Schuljahres den Zehntklässlern das Stolpersteinprojekt als mögliches Thema für ihre Kompetenzprüfung vorgestellt habe, seien sie sofort mitgerissen gewesen, verriet Derya Yilmaz. Im vorangegangenen Schuljahr habe man die Zeit des Nationalsozialismus in der Schule behandelt und sei von den schrecklichen Verbrechen zutiefst schockiert gewesen. "Zum einen haben wir in dem Projekt eine Möglichkeit gesehen, an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern und so unseren persönlichen Teil zur Wiedergutmachung des verübten Unrechts beizutragen. Für uns in Wertheim war es zum anderen aber auch interessant, etwas über die Geschichte unserer Stadt und die Ereignisse zur Zeit des Nationalsozialismus zu erfahren", erzählte Franziska Rosinsky. Die Schüler hatten sich in zwei Gruppen mit je drei Teilnehmern zusammengefunden und ab Februar mit den Arbeiten an dem Projekt begonnen. Im Internet, in diversen Archiven und alten Zeitungsartikeln recherchierten sie über mehrere Wochen hinweg, um mehr über das Leben einiger jüdischer Bürger Wertheims zu erfahren. Mit den Informationen erstellten sie Biografien von Max Held, Frieda Goldschmitt und der Familie Klaus und bereiteten kleine Ausstellungen vor, in denen sie über deren Leben und das Stolpersteinprojekt informieren. 
Gleichzeitig sammeln sie Spenden, um die Verlegung der Stolpersteine zu finanzieren. Ein Standort der Stolpersteine wird das Haus in der Maingasse 3 sein, in dem Karoline Lina Klaus mit ihrer Familie lebte. 1940 wurde sie mit ihrer Tochter Henriette nach Gurs deportiert und 1942 für tot erklärt, während ihre Tochter als verschollen gilt. Einziger Überlebender der Familie Klaus ist ihr Sohn Philip, der bereits 1926 in die USA ausgewandert war. Ein weiterer Stolperstein soll für Frieda Goldschmitt geb. Thalmann in der Rathausgasse 4 angebracht werden. Sie wurde ebenfalls 1940 nach Gurs deportiert und später im Konzentrationslager Auschwitz hingerichtet. Ihre Schwester Meta, die zusammen mit ihrem Vater Simon überlebte, versuchte später die Ansprüche ihrer Familie geltend zu machen. Auch am Marktplatz 8 bis 10, wo Max Held bis 1939 mit seiner Frau und seinen drei Töchtern lebte und ein Textilkaufhaus unterhielt, soll ein Stolperstein angebracht werden. Die Familie hatte stark unter dem Boykott der jüdischen Geschäfte zu leiden. In der Reichspogromnacht 1938 wurde das Kaufhaus von Max Held schwer beschädigt. Auch er wurde 1940 nach Gurs deportiert und starb im KZ Auschwitz. Obwohl die jüdischen Bürger durch Diskriminierungen und Schikanen immer stärker an den Rand des gesellschaftlichen Lebens gedrängt wurden, gab es auch Wertheimer, die ihnen halfen, indem sie beispielsweise weiterhin heimlich bei ihnen kauften. Das und noch einiges mehr kann man den informativen Plakaten der Schüler entnehmen. Der Antrag zur Genehmigung der Gedenksteine wurde bereits vor kurzem bei Oberbürgermeister Stefan Mikulicz eingereicht. "Viele Menschen sind begeistert von dem Projekt und unterstützen die Idee, durch Stolpersteine an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern", berichteten die Schüler, die an den Orten ihrer Ausstellungen auch zum Gespräch bereit stehen. Und an ihrem großen Engagement kann man erkennen, dass die Aktion "Stolpersteine" für sie mehr ist als ein bloßes Schulprojekt. 
Die Ausstellungen sind bis Montag, 6. Juli, in der Stiftskirche, der Marienkapelle und der Stadtbücherei zu sehen.
 
September 2009: "Stolpersteine" werden am 29. September verlegt 
Artikel (hvb) in den "Fränkischen Nachrichten" vom 9. September 2009: Projekt Stolpersteine: Mahnmale für jüdische Mitbürger, die Opfer des Holocaust wurden, werden am 29. September von Künstler Gunter Demnig verlegt
Geschichte leibhaftig und direkt erleben. 
Wertheim.
Das Projekt "Stolpersteine in Wertheim" hat ein Etappenziel erreicht: Der Termin für die Verlegung der ersten Steine durch Gunter Demnig steht fest. Am 29. September wird der Künstler und Ideengeber des größten dezentralen Mahnmalprojekts weltweit die ersten Messingsteine in Wertheimer Straßen pflastern, so die Information der Projektgruppe bei einem Pressegespräch am Montag. 16 Schüler, ein Dutzend von der Comenius Realschule sowie vier vom Wirtschaftsgymnasium, bildeten das Salz in der Suppe zum Gelingen. Vater des Wertheimer Stolpersteinprojekts ist Klaus Schwitt. "Den Anfang bildete das Gedenkbuch ermordeter Juden im Holocaust, das ich im jüdischen Museum in Berlin durchblätterte", berichtet er. Hier fand er Namen, die den Orten Külsheim oder Wertheim zugeordnet waren. Zu Hause recherchierte er im Internet im Gedenkbuch von Yad Vashem, der zentralen Gedenkstätte für die Opfer und Helden des Holocausts in Israel, und fand dort Wertheimer, die während der nationalsozialistischen Herrschaft vergast oder sonst wie zu Tode kamen. Witt nahm Kontakt zu Günter Demnig auf, und so reifte die Idee zu einem Schülerprojekt. Nachdem eine Resonanz vom Gymnasium ausblieb, wandte er sich an die Realschule, bei der er in Dr. Dieter Fauth einen historisch versierten und pädagogischen Partner fand. Schwitt stellte seine Unterlagen als Basis zur Verfügung, berichtete vom sogenannten Dritten Reich. Er fragte, ob sich die Schüler vorstellen könnten, dass Mitschüler plötzlich einfach so verschwänden, und stieß bei diesem Gedankenspiel auf Betroffenheit. "Mir kam es darauf an, dass die Schüler Geschichte leibhaftig erleben", so Schwitt. Und auch Fauth stellt fest, dass Geschichte am konkreten Beispiel und auf der Suche nach persönlichen Schicksalen für Schüler Identifikationen birgt, die auch dann Spaß machen, wenn sie mehr Arbeit als üblich bedeutet. Dieter Fauth und Klaus Schwitt haben einen ausführlichen Werkstattbericht zum Projekt "Stolpersteine in Wertheim" gefertigt, der auch das Kunstprojekt von Gunter Demnig beleuchtet. Die vier Projektarbeiten der Schülergruppen, die neben konkreten Schicksalen von Wertheimer Familien auch zuvor festgelegte Aspekte des Naziregimes genauer unter die Lupe nehmen, runden die Berichte ab. Der Anfang für die "Stolpersteine in Wertheim" ist also gelegt. 22 Schicksale sind jetzt so aufbereitet, dass sie den Kriterien von Gunter Demnig entsprechen. Danach sollen die ermordeten Juden 1933, als die Nazis an die Macht kamen, in Wertheim gelebt haben und bis zum Ende der NS-Diktatur zu Tode gekommen sind. Ende September werden die ersten Stolpersteine verlegt, ein weiterer Termin folgt. Auf etwa 50 schätzt Fauth die Anzahl der Gedenktafeln aus Messing, die einmal in Wertheim an das Schicksal der ehemals jüdischen Mitbürger erinnern werden. 
Maike Stöhr, Max Birkholz und Simon Merkert, die beim Pressetermin dabei waren, stehen zu ihrer Arbeit. "Am Anfang hatten wir nur die Namen, jetzt haben wir die Geschichte zu den Namen", sagt Sprecherin Maike Stöhr. Ihre Gruppe hatte bereits der Zeitzeuge Max Mannheimer, der vor zwei Jahren in der Schule hautnah erzählte, beeindruckt. Er war die Initialzündung für die Bereitschaft, sich mit der dunklen deutschen Vergangenheit zu beschäftigen und immer wieder danach zu fragen, wie das alles fast ohne Einspruch geschehen konnte. Die Paten des Projekts, Renate Gassert und Bernd Hartmannsgruber, werden privat ebenso eine Patenschaft übernehmen wie die Stadt Wertheim als Kommune. Für Schirmherr Stefan Mikulicz bedeutet die Vernichtung der Juden eine Verarmung und Auszehrung einer Gesellschaft. Für ihn sind die Stolpersteine ein Zeichen der Solidarität. Hans-Peter Otterbach, Rektor der Comenius Realschule betont, dass für ihn Paten von Stolpersteinen und Spender nicht zwingend im Zusammenhang stehen müssen. Stolpersteine nämlich sind ein Kunst- und kein Prestigeobjekt, mit dem es sich zu schmücken gilt. Gunter Demnig hat sein Konzept einmal so beschrieben: "Um den Stein lesen zu können, muss man sich vor dem Opfer verbeugen." hvb. 
Die Stadt Wertheim hat ein Spendenkonto eingerichtet bei der Sparkasse Tauberfranken, BLZ 67352565, Kontonummer 3020104 unter dem Stichwort "Comenius Realschule Stolpersteine (Kunst und Kultur)". Wer eine Patenschaft übernehmen möchte, kann sich direkt bei der Comenius Realschule Wertheim unter Telefon 0 93 42 /91 88 90 melden. 
  
Ende September 2009: Verlegung von "Stolpersteinen"   
Artikel in den "Fränkischen Nachrichten vom 1. Oktober 2009:   
Stolpersteine  - Am Dienstagnachmittag verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig die ersten elf Gedenksteine für ermordete Juden vor deren ehemaligen Häusern - "Manchmal muss ich um die Ecke gehen . . ."
Wertheim
. Eine Rose in der Hand oder einen Zettel zwischen den Fingern, daneben ein Mann mit einem weit hinunter gezogenen Hut, der kniend mit einer Maurerkelle am Pflaster hantiert. Um ihn ein dunkel gekleidetes Grüppchen - rund 30 Menschen, das sich am Dienstagnachmittag in der Wertheimer Altstadt eingefunden hatte, um der Verlegung der ersten elf Stolpersteine beizuwohnen. Damit wird ehemaliger Mitbürger gedacht, die während des Nazi-Regimes ermordet wurden. Der Mann mit Schlapphut heißt Gunter Demnig, ist Kölner Künstler und Initiator des mittlerweile weltweit größten dezentralen Mahnmals. Wertheim hat Demnig zwischen Veitshöchheim und Würzburg als Station eingeschoben. Nicht zuletzt deshalb, weil die Initiatoren, der sich selbst als Bürger bezeichnende Klaus Schwitt und der Lehrer an der Comenius Realschule Dr. Dieter Fauth, das Stolpersteinmahnmal vor Ort als Schülerprojekt konzipiert haben.
"Gerade junge Menschen wollen wissen, warum das eigentlich geschehen konnte, und wollen, dass so etwas nie wieder passiert", sagt Demnig. Manchmal reisen zur Verlegung der Stolpersteine Angehörige über tausende von Kilometern an. Wenn an die Opfer erinnert wird, geht das auch Demnig nahe. Vielleicht trägt er deshalb diesen tiefen Schlapphut. "Manchmal", so Demnig, "muss ich um die Ecke gehen." 
Der erste Verlegeort der Stolpersteine mit Messingoberfläche, eingravierten Namen und stenographisch skizziertem Schicksal, ist die Maingasse 3. Dort, vor der jetzigen Buchhandlung Rahn, liegen sieben Stolpersteine nebeneinander und glänzen im Sonnenlicht. Sieben Steine sind sieben Schicksale einer einzigen Familie: der Familie Klaus. Und dort, in diesem Haus der jüdischen Familie Klaus, wurden in nationalsozialistischer Zeit alle Juden zusammengetrieben und unter unwürdigen Bedingungen festgehalten. 
Nächste Stolpersteinverlegestelle ist der Marktplatz 8 bis 10. Hinter einen Palmenkübel vor dem jetzigen Café am Marktplatz muss sich der Künstler zwängen, um die zwei Steine für die ehemals ehrbaren Bürger und Kaufhausbesitzer Max und Johanna Held einzulassen. Deren Lebensgeschichte wird ebenso verlesen wie das zuvor die Paten für die Steine der Klaus-Familie getan haben. OB Stefan Mikulicz hat von der Erinnerung an die Vergangenheit und vom Verneigen vor den Opfern gesprochen. 
In der Rittergasse wurden die letzten beiden Steine für Hilda und Leo Hammel verlegt. Leo Hammels Pate ist Klaus Schwitt. Beim Erzählen über die Lebens- und Leidensgeschichte des "politischen Juden" - Hammel war Kommunist - versagt ihm die Stimme. Zwei Jahre hat er sich mit der Vita dieses Wertheimer Bürgers befasst, von dem er eine Fotografie zeigt: Ein Mann mittleren Alters mit ordentlicher Kurzhaarfrisur und Anzug. Das Opfer erhält ein Gesicht.
Weitere Stolpersteine sollen im Frühjahr kommenden Jahres verlegt werden. Wer Pate werden möchte, kann sich bei Hans-Peter Ottenbach unter Telefon 0 93 42 / 91 88 90 melden. Hinweise auf NS-Opfer nimmt Klaus Schwitt unter Telefon 0 93 42 / 18 29 entgegen.
 
April 2010: Weitere elf "Stolpersteine" wurden verlegt    
Artikel (ber) in den "Fränkischen Nachrichten" (fnweb.de) vom 28. April 2010 (Artikel): 
"'Stolpersteine': Elf Gedenksteine vor vier Häusern in der Altstadt verlegt - Erinnerung an Opfer des Nazi-Regimes
Wertheim.
Elf "Stolpersteine" wurden als Erinnerungsmale am Montagnachmittag an vier früheren Wohnhäusern von ehemaligen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern verlegt, die unter dem Nazi-Regime dem Holocaust zum Opfer fielen. Die Steine wurden, wie schon bei der ersten Aktion im September 2009, vom Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt, der das Projekt 'Stolpersteine' initiiert hat. 
Rund 50 Interessierte trafen sich zu Beginn in der Bahnhofstraße 4, um am ehemaligen Wohnhaus der jüdischen Mitbürgerinnen Sophie, Selma, Hilda und Hedwig Brückheimer die Verlegung der "Stolpersteine" zu begleiten. Denise Voit, Lehrerin an der Comenius Realschule, erinnerte in ihrer Begrüßung auch an die erste Aktion, bei der auf Initiative von Wertheimer Schulen im September 2009 elf 'Stolpersteine' verlegt wurden (wir berichteten). Wie Dieter Fauth, neben Klaus Schwitt und Hans-Peter Otterbach einer der Wegbereiter des Projekts 'Stolpersteine' in der Main-Tauber-Stadt, sagte, sollen nach und nach für alle Opfer aus Wertheim Gedenksteine angebracht werden.
Bei der Verlegung der "Stolpersteine" gingen die Paten jeweils auf den Lebenslauf und die Geschichte der jüdischen Mitbürger ein, die dem nationalsozialistischen Terror zum Opfer fielen. Der 'Stolperstein' sei für ihn so bedeutsam, "weil er das anonym verhängte Leidensverbot in unserer fortschrittlichen Gesellschaft unterläuft", erklärte dabei Oberstudiendirektor Dr. Norbert Stallkamp. Befinde man sich nicht, genährt von der Illusion einer völlig leidfreien Gesellschaft, auf der Flucht vor dem Leiden?
Vor fast 40 Jahren habe sein Professor, Dr. Johann Baptist Metz, an der Universität Münster darauf aufmerksam gemacht, als er in einer Vorlesung fragte: 'Können wir nach Auschwitz überhaupt noch Theologie betreiben?' Ohne die Erinnerung, so Metz damals, mag es Fortschritte in der Technik und der Zivilisation geben. 'In Sachen der Wahrheit kommen wir ohne Erinnerung nicht weiter.'
Auf die besondere Verantwortung der Christen, den Holocaust nicht zu vergessen, machte Dekan Hayo Büsing aufmerksam, als in der Maingasse 20 für Gottlob und Friedrich Häusler Gedenksteine verlegt wurden, für die die Stiftspfarrei Wertheim die Patenschaft übernommen hat.
Dekan Büsing zitierte dazu auch aus einer Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 18./19. Oktober 1945 in Stuttgart.
Darin heißt es unter anderem: 'Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.'
Neben einem weiteren 'Stolperstein' für Babette Häusler in der Maingasse 20 wurden außerdem in der Friedleinsgasse 2 zwei Gedenksteine für die Brüder Heinz-Josef Hammel und Robert Hammel (siehe auch separaten Artikel) sowie in der Rathausgasse 4 zwei 'Stolpersteine' für Frieda Goldschmidt, geborene Thalmann, und Max Thalmann verlegt." 
                                                
Juli 2010: Vorbereitungen für die nächste "Stolpersteine"-Verlegung im September 2010  
Artikel von Karin Hussy im "main-netz.de" vom 16. Juli 2010 (Artikel): "Paten für Stolperstein-Projekt gesucht. Mahnmal: Dritte Verlegung am 23. September - Zwölf weitere Schicksale von Wertheimer Juden im Mittelpunkt" (Artikel eingestellt als pdf-Datei)   
                              
Oktober 2010: Gedenken an die Deportation nach Gurs im Oktober 2010   
Artikel von Robert Weissensee in den "Fränkischen Nachrichten" vom 25. Oktober 2010 (Artikel): 
"Erinnerung an die Vertreibung der Juden vor 70 Jahren nach Gurs: Eindrucksvolle Gedenkfeier regte auch zum Nachdenken an. Aufruf zur politischen Wachsamkeit
Wertheim.
Große Resonanz fand eine eindrucksvolle ökumenische Gedenkfeier anlässlich der Deportation von ehemaligen jüdischen Mitbürgern Wertheims vor 70 Jahren nach Gurs (siehe auch weitere Berichte). Nach einer Stadtführung feierte man einen Gedenkgottesdienst in der Marienkapelle, die dabei komplett gefüllt war. Danach zog man in einem Schweigezug durch die Stadt zum Neuplatz, wo der 78 Wertheimer Opfer gedacht wurde. 
Dekan Hayo Büsing sagte in dem Gottesdienst: "Christenmenschen haben während des langen jüdischen Leidenswegs durch die Geschichte allzu oft geschwiegen oder gar mitgeholfen, die Pfade des Grauens zu ebnen. Dieser Schuld stellen wir uns heute, ohne Wenn und Aber. Die Kirchen, die lange Zeit geschwiegen haben, erheben heute ihre Stimme gegen Antisemitismus und Rassismus, treten für die Rechte anderer ein und rufen zur politischen Wachsamkeit und zur Zivilcourage auf."
Der Dekan erinnerte an die Geschichte der 1447 auf den Grundmauern einer mittelalterlichen Synagoge errichteten Marienkapelle und an die Verfolgungsgeschichte der jüdischen Gemeinde. Er zeigte den Besuchern der Feierstunde ein altes medizinisches Buch aus der historischen Kirchenbibliothek, dessen Pergamenteinband Teil einer hebräischen Bibelhandschrift aus dem 14. Jahrhundert war, und vermutete die Herkunft aus der hier befindlichen ehemaligen Judenschule. Da Pergament ein wertvolles Material war, wurde es als Einband weiterverwendet. Als Zeichen der Aussöhnung mit den Überlebenden des Holocaust zeigte er einen Rimon (hebräische Bezeichnung für Granatapfel), der einst den Stab einer Thorarolle zierte und den Altoberbürgermeister und Ehrenbürger Karl-Josef Scheuermann bei einem Besuch in Israel geschenkt bekam.
Pastoralreferent Johannes Varelmann, der die Feier moderierte, leitete zu einem von Dr. Dieter Fauth verfassten detaillierten geschichtlichen Hintergrund der jüdischen Gemeinde in Wertheim über. Schülerinnen und Schüler der Klassenstufe 10 (evangelische Religionsgruppe) der Comenius Realschule informierten ausführlich.
Von einer anderen Seite her beleuchteten die Jugendlichen dann die Geschehnisse vor 70 Jahren mit bewegenden Schilderungen des Zeitzeugen Kurt Salomon Maier. Der inzwischen für seine Versöhnungsarbeit mit dem Verdienstorden des Landes ausgezeichnete Zeitzeuge aus Washington hat seine Kindheitserlebnisse der Deportation und das Leben im Lager Gurs literarisch verarbeitet. Zeit zum Nachdenken gab es durch gemeinsam gesungene Lieder und Musik. Frieder Dosch an der Orgel begleitete auch Pfarrer Jürgen Steinbach, der hebräische Weisen einfühlsam auf seiner Klarinette spielte.
Sehr persönliche Eindrücke über die Anfänge des Gedenkens und der Begegnung mit den Überlebenden sprach der Wertheimer Ehrenbürger Helmut Schöler. Als Schüler spürte er auf seinem Schulweg vorbei am jüdischen Friedhof oft Scheu und Beklommenheit. Niemand habe über die Wertheimer Juden gesprochen. Sie waren einfach verschwunden, so Schöler. Intensiven Kontakt mit der jüdischen Welt bekam er 1967, als er in Jerusalem eine Glasinstrumentenfabrik eröffnete. Er bezeichnete die Einladung durch den damaligen Bürgermeister Karl-Josef Scheuermann und den Besuch der überlebenden Wertheimer Juden und ihrer Kinder im Jahre 1975 als eine "Großtat voll Verantwortungsbewusstsein und menschlicher Wärme."
Helmut Schöler erinnerte an die durchaus zwiespältige Reaktion in der Bevölkerung auf diese wichtige Versöhnungsarbeit. Er sprach von seinen Begegnungen mit bedeutenden Persönlichkeiten in Israel, die ihre Wurzeln in Wertheim haben, und lobte das Engagement der Schüler der Comenius Realschule beim Gedenken an die Opfer.
Mit eigenen Worten fassten die jungen Leute ihre Gedanken an die Grausamkeiten der Diktatur in Klagen und ihre Hoffnungen für eine tolerantere Welt zusammen und bekannten: "Wir schämen uns selbst für das Handeln anderer vor 70 Jahren und bedauern, dass es so eine Zeit jemals bei uns gab."
Die Besucher der Feierstunde zogen dann schweigend mit 78 Kerzen für die 78 Opfer durch die Altstadt zum Neuplatz. Dort verlasen die Jugendlichen die Namen der jüdischen Mitbürger Wertheims, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Mit "Scholem sol sajn", gespielt vor Jürgen Steinbach auf der Klarinette, fand die Feierstunde einen würdigen Abschluss. Für jedes Opfer stellten die Teilnehmer des Gedenkens eine Kerze zur Form eines Davidssterns, der noch lange in die Nacht hinein am Neuplatz, dem Ort der letzten Synagoge, an die Gedenkfeier erinnern sollte."      
 
November 2011: Vierte Verlegung von "Stolpersteinen" in Wertheim und Dertingen    
Artikel von Alexander Gutmann in den "Fränkischen Nachrichten" vom 19. November 2011: 
"Stolperstein"-Verlegung: Der Fall der Maria Gegenwarth. Existenz "beendet". 
Wertheim.
Bei ihrer anhaltenden Aufarbeitung des Holocausts in Wertheim sind Dieter Fauth und seine engagierten Laienhistoriker während der Vorbereitung der vierten 'Stolperstein'-Verlegung auf zwei relativ außergewöhnliche Fälle gestoßen. Einer ist der der Maria Gegenwarth, welcher maßgeblich von der Schülerin Jael Steinbach recherchiert wurde, einer der der Familie Schwarzschild, die in Dertingen gelebt hat..." 
Link zum Artikel - auch eingestellt als pdf-Datei.      
 
 
April 2013: Sechste und letzte Verlegung von "Stolpersteinen" in Wertheim und Dertingen - abschließender Bericht   
Bericht und Fotos erhalten von Dieter Fauth; Beitrag und Foto erschienen auch in den "Fränkischen Nachrichten" vom Mai 2013.   
Wertheim Stolpersteine Gruppe 2013.jpg (174433 Byte) Foto links: Vorbereitungsgruppe der sechsten und letzten Verlegung von Stolpersteinen am 27.04.2013 (in Klammern stehen Schule, Klasse und der Name des Opfers, dessen Biografie die Schülerin erarbeitet hat); vlnr.: Tina Dinkel (DBG, 8m; Ernst Dreikorn), Ina Mayer (DBG, 10m; Auguste Gundlach), Dieter Fauth (CRW, Lehrer), Lena Fiederling (DBG, 10m, Lina Hildenbrand), Julia Szymbr (DBG, 10m, Leonhard Ries), Andreas Jost (Lehrer, DBG), Rosalie Herberich (DBG, 10b, Georg Heckner), Verena Katt (DBG, Lehrerin), Anica Greulich, Vivienne Horn (beide CRW, 6b, Liesel Keller), Urte Bauer (DBG, 8m, Ernst Dreikorn).  
Das Projekt Stolpersteine als Aufgabe für Schüler. 
Als das Projekt Stolpersteine im Schuljahr 2008/9 von Klaus Schwitt initiiert wurde, war es von Anfang an als Schülerprojekt gedacht. Das Thema Nationalsozialismus ist in allen Schularten im Bildungsplan der Fächer Geschichte und Religion verankert. Alle Wertheimer Schulen befassen sich auch in der Mittel- und Oberstufe mit dem Thema Holocaust im Rahmen des Unterrichts, vertieft durch Exkursionen. Die Schulen besuchen z. B. regelmäßig das ehemalige Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und die Gedenkstätten der Konzentrationslager Dachau oder Buchenwald. Daran sollte angeknüpft werden.
Auch methodisch passte das Projekt Stolpersteine in die neuere Schulentwicklung, bei der die Projektarbeit besonders betont ist. Außerdem muss der Schüler an allen Regelschulen in seiner Schulzeit mehrfach Referate erarbeiten und präsentieren, in zwei Klassenstufen als sogenannte 'GFS' sogar in einer erweiterten Form. Weiterhin wird im Rahmen der Realschulabschlussprüfung eine Präsentationsprüfung in Schülergruppen abverlangt. All dies bildete einen geeigneten Rahmen, um das Projekt Stolpersteine an Schulen einzubeziehen.
Geplant war, dass Schüler unter Anleitung ihrer Geschichts- bzw. Religionslehrer und auf der Basis von Archivbesuchen die Lebensgeschichten von im NS-Regime ermordeten Wertheimern erarbeiten, dazu ggf. auch Gespräche mit heutigen Personen führen und die feierliche Verlegung des Stolpersteines vor dem damaligen Wohnhaus des Opfers gestalten sollten. Zwischen Oktober 2009 und April 2013 wurden auf dieser Grundlage sechs Verlegungen von Stolpersteinen durchgeführt, bei denen insgesamt 73 Gedenksteine in der Kernstadt, Stadtteilen und Eingemeindungen von Wertheim gesetzt wurden. Insgesamt waren daran 34 Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 6 bis 13 aus der Haupt- und Werkrealschule Alte Steige, der Comenius-Realschule, dem Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium und dem Wirtschaftsgymnasium in Bestenheid beteiligt. Sie wurden im Lauf dieser Jahre von insgesamt 12 Lehrern aus diesen Schulen betreut. 
Die sechste und letzte Verlegung von Stolpersteinen wurde von einer Gruppe aus acht Schülerinnen des DBG und der CRW unter Anleitung der Kollegen Dieter Fauth, Andreas Jost und Verena Katt vorbereitet und durchgeführt (siehe Foto). Die Gruppe verbrachte einen Arbeitstag im Generallandesarchiv in Karlsruhe und mehrere Nachmittage im Stadtarchiv in Bronnbach. Julia Szymbr (DBG, 10m) erarbeitete die Lebensgeschichte von Leonhard Ries (6.09.1906, Wertheim – [29.01.1941], Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein), der Pflegling in der Anstalt des Bezirkskrankenhauses Lohr war, so dass sie, gemeinsam mit Frau Katt, zusätzlich die dort liegende Patientenakte auswertete. Rosalie Herberich (DBG 10b) befasste sich mit Georg Heckner (22.11.1907, Wertheim - 11.08.1943, Würzburg), dem 1942/43 wegen staatsfeindlicher Aussagen vor dem Amtsgericht Würzburg der Prozess gemacht wurde. So war für sie auch ein Besuch im Staatsarchiv Würzburg fällig. Konkret, an erschütternden Lebensgeschichten, geschehen in ihrer Nachbarschaft, konnten die Schüler die vernichtenden Wirkungen von Rassismus oder der Aufspaltung des Lebens in wert und unwert erfahren. Die Verlegung am 27 April wurde von Lena Fiederling (DBG, 10m) durchgehend moderiert, so dass dieses Mal sogar diese Aufgabe in Schülerhand lag.
Über das Sammeln von Informationen hinaus, versuchte die Gruppe gemeinsam sich in die Lebensgeschichten der einzelnen Ermordeten einzufühlen und zu verstehen, was die psychisch Kranken aus der Lebensbahn geworfen hatte. In der Regel war dies einer Behinderung, einer akuten Krankheit oder einem traumatischen Erlebnis geschuldet. Bei Leo Ries war eine in seinem Wesen liegende Gemütsschwere zur Depression entgleist. Nach einem Selbstmordversuch landete er in der Anstalt Lohr. Der Versuch einer Tante, ihn bei ihr in der Landwirtschaft zu beschäftigten, scheiterte. Lange diskutierten wir, ob er in die Anstalt zurück musste, weil es wegen seiner seelischen Erkrankung nicht anders ging oder nur, weil er als Arbeitskraft auf dem Hof der Tante versagte. Ein Urteil hierzu war heute nicht mehr möglich, aber die Gruppe war zu einem entscheidenden Punkt der Lebensproblematik des kranken Leo Ries vorgedrungen. Oft steigerte sich die Beschäftigung bei den Schülern bis zur Sympathie für 'ihr' Opfer, etwa wenn Vivienne Horn und Anica Greulich (CRW, 6b) bei der Verlegung des Gedenksteins für Liesel Keller (16.08.1886, Wertheim - [1940/41, Tötungsanstalt Grafeneck (1940) oder Hadamar (1941)]) in der Mühlenstr. 24 sagten, dass sie ihnen 'ans Herz gewachsen' sei. Liesel musste nach 21 Jahren in der Anstalt Emmendingen den sozialen Abstieg einer Verlegung in die Armenanstalt Krautheim hinnehmen. Den letzten Satz im 21 Jahre lang geführten Patientenprotokoll der Akte Keller lautete: 'Sie geht nicht gern, lässt es sich aber nicht anmerken.' Keiner der 'Biografen' konnte sich der Traurigkeit dieser Situation entziehen. Generell steigerte das Mitgefühl der Schüler für ihr Opfer den Ehrgeiz, die Lebensgeschichte mög-lichst umfassend herauszuarbeiten und die Verlegung würdig zu gestalten. 
Das Projekt Stolpersteine bot auch Raum für andere Schülerengagements. Im Laufe der Projektjahre kam es zu Ausstellungen in der Stiftskirche, der Marienkapelle und der Stadtbibliothek. Anlässlich der 70jährigen Wiederkehr der Deportation Wertheimer Juden am 22.10.2010 gestalteten Schüler einen öffentlichen Gottesdienst in der Marienkapelle. Höhepunkte waren auch Begegnungen und Schülerinterviews mit den Holocaustüberlebenden Max Mannheimer und Anita Lasker-Wallfisch hier in Wertheim. Wertheimer Schüler beteiligten sich auch an einem Gedenkmarsch in Würzburg für die über 800 Juden, die 1942 aus dieser Stadt deportiert wurden und unter denen auch sieben Wertheimer waren, die der badischen Deportation von 1940 noch entkommen waren. 
Das Schülerprojekt Stolpersteine ist jetzt nicht an seinem Ende angekommen. Zwar sind die Erarbeitungen von Biografien und die Verlegungen im Wesentlichen abgeschlossen. Doch soll es künftig Aktionen an und mit den Gedenksteinen geben, z. B. an Holocaust-Gedenktag (26. Januar), dem Datum der badischen Deportationen (22. Oktober) oder des Reichspogroms (9. November ) oder an den Geburtstagen der einzelnen Opfer. Warten wir einmal ab, was sich unsere Schülerinnen und Schüler hier alles einfallen lassen ...
Auf dem Foto steht die Vorbereitungsgruppe um eine Büste von Dietrich Bonhoeffer (4.02.1906, Breslau - 9.04.1945, KZ Flossenbürg) in der Aula des Gymnasiums. Die Schülergruppe hat bei ihrer Projektarbeit auch etwas über den Namensgeber ihrer Schule gelernt und – vor allem – sich im Geiste Bonhoeffers engagiert. Wie Dr. Hans-Werner Scheuing bei seinem Vortrag zum Abschluss des Projektes darstellte, blieb Bonhoeffer auch zum Thema der „Euthanasie“ ohne jede Anpas-sungsleistung an das NS-Regime und war die Person seiner Zeit, die die 'Euthanasie'-Verbrechen am grundlegendsten kritisierte (siehe den Kasten mit dem Text Bonhoeffers von 1940)."  
 

          
          

Links und Literatur

Links:  

Website der Stadt Wertheim 
        
Wertheim Museum 01.jpg (18549 Byte)Website des Grafschaftsmuseums Wertheim - jüdische Abteilung im "Haus zu den vier Gekrönten"

Literatur: 

Germania Judaica III,2 S. 1586-1588. 
Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 294-298. 
Eugen Ludwig Rapp: Die hebräischen Steininschriften in Wertheim, in: Wertheimer Jahrbuch (1961/62) S.19-348. 
Hermann Ehmer: Geschichte der Grafschaft Wertheim. Wertheim 1989. 
ders.: Wertheim im Großherzogtum Baden. Bilder aus einer alten Stadt. Wertheim 1979.  
M. Eschelbacher: Leopold Benario 1822-1906. Ein Lebensbild, in: Main-Tauber-Post 11. November 1963, 10. Februar 1968. 
Verschiedene Artikel in Wertheimer Zeitung 12. August 1976, Fränkische Nachrichten 9. November 1978, 21. Oktober 1980. 
F. Metz: Das Tauberland, in: Vom Bodensee zum Main 37 (1930) S.95. 
Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern - Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem 1986. S. 338-339.  
Art.: "Neuplatz-Bebauung gravierend geändert", in: Fränkische Nachrichten vom 13. März 2002 und weitere Artikel in den "Fränkischen Nachrichten" 2002/03. 
Art.: Auf den Spuren jüdischer Geschichte: Museumsleiter Dr. Jörg Paczkowski hatte Rundgang durch die Stadt und zum Friedhof angeboten. In: Fränkische Nachrichten vom 9.9.2003
Art.: "An historischem Ort angebracht. Tafel und Türsturz erinnern an Schicksal der Wertheimer Juden". Artikel in Fränkische Nachrichten vom 19. August 2004.
synagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007.  
Wertheim Lit 14005.jpg (162242 Byte) Dieter Fauth: Wertheim im Nationalsozialismus aus Opferperspektiven. Gedenkbuch zum Projekt Stolpersteine. Verlag Religion & Kultur. Zell am Main 2013. Gebundene Ausgabe: DIN A 4; 764 S., ca. 450 Abb. ISBN 978-3-933891-26-6, 48,00 €. 
Über das Buch siehe eingestellte pdf-Datei
.  Bestellmöglichkeit u.a. über den Verlag www.verlag-religionundkultur.de   
Kontakt zum Verfasser über E-Mail post[et]dieterfauth.de    

      
      


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Wertheim  Baden. The Jewish settlement was one of the oldest in Baden and one of the few existing almost continuously from the turn of the 12th century to the Nazi era. Jews were victims of the Rindfleisch massacres of 1298 and in the 14th century were living in a Jewish quarter with a synagogue and the oldest Jewish cemetery in Baden at their disposal. During the Black Death massacres of 1348-49 many were murdered over a well-poisoning libel and the rest fled. By 1381 the community had revived but in 1447 the synagogue was destroyed at the instigation of a Capuchin monk. In the 15th-17th centuries the Jews lived under the burden of heavy taxes and discriminatory "Jew Laws" (from 1528). In 1640, seven Jewish families remained in Wertheim. The Wertheimers, prominent as Court Jews, originated there. The community grew steadily in the 19th century, reaching a peak population of 201 in 1900 (total 3,915). In 1827, Wertheim became the seat of the district rabbinate with jurisdiction over 16 communities. Violent anti-Jewish riots took place during the revolutionary disturbances of 1848. In 1933, 92 Jews remained, operating a variety of business establishments under growing economic isolation. By 1938, many Jews had emigrated from Germany and another 21 had left for other German cities. Community life was kept up throughout the period, with the Zionists active from 1934. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the last Jewish stores were looted. On 22 October 1940, 19 Jews were deported to the Gurs concentration camp. Four of them survived, but all 15 sent from Gurs (F) to concentration-camps to the east on August / September 1942 perished.
(Corrections by Dieter Fauth) 
       
         

                   
vorherige Synagoge  zur ersten Synagoge nächste Synagoge  

                       

 

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an Alemannia Judaica (E-Mail-Adresse auf der Eingangsseite)
Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 26. Mai 2014