Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Ulm (Stadtkreis) 
Mittelalterliche Friedhöfe der und der alte jüdische Friedhof (ab 1852/54)

   
Übersicht:
    
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Zur Geschichte der mittelalterlichen Friedhöfe  
Berichte zu den mittelalterlichen Friedhöfen und Grabsteinen  
Fotos mittelalterlicher Grabsteine  
Zur Geschichte des alten jüdischen Friedhofes (ab 1852/54) 
Berichte zum alten Friedhof  
Fotos des alten Friedhofes   
Links und Literatur   

    Zur Seite über den neuen jüdischen Friedhof (ab 1899) (interner Link)   
     
     
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde       
     
Siehe Seite zur Synagoge in Ulm  (interner Link)  
     
     
Zur Geschichte der mittelalterlichen Friedhöfe           
    
Ein erster Friedhof (1281 genannt), der bis zum Anfang des 14. Jahrhunderts belegt wurde, lag am Platz des späteren Neuen Tores (heute Kreuzung zwischen Kelter-, Wengen- und Sterngasse). Hier wurden bei Kanalisationsarbeiten 1950 und 1953 Skelette aufgefunden. Im Zuge der Stadterweiterung musste der Friedhof verlegt werden. 
  
Der zweite mittelalterliche Friedhof lag außerhalb des Neuen Tores (1316-1499 belegt), weswegen das "Neue Tor" gelegentlich auch "Judentor" oder "Judenturm" genannt wurde. Aufgrund des ältesten erhaltenen Stadtplans (Schlumberger-Plan 1597) und zahlreicher Knochenfunde beim Bau des Hauptpostamts 1895 bzw. 1953 ist die Lage dieses Friedhofs gleichfalls bekannt. Nach 1499 wurden die Grabsteine abgeräumt und beim Haus- und Münsterbau verwendet. Das Friedhofsgelände diente nun den Tuchwebern als Trockenplatz (1597 erwähnt). 
 
1987
wurden beim Bau des neuen Fernmeldeamts 22 Skelette im Bereich des zweiten jüdischen Friedhofs geborgen und später auf dem neuen jüdischen Friedhof an der Stuttgarter Straße beigesetzt. 
  
Einige der Grabsteine des mittelalterlichen Friedhofes wurden im 18./19. Jahrhundert wiederentdeckt (siehe Berichte unten); ein Teil wird in der Bauhütte des Ulmer Münsters aufbewahrt (Grabsteine von 1243, 1298, 1305, 1379, 1457 und 1491), ein weiterer Stein (von 1344) ist in der Außenwand des Hauses Rabengasse 7 eingemauert. Auch der Weihestein zur Grundsteinlegung des Münsters von 1377 (Original im Ulmer Museum) ist ein auf der Rückseite beschriebener Grabstein des jüdischen Friedhofes (von 1341). Dieselbe Herkunft hat der Stocker-Grabstein der Dreifaltigkeitskirche. Ein 1985 in Langenau aufgefundener Grabstein wird ebenfalls vom jüdischen Friedhof Ulms stammen (s.d.).  
    
  
   
Berichte zu den mittelalterlichen Friedhöfen und Grabsteinen 
Über die in Ulm gefundenen mittelalterlichen jüdischen Grabsteine (1849)  
Anmerkung: der Artikel wurde vom damaligen jüdischen Lehrer Leopold Hofheimer in Kappel bei Bad Buchau verfasst.  

Ulm AZJ 01101849.jpg (157494 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. Oktober 1849: "Jüdische Grabsteine
Kappel bei Buchau, 3. September 1849. So schmerzlich es das Gefühl der Israeliten berührt, wenn ihm die schrecklichen Verfolgungen seiner Ahnen ins Gedächtnis zurückgerufen werden und er erfährt, wie man selbst an ihren Ruhestätten nach dem Tode Hand anlegte; so kann ich doch nicht umhin, ihrer historischen Wichtigkeit wegen, die Aufschriften einiger Grabsteine hiermit weiter zu veröffentlichen, die bei der Restauration des Münsterkranzes in unserer Kreisstadt Ulm vorgefunden wurden, und über deren frühere Verwendung zu diesem Werke sich der gegenwärtige Baumeister Thrön in dem Ulmer Landboten No. 68 laufenden Jahres, bei dem Abdrucke dieser Grabschriften also vernehmen lässt: 'Als der letzte Baumeister Matthäus Böblinger von Böblingen (oder Esslingen?) wahrnehmen musste, dass der fromme Eifer der Ulmer für ihr Prachtwerk mehr und mehr zu erkalten begann, so war er in die traurige Notwendigkeit versetzt, nur um den Turm noch schließen zu können, sein Baumaterial an allen Orten und Enden zusammenlesen zu lassen, und die zu Ende des 14. Jahrhundert vorausgegangene grausame Judenverfolgung belästigte die christlichen Gewissen nicht im Geringsten, auch das Totenfeld des gehetzten Volks Israel umzufühlen und mit seinen Denkmalen der Liebe und Verehrung ihren Dom zu belegen. 
Die Steine, fünf an der Zahl, sollen in scharfen und schöner hebräischer Schrift ausgehauen und folgenden Inhalts sein...       
Zu den hebräischen Inschriften bitte die Textabbildung links anklicken. 
         L. Hofheimer."  

   
Hebräischer Grabstein im Münster entdeckt (1869)   

Ulm Israelit 20101869.jpg (135480 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Oktober 1869: "Ulm, 2. Oktober (1869). In der gestern abgehaltenen Sitzung des hiesigen Kunst- und Altertumsvereins teilte Herr Prof. Dr. Veesenmayer Folgendes mit: Am vorigen Dienstag wurde in seinem Beisein der Stein an der Tauftüre des Münsters (im Munde des Volks gewöhnlich Brauttüre genannt), welcher als Denkmal eingesetzt ist, herausgenommen und es zeigte sich, dass dieser Stein auf der Rückseite eine hebräische Inschrift enthielt. Die Schrift, die nur am oberen Rande abgestoßen und schadhaft, im Übrigen trefflich erhalten ist, lautet auf Deutsch: 'Dieser Grabstein steht zu Häupten des Rabbi Eleasar, der dahingeschieden ist am ersten Tage im Monat Kislef 102 der minderen Zeitrechnung. Es ruhe seine Seele im Garten Eden mit den Gerechten in Ewigkeit. Amen. Amen. Amen. Sela'. Das hier erwähnte Jahr ist das Jahr 1341, sieben Jahre vor der großen Judenverfolgung in Ulm, denn im Jahre 1348 wurde, was nicht durch Flucht sich rettete, getötet. Die Grabsteine der Juden scheint man später zu Bausteinen verwendet zu haben. (U.Schn.) - (Andere solche Steine, welche am Ulmer Münster gefunden wurden, sind früher von Herrn Oberstudienrat Haßler beschrieben worden. Sie stammen teils aus dem 13., teils aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Bei den häufig vorkommenden Judenverfolgungen wurden in der Regel auch die Judenkirchhöfe demoliert, die Grabsteine herausgerissen und zu christlichen Bauwerken verwendet."      

   
Über einen neu aufgefundenen mittelalterlichen Grabstein (1879)    

Ulm AZJ 26081879.jpg (194015 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 26. August 1879: "Die 'schwäbische Chronik' berichtet aus Ulm vom 7. Juli über eine Versammlung des Vereins für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben. Aus diesem Berichte heben wir folgende Stelle hervor. 'Nun erhielt Prof. Veesenmeyer das Wort, um über einen neu aufgefundenen jüdischen Grabstein zu berichten, welcher laut entzifferter Inschrift vom Jahre 1436 stamme, aber seit 1595 mit der als Wappentafel bearbeiteten Rückseite über dem Portal der sog. Schelerei (jetzt Kaufmann Daumer gehörig) angebracht sei. Bei einer jüngst stattgehabten Baureparatur sei die mit einer hebräischen Inschrift versehene Rückseite dieser Wappentafel auf kurze Zeit losgelegt und durch Entzifferung der Schrift der Stein als jüdischer Grabstein erkannt worden. Es seien schon früher in Ulm 17 solcher Grabsteine aufgefunden worden, welche welche Haßler in den Vereinveröffentlichungen von 1850 und 1865 berichtet habe, den 18. Stein habe Redner selbst im Jahre 1869 gedeutet, wie aus dem Vereinsheft von 1870 zu entnehmen sei. Dieser neu gefundene jüdische Grabstein sei wohl bei der 2. Periode der Verfolgung, welche die Juden in Ulm im Jahre 1499 zu erleiden hatten, seinem ursprünglichen Zwecke entfremdet worden. Interessant war hierbei zu vernehmen, wie Kaiser Maximilian, der immer in Geldnöten war und viel Geld von den Reichständen entlehnte, seine Schulden bezahlte, indem er die Reichsstädte an das Eigentum seiner Kammerknechte, der Juden verwies. Nachdem im vorliegenden Falle der Kaiser die liegenden Gründe der Juden in Ulm um 5.000 Gulden = 40.000 Gulden nach heutigem Geldwert an die Stadt verkauft hatte und diese Summe zur Tilgung seiner Schul nicht ausreichte, wurden die Judenverfolgungen in Szene gesetzt, die Juden ganz aus der Stadt vertrieben und deren sonstiges Eigentum weggenommne. Dabei wurden, wie es erscheint, deren Grabsteine nicht verschont, sondern als gute Sandsteine zu verschiedenartigen Bauten verwendet.' - Aus solchen dokumentierten Tatsachen ersieht man, mit welchem Rechte oder vielmehr mit welch' schreiendem Unrechte jetzt wieder öfter die Behauptung aufgestellt wird, die Juden hätten im Mittelalter ihr schreckliches Schicksal verschuldet und provoziert."            

     
Gräber- und Skelettfunde im Bereich des mittelalterlichen jüdischen Friedhofes (1987) 
 

Ulm Friedhofma04.jpg (119756 Byte) Artikel in der "Schwäbischen Zeitung" vom 14. März 1987: 
"Grabung an Baustelle des Fernmeldeamts beendet. 22 mittelalterliche Skelette ausgegraben und geborgen. 
Gestern Nachmittag sind die letzten noch vorhandenen Gräber des mittelalterlichen Judenfriedhofes, der bei den Bauarbeiten für das neue Fernmeldeamt angeschnitten worden ist, geräumt worden. Die Gebeine von insgesamt 22 zwischen 1316 und 1499 nördlich der heutigen Olgastraße begrabenen Ulmer Juden ruhen nun vorerst im Keller des Ulmer Museums, bis sie erneut bestattet werden. Als künftige ewige Ruhestätte ist der Ulmer Friedhof im Gespräch, in dem eine Abteilung den Gräbern jüdischer Mitbürger vorbehalten ist. Eine anthropologische Untersuchung der Skelette ist nicht auszuschließen, aber eher unwahrscheinlich. Außer den Gebeinen haben die Gräber nichts enthalten, was von gesteigertem archäologischem Interesse wäre. Schatten von Holzsärgen und der eine oder andere verrostete Sargnagel waren alles, war gefunden wurde. Grabbeigaben waren keine vorhanden.
Zum weiteren Lesen des Artikels bitte Textabbildung anklicken.
Ulm Friedhofma05.jpg (167627 Byte)Foto links: "Auf dem Postgelände nördlich der Olgastraße sind gestern die letzten mittelalterlichen Gräber des einstigen Judenfriedhofes freigelegt worden. Die dunklen Verfärbungen auf dem linken Bild zeigen die Grabstätte. Das Bild rechts zeigt ein Grab, in dem ein Schädel sichtbar wird."   

  
  
Fotos mittelalterlicher Grabsteine  
(Fotos: Hahn; aufgenommen Mitte der 1980er-Jahre bzw. Farbfotos 9.9.2003)  

Grabsteine in der Bauhütte des Münster  

  
Ulm Friedhofma01.jpg (84103 Byte)  Ulm Friedhofma02.jpg (64037 Byte)  Ulm Friedhofma03.jpg (52616 Byte) 
Grabstein für Frau Mirjam, Tochter des
 R. Salomoh, gest. 1305
Grabstein für R. Simon, Sohn des 
R. Menachem, gest. 1491
Grabstein für Frau Brunlin, Tochter des 
R. Jakob, ohne Jahreszahl
     

Grabstein in der Rabengasse 

   
Ulm Rabengasse 150.jpg (38693 Byte) Ulm Rabengasse 151.jpg (31480 Byte)    
Haus Rabengasse 7: links neben 
dem Fenster im 1. Stock ist der 
Grabstein zu sehen
Grabstein am Haus Rabengasse 7   
 

   
   
   

Zur Geschichte des alten jüdischen Friedhofes (ab 1852/54)        
        
1852 konnte vor dem Frauentor (nördlicher Teil des alten städtischen Friedhofs an der Frauenstraße, Parzelle 841/2 und 3) ein jüdischer Friedhof angelegt werden. Der Friedhof wurde 1854 durch Rabbiner Wälder aus Laupheim eingeweiht. 
  
Dieser Friedhof wurde zwischen 1936 und 1945 völlig zerstört. Das Gelände ist heute Teil der Parkanlage Frauenstraße. 
   
1987 wurde ein Gedenkstein als Hinweis auf diesen Friedhof aufgestellt. 1990 wurden acht Grabsteine und drei Grabplatten des Friedhofes in einem Brauereikeller in Munderkingen entdeckt und wieder im Friedhof Frauenstraße aufgestellt. 
   
   
Plan / Karte:    

Ulm FriedhofPlan.jpg (126533 Byte)
Lage der jüdischen Friedhöfe Ulms des 
19./20.Jahrhunderts  (durch Pfeile markiert)
(Topographische Karte aus den 1970er-Jahren) 
  
Lage des alten jüdischen Friedhofes in Ulm auf dem dortigen
 Stadtplan: oben anklicken und unter "Behörden und öffentliche
 Einrichtungen" weiterklicken zu "Alter Friedhof*". Der jüdische
 Teil befindet unmittelbar südlich der Pauluskirche

    
    
Berichte zum alten Friedhof  
Ein jüdischer Friedhof wird angelegt (1852)    

Ulm AZJ 22031852.jpg (80843 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 22. März 1852: "In Ulm wird nun neben dem christlichen Gottesacker der jüdische Friedhof errichtet. Die christliche Gemeinde wollte schon früher den Juden gestatten, ihre Leichen im christlichen Friedhofe zu beerdigen. Der Vorsteher der Gemeinde, Rechtskonsulent Heß, holte rabbinische Gutachten darüber ein. Kirchenrat Maier (sc. Rabbiner in Stuttgart) erklärte, dass dies nicht statthaft sei; Dr. Wassermann (sc. Rabbiner in Mühringen) hingegen glaubte es unter der Bedingung gestatt zu können, dass den Juden im christlichen Friedhofe ein besonderer Raum angewiesen würde. Die Gemeinde hat jetzt angrenzend an der christlichen Friedhofmauer einen Platz zur Begräbnisstätte erworben."        

  
Einweihung des jüdischen Friedhofes durch Rabbiner Wälder (1854)  

Ulm AZJ 15051854.jpg (169955 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. Mai 1854: "Aus Württemberg, im Mai (1854). In Ulm wurde der neu gegründete jüdische Gottesacker durch Rabbiner Wälder aus Laupheim in einer feierlichen Weise eingeweiht. Es wurde ein junger Mensch beerdigt und bei dieser Leichenfeier wurde der israelitische Friedhof eröffnet. Herr Wälder sprach würdige Worte zur würdevollen Veranlassung. Freilich gab diese Veranlassungen dem denkenden Geschichtskenner Gelegenheit zur ernsten Betrachtung. Ulm hatte in früheren Zeiten seine Synagoge, seinen Friedhof, und noch jetzt zeugen Namen von Straßen und Plätzen der Reichsfeste den jüdischen Ursprung. Im Münster selbst ist ein alter, jüdischer Grabstein als Monument eingemauert, der jetzt seine geeignetere Stelle auf dem jüdischen Friedhof finden würde. Dieser alte Grabstein auf dem neuen Friedhof würde beredter sein, als die Worte eines Historikers. Wird wohl diese Grabstätte ein Fried-Hof für die entschlafenen israelitischen Bürger Ulms werden? Unsere Väter haben einst auch gehofft, in Ruhe zu ihren Vätern eingesammelt zu werden, aber die Unduldsamkeit hat die Söhne von den Gräbern ihrer Lieben verjagt. Es ist die Sühne der Geschichte, dass fast alle Städte Schwabens, die einst ihre jüdische Bevölkerung gemartert und vertrieben haben, wieder von Juden bewohnt werden, Synagogen und Friedhöfe in ihnen entstehen und die jüdische Bevölkerung rasch sich vergrößert. Vielleicht nimmt Herr Rabbiner Wälder, der die Geschichte der Karolinger im Manuskripte fertig hat, sich die Mühe, eine Monographie über die Geschichte der Juden zu Ulm zu fertigen, wozu die städtischen Archive und die Württembergischen Historienbücher ihm Stoff geben würden."       

   
Ausführlicher Bericht zur Einweihung (1854)    

Ulm AZJ 10071854.jpg (110670 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. Juli 1854: "Ulm, im Mai (1854). Wenn zu den Anstalten einer Gemeinde Gotteshaus, Schule, besonders Religionsschule, und ein Friedhof gehört, so wären diese nunmehr in der hiesigen Gemeinde vorhanden. Wer hätte es glauben sollen! Vor 50 Jahren, wo Ulm noch wie, so viele andere ihrer Schwestern, eine Reichsstadt, wohnte noch kein Israelit in ihren Mauern. Seit 1805 haben nun, Dank dem erwachten Geist der Humanität, gegen 20 Familien ihren bürgerlichen Wohnsitz hier aufgeschlagen. Darunter sind einige Fabrikanten, einige Kaufleute, einige Großhändler, Juweliere. Einer ist ein sehr angesehener Arzt, einer ein beliebten Rechtskonsulent und Notar. Anno 1806 wurde ein Jude, 1815 ein anderer durch höhere Protektion in den hiesigen bürgerlichen Gemeindeverband aufgenommen. Diese Familien bilden den Stamm der Religions-Gemeinde. Als Synagoge wird ein ziemlich geräumiger Saal benutzt, der bei Zuwachs der Gemeinde nach bisherigem Verhältnis eine Vergrößerung erheischt. Der Gottesdienst wird durch den Vorsänger-Amts-Verweser Einstein versehen, der zugleich täglich den israelitischen schulpflichtigen Kindern, von denen die Knaben die Elementar-Realschule der Stadt oder das Gymnasium,      
Ulm AZJ 10071854a.jpg (210002 Byte)die Mädchen aber die weiblichen Schulanstalten besuchen, Religionsunterricht erteilt.   
Der Rabbiner von Laupheim, wohin die Gemeinde Ulm als Tochtergemeinde gehört, hat fünf bis sechs Mal des Jahres Predigt und Katechese allda zu halten, die Schule in den Religionsfächern zu prüfen und zu beaufsichtigen.   
Was heute aber insbesondere zu berichten ist, ist die Einweihung des von der kleinen Gemeinde erworbenen und neu eingerichteten Friedhofs der von dem christlichen nebenan liegenden nur durch eine Zwischenmauer getrennt ist. Diese Einweihung wurde, wie auch anderwärts üblich, mit der ersten Beerdigung verbunden. Vom Hospital aus, wo der Verstorbene, Handlungs-Commis Moritz Ulfelder aus dem bayerischen Landgericht Windsheim, nach mehrwöchiger Krankheit gestorben war, ging der erste feierliche Leichenzug durch die Straßen der Stadt. Am Friedhof angekommen, trugen die Freunde des Verstorbenen die Leiche bis in die Mitte der Trauerstätte. Eine große, unübersehbare Menschenmenge war in dem Friedhof und um denselben versammelt. Aus allen Ständen und Konfessionen waren Viele hinzugeströmt, da schon Tags vorher Alles auf diese traurige Feierlichkeit gespannt war. Rabbiner Wälder von Laupheim begann mit dem Gebet. Elohei neschama in hebräischer und deutscher Sprache. Dann begann die Rede, welche die wenigen Worte aus dem 37. Kapitel Jesajas zum Text hatte (hebräisch und deutsch): 'bestelle dein Haus, denn du musst sterben.' Der Eindruck auf das ganze große Auditorium war sichtbar. Es verließ niemand unbefriedigt die Trauerstätte. 
Noch muss schließlich hier bemerkt werden, dass das schöne eiserne Tor am Eingang eine Schenkung des gegenwärtigen Filial-Anwalts Kaufmanns A.J. Maier daselbst ist, obgleich auch der frühere Gemeindeanwalt, Rechtskonsulent Heß, Kaufmann Röder und S. Gugenheim sich um die Erwerbung und Anlegung des Friedhofs seit etwa zwei Jahren gleichfalls Verdienste erworben und die Sache zu fördern gesucht haben.         
Auf der Abendseite ist in einer Nische der innerseitigen Mauer ein Grabstein angebracht, der von dem Stiftungsrat in Ulm aus dem dortigen Münster, wo noch mehrere solche hebräische Grabsteine als Antiquitäten aufgewahrt werden, der israelitischen Gemeinde zu diesem Zweck verabreicht worden ist. Bekanntlich
Ulm AZJ 10071854b.jpg (148143 Byte) war im Mittelalter in Ulm eine größere jüdische Gemeinde. In den älteren Rechtsgutachten sche'elot u-teschuwot (Fragen und Antworten) kommen mehrere kasuistische Fragen aus Ulm an Männer jüdischer Gelehrsamkeit vor. Auch war daselbst früher ein eigener Rabbinatssitz.  
Ein freier Platz in der Nähe des Münsters heißt noch heute der Judenhof. Man zeigt noch heute das Haus, wo die Judenschule, das Frauenbad, die jüdische Metzge war.
Die Grabsteine des früheren jüdischen Friedhofs, der mit der Vertreibung der Juden aus der Stadt im 14. und 15. Jahrhundert demoliert wurde, wurden zu Brücken, verschiedenen öffentlichen Gebäuden benutzt. Unserer Zeit, die den Lebenden mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen will, scheint es vorbehalten zu sein, auch gegen die Toten mit mehr Schonun zu verfahren. Die hie und da aufgefundenen Grabsteine wurden gesammelt und im Münster, woselbst eine ziemlich gut erhalten leserliche eingemauert ist, aufgewahrt. Die eine führte das Datum 5139, nach der bürgerlichen Zeitrechnung entsprechend dem Jahr 1379, eine andere 5136 = 1366 (sc. besser: 1376), wieder eine andere 5144, 1384 und 1358. Als Muster ehemaliger hebräischer Grabschriften möge folgende hier eine Stelle finden: ... (siehe Textabbildung).  
Möge die Gemeinde Ulm von dem mit vielen pekuniären Opfern erworbenen Friedhof nur sehr selten und erst nach langer Zeit Gebrauch machen dürfen, ein Wunsch, den ich bei dieser feierlichen Gelegenheit vielfach äußern hörte, und in den ich aus vollem Herzen einstimmte. M.R."          

 
Das neue Leichenhaus wird eingeweiht (1872)    

Ulm Israelit 16101872f.jpg (42273 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Oktober 1872: "Ulm, 11. Oktober (1872). In unserer Stadt ist heute den 1. dieses Monats auf dem Friedhof das neue Leichenhaus eröffnet, eine Einrichtung, die sich als sehr empfehlenswert bereits herausgestellt hat. Der israelitischen Gemeinde wurde auf ihr Ansuchen aus rituellen Rücksichten eines der abgesonderten Lokale gegen Mietzinsentschädigung überlassen."      

  
Schändung des alten jüdischen Friedhofes (1936)   

Ulm Israelit 20051936f.jpg (31938 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Mai 1936: "Ulm. Im 'Ulmer Tageblatt' veröffentlichte die Kriminalpolizei, dass in der Nacht zum 16. April auf dem alten jüdischen Friedhof etwa 15 Grabsteine stark beschädigt wurden. Für die Ermittlung der Täten sind von der Synagogengemeinde RM 100.- ausgesetzt."      

   
   
   
Fotos des alten Friedhofes   

Der Friedhof im Spätsommer 2003 
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 9.9.2003)
   
Ulm Friedhof a150.jpg (54472 Byte) Ulm Friedhof a151.jpg (81620 Byte) Ulm Friedhof a152.jpg (79664 Byte)
Das Friedhofsgelände liegt 
unmittelbar südlich der Pauluskirche 
  
Blick über den (ehemaligen) Friedhof
 Frauenstraße; links des Weges war 
der jüdische Teil
Einige der erhaltenen Grabsteine  
   
     
Ulm Friedhof a153.jpg (52482 Byte) Ulm Friedhof a154.jpg (70141 Byte) Ulm Friedhof a155.jpg (75016 Byte)
Grabstein für Emanuel Erlanger
 (1821-1886)
Teilansicht  Sockel des Grabsteines für Wilhelmine
 Dreifuss geb. Erlanger (1831-1874)
   
     
    Ulm Friedhof a156.jpg (73182 Byte)    
    Teilansicht   
        
Der Friedhof im Januar 2010 
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 22.1.2010)
     
Ulm Friedhof 2010a108.jpg (95200 Byte) Ulm Friedhof 2010a109.jpg (86980 Byte) Ulm Friedhof 2010a101.jpg (89795 Byte)
Blick über das Grundstück des alten jüdischen Friedhofes  Grabstelen für Arnold Nathan (links) 
und Kosmann Erlanger (1824-1896) 
   
     
Ulm Friedhof 2010a102.jpg (68001 Byte) Ulm Friedhof 2010a104.jpg (63563 Byte) Ulm Friedhof 2010a107.jpg (80985 Byte)
Grabsteine für Sophie Hilb geb. Schwab
 (links, gest. 1883) und Karoline Nathan
 geb. Steiner (1820-1895)
Grabstein (liegende Platte) für 
Heinrich A. Moos (1834-1891) 
Sockel des Grabsteines für 
Wilhelmine Dreifuss geb. Erlanger 
(1831 in Kappel - 1874 in Ulm)
   
Ulm Friedhof 2010a105.jpg (70371 Byte) Ulm Friedhof 2010a106.jpg (73927 Byte) Ulm Friedhof 2010a103.jpg (67435 Byte)
Grabstein für Moritz Hirsch
(1841-1897)
Grabstein für Emanuel Erlanger
(1821-1886)
Grabstein für Benny Mann, 
Kaufmann
     
 Ulm Friedhof 2010a100.jpg (108184 Byte)   
  Der von der Karlstraße zum Friedhof führende Weg ist nach Alfred Moos benannt, 
der als einer der wenigen nach 1945 wieder nach Ulm zurückgekehrt ist.
  

  
Ältere Fotos
(Fotos: Hahn, aufgenommen Mitte der 1980er-Jahre)

Ulm Friedhofalt01.jpg (124621 Byte)  Ulm Friedhofalt02.jpg (115485 Byte)   
Blick über den in der NS-Zeit 
abgeräumten alten Friedhof 
Sockel des Grabsteines für
Wilhelmine Dreifuss geb. Erlanger
 

   
     

Links und Literatur  

Links:

Website der Stadt Ulm  
Website des Zentralarchivs Heidelberg: zum alten jüdischen Friedhof Ulm   
Website des jüdisch-historischen Vereins Augsburg mit Seite zum alte jüdischen Friedhof in Ulm       

   
     

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 02. April 2014