|
Eingangsseite
Aktuelle Informationen
Jahrestagungen von Alemannia
Judaica
Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft
Jüdische Friedhöfe
(Frühere und
bestehende) Synagogen
Übersicht:
Jüdische Kulturdenkmale in der Region
Bestehende
jüdische Gemeinden in der Region
Jüdische
Museen
FORSCHUNGS-
PROJEKTE
Literatur
und Presseartikel
Adressliste
Digitale
Postkarten
Links
| |
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"
zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Nonnenweier (Gemeinde Schwanau, Ortenaukreis)
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zum Ritterkanton
Ortenau gehörenden Nonnenweier bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre
Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück. Erstmals werden Juden
1707 am Ort genannt. Unter den ersten war der 1722 verstorbene Wolf Wertheimer,
dessen Nachkommen während sieben Generationen in Nonnenweier ansässig waren.
1780 zählte die Gemeinde fünfzehn Familien.
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Schule
(seit 1833 bis 1876 jüdische Volksschule, Gebäude Ottenheimer Strauße 10;
Anwesen wurde 1840 durch den Anbau einer Lehrerwohnung und eines Schulzimmers
erweitert), ein rituelles Bad (im Schulgebäude) und einen Friedhof.
Das Schulgebäude wurde nach Auflösung der jüdischen Konfessionsschule 1876
als jüdisches Gemeindehaus verwendet (als Wohnhaus erhalten). Zur Besorgung
religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als
Vorbeter und Schochet tätig war. 1827 wurde die Gemeinde dem
Rabbinatsbezirk Schmieheim zugeteilt, dessen Sitz 1893 nach
Offenburg verlegt
wurde.
Die höchste Zahl jüdischer Einwohner wurde um 1885 mit 250 Personen
erreicht.
In Nonnenweier ist 1874 der spätere Rechtsanwalt
und sozialdemokratische Landtags- und Reichstagsabgeordnete Dr. Ludwig Frank
geboren, der 1914 in Frankreich gefallen ist.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde 7 Männer. Ihre
Namen stehen auf dem Gefallenendenkmal der Gemeinde.
Bis nach 1933 bestanden noch zahlreiche jüdische Handels- und
Gewerbebetriebe, darunter Viehhandlungen, Kolonialwarengeschäfte, eine Mehl-
und Getreidegroßhandlungen. Bekannt sind vor allem die bis nach 1933 bestehenden Einrichtungen der
"Judenmetzgerei" von Jakob Meyer (Schmidtengasse 6) und der jüdischen Wirtschaft
"Zum Strauß" mit koscherer Metzgerei von David Frank (Hauptstraße
30).
1933 lebten noch 65 jüdische
Personen in Nonnenweier. Auf Grund der zunehmenden Entrechtung, des Boykotts und
weiterer Repressalien verzog ein größerer Teil von ihnen in andere Orte oder
wanderte aus.
Von den in Nonnenweier geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit u.a.
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem, ergänzt durch Gedenkbuch "Die Opfer der
nationalsozialistischen Judenverfolgung"): Betty Baum geb. Meier (1900),
Eleonore Baum geb. Prötz (1904), Julius Baum (1857), Leo Baum (1889), Leopold
Baum (1860), Ludwig Baum (1895), Rosa Baum geb. Dreifuss (1864), Sara Baum geb.
Bloch (1859), Toni Bloch (1889), Emil Dreifuss (1870), Jenny Dreifuss (1893),
Max Dreifuss (1872), Max Frank (1881), Simon Fürth (1863), Leonie Lehmann
(1887), Friedrich Meier (1886), Isidor Meier (1883), Jakob Meier (1865),
Kariline Meier geb. Kahn (1885), Meier Meier (1866), Sophie Meier geb.
Weingarten (1857), Auguste Metzger (1894), Abraham Moch (1866), Balbine Moch
geb. Weil (1867), Heinrich Moch (1892), Hilda Moch (1904), Max Moch (1904),
Sofie Moch (1903), Sofie Moch geb. Schleicher (1892), Wilhelm Moch (1891),
Johanna Rosenberg (1870), Zerline Stengel geb. Meier (1858), Hilda Weil geb.
Baum (1888), Josef Weil (1887), Robert Weil (1923).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet
1890
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Januar 1890: "In der
israelitischen Gemeinde Nonnenweier (Baden) ist zum 1. April 1890 die Stelle
eines Vorsängers und Schächters zu besetzen. Festes Einkommen 700 Mark.
Nebeneinkommen 3-400 Mark nebst freier Wohnung. Verlangt wird etwas musikalische
Bildung und die Befähigung zum Erteilen des Religionsunterrichts. Ledige
Bewerber werden bevorzugt. Offerten sind bis Ende Januar nächsten Jahres an den
Unterzeichneten zu richten.
Schmieheim (Baden), im Dezember 1889. Dr. M. Ravicz,
Bezirksrabbiner." |
100. Geburtstag von Moses Moch (1903)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Oktober 1903: "Diersburg
(Baden). Am Schabbat Paraschat Lech Lecha begeht Herr Moses Moch
von Nonnenweier seinen hundertsten Geburtstag. Aus diesem Anlass will
seine Geburtsgemeinde Nonnenweier dieser Tag festlich begehen. An alle
jüdischen Gemeinden Badens ergingen Einladungen, durch Deputationen
diesen hoch betagten Mann zu ehren. Seine Ehrwürden, Herr Rabbiner Dr.
Rawicz in Offenburg, wird den Jubilar, geführt von drei Altersgenossen,
einem Fünfundneunzigjährigen und zwei Vierundachtzigjährigen, an der
Grenze empfangen und anreden. Der Jubilar erfreut sich trotz eines im
vorigen Jahre überstandenen Unwohlseins einer ausgezeichneten Frische und
Rüstigkeit. Seine Familie besteht aus fünf Kindern, einer großen Zahl
von Enkeln und Urenkeln. Seine Frau wurde ihm schon vor Jahrzehnten
entrissen, und fand er Ersatz in der Liebe und Hochachtung seiner Kinder.
Anlässlich einer Brith-Miloh-Feier seines Enkels war er vor drei Jahren
hier am Platze und setzte alle Anwesenden durch seine klare, hell tönende
Stimme in Erstaunen; auch liest er noch ohne Brille und beteiligt sich
lebhaft an Unterhaltungen. An Rosch Haschona wurde er zur Tora aufgerufen und
sprach mit kräftiger Stimme die Torabenediktion. Möge diesem frommen und
ehrwürdigen Hundertjährigen noch ein recht glücklicher Lebensabend im
Kreise seiner Familie beschieden sein." |
| |
Meldung
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 27. November
1903: "Lahr. Der Großherzog ließ dem Moses Moch in Nonnenweier
anlässlich dessen 100. Geburtstag ein Geschenk von 100 Mark
überweisen." |
Wahl von Dr. Ludwig Frank in den
Landtag (1905)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 3. November
1905: "Karlsruhe. Herr Rechtsanwalt Dr. Ludwig Frank aus Mannheim ist
in der Stichwahl in den Landtag gewählt worden; er hat sich bedeutende
Sympathien erworben, als er anlässlich der Kischinewer Greuel seinerzeit
eine große Protestversammlung in Mannheim einberief, sich dabei als
hervorragender Kenner der Verhältnisse der russischen Juden erwies. Auch
in Mannheim ist ein Glaubensgenosse, Herr Süskind, in den badischen
Landtag gewählt. Von Interesse dürfte ferner sein, dass der im vierten
Bezirk Mannheim gewählte Nationalliberale E. Mayer getaufter Jude
ist." |
| |
| Anmerkung: Ludwig Frank (1874 Nonnenweier-1914, gefallen bei
Baccarat/Frankreich), Rechtsanwalt in Mannheim, wurde 1906 Mitglied des Reichstags (sozialdemokratische Fraktion), galt Jahre hindurch als der glänzendste Sprecher im Deutschen Reichstag und gehörte zu den Vorkämpfern der Arbeiterjugendbewegung. In Mannheim erinnert ein Denkmal an ihn, gleichfalls ist in Mannheim seit 1974 eine Bundeswehrkaserne nach ihm benannt (vgl. auch Lahr). In Nonnenweier ist an seinem Geburtshaus Poststr.4 eine Gedenktafel angebracht; die Grundschule heißt
"Ludwig-Frank-Schule". |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige des Zigarrenfabrikanten A.B. Weil (1884)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Februar 1884: "Es
wird wohl nicht jedem bekannt sein, dass ein ziemlicher Teil einer Zigarre
vom Kopf ab, den man beim Rauchen im Mund hat, nicht koscher ist, da
derselbe um das Deckblatt fest anzukleben, mit Gummitrachant, mehr als
davon gewöhnlich abgeschnitten und man im Mund hat, bestrichen und
beklebt wird. Um nun diesem Zustand abzuhelfen, habe ... einen besonderen
koscheren Beklebstoff in Anwendung bringen lassen, bestehend in feiner
Reisstärke, vermischt mit koscherem Zichorienwasser, um dadurch einen
braunen Beklebstoff zu bekommen, der dem nicht koscheren Gummitrachant, in
Farbe gleich kommt. Somit erhält jeder Raucher, der es wünscht, eine
preiswürdige koschere Zigarre, die zu beziehen aus meiner Fabrik in 1/10
Kistchen, zu Mark 2.50 Pf. an bis zu 10 Mark unter Nachnahme frei nach
einem jeden Ort. - Bei größerer Abnahme entsprechend billiger. Besonders
erhalten Wiederverkäufer einen angemessenen Rabatt.
Referenzen: Herr Dr. Rawitzki, Bezirksrabbiner in Schmieheim.
Nonnenweier (Baden), 19. Februar 1884. A.B. Weil,
Zigarrenfabrikant." |
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge
Von einer Synagoge wird erstmals 1771
berichtet (damals schon der Standort: Schmidtenstraße 10). Von diesem Jahr
datiert ein Inquisitionsprotokoll "der Offenburgischen Reichsstadt contra
Christian Bühler und Johannes Kürz", welche den Pastor bestohlen und die
Synagoge beraubt haben sollen. Näheres weiß man über diese Angelegenheit
nicht.
1806 wurde das Gebäude renoviert. Zur Finanzierung
hatte die jüdische Gemeinde unter anderem den Beschluss gefasst, dass von jedem
Pferdehandel 12 kr., von jedem Rindviehhandel 6 kr., "es mag im Dorfe
geschehen oder auswärts", abzugeben waren. Wer für einen Fremden Tiere
verhandelte und dafür Maklerlohn erhielt, musste gleichfalls zahlen. Wöchentlich
waren diese Beträge abzuliefern.
Ein größerer Umbau der Synagoge fand 1865 statt.
Aus den Veränderungen, die vorgenommen wurde, kann man sich ein ungefähres
Bild von dem früheren Zustand machen. Die sogenannte Vorsynagoge war durch eine
Riegelwand vom Innenraum abgegrenzt. Von dem Vorraum aus wurde zur
Frauenabteilung eine Treppe errichtet. Demnach bildete der Betsaal ursprünglich
ein einheitliches Ganzes. Damals wurden die beweglichen Ständer und der Almemor
abgeschafft. Erstere wurden durch feste Bänke, letzterer durch einen großen
Pult ersetzt. Außerdem wurden neue Fenster und ein neuer Toraschrein eingebaut.
Die Kosten beliefen sich auf 1000 Gulden. Zu deren Bestreitung wurde durch
Gemeindebeschluss sämtlichen Gemeindemitgliedern, die ein Vermögen von
mindestens 500 Gulden hatten, eine Darlehensumlage von 30 kr. pro Gulden
auferlegt. Die Innenausstattung der Synagoge erfuhr bei der Renovierung 1865
keine wesentlichen Veränderungen: zwei große und fünf kleine Messingleuchter;
zwei Torarollen auf Pergament geschrieben, ein Vorhang vor der heiligen Lade
befanden sich schon 1862 im Gemeindeeigentum. Eine Torarolle nebst dem dazu gehörigen
Mäntelchen hatte die Gemeinde 1790 für 3 1/2 neue Louisdors gekauft. Später
haben Moses Frank einen Vorhang nebst Pultbehang, Emanuel Dreifuß eine
Torarolle, Isay Meyer ebenfalls eine Torarolle sowie einen Vorhang mit
Pultbehang und entsprechendem Toramäntelchen, ferner einen versilberten, mit
wertvoller Gravierarbeit versehenen Toraschild und einen Zeiger (Jad) gestiftet.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge durch
Brandstiftung zerstört, der Platz später eingeebnet. Die Torarollen konnten
nach Berichten vorher noch gerettet werden. Näheres ist jedoch unbekannt. Auf dem Dachboden eines Hauses in Nonnenweier fand sich vor
einigen Jahren ein silberner
Torazeiger. Das Haus hat früher einer "Nazigröße" des Ortes
gehört.
Fotos
Historische Ansichten:
(Quellen: Ansichtskarte Sammlung Hahn; Foto: Hundsnurscher/Taddey
s.Lit.)
 |
 |
 |
| Historische
Ansichtskarte von Nonnenweier (verschickt 1904); rechts Ausschnitt der
Synagoge. |
Die Synagoge in Nonnenweier
(Foto vor 1938) |
Fotos nach 1945/Gegenwart:
Fotos 2003:
(Fotos: Hahn,
Aufnahmedatum 1.9.2003) |
 |
 |
| |
Das Grundstück der ehemaligen
Synagoge |
| |
|
| |
 |
 |
| |
Gedenkstein für die ehemalige
Synagoge auf der gegenüberliegenden Straßenseite |
Inschrift des Gedenksteines |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden.
1968. S. 214-217. |
 | Karl Ludwig Bender/Joachim Krämer/Eugen Eble:
Ortssippenbuch Nonnenweier. 1971. S.151-168. |
 | Hildegard Kattermann, Das Ende einer jüdischen Landgemeinde.
Nonnenweier in Baden 1933-1945. Freiburg im Breisgau 1984. |
 | Elfie Labsch-Benz: Die jüdische Gemeinde Nonnenweier. Jüdisches
Leben und Brauchtum einer bad. Landgemeinde zu Beginn des 20. Jahrhundert.
Freiburg im Breisgau 1981². |
 | Günter Boll: Die ersten Generationen der jüdischen Familien
Wertheimer von Nonnenweier, in: Ortenau 80 2000 S. 229-236.
|
 | Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern -
Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from
their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem
1986. S. . |
 | Joachim
Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als
Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte
und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt,
Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial,
Jerusalem. Stuttgart 2007.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Nonnenweier Baden.
Jews helped to resettle the town after it was destroyed in the War of the
Spanish Succession (1701-1714). By 1744 Jews were among its property owners. The
Jewish population rose to 249 in 1871, with the synagogue enlarged in 1865 and a
cemetery opened in 1880. A Jewish
elementary school operated from 1840. Throughout the 19th century there were
frequent incidents of vandalism against Jewish property and full-scale riots in
1846 when the subject of Jewish civil rights was being debated in Baden's
Landtag. By 1927, 15 young Jews from Nonnenweier had graduated from Heidelberg
University. The most prominent was the jurist Ludwig Frank (1874-1914), the
first Reichstag member to volunteer in Worldwar I, where he lost his life. In
1933, 65 Jews remained. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the
synagogue was destroyed and all Jewish men sent to the Dachau concentration
camp. At least 30 Jews managed to emigrate from Germany in the Nazi era; another
28 were deported to Gurs and other concentration camps.

vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge
|