Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Nonnenweier (Gemeinde Schwanau, Ortenaukreis) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

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Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
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Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
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Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)   
   
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zum Ritterkanton Ortenau gehörenden Nonnenweier bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück. Erstmals werden Juden 1707 am Ort genannt. Kaut Eintrag im Heimburgerrehister von 1708 zahlte "der Jude" für 2 Jahre 6 Gulden Weidgeld. Unter den ersten jüdischen Einwohnern (vielleicht identisch mit der 1708 genannten Person) war der 1722 verstorbene Wolf Wertheimer, dessen Nachkommen während sieben Generationen in Nonnenweier ansässig waren. 
  
1780 zählte die jüdische Gemeinde bereits fünfzehn Familien, 1789 betrug die Zahl der steuerpflichtigen jüdischen Einwohner 23. 1809 waren es 35 Familien mit über 100 Personen. 1806 werden folgende Familiennamen jüdischer Einwohner genannt: Dreyfuß, Frank, Levi, Meyer, Moch, Simon, Wertheimer, Weil. Noch nicht genannt werden die Namen Baum und Metzger: vermutlich wurden später die Familiennamen Levi mit Baum und Simon mit Metzger "verdeutscht" (gemäß behördlicher Bestimmungen). Im 18. Jahrhundert lebten die jüdischen Familien vor allem vom Viehhandel oder vom Hausierhandel mit Kram-, Kurz- und Ellenwaren.   
   
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Schule (seit 1833 bis 1876 jüdische Volksschule, Gebäude Ottenheimer Strauße 10; Anwesen wurde 1840 durch den Anbau einer Lehrerwohnung und eines Schulzimmers erweitert), ein rituelles Bad (im Schulgebäude) und einen Friedhof. Das Schulgebäude wurde nach Auflösung der jüdischen Konfessionsschule 1876 als jüdisches Gemeindehaus verwendet (als Wohnhaus erhalten). Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl. Ausschreibungen der Stelle unten). 1827 wurde die Gemeinde dem Rabbinatsbezirk Schmieheim zugeteilt, dessen Sitz 1893 nach Offenburg verlegt wurde.  
    
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1825 112 jüdische Einwohner, 1832 126, 1836 177, 1839 187, 1864 240, 1871 249, 1875 233, 1880 235, um 1885 höchste Zahl mit 250 Personen, 1890 223, 1895 206, 1905 195, 1910 142. 
  
In Nonnenweier ist 1874 der spätere Rechtsanwalt und sozialdemokratische Landtags- und Reichstagsabgeordnete Dr. Ludwig Frank geboren, der 1914 in Frankreich gefallen ist. Zahlreiche andere Akademiker entstammen der jüdischen Gemeinde Nonnenweier: die Juristen Dr. Daniel Mayer, Dr. Hugo Schleicher, Dr. Berthold Moch und Dr. Iwan Meyer; die Ärzte Dr. Josef Wertheimer, Dr. Josef Meyer (Medizinalrat) und Dr. Kaufmann; die Gymnasialprofessoren Dr. Jenny Dreyfuß, Dr. Simon Bloch und Baruch Frank. Zu nennen sind auch der Gutsverwalter Alexander Moch, der Apotheker Max Metzger, die Dentistin Thea Höchster sowie die Lehrer und Kantoren SImon Metzger, Hermann Piccard, Heinrich Moch, Isac Baum, Berthold Frank und Meyer Moch.   
 
Das noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts zeitweise sehr angespannte Verhältnisse zwischen Juden und Christen am Ort (1846 kam es wiederholt zu Ausschreitungen gegen die Juden) besserte sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Charakteristisch dafür war die Grundsteinlegung für die neue evangelische Kirche 1906, bei der der Synagogenrat anwesend war und die jüdische Gemeinde zur Ausschmückung der Kirche beisteuerte.  
   
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde: Max Baum (geb. 8.7.1898 in Nonnenweier, gef. 15.8.1917), Nathan Frank (geb. 11.12.1879 in Nonnenweier, gef. 15.5.1915), Max Wertheimer (geb. 11.11.1893 in Nonnenweier, gef. 25.5.1915). Außerdem sind gefallen: Ernst Baum (geb. 29.10.1880 in Nonnenweier, vor 1914 in Bretten wohnhaft, gef. 31.8.1915), der bereits genannte Dr. Ludwig Frank (geb. 23.5.1874 in Nonnenweier, vor 1914 in Mannheim wohnhaft, gef. 3.9.1914), Gefreiter Josef Moch (geb. 19.8.1885 in Nonnenweier, vor 1914 in Mainz wohnhaft, gef. 2.11.1916). Die Namen der Gefallenen stehen auf dem Gefallenendenkmal der Gemeinde. 
    
Um 1924, als zur Gemeinde noch 89 Personen gehörten (5,2 % von insgesamt etwa 1.600 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Hermann Moch, Samuel Metzger und Heinrich Moch. Als Rechner und Gemeindediener war Meier Meier tätig. Den Religionsunterricht der damals drei zu unterrichtenden Kinder erteilte Oberlehrer a.D. Nathan Schleicher. An jüdischen Vereinen gab es u.a. einen Jünglingsverein (gegründet 1856), einen Synagogenchor (wurde 1914 bei Kriegsausbruch wegen Mitgliedermangel aufgelöst, 1927 von Oberlehrer Schleicher neu gebildet), einen Israelitischen Krankenverein (gegründet 1865, 1924/32 unter Leitung von Julius Baum mit 30/31 Mitgliedern; Zweck und Arbeitsgebiete: Unterstützung hilfsbedürftiger Kranker, Bestattung). 1932 waren die Gemeindevorsteher Markus Wertheimer (1. Vorsitzender), Max Meier (2. Vors.) und Moritz Baum (3. Vors.). Als Lehrer der damals vier zu unterrichtenden Kinder war weiterhin Nathan Schleicher tätig.    
  
Bis nach 1933 bestanden noch zahlreiche jüdische Handels- und Gewerbebetriebe, darunter Viehhandlungen, Kolonialwarengeschäfte, eine Mehl- und Getreidegroßhandlung. Dazu gab es bis nach 1933 die Einrichtungen der "Judenmetzgerei" von Jakob Meyer (Schmidtengasse 6) und der jüdischen Wirtschaft "Zum Strauß" mit koscherer Metzgerei von David Frank (Hauptstraße 30).
      
1933 lebten noch 65 jüdische Personen in Nonnenweier. Auf Grund der zunehmenden Entrechtung, des Boykotts und weiterer Repressalien verzog ein größerer Teil von ihnen in andere Orte oder wanderte aus. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge zerstört (s.u.) und der jüdische Friedhof geschändet. Die jüdischen Männer wurden nach Dachau verschleppt, wo am 12. Dezember 1938 der Viehhändler Julius Baum umgekommen ist. Am 22. Oktober 1940 wurden die letzten 27 jüdischen Einwohner in das südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert. Von ihnen kehrte 1947 nur Jette Rosenberger im Alter von 78 Jahren zurück; sie starb in Nonnenweier 1950.     
   
Von den in Nonnenweier geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Bertha (Betty) Baum geb. Meier (1875), Eleonore Baum geb. Prötz (1904), Julius Baum (1857), Leo Baum (1889), Leopold Baum (1860), Ludwig Baum (1895), Rosa Baum geb. Dreifuss (1864), Sara Baum geb. Bloch (1855), Toni Bloch (1889), Emil Dreifuss (1870), Jenny Dreifuss (1893), Max Dreifuss (1872), Max Frank (1881), Simon Fürth (1863), Sophie Goldschmidt geb. Frank (1877), Leonie Lehmann geb. Meier (1887), Martha Gertrud Maier geb. Abraham (1904), Friedrich Meier (1886), Isidor Meier (1883), Jakob Meier (1865), Karoline Meier geb. Kahn (1885), Meier Meier (1866), Sophie Meier geb. Weingarten (1870), Auguste Metzger (1894), Abraham Moch (1866), Adolf Moch (1890), Balbine Lina Moch geb. Weil (1867), Hermann Heinrich Moch (1892), Hilda Moch (1904), Max Moch (1904, seit 1934 in Konstanz; im Juni 2014 wurde für ihn in Konstanz ein "Stolperstein" verlegt, siehe Presseartikel in der Badischen Zeitung vom 28.6.2014), Sofie Moch (1903), Sofie Moch geb. Schleicher (1892), Wilhelm Moch (1891), Johanna Rosenberg (1870), Zerline Stengel geb. Meier (1858), Hilda Weil geb. Baum (1888), Josef Weil (1887), Robert Weil (1923).  
  
Zur Erinnerung an die Deportation nach Gurs 1940 erinnert seit 2010 vor dem Rathaus ein Gedenkstein, der von evangelischen Pfadfindern im Rahmen des badenweiten "ökumenischen Jugendprojekts Mahnmal" gestaltet wurde (vgl. Seite zum Mahnmal Neckarzimmern).    
  
  
  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1838 /  1890 

Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" von 1838 S. 125 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Schmieheim. (Vakante israelitische Schulstelle). 
Bei der israelitischen Gemeinde Nonnenweier ist die Lehrstelle für den Religionsunterricht der Jugend, mit welcher ein Gehalt von 125 Gulden sowie der Vorsängerdienst samt den davon abhängigen Gefällen circa 50 Gulden verbunden ist, erledigt, und durch Übereinkunft mit der Gemeinde unter höherer Genehmigung zu besetzen. Die rezipierten israelitischen Schulkandidaten werden daher aufgefordert, unter Vorlage der Rezeptionsurkunde und der Zeugnisse über ihren sittlichen und religiösen Lebenswandel binnen 6 Wochen sich bei der Bezirks-Synagoge Schmieheim zu melden. 
Auch wird bemerkt, dass im Falle weder Schulkandidaten noch Rabbinatskandidaten sich melden, andere inländische Subjekte nach erstandener Prüfung bei dem Bezirks-Rabbiner zur Bewerbung zugelassen werden.
Schmieheim, den 22. Januar 1838. Großherzogliche Bezirks-Synagoge. J. Ginsburger."    
 
Nonnenweier Israelit 02011890.jpg (40186 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Januar 1890: "In der israelitischen Gemeinde Nonnenweier (Baden) ist zum 1. April 1890 die Stelle eines Vorsängers und Schächters zu besetzen. Festes Einkommen 700 Mark. Nebeneinkommen 3-400 Mark nebst freier Wohnung. Verlangt wird etwas musikalische Bildung und die Befähigung zum Erteilen des Religionsunterrichts. Ledige Bewerber werden bevorzugt. Offerten sind bis Ende Januar nächsten Jahres an den Unterzeichneten zu richten. 
Schmieheim (Baden), im Dezember 1889. 
Dr. M. Ravicz
, Bezirksrabbiner." 

   
Leopold Mayer wird Lehrer und Vorsänger in Nonnenweier (1842)       

Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 5. Oktober 1842 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Dienst-Nachrichten. Die mit dem Vorsängerdienste vereinigte Lehrstelle an der neuerrichteten öffentlichen Schule bei der israelitischen Gemeinde Nonnenweier, im Mittelrheinkreise, wurde dem bisherigen Religionsschullehrer und Vorsänger bei derselben, Schulkandidaten Leopold Mayer von Wiesloch, übertragen."     

  
   
Berichte aus dem jüdischen Gemeindeleben   
 
Gegen jüdische Einwohner gerichtete Anschläge in Nonnenweier (1920)    

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. Januar 1920: "Der 'Badische Beobachter' (Karlsruhe) vom 20. dieses Monats berichtet aus Nonnenweier (Amt Lahr): Der Heimatort des gefallenen Sozialisten Frank hat ein Gendarmeriekommando erhalten, weil dort schon einige Male gegen die Juden mit Maschinengewehr und Handgranaten gezielt wurde. Die Neujahrsnacht haben die Israeliten in den Kellern verbracht."       
 
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 6. Februar 1920: Text wie oben.    

    
    
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde      
        
Zwei Obligationen durch den "Judenschulz Moses Wertheimer von Nonnenweier" aus den Jahren 1772/1774 werden gestrichen (1830)         

Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" von 1830 S. 376 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen) mit zweimaliger Nennung den "Judenschulzen Moses Wertheimer von Nonnenweier"    

    

    
100. Geburtstag von Moses Moch (1903)  

Nonnenweier Israelit 29101903.jpg (115984 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Oktober 1903: "Diersburg (Baden). Am Schabbat Paraschat Lech Lecha begeht Herr Moses Moch von Nonnenweier seinen hundertsten Geburtstag. Aus diesem Anlass will seine Geburtsgemeinde Nonnenweier dieser Tag festlich begehen. An alle jüdischen Gemeinden Badens ergingen Einladungen, durch Deputationen diesen hoch betagten Mann zu ehren. Seine Ehrwürden, Herr Rabbiner Dr. Rawicz in Offenburg, wird den Jubilar, geführt von drei Altersgenossen, einem Fünfundneunzigjährigen und zwei Vierundachtzigjährigen, an der Grenze empfangen und anreden. Der Jubilar erfreut sich trotz eines im vorigen Jahre überstandenen Unwohlseins einer ausgezeichneten Frische und Rüstigkeit. Seine Familie besteht aus fünf Kindern, einer großen Zahl von Enkeln und Urenkeln. Seine Frau wurde ihm schon vor Jahrzehnten entrissen, und fand er Ersatz in der Liebe und Hochachtung seiner Kinder. Anlässlich einer Brith-Miloh-Feier seines Enkels war er vor drei Jahren hier am Platze und setzte alle Anwesenden durch seine klare, hell tönende Stimme in Erstaunen; auch liest er noch ohne Brille und beteiligt sich lebhaft an Unterhaltungen. An Rosch Haschona wurde er zur Tora aufgerufen und sprach mit kräftiger Stimme die Torabenediktion. Möge diesem frommen und ehrwürdigen Hundertjährigen noch ein recht glücklicher Lebensabend im Kreise seiner Familie beschieden sein."
  
Meldung im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 27. November 1903: "Lahr. Der Großherzog ließ dem Moses Moch in Nonnenweier anlässlich dessen 100. Geburtstag ein Geschenk von 100 Mark überweisen."   

  
Wahl von Dr. Ludwig Frank in den Landtag (1905) 

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 3. November 1905: "Karlsruhe. Herr Rechtsanwalt Dr. Ludwig Frank aus Mannheim ist in der Stichwahl in den Landtag gewählt worden; er hat sich bedeutende Sympathien erworben, als er anlässlich der Kischinewer Greuel seinerzeit eine große Protestversammlung in Mannheim einberief, sich dabei als hervorragender Kenner der Verhältnisse der russischen Juden erwies. Auch in Mannheim ist ein Glaubensgenosse, Herr Süskind, in den badischen Landtag gewählt. Von Interesse dürfte ferner sein, dass der im vierten Bezirk Mannheim gewählte Nationalliberale E. Mayer getaufter Jude ist."
  
Anmerkung: Ludwig Frank (1874 Nonnenweier-1914, gefallen bei Baccarat/Frankreich), Rechtsanwalt in Mannheim, wurde 1906 Mitglied des Reichstags (sozialdemokratische Fraktion), galt Jahre hindurch als der glänzendste Sprecher im Deutschen Reichstag und gehörte zu den Vorkämpfern der Arbeiterjugendbewegung. In Mannheim erinnert ein Denkmal an ihn, gleichfalls ist in Mannheim seit 1974 eine Bundeswehrkaserne nach ihm benannt (vgl. auch Lahr). In Nonnenweier ist an seinem Geburtshaus Poststr.4 eine Gedenktafel angebracht; die Grundschule heißt "Ludwig-Frank-Schule".

   
Über Dr. Ludwig Frank (1912)    
Anmerkung: in einem Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" werden mehrere jüdische Reichstagsabgeordnete vorgestellt, darunter Dr. Ludwig Frank.  

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. April 1912: "Dr. Frank in Mannheim. Ich bin am 23. Mai 1874 in Nonnenweier in Baden geboren. Seit 1900 bin ich Rechtsanwalt in Mannheim. Dem badische Landtage gehöre ich sein 1905, dem Reichstage seit 1907 an."        

    
Über den Reichstags- und Landtagsabgeordneten Dr. Ludwig Frank (1874-1914)  

Nonnenweier AZJ 18091914.jpg (356442 Byte) Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 18. September 1914:   
Zum Lesen des Artikels bitte Textabbildungen anklicken.        
Nonnenweier AZJ 18091914a.jpg (172815 Byte)

    
"Ludwig Frank zum Gedächtnis" (Beitrag von Sally Großhut in Wiesbaden von 1932)   
 
Anmerkung: der Verfasser Sally Großhut ist 1906 in Wiesbaden geboren; er entstammt einer ostjüdischen Familie (Vater aus Krakau). Nach Abschluss der Schulzeit studierte er Jura, legte das 1. Staatsexamen ab und promovierte. 1933 emigrierte er mit seiner Frau Sina geb. Rosenstrauch nach Palästina. Hier eröffnete er ein Buchantiquariat und war schriftstellerisch tätig. Er starb 1969 in den USA.   

Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 1. Oktober 1932: "Ludwig Frank zum Gedächtnis. Von Sally Großhut, Wiesbaden. 
'Jeder jüdische Kämpfer, der auch noch nach der Emanzipation seiner Glaubensgenossen in den Reihen der Streiter für die allgemeine geistige und bürgerliche Freiheit ausharrt, zählt für zwei'. Dieses Wort des Dichters Gutzkow – auf den jüdischen Rechtsanwalt und sozialdemokratischen Politiker Doktor Ludwig Frank, der als erster Kriegsfreiwilliger im September 1914 den Heldentod starb, darf man es übertragen. Am 25. Mai 1874 im badischen Nonnenweier geboren, schlägt Frank nach Schuljahren und Universitätsstudium die juristische Laufbahn ein. Im Jahre 1900 lässt er sich in Mannheim als Anwalt nieder. Mit 30 Jahren tritt Frank aktiv in die Politik seines Heimatlandes Baden ein. Er wird 1905 sozialdemokratischer Abgeordneter der Badischen Kammer, 1907 Mitglied der Reichstagsfraktion. Als Haupt des revisionistischen Flügel der Partei befürwortet er schon als badisches Parlamentsmitglied eine tätige Mitarbeit der Partei am Staate, oft nach Überwindung schwerer Widerstände im eigenen Lager..."   Zum weiteren Lesen bitte Textabbildung anklicken.           

    
Beschädigung des Denkmals für Dr. Ludwig Frank in Mannheim (1933)
        

Artikel in der "Jüdischen Wochenzeitung für Wiesbaden und Umgebung" vom 5. Mai 1933: 
"Denkmalsbeschädigung in Mannheim. 
Durch unbekannte Täter wurde das vom Reichsbanner errichtete Denkmal für den bereits im September 1914 als Kriegsfreiwilliger gefallenen sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Dr. Ludwig Frank schwer beschädigt. Die Plakette mit dem Kopf Franks wurde aus dem Stein herausgerissen. die Inschrift besudelt und die Ecken des Monuments wurden abgeschlagen. Das 'Hakenkreuzbanner' hatte bereits einige Tage vorher gefordert, dass das Denkmal den ihm gebührenden Platz auf dem israelitischen Friedhof erhalte. Die Tat wird allseits verurteilt."        

   
Ergänzender Hinweis zu Regine (Julie) Jolberg geb. Zimmern (1800 bis 1870) 

Die Gründerin des seit 1849 in Nonnenweier bestehenden Mutterhauses für Kinderpflegerinnen war Regine (Julie) Jolberg geb. Zimmern. Diese ist im Juni 1800 in Frankfurt/Main als Tochter des jüdischen Handelsmannes/Bankiers David Zimmern und der Zippora geb. Ullmann geboren (ihr Großvater Josua genannt Seligmann Zimmern (gest. 1781) war Judenschaftsvorsteher der Kurpfalz, der Urgroßvater David Ullmann war Oberrabbiner der Kurpfalz). Regine heiratete in erster Ehe Dr. Joseph Neustetel aus Hanau (gest. 1825), in zweiter Ehe 1826 Dr. Salomon (Theodor) Jolberg aus Kassel, mit dem sie zum christlichen Glauben konvertierte. Nach dem Tod des zweiten Mannes widmete sie sich ausschließlich der Erziehung ihrer beiden Töchter und der Pflege ihres Vaters (gest. 1845). 1840 richtete sie in Leutesheim bei Kehl eine Arbeitsschule und ein Mutterhaus für Kinderpflegerinnen ein. 1849 wurde sie durch die damaligen Ereignisse von dort vertrieben und übersiedelte mit der Einrichtung und den Mitarbeiterinnen zunächst nach Langenwinkel bei Lahr, 1851 nach Nonnenweiter. Hier wurden in der Folgezeit zahlreiche Kinderpflegerinnen ausgebildet (bis 1870: 358). Sie wurden in ganz Südwestdeutschland und der deutschen Schweiz eingesetzt. Die Einrichtung besteht bis heute als "Evangelisches Diakonissenhaus Nonnenweier e.V."  
Quellen: Artikel zu "Jolberg, Regine (Julie), geborene Zimmern" in der Deutschen Biographie; Wikipedia-Artikel Regine Jolberg          

   
  
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen 
Anzeige des Zigarrenfabrikanten A.B. Weil (1884) 

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Februar 1884: "Es wird wohl nicht jedem bekannt sein, dass ein ziemlicher Teil einer Zigarre vom Kopf ab, den man beim Rauchen im Mund hat, nicht koscher ist, da derselbe um das Deckblatt fest anzukleben, mit Gummitrachant, mehr als davon gewöhnlich abgeschnitten und man im Mund hat, bestrichen und beklebt wird. Um nun diesem Zustand abzuhelfen, habe ... einen besonderen koscheren Beklebstoff in Anwendung bringen lassen, bestehend in feiner Reisstärke, vermischt mit koscherem Zichorienwasser, um dadurch einen braunen Beklebstoff zu bekommen, der dem nicht koscheren Gummitrachant, in Farbe gleich kommt. Somit erhält jeder Raucher, der es wünscht, eine preiswürdige koschere Zigarre, die zu beziehen aus meiner Fabrik in 1/10 Kistchen, zu Mark 2.50 Pf. an bis zu 10 Mark unter Nachnahme frei nach einem jeden Ort. - Bei größerer Abnahme entsprechend billiger. Besonders erhalten Wiederverkäufer einen angemessenen Rabatt. 
Referenzen: Herr Dr. Rawitzki, Bezirksrabbiner in Schmieheim
Nonnenweier (Baden), 19. Februar 1884. A.B. Weil, Zigarrenfabrikant."      

   
   
   
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge          
   
Von einer Synagoge wird erstmals 1771 berichtet (damals schon der Standort: Schmidtenstraße 10). Von diesem Jahr datiert ein Inquisitionsprotokoll "der Offenburgischen Reichsstadt contra Christian Bühler und Johannes Kürz", welche den Pastor bestohlen und die Synagoge beraubt haben sollen. Näheres weiß man über diese Angelegenheit nicht.  
  
1806 wurde das Gebäude renoviert. Zur Finanzierung hatte die jüdische Gemeinde unter anderem den Beschluss gefasst, dass von jedem Pferdehandel 12 kr., von jedem Rindviehhandel 6 kr., "es mag im Dorfe geschehen oder auswärts", abzugeben waren. Wer für einen Fremden Tiere verhandelte und dafür Maklerlohn erhielt, musste gleichfalls zahlen. Wöchentlich waren diese Beträge abzuliefern.   
  
Ein größerer Umbau der Synagoge fand 1865 statt. Aus den Veränderungen, die vorgenommen wurde, kann man sich ein ungefähres Bild von dem früheren Zustand machen. Die sogenannte Vorsynagoge war durch eine Riegelwand vom Innenraum abgegrenzt. Von dem Vorraum aus wurde zur Frauenabteilung eine Treppe errichtet. Demnach bildete der Betsaal ursprünglich ein einheitliches Ganzes. Damals wurden die beweglichen Ständer und der Almemor abgeschafft. Erstere wurden durch feste Bänke, letzterer durch einen großen Pult ersetzt. Außerdem wurden neue Fenster und ein neuer Toraschrein eingebaut. Die Kosten beliefen sich auf 1000 Gulden. Zu deren Bestreitung wurde durch Gemeindebeschluss sämtlichen Gemeindemitgliedern, die ein Vermögen von mindestens 500 Gulden hatten, eine Darlehensumlage von 30 kr. pro Gulden auferlegt. Die Innenausstattung der Synagoge erfuhr bei der Renovierung 1865 keine wesentlichen Veränderungen: zwei große und fünf kleine Messingleuchter; zwei Torarollen auf Pergament geschrieben, ein Vorhang vor der heiligen Lade befanden sich schon 1862 im Gemeindeeigentum. Eine Torarolle nebst dem dazu gehörigen Mäntelchen hatte die Gemeinde 1790 für 3 1/2 neue Louisdors gekauft. Später haben Moses Frank einen Vorhang nebst Pultbehang, Emanuel Dreifuß eine Torarolle, Isay Meyer ebenfalls eine Torarolle sowie einen Vorhang mit Pultbehang und entsprechendem Toramäntelchen, ferner einen versilberten, mit wertvoller Gravierarbeit versehenen Toraschild und einen Zeiger (Jad) gestiftet. 
  
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge durch Brandstiftung zerstört, der Platz später eingeebnet. Die Torarollen konnten nach Berichten vorher noch gerettet werden. Näheres ist jedoch unbekannt. Auf dem Dachboden eines Hauses in Nonnenweier fand sich vor einigen Jahren ein silberner Torazeiger. Das Haus hat früher einer "Nazigröße" des Ortes gehört.  
  
Gegenüber dem Standort der ehemaligen Synagoge erinnert in der Schmidtenstraße ein Gedenkstein an das Gebäude.    
   
   
   
Fotos 
Historische Ansichten: 
(Quellen: Ansichtskarte Sammlung Hahn; Foto: Hundsnurscher/Taddey s.Lit.)  

Nonnenweier Synagoge 031.jpg (65805 Byte) Nonnenweier Synagoge 030.jpg (72417 Byte) Nonnenweier Synagoge 001.jpg (89318 Byte)
Historische Ansichtskarte von Nonnenweier (verschickt 1904); rechts 
Ausschnitt der Synagoge.  
Die Synagoge in Nonnenweier 
(Foto vor 1938) 

   
Fotos nach 1945/Gegenwart:  

Fotos 2003:
(Fotos: Hahn, 
Aufnahmedatum 1.9.2003) 
Nonnenweier Synagoge 150.jpg (44153 Byte) Nonnenweier Synagoge 151.jpg (56730 Byte)
  Das Grundstück der ehemaligen Synagoge 
    
   Nonnenweier Synagoge 153.jpg (87024 Byte) Nonnenweier Synagoge 152.jpg (58670 Byte)
    Gedenkstein für die ehemalige Synagoge
 auf der gegenüberliegenden Straßenseite 
Inschrift des 
Gedenksteines 

  
  
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  

August 2012: Mit Ortsvorsteherin Dagmar Frenk auf den Spuren der jüdischen Geschichte in Nonnenweier   
Artikel in der "Badischen Zeitung" vom August 2012: "Ein Stein für Tante Jette. RIEDWOCHE:  Mit Ortsvorsteherin Dagmar Frenk auf den Spuren des jüdischen Lebens in Nonnenweier.
SCHWANAU-NONNENWEIER.
Juden in Nonnenweier – bis zur Auslöschung durch die Nazis lebten sie hier. Mit der Ortsvorsteherin Dagmar Frenk haben sich rund 30 Personen auf die Suche nach den Verschwundenen gemacht. Neben Offensichtlichem fanden sie auch manch Verborgenes. Hier einige Stationen...
Das Haus von Ludwig Frank, Poststraße: Gegenüber vom Rathaus lebte Ludwig Frank (1874 bis 1914)...   Andere, unbekanntere jüdische Mitbürger lebten in der Nähe der Franks, erfahren die Teilnehmer des Rundgangs. Die Juden hatten sich vorwiegend im Oberdorf und im Ortskern angesiedelt. Will heißen: In der Haupt- und in der Schmidtenstraße, Im Gässel in der Ottenheimer Straße (früher Löwenstraße) und in der Poststraße.
Die Poststraße birgt ein Kuriosum. Im Haus Poststraße 8 lebte Emil Dreyfus. Als die Scheune vom Nachbargebäude abgerissen wurde, trat ein Gesicht zutage, das mit großen Augen auf das Nachbargrundstück Nummer 6 blickt. Dort lebte der Ortsgruppenleiter der NSDAP, der gesagt haben soll: "Mir schaut kei Jud' uff de Hof!" und die Scheune davor gebaut hatte. Die Teilnehmer blicken erstaunt am Haus hoch.
Dann gab es zum Beispiel den Schächter Leopold Baum. Er lebte im Eckhaus Ottenheimer Straße/Im Gässel... Baum kam um 1941 im französischen Internierungslager in Gurs. Unweit von hier gingen die Juden bis 1876 in die "Judenschule", im Haus links neben dem Gasthaus Löwen. Als die Konfessionsschulen von den gemischten Volksschulen abgelöst wurden, besuchten Christen und Juden die selbe Schule. Im kleinen Haus neben der Judenschule, hinten rechts, war das Ritualbad. Hier fanden die rituellen Waschungen statt. Hinweise auf das Bad existieren heute keine mehr, bedauert Dagmar Frenk. Man vermutet, dass es zubetoniert wurde.
Hier und dort und hier lebten sie – der Rundgang von Dagmar Frenk öffnet den Teilnehmern die Augen. In ihrem Pädagogikstudium hatte die Lehrerin die Juden von Nonnenweier zum Thema einer Arbeit gemacht. Die Familien hießen Baum, Wertheimer, Weil, Moch oder Meier. Sie betrieben Metzgereien, Gasthäuser, Lebensmittelläden, Bäckereien oder Viehhandel. "S'Duvets" an der Hauptstraße 30 (abgeleitet von David Frank) war eine Gastwirtschaft mit einer koscheren Metzgerei. In der Wirtschaft haben auch Christen verkehrt und in s'Düvets stand das erste Radio des Dorfs, das nur mit einem Kopfhörer zu hören war. Es kursiert eine Anekdote: Die Wirtstochter habe einem Gast einen Kopfhörer aufgesetzt und gefragt: "Nu, Karl, was heersch? Des isch Musik direkt us Neu York!" David Franks Töchter Ernestine und Frieda führten das Gasthaus bis 1938 weiter, bevor sie in die USA emigrierten. Heute ist es eine sanierungsbedürftige Unterkunft für sozial Schwache.
Und wo sind die Juden heute sichtbar? Zwei Gedenkstätten gibt es am Ort. Sie erinnern an die Verfolgung unter dem Nazi-Regime. 2010 wurde eine Skulptur am Rathaus aufgestellt, der der Deportation badischer und elsässischer Juden nach Gurs im Oktober 1940 gedenkt. In der Schmidtenstraße, in der die Synagoge stand (heute Anwesen der Arztfamilie Schnurr) wurde 2003 ein Gedenkstein für die ehemaligen jüdischen Gemeindemitglieder eingeweiht. Der Gedenkstein war kein einfaches Unterfangen. Die fertige Tafel scheiterte am Veto der jüdischen Vertreter, sagt Dagmar Frenk. Sie waren der Meinung, dass die Schuldfrage deutlich beantwortet werden müsse. Da sollte nicht stehen: "Ist zerstört worden". Die Täter sollten benannt werden. Waren es Auswärtige? Waren es Nonnenweierer? Mit dieser Frage tat man sich schwer, auch beim Rundgang mit Dagmar Frenk.
Es wird klar: Es gab überzeugte Parteigänger und eine Handvoll Menschen, die den jüdischen Mitbürgern halfen. Und es gab im Kern ein Miteinander von Christen und Juden. Dagmar Frenk räumt ein: "Ich weiß nicht, wo ich damals gelandet wäre, wie ich gehandelt hätte." Ihr gehe es nicht darum, Schuld zuzuweisen, sondern an die Menschen zu erinnern.
Auf dem jüdischen Friedhof vor den Toren Nonnenweiers (Straße nach Kippenheim, links in den Feldweg) war der Abschluss der bewegenden Spurensuche. Eine Frau entdeckte das Grab von Jette Rosenberger. Sie war die Letzte der Nonnenweierer Juden, die hier bestattet wurden. Sie hatte Gurs überlebt, war zurückgekehrt und starb 1950 mit 81 Jahren. Die ältere Frau, sichtlich bewegt, erinnert sich noch an den Beerdigungszug mit dem Rabbi, hinaus zum Friedhof. Zum ersten Mal sei sie wieder hier. Sie legte "Tante Jette", mit der die christliche Familie nicht verwandt, aber freundschaftlich eng verbunden war, ein Steinchen auf den Grabstein. Das ist üblich bei jüdischen Gräbern – als Zeichen des Besuchs, des Gedenkens. Und das, so die Meinung Aller, sei ja das Wichtigste. Nur, wenn man an sie erinnere, könne sich die Geschichte nicht wiederholen. " 
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Juni 2014: "Stolperstein" in Konstanz für den aus Nonnenweier stammenden Max Moch verlegt   
Artikel von Birgit Lockheimer in der "Badischen Zeitung" vom 28. Juni 2014: "Unerwartete Spurensuche
Gestern wurde in Konstanz ein Stolperstein für Max Moch verlegt / Sein Leben begann in Nonnenweier und endete in Auschwitz.
Konstanz,
9. November 2013, 18 Uhr. Birgit Lockheimer nimmt teil an einer Mahnwache zum 80. Jahrestag der Novemberpogrome. Danach übernimmt sie in der Initiative Stolpersteine Konstanz die Recherche für ein Opfer des Nationalsozialismus, 'ohne zu wissen, was mich erwartete', berichtet sie. Sie machte sich auf die Suche nach Spuren nach einem Max Moch. Die führte zu seinem Geburtsort: Nonnenweier. Gestern, Freitag, wurde in Konstanz, in der Zasiusstraße, ein Stolperstein für Max Moch verlegt – im Beisein auch von Ortsvorsteherin Dagmar Frenk. Birgit Lockheimer hat ihre Spurensuche aufgeschrieben.
In Nonnenweier. Nonnenweier 13. April 2014. Frühling! Die Obstbäume stehen in voller Blüte, die Sonne scheint, überall grünt und sprießt es. Ein Rapsfeld leuchtet in sattem Gelb. Daneben eine Mauer. Ich stehe hinter der Mauer inmitten von Grabsteinen auf dem jüdischen Friedhof, die Steine sind teilweise mit gelben Flechten bewachsen. Wir suchen das Grab von Baruch und Rosa Moch. Wir, das sind neben mir zwei Nachfahren aus Israel sowie die Ortsvorsteherin von Nonnenweier Dagmar Frenk. Als wir es gefunden haben, legen wir nach jüdischem Brauch Steine auf das Grab, ich habe einen Bodenseekiesel dabei. Wir entdecken weitere Gräber der Familie, noch ältere. Die Familienangehörigen, die extra von Jerusalem nach Nonnenweier gekommen sind, übersetzen die hebräischen Grabinschriften. Plötzlich begreifen wir, dass der 15-jährige Ezra vor dem Grab eines Vorfahren in der 7. Generation steht.
Der Beginn der Spurensuche. Nach der Mahnwache anlässlich der Pogromnacht hatte ich im Rahmen der Initiative Stolpersteine Konstanz die Recherche für ein Opfer des Nationalsozialismus übernommen. Ich erhielt einige Tipps, wie ich vorgehen könnte, dann machte ich mich auf die Suche nach Spuren von Max Moch. Ein Besuch im Stadtarchiv Konstanz, wo ich erfuhr, dass Moch aus Nonnenweier stammte, Briefe und Internetrecherchen in Archiven der Konzentrationslager Dachau und Auschwitz, in den Archives Départementales des Pyrénees Atlantiques und das Studium verschiedener Bücher folgten. Hier das Ergebnis in Kürze (siehe unten Biografie): Max Moch, am 19. August 1904 in Nonnenweier geboren, war im Januar 1934 im Alter von 29 Jahren nach Konstanz gezogen und wohnte wie ich im Stadtviertel 'Paradies'. Nach mehreren Deportationen kam er zuletzt nach Auschwitz. Max Moch überlebte den Holocaust nicht, aber seine älteren Geschwister konnten Ende der 30er-Jahre in die USA emigrieren. Ob es wohl noch Angehörige gab?
Erster Kontakt mit Nachfahren.  Im Staatsarchiv Freiburg nahm ich Einsicht in die Wiedergutmachungsakten für Max Moch. Es gab dort eine umfangreiche Korrespondenz mit seinem älteren Bruder Sally (später Sol). Die Bürokratie im Umgang mit den Angehörigen, die aufgefordert wurden, immer weitere Dokumente für den in Auschwitz Umgekommenen einzusenden, erschütterte mich. 1956 starb Sol, seine Frau Lotte führte die Korrespondenz weiter. Letztendlich wurde der Antrag auf Wiedergutmachung 1962 abschlägig beschieden, 'weil die Erbfolge nicht nachgewiesen wurde'. In einem der Briefe war in einem Nebensatz der minderjährige Sohn von Sol und Lotte, Eric, erwähnt. Im Internet stieß ich auf seinen Nachruf in der Chicago Tribune von 2002, in dem auch die Angehörigen des Verstorbenen erwähnt waren. Und dann ging alles ganz schnell: Ich fand die Website und E-Mail-Adresse einer möglichen Verwandten, und nach zehn Minuten hatte ich Antwort von Sols Enkelin Adrienne. Sie, ihre Mutter und Geschwister waren genauso überrascht über den plötzlichen Kontakt wie ich. Ein reger Nachrichtenaustausch folgte, ich erklärte den Angehörigen die Idee der Stolpersteine und wir lernten einander besser kennen. Ein besonders berührender Moment war für mich, als die Familie mir alte Fotos zuschickte, auf denen auch Max Moch, seine Familie und die jüdische Gemeinde von Nonnenweier zu sehen waren. Für mich war er schon lange keines der über 6 Millionen anonymen Holocaust-Opfer mehr, aber nun hatte Max Moch auch ein Gesicht. Ein Mensch, ein Name, ein Gesicht.
Die Begegnung in Nonnenweier. Im März 2014 bekam ich unerwartet eine Nachricht der Ortsvorsteherin von Nonnenweier, Dagmar Frenk, die ich am Anfang meiner Recherche kontaktiert hatte. Familienangehörige aus Israel hätten sich gemeldet, da sie den Friedhof besuchen wollten, auf dem ihre Vorfahren begraben sind. Schnell war der Kontakt hergestellt – es handelte sich um Nachfahren einer der Schwestern von Max Moch. Wir verabredeten uns. Dagmar Frenk führte uns durch Nonnenweier, zeigte uns den Gedenkstein für die Synagoge, den Ort der jüdischen Volksschule und späteren Gemeindehauses, des rituellen Bades, der koscheren Metzgerei und den Platz, wo das Elternhaus Max Mochs stand. So kam es, dass ich am 13. April auf dem jüdischen Friedhof von Nonnenweier einen Bodenseekiesel auf das Grab der Familie Moch legte.
Die Spurensuche geht weiter. Konstanz 27. Juni 2014. Der Künstler Gunter Demnig verlegt einen Stolperstein vor dem letzten selbst gewählten Wohnort von Max Moch, in der Zasiusstraße. Im März erhielt ich von den Verwandten aus den USA ein dickes Manuskript, das die Familiengeschichte von Max' älterem, ebenfalls in Nonnenweier geborenen Bruder Sally (Sol) erzählt. In Stuttgart von der Gestapo verhaftet, floh er aus dem KZ Dachau und emigrierte unter nicht minder dramatischen Umständen letztlich nach Chicago. Meine Recherche geht weiter. Vielleicht wird eines Tages in Stuttgart ein Stolperstein für Sally Moch verlegt. Ein Stein, ein Name, ein Mensch.
Zur Person: Brigit Lockheimer, 1959 in Freiburg geboren. Studium der Romanistik und Germanistik in Freiburg, Heidelberg und Poitiers. Seit 1991 Verlagslektorin mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendbuch. Sie wohnt seit 1994 in Konstanz und in Hildesheim in Norddeutschland. Die Recherche über Max Moch ist ihre erste im Rahmen der Initiative Stolpersteine." 
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September 2014: Gedenkfeier für Ludwig Frank  
Artikel von Hans Weide in der "Lahrer Zeitung" vom 5. September 2014: "Schwanau. Ludwig Frank bleibt unvergessen
Nonnenweier
. 'Ein Europäer gefallen im Ersten Weltkrieg: Ludwig Frank – ein tragisches jüdisches Schicksal' – unter diesem Titel hatten der SPD-Ortsverein Schwanau-Meißenheim und der Förderverein Ehemalige Synagoge Kippenheim zu einer Gedenkfeier eingeladen. Zahlreiche Zuhörer fanden den Weg ins Heimathaus. Die Veranstaltung zum Gedenken an den jüdischen SPD-Politiker Ludwig Frank, der vor 100 Jahren, am 3. September 1914, als Soldat im Ersten Weltkrieg fiel, fand unerwartet großes Interesse, sodass die Zuhörer nur mit vielen zusätzlichen Stühlen noch einen Platz fanden. Nicht nur das Datum, sondern auch die Nähe von knapp 100 Metern des Veranstaltungsraums zum Geburtshaus von Ludwig Frank dürften zusätzlich dazu beigetragen haben.
Karl-Rainer Kopf, stellvertretender Kreisvorsitzender der SPD Ortenau, äußerte daher auch in seiner Begrüßung, dass man mit einem solchen Zuspruch nicht gerechnet hatte. Gleichzeitig sah er darin auch eine Bestätigung dafür, dass man den Nonnenweierer Ludwig Frank nicht vergessen habe. Mit ihm sei ein Europäer nur etwa 100 Kilometer von seiner Heimat entfernt gefallen. Dagmar Frenk, Ortsvorsteherin von Nonnenweier, sah in der Veranstaltung ein Zeichen der Verpflichtung, die man gegenüber des 'größten Sohnes der Gemeinde' habe. Ruben Frankenstein von der Freiburger Gesellschaft für deutsch-jüdische Zusammenarbeit führte an, dass man erst 1930 die erste Straße in Freiburg nach einem prominenten jüdischen Mitbürger benannt habe – dies sei Ludwig Frank gewesen. Unter den Nationalsozialisten hätte man sie umbenannt. Mit dem Ludwig-Frank-Weg gebe es im Stadtteil Haslach jedoch wieder eine Straße mit seinem Namen..."  
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Vgl. Artikel zur Gedenkfeier von Thorsten Mühl in der "Mittelbadischen Presse" - baden online.de vom 5. September 2014: "Vortragsabend zu Ludwig Frank kommt an. Viele Zuhörer in der Heimetstub in Nonnenweier..." 
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Juni 2015: Rundgang auf den Spuren der Vergangenheit   
Artikel von Jasmin Lehmann in der "Lahrer Zeitung" vom 13. Juni 2015: "Schwanau - Spuren der Vergangenheit. 
Nonnenweier.
Auf die Suche nach Spuren der jüdischen Vergangenheit in Nonnenweier haben sich zahlreiche Besucher begeben. Mit Ortsvorsteherin Dagmar Frenk und Jürgen Stude, Vorsitzender des Fördervereins ehemalige Synagoge Kippenheim, ging es auf Tour..."  
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Links und Literatur  

Links: 

Website der Gemeinde Schwanau  
Torazeiger aus Nonnenweier: hier anklicken   
Biografisches zu "Mutter Jolberg" (Regine Julie Jolberg), der Begründerin des Diakonissenhauses in Nonnenweier, die aus einer jüdischen Familie Frankfurts stammte: hier anklicken   

Literatur:  

Iwan Mayer: Jubiläumsschrift der jüdischen Gemeinde Nonnenweier. 1927. 
Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 214-217. 
Karl Ludwig Bender/Joachim Krämer/Eugen Eble: Ortssippenbuch Nonnenweier. 1971. S.151-168. 
Hildegard Kattermann, Das Ende einer jüdischen Landgemeinde. Nonnenweier in Baden 1933-1945. Freiburg im Breisgau 1984. 
Elfie Labsch-Benz: Die jüdische Gemeinde Nonnenweier. Jüdisches Leben und Brauchtum einer bad. Landgemeinde zu Beginn des 20. Jahrhundert. Erschien in der Zeitschrift des Historischen Vereins für Mittelbaden 60. Jahresband 1980. S. 252-304.  Kann online gelesen werden.    
Freiburg im Breisgau 1981².    
Günter Boll: Die ersten Generationen der jüdischen Familien Wertheimer von Nonnenweier, in: Ortenau 80 2000 S. 229-236. 
Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern - Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem 1986. S.   .   
synagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007. 

      
       


 
 
Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Nonnenweier  Baden. Jews helped to resettle the town after it was destroyed in the War of the Spanish Succession (1701-1714). By 1744 Jews were among its property owners. The Jewish population rose to 249 in 1871, with the synagogue enlarged in 1865 and a cemetery opened in 1880. A Jewish elementary school operated from 1840. Throughout the 19th century there were frequent incidents of vandalism against Jewish property and full-scale riots in 1846 when the subject of Jewish civil rights was being debated in Baden's Landtag. By 1927, 15 young Jews from Nonnenweier had graduated from Heidelberg University. The most prominent was the jurist Ludwig Frank (1874-1914), the first Reichstag member to volunteer in Worldwar I, where he lost his life. In 1933, 65 Jews remained. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue was destroyed and all Jewish men sent to the Dachau concentration camp. At least 30 Jews managed to emigrate from Germany in the Nazi era; another 28 were deported to Gurs and other concentration camps. 
   
    

                   
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Stand: 29. Dezember 2016