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Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
(english
version)
In der bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts freien
Reichsstadt Offenburg bestand eine jüdische Gemeinde zunächst im Mittelalter.
Bereits um 1300 dürfte eine größere jüdische Gemeinde vorhanden gewesen
sein, die sich eine prächtige Einrichtung wie das "Judenbad" in der Glaserstraße
(s.u.) leisten konnte. Bei der Judenverfolgung 1349 wurden die Juden aus der
Stadt gewiesen, starben aber vermutlich den Freitod in den Flammen.
Eine zweite jüdische Gemeinde bestand im 17.
Jahrhundert. Erstmals wurden in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges
1627 mehrere Juden in der Stadt aufgenommen. Die völlige Zerstörung Offenburgs
im September 1689 während des Pfälzischen Erbschaftskrieges führte zur Auflösung
der Gemeinde.
Die Gemeinde des 19./20. Jahrhunderts ist, nachdem
sich 1862 in Offenburg wieder Juden niederlassen durften und 1865 eine
Gemeinde gründeten, sehr schnell gewachsen. Durch Zuzug aus Diersburg,
Rust, Schmieheim,
Friesenheim und anderen Orten waren es 1863 bereits 37, 1868 150 jüdische
Einwohner in der Stadt.
Bis 1895 gehörte die Offenburger Gemeinde zum
Bezirksrabbinat Schmieheim, danach wurde dieses nach Offenburg verlegt. Als
Rabbiner waren in Offenburg tätig (vier von ihnen sind nach den Deportationen
in der NS-Zeit umgekommen!):
- von 1885/1895 bis 1913 Dr. Victor Meyer Rawicz (geb. 1846 in
Breslau, gest. 1915 in Berlin; 1874 Rabbiner im Kempen Regierungsbezirk Posen,
1876 Rabbiner in Schmieheim, 1893 Verlegung des Rabbinatssitzes nach Offenburg;
1913 nach Berlin verzogen)
- von 1913 bis 1915 (?) Dr. Alex (Alexander) Lewin (geb. 1888
Russland, ermordet in Auschwitz; 1913 Bezirksrabbiner (Rabbinatsverweser) in
Offenburg, 1919 bis nach 1938 Landesrabbiner im Landesteil Birkenfeld des
Freistaates Oldenburg mit Sitz in Hoppstädten)
- von 1915 bis 1919 Dr. Hugo Hahn (geb. 1893 in Tiengen,
aufgewachsen in Walldorf, gest. 1967
in New York; 1915 bis 1919 als Rabbinatsvikar nach Offenburg (unterbrochen von
der Militärzeit), 1922 bis 1939 Rabbiner in
Essen, 1939 in die USA emigriert, bis 1957/1965 Rabbiner der Congregation
Habonim in New York)
- von 1919 bis 1923 Dr. Ruben (Rubin) Halpersohn (geb. 1885
Breslau, umgekommen 1941 im Ghetto Kowno; nach seiner Zeit in Offenburg tätig
im Geschäft seines Schwiegervaters in Karlsruhe, später in Breslau, von hier
1941 deportiert)
- von 1926 bis 1932 Dr. Isidor Zlocisti (geb. 1878 in Berlin, gest.
1932/33 in Mannheim; 1920 bis 1925 Stadtrabbiner in Mannheim, später
pädagogischer Referent beim Oberrat, nach seiner Zeit in Offenburg wieder auf
Grund schwerer Erkrankung in Mannheim)
- von 1932 bis 1935 Dr. Siegfried Ucko (geb. 1905 in Gleiwitz; gest. 1976
in Israel; 1931 bis 1932 Jugendrabbiner in Mannheim; nach seiner Zeit in
Offenburg nach Erez Jisrael emigriert, Leiter eines Kindergärtnerinnen- und
Lehrerseminars in Tel Aviv, danach Dozent und später Prof. für Pädagogik in
Jerusalem)
- von 1935 bis 1936: Dr. Herbert Finkelscherer (geb. 1903 in
München, umgekommen 1942 Treblinka oder Auschwitz; nach seiner Zeit in
Offenburg 1936 bis 1939 in München, 1939 bis 1940 Rabbiner in Stettin,
deportiert nach Piaski bei Lublin)
- nach 1936 Vertretung des Rabbinates durch den Freiburger Bezirksrabbiner Dr.
Siegfried Scheuermann (geb. 1910 Frankfurt, gest. bald nach seiner
Emigration in die USA in North Carolina; 1936 bis 1938 Rabbiner in Freiburg,
zusätzlich Vertretung in Offenburg - Bühl; nach dem Novemberpogrom 1938 ins KZ
Dachau eingeliefert)
- 1938 Bernhard Gries (geb. 1917 in Landeshut/Schlesien, umgekommen
Dezember 1938 im KZ Buchenwald; nach Studium am Rabbinatsseminar in Breslau im
September/Oktober 1938 in Offenburg tätig, danach im jüdischen Waisenhaus in
Breslau).
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie folgt: 1871 223
jüdische Einwohner, 1875 290 (4,4 % von insgesamt 6.548 Einwohnern), 1880
387 (5,3 % von 7.274), 1895 334 (3,4 % von 9.272), 1900 337 (2,5 % von
13.664), 1910 288 (1,7 % von 16.848).
Die jüdische Gemeinde Offenburgs war bis nach 1933 religiöses
Zentrum auch für die in mehreren Orten der Umgebung lebenden Juden. 1924
gehörten aus den folgenden Orten jüdische Personen zur Offenburger Gemeinde:
Appenweier 5, Durbach 8, Gengenbach 40, Haslach 10, Triberg 8, Renchen 3,
Nordrach 7 Personen. 1932 waren es: aus Appenweier 5, Gengenbach 35,
Durbach 8, Haslach i.K. 13, Nordrach 4, Triberg 8, Furtwangen 1, Renchen 3, Zell
a.H. 3 Personen.
1925, als zur Gemeinde 291 Personen gehörten (1,7 % von
insgesamt 16.613 Einwohnern), waren die Gemeindevorstände Emil Neu, Jakob
Adler, Leopold Kahn, Bernhard Bahn, und Elias Schurmann. Vorsitzender der
Repräsentanz war Heinrich Tannhauser. Als Kantor war Siegfried Schnurmann tätig,
als Vorsitzender der Gemeindeverwaltung Friedrich Maier. Jüdischen
Religionsunterricht erhielten 38 Kinder der Gemeinde. An jüdischen Vereinen
bestanden insbesondere der Wohltätigkeitsverein (gegründet etwa 1875,
1924 unter Leitung von Julius Weil, 1932 unter Leitung von Dr. Max Haberer mit
etwa 80 Mitgliedern; Zweck und Arbeitsgebiet: Unterstützung Hilfsbedürftiger,
Torastudium), der Männerkrankenverein e.V. (gegründet etwa 1875, 1924
unter Leitung von Jakob Adler, 1932 unter Leitung von Dr. Heinrich Veit mit etwa
70 Mitgliedern, Zweck und Arbeitsgebiet: Unterstützung Ortsansässiger,
Liebesdienste in Sterbefällen), der Frauenkrankenverein beziehungsweise Frauenverein
(gegründet etwa 1875, 1924/32 unter Leitung von Jette Weil mit etwa 80
Mitgliedern; Zweck und Arbeitsgebiet: Krankenunterstützung, Bestattungswesen),
die Wohlfahrtsvereinigung (1924 unter Leitung von Emil Neu), die Wanderfürsorge
der Israelitischen Gemeinde (gegründet 1927, 1932 Vorsitzender Emil Neu,
Zweck und Arbeitsgebiet: Wanderfürsorge), die Armenkasse (1932 nicht
mehr genannt), der Jüdische Jugendbund. 1932 war 1. Vorsitzender
des Gemeindevorstandes Emil Neu (Ortenberger Straße 46). Der Repräsentanz
gehörten 25 Personen an unter dem Vorsitz von Heinrich Tannhauser (Fischmarkt
2). Als Bezirksrabbiner war Dr. Siegfried Ucko tätig, als Kantor und Lehrer Ernst
Bär. Im Schuljahr 1931/32 erhielten 28 Kinder der Gemeinde
Religionsunterricht.
Die jüdischen
Einwohner Offenburgs hatte seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreiche
Handels- und Gewerbebetriebe eröffnet, die
bis zum Beginn der NS-Zeit von großer Bedeutung für das wirtschaftliche Leben
in der Stadt waren. Mehrere jüdische Ärzte und Rechtsanwälte waren in der
Stadt tätig. An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden Handels- und Gewerbebetrieben
sind u.a. bekannt (Auswahl): Einrichtungshaus Gebr. Bloch Nachf., Inh. Bernhard und Siegmund Kahn
(Hauptstraße 85a), Webwaren- und Möbelhandlung Leo Haberer (Steinstraße 28), Webwaren und Damenkonfektion Hauser und Levi, Inh. Daniel Hauser
(Hauptstraße 88; nach 1945 abgebrochen), Manufakturwaren en gros Gebr. Kahn, Inh. Adolf und Karl Kahn
(Kornstraße 4), Zigarrenfabrik Adolf Kahn, Inh. Adolf Kahn (Okenstraße 57), Wäschefabrik und Textilgroßhandel Emil Neu, Inh. Emil Neu
(Wasserstraße 4), Weinhandlung Eduard Oberbrunner (Wilhelmstraße 15), "Elektromotor" GmbH R. Scheirmann und Cie. (Elektromotorengroßhandel und Reparaturwerkstätte), Inh. Raphael Scheirmann
(Moltkestraße 53), Roßhaarspinnerei Gebr. Stein, Inh. Isaak Stein und Oskar Max (Lange
Straße 41), Kaufhaus Sturmann (Strümpfe, Wollwaren, Wäsche), Inh. Willi Sturmann
(Steinstraße 7), Konfektionshaus Gebr. Tannhauser, Inh. Hulda Tannhauser (Fischmarkt 1), Schuhhandlung Israel Valfer, Inh. Elias Schnurmann
(Hauptstraße 73); Hotel Schwarzwälder Hof, Inh. Hedwig Weil (Gebäude des heutigen Finanzamtes
Zellerstraße 1-5); Cafe Weil (1937-40; Blumenstraße 3, heute: Philipp-Reis-Straße
).
1933 lebten 271 jüdische Einwohner in Offenburg (1,5 % von 17.976
Einwohner). Auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden
Repressalien und der Entrechtung wanderte ein Teil der jüdischen Einwohner aus
oder verzog aus der Stadt.
1939 wurden noch 98 jüdische Einwohner gezählt (0,5 % von 19.200), nach der
Deportation der badischen Juden im Oktober 1940 waren es zum 1. Februar 1941
noch 45 jüdische Einwohner (großenteils mit nichtjüdischen
Familien). Zu hässlichen Szenen kam es bei der Oktoberdeportation 1940:
die jüdischen Personen wurden zunächst in den Offenburger Schillersaal als
Sammellager verbracht, später zum "Verhör" in das Gefängnis in der
Grabenallee, bis der Fußmarsch zum Offenburger Bahnhof mit Abtransport folgte.
Auf der Hauptstraße mussten die jüdischen Personen dabei unter der Verspottung
des Offenburger Mobs "Muss I denn, Muss I denn zum Städtele hinaus"
singen.
Von den in Offenburg geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Ida Adler (1901), Jakob
Adler (1867), Max Adler (1878), Sophie Adler geb. Rothschild (1874),Hedwig
Ahrens geb. Tausig (1877), Berta Baer geb. Kornmann (1876), Arnold Baum
(1889), Hans Baum (1924), Lilly Baum geb. Bernheim (1900), Irma Beck (),
Charlotte (Lotte) Bergheimer geb. Brunschwig (1887), Emil Bergheimer (1890),
Manfred Bergheimer (1914), Margot Esther Bergheimer (1915), Rudolf Bergheimer
(1906), Sigmund Bernheimer (1881), Sophie Bergheimer (1885), Emma Bloch geb.
Brettauer (1872), Leonhard Bloch (1872), Mathilde Bloch geb. Lehmann (1876),
Emma Bodenheim (1899), Franz Bodenheimer (1890), Erwin Boss (1906), Johanna Cahn
geb. Kohlhagen (1877), Eduard Chaim (1874), Ester Cohn (1926), Sylvia Cohn
(1904), Sofie Dreifuß (1876), Julie Dreyfuß geb. Stein (1867), Elise
Ebertsheim geb. Bloch (1876), Alfred Alexander Ebstein (1909), Ismar Ebstein
(1878), Heinrich Eichel (1868), Erna Eschwege geb. Dreyfuss (1896), Hannelore
Fetterer geb. Hammel (1923), Flora Finkelscherer geb. Mayer (1902), Herbert
Finkelscherer (1903), Bertha Friedmann (), Siegfried Geismar (1879), Hanny Glaser
(), Ludwig Greilsheimer (1879), Isabella (Bella) Grombacher geb. Hausmann
(1894), Charlotte (Lotte) Grombacher (1907), Kurt Grombacher (1922), Max
Grombacher (1868), Max Grumbacher (1882), Flora Grumbacher (), Hedwig Grumbacher
geb. Zivi (1886), Otto Günzburger (1874), Jakob Abraham Gutmann (1851),
Berthold Haberer (1882), Emil Haberer (1874), Babette Hammel geb. Kahn (1865),
Berta Hammel, Irma Hammel geb. Hammel (1901), Jenny Hammel (1889), Julchen
Hammel (1891), Julius Hammel (1888), Lieselotte Nanette Hammel (1919), Minna
Hammel geb. Machol (1898), Paul Hammel (1892), Rudolf Hammel (1931), Simon
Hammel (1867), Theodor Hammel (), Hugo Karl Hauser (1880), Siegfried Hauser
(1882), Ida Hirsch geb. Bloch (1893), Jenny Hirschfeld geb. Stein (1864),
Sigmund Hofeler (1856), Egon Alfons Hofmann (1904), Bella Jacobs geb. Stein
(1879), Bertha Jordan geb. Wertheimer (1882), Rosa Juda geb. Weil (1871), Adolf
Kahn (1880), Bernhard Kahn, Bertha Kahn geb. Grünebaum (1885), Frieda Kahn
(1876), Hannelore Kahn (1925), Johanna Cahn, Leonie Kahn geb. Schwarz (1891),
Leopold Kahn (1860), Meta Kahn geb. Machol (1886), Paula Kahn geb. Stern (1883),
Sigmund Kahn (1876), Theodor Kahn (1888), Isidor Kleeberg (1874), Ilse Kramer
geb. Cahn (1905), Bertha Renate Krauss geb. Haberer (1932), Kurt Kronberger
(1922), Adolf Lehmann (1872), Hermann Lehmann (1875), Hermann Lehmann (1882),
Anna Lesem geb. Speyer (1898), Leopold Levi , Klara Levi, Edith Lion (1922),
Hans Lion (1920), Johanna Lion geb. Sommer (1899), Julia Lion geb. Bergheimer
(1878), Karl Lion (1879), August Meyer, Rosa May geb. Stein (1887), Fanny Maier
geb. Bergheimer (1889), Flora Mayer (), Irma Maier geb. Beck (1902), Jakob Maier
(1880), Siegfried Maier (1896), Rosa Moch (1909), Emil Neu (1874), Mathilde
Neumann geb. Bloch (1868), Ferdinand Oppenheimer (1871), Charlotte Rosenheimer
geb. Tannhauser (1863), Mina Rosenheimer (1890), Frieda Salomon geb. Stern
(1887), Elias Schnurmann (1868), Grete Schnurmann (), Rosa Schnurmann geb.
Valfer (1879), Maria Schwarz geb. Kahn (1869), Berta Babette Seidel geb.
Weichsel (1872), Gertrud Speyer (), Alexander Spitzer (1867), Isidor Spitzer
(1906), Anna Stein (1890), Elsa Stein (1895), Julius Josef Stein (1868),
Mathilde Stein (1882), Otto Stein (1865), Marthia Steinitz geb. Bloch (1875),
Arthur Stern (1888), Peter Bruno Stern (1929), Berta Stern geb. Schnurmann
(1878), Helene (Hermine) Stern geb. Kahn (1874), Thekla Stern geb.
Dreifuss (1897), Betty Sturmann (1883), Julius Strauss (1882), Lili Sulima geb.
Rosenberg (1901), Henriette Weil (1883), Irma Weil (1896), Jette Weil geb. Veit
(1854), Julius Weil (1881), Lina Weil (), Max Weil (1879), Paula Bella Weil geb.
Löb (1889), Stefan Weil (), Hannchen Wertheimer geb. Neuland (1858), Max
Wertheimer (1874), Regina Wertheimer (1872), Dr. Hertha Wiegand geb. Lion
(1890).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1876 /
1880
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. Mai 1876:
"Auf den 1. August dieses Jahres wird in hiesiger israelitischer
Kultusgemeinde die Stelle eines Religionslehrers, verbunden mit dem
Vorsänger und Schächterdienst vakant.
Fester Gehalt Mark 1.500, freie Wohnung nebst Schulgeld und ansehnlichen
Nebeneinkünften, welche sich auf ungefähr Mark 800 belaufen
dürften.
Nur leistungsfähige, tüchtige Bewerber mit musikalischen Kenntnissen und
guter Stimme von tadellosem Charakter können berücksichtigt werden. -
Reisekosten werden nur demjenigen Bewerber vergütet, welchem die Stelle
übertragen wird.
Offenburg, 3. Mai 1876 (Kreisstadt in Baden). Der Synagogenrat." |
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Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 9. November 1880:
"Durch die Berufung des bisherigen Kantors und Religionslehrers als
Oberkantor nach Leipzig ist die Stelle als Kantor, Religionslehrer und
Schochet in der Gemeinde Offenburg (Kreisstadt in Baden) vakant und soll
bis 1. März nächsten Jahres wieder besetzt werden. Dieselbe ist mit
einem fixen Gehalt von Mark 1.500 und schöner freier Wohnung nebst circa
Mark 1.200 Nebeneinkünfte verbunden.
Geeignete Bewerber von gründlicher musikalischer Bildung, die genügenden
Ausweis über Befähigung zur Erteilung des Religionsunterrichts
beibringen können, wollen ihre Gesuche bis 1. Januar nächsten Jahres an
unterzeichnete Bezirkssynagoge oder an den Synagogenrat in Offenburg
einsenden.
Die Bezirkssynagoge Schmieheim. Dr. H. Rawitz." |
Lehrer und Kantor J. Baer wird nach
50 Dienstjahren ausgezeichnet (1914)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. Mai 1914:
"Herr J. Baer, Religionslehrer und Kantor der israelitischen Gemeinde
zu Offenburg, welcher auf eine 50jährige treue, aufopfernde und
erfolgreiche Dienstzeit zurückblickt, wurde mit dem Verdienstkreuz des
Ordens vom Zähringer Löwen vom Großherzog ausgezeichnet. Herr Baer
erfreut sich der höchsten Achtung und Verehrung in allen Kreisen der
Offenburger Bürgerschaft, die sich mit dem Jubilar über die äußere
Anerkennung seines Wirkens freut." |
Aus der Geschichte
des Rabbinates in Offenburg
Jubiläum des Rabbiner Dr. M. Rawicw (1901)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. August 1901:
"Offenburg, 22. August (1901). Das Jubiläum unseres Rabbiners Dr. M.
Rawisz wurde hier in solenner Weise gefeiert. Am Freitagabend und
Samstagmorgen war in der Synagoge Festgottesdienst. Der Jubilar predigte
beim Morgengottesdienst über den Herz: Numeri (4. Mose) 27,16, wobei
derselbe im ersten Teil über die Pflichten und Aufgaben des Seelsorgers
im Allgemeinen sprach und im zweiten Teil einen Rückblick auf seine
eigene Wirksamkeit während der letzten 25 Jahre warf. Die Predigt wurde
mit großem Beifall aufgenommen. Nach dem Gottesdienst kam der Synagogenrat,
geführt vom Vorsteher, der in einer längeren Ansprache die
Glückwünsche der Gemeinde überbrachte. Dann folgte eine Deputation des hiesigen
literarischen jüdischen Vereins 'Harmonie', den unser Rabbiner im Verein
mit anderen vor 7 Jahren gegründet hat. Die Hauptfeier fand jedoch am
Sonntag Abend statt, zu der sich sehr viele Leute von Offenburg und den Bezirksgemeinden
einfanden. Jede Gemeinde sandte zwei bis drei offizielle Vertreter, denen
sich zahlreiche Gemeindemitglieder anschlossen. Zunächst wurde dem
Jubilar ein namhafter Betrag seitens des Bezirks als Festgeschenk
überreicht, um solchen zu einem guten Zwecke zu verwenden. Rechtsanwalt
Veit von hier hielt eine schwungvolle, an Form und Gehalt gleich
ausgezeichnete Festrede, die großen Enthusiasmus hervorrief. Darauf
verlas Herr Professor Stern von hier die von ihm verfasste und von
sämtlichen Bezirksvorstehern unterschriebene Adresse, die ein wahres
Kunstwerk im Inhalt wie an lithographischer Ausführung genannt werden
kann. Der Jubilar dankte tief bewegt und verbreitete sich in einer
längeren Ansprache über die beiden Säulen, worauf das Judentum beruht:
die Wissenschaft des Judentums und das religiöse Gefühl. Die
Wissenschaft ist nur wenigen Auserwählten erschlossen, während das
religiöse Gefühl Jedem, der zum jüdischen Stamme gehört, eigen ist.
Der schon genannte Verein 'Harmonie' ließ durch seinen Vorsitzenden
Professor Stern einen prachtvollen silbernen Pokal überreichen. Das Wort
ergriff alsdann Rabbiner Dr. Posner aus Karlsruhe, ein ehemaliger Schüler
und Freund des Jubilars, der in schöner, geistreicher Weise auf die
Familie unseres hoch verehrten Rabbiners toastete. Im Namen der Lehrer und
Kantoren des Bezirkes überreichte mit passender Ansprache Lehrer Bähr
von hier gleichfalls einen silbernen, kunstvoll gearbeiteten Pokal. Ferner
sprachen Herr Eduard Oberbrunner, ein guter Freund des Jubilars und
Mitglied des Synagogenrats, der in zündender Rede seine Gefühle für
unseren verehrten Rabbiner kund gab; dessen bedeutende Verdienste um das
Judentum präzisierte der Bezirksälteste und Vorsteher der israelitischen
Gemeinde Altdorf, Herr Land, dann Herr Vorsteher Dreifuß aus Nonnenweier
und Herr Synagogenrat Karl Helner von hier, der den Vorsitz an dem Abend
führte. Auf das Festessen folgte dann ein tanz für unsere Jugend, und so
schloss das schöne und würdige und in jeder Weise gelungene Fest, das
allen Teilnehmern stets in Erinnerung bleiben wird. Möge unser hoch
verehrter Herr Rabbiner noch lange segensreich in unserer Mitte
wirken!" |
Abschied von Rabbiner Dr. Siegfried Ucko (1925)
Artikel
in der "Jüdischen Rundschau" vom 26. Januar 1935: "Der
Rabbiner in der Kwuzah. Zum Abgang Dr. Uckos.
Die Nachricht, dass Dr. Siegfried Ucko nach Palästina übersiedelt wird,
wird in Deutschland bei allen, die ihn kannten, ein Bedauern darüber
hervorrufen, dass er nicht mehr in unserer Mitte wirken kann. Denn in der
verhältnismäßig kurzen Zeit, in der Dr. Ucko sein rabbinisches Amt in
Offenburg versehen hatte, hat er sich allgemein in der jüdischen
Öffentlichkeit die Sympathien aller erworben, die in (enger oder loser)
Verbindung mit ihm standen. Er hat in seiner Gemeinde den Typus eines
Rabbiner verwirklicht, den man in Deutschland nicht allzu häufig
antrifft, den Rabbiner, der nicht nur zu predigen gewohnt ist, sondern der
mit seiner Gemeinde lebt und sein Amt als eine Art 'Volksmission'
auffasst. Besonders engen Kontakt hatte er mit der Jugend, der er ein
Führer, Lehrer und Vorbild war. Mit Palästina haben ihn seit je viele
Fäden verknüpft; er hat dort einen Teil seiner Studienjahre verbracht
und kennt das Land und seine Menschen. Nun geht er wieder hinüber, und
zwar nicht in irgendeine Stadt, sondern in die Kwuzah Giwath Brenner. Und
dies gibt der Sache den mehr als persönlichen Charakter. Es ist das erste
Mal, dass ein Rabbiner in eine Kwuzah geht. Bisher wurde oft über die
Religionslosigkeit, ja zuweilen Religionsfeindschaft der Kwuzoth geklagt,
aber es war ein recht bequemes und selbstverständlich wirkungsloses
Moralisieren. Hier zum erstenmal ist eine Tat: ein Rabbiner geht hin, um
mit den arbeitenden Menschen zu leben - man darf auf diesen Versucht
gespannt sein. Und besonders wichtig scheint uns, dass hier nichts
aufoktroyiert wurde, sondern dass die Leute von Giwath Brenner Ucko
gerufen haben. Hier stehen wir am Anfang einer vielleicht bedeutungsvollen
Entwicklung, und Ucko kann ein Pionier sein, so wie er ein echter Chaluz
ist. So können wir denn nur sagen, dass ihn unsere herzlichen Wünsche
begleiten.
Über die Abschiedsfeier, die seine Gemeinde veranstaltete, erhalten wir
aus Offenburg nachstehenden Bericht: Wohl kaum jemals war die Synagoge so
überfüllt wie bei der Abschiedsfeier für Bezirksrabbiner Dr. Ucko am 6.
Januar. Juden aus allen Orten des Bezirks waren gekommen, um ihre
Dankbarkeit dem Scheidenden zu beweisen. Die Vielseitigkeit der Tätigkeit
Dr. Uckos erhellte aus der Vielzahl der Organisationen, die den Dank für
seine Arbeit abstatteten. Es sprachen Bezirksältester Rechtsanwalt Lion,
Rastatt, für die Bezirkssynagoge, Vorsteher E. Neu für die
Synagogengemeinde Offenburg, Konferenzrabbiner Dr. Schiff, Karlsruhe,
sprach für den Oberrat der Israeliten. Lehrer Simon, Rastatt,
überreichte für die Lehrervereinigung des Bezirks ein Album. Dr.
Grzymisch, Bruchsal, dankte für die Mitarbeit Dr. Uckos im Vorstand des
Landeswaisenvereins. Fr. Strauß, Karlsruhe, dankte für die Anregungen,
die der Wohlfahrtsbund empfangen hatte. S. Homburger, Karlsruhe, betonte
die Verbundenheit Uckos mit der Jugend. Ergreifend war die Ansprache des
Redners des Synodalbezirkes, Josef Kaufmann, Kehl, dem vorher Dr. Ucko in
Ausübung seiner letzten rabbinischen Handlung feierlichst die Würde
eines 'Chower' verliehen hatte. Dr. Ucko dankte, erörterte die Grunde
seiner Alijah (= Einwanderung nach Palästina/Israel) und entwickelte den
ergriffenen Hörern das Bild eines künftigen, religiös ausgefüllten
Galuth-Daseins. Die Feier umrahmten musikalische Darbietungen unter
Leitung Walter Weinschenks. Zu erwähnen sind der Synagogenchor Offenburg,
Lehrer Bruchsaler, Bühl, Dr. Hoffmann, Lahr, das Doppelquartett der
Lehrervereinigung des Bezirks und Kurt Frank, Offenburg." |
Aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben
Antisemitische Veranstaltung des Gesangvereins
Offenburg an Fasching (1874)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. März 1874:
"Offenburg (statt: Offenberg) in Baden, 18. Februar (1874). Während
der letzten Faschingstage wurde hier durch einen ziemlich viele passive
israelitische Mitglieder zählenden Gesangverein ein Rischusstück (=
antisemitisches Stück) dargestellt in jämmerlichen Gestalten, und unter
besonderer Betonung eines außergewöhnlich gemeinen Jargons aufgeführt,
was einige passive israelitische Mitglieder zum sofortigen Austritt aus
dem Vereine bewogen hat, umso mehr, als der Beifallssturm, welcher dieser
Darstellung gezollt wurde, einen wahrhaft demonstrativen Charakter hatte.
Dass der hiesige israelitische Religionslehrer als einziges aktives
Mitglied auf Befragen des Vereinsvorstandes, ob diese Persiflage bei den
israelitischen Mitgliedern keinen Anstoß erregen werde und nachdem ihm
sogar der Text mit den Erläuterungen vorher zur Einsicht übergeben
wurde, dennoch seine volle Zustimmung zur Aufführung gegeben hat,
verdient öffentlich gerügt zu werden, besonders da gerade die sozialen
Verhältnisse unserer jungen israelitischen Gemeinde erst in der
Entwicklung begriffen und durch eine solche das Judentum herabwürdigende
öffentliche Darstellung nur beeinträchtigt werden können." |
Der Wohltätigkeitsverein lässt eine
Torarolle schreiben (1884)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Februar 1884:
"Der hiesige Wohltätigkeits-Verein beabsichtigt eine von 72 cm
Höhe, aus I. Qualität Pergament bestehende Sefer Tora (Torarolle)
schreiben zu lassen. Reflektierende Herren Toraschreiber werden
ersucht, ihre Offerten unter Anschluss von kleiner Musterschrift bis zum
25. dieses Monats franko an den Unterzeichneten einzusenden.
Offenburg, 10. Februar 1884. M. Kahn, Vorstand. 457
Langestraße." |
Einweihung der neuen, vom Wohltätigkeitsverein Chewrat Gemillut gestifteten
Torarolle (1885)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Februar 1885: "Offenburg,
10. Februar (1885). Bei dem lebhaften Interesse, das Sie geehrter Herr
Redakteur, in Ihrem geschätzten Blatte allen Vorgängen zuwenden, die
geeignet sind, um unsere Tora groß zu machen und zu verherrlichen,
darf ich wohl annehmen, dass Sie nachfolgenden Zeilen gerne Aufnahme
gestatten werden.
Auf Hoschana Raba des Jahres 1876 (das war am 9. Oktober 1876) trat
eine kleine Anzahl gesetzestreuer hiesiger Gemeindemitglieder zusammen und
gründete die Chewrat Gemillut Chessed (Wohltätigkeitsverein) mit
der Bestimmung, Arme zu unterstützen, durch regelmäßige Lehr-Vorträge über
unsere Heilige Tora, Belehrung und Erbauung zu finden und bei
Vorhandensein ausreichender Mittel eine Torarolle schreiben zu lassen.
Letzteres konnte mit Gottes Hilfe in einer für die wenigen
Vereinsmitglieder verhältnismäßig kurzen Frist zur Ausführung
gebracht werden und so schenkte der Verein schon am verflossenen Samstag Paraschat
Jitro (Schabbat mit der Toralesung Jitro [2 Mose 18.1 - 20,23],
das war am 3. Februar 1877) der hiesigen Gemeinde die neue
Torarolle.
Die dabei stattgehabte Einweihungsfeierlichkeit kann mit Fug und Recht als
eine äußerst glanzvolle und gelungene bezeichnet werden.
Am Freitagabend versammelte sich nach beendetem Gottesdienste die ganze
Gemeinde in dem Lokal des Herrn Samuel Maier, woselbst das durch den Toraschreiber
Herrn Bloch aus Straßburg und den Tapezierer Herrn Dreifuß von hier
meisterhaft her- |
gestellte
und herrlich beleuchtete Binjan war. Durch den von Herrn Lehrer
Baer gesungenen Schalom Aleichem und vom Synagogenchor vorgetragenen Psalm
93 wurde die Feier eingeleitet. Später versammelten sich die
Vereinsmitglieder ebendaselbst, wobei Herr Rabbiner Dr. Rawicz einen
längeren, dem Feste entsprechenden höchst interessanten Lehr-Vortrag
hielt. Samstag Morgen um 9 Uhr wurde das neue Sefer (Torarolle) in
festlichem Zuge in die herrlich dekorierte, geräumige und vollbesetzte
Synagoge gebracht, in welcher unter Chorgesang ein Umzug mit sämtlichen
Torarollen stattfand.
Sowohl die vom Synagogenchor, als auch von der Schuljugend vorgetragenen
Gesänge trugen wesentlich zur Erhöhung der Feierlichkeit bei. Den
Glanzpunkt derselben bildete jedoch die von Herrn Dr. Rawicz mit wahrhaft
rhetorischer Meisterschaft gehaltene und von sämtlichen Anwesenden mit
Begeisterung aufgenommene Festpredigt, welcher der aus der betreffenden Sidre
(Wochenabschnitt der Tora) entnommene Text 'Also sprich zum Hause Jakob
und verkünde den Kindern Jisrael' zugrunde gelegt war.
An dem Festessen erfreuten sich Alt und Jung, Einheimische und Fremde bis
zu später Stunde. Um das Gelingen des Festes haben sich unser verehrter
Gemeindevorstand, Herr Dreifuß, und die übrigen Gemeinderepräsentanten
wesentlich verdient gemacht. Die Palme des Verdienstes gebührt jedoch
unstreitig unserem allverehrten Vereinspräsidenten Herrn Marx Kahn, durch
dessen Initiative die Chewra (Verein) ins Leben gerufen wurde und die
unter seiner bewährten, verständnis- und taktvollen Leitung wie bisher
so auch fernerhin ihre segensreiche Wirksamkeit entfalten
wird.
Es wäre sehr wünschenswert, wenn es die Gemeindemitglieder mit ihrer bei
der Einweihungsfeier dem Verein in Wort und Tat entgegengebrachten
Sympathie nicht bewenden ließen, sondern durch zahlreiche
Beitrittserklärungen dazu mitwirkten, dass das gottgefällige Werk der
Wohltätigkeit kräftigst gefördert werden kann.
Es wäre unrecht, wenn ich es unterließe, des Toraschreibers Herrn
Jos. Bloch aus Straßburg lobend zu erwähnen; denn sowohl das von ihm
gefertigte neue Sefer, das von kompetenter Seite als ein wahres
Meisterwerk bezeichnet wurde, als auch das prachtvolle, goldgestickte
Mäntelchen ließen hinsichtlich der hübschen Ausführung, der Qualität
des hiezu verwendeten Materials und insbesondere des hierfür berechneten
Preises nichts zu wünschen übrig, und wurde Herrn Bloch deshalb seitens
des Vereins die gebührende Anerkennung gezollt." |
Zwei Torarollen aus einer aufgelösten Gemeinde zu
verkaufen (1900)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. August 1900:
"Infolge Auflösung einer israelitischen Gemeinde sind drei Torarollen
zu verkaufen. Darunter ist eine in sehr gutem Zustande, eine andere einer
oberflächlichen und eine dritte einer gründlichen Reparatur bedürftige.
Das Nähere ist beim Unterzeichneten zu erfahren.
Offenburg (Baden), 31. Juli (1900). Dr. M. Rawicz,
Bezirksrabbiner." |
Berichte zu
einzelnen Personen aus der Gemeinde
Diamantene Hochzeit von Samuel
Bloch und Ehefrau (1891)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. November 1891:
"Offenburg. Am Donnerstag, den 26. November (1891) beging das
ehrwürdige Greisenpaar Herr Samuel Bloch und dessen Ehefrau das seltene
Fest der diamantenen Hochzeit. Während seitens der Angehörigen eine
imposante Feier beabsichtigt war, ging solche auf ausdrücklichen Wunsch
der Jubilanten still und geräuschlos im engeren Familienkreise vor sich
und kam deren stets bewährte Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit auch
in diesem Falle wieder zum Ausdruck.
Söhne, Töchter, Schwiegertöchter und Enkel versammelten sich in der mit
Pflanzen reich und geschmackvoll ausgeschmückten Wohnung der Jubilanten,
um dieselben zu beglückwünschen. Zahlreiche Gratulationsbriefe und
Telegramme, sowie Geschenke liefen ein, unter diesen auch ein prachtvolles
Ruhebett als Symbol der wohlverdienten Ruhe. Unter den Gratulanten befand
sich auch der hiesige Großherzogliche Amtsvorstand Herr Föhrenbach, der
in einer herzlichen Ansprache das Jubelpaar beglückwünschte und
demselben in Allerhöchstem Auftrage unseres allgeliebten Landesvaters
Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs - möge seine Herrlichkeit
erhöht werden - ein Glückwunschschreiben, sowie die Bildnisse Ihrer
Königlichen Hoheiten in prachtvollen Goldrahmen als ein Zeichen
huldvoller Teilnahme an der freudigen Festfeier überreichte. Tief
gerührt dankte der Jubelgreis für die ihm von hoher und allerhöchster
Stelle zuteil gewordenen huldvollen Aufmerksamkeit und schloss mit einem
Hoch auf unser edles Fürstenpaar und das ganze Großherzogliche Haus.
Herr Bürgermeister Schweiß ließ namens des Stadtrates und der ganzen
Gemeinde ein Gratulationsschreiben überreichen und sein lebhaftes
Bedauern darüber aussprechen, dass er wegen Ortsabwesenheit seine
Herzenswünsche nicht persönlich darbringen konnte. Unter allen übrigen
zahlreichen Huldigungen und Aufmerksamkeiten erfreute keine in so hohem
Maße das von inniger Religiosität erfüllte, greise Paar als die,
welchem ihm von der Chewrat Gemilut Chesed (Wohltätigkeitsverein)
zuteil |
geworden
ist, deren Mitglieder sich in der Wohnung der Jubilare zum
Schacharit-(Abend-)Gottesdienste versammelten, um dem seit 1/2 Jahre
leider völlig erblindeten Greise Gelegenheit zu geben, ein zur
Toralesung Aufgerufener zu sein, was ihm ein wahres Herzensbedürfnis
war und ihm hohe Befriedigung gewährte.
Das mangelnde Augenlicht ausgenommen, erfreut sich Herr Bloch, weit mehr
aber seine Frau einer für dies hohe Alter seltenen Rüstigkeit.
Wohlverdient und gerechtfertigt ist die aufrichtige Verehrung, die dem
greisen Ehepaare von allen Seiten entgegengebracht wird. Wir blicken hier
in ein harmonisches, niemals von einem Misston getrübtes, vom Geiste
wahrer Religiosität getragenes Ehe- und Familienleben. Das edle Paar lebt
stets, wie unter sich, so auch mit der Umgebung im tiefsten Frieden. Es
gereichte ihm jederzeit zu hoher Befriedigung, im Stillen wohltätig zu
wirken.
Mit seinem vor etwa 10 Jahren verstorbenen Bruder gründete Herr Bloch das
nunmehr schon über ein halbes Jahrhundert unter der Firma 'Gebrüder
Bloch' bestehende Manufakturwarengeschäft, das aus ganz kleinen Anfängen
heraus durch Fleiß, Tüchtigkeit und hauptsächlich durch
gewissenhafteste Reellität zu einem der bedeutendsten Geschäfte hiesiger
Stadt und Umgegend geworden und von den Söhnen der Gründer in gleicher
Weise fortgeführt wird.
Wir sehen hier, wie der Jubilar mit wahrhafter Begeisterung für den
väterlichen Glauben den Namen 'Jude' auch in geschäftlicher Beziehung zu
würdigen und zu Ehren zu bringen wusste.
Mögen alle unsere Glaubensgenossen sich hieran ein Beispiel nehmen und
erkennen, dass auch der auf dem Boden der Tradition stehende Jude, wenn er
'redlich handelt und Recht ausübt,' sich der Achtung und Wertschätzung
seiner rechtdenkenden nichtjüdischen Mitbürger erfreut und hierzu nicht
das Abstreifen alles mit der Religion Zusammenhängenden erforderlich ist,
welche letztere Meinung vielfach Platz gegriffen hat, wenn sie auch nicht
ausgesprochen oder zugegeben wird.
Dem greisen Jubelpaar wünschen wir, dass die stattliche Zahl von 60
Jahren sich vermehren möge durch eine Reihe weiterer Jahre ehelichen
Zusammenlebens in ungeschwächter Gesundheit und
Zufriedenheit." |
Alfred Hauser wird mit dem Eisernen Kreuz
ausgezeichnet (1915)
Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Mai 1915:
"Offenburg, 12. Mai (1915). Das Eiserne Kreuz erhielt: Alfred Hauser,
stud.jur., Kriegsfreiwilliger Gefreiter, 15. Landwehr-Sanitäts-Kompagnie,
Sohn des Herrn Jacob Hauser, in Firma Hauser und Levi,
Offenburg." |
Zum Tod von Moritz Weil (1922)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. November 1922: "Offenburg
(Baden), 1. November (1922). Heute haben wir hier Moritz Weil zu Grabe
getragen. Von dem Vertrauen der ganzen Gemeinde getragen, hat der
Verstorbene, obwohl schon leidend, vor etwa Jahresfrist sein Amt
übernommen und mit seltener Hingabe und mit Geschick verwaltet. Er war
ausgestattet mit den guten Gaben des Herzens und des Gemüts, ein
Wohltäter für die Armen und Bedrückten und ein Berater aller, die ihn
aufsuchten, alles selbstlos und bescheiden nach den Vorschriften unserer
Weisen. Dieser edelmütige und feinfühlende Mann und echte Jehudi
hinterlässt in unserer Gemeinde eine Lücke, die schwer wird ausgefüllt
werden können. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des
Lebens." |
60. Geburtstag von Ludwig Weil (1930)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. August 1930:
"Offenburg, 12. August (1930). Am 26. dieses Monats feiert unser
verehrter Mitbürger, Herr Ludwig Weil seinen 60. Geburtstag. Herr Weil
gehört seit vielen Jahren der badischen Landessynagoge an und vertritt
die gesetzestreue Richtung. Auch bekleidet er seit mehreren Jahren das Amt
eines Bezirksältesten im Rabbinatsbezirk Offenburg. Früher gehörte er
auch dem israelitischen Gemeindevorstand in Offenburg an. Möge er - bis
100 Jahre - zu seinem Wohle und zum Wohle der Menschheit wirken
können!" |
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige der Weinhandlung Max Wenk (1870)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. August 1870: "Den
verehrten Herren Lazarett-Vorständen und Vereinen für verwundete
deutsche Krieger empfehle ich hiermit mein Lager in gebeerten 1865er
Affentaler und Zeller Rotweinen und ausgezeichneten Durbacher Weißweinen
als bewährtes und vorzügliches Linderungsmittel zu billigen
Preisen.
Max Wenk in Offenburg (Baden)." |
Anzeige des Hotels E. Weil (1887)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Juni 1887: "Offenburg
(Baden) am Fuße des badischen Schwarzwaldes - 'Hotel zur alten
Pfalz' - Besitzer E. Weil empfiehlt sein bestrenommiertes Hôtel, gute
Küche, reine Weine, streng religiös." |
Anzeige des Restaurant Weil (1925)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Mai 1925: "Koscher
- Neu eröffnet! - Koscher.
Restaurant Weil. Zur Kopfhalle. Offenburg in Baden -
Hauptstraße 100.
Inhaber Max Weil." |
Wohngebiet und Betsäle/Synagogen
Mittelalter. Das mittelalterliche Wohngebiet war
vermutlich im Bereich der Glaserstraße und der Bäckergasse (bis 1824 "Judengässchen"
bzw. "Judengasse" genannt). In der Bäckergasse befand sich eine 1393 genannte Synagoge
("Judenschul").
Von den anderen Einrichtungen des Mittelalters ist noch das
rituelle Bad erhalten, das sich unter dem 1793 erbauten Haus Glaserstraße
8 befindet. Es wurde gegen 1300 angelegt. Es ist das älteste Baudenkmal
Offenburg, ein in Baden-Württemberg einzigartiges Relikt der jüdischen
Geschichte des Mittelalter. Zum eigentlichen Bad führen 36 Stufen hinab; in der
Mitte des quadratischen Badeschachtes befindet sich ein rundes Tauchbecken. Hier
sind auch Lichtnischen, Sitznischen und Auflager für Sitzbänke vorhanden.
17. Jahrhundert. Von der Gemeinde des 17.
Jahrhundert ist überliefert, dass sie bereits vor 1632 zwei Synagogen
hatte, deren Standorte nicht mehr bekannt sind. Allerdings scheinen damals bei
manchen jüdischen Familien sehr liberale Zustände geherrscht zu haben. 1648
sagten vier Juden, deren Familien bereits 20 bis 30 Jahre in Offenburg lebten,
in einem Verhör aus, dass sie mit den Breisacher Juden keine Gemeinschaft hätten.
Sie dürften das auch nicht, weil sie Schweinefleisch essen und weder den
Schabbat noch die Gesetze halten.
19./20. Jahrhundert. Nachdem 1862 mehrere jüdische
Personen und Familien nach Offenburg gezogen waren, schlossen sie sich alsbald
zu einer Genossenschaft zusammen. Deren von 15 Mitgliedern unterschriebene
Satzung bestimmte, dass jeden Samstag in einem Betsaal eine Andacht mit anschließender
Versammlung stattfinden sollte, in der man "konfessionelle Interessen"
besprechen konnte. Die Gründung der Religionsgemeinde erfolgte am 24.
Oktober 1865 in einer Generalversammlung aller inzwischen in Offenburg
wohnenden jüdischen Personen. 1868 wurde ein Betsaal in der Essigfabrik
Pfaff eingerichtet (Seestraße 1, 1868 bis 1875). Dieser Betsaal war bald nicht
mehr groß genug.
Da 1875 das Gasthaus "Salmen", das damals der Stadt
gehörte, zum Verkauf anstand, hat die jüdische Gemeinde die Gelegenheit genützt,
dieses Gebäude zu erwerben und im Tanzsaal des ehemaligen Gasthauses einen Betsaal
einzurichten (Lange Straße 52, Hinterhaus). Das 1706 erbauten Vorderhaus diente
dem Vorsänger beziehungsweise später dem Rabbiner und dem Synagogendiener als
Wohnung. Im großen Saal des "Salmen" hatten am 12. September 1847 die Führer
des badischen Liberalismus getagt. Hier fanden lange Zeit auch die großen städtischen
Versammlungen und Veranstaltungen aller Art statt. Die letzte Veranstaltung vor
dem Verkauf an die Israelitische Gemeinde war ein Großer Maskenball des Männergesang-Vereins
Concordia am 31. Januar 1875.
Der frühere Saal des Salmen war nach dem Umbau in eine
Synagoge 63 Jahre lang gottesdienstliches Zentrum der Offenburger jüdischen
Gemeinde. Es erwies sich als ideal, dass der Saal bereits eine Galerie hatte,
die nun als Frauenempore genutzt werden konnte. Auch viele besonderen Anlässe
wurden in der Synagoge gefeiert.
Synagogenkonzert in der Offenburger Synagoge
(1897)
Anmerkung: der Bericht erschien in der orthodox-konservativen
Zeitschrift "Der Israelit", die den Hinweis auf das Konzert mit einer
Kritik an der Verwendung der Synagoge als Konzertsaal und mit der
grundsätzlichen Kritik an Orgel und Harmonium in einer Synagoge verband.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Mai 1897: "Bruchsal,
Baden. Vorletzten Sonntag fand in Offenburg wieder ein
Synagogenkonzert statt. In der Synagoge daselbst fanden sich die Chöre
von Bühl, Freiburg, Eppingen, Emmendingen etc. zusammen und wurden
Männerchöre und gemischte Chöre zu Gehör gebracht. Es wurde gut
gesungen, nur bestand der Unterschied zwischen den früheren
Synagogenchorkonzerten und diesem darin, dass dieses diesmal in der
Offenburger Synagoge stattfand, die anstatt der Orgel nur ein Harmonium
besitzt, was auf die Gesamtaufführung mangelnd wirkte. Es ist bereits in
diesen Blättern darauf hingewiesen worden, wie unstatthaft es ist, die
Synagoge zu Konzertaufführungen zu benützen, da dieselbe nur ein Haus
des Gebets sein soll. Da die Orgel die Besucher des Gottesdienstes nicht
im geringsten vermehrt hat, so hat sie wenigstens das Eine genützt, dass
man durch sie auch die Synagoge zu Konzerten brauchen kann. Es ist dies
eine traurige Errungenschaft, denn wo man einen Gottesdienst erst heben
muss, um ihm Besucher zuzuführen, da wird Gott überhaupt nicht gedient.
Für diejenigen in der Synagoge, die die Gebete nicht verstehen, ja sogar
leider oft nicht in der heiligen Sprache lesen können, lässt sich der
Aufenthalt nicht angenehmer machen und für die, welche das Gotteshaus als
Bedürfnis zur Verrichtung ihrer Gebete betrachten, genügt die uns
vorgeschriebene Weise einzig und allein, andächtig zu sein. 'Nicht
durch Macht und nicht durch Stärke, sondern durch meinen Geist...'
(Sacharja 4,6)." |
Einer dieser Anlässe war nach einem Bericht
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" 1901 das 25jährige Dienstjubiläum von
Rabbiner Dr. Meier Rawicz. Dieser war seit 1876 in Schmieheim und nach Verlegung
des Rabbinats nach Offenburg in dieser Stadt tätig. Am Schabbat, dem 22. August
1901 fanden aus diesem Anlass zwei Festgottesdienste in der Synagoge statt.
1922 wurde die Synagoge erneuert, der Saal von
Kunstmaler Kolb restauriert. Zur Neueinweihung im September 1922 waren
auch zahlreiche nichtjüdische Gäste erschienen. Bezirksrabbiner Dr. Ruben
Halpersohn hielt die Weiherede.
Gefallenengedenktafeln werden in der
Synagoge angebracht (1922)
Artikel
in der Zeitschrift des "Central-Vereins"
("CV-Zeitung") vom 26. Oktober 1922: "Gedenktafeln. In der
renovierten Synagoge zu Offenburg in Baden nahm am Versöhnungstage
Rabbiner Dr. Halpersohn die Einweihung der Gedenktafel für die
Kriegsgefallenen vor. Dr. Halpersohn sprach hierbei über das Thema: 'Ein
Andenken sollen sie allen sein.'." |
Am 18. Oktober 1925 konnte die Gemeinde zu der "Feier
des 50-jährigen Bestehens der Synagoge" einladen. Der Vorsteher der jüdischen
Gemeinde, Emil neu, betonte in seiner Ansprache, dass zwischen den Juden und den
Angehörigen der christlichen Konfessionen in Offenburg ein friedliches und
harmonisches Verhältnis bestehe.
Beim Novemberpogrom 1938 erzwangen sich in den frühen
Morgenstunden des 10. November vier Männer, die sich als Mitglieder der
Geheimen Staatspolizei ausgaben, den Eingang in die Synagoge, schossen mit
Pistolen auf die brennenden Lampen,
holten Torarollen aus dem Toraschrein und rissen sie in Stücke. Zwischen
Offenburger SS und der Polizei kam es zu einer Besprechung wegen weiteren
Aktionen. Während die SS fest entschlossen war, die Synagoge in Brand zu
stecken, wehrte sich die Polizei mit Erfolg gegen dieses Vorhaben, da das
Niederbrennen des Bethauses eine zu große Gefahr für die Nachbarhäuser
bedeutet hätte. Zu weiteren Aktionen kam es erst am Nachmittag des 10.
November. Gegen 17 Uhr rottete sich auf Veranlassung der Kreisleitung am
ehemaligen Gasthaus "Palmengarten" eine Menschenmenge zusammen, die in kurzer
Zeit auf 150 bis 200 Personen anwuchs. Zuerst wurde das jüdische Café Weil in
der Blumenstraße heimgesucht und das gesamte Inventar zerschlagen. Dann bewegte
sich der Zug unter Absingen von Kampfliedern durch die Hauptstraße, Stein- und
Lange Straße zur Synagoge und zerstörte die gesamte Inneneinrichtung. Anschließend
schleppten die Demonstranten zerstörte Einrichtungsgegenstände sowie Zylinder
und Gebetbücher auf den Rathausplatz und verbrannten sie. Beschlossen wurde die
Demonstration durch eine Kundgebung im Dreikönig-Saal, bei der wiederholt
geschrieen wurde: "Juda verrecke!"
Über die Verwendung der Synagoge kam es zu einem Streit
zwischen NS-Kreisleitung und der Stadtverwaltung beziehungsweise dem Stadtrat.
Am 1. Juni 1939 forderte der Kreisleiter der NSDAP von der Stadt Offenburg den
Abbruch des Synagogengebäudes auf Kosten der jüdischen Gemeinde. Da das Gebäude
jedoch in baulich gutem Zustand war, wollte die Stadt es erwerben, um es als Gerätehaus
der Feuerwehr zur Verfügung zu stellen. Auch Veranstaltungen der Hitlerjugend könnten
in ihm stattfinden. Die Kreisleitung aber vertrat den Standpunkt, dass darin auf
keinen Fall "deutsche Menschen sich körperlich" ertüchtigen könnten und
forderte schon aus diesem Grund den Abbruch. Die Ratsherren der NS-Fraktion
schlossen sich dieser Meinung an. Dennoch setzte sich die Stadtverwaltung durch.
Am 1. Juli 1940 verkaufte die jüdische Kultusgemeinde das Anwesen an die Stadt,
die es an eine Möbelhalle vermietete. Etwas später war im Gebäude unter
anderem eine Kartonagenfabrik für Munitionsverpackungen eingerichtet.
1945 wurde das Gebäude von der alliierten Militärverwaltung
beschlagnahmt und der jüdischen Vermögensverwaltung JRSO übergeben. Diese übertrug
es am 2. November 1948 an die Israelitische Landesgemeinde. Nachdem diese
freilich keine Verwendung mehr hatte, verkaufte sie an an eine Drogen- und
Arzneimittel-Großhandlung. Das Vorderhaus, das eigentliche Gasthaus "Salmen"
wurde 1955 abgebrochen und ein Neubau an seiner Stelle errichtet. Das Hintergebäude
bis 1997 ein Elektrogerätefachhandel, der seine Lagerbestände im Obergeschoss
aufbewahrt; das Erdgeschoss diente als Verkaufsraum.
Am 8. November 1978 wurde in Anwesenheit von
Landesrabbiner Dr. Nathan Peter Levinson eine Gedenktafel für die Synagoge und
das Schicksal der jüdischen Gemeinde am ehemaligen Synagogengebäude
angebracht. 1997 erwarb die Stadt das Gebäude und richtete es bis 2002
als Kulturzentrum und Erinnerungsstätte her.
Fotos
Historische Fotos aus der Synagoge im "Salmen"
(Quelle:
Stadtarchiv Offenburg und Kulturagentur Offenburg,
veröffentlicht in: M. Ruch,
Der Salmen und M. Ruch, Jüdisches Offenburg, siehe zu beidem Lit.)
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Innenraum der Synagoge Offenburg um 1930 |
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Siegfried Schnurmann am Harmonium der Offenburger Synagoge um 1935 |
Der Offenburger Synagogenrat
im Sommer 1930 |
Fotos nach 1945/Gegenwart:
8. November 1978:
Anbringung der Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge
(Quelle: Stadtarchiv Offenburg) |
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Zahlreiche Personen kamen zu
dieser Veranstaltung |
Landesrabbiner Dr. Levinson
bei seiner Ansprache |
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Fotos um 1985:
(Fotos: Hahn) |
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Der Salmen / die ehemalige
Synagoge in Offenburg |
Gedenktafel am Aufgang zur
ehemaligen Synagoge |
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Aufgang zur ehemaligen
Synagoge |
Eingang |
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Fotos 2003:
(Fotos: Hahn,
Aufnahmedatum 1.9.2003) |
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| Der Salmen/die ehemalige
Synagoge nach der Restaurierung |
Aufgang zur ehemaligen
Synagoge |
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| Eingang zur ehemaligen
Synagoge |
Gedenktafel am Aufgang |
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Weitere Fotos zum Salmen siehe bei www.artur-photo.de/Neu/1402034/
Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Artikel
Publikation von Martin Ruch erschienen
(November
2008)
Artikel von Taras Maygutiak im
"Offenburger Tageblatt" vom 8. November 2008:
"Offenburg. Wie lange er brauchte, um das gesamte Material für sein neues Buch zusammenzutragen, kann Kulturhistoriker Martin Ruch gar nicht sagen:
"Es ist neben anderen Recherchen entstanden." Seit Ruch sich 1990 das erste Mal mit Archivmaterial über das jüdische Leben in Offenburg und den Verbrechen an den Offenburger Juden während der Nazizeit befasste, hat er mittlerweile elf Bücher und mehrere Aufsätze zu diesen Themen geschrieben:
"Es ist praktisch mein Lebensthema geworden", bekennt der 58-Jährige.
Zum 70. Jahrestag des Pogroms gegen die jüdische Bevölkerung in der Nacht zum 10. November 1938, bei dem auch den Offenburger Juden Schreckliches angetan wurde, und 60 Jahre nach der juristischen Aufarbeitung dieser Verbrechen im sogenannten Synagogenprozess 1948, ist das neue Buch von Martin Ruch
"Das Novemberpogrom 1938 und der Synagogenprozess 1948 in Offenburg" ab Montag im Buchhandel erhältlich.
Im ersten Teil des Buches geht Ruch auf das Pogrom ein. Nachdem am 7. November 1938 der polnische Jude Herschel Grynzpan in Paris den deutschen Gesandtschaftsrat vom Rath niedergeschossen hatte, rief Goebbels zu sogenannten spontanen Vergeltungsaktionen auf. Deutschlandweit nahmen die beispiellosen Verbrechen mit der
"Kristallnacht" ihren Lauf – auch in Offenburg. Am 10. November 1938 bewegte sich ein Zug von etwa 80 Männern vom Offenburger Gefängnis in der Grabenallee durch die Hauptstraße zum Bahnhof. Sie wurden unterwegs gedemütigt, beleidigt und geschlagen von SS- und Parteimitgliedern, aber auch von Teilen der Bevölkerung. An den jüdischen Familien der Stadt wurde ein Verbrechen, ein großes Unrecht begangen", schreibt Ruch im Vorwort des Buches über den dunklen Fleck in der Offenburger Stadtgeschichte.
Was beim Lesen des Buchs neben des Themas selbst unter die Haut geht: Der Kulturhistoriker gibt bei Weitem nicht nur Zahlen und Daten wieder. Der Schrecken jener Tage wird durch Briefe und Tagebuchaufzeichnungen, wie etwa der jungen Esther Cohn, die 1944 in Auschwitz ermordet wurde, spürbar. Zahlreiche Zeitzeugen hat Ruch zudem über die schicksalhaften Tage befragt.
Namen der Täter
Zehn Jahre später sollte der "Schandfleck getilgt" werden, wie es 1948 ein Vertreter der Anklage im Synagogenprozess nannte. Diesen Teil der Geschichte beleuchtet Ruch im zweiten Teil des Buches. 13 Haupttäter der Ereignisse mussten sich im Gerichtsgebäude in der Ritterstraße verantworten. Drei dicke Ordner über die Verhandlung hat Ruch im Staatsarchiv in Freiburg durchforscht. Interessant dabei ist auch: 60 Jahre nach dem Prozess darf Ruch auch die Namen der nichtöffentlichen Personen nennen.
"Erschütternd" findet er an den Aussagen von 1948 die Ausflüchte und Ausreden:
"Keiner wollte dabei gewesen sein." |
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| Mai 2009:
Die letzten Stolpersteine werden gelegt. |
Artikel von Ralf Burgmaier in der "Badischen Zeitung"
vom 14. Mai 2009: Die letzten 16 Stolpersteine werden versetzt
OFFENBURG. 118 Offenburger Bürgerinnen und Bürger sind während der Nazizeit aus der Stadtgemeinschaft ausgegrenzt und in den Tod geschickt worden. An 103 von ihnen erinnern bereits in Offenburger Bürgersteigen sogenannte Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Am 25. Mai kommen 16 weitere dazu. Sollte die Geschichtsforschung keine weiteren Schicksale zu Tage fördern, sind damit sämtliche Todesopfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft aus der Offenburger Bürgerschaft auf diese Weise geehrt.
Natürlich waren die Formen des Leidens unterm Nationalsozialismus vielfältig. Tödliche Folgen hatten sie für die genannten 118 Offenburger. Wenn Gunter Demnig am 25. Mai nach Offenburg kommt, um die mutmaßlich letzten 16 Stolpersteine zu versetzen, hat er auch einen Stein für Siegfried Bodenheimer im Gepäck. Damit wird in Offenburg zum ersten Mal ein Opfer des Nationalsozialismus mit einem Stolperstein geehrt, das die Konzentrationslager überlebt hat. Siegfried Bernheimer kehrte aus dem KZ Theresienstadt im Juni 1945 nach Offenburg zurück.
"Neuerdings fertigt Gunter Demnig auch Stolpersteine für nicht ermordete Opfer des Nationalsozialismus", erklärt Gerda-Marie Lüttgen, die für Offenburg die Stolpersteinaktion so ehrenamtlich wie erfolgreich organisiert. Bisher galt die Regel, dass nur an Ermordete auf diese Weise erinnert wird, um eine Verwässerung des Gedenkens zu vermeiden. "Demnig schaut sich aber die Schicksale dieser neuen Opfergruppe genau an. Bei seinem Besuch in Offenburg wird er seine Entscheidungskriterien näher erläutern", so Gerda-Marie Lüttgen.
15 weitere Steine wird Demnig am 25. Mai verlegen. Darunter auch drei Steine vor dem Rathaus. Denn für Emma Bodenheimer, in Auschwitz verschollen, für Hanny Glaser, in Theresienstadt gestorben, und Bella Jacobs, tot in Auschwitz, fanden sich, trotz intensiver Recherchen kein Hinweis auf den früheren Offenburger Wohnort, erklärt Wolfgang M. Gall, Leiter des Stadtarchivs, das mit der Suche nach Lebensspuren der Ermordeten das Projekt unterstützte.
Ergänzend zur Verlegeaktion zeigt der Kulturverein 361 Grad, am 25. Mai, 20 Uhr, im Forum-Kino einen Dokumentarfilm über die Arbeit Demnigs. Der Künstler, der europaweit über 16 000 Stolpersteine verlegt hat, wird im Anschluss mit den Zuschauern diskutieren . |
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| Mai 2009:
Der "Salmen" wird Tagungsort des
Gemeinderates |
Foto
von Helmut Seller: Der Salmensaal ist jetzt offizieller Tagungsort des
Gemeinderats.
Rat bekennt sich zum Erbe von 1847 - Salmen wird Heimat des Gemeinderats
Der Gemeinderat hat sich gestern Abend für den Salmen-Saal als dauerhaften Versammlungsort entschieden.
Damit knüpft er bewusst an die glorreiche Tradition des Saales an, der eine Wiege der deutschen Demokratie ist, oder wählt auch ganz nüchtern und pragmatisch die kostengünstigere Lösung.
Oberrheinhalle oder Salmen?
Diese Entscheidung hatte der Gemeinderat auf die Zeit nach der Fertigstellung des Oberrheinhallen-Neubaus im vergangenen Jahr vertagt. Im September 2008 gab es dann dort eine Gemeinderatsklausur, bei der sich laut Verwaltung, herausgestellt habe, dass der Saal dort, was Aufbau der Technik und der Bestuhlung angeht, keinen Vorteil gegenüber dem Salmen bringt. Dazu kommt, dass die Mietkosten für den kleinen Saal dort höher sind als im Salmen. Deshalb entschied sich der Gemeinderat gestern nun einstimmig für den Salmen. Dabei spielte für die meisten Sprecher der Gemeinderatsfraktionen die historische Dimension des Saals eine gewichtige Rolle.
Kurt Feger (CDU), Bertold Thoma (SPD), Hans Rottenecker (Freie Wähler) und Sibylle Laurischk (FDP) erinnerten an das Erbe des 12. Septembers 1847, als die "entschiedenen Freunde der badischen Verfassung von 1818" unter der Leitung von Friedrich Hecker im Salmen die 13 Forderungen des Volkes verabschiedeten und damit einen Meilenstein der deutschen Verfassungsgeschichte setzten. Die meisten dieser 13 Punkte wurden erst wieder vor 60 Jahre mit dem Grundgesetz Verfassungsrealität in Deutschland.
Sibylle Laurischk erinnerte darüber hinaus daran, dass der Saal später Synagoge wurde, aus deren Schändung 1938 sich eine weitere moralische Verpflichtung für den Gemeinderat ableite. Lediglich Angelika Wald von den Bündnis-Grünen sagte, dass der Geist von 1847 für ihre Entscheidung keine Rolle spiele: "Nicht der Geist des Raumes ist entscheidend, sondern das Handeln der Personen darin." Die Nutzung des Salmens sei günstiger als die des Oberrheinhallen-Saals. "Ich sehe das vollkommen pragmatisch", so Wald." |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
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 | Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden.
1968. S. 224-227. |
 | Germania Judaica II,2 S. 625f. |
 | Otto Kähni: Geschichte der Offenburger
Judengemeinde, in: Die Ortenau 49 (1969) S.80-114. |
 | Susanne Möschle: Das Schicksal der jüdischen Bevölkerung
Offenburgs in der Zeit des Nationalsozialismus. (Unveröffentlichte)
Zulassungsarbeit für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Offenburg 1977. |
 | Die andere Adresse: Ortenau - mit Straßburger Teil
/ Berichte - Adressen - Selbstdarstellungen. Verlag ALIO Offenburg 1988.
(Hier ein Kapitel über: "Das Novemberpogrom im Offenburger
Raum"). |
 | Martin Ruch: Tanzsaal, Revolutionslokal, Synagoge, Lagerhalle.
Die Geschichte des "Salmen" in Offenburg. in: Die Ortenau 67.
1987. S. 371-189. |
 | ders.: Familie Cohn. Tagebücher, Briefe, Gedichte einer jüdischen
Familie aus Offenburg. Offenburg 1992. |
 | ders.: Jüdische Stimmen aus Offenburg. Interviews, autobiographische
Zeugnisse, schriftliche Quellen zur Geschichte der Offenburger Juden
1933-1945. Offenburg 1995. |
 | ders.: Verfolgung und Widerstand in Offenburg 1933-1945.
Offenburg 1995. |
 | ders.: Jüdisches Offenburg. Einladung zu einem Rundgang.
Haigerloch 1999. |
 | ders.: Quellen zur Geschichte der Offenburger Juden im 17.
Jahrhundert. Offenburg 2001. |
 | ders.: Der Salmen, Geschichte der Offenburger Synagoge.
Offenburg 2002. |
 | ders./Samuel Dzialoszynski: Der gute Ort. Der jüdische
Friedhof in Offenburg. Offenburg 2000. |
 | Artikel "Die ‚Paulskirche Badens’ wird zum
Kulturzentrum, in: Stuttgarter Zeitung 13. September 2002 S. 10. |
 | Irmgard Schwanke: Ein ungleiches Kräfteverhältnis.
Juden und Christen im Offenburg des 17. Jahrhunderts, in: Beiträge zur
Landeskunde 4/2001 S. 11-16. Zusammenfassung
online zugänglich |
 | Uwe Schellinger: Sklavenarbeit in Offenburg: Der Weg
des KZ-Häftlings Marko Moskowitz. In. Die Ortenau 2004 S. 383-394. |
 | Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern -
Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from
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 | Joachim
Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als
Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte
und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt,
Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial,
Jerusalem. Stuttgart 2007.
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Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Offenburg Baden. Jews are
known from the early 13th century. In 1243 they were victims of anti-Jewish
riots. A substantial community existed by the early 14th century but ended in
the Black Death persecutions of 1348-49 when the Jews burned themselves alive to
avoid expulsion and certain death as a consequence of a well-poisoning libel.
The few Jews who were present in the 17th century were expelled in 1689 owing to
local hostility.
The modern community was only founded in 1862 on the emancipation of
Baden's Jews. In 1880 the Jewish population reached 387 (total 7,274) with 61 of
the 74 Jewish families (in 1884) engaged in commerce (wine, cattle, hides). In
1875 the community inaugurated a synagogue. In 1893 the seat of the district
rabbinate was transferred to Offenburg from Schmieheim.
By the end of Worldwar I, many belonged to the professional class and the
community continued to maintain a rich inner life. In 1933, 271 Jews
lived in Offenburg (total 17,976), with others subsequently joining the
community. Jews were dismissed from public employment and banned from public
places. In 1938 all Jewish children were expelled from the public schools. Many
of the young emigrated to Palestine with the aid of the local Hechalutz office.
By the end of 1938, 118 Jews had emigrated, among them many to the United
States; 32 left for other German cities. On Kristallnacht (9-10 November
1938), the interior of the synagogue was wrecked and all Jewish males over 16
were arrested and sent to the Dachau concentration camp for a few weeks after
being abused and humiliated in the streets of the city. In all, 156 Jews managed
to emigrate directly from Offenburg in 1933-40, with another 45 going to other
German cities (and 23 emigrating from them). Of the 92 deported to the Gurs
concentration camp on 22 October 1940, 21 survived the Holocaust. The fate of
the Jews in the eight communities attached to Offenburg was similiar. Durbach's
19th century community of around 100 was reduced to a single family in 1933.- In
Gengenbach, 30 remained, 16 emigrated, and
nine were deported to Gurs. In Nordrach,
where a sanatorium for pulmonary patients was founded by Adelaide Rothschild in
the 19th century, the last 26 patients along the the head doctor were sent to
Auschwitz in September 1942 and executed on arrival.

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