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zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Die 1928 hergestellten Wappenscheiben im Saal des
ehemaligen Diersburger Rathauses (Talstraße) zeigen die Symbole der drei in Diersburg damals vertretenen Religionsgemeinschaften.
Das Foto links zeigt das Fenster der israelitischen
Gemeinde.
Diersburg (Gemeinde Hohberg,
Ortenaukreis)
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zum Ritterkanton
Ortenau gehörenden Diersburg bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/40. Ihre
Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück. Von dem 1748 genannten
Levi Meyer heißt es, dass er seit elf Jahren in Diersburg lebe (d.h. seit 1737); 1738 wird
Samuel Ellenbogen erwähnt. 1744 waren fünf Familien am Ort, 1759 elf Familien.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie folgt: 1809 39 jüdische Familien, 1825 190 jüdische Einwohner (29,3 % von
insgesamt 938 Einwohnern), höchste Zahl um 1832 mit 306 Personen
(etwa 30 % der Gesamteinwohnerschaft), 1842 225, 1875 130 (12,6 % von 1.032),
1900 80 (7,8 % von 1.033), 1910 59.
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge, s.u. eine
jüdische Schule, ein rituelles Bad und - seit 1773 - einen Friedhof.
Die Schule wurde von 1830 bis 1876 als jüdische Konfessionsschule
betrieben, danach (nach Auflösung der Konfessionsschulen in Baden) als
Religionsschule. Über dem Eingang des früheren Schulhauses Strittmatt 4
befindet sich bis heute eine hebräische Inschrift (übersetzt "Führe
herbei die Endzeit unserer Befreiung und unsere Erlösung" mit hebräischer
Jahreszahl für 1826). Das rituelle Bad wurde auf dem Anwesen Talstraße
30 eingerichtet. Es lag unmittelbar beim Bach und blieb in seiner äußeren Form
bis um 1985 erhalten (zuletzt als Garage genutzt, inzwischen abgebrochen). Eine
hebräische Inschrift vom diesem "Judenbad" (Zitate aus Ezechiel 36,25
und Sprüche 31,30) wurde um 1933 in die Bachmauer unterhalb des Häuschens
eingemauert (erhalten mit deutscher Übersetzung). Zur Besorgung religiöser
Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und
Schochet tätig war. Bereits 1766 wird ein jüdischer Lehrer am Ort
genannt.
1827 wurde die Gemeinde dem
Rabbinatsbezirk Schmieheim zugeteilt, dessen Sitz 1893 nach
Offenburg verlegt
wurde.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Emil Bruchsaler
und Ferdinand Lehmann. Ihre Namen stehen auf dem Kriegerdenkmal gegenüber der
Katholischen Kirche des Ortes.
Um 1925, als zur jüdischen Gemeinde noch 43 Personen gehörten (4,3 % von
insgesamt 996 Einwohnern), waren die Vorsteher
der jüdischen Gemeinde: Heinrich Bruchsaler, Julius Valfer und Ludwig Lederer.
Als Kantor, Lehrer und Schochet wirkte Moses Schloss. Er erteilte 1925
noch zwei schulpflichtigen jüdischen Kinder am Ort den Religionsunterricht. 1932 war
erster Gemeindevorsteher Heinrich Bruchsaler, 2. Vorsteher Ludwig Lederer und 3.
Vorsteher Julius
Bruchsaler. Im Schuljahr 1932/33 gab es drei schulpflichtige jüdische
Kinder.
Bereits im 19. Jahrhundert spielten jüdische
Gewerbetreibende eine große Rolle für die wirtschaftliche Entwicklung
Diersburgs. An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden Handels- und Gewerbebetrieben
im Besitz jüdischer Familien / Personen sind bekannt: Händler Bruchsaler (Strittmatt 6), Schuh-, Leder- und Eisenwarenhandlung Heinrich Bruchsaler
(Talstraße 2), Viehhandlung Samuel Bruchsaler (Talstraße 9), Viehhandlung David Dreyfuß
(Talstraße 27), Kolonialwaren Lina Kahn, bis 1921 koschere Metzgerei Maier Kahn
(Talstraße 33), Stoffe und Aussteuer Ludwig Lederer (Waldrain 8), Stoffe und Aussteuer Moritz Lederer (Waldrain 5), Schlächterei Meier-Kahn
(Talstraße 33), Krämerladen Siegfried Maier (Talstraße 29), Händler David Moch (Talstr.28), Lebensmittel, Stoffe und Medikamente Julius Valfer
(Talstraße 17), Gasthaus "Badischer Hof", Inh. Julius Valfer (Talstraße
27).
1933 lebten insgesamt noch 26 jüdische Personen am Ort (2,5 % von 1.036
Einwohnern). Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge demoliert
(s.u.), die männlichen Juden wurden verhaftet und in das KZ Dachau verschleppt.
Die letzten elf in Diersburg lebenden jüdischen Personen wurden am 22. Oktober 1940
nach Gurs deportiert.
Von den in
Diersburg geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945", ergänzt durch "Gedenkbuch Baden-Württemberg"):
Jules Baer (1918), Anna Basch geb. Kirschner (1868), Julius Baum (1886), Paul Baum (1885),
Paula Behr geb. Valfer (1877), Ernst Bergheimer (1890), Jakob Bergheimer
(1868), Josef Bergheimer (1878), Julius Bergheimer (1872), Salomon Bergheimer (1885),
Johanna Bodenheimer (1875), Cäsar Bruchsaler (1889), Fanny Bruchsaler
(1886), Flora Bruchsaler (1889), Karl Bruchsaler (1868), Moses Bruchsaler
(1866), Sophie Bruchsaler geb. Israel (1864), Thekla
Bruchsaler (1896), Rosa Cohn geb. Moch (1887), Josef David (1860), Fanny Haberer
geb. Baum (1887), Leopold Kahn
(1860), Lina Kahn (1894), Leopold Lederer (1889), Fanny Liebhold geb. Bergheimer (1885), Fanny Maier
geb. Bergheimer (1889), Hermine Maier geb. Valfer (1879), Sara Marx (1875), Hermine Mayer (1879), David Moch
(1893), Leopold Moch (1885), Bruno Nathan (1887), Lina Nathan geb. Kahn (1889),
Flora Rosenbaum geb. Bruchsaler (1891), Gustav Rosenbaum (1879), Else
Samuel geb. Lederer (1889), Lehmann Stein (1861), Augusta
Valfer geb. Bensinger (1885), Gustav Valfer (1868), Max Valfer (1880), Samuel Valfer (1882),
Clementine Weil (1887), Louis Weil (1875), Salomon Weil (1870), Simon Weil
(1875), Mathilde Wertheimer geb. Stein (1862).
Weitere Spuren der jüdischen Geschichte am Ort:
Hebräische Inschriften sind in Kellerbogeninschriften der Häuser Strittmatt 10
("Nathanael und Sarale") und Talstraße 35 ("Paul und Lea", mit segnenden Händen) Hinweise auf
die ehemaligen jüdischen Besitzer.
Im Roederschen Heimatmuseum (Philippshof) gibt es einzelne Erinnerungen an die jüdische Geschichte.
So stammt ein Sandsteintürbogen, der sich in der Eingangstür zum Museum befindet,
von einem ehemaligen jüdische Wohnhaus; die darin enthaltene Mesusa wird im Museum aufbewahrt.
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1891 /
1892 / 1893
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Januar 1891: "In der
israelitischen Gemeinde Diersburg in Baden ist die Stelle eines
Religionslehrers, Vorbeters und Schächters zum 1. März dieses Jahres neu
zu besetzen. Gehalt 600 Mark, Nebeneinkünfte 3-400 Mark nebst freier
Dienstwohnung. Meldungen sind bis Mitte Februar an die unterzeichnete
Stelle zu richten.
Schmieheim (Baden), im Januar 1891. Großherzogliche Bezirks-Synagoge.
Dr. M. Rawicz." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. August 1892: "In der
israelitischen Gemeinde Diersburg (Baden) ist die Stelle eines Schächters,
Kantors und Lehrers sofort zu besetzen. Das Fixum beträgt 600 Mark, die
Nebeneinkünfte belaufen sich auf 350 Mark nebst freier Dienstwohnung.
Ledige Bewerber wollen sich alsbald an den Unterzeichneten wenden.
Schmieheim (Baden), 2. August 1892. Großherzogliche Bezirks-Synagoge: Dr.
M. Rawicz." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. August 1893: "In der
israelitischen Gemeinde Diersburg (statt: Duisburg) ist die Stelle eines
Vorsängers, Schächters und Religionslehrers wieder zu besetzen. Gehalt
700 Mark, Nebeneinkünfte 3-400 Mark nebst freier Dienstwohnung. Meldungen
sind sofort an den Unterzeichneten zu richten, da womöglich noch bis zu
den hohen Feiertagen die Stelle besetzt werden soll.
Offenburg (Baden), 16. August 1893. Die Bezirks-Synagoge: Dr. M. Rawicz." |
Zum Tod von Lehrer Jakob Oestreicher (1887)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Juni 1887: "Offenburg, 20.
Mai (1887). Unsere einst groß und blühend gewesene jüdische
Nachbargemeinde Diersburg ist seit einer Reihe von Jahren vom
Schicksal leider schwer heimgesucht worden. Durch den Wegzug der meisten
besser situierten Familien in die benachbarten Städte ist die Zahl der
Kultusmitglieder bedeutend zusammengeschmolzen, wodurch die Aufbringung
der Mittel zum Kultusaufwand für die paar Übriggebliebenen erschwer ist.
Dazu kam, dass in jüngster Zeit einige Familien von Unglücksfällen
schwer betroffen wurden.
Doch den größten Schmerz verursachte der hart geprüften Gemeinde, das
leider erfolgte Hinscheiden ihres hoch verdienten, allgemein geachteten
und geliebten Lehrers Jakob Österreich – seligen
Andenkens. Er war ein gerechter und
frommer Mann, von ungeheuchelter Frömmigkeit, hervorragendem
Charakter, strengster Rechtlichkeit und Pflichttreue, ausgezeichnet durch
seine Geistes- und Herzensbildung.
Trotz seines umfassenden talmudischen Wissens benützte er jede freie Zeit
und Gelegenheit zur Erweiterung und Bereicherung desselben. Dabei besaß
er aber auch immense Kenntnisse in den weltlichen Wissenschaften. Als
Beweis seines nie rastenden Geistes, seines nicht zu stillenden
Wissensdurstes will ich nur anführen, dass er noch in seinem 67.
Lebensjahr anfing, sich dem Studium verschiedener orientalischer Sprachen
mit regem Eifer und Erfolg hinzugeben. So war ihm das Lernen, das er bis
zur Mitternachtsstunde fortzusetzen pflegte, eine Quelle reinster Freude.
Seiner Gemeinde und insbesondere den seiner geschickten Leitung
anvertrauten Schülern war er ein Muster edlen Wirkens und Strebens. Daher
konnte er auch mit Befriedigung auf die von ihm zurückgelegte Lebensbahn
blicken, in dem freudigen Bewusstsein, seine Dienste Gott und der
Menschheit nach Kräften gewidmet zu haben, wofür ihm die Mit- und
Nachwelt ein ehrendes Andenken bewahren wird.
Der Tod erlöste ihn im Alter von 69 Jahren von einer schweren Krankheit
und mit den Worten ‚in deine Hand übergebe ich meinen Geist’ (Psalm 31,6) hauchte er
seine reine Seele aus.
Durch seinen Tod verliert seine Gemeinde nicht nur ihren Lehrer, sondern
auch ihren Mittel- und Haltpunkt, ja, wie dies mit Recht an seiner Bahre
betont wurde, ihren Vater.
Die Hochachtung und Verehrung, die der Verblichene genoss, die
allgemeine Trauer und Teilnahme, die sein Tod hervorrief, kam in vollem Maße
durch die zahlreiche Leichenbegleitung seitens der Glaubens und
Nichtglaubensgenossen zum Ausdruck. Unter Letzteren befanden sich auch der
protestantische Ortsgeistliche und sämtliche Lehrer, die beseelt vom
Geiste wahrer Menschenliebe und Toleranz gegen Andersgläubige, durch ihr
Erscheinen den Toten, zugleich aber auch sich selbst ehrten.
Vor dem Trauerhause schilderte unser verehrter Bezirksrabbiner Herr Dr.
Rawicz in meisterhafter Rede die hohen Eigenschaften, Tugenden,
Verdienste, sowie die außerordentliche Bescheidenheit des Heimgegangenen
und am grabe widmete ihm der Einsender Dieses einige Worte der Anerkennung
und des Schmerzes. Seine Seele sei
eingebunden in den Bund des Lebens.
Möge der Allgütige, den in tiefe Trauer versetzten 6 Töchtern und 3 Söhnen
des Edlen Trost und Beruhigung gewähren, und von der nun verwaisten
Gemeinde ferneres Ungemach abwenden. J.
Baer, Lehrer." |
Anzeige von Lehrer Dav. Mos. Mannheim (1891)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Mai 1891: "’Eines Mannes Red’
ist keine Red’ – Man muss sie hören alle beed.’ Meine Privatklage
gegen den Vorstand der Israelitischen Gemeinde Dornheim
ist zwar auf Wunsch der Gemeinde Diersburg und auf Veranlassung des Präsidenten
am Großherzoglich Hessischen Schöffengericht Groß-Gerau unter der
Bedingung des in Nr. 34 und 35 dieses Blattes enthaltenen Widerrufes zurückgezogen
worden; da die Sache jedoch nicht vielfach in Dunkel gehüllt ist, so erkläre
ich mich hierdurch gerne bereit, auf Wunsch meinen Freunden, Bekannten,
sowie sonstigen Interessenten wahrheitsgetreue Aufklärung zu geben. David.
Mos. Mannheim, Lehrer in Diersburg (Baden)." |
Lehrer Heller wirbt für seine Schülerpension (1900)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. August 1900: "Luftkurort
Diersburg, Baden. Bei dem Unterzeichneten können Schüler, welche während
der Sommerferien Landaufenthalt wünschen, gute und billige Pension, als
auch Nachhilfeunterricht erhalten.
M. Heller, Lehrer, Diersburg, Baden." |
Beitrag von Lehrer Moses Schloß "Der jüdische Lehrerberuf und die Schechitah"
(1926)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. November 1926: "Der jüdische
Lehrerberuf und die Schechitah.
Von M. Schloß, Lehrer in Diersburg (Baden).
Nicht über den Beruf des jüdischen Lehrers an sich will ich mich
auslassen, sondern über die Schechitoh, welche in Deutschland in der
Regel von den Religionslehrern mit versehen wird; ein heikles Thema,
dessen Behandlung jedoch nur der Hebung des heiligen
Berufes des Schochet dienen
soll.
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Stellungnahme zum Beitrag von Lehrer Moses Schloß über "Der jüdische
Lehrerberuf und die Schechitah" (1926)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Dezember 1926: "Der jüdische
Lehrerberuf und die Schechitah. Aus Hessen. Herr Kollege Schloß –
Diersburg (Baden) hat unter obigem Titel in der vorigen Nummer von
‚Erziehung und Lehre’ eine Angelegenheit behandelt, die der Beachtung
weitester Kreise wert ist. Er hat damit den Finger auf eine Wunde am Körper
des deutschen Judentums gelegt, für deren Heilung einzutreten
unabweisbare Pflicht der jüdischen Öffentlichkeit ist. Wie Kollege Schloß
bereits ausgeführt, ist es in der Hauptsache in den Mittel- und
Kleingemeinden vielfach üblich, dass die Schechita von unwürdigen
Personen aufgeübt wird. Das ist aber nicht nur der Fall in Landschaften,
in denen man die Einrichtung von Bezirksrabbinaten nicht kennt, sondern
auch in Gegenden, wo die Landgemeinden in religiöser Fürsorge von
Rabbinern betreut werden…
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Beitrag von Lehrer Moses Schloß über "Der Lehrer in den
Kleingemeinden" (1927)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Juli 1927: "Der Lehrer in den
Kleingemeinden.
Eine ernste Betrachtung von Lehrer Schloß in Diersburg.
Ein bekannter Führer unserer Gemeindeverbände nennt unsere Landgemeinden
das Reservoir, aus dessen lebendigem Quell jüdisches Leben den Großgemeinden
zufließen soll. Die meisten Lehrer von Landgemeinden werden sich jener
Behauptung nicht anschließen können, und zwar deshalb, weil im Großen
und Ganzen das Land schön lange nicht mehr jene Stätte ist, wo jüdisches
Leben pulsiert. Das Land hat bereits aufgehört, sich für Judentum und
Lehre zu begeistern, seine religiösen Pulse schlagen fast nicht mehr. Ich
spreche nicht von jenen bereits entvölkerten Gemeinden, wo kein Minjan
mehr zu finden ist, vielmehr noch von jenen anderen, wo das numerische
Leben noch nicht entwichen ist. Heute stellen die Großgemeinden jene
Zentren dar, wo die jüdische Jugend sich um ihre religiösen Führer
scharte, wo jüdische Lehrhäuser nicht mehr eine Seltenheit, wo bereits jüdisches
Leben aus alten Ruinen erblüht. Wir Lehrer auf dem Lande blicken unter
traurigem Empfinden auf jenes neue Leben, das wir leider nicht mehr
entfachen können, blicken ratlos nach allen Seiten, weil fast keine
helfende Hand sich uns Klagenden auf zerfallenen Tempelmauern
entgegenstreckt. Die religiöse Not in ihrem vollen Umfang zu schildern
ist meine Feder kaum imstande. Von Tora-Lernen
kann im Großen und Ganzen nicht mehr gesprochen werden; die Tora
hat bereits ihre Zugkraft verloren. Die wenigen vorhandenen Alten wissen
noch, was sie in ihrer Jugend gelernt haben, kennen noch die üblichen
Minhagim und Gebräuche und verstehen noch einen Bibelvers
zu übersetzen; die Überlieferung hat ihnen diesen kleinen Überrest
alter Größe belassen. Die Judend steht der heiligen lehre und der Überlieferung
skeptisch gegenüber, meist beten sie nicht, legen auch keine Tefilin
mehr. Und jüdische Gemeinden ohne Lehre sind unfehlbar dem religiösen
Untergang geweiht, es fehlt eben die Begeisterung, die der Jehudi zum
Leben braucht. Kein Wunder, dass selbst am Schabbat das nötige Minjan nur
schwer zusammen kommt. Die meisten wissen fast nichts mehr von der täglichen
Gebetordnung, wissen nichts von einem gewöhnlichen oder ausgezeichneten
Schabbat, wissen nicht, ob 3 oder mehr Leute zur Tora gerufen werden.
Viele gehen nur in die Synagoge, um dort zu warten – bis sie
wieder aus ist! Dieses ist die Signatur fast aller süddeutschen land- und
Kleingemeinden. In Norddeutschland sieht es darin zum Teil noch trauriger
aus. Gegen diesen drohenden Verfall ist der jüdische Lehrer fastmachtlos,
hier hilft kein Schiur-(Lehr-)Vortrag, hier kein religiöser Eifer und
keine Energie des Lehrers; er ist dem gleichen Schicksal verfallen, wie
einst Aron, der das goldene Kalb gegen seinen Willen aufstellen musste.
Zudem zieht man immer noch einen religiös unwissenden Parneß einem
Lehrer vor; der erste regiert, und der Lehrer vegetiert immer noch im
Niphal – als passiver Gemeindebeamter.
Mit innerer Befriedigung las ich von den Verhandlungen des
bayerischen Gemeindeverbandes, dass Herr Distriktsrabbiner Dr. Wohlgemuth
– Kitzingen vorschlug, dass die Herren Rabbiner mehr denn früher die
Landgemeinden durch Predigten und Vorträge, beleben sollen. Die Stunden
des obligatorischen Religionsunterrichts sind viel zu wenig. Nicht drei
Stunden wöchentlich genügen
zu einem ersprießlichen Toraunterricht; täglich 3-4 Stunden müssen es
sein, wenn die Grundlage für spätere Zeiten gegeben sein soll.
Wo bleibt der Keren Hathora? Hier wäre sein Platz: Man gibt
Tausende fürs Ausland, warum nicht auch für unsere Landgemeinden? Schaut
die Sifre Tora nach und bessert sie aus usw.! Ein großes Feld, um im
Sinne unserer Tora zu wirken! Gründet Lehrhäuser, helfet uns Lehrern,
unsere gesunkenen Gemeinden aufzurufen!!!" |
Beitrag von Lehrer Moses Schloß über "Die Autorität
des Thoralehrers" (1928)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. März 1928: "Die
Autorität des Thoralehrers. Von Lehrer Schloß in Diersburg (Baden). Die
Ehrfurcht des Schülers vor seinem Rabbi, seinem Lehrer in der Thora wurde
unserem Volke an vielen, vielen Stellen unserer heiligen Schrift vor Augen
geführt, sie wurde uns in den strengsten Vorschriften derselben und in
verschiedenen Ausdrücken ans Herz gelegt. Denn nur auf dem ethischen
Gesetz der Hoch- und Wertschätzung seines Lehrers und der Ehrfurcht vor
demselben kann eine Überlieferung und eine Verpflanzung unserer Tora
verbürgt werden. Schon der erste Satz in den Pirkei Awot, in den Sprüchen
der Väter, gibt einen Hinweis für diese wichtige Tatsache (hebräisch
und deutsch:) 'Moses empfing die Tora vom Sinai und überlieferte sie
dem Josua, Josua den Ältesten des Volkes und diese den Propheten. Die
Propheten überlieferten sie den Männern der großen Synode, welche
folgende drei Grundsätze aufstellten: 1. Seid behutsam im Richtersprucht!
(in der religiösen Entscheidung). 2. Stellet viele Schüler auf. 3.
Machet einen Zaun um die Tora!'
1. Viele Schüler sind notwendig, um eine Verbreitung unseres heiligsten
Kleinods, der Tora in unseren Reihen zu sichern. 2. Eine richterliche
religiöse Entscheidung kann nur dann überall gefällt werden, wenn viele
Toragelehrten vorhanden sind, welche durch ihr eingehendes Torastudium
dazu befähigt werden, derartige wichtige Urteile über Mein und Dein,
über Sein und Nichtsein zu
fällen.
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Lehrvortrag von Lehrer Moses Schloß zum Tora-Abschnitt Kiduschim
(1928)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Mai 1928:
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Beitrag von Lehrer Moses Schloß über "Wir und die
Schechito" (1929)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Februar 1929:
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Beitrag von Lehrer Moses Schloß
über "Der Schüler soll in erster Reihe hebräisch beten lernen!"
(1930)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. April
1930:
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Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Spendenaufruf für die in große Not geratenen Familien
der Brüder Valfer (1887)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Mai 1887: "Diersburg bei Offenburg
in Baden. Ein ergreifender Unglücksfall hat seit einigen Wochen unsere
kleine Gemeinde in Trauer und Schrecken versetzt. Zwei Gebrüder Valfer,
bisher durch ihre Religiosität und Wohltätigkeit weithin bekannt, kamen
unvermutet in zerrüttete Vermögensverhältnisse, und hat sich der eine
Bruder aus Verzweiflung erschossen, während der andere zurzeit zu einem
Erwerb unfähig ist. Infolge dessen sehen die beiden Frauen, deren jede
sechs kleine Kinder hat, bitterer Not entgegen und sind die, deren
Schwelle bisher von keinem Armen hungernd verlassen worden war und an
deren Mitleid sich nie ein hiesiger Armer in seiner Not vergebens gewendet
hatte, nun selbst genötigt, milde Gaben anzunehmen.
Wohl noch nie war jüdische Wohltätigkeit mehr am Platze und bittet daher
der hiesige Synagogenrat edle Menschenfreunde, an ihn milde Gaben zu
senden. Der Synagogenrat:
Samuel Bruchsaler.
Wir sind bereit, Gaben entgegenzunehmen und weiter zu befördern. Die
Expedition des ‚Israelit’." |
Spenden für die Familien Valfer in Diersburg
(1887)
Anmerkung: es gingen noch weitere Spenden ein, die nachstehende
Anzeige ist eine von mehreren Quittierungen von Spenden.
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Juli 1887: "Für
die zwei unglücklichen Familien Valfer in Diersburg.
Anonym 5 Mark. N.L. in Sch. 5 Mark. New-York (Amerika) J. Gideon 5
Mark. |
Spendenaufruf für die durch ein Unwetter
heimgesuchte Gemeinde Diersburg (1896)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. Juli 1896: "Wie
durch Zeitungsbericht bereits bekannt geworden, ist unsere arme Gemeinde
am 5. vorigen Monats durch ein über eine halbe Stunde andauerndes
Hagelwetter furchtbar heimgesucht worden. Die Reben, die gerade in diesem
Jahre zu besonderen Hoffnungen berechtigten, sind mindestens zwei Jahre,
vielfach durch Bodenabschwemmung auf längere Zeit ertragsunfähig
geworden. Die Frucht ist größtenteils zerschlagen und die Leute auf
längere Zeit brotlos. Nach vorläufiger Schützung beträgt der Schaden,
den unsere 200 durchweg unbemittelten Bürger zu tragen haben, mindestens
250.000 Mark.
Angesichts dieses großen Unglücks, das unsere israelitische Gemeinde
sowohl wie unsere gutgesinnten Mitbürger betroffen hat, wage ich es, die
Mildtätigkeit unserer Glaubensgenossen anzurufen.
Diersburg (Baden), 9. Juli 1896. Heinrich Bruchsaler,
Vorsteher der israelitischen Gemeinde.
Auch die Expedition ist gerne bereit, Gaben unter 1890 in Empfang zu
nehmen und weiter zu befördern." |
Berichte
zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
Zum Tod von Marx Kahn (1902)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Juli 1902: "Diersburg
(Baden). Am 3. dieses Monats wurde hier ein Mann beerdigt namens Marx
Kahn aus Offenburg, der vor ca. 10
Jahren von hier verzogen war. Seinem Wunsche, an der Ruhestätte seiner
Eltern begraben zu werden, wurde entsprochen. Eine zahlreiche Versammlung
aus Nah und Fern war herbeigeeilt, um demselben die letzte Ehre zu
erweisen. Am Grabe gedachte Herr Rabbiner Dr. Rawicz aus Offenburg seiner
Verdienste und schilderte denselben als einen frommen, strebsamen Mann.
Auf Veranlassung des Synagogenvorstandes erwähnte Herr Lehrer Helle und
zeichnete in treffenden Worten, wie der Verstorbene stets für das Wohl
der hiesigen israelitischen Gemeinde arbeitet und freiwillig zur
Kultussteuer seinen Beitrag entrichtete. Auch erwähnte der Redner, dass
derselbe ein Kohen war und er es verstanden hat, an den hohen Feiertagen
alle Andächtigen zur Gottesfurcht zu entflammen. Die hohen Feiertage
verbrachte er stets in Diersburg, da er von den Neuerungen in seinem
Wohnorte nichts wissen möchten. Man konnte auf ihn den Vers anwesenden
(hebräisch und deutsch) 'öffne deine Hand und gib es den Armen', auch
seine früh verstorbene Frau war sehr wohltätig, denn es ging nie ein
Armer leer aus ihrem Hause. Die Söhne des Verschiedenen stifteten zum
Andenken ihrer so geliebten Eltern einen Betrag für ein Kaddisch, das
alljährlich hier gesprochen werden soll.
Möge der Allgütige den Hinterbliebenen Trost spenden und die Seele des
Heimgegangenen aufnehmen in den Bund der Lebendigen zum ewigen
Leben." |
Über den Botaniker Isaak Blum (1833-1903)
Isaak Blum (geb. 1833 in
Diersburg (Haus Strittmatt 6), gest. 1903 in Frankfurt): nach Besuch
von Schulen in Schirrhofen/Elsass (Toraschule), Breisach (Höhere Schule) und
Karlsruhe (Lehrerseminar) war er Lehrer in Karlsruhe, ab 1865 im Philanthropin
in Frankfurt (1860 ordentliche Anstellung am Philanthropin mit den Lehrfächern
Französisch, Naturwissenschaft, Turnen). 1868 Mitglied der Senckenbergischen
Naturwissenschaftlichen Gesellschaft, 1871 für zwei Jahresperioden Ester
Direktor. Besondere Verdienste auf dem Gebiet der Botanik mit zahlreichen
Veröffentlichungen. Die Gemeinde Diersburg benannte 2005 eine Straße nach
Isaak Blum (Foto links: U. Schellinger) |
Zum 70. Geburtstag des Gemeindevorstehers Heinrich Bruchsaler
(1925)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Juni 1925: "Diersburg
(Baden), 26. Mai (1925). Unser sehr verehrter Vorsteher, Herr Heinrich
Bruchsaler, beging am 20. Mai seinen 70. Geburtstag und zugleich das Jubiläum
seiner 30-jährigen Tätigkeit als Vorstand der hiesigen Gemeinde. Viel
hat ihm seine Gemeinde zu danken. Wenn diese kleine Gemeinde heute noch
ihre Institutionen besitzt und noch einen beamten hat, so verdankte sie es
nur ihrem jetzigen Vorsteher, der sein Amt zur Ehre Gottes verwaltet und
dessen sorgen und Trachten darauf gerichtet ist, jüdischen und religiösen
Geist in seiner Gemeinde zu erhalten, damit in dieser noch religiöses
Leben pulsiert. Der Friede untereinander und das Verhältnis der einzelnen
Mitglieder zueinander ist ein inniges, musterhaftes. Das verdanken wir in
erster Reihe unserem lieben Vorsteher, dessen doppeltes Jubiläum am
verflossenen Schabbos bamidbor
in der herrlich geschmückten Synagoge besonders gefeiert wurde. Der
Synagogenrat überreichte dem Jubilar einen schönen silbernen Pokal und
eine Ehrenurkunde. Am Sonntag darauf wurde im engeren Kreise der Gemeinde
und geladenen auswärtigen Gästen im ‚Badischen Hof’ der verehrte
Jubilar nochmals gebührend gewürdigt, seine Verdienste um die Gemeinde
besonders hervorgehoben. Dabei fehlte der hiesige Bürgermeister nicht.
Auch die Herren Vorsteher aus Offenburg und Friesenheim waren zugegen.
Toaste und Reden würzten den herrlichen Abend. Möge der Jubilar bis
100 Jahre noch zur Ehre Gottes
wirken! |
Zum Tod von Herz Bloch (1926)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Mai 1926: "Diersburg
(Baden), 21. April (1926). …
starb … dahier das älteste Mitglied unserer Gemeinde, Herz Bloch im
gesegneten Alter von 95 Jahren. Er war ein wahrhaft religiöser Mann, eine
Zierde unserer Gemeinde, aller Menschen Ratgeber und Freund. Kein Wunder,
dass er hier allgemein geschätzt und geliebt wurde. Sein Leichenbegängnis
gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung für diesen wahrhaft
frommen Mann. Noch im vorigen Jahre trat er als Hilfsvorbeter an den Ehrfurchtgebietenden
Tagen ein, die Gebete mit inniger Andacht vortragen. Sein Andenken
bleibe in unserer Gemeinde ein gesegnetes; möge er bei Gott ein rechter Fürsprecher und Dolmetsch für uns sein. Seine
Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Zum Tod von Friedrich Maier (1929)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Dezember 1929: "Offenburg,
9. Dezember (1929). Mit Friedrich Maier ging ein Mann des guten Namens im vollen Sinne des Wortes von dannen. Er stammte aus
dem benachbarten Diersburg und er hatte in dieser alterwürdigen Gemeinde Gottesfurcht
und Wahrheit von Jugend auf in sich aufgenommen. 32 Jahre lang versah er
in hiesiger Gemeinde das Amt eines Synagogendieners mit Liebe und
Hingebung bis zu seinem Tode. Seine Kinder erzog er zu achtbaren Menschen,
die überall zur Zierde gereichen. Möge Gott
die Trauernden trösten. Seine Seele
sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Hinweis auf das streng koschere Hotel "Badischer Hof" in Diersburg
(1893)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Juli 1893: "Diersburg
(badischer Schwarzwald). Jedes Jahr besuchen jüdische Familien den
badischen Schwarzwald und ist am sämtlichen Plätzen wie zum Beispiel in
Hornberg, Triberg etc. ein jüdisches Hotel nicht zu treffen.
Um denselben Gelegenheit zu geben, koscher zu leben, ist in Diersburg, 3/4
Stunden von den Stationen Ortenberg und Niederschopfheim entfernt, sehr
schön gelegen, rings mit Wald umgeben und mit sehr schönen, neu
angelegten Wegen eine jüdische Restauration errichtet worden.
Jedes Jahr sind Couranten da und nimmt deren Zahl immer zu, und ist also
jedem Jehudi, der streng koscher leben will, Hotel Badischer Hof,
Diersburg bestens zu empfehlen." |
Werbung für das Hotel "Badischer Hof"
von Julius Valfer (1928)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Juni 1928:
"Diersburg bei Offenburg (Schwarzwald).
Jüdische Kurgäste können sich hier in unserem idyllischen Walddorf gut
erholen.
Rituelle volle Pension Mark 4.50.
Julius Valfer zum Badischen Hof." |
Zur Geschichte des Betsaals / der Synagoge
Das jüdische
Wohngebiet befand sich zunächst im Bereich des Philippshofes an der Straße
nach Oberschopfheim, getrennt von den christlichen Häusern. Nach 1793 wurden jüdische
Häuser vor allem in der "Strittmatt" (sogenannte "Judenstadt") östlich
des Gasthauses "Zum Hirschen" erbaut. Die "Judenstadt" blieb bis 1940 der
Mittelpunkt des jüdischen Lebens in Diersburg. Doch wohnten im 19./20.
Jahrhundert einige jüdische Familien auch im Vorderdorf, wenige im Fuchsbühl,
keine im Hinterdorf.
Bereits in den 1740er-Jahren war die Zehnzahl der zum
Gottesdienst nötigen jüdischen Männer am Ort erreicht. In der Judenordnung
von 1759 wird erstmals eine "Synagoge" genannt, "die den Juden allhier
erlaubt worden". "Solange diese Erlaubnis dauern wird", musste jeder jüdische
Haushalt hierfür jährlich zwei Gulden an die Herrschaft entrichten. Der
Judenvorsteher war von dieser Abgabe befreit. Wo diese erste Synagoge genau
stand, ist nicht bekannt, vermutlich im Bereich der "Judenstadt", da sie bei der
Aufteilung dieses Areals erwähnt wird. Nach der Überlieferung der Diersburger
Juden handelte es sich um ein kleines und einfaches Gebäude.
Feierliche Weihe einer gestifteten
Torarolle (1906)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 16. November
1806: "Diersburg (Baden). Herr Gustav Kahn - Straßburg, ein
Sohn unserer STadt, hatte der hiesigen jüdischen Gemeinde eine Torarolle
gestiftet, deren feierliche Weihe unter Teilnahme fast der gesamten
Bevölkerung erfolgt; unter anderem wohnten die Herren Oberst von Roeder,
Freiherr von Reischach mit ihren Gattinnen, Bürgermeister und
Gemeinderäte dem Festzuge und Festgottesdienst bei. Die Festpredigt hielt
Herr Bezirksrabbiner Dr. Rawicz auf Offenburg." |
Auf Grund der zurückgehenden Zahl der jüdischen
Gemeindeglieder war es gegen Ende der 1920er-Jahre bereits sehr schwierig
geworden, die Zehnzahl der zum Gottesdienst nötigen Männer zusammenzubekommen.
Als schließlich nur noch acht jüdische Männer in Diersburg lebten, half man
sich damit dass die zum Minjan fehlenden Männer aus der Friesenheimer jüdischen
Gemeinde zum Gottesdienst nach Diersburg kamen. Der dortige Tierarzt Dr. Dreifuß
hatte damals schon ein Auto und brachte die anderen meist mit. Wenn kein Minjan
vorhanden war, wurden in der Synagoge die Gebete von jedem still für sich
gehalten.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung
der Synagoge insbesondere von SA- und SS-Leuten aus Offenburg vollkommen zerstört.
Am frühen Morgen des 10. November brachen sie die Synagogentür auf. Das
gesamte Mobiliar wie Gebetspulte, Toraschrein und der Almemor wurde zerschlagen
und innerhalb des Synagogengebäudes mit den Torarollen und anderen Kultgegenständen
auf einen Haufen geworfen und angezündet. Das Gebäude selbst wurde nicht
abgebrannt (nach einem Bericht nur "ausgebrannt"), da das Feuer hätte leicht
auf die Nachbarhäuser übergreifen können. Am 1. Juni 1939 forderte der
Kreisleiter der NSDAP von der Gemeinde Diersburg den Abbruch des Synagogengebäudes
auf Kosten der jüdischen Gemeinde. Da diese jedoch nicht in der Lage war, die
Renovierungs- beziehungsweise die Abbruchkosten zu tragen, verkaufte sie das Gebäude
an einen örtlichen Schreiner für 800 RM. Der Vertrag wurde am 24. Oktober
1940, zwei Tage nach der Deportation der Juden, beim Offenburger Notariat für
rechtskräftig erklärt und protokolliert. In den 1950er-Jahren war das
ehemalige Synagogengebäude inzwischen in sehr baufälligem Zustand. 1956 brach
die Decke herunter, worauf Schreinermeister Bertold Herrmann, dem das Gebäude
gemeinsam mit seinem Bruder gehörte, die ehemalige Synagoge weitgehend
abgebrochen und auf dem alten Grundriss ein neues Schreinereigebäude erstellt
hat.
In dem 1956 baulich stark veränderten Gebäude befindet
sich noch heute eine Schreinerei.
Fotos / Plan
Historische Fotos:
(Quelle: alle historischen Aufnahmen in: Diersburg. Die Geschichte einer
jüdischen Landgemeinde. s. Lit.)
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Plan von Diersburg mit den jüdischen Einrichtungen |
Innenraum der Synagoge |
Dasselbe - andere Perspektive |
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Sofie Bruchsaler mit Enkel vor der Synagoge sitzend |
Der Eingang zur Frauenempore der Synagoge |
Fotos nach 1945/Gegenwart:
Foto um 1985:
(Foto: Hahn) |
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Von der ehemaligen Synagoge sind nach den Umbauten Ende der 1950er-Jahre
nur noch die Grundmauern erhalten |
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Fotos 2003:
(Fotos: Hahn,
Aufnahmedatum 1.9.2003) |
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Gebäude mit den restlichen
Mauern der ehemaligen Synagoge |
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| Inschrift am Gebäude
gegenüber der Synagoge (jüdisches Schulhaus). Hebräisch übersetzt: "Es naht sich die Zeit unserer Befreiung und
unserer Erlösung" mit hebräischer Jahreszahl für 1826 |
dass. wie oben |
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Die ehemalige Mikwe vor dem
Abbruch
(um 1985)
(schwarzweiße Fotos: R. Basler, Offenburg)
Fotos des
Grundstückes und des Inschriftensteines von 2004
(Farbfotos: J. Krüger, Karlsruhe) |
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Das Gebäude der Mikwe
oberhalb des Mühlbachs in Diersburg |
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| Standort der Mikwe 2004 |
Inschriftenstein übersetzt:
"Ich werde auf euch reine Wasser gießen, auf dass ihr rein werdet;
von allen Unreinigkeiten und Beschmutzungen werde ich euch reinigen
(Hesekiel 36,25). Eine gottesfürchtige Frau soll gerühmt werden
(Sprüche 31.30)" |
Texte
Beschreibung der Diersburger Synagoge durch den katholischen Pfarrer
Hermann Romer, der sich dabei auf Informationen des damaligen Synagogendieners
Maier Maier stützte (abgedruckt in Diersburg. Die Geschichte einer jüdischen
Landgemeinde s. Lit. S. 123ff).
"Die Synagoge selbst ist innen ein würdiger, wirkungsvoller Raum. Durch
das blau-weiße Oberlicht erhält der hohe Raum eine feierliche Stimmung, die
durch die peinliche Sauberkeit noch bedeutend hervorgehoben wird. Ringsum an den
Wänden sind Sitzbänke aus braungestrichenem Holz. Etwa einen Meter davor sind
Betpulte, von denen jetzt etwa 20 von männlichen Angehörigen der jüdischen
Gemeinde besetzt werden könnten.
Mitten im Raum steht, einige Stufen erhöht, ein hölzernes Gerüst, ähnlich
einer Kanzel. Hier liest der den Gottesdienst Leitende den Abschnitt aus der
Tora.
Die Tora selbst, das Heiligtum der Juden, ist eingeschlossen auf der nach Osten
liegenden Vorderseite des Raumes. Der Kasten für die Torarollen hat ungefähr
Schrankgröße. Den Schlüssel verwahrt der Kantor. Vor der Doppeltüre hängt
ein bunt gewirkter Vorhang. Über ihm sind an einer Querstange kleine
rundförmige Wappenfähnlein, fünf Stück. Die drei mittleren zeigen Kronen:
die Krone der Schrift, des Priestertums und des jüdischen Reiches.
Im Schrank befinden sich sieben Rollen, die nach Vorschrift auf Pergament
geschrieben sind und abwechselnd vorgelesen werden. Jede einzelne Torarolle ist
in ein besonderes Kleid eingehüllt, das in beliebiger Farbe mehr oder weniger
kostbar gerichtet ist. Die Juden legen ihren Stolz darein, schön geschriebene
Torarollen in kostbaren Umhüllungen zu besitzen. Die neueste Toraumhüllung,
ist gestiftet von Siegfried Mayer in rostbraunen Plüsiesamt mit aufgestickter
Goldkrone mit dem Namen des Stifters. Die Rollen sind je auf zwei künstlerisch
verzierte Hölzer gewickelt.
Der in hiesiger Synagoge stehende Leuchter ist von ganz einfacher Form - zwei
Arme mit je vier elektrischen Birnen (was würde wohl Moses dazu sagen?) und
eine Birne in der Mitte. Links und rechts von der Treppe, die zum Toraschrank
führt, eine kleine Balustrade, die primitive Kerzenhalter trägt, hierhin
werden am Versöhnungstag die Kerzen gestellt. Oben über dem Schrank mit der
Tora sind zwei Gesetzestafeln angebracht. Jedoch weisen sie nicht wie in unserer
Kirche, bloß die Gesetzestafeln auf, sie enthalten hebräische Buchstaben und
Wörter. Oben ebenfalls rechts und links vom Schrank sind zwei größere Tafeln
mit Gebeten für den Landesfürsten - rechts in hebräisch - links in deutscher
Sprache. Besonders eingetragen ist in der Schrift der Name des letzten
Großherzogs Friedrich II."
Ergänzend zu dieser Beschreibung einige Zeilen aus einem Bericht von
Bertold Herrmann, der das Synagogengebäude nach 1945 gemeinsam mit seinem
Bruder erwarb:
"Der Synagogenbau war ein eingeschossiger Fachwerkbau aus Eichenholz,
der geweißelt war. Er ist aber im Inneren hoch gewesen, hoch wie eine Kirche.
Vor der Eingangstüre zur Synagoge war ein Vorraum gebaut, der sogenannte
'Vortempel'. Über den Vortempel führte eine Treppe hinauf ins Dachgeschoss.
Dort befand sich eine Empore..., die allein den Frauen vorbehalten war. Dafür
durften aber die Frauen den unteren Synagogenraum nicht benutzen. Die
Frauenempore hat sich in der Zeit, die mir noch in Erinnerung ist, nicht 'arg
rentiert', da höchstens an hohen Festtagen drei bis vier Frauen die Synagoge
besuchten. Die Frau des letzten Judenlehrers und die des Vorbeters Schloß sind
noch regelmäßig am Sabbat zur Synagoge gegangen...
Als Kinder haben wir gelegentlich durch die Fenster dem Gottesdienst zugeschaut,
weil wir neugierig waren. Die Juden haben das aber selbstverständlicherweise
nicht gerne gehabt.
...In der letzten Zeit, in der Juden in Diersburg lebten, waren nur noch acht
jüdische Männer im Dorf. Man half sich (zum Synagogengottesdienst) damit, dass
die zur Anzahl Zehn fehlenden Männer aus der Friesenheimer jüdischer Gemeinde
zum Gottesdienst nach Diersburg kamen. Der jüdische Tierarzt Dr. Dreifuß aus
Friesenheim hatte damals schon ein Auto und brachte die anderen meist mit.
Konnten keine zehn religionsmündige Männer zusammenkommen, wurden in der
Synagoge die Gebete von jedem still für sich gehalten..."
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden.
1968. S. 66-67. |
 | "Die Juden in Diersburg", in: Heimatbuch Hohberg-Diersburg S.
56-65. |
 | Naftali Bar-Giora Bamberger: Der jüdische Friedhof von Diersburg,
in: Die Ortenau 75 (1985) S.3 64-377. |
 | Historischer Verein Mittelbaden - Mitgliedergruppe Hohberg (Hrsg.):
Diersburg. Die Geschichte einer jüdischen Landgemeinde 1738-1940.
Haigerloch 2000. (Verlag
Medien und Dialog) |
 | Uwe Schellinger: Aus einer "anderen Welt":
Der jüdische Bäcker von Diersburg. Bilder aus dem Ortenauer Landjudentum.
Dr. Kurt S. Maier zum 75. Geburtstag. In: Geroldsecker Land. Jahrbuch einer
Landschaft. Heft 48 2006 S. 141-152. |
 | zu Isaac Blum: ders.: Vom Land in die Stadt, oder:
Vom Talmud zur Kreuzotter. Leben und Wirken des jüdischen Gelehrten Isaak
Blum (1833-1903) aus Diersburg. In: Diersburg. Die Geschichte einer
jüdischen Landgemeinde s.o. S. 200-208. |
 | Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern -
Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from
their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem
1986. S. 216-217. |
 | Joachim
Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als
Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte
und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt,
Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial,
Jerusalem. Stuttgart 2007.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Diersburg Baden.
Jews were apparently present by the Thirty Years War (1618-48). An organized
community was formed in the later 18th century. The Jewish population grew to a
peak of 225 in 1842 (20 % of the total) and played a central role in the town's
economy, with not a few working the land. After emancipation, the Jewish
population began to dwindle (many going to nearby Strasbourg), falling to 26 in
1933. By 1938, all Jewish businesses were liquidated and nine Jews had emigrated.
On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue was vandalized and
all Jewish men were sent to the Dachau concentration camp. Of those remaining,
11 were deported to the Gurs concentration camp on 22 October 1940.

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