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zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Rheinbischofsheim (Gemeinde Rheinau, Ortenaukreis)
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge
Hinweis auf eine
aktuelle Forschungsarbeit (eingestellt am 15. August 2011):
Gerd Hirschberg befasst sich seit längerem mit der Geschichte der ehemaligen jüdischen
Gemeinden Freistett und Rheinbischofsheim. Die Arbeit steht kurz vor dem Abschluss.
Sie umfasst ca. 300 Seiten. Ausführlich dokumentiert werden die Entstehungsgeschichte des jüdischen Friedhofs Freistett und
die Lebensumstände der jüdischen Familien im ausgehenden 19. Jahrhundert
anhand von Aktenauszügen aus dem Gemeindearchiv Rheinau. Der Schwerpunkt liegt auf Informationen aus dem Ort Freistett, weil das Archiv der Gemeinde
Rheinbischofsheim infolge Kriegseinwirkung zerstört wurde. Die Dokumentation endet mit der Darstellung der Schicksale der ehemaligen
jüdischen Freistetter und Rheinbischofsheimer in der NS-Zeit, wie sie aus
den Wiedergutmachungsakten rekonstruierbar sind.
Anfragen an Gerd Hirschberg über E-Mail
[gehirschberg(et)gmx.de]. |
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In dem bis 1736 zur Grafschaft Hanau-Lichtenberg, danach
bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zur Landgrafschaft Hessen-Darmstadt gehörenden
Rheinbischofsheim bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht
in die Zeit des 17. Jahrhundert zurück. Erstmals werden 1648 und wieder
1717
Juden am Ort genannt. Der Graf von Hanau-Lichtenberg gestattete (teilweise gegen
den starken Widerstand der Straßburger Kaufmannschaft) den Juden, offene Krämerläden
zu führen. 1736 gab es vier, 1790 neun Schutzjuden mit ihren Familien am Ort.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie folgt: 1825 102 jüdische Einwohner (6,8 % von insgesamt 1.519 Einwohnern),
1875 Höchstzahl von 155 (9,7 % von 1.600), 1895 105 (7,2 % von 1.462), 1900 95
(6,7 % von 1.408), 1910 72 (5,0 % von 1.434).
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine
Religionsschule (mit Lehrerwohnung im Synagogengebäude) sowie ein rituelles Bad
(vermutlich in einem Nebengebäude zur Synagoge). Die Toten der Gemeinde wurden
in Kuppenheim, später in Neufreistett
beigesetzt. Auf einem in Rheinbischofsheim bestehenden kleinen jüdischen Friedhof
wurden nur ein oder mehrere Angehörige der Familie Löw Simson beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der
Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet
tätig war. In besonderer Erinnerung blieb Lehrer Daniel Levi, der 1907 sein
25-jähriges Ortsjubiläum in Rheinbischofsheim feiern konnte. 1827 wurde die Gemeinde dem Rabbinatsbezirk
Bühl zugeteilt.
Für das wirtschaftlichen
Leben des Ortes waren die jüdischen Handels- und Gewerbebetriebe von großer
Bedeutung.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Vizefeldwebel Max
Bloch (geb. 22.3.1880 in Rheinbischofsheim, gef. 15.10.1918), Josef Bloch (geb.
2.3.1878 in Rheinbischofsheim, gef. 2.11.1918), Eduard Bloch (geb. 20.4.1884 in
Rheinbischofsheim, gef. 18.11.1916) und Feldunterarzt Max Cahnmann (geb.
29.2.1892 in Rheinbischofsheim, vor 1914 in Bonn wohnhaft, gef. 9.12.1916). Ihre Namen stehen auf dem
Gefallenendenkmal der Gemeinde Rheinbischofsheim.
Um 1924, als zur jüdischen Gemeinde 69 Personen gehörten (5,0 % von
insgesamt 1.377 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde Moses
Bloch, Gustav Bloch und Sally Kaufmann. Als Lehrer, Kantor und Schochet
wird D. Hirschberger genannt, als Synagogendiener M. Kreilsheimer, als Schreiber
P. Weil. Lehrer Hirschberger unterrichtete sechs Kinder in Religion. An
jüdischen Vereinen bestand insbesondere der Krankenverein der
Israelitischen Gemeinde (gegründet 1899; 1924/32 unter Leitung von Moritz
Bloch mit 25 beziehungsweise 31 Mitgliedern; Zweck und Arbeitsgebiet:
Krankenpflege, Wohltätigkeit). 1932 war die Gemeindevorsteher Moses
Bloch (1. Vors.), dazu werden als "Synagogenräte" David Cahnmann und
Jacob Maier genannt. Lehrer war weiterhin D. Hirschberger. Im Schuljahr 1931/32
hatte er 13 Kinder zu unterrichten. An weiteren Ämtern in der Gemeinde gab es
das Friedhofsamt (1932 unter Leitung von Lehrer Hirschberger).
An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden Handels- und Gewerbebetrieben
im Besitz jüdischer Familien / Personen sind u.a. bekannt: Textilgeschäft Gustav Bloch
(Hauptstraße 122), Textilgeschäft Joseph Bloch (Lindenplatz 2), Viehhandlung Joseph Bloch
(Altrheinstraße 27), Mehl- und Getreidehandlung Moritz Bloch (Lindenplatz 3), Viehhandlung Moses Bloch
(Kirchstraße 23), Textilgeschäft Grumbacher (Lindenplatz 6), Edelbranntweinbrennerei Liebmann & Simon Kahn
(Hauptstraße 119), Viehhandlung Nathan Kahnheimer (Altrheinstraße).
1933 lebten noch 57 jüdische Personen in Rheinbischofsheim. In den
folgenden Jahren verließen die meisten von ihnen auf Grund der Folgen des
wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Repressalien und der Entrechtung den
Ort oder wanderten aus. Am 17. Juni 1935 wurden die jüdischen Gemeinden
Rheinbischofsheim und Freistett vereinigt.
Beim Novemberpogrom 1938 wurden die Inneneinrichtung der Synagoge und der
Religionsschule zerstört (s.u.). Die jüdischen Männer wurden über Kehl nach
Dachau verbracht. Gustav Bloch starb an den Folgen der dort erlittenen
Misshandlungen am Neujahrstag 1939 im Krankenhaus Offenburg. Am 22. Oktober
1940 wurden die letzten acht jüdischen Einwohner nach Gurs
deportiert.
Von den in Rheinbischofsheim geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Elsa Bensinger geb. Bloch
(1887), Bertha Bloch geb. Heilbronner (1884), Frieda Bloch geb. Schlessing
(1886), Gustav Bloch (1883), Josef Bloch (1877), Sophie Bloch (1857), Kain
Bodenheimer (1866), Siegfried Boettigheimer (1874), Lina Brauer geb. Maier
(1877), Ida Dreyfuß geb. Bloch (1885), Else Grumbacher geb. Kahn (1863), Elsa
Hammel (1889), Berta Kahnheimer geb. Marob (1882), Hermann Kahnheimer (1882),
Hugo Kaufmann (1889), Johanna Kaufmann (1894), Sally Kaufmann (1891), Clementine
Crämer geb. Cahnmann (1873), Clara Lang geb. Rosenfeld (1877), Emma Ledermann
geb. Bodenheimer (1877), Margot Maier (1923), Thekla (Thea) Maier geb. Kahnmann
(1898), Berta Rindsberg geb. Bodenheimer
(1878).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Kantor Daniel Levy und Hannchen geb. Cahnmann feiern
Silberne Hochzeit (1903)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. August 1903: "Rheinbischofsheim,
12. August (1903). Herr Kantor Daniel Levy und dessen Gattin
Hannchen geb. Cahnmann dahier, begehen am 14. dieses Monats im engsten
Familienkreises das Fest der silbernen Hochzeit. Herr Levy, der nunmehr im
40. Amtsjahre steht, ist ein Schüler des seligen Lehrers Eppstein aus Saarwellingen
und dessen erst im vorigen Jahre verstorbenen Schwagers, Isac Levy in Merzig,
bei dem er seine Ausbildung im Hebräisch erhielt. Nachdem er zunächst in
verschiedenen Orten des Großherzogtums Baden seine Lehr- und
Amtstätigkeit ausgeübt hatte, folgte er vor nunmehr fast 21 Jahren einem
Rufe hierher. Hier hat er sich in langjähriger Tätigkeit als Lehrer und
Kantor, wie auch als wohltätiger und edler Menschenfreunde allgemeine
Achtung und Liebe erworben. Er ist der Verfasser des auch in weiteren
Kreisen bekannten jüdischen ABC-Büchleins.
Nicht nur von seinen Gemeindeangehörigen, sondern auch von christlicher
Seite sind ihm aus diesem Anlasse zahlreiche ehrende Beweise von
Anhänglichkeit und Verehrung zuteil geworden.
(Auch wir senden herzlichste Wünsche für weiteres Wohlergehen dem edlen
Paare und seiner Familie. Redaktion des
'Israelit"). |
Lehrer Daniel Levi feiert sein 40-jähriges
Dienstjubiläum (1904)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Oktober 1904: "Könen
bei Trier. In welchem guten Andenken die hiesige jüdische
Gemeinde bei einem früheren Lehrer steht, zeigt uns der jüngste Besuch
des Herrn Lehrer Daniel Levi aus Rheinbischofsheim (Baden), der vor
40 Jahren als junger Mann hier (sc. Könen) angestellt war und sein 40jähriges
Dienstjubiläum durch diesen Besuch feierte.
Der Jubilar, der bei seinen damaligen Schülern, die jetzt ältere Männer
geworden und bei allen seinen hiesigen Bekannten sehr beliebt war und noch
in bestem Andenken steht, weilte bei seiner Ferienreise über Samstags bei
uns, erfreute uns Freitagabends durch seinen herrlichen Gebetsvortrag und
beschenkte die hiesige Gemeinde mit einem silbernen
Kidduschbecher.
Möchte der Allmächtige den Jubilar noch viele Jahre gesund erhalten,
dass er auch weiter wie bisher in seinem Amte tätig sein kann, wo er
schon 22 Jahre auf einer Stelle wirkt und möge ihm ein fröhlicher
Lebensabend im kreise seiner Familie und Freunde beschieden
sein." |
Lehrer Levi wirbt für seine Schülerpension (1903)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. September 1903:
"Schüler oder Schülerinnen, welche die hiesige 5-klassige
Realschule besuchten wollen, finden billigste
Pension
bei Lehrer Levy, Rheinbischofsheim (Baden)." |
Lehrer Levi ist 25 Jahre in Rheinbischofsheim
(1907)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Mai 1907: "Rheinbischofsheim,
10. Mai (1907). Am 2. Juni dieses Jahres werden es 25 Jahre, dass Herr D.
Levi als Lehrer und Kantor in unserer Gemeinde tätig ist. Durch seine
pädagogischen Leistungen und durch seine trefflichen Eigenschaften hat er
sich die Liebe und Achtung der ganzen Gemeinde und aller, die ihn kennen,
in hohem Grade erworben. Man beabsichtigt, das 25-jährige Ortsjubiläum
des verdienten Mannes in der Gemeinde festlich zu begehen." |
Lehrer Levi feiert sein 30-jähriges Ortsjubiläum
(1912)
Anmerkung: im Text ist falsch vom 40-jährigen Dienstjubiläum die
Rede, das Levi jedoch bereits 1904 gefeiert hatte.
Meldung
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 14. Juni 1912:
"Rheinbischofsheim. Lehrer Levi feierte am 8. Juni unter
allgemeiner Beteiligung sein 40-jähriges Amtsjubiläum." |
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Öffentlicher Dank der Landwirte (Tabakpflanzer) an die
jüdischen Tabakhändler (1894)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Februar 1894: "Rheinbischofsheim,
18. Januar (1894). Vorige Woche wurde der Tabak vollständig abgewogen zur
großen Zufriedenheit der Pflanzer sowie der Käufer. Es wurden hier rund
2.500 Zentner angebaut und kam die hübsche Summe von ca. 75.000 Mark zur
Auszahlung. Die Käufer sind: A. Hirsch jun., Mannheim; Lußheimer,
Hohenheim; Odenheimer u. Marx, beide von Bruchsal; Kaufmann und Benslein,
Mannheim; Weißmann, Birnheim und Gekler, Straßburg. Die hiesigen
Tabakpflanzer sprechen sämtlichen genannten Firmen für die solide
Behandlung den Dank öffentlich aus." |
Berichte zu einzelnen
Personen aus der Gemeinde
Fahndung nach Moses Kahnmann von Rheinbischofsheim
(1834)
Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den
See-Kreis" von 1834 S. 880 (Quelle: Stadtarchiv
Donaueschingen): "Vorladung und Fahndung.
Moses Kahnmann von Rheinbischofsheim, welcher dahier wegen Betrugs
in Untersuchung gestanden, und ungeachtet der handgelübdlichen
Versicherung, sich nicht von Hause zu entfernen, entwichen ist, wird
nunmehr aufgefordert, sich zur Vervollständigung der Untersuchung binnen
4 Wochen dahier zu stellen, und über den Handgelübdebruch zu
verantworten, als sonst nach Lage der Akten gegen ihn erkannt werden
würde.
Die Großherzoglichen Polizeibehörden werden zugleich ersucht, auf den
Inkulpaten, dessen Signalement unten folgt, zu fahnden, und ihn im
Vertretungsfalle anher abführen zu lassen.
Kork, den 24. September 1834.
Großherzoglich badisches Bezirksamt.
Signalement. Alter 62 Jahr, Größe 5' 8", Augen braun, Haare
schwarz mit weiß vermischt, Nase groß und gebogen, Gesichtsfarbe blass,
Zähne mangelhaft, Körperbau stark." |
Zum Tod des Kriegsveteranen Moses Kahn (1894)
Anmerkung: die Angabe des Lebensalters - 36 Jahre - dürfte nicht stimmen, wenn
gleichzeitig von vier erwachsenen Kindern die Rede ist und der Krieg 1870/71
23/24 Jahre zurück liegt.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Februar 1894:
"Rheinbischofsheim, 19. Januar (1894). Heute hatte unser
Veteranenverein die traurige Pflicht, einen Kameraden zu Grabe zu tragen.
Moses Kahn, 36 Jahre alt, diente beim 4. badischen Infanterie-Regiment Nr.
112 und war ein treues Mitglied unseres Vereins. Er hinterlässt eine
trauernde Witwe und vier erwachsene Kinder. Er war ein braver und
ehrenhafter Mann. Der Verein gab dem Dahingeschiedenen mit umflorter Fahne
das Geleite zur letzten Ruhestätte." |
Über Clementine Sophie Krämer geb. Cahnmann
(1873-1942)
| Clementine Sophie Kraemer geb. Cahnmann (1873
Rheinbischofsheim - 1942 KZ Theresienstadt), Sozialarbeiterin, war führend in der jüdischen Sozialarbeit und der allgemeinen Wohlfahrtspflege in München tätig, seit 1905 für den Verein Israelitische Jugendhilfe; wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert. |
Über den Bankier Herbert Kahnheimer (1897 - ?)
Anmerkung des Webmasters: auf den aus Rheinbischofsheim stammenden Bankier H.
Kahnheimer wurden wir durch den an umfangreichen Recherchen zur
"Darmstädter Sezession" arbeitenden Horst Dieter Bürkle (Darmstadt)
aufmerksam gemacht. Leider liegen zu Herbert Kahnheimer bislang nur die unten
genannten Informationen vor. Wer mehr über H. Kahnheimer weiß, möge sich
bitte an Horst Dieter Bürkle wenden: E-Mail.
links:
"Bildnis des Bankiers H. Kahnheimer" von dem Karlsruher Maler
Georg Scholz (1924; der Maler aus den Reihen der Darmstädter Sezession
wurde in der NS-Zeit als "entartet" eingestuft; das Original des
Bildes ist unauffindbar bzw. verschollen).
Herbert Kahnheimer (geb. 31.5.1897 in Rheinbischofsheim, gest. ?),
in Berlin und Paris als Bankier tätig, 1936 in Berlin
enteignet. |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige der Branntweinbrennerei A. Kahn
Söhne (1901)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. März 1901:
"Selbstgebranntes Schwarzwälder Kirsch- und Zwetschgenwasser. Koscher
al Pessach. empfehle per Liter inklusive Flasche à Mark 2.60
beziehungsweise Mark 2.- ab hier. A. Kahn Söhne, Branntweinbrennerei und
Liqueurfabrik, Rheinbischofsheim, Baden. Wiederverkäufer
Rabatt!" |
Anzeige des Manufaktur- und Modewarengeschäftes Moritz Cahnmann
(1901)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. März 1901: "Für
mein Manufaktur- und Modewaren-Geschäft suche ich per 1. Mai, oder sofort
nach den jüdischen Feiertagen einen Lehrling mit guten Schulkenntnissen
bei guter Kost und Logis im Haus. Schabbat und Feiertag frei. Moritz
Cahnmann, Rheinbischofsheim, Baden." |
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge
Erste
Berichte über die Gottesdienste der Rheinbischofsheimer Juden liegen aus den
1730-Jahren vor. Da es damals noch keine zehn Männer am Ort gab, tat man sich
mit den Juden im Nachbarort Lichtenau
zusammen und traf sich im Haus des Marx Kaufmann in Lichtenau unregelmäßig am
Sabbat und an den Feiertagen. Kaufmann selbst übernahm den Dienst des Vorsängers.
Da die Juden hierzu allerdings keine herrschaftliche Erlaubnis hatten, wurden
die Teilnehmer dieser Versammlungen 1736 zur Verantwortung gezogen. Sie meinten
freilich, dass es sich bei ihrer Zusammenkunft nicht um einen "ordentlichen
Schulgang" gehandelt habe und sie sich auch keiner Übertretung schuldig fühlten.
Oberamtmann Bassy war unnachsichtig und belegte Kaufmann mit einer hohen Strafe
von 20 Gulden, die beiden Mitangeklagten mit je fünf Gulden. Das
Regierungskollegium in Buchsweiler reduzierte wenig später die Strafe um die Hälfte.
Darauf erwarb die Rheinbischofsheimer Judenschaft gegen Entrichtung von 150
Gulden das Recht zur Abhaltung ihrer Schule, das heißt zur Einrichtung eines Betsaales.
Dieser wurde zunächst in einem jüdischen Wohnhaus eingerichtet.
Um 1815 wurde eine Synagoge erbaut (Standort
Oberdorfstrasse 3, Flurstück 230/1).
Im Synagogengebäude befanden sich ein auch Schulsaal und die Wohnung des jüdischen
Lehrers. Vermutlich war in einem Nebengebäude auch ein rituelles Bad
untergebracht, das 1933 nicht mehr benutzt wurde.
Nachdem die Zahl der Juden in Freistett und Rheinbischofsheim stark zurückgegangen
war, wurde die Freistetter Synagoge 1935 geschlossen und nicht mehr zu
Gottesdiensten verwendet. In der Synagoge in Rheinbischofsheim wurden bis zum
November 1938 Gottesdienste gefeiert.
In der Pogromnacht 1938 wurde nach
vorliegenden Augenzeugenberichten am 10. November 1938 die Inneneinrichtung der
Synagoge und der Religionsschule vollkommen zerstört. Bei den Tätern handelte
es sich dabei großenteils (wie in Bodersweier) um österreichische SS-Leute,
teilweise um örtliche Parteigenossen, angeführt von dem damaligen Ortsgruppenführer
und dem Ortspolizisten. Die Fenster des Gebäudes wurden zerschlagen, die Bänke,
der Kronleuchter und der Toraschrein sowie die rituellen Gegenständen wurden in
den Vorhof geworfen. Eine Torarolle wurde wie eine Fahne an eine Stange gehängt
und damit ein Umzug veranstaltet. Auf dem Hof ist mit dem zerschlagenen Inventar
ein großes Feuer gemacht worden, bei dem auch ein Nussbaum verbrannt ist. Das
Synagogengebäude selbst wurde nicht angezündet, weil inzwischen eine nichtjüdische
Familie in der ehemaligen Wohnung des Religionslehrers wohnte.
Die Juden des Ortes wurden im Ortsarrest gesammelt und mussten anschließend
unter dem Spott der zuschauenden Schulkinder und anderer Ortsbewohner zum
Lindenplatz marschieren. Der damalige Religionslehrer Hirschberger war
gezwungen, in seinem Talar und mit einem Gebetbuch in der Hand, dem Zug
vorauszugehen.
1953 wurde das Gebäude abgebrochen. Der Platz blieb unbebaut (Gärten). Anfang
der 1950er-Jahre wurde von der Staatsanwaltschaft Offenburg Anklage erhoben
gegen zwei Männer, denen man eine Beteiligung beim Pogrom in Rheinbischofsheim
vorwarf. Die Gerichtsverhandlung führte zu keinem Ergebnis, da die Angeklagten
ihre Beteiligung bestritten und es keine klaren Zeugenaussagen gegeben hat.
Adresse/Standort der Synagoge: (1932:
Gebäude Nr. 7)
Fotos
Historisches Foto
(Quelle des Fotos: Hundnurscher/Taddey, s. Lit. Abb. 182; der Plan stammt
aus dem Einschätzungsverzeichnis für die Brandversicherung 1933):
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Die Synagoge in
Rheinbischofsheim
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Synagogengrundstück Oberdorfstraße 3
(rechts davon Nr.
5): 1 markiert das
Synagogengebäude mit Schulsaal
und Wohnung, 2
markiert ein
Nebengebäude mit einer
Malerwerkstatt und 3 war das
Nebengebäude (Toiletten)
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Lageplan der ehemaligen
Synagoge in
Rheinbischofsheim mit Eintragung der
heute noch bestehenden
Nachbargebäuden.
Der Pfeil zeigt auf die ehemalige Synagoge
(Gebäude auf
Plan links Nr. 1), rechts
darunter die Nebengebäude (Gebäude
auf Plan
links Nr. 2 und 3)
(Quelle: F. Peter s.Lit. S. 10) |
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Fotos nach 1945/Gegenwart:
Fotos 2003:
(Fotos: Hahn,
Aufnahmedatum: 1.9.2003) |
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Das Grundstück,
auf dem die ehemalige Synagoge Rheinbischofsheim stand
(Oberdorfstraße 3) |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden.
1968. S. 247-248. |
 | Ludwig Lauppe: Burg, Stadt und Gericht Lichtenau. Eine
heimatgeschichtliche Rückschau. Hemsbach 1984 S. 160-164 bzw. 1998² S.
187ff. |
 | Nikolaus Honold: Der Rheinbischofsheimer Judenstein.
Der Begräbnisplatz des Löw Simson von Bischofsheim. In: Die Ortenau 75
1985 S. 360-363. |
 | Friedrich Peter (Hg.): Als in Deutschland die Synagogen brannten.
Eine Dokumentation zu den Ereignissen in der "Reichskristallnacht"
in den Gemeinden des Hanauerlandes. 2. Aufl. 1989. |
 | Gerd Hirschberg: Von Rheinau über Gurs nach
Auschwitz. Stationen der Vernichtung der jüdischen Gemeinden Neufreistett
und Rheinbischofsheim. In: Ortenau 80 2000 S. 237-250. |

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Rheinbischofsheim Baden.
The first Jews settled in the mid-17th century with the privilege of operating
shops and stalls. In the 19th century many ran auxiliary farms. The Jewish
population reached a peak of 155 in 1875 (total 1,600) and then dropped sharply.
In 1933, 57 remained. During the Nazi era, 39 emigrated and five moved to other
German cities (two of them also emigrating). On Kristallnacht (9-10
November 1938) the synagogue was vandalized. The last seven Jews were deported
to the Gurs concentration camp on 22 October 1940. Three others were deported
after leaving Rheinbischofsheim. All perished, seven of them in Auschwitz in
1942.

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