Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde bis 1938/40
In der bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts kurpfälzischen
Residenzstadt Mannheim besteht eine jüdische Gemeinde seit der Mitte des 17.
Jahrhundert, unterbrochen durch die Verfolgungsjahre der NS-Zeit 1940-45.
Mitte 1945 konnte wieder eine – im Vergleich zur Vorkriegszeit wesentlich
kleinere - Gemeinde begründet werden. Sie hatte im Jahr 2000 ca. 600 Mitglieder
(dazu folgende Seite).
Unter den ersten jüdischen Familien, die in den
1650er-Jahren aufgenommen wurden, stammten fünf aus Pfeddersheim sowie
sefardische Juden aus Portugal, die einige Jahrzehnte später in der deutschen
Gemeinde aufgingen. 1660 erhielten sowohl die "deutschen Juden" wie die "Portugiesen"
von Kurfürst Karl Ludwig eine "Konzession". Nach der Zerstörung Mannheims 1689
entstand die Gemeinde neu. Die Zahl der jüdischen Familien wurde 1691 auf 84
Familien beschränkt, 1698 auf 150 und 1717 auf 200 Familien (etwa ein Achtel
der Bevölkerung Mannheims). 1771 lebten 247 jüdische Familien in der Stadt. Die
jüdische Gemeinde entwickelte sich rasch und im 18. Jahrhundert durch die
Verlegung des kurfürstlichen Hofes von Heidelberg nach Mannheim einen großen
Aufschwung. Mitte des 18. Jahrhunderts gab es 18 jüdische Hoffaktoren in der
Stadt. Die meisten Mannheimer Juden lebten damals jedoch als Kaufleute und
Handwerker in bescheidenen Verhältnissen. Viele waren sogar sehr arm und hatten
kein Heimatrecht.
Am wirtschaftlichen Aufschwung Mannheims im 19. Jahrhundert
hatten die jüdischen Einwohner beträchtlichen Anteil. Jüdische Tuch-, Eisen-,
Getreide- und Tabakhandelsfirmen entstanden, Zigarrenfabriken und Brennereien
wurden eröffnet, das Bankhaus Ladenburg finanzierte zahlreiche
Industrieprojekte. Weltruf genossen der 1838 gegründete Verlag von J.
Bensheimer (rechts- und staatswissenschaftliche Literatur) und die Rheinische
Gummi- und Celluloid-Fabrik der Gebrüder Bensinger. 1875 wurden 3.943 jüdische
Einwohner in Mannheim gezählt (6,6 % der gesamten Einwohnerschaft). Die höchste
Zahl wurde 1925 mit 6.972 Einwohnern (jedoch nur noch 2,8 % der Einwohnerschaft)
erreicht. Das Mannheimer Judentum spielte eine bedeutende Rolle in allen
Bereichen des städtischen Lebens, unter anderem durch verschiedene Stiftungen,
mit denen verschiedene Einrichtungen finanziert oder großzügig ausgestattet
werden konnten (Herschelbad, städtische Kunsthalle, Reißmuseum,
Stadtbibliothek.
Auf Grund der Judenverfolgungen und -ermordungen in der
NS-Zeit kamen von den 1933 in Mannheim wohnhaften 6.402 jüdischen Einwohnern
mindestens 1.300 ums Leben.
Zu den bedeutenden jüdischen Persönlichkeiten der
Stadt gehörten u.a. der kurfürstliche Hof- und Obermilizfaktor Lemle
Moses Reinganum (1666-1724), der Landgerichtspräsident Dr. Nathan
Stein (1857-1927), der Handelsrechtler Max Hachenburg (1860-1951),
die Volkswirtin und Vertreterin der Frauenbewegung Elisabeth Altmann
Gottheimer (1874-1930), die Verleger Jakob Bensheimer (1807-1863) und
Julius Bensheimer (1850-1915), der Begründer der
Rhenania-Schifffahrtsgesellschaft Hermann Hecht (1877-1969), der Bankier Karl
Ladenburg (1827-1909), der Rechtsanwalt und Politiker Dr. (1874-1914), die Unternehmer Victor Lenel (1838-1917) und Richard
Lenel (1869-1950), der Kinderarzt Eugen Isaak Neter (1876-1966), der
Psychologe und Pädagoge Otto Selz (1881-1943), der Politiker Florian
Waldeck (1886-1960). Aus Mannheim stammten der Anwalt Leopold Ladenburg,
die Chemiker Albert Ladenburg, Ludwig Darmstädter und Fritz
Straus, der Jurist Otto Lenel, der Anglist Hans Hecht, der
Kunsthändler Daniel-Henry Kahnweiler (1884-1979), der Physiologe Ernst
Joseph Lesser (1879-1928).
Zur Geschichte der Betsäle / der
Synagogen bis 1938/40
Die
Synagoge in F 2,13/15, später Hauptsynagoge
1660 ist in der Konzession Karl Ludwigs an die
deutschen Juden Mannheims bereits von einer "Schul" die Rede, in der die
Gemeinde ihren eigenen Rabbiner, Vorsänger und Schulmeister halten dürfe. Auch
in den Ratsprotokollen der folgenden Jahre wird mehrfach eine solche Schule
genannt. Der Standort dieser vermutlich 1662 eingerichteten ersten Synagoge
Mannheims ist nicht mehr bekannt.
Seit 1664 wurde der Neubau einer Synagoge geplant (zweite
Synagoge). Die Pestjahre 1666/67 dürften den Bau dieser neuen Synagoge
verzögert haben. Im November 1670 wird erstmals eine "neue" Synagoge mit
Gemeindehaus, Spital und Armenhaus erwähnt. Für diesen Neubau bezog die jüdische
Gemeinde Material vom kurfürstlichen Bauamt in der Friedrichsburg. Liselotte
von der Pfalz (1652-1722; sie besuchte Mannheim mehrfach vor 1671) erwähnt
diese "artig wohlgebaute Synagoge" in einem ihrer Briefe. Der Standort dieser
Synagoge war bereits das Grundstück in F 2,13/15 (früher Quadrat 39, Nr. 6),
wo auch die spätere Hauptsynagoge stand. Hier waren auch andere Einrichtungen
der jüdischen Gemeinde, ein Gemeindehaus, das Spital, der Backofen (Schabbesofen
zum Warmhalten der Speisen für den Schabbat) und ein Armenhaus. Diese
Einrichtungen fielen einschließlich der Synagoge der Zerstörung der Stadt
durch die Franzosen 1689 zum Opfer.
Nachdem beim Wiederaufbau Mannheims auch die jüdische
Gemeinde neu entstand, hat diese eine neue Synagoge auf dem Grundstück des 1689
zerstörten Gotteshauses in F 2,13-15 erbaut (dritte Synagoge).
Vermessungsarbeiten hierzu fanden 1698 statt. 1700 war die Synagoge
fertig. Die Kosten werden bis 1705 mit "bis 6.000 Gulden" beziffert. Diesen
Betrag konnte die Mannheimer Gemeinde damals offensichtlich ohne größere
Schwierigkeiten aufbringen. Ein Teil wird durch den Verkauf der Synagogenplätze
hereingekommen sein. Für diesen Verkauf war die Gemeinde selbst zuständig.
Mehrfach wurde die Synagoge mit der zunehmenden jüdischen Bevölkerung im 18.
Jahrhundert vergrößert. So ist seit 1767 als Teil der Synagoge neben der alten
auch von einer neuen "Frauenschul" die Rede. 1771 wird eine "obere Männerschul"
erwähnt. Aus dem Jahr 1824 liegt eine Beschreibung dieser Synagoge vor: "Gegen
die Straße schließt eine Mauer mit einem Geländer den dazu gehörigen Vorhof
ein. Im Hintergrunde steht das Gebäude in einfachem Stile aufgeführt, mit
einigen hebräischen Inschriften. In ihrem Inneren erblickt man die, den jüdischen
Gesetzen entsprechende Einrichtung. In der Mitte stehen die Stühle der Vorsänger
mit Verzierungen. Die Weiber haben ihre eigene Schule, aus welcher vergitterte
Fenster in die Hauptschule gehen, um sie den Männerblicken zu entziehen, und
damit kein Teil den andern in der Andacht störe".
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Synagoge
trotz der vorgenommenen Erweiterungen für die stetig wachsende Gemeinde zu
klein geworden. Jahrelang konnten keine Plätze für neu zuziehende
Gemeindeglieder vergeben werden. Auch gefiel der alte Bau nicht mehr, er "lud in
seiner Unschöne keineswegs zum Besuche des Gottesdienstes ein" (AZJ 1855,465).
So entschloss man sich in den 1840er-Jahren zu einem Neubau an Stelle der
bisherigen Synagoge in F 2,13. Auch der Vorhof und der Raum des an die Staße
stehenden Gebäudes, in dem das Sitzungszimmer, die Registratur und die Wohnung
des Synagogendieners waren, sollten überbaut werden. Einen Bauplan ließ die
Gemeinde von Bauinspektor Ludwig Lendorff erstellen. 1851 wurde die alte
Synagoge abgebrochen. Im Juli 1851 begannen die Arbeiten für den Neubau.
Bauinspektor Lendorff erlebte nur die Fertigstellung des Rohbaus im November
1852, da er im Februar 1853 verstarb. Nach seinem Tod setzte Architekt Heinrich
Lang, der unter Lendorff die Bauaufsicht leitete, diese unter Professor
Friedrich Eisenlohr in Karlsruhe fort, und übernahm, als auch Eisenlohr starb,
die weitere Ausführung vom Sommer 1853 bis Herbst 1854. Zahlreiche Mannheimer
und auswärtige Firmen waren mit den Arbeiten, insbesondere der künstlerischen
Ausgestaltung beschäftigt. Den im Januar 1854 aufgestellten Toraschrein aus
Carrara-Marmor fertigte Firma Porzelt und Harparath in Köln. Die
Freskenmalereien führte der Münchner Maler Josef Schwarzmann aus. Er hatte
kurz zuvor den Dom in Speyer ausgemalt. Die großen Kandelaber wurden bei Firma
Junge und Walther in Frankfurt angefertigt. Auch die in byzantinischem Stil
reich geschnittene Kanzel war aus Frankfurt: der dortige Bildhauer Diehlmann
hatte sie angefertigt. Die Orgel lieferte Firma Walker aus Ludwigsburg. wobei es
sich um ein aus 24 Registern bestehendes Instrument handelte, das ein
Unbekannter gestiftet hatte. Um das Licht der Rosette an der Vorderfassade nicht
zu verdecken und dem Chor einen passenden Platz der Aufstellung zu lassen, wurde
die Orgel in zwei Hälften konstruiert. Der wertvolle silberne Schmuck aus der
alten Synagoge wie die ewige Lampe vor dem Toraschrein, der zahlreich vorhandene
Toraschmuck und eine Menora, die bei der Orgel aufgestellt wurde, ist durch den
Mannheimer Silberarbeiter Nadenheim restauriert worden. Die genannten und viele
weiteren Gegenstände der Inneneinrichtung wurden von zahlreichen
Gemeindemitgliedern oder den Vereinen gestiftet. So übernahmen die Familien
Herrmann und Seligmann Ladenburg die Kosten der Kanzel; Joseph Hohenemser
bezahlte einen neun Fuß hohen Kandelaber mit 13 Flammen vor dem Heiligen
Schrein. Die Baukosten betrugen 85.179 Gulden.
Schon in den Monaten vor ihrer Fertigstellung wurde die
Synagoge als "eine der schönsten wohl in Deutschland" bezeichnet. "In ihr wird
ein zahlreicher Sängerchor und eine Orgel den Gottesdienst verherrlichen",
wusste die "Allgemeine Zeitung des Judentums" am 25. Mai 1855 zu
berichten und fügte im Blick auf die Mannheimer Gemeinde hinzu: "Erfreulich
ist’s, wahrzunehmen, dass die zeitgemäße Umgestaltung desselben (sc. des
Gottesdienstes) die Eintracht in der Gemeinde nicht stört. Wo wahrhaft religiöser
Sinn herrscht, da wird die Religion nicht zum Zankapfel. Der dortige
neuangestellte Rabbiner Herr Präger versteht indessen auch allen Parteien möglichst
Rechnung zu tragen und geht bei seinen Reformen im Einvernehmen mit dem
Synagogenrate besonnen vorwärts". Am 29. Juni 1855 konnte diese nunmehr vierte
Synagoge feierlich eingeweiht werden. Die "Allgemeine Zeitung des
Judentums" berichtete zur Einweihung: "Der Synagogenrat hatte Einladungen an sämtliche
Geistliche, die höhern Civil- und Militärbeamten der Stadt usw. erlassen,
welchen größtenteils entsprochen wurden. Aus der Gemeinde selbst wurden für sämtliche
Männer, Frauen, Söhne und Töchter Plätze eingerichtet und die ganze
Schuljugend nahm unter der Leitung ihrer Lehrer Anteil an dem Feste der
Einweihung. Um 6 Uhr Abends nahmen die Mitglieder des aus 90 Personen aller Stände
der israelitischen Gemeinde bestehenden Chors, die Damen festlich bekleidet,
ihre Plätze ein. Weißgekleidete Mädchen mit Kränzen traten im Zuge durch das
Portal ein und bildeten Spalier bis zur heiligen Lade. Die Rabbinen mit den aus
alten Zeiten vererbten silbergeschmückten Tora-Rollen, nämlich der
Stadt-Rabbiner, ... die Konferenz- und übrigen Rabbinen des Landes wurden an
der Pforte von dem gesamten Synagogenrat feierlichst unter den vollen Klängen
der Orgel empfangen und zur heiligen Lade beleitet. Dem Zuge folgten eine große
Anzahl von Rabbinen benachbarter Städte und alle Vorstände von Verwaltungen
der israelitischen Gemeinde und ihrer wohltätigen Stiftungen. Nachdem die
Rollen in der heiligen Lade niedergelegt, eine eigens zur Feier der Einweihung
komponierte Kantate abgesungen und von dem Stadt-Rabbinen eine der Gelegenheit
angemessene ergreifende Festrede gehalten worden war, zündete man gegen 8 Uhr
die Gas-Kandelaber an und im Glanze von 220 Flammen strahlte nun der neue
Tempel. Die Gesangsvorträge, worunter eine von Rabbi Leopold Stein gedichtete
und von dem fünfzehnjährigen Hermann Levi aus Gießen komponierte Kantate,
wurden mit Präzision exekutiert und es bewährte sich bei dieser Gelegenheit
wieder die Tüchtigkeit des Organisten Eberhard Kuhn, Lehrer des Chors, der auch
die Gesänge, mit Ausnahme der Levi’schen Komposition, die Kapellmeister
Vinzenz Lachner dirigierte, leitete. Unterstützt wurden die Gesangesvorträge
durch die sonore Stimme des Vorsängers Gallenberg..." (AZJ 1855 S. 466f).
1897/99 und 1907/08 wurden umfassende
Modernisierungsarbeiten durchgeführt. So erhielt die Synagoge 1899 eine neue
Orgel mit 31 Registern, die wie die bisherige Orgel von der Orgelbauanstalt
Walcker Ludwigsburg stammte. Der Begriff "Hauptsynagoge" taucht übrigens
erstmals im Adressbuch der Stadt Mannheim von 1919 auf. Die Synagoge hatte nach
der Renovierung 1907/08 etwa 700 Plätze.
Bereits 1933 wurde die Synagoge zum ersten Mal von
SA-Männern heimgesucht und beschädigt. Die Gottesdienste wurden seitdem von
der Gestapo überwacht.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge
vollkommen zerstört. SA-Leute veranstalteten vor der Sprengung ein
Pistolenschießen nach dem siebenarmigen Leuchter in der Synagoge. Das übrige
Inventar mit den Kultgegenständen wurde anschließend zerstört. Die völlige
Zerstörung der Synagoge wurde durch Sprengungen verursacht, die SA-Männer in
Zivil so ausführten, dass Beschädigungen der umliegenden Häuser vermieden
wurden. Diese Sprengungen ließen von der Synagoge nur noch eine Ruine übrig.
Die "Neue Mannheimer Zeitung" berichtete in ihrer Abendausgabe vom 10. November
1938: "Die Synagoge gleicht im Innern einer Trümmerstätte. Das Gestühl ist
großenteils zerschlagen. Der Orgelraum ist demoliert [...] Die Altarnische mit
der ‚Heiligen Lade’ samt dem ‚Almemor’ ist nur noch ein Trümmerhaufen.
Auf dem Boden liegen zerborstene Säulen. Der ganze Raum ist mit Schutt und
Holztrümmern bedeckt. Allenthalben tritt man auch auf Glasscherben, die Reste
der bleiverglasten Fenster. Die großen vielarmigen Leuchter neigen ihre Kronen
geknickt zur Erde. Da und dort erkennt man Reste jüdischer Gebetsbücher und
auch mit hebräischen Schriftzeichen bedeckte Papierfetzen, in denen man wohl
Teile von ‚Torarollen’ vermuten darf. Auch ein Gebetsriemen liegt inmitten
der Trümmer dieser vor rund achtzig Jahren im maurischen Stil erbauten jüdischen
Kultstätte..." An den nächsten Tagen durften Schulkinder gegen ein
Eintrittsgeld von 10 Pfennig zugunsten der Winterhilfe die vom Feuer
nicht zerstörten Ritualgegenstände besichtigen.
In den folgenden Monaten wurde die Synagogenruine der jüdischen
Gemeinde noch zum Unterstellen gespendeter Möbel verwendet. Am 31. August 1939
schloss die Stadt Mannheim einen Kaufvertrag mit der jüdischen Gemeinde über
den Erwerb der Grundstücke F 2,13-15 für 34.000 Reichsmark. Am 5./6. September
1943 wurde beim schwersten Luftangriff auf Mannheim auch die Synagoge
getroffen und dadurch zu nunmehr 80 % zerstört.
Das Synagogengrundstück wurde 1945 von den Alliierten
beschlagnahmt und der jüdischen Vermögensverwaltung JRSO übertragen. 1953
ging das Grundstück an die Israelitische Gemeinde in Mannheim über. Die
Synagogenruine wurde 1955/56 abgetragen. Die Arbeiten dauerten vom 21. November
1955 bis 26. April 1956. Das Grundstück kam in den Besitz der Bauhütte
Baugesellschaft m.b.H. München. Der Platz wurde bis 1961 für einen Autohandel
genutzt. 1962/63 wurde ein mehrstöckiges Wohn- und Geschäftshaus auf dem
Grundstück erbaut. Im Januar 1964 wurde im Eingangsbereich dieses Gebäudes
eine Gedenktafel für die Synagoge angebracht.
Die Gebotstafeln der Hauptsynagoge blieben erhalten und
wurden im Innern der Synagoge Maximilianstraße angebracht. Ein Portal-Fragment
der Lemle-Moses-Klaus und ein Stein aus der Hauptsynagoge befinden sich in einer
Synagoge in Millburn/USA (Congregation
B'nai Israel). Ein weiterer Stein der Hauptsynagoge befindet sich in New
York (United Jewish Appeal). Ein Kiddusch-Becher mit Stifterinschriften befindet
sich im Jüdischen Museum New York.
Die
Synagoge in F 1,11 (Klaussynagoge)
1708 konnte auf Grund einer Stiftung des damaligen
Vorstehers der jüdischen Gemeinde Lemle Moses Reinganum ein Bet Hamidrasch (jüdisches
Lehrhaus mit Synagoge) errichtet werden ("Lemle-Moses-Klaus"). Reinganum war
unter anderem als Pächter des kurpfälzischen Salzmonopols zu großem Reichtum
gekommen. Einen beträchtlichen Teil seines Vermögens nutzte er dazu, seiner
Gemeinde ein großes Lehrhaus zu erreichten. Am 31. Januar 1706 wurde von Kurfürst
Johann Wilhelm die Konzession zum Bau und zur Einrichtung des Lehrhauses
erteilt. Kurfürst Karl Philipp erneuerte sie am 23. März 1717. Darin bestimmt
war, dass in der Klaus des Lemle Moses die "Lehr- und Schulexerzitien" frei und
ungehindert gehalten werden dürfen. Sechs bis zehn Rabbinerfamilien sollten in
der Klaus wohnen können.
Die Klaus wurde auf einem von Lemle Moses Reinganum bereits
1698 erworbenen Grundstück im Gelände des Quadrates F 1 durchgeführt. Die
Synagoge und ein Teil der für die Einrichtung nötigen Gebäude wurden 1708
in F 1,11 erstellt und Schabbat Ki Tawo des jüdischen Jahres 5468 eingeweiht (31.
August/1. September 1708). Die drei Rabbiner David Ulf, Matisjahu Ahrweiler
und Leser aus Kanitz hielten die Weihereden. Andere Gebäudeteile wurden erst
nach 1717 fertiggestellt.
Zahlreiche Bestimmungen regelten das Leben in der Klaus und
die Lehrweise. Das Werk sollte auf den drei Säulen Torastudium, Gottesdienst
und Liebestätigkeit ruhen. Um diesen Mittelpunkt geistigen Lebens auch nach
seinem Tod zu erhalten, vermachte Lemle Moses eine Summe von 100.000 Gulden zur
ewigen Unterhaltung und Sicherstellung des Lehrhauses. Die Zinsen aus diesem
Kapitel gewährleisteten unter anderem den Unterhalt der zehn Gelehrten. Im
Laufe des 18. Jahrhunderts war das Fortbestehen der Klaus zeitweise auf Grund
von Misswirtschaft und Streitigkeiten um die Klaus gefährdet. Ein Brand in der
Nacht auf den Versöhnungstag 5555 (3./4. Oktober 1794) wurde als göttliche
Mahnung gedeutet, neue, strenge Verordnungen für die Klaus zu entwerfen und
einzuhalten. Durch den Brand sind das gesamte Gebäude einschließlich der
Synagoge schwer beschädigt worden. Die Renovierung wurde am 22. Mai 1795
abgeschlossen; die Kosten beliefen sich auf 2.000 Gulden.
Aus bautechnischen und sanitären Gründen wurde in der 2.
Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Umbau dringend nötig. Seit 1885 gab es hierzu
Verhandlungen zwischen der Klauskommission und dem Oberrat der Israeliten.
Architekt Wilhelm Manchot (Mannheim) bekam den Planungsauftrag für den Umbau.
Er entwarf ein neues Gebäude im "maurischen" (neuislamischen) Stil. Die Pläne
wurden 1887/88 ausgeführt. Das Gebäude der Synagoge wurde an derselben Stelle,
jedoch mit verändertem Grundriss erbaut. Äußerlich war die Synagoge als
solche nicht zu erkennen, wenngleich sie durch ihre Fassadengestaltung in der
Umgebung auffiel. Im Erdgeschoss wurden 127 Plätze für die Männer, auf der
Frauenempore 98 für die Frauen geschaffen. Am Beginn des Chanukkafestes 5649
(am 29. November 1888) wurde die neue Klaus-Synagoge mit großer
Feierlichkeit eingeweiht.
Die Lemle-Moses-Klaus war in Mannheim wurde nach dem Bau
der Hauptsynagoge immer mehr das Zentrum der konservativen (orthodoxen) Juden.
Die Gottesdienste wurden in der Klaussynagoge nach der alten aschkenasischen
Tradition abgehalten.
Während der 1920er-Jahre mehrten sich die Stimmen für
einen umfassenden Umbau der Klaus-Synagoge. Der Zeitgeschmack hatte sich geändert.
Vieles am Bau entsprach nicht mehr den damaligen Bedürfnissen. Im Frühjahr
1929 beschloss der Synagogenrat als Stiftungsbehörde den Umbau der Synagoge
nach den Plänen des jüdischen Architekten Siegfried Seidemann. Nach dessen Plänen
war 1913 bereits die Heidelberger Synagoge umgebaut worden. Durch die
Neugestaltung der Klaussynagoge nach seinen Plänen wurde ein modernes, geräumiges
Gotteshaus im Stif der Neuen Sachlichkeit geschaffen, wobei die Straßenfassade
fast unverändert blieb. Während der Zeit des Umbaus fanden die Gottesdienste
im Saal des jüdischen Restaurants Kaufmann statt (C 4,12). Die Bauarbeiten
dauerten von Juli 1929 bis zur feierlichen Einweihung der erweiterten
Klaussynagoge am 6. März 1930.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde das
Gebäude der Klaus-Stiftung 1933 nach Waffen durchsucht, doch wurden keine
gefunden. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge geplündert und völlig
demoliert. Das Inventar wurde zerschlagen, die Torarollen auf der Straße
verbrannt. Das unersetzliche Memorbuch der Gemeinde konnte gerettet werden.
1939 durfte die Klaus-Synagoge wieder notdürftig
hergestellt werden. Da die Hauptsynagoge unbrauchbar geworden war, fanden die
Gottesdienste für die Gesamtgemeinde nur noch in der Klaus-Synagoge statt.
Einige Bankreihen wurden aus der Hauptsynagoge gerettet und ersetzten zerstörte
Bänke in der Klaussynagoge. Wegen der Enge des Raumes wurden die Gläubigen
nach dem Alphabet in Gruppen eingeteilt, die die Gottesdienste besuchen konnten.
Am 22. Oktober 1940 endeten durch die Deportation der Juden
nach Gurs die Gottesdienste in der Klaus. Nachdem sie leerstehend war, wurde sie
von der Stadt an eine benachbarte Firma als Lagerraum für Saatgut gemietet.
Durch Bombentreffer erlitt das Gebäude 1944 allerdings so große Schäden, dass
1945 vom Vorderhaus nur noch das Erdgeschoss stand. Die Wände des
Synagogenraumes ragten noch in die Höhe, doch waren das Dach und die Gebäude
über den Frauenemporen eingestürzt.
Ein Portalfragment der Klaus wurde vom amerikanischen Militärrabbiner
Henry Travel in die amerikanische Stadt Millburn gebracht, wo es sich in einer "Memorial"-Wand
der jüdischen Gemeinde (Congregation B'Nai Israel) befindet. Das Grundstück
der Klaussynagoge kam nach Kriegsende an die jüdische Vermögensverwaltung
(JRSO), die es an das Land Baden-Württemberg verkaufte. Im Juli 1951 wurden die
Ruinen der Lemle-Moses-Klaus abgetragen. Im März 1953 wurden die Reste
der Straßenfassade von F 1,11 vollends abgebrochen.
Einige Jahre später wurde das Grundstück mit mehreren Geschäfts- und Wohnhäusern
überbaut. Eine Gedenktafel für die Klaussynagoge befindet sich seit 2000 an
der Außenfassade der katholischen Kirche St. Sebastian F 1,7.
Weitere Betsäle und Synagogen
Ein weiteres Bet Hamidrasch wurde um 1730 von Michael Max gestiftet ("Michael
May’sche Klaus"), doch bereits 1765 wieder aufgelöst.
Länger bestand das von Elias Hayum begründete Bet
Hamidrasch, die "Stuttgarter Schul" (1758 bis 1880, in G 2,19/20). Elias
Hayum war 1746 mit seinem Sohn aus Stuttgart ausgewiesen worden, angeblich, weil
sie enge Beziehungen zu Jud Süß Oppenheimer hatten. Nach seiner Niederlassung
in Mannheim gelangte Elias Hayum zu großem Ansehen, vor allem auch als erster
Vorsteher der Gemeinde.
Die
Betstuben (Betstübel) der Ostjuden
Neben den beiden großen Synagogen bestanden ab etwa 1900 bis in die NS-Zeit
noch mehrere "Betstübel" von aus dem Osten zugewanderten Juden. Hier versuchten
sie, ihre kulturellen Eigenarten und die in der Heimat gewohnten religiösen
Formen aufrechtzuerhalten. So gab es in F 3,13a einen größeren Betsaal des Vereins "Ahawas
Schulom", später des Vereins "Linas Hazedeck".
In F 7,11 war seit 1923 ein Betstübel der "Vereinigung der
Ostjuden". Es handelte sich hier um "einen hinreichend geräumigen Betsaal, der
ganz in Weiß gehalten" und durch "eine Wand in die Frauen- und Männerschule
geteilt" war (Israelitisches Gemeindeblatt). Später erwarb die Vereinigung der
Ostjuden in F 7,16 ein Haus, in dem der Verein "Ahawas Schulem" ein Bet
Hamidrasch mit einem Betstübel einrichtete. Im Sommer und Herbst fanden hier
feierliche Toraweihen statt, bei denen auch die Rabbiner der Haupt- und der
Klaussynagoge predigten.
In G 7,30 war im Erdgeschoss ab 1929 ein Betstübel des
Vereins Schomre Schabbos. Es wurde 1932 ins Hinterhaus von F 3,13 verlegt.
Dieses Betstübel bestand aus zwei Zimmern, in denen Männer und Frauen getrennt
dem Gottesdienst beiwohnten. Die Einrichtung bestand aus Bänken und langen
Tischen, auf denen weiße Tischtücher lagen. Der Schulchan bestand aus einer
Kommode mit einer Samttischdecke; ein Schrank mit einem beschrifteten
Samtvorhang diente als Aron Hakodesch. Das Vorbeterpult war eine kleine Kommode,
ebenfalls mit einer Samttischdecke.
Ungarische Juden sollen in U 1 ein Betstübel betrieben
haben. Da die ostjüdischen Vereine sich auf Drucke des Polizeipräsidiums
bereits Ende 1933 bzw. Anfang 1934 auflösen mussten, verschwanden mit der Zeit
auch die Betstübel. Der Betsaal in F 3,13 wurde beim Novemberpogrom 1938 zerstört.
Fotos / Abbildungen
Die Hauptsynagoge in F 2,13