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Lampertheim
(Kreis
Bergstraße)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Lampertheim bestand eine jüdische
Gemeinde bis 1938/42. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18.
Jahrhunderts zurück. Erstmals werden 1615 Juden in der Stadt erwähnt. Bis
um
1700 dürfte es wohl meist nicht mehr als jeweils eine Familie sein, die in
Lampertheim wohnte (1616, 1698 und 1701-02 wird jeweils nur ein Jude erwähnt).
1710 hört man von dem Viehhändler Jakob Levi, wenig später von weiteren
Angehörigen der Familie Levi. 1758 gab es drei jüdische Familien (Veitel Levi,
Samuel Levi, Moyses Hirsch), 1800 vier Familien.
Nach 1808 erhielten die im Lampertheim wohnenden Juden zum Teil die Rechte als
"Ortsbürger". Die jüdischen Familien mussten feste Familiennamen
annehmen. Die Zahl der jüdischen Einwohner stieg von 49 (1809) auf 60 (1815), 76 (1822), 114
(1840), 137 (1846) auf eine Höchstzahl von 160 (1861, 3.3 % der
Gesamteinwohnerschaft von 4.957 Personen), um danach durch Aus- und
Abwanderung wieder zurückzugehen: 134 (1880, 2.2 % von 5.950), 115 (1890), 110
(1895, 1,8 % von 6.218), 95 (1900).
1885 waren
es nach einem Verzeichnis 27 jüdische Familien, davon neun Familien
Hochstädter, drei Familien Retwitzer, zwei Familie Strauß, sechs Familien
Süß (einzelne Familiennamen waren Jakob, Joseph, Mai, Marx, Neustädter,
Oppenheimer und Straßburger).
Als
sich seit den 1870er-/1880-Jahren in ganz Deutschland der Antisemitismus
verbreitete, wurde dies auch in Lampertheim spürbar (dazu Artikel zu einem
Vorfall von 1891 siehe unten).
An Einrichtungen waren neben der Synagoge (s.u.) ein
rituelles Bad und eine Religionsschule vorhanden. 1896
baute die jüdische Gemeinde ein neues Schulhaus, wozu ihr von der bürgerlichen
Gemeinde ein Zuschuss von 1.000 Mark bewilligt worden war.
Dazu berichtete die Zeitschrift "Der Israelit"
am 21. September 1896: "Lampertheim Kreis Bensheim. Es ist eine angenehme
und eine recht betrübende Nachricht, die ich Ihnen von hier aus zu melden habe.
Die israelitische Gemeinde dahier baut zur Zeit ein neues Schulhaus. In überaus
loyaler Weise hat ihr die politische Gemeinde hierzu 1000 Mark bewilligt. So
erfreulich diese Nachricht ist, so betrübend ist die andere, dass auf
dem hiesigen israelitischen Friedhofe von ruchloser Hand 11 Grabsteine
umgeworfen und teilweise demoliert wurden. Die Polizei gibt sich alle Mühe, die
Übeltäter zu ermitteln." |
Die Toten der jüdischen Gemeinde wurden in Hemsbach
beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer
angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl.
Stellenausschreibungen unten). Als
Religionslehrer der Gemeinde werden u.a. genannt: 1859 bis 1892 Wolf
Joseph, der 1885 sein
25jähriges Jubiläum als Lehrer und Kantor der Gemeinde Lampertheim feiern
konnte (gestorben 1892, siehe Artikel unten). Noch länger war Jonas Meyer in der Gemeinde: er feierte 1932 sein
35jähriges Amtsjubiläum, war also seit 1897 Lehrer in Lampertheim (siehe
Artikel unten); er starb 1935.
Die Gemeinde gehörte zum liberalen Rabbinat Darmstadt I.
Im
Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde: Samuel May, Julius
Strauß, Eugen Oppenheimer, Ludwig Strauß und Moritz Frank. Andere der
Kriegsteilnehmer kamen mit teilweise hohen Auszeichnungen zurück:
So war u.a.
am 11. Dezember 1914 in der Zeitschrift "Der Israelit" zu lesen: "Lampertheim. Theodor Süß, Sohn des
Zigarrenfabrikanten Samuel Süß, erhielt unter Beförderung zum Vizefeldwebel
das Eiserne Kreuz".
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Nach 1933 ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder (1933: 86 Personen) auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert (20). Im Zusammenhang mit
dem Novemberpogrom wurden fast alle jüdischen Männer für einige Wochen in das
KZ Buchenwald verschleppt. Josef May starb dort am 18. November 1938. Die in das
Frauen-KZ Ravensbrück in "Schutzhaft" verbrachte Erika Frank starb am
23. März 1938. 1942 wurden die letzten neun jüdischen Einwohner aus
Lampertheim in Vernichtungslager deportiert.
Von den in
Lampertheim geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Inge Baer
(1933), Selma Baer geb. Mayer (1904), Herta Behr (1922), Gertrude Blum (1907),
Johanna Buchheimer geb. Süss (1868), Berta Frank geb. Süss (1878), Sally Frank
(1909), Selma Irmgard Erika Frank (1904), Settchen Guckenheimer geb. Hochstädter
(1880), Rosa Guthmann geb. Schott (1874), Anna Herzberger (1869), Lina
Hirschheimer (1877), Albert Hochstädter (1872), Antonie (Toni) Hochstädter
geb. Süss (1887), Ferdinand Hochstädter (1873), Friedrich (Frederic) Hochstädter
(1868), Karl Hochstädter (1876), Heinrich Jacob (1865), Helene Kaufmann geb.
Hochstädter (1910), Lina Kuchheimer geb. Guggenheim (1901), Josephine Levi geb.
Süss (1880), Sessie Lorch geb. Keller (1874), Josef May (1878), Berta Mayer
geb. Retwitzer (1863), Lilly Oppenheimer (1892), Lina Simon geb. Hochstädter
(1890), Markus Stern (1868), Karl Strassburger (1885), Berta Stückgold geb.
Jacob (1863), Gottschalk Süss (1889), Ludwig Süss (1875), Robert Süss (1922),
Ruth Süss (1920), Ferdinand Ullmann (1875), Fritz Ullmann (1921), Hilda Ullmann
geb. May (1885), Emmy Rudolphine Weil geb. Klein (1889), Berta Weiß (1891),
Mina Weiß (1894), Siegfried Weiss (1896), Dina Weissmann (1867), Henriette Wenk
(1876), Josef Wertheim (1895).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer
Ausschreibungen einer Hilfsvorbeterstelle zu den Hohen
Feiertagen 1872 und der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1892
/ 1893
Anmerkung: Die Ausschreibung 1892/93 war nach dem Tod von Lehrer
Wolf Joseph (siehe unten) nötig geworden.
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. September 1872:
"Die Religionsgemeinde Lampertheim bei Worms sucht einen Hilfs-Baal
Tefila (Hilfsvorbeter) auf Rosch Haschana und Jom Kippur. Anmeldungen
nimmt der Vorstand entgegen." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Mai 1892:
"Die Stelle eines Religionslehrers, Vorbeters und Schochets in
hiesiger Gemeinde ist baldigst zu besetzen. Der fixe Gehalt beträgt 700
Mark, bei freier Wohnung, das Nebeneinkommen circa 4 bis 500 Mark.
Geeignete Bewerber (womöglich ledig) wollen sich unter Einreichung ihrer
Zeugnisse bei dem unterzeichneten Vorstande melden. Der Vorstand der
israelitischen Gemeinde zu Lampertheim." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Februar 1893:
"Die Stelle eines Religionslehrers, Vorsängers und Schächters bei
der israelitischen Religionsgemeinde zu Lampertheim (bei Worms) ist bis
zum 15. Juni dieses Jahres neu zu besetzen. Der Gehalt beträgt bar Mark
700 und freie Wohnung. Außerdem kann auf einen Nebenverdienst von Mark
300-400 gerechnet werden. Bewerber wollen sich unter Vorlage ihrer
Zeugnisse baldigst bei dem Vorstand genannter Gemeinde melden." |
25jähriges Dienstjubiläum von Lehrer und Kantor Wolf Joseph (1885)
Aus
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Februar 1885: Lampertheim,
15. Februar (1885). Gestern feierte der hiesige jüdische Lehrer und Kantor,
Herr Wolf Joseph, sein 25jähriges Jubiläumsfest.
Der Jubilar erfreut sich hierorts, nicht allein in der israelitischen, sondern
auch in der christlichen Gemeinde, einer großen Achtung und Beliebheit, und
wurden ihm von hier und auswärts, sowie von dem hiesigen Lehrerkollegium und
dem Pfarrer, zahlreiche Glückwunschadressen zugesandt; außerdem wurde ihm von
der jüdischen Gemeinde als sichtbares Zeichen der großen Anhänglichkeit ein
sehr schönes Geschenk überreicht. Mit Recht verdient der verehrte Jubilar
diese Anerkennung, indem man in ihm einen würdigen Vertreter des Lehrerstandes,
einen biederen Bürger des Staates und auch ein Muster der Religiosität
verehrt. Ein kleines Festessen beschloss die Feier.
Möge dem Jubilar vom Allmächtigen beschieden werden, dass er in
ungeschwächter Körer- und Geisteskraft auch sein 50jähriges Jubiläum
mit seiner Familie und der ihm treuen Gemeinde feiern könne. |
Zum Tod von Lehrer und Kantor Wolf Joseph (1892)
Aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. März 1892: "Worms.
Am vergangenen Sonntag hat man in dem benachbarten Lampertheim einen Mann zu
Grabe getragen, der es wert ist, dass man seiner auch in Ihren geschätzten
Blättern gedenke. Es ist Lehrer Wolf Joseph, der im Alter von 59 Jahren nach
12wöchentlicher Krankheit von seiner irdischen Laufbahn abgerufen wurde. Als
17jähriger Jüngling kam er aus Russland nach Deutschland, übernahm an einem
kleinen Orte eine Lehrerstelle und hatte sich so bald in die deutsche Sprache
und das deutsche Wesen eingelebt, dass er die Religionslehrerstelle in
Groß-Rohrheim bei Darmstadt übernehmen konnte. Von hier wurde ihm die Kantor-,
Lehrer- und Schochet-Stelle in Lampertheim übertragen, an welch letztgenanntem
Orte er 33 Jahre wirkte. Joseph war ein sehr religiöser Jehudi und
tüchtiger Lehrer, der besonders auf dem Gebiete des Talmuds sehr zu Hause war.
Mit besonderer Meisterschaft beherrschte er die hebräische Sprache. Mit diesem
Wissen verband er ein ungemein leutseliges, bescheidenes, braves Wesen, das bei
nur kurzer Begegnung mit dem Verblichenen sofort zur Geltung kam. Darf es uns da
wundern, wenn nach so vielen persönlichen und dienstlichen Eigenschaften die
Gemeinde Lampertheim ihren Lehrer liebgewonnen hatte! Wer daran noch zweifeln
wollte, den hätte die Teilnahme an der Beerdigung davon überzeugen können.
Nicht nur die Juden von Lampertheim und Umgegend, sondern auch die Christen
hatten sich so zahlreich eingefunden, dass die Zahl der Teilnehmer an der
Beerdigung auf 1.500 geschätzt wird. Der Bürgermeister, Schulvorstand,
Gemeinderat, Geistliche, Lehrer und Bürger, sie alle waren gekommen, um dem
geliebten Lehrer noch die letzte Ehre zu erweisen, der sich auch ihnen dadurch
nützlich gemacht hatte, dass er der Mitbegründer der Kleinkinderschule und des
Allgemeinen Krankenvereins gewesen, welchen Vereinen er seit der Begründung als
Vorstandsmitglied angehört hatte. Wenn wir recht unterrichtet sind, soll sogar
der Trauergottesdienst in der katholischen Kirche für den verstorbenen
Großherzog Königlich Hoheit wegen der Beerdigung verlegt worden sein. Auf dem
Friedhofe sprach Herr Rabbiner Dr. Stein von hier in bewegten Worten über den
Verlust eines so edlen Mannes und eines so tüchtigen Lehrers; Worte, die auf
alle Anwesenden einen tiefen Eindruck hinterließen. Möge der Allmächtige die
Hinterbliebene in ihrem großen Schmerze stärken und aufrechterhalten. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens". |
Gedicht zum Pessachfeste von Lehrer Jonas Meyer
(1928)
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Aus der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 4. April 1928: "Die Lehre des Frühlings.
(Zum Pessachfeste).
Sieh an die Flur! Wie schön sie liegt
Im hellen, grünen Glanz!
Wie hell sich Blum' an Blume schmiegt
Zu farbenreichem Kranz!
Sieh an den schönen, grünen Wald!
Wie reiht sich Baum an Baum!
Horch, wie das Lied der Vögel schallt
Empor zum Himmelsraum!
Wenn, Israel! im Frühlingsmond
Befreit wird die Natur,
Dann spricht, der über Sternen thront,
Zu dir durch Wald und Flur:
"Wenn die Natur auch jedes Jahr
Sich schmücket neu mit Pracht,
Sie bringt doch stets die Gaben dar,
Die sie seit je gebracht. |
So war es schon in jener Zeit,
Da Ich die Erde schuf;
So wird es sein in Ewigkeit:
Natur folgt Meinem Ruf.
Nicht spricht die Flur: 'Ich hab' es satt,
Zu bringen Gras und Blum';
Der Waldbaum soll an ihrer Statt
Jetzt schmücken mich zum Ruhm.'
Nicht spricht der Wald:
'Ich will nicht mehr
Stets tragen Baum an Baum;
Der grünen Wiese Blumenheer
Jetzt decke meinen Raum.'
Nein! Die Natur hat immer treu
Erfüllt Mein Schöpfungswort;
Und jedes Jahr tut sie es neu,
Frei, tut sie's fort und fort. |
Frei bist auch du, wie die Natur,
Wie munt'rer Vöglein Heer.
So blicke an den Wald, die Flur;
Sie künden laut die Lehr':
So wie nur weh'n die Lüfte weich,
Und frei sich's in uns regt,
Befolgen das Gesetz wir gleich,
Das Gott in uns gelegt.'
O, diese Lehre, schreibe sie
Tief in das Herz dir ein:
Dass Freiheit sich in Harmonie
Mit Gottesdienst verein'.
Du bist ja frei! Es hemmen nicht
Dir Fesseln deinen Willen.
O, mögst du in der Freiheit Licht
Doch stets Mein Wort erfüllen!'"
Lampertheim. Lehrer J. Meyer." |
Dienstjubiläum des Lehrers Jonas Meyer (1932)
Aus
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juni 1932: Lampertheim am
Rhein, 27. Juni (1932). Am 25. Nissan konnte der Lehrer der hiesigen
Gemeinde, Herr Jonas Meyer, in seltener Rüstigkeit und bei voller
Amtstätigkeit seinen siebzigsten Geburtstag und gleichzeitig das 35jährigee
Amtsjubiläum in der Gemeinde Lampertheim begehen. Der Jubilar, der in Lehre und
Lebensführung stets unermüdlich für die Ideale des überlieferten Judentums
eingetreten ist, erfreut sich wegen seiner aufrichtigen Frömmigkeit und seines
menschenfreundlichen bescheidenen Wesens allgemeiner Achtung und Wertschätzung,
auch in andersgläubigen Kreisen. Neben seiner rednerischen Begabung verdient
besonders seine Tätigkeit als vorbildlicher Jugenderzieher hervorgehoben zu
werden, durch die allein schon er sich in den Herzen ganzer Generationen von ihm
ausgebildeter Schüler und Schülerinnen ein dauerndes dankbares Andenken
geschaffen hat. Möge dem Jubilar noch eine Reihe von Jahren in gleicher
Gesundheit und Kraft an der Seite seiner ihm ebenbürtigen Gattin beschieden
sein zur Freude seiner Familie, zum Segen seiner Gemeinde und zur Ehre des
Judentums. "(alles Gute) bis 120 Jahre". |
Zum Tod von Lehrer Jonas Meyer (1935)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Mai 1935: "Jonas
Mayer - er ruhe in Frieden -. Würzburg, 15. Mai (1935). Am vergangenen
Montag, dem 10. Ijjar (= 13. Mai 1935), brachten wir Jonas Mayer unter
großer Beteiligung zur letzten Ruhe. Jonas Mayer, im Odenwaldstädtchen
Reichelsheim geboren, zeigte in jungen Jahren bereits einen starken Drang
nach jüdischem und profanem Wissen. Mit 33 Jahren berief man ihn als
Lehrer und Kantor an die Gemeinde Lampertheim, wo er bis zu seinem
am letzten Schabbat Paraschat Emor (Schabbat mit der Toralesung
Emor, d.i. 3. Mose 21,1 - 24,23, dies war am 11. Mai 1935) erfolgten
Ableben, also nahezu 40 Jahre, für die Jüdische Gemeinde wirkte. In
allen nur möglichen Fragen des praktischen Lebens holte man sich bei ihm
Rat und Hilfe. Seine hervorragenden Eigenschaften waren seine Güte und
seine Bescheidenheit. Daraus erklärt sich sein einzigartiges Verhältnis
zu seiner Gemeinde, zu jedem einzelnen Mitglied dieser Gemeinde und nicht
zuletzt zur nichtjüdischen Bevölkerung der Stadt Lampertheim. Ein
köstlicher Humor, der gespeist wurde von einer Quelle reichen Wissens,
zeichnete ihn aus. Er war auch jahrelang Mitarbeiter der 'Laubhütte' und
vor allem ein ausgezeichneter Kenner der jüdischen Geschichte. Es war ein
ergreifendes Bild, als die ganze Gemeinde vor der geöffneten Pforte des
Gotteshauses weinend die Bahre ihres Lehrers und Kantors umstand, der in
diesem Hause viele, viele Jahre mit Andacht und Weihe den Gottesdienst
versehen hatte.
Vor der Synagoge sprach Rabbiner Dr. Michalski, Karlsruhe (ein Neffe des
Verstorbenen) zu Herzen gehende Abschiedsworte. Für den hessischen
Lehrerverein sprach Lehrer Müller, Bensheim dem Kollegen Dank und
Anerkennung für treue Mitarbeit aus. Als Nachbarkollege und Freund nahm
Herr Lehrer Lob, Viernheim, in bewegten Worten Abschied. Am Grabe
schilderte Herr Rabbiner Dr. Michaelski in treffender Weise die Haupteigenschaften
von . Mayer - er ruhe in Frieden. Für die Gemeinde Lampertheim stattete
Herr Guggenheim den Dank ab mit dem Gelöbnis, im Sinne des Verstorbenen
die jüdischen Belange der Gemeinde nicht zu vernachlässigen und so sein
Andenken am besten zu ehren. Ein Schüler sprach für die gesamte Jugend
rührende Abschiedsworte.
Für die Familie nahmen die Schwiegersöhne, die Herren Michel, Nürnberg
und Verwalter Sonn, Würzburg, ergreifenden Abschied. Möge die allseitige
Achtung und Verehrung, die der Verstorbene genoss, der trauernden Gattin
und der ganzen Familie reichen Trost spenden. Seine Seele sei
eingebunden in den Bund des Lebens." |
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Antisemitische Regungen 1891
1891 ereignete sich ein
Vorfall, über den die Zeitschrift "Der Israelit" am 12. November 1891
berichtete: "Worms, 6. November (1891). Aus
Worms wird dem 'Darmstädter Täglichen Anzeiger' von hier geschrieben: 'Von
einem Studiosus N. von hier, welcher sich in dem benachbarten Orte Lampertheim
aufzuhalten pflegt, ist folgender Akt von Antisemitismus verübt worden. Im
Gasthause 'Zum Rebstock' in Lampertheim fand ein israelitischer Ball statt. Der
Herr Studiosus trank sich an dem Ballabend zuerst Courage an, äußerte zu seinen
Bekannten: 'Heute Abend müssen die Juden dran glauben!' und rückte um 11 Uhr
mit einem Begleiter in das Balllokal. Hier verhöhnte er die Ballgäste, blies
mit einer Kindertrompete und warf zuletzt Steinkohlen in den Ballsaal... In der
ganzen Umgegend spricht man mit Empörung von diesem rohen Betragen.' Soweit
der 'Darmstädter Tägliche Anzeigen.' Aber warum in aller Welt haben denn die
männlichen Teilnehmer an dem Balle dem Burschen nicht die ihm gebührende
Strafe gleich an Ort und Stelle appliziert?" |
| Einige Monate später erschien der folgende
Artikel: |
Aus
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. April 1892:
"Lampertheim (Kreis Bensheim). Es ist noch nicht lange, dass durch
die Zeitungen die Nachricht lief, dass ein antisemitische angehauchter
Student eine von Israeliten abgehaltene Abendunterhaltung zu stören
suchte. Man ist so leicht geneigt, die Rohheit eines Einzelnen der
Gesamtheit zur Last zu legen. Dass dies in Lampertheim nicht zutrifft, hat
sich in den letzten Tagen gezeigt. In feierlicher Weise wurde nämlich
daselbst ein neues Schulhaus eingeweiht. In dem Zuge befand sich neben dem
katholischen und evangelischen Kirchvorstand auch der Vorstand der
israelitischen Gemeinde, der offiziell zur Feier eingeladen
war." |
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe
Anzeige der Metzgerei Herrmann Schott (1878)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Dezember 1878: "Koscher
Fleischwaren und alle Sorten Wurst etc. Einem geehrten Publikum
empfehle ich meine berühmte echt koschere Wurst nebst Rauchfleisch in
prima Qualität zu billigsten Preisen. Lampertheim (Hessen), Herrmann
Schott, Metzger." |
Anzeige der Metzgerei David Süß (1890)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. November 1890: "In
mein Metzgergeschäft suche per sofort einen Lehrling. Kost und
Logis im Hause. Schabbat und Feiertag geschlossen.
David Süß, Lampertheim,
Hessen." |
Verlobungsanzeige von Else Meyer und Julius Sichel
(1921)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Juni 1921: "Else
Meyer - Julius Sichel. Verlobte.
Lampertheim bei Mannheim - Nürnberg,
Osianderstraße 8. Schawuoth 5681." |
Zur Geschichte der Synagoge
Ein "Judenschulmeister" wurde erstmals 1767 angestellt.
Somit dürfte damals ein Betsaal vorhanden gewesen sein. Bis zur Mitte
des 19. Jahrhunderts kam die Gemeinde zu ihren Gottesdiensten in einem Raum in
der Wohnung des Salomon Süß (Römerstraße 74) zusammen. Seit 1835
plante man den Bau einer Synagoge. 1843 konnte ein Grundstück erworben werden,
doch auf Grund der schlechten Finanzlage der Gemeinde konnte man damals nicht
mit dem Bau beginnen. Die politische Gemeinde gewährte einen Zuschuss von 500
Gulden als Schenkung zum Bau mit der Begründung, dass die Juden als Ortsbürger
ja auch zu den Bau- und Unterhaltungskosten der Schulen und Kirchen beitragen
würden. 1850 wurde von der Behörde die Schenkung genehmigt. 1851 konnte
die Synagoge erbaut werden. Sie hatte 92 Männer- und 55 Frauenplätze.
Im Zusammenhang mit dem 75jährigen Bestehen der Synagoge 1926 wurde eine
Renovierung durchgeführt und bei der Wiedereinweihung eine Gedenktafel für die
im Ersten Weltkrieg aus der Gemeinde gefallenen Juden enthüllt. Die Brüder
Ludwig und Sally Hochstädter stifteten damals zwei Kronleuchter aus Messing mit
je fünf elektrischen Kerzen zum Gedenken an ihre verstorbenen Eltern.
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge niedergebrannt.
1992 wurde auf dem Synagogengrundstück ein
Geschäfts- und Parkhaus gebaut. Nach dessen Fertigstellung brachte man an der
Rückseite des Parkhauses eine neue Bronzetafel zur Erinnerung an die Synagoge
an.
Adresse/Standort der Synagoge: Römerstraße 95-97
Fotos
(Quelle: Arnsberg Bilder S. 131).
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| Innenansicht der Synagoge in
Lampertheim |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 464-466. |
 | ders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder -
Dokumente. S. 131. |
 | Heinrich Friedrich Karb: Beiträge aus der
Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinde Lampertheim. 1998. (Reihe:
Lampertheim - ein Blick in die Stadtgeschichte Bd. 2. Hrsg. vom Magistrat
der Stadt Lampertheim) |
 | Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.):
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der
Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 23-24. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 221-223.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Lampertheim
Hesse. There are references to Jews living in Lampertheim from 1615. The
community, numbering 160 (3 % of the population) in 1861, was affiliated with
Darmstadt's Liberal rabbinate. After the synagogue was burned down on Kristallnacht
(9-10 November 1938), SS men tortured a Jew to death and some townsfolk helped
to destroy Jewish property. Most of the 85 Jews living there in 1933 had left by
1939; three were deported to Auschwitz in 1942. Several thousand Displaced
Persons from Eastern Europe established a new community in Lampertheim after
Worldwar II, but almost all of them emigrated to Israel.

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