Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Griedel (Stadt Butzbach, Wetteraukreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen   
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)     
    
In Griedel bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18. Jahrhunderts zurück. Jedoch lebten bereits im 16. Jahrhundert Juden am Ort (1540er-Jahre Familie des Josef aus Allendorf an der Lumda in Griedel, 1596 jüdische Einwohner genannt). Nach dem Dreißigjährigen Krieg ließ sich eine jüdische Familie in Friedberg nieder, die sich nach ihrem Herkunftsort Grödel (Dialekt = Griedel) nannte. einer Linie der Grödels entstammten die später in Österreich-Ungarn geadelten Holzhändler und Großgrundbesitzer (in Ungarn und Rumänien), einer anderen (Eisenhändler Grödel) die Badeärzte Grödel in Bad Nauheim.   
    
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1828 37 jüdische Einwohner, 1861 70 (8,3 % von insgesamt 843 Einwohnern), 1880 61 (7,4 % von 826), 1900 37 (4,5 % von 825), 1910 39 (4,6 % von 852).  
   
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (Religionsschule), ein rituelles Bad (im Hof des Anwesens Brudergasse 15, siehe Fotos unten) und ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war im 19. Jahrhundert vermutlich zeitweise ein jüdischer Lehrer angestellt. Als die Zahl der jüdischen Gemeindeglieder zurückging, wurde der Unterricht durch einen auswärtigen Lehrer erteilt, der Vorbeterdienst ehrenamtlich durch Gemeindeglieder. Die Gemeinde gehörte zum orthodoxen (Angabe von 1924) oder zum liberalen (Angabe von 1932) Provinzialrabbinat Oberhessen mit Sitz in Gießen.       
   
Im Ersten Weltkrieg waren neun jüdische Männer Frontsoldaten; von ihnen ist keiner gefallen. Jedoch fiel der aus Griedel stammende Sally Bär (geb. 10.9.1886 in Griedel, vor 1914 in Bad Nauheim wohnhaft, gef. 28.8.1914).  
  
Um 1924, als zur Gemeinde 29 Personen gehörten (3,1 % von insgesamt 937 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Adolf Baer, Hirsch Baer und Hermann Bendheimer. Als ehrenamtlicher Vorbeter war Adolf Baer tätig. Damals gab es nur ein schulpflichtiges jüdisches Kind in der Gemeinde, das den Religionsunterricht durch Lehrer Moritz Fuld aus Butzbach erhielt. 1932 waren die Gemeindevorsteher Louis Heß (1. Vors.), Hirsch Bär (2. Vors.) und Herrmann Bendheim (3. Vors.). Weiterhin war zuständiger Lehrer Moritz Fuld aus Butzbach. Im Schuljahr 1931/32 hatte er zwei Kinder in Griedel zu unterrichten.  
   
Um 1920 war Adolf Bär für etwa fünf Jahre in der Gemeindeversammlung. Um 1930 waren die jüdischen Haushaltsvorstände als Metzger, Kaufleute und Viehhändler tätig, die in einfachen Verhältnissen lebten.    
   
1933 lebten noch 28 jüdische Personen in Griedel (in sechs Familien; 3,0 % von insgesamt 933 Einwohnern). In den folgenden Jahren sind alle von ihnen auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Der letzte jüdische Gemeindevorsteher war nach 1933 Louis Stern. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge durch SA-Leute angezündet (s.u.). 1939 lebten noch acht jüdische Personen am Ort. Bis Mai 1940 hatten alle jüdischen Einwohner Griedel verlassen.    
    
Von den in Griedel geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Karoline Bär geb. Löwenberg (1873), Margot Bär (1920), Frieda Heß geb. Krämer (1873), Gertrud Isenberg geb. Bär (1912), Blanka Kugelmann geb. Bär (1896), Marion (Malwine) Kugelmann (1927), Alexine Erika Laubinger (1931), Minni Levy geb. Bendheim (1903), Karoline Mannheim geb. Bendheim (1902), Bertha Nußbaum geb. Bär (1878), Hedwig Oppenheimer geb. Bär (1902), Ernst David Stern (1920), Marta Stern geb. Bär (1894), Paula Stern geb. Simon (1884).      
   
   
   
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde     
   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben 
Spendenaufruf für eine arme Witwe und ihre Kinder (1877)

Griedel Israelit 03101877.jpg (87719 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Oktober 1877: "Bitte!  
Gestern wurden die irdischen Überreste des 28 Jahre alten Lazarus Maier zu Griedel dem Schoße der Erde übergeben. Es weinen um den Verstorbenen Gattin und zwei unmündige Kindlein, die in den dürftigsten Verhältnissen bang und ahnungsschwer der Zukunft entgegensehen. 
Ich erachte es als Pflicht, mich an wohltätige Glaubensgenossen mit der Bitte zu wenden, durch Zuführung milder Spenden der Not der Unglücklichen zu steuern. Zur Entgegennahme von Gaben erklären sich der Vorstand der israelitischen Gemeinde zu Griedel, Herr David Bär, sowie der Unterzeichnete gerne bereit. Quittung wird in diesem geschätzten Blatte erfolgen.  
Bad Nauheim, den 20. September 1877. J. Spiro, Lehrer".      

   
Kurzer Hinweis auf die jüdische Gemeinde (1936)  

Griedel GblIsrGF Okt1936 B01.jpg (25923 Byte) Aus dem "Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt" vom Oktober 1936 S. 28 - zwischen den Gemeindebeschreibungen zu Butzbach und Münzenberg: "Wir folgen vom Bahnhof (sc. Butzbach) aus dem blauen Strich nach Osten, nach Griedel - nur noch kleine Judensiedlung, schon 1596 genannt, mit stattlicher alter Synagoge - und sind nach 2 1/2 Stunden schönen Wegs in Münzenberg."    

      
      
   
   
Zur Geschichte der Synagoge                
     
Zunächst war ein Betraum oder eine erste Synagoge vorhanden. 
      
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde eine (neue) Synagoge geplant, da die Zahl der jüdischen Einwohner zugenommen hatte. Nach 1860 wurde mit dem Bau begonnen. Im Februar 1866 konnte die Synagoge in Anwesenheit von Rabbiner Levi aus Gießen feierlich eingeweiht werden. Die Baukosten betrugen etwa 2.300 Gulden, die teilweise durch Spenden (etwa 1.000 Gulden), teilweise durch die Aufnahme von Krediten aufgebracht wurden. Bei der Synagoge handelte es sich um einen für den Ort recht stattlichen Bau. Der verputzte Massivbau hatte zwei in einer Richtung laufende Satteldächer, giebelseitig zum Kleinebach verlaufend. An der Längsseite hatte es zwei hohe Rundbogenfenster, über dem Giebel befanden sich steinerne Gebotstafeln.  
      
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge durch SA-Leute in Brand gesteckt. Die Inneneinrichtung und der Dachstuhl dadurch wurden zerstört. Das Gebäude ist später eingestürzt (nach einer anderen Version bestand zumindest die Gefahr des Einsturzes) und wurde nach 1945 abgetragen. Auf dem Grundstück der Synagoge wurde 1965 ein neues Feuerwehrhaus erstellt. 
   
Am 22. Oktober 1992 wurde an der Südseite des Feuerwehrgerätehauses eine Gedenktafel angebracht. Der Text lautet: "Hier stand die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Griedel, erbaut 1865 und zerstört am 10. November 1938 - unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Diese Tafel soll uns an unsere verfolgten jüdischen Mitbürger erinnern und uns zur Menschlichkeit ermahnen".        
    
    
Adresse/Standort der Synagoge      Bruderstraße bzw. Kleinbachstraße 8 (Eckhaus beziehungsweise Vorder- und Rückseite)    
    
    
Fotos
(Quelle: sw-Fotos zweite Foto-Zeile aus Altaras s. Lit. 1988 S. 187 [Quelle: Werner Wagner]; Fotos der Mikwe ebd. S. 12) 

Historische Ansichtskarte mit der Synagoge  
(Quelle: Sammlung Hahn)  
Griedel Synagoge 200.jpg (293016 Byte) Griedel Synagoge 200b.jpg (96878 Byte) Griedel Synagoge 200a.jpg (82459 Byte)
  Die Synagoge in Griebel ("Kleinebach mit Synagoge") auf der Historischen Ansichtskarte; auf der Karte findet sich eine Unterschrift von Sophie Stern   
     
Blick auf das Grundstück der 
ehemaligen Synagoge im November 1984
Griedel Synagoge 151.jpg (69175 Byte)   
    Dieselbe Blickrichtung wie auf dem 
historischen Foto (Ausschnittvergrößerung)
 oben; das Haus links ist noch 
dasselbe Gebäude 
   
     
     
Die 1984 "entdeckte" Mikwe im Hof des Anwesens Brudergasse 15  
Griedel Mikwe 010.jpg (69247 Byte) Griedel Mikwe 011.jpg (64553 Byte) Griedel Mikwe 012.jpg (81029 Byte)
Blick auf das Badehaus mit dem Abgang zu dem gewölbten Keller aus Bruchsteinwerk, 
in dem vermutliche Ende des 19. Jahrhunderts das Bad eingerichtet wurde; 
es blieb bis etwa 1920 in Benutzung. 
Im Gewölbekeller des Badehauses: rechts 
das Tauchbecken; in der Wandnische
 (Bildmitte oben) wurde wahrscheinlich 
eine Lampe abgestellt.
   
      

   

   
Links und Literatur

Links:  

Website der Stadt Butzbach     

Literatur:  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 278-279.  
Zur Geschichte der Griedeler Judengemeinde. In: 25 Jahre Musikverein Griedel. 1982. 
Werner Wagner: Unbekanntes Judenbad in Griedel entdeckt. In: Butzbacher Geschichtsblätter. Nr. 13. 1984 S. 58-59.  
ders.: Zur Geschichte der Griedeler Juden. In: Butzbacher Geschichtsblätter Nr. 47. 1988 S. 197-200.
ders.: Schutzbrief für den Griedeler Juden Meyer. In: Butzbacher Geschichtsblätter Nr. 71. 1991 S. 90-91. 
ders.: Griedeler Synagoge. In: Butzbacher Geschichtsblätter Nr. 80. 1992 S. 125-128.  
ders.: Die Familie Groedel aus Griedel. In: Butzbacher Geschichtsblätter Nr. 107. 1995. S. 35-36.     
Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 S. 12 (Mikwe). 187-188.  
dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 152-153. 
dies.: Neubearbeitung der beiden Bände. 2007. S. 212-213.    
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt. 1995 S. 317.    
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 144-145.  

    
      


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.  

Griedel  Hesse. First mentioned in 1596, the community numbered 70 (8 % of the total) in 1861, dwindling to 28 in 1933. Local support for the Nazis grew and most of the Jews left before Kristallnacht (9-10 November 1938), when their synagogue was destroyed. By May 1940 none remained.   
    
     

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 27. August 2016