Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Memmingen (Stadtkreis) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

Übersicht: 

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben    
Über den Memminger Käsepogrom 1921  
Berichte zu einzelnen Personen in der Gemeinde  
Anzeigen und Dokumente zu jüdischen Gewerbebetrieben   
Zur Geschichte der Synagogen   
Fotos    
Presseberichte zur Frage der Neugestaltung des Synagogengrundstückes (2008-2012) 
Links und Literatur    

      

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)  
    
In Memmingen bestand eine jüdische Gemeinde zunächst im Mittelalter, deren Entstehung vermutlich in das 13. Jahrhundert zurückgeht. Juden erscheinen in Urkunden vor allem als Geldverleiher. 1310 wird ein ein Jude namens Michael aus Memmingen in Augsburg genannt. Es kam zur Bildung einer jüdischen Gemeinde mit eigenen Einrichtungen (1344 wird über einen Streit um den jüdischen Friedhof berichtet). Im November 1348 wurden die Juden der Stadt ermordet und verbrannt. Am 20. Juni 1349 verzieh Karl IV. der Stadt den Mord an den Juden und den Raub ihres Besitzes. 1373 lebten wieder einige Juden in der Stadt, die vom Kaiser auf sechs Jahre dem Schutz der Reichsstadt übergeben wurden. 1429 leisteten zwei Juden zu Memmingen Bürgschaft für sechs in Ravensburg gefangene Juden. Dies ist zugleich die letzte Nachricht über eine jüdische Ansässigkeit im 15. Jahrhundert. Über eine Vertreibung der Juden ist nichts bekannt. 
 
Im 16. Jahrhundert ist die Existenz von jüdischen Personen in Dörfern der Umgebung von Memmingen nachzuweisen: unter anderem in Osterberg (1524/1574), Grönenbach (1529/1556), Thannhausen), Amendingen (1529/1580), Schwaighausen (1530/1564), Heimertingen (1550/1574) und Angelberg (1538/1586).
zu den Quellen vgl. außer den im Staatsarchiv Augsburg vorhandenen Urkunden vor allem auch die Sammlung "Quellen zur Geschichte der Juden bis zum Jahr 1600 im Hauptstaatsarchiv Stuttgart und im Staatsarchiv Ludwigsburg. Bearbeitet von Wilfried Braunn 1982. HStA Stuttgart. Thematische Repertorien Band 1.  
 
Erst im 19. Jahrhundert konnten sich Juden wieder in der Stadt niederlassen. Ab 1862 erfolgte der Zuzug vor allem aus oberschwäbischen Landgemeinden (insbesondere Fellheim, Osterberg usw.). Eine neue Gemeinde konnte 1875 begründet werden. In den folgenden Jahrzehnten leisteten die jüdischen Einwohner wichtige Beiträge für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt. Sie gründeten in Memmingen und Umgebung verschiedene Fabriken für die Herstellung von Strickwaren, Aluminium und Käse, ferner größere und kleinere Textil- und Schuhgeschäfte. Der Pferde- und Viehhandel lag fast ausschließlich in jüdischen Händen. 
 
Die höchste Zahl jüdischer Einwohner wurde 1895 mit 231 Personen erreicht; 1910 wurden noch 178 jüdische Einwohner gezählt (1925: 170, d.h. etwa 1,3 % von etwa 13.700 Einwohnern). 
 
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge, eine jüdische Schule, ein rituelles Bad sowie ein Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl. unten die Ausschreibungen der Stelle). Die jüdische Gemeinde gehörte zum Bezirksrabbinat Augsburg. Zur Gemeinde gehörten auch die in Fellheim (nach Auflösung der dortigen Gemeinde), Mindelheim und Bad Wörishofen lebenden Juden. An jüdischen Vereinen bestanden insbesondere der Israelitische Frauenverein (gegründet 1875), der Israelitische Männerverein Chevra Kadischa (gegründet 1911) und die Unterstützungskasse für durchreisende jüdische Arme. Zudem bestand eine Israelitische Wohltätigkeitsstiftung.  
  
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde: Hugo Freudenthal (geb. 26.11.1885 in Theilheim, gef. 22.8.1917).       
 
Um 1925
gehörten dem Vorstand der jüdischen Gemeinde an: Karl Gerstle, Benno Rosenbaum, Moritz Bacharach, David Heilbronner, Oskar Neumann, Bernhard Seligmann und David Sommer. Als Lehrer, Kantor und Schochet war Ahron Rosenblatt angestellt (gestorben 1930, siehe Artikel unten). Er erteilte damals 20 Kindern Religionsunterricht (im Schuljahr 1932/33: 27 Kinder). 1932 war 1. Vorsitzender der Gemeinde Benno Rosenbaum, Schriftführer, Lehrer und Kantor war - als Nachfolger von Ahron Rosenblatt seit 1930 - Emil Liffgens. 
 
1933 lebten noch 161 Juden in der Stadt. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme in diesem Jahr änderten sich auch in Memmingen sofort die Lebensbedingungen der jüdischen Einwohner. Der Wirtschaftsboykott wurde besonders heftig durchgeführt. 1936 durften jüdische Viehhändler das städtische Schlachthaus nicht mehr betreten. Infolge des Boykotts verarmten die jüdischen Familien sehr schnell und begannen, ihre Häuser und Geschäfte zu verkaufen. Von den 1933 in Memmingen wohnhaften jüdischen Einwohner sind bis zum Beginn der Deportationen 37 Personen in andere Städte verzogen, 67 ausgewandert. Seit 1940 wurden die jüdischen Einwohner zunehmend gettoisiert. Im Sommer 1940 mussten die ca. 60 Gemeindeglieder äußert beengt in fünf Häusern wohnen. 1941 wurden die letzten 40 Gemeindeglieder in ein einziges Haus mit zwei Wohnungen eingewiesen. Vom 30. Januar bis 13. März 1942 wurden 25 Juden aus Memmingen nach Fellheim eingewiesen und schließlich von dort deportiert und in den Vernichtungslagern des Ostens ermordet. 
  
Von den in Memmingen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Alma Adler geb. Rosenbaum (1883), Albert Bacharach (1879), Cäcilie Bacharach geb. Mayer (1882), Eva Elisabeth Bacharach geb. Adler (1892), Gustav Bacharach (1886), Lisa Bacharach geb. Bacharach (1914), Lisi Bacharach geb. Adler (1892), Hedwig Bähr (1891), Arthur Danziger (1891), Bruno J. David (1920), Emilie David geb. Selinger (1890), Josef David (1920), Samuel David (1883), Bettina Einstein (1897), Gerta (Gretel) Einstein geb. Enslein (1890), Jakob Einstein (1880), Louis Einstein (1876), Paula Einstein (1880), Selma Einstein geb. Gerstle (1887), Martha Frank geb. Bähr (1892), Bernhard Frankenthaler (1873), Lina Frankenthaler geb. Lichtenauer (1878), Bernhard Freimann (1901), Hans Jakob Freimann (1931), Lissa Salina Freimann geb. Guggenheimer (1907), Stella Freund geb. Politzer (1907), Pauline Freundlich geb. Heilbronner (1873), Eugen Gerstle (1875), Bettina Graumann geb. Einstein (1872), Frieda Günzburger geb. Heilbronner (1860), Josef Günzburger (1883), Rosalie Günzburger geb. Heilbronner (1893), Alfred Guggenheimer (1877), Arthur Guggenheimer (1889), Cornelia (Nelly) Regina Guggenheimer geb. Metzger (1891), Johanna Guggenheimer geb. Kaphan (1895), Julius Guggenheimer (1885), Karl Guggenheimer (1884), Ursula Elisabeth Guggenheimer (1922), Ida Gutmann geb. Gutmann (1873), Julius Gutmann (1873), Pauline Gutmann (1882), Betty Heilbronner geb. Pressburger (1850), Erwin Salomon  Heilbronner (1894), Heinrich Heilbronner (1896), Ida Heilbronner (1878), Ludwig Heilbronner (1874), Moritz Heilbronner (1861), Louise Heim geb. Guggenheimer (1889), Rosalie Heimann geb. Kahn (1881), Anna Herz geb. Günzburger (1881), Jakob Jacobs (1869), Clara Katz geb. Laupheimer (1875), Martha Katzenstein geb. Bacharach (1920), Max Kirschbaum (1871), Antonie Kohn (1889), Hedwig Kohn (1885), Julius Kohn (1880), David Laupheimer (1881), Jeanette (Jenny) Laupheimer geb. Strauss (1894), Julius Laupheimer (1885), Mathilde Laupheimer geb. Strauß (1890), Salo Laupheimer (1882), Fritz Lion (1915), Karl Lion (1913), Wilhelm Lion (1909),  Sara Nathan geb. Schwabacher (1880), Ida Neuburger (1890), Max Neuburger (1893), Otto Nussbaum (1906), Rosalie Oppenheimer geb. Forst (1873), Sofie Osswald geb. Goldstein (1874), Hulda Reiß geb. Guggenheimer (1894), Rosa Schulmann geb. Günzburger (1879), Fritz Schwabacher (1913), Hedwig Silberberg geb. Rosenbaum (1871), David Sommer (1880), Flora Sommer geb. Lemle (1891), Nathan Sommer (1886), Bettina Späth geb. Eppstein (1877), Gabriel Steiner (1897), Max Strauß (1873), Bernhard Strupp (1888), Erna Sussmann geb. Schnaier (1884), Bertha Weil geb. Rosenbaum (1880), Helene Wild geb. Guggenheimer (1879), Jetta Wolf geb. Gerstle (1894), Ten Wolf geb. Hausmann (1894).  
   
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges lebten in Memmingen und Umgebung für einige Jahre neben vier einheimischen jüdischen Überlebenden etwa 100 jüdische "Displaced Persons". Zu den jüdischen Überlebenden gehörte der Memminger Lehrer Norbert Jacobs, der mit seinen beiden am 10. Juli 1938 in Memmingen geborenen Söhnen Gerald und Ralph den Holocaust überlebt hatte und Ende 1945 im Haus Nr. 79 in Fellheim lebte.  
Vgl. auch Beitrag von Jim G. Tobias: "Jüdisches Leben in Memmingen nach 1945" über eine Seite bei hagalil.com.  
      
      
      
      
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde       
      
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1867-1871 und 1928   

Memmingen Israelit 30011867.jpg (44151 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Januar 1867: "Die hiesige Gemeinde sucht einen Religionslehrer, der zugleich die Funktionen eines Vorbeters und Schächters versehen kann, sofort zu engagieren. Fixer Gehalt 300 Gulden nebst freier Wohnung. Unverheiratete Bewerber belieben sich zu wenden an 
W. Rosenbaum, Koscher Käs-Handlung. Memmingen in Bayern, im Januar 1867."  
Anmerkung: 1867-1868 war S. Königshöfer als Schochet und Religionslehrer tätig, danach wechselte er nach Frankfurt am Main, siehe Bericht unten.
   
Memmingen Israelit 15011868.jpg (49300 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Januar 1868: "Lehrer-Stelle vakant. Durch Berufung des Religionslehrers hiesiger Gemeinde nach Frankfurt am Main wird die Stelle vakant. – Gehalt 300 Gulden nebst freier Wohnung und Nebenverdiensten. Bewerber, welche gleichzeitig die Funktionen eines Schächters und Vorbeters versehen können, wollen sich in frankierten Zuschriften wenden an W. Rosenbaum. Memmingen, im Januar 1868."
  
Dieselbe Anzeige erschien auch in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. Januar 1868.     
 
Memmingen Israelit 16061869.jpg (41488 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Juni 1869: "Vakanz. In hiesiger Gemeinde ist die Stelle eines Religionslehrers – welcher gleichzeitig die Funktionen als Chasan (Vorbeter) und Schochet zu versehen hat – wieder zu besetzen. Fixer Gehalt 300 Gulden nebst freie Wohnung. Reflektanten belieben unter frankierter Einsendung ihrer Zeugnisse sich zu wenden an L. Ullmann in Memmingen (Bayern)."
 
Memmingen Israelit 16021870.jpg (41264 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Februar 1870: "Die hiesige israelitische Gemeinde sucht bis 1. April dieses Jahres einen Religionslehrer, der auch die Funktionen als Chasan (Vorbeter) und Schochet zu versehen hat, zu engagieren. 
Jahresgehalt Gulden 350 nebst freier Wohnung, außerdem noch das Einkommen der Schechita. Bewerber wollen sich in frankierten Zuschriften unter Beifügung ihrer Zeugnisse wenden an S. Ullmann Memmingen (Bayern), im Januar 1870."
 
Memmingen AZJ 28111871.jpg (49410 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 28. November 1871: "In hiesiger Gemeinde ist die Stelle eines Religionslehrers – der zugleich die Funktionen als Chasan (Vorbeter) und Schochet zu versehen hat – zu besetzen. 
Fixer Gehalt 350 Gulden nebst freier Wohnung und Beheizung, sowie die Erträgnisse der Schechita, wofür 50 Gulden garantiert werden. 
Ledige Bewerber wollen sich unser Einsendung ihrer Zeugnisse wenden an J. Guggenheimer jr. Kaufmann. 
Memmingen in Bayern, den 13. November 1871."
 
Memmingen BayrGZ 15111928.jpg (59963 Byte)Anzeige in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15. November 1928: "Israelitische Kultusgemeinde Memmingen (Bayern). Infolge Pensionierung unseres verdienten, seit mehr als 32 Jahre dahier befindlichen Kultusbeamten sehen wir uns genötigt, die Stelle des Religionslehrers, Kantors und Schochet alsbald neu zu besetzen. 
Reichsdeutsche Herren mit seminaristischer oder akademischer Bildung und entsprechender Praxis wollen ihre Bewerbung mit Lebenslauf und Zeugnisabschriften bis längstens 23. November dieses Jahres an den unterzeichneten Gemeindevorstand richten. 
Die Anstellung erfolgt nach dem Beamtenrecht des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden. 
Die Gemeindeverwaltung: K. Gerstle Vorstand."  
   
Memmingen Israelit 15111928.jpg (80122 Byte)Dieselbe Anzeige erschien in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. November 1928.  

  
40-jähriges Dienstjubiläum von S. Königshöfer als Schochet (1904, 1867-1868 Schochet und Religionslehrer in Memmingen)  

Memmingen Israelit 04021904.jpg (100746 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Februar 1904: "Frankfurt am Main. 15. Schewat (= 1. Februar 1804). Heute sind es 40 Jahre, dass Herr S. Königshöfer hier als Schochet tätig ist. Derselbe wurde am 1. Februar 1864 von der Gemeinde Sulzbürg (bayerische Oberpfalz) als Schochet engagiert. nach drei Jahren gab er diese Stelle auf und bekleidete provisorische Stellen. In Memmingen war er Schochet und erteilte auch den Religionsunterricht mit solchem Erfolg, dass der Vorstand mit Hilfe der königlichen Regierung von Schwaben-Neuburg bewirkt hatte, dass er zur Seminar-Austritts-Prüfung des nächsten Sommers in Lauingen zugelassen wurde. Kurze Zeit nachher war die zweite Schochet-Stelle der hiesigen Religionsgesellschaft vakant und meldete sich Könighöfer, gestützt auf drei Kabbalot (hier: rabbinische Gutachten) der Kapazitäten Bamberger - Würzburg, Weiskopf - Wallerstein und Wißmann - Schwabach. Der Erfolg war, dass Königshöfer von mehr als 50 Bewerbern per 1. März 1868 als Schochet engagiert wurde. Die Gemeinde ließ einen vereinbarten Vertrag auf drei Jahren sehr ungern fallen. J.E."   

  
Unstimmigkeiten zwischen Lehrer Isaac Moses in Memmingen und Rabbiner Seligsberger in Fellheim zu Fragen der Kaschrut (1869)   
Hinweis: die vermutlich nur für Spezialisten interessanten Anzeigen werden ausgeschrieben - bei Interesse bitte Textabbildungen anklicken    

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. April 1869: "Aufforderung!..."     
 
       Memmingen Israelit 05051869a.jpg (144592 Byte) Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom  5. Mai 1869: "Abfertigung!..."  

 
Suchanzeige nach Lehrer Lublin (1872)  

Memmingen Israelit 21081872.jpg (61807 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. August 1872: "Indem sich Herr A. Lublin, Religionslehrer und Musikdirektor früher in Memmingen, trotz unserer Annonce in Nr. 29 dieses Blattes nicht gemeldet, so wird er hiermit wiederholt ersucht, seinen dermaligen Aufenthaltsort dem Unterzeichneten binnen 14 Tagen bekannt zu geben. Memmingen, 14. August 1872. 
J. Guggenheimer jr., Kultusvorstand."  

 
Anzeige des Lehrers Ahron Rosenblatt in der Zeitschrift "Der Israelit", 12. Mai 1898 

Memmingen Israelit 12051898.jpg (25107 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Mai 1898: "Memmingen – Allgäu. Der Unterzeichnete, Religionslehrer an den hiesigen anerkannt guten Mittelschulen, ist bereit, Knaben, welche dieselben besuchen wollen, zu mäßigem Preis in Kost und Logis zu nehmen. Gewissenhafte Beaufsichtigung und Nachhilfe. Referenz: Ihre Ehrwürden die Herren Distrikts-Rabbiner Dr. Cohn – Ichenhausen und Dr. Cohn – Ansbach. A. Rosenblatt, Lehrer."  

 
Zum Tod der Ehefrau von Lehrer Rosenblatt (1921)  

Memmingen Israelit 06011921.jpg (72384 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Januar 1921: "Altenstadt, 31. Dezember (1921). Frau Helene Rosenblatt, Gattin des Herrn Lehrers Rosenblatt in Memmingen, wurde nach einem langen und schweren Krankenlager, ihrem Gatten, ihren Kindern, ihren Geschwistern und sonstigen Verwandten entrissen. Mit ihr ist eine treue Beraterin und Gehilfin ihres Mannes und die gewissenhafte stets besorgte Erzieherin ihrer Kinder dahingegangen. Ihr emsiges und von wahrer Frömmigkeit und echter Gottesfurcht erfülltes Wirken gestaltete ihr Heim zu einem kleinen Heiligtum auf Erden. Tief bewegt hielt Herr Distriktsrabbiner Dr. Cohn aus Ichenhausen, als Onkel der Verstorbenen, eine von Herzen zu Herzen gehende Grabpredigt, auf welche noch eine kurze Ansprache des Herrn Rabbiners Dr. Heilbrunn aus Nürnberg, eines Vetters der Entschlafenen, folgte. Ihre Seele sein eingebunden in den Bund des Lebens." 

  
Lehrer Ahron Rosenblatt tritt in den Ruhestand (1929)  

Memmingen BayrGZ 01011929.jpg (67297 Byte)Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 1. Januar 1929: "Memmingen. Nach mehr als vierzigjähriger Dienstzeit, von der er volle 32 Jahre in der hiesigen Gemeinde tätig war, scheidet infolge geschwächter Gesundheit Herr Lehrer A. Rosenblatt aus dem Amte, um sich in den wohl verdienten Ruhestand zurückzuziehen. Es fällt der Gemeinde sehr schwer, den bewährten Mann aus dem Amte scheiden zu sehen, das er all die langen Jahre in vorbildlicher Gewissenhaftigkeit, in Schule und Gotteshaus versah. Herr Rosenblatt kann mit vollstem Rechte das erhebende Bewusstsein in denn Ruhestand mitnehmen, dass sein segensreiches Wirken auf Generationen hinaus in bester und liebevollster Erinnerung bleiben wird und dass ihm die Hochschätzung und Verehrung der ganzen Gemeinde in besonderem Maße und für alle Zeit gesichert sind. Die Gemeinde wird dem Scheidenden zu geeignetem Zeitpunkte verschiedene Ehrungen zuteil werden lassen."  
  
Memmingen BayrGZ 15011929.jpg (43534 Byte)Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15. Januar 1929: "Personalien… 
Lehrer A. Rosenblatt in Memmingen tritt nach mehr als 40jähriger Dienstleistung in den dauernden Ruhestand…"

  
Zum Tod von Lehrer Ahron Rosenblatt (1930)  

Memmingen BayrGZ 15081930.jpg (9094 Byte)Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15. August 1930: "Memmingen. Nach kurzem Krankenlager starb hier der Lehrer a.D. Rosenblatt."  
 
Memmingen Israelit 28081930.jpg (148174 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. August 1930: "Memmingen, 19. August (1930). Am Sonntag, den 10. August, am 16. Aw schied der langjährige treu bewährte Lehrer und Kantor unserer Gemeinde, Herr Ahron Rosenblatt, 61 Jahre alt, von uns. 41 Jahre seines Lebens waren dem Dienst für Schule und Gotteshaus geweiht. Nach genossener Ausbildung in Burgpreppach und Würzburg wirkte Ahron Rosenblatt als Religionslehrer in den Gemeinden Strümpfelbrunn in Baden und Egenhausen bei Ansbach. Im Jahre 1896 wurde er von der Israelitischen Kultusgemeinde Memmingen zu ihrem geistigen Führer berufen. In 32jähriger von beispielloser Gewissenhaftigkeit und hingebungsvollster Berufstreue erfüllter Tätigkeit hat er mitgebaut an der Aufwärtsentwicklung unserer Gemeinde. Einer traditionserfüllten Familie entstammend, aus der altehrwürdigen Kehilloh (Gemeinde) Fürth, war er von tief religiösem Geiste beseelt. Sein ganzes Leben war beispielgebende Tat.
Die Würdigung seiner Persönlichkeit kam bei der am 12. dieses Monats stattgefundenen Beerdigung in eindrucksvollster Weise zum Ausdruck. Lehrer Liffgens schilderte in ergreifender Weise das segensreiche Leben und Wirken, die Bescheidenheit, Menschenliebe und Menschenfreundlichkeit des edlen Gatten und Familienvaters, des treuen Führers seiner Gemeinde, des väterlichen Freundes und Amtsgenossen. Auch im Namen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern und der Bezirkskonferenz Schwaben gab er der Trauer Ausdruck um den rührigen Kollegen. Der 1. Vorstand der Kultusverwaltung, Direktor Karl Gerstle, widmete dem treu bewährten Lehrer seiner Gemeinde, dem hilfsbereiten Freund jeder Familie einen aus tief bewegtem Herzen kommenden und zu Herzen dringenden Nachruf dankbarer Verehrung. Für den Bezirkslehrerverein Memmingen nahm dessen Vorsitzender in erhebenden Worten Abschied von dem teuren Kollegen und langjährigen Mitglied des Vereins. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."
   
Memmingen BayrGZ 01101930.jpg (159997 Byte)Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 1. Oktober 1930: "Ahron Rosenblatt. Mit dem Tode Ahron Rosenblatts ist wieder eine schmerzliche Lücke in die Reihen unseres Vereins gerissen (gemeint: Jüdischer Lehrerverein). Für diejenigen, die um ihn warne, kam sein Ende überraschend; war doch gerade diesesmal innerhalb der zwei Jahre seines Leidens der Ernst der kurzen Erkrankung kaum zu erkennen. Noch vor einigen Wochen hat er mit innerer Befriedigung von der Besserung seines gesundheitlichen Zustandes gesprochen und vor nicht sehr langer Zeit seiner Freunde an der ihm mit Gottes Hilfe vergönnten Teilnahme an unserer Jubelfeier Ausdruck gegeben. Diese Freude durfte er leider nicht mehr erleben. Die Vorsehung hat ihn früh - 61 Jahre alt - von uns genommen; doch waren ihm die Schmerzen eines langen Lagers erspart.
Er war vom Geiste Ahrons. Sein Leben verwirklichte die Lehre, mit der unser Gesetzeslehrer Hillel uns auffordert (hebräisch und deutsch): 'Liebe den Frieden und jage ihm nach! Liebe die Menschen und bringe sie der Gotteserkenntnis nahe!'
In 32jährigem, von beispielloser Gewissenhaftigkeit und hingebungsvollstem, aufopferndem Pflichtbewusstsein erfüllten Wirken, hat er durch seine harmonisch ausgeglichene Persönlichkeit mitgebaut an der Aufwärtsentwicklung der Kultusgemeinde Memmingen. Mit seinem gewinnenden Wesen, seinem wohlmeinenden, auf reicher Erfahrung gegründeten Rat, seinem von überzeugenden Ernst getragenen Worte hat er stets den Frieden und die Geschlossenheit der Gemeinde zu wahren verstanden. Die Menschenliebe und Menschenfreundlichkeit, seine Bescheidenheit und Einfachheit fanden die Liebe und Wertschätzung all derer, die mit ihm in Beziehung traten. Wohl kein Haus in seiner Gemeinde, dem er nciht Freund und Berater gewesen! 
Wie an der Stätte des Gebetes sein Gesang und sein Wort die Gemeinde zu Gott erhob, so hat auch sein, von tiefer Liebe zum Kind erfülltes Lehrerherz eine ganze Generation der Gotteserkenntnis nahegebracht. Ein alter Erziehungsgrundsatz sagt: 'Verba docent, exempla trahunt'. 'Worte können nur belehren, aber Beispiele reißen hin', So war sein ganzes Leben beispielgebende Tat, die anspornend und gestaltend auf die Kinderseele wirkte.
Ahron Rosenblatt - seligen Andenkens - ist von uns gegangen; doch sein Andenken wir unter uns fortlegen und uns aneifern, es ihm gleichzutun. Liffgens. 
Die Trauerrede an der Bahre Ahron Rosenblatts hielt Herr Lehrer Emil Liffgens, der Nachfolger Rosenblatts, auch im Namen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern. Der erste Vorstand der Kultusgemeinde, Direktor Karl Gerstle, widmete dem Verstorbenen ehrende Worte des Dankes und der Treue. Hauptlehrer Ree nahm als Vorsitzender des Bezirkslehrervereins Memmingen am Grabe Abschied von dem Kollegen."   

   
    
Aus dem jüdischen Gemeindeleben    

Antisemitismus in Memmingen (1900)   

Memmingen Israelit 03051900.jpg (46179 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Mai 1900: "Memmingen, 30. April (1900), In hiesiger Stadt scheint eine antisemitische Bewegung im Gange zu sein. nachdem erst vor Kurzem an verschiedenen Straßenecken der Stadt Pamphlete angeklebt waren, wurde am 18. dieses Monats um Mitternacht ein Attentat gegen die Häuser verschiedener jüdischer Familien unternommen, indem judenfeindlich gesinnte Personen die Fenster der Schlafzimmer mit Steinen bombardierten. Die israelitische Gemeinde setzte eine Belohnung von 50 Mark für Ermittlung der Täter aus. ('Augsburger Postzeitung')."  

 
Ein alter, russischer Jude wurde ausgewiesen (1911)  

Memmingen FrfIsrFambl 24111911.jpg (109761 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 24. November 1911: "Regensburg. In Memmingen war ein 88jähriger, schwerkranker Juden ausgewiesen worden und sollte - trotzdem sich damit Lebensgefahr verknüpfte - nach Russland transportiert werden. Distriktsrabbiner Dr. Meyer - Regensburg wandte sich im Namen der Menschlichkeit sofort an den Magistrat und an das Staatsministerium. Daraufhin verfügte das Ministerium unter dem 15. November wie folgt: 'Im Einverständnis mit dem Königlichen Staatsministerium der Finanzen wurde die Königliche Regierung von Schwaben und Neuburg veranlasst, mit dem Distriktrabbinate Regensburg in Verhandlungen einzutreten und von dem Vollzug der Ausweisung abzusehen, wenn binnen angemessener Frist die Unterbringung des Mannes in ein israelitisches Krankenhaus erfolgt oder die Bezahlung der Krankenhauskosten sichergestellt ist.' 
Distriktsrabbiner Meyer bittet nun um Zusendung von Spenden für diesen Fall."  

  
Ein nichtjüdischer Bäcker bekommt Schwierigkeiten wegen koscheren Backens (1915)  

Memmingen Israelit 11031915.jpg (87063 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. März 1915: "Memmingen, 6. März (1915). Ein hiesiger Bäckermeister hat für Angehörige der israelitischen Konfession nach Religionsvorschrift Weizenbrote gebacken, die nicht aus der vorgeschriebenen Mehlmischung, sondern aus reinem, ungemischtem Weizenmehl hergestellt waren. Dar Stadtmagistrat gibt nun bekannt, dass dies unzulässig ist und weitere Verfehlungen unnachsichtlich streng bestraft werden, da eine solche Ausnahmebestimmung nicht besteht. (Die Notiz entbehr zweifellos der Genauigkeit. Es handelte sich entweder um Mazzos für den vorgeschriebenen Genuss an den Sederabenden, dann könnte eine Bestrafung gemäß $ 29 Abs. 2 der Bundesratsverordnung vom 5. Januar, nicht erfolgen, oder aber es kamen lediglich gewöhnlich Mazzos für die Dauer des Festes in Betracht, in welchem Falle der vorgeschriebenen Beimischung von 30 % Roggenmehl auch vom Standpunkte des Religionsgesetzes aus nichts entgegenstand. Red.)." 

      
Erweiterung des Gebietes der jüdischen Gemeinde Memmingen (1927)  

Memmingen BayrGZ 15071927.jpg (76918 Byte)Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15. Juli 1927: "Bekanntmachung über die Erweiterung des Gebietes der Israelitischen Kultusgemeinden.... Memmingen.... Die nachstehend aufgeführten Kultusgemeinden haben beschlossen, ihr Gebiet wie folgt auszudehnen: ..... die Israelitische Kultusgemeinde Memmingen auf die Finanzbezirke Memmingen, Mindelheim, Ottobeuren und Türkheim."  

 
   
Über den Memminger Käsepogrom 1921  

Memmingen Israelit 18081921.jpg (234123 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. August 1921: "Der Käsepogrom in Memmingen. München, 14. August (1921). Als man vor kurzem in der politischen Tagespresse von einem Überfall auf einen jüdischen Milch- und Käsehändler in der bayerischen Stadt Memmingen las, da sagte sich wohl manch einer, der Mann werde schon irgendwie durch unlautere Geschäfte oder aufreizendes Benehmen sein Schicksal verschuldet haben. Wir sind heute noch nicht in der Lage, ein Zeugnis zu Gunsten oder Ungunsten des Beschuldigten abzulegen, obgleich das vom Amtsgericht gegen ihn inzwischen gefällt milde Urteil die ihm vom Memminger Volke zur Last gelegten Delikte eher widerlegt als bestätigt. Indes ersieht man aus den ausführlichen Berichten in der bayerischen Presse, um was es sich bei dem Überfall in Memmingen letzten Endes handelte. Es spielten sich vor dem Hause des jüdischen Großhändlers stürmische Szenen ab, die rein antisemitischen Charakter hatten, und sie fanden ihre Fortsetzung, nachdem der Bedrohte in Schutzhaft genommen war, auch an und in anderen jüdischen Häusern, deren Bewohner nicht das Mindeste mit Lebensmitteln zu tun haben. Es steht fest, dass R. seine Milch entsprechend den Weisungen der Landesfettstelle nach Nürnberg zu schicken hatte. Es nützte ihm nichts, dass er dies nachwies, dass er versprach, seinen Einfluss bei den Käufern zu Gunsten der Stadt geltend zu machen, es nützte auch nichts, dass der Bürgermeister begütigend eingriff und der erste Staatsanwalt, um den Bedrohten zu schützen, einen Haftbefehl gegen ihn erließ, die ‚Volksbelustigung’ kam doch zustande, die darin bestand, dass das unglückliche Opfer auf dem Wege zum Gefängnis durch die Straßen gezerrt und schwer misshandelt wurde.
Aus all dem ergibt sich: die Milch- und Käsesorge war es nicht, die die Menge in Memmingen auf die Straße vor das Haus des Juden trieb. Die Vorgänge waren gut organisiert und von langer Hand durch antisemitische Drahtzieher, die heute bis auf das letzte bayerische Dorf ihre unheilvolle Wirkung ausüben, gut vorbereitet.
Der Regierung Kahr in München, die in unerschöpflicher Toleranz in den letzten Jahren in Presse und Vortragssaal, sogar auf Katheder und Kanzel ein Kesseltreiben gegen die Juden duldet, wie man es früher in deutschen Landen kaum gekannt hat, sollte doch dieser Fall Memmingen sehr zu denken geben. - - -
München, 10. August (1921). Gegen die Anstifter und Teilnehmer an den Krawallen in Memmingen ist Strafverfahren eingeleitet worden. Nach der amtlichen Darstellung ist als treibende Kraft der Kundgebungen der Arzt Dr. Sizius anzusprechen. Nach Aussage des Stadtrats Mayrock, des Führers der christlichen Gewerkschaften, hat Dr. Sizius ihn bereits am Freitag zu bestimmen versucht, ‚endlich gegen die Juden vorzugehen’, da doch diese die meiste Schuld an der jetzigen Teuerung trügen. Mayrock hat das Ansinnen ganz entschieden zurückgewiesen und Dr. Sizius vor einem derartigen Unternehmen gewarnt, da dadurch nur die Masse auf die Straße gehetzt werde. Als Sizius sah, dass Mayrock nicht dafür zu haben war, wandte er sich an einen als linksradikal bekannten Arbeiter, offenbar mit besserem Erfolg." 
 
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom  19. August 1921: Augsburg, 13. August (1921). "Aus Memmingen wird gemeldet: Der Großhändler Wilhelm Rosenbaum wurde vom Landgericht Memmingen wegen Butter- und Mehlschiebungen sowie Wuchers zu einer Gesamtgefängnisstrafe von fünf Wochen und einer Geldstrafe von 3000 Mark verurteilt. Bekanntlich gaben diese Verfehlungen Rosenbaums den Antisemiten in Memmingen Anlass zu einer allgemeinen Judenhetze und es kam zu schweren Krawallen und Ausschreitungen gegen jüdische Geschäftsleute. In einer Eingabe der Israelitischen Kultusgemeinde Memmingen an den Stadtrat wurde das Schieber- und Wuchertum schärfstens verurteilt; aber andererseits für die rechtlich denkenden jüdischen Geschäftsleute Schutz gefordert. Der Stadtrat hat die antisemitische Hetze schärfstens verurteilt und dem Bürgermeister wurde das Recht zugesprochen, bei künftigen Krawallen Reichswehr zu Hilfe zu rufen, da die Polizei zu schwach sei, um die systematisch betriebene Judenhetze zu verhindern."     
 
Memmingen Israelit 01091921.jpg (179655 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. September 1921: "Noch ein Wort zum Memminger Käsepogrom. In unserer Korrespondenz aus München über dieses unerfreuliche Kapitel hieß es, ‚wir seien nicht in der Lage, ein Zeugnis für oder wieder den Beschuldigten abzulegen.’ Inzwischen ist ihm doch ein Zeugnis ausgestellt worden, vom Memminger Gericht selbst. Und man muss sagen: das Zeugnis ist reichlich günstig für ihn ausgefallen. Das Gericht hat ihn zwar zu einer geringen Gefängnis- und Geldstrafe verurteilt. Liest man aber das Protokoll der Verhandlungen in den bayerischen Blättern nach, so gewinnt man den Einruck, dass bei der Urteilsfällung Momente mitgespielt haben, die wir nicht weiter erörtern möchten. Von all den schweren Delikten, wie sie der Memminger Mob unter Führung der intellektuellen Akteure Herr R. ins Gesicht geschleudert hatte, war bei der Verhandlung mit keinem Worte die Rede. Was man hier dem jüdischen Kaufmann zur Last legte, war, dass er ein Quantum beschlagnahmten Mehls zwei Tage später ablieferte als es der Schutzmann holen wollte, und dass bei ihm, dem Großhändler, der von Amts wegen die Großstädte zu beliefern hatte, einige Zentner Butter gefunden wurden, von denen vermutet wird, dass sie zu Spekulationszwecken im Keller ruhten, während die Großabnehmer des Angeklagten unter ihrem Eide bestätigten, dass sie von R. stets zu billigeren Preisen bedient wurden als von jeder anderen Seite, und dass die im Keller gefundene Butter zum Versande bestimmt war, mit dem bis zum Eintreffen des Geldes gewartet wurde. Die Sachverständigen begutachteten, dass die vorgefundene Menge Butter durchaus normal sei, dass eine absichtliche Zurückhaltung nicht beabsichtigt sei und dass 90 Prozent der Händler es so gemacht hätten, wie R. vorgeworfen wird. Trotzdem kam die Verurteilung zustande.
Die reaktionäre Hetze – es fließt alles aus der gleichen Quelle – hat inzwischen noch etwas Schlimmeres gezeitigt als die ‚Volksbelustigung’ in Memmingen. Am offenen Grabe des neuesten politischen Märtyrers wird man vielleicht auch in Bayern ein wenig in sich gehen und auf eine Eindämmung der Hasswellen sinnen. Urteile von der Art, wie es eben in Memmingen gefällt wurde, werden aber kaum zur Beruhigung der Gemüter und zur Lahmlegung des Hetzwerkes beitragen." 
 
Memmingen Israelit 22091921.jpg (147122 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. September 1921: "Der Käse-Pogrom in Memmingen. Memmingen, 16. September (1921). Vor dem Memminger Volksgericht begannen die Verhandlungen wegen Landfriedensbruchs gegen den deutschvölkischen Arzt Dr. Sicius und elf Genossen. Der Eingang zum Gerichtsgebäude ist durch Gendarmerie abgesperrt, da man Unruhen befürchtet, weil der Führer der hiesigen Kommunisten, Stadtrat Mohring, mit auf der Anklagebank sitzt. Es handelt sich um die gegen Lebensmittelschieber gerichteten Krawalle, die die Antisemiten geschickt auf jüdische Geschäftsleute abzulenken verstanden. Weder Dr. Sicius noch sonst jemand weiß etwas Positives gegen Rosenbaum, das Opfer der Hetze, vorzubringen. Dr. Sicius erklärt, er habe den Juden an den Pranger stellen wollen. Die Volksstimmung sei sozusagen reif dazu gewesen, zum Mittel der Selbsthilfe zu greifen. Der Vorsitzende: ‚Sie haben zu Arbeitern, die mit Herrn Günzburger debattierten, gesagt: ‚Das ist auch so ein Kapitalist, der könnte den Arbeitern etwas hergeben.’ Auch gegen Max Guggenheimer wurde noch nachts demonstriert und versucht, die Haustür mit einem Beil zu öffnen. Das erweckt den Anschein, dass die Leute so vorgehen sollten, wie es nach Ihrem Sinne war, gegen die Juden.’ Der Angeklagte behauptet, es handele sich nicht um einen politischen, sondern um einen volkswirtschaftlichen Kampf. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob ihm von Rosenbaum mehr bekannt gewesen sei, als dass 9 Zentner Butter beschlagnahmt wurden, antwortete der Angeklagte: ‚Nein, aber in der Stadt hat man allerlei gemunkelt.’ Auch der Angeklagte Hail ergeht sich in allgemeinen Beschuldigungen. – Dr. Sicius und Hail wurden zu je einem Monat Gefängnis verurteilt, alle anderen Angeklagten frei gesprochen. 
 
Memmingen AZJ 30091921.jpg (88342 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. September 1921: "Das Urteil in dem Prozess wegen des Memminger Landfriedensbruches, verübt gegen dortige jüdische Kaufleute, ist Mitte dieses Monats vom Memminger Volksgericht verkündet worden. Es stellt lediglich den Tatbestand schweren Hausfriedensbruches gegen Dr. Sicius und Ewald Heil und des einfachen Hausfriedensbruchs gegen die beiden anderen Mitglieder des Deutsch-völkischen Schutz- und Trutzbundes fest. Die beiden Erstgenannten wurden zu einem Monat Gefängnis, die beiden anderen zu fünf Tagen Gefängnis verurteilt und allen vieren Bewährungsfrist für die gesamte Strafe bis 1. Oktober 1923 gewährt. Die übrigen Angeklagten wurden sämtlich frei gesprochen. In der Verhandlung wurde von mehreren zeugen erwähnt, dass ein dortiger Oberlandesgerichtsrat einige Zeit vorher öffentlich erklärt hätte, gegen Wucherer und Schieber müsse endlich zur Selbsthilfe gegriffen werden."

Weitere Artikel: Berichte zum Memminger Käsepogrom im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" 

Memmingen FrfIsrFambl 18081921a.jpg (385538 Byte)  
Artikel vom 11. August 1921 Artikel vom 18. August 1921  

      
      
Berichte zu einzelnen Personen in der Gemeinde    

Über den im deutsch-französischen Krieg mit dem "Eisernen Kreuz" ausgezeichneten Kaufmann Ludwig Heilbronner (1895)  

Memmingen AZJ 27091895.jpg (95924 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. September 1895: "Zum dem Kapitel 'Kriegserinnerungen' erlaube ich mir, Ihrer Aufforderung entsprechend, Sie auf ein Mitglied unserer jüdischen Gemeinde hinzuweisen, Herrn Kaufmann Ludwig Heilbronner, der im deutsch-französischen Feldzuge mit dem 'eisernen Kreuz' dekoriert wurde.   
Herr Heilbronner zog als Gefreiter im 12. bayerischen Infanterie-Regiment in Neu-Ulm in den Krieg. Er erhielt laut Schreiben des Regimentskommandos das 'eiserne Kreuz' für sein ausgezeichnetes Verhalten in der Schlacht von Sedan, wo er bei der wiederholten Erstürmung der Anhöhen zwischen La Mondelles und Balan in den vordersten Reihen kämpfte und deshalb von drei Offizieren gleichzeitig zur Dekoration vorgeschlagen wurde.   
Bei der Einnahme von Orleans wurde ihm weiteres, laut bayerischem Armee-Verordnungsblatt Nr. 65 vom Jahre 1870, wegen tapferen Verhaltens eine Belobung zuteil.  
Es dürfte ferner interessieren, dass Ludwig Heilbronner der erste jüdische, mit dem eisernen Kreuze, in diesem Feldzuge dekorierte Soldat der bayerischen Armee war, und ihm demzufolge auch, auf Grund besonderer Bestimmung des Gebers, die für einen Soldaten israelitischer Konfession ausgesetzte Gabe von 100 Gulden als Belohnung für seine verdienstvollen Leistungen und sein tapferes Verhalten während des Krieges auf Grund des Königlichen Kriegs-Ministerial-Reskripts vom 12. November 1871, zuerkannt wurde.   
Memmingen, im September (1895).   A. Gerstle."  

    
Zum Geburtstag des Gemeindevorstehers Albrecht Gerstle (1912)  

Memmingen FrfIsrFambl 26011912.jpg (23067 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 26. Januar 1912: "Memmingen. Albrecht Gerstle, Präsident der jüdischen Gemeinde und Mitglied des städtischen Gemeindekollegiums, feiert am 29. Januar seinen 70. Geburtstag."

 
Zum Tod von Kaufmann Ludwig Heilbronner (1915)  

Memmingen Israelit 07101915.jpg (139565 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Oktober 1915. "Memmingen in Bayern. Am 29. August (1915) verstarb eines der angesehensten und beliebtesten hiesigen Persönlichkeiten, Herr Ludwig Heilbronner, Mitinhaber der bekannten Tuchfirma M.L. Heilbronner. Er war der letzte der hiesigen Inhaber des Eisernen Kreuzes von 1870 und der erste bayerische jüdische Soldat, welcher damals mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde, wofür er seinerzeit eine von privater Seite ausgesetzte Ehrengabe von 100 Gulden erhielt. Das Ehrenzeichen, welches er sich für sein tapferes, mutiges und entschlossenes Vorgehen in der Schlacht bei Sedan erwarb, trug er stets mit berechtigtem Stolz, ebenso wie er sein ganzes Leben hindurch ein lebhaftes Interesse für Militär- und vaterländische Angelegenheiten bewahrte. Aber auch für alle sonstigen öffentlichen, sozialen und insbesondere jüdischen Angelegenheiten war der Verblichene in gewissenhafter und unermüdlicher Weise tätig. Der hiesigen Kultusverwaltung gehörte er seit 16 Jahren an und war er stets mit dem ihm eigenen Temperament am Platze, wo es galt, für die Interessen des Judentums einzutreten. Die Leichenhalle versammelte eine große Schar von Teilnehmern aus allen Kreisen der Bevölkerung. Herr Lehrer Rosenblatt rühmte in einem vortrefflichen Nachrufe den biederen Charakter, die einfache, schlichte und ehrliche Sinnesart und die peinlichste Gewissenhaftigkeit des Dahingeschiedenen. Der Krieger- und Veteranenverein war nahezu vollzählig mit umflorter Fahne erschienen, um dem scheidenden Kameraden das letzte Geleite zu geben. Am Grabe sprachen die Vorstände der Veteranenvereine von Memmingen und von Fellheim. Im Auftrage des zurzeit hier garnisonierenden Bataillons war eine Abordnung zum Begräbnis erschienen. Man wird dem Verstorbenen hier ein ehrendes Andenken bewahren. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."

 
Zum Tod von Wolf Rosenbaum (1900)
vgl. weiter unten Anzeigen und Dokumente zur Käserei von Wolf Rosenbaum

Memmingen Israelit 11061900.jpg (139278 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Juni 1900: "Memmingen, im Siwan (‚Die geliebten und die Lieblichen, in ihrem Leben und in ihrem Tode sind sie nicht getrennt.’) Unwillkürlich muss ich an die Klageworte Davids um den Tod Sauls und Jonathans denken, wenn ich Ihnen von dem Hinscheiden des Herrn Wolf Rosenbaum s.A. berichte, der am 26. vorigen Monats im 60. Lebensjahre, nach kaum zwei Jahren, seinem unvergesslichen Bruder Isaak in das bessere Jenseits gefolgt ist. Wer wie ich das Glück hatte, das Seelenleben dieses großen Mannes näher zu kennen, wird mit mir übereinstimmen, dass die Familie, unsere Gemeinde und das gesetzestreue Judentum durch seinen Tod einen schweren Verlust erlitten haben.
Ein würdiger Enkel des berühmten Rabbi Mendel Rosenbaum s.A. in Zell bei Würzburg, hat er stets mit strammer Hand die Fahne des orthodoxen Judentums hochgehalten, unentwegt und unter den größten Opfern alle Satzungen unserer heiligen Religion aufs Pünktlichste beobachtet und seine Kinder in streng-religiösem Sinne erzogen. Dabei war er nach allen Seiten und Richtungen überaus wohltätig, den Armen und Notleidenden ein Helfer und Jedem ein aufrichtiger Berater. Seine Gottesfurcht und Ergebenheit in den Willen des Allmächtigen zeigte sich so recht deutlich auf seinem langen und schmerzlichen Krankenlager; trotz der schrecklichsten und andauernden Schmerzen kam niemals ein Wort der Klage über seinen Mund.
Es dar daher nicht verwundern, dass die Kunde vom Tode dieses in den weitesten Kreisen beliebten und hoch angesehenen Mannes allgemeine tiefe Trauer und Teilnahme hervorgerufen hat. Von Nah und Fern waren die zahlreichen Verwandten, Freunde und Bekannten herbeigeeilt, um dem Verewigten die letzte Ehre zu erweisen. Möge Gott den tief betrübten Angehörigen lindernden Trost gewähren, und möge der gute Name, den Herr Rosenbaum hinterlassen, den Kindern ein Sporn sein, im Sinne ihres Vaters weiter zu wirken und zu handeln. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."  

    
Geburtsanzeige für Ingeborg Seligman (1928)     

Anzeige in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des "Central-Vereins") vom 21. September 1928: 
"Statt Karten! Ingeborg. Die Geburt einer gesunden Tochter zeigen hocherfreut an 
Arthur Seligman und Frau Else geb. Kaumheime
r. 
Memmingen in Bayern. Welfenstraße 3".    

   
Zum Tod von Naftali Weiß (1929)  

Altenstadt BayrGZ 15111929.jpg (121695 Byte)Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15. November 1929: "Altenstadt in Schwaben. Wenige Tage vor Rosch-Haschanah (Neujahrsfest) haben wir einem lieben Glaubensgenossen, Herrn Naftali Weiß aus Memmingen, seine dauernde Ruhestätte auf dem hiesigen Bes dom bereitet. Er hat es in reichem Maße verdient, dass seiner auch in diesem Blatte gedacht wird. Herr Weiß war hier 1859 als Sohn des damaligen israelitischen Schulverwesers Nathan Weiß geboren und hat die erste biblische Altersgrenze überschritten. Schön frühzeitig zeigte der Verstorbene sein großes Interesse für alle Anliegen der hiesigen Kultusgemeinde sowie auch der politischen Gemeinde. In verhältnismäßig jungen Jahren wurde er daher in die hiesige Kultusverwaltung gewählt (1890) und 1899 zu ihrem Vorstande bestimmt, welches Amt er bis zu seinem 1906 erfolgten Wegzuge nach Memmingen bekleidet. Sein kluger Rat wurde immer hoch geschätzt. So hatte er auf manches bedeutsame Werk maßgebenden Einfluss; es sei nur an die 1902 erfolgt Restaurierung unseres Gotteshauses und das damit verbundene 100jährige Jubiläum desselben erinnert. 22 Jahre lang war der Entschlafene Vorstand der hiesigen Chewra kadischah und erfüllte stets frohbereit die schönster aller Pflichten. Auch die Memminger Kultusgemeinde wusste bald die schätzenswerten Eigenschaft des seligen Herrn Weiß zu würdigen und übertrug ihm auf längere Zeit das Amt eines Verwaltungsmitgliedes, ebenso die Vorstandschaft der dortigen Chewra kadischa. Auch auf seinem Grabsteine wird, wenn auch unsichtbar, die Inschrift prangen: ‚Alle, die sich mit gemeindlichen Angelegenheiten beschäftigen, werden es um Gottes Willen tun! Rose, Hauptlehrer".  


Todesanzeige für Sophie Theilhaber (1935)  

Memmingen BayrGZ 01091935.jpg (42008 Byte)Anzeige in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 1. September 1935: 
"Unsere geliebte Schwester, Schwägerin und Tante 
Fräulein Sophie Theilhaber
 
ist am 1. August, nach kurzem Krankenlager, im 78. Lebensjahre, in München sanft verschieden. Die Beerdigung hat in aller Stille stattgefunden. 
Namens der Familie: Moritz und Klara Heilbronner, Memmingen."  

 
  
Anzeigen und Dokumente zu jüdischen Gewerbebetrieben  
Aus der Käserei von Wolf Rosenbaum 1866 / 1878 / 1892 / 1900 / 1903   

Memmingen Israelit 27061866.jpg (45116 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Juni 1866: "Nach vieler Anstrengung mannigfacher Versuche wegen Kaschrut im Einverständnisse mit dem Herrn Distrikts-Rabbiner Seligmann Bär Bamberger in Würzburg, ist es dem Unterzeichneten endlich gelungen, Limburger- und Schweizer Koscher-Kase in bester Qualität auf hiesigem Platze, unter eigener Leitung und Aufsicht, anfertigen zu lassen, und empfiehlt solchen an Wiederverkäufer unter Zusicherung billigster Bedienung. W. Rosenbaum in Memmingen. Auch unter Adresse M. Rosenbaum in Würzburg."       
 
Memmingen Israelit 16011878.jpg (60681 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Januar 1878: "Herr W. Rosenbaum in Memmingen (Bayern), aus Zell bei Würzburg stammend, vielen Lesern des ‚Israelit’ durch seinen vor Jahren nach Angaben des Herrn Distriktsrabbiner Bamberger in Würzburger fabrizierten Koscher-Käse bekannt, benachrichtigt die Redaktion des ‚Israelit’, dass er die Einrichtung treffen werde, um jede Woche nach allen Gegenden unverfälschte, und daher streng koschere Allgäuer Butter, die bekanntlich außerordentlich schmackhaft ist, versenden zu können und wird er über das kleinste zu versendende Quantum nebst Preiscourant demnächst in einer Annonce in diesen Blättern Mitteilung geben."  
  
Memmingen Israelit 07081878.jpg (54449 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. August 1878: "Aufseher, Lehrling und Commis gesucht. Zur Beaufsichtigung meiner Koscher-Käserei suche ich einen unverheirateten Mann, der über religiösen Lebenswandel genügende Zeugnisse aufweisen kann; ferner einen gut erzogenen Jungen aus religiösem Hause als Lehrling und einen Commis, der selbständig Korrespondenz und Buchführung besorgen kann. 
W. Rosenbaum,
Memmingen, Bayern."  
  
Memmingen Israelit 11041892.jpg (34109 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. April 1892: "Ich suche für meine Käserei auf der Alpe einen Aufseher, welcher sich über religiösen und sittlichen Lebenswandel ausweisen kann. 
W. Rosenbaum,
Memmingen." 
 
Memmingen Israelit 03051900b.jpg (38611 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Mai 1900: "Koscher - Koscher - Schweizer-, Limburger-, vollfette Romatourkäse, feinste Süßrahmbutter, empfiehlt zur geneigten Abnahme. 
W. Rosenbaum
, Memmingen, Allgäu. An größeren Plätzen werden Niederlagen gesucht."   
 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Mai 1903
"Junger Mann, der einen streng religiösen Lebenswandel nachweisen kann, als 
Schomer
(Aufseher) für meine Koscher Käserei per sofort gesucht. 
A. Rosenbaum, 
Memmingen (Allgäu)."        
 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Juli 1903
"Butter Koscher Käse. 
Eigene Molkereien. Wir versenden täglich frisch 
Feinste Süßrahm Tafelbutter. 
9 Pfd. Ballen M. 1.15 p. 1/2 Kg. 1 Pf. und 1/2 POfd.-Stücke M. 1.20 er 1/2 Kg. ab Memmingen. Wir empfehlen ferner: Feinste koschere Emmenthaler Käse. Feinste koschere Limburger Käse. Feinste koschere Alpenrahm-Camember Käse. 
Gebr. Rosenbaum, Memmingen (Allgäu). 
Referenzen: Ihre Ehrwürden Herr Distrikts-Rabbiner Dr. Cohn, Ichenhausen, Herr Distrikts-Rabbiner Nathan Bamberger, Würzburg."      
 
 Postkarte der Käserei Wolf Rosenbaum 
aus Memmingen (1895)
 
(aus der Sammlung von Peter Karl Müller,
 Kirchheim/Ries)   
Memmingen Dok 1319.jpg (236849 Byte) Memmingen Dok 1319a.jpg (294032 Byte)
Die Postkarte der Käserei Wolf Rosenbaum wurde an W. Löbenberg in Breslau am 24. Dezember 1895 verschickt. Der Text der Karte ist geschäftlicher Natur. Es geht dabei um den Verkauf von koscherem Käse nebst einem Hinweis auf hierfür zuständige Rabbiner als Referenzen.
Wolf Rosenbaum war ein Sohn des bekannten Rabbis Mendel Rosenbaum von Zell am Main. Wolf Rosenbaum und sein Bruder Isak Löb Rosenbaum ließen sich in Memmingen nieder. Auf der Seite zum jüdische Friedhof Memmingen sind die Grabsteine von Isak Löb (Jizchak Jehuda) Rosenbaum und seiner Frau Bettie (Beile) auf Fotos zu sehen.
Text der Postkarte: "Herrn W. Löbenberg, Breslau, Antoniusstraße 5  - Memmingen, 24. Dezember 1895.
In höflicher Erwiderung Ihrer werten Karte vom 22. teile Ihnen mit, daß ich koscher Schweizerkäse fabriziere, jedoch mich mit Versand von Post... nicht befasse. Das kleinste Quantum , welches ich abgebe ist mindestens ein Laib von ca. 18 - 20 kg und kostet 90.- Mark je 50 kg ab hier. Hakoscher gebe ich nicht ab, dagegen können Sie sich bei Herrn Distriktsrabbiner Dr. Kohn aus Ichenhausen, Rabbiner Bamberger in Bad Kissingen, Rabbiner Bamberger in Aschaffenburg, Dr. Bondi in Mainz erkundigen. 
Hochachtend W. Rosenbaum
."  

     
Anzeige der Schuh-, Schäfte- und Lederhandlung Hermann Kohn (1889)   

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Mai 1889: "Für meine Schuh-, Schäfte- und Lederhandlung suche ich per sofort einen Lehrling mit nötiger Schulbildung aus achtbarem Hause. 
Sabbat streng geschlossen. 
Hermann Kohn,
Memmingen in Bayern."        

 
Mitarbeiter für das Tuch- und Schnittwaren-Geschäft von Leopold Harburger gesucht (1900)  

Memmingen Israelit 28061900.jpg (41006 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Juni 1900: "Gesucht ein junger Mann, in einem Tuch- und Schnittwaren-Geschäft für Detailreisen und Comptorarbeiten in einer gut eingeführten Tour nicht unter 25 Jahren. Samstags geschlossen. 
Leopold Harburger
, Memmingen, Allgäu."   

    
      
Nachstehende Dokumente aus der Sammlung von Peter Karl Müller, Kirchheim/Ries  

Rechnung von Fa. J.B. Guggenheimer, En-gros-Lager
 Galanterie-, Kurzwaren, Knopf-, Bandwaren,
 Strickgarne, Weiß-, Woll- und Strumpfwaren, 
Papier- und Schreibmaterialien, Spielwaren 
vom 20. Juli 1900
Memmingen Dok 0910.jpg (178263 Byte)
   
Rechnung der Fa. Jacob Seeligmann, Lager in 
Kurz-, Weiss- und Wollwaren vom 26. Juli 1902 
Memmingen Dok 0908.jpg (165051 Byte)
   
Anzeige der Fa. J. Heilbronner & Guggenheimer,
 Tuch-, Manufaktur- und Seidenwarenhandlung 
en gros von 1903 
Memmingen Dok 100701.jpg (36720 Byte)
   
Zeugnis für Herrn Daniel Schwarz vom 31. März 1903
 nach der abgeschlossenen Lehrzeit in der 
Fa. J. Heilbronner & Guggenheimer
, Tuch-,
 Manufaktur- und Seidenwaren en gros 
Memmingen Dok 100701a.jpg (70127 Byte)
    
Rechnung der Fa. J.B. Guggenheimer, En-gros-Lager
 Galanterie- und Kurzwaren, Knopf-, Bandwaren,
 Strickgarne, Weiss-, Woll- und Strumpfwaren, 
Papier- und Schreibmaterialien  
vom 18. August 1906    
Memmingen Dok 100702a.jpg (41628 Byte) Memmingen Dok 100702.jpg (72503 Byte)
   
Anzeige des Kaufhauses zum goldenen Falken in
 Memmingen, Inhaber Jacob Seligman
(Anzeige 
in der "Memminger Zeitung" vom 27. Januar 1908)
Memmingen Dok 110705.jpg (79629 Byte)
   
Rechnung von Fa. Julius Gutmann, Fabrikation
 wollener Strumpfwaren (Strumpffabrik?) vom 
9. Oktober 1912 sowie (rechts) eine historische 
Karte
von Memmingen mit einem Foto der
 Strumpfwarenfabrik Julius Gutmann (vermutlich 
aus der Zeit zwischen 1915 und 1925)    
Memmingen Dok 0909.jpg (175165 Byte) Memmingen Dok 176.jpg (114267 Byte) Memmingen Dok 176a.jpg (103417 Byte)
    

    
    
    
    
Zur Geschichte der Synagogen     
   
Mittelalter. Möglicherweise wohnten die Juden im Mittelalter in der heutigen Gerbergasse, die die ehemalige Judengasse gewesen sein kann. 1407 soll ein Jude das heutige Haus Kramergasse 16 besessen haben. Eine Synagoge und einen jüdischen Friedhof kann man vermuten, jedoch liegen keine Quellen hierfür vor (abgesehen von einer indirekten Nennung eines jüdischen Friedhofes 1344). 

19./20.Jahrhundert: Zunächst hielt die Gemeinde ihre Gottesdienste in gemieteten Räumlichkeiten ab, die aber seit der Jahrhundertwende als unzulänglich beklagt wurden und den Plan zu einem Neubau reifen ließen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, einen geeigneten Bauplatz zu finden, erwarb die Gemeinde ein Anwesen am westlichen Rande der alten Stadtumwallung in einer Grünanlage gegenüber der Knabenschule (Schweizerberg, damalige "Kaiserpromenade"). Eine katholische Kirche war in der Nähe geplant. 1908/09 konnte die Synagoge gebaut werden. Die Pläne zeichnete der bekannte Frankfurter Architekt Max Seckbach. Er hatte die Vorgabe, "dass die äußere Form möglichst die Umgebung berücksichtigen" solle und sich der "bodenständigen Bauart" anpassen möge. Dadurch war die Memminger Synagoge in ihren Formen von der barocken Architektursprache geprägt. In vielen Details aber, wie etwa den halbrunden Treppenausbauten an der Westseite, zeigten sich sehr moderne Formen.  Der Entwurf Seckbachs wurde von Kultusverwaltung und dem Magistrat der Stadt gebilligt. Die Grundsteinlegung konnte bereits am 2. November 1908 - elf Monate nach dem Baubeschluss am 1. Dezember 1907 - durchgeführt werden. Die festliche Ansprache hielt der Augsburger Bezirksrabbiner. Der Memminger Bürgermeister sprach die Glückwünsche der Stadtverwaltung aus. 
    
Grundsteinlegung zur neuen Synagoge im Herbst 1908

Memmingen Israelit 12111908.jpg (36526 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. November 1908: "Memmingen, 3. November (1908). In Anwesenheit des Bürgermeisters Hofrat Scherer, des Landtagsabgeordneten Hofstätter, Vertreter der städtischen Kollegien, sowie eines zahlreichen Publikums fand gestern die feierlich Grundsteinlegung zur hiesigen neuen Synagoge statt. Die Festrede hielt Distriktsrabbiner Dr. Cohn von Ichenhausen."  

  
Die am 8. September 1909 feierlich eingeweihte Synagoge enthielt etwa 200 Plätze. Der Raum für eine Orgel war vorgesehen. 
     
Feierstunde zugunsten der jüdischen Winterhilfe in der Synagoge (1936)  

Memmingen BayrGZ 01031936.jpg (58062 Byte)Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 1. März 1936: "Jüdische Winterhilfe in Memmingen. Der Bund deutsch-jüdischer Jugend, Ortsgruppe München, veranstaltete am Sonntag, den 2. Februar, in der Synagoge in Memmingen eine Feierstunde zugunsten der jüdischen Winterhilfe. Die Veranstaltung wurde durch eine Ansprache von Herrn Laupheimer eingeleitet. Alsdann kamen einige Psalmen und hebräische Lieder zum Vortrag. Ein Sprechchor aus dem 'Jungen David' leitete zum Mittelpunkt der Veranstaltung über. Es waren dies drei dramatisierte Szenen aus dem 'Jungen David' von Beer-Hoffmann. Besondere Anerkennung verdient es, dass sich der Bund der Kleingemeinden annimmt, die sich keine kostspieligen Kultusbundveranstaltungen leisten können." 

Konzert des Chores der jüdischen Gemeinde Augsburg in der Synagoge (1937)  

Memmingen BayrGZ 01031937.jpg (100540 Byte)Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 1. März 1937. "Memmingen. Am vergangenen Sonntag hat der Chor der Gemeinde Augsburg mit seinen Solisten unter Führung von Dr. Walter Teutsch in der Synagoge zu Memmingen eine Widerholung seines Augsburger Konzertes veranstaltet, das aus der Gemeinde und benachbarten Orten sehr gut besucht war und allerbeste Aufnahme gefunden hat. Von den (aus Anlass des Augsburger Konzertes an dieser Stelle bereits besprochenen ) Leistungen der Solisten: Frau Buxbaum, Frau Marx, Frl. Lichtenauer, Herr Oberkantor Heimann und Herr Michlin waren besonders beachtenswert, dass die schönen Stimmmittel des Fräulein Lichtenauer in dem kleineren und akustisch besseren Raume zu bester Wirkung kamen. Die einheimische Pianisten Frau Alice Seligmann spielte mit schönstem Gelingen Mendelssohn, Mozart und Grieg. Für die Gemeinde Memmingen war dieser Nachbarbesuch aus Augsburg und die von herzlicher Gastlichkeit eingerahmte Veranstaltung eine dankbar und freudig begrüßte, nachahmenswerte 'Seelische Winterhilfe'. M-C."

Beim Novemberpogrom 1938 erhielt der NSDAP-Kreisleiter von Memmingen den Befehl aus Augsburg, die Juden in der Stadt festzunehmen, die Synagoge niederzubrennen und das Gemeindearchiv zu beschlagnahmen. Nachdem aus der Synagoge die Bänke und Leuchter herausgeholt, Gebetbücher und andere Ritualien abtransportiert waren, wurde unter Anleitung des NSDAP-Kreisleiters das Gebäude mit TNT-Sprengstoff gesprengt und abgebrochen. An den Arbeiten beteiligten sich viele Stadtbewohner, unter ihnen Schulkinder mit ihren Lehrern. Einige Abbrucharbeiter setzten sich die Zylinder auf, die sie in der Synagoge gefunden hatten. Das Vernichtungswerk dauerte eine ganz Woche. Für die Kosten in Höhe von 12.000 RM musste die jüdische Gemeinde aufkommen.
 
Nach 1945 wurde das Grundstück mit einem Nebengebäude der Verwaltung der Lech-Elektrizitätswerke neu bebaut. Eine Gedenkstätte wurde angelegt (siehe Fotos unten). Zu den Diskussionen in der Stadt im Blick auf eine Neugestaltung des Synagogengrundstückes seit 2008 siehe die unten stehenden Presseberichte).   
    
    
    
Fotos 
Historische Fotos: 
(Quelle: die beiden mit *) bezeichneten Fotos sind aus dem Buch von G. Römer, Schwäbische Juden S. 172; das linke Foto untere Zeile ist mehrfach veröffentlicht u.a. in The Encyclopedia of Jewish Life siehe Link beim englischen Text Bd. 2 S. 809; die Fotos der oberen Zeile Sammlung Hahn). 

Memmingen Synagoge 007.jpg (73894 Byte) Memmingen Synagoge 006.jpg (95589 Byte) Memmingen Synagoge 01.jpg (36800 Byte)
Historische Ansichtskarte mit Blick 
auf Synagoge (Mitte links) 
Ausschnitt aus der Karte links  Die Synagoge stadtauswärts gesehen; 
im Hintergrund die frühere Knabenschule 
 
     
Memmingen Synagoge 02.jpg (49152 Byte) Memmingen Synagoge 04.jpg (74301 Byte) Memmingen Synagoge 03.jpg (73188 Byte)
Die Synagoge stadteinwärts gesehen  Skizze der ehemaligen Synagoge*  Feierliche Einzug zur Einweihung der 
neuen Synagoge in Memmingen am 
8. September 1909* 
    
     
Memmingen Synagoge 13401.jpg (204799 Byte) Memmingen Synagoge 13402o.jpg (299440 Byte)  
Blick auf die Memminger Synagoge auf einer Ansichtskarte, die am 25. Juni 1916
 verschickt wurde (aus der Sammlung von Peter Karl Müller, Kirchheim/Ries)  
 

   
Fotos nach 1945/Gegenwart:  
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 23.7.2004)

Memmingen Synagoge 151.jpg (45797 Byte) Memmingen Synagoge 154.jpg (42535 Byte)   
Der Synagogenstandort war an Stelle
 des heutigen Flachbaus (vgl. historische
 Aufnahme oben mit der Schule im
 Hintergrund)  
Gedenktafel für die Synagoge    
 
 
     
Memmingen Synagoge 152.jpg (80586 Byte) Memmingen Synagoge 153.jpg (78061 Byte) Memmingen Synagoge 150.jpg (55181 Byte)
Gedenkstätte für Synagoge, jüdische Gemeinde und die in der NS-Zeit aus Memmingen
 umgekommenen Gemeindeglieder (namentliche Nennungen auf beiden Seitensteinen) 
Gegenüber dem Synagogenstandort:
 Erklärungen an einer Informationstafel 
der Stadt ("Grüner Weg" Memmingen: 
hier anklicken
 

   
    
Presseberichte zur Frage der Neugestaltung des Synagogengrundstückes (2008 - 2012)   

August 2008: Artikel von Volker Geyer in der "Allgäuer Zeitung" vom 18. August 2008:  "'Stadt soll Gebäude der LEW kaufen und abreißen'.   Stellvertretender Heimatpfleger Günther Bayer regt einen "Gedächtnis-Hain" an. 
Memmingen Das ehemalige Verwaltungsgebäude der Lechwerke AG (LEW) am Schweizerberg steht seit über einem Jahr leer. Nun stellt stellvertretender Heimatpfleger Günther Bayer folgenden Vorschlag zur Diskussion: "Die Stadt soll das Gebäude kaufen und abreißen." Auf dem Areal könnte dann ein "Gedächtnis-Hain" angelegt werden, der an die einstige Synagoge erinnert.
Sein Ansinnen begründet Bayer folgendermaßen: "Der unförmige Betonkubus an sensibler städtebaulicher Position ist den größten Memminger Bausünden zuzurechnen. Er beeinträchtigt den Blick von Westen auf die Altstadt und schiebt sich als Klotz in die südliche Platzperspektive des Schweizerbergs, wo - vom Fuggerbau aus gesehen - das Haus Zu den drei Schweizern und die Historismus-Fassade der Bismarckschule wichtige gestalterische Akzente setzen." Nach Bayers Meinung könnte anstelle des LEW-Gebäudes eine schöne Grünfläche angelegt werden, in der der Gedenkstein für die 1938 abgerissene Synagoge "würdiger und eindrucksvoller zur Geltung käme als in der Ecke des Areals. Darüber hinaus würde die westliche Altstadt-Silhouette dadurch eine neue Qualität erhalten und der einstige Grüngürtel um ein weiteres Stück freigelegt. 
"Gute Idee". "Die Idee an sich ist gut", sagt Bürgermeisterin Claudia Knoll, die derzeit den im Urlaub weilenden Oberbürgermeister vertritt. Allerdings müsste man erst einmal abklären, was die LEW mit ihrem Gebäude vor hat. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass eine Öffnung und Verschönerung des Fuggergartens im Zuge der Rossmarkt-Umgestaltung "sofort umsetzbar wäre". Indes spricht Werner Häring, Vorsitzender der SPD-Stadtratsfraktion, auf Anfrage der MZ von einem "reizvollen Vorschlag, über den man nachdenken sollte". Schließlich sei das LEW-Gebäude "nicht gerade ein Augenschmaus". Er könnte sich einen Ideenwettbewerb für Städteplaner und Landschaftsarchitekten vorstellen. "Dabei muss man freilich auch die Finanzierbarkeit des Ganzen im Auge behalten", so Häring. Auch CSU-Fraktionschef Stefan Gutermann bezeichnet Bayers Vorschlag als "interessanten Gedanken". Zumal dieser dem städtischen Konzept entspreche, Wall und Graben von Bebauung freizumachen. Mit Blick auf den Gedenkstein sagt Gutermann: "Das ist natürlich ein Ort von besonderer geschichtlicher Bedeutung." Daher müsse letztlich im Stadtrat genau überlegt werden, was dort geschehen soll." 
    
Februar 2009: Artikel von Manfred Jörg in der "Memminger Zeitung" vom 9. Februar 2009 (Artikel):  "Kaufinteressenten gefunden - Verhandlungen über Gebäude am Schweizerberg aber noch nicht abgeschlossen - Stadt sieht keinen Bedarf für das Haus
Memmingen/Augsburg.
Für das ehemalige Verwaltungsgebäude der Lechwerke AG (LEW) am Schweizerberg gibt es jetzt einen privaten Kaufinteressenten. Das hat Unternehmenssprecher Ingo Butters auf Anfrage unserer Zeitung bestätigt. Die Vertragsverhandlungen dauerten allerdings noch an. Daher könne er noch keinen Namen und auch noch keine Details zur künftigen Nutzung nennen, so Butters. Fest steht indes, dass die Stadt Memmingen das in den Jahren 1963 und 64 errichtete und seit Mai 2007 nicht mehr von der LEW genutzte Haus nicht kaufen wird. 'Wir sind an die Stadt herangetreten und haben über einen Verkauf gesprochen', erläutert Butters, 'die Gespräche haben aber kein konkretes Ergebnis erbracht.'  Das bestätigt Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger: 'Wir haben das Angebot der LEW geprüft. Aber es hat sich für uns kein Bedarf ergeben.' Daraufhin hätten die LEW ihr Gebäude und das Grundstück auf dem 'freien Markt angeboten', so Butters. Er wisse nun auch noch nicht, wer das LEW-Gebäude erwerben wolle, versichert der OB. Er hoffe jedoch, dass das Gebäude 'nicht auf ewig leer steht'. Eine bauliche Aufwertung an dieser Stelle würde er begrüßen. Damit das Gebäude weiter genutzt werden könne, müsse es aber 'bestimmt massiv umgebaut werden', ist sich der OB sicher. Stellvertretender Heimatpfleger Günther Bayer stellte im August 2008 folgenden Vorschlag zur Diskussion (wir berichteten): 'Die Stadt soll das Gebäude kaufen und abreißen. Auf dem Areal könnte ein Gedächtnis-Hain angelegt werden, der an die einstige Synagoge erinnert.'
Gedenkstein für Synagoge würdiger zur Geltung bringen. Bayer ist der Ansicht, dass der 'unförmige Betonkubus an sensibler städtebaulicher Position den größten Memminger Bausünden zuzurechnen' sei. Er beeinträchtige den Blick von Westen auf die Altstadt und schiebe sich als 'Klotz in die südliche Platzperspektive des Schweizerbergs'. Bayer regte daher an, anstelle des LEW-Gebäudes solle dort eine 'schöne Grünfläche' angelegt werden, in der der Gedenkstein für die 1938 zerstörte Synagoge 'würdiger und eindrucksvoller zur Geltung' komme als in der Ecke des aktuellen Areals. 'Die Idee an sich ist gut', sagte Bürgermeisterin Claudia Knoll im August zu Bayers Vorschlag. Auch CSU-Fraktionschef Stefan Gutermann bezeichnete ihn damals als 'interessanten Gedanken'. Und Werner Häring, Vorsitzender der SPD-Stadtratsfraktion, sprach von einem 'reizvollen Vorschlag, über den man nachdenken sollte'. 
'Kein gelungenes Stück Stadtarchitektur'. Heimatpfleger Uli Braun meint, Bayers Gedanke sei 'ehrenwert'. Auch er findet, dass das LEW-Gebäude 'kein gelungenes Stück Stadtarchitektur ist'. Dennoch ist er generell der Ansicht, dass an dieser Stelle kein Loch entstehen dürfe."  
   
September 2009: Zum 100. Jahrestag der Einweihung der Synagoge in Memmingen  
Memmingen Synagoge 378.jpg (78649 Byte)Foto links (Stadtarchiv Memmingen): Die Synagoge am Schweizerberg wurde am 8. September 1909 eingeweiht. Im November 1938 wurde sie von Nazis und deren Helfern zerstört und dem Erdboden gleich gemacht. Das Bild zeigt sie im Jahr 1910.    
Artikel von Manfred Jörg in der "Memminger Zeitung" vom 11. September 2009:  Sie wurde nicht einmal 30
Gedenken - Vor 100 Jahren fand die Einweihung der jüdischen Synagoge am Schweizerberg statt.  
Verschämt schweigen und so tun, als ob nichts gewesen wäre. Genau das wollen die Stadt und die christlichen Dekanate nicht. Deswegen veranstalten sie am Dienstag, 15.September, ab 18 Uhr in der Martinskirche eine gemeinsame Gedenkfeier. Damit soll die Erinnerung an die ehemalige Synagoge der Jüdischen Gemeinde wachgehalten werden. Diese wurde vor 100 Jahren feierlich eingeweiht und vor 71 Jahren dem Erdboden gleich gemacht (siehe auch Infokasten).
 
Nicht einmal 30 Jahre stand das jüdische Gotteshaus an der Ecke Schweizerberg/Kaisergraben. Am 2.November 1908 war der Grundstein gelegt worden, am 8.September 1909 wurde es feierlich eingeweiht. Im Zuge der sogenannten Reichskristallnacht (9. auf 10. November 1938) wurde die Synagoge im Auftrag des nationalsozialistischen Regimes wie rund 1400 andere jüdische Gebetshäuser im gesamten Deutschen Reich zerstört. Rund 29 Jahre zuvor, bei der Einweihung der Synagoge, deutete noch nichts auf die kommende Katastrophe hin. Der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Albrecht Gerstle, sagte bei der Feier am Schweizerberg: 'Auch wir Israeliten fühlen uns unter seiner glorreichen Regierung (gemeint war Prinzregent Luitpold von Bayern, Anm. d. Red.) als zufriedene, glückliche Bürger. Und mit allen Bewohnern des Landes blicken wir zum ihm empor als dem Hort der Gerechtigkeit, als Fels der Treue.' 
Historische Quellen berichteten davon, dass es am 8.September 1909 auch einen 'imposanten Festumzug' in der Stadt gegeben habe, weiß der evangelische Pfarrer Ralf Matthes, der sich mit der Geschichte der Synagoge beschäftigt hat.
Als die Nazi-Schergen in der ganzen Stadt wüteten. Nicht nur Matthes geht davon aus, dass die Anteilnahme der Memminger Bevölkerung groß gewesen ist. Auch im Alltag seien die Juden zu jener Zeit 'gut in das tägliche Leben integriert gewesen'. Das lasse sich auch in der Ausstellung des Heimatmuseums im Hermansbau über das Leben der Juden in Memmingen nachvollziehen. Keine drei Jahrzehnte später war dann alles anders: Der Historiker Paul Hoser beispielsweise berichtet in seinem Buch 'Die Geschichte der Stadt Memmingen' detailliert über die unheilvollen Ereignisse in jenen Novembertagen des Jahres 1938: Er schildert, wie die Nazi-Schergen in der gesamten Stadt in jüdischen Wohnungen und Geschäften wüteten. Doch nicht nur dort: Im Gotteshaus am Schweizerberg wurden zunächst beispielsweise Thorarollen herausgerissen und verbrannt sowie Leuchter und Bänke geplündert. Später wurde das Dach fachmännisch abgedeckt, um die Ziegel weiter für andere Zwecke verwenden zu können. Schließlich wurde der sakrale Bau gesprengt, der Schutt systematisch abgetragen. Eine ganze Woche dauerte das Vernichtungswerk. Zahlreiche Memminger Unternehmen, Bürger, ja sogar Schulklassen mit ihren Lehrern haben sich daran beteiligt. Das ist auf Fotos in der Ausstellung im Hermansbau deutlich zu sehen. In Band II der Stadtgeschichte von Paul Hoser liest man jedoch, dass auch sehr viele Bürger die 'kriminellen Handlungen' abgelehnt hätten.  
     
Mai 2010Widerstand gegen die Nutzung des Synagogengrundstückes für eine "Gasthaus-Brauerei"      
Artikel von Manfred Jörg in der "Memminger Zeitung" vom 14. Mai 2010 (Artikel): 
"Memmingen. 'Kein Prosit, wo Synagoge stand' - LEW-Gebäude - Bedenken gegen Gaststätte - Investor: Wir gehen sensibel mit dem Ort um
Auf öffentliche Kritik gestoßen ist die geplante neue Nutzung des LEW-Gebäudes am Schweizerberg, das jüngst an eine Investoren-Gruppe aus Memmingen verkauft wurde. Wie berichtet, soll dort eine 'Gasthaus-Brauerei' entstehen. Stellvertretender Heimatpfleger Günther Bayer und die Stadträte Stefan Gutermann (CSU) und Dr. Hans-Martin Steiger (SPD) haben nun ethische und moralische Bedenken geäußert. Der Grund: Es solle künftig nicht dort ausgelassen gefeiert werden, wo früher die jüdische Synagoge stand.
Josef Kurz, der federführende Investor, bekräftigt: 'Wir wissen um die Geschichte des Ortes. Und ich kann versichern: Wir werden sensibel damit umgehen.' Der Bereich um den Gedenkstein etwa soll geschützt und sogar vergrößert werden. 'Außerdem legen wir Wert auf stilvolle, gehobene Gastronomie. Bei uns werden keine Besäufnisse geduldet.' Kurz versichert: 'Wir werden uns große Mühe geben und sind offen für alle Gespräche.' In einem offenen Brief an Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger und alle Stadträte schreibt hingegen Günther Bayer: 'Ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit auf dem Gelände jüdischer Glaubenstradition? Also dort, wo 1938 die Synagoge demoliert wurde und eines der düstersten Kapitel der Stadtgeschichte seinen Anfang nahm.' Es könne nicht angehen, so Bayer, dass künftig ausgerechnet an dieser Stelle 'Gerstensaft produziert wird, der dann in einem Biergarten in durstige Kehlen fließt'. 
'An Hässlichkeit nicht zu überbieten'. Bereits vor zwei Jahren habe er bei der Stadt angeregt, so Bayer, den 'städtebaulich fragwürdigen Betonkubus des ungenutzten LEW-Anwesens' zu erwerben, abzubrechen und durch einen 'Gedächtnis-Hain' den bestehenden Grüngürtel zu erweitern. Die Stadt habe ihre 'Interesselosigkeit' damit begründet, dass sie keinen Bedarf sehe und auch die Finanzierbarkeit in Frage zu stellen sei. Zur ethischen Komponente geselle sich der städtebauliche, der ästhetische Aspekt, kritisiert Bayer. Das sieht auch Stadtrat Steiger so: 'Das bestehende LEW-Gebäude ist an Hässlichkeit nicht zu überbieten.' Bayer regt nun erneut an, das städtische Vorkaufsrecht wahrzunehmen, das Gebäude zu beseitigen und es 'im Sinne meines Gedankens' zu nutzen. Denn an dieser 'schicksalsschweren Stätte soll es nicht in Bälde heißen: Eins, zwei - gsuffa', betont Bayer. 
Bei der jüngsten Sitzung des Stadtrates äußerte Stefan Gutermann eine ähnliche Kritik. Er fragte Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger konkret: 'Waren Sie als LEW-Aufsichtsrat in die Verhandlungen mit den Investoren eingeschaltet? Und gab es Gespräche mit der Verwaltung über die künftige Nutzung?' Holzinger nahm nur kurz Stellung: Er gehe davon aus, dass zahlreiche Fragen zu klären seien, wenn der Bauwerber demnächst seine Unterlagen einreiche." 
  
August 2010: Memminger Bürger haben keine Probleme mit einer Gaststätte beim Synagogen-Gedenkstein   
Artikel (vog) in der "Memminger Zeitung" vom 23. August 2010 (Artikel): 
"Bürger für neue Gaststätte - Umfrage - Keine Einwände wegen Synagogen-Gedenksteins
Noch nie ist eine Umfrage unter unseren Lesern derart eindeutig ausgefallen. So haben sich alle Einsender für ein Lokal im ehemaligen LEW-Gebäude am Schweizerberg in Memmingen ausgesprochen. Ihrer Meinung nach passt das geplante Bräuhaus mit Gaststätte durchaus neben den Gedenkstein für die einstige Synagoge. Im Vorfeld hatten zum Beispiel die Stadträte Stefan Gutermann (CSU) und Dr. Hans-Martin Steiger (SPD) ethische und moralische Bedenken geäußert. Denn es solle künftig nicht dort ausgelassen gefeiert werden, wo das jüdische Gotteshaus stand, das von den Nazis zerstört wurde. Der Stadtrat wird nach der Sommerpause über das Projekt entscheiden.
Im Folgenden nun die Meinungen von MZ-Lesern. Aufgrund der Fülle an Zuschriften können wir leider nur einen Teil davon veröffentlichen:
'Die Memminger Bierwüste hätte eine Qualitäts-Brauereigaststätte bitter und ganz schnell nötig', schreibt Adolf Schneider aus Memmingen. Die Ottobeurer hätten es mit der Klosterhofbrauerei schon richtig vorgemacht. Zudem schlägt Schneider vor, in der neuen Gaststätte eine bebilderte Dokumentation über die einstige Synagoge einzurichten. Zugleich sollte ein Buch ausgelegt werden, auf dessen leeren Seiten die Gäste ihre Ideen für eine bessere Gestaltung des Platzes um den Gedenkstein formulieren könnten.
Mit Blick auf das Mahnmal kommt Peter Spitz der Jahrmarkt in den Sinn, der auch in unmittelbarer Nähe des Gedenksteins stattfindet. 'Ein Rummel ist bedeutend lauter als eine Gaststätte', betont der Memminger. In seinen Augen würde ein Lokal letztlich 'in keiner Weise das Andenken an die ermordeten Juden vermindern'.
Walter Müller zielt bei seinen Überlegungen ebenfalls auf den Jahrmarkt ab. Seiner Ansicht nach hätte die Schnapsbude am Jahrmarkt von dieser Stelle schon längst verbannt werden müssen, wenn man jetzt eine Gaststätte im LEW-Gebäude verbieten möchte.
'Meines Erachtens', so der Memminger, 'gibt es für dieses durch das LEW-Gebäude verschandelte Areal keine bessere Verwendung als die durch den Investor vorgesehene Form einer gehobenen Gastronomie'. Dem Gedenken an die zerstörte Synagoge und an die ermordeten Memminger Juden würde ein Lokal aus Müllers Sicht 'bestimmt nicht entgegenstehen'.
In Elke Schellers Augen ist der Bereich um den Gedenkstein 'recht trostlos'. Sie wünscht sich 'etwas mehr Leben drum herum'. Dazu könne auch ein schön gestaltetes Gasthaus beitragen.
Marion Weiss rät den Memminger Stadträten, bei ihrer anstehenden Entscheidung über das Projekt 'nicht so engstirnig, sondern flexibel zu sein'. Denn die geplante Gastronomie schaffe ja auch Arbeitsplätze. (vog)"  
 
September 2010: Das Gebäude der Synagoge wieder aufbauen?   
Artikel (vog) in der "Memminger Zeitung" vom 2. September 2010 (Artikel): "'Baut die Synagoge wieder auf'
Stadtrat - Corinna Steiger (Grüne) und Dr. Hans-Martin Steiger (SPD) gegen Gaststätte im LEW-Gebäude - Thomas Kästle (SPD) ist dafür
Bei der Diskussion über eine mögliche Brauerei-Gaststätte im LEW-Gebäude gleich neben dem Gedenkstein für die einstige Synagoge am Schweizerberg haben sich jetzt weitere Stadträte zu Wort gemeldet. So fordert etwa Corinna Steiger von den Bündnisgrünen: 'Baut die Synagoge wieder auf!'
Steiger verweist in einer Pressemitteilung darauf, dass die Synagoge 'einst ein fest integrierter Bestandteil Memmingens war', bis sie von den Nazis 1938 geschändet und zerstört wurde. 'Im Grunde müsste als Wiedergutmachung', so Steiger, 'zumindest die Synagoge an der alten Stelle wieder aufgebaut werden'. Darüber hinaus sei das jüdische Gotteshaus einst 'ein städtebauliches Juwel am Eingang zur Altstadt gewesen und Kennzeichen für religiöse Vielfalt in Memmingen'. Über einen originalgetreuen Neubau an der alten Stelle sollte laut Steiger ernsthaft nachgedacht werden. Deshalb werde sie im Stadtrat einem Bräuhaus mit angeschlossener Gaststätte in unmittelbarer Nähe des Gedenksteins 'auf keinen Fall zustimmen'.
Gegen ein Lokal im ehemaligen LEW-Gebäude ist auch Dr. Hans-Martin Steiger (SPD) - und zwar aus mehreren Gründen: Zum einen würden angesichts der Geschichte ethische und moralische Aspekte dagegen sprechen, dass neben dem Gedenkstein ausgelassen gefeiert werde. Zum anderen dürfe man die städtebauliche Komponente nicht vergessen. 'Die Stadt hat hier die einmalige Chance, ein Schlüsselgrundstück am westlichen Eingang zur Altstadt zu kaufen und den hässlichen LEW-Klotz zu beseitigen', sagt Steiger.
Errichtung eines neuen Hauses angeregt. Anschließend könnte der hintere Teil des Areals als Gedenkstätte ausgebaut und an der Straße ein neues Gebäude errichtet werden. Wie das Haus einmal aussehen und wen oder was es beherbergen soll, muss nach Steigers Meinung nicht von heute auf morgen entschieden werden.
Indes schreibt Thomas Kästle (SPD) in einer E-Mail an Stefan Gutermann (CSU), der sich aus ähnlichen Gründen wie Hans-Martin Steiger gegen eine Gaststätte ausgesprochen hat (wir berichteten): 'Dein Anliegen, das Areal aufgrund des historischen Hintergrunds nicht für ein interessantes Gastronomiekonzept zu nutzen, hätte meine volle Unterstützung, wenn zum einen die jüdische Gemeinde oder die 'Deutsch-Israelische Gesellschaft' den Anspruch auf das Gelände angemeldet hätte, um dort entweder die Synagoge wieder aufzubauen oder beispielsweise ein kleines Museum zu errichten, das das Leben der Juden in Memmingen vor und während des Dritten Reichs zeigt.' 
Darüber hinaus würde Stadtrat Kästle auf eine gastronomische Umnutzung des ehemaligen LEW-Gebäudes am Schweizerberg verzichten, 'wenn es in der Memminger Innenstadt vergleichbare Alternativen für das Barfüßerkonzept gäbe - was aus meiner Sicht nicht der Fall ist'. (vog)." 
  
September 2010: Zeitzeuge spricht sich gegen die Nutzung des Synagogengrundstückes als Brauerei-Gaststätte aus 
Artikel in der "Memminger Zeitung" vom 16. September 2010 (Artikel): "'Geschichte aufarbeiten'
LEW-Areal -
Dr. Hans Eisenmann (78) hat die Zerstörung der Synagoge miterlebt und spricht sich nun gegen die geplante Gastronomie aus
Als sechsjähriger Bub hat er mit eigenen Augen gesehen, was in jenen unseligen und dunklen Tagen im November 1938 neben seinem protestantischen Elternhaus am Kaisergraben 40 passiert ist. Noch 72 Jahre später erinnert sich Dr. Hans Eisenmann genau an die Verbrechen rund um die 'Reichskristallnacht'. Damals wurde auch die Memminger Synagoge von Nazis und ihren willfährigen Helfern zunächst geschändet und später in Schutt und Asche gelegt. 
Das grelle und blendende Licht hat der heute 78-Jährige, der in Riedering im Landkreis Rosenheim lebt, nie vergessen. Als Kind schaute er zitternd und verängstigt zu, wie auf der anderen Straßenseite, in den oberen Stockwerken der Bismarckschule große Scheinwerfer montiert wurden - damit die Täter nach Einbruch der Dunkelheit ihrem zerstörerischen Werk in der Synagoge 'gut beleuchtet' nachgehen konnten.
Im persönlichen Gespräch mit Hans Eisenmann spürt man deutlich, wie ihn die schrecklichen Kindheitserinnerungen nach wie vor innerlich aufwühlen. Er hat die Ruinen der Synagoge vor Augen, das dunkle Blau und die aufgemalten Sterne auf den Mauerresten, die Staubwolke bei der Sprengung.
Unter anderem aus diesem Grund hat sich der Ruheständler jetzt nach langem Zögern entschlossen, öffentlich das Wort zu ergreifen und sich in die seit Monaten andauernde Debatte um die künftige Nutzung des LEW-Areals einzuschalten.
'Ethisch absolut verwerflich'. Wie von unserer Zeitung vielfach berichtet, wollen Investoren neben dem früheren Synagogen-Standort einen gastronomischen Betrieb eröffnen. Das hat eine Kontroverse zwischen Gegnern und Befürwortern ausgelöst. Eisenmann spricht sich entschieden gegen die Gastronomie-Pläne aus. Zusammen mit seinen beiden erwachsenen Kindern, die mittlerweile Eigentümer der Familienvilla sind, hat er seine Bedenken auch in einem Brief an die Stadt formuliert. Darin heißt es unter anderem: 'Die Planung, auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge einen Biergarten zu errichten, ist unseres Erachtens ethisch absolut verwerflich, zudem politisch instinktlos.' 
Als Augenzeuge fordert Dr. Hans Eisenmann Respekt vor der Geschichte ein: 'Sie darf nicht verdrängt und muss aufgearbeitet werden - nicht rückwärtsgewandt, sondern mit Blick in die Zukunft, auf kommende Generationen', betont der 78-Jährige. Er kritisiert das Vorhaben am Schweizerberg aber auch aus städtebaulicher Sicht: 'Es dürfte Einigkeit darüber bestehen, dass der Betonkubus des ehemaligen LEW-Gebäudes zu den architektonisch fragwürdigsten Objekten Memmingens zu zählen ist.' Deshalb würde er einen Abriss und den Erwerb des gesamten Areals durch die Stadt begrüßen. 
Denn es gebe nach wie vor die 'große Chance', an diesem 'Eingangstor zur Altstadt' eine städtebauliche Aufwertung durch eine neue Bebauung vorzunehmen. 'Auch deswegen ergreife ich nun öffentlich das Wort: Weil ich verhindern will, dass dort etwas Falsches entsteht, das womöglich lange Zeit Bestand hat.' Eisenmann macht keinen Hehl daraus, dass er und seine Familie die vorliegenden Gastronomie-Pläne auch noch aus einem dritten Grund ablehnen: Das Ensemble der bestehenden Villen am Kaisergraben sei schützenswert und müsse auch durch die Umgebung entsprechend gestärkt werden. 'Doch wenn nun 43 Parkplätze an der Grenze zu unserem Grundstück entstehen, sinkt dessen Wert. Dass wir da dagegen sind, ist legitim', unterstreicht Dr. Hans Eisenmann."
    
Video zum Streit um die künftige Nutzung des Synagogengrundstückes aus "TVAllgäuNachrichten" - eingestellt bei youtube.com:  
  
   
August 2011: Die Neubebauung des Grundstückes der ehemaligen Synagoge erfolgt in Kürze     
Artikel von Volker Geyer in der "Memminger Zeitung" vom 9. August 2011 (Artikel): "Memmingen.
Investoren rechnen mit baldiger Baugenehmigung für Gaststätte auf Memminger LEW-Areal
Im September wohl Baubeginn

Die Planung des Projekts hat im vergangenen Jahr zu einer monatelangen Debatte unter den Memmingern geführt. Dabei schieden sich die Geister an der Frage, ob im ehemaligen LEW-Gebäude neben dem Gedenkstein für die einstige Synagoge eine Brauereigaststätte samt Hotel eingerichtet werden soll. Letztlich gab der Stadtrat im Oktober mit 28:7 Stimmen grünes Licht für das Vorhaben. Allerdings wurden bis heute keine Bauarbeiter beim einstigen LEW-Gebäude gesichtet, das eine Investorengruppe erworben hat.
Laut deren Sprecher Josef Kurz sollen die Bagger aber demnächst anrollen. 'Wir rechnen noch im August mit der Baugenehmigung', sagt Kurz auf Nachfrage der Memminger Zeitung: 'Dann können die Arbeiten im Laufe des Septembers starten.'
Nach Kurz Worten hat sich das Baugenehmigungsverfahren vor allem aus zwei Gründen längere Zeit hingezogen: Zum einen mussten Schallgutachten eingeholt werden, da ein Nachbar eine zu große Lärmbelästigung befürchtet habe. 'Nun werden wir die Parkplätze hinter dem Gebäude zum Teil in Carports anlegen', sagt Immobilienkaufmann Kurz.
Zum anderen musste aus Sicherheitsgründen ein zweites Treppenhaus eingeplant werden, 'da wir mit Blick auf den Jahrmarkt einen weiteren Fluchtweg benötigen', erklärt der Investoren-Sprecher. Nun warte man nur noch auf die Baugenehmigung.
Sobald diese erteilt sei, werde mit den Abbrucharbeiten begonnen: 'Bis auf den Turm und sieben Garagen kommt alles weg.' Danach soll ein neues Gebäude für das Restaurant entstehen und ein Biergarten angelegt werden.
In den drei Obergeschossen des Turms sind 21 Hotelzimmer geplant. 'Wir hoffen darauf', sagt Kurz, 'dass wir den Rohbau noch dieses Jahr fertigstellen können'. Die Investitionskosten gibt er mit rund 3,2 Millionen Euro an.
Im Zuge der Umbauarbeiten möchte die Stadt die Fläche um den Gedenkstein für die ermordeten Memminger Juden von derzeit fünf auf etwa 180 Quadratmeter vergrößern.
Dabei soll unter anderem der Gedenkstein weg von der Straße weiter in das Gelände dahinter versetzt werden. Zudem ist geplant, die Gedenkstätte mit einer Wand vom künftigen Biergarten abzugrenzen. 
Moralische Bedenken. Hintergrund sind Bedenken der Gegner des Gastronomie-Projekts. Diese hatten im Vorfeld der entscheidenden Stadtratssitzung im vergangenen Oktober immer wieder betont, dass eine Gaststätte neben dem einstigen Standort der 1938 von den Nazis zerstörten Synagoge aus moralischen Gründen nicht tragbar sei.
Wann die Kommune mit der Errichtung der angedachten Parkanlage beginnt, steht laut Ulrich Wagner vom Stadtplanungsamt aber noch nicht fest. Schließlich müssten die Stadträte über deren Gestaltung noch beraten und entscheiden."  
  
November 2011: Gedenkstunde für Opfer der Nationalsozialisten in Memmingen 
Artikel in der Memminger Zeitung vom 11. November 2011: "Gedenkstunde für Opfer der Nationalsozialisten in Memmingen
Nach Worten suchen. Sich mit der Sprache vorsichtig voran tasten. Begriffe für das Unfassbare finden. Damit die Pogromnacht am 9. November 1938 niemals in Vergessenheit gerät. Aus diesem Grund haben sich an diesem Abend rund 200 Menschen beim Gedenkstein am Schweizerberg versammelt. An dem Ort also, wo bis zu jenen düsteren Novembertragen vor 73 Jahren die jüdische Synagoge stand. Bis sie von den Nazis zunächst geschändet und anschließend gesprengt wurde..."    
Link zum Artikel      
 
Sommer 2012: Neue Bebauung des Synagogengrundstückes  
Memmingen Synagogengrundstueck 2012a.jpg (141251 Byte)Die aktuelle Entwicklung zur Gestaltung des Synagogengrundstückes kann einer Seite des Jüdisch Historischen Vereines Augsburg entnommen werden: https://jhva.wordpress.com/tag/gaming/ 
Im Zusammenhang mit der Neugestaltung des Synagogengrundstückes wurde das bisherige Denkmal komplett demontiert. Es soll wieder neu aufgestellt werden.     
 

    
   
   

Links und Literatur

Links:   

Website der Stadt Memmingen  
Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Memmingen (interner Link)  
Informationen über die im Jahr 2000 im Stadtmuseum Memmingen eingerichtete Abteilung "Jüdisches Leben in Memmingen 1862-1945"; hier befindet sich auch die Urkunde zur Grundsteinlegung der Synagoge.  
Ausstellung über die jüdische Familie Gerstle in Memmingen, insbesondere über Albrecht Gerstle (1842-1921)

Literatur:

Germania Judaica II,2 S. 534-535; III,2 S. 858-860.

Julius Miedel: Die Juden in Memmingen: aus Anlass der Einweihung der Memminger Synagoge verfasst.  Memmingen 1909.

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979 S. 480-483.  

Michael Trüger: Der jüdische Friedhof in Memmingen / Schwaben. In:  Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern. 16. Jahrgang Nr. 85 vom April 2001 S. 17.

Gernot Römer: Die Austreibung der Juden aus Schwaben. Schicksale nach 1933 in Berichten, Dokumenten, Zahlen und Bildern. Augsburg 1987.

ders.: Der Leidensweg der Juden in Schwaben. Schicksale von 1933-1945 in berichten, Dokumenten und Zahlen. Augsburg 1983.

ders.: Schwäbische Juden. Leben und Leistungen aus zwei Jahrhunderten. Augsburg 1990.

Synagogengedenkbuch BY 01.jpg (49758 Byte)"Mehr als Steine...." Synagogen-Gedenkband Bayern. Band I: Oberfranken - Oberpfalz - Niederbayern - Oberbayern - Schwaben. Erarbeitet von Barbara Eberhardt und Angela Hager. Hg. von Wolfgang Kraus, Berndt Hamm und Meier Schwarz. Reihe: Gedenkbuch der Synagogen in Deutschen. Begründet und herausgegeben von Meier Schwarz. Synagogue Memorial Jerusalem. Bd. 3: Bayern. Kunstverlag Josef Fink Lindenberg im Allgäu
ISBN 978-3-98870-411-3.
Abschnitt zu Memmingen S. 504-510 (die Forschungsergebnisse konnten auf dieser Seite von "Alemannia Judaica"  noch nicht eingearbeitet werden).

    
     


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Memmingen  Swabia. Jews are first mentioned in he second half of the 13th century. The community was destroyed in the Black Death persecution of 1348-49 when the Jews were burned alive. Jews returned later in the century but by the end of the 15th century none remained. 
Only with the Bavarian annexation of 1802 were restrictions lifted on the presence of Jews for purposes of trade and only in 1862 was permament residence permitted. Jews contributed significantly to the economic development of the city, opening factories (knitted goods, aluminum, cheese) and dominating the horse and cattle trade. The Jewish population grew to 203 (total 9,600) in 1890. In 1933, 161 Jews remained. In 1933-38, 47 Jews left, 25 of them emigrating. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue was wrecked with the participation of local schoolchildren and 23 Jewish homes were destroyed. A number of Jews were also sent to the Dachau concentration camp. In summer 1940, the remaining Jews were ghettoized in five homes (later reduced to two apartments). Another 57 left in 1939-41, with 42 emigrating from Germany. The community was liquidated in 1942: 22 Jews were deported to Piaski (Poland) on 3 April after being held at the Milbertshofen camp near Munich and at least 12 others were sent to the Theresienstadt ghetto. By 1947, 125 Jews, mostly concentration camp survivors, hat gathered in the city; most emigrated soon after.     
   
     

                   
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Stand: 28. Februar 2014