Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


Eingangsseite

Aktuelle Informationen

Jahrestagungen von Alemannia Judaica

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft

Jüdische Friedhöfe 

(Frühere und bestehende) Synagogen

Übersicht: Jüdische Kulturdenkmale in der Region

Bestehende jüdische Gemeinden in der Region

Jüdische Museen

FORSCHUNGS-
PROJEKTE

Literatur und Presseartikel

Adressliste

Digitale Postkarten

Links

 


zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"  
zurück zur Übersicht "Synagogen in Hessen" 
Zur Übersicht "Synagogen im Kreis Kassel"    
    

Niedermeiser mit Liebenau (Stadt Liebenau / Hessen, Kreis Kassel) 
und Eberschütz (Stadt Trendelburg, Kreis Kassel)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Erinnerungen an das jüdische Leben in Niedermeiser von Louis Rosenthal (Serie von 1915) 
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde    
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Einzelpersonen         
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen   
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde            
    
In Niedermeiser bestand eine jüdische Gemeinde bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Zur Gemeinde gehörten auch die in Liebenau, Eberschütz sowie zeitweise die in Sielen lebenden jüdischen Personen. Mitte des 18. Jahrhunderts werden erstmals Juden in Niedermeiser genannt: die "Schutzjuden"  Abraham Seligmann, Moses Kaz und Moses Koppel mit ihren Familien (genannt in der "Hessischen Judenspezifikation" von 1744). Nach der Steuertabelle von 1737 hatte Moses Katz ein Haus mit Garten und einem Acker, ein Pferd, 26 Kühe, 80 Schafe und 40 Enten. Auch Abraham Seligmann war relativ wohlhabend und lebte in einem eigenen Haus.    

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: in Niedermeiser 1835 23 jüdische Einwohner (in drei Familien Rosenberg und zwei Familien Rosenthal), 1847 58 (in sieben Familien Rosenberg, zwei Familien Rosenthal und einer Familie Katz), 1861 77 (in zehn Familien Rosenberg, zwei Familien Rosenthal und einer Familie Katz), 1905 14; in Liebenau 1835 36 jüdische Einwohner, 1861 39, 1905 17; in Eberschütz 1835 15 jüdische Einwohner, 1861 28, 1905 13.  
   
Nach 1870 verzogen die meisten jüdischen Familien aus Niedermeiser in die Städte. So zogen die Familien Joseph Rosenberg, Levin Rosenberg und Mathias Rosenberg nach Kassel, Familie Selig Rosenberg nach Witten. 
  
An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (zeitweise sogar eine private israelitische Elementarschule, an der von 1842 bis 1875 Lehrer Sandel Katz aus Guxhagen unterrichtete (wird mehrfach genannt in den Kindheitserinnerungen von Louis Rosenthal, s.u.); er unterrichtete auch die jüdischen Kinder in Liebenau und Ostheim), ein rituelles Bad und zwei jüdische Friedhöfe (in Niedermeiser wie auch in Liebenau). Die in Eberschütz gestorbenen Personen wurden im jüdischen Friedhof in Sielen beigesetzt. In den 1920er-Jahren wurden die wenigen jüdischen Kinder in Niedermeiser und Liebenau durch den Lehrer aus Meimbressen unterrichtet. Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Niederhessen mit Sitz in Kassel. 
  
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde: Willy Löwenstein (geb. 7.12.1898 in Liebenau, gef. 24.4.1918) und Samuel Mathias (geb. 19.2.1884 in Liebenau, gef. 5.9.1914).          
   
Um 1925 lebte nur noch eine jüdische Familie (Rosenberg) in Niedermeiser (bereits 1911 schrieb Louis Rosenthal s.u.: "Mit Ausnahme des jüngsten Enkels der alten Schimmesche, der mit seiner Schwester noch im väterlichen Hause wohnte, waren keine Juden mehr in Niedermeiser"; bis 1939 war Julius Rosenberg als letztes Mitglied der Familie am Ort. Er verzog nach Warburg in Westfalen, wo er 1942 starb und dort beigesetzt wurde. In Liebenau lebten um 1925 wie auch 1933 noch 12 jüdische Personen. Auch sie verließen bis 1939 die Stadt. 

Von den in Niedermeiser geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Hedwig Rosenberg (1869), Sally Rosenberg (1864), Malchen Spier geb. Rosenberg (1861), Rosa Wihl geb. Rosenberg (1863).  
     
Eberschuetz Hofgeismar Museum 100.jpg (43368 Byte)Von den in Eberschütz geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind nach den Angaben im Stadtmuseum Hofgeismar (Gedenktafel links) in der NS-Zeit umgekommen: Moritz (Moses) Blankenberg (1872), Sally Blankenberg (1866), Henriette Feist geb. Blankenberg (1861), Karoline (Lina) Goldschmidt geb. Blankenberg (1868), Kathinka (Käte) Katz (1888), Paula Katz (1896), Salomon Katz (1890), Berta Kaufmann geb. Blankenberg (1865). 
       
Liebenau Hofgeismar Museum 100.jpg (41764 Byte)Von den in Liebenau geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind nach den Angaben im Stadtmuseum Hofgeismar (Gedenktafel links) in der NS-Zeit umgekommen: Elise Darmstädter geb. Katzenstein (1867), Jenny Löwenstein geb. Rose (1880), Siegfried Mathias (1881), Julie Schieren geb. Judenberg (1888). 
Es kommt allerdings immer wieder zu Verwechslungen u.a. mit Liebenau in Niedersachsen und dem westpreußischen Liebenau (Gostoczyn). Nach Angaben des Gedenkbuches des Bundesarchivs (eingesehen 15.9.2017) stammen Elise Darmstädter geb. Katzenstein (1867) und Jenny Löwenstein geb. Rose (1880) aus dem niedersächsischen Liebenau. 
Aus dem hessischen Liebenau an der Diemel stammen nach dem Gedenkbuch: Siegfried Mathias (1881), Julie Salm geb. Judenberg (1888; vgl. Familienname oben bei Julie Schieren, unklar), Dina Speyer geb. Wittgenstein (1863), Mathilde Wolff geb. Neuwahl (1856). Auch Lina Jacobi geb. Mathias (1876) wird aus dem hessischen Liebenau stammen, im Gedenkbuch steht Liebenau ohne nähere Angabe; falls der Nachweis für Siegfried Mathias korrekt ist, ergibt sich die Vermutung durch denselben Familiennamen. 
Unklar die Angaben bei Hermann Heinemann (nach Gedenkbuch geb. 1870 in Liebenau a.d. Diemel) und Moses Max Heinemann (geb. 1872 im niedersächsischen Liebenau). 

      
      
      
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
  
Erinnerungen an das jüdische Leben in Niedermeiser von Louis Rosenthal (Serie von 1915)    
Anmerkung: Louis (Levi) Rosenthal ist am 25. August 1846 in Niedermeiser als Sohn des Kaufmanns und späteren Ölmühlenbesitzers Israel Katz Rosenthal geboren; er starb am 20. März 1921 in Basel und wurde im dortigen jüdischen Friedhof beigesetzt. Er war nach dem Studium in Kassel als Bergingenieur tätig. Lehrer Löwenthal (Meimbressen) schrieb 1927 (siehe unten): "Rosenthals Name hatte überall, nicht nur in seiner engeren Heimat, einen guten Klang. Er war von Beruf Bergingenieur und galt als einer der bedeutendsten Kenner auf dem Gebiet des Bergbaues und hat zahlreiche Bergwerke in Deutschland sowohl als auch im Auslande nachgewiesen, unter anderem auch das am Habichtswald, auch die unterirdische Fortsetzung der Saarbrückener Steinkohlenablagerung. Ihm war von der bayerischen Regierung seinerzeit der Posten eines Direktors des fiskalischen Steinkohlenbergwerks Bexbach angeboten. Rosenthal nahm jedoch das Angebot nicht an, weil eine damit verbundene Bedingung zu erfüllen ihm unehrenhaft erschien. Dass sich Rosenthal auch als Schriftsteller betätigt hat, ist ja bekannt."
Neben wissenschaftlichen Untersuchungen (u.a. über "Die metamorphisierende Einwirkung der Basalte auf die Braunkohlenlager bei Cassel" [1893] oder "Die tertären Ablagerungen bei Kassel und ihre durch Basaltdurchbrüche veredelten Braunkohlenflöze [1895] liegen von Rosenthal persönliche Erinnerungen vor: 
1913 erschien: Von der Sonnenseite des Lebens; humorige Fahrten, Gestalten und Erinnerungen. Verlag G. Müller-Mann Leipzig 1913. 
1921 erschien: Ernstes und Heiteres aus dem jüdischen Leben. Erinnerungen, Erzählungen, Kulturbilder und Humoresken. Verlag Gustav Engel Leipzig 1921 (das Buch ist immer wieder antiquarisch erhältlich).    

Niedermeiser FrfIsrFambl 28051915.jpg (525871 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 28. Mai 1915: "Erinnerungen aus den Tagen meiner Kindheit. Vom Bergingenieur L. Rosenthal (Basel). 
Wenn man von Kassel aus auf der sogenannten 'Holländischen Chaussee' gen Norden wandert, so passiert man sehr bald die fränkisch-niedersächsische Sprachgrenze und erreicht nach etwa 4 Stunden das liebliche Tal der Warme. Bei dem Dörfchen Obermeiser zweigt eine Nebenstraße rechts ab, die nach dem nur 2 Kilometer entfernten Niedermeiser führt. Dort bin ich geboren, dort verlebte ich meine frühesten Jugendtage, aus denen ich nun dieses und jenes herausgreifen und schildern will.    
Man sieht das Dorf erst, wenn die Straße den langgestreckten Hügelrücken erstiegen hat, der es bis dahin den Blicken verbarg. Dann liegt es aber auch dicht vor einem mit seinen roten, von Obstbäumen umgebenen Dächern, seinem spitzen Kirchturm und den vielen Gärten. Eine weite Aussicht hat sich geöffnet. Bis zu ihrer Mündung in die Diemel schweift der Blick den Krümmungen der Warme entlang; rechts und links, in mannigfacher Abwechslung, bewaldete Hügel, vielfarbige Felder, gründe Wiesen und ganz im Hintergrunde die hellen Muschelkalkwände, die das linksseitige Gehänge des Diemeltales bilden.
Aber ein noch weit reizvolleres Landschaftsbild zeigt sich, wenn wir uns umkehren und nach der Richtung, von wo wir gekommen sind, blicken. Da blaut im Süden das gewaltige Massiv des kahlen Dörnberges, das durch die scharf gerissenen Basaltklippen, die es flankieren, ein förmlich alpines Gepräge erhält. Daneben links verdämmern die Linie des Habichtwaldes, aus dem wie ein Riesenfinger die 596 Meter hohe Pyramide des 'Herkules' gen Himmel zeigt. Von rechts grüßen die hohen, waldigen Kuppen der Gudenberge, des Escheberges und noch näher der Malsberg, welche der Sage nach schon Karl der Große besucht haben soll. Alles in allem ein Stückchen Erde, das selbst verwöhnten Reisenden gefallen dürfte.   
Die malerischste Erhebung aber liegt da ganz nahe im Nordosten; sie heißt 'der Rosenberg', und ihr weit ins Land schauender, waldbedeckter Kegel darf als das Wahrzeichen von Niedermeiser gelten. 
Alle diese Kegel, Kuppen und Dome sind Basaltberge, die sich durch ihre kühnen, energischen Profile wesentlich von den sanft geschwungenen Linien der sedimentären Basis unterscheiden. Als feurig-flüssige Laven durchbrachen sie diese, türmten sich über sie empor und bildeten bei ihrer Erstarrung jene oft wunderbar regelmäßigen Säulenabsonderungen, wie sie so häufig in Hessen vorkommen. Viele derselben werden in Steinbrüchen ausgebeutet, aber zum Glück hat sich der Naturschutz ihrer in neuerer Zeit angenommen, sodass die schönsten Schaustücke vor der gänzlichen Vernichtung bewahrt bleiben dürften.
Doch ich will nicht abschweifen. Also – ad rem. 
Mein Vater Israel Katz Rosenthal war nächst dem Großgrundbesitzer Neutze der wohlhabendste Mann im Dorfe, was er wohl in erster Linie seiner weit und breit bekannten Rechtschaffenheit zu danken hatte. Wir besaßen ein Manufaktur- und Eisenwarengeschäft, wozu, von 1854 an, noch eine große 'Ökonomie' mit viel Land, Pferden, Kühen und Schafen kam, welche der Vater von den Erben des Vorbesitzers käuflich erworben hatte. Dieses Besitztum lag für sich allein, im Westen des Dorfes. Es hieß: 'Die Olechmühle' (Ölmühle), weil eine solche den ganzen mittleren Gebäudekomplex einnahm; sie wurde, von uns umgebaut und mit modernen Einrichtungen versehen, zum Hauptgeschäft, da meine beiden älteren Brüder sich darauf verlegten, einen schwunghaften Handel mit Öl und Ölkuchen nach Holland zu betreiben, zu welchem Zwecke sie sogar die Produkte der Mühlen aus der näheren und ferneren Umgegend ankauften. 
Wir übersiedelten natürlich aus dem alten Hause 'auf dem Ueber' in die Mühle, die mit ihren großen Baum- und Gemüsegärten ihrem sich lustig drehenden Rad, vom rauschenden Forellenbach getrieben, mir gar wohlgefiel. 
Die israelitische Gemeinde war nur klein, - sie zählte im ganzen zwölf Familien, von denen zehn den Namen Rosenberg (wohl nach dem vorhin besprochenen Berg) führten, während mein Vater und sein Bruder Meier sich im Gegensatz dazu Rosenthal nannte. Mit Ausnahme des Lehrers Sandel Katz, der aus Guxhagen an der Fulda stammte, gab es in der jüdischen Gemeinde des Dorfes also nur Rosenberge und Rosenthäler. Trotzdem duftete es in der kleinen meist wohlgefüllten Synagoge oder der 'Schule', wie sie überwiegend genannt wurde, nicht nach Rosen. Doch so einmal im Jahre erfüllt tatsächlich köstliches Blumenaroma den festlich geschmückten Raum. Das war zu 'Schewuoth'. Noch heute, wenn ich den wunderbaren Geruch von Flieder und Maiglöckchen einatme, ersteht vor mir das Bild der mit den Kindern Floras so reich ausgestatteten 'Schul' in Niedermeiser. 
Nicht minder entzückend war aber auch der Duft der verschiedenen Kuchen, die meine liebe Mütter zu diesen hohen Festtagen zu backen pflegte. 
Meine Mutter – in tiefster, treuester Sohnesliebe denke ich ihrer. So lange ich noch auf Erden wandele, werde ich nicht vergessen, was sie mir gewesen ist, diese herrliche Frau. Ausgestattet mit allen Tugenden, mit allen Vorzügen des Geistes und eines echt jüdischen Herzens, lebt ihr Bild in meiner Seele fort, für und für. Unermüdlich im Wohltun, aufopfernd für ihre Kinder, nichts für sich selbst, dabei arbeitsam, sparsam, bescheiden, kurz, es ist mir nie wieder im Leben eine Frau von so hohen Charaktereigenschaften begegnet. Ihr Andenken sei gesegnet. 
Der Lehrer Katz war ein Prachtmensch, - immer guter Laune, gefällig und herzensbrav. Von allen, die mich später unterrichtet und auf die Bahn des Wissens gebracht haben, ist er mir der liebste geblieben. Er hatte nur ein geringes Bareinkommen, aber die großen Gartengrundstücke, die zum Schulhause gehörten und von seinem fleißigen Frauchen bewirtschaftet wurden sowie die reichlich bemessenen Naturalgaben, die man zu Simchas Thora 'schnoderte', glichen das wieder aus, Alles war ja zu jener Zeit noch so billig. Um nur eins anzuführen: ein Pfund bestes Rindfleisch kostete 'Zweigutegroschen', also nach unserem heutigen Gelde, sage und schreibe, fünfundzwanzig Pfennige. Wie oft bin ich nicht im Auftrage der lieben Mutter nach dem Kreisstädtchen Hofgeismar gewandert, um beim Metzger Bärche Regensberg zehn Pfund Fleisch zu holen. Hatte ich den mir mitgegebenen Taler erlegt, dann packte der Bärche es mir in die ebenfalls mitgebrachte Serviette, trug mir einen schönen Gruß für die Mutter auf, und ich trollte mich wieder davon. Das Fleischpaket, an den Wanderstecken gehängt, baumelte abwechselnd bald über die rechte, bald über die linke Achsel, denn es drückte doch schmählich, und ich war immer froh, wenn ich 'die Ware' (Warte), den höchsten Punkt der Landstraße, erreicht hatte, und es nun abwärts den heimischen Penaten zuging. Vorher aber rastete ich an dieser aussichtsreichen Stelle ein wenig. Es war gar zu schön da, auch sah man den sonst so wenig sichtbaren, fast mathematisch genauen Basaltberg des 'Diesenberges' mit der gleichnamigen Burgruine auf seiner Spitze, die für mich stets so viel Anziehendes und Geheimnisvolles hatte. 
Ein fröhliches, gemütliches Leben herrschte damals in Niedermeiser. Die mit vielen Söhnen und Töchtern gesegneten Familien lebten untereinander in schönster Harmonie. An den Schabbesnachmittagen belegten die jungen Leute in ihren bunten Festkleidern die Dorfstraßen und nächsten Umgebungen. Die männlichen Sprossen führen fast alle den Vornamen Simon, und um sie voneinander zu unterscheiden, musste man immer den Namen des betreffenden Vaters mitnennen, z.B. Daniels Simon, Josefs Simon, Jeremias Simon etc. Sie hießen so nach ihrem Großvater, 'dem alten Schimmen', der als Lieferant der napoleonischen Truppen über zwanzigtausend Taler zusammengebracht hatte, ein nach den Begriffen der damaligen Zeit sehr bedeutendes Vermögen. Da er aber zwölf Söhne sein eigen nannte, kam auf jeden doch nicht viel. 
Unter dem weiblichen Teil des Jungvolkes, der Schönchen, Blümchen, Goldchen, Täubchen, Bräunchen, Röschen, Edelchen und wie die Kosenamen sonst lauteten, gab es manch reizende Mädchengestalt. Nur über die Bedeutung von: Peßchen, Fratchen, Kleichen, Beilchen und manch anderer wunderlicher Frauennamen, bin ich mir nie klar geworden. 
Auch der 'Großmutter' dieser Schar, der alten 'Schimmesche', der Witwe des oben erwähnten Armeelieferanten, will ich bei dieser Gelegenheit gedenken. Das war eine von der Last der Jahre gebeugte Greisin, die jahraus, jahrein in ihrem altmodisch eingerichteten Stübchen saß, von wo aus sie die Dorfstraße und den etwas höher gelegenen Kirchplatz mit seinen vielhundertjährigen 
Niedermeiser FrfIsrFambl 28051915a.jpg (45378 Byte)Linden sehen konnte. War der sabbatliche Gottesdienst vorüber, dann stiegen ihre jüngeren Enkel, Knaben und Mädchen, die wackelige Holztreppe zu ihr, um sich 'benschen' zu lassen. Auch ich wurde dabei nicht übergangen, obwohl ich in keiner Weise mit ihr verwandt war, und wenn sie mir ihre welken, runzeligen Hände aufs Haupt legte, war es mir immer, als ob ihr Segen für mich von besonderer Kraft sei. Dann kramte sie in ihrer alten, mit beweglichen Messinggriffen versehenen Kommode, aus der sie allerlei süßes Naschwerk zu Tage förderte und unter uns Kinder verteile, besonders ihre 'Knappkuchen', die sie selbst herstellte, waren von unerreichter Güte."    
 
Niedermeiser FrfIsrFambl 04061915.jpg (347878 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 4. Juni 1915: "Sie hat noch lange gelebt, die gute Alte, denn als ich um Frühling 1869 nach Südamerika zurückkehrte, war sie gerade gestorben. So konnte ich ihr noch das letzte Geleit 'zum guten Ort' geben und eine Handvoll Erde ins Grab werfen. 
Zu meinen frühesten Erinnerungen gehört der Einmarsch der 'Strafbayern' im Spätherbst 1850. Der etwas sehr despotische Kurfürst Friedrich Wilhelm I. suchte die Verfassung von 1831 und noch mehr die Reformen von 1848 zu beseitigen, stieß aber bei dem Volk und seinen Vertretern, den Landständen, auf solchen Widerstand, dass er die Intervention des Bundestages anrief und 25.000 Mann bayerische und österreichische Exekutionstruppen in Kurhessen einrücken ließ, um 'die Bürger mürbe zu machen'. Denn diese hatten schließlich die Zahlung der Steuern geweigert. Wir bekamen auch 12 Mann ins Haus gelegt. Genau erinnere ich mich noch der Uniform mit den glänzenden Knöpfen und den nicht minder glänzenden Waffen, die an den Wänden unserer geräumigen Wohnstube hingen. Auch dass mich der Tambour Stützer oft auf seine Schultern setzte und herumtrug, einmal mich sogar in die Spinnstube mitnahm, weiß ich noch. 
Die Krieger taten ihr Bestes. Meine Mutter hat es uns oft erzählt, wie sie, gleich nach Ankunft der schlimmen Gäste, den großen Waschkessel in der Küche mit Fleisch, Gemüse und Kartoffeln füllte, auch die Rauchkammer, wo das Dörrfleisch, die guten Würste und die noch schützenswerteren Gänseschinken hingen, nicht schonte und – was eine Hauptsache für die Bajuvaren – von dem Wirt Thöne auf dem Hübbel ein stattliches Fäßlein Bier holen ließ. Um 5 Uhr konnten sich die Tapferen hu Tische setzen, und eingedenk ihrer Mission hieben sie auch mit solcher Energie und Ausdauer ein, dass bald tabula rasa gemacht und im Fäßlein ebenfalls kein Tropfen mehr zu finden war. 
Die Mutter saß gerade in der Küche und sorgte sich für den Speisezettel des folgenden Tages. Da trat der wohlbeleibte Unteroffizier der Mannscbaft mit rotem, schwitzendem Gesichte und aufgeknöpfter Weste vor sie hin und frug mit ungeheuer freundlichem Lächeln 
'Na Madamche – was esse mer denn z'Oweb?' 
'So good hadde ick et ni as ick bi de Soldaten was', sagte 'der alte Hanfranz', unser Nachbar. Der war mit der großen Armee anno 1812 nach Russland gezogen und dabei gewesen, wie es ihr bei dem Brande von Moskau zu heiß und bei der großen Retirade durch die verschneiten Wälder und Steppe zu kalt geworden war. Zu Fuß hin und her, die ungeheure Strecke. In schmucker Uniform war er abmarschiert, und in einem alten Weiberrock kam er zurück. Wenn er in seiner schlichten Art von dem grausigen Übergang über die Beresina erzählte, konnte man eine Stecknadel auf den Boden fallen hören, so stille war's. Wie oft habe ich nicht seinen Geschichten gelauscht, in dem ärmlichen Stübchen mit dem Lehmboden, und den kleinen grünlichen, in Blei gefassten Fensterscheiden, die hie und da durch ein Stück steifes Papier ersetzt waren. Im Kachelofen brieten Kartoffeln, und wenn zuweilen eine den bekannten, feinen, singenden Ton hören ließ oder platzte, konnte es gar heimlich sein bei dem alten Hanfranz. Aber er war auch abergläubisch und erzählte oft Spukgeschichten, die mir so auf die Nerven gingen, dass ich später beim Zubettgehen die Decke über den Kopf zog, um ja nichts mehr zu hören und zu sehen. 
Von den Söhnen des Alten diente der älteste bei uns als Knecht. Auch sein etwas jüngerer Bruder wurde viel von uns beschäftigt. Die Tochter versah von Freitag an den Dienst als 'Schabbesgoie'. In dem Knecht stak aber das Soldatenblut seines Vaters, denn als mein Bruder Alfred 20 Jahre alt und zum Militär tauglich befunden warm erbot sich der Hankestoffel für ihn einzutreten, Das ging damals. Man konnte einen 'Stellvertreter' kaufen. Die 800 Taler, die das meinen Vater kostete, kamen der armen Familie sehr zu statten, und der alte Hanfranz, der sich schlecht und recht als Taglöhner, Waldarbeiter und Steinbrecher, wie es gerade die Gelegenheit bot, durchs Leben brachte, führte sich von da an täglich 'ein halb Kännchen' mehr zu Gemüte. 
Von der napoleonischen Zeit wusste auch mein Vater manches zu erzählen, Mehrmals hat er den Bruder des Kaisers, Jerome, welcher das neugebackene Königreich Westfalen beherrschte, inmitten seines glänzenden Stabes auf dem 'Meßhagen' gesehen. Der Meßhagen ist eine hochgelegene ebene Heide, von Wald umgeben, die mit Vorliebe – wie auch heute noch – zur Abhaltung von Paraden, Manövern und sonstigen militärischen Schauspielen benutzt wird, Der König 'Lustig' soll dabei keine besondere Figur gemacht haben. 
Aber 1813, im September, als die Kosaken Tschernitschews vor dem Leipziger Tor in Kassel erschienen, war es vorbei mit der Herrlichkeit des prachtliebenden Königs und der Parole: 'Morgen wieder lustik!' Er flüchtete gen Westen. Mit gemischten Gefühlen sahen ihm die hessischen Juden nach, denn während seiner siebenjährigen Regierungszeit hatten sie sich als Menschen fühlen dürfen und brauchten nicht, wie vorher, den gelben 'Judenstreifen' an der Schulter zu tragen oder beim Einlass in die Stadt den 'Leibzoll' zu zahlen."    
  
Niedermeiser FrfIsrFambl 11061915.jpg (164744 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 11. Juni 1915: "Eine Sotnie ("Schwarze Hundert") russischer Reiterei kam auch nach Niedermeiser, um dort Quartier zu beziehen. Mein Vater hat uns oft erzählt von den großen Wachtfeuern, die sie auf der 'Hafertwiese' östlich des Dorfes anzündeten, wo sie Fleischstücke an Spießen rösteten, kochten und tanzten, Die Weiber und Töchter der Bauern mussten mittun, Wehe ihnen, wenn sie sich weigerten. Sie wurden so lange mit dem Kantschuh oder der Nagaika (vgl. Wikipedia-Artikel 'Kantschu') bearbeitet, bis sie ihnen zu Willen waren. Viele der halbwilden Krieger aus dem Inneren des russischen Reiches waren noch mit Pfeil und Boden oder – wie mein Vater sich ausdrückte – mit 'Flitzebogen' ausgerüstet. In punkto Essen waren sie durchaus nicht wählerisch, Unschlittkerzen galten als Delikatesse. Weichgekochte Kohlstrünke, womit sonst die Schweine gefüttert wurden, fanden ebenfalls willige Abnehmer. Nach dem Abzug der Horde mussten sich die Einwohner des Dorfes noch längere Zeit – kratzen. 
Doch zurück zu meinen Knabenjahren. 'Das war eine köstliche Zeit', wie es in dem schönen Lortzing'schen Lied heißt. Kam der Sabbat heran, so hörte schon am Spätnachmittag des Freitags jede Geschäftigkeit auf. Alles blitzte und blinkte in Stube und Küche, die 'Schabbeslampe' strahlte wie lauteres Gold, der Tisch mit den zugedeckten 'Barches' war festlich hergerichtet, ebenso die Bohnensuppe mit Kalbsfüßen darin, sowie der fettglänzende Schalet für nächsten Mittag, kurz, alles war bereit, die Prinzessin Sabbat zu empfangen. In unseren Festkleidern, das 'Machser' (sc. Machsor) oder die 'Tefilla' unterm Arm, wanderten wir dann zur Synagoge, wo der 'Chasen', mein lieber Lehrer Katz, die Gemeinde durch einen kunstvoll verschnörkelten 'Lecho daudi' erbaute. Wieder zu Hause angelangt, wurden wir dann von den Eltern gebenscht. Ein warmes, seliges Gefühl überkommt mich noch heute, wenn ich mich dann erinnere, wie weihevoll 'das Entzünden' der Lichter von der Mutter besorgt wurde, oder wie der Vater 'Kiddusch' am Freitagabend und 'Hawdolah' beim Ausgang des Sabbats machte. Und erst die eigenartigen, uralten Melodien der 'Semiros', der Festgesänge. Die hatten es mir ganz besonders angetan, ebenso wie die, welche ich an den hohen Jonteftagen (Feiertage) in der Synagoge zu hören bekam. Noch heute, nach mehr als sechzig Jahren, gebe ich mich öfters dem Zauber dieser Klänge aus der     
Niedermeiser FrfIsrFambl 11061915a.jpg (269506 Byte)Kindheit hin, besonders wenn ich, wie auf meinen Angelfahrten, ganz allein am rauschenden Wasser bin. Da sieht es ja niemand, wenn mir die Augen nass werden. 
Merkwürdig, - ganz ähnlich klingende 'Tonabas' habe ich von den Gauchos der Pampas und den Indianern der peruanischen und bolivianischen Korbilleren gehört. Das waren ganz dieselben rhythmuslosen, bald klagenden, bald in wilder Verzweiflung aufschluchzenden Weisen in Moll, wie ich sie in Niedermeiser gehört hatte. – Seltsam! – Sollte da ein kausaler Zusammenhang vorliegen? Unmöglich ist es nicht. Zeigen doch, analog damit, die in weit, weit zurückliegenden Zeiten errichteten Bauten der Azteken in Mexiko, der Inkas in Mittel- und Südamerika vielfach ägyptische, assyrische und jüdische Anklänge. Kann es nicht sein, dass auch die Ureinwohner dieser Länder denselben gemeinschaftlichen Ursprung haben, wenn auch die Länderbrücke, auf der sie herüberkamen, durch geologische Vorgänge längst wieder in die Tiefen des Meeres zurückgesunken ist? 
Als Gemeindeältester, 'Parnes' und 'Kohen', d.h. aus der Kaste der Priester, dem Adel Israels stammend, genoss mein Vater allerlei Rechte und Privilegien, auf die ich nicht wenig stolz war. Zur Thora wurde er oder sein Bruder Meier zuerst aufgerufen, eine Ehre, die später auch mir, als ich 'barmizwoh' geworden war, manchmal zuteil wurde. Das Rischmasgebet trug mein Vater sozusagen allein vor, denn während die anderen nur ein monotones, verworrenes Summe hören ließen, sang er mit lauter Stimme die herrlichen Worte dieses Lobliedes, dessen Weise ebenfalls einen gar eigenen, seltsam bestrickenden Reiz hatte. 
Nach beendigtem Gottesdienste ging es, so gegen elf Uhr, zu Tisch. Der war meist gut bestellt. Einmal aber war die sonst so delikate 'Brühkugel' jämmerlich verunglückt, da aus Versehen statt des würzigen Majorans gallenbitterer Wermut verwendet wurde, Am unglücklichsten darüber zeigte sich 'der Pollack', den wir gerade zu Gast hatten. 
Nach dem Essen hielten die Alten des Dorfes ihre Siesta, ihr Schabbesschläfchen, während die jungen Leute und die Kinder herumflanierten. Ein sehr beliebter Spaziergang war der nach 'der Leiwe', dem schon erwähnten Hügelrücken, von wo aus man die schöne Aussicht genoss. Die Straße durchschnitt ihn tief, so dass die wunderlich gefalteten und geknickten Kalksteinschichten an den Wänden dieser Hohle deutlich zu Tage traten. Sinnend habe ich sie oft betrachtet und suchte mir in meinem kindlichen Verstande klar zu machen, was da vorgegangen sein konnte. Die Neigung zur Geologie schlummerte schon damals in mir. 
Nachmittags trank man zu Hause oder, wie es die Gelegenheit gerade mit sich brachte, in einer anderen jüdischen Familie Kaffee, wozu meist auch ein ansehnliches Stück Kuchen gereicht wurde, 'Die Männer' versammelten sich dann in der Wohnung dessen, der gerade an der Reihe warm zur 'Chewra', um den Vorlesungen und Erklärungen des Lehrers Katz aus der Mischna oder der Gemara zu lauschen, Obwohl er sich dabei der deutschen Sprache bediente, lief doch alle Augenblicke ein hebräischer Satz mit unter, dessen Deutung oft zu den lebhaftesten Diskussionen führte. Dazu gab es 'Schabbesobst', gekochte Äpfel, Birnen oder Zwetschgen, welche von der Hausfrau auf einem Teller mit dem üblichen: 'Mach' Broche!' herumgereicht wurden. Jeder nahm dann dankend ein paar Gabeln voll, Auch eingemachte, dock mit Zucker überstreute Schlehen wurden in manchen Häusern serviert, ein Beweis, wie anspruchslos und einfach man damals gewesen ist. 
Das Minchogebet rief am Spätnachmittag wieder alle zur Schul, doch gab es nicht immer gleich 'Minjan', sodass der zehnte Mann erst gesucht werden musste. 
Umso vollzähliger aber versammelte man sich gegen Abend vor den Häusern von Josef Rosenberg und Seligmann Rosenberg, die ganz in der Nähe der Schul lagen. Da diese das letzte Gebäude des Ortes im Osten war, so gab es für uns Jungens hier auf den breiten 'Bruchwege' und zwischen den Baumgärten die beste Gelegenheit für unsere oft sehr lärmenden und ausgelassenen. 
Niedermeiser FrfIsrFambl 11061915b.jpg (167897 Byte)Spiele. Eines davon hieß: 'Fuchs komm' heraus auf einem Bein'. Der Betreffende musste 'hickelnd' einen anderen zu erhaschen suchen, der dann seine Stelle als Fuchs einzunehmen hatte, Das hielt aber schwer, und nun bekam meist nur eine Menge Hiebe. 
Währenddessen saßen die Alten auf einer der langen Bänke vor den erwähnten Häusern und erzählten sich was bis zum 'Schule gehen'. Waren gerade 'Pollacken' da, so führten diese das Wort, indem sie ihre 'Moschelcher' zum Besten gaben, Als ganz einwandfrei konnten diese gerade nicht immer gelten, was schon daraus zu entnehmen war, dass man uns, die wir doch auch wissen wollten, warum so gelacht wurde, unter den nichtigsten Vorwänden wegschickte, wenn das Moschelche eine vergnügliche Wendung zu nehmen drohte. Ich sehe sie heute noch vor mir, die Schnorranten aus dem fernen Osten in ihren beulenreichen Zylinderhüten aus der Tertiärzeit, mit dem Samtkäppchen darunter, ihren wohlgedrehten Schläfenlöckchen, ihren langen Kaftanen und dito langen Stiefeln, denen man den weiten Weg von Polen und Russland her ansehen konnte, Mein Onkel Meier, der selbst gern Witze erzählte, fand einmal solches Gefallen an einem der Pollacken, dass er in einlud, doch nachher mit ihm zu essen. Der hatte aber schon seinen Tisch, der ihm behagte, und erwiderte daher etwas sehr von oben herab: 'Ihr messt sach nit unbescheiden senn!' 
Diese Abende auf der hochgelegenen Treppe des Seligmannschen Hauses oder auf der langen Bank vor Josefs Haustür sind mir eine liebe Erinnerung. Damit keiner von den älteren Leuten zu stehen brauchte, wurden noch Stühle aus den Stuben hinausgetragen. Wie oft habe ich nicht da die Sonne prächtig verglühen und den riesengroßen, blassen Mond aufgehen sehen oder die gewaltigen Wolkengebilde betrachtet, die meine Phantasie zu allerlei abenteuerlichen Ungetümen gestaltete. Manchmal auch konnte ich in ihnen fabelhaft hohe Gebirge sehen und sehnte mich dann hinaus in die Welt, wo solche wirklich sein sollten. Im reichsten Maße ist mir dieser Wunsch später erfüllt worden, die himmeltrotzigsten Bergriesen habe ich geschaut, aber – wo war der Zauber geblieben, wo der märchenhafte Reiz, der den Knaben damals so bestrickte? Dahin! – Wohl bewunderte ich die überwältigende Größe und Majestät dieser steinernen Zeugen furchtbarer Eruptionen, aber ich sah sie mir ganz anderen Augen und Gedanken an. Die schöne Kinderzeit war eben vorüber."   
   
Niedermeiser FrfIsrFambl 18061915.jpg (719369 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 18. Juni 1915:  "Die jüdischen Handelsleute Niedermeisers machten sich einem stillschweigenden Übereinkommen zufolge untereinander keine Konkurrenz. Jeder hatte seinen bestimmten Kundenkreis in den umliegenden Ortschaften. Man blickte scheel dazu, wenn der eigene Kunde vom Bruder Sabel, D'niel (Daniel) oder Jermige usw. aufgesucht wurde. Ganz zu vermeiden war das nicht immer. Höchst drollig hörte es sich dann an, wenn einer sagte: 'Das is dich mein Goiche, da haste dich nix z'tun.' 
Einmal war 'das Schlabberherzche' über Schabbes da. Der Mann hieß mit seinem richtigen Namen Herz Fränkel und stammte aus irgendeinem Städtchen unten an der Weser. Er kaufte von den ansässigen Handelsleuten der Gegend größere Posten Leinwand, die diese nach und nach zusammengebracht hatten. Damals stand bei den Kleinbauern und Taglöhnern der Webstuhl noch in hohem Ansehen. Auch meinem Vater wurden Hunderte von Steigen Leinwand ins Haus getragen. Die wurden aufgestapelt, bis der Fränkel kam und sie holte. Den Namen 'Schlabberherzche' hatte er von seinem vielen und raschen Sprechen, wobei ein wahrer Sprühregen aus seinem Munde sich über den Zuhörenden ergoss. Mein Onkel, der Lehrer Müller aus Sontra, der gerade auch zu Besuch da war, wusste sich aber zu helfen, indem er einfach seinen Regenschirm aufspannte, als das Schlabberherzche auf ihn einsprach. 
Das unstete bewegliche Männchen war überhaupt nicht beliebt. 'Der Fränkel is'n Goi', hieß es. Er achtete nicht die Gebote des Sabbats und der Speisegesetze, ja man munkelte sogar, dass er am letzten Jom Kippur nicht gefastet und den Entschluss gefasst hätte, sich taufen zu lassen. 
Dem Onkel Müller saß stets der Schalk im Nacken, und da er nichts so hasste wie die 'Meschummeds' (Abtrünnigen), beschloss er, dem Schlabberherzche eine tüchtige Lektion zu erteilen. Gegen Abend, als die ganze Gesellschaft wieder auf Seligmanns Treppe beieinander war, brachte mein Onkel unbemerkt das Gespräch auf die getauften Juden und erzählte Folgendes: 
'In unserer Medine lebte einer, der hieß mit Vornamen Chone und war ein 'Posche Jisroel', so groß wie man nur einen finden konnte. Er hielt nichts, nicht einmal die höchsten und heiligsten Feiertage. Auch machte er kein Hehl daraus, dass er nächstens die Zahl der getauften Juden um einen vermehren würde. War von ihm die Rede, so sagten all uns're Leut: 'Der Chone is'n Goi!' 
Und richtig, nach einiger Zeit geht er hin, lässt sich 'schmatten' und nimmt den Namen Christian an. Aber hatten ihn früher seine ehemaligen Glaubensgenossen verachtet und hieß es bei ihnen: 'Der Chone is'n Goi!', so taten dies jetzt auch die Christen, und sie sagten von ihm: 'Der Christian is'n Jud!' 
Das Schlabberherzche saß da wie Butter an der Sonne, wurde sehr nachdenklich, und man konnte es ihm ansehen, dass das Geschichtchen Eindruck auf es gemacht hatte. 
Es hat sich nicht taufen lassen. 
Auch sonst konnte man von den Alten manche Schnurre erzählen hören. Eine, die den Vorzug hat, buchstäblich wahr zu sein, will ich hier wiedergeben: 
'In den zwanziger Jahren (sc. 1820er-Jahren) hatte Niedermeiser noch keinen Chasan (Vorbeter). Von dem eine starke Stunde westlich liegenden Herlinghausen (Link zum Wikipedia-Artikel) oder Herlingsen, wie es kurz genannt wurde, kam damals, jeden Freitagnachmittag, ein zierliches Männlein zur Aushilfe herüber. Der Kleine soll eine ganz prachtvolle Stimme gehabt haben. Aber den Herlingsern, die zu jener Zeit eine ansehnliche Gemeinde bildeten, war er als Chasan nicht groß genug, und sie verschrieben sich daher einen anderen. 
Nun begab es sich eines Freitags um Winter, dass so viel Schnee gefallen war, wie sich die ältesten Leute nicht erinnern konnten. Das Rebbeche mit seinen kurzen Beinen versuchte es, durchzukommen, musste aber sein Vorhaben bald aufgeben. Da kam eine Bauersfrau des Weges, eine wahre Brunhilde an Kraft und Gestalt. Auf dem Rücken hatte sie einen Tragkorb oder 'Kööze', in der sie von Niedermeiser ein paar Ferkel holen wollte. Dem klugen 'Dreikäsehoch' blitze ein rettender Gedanke durchs Hirn. Gedacht – gemacht. Gegen das Versprechen eines guten Trinkgeldes bei rechtzeitiger Ablieferung, ließ sich die Riesin hierbei, den verhinderten Sänger in ihrer 'Kööze' mitzunehmen und stapfte rüstig weiter durch den Schnee. Aber in der Umgebung des hochgelegenen Westerholzes lag er so tief, dass sie nur langsam vorwärts und erst nach Niedermeiser kam, als schon alles in der Schul versammelt war und ungeduldig auf den kleinen Vorbeter wartete. Dahin trug ihn nun die Brunhilde, und den halb Erstarrten aus der Kööze hebend, sagte sie zu der staunenden Gemeinde: 'Da hajje Juggen Rebben!' 
Zu meiner Zeit wohnten in Herlingsen nur noch ein paar jüdische Familien, die meisten waren nach der nahen Stadt Warburg oder in die aufblühenden Industriebezirke Westfalens verzogen, während das früher so bedeutungslose Niedermeiser der Mittelpunkt des jüdischen Lebens für die umliegenden Ortschaften geworden war. Selten fehlte es an auswärtigem Besuch. Besonders unser Haus galt als das gastfreieste, und die Mutter hatte oft alle Hände voll zu tun, um es allen recht zu machen. 
Alljährlich, im November, vereinigte 'die Chewrastube', eine Gasterei größten Stils, die Juden der ganzen Gegend in Niedermeiser. Die Chewrastube hier war berühmt, und von weit her kamen die Teilnehmer, um gemeinsame Interessen zu besprechen, alte Bekanntschaften aufzufrischen, neue anzuknüpfen und – last not least – gut und reichlich zu essen. Die beste Köchin auf weit und breit, das 'Eddelche' aus der Garküche der 'Zipper' in Kassel, musste her und die Sude bereiten. Das Eddelche war von ausgesuchter – Hässlichkeit und erinnerte unwillkürlich an den Zwerg Nase im Märchen, wenn es so vor seinen Töpfen mit grotesken Bewegungen hin- und her schoss. Viele Jahre später kehrte es alt und 'verhutzelt' nach seinem Heimatdorf Breitenbach zurück, und da ich ganz in der Nähe, am Fuße der Schauenburg, eine Braunkohlengrube angelegt hatte, sah ich zu meiner Überraschung eines Tages das Eddelchen wieder; es kam mit einem kleinen Handwagen, um sich ein paar Säcke Kohlen zu holen. Selbstverständlich nahm ich ihm dafür kein Geld ab, und hat es auch für die Folge stets freien Brand gehabt. 
Aber es wurde nicht nur gut gegessen und gut getrunken auf der Chewrastube, sondern hinterher auch fest – Karten gespielt. Das war überhaupt zu jener Zeit ein sehr beliebter Zeitvertreib. An den Halbfeiertagen des Pessach- und Sukkotfestes wurde besonders viel gespielt. Da saßen sie die älteren Leute, die lange Pfeife im Munde, das buntverzierte Samtmützchen auf dem Kopf, gestickte Pantoffel an den Füßen und vergaßen oft Essen und Trinken über ihren Klabrias. Die jüngeren Männer taten hie und da auch mit. Da war hauptsächlich einer aus dem Westfälischen, der das Spiel förmlich als Lebensberuf ansah. Der spielte das ganze Jahr hindurch. Im Aussehen glich er einem Briganten aus den Abruzzen; auch einen Samiek im Freischütz hätte er ohne das geringste Zutun vorstellen können, denn das braune Gesicht unter dem struppigen, schwarzen Haupthaar, die dichten, zusammengewachsenen Augenbrauen, die mächtige krumme Nase mit dem Knebelbart darunter, vor allem aber die entsetzlich schielenden Augen, gaben der ganzen Physiognomie ein so dämonisches Gepräge, dass jeder, der ihn nicht kannte, ihn sicher für einen Angehörigen finsterer Mächte gehalten hätte, wenn er ihm unter den entsprechenden Begleitumständen, z.B. in mondbeschienener Waldeinsamkeit, begegnet wäre. – Aber trotz seines unheimlichen Äußeren war er stets zu allerlei Späßen aufgelegt, wobei er sich selbst nicht schonte, denn auf de Arolser Viehmarkt zum Beispiel stellte er sich neben ein blindes Pferde und sagte mit Bezug auf die Beschaffenheit seiner eigenen Sehwerkzeuge: 
'Nu - besser scheel als blind.' 
Bei dieser Gelegenheit will ich noch einer Persönlichkeit gedenken, vor der ich mich als Kind schrecklich gefürchtet habe. Die kam gleich mit vier Beinen, wovon die zwei stärksten von Holz waren. Der 'Krückenseelig' von der Numborg oder besser ausgedrückt, von Naumburg einem kleinen Städtchen an der waldeckischen Grenze, wo eine verheiratete Schwester meiner Mutter lebte, brachte auf seiner Betteltournee alle vier Wochen Grüße von dort, wenigstens führte er sich jedes Mal damit ein. Sobald die furchterregende Erscheinung angestapft kam, flüchtete ich in die hintersten Winkel unserer Stube. Wie eine fette Spinne sah das Monstrum von weitem aus,. Auf dem kurzen, dicken Zwergenkörper saß ein verhältnismäßig noch dickerer Kopf mit großen, weit hervorquellenden Augen. Die funkelten wie ein Paar schwarze Riesendiamanten. Es hieß, der Krückenseelig spanne sie jeden Morgen auf eine Knopfgabel, um sie zu putzen. Das sonnenverbrannte, bartstoppelige Gesicht, der breite Mund, das auffallend vorspringende Kinn, halfen mit dazu, diesen 'Kinderschreck' noch furchtbarer zu gestalten. Die sieben oder acht Stunden von Naumburg her legte er mühelos und weit schneller als ein Fußgänger zurück, - ein solcher hätte überhaupt nicht Schritt mit ihm halten können. Mit fabelhafter Gewandtheit stelzte der Krüppel dahin. Was kümmerte es ihn, wenn die wüte den Dorfhunde in seine Holzbeine bissen, es machte ihm im Gegenteil Spaß, denn er verstand es vortrefflich, sie damit während des Ausgreifens so wuchtig aufs Maul zu schlagen, dass sie mit eingezogenem Schwanz heulend davonstoben. 
Da ich doch einmal bei den grotesken Gestalten meiner Kindheit bin, kann ich nicht umhin, auch des 'Schnobels' von Oberlistingen flüchtig zu erwähnen. Ob er so hieß, weil er durch die Nase 'schnubbelte' oder weil er eine ungeheure, rüsselartige Oberlippe hatte, die, wie der Schnabel eines Vogels, einem Gesicht vorausstrebte, mag dahingestellt bleiben. So viel ist gewiss, dass der Jakob Goldschmidt, wie er eigentlich hieß, ein etwas beschränkter Herr war. Aber fleißig – sehr fleißig. Unermüdlich lief er von einem Dorfe nach dem anderen, kaufte Hippel- und Hafenfelle, Hedengarn, altes Eisen etc. Man erzählte von ihm, dass er einmal am frühen Morgen vor lauter Geschäftseifer seine Stiefel verkehrt angezogen habe, d.h. den rechten an den linken und den linken an den rechten Fuß. Im tiefen Schnee marschierte er so zwei Stunden über Westuffeln nach Meimbressen, wo ihn sein Geschäftsfreund Katzenstein darauf aufmerksam machte, dass er ja die Stiefel verkehrt anhabe. Da ging ein Erleuchten über das feistem bartlose Gesicht des Schnobels, und in seiner unbehilflichen Sprechweise sagte er: 
'Guck – s'is mer doch den ganzen Morgen so nerr'sch gewesen – ich wusst nor nit warum'.     
Niedermeiser FrfIsrFambl 18061915a.jpg (204227 Byte) Dieselben Wege und Pfade, die wir am Schabbesnachmittag frequentierten, zog tags darauf – bei schönem Wetter natürlich – die christliche Jugend, die Mädchen Arm in Arm in breiter Reihe, hinterher die Burschen des Dorfes. Allerlei schöne alte Volkslieder wurden da gesungen, meist elegischer Natur, die mir heute noch im Ohr liegen. Auf den Kegelbahnen der zwei Wirtschaften vergnügten sich inzwischen bei Schnaps und Dünnbier das Glas zu 4 Heller die ältere Leute, wobei auch die Juden fest mitmachten. 'Risches' (sc. Antisemitismus) gab's damals noch nicht. Der ist erst viel, viel später gekommen. Urkomische Szenen gab es da manchmal während des Kegelns. Die drollige Eigenart, womit jeder der Mitspieler sich zum Werfen der Kugel anschickte oder unwillkürlich bei deren Lauf mit dem rechten Bein allerlei Kapriolen macht, war allein schon höchst ergötzlich anzusehen. 
Wie schon eingangs erwähnt, zogen wir 1854 in die Mühle. Da war's herrlich. Nach Beendigung der Schulstunden konnte ich mich der ungebundensten Freiheit erfreuen, durchstreifte allein oder in Gesellschaft meiner Schulgefährten die entlegensten Schluchten und Höhen oder schaute nach Holunderstauden aus, die abgeschnitten und des Markes entleert als 'Schießbüchsen' dienen mussten. Auch vom Hof meines Onkels Meier, wo das 'alte Eisen' zu Bergen getürmt lag, habe ich manchen rostigen Pistolen- oder Flintenlauf eskamotiert, den ich dann zuhause, in der Mühlenwerkstätte, roh schäftete und festmacht. Das Schießpulver lieferte mir der Junge des Kuhhirten, der es auf den Meßhagen, wo die Husaren von Hofgeismar exerzierten, aufgelesen hatte. Die verloren bei dem tollen Herumjagen und Schießen manche Patrone. Zum Losbrennen meiner primitiven Geschütze nahm ich 'Schwamm' vom Krämer Weimann, denn zu jener Zeit benutzte man zum Feieranzünden noch vielfach Stahl und Stein. Ein längerer Streifen davon wurde in das Pulver am Zündloch gesteckt, mit einem Schwefelhölzchen zum Glimmen gebracht, und dann retirierte ich, um, aus sicherer Ferne, das weitere abzuwarten. Wie das schön war, wenn es aufblitzte und krachte und mein Geschütz ordentlich zurückfuhr von der Gewalt der Entladung! Ein schlimmer Unfug – gewiss -, aber in meiner damaligen Knabenwildheit dachte ich nicht daran, wie leicht auf diese Weise ein Unglück hätte entstehen können. 
Das Schönste, was mein etwas kaufwütiger Onkel eines Tages nach Hause brachte, war eine ganz große Wagenladung voll Bücher und broschierter Schriften. In einem saalartigen Raum seines gegenüberliegenden, unbewohnten Hauses wurden sie untergebracht, d.h. zu einem Haufen zusammengeworfen, der beinahe bis zur Decke reichte. Das war eine schier unerschöpfliche Fundgrube für mich. 
Zu Dutzenden schleppte ich die Bücher fort, verschlang sie in unglaublich kurzer Zeit, um sie dann wieder gegen andere auszutauschen. Was habe ich da nicht alles für Literatur verdaut, Von den 'Lesefrüchten' und 'Miszellen', die den größeren, durchlaufenden Erzählungen folgten, empfing ich mancherlei Anregungen, und der romantische Zug, der durch viele meiner Schriften geht, dürfte vielleicht auf den Bücherhaufen des Onkels Meier zurückzuführen sein.  
    
Niedermeiser FrfIsrFambl 02071915.jpg (448842 Byte) Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 2. Juli 1915: "Mit zweien meiner christlichen Spielgefährten, Lodewigs Friedrich und Thönens Schorse (Georg), angelte ich im Sommer öfters in der fischreichen Warme. An den selbstgeschnittenen Haselstecken wurde ein Bindfaden befestigt, an diesem wiederum ein mehrere Fuß langer, starker Zwirnsfaden und ganz vorn eine krummgebogene Stecknadel mit dem Köder. War der Tag der heiß gewesen, so badeten wir abends im 'Hellenkamp', wo die Warme ruhig floss und feinkiesigen Grund hatte. Das nachherige Abtrocknen besorgte die laue Luft. Handtücher hielten wir für überflüssig. 
Wie vieles wüsste ich noch zu erzählen aus jenen rohen Jugendtagen. Aber die Rücksicht auf den Raum gestattet es nicht. So will ich mich denn darauf beschränken, in chronikartiger Weise, noch einige der bemerkenswertesten Ereignisse anzuführen. 
Im Jahre 1857 ging ein Hagelwetter nieder, wie ich nie wieder eins erlebt habe. Über einen Fuß hoch lagen die oft walnussgroßen Schlossen, Innerhalb zehn Minuten war aus der Sommer- eine Winterlandschaft geworden. Die üppig grünenden Saaten der Felder, die Früchte und Gemüse der Gärten wurden von der Wucht der herabstürzenden Eismassen förmlich in den Boden hineingeschlagen. Die Felder mussten nachher alle umgepflügt werden, In unserem Baumgarten graste gerade eine von unseren Kühen. Schmerz- und angstgepeinigt, brüllte das bedauernswerte Tier und zerrte verzweifelnd an dem Strick, womit es angebunden war. Da hatte mein ältester Bruder eine gute Idee. Er nahm einen leichten Tisch über den Kopf, der ihn vor dem Hagel schützte, eilte in den Garten, schnitt die Kuh los und zog sie nach dem Stalle, oder vielmehr sie zog ihn, so schleunigst strebte sie diesem zu. 
Mit dem Hagel zugleich setzte ein immer stärker werdender Wolkenbruch ein, der viel Erde wegspülte und in die lehmigen Gehänge tiefe Furchen riss. Die sonst so harmlose Warme wurde so groß, dass ein nicht unbedeutender Teil des Dorfes, im Osten und Norden, ganz im Wasser stand. 
Umso furchtbarer war das darauf folgende Jahr (1858). Da stand am klaren Sternenhimmel riesengroß die märchenhafte Erscheinung des Donatischen Kometen (vgl. Wikipedia-Artikel "C/1858 L1 (Donati)") mit dem fabelhaft weitreichenden, gekrümmten Schweif. Auch so etwas Großartiges und Phantastisches habe ich nie wieder gesehen. Die Welt würde untergehen, hieß es dazumal, und als der dafür ausersehene Tag wie alle ruhig verlief, wurde wenigstens ein Strafgericht Gottes, Krieg, Pest oder dergleichen prophezeit. Ein so furchtbar anzusehender Komet musste Unglück bringen. 
Nun uns hat er allerdings nichts Gutes gebracht. Mein Vater geriet mit dem rechten Arm zwischen die eisernen Kammräder des Walzwerkes, welches den Ölsamen zu quetschen hatte. Zum Glück verlor er die Besinnung nicht und konnte den Arm sofort herausreißen, Trotzdem war er ganz zerfleischt. Ich saß beim Scheine eines Stehlichts und las in Paynes illustriertem Familienjournal, als die Tür zur Mühle sich öffnete und mein Vater leichenblass hereinwankte. Aus den zerrissenen Adern rieselte das Blut nur so heraus. Die Brüder und die Mutter schnürten eiligst den unverletzt geblieben Oberarm fest ein, wodurch die Blutung zum Stehen kam, und der Knecht warf sich aufs Pferde um den Doktor Luckhardt von Hofgeismar zu holen. Der kam auch noch in der Nacht a gefahren und legte, nachdem er die herabhängenden Fleischfetzen weggeschnitten, einen kunstgerechten Verband an. Siebzehn Wochen aber dauerte es, bis der Vater den narbenbedeckten Arm wieder einigermaßen gebrauchen konnte. Nach der schönen altjüdischen Sitte 'wachte' in der ersten Zeit jede Nacht ein Angehöriger der 'Kehille' bei ihm. Wie viel Charpie haben wir nicht damals – meine Schwester Jettchen und ich – aus alten Leinenhemden gezupft, ja sogar unser Jüngstes, das kleine Jeanettchen, half dabei mit. 
Ein Unglück kommt aber selten allein. Am 5. Mai 1859 wurden wir durch das 'Feurio!' des Nachtwächters aus dem ersten Schlaf gerissen. Ich lag allein in der sogenannten Torstube des Scheunengebäudes, und, als ich zum Fenster hinaussah, erstarrte mir fast das Blut vor Schreck, - ein glühendes Rot strahlte über den Dächern unseres langgestreckten Gebäudekomplexes, von der Mühle angefangen, bis zu dem, am westlichen Ende befindlichen Schafstalle. Über dem Wohnhause und der Schälmühle lagerten große Vorräte von Stroh und Heu in den Speichern, auch ein Raum mit Waren, besonders Webergeschirren, befand sich dort, sowie für 2000 Taler Hebengarn, das gar nicht versichert war. Schon nach einigen Minuten zersprangen die Dachziegel mit lautem Knattern, und die Flammen loderten haushoch empor. Grellrot beleuchteten sie die Gesichter der vielen Menschen, die jetzt zur Hilfe herbeigeströmt kamen. Rasch wurden von ihnen Ketten bis zum Bach hinab gebildet, von Hand zu Hand flogen die wassergefüllten Ledereimer, und die Spritze begann zu arbeiten. Aber obwohl die Löschmannschaften von den zwei nächsten Dörfern Obermeiser und Zwergen, eintrafen, vermochten sie doch nicht viel auszurichten gegen diesem von Öl, Ölsaaten und Ölkuchen genährte Höllenglut, die immer gewaltiger um sich griff und wie in wilder, jauchzender Lust in den dicken übelriechenden Qualm hineinwirbelte. So arg war die Hitze, dass die Spritzen such zurückziehen mussten und ihre ohnehin ziemlich armseligen Strahlen, zu Wasserstaub aufgelöst, kaum noch den Brandherd erreichen konnten. Zu retten waren die brennenden Gebäude nicht mehr, das sah man wohl und beschränkte sich deshalb darauf, die noch stehenden, vor der Wut der Flammen zu schützen, was auch gelang, da zum Glück von dort her ein ziemlich kräftiger Ostwind blies. Nur die Ölmühle, die dem Feuer am nächsten lag, zeigte sich etwas stark angesengt. 
Sehr wild und ungeregelt ging es damals noch bei größeren Bränden auf den Dörfern zu. Das wirre Geschrei und Durcheinander der Menschen, die helfen, retten oder auch nur 'zusehen' wollten, die Stimmen der geängstigten Tiere, das schnelle Anschlagen der Sturmglocken, das Brüllen des Feuers, sowie das Krachen einstürzenden Mauer- und Balkenwerks, wonach jedes Mal eine riesige Funkengarbe emporstieg, - das alles zusammen machte einen Lärm, gewährte einen Anblick, der sich zeitlebens nicht vergessen ließ. Dazu das bunte Allerlei der geretteten Möbel, Hausgeräte, Kleider etc., die in der nächsten Umgebung oder in den Gürten lagerten, deren Zäune teilweise niedergetreten waren. Die oft aus den Fenstern herabgeworfenen Sachen, worunter auch Bilder und Spiegel, kamen dabei schlimm weg. Diese Art zu 'retten' war sehr beliebt. Wie es bei solchen Gelegenheiten zu gehen pflegt, verschwand auch mancherlei, namentlich kleinere Gegenstände auf Nimmerwiedersehen. 
Der Schaden war groß und die Versicherungsgesellschaft vergütete ihn nur zum Teil."     
    
Niedermeiser FrfIsrFambl 09071915.jpg (232788 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 9. Juli 1915: "Entstanden war der Brand mutmaßlich durch den heiß gelaufenen Zapfen der Schälmühle oder vielmehr durch die Fahrlässigkeit des darin beschäftigten Mühlenknechtes, der es versäumt hatte, nach Feierabend ihn mit Wasser zu kühlen. Der Stein der Schälmühle lief so enorm schnell, dass nicht nur der Zapfen, sondern auch sein Lager sich erhitzte. Schon mehrere Male war es vorgekommen, dass das unmittelbar darunter befindliche Holzwerk sich gebräunt und zu glimmen angefangen hatte. Ich begreife heute noch nicht, wie man, trotz dieser offensichtlichen Warnung, nichts weiter dagegen tat, als dass der Mühlbursche von Zeit zu Zeit ein wenig Wasser auf den Zapfen gießen musste. Das brodelte und kochte jedes Mal, wenn es geschah, ein Beweis, wie heiß das Metall war. Und wie leicht, wie einfach wäre es gewesen, jede Gefahr zu beseitigen. Keine 3 Meter höher lief das Wasser in der 'Renne', dem Rade der Ölmühle zu, und durch Anbringung eines Röhrchens mit Hahn hätte man beständig den Zapfen kühlen können. Die Ableitung des dünnen Strählchens in das dicht neben der Außenmauer befindliche alte Bett der Ruhre wäre auch eine Kleinigkeit gewesen. 
Über ein Menschenalter ist seitdem vergangen. Aber im Geiste sehe ich noch immer das trauliche Gewinkel unserer damaligen Wohnung, die außergewöhnlich hohe, vordere Stube, von der man auf ein paar hölzernen Stufen in das viel niedrigere, eigentliche Wohnzimmer, hinabstieg. Weitere Treppe und Treppchen führten rechts in die tiefliegende Küche hinunter, links zur Ölkammer und Mühle, sowie hinauf zu einem Schlafgemach, von dessen Fenstern aus man mit der Hand in das Mühlgerinne langen konnte. Das stand auf hohen Holzpfeilern, und wo es nicht ganz dicht war, tropfte es. Im Winter bildeten sich an solchen Stellen oft zentnerschwere Eiszapfen. Es machte mir stets Vergnügen, wenn ich sie mit einer Stange abstoßen konnte und sie mit donnerndem Geräusch in die Tiefe stürzten. Auch das große Mühlrad vereiste manchmal, wenn es stillstand, was aber selten vorkam. Tag und Nacht musste es sich drehen. Zwei Schlagknechte und meine Brüder lösten sich beständig ab. Auch ich habe oft stundenlang das Walz- und Stampfwerk und die Presse bedient; mit 12 und 13 Jahren fühlt man sich schon ein wenig. Von dem wuchtigen Niederschlagen der Rammen zitterten Wände und Fußböden, und es fehlte einem ordentlich etwas, wenn das dumpfe Dröhnen, Poltern und Schüttern einmal aussetzte. Nach dem Brande musste die Mühle aber volle 6 Wochen stillstehen. 
In unserem Scheunengebäude wurden zwei kleine Räume zu Wohnstube und Küche notdürftig hergerichtet. Da ging es eng her, und es gehörte die ganze Anspruchslosigkeit jener Zeit dazu, um über diese Misere hinwegzukommen. 
Wir bauten dann ein neues, massives Haus, wozu ein ebener Platz erst durch umfangreiche Erdarbeiten geschaffen werden musste. Das dabei gewonnene Material wurde über die schutterfüllten Keller der Brandstelle ausgebreitet, wodurch später ein dritter Garten mit schöner Terrasse entstand. Das neue, freistehende Haus mit seiner großen, zweiseitigen Sandsteintreppe, seinen Postamenten, Solbänken, Gesimsen, dem zierlichen Erker und den noch zierlicheren Türmchen an den vier Ecken, machte einen förmlich schlossartigen Eindruck. Auch unter seinem Dache habe ich später noch herrliche Jugendtage verlebt, wenn ich besuchsweise nach Niedermeiser kam. – Denn ich war jetzt 14 Jahre alt und musste fort von Haus, um mich in Kassel zur Aufnahme in die polytechnische Schule vorzubereiten. 
Niedermeiser FrfIsrFambl 09071915a.jpg (166998 Byte)Die schöne Zeit der durch nichts getrübten Kindheit war vorüber. Mit den Anfangsgründen der Mathematik musste ich mich jetzt abplagen. Wie ein Füllen von der freien Weide hatten sie mich eingefangen und ins Geschirr gesteckt. Mir war trüb zumute. Mit Sehnsucht dachte ich zurück an das Leben in der Familie, an meine Spielgenossen, an die Berge und Wälder, die ich so oft, einem seltsamen Hang zur Einsamkeit folgend, allein durchstreift hatte, auch die gewohnte Kraft vermisste ich, und wenn diese letzte Regung auch etwas prosaischer Natur war, trug sie doch mit dazu bei, mir den Aufenthalt in Kassel zu verleiden. Ein unendliches Heimweg überkam mich. Erst nach Wochen konnte ich es einigermaßen verwinden. Doch gab es auch Lichtblicke. Jeden Freitag erschien der Botenfuhrmann Neumeier und brachte von der lieben Mutter ein Kistchen, gefüllt mit einem Laib heimischen Brotes, einem großen Stück Rauchfleisch oder einer harten Knoblauchwurst. Auch ein Töpfchen Gänseschmalz fehlte selten. Ganz unten lag dann ein Briefchen mit einem Fünfgroschenstück. Die gute Mutter! – Mit doppelter Macht packte mich dann das Heimweg, sodass ich in Wirklichkeit oft 'mein Brot mit Tränen aß'. 
Ja, sie war vorüber, die erste und schönste Zeit der Jugend. Kalt und ernst schaute die Gegenwart mich an. Wohl habe ich in meinem späteren Leben noch viel Herrliches genossen und geschaut. Meere habe ich durchschifft, fremde Länder und Völker kennen gelernt. Die Pracht der Tropen erschloss sich mir – durch das Dunkel der Urwälder habe ich mir den Weg gebahnt, hoch noch über den Wolken, auf den eisigen Graten der höchsten Gebirge gestanden, den Donner der Erdbeben gehört und die glühende Lavaflut den Vulkanschlünden entströmen sehen. Man sagt, jede Reise sei ein Trunk aus der Quelle des Lebens. Nun, dann habe ich manchen tiefen, köstlichen Zug daraus getan. Aber wenn ich mich zurückträume in die Vergangenheit, so war doch das Schönste – mein Kindheitsparadies in Niedermeister. 
Vor zwei Jahren, im Sommer 1911, bin ich wieder dort gewesen. Es ließ mir keine Ruhe – ich musste die Stätten, wo ich als Knabe gespielt hatte, noch einmal aufsuchen. Wohl sagte mir der Verstand, dass das nur eine selbstquälerische Torheit sei, aber trotzdem – es zog mich mit Macht dahin. Mein jüngster Sohn Richard begleitete mich. Das frische, frohe Wesen des Zwanzigjährigen sollte mir gewissermaßen ein Schutz vor mir selber sein. Allein wagte ich mich nicht hin – ich wäre sonst eine Beute der wehmütigsten und finstersten Gedanken geworden."          
  
Niedermeiser FrfIsrFambl 16071915.jpg (124611 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 16. Juli 1915: "In dem besseren der zwei Gasthöfe des Dorfes stiegen wir ab. Gleich beim Eintritt in die Gaststube empfing mich eine merkwürdige Überraschung. Da hingen an den Wänden noch dieselben Bilder, die ich schon als Kind oft und lang betrachtet hatte. Das Kramlädchen auf der anderen Seite des Flurs war auch noch da – unverändert, wie ich auf den ersten Blick gewahrte. Das freute und rührte mich. Noch denselben Nachmittag unternahmen wir eine Wanderung durch das Dorf und nach unserer damaligen Besitzung. Die Eltern hatten sie schon vor 41 Jahren verkauft, um nach Kasse überzusiedeln, wo mein ältester Bruder verheiratet war. Ach wie wurde nur zumut, als das liebe Haus wieder vor mir lag. Eine alte Dame wohnte jetzt darin, eine Tochter des schon früher erwähnten Gutsbesitzers, die uns freundlich herumführte, als ich mich ihr zu erkennen gegeben hatte und darauf bestand, dass wir wieder 'Du' zueinander sagen müssten. Wir gingen dann auch in die Gärten, die aber sehr verwildert aussahen. Nur das klare Wasser des Mühlbachs, der Ruhre, schloss noch wie ehemals rauschend durch sie dahin. Vieles war anders geworden. Aber ich fand dich noch meinen Namenszug, den ich 1864, als ich meine ersten Studienreisen unternahm, in das Eichenholz des Scheuertores eingeschnitten hatte. Der steht vielleicht noch lange nach meinem Tode da, denn die Dinge überdauern die Menschen. Allerlei Gedanken über Zeit und Ewigkeit, Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit, fluteten mir durch das Hirn… 
'Zögernd kommt die Zukunft angezogen, Pfeilschnell ist die Gegenwart verflogen, Ewig still steht die Vergangenheit.' 
Als wir gegen Sonnenuntergang auf der geräumigen Plattform der Steintreppe vor dem Hause saßen, musste    
Niedermeiser FrfIsrFambl 16071915a.jpg (272530 Byte) ich lebhaft daran denken, wie manchen sommerlichen Abend wir selbst – die Eltern, meine Geschwister, auch öfters Freunde aus der Nachbarschaft – da zugebracht hatten. Wie damals sandten auch heute die nahen, blühende Felder ihren Duft herüber. Aber der der Bohnenblüte, dieses wunderbare Aroma, an das ich mich besonders gut erinnere, war nicht dabei. 
Im Dorfe sah es auch nicht ganz mehr so aus wie früher. Den oberen Teil des Kirchturms, der aus Fachwerk bestand, hatten sie mir eintönigem, grauen Schiefer bekleidet (siehe Foto in regiowiki.hna), hie und da standen neue, nüchterne Häuser, wogegen die alten umso verfallener erschienen. Nur die gewaltigen Linden bei der Kirche hoben noch, wie ehedem, ihre womöglich noch größer gewordenen Laubkuppeln in das Blau des Himmels, Die Menschen waren mir fremd – ich kannte sie nicht und sie kannten mich nicht, aber mancher Zug in den Gesichtern der uns Begegnenden, erinnerte mich an die eingesessenen Bauerngeschlechter. Auch nach uns drehten sich einige alte Leute herum – es ging ihnen vielleicht gerade so, und der Rosenthal'sche Familienzug mochte auch in ihnen Reminiszenzen früherer Tage geweckt haben. Ich zog es vor, unerkannt zu bleiben. Nur der alte Georg Jordan, der frühere Bürgermeister, fand es heraus, dass ich aus der Ölmühle sei und sprach mich an, obwohl er mich zuerst für meinen Bruder Alfred hielt. Ganz närrisch vor Freude war er. So bringt nach langer Trennung die Erinnerung an die gemeinsam verlebte Jugendzeit die Herzen einander nahe. 
Meine Spielgenossen: Lodewigs Friedrich und Thönens Schorse, waren auch noch da. Der Friedrich diente als Knecht auf dem Neutze'schen Gutshof. Etwas gebückt von der Last der Jahre, die Hünengestalt aber sonst kernig und ungebrochen. Als er mir jubelnd vor Freude mit seinen arbeitsharten, klobigen Fingern die Hand drückte, hätte ich vor Schmerz beinahe aufgeschrieen. Abends war er mein Gast, und nicht ohne Besorgnis sah ich wie er ein 'halb Kännchen' nach dem andern nur si in sich hineingoss 'zur Feier des Wiedersehns', wie er sagte. Sein Dienstherr aber beruhigte mich: 'der alte Friedrich kann schon war vertragen', flüsterte er mir zu. Stolz zeigte mir dieser auch eine Nummer des 'Daheim', worin er mit noch zwei oberhessischen Kameraden abgebildet war. Die vierzigjährige Gedenkfeier des deutsch-französischen Krieges 1870 hatte alle Veteranen Hessens in Kassel vereinigt. Der Kaiser selbst nahm die Parade ab, und ein Berichterstatter des 'Daheim' ließ die drei charakteristischen Gestalten der alten Krieger fotografieren. Bisher hatte ich angenommen, ich sei der einzige des Dorfes, dessen Bild in die Öffentlichkeit gekommen sei – das stimmte nun nicht mehr. Aber dass grade wir zwei treue Jugendgenossen das sein mussten, ist doch merkwürdig. - Eine halbe Stunde später kam auch Altbürgermeister Jordan, sowie Thönens Schorse, der das Gewerbe eines Büchsenmachers betrieb – Niedermeiser war schon von alters her eine Pflegestätte dafür gewesen – und nun gab es eine lebhafte Unterhaltung. Alte, halbvergessene Geschichten wurden aufgefrischt, und das 'Weißt du noch?' spielte die Hauptrolle an diesem mir unvergesslichen Abend. 
Am anderen Morgen ging ich mit Richard nach 'dem Ueber', um mein Geburtshaus aufzusuchen. Aber es war nicht mehr da. So viele – viele Jahre hatte es gestanden, und gerade jetzt, kurz vor meiner Ankunft, musste es abbrennen. Die verkohlten Eichenbalken, von einer Stärke wie man sie heute nicht mehr sieht, lagen noch herum. Sinnend habe ich lange sie angeblickt, dann schnitt ich mir einen Span davon ab, um ihn mit mir in die Schweiz zu nehmen. Der soll mich begleiten, wenn ich meine letzte Reise antrete. 
In den wunderschönen Sommertagen unseres Aufenthaltes in Niedermeiser bestiegen wir auch die kühn zur Höhe strebende Kuppe des Rosenbergs. Wieder eine Fülle von Erinnerungen. Wie oft habe ich nicht als Knabe einsam und allein unter der Eiche auf seinem Gipfel gelegen und mich hinausgeträumt, weit über die duftigblauen Bergketten hinweg, in die fernsten Länder. Und – sonderbar – als sich das später aufs weitgehendste erfüllte, zog es mich mit Macht weder zurück     
Niedermeiser FrfIsrFambl 16071915b.jpg (428961 Byte) in die Heimat, und ihre lieblichen Buchenwälder erschienen mir weit reizvoller als die Palmenhaine des Südens. So wunderlich ist nun einmal das Menschenherz. - - 
In dem verwitterten Dolerit des Rosenbergs hatte ich vor Zeiten manchen hübschen Augitkristall gefunden. Auch heute suchte ich deshalb danach, und wirklich – aus dem hellbraunen Schutt glänzten mir mehrere entgegen. Wie ich mich freute mit diesen Kindern meiner Heimat. Aber das schönste Stück erspähte doch der Richard – ein Agglomerat tiefschwarzer, spiegelnder Rhomböderkristalle, so groß wie eine Kinderfaust, das jetzt eine Zierde meiner oryktognostischen Sammlung und mir daher doppelt wertvoll ist. 
Mit Ausnahme des jüngsten Enkels der alten Schimmesche, der mit seiner Schwester noch im väterlichen Hause wohnte, waren keine Juden mehr in Niedermeiser. Fortgezogen oder verstorben. Auf meinen Wunsch führte uns der letzte der Rosenberge nach dem jüdischen Friedhofe, wozu er den Schlüssel hatte. Der lag gleich hinter seinem großen Gemüsegarten und war durch einen tiefen Hohlweg von dem christlichen getrennt. Ich war ein kleines Kind, als man den ersteren anlegte und erinnerte noch noch sehr gut daran, wie damals die jungen Bäumchen eingesetzt wurden. Jetzt ragten sie haushoch empor, und ihr kühler Schatten tat uns wohl in der Nachmittagshitze. Die waren groß geworden, während alles andere mir viel kleiner vorkam. Felder und Wälder, Fluren und Triften, die Warme und Ruhre nicht ausgenommen, erschienen mir winziger wie ehedem. Das geht wohl jedem so, der nach langer Zeit die Stätten seiner Kindheit wieder aufsucht. 
Man konnte glauben, ein Erbbegräbnis vor sich zu haben, denn auf allen Grabsteinen kehrte der Name Rosenberg wieder. Nur der meines alten, lieben Lehrers Katz, machte eine Ausnahme. Im Stillen sandte ich ihm einen liebevollen Gruß hinunter. 
Von meinen Angehörigen ruht keiner hier. Fern von der Heimat, im Sande der Lüneburger Heide, im Sande der Lüneburger Heide, liegt mein Vater, in der roten Erde Westfalens, meine Mutter begraben. Von meinen Brüdern starb der zweitälteste, Alfred, auf der Insel Lucin piccolo im adriatischen Meere, der älteste, sieben Jahre später, in Leipzig. Nur zwei Schwestern, deren Männer auch längst gestorben sind, leben mir noch, die eine in Witten an der Ruhr, die andere in Leipzig. 
Man sieht, wie weit voneinander uns die Schicksale späterer Jahre verschlagen haben. 
Ich bin auch in der ehemaligen 'Schul' (Synagoge) gewesen. Verfallen und verödet. Ob die Geister derer, die ich heute auf dem 'guten Ort' (Friedhof) besuchte, sich hier in den Nächten der großen Jomtauwim (hohe Feiertage) versammeln mögen? Man konnte seltsame Gedanken haben in diesem alten, verlassenen Betsaal. 
In 'Josefs Garten' daneben, fand ich noch die Buchenlaube, welche an heißen Sabbat- und Festtagen uns so oft ihren kühlen Schatten spendete. Die schwachen Stämmchen von damals hatten sich zu förmlichen Bäumen entwickelt.
Dann wanderten wir den alten lieben Bruchweg hinab bis zu der kleinen Brücke, die sich dort über das Warmeflüßchen wölbt, Lange habe ich auf der steinernen Einfassung gesessen und dem Murmeln und Raunen des ruhelos dahinfließenden Wassers gelauscht, In tiefes Sinnen verloren starrte ich in die sich ewig erneuernde Flut. Genau an dieser Stelle war es, wo wir als Knaben mit krummen Stecknadeln so oft geangelt hatten. Mehr als sechzig Jahre sind seitdem vergangen. Nun sitze ich wieder da – ein alter Mann, dessen Leben keinen rechten Wert und Inhalt mehr hat. Vor sechs Monaten hatte mir der grausamem unerbittliche Tod meine Lebensgefährtin, meine arme, liebe Frau, entrissen, die 35 Jahre lang Freud und Leid mit mir teilte. Das traf mich tief – tiefer als ich hier sagen kann und mag. So lange mir selbst noch zu atmen vergönnt ist, werde ich ihrer in Liebe und Trauer gedenken. – 
Ich suchte Ablenkung meines Schmerzes hier, wo mir die frohen Tage der Kindheit verflossen waren, aber unter der Einwirkung der wehmütig stimmenden Erinnerungen machte sich die erlittene Seelenerschütterung wieder in erhöhtem Maße geltend. 
Sie sind alle schlafen gegangen – meine lieben Eltern und Brüder, so viele mir teure Verwandte und nun auch noch viel, viel zu frühe, meine unvergessliche Frau. Und wie viele sonst noch, die ich gekannt und geliebt habe. Gräber – nichts als Gräber! Es ist nur gut, dass einem dadurch das eigene Scheiden leicht gemacht wird. Quousque tandem? 
Fort von hier! – Was ich zu finden wähnte, war eitel Täuschung – tot, versunken und vergessen, ist die Vergangenheit. Nur im tiefsten Herzen dessen, der an ihr hängt, führt sie noch ein Scheindasein. Die Uhr des Lebens lässt sich eben nicht zurückstellen. 
Noch einen letzten Gang zur Mühle, ihren Gärten und Ufergeländen, bis dahin, wo der Wasserfall tosend über seine selbstgeschaffene Kalktuffterrasse herniederstürzt. Den 'Reuterborn' und 'die Teiche', diese geheimnisvollen, kleinen Wasserspiegel aus deren Tiefen die Quellen der Ruhre empordrangen. Fand ich nicht mehr; sie waren verschüttet, Gras wuchs auf ihnen, aber dafür strömte die Flut an einer Stelle, in einem starken Strahle umso mächtiger zutage. 
Auf dem Rückwege lagerten wir uns an dem steilen wachholderbestandenen 'Triesch' des Mühlenberges und sahen hinaus in die stille, vom Abendrot verklärte Gegend. Wehmütige Gedanken und Gefühle bewegten mich. Meine ganze, wechselvolle Vergangenheit, zog an mir vorüber, Dornen, Disteln und Blumen. O wäre es doch noch wie früher! Wie glücklich lebten wir da in unserer Einfachheit. Unwillkürlich zogen mir die Worte des spanischen Dichters Antonio de Trueba (Wikipedia-Artikel) durch den Sinn: 
'Feliz el que nunca ha visto mas rio que el de su patria y duerme anciano à la sombra do pequeñuela jugaba!
Vielleicht liegt eine tiefe Wahrheit darin. Vielleicht ist wirklich der am glücklichsten, der nie weiter kam als von seinem Kirchturm aus sehen konnte und als Greis zufrieden im Schatten der Bäume schläft, wo er als Kind gespielt hat.
Die Nacht bricht an – wir müssen gehen. Die kühler gewordene Luft spielt und kost mit den duftigen Zweigen des Wachholdergebüsches. In tiefen Zügen atme ich sie ein – Heimatluft! Beim Bach angelangt schöpfe ich mit hohler Hand einen letzten Trunk aus ihm – dann wandern wir weiter dem Dorfe zu. Von rechts herüber grüßte noch einmal das traute Elternhaus. O wie oft habe ich mich noch umgewendet nach ihm, zum letzten und allerletzten Abschiedsblick. Leb wohl – auf ewig wohl! Es war einmal… Ein hübscher Anfang für ein Kindermärchen, aber ein tief elegisches Epitaph für den, der am Grabe seiner Jugend steht. Vorbei! Vorbei! - - -. 

   
Artikel über "Louis Rosenthal und seine Heimat Niedermeiser" von Lehrer H. Löwenstein (Lehrer in Meimbressen, Artikel von 1927)      

Artikel in der "Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und Waldeck" vom 25. März 1927: "Louis Rosenthal und seine Heimat Niedermeiser. 
Von H. Löwenstein, Lehrer in Meimbressen. In dem Artikel über 'Die jüdische Schule zu Meimbressen' in Nr. 41 des vorigen Jahrgangs wurde auch erwähnt, dass in den zwei Stunden von hier gelegenen Niedermeiser einst auch eine jüdische Volksschule bestanden habe. Aus dieser Schule, an der meines Wissens nur ein Lehrer namens Sandel Katz, gebürtig aus Guxhagen, gewirkt hat, ist ein Mann hervorgegangen, dessen heute gedacht werden soll. Es ist das der spätere Bergingenieur Louis (Levi) Rosenthal. 
Am 20. März waren es sechs Jahre, dass er seine Augen für immer geschlossen hat. Er war am 25. August 1846 als der Sohn des Kaufmanns und späteren Ölmühlenbesitzers Israel Katz Rosenthal geboren. Bis zum 14. Lebensjahr besuchte er die jüdische Volksschule seines Heimatortes, und er gedenkt seines Lehrers noch bis in sein Greisenalter mit wahrer Liebe. Er nennt ihn einen Prachtmenschen, der immer gute Laune, gefällig und herzensbrav war. Von allen Lehrern, die ihn (Rosenthal) unterrichtet und ihn auf die Bahn des Wissens gebracht haben, sei Katz ihm der liebste gewesen. 
Nach beendeter Schulzeit musste der Jüngling seine Heimat verlassen und kam ausbildungshalber nach Kassel auf die polytechnische Schule. Mit allen Fasern seines Lebens hing er aber an seiner Heimat. Wehmütig gedenkt er ihr allezeit und manchmal suchte er dieselbe auf. Im Jahre 1911 zog es ihn, den 65-jährigen, noch rüstigen Mann, nach seinem Kindheitsparadies. Mit seinem jüngsten Sohn Richard wanderte er damals vom Bahnhof Fürstenwald über Meimbressen nach dort; ein Marsch von etwa 3 Stunden. Auch Meimbressen, besonders das frühere Killeleben (= jüdisches Gemeindeleben), war bei ihm in lebhafter Erinnerung. Es trat hier auch allerlei Erlebtes wieder lebendig vor die Seele. Das Haus des einstigen Gemeindeältesten Samuel Katzenstein zeigte er seinem Reisebegleiter und unterhielt sich noch eingehend mit der Frau des jetzigen Besitzers über 'früher'. 
Diese letzte Reise in seine Heimat wagte er nicht allein zu unternehmen nicht aus Körperschwäche – er befürchtete sonst eine Beute der wehmütigsten und finstersten Gedanken zu werden. Das frische, frohe Wesen des 20-jährigen Jünglings sollte ihm gewissermaßen ein Schutz vor ihm selber sein. Der Heimat- und Erinnerungszauber, meint Rosenthal, zwingt jeden alten Menschen in seinen Bann. Dieser ließ sich auch nicht unterdrücken bei ihm, der große Aufgaben zu erfüllen sich gestellt hatte. 
Nun befriedigte er den Drang, die Stätte, wo er als Knabe einst gespielt, noch einmal zu betreten. Da wurde manches frohe Wiedersehen gefeiert. Wehmütig war ihm zumute, als er sein früheres Wohnhaus wiedersah und gar seinen Namenszug, den er als 18-jähriges Student in das Eichenholz des Scheunentores eingeschnitten hatte. Viele Menschen waren ihm fremd geworden, er kannte sie nicht, sie ihn nicht. Aber seine ehemaligen Spielgenossen, seine besten Jugendfreunde, traf er noch an und feierte abends im Gasthaus mit ihnen frohes Wiedersehen. Mit ihnen hatte er einst als Juni manchmal in dem Mühlbach geangelt. 
Aber wie erfüllte es ihn mit tiefer Wehmut, als er am anderen Morgen sein Geburtshaus aufsuchen wollte, das – nicht mehr da war. Es war kurz vorher abgebrannt. Ein Andenken nahm er mit sich; er schnitt einen Span von einem verkohlten Balken ab und nahm ihn nach Basel, seinem Wohnsitz. 'Der sollte ihn begleiten, wenn er seine letzte Reise antreten würde'. 
Dass Rosenthal auch dem 'guten Ort' (Friedhof) noch einen Besuch abstattete, war selbstverständlich, wenn auch von seinen Angehörigen keiner dort ruhte. Die Eltern waren schon 1870 nach Kassel gezogen. Auf dem Grabe seines lieben Lehrers Katz blieb er stehen und sandte diesem einen lieben Gruß hinunter. Auch der ehemaligen 'Schule' (Synagoge), die schon verfallen und verödet, stattete er einen Besuch ab. Heute ist dieser Betsaal überhaupt nicht mehr; das Gebäude wurde später verkauft und für andere, profane Zwecke eingerichtet. 
Das, was Rosenthal in seinem lieben Heimatorte zu finden hoffte, fand er nicht: Ablenkung von seinem Schmerz. Vor einem halben       
Niedermeiser JuedWZKassel 25031927a.jpg (122739 Byte)Jahre hatte er seine Frau, mit der er 35 Jahre Freud und Leid geteilt hatte, durch den Tod verloren. Durch die Einwirkung der wehmütig stimmenden Erinnerungen machte sich die erlittene Seelenerschütterung wieder in erhöhtem Maße geltend. So verlässt er seine Heimat – enttäuscht – auf immer und nennt den am glücklichsten, der nie weiter kam, als er von seinem Kirchturm aus sehen konnte und als Greis zufrieden im Schatten der Bäume schläft, wo er als Kind gespielt hat. 
Rosenthals Name hatte überall, nicht nur in seiner engeren Heimat, einen guten Klang. Er war von Beruf Bergingenieur und galt als einer der bedeutendsten Kenner auf dem Gebiet des Bergbaues und hat zahlreiche Bergwerke in Deutschland sowohl als auch im Auslande nachgewiesen, unter anderem auch das am Habichtswald, auch die unterirdische Fortsetzung der Saarbrückener Steinkohlenablagerung. Ihm war von der bayerischen Regierung seinerzeit der Posten eines Direktors des fiskalischen Steinkohlenbergwerks Bexbach angeboten. Rosenthal nahm jedoch das Angebot nicht an, weil eine damit verbundene Bedingung zu erfüllen ihm unehrenhaft erschien. Dass sich Rosenthal auch als Schriftsteller betätigt hat, ist ja bekannt. 
Wenn wir die besten Männer aus Hessens Gauen nennen, so soll Louis Rosenthal unter ihnen auch nicht fehlen. Rosenthal lebte zuletzt in der Schweiz, in Basel, dort ist er auch gestorben. 
Nun noch einiges von Niedermeiser. Wenn dort auch nur eine kleine jüdische Gemeinde war – im ganzen zwölf Familien, von denen 10 den Namen Rosenberg und zwei den Namen Rosenthal führten – so herrschte dort reges jüdisches Leben. Auch einen Literaturverein bat der jüdische Lehrer eingerichtet, und die neuesten Erscheinungen auf den jüdischen Büchermarkte wurden angeschafft und regelmäßig von den Familien alle acht Tage ausgetauscht. Der Sabbat wurde noch von allen in streng traditioneller Weise gehalten. Vom Freitagnachmittag an hörte jede Werktätigkeit auf. In jedem Hause strahlte am Freitagabend die blank geputzte sechs- oder achtarmige Schabbeslampe. Selbstverständlich bestand auch eine Chewra, in der jeden Sabbatnachmittag gelernt wurde. Da fehlte keiner der Baale batim (Familienvorsteher). Nach beendetem Lehrvortrag gab es dann, wie es in vielen Orten heute noch Modeess ist, Broche in Form von Schabbesobst. Ehe man zu Maariv (Abendgebet) wieder zur Synagoge ging, versammelte man sich vor den in der Nähe der Schule (Synagoge) gelegenen Häusern und erzählte einander die Erlebnisse der Woche. Sehr oft waren auch über Sabbat Orchim (Gäste) in Niedermeiser. Und die kamen oft und gern, denn sie wurden bekowed (ehrenhaft) dort aufgenommen. 
Vor etwa 100 Jahren hatte die Kille (Gemeinde) noch keinen Vorbeter. Bei den Gemeindemitgliedern muss das Chasonus (Dienst des Vorbeters/Kantors) nicht, wie in vielen anderen kleinen Gemeinden, besonders 'gebrannt' haben. Von auswärts kam jeden Freitagnachmittag eine Aushilfe, ein kleines Männlein mit prachtvoller Stimme. Nun geschah es einmal, dass im Winter so viel Schnee gefallen war, dass der kleine Mann nicht durchkommen konnte. Da kam eine Bauersfrau des Weges, eine große Gestakt, die zufällig nach Niedermeiser wollte. Sie trug einen Tragkorb auf den Rücken, in dem sie von Niedermeiser ein paar Ferkel holen wollte. 'Das könnte ja passen', dachte der kleine Mann. Er versprach der Frau ein Trinkgeld, wenn sie ihn in dem Korbe mitnähme. Sie waren bald handelseinig und der kleine Sänger saß schon im Korbe. Es ging langsam und die Ankunft des Vorbeters verzögerte sich etwas. Die Gemeinde war schon in der Synagoge versammelt und wartete ungeduldig. Da kam endlich die Frau mit ihrer lebendigen Last an, hob den halb Erstarrten aus dem Korbe und sagte zu den nicht wenig erstaunten Männern: 'Da han si suchen Rewwen.' Die Juden Niedermeisers waren untereinander alle einig; auch in geschäftlicher Beziehung gab es dort kaum einmal Differenzen; sie machten sich auch draußen keine Konkurrenz. Und wenn es doch einmal vorkam, dass einer den Kunden des andern besuchte – sicher ließ es sich nicht ganz vermeiden – so wurde sich das ganz höflichst verbeten mit den Worten: 'Das is doch mine Goiche, da baste dich nix z'tun'.. 
Niedermeiser JuedWZKassel 25031927b.jpg (33503 Byte) Die Einigkeit und das freundschaftliche Verhältnis untereinander zeigte sich besonders im Spätherbst, wenn die Chewrasude war. Die wurde im großen Stil abgehalten. Dazu stellten sich viele Glaubensgenossen der ganzen Umgegend ein. Da wurden dann zwischen alten Bekannten alte Erinnerungen aufgefrischt. Im Mittelpunkt der Feier stand die Sude, zu der man sich eigens eine gute Köchin aus Kassel verschrieben hatte. Dass nach dem Mahl auch Karten gespielt wurde, war nur zu selbstverständlich; aber kein Skat, sondern Klabrias. Das war überhaupt ein sehr beliebtes Spiel unter den Baalbatim, das besonders auch am Chaulmoed (Halbfeiertag), Chanuka und Purim für sie ein Zeitvertreib war.  
Heute haben sich die Zeiten geändert, zum Teil sind die Familien ausgestorben, zum Teil verzogen. Nur noch eine Familie lebt dort, die der Gemeinde Liebenau, einem eine Stunde entfernten Städtchen, angeschlossen ist. Nur der 'gute Ort' erinnert noch daran, dass einst auch hier eine jüdische Gemeinde bestanden hat."    

 
70. Geburtstag von Bergingenieur Louis Rosenthal (1916 in Basel)      

Artikel im "Frankfurter israelitischen Familienblatt" vom 8. September 1916: "Basel. Bergingenieur L. Rosenthal, der auch den Lesern des Frankfurter Israelitischen Familienblattes durch seine Erzählungen bekannt ist, beging seinen 70. Geburtstag".        

  
Zum Tod von Bergingenieur Louis Rosenthal (1921 in Basel)       

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. April 1921: "In Basel starb der Bergingenieur Louis Rosenthal, der lange Jahre in Kassel gewohnt und sich nicht nur in seinem Fach, sondern auch als Novellist mit nicht unerheblichem Talent schriftstellerisch betätigt hat. In der Nummer von 4. März dieses Jahres brachten wir eine Besprechung seines im Verlag von Gustav Engel (Leipzig) erschienenen Buches 'Ernstes und Heiteres aus dem jüdischen Leben'. Es war seine letzte Arbeit".          

  
  
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde    
Mord an dem Handelsmann Samuel Rosenberg aus Niedermeiser (1881)      
Anmerkung: Samuel Rosenberg (geb. 10. Januar 1813) war ein Sohn von Simon Rosenberg (Information von Shlomo Melchior vom 9.4.2016)    

Niedermeiser Israelit 16111881.jpg (83803 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. November 1881: "Kassel, 2. November (1881). Die Kunde von einem blutigen Morde durcheilte heute unsere Stadt. Derselbe ist in der Nacht vom Sonntag zum Montag an dem Handelsmann Samuel Rosenberg aus Niedermeiser bei Hofgeismar begangen worden. Die Einzelheiten der schaurigen Tat sind noch in ziemliches Dunkel gehüllt, doch erfährt die 'Hessische Morgenzeitung' vorläufig darüber Folgendes: Der Israelit Rosenberg, ein gut situierter und angeblich angesehener Handelsmann, begab sich am Sonntag Abend spät auf den Heimweg vom Dorfe Zwergen aus, um nach Niedermeiser zu gehen. Dort ist er nicht angelangt. Am andern Morgen wurde nicht weit vom Dorfe Zwergen der Leichnam desselben etwas abseits vom Wege unter Kartoffelkraut von Dorfbewohnern aufgefunden. Am Kopfe befand sich eine klaffende Wunde vor, die anscheinend von dem Schlage einer Axt herrührt. Uhr, Börse und Wertgegenstände fand man bei dem Leichnam; es scheint also kein Raubmord, sondern ein Racheakt an dem alten, in den siebziger Jahren stehenden Manne begangen zu sein. Derselbe war für sein Alter noch sehr rüstig und hat Rosenberg (jedenfalls einen Kampf mit dem Mörder, welcher ihm aufgelauert zu haben scheint, zu bestehen gehabt. Hierfür spricht auch der Umstand, dass der Spazierstock des Ermordeten in Stücke zerschlafen aufgefunden wurde. Über den mutmaßlichen Täter schwirren allerlei Gerücht, doch lässt sich Bestimmtes noch nicht mitteilen. Der Staatsanwalt von Ditfurth war bereits heute am Orte der Tat." ."            


Frau Beilchen Katz aus Eberschütz wird vermisst (1912)      

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 20. Dezember 1912: "Hofgeismar. Vor etwa 14 Tagen entfernte sich die unverheiratete Beilchen Katz aus dem benachbarten Eberschütz früh morgens aus ihrer Wohnung. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass die Bedauernswerte, die geistig nicht ganz normal war, den Tod in der Diemel gesucht und gefunden hat, jedoch ist alles Suchen bis jetzt vergeblich gewesen."            

  
  
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen   
Anzeige von M. K. Rosenthal in Niedermeiser (1861) 
       

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. Dezember 1861: "Commis-Gesuch.  
Ein mit Buchführung und Korrespondenz vertrauter junger Mann findet ein dauerndes Engagement bei 
M. K. Rosenthal
in Niedermeiser (Kurhessen)."           

    
 Verlobungsanzeige von Irma Judenberg und Paul Steinberger (1928)    

Anzeige in der "Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen und Waldeck" vom 15. Juni 1928: 
"Irma Judenberg - Paul Steinberger. 
Verlobte.  
Liebenau Bezirk Kassel  -   Kassel Kölnische Str. 28.  Juni 1928"          


Verlobungsanzeige von Ida Löwenstein und Herrmann Mysliborsky (1933)     

Anzeige in der "Jüdischen Wochenzeitung für Wiesbaden und Umgebung" vom 24. Februar 1933: 
"Ida Löwenstein - Herrmann Mysliborsky. Verlobte. 
Halle (Saale), Sternstr. 14 / Liebenau (Bez. Kassel)   -   Wiesbaden  Wörthstr. 6 I    Februar 1933."    

   
   
   
Zur Geschichte der Synagoge     
   
In Niedermeiser gab es einen Betraum bzw. eine Synagoge in einem der jüdischen Wohnhäuser. Bei dem bis heute erhaltenen Gebäude im Bruchweg handelte es sich um ein zweigeschossiges Fachwerkgebäude mit Satteldach im Straßenzug. In diesem Gebäude befand sich - von der Straße aus gesehen - die Wohnung der jüdischen Familie rechts des Einganges (vgl. Foto unten), links des Eingangs der im Erdgeschoss der Betsaal, im oberen Geschoss die Unterrichtsräume. Der Betsaal hatte nach Angaben bei Thea Altaras (s.Lit.) unmittelbaren Zugang von der Straße und war - ähnlich dem bestehenden Eingang - über einen kleinen Treppenlauf zu erreichen. 
 
Im Garten befand sich eine "dauerhafte" Laubhütte an der Stelle, wo auch heute ein Anbau steht. Die östlich angebaute Scheune diente dem Schächter für die rituellen Schlachtungen.  
 
Wie lange in dem Gebäude Gottesdienst abgehalten wurden, ist nicht bekannt. Auf Grund der stark zurückgegangenen Zahlen der jüdischen Einwohner in den Orten vermutlich nicht über die Zeit um 1900 hinaus. 1909 wurde die Gemeinde aufgelöst. Damals ist das Gebäude der ehemaligen Synagoge verkauft worden. Auch der Gebäudeteil mit dem Betsaal und dem Unterrichtsraum wurde zu Wohnzwecken umgebaut.    
  
  
Adresse/Standort der Synagoge    Bruchweg 6    
   
  
Fotos
(Quelle: Obere Fotozeile: aus dem Beitrag von L. Rosenthal s.u. S. 26; zweite Fotozeile: Th. Altaras 1994 s. Lit. S. 46)

Das Gebäude mit dem früheren Betsaal 
vor dem Umbau zu einem Wohnhaus
Niedermeiser Synagoge 100.jpg (73368 Byte)   
     
         
Das Gebäude mit dem früheren 
Betsaal im Mai 1989
Niedermeiser Synagoge 120.jpg (103756 Byte) Niedermeiser Synagoge 121.jpg (101685 Byte)
   Im Gebäudeteil links des Eingangs befand
 sich der Betsaal und ein Raum für den
 Unterricht der Kinder; in der angebauten
 Scheune wurde geschächtet.
Das Gebäude vom Garten aus gesehen
 (südliche Rückseite); im Bereich des 
Anbaus war einst eine 
"ständige Laubhütte".  
      
    Neue Fotos werden noch erstellt; über Zusendungen freut sich der Webmaster 
der "Alemannia Judaica"; Adresse siehe Eingangsseite
     
Andernorts entdeckt  Warburg Friedhof IMG_8500.jpg (240252 Byte)  
  Grabstein rechts der Mitte für Julius Rosenberg 
aus Niedermeiser (1860-1942)  
 im jüdischen Friedhof in Warburg  
 

   
    
Links und Literatur

Links:  

Website der Gemeinde Liebenau/Hessen    
Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Niedermeiser (interner Link)  
Website http://www.juden-in-nordhessen.co.de: unter " Genealogien jüdischer Familien in Nordhessen" findet sich hier ein Stammbaum der Familie Rosenberg in Niedermeiser  
Webportal HS 010.jpg (66495 Byte)Webportal "Vor dem Holocaust" - Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen mit Fotos zur jüdischen Geschichte in Liebenau 

Quellen:  

Hinweis auf online einsehbare Familienregister der jüdischen Gemeinde Liebenau mit Niedermeiser und Ostheim   
In der Website des Hessischen Hauptstaatsarchivs (innerhalb Arcinsys Hessen) sind die erhaltenen Familienregister aus hessischen jüdischen Gemeinden einsehbar: 
Link zur Übersicht (nach Ortsalphabet) https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/llist?nodeid=g186590&page=1&reload=true&sorting=41              
Zu Liebenau sind vorhanden (auf der jeweiligen Unterseite zur Einsichtnahme weiter über "Digitalisate anzeigen"):    
HHStAW 365,530   Sterberegister der Juden von Liebenau  1827 - 1929; enthält auch Angaben zu Niedermeiser und Ostheim https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v2573928     
HHStAW 365,528   Geburtsregister der Juden von Liebenau  1828 - 1895; enthält auch Angaben zu Niedermeiser und Ostheim  https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v2719781      
HHStAW 365,529   Trauregister der Juden von Liebenau  1830 - 1884; enthält auch Angaben zu Niedermeiser und Ostheim     https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v1900002                     
HHStAW 365,533   Gräberverzeichnis des jüdischen Friedhofs in Liebenau, aufgenommen im April 1937 durch Baruch Wormser von Grebenstein  1848, 1887 - 1927; enthält hebräische und deutsche Grabinschriften auf dem jüdischen Friedhof in Liebenau   https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v1675012       

Literatur:  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. I S. 382; Bd. II S. 66. 
Kein Artikel bei Thea Altaras: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945? 1988 
dies.: Das jüdische Rituelle Tauchbad und: Synagogen in Hessen. Was geschah seit 1945 Teil II. 1994. S. 46-47. 
Studienkreis Deutscher Widerstand (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945. Hessen I Regierungsbezirke Gießen und Kassel. 1995 S. 81.85-86.  
Louis Rosenthal: Ein Sabbat in Niedermeiser. In: Vertraut werden mit Fremdem. Zeugnisse jüdischer Kultur im Stadtmuseum Hofgeismar. Hg. von Helmut Burmeister und Michael Dorhs. 2. Auflage Hofgeismar 2000. S. 19-26.  
Brigitte Beck: Die Geschichte der jüdischen Bevölkerung von Niedermeiser. In: Das achte Licht. Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte der Juden in Nordhessen. Hg. von Helmut Burmeister und Michael Dorhs. Hofgeismar 2002. S. 20-33.  

          
n.e.     

                   
vorherige Synagoge  zur ersten Synagoge nächste Synagoge   

             

 

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an Alemannia Judaica (E-Mail-Adresse auf der Eingangsseite)
Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 15. September 2017