|
Eingangsseite
Aktuelle Informationen
Jahrestagungen von Alemannia
Judaica
Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft
Jüdische Friedhöfe
(Frühere und
bestehende) Synagogen
Übersicht:
Jüdische Kulturdenkmale in der Region
Bestehende
jüdische Gemeinden in der Region
Jüdische
Museen
FORSCHUNGS-
PROJEKTE
Literatur
und Presseartikel
Adressliste
Digitale
Postkarten
Links
| |
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"
zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Freistett (Ortsteile Alt- und Neufreistett, Gemeinde Rheinau, Ortenaukreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In dem bis bis 1736 zur Grafschaft Hanau-Lichtenberg und
danach bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zur Landgrafschaft Hessen-Darmstadt
gehörenden Altfreistett waren im 17. Jahrhundert vereinzelt Juden ansässig.
In dem 1739 als Handelsplatz für Holz und Kolonialwaren gegründeten Neufreistett
bestand eine jüdische Gemeinde bis 1935. Ihre Entstehung geht in die Zeit nach
der Gründung Neufreistetts zurück: erstmals werden 1756 Juden genannt, 1766 zählte
Neufreistett bereits sieben "starke" jüdische Haushalte.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie folgt: 1825 48 jüdische Einwohner (3,4 % von insgesamt 1.423 Einwohnern),
1852 83 (4,9 % von 1.677), 1880 80 (3,8 % von 2.087), 1885 Höchstzahl von 84,
1900 70 (3,1 % von 2.285), 1925 46 (2,0 % von 2.366), 1933 33 (1,2 % von
2.712).
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge, eine Schule, ein
rituelles Bad (in einem an die Synagoge angebauten Badhaus) und einen Friedhof.
Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der
zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. 1827 wurde die
Gemeinde dem Rabbinatsbezirk Bühl zugeteilt.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde vier Männer. Ihre Namen
stehen auf dem Gefallenendenkmal der Gemeinde.
Um 1925, als noch 46 jüdische Einwohner gezählte wurden (2,0 % von
insgesamt 2.366 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde Salomon
Oppenheimer, Leo Braunschweig und Julius Hammel. Als Lehrer, Kantor und Schochet
war David Hirschberger angestellt. Er unterrichtete an der Religionsschule der
Gemeinde vier Kinder. Unter den jüdischen Vereinen wird ein Israelitischer
Wohltätigkeitsverein genannt.
Die jüdischen Familien lebten
zunächst vor allem vom Handel mit Kolonialwaren, Rohtabak und Vieh. 1933 gehörte
jüdischen Personen u.a. noch folgende Gewerbebetriebe: Zigarrenfabrik Leo
Braunschweig (Hauptstraße 21), Wolle- und Aussteuerartikel Erich Hammel (Hauptstraße
19), Textilgeschäft "Neues Kaufhaus" Jenny und Julie Hammel (Rheinstraße
7), Viehhandlung Leopold Hammel (Hauptstraße 9), Schneiderei Reich (Rheinstraße
9).
1933 wohnten in Freistett noch 33 jüdische Personen.
Von den in Neufreistett geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Karoline Frey geb.
Hammel (1894), Elsa Hammel (1889), Julchen Hammel (1891), Simon Hammel (1867),
Richard Ferdinand Liebhold (1881), Fanny Perlen geb. Hammel (1894).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Berichte zu einzelnen
Personen aus der Gemeinde
Salomon Oppenheimer erhält das "Eiserne Kreuz
II" (1916)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 24.
November 1916: "Neufreistett. Salomon Oppenheimer, Sohn des
Anselm Oppenheimer von hier erhielt für Tapferkeit vor dem Feinde in den
Kämpfen an der Somme das Eiserne Kreuz 2. Kl." |
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge
Eine Synagoge wurde vermutlich in der ersten
Hälfe des 19.
Jahrhunderts am Marktplatz (Ecke Rheinstraße/Freiburger Straße, Flurstück
379/1) erbaut. Es handelte sich um einen sehr einfachen Bau mit
Rundbogenfenstern. Um 1890 war das Gebäude in offenbar sehr
schlechtem Zustand. Eine große Renovierung war nötig. Sie konnte unter dem
Gemeindevorsteher Jakob Hammel durchgeführt werden. Am 25. August 1893 konnte
die Synagoge neu eingeweiht werden, worüber in der Zeitschrift "Der
Israelit" ein Bericht veröffentlicht wurde:
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. September 1893: "Aus
dem Badischen. Die aus kaum 20 israelitischen Familien bestehende Gemeinde
in Neufreistett feierte Freitag den 25. vorigen Monats die Einweihung ihrer
renovierten Synagoge; schon viele Jahre war die Renovierung ein Bedürfnis, da
de Synagogen von innen und von außen ein sehr notdürftiges Aussehen hatte. Es
war zu bezweifeln, dass das Projekt zustande käme, da die Gemeinde bei ihrer
kleinen Anzahl große Opfer zur Bestreitung ihres Kultusaufwandes aufbringen
muss; jedoch der rastlosen Tätigkeit ihres Vorstandes Herrn Jakob Hammel ist es
zu verdanken, dass hier ein Werk entstanden, welches der Gemeinde zur Zierde
gereicht. Aus feiwilligen Spenden von Nah und Fern wurden die Mittel zum Bau
aufgebracht. Auch Seine Königliche Hoheit der Erlauchte Großherzog und
Erbgroßherzog von Baden trugen seiner Zeit ihr Scherflein dazu bei. Die
Einweihungsrede hielt der Bezirksrabbiner Herr Dr. Mayer aus Bühl und
behandelte als Thema den Vers 7 aus Kap, 56 in Jesaja: "denn mein Haus soll
ein Bethaus genannt werden für alle Völker". Der Redner hob besonders die
toleranten Lehren unserer Tora und des Talmud hervor und fand großen Beifall
nicht nur bei den Israeliten, sondern auch bei den zahlreich Erschienenen
anderer Konfessionen. Der Herr Bürgermeister sowie der Gemeinderat waren
während der ganzen Feier anwesend. Herr Oberbürgermeister aus Kehl (ein
geborener Neufreistetter) entschuldigte sich und bedauerte es nicht erscheinen
zu können und sandte auch eine Depesche. Es ist in unserer heutigen
aufgeklärten, aber dennoch bezüglich des religiösen Friedens so sehr
leidenden Zeit besonders angenehm und erfreulich, wenn man sieht, dass es auch
noch Gegenden gibt, wo das beste Einvernehmen zwischen Juden und Christen
herrscht. Ein fernerer Beweis davon ist, dass zwei Israeliten hier dem
Gemeinderat angehören. Rühmend wurde das schöne Einvernehmen der beiden
Konfessionen hier auch von Herrn Redner hervorgehoben mit dem Wunsche, dass
solche Toleranz auch in anderen Gegenden Nachahmung finden möchte. Abends fand
ein Festessen statt, wobei sehr schöne Toaste und Reden gehalten wurden. Der
erste Toast galt Seiner Königlichen Hoheit unserem vielgeliebten Großherzog.
In sehr ergreifenden Worten schilderte dann Herr Dr. Mayer die viele Mühe, und
- den Hohn, welchen Herr Hammel ertragen musste vor Erreichung seines Zieles und
verglich solchen mit dem Hohne der Samaritaner, welche den Bau des zweiten
Tempels verhindern wollten, und wie damals Gott seine Hilfe sandte, so sei es
auch hier. ... Mit Stolz darf jetzt die hiesige Gemeinde auf ihr Bethaus
blicken.
Am Schabbat um 9 Uhr fand abermals ein Festgottesdienst statt und auch hier fand
die Rede des Herrn Dr. Mayer allgemeinen Beifall. Redner wählte als Text aus
Jesaja Kapitel 66 Vers 1: "Der Himmel ist mein Thron und die Erde meiner
Füße Schemel. Wo ist da ein Haus, das ihr mir bauen möget und wo ein Ort
meiner Ruhestätte?" Insbesondere betonte der Redner, dass heute das
Zeitalter der schönen Synagogenbauten ist und doch ist der alte echte jüdische
Gottesdienst an so vielen Orten ganz anders, als er sein soll, auf die schönen
Gotteshäuser kommt es nicht an, denn es reicht ja jeder Platz, jedes Fleckchen
Erde hin in Andacht vor Gott zu beten. Er braucht keine Paläste; möge, nachdem
die Einweihungsfeier vorüber ist, nicht auch die Begeisterung verschwinden,
sondern recht oft und viel diese heilige Stätte besucht und benützt werden. -
Das Fest verlief in schönster Weise und wird allen Teilnehmern noch lange in
freudigem Andenken bleiben.
Im Verlauf des Festes wurde folgendes Telegramm an Seine Königliche Hoheit den
Großherzog abgesandt: Neufreistett, 26. August 1893.
Großherzog von Baden, Coburg! Die anlässlich der Synagogeneinweihung
versammelten Festgäste entbieten Eurer Königlichen Hoheit ihren
ehrerbietigsten und alleruntertänigsten Gruß. Für die israelitische Gemeinde
Neufreistett. Hammel.
Worauf die nachstehende huldvolle Antwort erfolgte: Ich danke der Festgemeinde
für den freundlichen Gruß bei Einweihung der neuen Synagoge. Friedrich,
Großherzog."
|
Nachdem die Zahl der Juden in Freistett und
Rheinbischofsheim stark zurückgegangen war, wurde die Freistetter Synagoge 1935
geschlossen und nicht mehr zu Gottesdiensten verwendet. Die noch in Freistett
verbliebenen Juden besuchten bis zur Zerstörung der dortigen Synagoge im
November 1938 die Gottesdienste in Rheinbischofsheim. Im Zusammenhang mit der Pogromnacht
1938 ist auch in Freistett nach einem Zeitzeugenbericht von örtlichen "Halbwüchsigen"
so nachhaltig demoliert worden, dass sie wenig später abgebrochen werden
musste.
Heute ist das Synagogengrundstück ein unbebauter Platz;
ein Gedenkstein wurde im Juni 2008 aufgestellt (siehe Bericht unten).
Fotos
Historisches Foto
(Quelle: Sammlung Hahn)
 |
 |
|
Die Synagoge in Freistett um 1930; Ansicht von der
Freiburger Straße |
Lageplan der Synagoge in
Freistett
in: F. Peter s.Lit. S. 10 |
Fotos nach 1945/Gegenwart:
Foto 2003
(Foto: Hahn,
Aufnahmedatum 1.9.2003) |
 |
|
Das Grundstück der ehemaligen
Synagoge
Ecke Rheinstraße/Freiburger Straße ist in einem größeren Parkplatz
aufgegangen. Die hinter dem Parkplatz zu sehenden Häuser (von links)
stehen entlang der Freiburger Straße; die Häuser rechts entlang der
Rheinstraße. Die Blickrichtung ist ähnlich wie der Pfeil oben auf der
Karte. |
Erinnerungsarbeit vor Ort
- einzelne Berichte
Mahnmal schlägt einen Bogen in die Gegenwart
- Gedenkstein für die Synagoge in Freistett auf dem Marktplatz enthüllt
Artikel von Michael Müller in "Baden online - Portal der
Ortenau" - Acher-Rench-Zeitung vom 30. Juni 2008 mit Foto (links) von
Michael Müller: Bürgermeister Michael Welsche (links) und Bildhauer
Manfred Lieselbach enthüllten den Gedenkstein, der an die Synagoge in
Freistett erinnern.
Mit einer kleinen Feierstunde auf dem neu gestalteten Freistetter Marktplatz wurde am Donnerstag der Gedenkstein enthüllt, der an die jüdische Synagoge erinnert, die einst dort stand.
Bürgermeister Michael Welsche und Bildhauer Manfred Lieselbach enthüllten den Gedenkstein, der an die jüdische Synagoge in Freistett erinnert.
Rheinau-Freistett. »Nachwachsende Generationen sind nicht verantwortlich für das was damals geschah, sie sind aber dafür verantwortlich, was in der Geschichte daraus wird.« Mit diesem Zitat von Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker begrüßte Rheinaus Bürgermeister Michael Welsche am Donnerstag die Gäste der Enthüllung des Gedenksteins für die ehemalige jüdische Synagoge. Das Zitat ist auf der rechten Seite des Gedenksteins eingemeißelt; auf der linken Seite finden sich die Namen der Juden, die 1933 noch in Freistett lebten.
Eine »Tafel oder sonstigen Hinweis« auf die ehemalige Synagoge »an geeigneter Stelle« vorzusehen war Teil der Ausschreibung des Architektenwettbewerbs für die Rathaus- und Marktplatz-Umgestaltung. Geschaffen hat den Gedenkstein der Mannheimer Bildhauer Manfred Kieselbach.
Riss im Bronze-Block: Das Denkmal steht dort, wo einst die Synagoge stand – an der Ecke Rheinstraße/Freiburger Straße. Gestaltet wurde es als mächtiger Block aus Bronze, der von einem ungleichmäßigen Riss gespalten und verändert wird – Symbol für die Zerstörung des einst konfliktfreien Zusammenlebens zwischen Juden und Nicht-Juden in Rheinau durch die Nazis. Die Textentwürfe für den Gedenkstein stammen von Wolfgang Bayrer, Geschichtslehrer an der Realschule Freistett, in enger Abstimmung mit dem Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden.
Als dessen Vertreter war übrigens Klaus Teschemacher, Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde Emmendingen, nach Freistett gekommen.
Der Gedenkstein weise darauf hin, was am eigenen Ort geschah und die Menschen unmittelbar betraf. Und damit könne er auch ein Bewusstsein dafür wecken, sorgsam mit den Zeugnissen der Vergangenheit umzugehen, meinte Bürgermeister Welsche. »Dieser Gedenkstein soll Bögen von der Vergangenheit zur Gegenwart schlagen und in uns die hohe Verantwortung für die Gestaltung der Gegenwart wecken.«
Stadtarchivar Dirk Wacker ließ die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Rheinau Revue passieren (siehe
unten). Umrahmt wurde die Feierstunde vom Chor der Realschule Freistett, dem Klarinetten-Duo Jana Budai/Tamara Hügel und den Realschülern Lisa Schöntag und Paul Heemann, die zum Anlass passende Gedichte rezitierten. |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden.
1968. S. 94-95. |
 | Gerd Hirschberg: Von Rheinau über Gurs nach Auschwitz. Stationen der
Vernichtung der jüdischen Gemeinden Neufreistett und Rheinbischofsheim, in:
Ortenau 80 2000 S. 237-250. |
 | Britta Hauß/Tanja Schäfer: Der Judenfriedhof in Freistett. Arbeit
der 10. Klasse der Realschule Freistett im Rahmen des Schülerwettbewerbs
Deutsche Geschichte 1992/93. |
 | Friedrich Peter (Hg.): Als in Deutschland die Synagogen brannten.
Eine Dokumentation zu den Ereignissen in der "Reichskristallnacht"
in den Gemeinden des Hanauerlandes. 2. Aufl. 1989. |
 | Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern -
Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from
their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem
1986. S. 443-444. |
 | Joachim
Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als
Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte
und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt,
Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial,
Jerusalem. Stuttgart 2007.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Freistett Baden.
A Jewish settlement existed from the 17th century, with Jews permitted to
operate stalls from mid-century. In the 19th century, Jews traded in cattle,
textiles, foodstuffs, and tobacco as their population stabilized at around 80 in
the second half of the century (about 4 % of the total). In 1933, 33 remained.
Under the economic boycott in the Nazi era, they were forced to liquidate their
businesses and 23 emigrated, 17 of them to France; another five left for other
German cities and were ultimately deported to the camps.

vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge
|