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zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Bühl mit
Achern (Kreis Rastatt)
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zur
Markgrafschaft Baden gehörenden Bühl bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938.
Ihre Entstehung geht in die Zeit des 16. Jahrhunderts zurück. Erstmals werden 1579
Juden in der Stadt genannt. Nach einer vorübergehenden Ausweisung nach 1622 gab
es 1698 wieder elf jüdische Haushaltungen mit 90 Personen in der Stadt, 1721 17
Familien.
Das jüdische Wohngebiet lag bis ins 19. Jahrhundert hinein am Johannesplatz und in den anschließenden Seitengasse
(Hänferdorf). An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde einen
Betsaal, dann eine Synagoge (s.u.), ein rituelles Bad (1778 genannt) und eine
Schule (Konfessionsschule von 1830 bis 1876, dann Religionsschule, Schulhaus mit
Lehrerwohnung an der Kanalmauer des Johannesplatzes). Die Toten der Gemeinde wurden zunächst
auf dem jüdischen Friedhof in Kuppenheim beigesetzt, seit 1833 auf einem eigenen
Friedhof auf der "Honau" am Ende der heutigen Karl-Netter-Straße.
Zur Besorgung religiöser Aufgabe der Gemeinde war - neben dem Rabbiner - ein Lehrer angestellt, der
zugleich als Vorbeter und Schochet fungierte. Zeitweise gab es im 19.
Jahrhundert für diese Stellen zwei Personen (Lehrer und
Vorsänger/Schochet).
1827 wurde Bühl Sitz eines Bezirksrabbinates, zu dem bis zu 15 jüdische
Gemeinden in der Umgebung gehörten. An Rabbinern waren in der Gemeinde
tätig: Abraham Ascher (geb. ca. 1796 in Wallerstein, 1820-26
Klaus-Rabbiner in Mannheim, danach bis zu seinem Tod 1837 in Bühl); Rabbiner Fürst
(zunächst Rabbiner in Gailingen, um 1845 in Bühl, 1848 wegen seiner
konservativen Gesinnung aus der Religionskonferenz des Oberrats verdrängt); Leopold
Schott (geb. 1807 in Randegg, 1933 Rabbiner in Randegg, später Rabbiner in
Gailingen und zuletzt bis zu seinem Tod 1869 in Bühl); Dr. Baruch Mayer
(geb. 1845, 1887 bis 1925 Bezirksrabbiner in Bühl, erfreute sich allgemeiner
Beliebtheit, nach 1911 Konferenzrabbiner, Ehrenbürger der Stadt Bühl). Nach
der Zurruhesetzung des Rabbiners Dr. Mayer wurde der Rabbinatsbezirk Bühl mit
Offenburg vereinigt.
Die höchste Zahl jüdischer
Einwohner wurde um 1864 mit 301 Personen erreicht. Bis um 1900 ging die Zahl
durch Abwanderung auf 226 zurück (1925: 111). Zur jüdischen Gemeinde
Bühl gehörten auch die in Achern lebenden jüdischen Personen (1924:
3).
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Felix Darnbacher,
Ludwig Heimann, David Levi, Gottfried Netter, Leon Wertheimer, Adolf Gutmann,
Max Rosenfeld. Ihre Namen
finden sich auch auf den Gefallenen-Gedenktafeln am Rathaus.
Um 1924, als zur Gemeinde 122 Personen gehörten (3,2 % von insgesamt
etwa 3.800 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Albert Rosenfeld, Max
Wertheimer und Moritz Leiber. Als Kantor war Karl Bruchsaler tätig. Der
Religionsunterricht der jüdischen Kinder wurde durch Hauptlehrer Leo Hanauer
erteilt. An jüdischen Vereinen gab es den Wohltätigkeitsverein (1924 unter
Leitung von Albert Rosenfeld mit 28 Mitgliedern), den Männerkrankenverein (28
Mitglieder), den Synagogenchorverein (28 Mitglieder) sowie den Frauenverein
(1924 unter Leitung der Frau von Sigmund Bühler; 1932 unter Leitung der Frau
von Leo Wertheimer; Zweck und Arbeitsgebiet: Unterstützung Hilfsbedürftiger
und Kranker, 1932: 32 Mitglieder). 1932 waren die Gemeindevorsteher
Moritz Lieber (1. Vors.), Alfred Lion (2. Vors.) und Julius Roos (3. Vors.).
Weiterhin war Karl Bruchsaler Kantor der Gemeinde. Im Schuljahr 1931/32
erhielten neun Kinder der jüdischen Gemeinde Religionsunterricht.
Bereits im 19. Jahrhundert
bestanden zahlreiche jüdische Handels- und Gewerbebetriebe, die von großer
Bedeutung für das wirtschaftliche Leben in der Stadt waren. Bis nach 1933 gab es im
Besitz jüdischer Familien noch Branntweinbrennereien, Textilgeschäfte,
Viehhandlungen, Eisenwarenhandlungen und Haushaltsgeschäfte, eine jüdische
Gastwirtschaft und anderes mehr. Im einzelnen handelte es sich insbesondere um
die Folgenden Gewerbebetriebe: Antiquitätengeschäft Bernheim (Hauptstraße
78), Branntweinbrennerei Darnbacher (Hauptstraße 80), Branntweinbrennerei Darnbacher-Ries
(Schwanenstraße), Herrenkonfektionsgeschäft Dreifuß, Inh. Flora, Isaak und Samuel Dreifuß
(Hauptstraße 18), Trikotfabrik Edesheimer (Hauptstraße 49), Textilgeschäft Gernsbacher
(Schwanenstraße), jüdische Bäckerei Heimann (Schwanenstraße), Gemischt- und Haushaltwarengeschäft Mina Lieber
(Hauptstraße 78), Weberei und Spinnerei Massenbach (bis 1879, Schulstraße 3), Strumpfhaus Recha Metzger
(Hauptstraße 83), Fa. Wolf Netter & Jacobi (Gründerhaus Hauptstraße 62; Hauptwerk Güterstraße
/Ecke Rheinstraße), jüdische Metzgerei Rosenfeld (Drehergasse), Papier- und Schreibwarenhandlung mit Druckerei Hugo Odenheimer und Berthold Schweizer
(Schwanenstraße 2), Kurzwarenhandlung Rosenfeld (Postgasse), Viehhandlung Sigmund Sinsheimer
(Rheinstraße 18), Eisen- und Haushaltwaren Alfred Weil (Johannesplatz 15),
Kurzwarengeschäft Weil
(Hauptstraße 77), Viehhandlung Wertheimer-Beisinger (Hauptstraße 79), Getreidehandlung Gustav Wertheimer (Postgasse 2), Eisenwarenhandlung Heinrich und Leo Wertheimer (Postgasse 6), Viehhandlung Max Wertheimer (Postgasse).
1933 wurden in Bühl noch 72 jüdische Einwohner gezählt. In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert.
Von den in Bühl geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Anna Besag (1880),
Friederike Bloch geb. Mayer (1882), Hermann Bloch (1876), Josefine Bloch geb.
Wertheimer (1875), Dr. Otto Bloch (1906), Fanny Blüm geb. Wertheimer (1889), Eugen
Bühler (1873), Mina Frank geb. Mayer (1872), Alfred Gernsbacher (1868),
Friedrich (Fritz) Gernsbacher (1888), Otto Gernsbacher (1883), Eugen Goldbach
(1891), Marie (Maria) Paula Günther geb. Darmbacher (1882), Adelheid Götzl
geb. Darnbacher (1896), Frieda Haas geb. Sinsheimer (1905), Moritz Heimann
(1880), Elise Hofmann geb. Bloch (1872), Anna Kahn geb. Massenbach (1869), Rosa
Kahn geb. Grabenheimer (1855), Manfred Kaufmann (1923), Clara Lang geb.
Rosenfeld (1877), Julius Lang (1876), Kurt Lehmann (1909), Rudolf Levi (1863),
Robert Lehmann Lieber (1897), Ruth Maier geb. Wertheimer (1901), Josef
Mayer (1881), Hugo Odenheimer (1899), Julchen Odenheimer geb. Schweizer (1901),
Helma Roos (1921), Julius Roos (1882), Minna Roos geb. Moses (1891), Jenny
Rosenblum geb. Jacob (1874), Heinrich Rosenfeld (1895), Klara Rosenfeld geb.
Bierig (1862), Max Rosenfeld (1923), Fanny Rosenthal geb. Edesheimer (1861),
Sophie Schott geb. Wertheimer (1876), Erna Schweizer geb. Schweizer (1903),
Sofie Schweizer (1877), Karoline Sinsheimer geb. Guggenheimer (1877), Klara
Stroh geb. Schweizer (1898), Aron Alfred Weil (1877), Heinrich Weil (1875),
Louis Weil (1858), Selma Weil (1889), Sofie Weil (1884), Thekla Weil geb. Kahn
(1881), Leo Wertheimer (1862), Melanie Wertheimer (1880), Auguste Wolf geb.
Heinemann (1877), Fritz Salomon Wolf (1884), Oskar Wolf (1886), Sofie Wolf
(1890), Hilde Zivy geb. Kahn
(1893).
Weitere Spuren der jüdischen Geschichte:
Im Heimatmuseum Bühl sind an Erinnerungsstücken u.a.: eine Rabbiner-Mütze, die Judenordnung der Markgrafschaft Baden von 1746 und ein
"Haupt- und Zeugen-Eyd der Juden" nach der Kameralgerichtsordnung von 1800.
Persönlichkeiten und auf sie bezogene Erinnerungsmale. Carl Leopold Netter (1864 Bühl-1922 Berlin), Industrieller: das Familiengeschäft Netter & Jacobi (Bühl-Straßburg-Berlin) entwickelte sich unter seiner Führung zu einer weltbekannten Firma. Netter war Mitglied der Ältesten der Berliner Kaufmannschaft und der Berliner Handelskammer, gehörte dem Kuratorium der Berliner Handelshochschule an und wirkte bei der Errichtung der Berliner Metallbörse mit. Die Universität Heidelberg verlieh ihm den Dr.h.c. In Bühl stiftetete Netter u.a. den 1905 angelegten Stadtgarten mit dem Denkmal des Großherzogs Karl Friedrich, wo sich heute ein Granitfindling mit Bronzetafel zur Erinnerung an Adolf und Karl Leopold Netter befindet, sowie den Aussichtsturm (Großherzog-Friedrich-Jubiläumsturm, volkstümlich Netter-Turm genannt; auch hier eine große Bronzetafel zur Erinnerung an Adolf und Karl Leopold Netter; Standort am Affentaler Weg). An Carl Netter erinnert auch die
"Carl-Netter-Straße".
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der
Geschichte der jüdischen Lehrer und Vorbeter
Ausschreibungen der Stelle(n) des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet
(1881/1891)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Juli 1881:
"Erledigte Kantorstelle.
Durch Berufung unseres Kantors nach Offenburg ist die diesseitige Stelle,
verbunden mit Schächterdienst, sofort wieder zu besetzen.
Der jährliche Gehalt beträgt, nebst einer sehr schönen, geräumigen
Dienstwohnung, 1.200 Mark fix und ca. 400 Mark Nebeneinkommen. Es wird
besonders darauf Rücksicht genommen, dass der Anzustellende, verbunden
mit einer sonoren Stimme, die Fähigkeit besitzt, einen vierstimmigen Chor
zu leiten. Reflektierende wollen ihre Bewerbungsschreiben nebst Zeugnissen
an unterfertigte Stelle einreichen.
Bühl (Baden), 5. Juli 1881. Der Synagogenrat." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Mai 1891:
"Auskündigung einer Kantorstelle.
Die hiesige Kantor- und Schächterstelle soll auf 1. August dieses Jahres
neu besetzt werden. Fixum Mark 1.200; Nebeneinkommen ca. Mark 500. Der
Anzustellende soll einen Synagogenchor leiten können und muss sich
insbesondere über seine Befähigung als Porscher (sc. Schächter
mit zusätzlicher Qualifikation für das 'Porschen') ausweisen. Meldungen
mit beglaubigten Zeugnisabschriften sind bis 1. Juni dieses Jahres
bei uns einzureichen.
Bühl (Baden), 12. Mai 1891. Großherzogliche Bezirks-Synagoge: Dr.
Mayer." |
25jähriges Jubiläum des Hauptlehrers M. Sinsheimer
(1855)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 25. Juni
1855: "Beim Schlusse dieses Briefes kommt Schreiber dieses
(Berichtes) eine Nummer der badischen Landeszeitung zu, die einen Artikel
'aus Bühl' enthält, den er in seinem wesentlichen Inhalte den
verehrlichen Lesern dieses Blattes mitzuteilen sich veranlasst findet. In Bühl
(in Baden) feierte man zum Andenken an das 25jährige unermüdliche
Streben und treue Wirken des israelitischen Hauptlehrers M. Sinsheimer ein
seltenes Fest. Der Jubilar wurde von einer Deputation ins festlich
geschmückte Schulzimmer, wo die Schuljugend, die Herren Rabbiner Schott,
Oberkirchenrat Zimmermann, Bürgermeister, Synagogenrat, fast sämtliche
Gemeindeglieder und Freunde des Gefeierten versammelt waren, geleitet.
Dort mit einem Hoch empfangen, wurde ihm im Namen seiner früheren und
jetzigen Schüler ein Ehrengeschenk, bestehend in einem silbernen Pokal
mit einem badischen 35-Gulden-Lose überreicht, worauf der Gefeierte mit
sichtlicher Rührung dankte. Später folgte ein Gastmahl und am Abend
wurde der Freudentag mit einem von Herrn Rabbiner Schott gesprochenen
Dankgebete geschlossen. R." |
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Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. August 1855.
"Bühl, 4. Juni (1855). Gestern feierten wir ein schönes,
seltenes Fest: die Feier der dankbaren Anerkennung des 25jährigen
unermüdlichen Strebens und kräftigen Wirkens unseres allseitig hoch
geschätzten Hauptlehrers Herrn M. Sinsheimer. Von einer aus dreien seiner
früheren Schüler bestehenden Deputation in das festlich geschmückte
Schulzimmer geleitet, woselbst sich bereits die gesamte Schuljugend, die
Herren Rabbiner Schott, Oberkirchenrat Zimmermann und Bürgermeister
Berger, der Synagogenrat, sowie fast sämtliche israelitische Einwohner
nebst noch anderen Freunden und Verehrern des Gefeierten versammelt
hatten, wurde der Jubilar mit donnerndem Hoch empfangen. Nach einer
kurzen, aber umso innigeren Ansprache von Seiten des Herrn Rabbiners und
nach dem Vortrag eines eigens hierzu verfassten Gedichtes wurden durch
zwei Schulkinder im Rahmen der früheren und jetzigen Schüler die in
einem silbernen Pokale und einem badischen 35-Hulden-Lose bestehenden
Ehrengeschenke an den Jubilar übergeben, welcher mit sichtlicher tiefer
Rührung dankte. Um 12 1/2 Uhr fand ein Festmahl statt, welches durch
Gesang und Toaste jeder Art gewürzt wurde. Erst spät am Abend wurde mit
einem tief ergreifenden, von unserm würdigen Rabbiner gesprochenen
Dankgebete dieser Freudentag beschlossen, durch welchen die Gemeinde nicht
nur ihrem Lehrer, sondern auch sich selbst ein schönes Ehrendenkmal
gesetzt hat." |
25jähriges Jubiläum von Vorsänger David Brandeis
(1859)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 26. September
1859: "Bühl (Baden), 10. August (1859). Zu den wichtigeren
Mitteilungen der Allgemeinen Zeitung des Judentums gehören gewiss
diejenigen, welche den Fortschritt im Inneren konstatieren. Dieser besteht
aber nicht bloß in der Verschönerung des Kultus, in der Hebung der
Schule und in der Ordnung des Gemeindehaushaltes, sondern auch und viel
mehr darin, dass die Begründer und Förderer solcher Fortschritte
Anerkennung und Aufmunterung finden, was den wahren moralischen
Fortschritt bekundet. Einen solchen Akt habe ich Ihnen heute von hier aus
zu berichten das Vergnügen. Der hiesige Vorsänger David Brandeis,
ein Mann der alten Schule und im hohen Greisenalter stehend, hat sich mit
größter Selbstverleugnung und Hingebung der großen Bemühung
unterzogen, welche die seit einigen Jahren schon und namentlich seit der
Aufnahme einer Physharmonika bei dem hiesigen Gottesdienste eingeführte
Ordnung und Vortragsweise ihm auflegen, und da er überhaupt allezeit sehr
treu und dienstbeflissen war, so wurde sein jüngst gefeiertes 25jähriges
Dienstjubiläum von der ganzen Gemeinde mit Freunden begrüßt, und um ihm
die allgemeine Teilnahme und Zufriedenheit zu bezeugen, wurde ihm ein
schöner silberner Pokal und ein solches Besteck in feierlicher
Versammlung auf der israelitischen Gemeindestube überreicht, wobei der
Bezirksrabbiner sehr passend darauf aufmerksam machte, wie der Jubilar,
welcher auch Schächter ist, für die geistige und physische Nahrund
seiner Gemeinde mit gleicher Hingebung gewirkt habe, und wie auf Ersteres
der Kelch, auf Letzteres aber das Besteck hindeute. Wie der überraschte
Greis gerührt war, wie hierdurch die Teilnehme der Anwesenden sich noch
steigerte, das empfindet der Gefühlvolle besser als man beschreiben kann.
Gewiss ist aber, dass die Gemeinde hierdurch sich selbst geehrt
hat." |
Bericht zur Goldenen Hochzeit von Vorsänger David
Brandeis und seiner Frau Helene geb. Weil (1860) siehe unten bei der
Synagogengeschichte
Auszeichnung für Lehrer Elias Jakob (1898)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. Oktober 1898:
"Nachdem aus dem Vermächtnis der Michel Weil Eheleute in Straßburg
zur Verleihung von Preisen auf 2. August dieses Jahres die Summe von 640
Mark der Behörde zur Verfügung gestellt worden ist, hat dieselbe dem
Hauptlehrer Elias Jakob in Bühl einen Preis von 200 Mark und den
Religionsschullehrern Nathan Wolf in Sennfeld,
Abraham Heimberger in Reilingen,
Jesaias Schwarzwälder in Schluchtern
und Moses Lippmann in Karlsruhe je einen Preis im Betrage von 100 Mark in
Anerkennung ihrer langjährigen, verdienstlichen Leistungen auf dem Gebiet
des israelitischen Religionsunterrichts zuerkannt. Der Restbetrag von 40
Mark wurde zum Ankauf geeigneter Bücher, welche als Aufmunterungspreise
an jüngere strebsame Lehrer verteilt werden sollen,
bestimmt." |
Aus der Geschichte der Rabbiner
Zum Tod von Bezirksrabbiner Leopold Schott (1869)
Anmerkung: Rabbiner Leopold Schott war bis 1855 Rabbiner in Randegg,
weiteres siehe dort.
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 16. Februar 1869: "Bühl
(Baden), 22. Januar (1869). Der hiesige Bezirk hat einen großen Verlust
durch den vor einigen Tagen eingetretenen Tod des Bezirksrabbiners Leopold
Schott, dessen Name auch über die Grenzen unseres Landes hinaus bekannt
war, erlitten. Mag auch seine theologische Richtung etwas Schwankendes an
sich gehabt haben, so war er doch von heißer Liebe für die Religion der
Väter durchglüht, für gemäßigten Fortschritt empfänglich, von einer
seltenen Biederkeit und Treue, und genoss die allgemeinste Achtung, die
sich auch während seiner Krankheit, wie bei seinem Leichenbegängnis kund
gab." |
Ausschreibung der Rabbinatsstelle (1884)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Juni 1884: "Bekanntmachung.
Infolge höherer Entschließung soll das Bezirksrabbinat Bühl, mit dem
Wohnsitze in Bühl, wieder definitiv besetzt werden. Bewerber wollen ihre
Gesuche unter Anschluss von Zeugnissen über allgemein wissenschaftliche
Vorbildung und erlangte Autorisation zur Ausübung von Rabbinatsfunktionen,
sowie unter Darlegung ihres Lebensganges und ihrer seitherigen Berufstätigkeit
binnen 4 Wochen bei dem Großherzoglichen badischen Oberrat der Israeliten
in Karlsruhe einreichen. Über die Einkommensverhältnisse der Stelle ist
Unterzeichneter auf Anfragen bereit, Auskunft zu erteilen.
Bühl, den 20. Juni 1884.
Die Bezirks-Synagoge. Der Bezirks-Älteste." |
Ehrenvolle Einladungen an Bezirksrabbiner Dr. Mayer
(1892)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 29. Januar 1892: "Vor einiger
Zeit fand in Bühl eine landwirtschaftliche Gauausstellung und am 4.
Januar dieses Jahres die feierliche Eröffnung der Lokal-Bahn Bühl-Kehl
statt. Bei beiden Anlässen wurde der Bezirksrabbiner Dr. Mayer vom Großherzoglichen
Bezirksamt zum Empfang des Großherzogs geladen und von Seiner Königlichen
Hoheit mit einer Ansprache beehrt. Auch wurde demselben von dem
Festkomitee die Ehre einer Einladung zur Festfahrt auf der neuen Bahn
zuteil. – Anlässlich der letztgenannten Feier ist dem Herrn
Blum-Auscher, Präsident des israelitischen Konsistoriums und Straßburger
Verwaltungsrates, der sich um das Zustandekommen des Unternehmens
genannter Straßenbahnlinie zahlreiche Verdienste erworben hat, von Seiner
Königlichen Hoheit dem Großherzog von Baden der Orden vom Zähringer Löwen
erster Klasse verliehen worden." |
Hinweis auf Predigten von Bezirksrabbiner Dr. Mayer
(1892)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Februar 1892: "Es liegen uns fünf
Predigten von Bezirks-Rabbiner Dr. Mayer in Bühl (Baden) vor, die er am
Pessach, Schabuoth (Wochenfest), Rosch Haschanah (Neujahrsfest), Jom
Kippur und Simchat Tora gehalten hat. Dieselben in populärer Sprache
geschrieben, enthalten in gedrängter Kürze eine Fülle vortrefflicher
Lehren und jüdischer Wahrheiten, die ihres guten Eindrucks auf den Leser
nicht verfehlen und gewiss die volle Aufmerksamkeit der Zuhörer in
Anspruch genommen haben." |
Rede von Bezirksrabbiner Dr. Mayer zum Geburtstag des
Kaisers Wilhelm II. (1892)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. März 1892: "Bühl (Baden).
Im Gegensatz zu der leider weit verbreiteten antisemitischen Strömung in
Deutschland ist in hiesiger Stadt von dieser bedauerlichen Erscheinung
gottlob nichts zu verspüren. Bezeichnend dafür ist schon allein die
Tatsache, dass in dem hiesigen Bürgerausschusse gegenwärtig 7
israelitische Mitglieder sich befinden. Die wahrhaft tolerante Gesinnung
kam aber auch jüngst wieder recht deutlich zum Ausdruck bei dem anlässlich
des Kaisergeburtstages abgehaltenen und von allen Ständen, Richtungen und
Bekenntnissen stark besuchten Festbankett. Wie alljährlich ergriff auch
diesmal nach den verschiedenen Staats- und städtischen beamten Herr
Bezirkrabbiner Dr. Mayer das Wort zu einer Ansprache, welcher trotz ihres
unverkennbaren Freimuts den ungeteilten Beifall aller Kreise fand. Es dürfte
daher die freundlichen Leser Ihres Blattes interessieren, im nachstehenden
den wortlaut dieser Rede kennen zu lernen!
Hochgeehrte Festteilnehmer!
Sie werden gütigst auch mir, als dem Vertreter Ihrer israelitischen Mitbürger,
einige Worte gestatten.
Als wir vor 4 Jahren zum ersten Mal das Geburtsfest Seiner Majestät des
Kaisers Wilhelm II. begingen, war es noch schwer, uns dein deutliches Bild
von dessen Persönlichkeit zu machen. Heute jedoch sind wir in der glücklichen
Lage, schon mit einer bestimmten Ansicht herauszurücken. Wie der Kaiser
selbst, so ist auch unser Urteil über ihn inzwischen zu einer gewissen
Reife gelangt. Wir haben wohl Alle die Überzeugung gewonnen, dass der
jugendliche Kaiser ein Herrscher ist, in den das deutsche Volk volles
Vertrauen zu setzen alle Ursache hat. Mit fester Hand führt er des
Reiches Szepter; hoch geehrt steht er da zunächst nach außen hin. In
edlem Wetteifer und in vollkommenem Einvernehmen mit den beteiligten auswärtigen
Großmächten ist er seinerseits bemüht, die Segnungen deutscher Kultur
und Arbeit selbst nach den fernen Gebieten des dunklen Erdteils zu
verpflanzen. Auch hat das deutsche Reich unter ihm auf friedlichem,
unblutigem Wege einen Zuwachs erhalten durch die Erwerbung jener zwar
kleinen, aber strategisch wichtigen Insel der Nordsee. Durch die
Erneuerung des Schutz- und Trutzbündnisses und den Abschluss der
Handelsverträge mit den befreundeten Großmächten ist vollends ein Verhältnis
geschaffen, welches ohne Zweifel von wohltätigem Einfluss auf die
Erhaltung des Weltfriedens sein wird. – Aber auch nach innen waltet der
junge Kaiser kraftvoll seines hohen Amtes, angeborenen Herrscherwillen
weise verbindend mit einem vorurteilsfreien Blick für die Bedürfnisse
der Zeit. Nun schmeichle ich mir zwar keineswegs, hoch geehrte Herren, in
die Geheimnisse der leitenden deutschen Politik eingeweiht zu sein; ebenso
wenig |
vermag ich
darum auch, mit mathematischer Genauigkeit nachzuweisen, inwieweit des
Kaisers politische Richtung auf eigener Initiative beruht, oder auf äußere
Einwirkung zurückzuführen ist; ich lebe ja im Volke und mit dem Volke
und folgerichtig kann daher auch meine politische Kombinationsgabe nicht
weiter reichen, als die eines Jeden von Ihnen. Aber wenn die Volkesstimme
nicht völlig irrt, ist unser allverehrter Großherzog nicht ohne Einfluss
auf seinen kaiserlichen Neffen gewesen; wenn nicht Alles täuscht, ist
unser edler, Freigesinnter Landesfürst bei so manchen wichtigen Entschließungen
des Kaisers zu Pate gestanden, hat sein erprobter Rat ihn auf den Weg
gewiesen, der allein zum Ziele und zum Heil führt: auf den Weg der altbewährten
hohenzollerschen Herrscherkraft, verbunden mit besonnenem Fortschritt. -
Hochgeehrte Festteilnehmer! Mit so manchen lieb gewordenen Überlieferungen,
Neigungen und Gewohnheiten hat der Kaiser gebrochen, so z.B. in besonders
fühlbarer Weise auf dem Gebiete des wirtschaftlichen Lebens, indem er,
unbeirrt von hüben und drüben, von rechts und links, von dem allein
richtigen Gedanken ausgeht, dass des Herrschers wahre Aufgabe nicht darin
bestehen kann, einer einseitigen Interessenpolitik, sondern der
ausgleichenden Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen. – Den wohl
verdienten Dank aller Edelgesinnten des deutschen Volks, wozu ich ja auch
Sie, hoch geehrte Herren, sowie die gesamte verehrliche Bürgerschaft zähle,
ich wiederhole, den wohl verdienten Dank aller Edelgesinnten unseres
Volkes hat sich aber unser Kaiser insbesondere auch dadurch erworben, dass
er vor Allem mit einer Überlieferung gründlich aufgeräumt hat, die
wahrlich dem deutschen Namen bislang nicht zu Ehre gereichte, vielmehr
einen dunklen Fleck bildete, in den so zahlreichen Ruhmesblättern seiner
Geschichte! – Sie ahnen wohl, meine Herren, worauf ich hinaus will; ich
brauche keine Namen zu nennen, denn nomina sunt odiosa! Meine ich doch
jenen Wortführer des unseligen Rassenhasses im frommen Priestergewand,
wahrlich eine Überlieferung, ein Erbstück aus alter Zeit, um welches uns
das Ausland nicht beneidete, dem aber unser tatkräftiger Kaiser kurz
entschlossen den Abschied gegeben, so Gott will, auf Nimmerwiedersehen! -
Hoch geehrte Festteilnehmer! Längst gilt das deutsche Reich mit recht als
das mächtige Bollwerk des allgemeinen Völkerfriedens! Nun, so möge denn
dieses deutsche Reich wie nach außen, so auch nach innen dastehen, als
der mächtige Hort des Friedens, des Friedens aller seiner Bürger
untereinander, ohne Unterschied des Glaubens und der Rasse! Diesem
Gedanken lassen Sie uns, hoch geehrte Herren, kräftigen Ausdruck geben,
indem Sie mit mir einstimmen wollen in den Ruf: der konfessionelle Friede,
wie er unserer lieben Stadt Bühl stets zum Ruhme gereicht hat und auch
fernerhin gereichen wird, der konfessionelle Friede, sag’ ich, er lebe
hoch!" |
Anerkennung für Bezirksrabbiner Dr. Mayer
(1897)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. September 1897: "Vermischtes.
Aus Baden. Dem Bezirks-Rabbiner Dr. Mayer in Bühl ging auf die von
ihm unterm 9. September dieses Jahres an das Großherzogliche Geheime
Kabinett gerichtete Gedächtnisrede für Kaiser Wilhelm I. nachstehendes
Schreiben zu: ‚Großherzogliches Geheimes Kabinett, Schloss Mainau, 16.
September 1897. Euer Hochwürden beehrt sich das Großherzoglich Geheime
Kabinett auf die gefällige Zuschrift vom 9. dieses Monats zu erwidern,
dass die zwei Abdrücke der von Ihnen aus Anlass der Jahrhundertfeier
Seiner Majestät des hochseligen Kaisers Wilhelm I. gehaltenen Gedächtnisrede
Ihren Königlichen Hoheiten dem Großherzog und der Großherzogin
unterbreitet wurden.
Die Höchsten Herrschaften haben uns gnädigst beauftragt, Euer Hochwürden
für diese Einsendung Höchst ihren freundlichen Dank auszusprechen.
Gezeichnet von Babo." |
Silberne Hochzeit von Bezirksrabbiner Dr. Mayer
(1899)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Oktober 1899: "Aus dem Badischen,
22. Oktober (1899). Von einem herrlichen Feste will ich Ihnen heute
berichten. Es galt der silbernen Hochzeit unseres verehrten
Bezirksrabbiners Herr Dr. Mayer in Bühl. Ohne dessen Wunsch und Willen
drang es in die Öffentlichkeit, dass am Heutigen der Tag der silbernen
Hochzeit sei. Nicht nur von Bühl selbst, sondern auch von verschiedenen
anderen Gemeinden des Bezirkes trafen passende Geschenke und
telegraphische Gratulationen ein. Auf Veranlassung ihres Kollegen
Mayersohn von Rastatt erschienen die Lehrer des Bezirks alle wie ein Mann
und gaben ihrer Freude Ausdruck durch ein sinnreiches Präsent in Gestalt
eines schönen Tafelaufsatzes, mit Überreichung einer prachtvoll ausgeführten
Adresse der Gratulanten. Herr Mayersohn hielt dabei eine schwungvolle
Ansprache, die Herr und Frau Dr. Mayer sichtlich tief bewegte. Der Jubilar
drückte in ergreifender Rede seinen Dank aus für diese, wie er glaubte,
unverdiente Ovation, die ihn unverhofft so freudig überraschte.
Ein bescheidenes Mahl, das im Hause des Jubilars stattfand, verlief
in freudigster, humorvollster Stimmung. (hebräisch und deutsch:) Licht und Freude, Jubel und Wonne las man von den Gesichtern der
Festgesellschaft, unter welcher auch einige Damen vertreten waren.
Verschiedene Toaste wurden ausgebracht, auch abwechselnd Worte der
Tora gesprochen, wodurch die paar schönen Stunden dieses Tages nur zu
schnell verliefen. Möge der Allmächtige dem Jubelpaare das Glück
schenken, dass dasselbe noch viele Jahre in Gesundheit und Frieden erlebe,
dass es nach 25 Jahren noch in Rüstigkeit auch seine goldene Hochzeit
feiern könne." |
25jähriges Amtsjubiläum von Bezirksrabbiner Dr.
Baruch Mayer (1910)
Artikel im
"Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 18. März 1910: "Bühl.
Bezirksrabbiner Dr. Baruch Mayer feiert Freitag sein 25-jähriges
Amtsjubiläum. Zur Feier dieses Tages werden dem Jubilar seine Gemeinden
eine Ehrenplatte überreichen, die, als ein hervorragendes Kunstwerk,
verdient, beschrieben zu werden. Die große Platte aus getriebenem Silber
ist am Rand von 25 Mogen-Davids (‚Davidsternen’), jeder einzelne mit
einem Opal in der Mitte, umrahmt, die von den Emblemen für Tauroh (Tora),
Awaudoh (Gottesdienst) und Gemilus-Chassodim (Wohltätigkeit) unterbrochen
werden. In der Mitte ist der Kopf Dr. Mayer’s in getriebenem Silber mit
der eingravierten Widmung, welche lautet: ‚Dem geistlichen Oberhaupt der
Bezirkssynagoge Bühl Seiner Ehrwürden Herrn Bezirksrabbiner Dr. Baruch
Mayer zur 25-jährigen Jubelfeier in Dankbarkeit gewidmet von den
Gemeinden seines Bezirks.’ Zwischen der mittleren Plakette und dem Rand
sind 5 Radierungen, darstellend die Synagogen Baden-Baden, Rastatt,
Ettlingen, Kehl und Bühl, die während Dr. Mayers Amtstätigkeit erbaut
wurden. Das Kunstwerk ist nach dem Entwurfe des Ziseleurs Leo Horowitz in
dem kunstgewerblichen Atelier Felix Horovitz, Frankfurt am Main,
hergestellt worden." |
Drei Feste des Bezirksrabbiners Dr. Mayer
(1925)
Artikel in
der "Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 27. März 1925: "Bühl
(Baden). Drei Feste konnte Herr Bezirksrabbiner Dr. Mayer in ganz kurzer
Zeit nacheinander feiern. Im Oktober vorigen Jahres war es die goldene
Hochzeit, am 1. März dieses Jahres den 80. Geburtstag, den Höhepunkt
aber erreichte das am Sonntag, den 15. März gefeierte 40-jährige
Ortsjubiläum, das unter Teilnahme der staatlichen, städtischen und
kirchlichen Behörden und aller Schichten der Bevölkerung ohne
Unterschied der Konfession festlich begangen wurde. In der Synagoge fand
eine Feier statt, in der nach einem einleitenden Chorgesang Herr Rabbiner
Dr. Oppenheim aus Mannheim die Festrede hielt, der Vorsteher und Bezirksälteste
Herr Albert Rosenfeld die Glückwünsche der israelitischen Gemeinde und
des Bezirks überbrachte, der Synodalabgeordnete, Herr Josef Kaufmann –
Kehl die Verdienste des Jubilars um den Bezirke würdigte und der
Vorsitzende des israelitischen Oberrates, Herr Dr. Stein – Karlsruhe,
Herrn Rabbiner Dr. Mayer für seine Mitarbeit als Konferenzrabbiner dankte
und eine Adresse mit einer Ehrengabe überreichte. In allen Ansprachen kam
die Verehrung und Dankbarkeit, die Herrn Dr. Mayer beim Übertritt in den
Ruhestand für sein segensreiches Wirken entgegengebracht wird, zu
erhebendem Ausdruck. Nach einer kurzen Ansprache des Nestors der
Lehrerschaft des Bezirkes, bestieg Herr Dr. Mayer selbst die gewohnte
Kanzel und dankte allen für die Beweise ihrer Dankbarkeit, insbesondere
auch der Stadtgemeinde Bühl, die ihn zu ihrem Ehrenbürger ernannt hat.
Der Synagogenchor schloss die insbesondere durch den Gesang des Herrn
Bruchsaler verschönte Feier mit dem Vortrag des Psalms 67. Eine glänzend
gelungene gesellige Veranstaltung, auf der auch Herrn Dr. Mayer die
Ehrengabe des Bezirkes überreicht wurde, vereinte am Abend die
Gemeindemitglieder und die Festgäste und beendete so den Ehrentag des
Jubilars, für dessen würdige Ausgestaltung besonders Herrn Albert
Rosenfeld Dank gebührt. Möge Herrn Rabbiner Dr. Mayer im Kreise seiner
Angehörigen und seiner Gemeinde noch ein langer und sonniger Lebensabend
nach seinem so verdienstvollen Wirken im Dienste des Judentums beschieden
sein." |
Aus dem jüdischen
Gemeinde- und Vereinsleben
40jähriges Jubiläum des
Synagogenchorvereins (1898)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 12. August 1898: "Bühl, 1.
August (1898). Gestern feierte der Synagogenchor-Verein dahier das Fest
seines 40-jährigen Bestehens. Nachmittags fand in der festlich geschmückten
Synagoge ein Konzert statt, welches so zahlreich besucht war, dass die
vorhandenen Räume nicht ausreichten, das Publikum zu fassen.
Schwestervereine aus allen Gegenden des Landes sandten ihre Vertreter zu
der Jubelfeier. Das Konzert selbst legte ein schönes Zeugnis ab von dem
heutigen Stand des israelitischen Kirchengesanges im Allgemeinen und von
der Leistungsfähigkeit des Jubelvereins im Besonderen. Die Chöre kamen
unter Leitung des Kantors Bruchsaler in tadelloser Weise zum Vortrag. An
Einzelvorträgen erwähnen wir mit Anerkennung die des Herrn Kantors
Bruchsaler und des Fräuleins Rosa Wertheimer. Abends 8 Uhr fand in den Räumen
des Gasthofs ‚Krone’ ein Festmahl statt, an welchem sich 130 Personen
beteiligten. Der Vorstand des Vereins, Herr Adolf Darnbacher, begrüßte
die ansehnliche Festversammlung und dankte den zahlreich erschienenen
Abordnungen von befreundeten Vereinen und Gemeinden. Die Festrede hielt
Herr Ferdinand Darnbacher, in welcher er einen Rückblick warf auf die
Entstehung und Entwicklung des Vereins, erwähnte in Verbindung damit in
dankbarer und pietätvoller Erinnerung die Namen der Gründer und Wohltäter
und der verdienstvollen, opferwilligen Förderer und Leiter des Vereins.
Herr Albert Rosenfeld würdigte die Verdiente des Vorstandes, Herrn Adolf
Darnbacher, und überreichte namens der aktiven Sänger demselben ein
kostbares Bild. Der Vorstand sprach hierauf seinen Dank aus mit dem Hinzufügen,
dass er aus Anlass des Tages dem Verein einen Taktstock gestiftet habe.
Nun folgte Rede auf Rede, Toast auf Toast, auf deren Inhalt wir bei der
großen Zahl selbstverständlich nicht eingehen können. In einem Rückblick
auf die Entwicklung der israelitischen Gemeinde erwähnte Herr
Bezirksrabbiner Dr. Mayer mit Worten der Dankbarkeit und Verehrung die
Namen Kaiser Wilhelms des Großen, Kaiser Friedrichs und Kaiser Wilhelms
II. Ebenso sprach der Gemeindevorstand, Herr Leo Wertheimer, auf unseren
Großherzog und hob dabei hervor, dass das badische Judentum alle
Veranlassung habe, mit dem Gefühl der größten Dankbarkeit zu unserer
Regierung und unserem erhabenen edlen Landesfürsten aufzuschauen. Das
Hoch auf Seine königliche Hoheit fand den begeistertsten Widerhall. Viele
Städte hatten Vertretungen gesandt. In der Pause trug Frau Dreyfuß mit
Herrn Bruchsaler ein Duett und Herr Max Besga mehrere Lieder vor, die den
größten und wohlverdienten Beifall fanden. Eine Tanzunterhaltung
beschloss das schöne Fest. Der Verein und die hiesige israelitische
Gemeinde dürfen stolz auf diesen Tag sein." |
Kaiserfeier im Hotel Krone (1903)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Februar 1903: "Bühl (Baden), im
Februar (1903). Unter überaus zahlreicher Beteiligung aus allen Kreisen
der hiesigen Bevölkerung fand dieser Tag in dem nach jüdischem Ritus
geleiteten ‚Hotel Krone’ (Besitzer Adolf Besag) die offizielle
Kaiserfeier statt. Der festlich geschmückte Saal war bis zum letzten Plätzchen
besetzt, ein beweis dafür, dass zwischen den Angehörigen aller
Konfessionen am hiesigen Platze das schönste Einvernehmen herrscht. Herr
Oberamtmann von Reck hielt mit trefflichen Worten die Festrede, und die
beiden Männergesangvereine verschönten das Fest durch den Vortrag ihrer
trefflichen Chöre. Eine animierte Stimmung hielt die Festteilnehmer bis
zum frühen Morgen zusammen." |
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
Drei jüdische Bürger Bühls erhalten das Ehrenzeichen
für 25jährige Dienste bei der Feuerwehr (1891)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. November 1891: "Aus
Baden. Seine Königliche Hoheit der Großherzog von Baden hat im Jahre
1879 Ehrenzeichen für 25jährige treue Dienste als Mitglieder der
freiwilligen Feierwehren gestiftet. Wie in früheren Jahren, so können
wir auch diesmal wieder mit freudiger Genugtuung berichten, dass auch
Israeliten ausgezeichnet wurden, ein Beweis, dass dieselben nie
zurückstehen, wenn es gilt, für das öffentliche Interesse wohltuend
mitzuwirken. In dem Verzeichnisse bemerkten wir, als uns bekannt, die
Herren: Kaufmann Josef Oppenheimer und Handelsmann Jakob Wolf in Buchen, Kaufmann
August Bloch, Kaufmann Adolf Darnbacher und Metzger Max Maier in Bühl
und Handelsmann Max Tiefenbronner in Königsbach, Handelsmann A. Adler in
Neckarbischofsheim und Handelsmann Moses Guggenheim in Tiengen." |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Buchbinder G. Ries sucht einen Lehrling
(1862)
Anzeige in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. Juni 1862: "Offener
Lehrlingsplatz. Ein gut gesitteter Sohn braver Eltern, welcher das
Buchbinderhandwerk und Tapeziergeschäft erlernen will, kann bei mir unter
billigen Bedingungen in die Lehre treten. An Sabbat- und Festtagen ist
mein Geschäft geschlossen. Nähere Auskunft wird auf Anfragen Herrn
Bezirksrabbiner Schott hier gefälligst mitteilen.
G. Ries, Buchbinder in Bühl, an der Badischen Eisenbahn." |
Anzeige der Branntweinbrennerei S. Kahn
(1890)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Februar 1890: "Koscher al Pessach.
Schwarzwälder Kirschwasser, Heidelbeergeist, Zwetschgenwasser,
Hefenbranntwein, Trester, empfiehlt in nur guter Ware an Private sowie an
Wiederverkäufer und gebe Letzteren entsprechenden Rabatt.
S. Kahn, Bühl (Baden). Branntweinbrennerei." |
Louis Goldbach-Rosenfeld bietet Sargenes u.a.m. an
(1890/91)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. August 1890: "Sargenes, Röckle,
Stortz, Halstücher, echte Spitzen empfiehlt billigst
Louis Goldbach-Rosenfeld, Bühl in Baden." |
| |
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. August 1891: "Sargenes, Röckle,
Stortz, Halstücher liefert Goldbach-Rosenfeld, Bühl
(Baden)." |
Gustav Dreifuss übernimmt das Gasthaus zum
"König David" (1896)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Mai 1896: "Wirtschaftsübernahme.
Hierdurch die ergebene Anzeige, dass ich das Gasthaus zum ‚König
David’ dahier übernommen habe. Streng rituelle Küche. Feine Weine.
Aufmerksame Bedienung. Zur Übernahme von Hochzeiten halte ich mich
bestens empfohlen.
Bühl in Baden, 10. Mai 1896. Gustav Dreifuss." |
Franz Menner bietet Myrthen an (1900)
Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. August 1900: "Echte dreiblätterige
Myrthen von 20 bis 80 cm lang, eigene Zucht, feine Italiener,
empfiehlt auf kommende Feiertage
Franz Menner, Bühl, Baden." |
Anzeige der Eisenhandlung D.M. Wertheimer (1905)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. März 1905: "Buchhalterin
per 1. April dieses Jahres gesucht.
D.M. Wertheimer, Eisenhandlung. Bühl in Baden." |
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge
Das jüdische Wohngebiet
lag bis ins 19. Jahrhundert hinein im Bereich des Johannesplatzes und den
anschließenden Seitengasse (Hänferdorf).
Ende des 17. Jahrhunderts verzeichnete die jüdische
Gemeinde von Bühl bereits elf Haushaltungen mit 90 Personen. Spätestens dann
waren mehr als zehn religionsmündige jüdische Männer in der Stadt, die für
die Feier eines Gottesdienstes nötig waren. 1696 behauptete der Barbier Franz
Oser in Bühl, der sich im Streit mit dem Schutzjuden Joseph Jacob befand, dass
dieser in seinem Haus unmittelbar neben der Kirche eine "teufflische Synagoge"
eingerichtet habe, in der ein "Lumpengesindlein, alle Sabbat-, Sonn- und
Feiertage" zusammenkäme. 1705 ersteigerte Joseph Jacob das Gasthaus zum Adler.
Ihm wurde damals vorgeworfen, zum "Nachteil der christlichen katholischen
Religion" eine Synagoge einrichten zu wollen. Es bleibt unklar, ob sich tatsächlich
in einem der Häuser ein Betsaal der jüdischen Gemeinde befand bzw.
untergebracht werden sollte.
Spätestens seit 1723 hatte die jüdische Gemeinde einen Betsaal
im Wohnhaus von Schmaul und Isak Bodemer. Es handelte sich um das frühere Gebäude
Schwanenstrasse 18, ein "dreistöckiges Eckhaus am Ende der Schwanen- früher
Kornlaubgasse, am Gewerbekanal". Der Betsaal dürfte im dritten Stockwerk oder
im Dachgeschoss des Hauses gewesen sein. Im Untergeschoss war möglicherweise
ein rituelles Bad vorhanden. 1927 wurde dieses Haus bei der Modernisierung des
Johannesplatzes abgebrochen.
1821 begann die jüdische Gemeinde Bühl mit Planungen, "statt
der bestehenden baufälligen Synagoge eine neue in einem angenehmeren Style zu
erbauen. Sie hat hierzu ein geeignetes Judenhaus gekauft und nach der Baustelle
einen Bauriss verfertigen lassen, den wir anmit gehorsamst vorlegen" (Schreiben
des Amtes Bühl an das Großherzoglich Badische Landesdirektorium vom
21.1.1822). Die geschätzten Baukosten von 6.000 Gulden wollte die Gemeinde aus
eigenen Mitteln aufbringen. Da der Gemeinde gleichzeitig aufgetragen wurde, ein
neues rituelles Bad anzulegen, verschob sich zunächst der Baubeginn der
Synagoge. Schließlich beschloss man mit Zustimmung der Behörden, zuerst die
Synagoge und zu einem späteren Zeitpunkt das Bad zu erstellen. Als Baumeister
konnte der Architekt J. Wagner aus Baden-Baden gewonnen werden.
Die neue Synagoge entstand 1823 in Nachbarschaft zur
"alten Judenschule". Mehrere Fotos sind erhalten (s.u.), die die Ansicht des Gebäudes
zur Schwanenstrasse und in Richtung des "Synagogenplatzes" (seit 1898:
Johannesplatz) zeigen. Es wurde ein repräsentatives Gebäude erstellt, dessen
klassizistische Fassadengestaltung sich aus der umliegenden Wohnbebauung
heraushob. Im Winter wurden die Gottesdienste in einem Betsaal
abgehalten, weil die weiträumige Synagoge zu kalt war.
1858 i1858 ist die Synagoge renoviert worden. Anlässlich der Wiedereröffnung stiftete das Ehepaar Joseph und Henriette Bielefeld eine kostbare Menora. Zwei Jahre später wurde diese Stiftung von demselben Ehepaar durch einen großen goldenen Leuchter ergänzt. In ihm gab es ein rotes Glasgefäß zur Aufnahme des ständigen Öllichtes für die Verstorbenen und sechs darüber emporragende Lichthalter zur Aufnahme der jeweiligen Jahrzeitkerzen. In den 1850er Jahren wurden in vielen Synagogen des Landes wesentliche Veränderungen in der gottesdienstlichen Ordnung und der Vortragsweise der Melodien eingeführt. Gleichzeitig wurde ein Harmonium in der Synagoge angeschafft. Nach einem Bericht von 1856 wurden im Bühler Gottesdienst die hebräischen Gesangsstücke nach den
"Braunschweiger Melodien" gesungen, einzelne einstimmige Tonsätze nach den in Mannheim eingeführten Melodien. Als Gebetbuch verwendete man
"so weit als möglich" das Mannheimer Gebetbuch. 1858 wurde ein Synagogenchor gegründet.
All diese Veränderungen machten auch dem Bühler Vorsänger David Brandeis einiges zu schaffen. Anlässlich seines 25jährigen Dienstjubiläums berichtete die
"Allgemeine Zeitung des Judentums" 1859: "Der hiesige Vorsänger David Brandeis, ein Mann der alten Schule und im hohen Greisenalter stehend, hat sich mit größter Selbstverleugnung und Hingebung der großen Bemühung unterzogen, welche die seit einigen Jahren schon und namentlich seit der Aufnahme einer Physharmonika (= Harmonium) bei dem hiesigen Gottesdienste eingeführte Ordnung und Vortragsweise ihm
auflegen...".
1860 gab es Schwierigkeiten mit dem Gemeinderat der Stadt. Unmittelbar neben der Synagoge sollte der Gewerbekanal (Mühlbach) als Viehschwemme (zur Reinigung des Viehs) und als Tränke verwendet werden. Die nötigen Arbeiten hatten bereits begonnen. Darauf beschwerten sich Synagogenrat und Bezirksrabbiner beim Bezirksamt. Der Gemeinderat sah jedoch, was die Störung der Gottesdienste betraf, keinen Grund zur Rücknahme des Planes. Allerdings ordnete das Bezirksamt die Einstellung der Arbeiten an.
1874 meldete das "Bühler Wochenblatt" einen Einbruch in der Synagoge, bei dem die Zedaka-Büchse ausgeraubt wurde. Auch sei die Synagoge stark verunreinigt worden.
Erfahrungen mit einem neuen Gesangbuch im
Gottesdienst der Gemeinde (1856)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. Mai 1856: "Bühl, im April
(1856). Auch in diesen Pessachtagen wird hier der Gottesdienst durch
Benutzung Ihres Gesangbüchleins verherrlicht. Schon am Sabbat… wurde
vor und nach der auf das nahe stehende Fest bezüglichen Predigt das Lied
Nr. 1 und am ersten Festtag, wieder vor und nach der Predigt, das Lied Nr.
2 gesungen. Für die beiden letzten Feiertage werden soeben Nr. 5 und 6.
einstudiert. Für die hebräischen Gesangstücke bedienen wir uns der
Braunschweiger Melodien, auch einiger einstimmiger Tonsätze, die in
Mannheim eingeführt sind. Überhaupt wird in der hiesigen Synagoge das
Mannheimer Gebetbuch nach der von der Religionskonferenz des Großherzoglichen
Oberrates beschlossenen Emendation soweit als möglich benutzt." |
Joseph Bielefeld und seine Gattin Henriette Massenbach spenden anlässlich ihrer
silbernen Hochzeit Ritualien für die Synagoge /
Vorsänger David Brandeis und Helene geb. Weil feiern Goldene Hochzeit
(1860)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 12. Juni 1860: "Bühl,
1. April (1860). Herr Joseph Bielefeld hier, dessen Namen Sie aus den
Verzeichnissen der Förderer der israelitischen Literatur und Ihrer
Bibelanstalt kennen, und seine Gattin, Frau Henriette geb. Massenbach,
haben aus Anlass ihrer am 11. März dieses Jahres gefeierten silbernen
Hochzeit dem von ihnen vor kaum zwei Jahren der hiesigen restaurierten
Synagoge gemachten Geschenke einer kostbaren Menora ein würdiges Seitenstück
hinzugefügt, bestehend in einem großen goldenen Leuchter, dazu bestimmt,
in einer Kapsel von rotem Glase die ständigen Öllichter für
Verstorbene, und in sechs darüber emporragenden Lichthaltern die
jeweiligen Jahrzeitkerzen aufzunehmen. Die Konstruktion, von Herrn
Bielefeld selbst erfunden, ist höchst sinnreich, wie nicht weniger die
getroffene Wahl von Bibel- und Gebetstellen zu Inschriften. An der
Vorderseite des roten Glases sind die Worte ‚Gott wird sich ersehen’
eingeschliffen, und auf einer silbernen Tafel am Fuße des Leuchters die
an die Glaubenslehre von der Unsterblichkeit erinnernden Worte ‚Gott
tötet und macht lebendig' (1.
Samuel 2,6) eingegraben. Dieser Bestimmung gemäß erhielt der
Leuchter seine Stelle gegenüber der Menora, vor der Stätte, wo die
Leidtragenden das Kaddisch vortragen.
Im Übrigen hat Herr Bielefeld auch sämtliche gemeinnützigen
Anstalten in der hiesigen, israelitischen Gemeinde, wie auch einzelne
Mitglieder derselben, mit ansehnlichen Geschenken bedacht, und es würde
daher allgemein gut geheißen, dass in die hier beim Gottesdienste üblichen
deutschen Fürbitten auch eine solche für das fernere Glück des mildtätigen
Jubelpaares eingeschaltet wurde.
Bald nach diesem Vorgange, am Sabbat und Neumond Nissan kam hier
auch das noch seltenere Fest einer goldenen Hochzeit vor, des hiesigen
Vorsängers Herrn David Brandeis und seiner Gattin Helene geb. Weil. Es
war dies aber der erste Sabbat, an welchem Herr Brandeis, nach langer
Verhinderung durch Unpässlichkeit, den Gottesdienst wieder besuchen und
teilweise leiten konnte, so war denn dieses Fest gleichsam ein doppeltes für
die ganze Gemeinde. Das hierauf Bezug nehmende Gebet des Rabbiners wurde
mit allgemeiner Rührung vernommen, und das in Gottesfurcht ergraute
Jubelpaar erhielt von allen Seiten Beweise der aufrichtigsten Teilnahme,
begleitet von vielen wertvollen Geschenken. So haben sich denn in diesen
beiden Ereignissen diejenige Frömmigkeit und Humanität bewährt, welche
ein beweis sind für die göttliche Abstammung des Judentums, und eine Bürgschaft
für seine ewige Dauer." |
Ein besonderes Jubiläum stand am 1. August 1898 an. Der
Synagogenchorverein feierte sein 40jähriges Bestehen. Unter Leitung von Kantor
Bruchsaler wurde ein Konzert in der Synagoge veranstaltet, bei dem die Chöre
verschiedene Beiträge darboten. Die Synagoge war angesichts des großen
Interesses an diesem Konzert völlig überfüllt.
In der NS-Zeit kamen schon 1935 Übergriffe gegen
die Bühler Synagoge vor. In der Pogromnacht 1938 wurde die Synagoge am
Vormittag des 10. November angezündet. Die Aktion wurde von der Kreisleitung
des nationalsozialistischen Partei durchgeführt. Die Feuerwehr war angewiesen
worden, nur die Nachbargebäude zu schützen. Der Großteil des
Synagogeninventars wurde bei dem Brand zerstört, ein anderer Teil, sakrale
Gegenstände, aber auch Teppiche wurden nach dem Brand abtransportiert.
Jugendliche zertrümmerten mit Steinen die Fenster des Rabbinates. In den Tagen
nach der Zerstörung der Synagoge ließ die Stadtverwaltung die Brandruine samt
den Gebäuden des Meierhofs und der jüdischen Schule abtragen. Die Kosten von
1.400 Mark musste die jüdische Gemeinde bezahlen. Da sie über dieses Geld
nicht mehr verfügte, entschloss sie sich, das Grundstück der Synagoge hierfür
zu verkaufen.
Beim Synagogenbrandprozess nach 1945 wurde ein Beteiligter
am Novemberpogrom, ein Mitarbeiter der Kreisleitung zu vier Monaten Gefängnis
verurteilt. Der Mann, der die Synagoge anzündete, erhielt eine fünfjährige
Zuchthausstrafe.
Das Synagogengrundstück wurde 1983 neu überbaut (an der
Stelle der ehemaligen Synagoge heute ein Eiscafé). Am 10. November 1983 wurde
von Oberbürgermeister Wendt und Repräsentanten des Oberrates der Israeliten in
Baden ein Gedenkstein zur Erinnerung an die Synagoge enthüllt (Johannesplatz
10).
Fotos
Historische Fotos:
Fotos nach 1945/Gegenwart:
Links und Literatur
Links:
 | Website der Stadt Bühl
|
 | Website der Carl-Netter-Realschule in
Bühl
Anm.: Carl Leopold Netter (1864 Bühl-1922 Berlin),
Industrieller; das Familiengeschäft Wolf Netter & Jacobi (Bühl -
Straßburg - Berlin) entwickelte sich unter seiner Führung zu einer
weltbekannten Firma, Netter war Mitglieder der Ältesten der Berliner
Kaufmannschaft und der Berliner Handelskammer, gehörte dem Kuratorium der
Berliner Handelshochschule an und wirkte bei der Errichtung der Berliner
Metallbörse mit. Die Universität Heidelberg verlieh ihm den Dr.h.c. In
Bühl stiftete Netter u.a. den 1905 angelegte Stadtgarten mit dem Denkmal
des Großherzogs Karl Friedrich, wo sich heute ein Granitfindling mit
Bronzetafel zur Erinnerung an Adolf und Carl Leopold Netter befindet, sowie
den Aussichtsturm (Großherzog-Friedrich-Jubiläumsturm, volkstümlich
Netter-Turm genannt, auch hier eine große Bronzetafel zur Erinnerung an
Adolf und Carl Leopold Netter; Standort am Affentaler Weg). - An Carl Netter
erinnert heute auch die "Carl-Netter-Straße". |
Literatur:

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Buehl Baden. Jews are
first mentioned in 1579 but the few Jewish families there were forced to leave
in the early 17th century and the Jewish settlement was only renewed during the
Thirty Years War (1618-48). A synagogue was dedicated in 1832 and a cemetery
in 1833. In 1830-76 a Jewish elementary school was in operation as the Jewish
population grew to a peak of 301 in 1865 (total 2,888). In 1827, Bruehl became
the seat of the district rebbinate. Among its leading rabbis was Leopold Schott
(1807-69), one of the first rabbis in Baden with a university education, who
introduced a Reform style of worship. There were anti-Jewish riots in the 1848
revolution. Jews were regularly elected to the municipal council. From the last
third of the 19th century, the Jewish population began to decline through
emigration and the shift to the big cities, dropping to 72 in 1933. When the
Nazis came to power, the Jews were immediately subjected to persecution. Torah
scrolls were vandalized in 1935 and Jews were gradually forced to liquidate
their businesses. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue was
burned and Jewish stores damaged. Up to 1940, 21 Jews emigrated and 13 left for
other German cities. The community ended when 28 were deported to the Gurs
concentration camp on 22 October 1940.

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