In dem bis 1736 den Grafen von Hanau-Lichtenberg, dann bis
zum Anfang des 19. Jahrhunderts zu Hessen-Darmstadt gehörenden Bodersweier
bestand eine jüdische Gemeinde bis 1940. Ihre Entstehung geht in die Zeit des
18. Jahrhunderts zurück. Erstmals werden 1755 Juden am Ort genannt.
1811 waren
es sieben Familien mit 41 Personen, 1825 60 (5,8 % von insgesamt 1.042
Einwohnern). Die höchste Zahl jüdischer Einwohner wurde
um 1875 mit 116 Personen (10,3 % von insgesamt 1.124 Einwohnern) erreicht. Seit Ende des 19. Jahrhunderts ging die Zahl der jüdischen Einwohner
stark zurück: 1887 94 jüdische Einwohner, 1900 82 (7,0 % von 1.176), 1910 61
(5,0 % von 1.214).
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), ein
jüdische Gemeindehaus (neben der Synagoge) mit Schulraum und rituellem Bad
(1860 erneuert; Gebäude wurde 1940/41 abgebrochen). Die Toten der Gemeinde
wurden auf dem jüdischen Friedhof in Kuppenheim,
später (seit 1817) in Freistett
beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer
angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl. die
Ausschreibung der Stelle unten). Als Lehrer werden u.a. um 1887 Lehrer
Pollaschek, um 1902 Lehrer Jakobsohn genannt. 1827 wurde die Gemeinde dem Rabbinatsbezirk Bühl
zugeteilt.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde: Gefreiter Alfred Bensinger
(geb. 24.12.1895 in Bodersweier, gef. 11.8.1916) und Joseph Wertheimer (geb.
1.8.1877 in Bodersweier, gef. 9.10.1917). Ihre Namen stehen auch auf dem Gefallenendenkmal des
Friedhofes der Ortsgemeinde.
Die jüdischen Familien waren im Leben des Ortes
völlig integriert. Jüdische Personen waren im Gemeinderat, Im Bürgerausschuss
und im Musik- und Sportverein vertreten.
Um 1924, als noch 46 jüdische Einwohner gezählt wurden (3,8 % von 1.223
Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Leopold Kaufmann, Emanuel Merklinger
und Ludwig Meier. Die Religionsunterricht der damals fünf schulpflichtigen
jüdischen Kinder erteilte Lehrer Mannheimer aus Kehl.
1932 waren die Gemeindevorsteher Emanuel Merklinger (1. Vors.), Eduard
Bensinger (2. Vors.) und Julius Wertheimer (3. Vors.).
Bis nach 1933 gehörten jüdischen Familien in
Bodersweier die folgenden Handelsbetriebe: Mehlhandlung Isidor Bensinger (Querbacher
Straße 14), Viehhandlung Salomon Frank (Grabenstraße 7), Eisenhandlung Leopold Kaufmann und Karl Bensinger (Querbacher
Straße 18), Kolonialwaren Ludwig Meier (Querbacher Straße 15), Viehhandlung David Merklinger (Querbacher
Straße 27), Kolonialwarenhändler Emanuel Merklinger (Grabenstraße 8), Fellhandlung Emanuel Merklinger (Querbacher
Straße 16), Viehhandlung Max Merklinger (Querbacher Straße 3), Textilhandlung Julius Wertheimer (Rastatter
Straße 13), Schuhgeschäft Simon Wertheimer (Rastatter Straße 5, abgebrochen), Viehhandlung Leo Wertheimer (Rastatter
Straße 33). Bis 1912 hatte es ein jüdisches
Schlachthaus und bis 1915 eine koschere Metzgerei gegeben.
1933 lebten noch 34 jüdische Personen in Bodersweier. In
den folgenden Jahren ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Bis 1938 mussten alle
jüdischen Gewerbebetriebe schließen oder an nichtjüdische Personen verkauft
werden. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge
zerstört (s.u.). Acht jüdische Männer wurden über Kehl in das KZ Dachau
verschleppt. Bis vor der Deportation
Von den in Bodersweier geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Eduard Bensinger (1880),
Elsa Bensinger geb. Bloch (1887), Fanny Bensinger geb. Ledermann (1856), Julius
Bensinger (1913), Karl Bensinger (1877), Martha Bodenheimer geb. Meier (1910),
Babette Frank geb. Wertheimer (1882), Berta Hammel geb. Bensinger (1862), Berta
Jordan geb. Wertheimer (1868), Regina Mannheimer geb. Bensinger (1889), Auguste
Meier geb. Bensinger (1881), Ludwig Meier (1881), Emanuel Merklinger (1880),
Emanuel Merklinger (1898), Ida Merklinger geb. Bensinger (1909), Lina Merklinger
geb. Kander (1890), Luise Merklinger geb. Frank (1877), Rosa Merklinger (1898),
Mathilde Wachenheimer geb. Wertheimer (1865), Berthe Weill geb. Merklinger
(1875), Elise Wertheimer geb. Crailsheimer (1886), Hanna (Mina) Wertheimer geb.
Merklinger (1870), Heinrich Wertheimer (1875), Julius Wertheimer (1884), Klara
Wertheimer geb. Kander (1884), Mina Wertheimer geb. Wertheimer
(1861).
Auf dem Friedhof der Ortsgemeinde steht neben dem Gefallenendenkmal seit 1984
ein Gedenkstein mit den Namen von 17 jüdischen Opfern der
Verfolgungszeit 1933 bis 1945.
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Februar 1875: "Auskündigung
einer Religions-Schulstelle. Die mit einem festen Jahresgehalt von
Gulden 450, freier Wohnung mit Garten und dem Schulgelde verbundene
Religionslehrer-, Vorsänger- und Schächterstelle bei der israelitischen
Gemeinde Bodersweier ist baldmöglichst zu besetzen und wollen sich
Bewerber unter Anschluss ihrer Zeugnisse bei der Bezirkssynagoge Bühl in
Karlsruhe melden.
Bodersweier, 25. Januar 1875. Der Synagogenrat: L. Wertheim,
Vorstand."
Neujahrsgrüße von Lehrer Jakobsohn und Frau (1902)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. Oktober 1902:
"Nur auf diesem Wege!
Freunden und Bekannten senden wir die herzlichsten Neujahrs-('Gute
Einschreibung und Besiegelung'-) Wünsche.
Lehrer Jakobsohn und Frau, Bodersweier."
Lehrer Pollaschek und Sohn empfehlen sich als Toraschreiber
(1887)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. März 1887:
"Gemeinden und Privaten empfehlen wir uns bestens zur Restaurierung
alter und Anfertigung neuer Torarollen, Jahrzeittafeln mit
Berechnung auf 50 Jahre, sowie auch zu Schiur Mischnajot lernen
für Kranke und teuere Hingeschiedene und Mappot - Wimpeln malen. Alles
gegen billigste Berechnung.
Lehrer Pollaschek & Sohn, Schreiber von Torarollen usw. in
Bodersweier bei Kehl am Rhein."
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Der Antisemitismus macht sich bemerkbar - jüdische
Einwohner wehren sich und werden angeklagt (1896)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Juli 1896:
"Gerichtszeitung.
Kehl, 9. Juli (1896). Unter dem Vorsitz des
Amtsrichters Dr. Rinteler begann heute früh die
Schöffengerichtsverhandlung gegen 19 Angeklagte aus Bodersweier und Kehl
wegen Körperverletzung, Widerstand gegen die Staatsgewalt,
Hausfriedensbruch, Gefangenenbefreiung, Ruhestörung, groben Unfug und
Tätlichkeiten. Die Verteidigung sämtlicher Angeklagten führte der
Rechtsanwalt Muser von Offenburg. Der antisemitische Agitator und
Redakteur Reuther aus Karlsruhe, der seit einiger Zeit das Hanauer Land
zur Agitation auserkoren, hielt am 31. Mai in Bodersweier eine
antisemitische Versammlung ab, die bekanntlich wegen Tumult der Auflösung
verfiel. Den Angeklagten wird zur Last gelegt, den Tumult verursacht und
dem Reuther Bier ins Gesicht gespuckt zu haben. Als Reuther in Bodersweier
nicht zu Worte kam, zog er nach dem 3/4 Stunden entfernten Linx, wo von
den nachgezogenen Bodersweierern eine gehörige Prügelei inszeniert
wurde, bei der Reuther getreten und zu Boden geworfen wurde, sodass er
stark blutete. Bei der Schlägerei, die bald eine allgemeine wurde,
machten sich auch einige Angeklagte des Widerstands gegen die Staatsgewalt
und Gefangenenbefreiung schuldig.
Über den Gang der Verhandlung wird berichtet: Die Angeklagten, zum Teil
Viehtreiber und Knechte, zum Teil jüdische Handelsleute, bestreiten in
der Hauptsache die erhobenen Beschuldigungen, andererseits wollen sie ohne
eigene Schuld in die Schlägerei verwickelt worden sein. Durch den Zeugen
Gendarm Baumgartner, ist festgestallt worden, dass in drei Wirtschaften in
Bodersweier vor der Versammlung Freibier gespendet wurde im Werte von 400 Mark,
welches Karl Bensinger, der Vorsteher der jüdischen Gemeinde in
Bodersweier, und Leo Wertheimer bezahlt haben. Die Aussagen der Söhne des
Wirtes, bei dem die Versammlung angehalten wurde, sind so widersprechend,
dass es schwer ist, die objektive Wahrheit festzustellen. Zeuge Reuther
erklärt, dass er im Auftrage der deutsch-sozialen Reformpartei den
siebenten Reichstagswahlkreis zu bearbeiten habe, da bei der nächsten
Reichstagswahl in diesem Bezirk ein Kandidat aufgestellt werde. Er wurde
in Linx zu Boden geworfen und mit Füßen getreten, und habe starb
geblutet. Die Schlägerei in Linx, die von den Viehtreibern inszeniert
war, geben die Angeklagten zu, ebenso, dass sie Reuther blutig geschlagen
haben.
In der weiteren Zeugenvernehmung wird u.a. festgestellt, dass Reuther in
sehr verletzender Weise gegen die Juden in seinen Versammlungen losgezogen
ist, so z.B. in Scherzheim sich geäußert, die jüdischen Soldaten
hätten auf dem Schlachtfelde toten Soldaten die Finger abgeschnitten, um
die Ringe stehlen zu können.
Muser führte als Verteidiger aus, die verletzende Art der antisemitischen
Agitation und zwar speziell Reuthers, habe im Hanauer Land eine
berechtigte Erbitterung hervorgerufen. Gerade da Generalisieren sei das
Niederträchtigste der Agitation. Reuther sei schon wegen Verbrechen gegen
den § 130 des Reichsgesetzbuches zu 6 Wochen Gefängnis verurteilt
worden.
Nach nahezu siebenstündiger Verhandlung wurden die Angeklagten zu 14
Tagen Gefängnis und zu 2 Tagen Haft verurteilt, von der Anklage des
Hausfriedensbruches freigesprochen. In der Urteilsbegründung heißt es
zum Schlusse, dass die widerlichen Ausschreitungen nicht vorgekommen
wären, wenn nicht von gewisser Seite in reichlichem Maße Freibier
gespendet worden wäre. Das Gericht lasse es dahingestellt sein, wer das
Bier bezahlt habe."
Hinweis auf das Beschneidungsbuch (Mohelbuch) von
Mosche und Schimon Blum von Bischheim
(Elsass)
Avraham
Malthete hat in dem genannten
Mohelbuch für den Zeitraum zwischen 1817 und 1867 21 Beschneidungen in
Bodersweier gefunden; die erste war die Beschneidung von Moses Wertheimer,
Sohn von Joseph Wertheimer und Rosetta Neumann am ersten Tag
Rosch-Chodesch Ijar 5577 (= Mittwoch 16. April 1817). Die Abbildung links zeigt
die Eintragung dieser Beschneidung - oben der Ortsname "Boderschweiger".
Die ersten 18 Beschneidungen wurden durch Mosche Blum durchgeführt, die
letzten drei durch seinen Sohn Schimon Blum. Bodersweier ist in dem
Mohelbuch nicht einfach zu identifizieren, da es hebräisch als "Boderschweiger,
Boteschwiger" u.ä. geschrieben wurde.
1756 suchten die beiden
Bodersweier Schutzjuden Isaak Levi und Joseph Wertheimer um eine herrschaftliche
Genehmigung nach, in der Kammer eines jüdischen Hauses einen Betsaal
einrichten und "Schul halten" zu dürfen. Vermutlich wurde dem Gesuch
entsprochen und die Bodersweier Juden konnten seitdem ihre Gottesdienste feiern.
Nachdem 1811 die Zahl der jüdischen Familien auf
sieben angewachsen war, konnten in dem "engen und allzu beschränkten Raum" des
bisherigen Betsaales (möglicherweise derselbe wie nach 1756) kaum noch alle
Platz finden. Nach einer damals angefertigten Statistik waren von den insgesamt
41 Gemeindegliedern 27 "schulbesuchende" (d.h. die Synagoge besuchende) Juden,
ein Vorsänger und 13 Kinder, die noch keine Synagoge besuchen. Die Familien
baten über ihre Vorsteher beim Bezirksamt Rheinbischofsheim darum, eine Synagoge
erbauen zu dürfen und erklärten, diese "gänzlich aus ihren Mitteln und Kräften
zu erbauen und durchaus das Mitleid anderer nicht in Anspruch zu nehmen". Im
Herbst 1811 kaufte die jüdische Gemeinde von Friedrich Stölzel einen Gemüsegarten
zum Preis von 355 Gulden, auf dem die Synagoge erbaut werden sollte. Widerstand
kam freilich alsbald vom Vater des Verkäufers, Revierförster Stölzel, der auf
dem Nachbargrundstück wohnte und den Verkauf seine Sohnes überhaupt nicht gut
fand. Er protestierte beim Bezirksamt gegen eine solche, "sehr unwillkommene"
und "lärmende" Nachbarschaft. Im übrigen war er der Meinung, dass der
bisherige Betraum mit geringen Kosten durch einen Anbau erweitert werden könnte.
Und schließlich habe doch auch das Pfarramt der Judenschaft einen Acker zum
Verkauf angeboten und Jud Leib habe einen "weit bequemeren Bauplatz" für die
Synagoge in seinem Besitz. Nach einiger Zeit des Briefverkehrs mit der Behörde
gab Revierförster Stölzel nach und erlaubte den Synagogenbau, wobei ihm
wichtig war, dass der "nötige Abstand" zu seinem Grundstück eingehalten wurde.
Im Februar 1812 erteilte das Großherzogliche Badische Direktorium des Kinzigkreises die Bauerlaubnis und bestimmte, dass die kalkulierte Bausumme in Höhe von 1.092 Gulden nicht überschritten werden dürfe. Im März 1812 wurde der Synagogenbau versteigert. Valentin Merker von Bodersweier legte mit 900 Gulden das günstigste Angebot vor und bekam den Auftrag. So konnte auf dem heutigen Grundstück Querbacher Straße 25
im Laufe des Jahres 1812 die Synagoge erbaut und noch im selben oder im folgenden Jahr 1813 eingeweiht
werden. Zur Finanzierung wurden die Synagogenstühle (Betpulte) nach Abschluss der Bauarbeiten unter den einzelnen Familien versteigert. Dabei kamen für einen Stuhl bis zu 80 und mehr Gulden in die Gemeindekasse. Es stand den einzelnen Haushaltsvorständen frei, einen oder mehrere Stühle zu kaufen. Joseph Wertheimer beispielsweise erwarb vier Stühle,
'zwei für das männliche und zwei für das weibliche Geschlecht'.
Da die Zahl der jüdischen Einwohner im Laufe der kommenden Jahrzehnte weiter zunahm, war Anfang der 1830er-Jahre das Synagogengebäude zu klein geworden. Am 20. Januar
1833 beschloss eine Gemeindeversammlung die Vergrößerung und
Verbesserung der Synagoge. Zur Finanzierung sollten zum einen die in der Gemeindekasse befindlichen Gelder (ausgenommen das
'Almosengeld') verwendet, zum anderen eine wöchentliche Umlage erhoben werden. Nach dieser Umlage waren bei den Viehhandelsgeschäften bis auf weiteres an die Gemeinde für den Synagogenbau abzugeben:
'sechs Kreuzer auf jedes Stück großes Vieh, Ochsen, Kühe, Rinder, Pferde, ob sie gekauft, eingetauscht oder auf andere Weise an sich gebracht
wurden'. Nicht allen gefiel dieses Verfahren: Joseph und Mayer Wertheimer protestierten mit allen möglichen Gründen. Doch konnte man sich mit ihnen schließlich einigen.
Größere Reparaturen der Synagoge wurden auch aus dem Jahr 1858 gemeldet. Für die Neueinrichtung eines warmen Frauenbades, die Einrichtung einer jüdischen Schule und die Reparatur der Synagoge musste damals ein Darlehen von 1.000 Gulden aufgenommen werden. 80 weitere Jahre diente dann die Synagoge Bodersweier als Mittelpunkt des dortigen jüdischen Gemeindelebens.
Eines der letzten besonderen Ereignisse in der Synagogengeschichte war die
Einweihung der Gefallenengedenktafeln im Juni 1935.
Einweihung einer Gefallenengedenktafel in der Synagoge
(1935)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Juli 1935:
"Bodersweier, 1. Juli (1935). Die hiesige Israelitische
Kultusgemeinde weihte am Sonntag, den 16. Juni, die in der Synagoge
angebrachte Gedenktafel für ihre im Krieg gefallenen Söhne ein. Herr
Synagogenrat Eduard Bensinger sprach Begrüßungsworte, Herr Lehrer und
Kantor Mannheimer, Kehl, leitete die
Feier, an welcher die Nachbargemeinden und der Reichsbund jüdischer
Frontsoldaten teilnahmen, und verstand es, sie überaus erhebend und
würdig zu gestalten. - Für den Landesverband Baden des RjF. sprach
dessen Vorsitzender, Herr Rechtsanwalt Dr. Fritz Rosenfelder, Karlsruhe,
für die Ortsgruppe Kehl-Bodersweier deren Vorstand, Herr Paul Wertheimer,
Kehl, die den toten Kameraden ergreifende Worte des Gedenkens widmeten.
ferner sprachen ehrende Worte Herr Bezirksältester Lippmann Kahn,
Rheinbischofsheim und Herr Siegfried Kaufmann, Kehl."
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung
der Synagoge zerstört. Die Aktionen in Bodersweier wurden von österreichischer
SS durchgeführt. Vier bis fünf SS-Leute fuhren nach einem Zeitzeugenbericht
vor der Synagoge vor, traten die Türe ein und zerschlugen das Inventar. Als
Gotteshaus war die Synagoge danach nicht mehr zu benutzen. Die Behörden waren
an einem baldigen Abbruch und einer "arisierten" Verwertung der Grundstücke
interessiert. Eine Ende April 1939 durchgeführte Besichtigung der Synagoge und
des benachbarten jüdischen Gemeindehauses ergab, dass "sich beide Gebäude in
einem derart schlechten baulichen Zustand befinden, dass sie als abbruchreif
bezeichnet werden müssen." Das Gemeindehaus war bereits im März 1939 wegen
Einsturzgefahr gesperrt worden. Im Winter 1940/41 wurde dieses Gebäude wegen
"Baufälligkeit" abgebrochen.
Das Synagogengebäude wurde zunächst noch als Garage für den Postomnibus und Schafstall zweckentfremdet. Als Grundstückeigentümer wird 1943 "Deutsches Reich - Deutsche Post" genannt. Nach dem Krieg kam das Grundstück über die Jüdische Vermögensverwaltung JRSO in den Besitz der Israelitischen Landesgemeinde Südbaden, die es ihrerseits privat veräußerte.
1951 wurde nun auch das ehemalige Synagogengebäude abgebrochen und ein Geschäftswohnhaus
errichtet.
Das jüdische Gemeindehaus in Bodersweier,
früheres Wohnhaus, 1858 von
der
jüdischen Gemeinde erworben und als
Schul- und Gemeindehaus umgebaut
Plan und Dokument (Quelle: Gemeinde Bodersweier, Feuerversicherungsakten;
übersandt von Karl Britz)
Synagoge (2) und jüdisches
Gemeindehaus/Schule (1) im Plan der
Feuerversicherungsakten 1934
Eintragung in den
Feuerversicherungsakten über das Gebäude des Gemeindehauses:
"Abgangs-Nachweis. Das unter Querbachstraße Hausnummer 25 zur
Feuerversicherung
eingeschätzte Gebäude der Israelitischen Gemeinde...
ist im Dezember des Jahres 1940
und Januar 1941 wegen Entbehrlichkeit
abgebrochen worden. Da der Eigentümerin die
Möglichkeit genommen ist,
dasselbe wieder herzustellen, so ist die
Versicherungssumme...
abzuschreiben"
Das Gebäude (Friseurgeschäft) steht auf dem Grundstück der
ehemaligen Synagoge
und des Gemeindehauses (Querbacher Straße 25).
Die Synagoge stand links nach hinten versetzt, das Gemeindehaus rechts an
der Straße.
Ehemalige jüdische Wohn- und
Geschäftshäuser, die
noch den
ursprünglichen Baustil erkennen lassen
Kolonialwarenhandlung
Ludwig Meier
Querbacher Straße 15
(in Baustil und Bauart
dem Gemeindehaus vergleichbar)
Mehlhandlung
Isidor Bensinger
Querbacher Straße 14
Viehhandlung
Leo Wertheimer
Rastatter Straße 33
Eisenwarenhandlung
Kaufmann und Bensinger
Querbacher Straße 18
Gedenkstein
"Den jüdischen Opfern der Verfolgung 1933 – 1945"
auf dem Friedhof von Bodersweier,
errichtet 1984
Mahnmalprojekt
Neckarzimmern - der Beitrag aus Bodersweier (rechts mit Foto des Steines in
Neckarzimmern: Bericht
aus der Stuttgarter Zeitung
vom 21. Oktober 2005; Fotos unten: Karl Britz,
Bodersweier)
Bei der Gedenkfeier am 16.
Oktober 2005
in Bodersweier: Großrabbiner René
Gutmann aus Straßburg
legt einen
Stein auf die Gedenkstele
Der Gedenkstein
bei der Kirche in Bodersweier; links mit Transparent am
Einweihungstag.
Rechts vorne: der Ring um Ortswappen von Bodersweier symbolisiert
die
Gemeinschaft aller Menschen im Dorf; der Davidstern ist herausgebrochen,
wie
die Gemeinde in der NS-Zeit herausgebrochen wurde.
Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden.
1968. S. 46-47.
Bodersweier. Berichte, Erzählungen und Bilder aus der Geschichte
eines Dorfes im Hanauerland (Hg. Ortschaftsrat Kehl-Bodersweier). 1984. S.
49-74.
Ludwig Lauppe: Burg, Stadt und Gericht Lichtenau. Eine
heimatgeschichtliche Rückschau. Hemsbach 1984 (zum Antrag von 1756 des
Isaak Levi und Joseph Wertheimer: S. 163 Anm. 2).
Hans Nußbaum/Karl Britz: Das Schicksal der Juden von
Bodersweier. 1986.
Hartmut Stüwe: Kehl im Dritten Reich. Stadtgeschichte 1933-1945.
Stadt Kehl am Rhein. Kultur- und Verkehrsamt 1997 (hierin besonders: Boykott
jüdischer Geschäfte S. 36ff und Verbrechen gegen die Menschlichkeit S.
110ff).
Nicolas Rosenthal: Hagada des 20. Jahrhunderts - ein Vermächtnis.
Mit Beiträgen von Rold Kruse jun. und Friedrich Peter. Historischer Verein
Kehl 2000.
Joachim
Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als
Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte
und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt,
Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial,
Jerusalem. Stuttgart 2007.
Deutsche Ausgabe: Denise und Jules Kaufmann /
Karl Britz:
Glück, ganz besonderes Glück
Verlag Medien und Dialog
ISBN 3-933231-93-0
Preis: 12,00 €
Französische Ausgabe: Denise et Jules Kaufmann /
Karl Britz:
La chance de survivre, le bonheur de vivre
Edition Medien und Dialog
ISBN 3-933231-94-9
Preis: 12,00 €
2008 jährt sich die Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 zum 70. Mal. Aus
Kehl wurde bekannt, dass hier die jüdischen Männer vor ihrer Deportation ins Konzentrationslager Dachau unter Führung der Gestapo besonders grausam erniedrigt und gequält wurden.
Das historische Datum markiert aber nur eine der vielen barbarischen Terrormaßnahmen, mit denen die Nazis die jüdische Bevölkerung im eigenen Land und in ganz Europa entrechtete, drangsalierte und in Massen tötete.
Judenhetze ab 1933, Entzug bürgerlicher Rechte nach 1935, Deportation der männlichen Juden nach Dachau und Schließung aller jüdischen Geschäfte 1938 – es schien auf deutschem Boden keine Zukunft mehr zu geben. Wer weiterexistieren wollte, ging ins Ausland. In den badischen und pfälzischen Grenzregionen war Frankreich das naheliegende Ziel.
In Kooperation mit der Bürgerstiftung Kehl ist nun in einer deutschen und einer französischen Ausgabe ein reich illustriertes Buch erschienen, in dem das hochbetagte Ehepaar Denise und Jules Kaufmann die Geschichte seines Überlebenskampfes erzählt. Jules Kaufmann war einst Bürger in
Bodersweier, seine Frau Denise stammt aus Wasselonne im Elsass. Am Beispiel dieser badisch-elsässischen Familie wird deutlich, wie sich das Schicksal vieler Juden aus unserer Grenzregion im besetzten Frankreich entschieden hat.
Nach der Schließung seiner einst florierenden Eisenwarenhandlung gewinnt Jules Kaufmann seine Zukunft nur wenige Kilometer entfernt - in Straßburg, im Elsass und in der Liebe zu Denise Roos aus Wasselonne. Sie heiraten 1938 und gründen eine neue Existenz.
Doch 1940 besetzt die deutsche Wehrmacht den größten Teil Frankreichs. Auf das Land greift der nationalsozialistische Terror gegen die Juden über.
"Missliebige Personen" müssen die besetzten Gebiete verlassen. Aber auch in der so genannten
"freien Zone" ist eine Regierung im Amt, die mit den deutschen Besatzern zusammenarbeitet.
Die Gauleiter der Grenzregionen lassen im Oktober 1940 auch die badischen und saarpfälzischen Juden nach Südfrankreich deportieren, wo sie im Pyrenäen-Lager Gurs interniert werden. Ab 1942 rollen die Züge nach Auschwitz. Denise und Jules Kaufmann werden mit ihren Familienangehörigen in diesen Strudel gerissen, müssen erleben, wie Verwandte und Freunde in die Vernichtungslager deportiert werden.
Durch Phantasie, Mut und auch List, durch die Hilfe anderer Menschen, vor allem aber mit der Kraft ihrer Liebe schaffen sie es, dass sie und ihre engsten Angehörigen in Südfrankreich die Zeit der Verfolgung überleben:
"Es war auch Glück, ganz besonderes Glück."
Das Titelbild des Buches zeigt die Bronzefigur "Begegnung" von Josef Fromm am Rhein bei Kehl. Was sie darstellt, haben Denise und Jules Kaufmann schon zu der Zeit in die Tat umgesetzt, als ihre beiden Völker als tief verfeindet galten und auch an dieser Stelle die Waffen aufeinander richteten.
Karl Britz hat die Erzählungen redaktionell bearbeitet. Außerdem berichtet er über die historischen Hintergründe und über eine aktuelle Spurensuche. Alfred Matt, früherer Leiter des Museums in Bouxwiller, besorgte die Übersetzung ins Französische.
Bodersweier Baden.
Jews first settled in the early 17th century. A new synagogue was built in 1811
and the Jewish population grew to 116 in 1875 (total 1,124). Thereafter it
declined steadily to 34 in 1933. On Kristallnacht (9-10 November 1938)
the synagogue was vandalized and eight Jews were detained at Dachau for a few
weeks after being severely beaten. Fifteen Jews left Bodersweier until 1940.
Twenty-two were deported to the Gurs concentration camp and other camps; six
survived.
vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge