Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zwischen zwei unterschiedlichen Landesherren (Baden und Hochstift Speyer) geteilten Gernsbach bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17. Jahrhundert zurück. Erstmals wurden 1683 im speyerischen Teil von Gernsbach Juden genannt. Das Wohngebiet der jüdischen Familien konzentrierte sich zunächst auf die heute noch sog. "Judengasse" in der Altstadt. 

Die Zahl der jüdischen Familien blieb im 18. Jahrhundert klein: 1701 war nur eine Familie in der Stadt, bis 1784 waren es vier Familien. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: um 1825 56 jüdische Einwohner (2,7 % von insgesamt 2.055), 1852 56 (2,6 % von 2.183), 1871 54 (2,3 % von 2.321), 1880 52 (2,1 % von 2.524), 1895 68 (2,5 % von 2.688), 1900 57 (2,1 % von 2.679), höchste Zahl um 1910 mit 71 Personen (2,5 % von 2.804). 
 
An älteren jüdischen Wohnhäusern sind in besonderer Erinnerung (weitere Adressen siehe unten):  im Eckhaus Judengasse/Amtsstraße wohnte um 1800 der vermögende Handelsmann Salomon Kaufmann, in der Loffenauer Straße 9 Eli Neter, der Vater des berühmten Mannheimer Kinderarztes Dr. Eugen (Isaak) Neter (siehe unten; an die Familie Neter erinnert die 1922 an einem Wanderweg Richtung Müllenbild/Baden-Baden errichtete Schutzhütte, noch heute Neter-Hütte genannt.) Die bis 1903 bestehenden Eisengroßhandlung der Familie Neter war in der Hauptstraße 21.
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde einen Betsaal / Synagoge (s.u.) und eine jüdische Religionsschule (der Religionsunterricht wurde im 19. Jahrhundert zeitweilig in Räumen der Höheren Bürgerschule am Marktplatz abgehalten). Ein rituelles Bad bestand nicht; die Einrichtung scheiterte im 19. Jahrhundert am Widerstand des Gemeinderates der Stadt. Die Toten der jüdischen Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof in Kuppenheim beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war zeitweise ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl. unten Ausschreibung der Religionsschulstelle Gernsbach-Hörden 1922). Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk in Bühl.    
 
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Julius Falk, Max Kohn und Albert Stern. Ihre Namen wurden auf dem 1936 erstellten Gefallenendenkmal der Stadt nicht eingetragen, jedoch 1985 mit einer Einweihungsfeier nachträglich ergänzt (Namen von Max Kohn und Albert Stern; der Name des aus Berwangen stammenden Julius Falk findet sich auf dem dortigen Gefallenendenkmal).  
 
Um 1924, als noch 62 jüdische Einwohner gezählt wurden (1,9 % von 3.368 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde: Hermann Nachmann, Josef Dreyfuß und Emil Nachmann. Als Lehrer, Kantor und Schochet kam regelmäßig Lehrer J. Grünbaum aus Kuppenheim nach Gernsbach. Er hatte damals 12 Kinder in Gernsbach zu unterrichten. 1932 waren die Gemeindevorsteher Hermann Nachmann (1. Vors.), Julius Maier (Hörden, 2. Vors.) und Max Baer (2. Vors. und Schriftführer). Inzwischen kam als Lehrer und Schochet regelmäßig Lehrer Hermann Translateur aus Rastatt nach Gernsbach. Im Schuljahr 1931/32 hatte er 7 Kinder in Gernsbach zu unterrichten. Zur jüdischen Gemeinde in Gernsbach gehörten in den Außenorten: Hörden 14 jüdische Personen, Gaggenau 8 und Rotenfels 4.  
  
Seit Mitte 1928 gab es, nachdem die Zahl der jüdischen Einwohner in Hörden stark zurückgegangen war, eine gemeinsame Israelitische Religionsgemeinde Gernsbach – Hörden
   
An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden Handels- und Gewerbebetrieben im Besitz jüdischer Familien sind bekannt: Gemischtwarengeschäft Friederike Baer (Igelbachstraße 21, abgebrochen), Manufaktur- und Möbelgeschäft Julius und Max Baer (Igelbachstraße 7), Eisenhandlung Emanuel Dreyfuß (Igelbachstraße 5), Kleidergeschäft Leopold Dreyfuß (Bleichstraße 4), Metzgerei Adolf Maier (Hauptstraße 14), Kaufhaus für Konfektions- und Manufakturwaren, Wäsche und Ausstattungsgeschäft, Möbellager, Inh. Emil Nachmann und Julius Ochs (Igelbachstraße 8), Eisenwarengeschäft, Haus- und Küchengeräte, Inh. Hermann Nachmann und Herbert Walter (Bleichstraße 2), Viehhandlung Josef Salomon Stern (Igelbachstraße 17, abgebrochen).
 
1933 lebten noch 54 jüdische Personen in Gernsbach. Auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Repressalien und der Entrechtung wanderten bis 1939 die meisten von ihnen aus (USA, Palästina, Uruguay und Argentinien). Beim Novemberpogrom 1938 wurde durch auswärtige SA-Leute die Synagoge angezündet und zerstört; die bis dahin noch bestehenden jüdischen Geschäfte und Wohnungen wurden demoliert. Am 1. Januar 1939 wurden noch 25 jüdische Einwohner gezählt; am 22. Oktober 1940 wurden die letzten neun jüdischen Einwohner aus Gernsbach nach Gurs deportiert.  
      
Von den in Gernsbach geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Ida Cahn geb. Stern (1874), Hilda Dreyfuß (1899), Arthur Kahn (1887), Erna Kahn geb. Dreyfuß (1895), Eugen Lorsch (1884), Marianne Lorsch (1924), Hermann Nachmann (1867), Else Neter (1883), Irma Pappenheim geb. Stern (1881), Mathilde Schlossberger geb. Neter (1868), Johanna Schönberger geb. Dreyfuß (1892), Kätchen (Käthe) Simon (1885), Eva Stern (1925), Hedwig Stern geb. Koch (1898), Ludwig Stern (1886), Moritz Stern (1884), Ella Weil geb. Stern (1888).   
   
Von den in Gaggenau geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  Nathan Kahn (1878), Abraham Neumark (1863).        
      

      
   

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer 
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1916 / 1922

Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 15. Dezember 1916: "Bekanntmachung. Die mit dem Kantor- und Schächterdienst verbundene Religionsschulstelle Gernsbach - Hörden (Großherzogtum Baden), ist auf den 1. Januar 1917 neu zu besetzen.   Festes Gehalt vorerst 1.200 Mark, mit Aussicht auf Erhöhung. Nebeneinkommen mindestens 500 Mark, freie Dienstwohnung für einen Ledigen.   Meldungen mit beglaubigten Zeugnisabschriften sind sofort an die unterzeichnete Stelle zu richten.   
Bühl
(Baden), den 21. November 1916. Die Bezirkssynagoge. Dr. Mayer."    
    
Gernsbach Israelit 19101922.jpg (55786 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Oktober 1922: "Die mit der Kantor- und Schächterstelle verbundene Religionsschulstelle Gernsbach-Hörden (Baden) ist sofort zu besetzen. Fixum 60.000.- Mark und Nebeneinkommen 15.000.- Mark nebst freier Wohnung. Der Dienst in beiden benachbarten Gemeinden ist durch einen gemeinsamen Lehrer zu versehen. Meldungen und Zeugnisabschriften sind an die unterzeichnete Stelle einzusenden. 
Die Bezirkssynagoge Bühl. Dr. Mayer."    

 
  
Berichte zu einzelnen Personen und Familien aus der Gemeinde 

100jähriges Bestehen des Bankgeschäftes Jakob Dreyfuß (1906)  

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 14. September 1906: "Gernsbach in Baden. Das Bankgeschäft Jakob Dreyfuß blickt Mitte September auf ein 100-jähriges Bestehen zurück. Von 1806 bis 1833 waren Leopold Dreyfuß und David Kauffmann Inhaber, von 1833 bis 1844 lautete die Firma Leopold Dreyfuß, von 1844 bis 1845 L. Dreyfuß Sohn und ab 1845 Jakob Dreyfuß, dessen Sohn Gustav Dreyfuß der jetzige Inhaber der Firma ist."    

    
Über den aus Gernsbach stammenden Professor Robert Dreifuß (Artikel zu seinem Tod 1931)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Juni 1931: "Zum Tode von Professor Robert Dreifuß - er ruhe in Frieden -. Über den vor kurzem in Frankfurt heimgegangenen Professor Dr. Robert Dreifuß wird uns noch geschrieben: 
Professor Dr. Robert Dreifuß war am 13. März 1866 in Gernsbach in Baden geboren, er habilitierte sich 1908 an der Universität Straßburg für Ohrenheilkunde und wurde bereits 1909 zum Professor ernannt. In Frankfurt am Main, wo er sich nach dem Kriege niederließ, erwarb er sich bald eine angesehene Stellung, er wurde städtischer Schul- Ohrenarzt und konnte noch auf dem internationalen medizinischen Kongress in Kopenhagen 1928 sein Fachgebiet vertreten. Prof. Dreifuß gehört seinerzeit in Straßburg dem Vorstand der Gemeinde an, war dort Präsident der Unitas-Loge und Vorsitzender der zionistischen Ortsgruppe. Auch in Frankfurt zeigte er reges Interesse für jüdische Angelegenheiten. Sehr oft sah man ihn früher bei den Geschichtsvorträgen des Mekor Chajim. Ein großer Kreis von persönlichen Freunden trauert neben der Familie und der Wissenschaft um den großen Gelehrten und guten Menschen. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."   

   
Über den aus Gernsbach stammenden Dr. Eugen Neter (1876-1966)

Eugen Neter 100.jpg (7534 Byte)Eugen (Isaak) Neter (1876 Gernsbach - 1966 Degania/Israel): in Gernsbach in einer großen Familie mit 11 Geschwistern aufgewachsen; seit 1893 Studium der Medizin in Heidelberg; seit 1903 Kinderarzt in Mannheim; 1914-18 Arzt im Ersten Weltkrieg; Verfasser zahlreicher Schriften zur Kleinkinderpflege und –erziehung; Mitbegründer des Mannheimer Fröbelseminars für angehende Kindergärtnerinnen; 1940 bis 1945 im KZ Gurs, danach Auswanderung nach Palästina. An seiner ehemaligen Praxis in Q 1,9 in Mannheim erinnert eine Gedenktafel an den Arzt; im Stadtteil Blumenau ist die "Eugen-Neter-Schule" nach ihm benannt 
(Siehe die Website der Schule: www.ens.ma.schule-bw.de, von wo auch das Foto übernommen wurde). 

    
         
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen 
Mädchen für Hausarbeiten bei Josef Dreyfuß gesucht (1900) 

Gernsbach Israelit 03051900.jpg (34744 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Mai 1900: "Tüchtiges Mädchen, das kochen kann und die Hausarbeiten verrichtet, per sofort gesucht. Josef Dreyfuß, Gernsbach, Baden."    

  
Anzeige der Eisenhandlung A. Nachmann (1903)
  

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. November 1903: "Suche per 1. Januar künftigen Jahres einen Lehrling aus achtbarer Familie für mein Eisen- und Haushaltungsgeschäft unter günstigen Bedingungen. Eventuell nehme ich auch einen angehenden Commis.  
A. Nachmann,
Eisenhandlung, Gernsbach (Baden)."  

   
Todesanzeige für Sabine Lorsch geb. Moch (1931)   

Anzeige in der CV-Zeitung (Zeitung des "Central-Vereins") vom 29. Juli 1931: "Unerwartet rasch verschied nach kurzer schwerer Krankheit meine innigst geliebte unvergessliche Frau, unsere herzensgute, trau besorgte Mutter, Tochter und Schwester, Frau Sabine Lorsch geb. Moch im blühenden Alter von 41 Jahren.  
Gernsbach (Baden), Pforzheim, Akoon (USA), Paris. In tiefster Trauer: Eugen Lorsch und Kinder, Marianne und Heinz, M. Moch und Frau, Friedel Moch, Max Moch und Frau, Josef Moch und Frau, Berthold Moch."  

      
   

      
     
Zur Geschichte des Betsaals / der Synagoge  

Die ersten Familien werden im 17./18. Jahrhundert vor allem bis heute sogenannten "Judengasse" gewohnt haben. Ab wann ein Betsaal vorhanden war, ist nicht bekannt. 

 Um 1830 plante die jüdische Gemeinde die Einrichtung einer (neuen?) Synagoge beziehungsweise eines Betsaales. Dies geht aus den Unterlagen zu einer Kollekte der Eschelbacher jüdischen Gemeinde hervor. Die Gernsbacher teilten am 19. Juli 1833 nach Eschelbach mit, dass sie nichts geben könnten, weil sie selbst eine Synagoge bauen wollten. Spätestens in der Mitte des 19. Jahrhundert wurde zunächst im Haus Hauptstraße 45 ein Betsaal eingerichtet. 

Nachdem dieser Betsaal nicht mehr ausreichte, wurde 1860 eine Synagoge erbaut. Sie befand sich in der Färbertorstraße gegenüber der Einmündung in den Mühlgraben außerhalb des Altstadtbereichs, der durch einen Überrest der Stadtmauer in diesem Bereich angezeigt wird. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts entsprach das Gebäude nicht mehr den Verhältnissen und Bedürfnissen der Gemeinde. So sammelte man einige Jahre lang Gelder für einen geplanten Neubau, die dann freilich mit der Inflation 1922/23 entwertet wurden.    
   
Nochmals wurden die Neubaupläne um einige Zeit verzögert, bis endlich eine von Architekt Richard Fuchs aus Karlsruhe entworfene neue Synagoge 1927/28 in einem damaligen Neubaugebiet der Stadt erstellt werden konnte (heutiges Grundstück Austraße 3). An der Bauausführung waren zahlreiche Gernsbacher Firmen beteiligt. Die feierliche Einweihung war am Sonntag, 15. Juli 1928. Anwesend waren dabei der Offenburger Bezirks-Rabbiner Dr. Isidor Zlociski, der die Festpredigt hielt, und Konferenzrabbiner Dr. Julius Zimels aus Freiburg, der die Glückwünsche des Oberrates der Israeliten überbrachte. Weitere Vertreter der jüdischen Gemeinden, der evangelischen und katholischen Kirchengemeinde sowie Regierungsrat Götz aus Rastatt sprachen Grußworte. Für einen würdigen musikalischen Rahmen sorgte der Synagogenchor aus Weinheim. Eine weltliche Feier im Gernsbacher Löwensaal schloss sich an die Synagogeneinweihung an. Dankbar war man über einige wertvolle Stiftungen, die für die Synagoge eingegangen waren. So stammte von Familie Emil Neter aus Mannheim wertvoller Toraschmuck (Schild und Zeiger). Der vielfach bewunderte, aus rotem Samt mit Goldstickerei bestehende Toravorhang kam aus der Kunststickerei W. Grünebaum in Kassel. Den Gebetsraum prägte ein in der Mitte angebrachter Beleuchtungskörper in der Form eines Davidsternes. Rechts der Apsis des Toraschreines stand ein schöner Leuchter aus Messing, ein bisheriges Prunkstück der Synagoge in Hörden.      
    
Einweihung der Synagoge in Gernsbach (1928)   

Bericht ais der allgemeinen Tagespresse von der Einweihung der neuen Gernsbacher Synagoge (Quelle: O. Stiefvater s. Lit. S. 60ff.): "Die neue Synagoge der israelitischen Gemeinden Gernsbach und Hörden wurde am Sonntag, dem 15. Juli 1928, in feierlicher Weise eingeweiht. Mit der Vollendung des Baues, in der Austraße zu Gernsbach, ging ein jahrzehntelanger Wunsch der Gemeinde in Erfüllung. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg war man darauf bedacht, eine neue Synagoge zu erbauen, da das alte Gebäude in der Färbertorstraße in keiner Weise mehr den Verhältnissen und Bedürfnissen entsprach. Man hatte für den geplanten Neubau Jahr und Jahr Gelder zurückgelegt, die dann mit der Inflation, nach dem Ersten Weltkrieg, entwertet wurden. Als man in der Austraße ein Grundstück erwerben konnte, war die Möglichkeit gegeben, die jahrelangen Pläne zu realisieren, zumal die Nachbargemeinde Hörden damit einverstanden war, ihre Synagoge zu schließen und zu verkaufen, um dann gemeinsam mit der Gemeinde in Gernsbach eine neue Synagoge zu erbauen.
Die Planfertigung stammt von Dr. Ing. Richard Fuchs, Karlsruhe. An der Ausführung des Baues waren zahlreiche Gernsbacher Firmen beteiligt. Der Gebetsraum war wie folgt ausgestattet: Unter anderem wurde in der Mitte des Gebetsraumes ein Beleuchtungskörper in der Form eines Davidsternes angebracht, vor dem Toraschrank das ewige Licht und an der rechten Seite ein schöner Leuchter aus Messing, ein bisheriges Prunkstück der Synagoge in Hörden. Die von der Majolika-Fabrik in Neureut bei Karlsruhe gelieferte Altarstelle war von einer Majolikaumfassung umrahmt, darüber war eine hebräische Inschrift in Gold auf blauem Grunde, oberhalb des Toraschrankes die Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten.
Der 'Heilige Schrank' mit den Torarollen war in weißer Farbe gehalten. Rechts und links des Toraschrankes befand sich ein Ehrenstuhl für die Rabbiner, anschließend standen die Bänke für die Besucher, dazu gehörte noch eine geräumige Empore. Eine Reihe von Nebengelassen befanden sich links vom Eingang, die ganze Anlage war von einer Mauer umschlossen. 
Zur Einweihung der Synagoge waren viele Gäste erschienen, Ehrengäste und Vertreter der Stadtverwaltung Gernsbach, der katholischen Kirchengemeinde Gernsbach, der evangelischen Gemeinden Gernsbach und der staatlichen Behörden.
Nach einem Präludium sang der Synagogenchor aus Weinheim das Eingangslied. Architekt Fuchs, Karlsruhe, übergab anschließend die Schlüssel des Toraschrankes und wies darauf hin, dass durch Glaubensstärke und guten Willen ein Heim geschaffen worden sei, welches das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken solle. 
Der Synagogenchor Weinheim sang ein weiteres Weihelied, dann wurden die Torarollen in feierlicher Form aus- und eingehoben. Die feierliche Predigt hielt Dr. Zlociski, Offenburg. Konferenz-Rabbiner Dr. Zimels, Freiburg, übermittelte die Glückwünsche der Landessynagoge und des Oberrates der Israeliten. Er erinnerte an die alte Synagoge, in der die Gernsbacher Israeliten sechs Jahrzehnte lang sich in Andacht zusammengefunden hätten und die trotz ihrer Schlichtheit alte Erinnerungen wach halten wird. Gewerbeschuldirektor Münz, Gernsbach, überbrachte die Grüße der evangelischen Gemeinden Gernsbach, desgleichen Stadtpfarrer Ernst Bernauer im Namen der katholischen Gemeinde Gernsbach. Regierungsrat Götz, Rastatt, sprach die Glückwünsche der Staatsverwaltungsbehörde aus und Gemeinderat Heiliger, Gernsbach, überbrachte die Glückwünsche der Stadtverwaltung. Der Synagogenvorstand Hermann Nachmann dankte im Namen der Synagogengemeinde Gernsbach-Hörden."      

 
Der zweite Bericht aus der jüdischen Presse, Zeitschrift "Der Israelit":  
Gernsbach Israelit 02081928.jpg (235891 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. August 1928: "Baden-Baden, 26. Juli (1928). Rechts der Murg, an einem stillen, idyllischen Platz steht das kleine, herrliche Gotteshaus, der kürzlich in Anwesenheit der stattlichen und kirchlichen Behörden und den Vertretern der Bezirks- und Nachbargemeinden feierlich eingeweiht wurde. Es ist eine Zierde des lieblichen Murgtalstädtchens Gernsbach, dieses schöne Gotteshaus, und macht dem Erbauer, Architekt Dr. Richard Fuchs, Karlsruhe, alle Ehre. 
Der Synagogenchor Weinheim leitete die Feier mit dem Lewandowskyschen Chor 'Ma towu' ein, worauf Frl. Bär, Gernsbach, einen sinnreichen Prolog vortrug. 
Kantor Marx Meier, Weinheim, verrichtete das Michagebet und alsdann übergab Architekt Dr. Fuchs dem Gemeindevorsteher Hermann Nachmann den SChlüssel zum Toraschrank. In feierlicher Weise wurden die neu eingekleideten Torarollen ausgehoben und Kantor und Chor sangen freudeerfüllt in tiefer Ergriffenheit 'Ono adonoy, hoschiono', 'Hilf, o Ewiger hilf!'  
Es folgte alsdann die eigentliche Weihe des Hauses durch den zuständigen Bezirksrabbiner Dr. Zlocisti aus Offenburg. Dieser eindrucksvollen Rede folgten die von Begeisterung getragenen Worte des Konferenz-Rabbiners Dr. Ziemels, Freiburg, der im Namen des Oberrats der Israeliten sprach. 
Der Vertreter der evangelischen Gemeinde sprach von der Eintracht der verschiedenen Konfessionen in Gernsbach und drückte den Wunsch aus, dass es immer so bleiben möge. Herzliche Worte fand der katholische Geistliche, Stadtpfarrer Bernauer im Namen der beiden katholischen Gemeinden Gernsbach und Hörden. 
Regierungsrat Dr. Götz brachte die Glückwünsche des Staates und der Vertreter der Stadtgemeinde Gernsbach fand begeisternde, aufmunternde Worte namens der Stadt. 
Allen Rednern und Vertretern dankte der bewährte Gemeindevorsteher Hermann Nachmann, dem das neue Gotteshaus in erster Linie zu verdanken ist, für ihr Erscheinen und insbesondere für ihre tatkräftige Mithilfe zur Ausführung dieses edlen Werkes. 
Der auf beachtenswerter Höhe stehende Weinheimer Synagogenchor beschloss die ernste, freudige Feierstunde mit dem Lewandowski-Chor 'Der Herr hat unser gedacht'.
Der zweite Teil des Tages der Einweihung galt der Gemütlichkeit und der Freude beim gemeinsamen Abendessen im Hotel Löwen, wobei Oberrat Dr. Ellenbogen, Rechtsanwalt Lion, Rastatt, Dr. med. Neter, Mannheim, Architekt Dr. Fuchs, Karlsruhe, schöne Worte sprachen. Besondere Anerkennung fand der verdienstvolle Vorsteher der Gemeinde Gernsbach, Hermann Nachmann. Speise und Trank der bekannten Adlerwirtin, Frau Stern, Hörden, waren vorzüglich." 

Das Gebäude der alten Synagoge wurde 1927 verkauft und später als Wohnhaus, zuletzt als städtische Notunterkunft verwendet (nach 1960 abgebrochen). 

Am frühen Nachmittag des 10. November 1938 wurde die Gernsbacher Synagoge durch SA-Leute aus Gaggenau niedergebrannt. Die bis auf die Umfassungsmauern zerstörte Synagoge ist zunächst durch einen Gernsbacher Architekten gekauft worden, der plante, ein Wohnhaus für "Volksdeutsche" unter Verwendung der stehenden Mauern zu bauen, was durch Bürgermeister und Kreisleiter des NSDAP mit der Begründung abgelehnt wurde: "Es ist eines deutschen Mannes unwürdig, vorhandene Bauteile einer Synagoge zur Errichtung eines Wohnhauses zu verwenden, in dem nachher deutschblütige Menschen wohnen sollen". Das Landratsamt Rastatt genehmigte jedoch den Bau, wonach das Haus an Privatleute weiterverkauft wurde, die ein Wohnhaus auf dem Grundstück errichteten (nur noch Keller und Fundamente der ehemaligen Synagoge waren vorhanden). 1944 wurde dieses Wohnhaus bei einem Luftangriff durch einen Volltreffer völlig zerstört - es gab drei Todesopfer. Bei diesem Luftangriff war nur ein einziges Flugzeug zu sehen, das sehr hoch flog, die abgeworfene Bombe traf das auf dem Synagogengrundstück stehende Haus. 

Nach 1945 wurde das Grundstück wieder neu mit einem Wohnhaus bebaut (Austraße 3). Seit der Aufstellung bei einer Gedenkfeier am 10. November 1985 erinnert eine Bronze-Gedenktafel an die Synagoge.
  
Adresse der Synagoge: Austraße 3 


Fotos:
Historische Fotos: 
1. Die alte Synagoge:

Gernsbach Synagoge a01.jpg (50226 Byte) 
Die alte Synagoge Färbertorstraße

2. Die "Judengasse" 

Gernsbach Judengasse 201.jpg (43121 Byte) Gernsbach Judengasse 200.jpg (52777 Byte)
Erinnerung an die Zeit der ersten Niederlassung von Juden in Gernsbach: die ehemalige Judengasse, vermutlich aus dem 17./18. Jahrhundert (Fotos 2004)

   
3. Die neue Synagoge:
(Quelle der oberen Fotos: Foto Hahn, Gernsbach; 
linkes Foto der zerstörten Synagoge: Staatsanwaltschaft Baden-Baden KLs 11/47)

Die 1927/28 erbaute Synagoge in Gernsbach  Gernsbach Synagoge 003.jpg (43634 Byte) Gernsbach Synagoge 004.jpg (40125 Byte)
    Die Synagoge Gernsbach von Osten gesehen; vor dem Gebäude Synagogenwart Eugen Nachmann Innenansicht
     
   Gernsbach Synagoge 005.jpg (82115 Byte) Gernsbach Synagoge 080.jpg (34021 Byte)
   Toraschrein, darüber Gebotstafeln Der Toravorhang mit der Inschrift: "Die Frauen von Gernsbach zur Einweihung der Synagoge im Jahr 5688" (= 1927/28)
     
Die am 
10. November 1938 zerstörte Synagoge
Gernsbach Synagoge 051.jpg (62662 Byte) Gernsbach Synagoge 050.jpg (88476 Byte)

    
Fotos nach 1945/Gegenwart: 

Fotos um 1985:
(Fotos: Hahn)
Gernsbach Synagoge 010.jpg (85129 Byte)  Gernsbach Synagoge 011.jpg (78157 Byte) 
  Gebäude Hauptstraße 45, worin bis 1860 ein Betsaal war
   
    Gernsbach Synagoge 060.jpg (79502 Byte)  Gernsbach Synagoge 061.jpg (72461 Byte) 
   Wohnhaus auf dem Grundstück der 1938 zerstörten Synagoge
     
Fotos 2004:
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 5.8.2004)
   
Gernsbach Synagoge 202.jpg (63848 Byte) Gernsbach Synagoge 200.jpg (45672 Byte) Gernsbach Synagoge 201.jpg (41921 Byte)
Das Gebäude Hauptstraße 45, in dem sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Betsaal befand
   
Gernsbach Synagoge 204.jpg (79875 Byte) Gernsbach Synagoge 203.jpg (83154 Byte) Gernsbach Synagoge 205.jpg (56211 Byte)
Grundstück in der Austraße, wo sich die neue Synagoge befand, mit der 1985 aufgestellten Gedenktafel.
   
Gernsbach Synagoge 207.jpg (69970 Byte) Gernsbach Synagoge 206.jpg (58230 Byte)  
Gedenkstein an der Brücke für die nach Gurs deportierten Juden aus Gernsbach  

     
  

Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte
 
Presseartikel von 1985, der anlässlich der geplanten Aufstellung der Gedenktafel vor dem Synagogengrundstück erschien. 

Gernsbach PA 1985.jpg (342237 Byte)Artikel im "Badischen Tagblatt" (Rastatter Tagblatt / Der Murgtäler) vom 6.11.1985: Artikel "Gedenktafel soll an Zerstörung der Synagoge in Gernsbach erinnern. Brigitte Rein erinnert sich an das Leiden der jüdischen Gemeinde 1938."

  
Aktuell: "Woche des Gedenkens" im Herbst 2008 

Artikel von Irene Schneid-Horn (Presseartikel vom 31. Mai / 1. Juni 2008 in: "Badische Neueste Nachrichten") über die Planungen für die "Woche des Gedenkens" Ende Oktober / Anfang November 2008 in Gernsbach.

 

 

 

Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Gernsbach

Literatur:

Heinrich Langenbach: Gernsbach im Murgtal. Eine Stadtgeschichte während 700 Jahre. 1922.
Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 107-110.
Oskar Stiefvater: Geschichte und Schicksal der Juden im Landkreis Rastatt, in: Um Rhein und Murg. Heimatbuch des Landkreises Rastatt Bd. 5 (1965) S. 42-83.
Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern - Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem 1986. S. 297-299.  
synagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007.    
  
   
  

    
  


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Gernsbach  Baden. Jews first settled in 1683, concentrating in a Jewish quarter in the old city and later in a suburb outside the town walls. From the early 19th century, to the Nazi era the Jews maintained a population of around 60 (2,5 % of the total). A new synagogue was erected in 1860. A number of smaller communities were attached to Gernsbach, including Hoerden with its 14 Jews. Of Gernsbachs 54 Jews (1933), 29 emigrated in the Nazi era, mostly to the U.S., and 12 left for other German cities. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue was burned, Jewish homes and businesses were heavily damaged, and 20 jews were sent to the Dachau concentration camp. The last nine Jews were deported to the Gurs concentration camp on 22 October 1940. Of the Jews in Hoerden, eight emigrated and four were deported to Gurs.  
   

 

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 19. August 2009