Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Schluchtern (Gemeinde Leingarten, Landkreis Heilbronn) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen    
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen    
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  (english version)         
    
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zur Kurpfalz gehörenden Schluchtern bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17. Jahrhunderts zurück. Erstmals werden 1657/58 (Aron von Kirchhausen in Schluchtern genannt), dann wieder seit 1680 Juden genannt (1680 Mayer und sein Vater Seeligmann als Pferdehändler in Schluchtern genannt). 1729 waren vier jüdische Familien mit zusammen 15 Personen ansässig. Ihre Zahl nahm erst langsam zu. 1801 waren es zehn Familien mit insgesamt 42 Personen. 1809 werden folgende 12 Juden mit ihren neuen erblichen Familiennamen genannt: Elias Alexander Gunzenhausen, Elias Bär Massenbach, Moises Löb Edesheimer, Elias Samuel Weinheimer, Wolf Joseph Kirchhauser (bzw. Kirchhausen), Marx Joseph Kirchhauser, Jacob Marx Sontheimer, Machol Samson Edesheimer, Salomon Israel Essinger, Löb Ritterberger,  David Marx Armhold und Isaak Marx Sontheimer. 

Die höchste Zahl jüdischer Einwohner wurde um 1885 mit 99 Personen erreicht. 1827 wurde die Gemeinde dem Bezirksrabbinat Sinsheim zugeteilt, nach dessen Auflösung dem Bezirksrabbinat in Bretten. Die jüdischen Familien lebten überwiegend vom Viehhandel. 

An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule, ein rituelles Bad sowie seit 1882 ein eigener Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. In besonderer Erinnerung blieb Lehrer Elias Schwarzwälder, der von 1860 bis 1907 als Religionslehrer in Schluchtern tätig war (siehe Berichte unten). Sein Grab ist im jüdischen Friedhof in Schluchtern.  
  
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Offizierstellvertreter Alexander Hanauer (geb. 23.2.1883 in Schluchtern, gest. an Verwundung am 23.11.1918 im Reservelazarett Osnabrück) sowie Isidor Kirchhausen (geb. 10.12.1892 in Schluchtern, als Kriegsfreiwilliger am 22.10.1914 bei Bas Maisul in Nordfrankreich gefallen). Außerdem sind gefallen: Daniel Bauernfreund (geb. 1.2.1886 in Schluchtern, vor 1914 in Heilbronn wohnhaft, gef. 11.8.1918), Julius Kirchhausen (geb. 19.4.1890 in Schluchtern, vor 1914 in Würzburg wohnhaft, gef. 2.8.1915), Karl Kirchhausen (geb. 1.2.1886 in Schluchtern, vor 1914 in Stuttgart wohnhaft, gef. 8.11.1914), Gustav Schwarzwälder (geb. 13.11.1874 in Schluchtern, vor 1914 in Karlsruhe wohnhaft, gef. 26.6.1917). 
Hinweis: in verschiedenen Listen wird Hanauer in der Gefallenenliste als Geburtsort von Schlüchtern (Hessen) geführt; die Recherchen von Elisabeth Böhrer ergaben jedoch die eindeutige Zuordnung von Hanauer zur Gemeinde Schluchtern.     

Bis nach 1933 waren im Ort eine Gastwirtschaft ("Zur Traube", Inh. Josef Wolf Kirchhausen), eine Zigarrenfabrik (Kirchhausen) und eine kleine Seifenfabrik im Besitz jüdischer Familien. Im Viehhandel betätigten sich Willy Bauernfreund, Josef und Siegfried Kirchhausen, Moses Oppenheimer und Ludwig Vollweiler. Eine kleine Landwirtschaft hatte Josef Wolf Kirchhausen neben seiner Gastwirtschaft. Auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts und der zunehmenden Repressalien verließen mehrere der jüdischen Einwohner den Ort. Als am 22. Oktober 1940 die Juden Badens deportiert wurden, sind aus Schluchtern noch 12 Personen abgeholt worden.

Von den in Schluchtern geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach dem Gedenkbuch Baden-Württemberg, ergänzt durch einige Namen nach den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Auguste Bauernfreund geb. Erlebacher (1866), Heinrich Bauernfreund (1890), Frieda Berney geb. Kirchhausen (1880), Elsa Brandt geb. Schwarzwälder (1893), Bertha Buxbaum geb. Kirchhausen (1893),  Ida Hopfer geb. Hanauer, Bertha Kahn geb. Bauernfreund (1889), Betty Kirchhausen (1890), Cäcilie (Zilli) Kirchhausen (1901), Fanny Kirchhausen (1886), Josef Kirchhausen (1888), Karoline Kirchhausen geb. Oppenheimer (1852), Klara Kirchhausen (1883), Sali Kirchhausen (1904), Siegfried Kirchhausen (1881), Sigmund Kirchhausen (1874), Therese Kirchhausen geb. Muthert (1866), Blanda Körber geb. Kirchhausen (1898), Lina Metzger geb. Vollweiler (1883), Isack Julius Reuter (1876), Moritz Reuter (1874), David Schwarzwälder (1865), Isak Schwarzwälder (1869), Natalia Sigall geb. Kirchhausen (1897), Elise Vollweiler geb. Maier (1889), Ludwig Vollweiler (1877). 
Anmerkung: bei Recherchen über Listen von Yad Vashem, Jerusalem ergeben sich Schwierigkeiten, da bei zahlreichen Personen keine klare Unterscheidung zwischen Schlüchtern (Main-Kinzig-Kreis) und Schluchtern vorgenommen wird; daher sind die ausgefüllten Blätter mit heranzuziehen. Da freilich auch im bundesdeutschen Gedenkbuch diese Verwechslungen vorkommen (beispielsweise werden darin die Angehörigen der Familie Kirchhausen fälschlich Schlüchtern und nicht Schluchtern zugeschrieben, ist die Gefahr der Verwechslung sehr groß, auch enthalten selbst manche von Angehörigen ausgefüllten Blätter diese Verwechslung). Die in den Seiten von "Alemannia Judaica" vorgenommene Zuordnung beruht auf einer möglichst präzisen Auswertung aller vorliegenden Angaben, doch kann letztlich auch keine Garantie für alle genannten Personen übernommen werden (z.B. gab es Oppenheimers sowohl in Schluchtern als auch in Schlüchtern).
  
Nach 1945 kehrte als Überlebender von Theresienstadt Abraham Kirchhausen zurück. Er war Kriegsversehrter des Ersten Weltkrieges und Träger des Eisernen Kreuzes I. Klasse. Er starb 1949 in Schluchtern. Gleichfalls kaum von den Ausgewanderten David Kirchhausen zurück.  
  
  
  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
  
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibung der Stelle des Lehrers, Vorbeters und Schächters 1907
(die Ausschreibung erfolgte nach der Zurruhesetzung von Lehrer Elias Schwarzwälder)  

Schluchtern Israelit 17011907.jpg (73736 Byte) Schluchtern Israelit 07021907.jpg (75776 Byte)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Januar und 7. Februar 1907: "Die Religionsschulvorsänger- und Schochetstelle in Schluchtern, Rabbinatsbezirk Bretten, ist nach Pensionierung des seit 1860 ununterbrochen dort amtierenden Kultusbeamten baldmöglichst durch einen Geeigneten ledigen Standes wieder zu besetzen. - Fixer Gehalt 700 Mark, ca. 150 Mark Nebeneinkünfte und freie Wohnung für einen Ledigen. Frankierte Meldungen mit kurzer Schilderung des Lebens- und Bildungsganges, belegt mit Zeugnisabschriften über Befähigung und religiös-sittliche Führung sind innerhalb 3 Wochen einzureichen: an der Bezirks-Synagoge in Bretten  Schleßinger, Bezirks-Rabbiner."

      
Auszeichnung für Lehrer Elias Schwarzwälder (1898)    

Reilingen AZJ 21101898.jpg (91576 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. Oktober 1898: "Nachdem aus dem Vermächtnis der Michel Weil Eheleute in Straßburg zur Verleihung von Preisen auf 2. August dieses Jahres die Summe von 640 Mark der Behörde zur Verfügung gestellt worden ist, hat dieselbe dem Hauptlehrer Elias Jakob in Bühl einen Preis von 200 Mark und den Religionsschullehrern Nathan Wolf in Sennfeld, Abraham Heimberger in Reilingen, Elias (statt Jesaias) Schwarzwälder in Schluchtern und Moses Lippmann in Karlsruhe je einen Preis im Betrage von 100 Mark in Anerkennung ihrer langjährigen, verdienstlichen Leistungen auf dem Gebiet des israelitischen Religionsunterrichts zuerkannt. Der Restbetrag von 40 Mark wurde zum Ankauf geeigneter Bücher, welche als Aufmunterungspreise an jüngere strebsame Lehrer verteilt werden sollen, bestimmt."      

    
Auszeichnung für den langjährigen Religionslehrer Elias Schwarzwälder (1899)   

Schluchtern Israelit 26101899.jpg (112164 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Oktober 1899: "Eppingen, 12. Oktober (1899). In der jüngsten Zeit wurden drei israelitische Religionslehrer von Seiner Königlichen Hoheit, dem Großherzog von Baden goldene Verdienst-Medaillen gnädigst verliehen: Den Herren Lehrern Brandeis in Worblingen, Schwarzwälder in Schluchtern und Wolf in Sennfeld. Von der Übergabe an Letzteren haben Sie ausführlichen Bericht gebracht. Auch dem Herrn Elias Schwarzwälder wurde die Medaille von dem Herrn Oberamtmann von Böckh auf dem Rathause in Schluchtern, in Gegenwart des Gemeinderats, des Synagogenrats, der katholischen und protestantischen Lehrer, sowie der Angehörigen des Verliehenen feierlichst überreicht. Herr Amtsvorstand von Böckh ließ dem Akte eine erhebende Ansprache vorausgehen. Alsdann wurde dem Dekorierten durch den Vorstand des Synagogenrats namens der israelitischen Gemeinde in Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste ein silberner Pokal überreicht. Für diese beiden Ehrengeschenke dankte der Gefeierte sichtlich gerührt. In Abwesenheit des Herrn Bürgermeister Besserer brachte Herr Gemeinderat Rickert ein Hoch auf Seine Königliche Hoheit den Großherzog aus, in welches die Anwesenden begeistert einstimmten, ebenso in das von einem Mitglied des Synagogenrats auf Herrn Oberamtmann von Böckh ausgebrachte Hoch. Möge der Dekorierte noch lange sich des Ehrenschmuckes freuen."   

    
50-jähriges Dienstjubiläum von Lehrer und Kantor Elias Schwarzwälder (1905)   

Schluchtern FrfIsrFambl 05051905.jpg (89394 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 5. Mai 1905: "Schluchtern (Baden). In würdiger Weise feierte gestern unsere israelitische Gemeinde das 50-jährige Dienstjubiläum ihres verehrten langjährigen Religionslehrers und Kantors Elias Schwarzwälder, welcher noch in voller Rüstigkeit seines Amtes waltet, Durch Festgottesdienst und Predigt des Herrn Bezirksrabbiner Schlesinger von Bretten wurde dem Jubilar in würdevoller Weise für seiner 46-jährige verdienstvolle und aufopfernde Tätigkeit in unserer Gemeinde volle Anerkennung gezollt. Als besondere Ehrengabe ließ die Gemeinde dem Jubilar ein silbernes Tafelgedeck und der Großherzogliche Oberrat in Karlsruhe ein Album religiöser Kunstblätter mit Widmung überreichen. Ganz besonders verdient erwähnt zu werden, dass nicht allein die israelitische Gemeinde sich vollzählig an der Feier beteiligte, sondern auch die geistlichen und weltlichen Vertreter der beiden christlichen Konfessionen, der gesamte Gemeinderat, sowie viele andere christliche Mitbürger zu der Feier erschienen waren; gewiss ein schöner Beweis harmonischen Einvernehmens in unserer Gemeinde." 

      
      
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
 
Zum Tod von Isidor Kirchhausen als Soldat im Ersten Weltkrieg (1914)    
Anmerkung: Isidor Kirchhausen war ein Sohn des Landwirtes und Gastwirtes Josef Wolf Kirchhausen (1859 Schluchtern - 1935 Schluchtern) und seiner Frau Sara geb. Hochherr (1869 Berwangen - ermordet in Auschwitz 1942); das Ehepaar, das in der Entengasse 2 in Schluchtern hatte elf Kinder, von denen eine Tochter im frühen Kindesalter verstarb: Alfred Abraham (1891 Schluchtern - 1949 Schluchtern), Isidor (gefallen), Berta verh. Buxbaum (1893 Schluchtern - 1943 Pau, Südfrankreich), Ida (1895 Schluchtern, vermutlich bei Erdbeben in Chile in den 1930er-Jahren umgekommen), Natalie verh. Sigall (1897 Schluchtern - 1942 Bernburg an der Saale, ermordet), Max (1899 Schluchtern, 1925 - 1931 als praktischer Arzt in Sulzfeld, dann Kürnbach tätig, gest. 1986 in New York), Cäcilie (Zilli, 1901 Schluchtern - ermordet in Auschwitz 1942), Julius (1903 Schluchtern, emigrierte über London nach Australien), Sally (1904 Schluchtern, ermordet 1942 in Auschwitz), Karoline (1906 Schluchtern, emigrierte über England nach New York). Informationen nach dem Buch von Norbert Geiss s.Lit. S. 118-122. 
Der Artikel aus der AZJ wurde eingestellt auf Grund eines Hinweises von Lars Engelke vom 27.7.2014.         

Schluchtern AZJ 11121914.jpg (148515 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. Dezember 1914:  "Dem 'Stuttgarter Neuen Tageblatt' entnehmen wir folgendes: 
Ein Schreiben, gleichermaßen ehrend für den Schreiber, wie für den jüdischen Landwehrmann, von dem darin die Rede ist, veröffentlicht der 'Backnanger Volksfreund': 
P ..., 8.11.14. Geehrte Frau Kirchhausen! 
Tiefbetrübt teile ich Ihnen mit, dass Ihr Sohn, der Gefreite d. L. Kirchhausen (aus Schluchtern), soeben gefallen ist. Wenn ich Ihnen selbst diese Mitteilung mache, so geschieht dies, weil Ihr Sohn, der seit länger als einem Monat als Gefechtsordonnanz immer in meiner unmittelbaren Nähe gewesen, von mir ganz besonders geschätzt worden ist. Er war ein Vorbild an Tapferkeit und Todesverachtung. Nichts galt ihm die Gefahr für die eigene Person, wenn es sich darum handelte, die Pflicht zu tun. So ist er auch den Heldentod für unser Vaterland gestorben, als er aus freiem Antriebe, ohne besonderen Auftrag von mir, in die Schützenlinie vorging, um für seine Kompanie zu sorgen. 
Er ist der erste im Regiment gewesen, der alt Wehrmann das Eiserne Kreuz erhielt, nachdem er in völliger Todesverachtung heldenmütig sich an die Spitze von schwankend gewordenen benachbarten Truppen gesetzt hatte, um sie wieder zum Angriff vorzurücken und nachdem er persönlich zwei englische Offiziere gefangen genommen hatte. Wir alle, die ihn näher gekannt haben, und vor allem ich, sein Kommandeur, werden dem Gefallenen immer in treuem, dankbarem Andenken bewahren. 
Das Ehrenkreuz, die Schriftsachen sowie das Geld Ihres Sohnes werden Ihnen baldmöglichst zugehen. 
Möge Gott Sie trösten, und das Bewusstsein, dass Ihr Sohn als Held gefallen ist, zum Ruhm und zur Ehre unseres geliebten deutschen Vaterlandes. 
Hochachtungsvoll Freiherr von Varnbüler, Major und Bataillonskommandeur."         


Zum Tod des langjährigen Vorstandes Isak Bauernfreund (1926)   

Schluchtern Israelit 05081926.jpg (60532 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. August 1926: "Schluchtern (Baden) bei Heilbronn am Neckar, 1. August (1926). Die allgemeine Trauer in der diesjährigen Trauerzeit (gemeint die dreiwöchige Trauerzeit vom 17. Tammus bis 10. Aw) wurden letzten Schabbat Chason (= 17. Juli 1926, d.i. Schabbat vor Tischa beAw) in der hiesigen Gemeinde noch vermehrt durch den Heimgang ihres langjährigen, verdienstvollen Vorstandes Isak Bauernfreund im Alter von 68 Jahren. Besonders am Herzen lag ihm der Religionsunterricht und das Gotteshaus, wo er an den ernsten Tagen (gemeint im Zeitraum Rosch HaSchana und Jom Kippur) selbst vorbetete. Am Grabe schilderten Lehrer Bravmann von Eppingen sowie der Schwager Oberlehrer Erlebacher von Oberdorf die hervorragenden Tugenden und Verdienste des Verstorbenen."  

    
    
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen  
Anzeige des Bäckermeisters Joseph Wertheimer (1890)       

Schluchtern Israelit 22051890.jpg (32001 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Mai 1890: "Ein Bäcker im Alter von 17 Jahren, stark und kräftig, mit guten Zeugnissen, sucht eine jüdische Stelle. Weitere Auskunft erteilt 
Joseph Westheimer
, Schluchtern bei Heilbronn am Neckar."    

   
   
   
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge                   
    
Das jüdische Wohngebiet lag ursprünglich vor allem in der Entengasse und ihrer Umgebung.  
      
Um 1800 war ein Betsaal in einem Nebengebäude zum Wohnhaus der Familie des Alexander Gunzenhausen auf dem heutigen Grundstück Entengasse 4 eingerichtet. Vor seinem Tod 1822 hielt Gunzenhausen in seinem Testament verschiedene Bestimmungen im Blick auf das Haus und den Betsaal fest, die noch jahrzehntelang Gültigkeit haben sollten: "So lange eines meiner Kinder lebt, darf mein Wohnhaus mit der Schule (= Betsaal) nicht in fremde Hände gebracht werden. Sie können sich selbst darüber arrangieren, wer es bekommen soll, will es keiner, so ist es gerichtlich anzuschlagen und unter ihnen zu verlosen. [...] Der jeweilige Hausbesitzer hat das Recht, so wie ich bei meinen Lebzeiten, in der Schule zu disponieren. Ist es eine Tochter, so steht dieses Recht ihrem Mann zu. Den mosaischen Einwohnern von Schluchtern bleiben für immer die bisher in der Schule ausgeübten Rechte und die Ordnung ihrer Stühle". Gunzenhausen überlies dazu noch 500 Gulden, die angelegt, verzinst und deren Erträge für den Betsaal zur Verfügung stehen sollten. Die Anordnungen dieses Testamentes führten in der Folgezeit auch zu Auseinandersetzungen, da nicht immer klar war, wer im Betsaal das Sagen habe. 1845 wurde auf Beschluss des Bezirksamtes der frühere Synagogenvorsteher Joseph Kirchhausen als derjenige anerkennt, welcher "allein berechtigt sei, über die Plätze in der Synagoge zu disponieren". 1855 endeten diese Auseinandersetzungen. Seitdem war die Israelitische Gemeinde Schluchtern Eigentümerin des Gebäudes mit dem Betsaal. Sie hat es offensichtlich von den Nachkommen des Alexander Gunzenhausen übernommen. Im Grundbuch der Gemeinde wird das auf Flurstück 346 stehende Gebäude beschrieben als "eine Scheuer mit Stallung; im zweiten Stock dieses Gebäudes ist das Synagogenzimmer eingerichtet", das frühere Wohnhaus von Gunzenhausen daneben als "zweistöckiges Wohnhaus mit gewölbtem Keller".     
  
1914 beabsichtigte die israelitische Gemeinde, einen neuen Betsaal auf dem Grundstück ihrer früheren, kurz vorher abgebrannten Schule in der damaligen Storrgasse (Flurstück 110, heutiges Gebäude Brunnengasse 15) einzurichten. Im Juli 1914 konnte man einen von Architekt Johann Auchter von Eppingen ausgeführten Plan bei der Ortsbaukommission einreichen. Das Bezirksamt genehmigte am 25. September 1914 den Plan. Auf dem 1,28 ar großen Grundstück wurde eine einfache Synagoge erstellt. Ein Anbau für die sanitären Anlagen wurde erstellt. Auf dem Grundstück war auch (angebaut an das Haus Besserer) die bereits 1911 erbaute Remise zur Unterstellung des Leichenwagens.
  
In der Pogromnacht 1938 wurde die Synagoge in der Brunnengasse von auswärtigen SA-Männern demoliert. 1939 wurde das Gebäude vom letzten Vorsteher der israelitischen Gemeinde, Ludwig Vollweiler, an den benachbarten Schluchterner Landwirt Hermann Besserer zum Preis von 800 RM verkauft. Der Betrag war auf ein von den Reichsbehörden gesperrtes Konto der Badischen Bank in Karlsruhe zu überweisen. Das Synagogengebäude wurde zunächst als Scheune des benachbarten landwirtschaftlichen Anwesens verwendet. 1941 wurde das Synagogengrundstück (Flurstück 110) mit dem Nachbargrundstück (Flurstück 111) vereinigt.  
   
Nach dem Krieg ist das Synagogengrundstück zunächst beschlagnahmt und der Jüdischen Vermögensverwaltung JRSO übertragen worden. Nach einem Vergleich vom 3. Januar 1950 kam es nach Zahlung eines Aufgeldes wieder in den Besitz von Landwirt Besserer. Die frühere Leichenwagenremise wurde 1959 zu einer Garage umgebaut. 1966 wurde ein neues Wohnhaus auf dem Grundstück erstellt (Brunnengasse 15) und die früher hier vorhandenen Gebäude (Remise usw.) abgebrochen. Die frühere Synagoge stand an Stelle der heutigen Garage und dem linken Teil des Gebäudes Brunnengasse 15
.    
    
    
    
Fotos 
Historische Pläne:
(Plan von 1911 aus dem Gemeindearchiv Leingarten-Schluchtern; die anderen Pläne aus GLA Karlsruhe 377/Zug. 1987/1 Nr. 152 Schluchtern)

Schluchtern Synagoge 125.jpg (89201 Byte) Schluchtern Synagoge 121.jpg (50762 Byte) Schluchtern Synagoge 124.jpg (62534 Byte)
Bauplan von 1911:
das dunkel gezeichnete Gebäude markiert
 die damals erbaute Remise zur
 Unterstellung des Leichenwagens der
 Gemeinde. Das Gebäude links davon 
ist das drei Jahre später abgebrannte
 israelitische Schulhaus  

Baupläne der neuen Synagoge 
von 1914:

Das schraffierte Gebäude ist das 
Gebäude der neuen Synagoge

Links das Synagogengebäude mit Frauen- 
und Männerabteil im Erdgeschoss. Rechts 
ist der "Schuppen" zur Unterstellung des
 Leichenwagens eingetragen 
   
   
       
Schluchtern Synagoge 120.jpg (98767 Byte) Schluchtern Synagoge 122.jpg (85783 Byte) Schluchtern Synagoge 123.jpg (86986 Byte)
Ansicht des Gebäudes 
von Osten 
Ansicht des Gebäudes von der Strasse; die
 beiden Fenster gehören zum Männerabteil
Querschnitt des 
Gebäudes

   
Fotos nach 1945/Gegenwart:  

Schluchtern Synagoge 150.jpg (44713 Byte)
Das Gebäude Brunnengasse 15, dessen linker Teil und die  angebaute Garage 
auf dem ehemaligen Synagogengrundstück steht.

   
    

Links und Literatur 

Links: 

Website der Gemeinde Leingarten  
Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Schluchtern (interner Link)  

Literatur:  

Paul Sauer: Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. 1966. S. 157f.  (Schluchtern hätte eigentlich im badischen Buch von Hundsnurscher/Taddey abgehandelt werden müssen: es handelte sich um eine von württembergischen Gebiet umschlossene badische Exklave) 
Wolfram Angerbauer/Hans Georg Frank: Jüdische Gemeinde in Kreis und Stadt Heilbronn. 1986. S. 200-205.  
Israelitischer Friedhof Leingarten (Heft) mit Auszügen aus dem Heimatbuch der Gemeinde Leingarten zu "Juden in unserer Heimat".
Josef Staudinger: Art. "Im Jahr 1886 lebten 99 Juden in Schluchtern" in: Heilbronner Stimme vom 8. August 2002.  
Schluchtern Lit 2010a.jpg (235332 Byte) Norbert Geiss: Geschichte der Juden in Schluchtern. Ein Gedenkbuch für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Hrsg. Evangelische Kirchengemeinde Schluchtern. Evangelische Kirchengemeinde Großgartach. Evangelisch-methodistische Kirche Leingarten. Katholische Kirchengemeinde Leingarten. ISBN 978-3-9812485-8-6. 
Bezug über das Evangelische Pfarramt Schluchtern, Bergstraße 3, 74211 Leingarten. Tel. 07131-401302. 
E-Mail -  Pfarramt.Schluchtern[et]t-online.de   

   
    


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.   

Schluchtern  Baden. The first Jewish family settled in 1722 and the community reached a peak population of 96 in 1871. At the turn of the century half the Jews were cattle traders. In 1933, 28 remained (total population 1,062), with Jews operating a cigarette factory and small soap factory which they were forced to sell under the economic boycott. During the Nazi era, eight Jews emigrated directly from Schluchtern and others after leaving Schluchtern. Twelve were deported to the Gurs concentration camp on 22 October 1940 and two were deported after leaving Schluchtern; twelve perished in the camps. 
   
     

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 29. Juli 2014