Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Schirrhofen (Dep. Bas-Rhin / Alsace / Unterelsass) 
Synagogue / Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Allgemeiner Artikel zur Geschichte der jüdischen Gemeinde 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Aus der Geschichte der Rabbiner     
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen

 

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde 

In Schirrhoffen bestand eine jüdische Gemeinde bis in Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Ihre Entstehung geht in das 18. Jahrhundert zurück. Seit 1723 war Juden die Niederlassung erlaubt. 1784 wurden 27 jüdische Familien mit 127 Personen gezählt.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Schirrhoffen zu einer der bedeutendsten Gemeinden der Region Bas-Rhin. Die Zahl der jüdischen Gemeindeglieder entwickelte sich wie folgt: 1807 184 jüdische Einwohner,  1841 445 jüdische Einwohner (von insgesamt 645 Einwohnern), 1851 409, 1866 427, 1880 342, 1900 188.  Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ging die Zahl der jüdischen Gemeindeglieder insbesondere durch Auswanderung nach Amerika, weniger durch Abwanderung in die Stadt zurück. 

An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule, ein rituelles Bad und seit 1881 ein eigener Friedhof.  Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde waren ein Rabbiner und ein Lehrer angestellt, die auch die Vorbeterdienste übernahmen. 
   
Von 1815 bis 1910 war Schirrhoffen Rabbinatssitz. Unter den Rabbinern sind zu nennen: 
Rabbiner Aron Lazarus (Aron ben Elieser Schach; geb. 1786 in Mainbernheim als Sohn des Dajan Elieser ben Aron, Dajan in Mainbernheim, gest. 1854 in Schirrhofen): studierte in Lauterbourg; war seit April 1826 Rabbiner in Schirrhofen; eröffnete auch eine Jeschiwa, in der er seine Schüler auch in die Kabbala einführte.
Rabbiner Zacharie Lazarus (geb. 1829 in Schirrhofen als Sohn des o.g. Rabbiners Aron Lazarus, gest. 1897 in Westhoffen, Unterelsass): studierte 1847-1855 an der École rabbinque in Metz; 1855 bis 1872 Rabbiner in Schirrhoffen, seit 1872 Rabbiner in Westhoffen. 
Rabbiner Simon Lévy (geb. 1838 in Balbronn, gest. 1898 in Schirrhoffen): studierte in Metz und Paris; ab 1867 Rabbiner in Ingwiller, 1875 bis 1898 Rabbiner in Schirrhoffen.  
Rabbiner Félix Blum (geb. 1847 in Bischheim, gest. 1925 in Straßburg): studierte 1866-72 an der École rabbinique in Paris; 1873 bis 1875 Rabbiner in Schirrhofen, ab 1875 in Fegersheim ab 1886 in Phalsbourg, Lothringen; um/vor 1890/91 in Brumath, 1899 in Mulhouse. 1922 in den Ruhestand nach Straßburg.  
- Rabbiner Dr. Zacharias Wolff (geb. 1840/41 in Pfungstadt, gest. 1915 in Straßburg): studierte in Gießen, Würzburg und Berlin; 1867 bis 1882 Lehrer und Prediger der Gemeinde Biblis und Direktor der dort von ihm gegründeten israelitischen Bürgerschule; seit 1882 Direktor der Rabbinervorbereitungsschule in Colmar; 1899 bis 1902 Rabbiner in Schirrhoffen (Bericht zu seiner Amtseinführung 1899 unten bei der Geschichte der Synagoge), danach nach Bischheim berufen.   
- Rabbiner Dr. Sylvain Lehmann (geb. 1875 in Guebwiller, gest. 1938 in Bischwiller): studierte in Colmar und Berlin; nach 1902 Rabbiner in Schirrhoffen-Bischwiller; 1910 wurde das Rabbinat nach Bischwiller verlegt, wo er bis 1938 amtierte. Zunächst gab er noch wöchentlich Religionsunterricht in Schirrhofen.. 
   
Aus der Gemeinde stammte u.a. der Schriftsteller Alexandre Weill (1811-1899). Auf Grund der zeitweise weit mehr als die Hälfte der Einwohner umfassenden Zahl der jüdischen Einwohner gab es mehrfach jüdische Bürgermeister des Ortes: 1846 bis 1864 Levy, 1864 bis 1884 Weil, 1884 bis 1905 Simon Heymann (siehe Bericht unten) und 1905 bis 1907 Salomon Kahn (1832-1907).   

1905 gehörten der jüdischen Gemeinde noch 188 Personen an, 1910 83, 1912 50, von denen die meisten jedoch innerhalb der nächsten beiden Jahrzehnte vom Ort verzogen. Die letzten jüdischen Einwohner wurden in der NS-Zeit deportiert.

Von den in Schirrhofen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen ist in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem): Henriette Strauss geb. Kahn (1870).
   
 
    

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde  

Allgemeiner Artikel zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (1911)  

Schirrhofen AZJ 28071911.jpg (149467 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 28. Juli 1911: "Straßburg im Elsass, 21. Juli (1911). Traurig mutet es an, wenn man die Kultusgemeinde Schirrhofen betrachtet, die vor noch nicht so langer Zeit zu den größten Landgemeinden des Elsass gehörte und heute in die Reihe der kleinsten eingerückt ist. Wie rasch die Abnahme geschah, mögen folgende Zahlen beweisen. Im Jahre 1866 hatte diese Gemeinde die Höchstzahl von 427 jüdischen Seelen erreicht, 1880 wohnten hier noch 342, - 1900 noch 188, 1910 noch 83 Juden, und in diesem Jahre wird die Zahl auf 50 herabsinken. Der Hauptgrund dieses Rückgangs liegt nicht, wie in anderen Orten, in der Landflucht, sondern in der Auswanderung der jungen Leute nach Amerika. Von der Geschichte der Juden in Schirrhofen berichtet August Kocher aus Herrlisheim Unterelsass folgendes: 'Schon frühzeitig hatte Schirrhofen eine Judengemeinde. Im Jahre 1730 besaßen sie hier eine Synagoge. Im Jahr 1778 befanden sich hier 26 Judenfamilien. Die Zählung vom 10. Juli 1784 ergab 27 Familien mit 127 Personen. 1807 hatte Schirrhofen 184 Judenpersonen. Den 10. Mai 1811 wurde hier Abraham (Alexander) Weill geboren, der sich durch mehrere literarische Werke auszeichnete. Er starb in Paris den 19. April 1899. 1818 wurde in Schirrhofen die heutige Synagoge erbaut. Im Jahre 1851 zählte der Ort 409 Juden. Wie sich diese Zahl in den folgenden Jahren änderte, ist oben bemerkt worden. 1881 erhielten sie einen eigenen Friedhof, vorher wurden sie in Hagenau begraben. Schirrhofen ist seit 1820 Sitz eines Rabbiners'. Damit schließt die Ausführung Kochers in seinem 1907 erschienenen Bändchen. Wie bekannt, ist seither der Rabbinatssitz nach Bischweiler verlegt worden. Interessant ist noch zu bemerken, dass die Bevölkerung dieses Ortes lange Zeit fast nur aus Juden bestand, weshalb natürlich die meisten Mitglieder des Gemeinderats und der Bürgermeister Juden waren. Folgende jüdische Ortsvorstände amtierten hier: 1846 bis 1864 Levy, 1864 bis 1884 Weil, 1884 bis 1905 Simon Heymann und 1905 bis 1907 Salomon Kahn. Heute sind die Juden nur noch durch ein Mitglied: Moritz Bloch, im Gemeinderat vertreten."     

    

Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer 
Ausschreibung der Lehrerstelle (1872)   

Schirrhofen Israelit 17011872.jpg (36941 Byte)Ausschreibung der Stelle in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Januar 1872: "Lehrerstelle. Die israelitische Lehrerstelle in Schirrhofen, im Kreise Hagenau (Elsass), welche ein Einkommen von ca. 1.600 Franken und Wohnung hat, ist zu vergeben. Bewerber, die außer dem deutschen auch hebräischen Unterricht zu erteilen haben, wollen ihr Gesuch mit Zeugnissen der Mairie in Schirrhofen einreichen. Engler, Schulinspektor."   
Auf die Ausschreibung bewarb sich erfolgreich Lehrer Joseph Levi, der in der Gemeinde bis 1896 blieb.  

    
Pensionierung von Lehrer Joseph Levi (1896)  

Schirrhofen Israelit 07051896.jpg (48526 Byte)Artikel in "Der Israelit" vom 7.5.1896: "Schirrhofen im Elsass, 29. April. Der sehr beliebte und allgemein geachtete Lehrer und Sekretär des Bürgermeisteramtes Herr Joseph Levi von hier, ließ sich aus Gesundheitsrücksichten in den Ruhestand versetzen. In den hiesigen Zeitungen finden wir folgende Notiz über ihn. 'Unser Lehrer, Herr Joseph Levi ist in Folge von Krankheit pensioniert wurden. Seine Majestät der Kaiser haben allergnädigst ihm das Allgemeine Ehrenzeichen zu verleihen geruht. Herr Levi war seit dem 1. Mai 1872 in Schirrhofen tätig und hat die Mehrzahl der hiesigen Einwohner ausgebildet. Er war ein braver, pflichttreuer Lehrer und freuen wir uns über die ihm von Allerhöchster Stelle gewordene Auszeichnung. Er hat seinen Wohnsitz nach Hagenau verlegt, wo seine Tochter verheiratet ist. Möge es ihm vergönnt sein, noch recht viele Jahre bei guter Gesundheit seine wohlverdiente Pension zu genießen."

 
Ehrenzeichen für Lehrer Levi 1896

Schirrhofen AZJ 15051896.jpg (15178 Byte)Meldung in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. Mai 1896: "Der Lehrer und Sekretär des Bürgermeisteramts in Schirrhofen Joseph Levi hat anlässlich seiner Pensionierung das allgemeine Ehrenzeichen erhalten."    

  
   
Aus der Geschichte der Rabbiner
   
Als Rabbiner am Ort wird Felix Blum eingeführt (1873)     

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. April 1873: "Schirhofen (Elsass), im März (1873). Am 17. Februar wurde hier ein neuer Rabbiner, Herr Felix Blum, ein Schüler des Rabbinerseminars von Paris, in Gegenwart des Großrabbiners von Straßburg, des Kreisdirektors, des Bürgermeisters und anderer Honoratioren, installiert. Es werden in Kurzem noch andere Besetzungen vakanter Rabbinersitze in Elsass-Lothringen vor sich gehen. Man sieht hieraus, dass die Verhältnisse der jüdischen Gemeinden im neuen Reichslande durchaus nicht den gefährlichen Charakter angenommen haben, den man von Frankreich aus vorausgesagt, und wahrscheinlich auch gewünscht hat. Die Gemeinden haben durch Auswanderung in ihrem Bestande durchaus nicht gelitten, ihre Institutionen sind sorgfältig aufrecht erhalten worden, und die deutsche Regierung lässt ihnen alle Pflege zukommen, die sie nach dem Gesetze beanspruchen können."    

     
  Zum Tod von Rabbiner Simon Levy (1898)  

Schirrhofen AZJ 14101898.jpg (24413 Byte)Meldung in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. Oktober 1898: "In Schirrhofen im Elsass ist am 2. dieses Monats der Rabbiner Simon Levy, ein gelehrter und frommer Mann, ein treuer Freund unseres Blattes, im 60. Lebensjahr gestorben. Friede seinem Andenken!"

    
  
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde  

Zum Tod von Bürgermeister Simon Heymann (1905) 
    

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. März 1905: "Aus dem Elsass, 1. März (1905). In Schirrhofen starb am 27. Februar in seinem 81. Lebensjahre der Bürgermeister Simon Heymann. Er hatte dieses Ehrenamt seit 1881 ununterbrochen inne. Auch war er lange Jahre Präsident der israelitischen Gemeinde, aus deren Vorstand er vor kurzem ausschied, um sich ganz den Bürgermeistereigeschäften widmen zu können. Die Regierung verliert in ihm einen gewissenhaften, fleißigen Beamten, die Gemeinde einen jederzeit hilfsbereiten und zuvorkommenden Vorsteher."    

  

 
   
Zur Geschichte der Synagoge

Eine erste Synagoge wurde 1730 erbaut. Da sie zu klein war, erstellte die Gemeinde 1817/18 eine neue Synagoge, die im Herbst 1818 eingeweiht wurde. 1899 wurde sie umfassend renoviert, worüber ein Bericht in der Zeitschrift "Der Israelit" vorliegt: 

Schirrhofen Israelit 28091899.jpg (74980 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. September 1899: "Schirrhofen. Vor einigen Tagen konnte die israelitische Gemeinde ein Doppelfest feiern, nämlich die Wieder-Einweihung der neu restaurierten Synagoge, sowie die Amtseinführung des Herrn Dr. Wolf, des bewährten Leiters der eingegangenen Präparandenschule zu Kolmar. Von Nah und Fern waren neugierige zu dieser Feier herbeigeeilt. Unter den Anwesenden bemerkten wir die Herren Rabbiner aus Zabern, Hagenau, Weißenburg, Buchsweiler, Lauterburg und Saarunion, welche fast alle ehemalige Schüler des Dr. Wolf sind. Als Vertreter der Regierung war anwesend Kreisdirektor Freiherr von Gagern aus Hagenau. Rabbiner Levy - Hagenau führte unsern neuen Rabbiner mit einem herzlichen Willkommen in sein Amt ein; er möchte Glück, Segen und Freude in seinem neuen Wirkungskreis finden. Mehrere Psalmen wurden von Kantor Weill abwechselnd mit dem Synagogenchor in schönster Weise vorgetragen. Darauf hielt Dr. Wolf seine Antrittsrede. Die Synagoge bildet jetzt eine Zierde der Gemeinde."

Durch die Auswanderung der meisten jüdischen Einwohner konnten bereits in den 1920er-Jahren keine regelmäßigen Gottesdienste gefeiert werden. 1930 stand die Synagoge zum Verkauf, doch wurde dieser nochmals verschoben. 1945 ist sie bei den Kämpfen gegen Schluss des Krieges niedergebrannt. 1959 wurde die Ruine abgebrochen, das Synagogengrundstück verkauft. Auf diesem wurde ein Wohnhaus erbaut (Grundstück: 7, Rue des Huttes).
       

Adresse/Standort der Synagoge:   7 Rue des Huttes    

Fotos

Historische Ansichten 
der Synagoge
Schirrhofen Synagogue 02.jpg (44649 Byte) Schirrhofen Synagoge 010.jpg (45891 Byte)
  Die Synagoge in Schirrhofen
   
Erinnerung an die jüdische Geschichte: die "Rue de Juifs" Schirrhofen Rue des Juifs 01.jpg (54828 Byte) Schirrhofen Rue des Juifs 02.jpg (51165 Byte)
Die "Rue de Juifs" (Judenstrasse) in Schirrhoffen, in der es jedoch keine Spuren 
der jüdischen Geschichte mehr zu entdecken gibt.

   
    

Links und Literatur

Links:

Französische Informationsseite zur jüdischen Geschichte/Synagoge in Schirrhoffen
Hinweis auf das Friedhofsverzeichnis von Schirrhoffen   
Private Website mit Informationen zur jüdischen Gemeinde Schirrhoffen (englisch)
Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Schirrhofen (interner Link)  

Literatur:  

Rose-Marie Vetter: À La Lisière de la Forêt: Schirrhein/Schirrhofen. Strasbourg 1995.
Beitrag von Joë Friedemann: Alexandre Weill : un "hors-cadre" de la vie juive alsacienne au 19ème siècle. 1811- 1899:  hier anklicken (der Schriftsteller Alexandre Weill stammt aus Schirrhoffen)

    

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 19. Oktober 2011