Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge 
 

   
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Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)      
  
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zum Ritterkanton Ortenau gehörenden Altdorf bestand eine jüdische Gemeinde bis 1940. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17. Jahrhunderts zurück. 1716 kamen einige der vorübergehend aus Ettenheim vertriebenen Juden nach Altdorf. 1752 werden an jüdischen Steuerzahlern genannt: Abraham Bickert, Schmaule Levi, Jacob Levi, Moisi Jeckle Santel Israel, Laib Casen, Marx Weil, Moisis Elenbogen, Jacob Jeckle, Getz Israel, Wolf Israel, Mayer Israel, Schihllaser, Lazarus Bluem, Meyer Gundelfinger, "der Jud in Gruningers Haus". 
   
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1809 lebten bereits 52 jüdische Familien am Ort, 1825 244 jüdische Einwohner (20,2 % von 1.205 Einwohnern), 1832 286, 1836 275, 1839 289, 1855 Höchstzahl von 313, 1858 270, 1875 243 (21,4 % von 1.135 Einwohnern), 1887 236, 1895 205, 1900 177 (15,7 % von 1.125), 1910 177 (15,1 % von 1.157). Die jüdischen Familienvorsteher war zunächst vor allem als Viehhändler tätig, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eröffneten mehrere von Ihnen für das wirtschaftliche Leben in Altdorf wichtige Handlungen und Handelsgeschäfte am Ort.   
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (Konfessionsschule von 1835 bis 1876, danach Religionsschule; Schule war im Gebäude Schmieheimer Straße) und ein rituelles Bad (lag in einer Quergasse zur Schmieheimer Straße - Gebäude Schmieheimer Straße 27; das Bad wurde seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts auch von Ettenheimer Jüdinnen mitbenützt). Die Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof in Schmieheim beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Anfang des 19. Jahrhunderts hatte die jüdische Gemeinde noch einen Rabbiner (Ende des 18. Jahrhunderts der Vater des 1792 in Altdorf geborenen Dr. Carl Rehfuß, siehe Bericht unten). 1827 wurde die Gemeinde dem Rabbinatsbezirk Schmieheim zugeteilt, dessen Sitz 1893 nach Offenburg verlegt wurde.  
   
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Unteroffizier Heinrich Maier (geb. 28.5.1886 in Altdorf, vor 1914 in Freiburg wohnhaft, gef. 3.4.1915) und Isidor Weis (geb. 4.8.1891 in Altdorf, vor 1914 in Mannheim wohnhaft, gef. 3.11.1916). Ihre Namen stehen auf dem Gefallenendenkmal des Ortsfriedhofs neben der Kirche und auf dem Gefallenendenkmal des jüdischen Friedhofes in Schmieheim.  
   
Um 1925, als zur jüdischen Gemeinde noch 68 Personen gehörten (6,1 % von 1.032 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Robert Wertheimer, Louis Blum und Leopold Dreyfus. Als Kantor war David Gros in der Gemeinde tätig, als Rechner Julius Levy. Die damals drei schulpflichtigen jüdischen Kinder der Gemeinde wurden durch Lehrer H. Zimmern in Kippenheim unterrichtet.  1932 waren die Gemeindevorsteher weiterhin Robert Wertheimer (1. Vors.), Louis Blum (2. Vors.) und Leopold Dreyfuß (3. Vors.). An jüdischen Vereinen gab es den Kranken- und Sterbekassenverein (1932 unter Vorsitz von Robert Wertheimer; Zweck und Arbeitsgebiet: Krankenunterstützung, Bestattungswesen).    
 
Jüdischen Familien in Altdorf gehörten (teilweise bis nach 1933) die folgenden Handels- und Gewerbebetriebe: Antiquitäten Louis Blum (Jakob-Dürrse-Straße 6), Viehhandlung David und Gustav Dreifuß (Schmieheimer Straße 30), Kaufmann Julius Dreifuß (Löwenstraße 11), Mazzenbäckerei Kaufmann Dreifuß (Eugen-Lacroix-Straße 5), Koschere Metzgerei Leopold Dreifuß (Eugen-Lacroix-Straße 1). Textilgeschäft mit Tierhaar- und Borstengroßhandlung Fa. Jakob Groß, Inh. Cilly und Bernhard Groß (Jakob-Dürrse-Straße 10), Viehhandlung Moritz Gundelfinger (Schmieheimer Straße 6), Viehhandlung Abraham Levi (Orschweierer Straße 38), Manufakturwarengeschäft Julius Levi (Orschweierer Straße 28), Viehhandlung Leopold Levi (Orschweierer Straße 4), Branntwein- und Zigarrenhandlung sowie Textilien Emil Rothschild (Schmieheimer Straße 11), Viehhandlung Jakob Weiß (Löwenstraße 11), Viehhandlung Leopold/Fanny Wertheimer (Jakob-Dürrse-Straße 31), Vieh- und Pferdehandlung, 1930 bis 1935 Tabakhandlung Robert Wertheimer (Jakob-Dürrse-Straße 32).
   
An früheren jüdischen Wirtschaften bestanden das ehemalige Gasthaus "Fortuna" als erste jüdische Wirtschaft aus dem 18. Jahrhundert (Schmieheimer Straße 6) und das ehemalige Gasthaus "Zum Hirschen", jüdische Wirtschaft 1764 bis 1887, Ecke Jakob-Dürrse-Straße/Eugen-Lacroix-Straße.   
  
1933 wurden 51 jüdische Einwohner gezählt (4,2 % von insgesamt 1.214 Einwohnern). Auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykottes sowie der zunehmenden Repressalien und der Entrechtung sind die meisten der jüdischen Einwohner in den folgenden Jahren von Altdorf in andere Orte verzogen oder sind ausgewandert. Sechs verstarben bis 1938 noch am Ort und wurden in Schmieheim beigesetzt. 1936 wurde ein 60-jähriger jüdischer Reisender wegen angeblicher "Rassenschande" zu 18 Monaten Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf 3 Jahre verurteilt. Er kam im Juli 1941 im KZ Dachau ums Leben. Beim Novemberpogrom 1938 wurden die Synagoge und jüdische Wohnungen demoliert. Die noch verbliebenen jüdischen Männer wurden in das KZ Dachau verschleppt. Am 22. Oktober 1940 wurden die letzten 13 jüdischen Einwohner aus Altdorf nach Gurs deportiert.      
         
Von den in Altdorf geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Leopold Alexander (1868), Rosa Baum geb. Dreifuß (1864), Ida Blum geb. Roos (1864), Louis Blum (1876), Alice Dreifuss (1910), Babette Dreifuss geb. Dreifuss (1863), Gustav Dreifuss (1890), Hermine Dreifuss (1893), Leopold Dreyfuss (1875), Marie Dreifuss geb. Model (1863), Max Dreifuss (1859), Siegmund Dreifuss (1883 oder 1885), Hedwig Friedmann geb. Dreifuß (1889), Herbert Friedmann (1929), Bernhard Gross (1870), Emma Gross (1880), Lina Heilbrunner geb. Levy (1883), mit Ehemann Eduard Heilbrunner (1876), Isaak Hobel (1887), Melitta Hobel geb. Gundelfinger (1886), Mathilde Kahn geb. Hirsch (1871), Abraham Levi (1844), Arnold (Aron) Levy (1880), Betty Levi (1889), Julie Levy (1881), Leopold Levi (1878), Klara Levi geb. Kassewitz (1892), Emma Loewe geb. Wolff (1866), Jakob May (1872), Max Maier (1880), Simon Maier (1892), Joseph Michel (1877), Betty Moses geb. Dreifuss (188), Nathan Moses (1886), Jules Nathan (1886), Karoline Offenheimer geb. Dreyfuß (1872), Emil Rothschild (1874), Helga Scheibe (1941), Simon Scheibe (1899), Ida Sonnheim (1892), Bella Stern geb. Dreyfuß (1885), Ruth Weis (1917), Wilhelmine Weis (1896), Hilda Wertheimer (1886), Klara Wertheimer geb. Wertheimer (1887), Robert Wertheimer (1884), Siegfried Wertheimer (1891)
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Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
     
Aus dem jüdischen Gemeindeleben  
Bemerkenswerter Streit zwischen einem jüdischen Gemeindeglied und dem Ortspfarrer (1861)

Altdorf Israelit 14051861.JPG (284924 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Mai 1861: "Aus dem badischen Oberland, 1. Mai (1861). Auf den Ausgang eines an und für sich ganz unscheinbaren, seiner Eigentümlichkeit halber aber dennoch bemerkenswerten Rechtsstreites, ist man in einem Teil unserer Gegend, dem unteren Breisgau, sehr gespannt. Ich glaube, dass auch die entfernt stehenden Leser, die, wenn auch lokale Sache nicht ohne Interesse finden werden, und dürfte daher solche in diesem geschätzten Blatte eine Stelle finden. In dem Dorfe A. (Altdorf) im Bezirksamt E. (Ettenheimer) kam unlängst der Vorsänger des Ortes in Trauer und wollte in der Schiwa (sc. von der Beerdigung ab gerechnete Trauerwoche), wie an jedem Tage, so auch am (Tag der) Toravorlesung den vollständigen Gottesdienst in seiner Behausung halten. Er ersuchte zu diesem Zweck den Inhaber einer kleinen Torarolle, den Herrn Bezirksältesten w. in demselben Orte, ihm solche zukommen lassen zu wollen. Als nun am Morgen gedachten Tages sich Herr W. mit der Torarolle im Arme zu dem Trauernden geben wollte, und gerade im Begriffe war, in einer andere Straße einzubiegen, kam derselben entlang der katholische Ortsgeistliche im Ornat, willens einem Kranken die Tröstungen seiner Religion zu bringen. Herr W. trat geraden Wegs in die andere Straße ein, um zu dem Hause des Trauernden zu gelangen, ward aber von dem gedachten Geistlichen zurückgerufen (er war an demselben nicht vorübergegangen) und zur Rede gestellt, warum er seinen Gut (also von der Ferne) nicht abgezogen und denselben auch jetzt noch nicht abziehe, während er, der Pfarrer, auch noch das Hochwürdige bei sich trage. 'Herr Pfarrer'. erwiderte Herr W., indem er ihm die heilige Torarolle wies, 'ich trage das Hochwürdigste'. - Der Geistliche erklärte hierauf, er werde sich Genugtuung verschaffen und da derselbe als streng kirchlich gesinnter Charakter bekannt ist, sah die Sache einem Riesenprozesse ähnlich. Mittlerweile musste sich aber der Herr Pfarrer doch eines Besseren besonnen haben. In einem Lande, an dessen Spitze eine humane, aufgeklärte Regierung steht, deren Beamten als ebenso human und aufgeklärt bekannt sind, in einem Lande, wo die Bürger gegen das Konkordat selbst Sturm gelaufen und solches zum Falle gebracht, war umso weniger auf einen Erfolg zu hoffen, als auch in unserem Strafkodex für einen solchen Fall kein Paragraph vorgesehen war (Anmerkung: Dagegen besteht eine Verordnung, wonach in einem solchen Fall der Geistlich nicht im vollen Ornat öffentlich erscheinen soll. Anderswo wird es längst nicht anders gehalten). Er brachte daher die Sache vor den Bürgermeister !! des Dorfes. Hier war er seines Sieges umso sicherer, weil dieser Dorfschulze, seines Zeichens ein Zimmermann, dafür bekannt ist, dass er con amore Straferkenntnisse fällt. Die beantragte Strafe von einem Gulden ward auch, wie gar nicht anders zu erwarten war, ausgesprochen, von Herrn W. aber das Rechtsmittel der Berufung an das Großherzogliche Bezirksamt ergriffen. Dass dies Herr W. lobenswerter Weise nicht des Geldpunktes, sondern des in diesem Fall heiligen Prinzips - wegen tat, geht schon daraus hervor, dass er einen Verteidiger in der Person eines Advokaten (christlichen Glaubens) aufstellte. Die Verteidigungsschrift desselben soll sehr interessante Stellen enthalten. Auf den Ausgang ist man, wie bemerkt, sehr gespannt. Bereit soll aber von kompetenter Stelle gelegenheitlich die Äußerung gefallen sein, dass das Abziehen des Hutes in solchem und ähnlichem Falle nur ein Akt der Höflichkeit sei, wer es unterlassen, könne nicht zur Verantwortung gezogen werden. Ich werde nicht ermangeln, den Austrag der Sache seinerzeit mitzuteilen."       

   
  
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde  
Über Dr. Carl Rehfuß, Prediger und Oberlehrer in Heidelberg (geb. 1792 in Altdorf, gest. 1842 in Heidelberg)    

Altdorf AZJ 23041842a.jpg (105323 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 23. April 1842: "Dr. Carl Rehfuß, Prediger und Oberlehrer in Heidelberg, wurde zu Altdorf, im Breisgau, 1792 geboren. Er war dazu bestimmt, einen bitteren Kelch des Leidens zu leeren. Schon im fünften Jahre seines Lebens verlor er seinen Vater, Rabbiner des genannten Ortes. Sein Großvater (sc. Jacob Simcha Rehfuß), ebenfalls Rabbiner in dem benachbarten Schmieheim, nahm den Verwaisten zu sich, und ließ ihn in den zu jener Zeit in Israelitischen Schulen üblichen Lehrgegenständen unterrichten. Unverdrossener Fleiß machte ihn zu Liebling seiner Lehrer und des Schulvorstandes, durch dessen Hilfe er alsbald in Altbreisach (Breisgau) Gelegenheit fand, sich in den Rabbinischen Kenntnissen zu vervollkommnen, mit welchen ausgerüstet er eine Jeschiwa oder Talmud-Tora-Schule zu besuchen gedachte. Entblößt von allen Hilfsmitteln, gehemmt und niedergedrückt durch die Härte seines Stiefvaters - seine Mutter war in Altbreisach zur zweiten Ehe geschritten - musste er diesen seinen Lieblingsplan aufgeben, und seine Laufbahn nahm von dieser Zeit an eine sein ganzes Leben und Wirken bestimmende veränderte Richtung. Er wurde 1809 in Gailingen am Bodensee Hauslehrer, wo ihm Zeit überblieb, um sich in dem benachbarten Schweizerstädtchen Dießenhofen, im Nötigen weiter fortzubilden. Drückende Nahrungssorgen und das Missliche seiner Stellung, die ihn zwang, deutsche Bücher wie eine Kontrebande (sc. Schmuggelware) zu verbergen, trieben ihn 1812 nach Basel, wo er als aushelfender Lehrer in dem Gebhartischen Institute für Knaben Unterricht erteilte, dabei, um sein Leben zu fristen, Kinder aus christlichen und israelitischen Familien in Geographie, Geschichte und Naturgeschichte unterwies. So, emsig darauf bedacht, seine Lebensbe-     
Altdorf AZJ 23041842b.jpg (341396 Byte)dürfnisse sich ohne fremde Hilfe im Schweiße seines Angesichts zu verschaffen, vergaß er nicht seine Kenntnisse, deren Mangelhaftigkeit ihm täglich empfindlicher wurde, zu vermehren, und verwandte jede nur zu erübrigende Minute auf das Erlernen der deutschen, lateinischen, französischen, hebräischen und chaldäischen Sprache. Aber kaum hatte er die ersten Schwierigkeiten überwunden, so wurde er aus diesen seinen Lieblingsstudien durch die Wirren der Zeit verdrängt. Die deutschen Heere gingen bei Basel über den Rhein, und ihr Einzug in diese Stadt, bis heran der Sitz der friedliebenden Musen, nötigte ihn, den treuen Verehrer der letzteren, zur schleunigen Abreise.  
Er ging in sein Vaterland zurück und fand bald wieder (1815) in Bühl bei Rastatt ein ruhiges Unterkommen im Haus eines reichen Mannes, das ihm, bei mäßigem Unterhalt, Zeit zur ferneren Ausbildung ließ. Von hier aus supplizierte er bei der Badischen Regierung um die Erlaubnis, das Lehrer-Präparanden-Institut und das Lyzeum in Rastatt frequentieren zu dürfen. Er erhielt sie, verließ Bühl und begann 1816 einen regelmäßigen Kursus an den genannten Anstalten, von denen die erstgenannte ihn in den Elementarfächern, die andere vorzüglich in Logik, Anthropologie, Psychologie, Physik und Metaphysik rasch förderte, sodass er schon 1819 die Abiturientenprüfung bestehen und die Universität Heidelberg beziehen konnte. Von Mitteln gänzlich entblößt - war dies ein wahres Wagestück. Aber was vermag nicht ein ernster Wille, was nicht ein Kampfe mit dem Leben und um das Leben erstarkter Sinn! Mit Hunger und Kummer kämpfend, befestigte er durch die Wissenschaft den Vorsatz, seinen Glaubensbrüdern nützlich zu werden und - er ward es! Nachdem er drei Jahre unter andern bei Paulus, Schwarz, Hillebrand, Daub Vorlesungen gehört und sich mit gründlichen Kenntnissen im Arabischen und Hebräischen ausgerüstet hatte, erhielt er durch Großherzogliches Ministerialreskript vom 19. Oktober 1821 No. 11779, nach erstandener Prüfung, das Amt und den Titel eines Israelitischen Oberlehrers und Predigers. Die Anstalt aber, an welcher er in dieser Eigenschaft wirken sollte, musste er sich selbst schaffen. Unter kaum zu ertragenden Mühseligkeiten und dem Widerstand finsterer Zeloten; wegen seiner unumwundenen Freisinnigkeit verfolgt von allen Seiten, verwandelte er das versunkene Beth hamidrasch in eine Bezirks-Stiftungsschule und den verfallenen Sitz desselben in eine freundliche Wohnung, und begann 1822 an ihr zu lehren und für eine ganze Generation zu wirken. Durchdrungen von der Wahrheit, dass Schule und Gotteshaus Hand in Hand gehen sollen, errichtete er schon 1823 einen Betsaal zur sabbatlichen Andacht für seine Zöglinge, denen sich naher 18 Familienhäupter Heidelbergs anschlossen. 
Was er um diese Anstalt gelitten, wie er ihr, trotz eigener Mittellosigkeit, seine materiellen und psychischen Kräfte aufopferte, vermag ich hier nicht so wiederzugeben, wie ich es aus seinem Munde gehört. Er wurde denunziert, und das Bäumchen wurde in seiner ersten Blüte geknickt. Der Tempel wurde 1924 von der Regierung geschlossen. - In diesem Jahre verheiratete er sich mit seiner noch lebenden, biederen Gattin, Sophia Altschul aus Rastatt, die er schon während seines Aufenthalts am Lyzeum kennen gelernt hatte. Aber kaum hatte er 4 Jahre in zufriedener Ehe mit ihr verbracht, so traf ihn schwer des Schicksals Hand, so herbe, dass er sich nicht wieder davon erholen konnte. Die Schwindsucht, als Folge der ausgestandenen Leiden, der körperlichen und geistigen Anstrengungen, bemächtigte sich des Biedermanns. Aber körperliche Leiden drückten die Schwungkraft seines Geistes nicht nieder! Es gab keine Erscheinung der neueren hebräischen Literatur, die er ungelesen ließ, keine gute Anstalt, für die er nicht wirkte, keine Israelitische Zeitschrift, in die er nicht durchdachte Vorschläge niederlegte. Die noch bestehende Leichenordnung und der Unterstützungsverein für arme Studierende in Heidelberg sind meist das Werk seines unermüdlichen Geistes. Diese seine heilsame Wirksamkeit wurde ehrenvoll anerkannt. Die philosophische Fakultät zu Heidelberg erteilte ihm am 25. August 1834 das Ehrendiplom doctoris philosophiae et magistri liberalium artium, nachdem er zuvor schon das Heidelberger Bürgerrecht erhalten hatte. Produkte seiner literarischen Tätigkeit sind bekannt: 
1) Imrei Emet oder Worte der Wahrheit; über die Zulässigkeit der Konfirmation bei den Bekennern des Mosaischen Glaubens. 2) Aräschät Sfatajim oder Leslehre der hebräischen Sprache, nach der Lautlehrmethode nebst Tabellen und einer besonderen     
Altdorf AZJ 23041842c.jpg (297993 Byte)Anleitung, welche den zweckmäßigen Gebrauch dieser Tabelle lehrt. Frankfurt am Main 1833 bei Andreä. 3) Leschon jehudit oder Anweisung, das sogenannte Jüdisch-Deutsche lesen zu lernen. (Daselbst). 4) Sefer HaChajim vollständiges Andachtsbuch zum Gebrauche bei Krankheitsfällen, im Sterbehause und auf dem Friedhofe, 1839 daselbst. Eine freue Übersetzung desselben 1704 zu Amsterdam erschienenen Werks, nebst Kommentar (der Heidelberger Universitätsbibliothek einverleibt). 5) Aufgabenbuch das das Lesen und Übersetzen des Hebräischen (ein allgemein anerkanntes Werk, um dessen Einführung Konstanz und Basel beim Ministerium nachsuchten) Frankfurt 1841.
So war er, trotz seines siechen, dahinschwindenden Körpers, an dem die Auszehrung vierzehn volle Jahre nagte, unausgesetzt tätig. Ein schrecklicher Bluthusten riss ihn oft aus frohem Familienzirkel, goss bittere Hefe in den Freudenpokal, warf ihn nieder, wo er sich sicher glaubte. Das letzte Jahr seines Lebens war sein schrecklichstes. Oft habe ich mit schmerzzerrissenem Herzen an seinem Krankenbette geweilt und den Schrei der Verzweiflung gehört, der seinem angstbeklommenen Innern entfuhr. 'Weinte ich denn nicht mit dem Hartbedrängten, war meine Seele nicht betrübt mit dem Dürftigen? Nun hoffe ich Gutes, und Böses kam; ich schmachtete nach Licht, und Dunkel kam!'  
So hörte ich den von Schmerz gefolterten, Betäubten oft mit Hiob klagen. Und dennoch litt die Energie seines Geistes nicht. In eben diesem Jahre stiftete er noch, ähnlich dem früheren Tempel, eine Andachtsstunde, der Bürger und Studenten mit Liebe beiwohnten; in diesem Leidensjahre vollzog er noch, kaum zu reden imstande, die Konfirmation von vier Knaben, darunter sein ältester Sohn.  
In den letzten Tagen seines dornenvollen Lebens befielen ihn häufig Ohnmachten. Sprachlosigkeit tat ein! Ha, welch' ein Zustand! Bei vollem Bewusstsein sich den Seinigen nicht verständlich machen zu können! Dennoch blickte ein Strahl von Hoffnung durch. Doch bald nahte sein Erlösungstag, der 18. Februar. Es war ein Freitag, der Vorabend seines großen Sabbats! Er befand sich schwach, und nur genötigt nahm er Speise zu sich. Er sprach immer von einem großen, ewigen Frieden! Sein linker Arm schwoll furchtbar an! 7 Uhr abends wurde sein treuer Hauslehrer, der brave Seldner, zu ihm gerufen! 8 Uhr trat der Todesschweiß auf seine Stirn und er war nicht mehr, denn Gott hatte ihn genommen! Aber so sanft, so ohne allen Einfluss auf seine Züge war sein Tod, dass ihn Seldner noch lange nachher im Arme hielt und ihn lebend glaubte! Am 20. nachmittags war das Leichenbegängnis. Den von vier schwarz behangenen Pferden gezogenen Leichenwagen deckten Efeu- und Immortellenkränze treuer Schülerinnen! Ihm folgten der Lehrer mit der Schuljugend, der Rabbiner und Vorstand, dann ein Zug von mehr als 200 Personen aller Stände und der Umgegend, wohin die Schreckensnachricht gedrungen war. Rabbiner Fürst redete, ein Männerchor sang ein Grablied und dann sprach Klausrabbiner Wagener aus Mannheim Worte der Wahrheit und Liebe.        
Um den Verblichenen trauern eine Gattin mit drei des Vaters würdigen Kindern, um ihn weint die große Zahl seiner Schüler und Verehrer, der Waisen und Witwen, denen er, mit eigener Aufopferung, ein treuer Helfer war, um ihn weinen Badens Juden, die ihre Verbesserungen in Schule und Kultus meist ihm verdanken! Die Neuern stehen auf seinen Schultern! Ein gewissenhafter Erzieher der Jugend, ein Kämpfer gegen Vorurteil und Volkswahn, war er mir, sowie vielen andern Hochschülern, ein biederer Freund. Trotz des Krankseins ein heiterer Gesellschafter, verband er mit munterem Scherz unumwundene Offenheit, die namentlich stets Kämpfe der Rabbinen gegen ihn erregte. Er lebte und starb als begeisterter Israelit und wahrlich: 'groß und erhaben muss eine Lehre sein, für die sich so freudig sterben lässt.' Und darum rufen wir den Hinterlassenen getrost zu: 'Um der Väter willen rettest du die Söhne'. Alexander Friedländer, Dr. der Rechte."  

    
Über Moses Präger (geb. 1817 in Altdorf, gest. 1861 in Mannheim)  

Moses Elias Präger ist 1817 in Altdorf geboren als Sohn des Lehrers Elias Hirsch Präger und der Gittel geb. Löwenstein; er studierte in Karlsruhe, Mannheim, Heidelberg und war 1847-1854 Bezirksrabbiner in Bruchsal, 1854-1861 Stadt- und Bezirksrabbiner in Mannheim. 1855 gab er ein neues israelitisches Gebetbuch heraus, das heftigen Widerstand konservativer Kreise herausforderte. Die Gründung des Mannheimer Waisenvereins ist ein besonderes Verdienst von ihm. Er starb am 8. November 1861 in Mannheim.  
  
Rechts: Artikel von Rabbiner Benjamin Willstätter über "Moses Präger" in "Badische Biographien" Bd. II S. 144-145. Der Artikel wurde noch nicht ausgeschrieben - zum Lesen bitte Textabbildung anklicken. Praeger 010a.jpg (138797 Byte) Praeger 010b.jpg (156619 Byte)   

        
Leopold Guckenheimer aus Altdorf wird Opfer eines Diebstahles (1843)   

Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 22. März 1843 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Villingen. [Diebstahl]. Dem Leopold Guckenheimer von Altdorf wurden im Mohrenwirtshause dahier drei Säcke voll Lumpen, im Werte von 27 fl., entwendet. 
Dieses wird zum Zwecke der Fahndung bekannt gemacht. 
Villingen, den 11. März 1843. Großherzogliches Bezirksamt."    

   
Esther Guggenheim aus Altdorf feiert in Gailingen ihren 100. Geburtstag (1913)   

Altdorf AZJ 15081913.JPG (193669 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. August 1913: "Freiburg (Breisgau), 8. August (1913). Der 16. Jahresbericht des Friedrichsheims (Asyl für israelitische Sieche und arme Greise) in Gailingen ist soeben erschienen und konstatiert mit Befriedigung, dass die Entwicklung des Friedrichsheims im abgelaufenen Jahre wiederum als günstig bezeichnet werden darf. Es konnten alle an den Vorstand herangetretenen Anforderungen befriedigt werden. Der Anstalt sind neue Gönner gewonnen worden. Die Summe der regelmäßigen Mitgliedsbeiträge ist von 10.508 Mark im Vorjahr auf 11.931 Mark angewachsen. Ein seltenes Fest wurde am 14. April 1912 in der Anstalt begangen: die Insassin Esther Guggenheim von Altdorf feierte ihren 100. Geburtstag. Seine Königliche Hoheit der Großherzog ließen der Jubelgreisin eine Denkmünze und Ihre Königliche Hoheit die Großherzogin Luise gnädigst überreichen. Herr Dr. Heilbronn gratulierte in Anwesenheit der Mitglieder des Lokalvorstandes namens des Vorstandes. Eine Deputation der Gemeinde Altdorf unter Führung des Herrn Vorstehers Isaak Lang überbrachte die Glückwünsche der Heimatgemeinde. Mit einem Ständchen des Gesangvereins Eintracht fand die Feier ihren Abschluss. Die Greisin erfreut sich nicht nur großer körperlicher Rüstigkeit, sondern auch geradezu bewundernswerter geistiger Frische und Regsamkeit; ihr Gedächtnis hat nicht Not gelitten, sie hat sich ein lebhaftes Interesse für ihre Freunde und Bekannten, insbesondere auch für ihren Heimatort Altdorf bewahrt. In der am 6. Juni 1912 zu Gailingen stattgehabten satzungsgemäßen Generalversammlung wurden die ausscheidenden Mitglieder des Gesamtvorstandes wiedergewählt. An Stelle des nach Heilbronn verzogenen Herrn Hermann Brunner von Adelsheim wurde Herr Vorsteher und Bezirksältester Karl Reis in Sennfeld gewählt. Die seit der letzten Generalversammlung vom Vorstand vorgenommenen Ersatzwahlen wurden bestätigt. Die vom Vorstand vorgeschlagene Änderung einiger Bestimmungen der Satzungen wurde von der Generalversammlung genehmigt. Anlässlich der Generalversammlung fand eine eingehende Besichtigung der Anstalt statt. Sämtliche Anwesende waren von dem tadellosen Stand der Anstalt voll befriedigt. Der Bericht verzeichnet mit Dank die Namen der Spender, die in hochherziger Weise im verflossenen Jahre der Anstalt Gaben zugewiesen haben."      
 
Altdorf Gailingen Dok 018.jpg (185761 Byte)Ergänzung: die in obigem Bericht genannte Esther Guggenheim ist am 16. Oktober 1913 im Friedrichsheim in Gailingen gestorben und auf dem dortigen Friedhof beigesetzt worden. Links eine Seite aus dem Band 2 des Memorbuches von Naftali Bar-Giora Bamberger: "Der jüdische Friedhof in Gailingen" 1994 S. 335. Abgebildet ist eine Seite aus dem Sterberegister der Gemeinde  Guggenheim, auf dem der Tod der 101 Jahre alten Ester Guggenheim(er) bestätigt wird. Über die Herkunft von Esther Guggenheim geb. Weil steht: "geboren zu Kippenheim, Witwe, Tochter der verstorbenen, zuletzt in Altdorf wohnhaften Eheleute des Handelsmannes Raphael Weil und Merla geborene Bloch" (Bamberger liest: Sack). Abgebildet ist auch der Grabstein von Esther Guggenheim im jüdischen Friedhof in Gailingen mit einer Wiedergabe und Übersetzung der Grabsteininschrift. Vgl. Ortssippenbuch Altdorf von Albert Köbele und Hans Scheer. 1976. S. 620. 

    
    
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen 

Anzeigen des Bäckermeisters Abraham Löwenstein (1901 / 1902 / 1903 / 1905)  

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Mai 1901: "Ein fleißiger, jüdischer Bäckergeselle findet sofort dauernde Beschäftigung. Schabbat und Feiertag geschlossen. 
A. Löwenstein
, Altdorf, Baden."    
 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. August 1901: "Bäcker-Gesuch. 
Ein in der badischen Bäckerei gewandter, fleißiger Bursche kann sofort eintreten. Schabbat und Feiertage geschlossen. A. Löwenstein, Altdorf, Baden."    
 
Altdorf Israelit 11081902.jpg (34541 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. August 1902: "Bäckerlehrling
Ein braver Junge findet sehr günstig Lehrstelle. Schabbos und Jomtof (= Feiertag) geschlossen. 
Abraham Löwenstein, Bäckerei und Konditorei, Altdorf bei Ettenheim, Baden."  
 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Juli 1903: "Bäckergesuch
Ein in der badischen Bäckerei bewanderter Bursche findet angenehme Stellung. 
A. Löwenstein
, Bäckerei Altdorf, Station Orschweier, Baden."  
  
Altdorf FrfIsrFambl 05051905.jpg (32020 Byte)Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 5. Mai 1905: "Bäcker und Feinbäcker-Lehrling gesucht unter äußerst günstigen Bedingungen. Kein Brottragen, Schabbes und Jontef (Feiertag) geschlossen.
A. Löwenstein, Altdorf, Station Orschweier in Baden."   

       
       
       
Zur Geschichte des Betsaals / der Synagoge            
     
Eine erste Synagoge unbekannten Alters – vermutlich aus dem 18. Jahrhundert – war 1846 in einem baufälligen Zustand. Sie wurde von einem Altdorf besichtigenden Beamten des Oberamts als "Bretterhütte", als "baufällig und für die Gemeinde zu klein" beschrieben. Diesem Befund stimmte auch die jüdische Gemeinde zu, da sie in einem Brief an das Bezirksamt Ettenheim im selben Jahr schrieb: "Wir brauchen sehr nötig eine Synagoge, da die unsrige alt, baufällig und aber hauptsächlich, da dieselbe, besonders an Festtagen, die Zahl der Betenden nicht mehr zu fassen vermag." Über das Aussehen und die Größe dieser alten Synagoge ist nichts bekannt. Sie stand vermutlich unweit der späteren Synagoge an der heutigen Eugen-Lacroix-Strasse (früher Wallburger Straße; ein Teil davon im Volksmund auch "Judenschulweg" genannt).    
        
Bereits 1841 hatte die Gemeinde den Bau einer neuen Synagoge beschlossen und hierfür eine Baukommission eingesetzt. Gleichzeitig wurde mit der Sammlung von Beiträgen zu einem Baufonds begonnen. Allerdings sollten bis zum Bau der Synagoge noch 25 Jahre vergehen. Die der badischen Revolution 1848/49 vorausgehenden Teuerungszeiten machten eine Finanzierung durch die nicht gerade wohlhabende Gemeinde zunächst unmöglich. Die für den Bau angesammelten Gelder mussten teilweise für andere Aufgaben ausgegeben werden. Noch 1855 wird von Armut und Not in der israelitischen Gemeinde berichtet. Andererseits wurden die Klagen über den schlechten Zustand der alten Synagogen immer lauter. Mitte der 1860er-Jahre war es dann endlich so weit. Am 19. September 1866 konnte der Vorstand der israelitischen Gemeinde Altdorf dem Bezirksamt Ettenheim die Pläne und Kostenvoranschläge für den Neubau einer Synagoge zur Prüfung vorlegen. Die Bauinspektion hatte nichts zu beanstanden. Nicht ganz klar ist, welcher Architekt die Baupläne zeichnete. Möglicherweise war es der Freiburger Synagogenarchitekt Jakob Schneider, der wenige Jahre zuvor die Baupläne der zur Altdorfer Synagoge sehr ähnlichen Synagoge in Rust entworfen hatte (1856/57 erbaut). Nachdem in Altdorf wohl noch im Herbst 1866 die Fundamente der Synagoge ausgenommen werden konnten, ist der Bau im Laufe des Jahres 1867 erstellt und am 21. Februar 1868 eingeweiht worden. Der Bühler Rabbiner nahm die Einweihung vor.    
        
Die Synagoge war in der Grundfläche (Außenmaß) 19 m lang, 10,20 m breit und 13,60 m hoch. Sie wurde in "maurischem" beziehungsweise neuislamischem Stil erbaut. Charakteristisch war das dreiteilige Portal mit drei großen Hufeisenbögen. Auch sämtliche Fenster am Giebel und an den Seiten des Gebäudes zeigten Hufeisenbögen. An den Längsseiten gab es auf jedem Stock jeweils zwei Zwillingsfenster. Auf der Giebelspitze der Eingangsfassade standen die beiden Gebotstafeln. Über den Bögen des Eingangs fanden sich folgenden Inschriften (in hebräisch). Linker Bogen: "Gepflanzt im Hause des Herrn sprossen sie auf in den Vorhöfen Gottes" (Psalm 92,14); mittlerer Bogen: "Dies ist das Tor zum Ewigen, Gerechte ziehen durch es hinein" (Psalm 118,20); rechter Bogen: "Wie lieblich sind deine Wohnungen, Ewiger der Heerscharen" (Psalm 84,2).   
        
Die Synagoge in Altdorf blieb gottesdienstliches Zentrum der Gemeinde bis 1938. Als seit Mitte des 1920er-Jahren die Gemeinden in Altdorf, Ettenheim und Rust durch Aus- und Abwanderung immer kleiner geworden waren, fanden regelmäßige Gottesdienste nur noch in Altdorf statt. Die jüdischen Männer aus Ettenheim und Rust kamen nach Altdorf, um wenigstens hier den Minjan zu sichern. Vor allem im Winter wurden die Gottesdienst nicht mehr wie früher im unteren Synagogenraum gefeiert. Weil es schwierig war, diesen großen Raum zu beheizen, kamen die Männer in einem der beiden oberen kleinen Räume, die sich unter dem Dach befanden, zusammen zum gemeinsamen Gottesdienst.    
        
Beim Pogrom im November 1938 kamen am Mittag des 10. November SA-Männer und weitere NS-Parteiangehörige nach der Demolierung der jüdischen Häuser und der Synagoge in Ettenheim nach Altdorf. Auch hier demolierten sie unter Beteiligung von Altdorfer Parteiangehörigen jüdische Häuser, warfen deren Fensterscheiben ein und zerschlugen mit Äxten und Prügeln die Inneneinrichtungen. In der Synagoge wurde die Inneneinrichtung zerschlagen. Die steinernen Gebotstafeln wurden vom Giebel in den Vorhof gestoßen und dadurch zerstört. Ein angesehener Ettenheimer Bürger stand während dieser Zeit vor der Synagoge und äffte einen jüdischen Vorbeter beim Gottesdienst nach. Er hatte sich Toilettenpapier als Gebetsschal umgehängt, hielt ein hebräisches Gebetbuch in der Hand und zitierte Spott- und Hetzparolen gegen Juden.   
       
Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Synagogengebäude als Gefangenenlager und für sonstige militärische Zwecke verwendet. Am 26. Februar 1941 kaufte die politische Gemeinde das Synagogengrundstück. 
  
Nach 1945
wurde es von den Alliierten beschlagnahmt und der jüdischen Vermögensverwaltung JRSO übergeben. Diese übertrug es der Israelitischen Landesgemeinde Südbaden, von der es mit Vertrag vom 30. April 1952 wieder an die politische Gemeinde Altdorf verkauft wurde. Seit 1950 war das Gebäude an einen örtlichen Zigarrenfabrikant vermietet gewesen. Im Oktober 1952 begann die Gemeinde Altdorf mit dem Um- und Ausbau der ehemaligen Synagoge zu einem Fabrikgebäude. Die charakteristischen Fenster verschwanden und wurden durch rechteckige Fabrikfenster ersetzt. Der linke und rechte Eingang wurde zugemauert und der mittlere vergrößert. Die Portalinschriften wurden abgeschlagen. Auf Emporenhöhe wurde im Inneren eine Zwischendecke eingezogen. Seit dem 1. März 1953 war das Gebäude an eine Chemische Fabrik vermietet. 1970 verkaufte die Gemeinde Altdorf das Gebäude an einen örtlichen Gewerbebetrieb. 1962 sollte auf Wunsch des Israelitischen Oberrates Karlsruhe eine Gedenktafel angebracht werden, doch wurde dies vom Gemeinderat abgelehnt. Erst 1998 wurde eine Hinweistafel angebracht.  
    

Seit einigen Jahren wird die ehemalige Synagoge als "Kunsthalle Altdorf" genutzt. Ein Künstlerehepaar hatte das Gebäude 1998/99 erworben und in Eigenarbeit in den folgenden Jahren Stück um Stück umgebaut. Im Erdgeschoss wurde eine Ausstellungshalle eingerichtet, darüber ein Atelier und eine Wohnung. Seit 2000/01 finden regelmäß0g Ausstellungen in der "Kunsthalle Altdorf" statt.   

Bericht über Veranstaltungen zum "Europäischen Tag der jüdischen Kultur" am 4.9.2005 aus dem "Ettenheimer Stadtanzeiger" vom 8.9.2005: hier anklicken  
Bericht über einen Vortrag von Rivka Hollaender über "Jüdische Speisevorschriften" aus der Badischen Zeitung vom 6.9.2005: hier anklicken 
Bericht über Aktivitäten in 2008 in der "Altdorfer Kunsthalle" - ehemaligen Synagoge aus der Badischen Zeitung vom 2.12.2008: hier anklicken (pdf-Datei). 
Weitere Informationen siehe Website "Kunsthalle Altdorf"  

   
   
Adresse der ehemaligen Synagoge: Eugen-Lacroix-Strasse 2.   
  
  
Plan  

Altdorf Plan 01.jpg (222677 Byte) Links: Plan von Altdorf mit Eintragungen der ehemaligen jüdischen Einrichtungen:
 Synagoge (am unteren Rand), Judenschule und Bad (Mikwe)

    
    
Fotos 
Historische Fotos:
(Quelle der Fotos: aus dem Buch Schicksal und Geschichte der jüdischen Gemeinden (s. Lit.) S. 100.101.285.294.295; die Fotos von 1938 sind von Hanna Meyer-Moses)  

Altdorf Synagoge 242.jpg (59542 Byte) Altdorf Synagoge 009.jpg (70077 Byte) Altdorf Synagoge 008.jpg (84326 Byte)
Historische Ansichtskarte aus 
Altdorf von 1899 
Die ehemalige Synagoge 
vor 1938 
Das Eingangsportal der Synagoge mit
 den drei großen Hufeisenbögen 
     
Altdorf Synagoge 240.jpg (52473 Byte) Altdorf Synagoge 241.jpg (51285 Byte)   
Die Männer der jüdischen Gemeinden
 Altdorf und Ettenheim (1938) 
Die Frauen der jüdischen Gemeinden
 Altdorf und Ettenheim (1938) 
  


Fotos nach 1945/Gegenwart:

Fotos um 1985:
(Fotos: Hahn) 
     
Altdorf Synagoge 104.jpg (60257 Byte) Altdorf Synagoge 105.jpg (76696 Byte) Altdorf Synagoge 101.jpg (101875 Byte)
Die ehemalige Synagoge von 
Westen gesehen 
Seitenansicht 
(Nordseite) 

Seitenansicht 
(Nordseite) 

       
Altdorf Synagoge 102.jpg (92824 Byte) Altdorf Synagoge 103.jpg (64540 Byte) Altdorf Synagoge 100.jpg (95221 Byte)
Seitenansicht 
(Südseite) 
Blick von Osten - im Putz des 
Erdgeschosses sind noch Spuren des 
Toraschreines zu sehen 
Baufälligkeit breitet  
sich aus 
       
     
Fotos 2003:
(Fotos: Hahn, 
Aufnahmedatum 1.9.2003) 
Altdorf Synagoge 151.jpg (57106 Byte) Altdorf Synagoge 153.jpg (54483 Byte)
   Blick in die 
Eugen-Lacroix-Straße 
Das Synagogengebäude mit 
Anbau von Westen 
     
Altdorf Synagoge 155.jpg (73407 Byte) Altdorf Synagoge 156.jpg (47179 Byte) Altdorf Synagoge 152.jpg (45495 Byte)
Seitenansicht von Norden  Ansicht von Osten  Fenster (mit kleiner Menora) 
     
Altdorf Synagoge 150.jpg (57265 Byte) Altdorf Synagoge 154.jpg (82895 Byte)  
Grundstein der ehemaligen Synagoge  Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge   
     
seit 2000: Umbau der ehemaligen
 Synagoge zur "Kunsthalle Altdorf" 
(Quelle: www.kunsthalle-altdorf.de
Altdorf Synagoge 0301.jpg (78542 Byte) Altdorf Synagoge 0302.gif (56793 Byte)
Mühevolle Beseitigung des Betonbodens
 des Industriebetriebes 
Umbau des unteren Bereiches des 
früheren Betsaales in eine Kunsthalle 
     
Nutzung für Ausstellungen 
und Veranstaltungen 
(Quelle: www.kunsthalle-altdorf.de
Altdorf Synagoge 0303.jpg (150853 Byte) Altdorf Synagoge 0304.jpg (191571 Byte)
  Blick in den Ausstellungsraum der Kunsthalle  
     

    
    
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte         

September 2011: Veranstaltung am "Tag der Europäischen jüdischen Kultur" am 4. September 2011:  
Ehemalige jüdische Bürger im Film 
Ettenheim
(rkr). "Les fantômes de Kippenheim" ist der Titel des 50-Minuten-Dokumentarfilmes von Evelyn Dreyfus aus Paris über den Besuch der ehemaligen jüdischen Bürger auf Einladung der Gemeinde Kippenheim im Ort ihrer Kindheit im September 2003. Neben vielen Kippenheimer Bürgern, die an der Begegnung teilnahmen, sind auch "Poldi" Auerbacher, Inge Auerbacher, Günter Karger, Hedy Wachenheimer-Epstein und Kurt Maier in ausführlichen Einzelinterviews zu sehen. Der Film wird erstmals in Deutschland anlässlich des Europäischen Tages der jüdischen Kultur am 4. September um 16 Uhr in der Kunsthalle (ehemalige Synagoge) in Altdorf in Anwesenheit der Filmemacherin gezeigt. Als weiteres Programm bietet der Deutsch – Israelische Arbeitskreis in der Kunsthalle um 15:30 Uhr eine Lesung mit Susanne Bruckner und um 17:15 Uhr ein Gitarrenkonzert an. Die ehemalige Altdorfer Synagoge und heutige Kunsthalle ist von 11 Uhr bis 15:30 Uhr für jedermann zugänglich. Der Eintritt zu allen Angeboten ist frei. 
 
Artikel von Robert Ullmann in der "Badischen Zeitung" vom 6. September 2011 über die Veranstaltung am "Europäischen Tag der Jüdischen Kultur": "Film-Doku: Kippenheim, du Paradies. Ein Film dokumentiert das Wiedersehen ehemaliger Kippenheimer mit ihrer verlorenen Heimat" (Link zum Artikel; auch als pdf-Datei eingestellt.   
   

   
     

Links und Literatur  

Links: 

Website der Stadt Ettenheim  
Website der "Kunsthalle Altdorf"   

Literatur:

Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 35-36.
Albert Köbele/Hans Scheer: Ortssippenbuch Altdorf, Bad. Ortssippenbücher 37. 1976. 
Schicksal und Geschichte der jüdischen Gemeinden Ettenheim, Altdorf, Kippenheim, Schmieheim, Rust, Orschweier. Ein Gedenkbuch. Hg. vom Historischen Verein für Mittelbaden e.V. - Mitgliedergruppe Ettenheim. 1988.1998².
Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern - Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem 1986. S. 242-243.      
synagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007.  

Synagogen Lit 201305.jpg (108213 Byte)Christiane Twiehaus: Synagogen im Großherzogtum Baden (1806-1918). Eine Untersuchung zu ihrer Rezeption in den öffentlichen Medien. Rehe: Schriften der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg. Universitätsverlag Winter Heidelberg 2012. 
Zur Synagoge in Altdorf: S. 70-72.    

      
       


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Altdorf  Baden.  Jews are first mentioned in the 1570s. A permanent settlement was established by Jewish refugees from Ettenheim in 1716. Jews reached a peak population of 313 in 1855 (about 20 % of the total), which declined to 51 in 1933. Fifteen emigrated in 1937-39 while 20 left for other German cities. On Kristallnacht (9-10 November 1938) the synagogue and Jewish homes were vandalized and eight Jewish men detained in the Dachau concentration camp. The last 12 Jews were deported to the Gurs concentration camp on 22 October 1940, eight of them perishing in the Holocaust, as did 15 of the Jews who had previously left the town and were subsequently deported from theire places of refuge.  
      
         

                   
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Stand: 05. Dezember 2014