|
Eingangsseite
Aktuelle Informationen
Jahrestagungen von Alemannia
Judaica
Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft
Jüdische Friedhöfe
(Frühere und
bestehende) Synagogen
Übersicht:
Jüdische Kulturdenkmale in der Region
Bestehende
jüdische Gemeinden in der Region
Jüdische
Museen
FORSCHUNGS-
PROJEKTE
Literatur
und Presseartikel
Adressliste
Digitale
Postkarten
Links
| |
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"
zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Altdorf (Stadt Ettenheim, Ortenau-Kreis)
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zum Ritterkanton
Ortenau gehörenden Altdorf bestand eine jüdische Gemeinde bis 1940. Ihre
Entstehung geht in die Zeit des 17. Jahrhunderts zurück. 1716 kamen einige der
vorübergehend aus Ettenheim vertriebenen
Juden nach Altdorf. 1752 werden an jüdischen Steuerzahlern genannt:
Abraham Bickert, Schmaule Levi, Jacob Levi, Moisi Jeckle Santel Israel, Laib
Casen, Marx Weil, Moisis Elenbogen, Jacob Jeckle, Getz Israel, Wolf Israel,
Mayer Israel, Schihllaser, Lazarus Bluem, Meyer Gundelfinger, "der Jud in
Gruningers Haus".
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt:
1809 lebten bereits 52 jüdische Familien am Ort, 1825 244 jüdische Einwohner (20,2 % von 1.205
Einwohnern), 1832 286, 1836 275, 1839 289, 1855 Höchstzahl von 313, 1858 270,
1875 243 (21,4 % von 1.135 Einwohnern), 1887 236, 1895 205, 1900 177 (15,7 % von
1.125), 1910 177 (15,1 % von 1.157). Die jüdischen Familienvorsteher war
zunächst vor allem als Viehhändler tätig, in der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts eröffneten mehrere von Ihnen für das wirtschaftliche Leben in
Altdorf wichtige Handlungen und Handelsgeschäfte am Ort.
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine
jüdische Schule (Konfessionsschule von 1835 bis 1876, danach Religionsschule;
Schule war im Gebäude Schmieheimer Straße) und ein
rituelles Bad (lag in einer Quergasse zur Schmieheimer Straße - Gebäude
Schmieheimer Straße 27; das Bad wurde seit dem zweiten Drittel des 19.
Jahrhunderts auch von Ettenheimer Jüdinnen mitbenützt). Die Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof
in Schmieheim beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein
Lehrer
angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Anfang des 19.
Jahrhunderts hatte die jüdische Gemeinde noch einen Rabbiner (Ende des 18.
Jahrhunderts der Vater des 1792 in Altdorf geborenen Dr. Carl Rehfuß, siehe
Bericht unten). 1827
wurde die Gemeinde dem Rabbinatsbezirk Schmieheim
zugeteilt, dessen Sitz 1893 nach Offenburg
verlegt wurde.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen
Gemeinde Unteroffizier Heinrich Maier (geb. 28.5.1886 in Altdorf, vor 1914
in Freiburg wohnhaft, gef. 3.4.1915) und Isidor Weis (geb. 4.8.1891 in Altdorf,
vor 1914 in Mannheim wohnhaft, gef. 3.11.1916). Ihre Namen stehen auf dem Gefallenendenkmal des Ortsfriedhofs neben der Kirche und auf dem Gefallenendenkmal des jüdischen
Friedhofes in Schmieheim.
Um 1925, als zur jüdischen Gemeinde noch 68 Personen gehörten (6,1 %
von 1.032 Einwohnern), waren
die Gemeindevorsteher Robert Wertheimer, Louis Blum und Leopold Dreyfus. Als
Kantor war David Gros in der Gemeinde tätig, als Rechner Julius Levy. Die
damals drei schulpflichtigen jüdischen Kinder der Gemeinde wurden durch Lehrer
H. Zimmern in Kippenheim unterrichtet. 1932 waren die
Gemeindevorsteher weiterhin Robert Wertheimer (1. Vors.), Louis Blum (2. Vors.)
und Leopold Dreyfuß (3. Vors.). An jüdischen Vereinen gab es den
Kranken- und Sterbekassenverein (1932 unter Vorsitz von Robert Wertheimer; Zweck
und Arbeitsgebiet: Krankenunterstützung,
Bestattungswesen).
Jüdischen Familien in Altdorf gehörten (teilweise bis nach 1933) die folgenden
Handels- und Gewerbebetriebe: Antiquitäten Louis Blum (Jakob-Dürrse-Straße
6), Viehhandlung David und Gustav Dreifuß (Schmieheimer Straße 30), Kaufmann Julius Dreifuß (Löwenstraße
11), Mazzenbäckerei Kaufmann Dreifuß (Eugen-Lacroix-Straße 5), Koschere Metzgerei Leopold Dreifuß
(Eugen-Lacroix-Straße 1). Textilgeschäft mit Tierhaar- und Borstengroßhandlung Fa. Jakob Groß, Inh. Cilly und Bernhard Groß (Jakob-Dürrse-Straße
10), Viehhandlung Moritz Gundelfinger (Schmieheimer Straße 6), Viehhandlung Abraham Levi
(Orschweierer Straße 38), Manufakturwarengeschäft Julius Levi (Orschweierer
Straße 28), Viehhandlung Leopold Levi (Orschweierer Straße 4), Branntwein- und Zigarrenhandlung sowie Textilien Emil Rothschild
(Schmieheimer Straße 11), Viehhandlung Jakob Weiß (Löwenstraße 11), Viehhandlung Leopold/Fanny Wertheimer (Jakob-Dürrse-Straße
31), Vieh- und Pferdehandlung, 1930 bis 1935 Tabakhandlung Robert Wertheimer (Jakob-Dürrse-Straße
32).
An früheren jüdischen Wirtschaften bestanden das ehemalige Gasthaus
"Fortuna" als erste jüdische Wirtschaft aus dem 18. Jahrhundert (Schmieheimer
Straße 6) und das ehemalige Gasthaus "Zum Hirschen", jüdische Wirtschaft 1764 bis 1887, Ecke Jakob-Dürrse-Straße/Eugen-Lacroix-Straße.
1933 wurden 51 jüdische Einwohner gezählt (4,2 % von insgesamt 1.214
Einwohnern). Auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykottes sowie der
zunehmenden Repressalien und der Entrechtung sind die meisten der jüdischen
Einwohner in den folgenden Jahren von Altdorf in andere Orte verzogen oder sind
ausgewandert. Sechs verstarben bis 1938 noch am Ort und wurden in Schmieheim
beigesetzt. 1936 wurde ein 60-jähriger jüdischer Reisender wegen
angeblicher "Rassenschande" zu 18 Monaten Zuchthaus und Aberkennung
der bürgerlichen Ehrenrechte auf 3 Jahre verurteilt. Er kam im Juli 1941 im KZ
Dachau ums Leben. Beim Novemberpogrom 1938 wurden die Synagoge und
jüdische Wohnungen demoliert. Die noch verbliebenen jüdischen Männer wurden
in das KZ Dachau verschleppt. Am 22. Oktober 1940 wurden die letzten 13
jüdischen Einwohner aus Altdorf nach Gurs deportiert.
Von den in Altdorf geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Leopold Alexander (1868),
Rosa Baum geb. Dreifuß (1864), Ida Blum geb. Roos (1864), Louis Blum (1876),
Alice Dreifuss (1910), Babette Dreifuss geb. Dreifuss (1863), Gustav Dreifuss
(1890), Hermine Dreifuss (1893), Leopold Dreyfuss (1875), Marie Dreifuss geb.
Model (1863), Max Dreifuss (1859), Siegmund Dreifuss (1883 oder 1885), Hedwig
Friedmann geb. Dreifuß (1889), Herbert Friedmann (1929), Bernhard Gross (1870),
Emma Gross (1880), Lina Heilbrunner geb. Levy (1883), mit Ehemann Eduard
Heilbrunner (1876), Isaak Hobel (1887), Melitta Hobel geb. Gundelfinger (1886),
Mathilde Kahn geb. Hirsch (1871), Abraham Levi (1844), Arnold (Aron) Levy
(1880), Betty Levi (1889), Julie Levy (1881), Leopold Levi (1878), Klara Levi
geb. Kassewitz (1892), Emma Loewe geb. Wolff (1866), Jakob May (1872), Max Maier
(1880), Simon Maier (1892), Joseph Michel (1877), Betty Moses geb. Dreifuss
(188), Nathan Moses (1886), Jules Nathan (1886), Karoline Offenheimer geb.
Dreyfuß (1872), Emil Rothschild (1874), Helga Scheibe (1941), Simon Scheibe
(1899), Ida Sonnheim (1892), Bella Stern geb. Dreyfuß (1885), Ruth Weis (1917),
Wilhelmine Weis (1896), Hilda Wertheimer (1886), Klara Wertheimer geb.
Wertheimer (1887), Robert Wertheimer (1884), Siegfried Wertheimer
(1891).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Bemerkenswerter Streit zwischen einem jüdischen
Gemeindeglied und dem Ortspfarrer (1861)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Mai 1861: "Aus
dem badischen Oberland, 1. Mai (1861). Auf den Ausgang eines an und
für sich ganz unscheinbaren, seiner Eigentümlichkeit halber aber dennoch
bemerkenswerten Rechtsstreites, ist man in einem Teil unserer Gegend, dem
unteren Breisgau, sehr gespannt. Ich glaube, dass auch die entfernt
stehenden Leser, die, wenn auch lokale Sache nicht ohne Interesse finden
werden, und dürfte daher solche in diesem geschätzten Blatte eine Stelle
finden. In dem Dorfe A. (Altdorf) im Bezirksamt E. (Ettenheimer) kam
unlängst der Vorsänger des Ortes in Trauer und wollte in der Schiwa
(sc. von der Beerdigung ab gerechnete Trauerwoche), wie an jedem
Tage, so auch am (Tag der) Toravorlesung den vollständigen
Gottesdienst in seiner Behausung halten. Er ersuchte zu diesem Zweck den
Inhaber einer kleinen Torarolle, den Herrn Bezirksältesten w. in
demselben Orte, ihm solche zukommen lassen zu wollen. Als nun am Morgen
gedachten Tages sich Herr W. mit der Torarolle im Arme zu dem Trauernden
geben wollte, und gerade im Begriffe war, in einer andere Straße
einzubiegen, kam derselben entlang der katholische Ortsgeistliche im
Ornat, willens einem Kranken die Tröstungen seiner Religion zu bringen.
Herr W. trat geraden Wegs in die andere Straße ein, um zu dem Hause des Trauernden
zu gelangen, ward aber von dem gedachten Geistlichen zurückgerufen (er
war an demselben nicht vorübergegangen) und zur Rede gestellt, warum er
seinen Gut (also von der Ferne) nicht abgezogen und denselben auch jetzt
noch nicht abziehe, während er, der Pfarrer, auch noch das Hochwürdige
bei sich trage. 'Herr Pfarrer'. erwiderte Herr W., indem er ihm die
heilige Torarolle wies, 'ich trage das Hochwürdigste'. - Der Geistliche
erklärte hierauf, er werde sich Genugtuung verschaffen und da derselbe
als streng kirchlich gesinnter Charakter bekannt ist, sah die Sache einem
Riesenprozesse ähnlich. Mittlerweile musste sich aber der Herr Pfarrer
doch eines Besseren besonnen haben. In einem Lande, an dessen Spitze eine
humane, aufgeklärte Regierung steht, deren Beamten als ebenso human und
aufgeklärt bekannt sind, in einem Lande, wo die Bürger gegen das
Konkordat selbst Sturm gelaufen und solches zum Falle gebracht, war umso
weniger auf einen Erfolg zu hoffen, als auch in unserem Strafkodex für
einen solchen Fall kein Paragraph vorgesehen war (Anmerkung: Dagegen
besteht eine Verordnung, wonach in einem solchen Fall der Geistlich nicht
im vollen Ornat öffentlich erscheinen soll. Anderswo wird es längst
nicht anders gehalten). Er brachte daher die Sache vor den
Bürgermeister !! des Dorfes. Hier war er seines Sieges umso sicherer,
weil dieser Dorfschulze, seines Zeichens ein Zimmermann, dafür bekannt
ist, dass er con amore Straferkenntnisse fällt. Die beantragte
Strafe von einem Gulden ward auch, wie gar nicht anders zu erwarten war,
ausgesprochen, von Herrn W. aber das Rechtsmittel der Berufung an das
Großherzogliche Bezirksamt ergriffen. Dass dies Herr W. lobenswerter
Weise nicht des Geldpunktes, sondern des in diesem Fall heiligen Prinzips
- wegen tat, geht schon daraus hervor, dass er einen Verteidiger in der
Person eines Advokaten (christlichen Glaubens) aufstellte. Die
Verteidigungsschrift desselben soll sehr interessante Stellen enthalten.
Auf den Ausgang ist man, wie bemerkt, sehr gespannt. Bereit soll aber von
kompetenter Stelle gelegenheitlich die Äußerung gefallen sein, dass das
Abziehen des Hutes in solchem und ähnlichem Falle nur ein Akt der
Höflichkeit sei, wer es unterlassen, könne nicht zur Verantwortung
gezogen werden. Ich werde nicht ermangeln, den Austrag der Sache
seinerzeit mitzuteilen." |
Berichte zu einzelnen Personen aus der
Gemeinde
Über Dr. Carl Rehfuß, Prediger und
Oberlehrer in Heidelberg (geb. 1792 in Altdorf, gest. 1842 in Heidelberg)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 23. April 1842:
"Dr. Carl Rehfuß, Prediger und Oberlehrer in Heidelberg,
wurde zu Altdorf, im Breisgau, 1792 geboren. Er war dazu bestimmt,
einen bitteren Kelch des Leidens zu leeren. Schon im fünften Jahre seines
Lebens verlor er seinen Vater, Rabbiner des genannten Ortes. Sein
Großvater (sc. Jacob Simcha Rehfuß), ebenfalls Rabbiner in dem benachbarten Schmieheim,
nahm den Verwaisten zu sich, und ließ ihn in den zu jener Zeit in
Israelitischen Schulen üblichen Lehrgegenständen unterrichten.
Unverdrossener Fleiß machte ihn zu Liebling seiner Lehrer und des
Schulvorstandes, durch dessen Hilfe er alsbald in Altbreisach
(Breisgau) Gelegenheit fand, sich in den Rabbinischen Kenntnissen zu
vervollkommnen, mit welchen ausgerüstet er eine Jeschiwa oder
Talmud-Tora-Schule zu besuchen gedachte. Entblößt von allen
Hilfsmitteln, gehemmt und niedergedrückt durch die Härte seines
Stiefvaters - seine Mutter war in Altbreisach
zur zweiten Ehe geschritten - musste er diesen seinen Lieblingsplan
aufgeben, und seine Laufbahn nahm von dieser Zeit an eine sein ganzes
Leben und Wirken bestimmende veränderte Richtung. Er wurde 1809 in Gailingen
am Bodensee Hauslehrer, wo ihm Zeit überblieb, um sich in dem
benachbarten Schweizerstädtchen Dießenhofen, im Nötigen weiter
fortzubilden. Drückende Nahrungssorgen und das Missliche seiner Stellung,
die ihn zwang, deutsche Bücher wie eine Kontrebande (sc. Schmuggelware)
zu verbergen, trieben ihn 1812 nach Basel,
wo er als aushelfender Lehrer in dem Gebhartischen Institute für Knaben
Unterricht erteilte, dabei, um sein Leben zu fristen, Kinder aus
christlichen und israelitischen Familien in Geographie, Geschichte und
Naturgeschichte unterwies. So, emsig darauf bedacht, seine
Lebensbe- |
dürfnisse
sich ohne fremde Hilfe im Schweiße seines Angesichts zu verschaffen,
vergaß er nicht seine Kenntnisse, deren Mangelhaftigkeit ihm täglich
empfindlicher wurde, zu vermehren, und verwandte jede nur zu erübrigende
Minute auf das Erlernen der deutschen, lateinischen, französischen,
hebräischen und chaldäischen Sprache. Aber kaum hatte er die ersten
Schwierigkeiten überwunden, so wurde er aus diesen seinen
Lieblingsstudien durch die Wirren der Zeit verdrängt. Die deutschen Heere
gingen bei Basel über den Rhein, und ihr Einzug in diese Stadt, bis heran
der Sitz der friedliebenden Musen, nötigte ihn, den treuen Verehrer der
letzteren, zur schleunigen Abreise.
Er ging in sein Vaterland zurück und fand bald wieder (1815) in Bühl
bei Rastatt ein ruhiges Unterkommen im Haus eines reichen Mannes, das ihm,
bei mäßigem Unterhalt, Zeit zur ferneren Ausbildung ließ. Von hier aus
supplizierte er bei der Badischen Regierung um die Erlaubnis, das
Lehrer-Präparanden-Institut und das Lyzeum in Rastatt
frequentieren zu dürfen. Er erhielt sie, verließ Bühl und begann 1816
einen regelmäßigen Kursus an den genannten Anstalten, von denen die
erstgenannte ihn in den Elementarfächern, die andere vorzüglich in
Logik, Anthropologie, Psychologie, Physik und Metaphysik rasch förderte,
sodass er schon 1819 die Abiturientenprüfung bestehen und die Universität
Heidelberg beziehen konnte. Von Mitteln gänzlich entblößt - war dies
ein wahres Wagestück. Aber was vermag nicht ein ernster Wille, was nicht
ein Kampfe mit dem Leben und um das Leben erstarkter Sinn! Mit Hunger und
Kummer kämpfend, befestigte er durch die Wissenschaft den Vorsatz, seinen
Glaubensbrüdern nützlich zu werden und - er ward es! Nachdem er drei
Jahre unter andern bei Paulus, Schwarz, Hillebrand, Daub Vorlesungen
gehört und sich mit gründlichen Kenntnissen im Arabischen und
Hebräischen ausgerüstet hatte, erhielt er durch Großherzogliches
Ministerialreskript vom 19. Oktober 1821 No. 11779, nach erstandener
Prüfung, das Amt und den Titel eines Israelitischen Oberlehrers und
Predigers. Die Anstalt aber, an welcher er in dieser Eigenschaft wirken
sollte, musste er sich selbst schaffen. Unter kaum zu ertragenden
Mühseligkeiten und dem Widerstand finsterer Zeloten; wegen seiner
unumwundenen Freisinnigkeit verfolgt von allen Seiten, verwandelte er das
versunkene Beth hamidrasch in eine Bezirks-Stiftungsschule und den
verfallenen Sitz desselben in eine freundliche Wohnung, und begann 1822 an
ihr zu lehren und für eine ganze Generation zu wirken. Durchdrungen von
der Wahrheit, dass Schule und Gotteshaus Hand in Hand gehen sollen,
errichtete er schon 1823 einen Betsaal zur sabbatlichen Andacht für seine
Zöglinge, denen sich naher 18 Familienhäupter Heidelbergs
anschlossen.
Was er um diese Anstalt gelitten, wie er ihr, trotz eigener
Mittellosigkeit, seine materiellen und psychischen Kräfte aufopferte,
vermag ich hier nicht so wiederzugeben, wie ich es aus seinem Munde
gehört. Er wurde denunziert, und das Bäumchen wurde in seiner ersten
Blüte geknickt. Der Tempel wurde 1924 von der Regierung geschlossen. - In
diesem Jahre verheiratete er sich mit seiner noch lebenden, biederen
Gattin, Sophia Altschul aus Rastatt,
die er schon während seines Aufenthalts am Lyzeum kennen gelernt hatte.
Aber kaum hatte er 4 Jahre in zufriedener Ehe mit ihr verbracht, so traf
ihn schwer des Schicksals Hand, so herbe, dass er sich nicht wieder davon
erholen konnte. Die Schwindsucht, als Folge der ausgestandenen Leiden, der
körperlichen und geistigen Anstrengungen, bemächtigte sich des
Biedermanns. Aber körperliche Leiden drückten die Schwungkraft seines
Geistes nicht nieder! Es gab keine Erscheinung der neueren hebräischen
Literatur, die er ungelesen ließ, keine gute Anstalt, für die er nicht
wirkte, keine Israelitische Zeitschrift, in die er nicht durchdachte
Vorschläge niederlegte. Die noch bestehende Leichenordnung und der
Unterstützungsverein für arme Studierende in Heidelberg sind meist das
Werk seines unermüdlichen Geistes. Diese seine heilsame Wirksamkeit wurde
ehrenvoll anerkannt. Die philosophische Fakultät zu Heidelberg
erteilte ihm am 25. August 1834 das Ehrendiplom doctoris philosophiae
et magistri liberalium artium, nachdem er zuvor schon das Heidelberger
Bürgerrecht erhalten hatte. Produkte seiner literarischen Tätigkeit sind
bekannt:
1) Imrei Emet oder Worte der Wahrheit; über die Zulässigkeit der
Konfirmation bei den Bekennern des Mosaischen Glaubens. 2) Aräschät
Sfatajim oder Leslehre der hebräischen Sprache, nach der
Lautlehrmethode nebst Tabellen und einer
besonderen |
Anleitung,
welche den zweckmäßigen Gebrauch dieser Tabelle lehrt. Frankfurt am Main
1833 bei Andreä. 3) Leschon jehudit oder Anweisung, das sogenannte
Jüdisch-Deutsche lesen zu lernen. (Daselbst). 4) Sefer HaChajim
vollständiges Andachtsbuch zum Gebrauche bei Krankheitsfällen, im
Sterbehause und auf dem Friedhofe, 1839 daselbst. Eine freue Übersetzung
desselben 1704 zu Amsterdam erschienenen Werks, nebst Kommentar (der
Heidelberger Universitätsbibliothek einverleibt). 5) Aufgabenbuch das das
Lesen und Übersetzen des Hebräischen (ein allgemein anerkanntes Werk, um
dessen Einführung Konstanz und Basel beim Ministerium nachsuchten)
Frankfurt 1841.
So war er, trotz seines siechen, dahinschwindenden Körpers, an dem die
Auszehrung vierzehn volle Jahre nagte, unausgesetzt tätig. Ein
schrecklicher Bluthusten riss ihn oft aus frohem Familienzirkel, goss
bittere Hefe in den Freudenpokal, warf ihn nieder, wo er sich sicher
glaubte. Das letzte Jahr seines Lebens war sein schrecklichstes. Oft habe
ich mit schmerzzerrissenem Herzen an seinem Krankenbette geweilt und den
Schrei der Verzweiflung gehört, der seinem angstbeklommenen Innern
entfuhr. 'Weinte ich denn nicht mit dem Hartbedrängten, war meine Seele
nicht betrübt mit dem Dürftigen? Nun hoffe ich Gutes, und Böses kam;
ich schmachtete nach Licht, und Dunkel kam!'
So hörte ich den von Schmerz gefolterten, Betäubten oft mit Hiob klagen.
Und dennoch litt die Energie seines Geistes nicht. In eben diesem Jahre
stiftete er noch, ähnlich dem früheren Tempel, eine Andachtsstunde, der
Bürger und Studenten mit Liebe beiwohnten; in diesem Leidensjahre vollzog
er noch, kaum zu reden imstande, die Konfirmation von vier Knaben,
darunter sein ältester Sohn.
In den letzten Tagen seines dornenvollen Lebens befielen ihn häufig
Ohnmachten. Sprachlosigkeit tat ein! Ha, welch' ein Zustand! Bei vollem
Bewusstsein sich den Seinigen nicht verständlich machen zu können!
Dennoch blickte ein Strahl von Hoffnung durch. Doch bald nahte sein
Erlösungstag, der 18. Februar. Es war ein Freitag, der Vorabend seines
großen Sabbats! Er befand sich schwach, und nur genötigt nahm er Speise
zu sich. Er sprach immer von einem großen, ewigen Frieden! Sein linker
Arm schwoll furchtbar an! 7 Uhr abends wurde sein treuer Hauslehrer, der
brave Seldner, zu ihm gerufen! 8 Uhr trat der Todesschweiß auf seine
Stirn und er war nicht mehr, denn Gott hatte ihn genommen! Aber so sanft,
so ohne allen Einfluss auf seine Züge war sein Tod, dass ihn Seldner noch
lange nachher im Arme hielt und ihn lebend glaubte! Am 20. nachmittags war
das Leichenbegängnis. Den von vier schwarz behangenen Pferden gezogenen
Leichenwagen deckten Efeu- und Immortellenkränze treuer Schülerinnen!
Ihm folgten der Lehrer mit der Schuljugend, der Rabbiner und Vorstand,
dann ein Zug von mehr als 200 Personen aller Stände und der Umgegend,
wohin die Schreckensnachricht gedrungen war. Rabbiner Fürst redete, ein
Männerchor sang ein Grablied und dann sprach Klausrabbiner Wagener aus
Mannheim Worte der Wahrheit und
Liebe.
Um den Verblichenen trauern eine Gattin mit drei des Vaters würdigen
Kindern, um ihn weint die große Zahl seiner Schüler und Verehrer, der
Waisen und Witwen, denen er, mit eigener Aufopferung, ein treuer Helfer
war, um ihn weinen Badens Juden, die ihre Verbesserungen in Schule und
Kultus meist ihm verdanken! Die Neuern stehen auf seinen Schultern! Ein
gewissenhafter Erzieher der Jugend, ein Kämpfer gegen Vorurteil und
Volkswahn, war er mir, sowie vielen andern Hochschülern, ein biederer
Freund. Trotz des Krankseins ein heiterer Gesellschafter, verband er mit
munterem Scherz unumwundene Offenheit, die namentlich stets Kämpfe der
Rabbinen gegen ihn erregte. Er lebte und starb als begeisterter Israelit
und wahrlich: 'groß und erhaben muss eine Lehre sein, für die sich so
freudig sterben lässt.' Und darum rufen wir den Hinterlassenen
getrost zu: 'Um der Väter willen rettest du die Söhne'. Alexander
Friedländer, Dr. der Rechte." |
Über Moses Präger (geb. 1817 in Altdorf, gest. 1861 in Mannheim)
| Moses Elias Präger ist 1817 in
Altdorf geboren als Sohn des Lehrers Elias Hirsch Präger und der Gittel
geb. Löwenstein; er studierte in Karlsruhe, Mannheim,
Heidelberg und war 1847-1854 Bezirksrabbiner in Bruchsal, 1854-1861 Stadt- und
Bezirksrabbiner in Mannheim. 1855 gab er ein neues israelitisches Gebetbuch heraus, das heftigen Widerstand
konservativer Kreise herausforderte. Die Gründung des Mannheimer Waisenvereins
ist ein besonderes Verdienst von ihm. Er starb am 8. November 1861 in
Mannheim. |
| |
| Rechts: Artikel von Rabbiner
Benjamin Willstätter über "Moses Präger" in "Badische
Biographien" Bd. II S. 144-145. Der Artikel wurde noch nicht
ausgeschrieben - zum Lesen bitte Textabbildung anklicken. |
 |
 |
|
Esther Guggenheim aus Altdorf feiert in Gailingen ihren 100. Geburtstag (1913)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15.
August 1913: "Freiburg (Breisgau), 8. August (1913). Der 16.
Jahresbericht des Friedrichsheims (Asyl für israelitische Sieche und arme
Greise) in Gailingen ist soeben erschienen und konstatiert mit
Befriedigung, dass die Entwicklung des Friedrichsheims im abgelaufenen
Jahre wiederum als günstig bezeichnet werden darf. Es konnten alle an den
Vorstand herangetretenen Anforderungen befriedigt werden. Der Anstalt sind
neue Gönner gewonnen worden. Die Summe der regelmäßigen
Mitgliedsbeiträge ist von 10.508 Mark im Vorjahr auf 11.931 Mark
angewachsen. Ein seltenes Fest wurde am 14. April 1912 in der Anstalt
begangen: die Insassin Esther Guggenheim von Altdorf feierte ihren
100. Geburtstag. Seine Königliche Hoheit der Großherzog ließen der
Jubelgreisin eine Denkmünze und Ihre Königliche Hoheit die Großherzogin
Luise gnädigst überreichen. Herr Dr. Heilbronn gratulierte in
Anwesenheit der Mitglieder des Lokalvorstandes namens des Vorstandes. Eine
Deputation der Gemeinde Altdorf unter Führung des Herrn Vorstehers
Isaak Lang überbrachte die Glückwünsche der Heimatgemeinde. Mit einem
Ständchen des Gesangvereins Eintracht fand die Feier ihren Abschluss. Die
Greisin erfreut sich nicht nur großer körperlicher Rüstigkeit, sondern
auch geradezu bewundernswerter geistiger Frische und Regsamkeit; ihr
Gedächtnis hat nicht Not gelitten, sie hat sich ein lebhaftes Interesse
für ihre Freunde und Bekannten, insbesondere auch für ihren Heimatort Altdorf
bewahrt. In der am 6. Juni 1912 zu Gailingen stattgehabten
satzungsgemäßen Generalversammlung wurden die ausscheidenden Mitglieder
des Gesamtvorstandes wiedergewählt. An Stelle des nach Heilbronn
verzogenen Herrn Hermann Brunner von Adelsheim
wurde Herr Vorsteher und Bezirksältester Karl Reis in Sennfeld
gewählt. Die seit der letzten Generalversammlung vom Vorstand
vorgenommenen Ersatzwahlen wurden bestätigt. Die vom Vorstand
vorgeschlagene Änderung einiger Bestimmungen der Satzungen wurde von der
Generalversammlung genehmigt. Anlässlich der Generalversammlung fand eine
eingehende Besichtigung der Anstalt statt. Sämtliche Anwesende waren von
dem tadellosen Stand der Anstalt voll befriedigt. Der Bericht verzeichnet
mit Dank die Namen der Spender, die in hochherziger Weise im verflossenen
Jahre der Anstalt Gaben zugewiesen
haben." |
| |
Ergänzung:
die in obigem Bericht genannte Esther Guggenheim ist am 16. Oktober 1913
im Friedrichsheim in Gailingen gestorben und auf dem dortigen Friedhof
beigesetzt worden. Links eine Seite aus dem Band 2 des Memorbuches von
Naftali Bar-Giora Bamberger: "Der jüdische Friedhof in
Gailingen" 1994 S. 335. Abgebildet ist eine Seite aus dem
Sterberegister der Gemeinde Guggenheim, auf dem der Tod der 101
Jahre alten Ester Guggenheim(er) bestätigt wird. Über die Herkunft von
Esther Guggenheim geb. Weil steht: "geboren zu Kippenheim,
Witwe, Tochter der verstorbenen, zuletzt in Altdorf wohnhaften Eheleute
des Handelsmannes Raphael Weil und Merla geborene Bloch"
(Bamberger liest: Sack).
Abgebildet ist auch der Grabstein von Esther Guggenheim im jüdischen
Friedhof in Gailingen mit einer Wiedergabe und Übersetzung der
Grabsteininschrift. Vgl. Ortssippenbuch Altdorf von Albert Köbele
und Hans Scheer. 1976. S. 620. |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeigen des Bäckermeisters A. Löwenstein (1901 / 1902 / 1905)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Mai 1901: "Ein
fleißiger, jüdischer Bäckergeselle findet sofort dauernde
Beschäftigung. Schabbat und Feiertag geschlossen.
A. Löwenstein, Altdorf, Baden." |
| |
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. August
1901: "Bäcker-Gesuch.
Ein in der badischen Bäckerei gewandter, fleißiger Bursche kann
sofort eintreten. Schabbat und Feiertage geschlossen. A. Löwenstein,
Altdorf, Baden." |
| |
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. August 1902: "Bäckerlehrling.
Ein braver Junge findet sehr günstig Lehrstelle. Schabbos und
Jomtof (= Feiertag) geschlossen.
Abraham Löwenstein, Bäckerei und Konditorei, Altdorf bei
Ettenheim, Baden." |
| |
Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 5. Mai 1905:
"Bäcker und Feinbäcker-Lehrling gesucht unter äußerst
günstigen Bedingungen. Kein Brottragen, Schabbes und Jontef (Feiertag)
geschlossen.
A. Löwenstein, Altdorf, Station Orschweier in
Baden." |
Zur Geschichte des Betsaals / der
Synagoge
Eine erste Synagoge
unbekannten Alters – vermutlich aus dem 18. Jahrhundert – war 1846 in einem
baufälligen Zustand. Sie wurde von einem Altdorf besichtigenden Beamten des
Oberamts als "Bretterhütte", als "baufällig und für die Gemeinde zu klein"
beschrieben. Diesem Befund stimmte auch die jüdische Gemeinde zu, da sie in
einem Brief an das Bezirksamt Ettenheim im selben Jahr schrieb: "Wir brauchen
sehr nötig eine Synagoge, da die unsrige alt, baufällig und aber hauptsächlich,
da dieselbe, besonders an Festtagen, die Zahl der Betenden nicht mehr zu fassen
vermag." Über das Aussehen und die Größe dieser alten Synagoge ist nichts
bekannt. Sie stand vermutlich unweit der späteren Synagoge an der heutigen
Eugen-Lacroix-Strasse (früher Wallburger Straße; ein Teil davon im Volksmund
auch "Judenschulweg" genannt).
Bereits 1841 hatte die Gemeinde den Bau einer neuen
Synagoge beschlossen und hierfür eine Baukommission eingesetzt.
Gleichzeitig wurde mit der Sammlung von Beiträgen zu einem Baufonds begonnen.
Allerdings sollten bis zum Bau der Synagoge noch 25 Jahre vergehen. Die der
badischen Revolution 1848/49 vorausgehenden Teuerungszeiten machten eine
Finanzierung durch die nicht gerade wohlhabende Gemeinde zunächst unmöglich.
Die für den Bau angesammelten Gelder mussten teilweise für andere Aufgaben
ausgegeben werden. Noch 1855 wird von Armut und Not in der israelitischen
Gemeinde berichtet. Andererseits wurden die Klagen über den schlechten Zustand
der alten Synagogen immer lauter. Mitte der 1860er-Jahre war es dann endlich so
weit. Am 19. September 1866 konnte der Vorstand der israelitischen Gemeinde
Altdorf dem Bezirksamt Ettenheim die Pläne und Kostenvoranschläge für den
Neubau einer Synagoge zur Prüfung vorlegen. Die Bauinspektion hatte nichts zu
beanstanden. Nicht ganz klar ist, welcher Architekt die Baupläne zeichnete. Möglicherweise
war es der Freiburger Synagogenarchitekt Jakob Schneider, der wenige Jahre zuvor
die Baupläne der zur Altdorfer Synagoge sehr ähnlichen Synagoge in Rust
entworfen hatte (1856/57 erbaut). Nachdem in Altdorf wohl noch im Herbst 1866
die Fundamente der Synagoge ausgenommen werden konnten, ist der Bau im Laufe des
Jahres 1867 erstellt und am 21. Februar 1868 eingeweiht worden. Der Bühler
Rabbiner nahm die Einweihung vor.
Die Synagoge war in der Grundfläche (Außenmaß) 19 m
lang, 10,20 m breit und 13,60 m hoch. Sie wurde in "maurischem" beziehungsweise
neuislamischem Stil erbaut. Charakteristisch war das dreiteilige Portal mit drei
großen Hufeisenbögen. Auch sämtliche Fenster am Giebel und an den Seiten des
Gebäudes zeigten Hufeisenbögen. An den Längsseiten gab es auf jedem Stock
jeweils zwei Zwillingsfenster. Auf der Giebelspitze der Eingangsfassade standen
die beiden Gebotstafeln. Über den Bögen des Eingangs fanden sich folgenden
Inschriften (in hebräisch). Linker Bogen: "Gepflanzt im Hause des Herrn
sprossen sie auf in den Vorhöfen Gottes" (Psalm 92,14); mittlerer Bogen: "Dies
ist das Tor zum Ewigen, Gerechte ziehen durch es hinein" (Psalm 118,20); rechter
Bogen: "Wie lieblich sind deine Wohnungen, Ewiger der Heerscharen" (Psalm 84,2).
Die Synagoge in Altdorf blieb gottesdienstliches Zentrum
der Gemeinde bis 1938. Als seit Mitte des 1920er-Jahren die Gemeinden in
Altdorf, Ettenheim und Rust
durch Aus- und Abwanderung immer kleiner geworden waren, fanden regelmäßige
Gottesdienste nur noch in Altdorf statt. Die jüdischen Männer aus Ettenheim
und Rust kamen nach Altdorf, um wenigstens hier den Minjan zu sichern. Vor allem
im Winter wurden die Gottesdienst nicht mehr wie früher im unteren
Synagogenraum gefeiert. Weil es schwierig war, diesen großen Raum zu beheizen,
kamen die Männer in einem der beiden oberen kleinen Räume, die sich unter dem
Dach befanden, zusammen zum gemeinsamen Gottesdienst.
Beim Pogrom im November 1938 kamen am Mittag des 10.
November SA-Männer und weitere NS-Parteiangehörige nach der Demolierung der jüdischen
Häuser und der Synagoge in Ettenheim nach
Altdorf. Auch hier demolierten sie unter Beteiligung von Altdorfer Parteiangehörigen
jüdische Häuser, warfen deren Fensterscheiben ein und zerschlugen mit Äxten
und Prügeln die Inneneinrichtungen. In der Synagoge wurde die Inneneinrichtung
zerschlagen. Die steinernen Gebotstafeln wurden vom Giebel in den Vorhof gestoßen
und dadurch zerstört. Ein angesehener Ettenheimer Bürger stand während dieser
Zeit vor der Synagoge und äffte einen jüdischen Vorbeter beim Gottesdienst
nach. Er hatte sich Toilettenpapier als Gebetsschal umgehängt, hielt ein hebräisches
Gebetbuch in der Hand und zitierte Spott- und Hetzparolen gegen Juden.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Synagogengebäude
als Gefangenenlager und für sonstige militärische Zwecke verwendet. Am 26.
Februar 1941 kaufte die politische Gemeinde das Synagogengrundstück. Nach
1945
wurde es von den Alliierten beschlagnahmt und der jüdischen Vermögensverwaltung
JRSO übergeben. Diese übertrug es der Israelitischen Landesgemeinde Südbaden,
von der es mit Vertrag vom 30. April 1952 wieder an die politische Gemeinde
Altdorf verkauft wurde. Seit 1950 war das Gebäude an einen örtlichen
Zigarrenfabrikant vermietet gewesen. Im Oktober 1952 begann die Gemeinde Altdorf
mit dem Um- und Ausbau der ehemaligen Synagoge zu einem Fabrikgebäude. Die
charakteristischen Fenster verschwanden und wurden durch rechteckige Fabrikfenster
ersetzt. Der linke und rechte Eingang wurde zugemauert und der mittlere vergrößert.
Die Portalinschriften wurden abgeschlagen. Auf Emporenhöhe wurde im Inneren
eine Zwischendecke eingezogen. Seit dem 1. März 1953 war das Gebäude an eine
Chemische Fabrik vermietet. 1970 verkaufte die Gemeinde Altdorf das Gebäude
an einen örtlichen Gewerbebetrieb. 1962 sollte auf Wunsch des Israelitischen
Oberrates Karlsruhe eine Gedenktafel angebracht werden, doch wurde dies vom
Gemeinderat abgelehnt. Erst 1998 wurde eine Hinweistafel angebracht.
Seit wenigen Jahren wird die ehemalige Synagoge als "Kunsthalle
Altdorf" genutzt.
 |
Bericht über Veranstaltungen zum
"Europäischen Tag der jüdischen Kultur" am 4.9.2005 aus dem
"Ettenheimer Stadtanzeiger" vom 8.9.2005: hier
anklicken |
 |
Bericht über einen Vortrag von Rivka
Hollaender über "Jüdische Speisevorschriften" aus der Badischen
Zeitung vom 6.9.2005: hier
anklicken |
 | Bericht über aktuelle Aktivitäten in
der "Altdorfer Kunsthalle" - ehemaligen Synagoge aus der Badischen
Zeitung vom 2.12.2008: hier
anklicken (pdf-Datei) |
Adresse der ehemaligen Synagoge:
Eugen-Lacroix-Strasse 2.
Plan
 |
Links: Plan von Altdorf mit Eintragungen der ehemaligen jüdischen
Einrichtungen: Synagoge (am unteren Rand), Judenschule und Bad (Mikwe) |
Fotos
Historische Fotos:
(Quelle der Fotos: aus dem Buch Schicksal und Geschichte der
jüdischen Gemeinden (s. Lit.) S. 100.101.285.294.295; die Fotos von 1938 sind
von Hanna Meyer-Moses)
 |
 |
 |
| Historische Ansichtskarte aus
Altdorf von 1899 |
Die ehemalige Synagoge vor
1938 |
Das Eingangsportal der
Synagoge mit den drei großen Hufeisenbögen |
| |
|
|
 |
 |
|
| Die Männer der jüdischen
Gemeinden Altdorf und Ettenheim (1938) |
Die Frauen der jüdischen
Gemeinden Altdorf und Ettenheim (1938) |
|
Fotos nach 1945/Gegenwart:
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden.
1968. S. 35-36. |
 | Albert Köberle/Hans Scheer: Ortssippenbuch Altdorf, Bad.
Ortssippenbücher 37. 1976. |
 | Schicksal und Geschichte der jüdischen Gemeinden Ettenheim, Altdorf,
Kippenheim, Schmieheim, Rust, Orschweier. Ein Gedenkbuch. Hg. vom
Historischen Verein für Mittelbaden e.V. - Mitgliedergruppe Ettenheim. 1988.1998². |
 | Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern -
Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from
their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem
1986. S. 242-243. |
 | Joachim
Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als
Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte
und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt,
Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial,
Jerusalem. Stuttgart 2007.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Altdorf Baden.
Jews are first mentioned in the 1570s. A permanent settlement was established by
Jewish refugees from Ettenheim in 1716. Jews reached a peak population of 313 in
1855 (about 20 % of the total), which declined to 51 in 1933. Fifteen emigrated
in 1937-39 while 20 left for other German cities. On Kristallnacht (9-10
November 1938) the synagogue and Jewish homes were vandalized and eight Jewish
men detained in the Dachau concentration camp. The last 12 Jews were deported to
the Gurs concentration camp on 22 October 1940, eight of them perishing in the
Holocaust, as did 15 of the Jews who had previously left the town and were
subsequently deported from theire places of refuge.

vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge
|