Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Rust (Ortenau-Kreis) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge 

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In Rust bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in das 17. Jahrhundert zurück. Erstmals wird 1676 ein Jude Samuel aus Rust genannt. 1740 werden bereits zehn jüdische Haushaltungen aufgeführt, doch ging deren Zahl in den folgenden Jahrzehnten nochmals zurück: 1809 lebten nur fünf jüdische Familien am Ort.  
    
In den nächsten 50 Jahren nahm die Zahl der Juden wieder stark zu, sodass vor der beginnenden Abwanderung in die Städte um 1864 die höchste Zahl jüdischer Einwohner mit 219 Personen erreicht wurde (etwa 12 % der Gesamteinwohnerschaft). Die jüdischen Familien lebten vom Handel mit Vieh und Waren aller Art, zunehmend auch von der Landwirtschaft.  
  
Auch gab es eine koschere Metzgerei und Gastwirtschaft sowie noch um 1933 mehrere Handlungen und Läden in jüdischem Besitz (darunter ein Manufakturwarengeschäft und Altmaterialienhandlungen).
   
Auf Grund der Judenverfolgungen und -ermordungen in der NS-Zeit kamen von den 1933 in Rust wohnhaften 26 jüdischen Personen mindestens vier ums Leben.   
   
   
   

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde 
100. Geburtstag von L. Heilbrunner (1921)   

Rust AZJ 25111921.jpg (23455 Byte)Mitteilung in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 25, November 1921: "Die Witwe L. Heilbrunner in Rust bei Ettenheim (Baden) feierte am 23. dieses Monats in körperlicher und geistiger Frische ihren 100. Geburtstag." 
 
Rust Israelit 10111921.jpg (16611 Byte)Mitteilung in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. November 1921: "Deutz, 3. November (1921). Die Witwe L. Heilbrunner in Rust bei Ettenheim (Baden) feiert am 23. dieses Monats in körperlicher und geistiger Frische ihren 100. Geburtstag."  

   

  
  

Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge

Nachdem die Zahl der Juden am Ort zur Feier von Gottesdiensten groß genug, konnte 1746 in einem Privathaus ein Betsaal eingerichtet werden. Dies geht aus einer Klage des christlichen Bürgers Johannes M. aus dem Jahr 1749 gegen die Ruster Judenschaft hervor. Demnach hielten die Juden von Rust bereits seit drei Jahren in seinem Haus "Schule", das heißt Gottesdienste, ohne aber die Jahresmiete von drei Gulden zu bezahlen. Am 19. August wurde entschieden, dass die Juden die Miete für die vergangenen drei Jahre nachzuzahlen hatten. In der Judenverordnung des Ortsherrn Franz Friedrich Böcklin von Böcklinsau wird 1768 der Betsaal als "Synagoge" bezeichnet. § 9 dieser Ordnung bestimmte im Blick auf jüdische Hochzeiten und Beschneidungen, dass "derlei actus in der Synagoge oder ihren Behausungen [...] in der Stille" vollzogen werden müssen. An die Ortsherrschaft war von der jüdischen Gemeinde ein jährliches Synagogengeld zu bezahlen. Es wurde an Weihnachten erhoben und betrug zuletzt 12 Gulden. 1828 wurde das Synagogengeld aufgehoben.   
     
Wie lange der 1746/1768 genannte Betsaal genutzt wurde, ist nicht bekannt. Möglicherweise war es noch derselbe Raum, der bis in das 19.Jahrhundert hinein als "alte Synagoge" bezeichnet wurde. Das Gebäude stand auf dem Grundstück Klarastraße 14 (Flurstück Nr. 106, Hof- und Gebäudefläche 2,41 ar). Um 1835 war das Gebäude in sehr schlechtem Zustand. Nach mehrmaligen Reparaturen und Vergrößerungen wurde damals festgestellt, dass aus Mangel an Platz eine weitere Vergrößerung nicht mehr möglich war. Gottesdienstbesucher mussten immer wieder auf der Treppe Platz nehmen. Da die Juden in Rust noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als "bettelarm" galten, konnten sie den Neubau einer Synagoge finanziell nicht alleine bewältigen. 1835 bat die Gemeinde den Oberrat der Israeliten in Karlsruhe um Bewilligung einer landesweiten Kollekte, um das Geld für einen Synagogenbau zusammen zu bekommen. Im Oktober 1835 konnte man ein Grundstück für eine neue Synagoge in der Ritterstraße kaufen (heutiges Grundstück Ritterstraße 11). Samt einem darauf stehenden Haus mit Scheuer und Stallung kostete es 1.800 Gulden und hat schon sämtliche bis dahin angesammelten Gelder aufgebraucht. Drei Jahre danach waren noch 300 Gulden an Schulden für den Grundstückskauf vorhanden.    
     
Mehrere Baupläne für die neue Synagoge wurden in den folgenden Jahren erstellt: Ein erster stammte von Werkmeister Brüchle von Riegel (1838). Er wurde allerdings von Hofbaumeister Künzle als "ganz schlecht" bezeichnet. Im Frühjahr 1839 lieferte Maurermeister Leppert von Emmendingen einen neuen Plan mit Kostenvoranschlag. Leppert errechnete 7.000 Gulden für den Neubau, was die israelitische Gemeinde jedoch angesichts ihrer leeren Kassen damals beim besten Willen nicht aufbringen konnte. Man beschloss daraufhin, mit dem Synagogenbau noch einige Jahre zu warten und über eine Umlage zunächst das notwendige Grundkapital anzusparen. Unglücklicherweise hatte Synagogenrat Löb Günzburger die alte Synagoge bereits 1834 für 450 Gulden an Marx Epstein verkauft. Man hatte zwar vereinbart, den Betsaal noch weitere sieben Jahre benutzen zu dürfen, dennoch war man nun gezwungen, das Gebäude für 600 Gulden zurückzukaufen. 1841 beschloss die Gemeinde, innerhalb von fünf Jahren 2.000 Gulden durch Umlagen einzutreiben. Danach sollten die Synagogenstühle des Neubaus versteigert werden, um einen weiter notwendigen Betrag zu erhalten. Die Kreisregierung machte 1844 zur Bedingung, dass wenigstens die Hälfte des Bauaufwandes durch vorhandene Mittel der Gemeinde gedeckt sein müssten. Im April 1846 war ein Kapital von 3.000 Gulden zusammengespart. Wegen der Baufälligkeit der alten Synagoge konnte der Neubau nicht länger verschoben werden. Da der Gemeinde inzwischen der von Maurermeister Leppert angefertigte Plan nicht mehr gefiel, legte sie 1846 einen neuen, von Bauführer Watterlohn gefertigten Plan vor. Das Bezirksamt bat den Schmieheimer Bezirksrabbiner Kaufmann Roos und Hofbaumeister Künzle um Stellungnahme. Beide sprachen verschiedene Empfehlungen zur Verbesserung und Verschönerung des geplanten Bauvorhabens aus. Im Dezember 1847 gab der Israelitische Oberrat seine Zustimmung zum Synagogenbau. Auf Grund der schwierigen politischen Verhältnisse Ende der 1840er-Jahre verzog sich die Bauausführung nochmals um einige Jahre. Im Januar 1853 wurde in der jüdischen Gemeinde eine neue Synagogenbaukommission gewählt, die nochmals neue Ideen hatte und den bekannten Architekten Jakob Schneider aus Freiburg bat, einen Synagogenplan zu entwerfen. Ein Hauptinteresse war dabei, die von Watterlohn errechneten Kosten zu erniedrigen. Schneider konnte einen Plan erarbeiten, der auch Rabbiner Roos und Hofbaumeister Künzle überzeugte, zudem er mit 6.500 Gulden deutlich günstiger ausfiel. Im Oktober 1853 erfolgte die Genehmigung zum Bau durch den Oberrat. 1855 bis 1857 wurde der Neubau an der Ritterstraße erstellt und am 4. September 1857 feierlich eingeweiht.   
     
Die "Breisgauer Zeitung" pries in ihrer Ausgabe vom 13. September 1857 den Neubau der Ruster Synagoge in einem Bericht zur Einweihung als ein "wahres Meisterstück der modernen Baukunst". Die Einweihung habe "beim herrlichsten Wetter unter dem Zuströmen des Publikums aller Konfessionen aus nah und fern in bester Ordnung" stattgefunden: "Wahrhaft erhebend war hierbei der Abschied aus der alten Synagoge und der Zug der festlich geschmückten Gemeinde sowie der dazu eingeladenen Großh. Bezirks- und Ortsbehörden und sonstigen geistlichen und weltlichen Honoratioren vor die Stufen der neuen Synagoge...".   
      
Die Synagoge war massiv gebaut. Sie hatte die folgenden Außenmaße: Länge 18,07 m, Breite 10,64 m und Höhe 11,86 m. Der Betsaal hatte eine Grundfläche von 14,47 m mal 9,44 m. An den Schmalseiten hatte das Gebäude Giebel und First. Charakteristisch waren der das Eingangsportal und die Fenster prägenden Hufeisenbögen ("maurischer Stil"). Über dem Eingangsportal war die hebräische Inschrift zu lesen: "Hüte deinen Fuß, wenn du in das Haus Gottes gehst. Er ist nahe zu hören" (Prediger 4,17). Über dem Toraschrein fand sich als Giebelinschrift: "Gedenket der Lehre meines Knechtes Mosche, die ich ihm am Horeb aufgetragen habe (Maleachi 3,22). Über das gottesdienstliche Leben in der Synagoge liegen nur wenige Berichte vor. Am 26. Juni 1928 war die Hochzeit des Viehhändlers Moritz Meier mit Martha Abraham. Über die Feier in der Ruster Synagoge berichtete Irma Grumbacher: "Es waren viele Menschen da, auch Nichtjuden, wie dies bei uns üblich war, und – da keine Orgel eingebaut war – brachte man ein Harmonium...". Hierauf sei unter anderem mit Sologesang das Lied gespielt worden: "Wo du hingehst, geh auch ich hin, dein Land ist mein Land, dein Gott ist auch mein Gott".   
  
Die Synagoge in Rust diente der jüdischen Gemeinde als gottesdienstliches Zentrum bis um 1930. Mit dem Wegzug vieler jüdischer Einwohner war es jedoch immer schwieriger, den zum Gottesdienst nötigen Minjan zusammen zu bekommen. So wurden in Rust keine regelmäßigen Gottesdienste mehr gefeiert; die jüdischen Männer besuchten die Gottesdienste in Altdorf  
     
Im Sommer 1938 war der Verkauf der Synagoge an die katholische Gemeinde geplant, die darin ihren Kindergarten unterbringen wollte. Bald danach ereignete sich jedoch die Pogromnacht im November 1938, in der auch die Ruster Synagoge verwüstet wurde. Sämtliche Fensterscheiben wurden eingeschlagen. Auch alles andere, was nicht mit dem Mauerwerk verbunden war, wurde zerschlagen. Die Brüstung der Emporen wurde gewaltsam entfernt, Bretter und Türen wurden gestohlen. Es kam dadurch nicht mehr zum Verkauf des Gebäudes an die katholische Kirchengemeinde. Im Frühjahr 1940 wurde das Gebäude durch französischen Artilleriebeschuss schwer beschädigt. Am 8. April 1941 kaufte die Gemeinde Rust das Grundstück mit dem Synagogengebäude zum Kaufpreis von 5.000 RM.   
     
Nach 1945 wurde das Gebäude beschlagnahmt und der jüdischen Vermögensverwaltung JRSO übertragen. Von ihr aus kam es an die Israelitische Landesgemeinde Südbaden, die beim Restitutionsverfahren am 17. Januar 1950 das Gebäude zu einem Ausgleichsbetrag in Höhe von 6.000 DM wieder an die Gemeinde Rust verkaufte. Diese ließ das Gebäude soweit instandsetzen, dass es als Lager für Holz und Geräte verwendet werden konnte. Im Juni 1963 wurde das Grundstück mit der "Synagogenruine" zum Preis von 8.005 DM an die Raiffeisengenossenschaft in Rust verkauft. Die Synagoge sollte abgebrochen werden, um Platz für die Erstellung eines Vorratshauses für Düngemittel zu gewissen. Einige Monate vor dem Abbruch wurde von Seiten des Landesdenkmalamtes überlegt, das Gebäude zu retten. Auf Grund von falschen Eintragungen in Gebäudeversicherungsunterlagen wurde damals freilich von der Gemeinde Rust angegeben, dass das Gebäude erst 1895 erbaut worden sei und somit keine Eintragung in das Denkmalbuch zu rechtfertigen sei. Bis April 1965 war die Synagoge abgebrochen. Das Grundstück wurde wie geplant mit einem Lagerhaus der Raiffeisenbank überbaut, an dem eine Gedenktafel für die Synagoge angebracht wurde. Die Portalinschriften vom Eingangsportal und die Inschrift über dem Toraschrein wurden auf den Friedhof nach Schmieheim gebracht. 1988 wurden sie von dort nach nach Rust zurückgebracht.   
   

   
Fotos 
Historische Fotos: 

Historische Fotos sind nicht bekannt, Hinweise bitte an den 
Webmaster von "Alemannia Judaica", E-Mail-Adresse siehe Eingangsseite


Fotos nach 1945/Gegenwart:  

Fotos um 1964: 
(vor dem Abbruch der ehemaligen Synagoge):
Rust Synagoge alt01.jpg (54950 Byte)  Rust Synagoge 003.jpg (81418 Byte) 
  Dachbalken mit Inschrift "RENOVIERT" sowie deutscher und hebräischer Jahreszahl in der alten Synagoge Klarastr. Ehemalige Synagoge in Rust - Ansicht von Norden
     
  Rust Synagoge 010.jpg (81243 Byte)  Rust Synagoge 002.jpg (82491 Byte) 
  Eingangsportal zur Synagoge auf der Westseite
   
Fotos um 1985/90
(Fotos: Hahn)
Rust Synagoge 100.jpg (57766 Byte)  Rust Synagoge 005.jpg (98778 Byte) 
  Das nach dem Abbruch der Synagoge erbaute Gebäude der Raiffeisengenossenschaft Die Erinnerungstafel an die abgebrochene Synagoge in Rust
     
  Rust Synagoge 004.jpg (92731 Byte)  Rust Synagoge 001.jpg (86092 Byte) 
  Dreiecksgiebel vom ehemaligen Toraschrein der Synagoge Rust im jüdischen Friedhof Schmieheim mit der Inschrift: "Gedenket der Lehre meines Knechtes Moses, die ich ihm am Horeb (Sinai) aufgetragen haben" (Maleachi 3,22) Erhaltene Steine von den Eingangsportalen der Ruster Synagoge mit der Inschrift: "Hüte deinen Fuß, wenn du in das Haus Gottes gehst. Er ist nahe zu hören" (Kohelet 4,17)
     
      
Fotos 2005:
(Fotos: Hahn, 3.9.2005)
Rust Synagoge 257.jpg (49011 Byte) Rust Synagoge 253.jpg (38977 Byte)
  Der an Stelle der Synagoge erbaute Raiffeisenmarkt Die Gedenkstätte
     
Rust Synagoge 254.jpg (43833 Byte) Rust Synagoge 250.jpg (45247 Byte) Rust Synagoge 255.jpg (41215 Byte)
Die Portalinschrift der ehemaligen Synagoge
  
Rust Synagoge 252.jpg (67927 Byte) Rust Synagoge 256.jpg (46042 Byte) Rust Synagoge 251.jpg (42842 Byte)
Text zur Geschichte der Synagoge Fotos der Synagoge Lageplan

  
   
Texte

1. Artikel in der "Breisgauer Zeitung" vom 13. September 1857 über die Einweihung der Synagoge in Rust:

Am 4. dieses Monats feierte die israelitische Gemeinde Rust ein Fest, das in Ihrem Blatt erwähnt zu werden verdient. Der beharrlichen Ausdauer und Kraftanstrengung der dortigen verhältnismäßig wenig bemittelten israelitischen Schutzbürger ist es nämlich mittelst der energischen Unterstützung der Großherzoglichen Verwaltungs- und technischen Behörden des Bezirks gelungen, eine neue Synagoge zu erbauen, die im Verhältnisse zu dem Kostenaufwande sowohl vermöge ihrer äußeren Erscheinung als auch nach ihrer inneren Einrichtung als ein wahres Meisterstück der modernen Baukunst zu betrachten sein dürfte. Als nun dieser schöne Bau vollendet war, wurde auf den 4. dieses Monats nachmittags die feierliche Einweihung der Synagoge nach dem hierfür festgesetzten Festprogramme angeordnet und beim herrlichsten Wetter unter dem Zuströmen des Publikums aller Konfessionen aus nah und fern in bester Ordnung vollzogen. Wahrhaft erhebend war hierbei der Abschied aus der alten Synagoge und der Zug der festlich geschmückten Gemeinde sowie der dazu eingeladenen Großherzoglichen Bezirks- und Ortsbehörden und sonstigen geistlichen und weltlichen Honoratioren vor die Stufen der neuen Synagoge, woselbst der Großherzogliche Amtsvorstand Oberamtmann Pfister, nach längerer, kraftvoller Rede über die Bedeutung des Festes und die landesväterliche Fürsorge Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs Friedrich für alle seine Staatsuntertanen und nach dreimaligem donnernden Hoch auf den allergnädigsten Landesfürsten und Höchstdessen durchlauchtigste Familie als Landesherrlicher Stellvertreter mit dem ihm von zierlichen Jungfrauen überreichten Schlüssel zum Zeichen, dass die Religionsausübung in diesem Tempel keinem weiteren Anstande unterliege, die Pforte öffnete und damit das Haus selbst zur öffentlichen Gottesverehrung übergab. Möge der Herr der Heerscharen alle Jene segnen, welche den guten Willen der schwachen Gemeinde verwirklichen halfen und mit Hand anlegten an ein so schönes und dauerhaftes Werk seiner Verherrlichung!"

 

2. Artikel in der Stuttgarter Zeitung vom 13. August 1964 S. 16 von Hans Keller über den Abbruch der Synagoge in Rust:

Spätes Ende einer Synagoge
Der Oberrat der Israeliten in Baden stimmt dem Abbruch in Rust zu - 
Unvoreingenommene Entscheidung trotz üblen Erfahrungen

Der Abbruch eines Gebäudes in der Lahrer Kreisgemeinde Rust wird der ansehnlichen Rheingemeinde hoffentlich nicht den zynischen Vorwurf eintragen, man hole dort nun etwa die "Reichskristallnacht" nach, bei welcher Rust im Jahre 1938 seine Aufgabe sehr unlustig und auch nur höchst unvollkommen erfüllt hat. Es handelt sich nämlich um die ehemalige Synagoge von Rust, an deren Stelle die örtliche Raiffeisengenossenschaft ein Lagerhaus bauen möchte. Man kann sich denken, vor welchen Schwierigkeiten die biederen ländlichen Genossen mit dieser Absicht standen, als sich zuerst das Freiburger Staatliche Amt für Denkmalpflege und von diesem auf den Plan gerufen, bald auch die zuständigen Verwaltungsinstanzen schützend vor die Synagoge stellten.

Den Abbruch eines ehemaligen jüdischen Gotteshauses heutzutage in der Bundesrepublik bezeichnete der Freiburger Hauptkonservator Hesselbacher als völlig undiskutabel: nach allem, was den Juden erst vor knapp einer Generation vom damaligen Deutschen Reich angetan worden ist, konnte dieser Auffassung eigentlich niemand widersprechen. Unter den politisch-psychologischen Argumenten gegen jeden Gedanken eines neuerlichen Synagogenabbruchs spielt die Furcht vor dem in- und ausländischen Echo nicht die letzte Rolle. Erst danach kam der denkmalpflegerische Gesichtspunkt, nach welchem die ehemalige Synagoge in Rust zur stilistischen Hinterlassenschaft des Großherzoglich badischen Oberbaudirektors Hübsch gehöre und daher schutzwürdig sei. Schon deshalb glaubte die Denkmalbehörde, dem Abbruch der äußerlich nicht allzu sehr beschädigten Synagoge nie zustimmen zu können; der Freiburger Hauptkonservator wäre kein Denkmalpfleger gewesen, wenn er den Spieß nicht gleich umgedreht und, statt dem begehrten Abbruch zu genehmigen, die Wiederherstellung der ehemaligen Synagoge zu Rust gefordert hätte.

Der Oberrat weiß Rat

Dass sie ihr Lagerhaus nun doch auf dem Platz der Synagogenruine bauen darf, das verdankt die Raiffeisenkasse in Rust außer einem Irrtum der Denkmalpfleger und dem kühlen Kopf des dortigen Bürgermeisters vor allem dem Oberrat der Israeliten Badens in Karlsruhe. Dort hat man sich die alte jüdische Eigenschaft, Sinn und Unsinn, Vor- und Nachteile eines Problems unvoreingenommen und frei von Emotionen gegeneinander abzuwägen, offenbar auch über die böseste und für Deutschland beschämendste Zeit hinweg bewahrt. Anders als alle deutschen Stellen heutzutage können die Juden in solchen heiklen Fällen außerdem ohne opportunistische Bedenken entscheiden.

Sobald ein Mitarbeiter des Karlsruher Oberrats mit einem Vertreter des Badischen Raiffeisenverbandes die Verhältnisse in Rust prüfen konnte, hatten die Juden rasch eine großzügige und alle Beteiligten zufriedenstellende Lösung gefunden: Die örtliche Raiffeisenkasse darf das vor allem innen sehr stark beschädigte Gebäude der ehemaligen Synagoge abbrechen und bringt dafür an dem Lagerhaus, das sie an dieser Stelle bauen will, eine Gedenktafel an. Die architektonische Ausgestaltung der Heiligen Lade, die etwa den Altären der christlichen Kirchen entspricht und für welche die Gemeinde Rust einen würdigen Platz angeboten hatte, soll bei dem Abbruch sehr sorgfältig behandelt und auf den nahen, großen jüdischen Friedhof von Schmieheim verpflanzt werden.

Gut zusammengelebt

Die Ruster selbst scheinen von dieser von Ressentiments freien, großzügigen Lösung am wenigsten überrascht zu sein. Sie haben mit ihren jüdischen Mitbürgern nämlich viele Generationen lang in bestem Einvernehmen gelegt. Hundertundzwanzig jüdische Einwohner hat man in dem geschichtsbewussten und in der Blütezeit der Rheinfischerei recht wohlhabenden Dorf im vergangenen Jahrhundert schon gezählt. Nicht zuletzt auch für Juden aus den Nachbardörfern gab es in Rust einen jüdischen Bäcker sowie einen Metzger, der außerdem eine gutgehende Gastwirtschaft betrieb. Die Synagoge, um deren Abbruch es jetzt ging, war schon die zweite in dem Ort, nachdem die erste zu klein geworden war.

Deshalb ist in der Landgemeinde Rust auch die berüchtigte "Reichskristallnacht" im November 1938 sehr viel harmloser verlaufen als in Städten, wo anonyme Rowdies oder primitive Geschäftsneider sich nur allzu gern der zentral gesteuerten "Volksempörung" über die Ermordung des deutschen Legationsrates vom Rath in Paris bemächtigten und die meisten Synagogen in Deutschland in Flammen aufgehen ließen. In Rust war es ein vermutlich der Hitler-Jugend angehörender Lehrer, der mit einer Handvoll Buben vor die Synagoge zog und von außen Fensterscheiben einwarf.

Die ersten Schäden der Synagoge in Rust, deren Beseitigung nun auf hunderttausend Mark geschätzt wurde, stammen vielmehr aus dem Jahr 1940, als Hitler das deutsche Angriffspotential nach Westen richtete und die Franzosen Rheinnahe Ortschaften dabei unter Beschuss nahmen. So ist schließlich der Gordische Knoten entstanden, den jetzt nur der Oberrat der Israeliten durchschlagen konnte: Die letzten, wenn auch nicht in der Kampfzone, so aber zuerst doch noch in Baden verbliebenen Juden aus Rust, wohl ahnend, dass sie ihre Heimatgemeinde nicht wiedersehen würden, boten dieser über einen Makler ihr bedenklich beschädigtes Gotteshaus zum Kauf an. Im Frühjahr 1941 erwarb Rust das Grundstück, welche die Juden selbst schon in ein Wohnhaus umgewandelt hatten. Nach dem Kriege, im Jahr 1950, musste die Gemeinde in einem Restitutionsverfahren den Kaufpreis um sechstausend Mark aufstocken.

Die Gemeinde ließ die Giebelfront der ehemaligen Synagoge notdürftig mit Ziegelsteinen flicken und das zerschossene Dach ebenfalls reparieren, um in dem für sie sonst unbrauchbaren Gebäude wenigstens Holz und ein paar Geräte lagern zu können. Dahinter baute sie eine Garage für Feuerwehrfahrzeuge, und als die örtliche Raiffeisenkasse, der das Grundstück zwischen der Synagogenruine und der Straße seit langem gehört, die Synagoge schließlich hinzukaufen wollte, um dort ein Lagerhaus zu bauen, sah in Rust niemand einen Anlass, ihr das zu verwehren. Juden lebten weit und breit nicht mehr, das schadhafte Gebäude war zu nichts mehr nutze, und wenn in Rust jemand etwas von Denkmalschutz hört, dann denkt er bestenfalls an das Schloss am Ortsrand. Aber als die Gemeinde und die Raiffeisenkasse ihren Kaufvertrag abschlossen, da hatten zwei von der Staatlichen Denkmalpflege zu diesem Zweck ausgesandte Studenten die ehemalige, in manchen Partien etwas eigenartig eindrucksvolle Synagoge schon unter die denkmalwürdigen Objekte des Kreises Lahr eingereiht. Nur wusste man in Rust davon noch nichts; eine Mitteilung darüber erhielt die Gemeinde erst sieben Wochen nach Abschluss des Kaufvertrags. Bei der Denkmalpflege wusste man damals noch nicht, dass die Studenten sich bei der Schätzung der Bauzeit geirrt hatten.

Trotzdem konnte man weder der Raiffeisenkassen noch der Gemeinde Rust zumuten, hunderttausend Mark für die Instandsetzung einer Synagoge aufzubringen, für welche es weder Beter noch Besucher gab. Sicher hätte das Land es übernommen, in einem vielbesuchten Gebiet eine der wenigen erhalten gebliebenen Synagoge als Zeugnisse der Landesgeschichte wiederherzurichten. Aber in einem verkehrsentlegenen Gebiet und sogar dort von einer Dorfstraße her nur zu einem kleinen Teil zu sehen, hätte solche gute Absicht ihren Sinn verloren. So war es wie ein Geschenk des Himmels, als der Ruster Bürgermeister Spoth aus alten Gebäudeversicherungsunterlagen das Jahr 1895 als Baujahr der Synagoge ermittelte und die Denkmalpflege hierdurch der Pflicht enthob, das Gebäude schützen zu müssen.

Allerdings wird nach dem Abbruch der Synagogenruine in Rust von sieben Synagogen in dem einst stark jüdisch besiedelt gewesenen mittleren und südlichen Teil des Kreises Lahr keine mehr bestehen. Sofern sie nicht vorher schon auf natürliche Weise abgegangen waren, sind sie 1938 oder während des letzten Krieges vollends zerstört worden. Längst sind die Grundstücke durch normale Käufe in Hände gelangt, die sie wieder bebaut haben. Um die Erfüllung der jüdischen Bitte, wenigstens mit kleinen Gedenktafeln an die ehemaligen jüdischen Gotteshäuser einer einst blühenden jüdischen Besiedlung zu erinnern, drücken sich die neuen Eigentümer im allgemeinen mehr oder weniger gewunden: Man möchte auf seinem Wohlstands-Erfolgsweg weder in den Verdacht des Opportunismus noch in den anderen geraten, sich an jüdischem Grundbesitz gütlich getan zu haben. Sogar dafür haben die Israeliten Badens Verständnis.

Bald werden im Kreis Lahr, in welchem die Juden um das Jahr 1875 immerhin 3,4 Prozent der Bevölkerung ausmachten, wohl nur noch zwei von noch 104 geschlossenen Judenfriedhöfen im ehemaligen Land Badens an diese Mitbürger einer glücklicheren Zeit erinnern: In Nonnenweier und in Schmieheim... 

Mit seinem großzügigen Verzicht in Rust hat der Oberrat der Israeliten Badens daher nicht nur einer Gemeinde geholfen, die Generationen von Juden Heimat war; indem er die Heilige Lade ihrer Synagoge nun auf dem Schmieheimer  Friedhof aufstellen lässt, vereint er das Andenken der letzten, in Deutschland so erbärmlich umgebrachten jüdischen Generation wieder mit demjenigen früherer, die in dieser gesegneten mittelbadischen Landschaft ihr Leben zu Ende leben konnten wie jeder ihrer deutschen Mitbürger.

 

Links und Literatur 

Links:

Website der Gemeinde Rust

Literatur:

Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 249-250.
Albert Köbele: Ortssippenbuch Rust. Geschichte des Dorfes und seiner Familie. Grafenhausen bei Lahr 1969 (Deutsche Ortsippenbücher Reihe A Bd. 45, zugleich Bd. 21 der Badischen Ortssippenbücher).
Otto Kähni: Geschichte der Offenburger Judengemeinde, in: Die Ortenau 49 (1969) S. 87.
Schicksal und Geschichte der jüdischen Gemeinden Ettenheim, Altdorf, Kippenheim, Schmieheim, Rust, Orschweier. Ein Gedenkbuch. Hg. vom Historischen Verein für Mittelbaden e.V. - Mitgliedergruppe Ettenheim. 1988.1998².
Maurice Meier: Briefe an meinen Sohn. Aus Gurs 1940-1942. 2000. 
(Moritz [Maurice] Meier, geboren 1893 in Nonnenweier, seit 1923 verheiratet mit Martha Abraham aus Rust, zog 1926 nach Waldshut-Tiengen und war zunächst erfolgreich als Landwirt und Viehhändler tätig...)
Anton Andreas Speck: Der Fall Rothschild. NS-Judenpolitik, Opferschutz und "Wiedergutmachung" in der Schweiz 1942-1962.  Erschienen im Pendo-Verlag in Zürich 2003  ISBN 3-85842-700-4    € 28.90  (= Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz. Hg. vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund. Band 9).
In diesem Buch wird die Geschichte und das Schicksal der am 11. Januar 1895 in Rust geborenen Selma Abraham veröffentlicht.
Neuerscheinung in 2008:  Peter Künzel: Sainte Radegonde - Traum und Tragik der jüdischen Familie Abraham aus Baden: Rust – Freiburg – Saumur – Auschwitz 1900 – 1950, 95 Seiten, Hartung – Gorre Verlag Konstanz, € 14,80, ISBN 3-86628-195-1.
"Sainte Radegonde - Traum und Tragik der jüdischen Familie Abraham aus Rust..." ist der Titel einer weiteren lokalgeschichtlichen Forschung über die ehemals jüdische Gemeinde Rust. Peter Künzel ist dabei der Geschichte der Familie Abraham, aus der auch Martha, die Frau von Moritz Meier aus Nonnenweier, stammt. Moritz Meier hatte 1946 das vom Deutsch – Israelischen Arbeitskreis 2000 neu aufgelegte Buch 'Briefe an meinen Sohn aus Gurs' verfasst, wodurch die Aufmerksamkeit auf die Ruster Familie Abraham gelenkt wurde.
Peter Künzel geht in seinem Erinnerungswerk auf die ganze Familie Abraham ein, deren Spuren sich von Rust über Freiburg nach Sainte Radegonde, Saumur und von dort nach Auschwitz verlieren. Die persönlichen Lebenswege der einzelnen Familienmitglieder sind geprägt durch generationstypische und besonders politische Einflussfaktoren in der Zeit von 1900 bis 1950. Dabei spielen Themenbereiche wie 'Entrechtung der jüdischen Bevölkerung',' Emigration', oder 'Besatzungspolitik in Frankreich' eine besondere Rolle. Historisches Geschehen wird hier aus individuellem Erleben von Personen aus Rust beleuchtet und dabei dokumentiert, wie unmittelbar schon in den ersten Monaten nach ihrer Machtergreifung die Nationalsozialisten bis in die entferntesten Provinzorte der Bevölkerung ihre verbrecherische Politik aufzwangen. Das Buch ist als Beitrag zur Bildungsarbeit zu verstehen und auch beim Förderverein Ehemalige Synagoge Kippenheim zu erwerben. Dort gibt es auch noch einige wenige Restexemplare des Buches 'Briefe an meinen Sohn aus Gurs' (6,00 Euro).  

   
  


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Rust  Baden. Jews were apparently present during the Thirty Years War (1618-1648). The community reached a population of 211 in 1842. A Jewish elementary school was opened in 1835 and a synagogue built in 1857*. In 1933, 26 Jews remained, over half emigrating by 1938. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue and Jewish homes were vandalized. On October 1940, the last nine Jews were deported to the Gurs concentration camp; seven were subsequently released and allowed to emigrate from Germany. 

Encyclopedia reads (wrong): 1895  

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 17. Dezember 2008