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zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Rust (Ortenau-Kreis)
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge
Übersicht:

Zur Geschichte
der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Rust bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre
Entstehung geht in das 17. Jahrhundert zurück. Erstmals wird 1676 ein Jude
Samuel aus Rust genannt. 1740 werden bereits zehn jüdische Haushaltungen aufgeführt,
doch ging deren Zahl in den folgenden Jahrzehnten nochmals zurück: 1809 lebten
nur fünf jüdische Familien am Ort.
In den nächsten 50 Jahren nahm die Zahl
der Juden wieder stark zu, sodass vor der beginnenden Abwanderung in die Städte
um 1864 die höchste Zahl jüdischer Einwohner mit 219 Personen erreicht wurde
(etwa 12 % der Gesamteinwohnerschaft). Die jüdischen Familien lebten vom Handel
mit Vieh und Waren aller Art, zunehmend auch von der Landwirtschaft.
Auch gab es
eine koschere Metzgerei und Gastwirtschaft sowie noch um 1933 mehrere Handlungen
und Läden in jüdischem Besitz (darunter ein Manufakturwarengeschäft und
Altmaterialienhandlungen).
Auf Grund der Judenverfolgungen und -ermordungen in der
NS-Zeit kamen von den 1933 in Rust wohnhaften 26 jüdischen Personen mindestens
vier ums Leben.
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Berichte zu einzelnen
Personen aus der Gemeinde
100. Geburtstag von L. Heilbrunner
(1921)
Mitteilung
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 25, November
1921: "Die Witwe L. Heilbrunner in Rust bei Ettenheim (Baden) feierte
am 23. dieses Monats in körperlicher und geistiger Frische ihren 100.
Geburtstag." |
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Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. November 1921:
"Deutz, 3. November (1921). Die Witwe L. Heilbrunner in Rust bei
Ettenheim (Baden) feiert am 23. dieses Monats in körperlicher und
geistiger Frische ihren 100. Geburtstag." |
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge
Nachdem die Zahl der Juden am Ort
zur Feier von Gottesdiensten groß genug, konnte 1746 in einem Privathaus ein
Betsaal eingerichtet werden. Dies geht aus einer Klage des christlichen Bürgers
Johannes M. aus dem Jahr 1749 gegen die Ruster Judenschaft hervor. Demnach
hielten die Juden von Rust bereits seit drei Jahren in seinem Haus "Schule", das
heißt Gottesdienste, ohne aber die Jahresmiete von drei Gulden zu bezahlen. Am
19. August wurde entschieden, dass die Juden die Miete für die vergangenen drei
Jahre nachzuzahlen hatten. In der Judenverordnung des Ortsherrn Franz Friedrich
Böcklin von Böcklinsau wird 1768 der Betsaal als "Synagoge" bezeichnet. § 9
dieser Ordnung bestimmte im Blick auf jüdische Hochzeiten und Beschneidungen,
dass "derlei actus in der Synagoge oder ihren Behausungen [...] in der Stille"
vollzogen werden müssen. An die Ortsherrschaft war von der jüdischen Gemeinde
ein jährliches Synagogengeld zu bezahlen. Es wurde an Weihnachten erhoben und
betrug zuletzt 12 Gulden. 1828 wurde das Synagogengeld aufgehoben.
Wie lange der 1746/1768 genannte Betsaal genutzt wurde, ist
nicht bekannt. Möglicherweise war es noch derselbe Raum, der bis in das
19.Jahrhundert hinein als "alte
Synagoge" bezeichnet wurde. Das Gebäude stand auf dem Grundstück Klarastraße
14 (Flurstück Nr. 106, Hof- und Gebäudefläche 2,41 ar). Um 1835 war das Gebäude
in sehr schlechtem Zustand. Nach mehrmaligen Reparaturen und Vergrößerungen
wurde damals festgestellt, dass aus Mangel an Platz eine weitere Vergrößerung
nicht mehr möglich war. Gottesdienstbesucher mussten immer wieder auf der
Treppe Platz nehmen. Da die Juden in Rust noch in der ersten Hälfte des 19.
Jahrhunderts als "bettelarm" galten, konnten sie den Neubau einer Synagoge
finanziell nicht alleine bewältigen. 1835 bat die Gemeinde den Oberrat der
Israeliten in Karlsruhe um Bewilligung einer landesweiten Kollekte, um das Geld
für einen Synagogenbau zusammen zu bekommen. Im Oktober 1835 konnte man ein
Grundstück für eine neue Synagoge in der Ritterstraße kaufen (heutiges
Grundstück Ritterstraße 11). Samt einem darauf stehenden Haus mit Scheuer und
Stallung kostete es 1.800 Gulden und hat schon sämtliche bis dahin
angesammelten Gelder aufgebraucht. Drei Jahre danach waren noch 300 Gulden an
Schulden für den Grundstückskauf vorhanden.
Mehrere Baupläne für die neue Synagoge wurden in den
folgenden Jahren erstellt: Ein erster stammte von Werkmeister Brüchle von
Riegel (1838). Er wurde allerdings von Hofbaumeister Künzle als "ganz schlecht"
bezeichnet. Im Frühjahr 1839 lieferte Maurermeister Leppert von Emmendingen
einen neuen Plan mit Kostenvoranschlag. Leppert errechnete 7.000 Gulden für den
Neubau, was die israelitische Gemeinde jedoch angesichts ihrer leeren Kassen
damals beim besten Willen nicht aufbringen konnte. Man beschloss daraufhin, mit
dem Synagogenbau noch einige Jahre zu warten und über eine Umlage zunächst das
notwendige Grundkapital anzusparen. Unglücklicherweise hatte Synagogenrat Löb
Günzburger die alte Synagoge bereits 1834 für 450 Gulden an Marx Epstein
verkauft. Man hatte zwar vereinbart, den Betsaal noch weitere sieben Jahre
benutzen zu dürfen, dennoch war man nun gezwungen, das Gebäude für 600 Gulden
zurückzukaufen. 1841 beschloss die Gemeinde, innerhalb von fünf Jahren 2.000
Gulden durch Umlagen einzutreiben. Danach sollten die Synagogenstühle des
Neubaus versteigert werden, um einen weiter notwendigen Betrag zu erhalten. Die
Kreisregierung machte 1844 zur Bedingung, dass wenigstens die Hälfte des
Bauaufwandes durch vorhandene Mittel der Gemeinde gedeckt sein müssten. Im
April 1846 war ein Kapital von 3.000 Gulden zusammengespart. Wegen der Baufälligkeit
der alten Synagoge konnte der Neubau nicht länger verschoben werden. Da der
Gemeinde inzwischen der von Maurermeister Leppert angefertigte Plan nicht mehr
gefiel, legte sie 1846 einen neuen, von Bauführer Watterlohn gefertigten Plan
vor. Das Bezirksamt bat den Schmieheimer Bezirksrabbiner Kaufmann Roos und
Hofbaumeister Künzle um Stellungnahme. Beide sprachen verschiedene Empfehlungen
zur Verbesserung und Verschönerung des geplanten Bauvorhabens aus. Im Dezember
1847 gab der Israelitische Oberrat seine Zustimmung zum Synagogenbau. Auf Grund
der schwierigen politischen Verhältnisse Ende der 1840er-Jahre verzog sich die
Bauausführung nochmals um einige Jahre. Im Januar 1853 wurde in der jüdischen
Gemeinde eine neue Synagogenbaukommission gewählt, die nochmals neue Ideen
hatte und den bekannten Architekten Jakob Schneider aus Freiburg bat, einen
Synagogenplan zu entwerfen. Ein Hauptinteresse war dabei, die von Watterlohn
errechneten Kosten zu erniedrigen. Schneider konnte einen Plan erarbeiten, der
auch Rabbiner Roos und Hofbaumeister Künzle überzeugte, zudem er mit 6.500
Gulden deutlich günstiger ausfiel. Im Oktober 1853 erfolgte die Genehmigung zum
Bau durch den Oberrat. 1855 bis 1857 wurde der Neubau an der Ritterstraße
erstellt und am 4. September 1857 feierlich eingeweiht.
Die "Breisgauer Zeitung" pries in ihrer Ausgabe vom 13.
September 1857 den Neubau der Ruster Synagoge in einem Bericht zur Einweihung
als ein "wahres Meisterstück der modernen Baukunst". Die Einweihung habe "beim
herrlichsten Wetter unter dem Zuströmen des Publikums aller Konfessionen aus
nah und fern in bester Ordnung" stattgefunden: "Wahrhaft erhebend war hierbei
der Abschied aus der alten Synagoge und der Zug der festlich geschmückten
Gemeinde sowie der dazu eingeladenen Großh. Bezirks- und Ortsbehörden und
sonstigen geistlichen und weltlichen Honoratioren vor die Stufen der neuen
Synagoge...".
Die Synagoge war massiv gebaut. Sie hatte die folgenden Außenmaße:
Länge 18,07 m, Breite 10,64 m und Höhe 11,86 m. Der Betsaal hatte eine Grundfläche
von 14,47 m mal 9,44 m. An den Schmalseiten hatte das Gebäude Giebel und First.
Charakteristisch waren der das Eingangsportal und die Fenster prägenden
Hufeisenbögen ("maurischer Stil"). Über dem Eingangsportal war die hebräische
Inschrift zu lesen: "Hüte deinen Fuß, wenn du in das Haus Gottes gehst. Er ist
nahe zu hören" (Prediger 4,17). Über dem Toraschrein fand sich als
Giebelinschrift: "Gedenket der Lehre meines Knechtes Mosche, die ich ihm am
Horeb aufgetragen habe (Maleachi 3,22). Über das gottesdienstliche Leben in der
Synagoge liegen nur wenige Berichte vor. Am 26. Juni 1928 war die Hochzeit des
Viehhändlers Moritz Meier mit Martha Abraham. Über die Feier in der Ruster
Synagoge berichtete Irma Grumbacher: "Es waren viele Menschen da, auch
Nichtjuden, wie dies bei uns üblich war, und – da keine Orgel eingebaut war
– brachte man ein Harmonium...". Hierauf sei unter anderem mit Sologesang das
Lied gespielt worden: "Wo du hingehst, geh auch ich hin, dein Land ist mein
Land, dein Gott ist auch mein Gott".
Die Synagoge in Rust diente der jüdischen Gemeinde als
gottesdienstliches Zentrum bis um 1930. Mit dem Wegzug vieler jüdischer
Einwohner war es jedoch immer schwieriger, den zum Gottesdienst nötigen Minjan
zusammen zu bekommen. So wurden in Rust keine regelmäßigen Gottesdienste mehr
gefeiert; die jüdischen Männer besuchten die Gottesdienste in Altdorf.
Im Sommer 1938 war der Verkauf der Synagoge an die
katholische Gemeinde geplant, die darin ihren Kindergarten unterbringen wollte.
Bald danach ereignete sich jedoch die Pogromnacht im November 1938, in
der auch die Ruster Synagoge verwüstet wurde. Sämtliche Fensterscheiben wurden
eingeschlagen. Auch alles andere, was nicht mit dem Mauerwerk verbunden war,
wurde zerschlagen. Die Brüstung der Emporen wurde gewaltsam entfernt, Bretter
und Türen wurden gestohlen. Es kam dadurch nicht mehr zum Verkauf des Gebäudes
an die katholische Kirchengemeinde. Im Frühjahr 1940 wurde das Gebäude durch
französischen Artilleriebeschuss schwer beschädigt. Am 8. April 1941 kaufte
die Gemeinde Rust das Grundstück mit dem Synagogengebäude zum Kaufpreis von
5.000 RM.
Nach 1945 wurde das Gebäude beschlagnahmt und der jüdischen
Vermögensverwaltung JRSO übertragen. Von ihr aus kam es an die Israelitische
Landesgemeinde Südbaden, die beim Restitutionsverfahren am 17. Januar 1950 das
Gebäude zu einem Ausgleichsbetrag in Höhe von 6.000 DM wieder an die Gemeinde
Rust verkaufte. Diese ließ das Gebäude soweit instandsetzen, dass es als Lager
für Holz und Geräte verwendet werden konnte. Im Juni 1963 wurde das Grundstück
mit der "Synagogenruine" zum Preis von 8.005 DM an die Raiffeisengenossenschaft
in Rust verkauft. Die Synagoge sollte abgebrochen werden, um Platz für die
Erstellung eines Vorratshauses für Düngemittel zu gewissen. Einige Monate vor
dem Abbruch wurde von Seiten des Landesdenkmalamtes überlegt, das Gebäude zu
retten. Auf Grund von falschen Eintragungen in Gebäudeversicherungsunterlagen
wurde damals freilich von der Gemeinde Rust angegeben, dass das Gebäude erst
1895 erbaut worden sei und somit keine Eintragung in das Denkmalbuch zu
rechtfertigen sei. Bis April 1965 war die Synagoge abgebrochen. Das
Grundstück wurde wie geplant mit einem Lagerhaus der Raiffeisenbank überbaut,
an dem eine Gedenktafel für die Synagoge angebracht wurde. Die
Portalinschriften vom Eingangsportal und die Inschrift über dem Toraschrein
wurden auf den Friedhof nach Schmieheim gebracht. 1988 wurden sie von dort nach
nach Rust zurückgebracht.
Fotos
Historische Fotos:
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Historische Fotos sind nicht bekannt,
Hinweise bitte an den
Webmaster von "Alemannia Judaica",
E-Mail-Adresse siehe Eingangsseite |
Fotos nach 1945/Gegenwart:
Fotos um 1964:
(vor dem Abbruch der ehemaligen Synagoge): |
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Dachbalken mit Inschrift "RENOVIERT" sowie deutscher und
hebräischer Jahreszahl in der alten Synagoge Klarastr. |
Ehemalige Synagoge in Rust - Ansicht von Norden |
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Eingangsportal zur Synagoge auf der Westseite |
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Fotos um 1985/90
(Fotos: Hahn) |
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Das nach dem Abbruch der Synagoge erbaute Gebäude der
Raiffeisengenossenschaft |
Die Erinnerungstafel an die abgebrochene Synagoge in Rust
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Dreiecksgiebel vom ehemaligen Toraschrein der Synagoge Rust im jüdischen
Friedhof Schmieheim mit der Inschrift: "Gedenket der Lehre meines
Knechtes Moses, die ich ihm am Horeb (Sinai) aufgetragen haben" (Maleachi
3,22) |
Erhaltene Steine von den Eingangsportalen der Ruster Synagoge mit der
Inschrift: "Hüte deinen Fuß, wenn du in das Haus Gottes gehst. Er
ist nahe zu hören" (Kohelet 4,17) |
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Fotos 2005:
(Fotos: Hahn, 3.9.2005) |
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Der an Stelle der Synagoge
erbaute Raiffeisenmarkt |
Die Gedenkstätte |
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| Die
Portalinschrift der ehemaligen Synagoge |
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| Text zur Geschichte der
Synagoge |
Fotos der Synagoge |
Lageplan |
Texte
1. Artikel in der "Breisgauer
Zeitung" vom 13. September 1857 über die Einweihung der Synagoge in Rust:
Am 4. dieses Monats feierte die
israelitische Gemeinde Rust ein Fest, das in Ihrem Blatt erwähnt zu werden
verdient. Der beharrlichen Ausdauer und Kraftanstrengung der dortigen
verhältnismäßig wenig bemittelten israelitischen Schutzbürger ist es
nämlich mittelst der energischen Unterstützung der Großherzoglichen
Verwaltungs- und technischen Behörden des Bezirks gelungen, eine neue Synagoge
zu erbauen, die im Verhältnisse zu dem Kostenaufwande sowohl vermöge ihrer
äußeren Erscheinung als auch nach ihrer inneren Einrichtung als ein wahres
Meisterstück der modernen Baukunst zu betrachten sein dürfte. Als nun
dieser schöne Bau vollendet war, wurde auf den 4. dieses Monats nachmittags die
feierliche Einweihung der Synagoge nach dem hierfür festgesetzten Festprogramme
angeordnet und beim herrlichsten Wetter unter dem Zuströmen des Publikums aller
Konfessionen aus nah und fern in bester Ordnung vollzogen. Wahrhaft erhebend war
hierbei der Abschied aus der alten Synagoge und der Zug der festlich
geschmückten Gemeinde sowie der dazu eingeladenen Großherzoglichen Bezirks-
und Ortsbehörden und sonstigen geistlichen und weltlichen Honoratioren vor die
Stufen der neuen Synagoge, woselbst der Großherzogliche Amtsvorstand
Oberamtmann Pfister, nach längerer, kraftvoller Rede über die Bedeutung des
Festes und die landesväterliche Fürsorge Seiner Königlichen Hoheit des
Großherzogs Friedrich für alle seine Staatsuntertanen und nach dreimaligem
donnernden Hoch auf den allergnädigsten Landesfürsten und Höchstdessen
durchlauchtigste Familie als Landesherrlicher Stellvertreter mit dem ihm von
zierlichen Jungfrauen überreichten Schlüssel zum Zeichen, dass die Religionsausübung
in diesem Tempel keinem weiteren Anstande unterliege, die Pforte öffnete und
damit das Haus selbst zur öffentlichen Gottesverehrung übergab. Möge der Herr
der Heerscharen alle Jene segnen, welche den guten Willen der schwachen Gemeinde
verwirklichen halfen und mit Hand anlegten an ein so schönes und dauerhaftes
Werk seiner Verherrlichung!"
2. Artikel in der Stuttgarter Zeitung vom 13. August 1964 S. 16 von
Hans Keller über den Abbruch der Synagoge in Rust:
Spätes Ende einer Synagoge
Der Oberrat der Israeliten in Baden stimmt dem Abbruch in Rust zu -
Unvoreingenommene Entscheidung trotz üblen Erfahrungen
Der Abbruch eines Gebäudes in der Lahrer Kreisgemeinde Rust wird der
ansehnlichen Rheingemeinde hoffentlich nicht den zynischen Vorwurf eintragen,
man hole dort nun etwa die "Reichskristallnacht" nach, bei welcher
Rust im Jahre 1938 seine Aufgabe sehr unlustig und auch nur höchst unvollkommen
erfüllt hat. Es handelt sich nämlich um die ehemalige Synagoge von Rust, an
deren Stelle die örtliche Raiffeisengenossenschaft ein Lagerhaus bauen möchte.
Man kann sich denken, vor welchen Schwierigkeiten die biederen ländlichen
Genossen mit dieser Absicht standen, als sich zuerst das Freiburger Staatliche
Amt für Denkmalpflege und von diesem auf den Plan gerufen, bald auch die
zuständigen Verwaltungsinstanzen schützend vor die Synagoge stellten.
Den Abbruch eines ehemaligen jüdischen Gotteshauses heutzutage in der
Bundesrepublik bezeichnete der Freiburger Hauptkonservator Hesselbacher als
völlig undiskutabel: nach allem, was den Juden erst vor knapp einer Generation
vom damaligen Deutschen Reich angetan worden ist, konnte dieser Auffassung
eigentlich niemand widersprechen. Unter den politisch-psychologischen Argumenten
gegen jeden Gedanken eines neuerlichen Synagogenabbruchs spielt die Furcht vor
dem in- und ausländischen Echo nicht die letzte Rolle. Erst danach kam der
denkmalpflegerische Gesichtspunkt, nach welchem die ehemalige Synagoge in Rust
zur stilistischen Hinterlassenschaft des Großherzoglich badischen
Oberbaudirektors Hübsch gehöre und daher schutzwürdig sei. Schon deshalb
glaubte die Denkmalbehörde, dem Abbruch der äußerlich nicht allzu sehr
beschädigten Synagoge nie zustimmen zu können; der Freiburger Hauptkonservator
wäre kein Denkmalpfleger gewesen, wenn er den Spieß nicht gleich umgedreht
und, statt dem begehrten Abbruch zu genehmigen, die Wiederherstellung der
ehemaligen Synagoge zu Rust gefordert hätte.
Der Oberrat weiß Rat
Dass sie ihr Lagerhaus nun doch auf dem Platz der Synagogenruine bauen darf,
das verdankt die Raiffeisenkasse in Rust außer einem Irrtum der Denkmalpfleger
und dem kühlen Kopf des dortigen Bürgermeisters vor allem dem Oberrat der
Israeliten Badens in Karlsruhe. Dort hat man sich die alte jüdische
Eigenschaft, Sinn und Unsinn, Vor- und Nachteile eines Problems unvoreingenommen
und frei von Emotionen gegeneinander abzuwägen, offenbar auch über die
böseste und für Deutschland beschämendste Zeit hinweg bewahrt. Anders als
alle deutschen Stellen heutzutage können die Juden in solchen heiklen Fällen
außerdem ohne opportunistische Bedenken entscheiden.
Sobald ein Mitarbeiter des Karlsruher Oberrats mit einem Vertreter des
Badischen Raiffeisenverbandes die Verhältnisse in Rust prüfen konnte, hatten
die Juden rasch eine großzügige und alle Beteiligten zufriedenstellende
Lösung gefunden: Die örtliche Raiffeisenkasse darf das vor allem innen sehr
stark beschädigte Gebäude der ehemaligen Synagoge abbrechen und bringt dafür
an dem Lagerhaus, das sie an dieser Stelle bauen will, eine Gedenktafel an. Die architektonische
Ausgestaltung der Heiligen Lade, die etwa den Altären der christlichen Kirchen
entspricht und für welche die Gemeinde Rust einen würdigen Platz angeboten
hatte, soll bei dem Abbruch sehr sorgfältig behandelt und auf den nahen,
großen jüdischen Friedhof von Schmieheim verpflanzt werden.
Gut zusammengelebt
Die Ruster selbst scheinen von dieser von Ressentiments freien, großzügigen
Lösung am wenigsten überrascht zu sein. Sie haben mit ihren jüdischen
Mitbürgern nämlich viele Generationen lang in bestem Einvernehmen gelegt.
Hundertundzwanzig jüdische Einwohner hat man in dem geschichtsbewussten und in
der Blütezeit der Rheinfischerei recht wohlhabenden Dorf im vergangenen
Jahrhundert schon gezählt. Nicht zuletzt auch für Juden aus den Nachbardörfern
gab es in Rust einen jüdischen Bäcker sowie einen Metzger, der außerdem eine
gutgehende Gastwirtschaft betrieb. Die Synagoge, um deren Abbruch es jetzt ging,
war schon die zweite in dem Ort, nachdem die erste zu klein geworden war.
Deshalb ist in der Landgemeinde Rust auch die berüchtigte
"Reichskristallnacht" im November 1938 sehr viel harmloser verlaufen
als in Städten, wo anonyme Rowdies oder primitive Geschäftsneider sich nur
allzu gern der zentral gesteuerten "Volksempörung" über die Ermordung
des deutschen Legationsrates vom Rath in Paris bemächtigten und die meisten
Synagogen in Deutschland in Flammen aufgehen ließen. In Rust war es ein
vermutlich der Hitler-Jugend angehörender Lehrer, der mit einer Handvoll Buben
vor die Synagoge zog und von außen Fensterscheiben einwarf.
Die ersten Schäden der Synagoge in Rust, deren Beseitigung nun auf
hunderttausend Mark geschätzt wurde, stammen vielmehr aus dem Jahr 1940, als
Hitler das deutsche Angriffspotential nach Westen richtete und die Franzosen Rheinnahe
Ortschaften dabei unter Beschuss nahmen. So ist schließlich der Gordische
Knoten entstanden, den jetzt nur der Oberrat der Israeliten durchschlagen
konnte: Die letzten, wenn auch nicht in der Kampfzone, so aber zuerst doch noch
in Baden verbliebenen Juden aus Rust, wohl ahnend, dass sie ihre Heimatgemeinde
nicht wiedersehen würden, boten dieser über einen Makler ihr bedenklich
beschädigtes Gotteshaus zum Kauf an. Im Frühjahr 1941 erwarb Rust das Grundstück,
welche die Juden selbst schon in ein Wohnhaus umgewandelt hatten. Nach dem
Kriege, im Jahr 1950, musste die Gemeinde in einem Restitutionsverfahren den
Kaufpreis um sechstausend Mark aufstocken.
Die Gemeinde ließ die Giebelfront der ehemaligen Synagoge notdürftig mit
Ziegelsteinen flicken und das zerschossene Dach ebenfalls reparieren, um in dem
für sie sonst unbrauchbaren Gebäude wenigstens Holz und ein paar Geräte
lagern zu können. Dahinter baute sie eine Garage für Feuerwehrfahrzeuge, und
als die örtliche Raiffeisenkasse, der das Grundstück zwischen der
Synagogenruine und der Straße seit langem gehört, die Synagoge schließlich
hinzukaufen wollte, um dort ein Lagerhaus zu bauen, sah in Rust niemand einen Anlass,
ihr das zu verwehren. Juden lebten weit und breit nicht mehr, das schadhafte
Gebäude war zu nichts mehr nutze, und wenn in Rust jemand etwas von
Denkmalschutz hört, dann denkt er bestenfalls an das Schloss am Ortsrand. Aber
als die Gemeinde und die Raiffeisenkasse ihren Kaufvertrag abschlossen, da
hatten zwei von der Staatlichen Denkmalpflege zu diesem Zweck ausgesandte Studenten
die ehemalige, in manchen Partien etwas eigenartig eindrucksvolle Synagoge schon
unter die denkmalwürdigen Objekte des Kreises Lahr eingereiht. Nur wusste man
in Rust davon noch nichts; eine Mitteilung darüber erhielt die Gemeinde erst
sieben Wochen nach Abschluss des Kaufvertrags. Bei der Denkmalpflege wusste man
damals noch nicht, dass die Studenten sich bei der Schätzung der Bauzeit geirrt
hatten.
Trotzdem konnte man weder der Raiffeisenkassen noch der Gemeinde Rust zumuten,
hunderttausend Mark für die Instandsetzung einer Synagoge aufzubringen, für
welche es weder Beter noch Besucher gab. Sicher hätte das Land es übernommen,
in einem vielbesuchten Gebiet eine der wenigen erhalten gebliebenen Synagoge als
Zeugnisse der Landesgeschichte wiederherzurichten. Aber in einem
verkehrsentlegenen Gebiet und sogar dort von einer Dorfstraße her nur zu einem
kleinen Teil zu sehen, hätte solche gute Absicht ihren Sinn verloren. So war es
wie ein Geschenk des Himmels, als der Ruster Bürgermeister Spoth aus alten
Gebäudeversicherungsunterlagen das Jahr 1895 als Baujahr der Synagoge
ermittelte und die Denkmalpflege hierdurch der Pflicht enthob, das Gebäude
schützen zu müssen.
Allerdings wird nach dem Abbruch der Synagogenruine in Rust von sieben
Synagogen in dem einst stark jüdisch besiedelt gewesenen mittleren und
südlichen Teil des Kreises Lahr keine mehr bestehen. Sofern sie nicht vorher
schon auf natürliche Weise abgegangen waren, sind sie 1938 oder während des
letzten Krieges vollends zerstört worden. Längst sind die Grundstücke durch
normale Käufe in Hände gelangt, die sie wieder bebaut haben. Um die Erfüllung
der jüdischen Bitte, wenigstens mit kleinen Gedenktafeln an die ehemaligen
jüdischen Gotteshäuser einer einst blühenden jüdischen Besiedlung zu
erinnern, drücken sich die neuen Eigentümer im allgemeinen mehr oder weniger
gewunden: Man möchte auf seinem Wohlstands-Erfolgsweg weder in den Verdacht des
Opportunismus noch in den anderen geraten, sich an jüdischem Grundbesitz
gütlich getan zu haben. Sogar dafür haben die Israeliten Badens Verständnis.
Bald werden im Kreis Lahr, in welchem die Juden um das Jahr 1875 immerhin 3,4
Prozent der Bevölkerung ausmachten, wohl nur noch zwei von noch 104
geschlossenen Judenfriedhöfen im ehemaligen Land Badens an diese Mitbürger
einer glücklicheren Zeit erinnern: In Nonnenweier und in Schmieheim...
Mit seinem großzügigen Verzicht in Rust hat der Oberrat der Israeliten
Badens daher nicht nur einer Gemeinde geholfen, die Generationen von Juden
Heimat war; indem er die Heilige Lade ihrer Synagoge nun auf dem
Schmieheimer Friedhof aufstellen lässt, vereint er das Andenken der
letzten, in Deutschland so erbärmlich umgebrachten jüdischen Generation wieder
mit demjenigen früherer, die in dieser gesegneten mittelbadischen Landschaft
ihr Leben zu Ende leben konnten wie jeder ihrer deutschen Mitbürger.
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden.
1968. S. 249-250. |
 | Albert Köbele: Ortssippenbuch Rust. Geschichte des Dorfes und
seiner Familie. Grafenhausen bei Lahr 1969 (Deutsche Ortsippenbücher Reihe
A Bd. 45, zugleich Bd. 21 der Badischen Ortssippenbücher). |
 | Otto Kähni: Geschichte der Offenburger Judengemeinde, in: Die
Ortenau 49 (1969) S. 87. |
 | Schicksal und Geschichte der jüdischen Gemeinden Ettenheim, Altdorf,
Kippenheim, Schmieheim, Rust, Orschweier. Ein Gedenkbuch. Hg. vom
Historischen Verein für Mittelbaden e.V. - Mitgliedergruppe Ettenheim. 1988.1998². |
 | Maurice Meier: Briefe an meinen Sohn. Aus Gurs 1940-1942. 2000.
(Moritz [Maurice] Meier, geboren 1893 in Nonnenweier, seit
1923 verheiratet mit Martha Abraham aus Rust, zog 1926 nach Waldshut-Tiengen
und war zunächst erfolgreich als Landwirt und Viehhändler tätig...) |
 | Anton Andreas Speck: Der Fall Rothschild. NS-Judenpolitik,
Opferschutz und "Wiedergutmachung" in der Schweiz 1942-1962.
Erschienen im Pendo-Verlag
in Zürich 2003 ISBN 3-85842-700-4 €
28.90 (= Beiträge
zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz. Hg. vom
Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund. Band 9).
In diesem Buch wird die Geschichte und das Schicksal der am
11. Januar 1895 in Rust geborenen Selma Abraham veröffentlicht.
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 | Neuerscheinung in 2008:
Peter Künzel: Sainte Radegonde - Traum und Tragik der jüdischen Familie Abraham aus Baden: Rust – Freiburg – Saumur – Auschwitz 1900 – 1950, 95 Seiten, Hartung – Gorre Verlag Konstanz,
€ 14,80, ISBN 3-86628-195-1.
"Sainte Radegonde - Traum und Tragik der jüdischen Familie Abraham aus
Rust..." ist der Titel einer weiteren lokalgeschichtlichen Forschung über die ehemals jüdische Gemeinde Rust. Peter Künzel ist dabei der Geschichte der Familie Abraham, aus der auch Martha, die Frau von Moritz Meier aus Nonnenweier, stammt. Moritz Meier hatte 1946 das vom Deutsch – Israelischen Arbeitskreis 2000 neu aufgelegte Buch
'Briefe an meinen Sohn aus Gurs' verfasst, wodurch die Aufmerksamkeit auf die Ruster Familie Abraham gelenkt wurde.
Peter Künzel geht in seinem Erinnerungswerk auf die ganze Familie Abraham ein, deren Spuren sich von Rust über Freiburg nach Sainte Radegonde, Saumur und von dort nach Auschwitz verlieren. Die persönlichen Lebenswege der einzelnen Familienmitglieder sind geprägt durch generationstypische und besonders politische Einflussfaktoren in der Zeit von 1900 bis 1950. Dabei spielen Themenbereiche wie
'Entrechtung der jüdischen Bevölkerung',' Emigration', oder 'Besatzungspolitik in
Frankreich' eine besondere Rolle. Historisches Geschehen wird hier aus individuellem Erleben von Personen aus Rust beleuchtet und dabei dokumentiert, wie unmittelbar schon in den ersten Monaten nach ihrer Machtergreifung die Nationalsozialisten bis in die entferntesten Provinzorte der Bevölkerung ihre verbrecherische Politik aufzwangen. Das Buch ist als Beitrag zur Bildungsarbeit zu verstehen und auch beim Förderverein Ehemalige Synagoge Kippenheim zu erwerben. Dort gibt es auch noch einige wenige Restexemplare des Buches
'Briefe an meinen Sohn aus Gurs' (6,00 Euro). |
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Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Rust Baden. Jews were apparently present
during the Thirty Years War (1618-1648). The community reached a population of
211 in 1842. A Jewish elementary school was opened in 1835 and a synagogue built
in 1857*. In 1933, 26 Jews remained, over half emigrating by 1938. On Kristallnacht
(9-10 November 1938), the synagogue and Jewish homes were vandalized. On October
1940, the last nine Jews were deported to the Gurs concentration camp; seven
were subsequently released and allowed to emigrate from Germany.
Encyclopedia reads (wrong): 1895

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