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in Bruchsal
Bruchsal (Kreis Karlsruhe)
Texte/Berichte zur jüdischen Geschichte der Stadt
Die nachstehend wiedergegebenen Texte mit
Beiträgen zur jüdischen Geschichte in Bruchsal wurden in jüdischen Periodika
gefunden.
Bei Gelegenheit werden weitere Texte eingestellt.
Übersicht:
Allgemeine Berichte aus der Geschichte der jüdischen
Gemeinde
Bericht über die Gemeinde und das Rabbinat während
der Vakatur nach dem Tod von Rabbiner Isak Friedberg (1870)
Anmerkung: Rabbiner Isak bzw. Eisik Fried
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Dezember 1870: "Bruchsal,
29. November (1870). Seit 5 Monaten ist unser Rabbiner J. Friedberg – das
Andenken an den Gerechten und Heiligen ist zum Segen – tot. In
wenigen Wochen wird, wie ich höre, die Wahl eines neuen Rabbinen vor sich
gehen. Ehe jedoch zur Wahl geschritten wird, halte ich es für eine
heilige Pflicht, die Wähler (d.h. die Bezirksältesten und Synagogenräte)
auf die Wichtigkeit und hohe Tragweite dieses Aktes aufmerksam zu machen.
Vor Allem wollen wir aber fragen, wie steht es mit der Religiosität
unserer Gemeinde und des Bezirkes? Es liegt in dieser Beziehung Alles im
Argen. Als Präger noch hier das Rabbinat verwaltete, begannen die
Reformen. In unserer Synagoge wurden wichtige Gebete ausgelassen, die
Religionsschule ward fast gar nicht beaufsichtigt und daher kam es soweit,
dass Knaben nach zurückgelegtem 14. Jahre kaum einen Vers Chumasch
(sc. aus der Tora) zu übersetzen verstanden. Da der Rabbiner nur auf sein
Religionsbuch Wert legte, ward die Tora in den Winkel gestellt. Die
Gemeindeinstitutionen, z.B. die Mikwe verfielen. Ja es ward so
wenig dafür getan, dass die Gemeinde nicht einmal eine eigene Mikwe
errichtete. Ein Privatmann erhielt eine so genannte Mikwe in einem
feuchten Keller. In den Landgemeinden riss nach und nach die Alles ertötende
Gleichgültigkeit ein. Präger kam nach Mannheim.
Durch die Anstrengungen der besser gesinnten Jehudim ward Bezirksrabbiner
Friedberg aus Mosbach berufen (1855).
Man hoffte in ihm den Mann gefunden zu haben, der zur Hebung jüdischen
Lebens und Strebens beitragen werde. Man war zu dieser Erwartung umso mehr
berechtigt, weil er ein Lamdan
(Gelehrter) und von durchaus religiöser Gesinnung beseelt war. Leider
wurden all die schönen Hoffnungen zu Wasser.
Friedberg – das Andenken an den Gerechten ist zum Segen – war kein Mann der
Tat; er war nicht fähig als Regenerator aufzutreten. In seinem
Studierzimmer verblieb er und klagte über den Verfall Israels. Ja, es
ward die Stagnation unter seiner Verwaltung in Permanenz erklärt. Lehrer
und Schochetim taten, was sie wollten. Es blieb leider – beim Alten!
Friedberg ward wegen seiner ‚Friedensliebe’ (!) geachtet. Auch wir können
dem Manne als Sohn der Tora
(Torakundiger) und Mensch unsere Achtung nicht versagen. Friedensliebe schätzen
wir so hoch wie irgendjemand; sie darf aber nicht in Schwäche ausarten.
Nach langen 15 Jahren stehen wir nun wieder am Anfange. Jetzt oder
nie! Wir müssen nun uns rasch entscheiden. Einen Mann wollen wir, der auf
der Höhe der Zeit stehe, der ein tadelloser Charakter und was für den
Rabbiner die Hauptsache: von ungeheuchelter Frömmigkeit durchdrungen ist.
Dass er ein echter Ben Tora
(Torakundiger) sein soll ist wohl selbstverständlich. Unser Bezirk ist,
wenn auch ziemlich lau in religiöser Beziehung, doch noch nicht so
verdorben, als ob Nichts zu bessern wäre. Jeder will, dass der Rabbiner
fromm sei; einem humanen, ruhigen, ernsten Streben wird gewiss auch
Anerkennung, und was noch mehr bedeutet, Nacheiferung nicht versagt sein.
Hüten wir uns, einem Manne unsere Stimme zu geben, der seine Humanität
so weit treibt, am Großherzogsgeburtstage ad
majorem ducis gloriam in die katholische Kirche zu gehen. Hüten wir
uns einem Manne die Stimme zu geben, der, um sich recht populär zu
machen, am Rosch Haschana (Neujahrsfest) in ein öffentliches Café geht. Wir
wollen keinen, der nur des lieben Brotes wegen Rabbiner ist. Wir müssen
einen Mann haben, der von lauterer Gesinnung und felsenfester Überzeugung,
Alles nur zur Ehre Gottes tut.
Er soll gleichweit von Fanatismus wie von Gleichgültigkeit entfernt sein.
Wir haben auch, so meine ich, nicht weit nach dem Manne unserer Wahl zu
suchen. Wir haben ihn unter unseren Augen aufwachsen sehen. Wir haben von
dem glänzenden Erfolge seiner Studien gehört und wissen seinen
ausgezeichneten Charakter zu schätzen. Bereits hat ihn eine bedeutende
Gemeinde des Auslandes annektiert; erobern wir ihn wieder zurück."
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| Anmerkung: die letzten Verse beziehen
sich auf den als Nachfolger gewählten Rabbinatsverweser (Leopold) Lazarus
Schleßinger (1840-1924), der von 1870 bis vermutlich 1876
Rabbinatsverweser in Bruchsal war. |
Der Beitrag der jüdischen Gemeinde Bruchsal im Weltkrieg
(1921)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. Mai 1921: "Bruchsal, 20.
Mai (1921). Interessante
Zahlen über die Leistungen der Jüdischen Gemeinde in Bruchsal während
des Weltkrieges bringt ein im Auftrage der Stadt Bruchsal herausgegebenes
Werk über ‚Bruchsal im Weltkriege 1914/1920’, das in einem
Sonderkapitel die Israelitische Gemeinde behandelt. Hier heißt es: ‚Aus
der Religionsgemeinde, welche im ganzen etwa 650 Seelen zählt, haben 158
Männer, also fast 25 Prozent, als Krieger sich betätigt und von ihnen
sind viele verwundet und 17, also mehr als 12 Prozent, Opfer des Krieges
geworden. Viele haben Auszeichnungen erhalten und neun wurden zu
Offizieren und einer zum Oberstabsarzt befördert, während vor dem Kriege
keinem in Baden dienenden Israeliten diese Ehre zuteil geworden war. Alle
Kriegswohlfahrtseinrichtungen und –sammlungen in unserer Stadt erfreuten
sich der regen Förderung der hiesigen Juden durch ansehnliche Beträge
und mehr als einer unter ihnen hat, wo er dazu berufen wurde, seine Kraft
freudig und erfolgreich dem allgemeinen besten gewidmet. Der Israelitische
Wohltätigkeitsverein und der Israelitische Frauenverein, der
Israelitische Krankenverein und der Israelitische Armenverein stellten
vereint auch hiesigen Lazaretten Gaben zur Verfügung und sandten so
manches Liebespaket an unsere Feldgrauen. Der Israelitische Frauenverein
insbesondere hat ein öffentliches Synagogenkonzert veranstaltet, dessen
Gesamterlös (ohne Abzug der Kosten) der hiesigen Ferienkinderfürsorge
zugute kam, und er hat ferner in der Zeit der Stoffnot unter Darbietung
von Material, Arbeitsräumen und Hilfskräften den minderbemittelten
Frauen Gelegenheit geboten, ihre und der Ihrigen Kleidung allwöchentlich
an einem Abend auszubessern, während er und viele seiner Mitglieder sich
den gemeinsamen Aufgaben unserer hiesigen Frauenvereine gern zur Verfügung
stellten und an ihnen sich beteiligten.’
Es ist bedauerlich, dass nicht alle deutschen Gemeinden derartige
Kriegsgedenkbücher herausgeben. Dann würde mit Leichtigkeit sich
herausstellen, dass die jüdischen Mitglieder ‚mehr als ihre Pflicht’
während des Krieges für das Vaterland getan haben." |
Starker Rückgang der Gemeindemitgliederzahl (März 1937)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. März 1937: "Mannheim, 9. März
(1937). Die zwei badischen Gemeinden Heidelberg
und Bruchsal sind seit dem Jahre 1925 fast um die Hälfte der Mitglieder
zusammengeschmolzen. Heidelberg, das im Jahre 1925 noch 1.350 Juden hatte,
1933 noch 900, zählte am 1. Januar 1937 nur noch 679. Einer Geburt und 5
Zuzügen im Jahre 1936 stehen 20 Sterbefälle und 58 Personen, die
fortgezogen sind, gegenüber. Die Gemeinde in Bruchsal hatte 1925 608
Seelen, 1933 501, am 1. Januar 1937 326." |
Weiterer starker Rückgang der Gemeindegliederzahl
(Oktober 1937)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Oktober 1937: "Mannheim. Das
‚Jüdische Gemeindeblatt Mannheim’ berichtet, dass in Leutershausen
das religiöse Leben ein Ende gefunden hat und dass auch die Jüdische
Gemeinde in Ladenburg in ihrem
Bestand bedroht ist. In den Landgemeinden Badens befinden sich noch etwa
dreißig jüdische Lehrer im Dienst. Die Gemeinde in Bruchsal zählt heute
noch 293 Mitglieder. Der Gesamtrückgang seit 1933 beträgt 176 Seelen." |
Aus der Geschichte der Bezirksrabbiner
Bezirksrabbiner Moses Präger hat ein Gebet- und
Erbauungsbuch verfasst (1850)
Anmerkung: gemeint ist Bezirksrabbiner Moses Präger (geb.
1817 in Altdorf, gest. 1861 in Mannheim), der von 1847 bis 1855 Bezirksrabbiner
in Bruchsal war. 1855 wurde der zum Stadtrabbiner in Mannheim
gewählt.
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 9. Dezember 1850: "Bruchsal,
im November (1850). Der hiesige Bezirksrabbiner, Herr M. (für N.) Präger, als
Kanzelredner rühmlich bekannt, gibt ein Gebet- und Erbauungsbuch, angeknüpft
an die einzelnen Wochenabschnitte der Bibel, heraus. Es wird namentlich
enthalten: 1) Gebete über die verschiedenen Sidras, viele mit Rücksicht
auf einzelne Kapitel. 2) Gebete für alle Festtage des Jahres und die Seelengedächtnisfeiern. 3) Gebete
vor und nach der Konfirmation. 4) Allgemeine Gebete nach Predigten. 5)
Gebete und Rituale für besondere Gelegenheiten, so insbesondere für
Synagogeneinweihung und Einweihung eines Begräbnisplatzes. 6)
Ritualgebete bei Trauungen. 7) Ebenso bei Leichenfällen. 8) Anhang
einiger jüdischer Gebete für Geistliche." |
Besprechung der "Reden über den Talmud in der Synagoge
in Bruchsal, gehalten von Dr. Josef Eschelbacher" (1892)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. September 1892: "Literarischer
Bericht. Zwei Reden über den Talmud in der Synagoge zu Bruchsal,
gehalten von Dr. J. Eschelbacher, Bezirksrabbiner. (Durch den
Synagogenrath dem Druck übergeben). Verlag von Sigmund Mayer in Trier.
Man sollte es kaum für möglich halten und doch ist es so, dass in dem
liberalen Baden, wo der Landesfürst schon so oft seine Missbilligung über
den Antisemitismus ausgesprochen hat, letzterer es doch wagt, bald da,
bald dort, in unverschämter Weise sein freches Haupt zu erheben. So hat
er denn auch vor noch gar nicht zu langer Zeit die Stadt Bruchsal
ausersehen, um von hier aus seine vergifteten Pfeile nach den
verschiedensten Seiten zu senden. Es war deshalb durchaus am Platze, dass
Herr Bezirksrabbiner Dr. Eschelbacher den von den Antisemiten so schwer
angegriffenen Talmud zum Gegenstande zweier Predigten machte, um in erster
Linie die Leute seines eigenen Reviers über das Wesen des Talmuds aufzuklären,
- was in heutiger Zeit leider dringend geboten erscheint – damit sie
wenigstens in den Stand gesetzt werden:
die Juden müssen die von den Antisemiten falsch Belehrten aufzuklären
verstehen und die Sache in richtiger Weise darzustellen im Stande sein.
Nachdem nun Dr. E. die Belehrung im eigenen Lager geschaffen, musste er
bestrebt sein, die Belehrung über den Talmud in weitere Kreise dringen zu
lassen, damit die betörten Glieder derselben auch eine andere Stimme über
diesen Gegenstand vernehmen, alsdann Vergleiche anstellen und zwischen
beiden sich entscheiden können. So ist die uns vorliegende Broschüre
entstanden. Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis desselben zeigt uns schon,
mit wie vielem Fleiße der Verfasser gearbeitet hat. Wir begegnen hier den
Überschriften: ‚Einleitung; Name und Bestimmung des Talmud; Entstehung
und Verbreitung, Studium; Schwierigkeit seines Verständnisses; Irrtümer
und Verleumdungen; das sittliche Ideal der Lehrer des Talmud; dessen
Gegenstand und Inhalt; Stellung gegenüber dem Heidentum; gegenüber einem
reinen, sittlichen Menschentum; gegenüber dem Christentum, Erklärungen
des Talmud zu den Zehngeboten." Vertiefen wir uns aber in den Inhalt der
Broschüre, so müssen wir gestehen, dass jede Zeile uns den Fleiß und
den heiligen Eifer des Verfassers erkennen lässt. Bei jeder Belegstelle
ist die Quelle genau angegeben, sodass man offener und ehrlicher mit den
Gegnern kaum sprechen kann. Vortrefflich ist dem Verfasser die Erklärung
der zehn Gebote im Lichte des Talmuds gelungen, ja so sehr gelungen, dass
wir wünschten, dieselbe dem Unterricht in der Schule zugrunde gelegt zu
sehen. Wir sich von der Richtigkeit unserer Ansicht überzeugen will, den
bitten wir, die Erklärung des zweiten Gebotes sich anzusehen und er wird
uns sicher beipflichten. Der Wert der Broschüre wird noch dadurch erhöht,
dass die Sprache durchweg eine sehr populäre ist, sodass auch der Laie
sie gerne und mit vielem Interesse lesen wird. Indem wir der Broschüre,
deren Lektüre uns selbst so vielen Genuss bereitet hat, einen zahlreichen
Leserkreis wünschen, können wir uns es nicht versagen, den Schluss der
Broschüre auch hier wieder wiederzugeben: ‚Die geplagt werden und nicht
wieder plagen, ihre Schmach hören und nicht erwidern, in Liebe wirken und
in Leiden heiter bleiben, für die gilt,’ so lautet ein Spruch des
Talmuds, ‚das Wort der Schrift, die Gott lieben, deren Licht gleicht der
Sonne, wenn sie hervortritt in ihrer vollen Stärke.’
Dieser Mahnung getreu wollen auch wir aus dem Unrecht und den Schmähungen,
die uns zugefügt werden, nur lernen, nicht also zu tun, wollen in Liebe
zu Gott unsere Lebensarbeit verrichten und trotz aller Leiden die
Heiterkeit des Gemütes uns bewahren. Auch die Sonne geht aus dem Dunkel
auf und sie umhüllt oft Nebel und Gewölk. Siegreich aber tritt sie aus
ihnen immer wieder hervor und sendet über die Erde ihre Strahlen, spendet
Licht und Wärme, weckt Leben und bringt Gedeihen. Es ist Gott, der den
Weg der Menschen führt. Die Sonne seiner Gnade hat seit Jahrtausenden uns
geleuchtet, sie wird auch ferner uns leuchten.’
Worms. Rothschild." |
Ausschreibung der Stelle des Bezirksrabbiners
(1899/1900)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. Januar 1900: "Bekanntmachung.
Die Stelle des Bezirksrabbiners in Bruchsal ist auf 1. April
kommenden Jahres zu besetzen. Der Gehalt beträgt ja nach dem Dienstalter
(von der Approbation an gerechnet) 2.400 – 4.400 Mark neben freier
Wohnung; dazu kommen Bezüge aus Stiftungen und Vergütungen für
Erteilung von Religionsunterricht an öffentlichen Anstalten im Betrage
von 1.800 Mark. Die Pensionsberechtigung ist durch Verordnung geregelt.
Bewerber wollen ihre Gesuche mit Darlegung ihres Lebensganges, sowie mit
den Nachweisen über Staatsangehörigkeit, bestandene Maturitätsprüfung,
Universitätsbesuch, theologische Ausbildung und seitherige Berufstätigkeit
binnen 3 Wochen bei uns einreichen.
Karlsruhe, den 21. Dezember 1899. Großherzoglicher
Oberrat der Israeliten. Der Ministerialkommissär: Becherer." |
Abschied von Bezirksrabbiner Dr.
Josef Eschelbacher (1900)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 23. März 1900: "Bruchsal, 14.
März (1900). Unserem demnächst von hier scheidenden, und nach Berlin übersiedelnden
Bezirksrabbiner, Herrn Dr. Eschelbacher, wurde vergangenen Sonntag von den
Religionslehrern des Bezirks eine in geschmackvoller Ausstattung verfasste
Adresse überreicht. Herr Lehrer Flehinger hier übergab dieselbe nach
voraufgegangener herzlicher Ansprache an den Scheidenden, worin er mit
Recht dessen hohe Verdienste um die Schule und sein warmes Interesse für
alle menschenfreundlichen Bestrebungen hervorhob. Tief gerührt dankte
Herr Dr. Eschelbacher für diese Ehrung und verabschiedete sich von seinen
Lehrern unter den herzlichsten Segenswünschen. Bei dem sich hierauf
anschließenden gemütlichen Teil wurden verschiedene Toaste ausgebracht,
die alle in dem Wunsche gipfelten, dass es dem Scheidenden und seiner
Familie auch in der neuen Heimat wohl ergehen und dass er die gleiche
Anerkennung und Liebe dort finden möge, deren er sich hier in so reichem
Maße erfreuen konnte." |
Auszeichnung für Rabbiner Dr. Josef Eschelbacher (1900)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. April 1900: "Bruchsal, 2. April
(1900). Dem amtlichen Teil der ‚Karlsruher Zeitung’ entnehmen wir,
dass Herrn Bezirksrabbiner Dr. Josef Eschelbacher von Seiner Königlichen
Hoheit dem Großherzog das Ritterkreuz erster Klasse mit Eichenlaub Höchst
ihres Ordens vom Zähringer Löwen verliehen worden ist. Es ist dies eine
Ehrung, die in hiesigen Kreisen, ganz besonders aber in Kreisen der
israelitischen Gemeinde, mit freudiger Genugtuung aufgenommen wird und als
ein Beweis, dass die in langjährigem treuen Wirken erworbenen Verdienste
des Genannten auch an höchster Stelle anerkannt und gewürdigt wurden." |
Rabbiner Dr.
Josef Eschelbacher verlässt Bruchsal (1900)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. April 1900: "Bruchsal,
26. März (1900). Gestern verließ uns mit Familie unser seitheriger
Bezirksrabbiner Dr. J. Eschelbacher, um nach Berlin überzusiedeln. Sein
Weggang wird hier mit allgemeinem Bedauern empfunden, wo er seit 1877
segensreich wirkte. In dieser Zeit hat er sich als Seelsorger die Liebe
und Hochachtung der hiesigen Gemeinde und des Bezirkes in hohem Maße
erworben. Obschon der konservativen Richtung zugetan, wusste Herr Dr.
Eschelbacher sich den Anforderungen der Zeit anzuschließen und bei allen
Gegenströmungen den Frieden in der Gemeinde zu erhalten. Die Anerkennung
dafür fand er bei allen Ständen und Richtungen. Davon zeugte auch die
Abschiedsfeier, die ihm zur Ehre in Form eines
Banketts im großen Saale des Hotels ‚Fortuna’ am 22. Dieses Monats
gegeben wurde. Dieselbe erfolgte in Anwesenheit der fast ganzen hiesigen
Religionsgemeinde, wozu sich auch die Synagogenräte der Landgemeinden
einfangen. Eingeleitet wurde die Feier durch die Städtische Kapelle mit
dem Liede: ‚Die Himmel rühmen etc.’, wonach der Synagogenchor
entsprechende Lieder vortrug. Der hiesige Synagogenvorstand, Herr Louis
Marx, hielt eine schwungvolle Ansprache an den Scheidenden, in der er
dessen Verdienste als Rabbiner, als Lehrer und Vorsteher verschiedener
Vereine, besonders als Begründer des Landesvereines zur Erziehung
israelitischer Waisen rühmend hervorhob. Die Badische israelitische
Religionsbehörde, der Großherzogliche Oberrat, sandte zu seiner
Vertreten die Oberratsmitglieder Leopold Ettlinger und Stadtrabbiner Dr.
Appel von Karlsruhe, welche in herzlichen Ansprachen das schöne Verhältnis
zwischen Rabbiner und Gemeinde hervorhoben, die unermüdliche Tätigkeit
Dr. Eschelbachers auf allen Gebieten anerkannten, besonders die Verdienste
erwähnten, welche sich der Scheidende bei der Landessynode zur Förderung
des religiösen Lebens, der ökonomischen Besserstellung und
Reliktenversorgung der Rabbiner und Lehrer in hervorragender Weise
erworben hat. Letzteres besonders anerkennend, übergaben die Lehrer des
Bezirks eine reich ausgestattete Adresse mit zugrundelegendem Worte des
Propheten Maleachi Kap. 1 Vers 6, welchen auch die übrigen Vorstände der
Vereine folgten. Auch die Schüler und Schülerinnen der höheren
Lehranstalten blieben nicht zurück, ihrem früheren Lehrer ihren Dank
auszusprechen. Dr. med. Kusel feierte die Gemahlin des Scheidenden, wie
sie als ein Muster der Frauen, ebenbürtig ihrem Gemahl, dessen Lehren in
die Wirklichkeit umsetzte, im Wohl tun nicht müde wurde und auf die
liebenswürdigste Weise Jedem entgegen kam. Sichtlich gerührt dankte Herr
Dr. Eschelbacher für alle Beweise der Liebe und Anhänglichkeit, er werde
es seiner bisherigen Gemeinde nie vergessen und für immer sich mit ihr
verbunden fühlen. Hauptlehrer Marx feierte den Landesvater und betonte,
wie sehr dieser edle Fürst alle Bestrebungen zum Guten zu würdigen wisse
und vor Jahren den Scheidenden mit dem Hausorden des Zähringer Löwen
geschmückt habe. Ein brausendes Hoch erfüllte den Saal und tief
ergriffen stimmte man in die Nationalhymne ein. Um auch ein sichtbares
Zeichen der Anerkennung zu geben, spendete die israelitische Gemeinde
nebst vielen wertvollen anderen Geschenken von Vereinen und Privaten einen
Silberkasten mit Tafelbesteck und Widmung. So hatte sich die
Abschiedsfeier zu einem wahren Familienfeste gestaltet. Am Tage seiner
Antrittsrede 1877 hielt Dr. Eschelbacher seine Abschiedspredigt, er
ermahnte zur Eintracht, zum Feststehen im Glauben, zur Wahrung aller
Institutionen, welche zum Heil der Gemeinden seither bestanden und schloss
mit dem Priestersegen. Möge dieser auch für ihn und seine Familie in Erfüllung
gehen!" |
Einsetzung des Bezirksrabbiners Dr. Max Doctor in sein
Amt (1900)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. September 1900: "Bruchsal,
11. September (1900). Am vergangenen Freitagabend fand die feierliche
Installierung unseres neu gewählten Bezirksrabbiners Dr. M. Doctor aus
Breslau statt. Vor Beginn des Gottesdienstes versammelten sich die Herren
Gemeindevorstände mit dem Herrn Rabbiner in dem an die Synagoge sich
unmittelbar anschließenden Betsaal und begaben sich von hier unter
Orgelklang und Chorgesang in das Gotteshaus, wo unser Gemeindevorstand,
Herr Louis Marx, den Seelenhirten seiner Gemeinde vorstellte und sie
ermahnte, ihm die gebührende Hochachtung entgegen zu bringen und dazu
beizutragen, das bisher so lobenswert anerkannte friedliche Verhältnis in
der Gemeinde weiter zu pflegen. Andächtig stehend vernahmen die zahlreich
anwesenden Synagogenbesucher die herzlichen Worte des Redners, wie die in
Form eines Gebetes vorgetragene Erwiderung des Herrn Rabbiners, die mit
den Worten des Psalmisten 25, Verse 4 und 5 schloss. Anderen Tages – es
war zugleich die religiöse Feier des Geburtstages des Großherzogs –
hielt Herr Dr. Doctor seine Antrittsrede, deren Hauptgedanke war, Liebe
und Gerechtigkeit zu pflegen. Eigenschaften, wie solche von seinem
verehrten Vorgänger, dem jetzt in Berlin wirkenden Herrn Dr.
Eschelbacher, in uneigennütziger Weise ausgeübt wurden, den Frieden in
der Gemeinde zu wahren, den Unterricht der Jugend zu einer seiner
wichtigsten und edelsten Angelegenheit zu machen. Mit großem Beifall
wurde die vortreffliche Rede angehört. Möge es unserem Rabbiner in
seiner neuen Gemeinde wohl ergehen und möge er ebenso viel Liebe und
Verehrung finden, wie solche seinem Vorgänger in so reichlichem Maße
zuteil geworden." |
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Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. September 1900: "Bruchsal,
11. September (1900). Am vergangenen Sabbat Kiseze hielt unser für die
hiesige Gemeinde neu gewählter Rabbiner seinen Einzug. Von äußerlichem
Pomp hatte man abgesehen; es waren nicht einmal Vertreter von Behörden,
sowie die Geistlichen anderer Konfessionen eingeladen. Meiner Ansicht nach
hätte dies geschehen sollen, jedoch muss der herrschende Synagogenrat
anderer Ansicht gewesen sein. Am Freitagabend wurde der Rabbiner Dr.
Doktor bei seinem Eintritt in das Gotteshaus, geleitet von dem
Synagogenrat, mit einem vom Chor und Kantor vorgetragenen Boruch
habo, feierlich empfangen. Der jetzige Vorsteher hielt eine kurze
Ansprache, worauf der Rabbiner in wenigen, aber herrlichen Worten,
sichtlich gerührt, für den Empfang dankte. Am Samstagmorgen hielt
derselbe in der dicht gefüllten Synagoge seine Antrittspredigt, die nach
Form und Inhalt eine meisterhafte zu nennen war. Als Text hatte der Herr
Rabbiner die Worte gewählt: (hebräisch und deutsch:) ‚Übe Liebe und
Gerechtigkeit und vertraue auf Gott.’ In pietätvoller Weise wies der
verehrliche Redner zu Anfang seiner Predigt darauf hin, dass er ein sehr
verantwortungsvolles Amt zu übernehmen habe; erstens in seiner
Eigenschaft als Rabbiner und Lehrer, und ferner als Nachfolger des in die
Reichshauptstadt nach 24-jährigem Wirken in hiesiger Gemeinde berufenen
Herrn Rabbiner Dr. Eschelbacher, dessen bedeutende Worte und noch
bedeutendere Taten nicht nur in der israelitischen Gemeinde Bruchsals,
sondern auch im ganzen Großherzogtum Baden mit goldenen Lettern
verzeichnet sind. In
Anbetracht der religiösen Feier des Geburtstages Seiner Königlichen
Hoheit des Großherzogs von baden sagte der Redner etwa Folgendes: ‚Ich
komme als Fremder in dieses Land und habe bisher nur das segensreiche
Walten und Schalten des erhabenen badischen Landesfürsten aus der Ferne
beobachtet und bewundert. Ich freue mich ganz besonders, gerade in dem
Lande dieses edlen Herrschers meinen Beruf ausüben zu können.’
Mit einem schönen Gebete für das Wohlergehen des Großherzogs
schloss die erhebende Feier. Möge es dem neuen Herrn Rabbiner gelingen,
den religiösen Sinn in hiesiger Gemeinde zu erheben und zu fördern, und
früher eingeführte Neuerungen wieder zu beseitigen. L." |
Anzeige der Frau von Rabbiner Dr. Max Doctor (1902)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Juli 1902:
"Gesucht wird zu einem Kinde ein besseres
Kindermädchen, das bereits gedient und etwas Erfahrung im Haushalt
und im Nähen hat.
Frau Rabbiner Dr. Doctor, Bruchsal." |
Dr.
Siegfried Grzymisch wird Rabbiner in Bruchsal als Nachfolger
von Dr. Max Eschelbacher (1911)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. Januar 1911: "In
Bruchsal ist Herr Dr. Grzymisch, ein Schüler des Breslauer Seminars zum
Rabbiner gewählt worden. Der frühere
Bruchsaler Rabbiner, Dr. Max Eschelbacher, hat sein neues Amt in Freiburg
nunmehr definitiv angenommen." |
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Artikel im
"Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 6. Januar 1911: "Bruchsal.
Die durch die Versetzung Rabbiners Dr. Eschelbacher nach Freiburg frei gewordene
hiesige Rabbinerstelle erhält Dr. Grzymisch, früher zweiter Rabbiner in
Magdeburg." |
Zum Tod des ehemaligen Bezirksrabbiners Dr. Josef Eschelbacher (1916)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 22. Dezember 1916: "Bruchsal,
15. Dezember (1916). Ein Dasein, reich an Tugend und Segen, ist mit dem
Tode des Rabbiners Dr. Josef Eschelbacher seligen Andenkens zum Abschluss
gelangt. Die hervorragenden Punkte dieses Lebens und Wirkens hat die jüngste
Nummer dieser Zeitung bereits dargestellt: Allein dieses Bild ist unvollständig
ohne die Zeit, die der Verklärte in Bruchsal zugebracht hat, denn hier
hat sich sein Wesen aus der zarten Knospe entwickelt. Er kam von seiner
Ausbildungsstätte, dem Jüdisch-theologischen Seminar in Breslau, als er
in Bruchsal das Amt des Bezirksrabbiners übernahm. Das war im Jahre 1877.
Dass im Jahre 18790 – also nicht lange nach seinem Amtsantritt – der
neue israelitische Friedhof angelegt und 1880/81 die neue Synagoge der
Gemeinde gebaut und eingeweiht wurde, schon das lässt auf die eifrige Tätigkeit
des jungen Rabbiners schließen. Dankbar erinnern sich noch heute viele
seiner Hörer und Schüler, wie er durch die Predigt und den
Religionsunterricht auf ihren Geist und ihr Gemüt gewirkt hat. Seiner
hingebenden Mitarbeit und Förderung haben sich auch die Wohltätigkeitsvereine
der Gemeinde erfreut. Denn ernste, volle, gewissenhafte Erfüllung aller
seiner Berufspflichten war ihm ein tiefinneres Bedürfnis, Ausfluss seiner
lauteren Frömmigkeit und starken Liebe zum Judentum, dessen Schriften er
fort und fort studierte und dessen Kenntnis er durch Aufsätze förderte.
Dabei hat er im Leben durch sein schlichtes, freundliches, gütiges Wesen
gegen jedermann sich ebenso die Herzen gewonnen wie seine Gattin durch
ihre bezaubernde Liebenswürdigkeit und ihr aus reicher Herzensgüte
hervorblühendes, ratloses, wohltätiges Wirken. Desgleichen hat er auch
seinen anderen Bezirksgemeinden seine warme Fürsorge angedeihen lassen.
Doch weit über diesen Kreis hinaus ging sein Sorgen und Schaffen, es
erstreckte sich über die Glaubensgenossen des ganzen Badener Landes. Er
brachte im Jahre 1888 die Gründung eines über ganz Baden ausgebreiteten
Vereins zustande, welcher sich die Aufgabe stellte, armen, unmündigen
Waisen beizustehen, indem er ihre Erziehung durch geeignete Familien völlig
übernahm oder ihren bedürftigen Müttern jährliche Erziehungsbeiträge
zukommen ließ, auch für ihre berufliche Ausbildung sorgte. Diesem
Waisenverein hat er durch eine nimmermüde, umsichtige Werbearbeit und
eine zwölfjährige vortreffliche Leitung zu hoher Blüte verholfen. Der
Verein ist ein Kulturwerk ersten Ranges und noch heute der Stolz der
badischen Judenheit, da er auf diese Weise jährlich weit mehr als hundert
Waisen versorgt. Die Verdienste des Heimgegangenen fanden auch ihre
gerechte Würdigung. Er wurde schon in die erste Synode der badischen
Israeliten (1894) hinein gewählt und dort zum stellvertretenden
Vorsitzenden erhoben, was auch in der zweiten Synode (1898) der Fall war.
Er gehörte auch in der Zwischenzeit dem Synodalausschuss an. Außerdem
verlieh ihm Seine Königliche Hoheit der Großherzog zuerst (1894) das
Ritterkreuz erster Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen und dann bei
seinem Weggange (1900) das Eichenlaub dazu. Bei diesem seinem Scheiden von
Bruchsal und Baden nach 23-jähriger Tätigkeit begleitete ihn das
allgemeine Bedauern über seinen Verlust und die warme Dankbarkeit für
sein segensreiches Wirken. Diese Dankbarkeit ist nicht erloschen, sie
senkt sich jetzt als liebliche Edelblume auf sein Grab, um ihren Duft fort
und fort auszuströmen. ‚Das Andenken des Gerechten sei zum Segen.’" |
Zum Tod der Witwe von Rabbiner Dr. Eschelbacher - Ernestine Eschelbacher
(1931)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juli 1931: "Berlin, 26. Juli
(1930). Mit Frau Rabbiner Dr. Ernestine Eschelbacher ist in diesen Tagen
der jüdischen nationalen Trauer, eine Persönlichkeit eigener Prägung
dahingegangen. Aus ihrer süddeutschen Heimat, in dem von der alten jüdischen
Art erfüllten Milieu des Elternhauses, in welchem sie mit 14 Geschwistern
aufwuchs, hat sie die treuherzige, ehrliche, aufrichtige Liebe zum
Mitmenschen ins Leben mitgenommen und bis in ihre letzten Tage sich
bewahrt. Ihr klarer offener Blick für alles Gute und Jüdische, ihre
schriftstellerische und rednerische Begabung, gaben ihr die Möglichkeit,
auf die wichtigsten jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen bestimmenden
Einfluss auszuüben. So hat sie die ‚Fürsorge für verlassene Frauen’
und den Schwesternbund der Loge großzügig organisiert, Säuglings- und
Kinderfürsorge ausgebaut und einer ganz unabsehbaren Zahl von Einzelfällen
mit ihrem klugen Rat wertvolle Hilfe geleistet. Ihre Güte und ihre Liebe
zum Mitmenschen war aber nicht nur lauene oder etwa eine unkritische Gutmütigkeit,
vielmehr war sie erzogen und gepflegt durch eine gewissenhafte Frömmigkeit
und ein echt jüdisches Gottvertrauen. Wenn daher in hohem Maße von ihr
das Wort gilt, dass sie die Menschen liebte und ein gütiges,
wohlwollendes Verstehen für ihre Schwächen besaß, so wurden diese
seltenen Eigenschaften gekrönt durch das "Näher
bringen zur Tora’, ihre Schwestern dem jüdischen Ideal der Tauroh
(= Tora) näher zu bringen.
Als
sie gemeinsam mit ihrem Gatten, dem seligen Rabbiner Dr. J. Eschelbacher,
vor drei Jahrzehnten den kleineren badischen Wirkungskreis verließ, hat sie als treue Gefährtin an seiner Seite einer
allem Jüdischen
entfremdeten Welt durch edles Menschentum und treue Hingabe an das als
Pflicht Erkannte, für die alte Jüdischkeit gewirkt und jüdischem Denken
und Empfinden in die Herzen weiter Kreise Eingang verschafft. So hat sie
den alten Begriff der Rebbezin erneuert und dem neuen Zeitalter alte
Ideale wieder erschlossen. Besonders hervorzuheben ist das echt jüdische Gottvertrauen,
das auch die Grundlage ihrer großen Lebensfreude und frohen Heiterkeit
gebildet hat und dem sie bis zu ihrem 73-jährigen Geburtstag, dem Tag
ihres Todes, treu geblieben ist.
In allen Waltungen des Lebens hat sie ein
Geschenk Gottes erblickt und nach dem Worte ‚Gepriesen
sei Gott an jedem Tag’ dem Ewigen gedankt für alles, was der Tag
und das Leben ihr zugetragen.
So ist sie selbst zu einem Geschenk
geworden, das die göttliche Fürsorge unserem, an wahrem Idealismus so
armen Zeitalter geschenkt hat. So werden auch ihr Andenken und die Liebe,
die auch sie bei den Mitmenschen gefunden hat, segensreich weiter wirken
über das Grab hinaus. H.C."
|
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Kantors, Religionslehrers und
Schächters (1878 / 1879 / 1880)
Anzeige in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. August 1878: "In der
hiesigen Gemeinde ist die mit einem jährlichen Einkommen von mindestens
2.000 Mark verbundene Stelle eines zweiten Kantors, Schächters und
Religionslehrers baldigst zu besetzen. Notwendige Bedingungen sind: eine
bereits durch längere Übung gewährte Fähigkeit in der Schechita (Schächten),
sowie die zur Leitung eines Synagogenchors erforderlichen musikalischen
Kenntnisse. Geeignete Bewerber wollen ihre Gesuche und Zeugnisse über
ihre bisherige Tätigkeit und sittlich-religiöse Führung bis zum 15.
September an Herrn Bezirksrabbiner Dr. Eschelbacher hier einsenden. Nur
den zu einem Probevortrag Berufenen wird eine Vergütung der Reisekosten
gewährt.
Bruchsal, den 18.
August 1878. Der Synagogenrat Ferdinand Nöther." |
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Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. August 1878: Gleichlautend wie
Anzeige in der "Allgemeinen…" |
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Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Juni 1879: "Bei der israelitischen
Gemeinde in Bruchsal ist die Stelle eines Religionslehrers, Schächters
und zweiten Kantors baldigst wieder zu besetzen. Das Einkommen aus dieser
Stelle beträgt ca. 2.300 Mark, auch ist reichlich Zeit und Gelegenheit
zur Erteilung von Privatunterricht vorhanden. Qualifizierte Bewerber
wollen ihre Meldungen und Zeugnisse schleunigst an Herrn Bezirksrabbiner
Dr. Eschelbacher senden.
Bruchsal (Baden), den 15. Juni 1879. Der
Synagogenrat Ferdinand Nöther." |
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Anzeige in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. November 1880: "In unserer Gemeinde
ist die mit einem jährlichen Einkommen von 2.300 bis 2.500 Mark
verbundene Stelle eines Kantors, Religionslehrers und Schächters demnächst
zu besetzen. Musikalisch gebildete Bewerber wollen ihre Meldungen und
Zeugnisse bis zum 15. Dezember an den Bezirksrabbiner Herrn Dr.
Eschelbacher hier einsenden.
Bruchsal,
den 31. Oktober 1880. Der Synagogenrat Ferdinand Nöther." |
Auszeichnung für Hauptlehrer Marx (1890)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. September 1890: "Bruchsal, 18.
September (1890). Anlässlich seines 50-jährigen Lehrerjubiläums erhielt
Herr Hauptlehrer Marx von Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog von
Baden die goldene Verdienstmedaille. Herr Marx ist ein sehr religiöser
Mann und allgemein beliebt."
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Bezirkskonferenz der israelitischen Religionslehrer
(1891)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. März 1891: "Aus dem Bezirke
Bruchsal (Baden), 17. November 1890. Was die einzelnen Lehrer unseres
Bezirkes so lange ersehnten, ist durch den Bezirksrabbiner, Herrn Dr.
Eschelbacher in Bruchsal endlich verwirklicht worden. Es war die am 26.
vorigen Monats in Bruchsal abgehaltene Lehrerkonferenz der israelitischen
Lehrer unseres Bezirks. Um uns nun des hohen Wertes dieser Konferenz recht
bewusst zu werden, wollen wir einen Rückblick auf die Tätigkeit
derselben werden. Nachdem an dem genannten Tage nachmittags 2 Uhr sämtliche
Lehrer des Rabbinatsbezirkes Bruchsal, sowie auch einige Freunde der
Schule, sich im Betsaals in Bruchsal eingefunden hatten, wurde die
Konferenz von Herrn Dr. Eschelbacher eröffnet. Das waren Worte, die er zu
uns sprach, Worte, die nur dem Munde eines wahren Lehrerfreundes entfließen,
und Worte, die das hohe Ziel der Konferenz so klar machten, dass alle
Anwesenden, was sie auch sonst ein einander trennen möchte, in derselben
ihren Vereinigungspunkt erblickten.
Das erste Referat hatte Herr Hauptlehrer Marx – Bruchsal übernommen
und derselbe sprach in wohl durchdachter Rede mit zündenden Worten über
‚die Disziplin des Religionsunterrichtes’; er kam zu dem Resultat,
dass dieselbe in konzentrischer Weise so früh wie möglich beginnen müsse.
(? Red.). Als zweiter Referent trat Herr Kahn – Untergrombach und als
Korreferent Herr Herz – Heidelsheim auf. Beide Herren sprachen in Übereinstimmung
mit den Ansichten der übrigen Konferenzmitglieder über das Schiur-Lernen.
Es wäre zu weitläufig, wollte ich hier die diesbezüglichen Erörterungen
wiederholen, soviel steht fest, dass sich beide Herrn Kollegen ihrer
Aufgabe aufs Beste entledigt haben.*)
Zum Schlusse ergriff nochmals Herr Dr. Eschelbacher das Wort, um über
die Aussprache, namentlich der Vokale der hebräischen Sprache zu
referieren. Dieser Vortrag war insofern höchst interessant, als Herr Dr.
Eschelbacher an der Hand anderer Sprachen unseren so genannten
aschkenasischen Sprachgebrauch als für uns maßgebend begründete. Als
Schriftführer fungierte Herr Flehinger- Bruchsal, dem an dieser Stelle für
seine Bemühung der Dank der Konferenz überbracht werden soll.
Wir haben nun gesehen, dass Herr Dr. Eschelbacher eine schöne und
sogleich sehr anregende Institution ins Leben gerufen hat und in der Tat,
Männer, die das Schöne und Gute lieben, sind unserer Achtung wert. Wer
durch seltene Talente befähigt ist, Außerordentliches zu leisten, und
mit diesen Eigenschaften den Willen verbindet, seine Kräfte zum Besten
der Menschheit anzuwenden, hat Anspruch auf unsere ganz besondere
Ehrfurcht und Bewunderung und wir sind verpflichtet, ihm durch unsere
Hochachtung zu zeigen, dass wir seine Verdienste zu schätzen und zu würdigen
wissen." -
*) Das wäre ein Thema, dessen geschickte Behandlung seines eines Kollegen
sehr erwünscht und am Platze wäre. Die Spalten der ‚Blätter für den
israelitischen Schullehrer’ stehen solchen Arbeiten jederzeit offen.
Red.) |
Bezirkskonferenz der israelitischen Religionslehrer (1893)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. September 1893: "Bruchsal. Am 25.
Juni fand dahier eine Lehrerkonferenz statt. Herr Bezirksrabbiner Dr.
Eschelbacher begrüßte die Anwesenden mit einem herzlichen
‚Willkommen’. Derselbe betonte sodann, dass eine Konferenz nichts
Gezwungenes sei, sondern lediglich dazu führe, um den Lehrern Gelegenheit
zu geben, ihre Gemeindeverhältnisse, namentlich in Betreff des
Religionsunterrichts, miteinander zu besprechen, zu prüfen, um schließlich
das Beste davon zu behalten. Herr Lehrer Flehinger – Bruchsal führte in
einem Vortrag aus, dass die Lehrer darauf bedacht sein sollen, den Kindern
beim Unterricht das korrekte Aussprechen der Endsilben anzugewöhnen, da
dieselben, häufig verschluckt, das Wort entstellen und dann zumeist noch
im Alter unrichtig gelesen werden. Ferner behandelte Herr Flehinger die
Vokale und machte darauf aufmerksam, wie die verkehrten Laute der Vokale
das Wort vollständig in seinem Sinn entstellen können. Lehrer Traub –
Malsch hielt dann einen Vortrag über die Gebete in unserer Tefila. Er wies darauf hin, wie gerade unsere Tefila dazu geeignet ist, den religiösen Geist bei den Kindern zu
wecken. Redner ging die Gebete einzeln durch. Das dritte Referat hatte
Herr Lehrer Neuburger – Philippsburg übernommen, der die biblische
Geschichte bei den Kindern als vorzügliches Mittel vorführte, um deren
Interesse für den Religionsunterricht zu steigern. Nach diesen Vorträgen
wurde vom Rabbiner die Diskussion eröffnet, woran sich alle Anwesenden
lebhaft beteiligten. Den drei Referenten wurde von allen Seiten lebhafte
Anerkennung für ihre vortrefflichen Leistungen gezollt. Hierauf schloss
unser Rabbiner die Konferenz. Das Mittagessen wurde im Hotel Meier
gemeinschaftlich eingenommen. Worte
der Tora und verschiedene Toaste trugen zur Gemütlichkeit der
Unterhaltung bei. Levin." |
Zum Tod von Lehrer Max Flehinger (1910)
Artikel im
"Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 12. August 1910: "Bruchsal.
Max Flehinger, einer der angesehensten jüdischen Lehrer Badens, ist im
66. Lebensjahre verschieden." |
Bezirkskonferenz der israelitischen Religionslehrer (1911)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 22. Dezember 1911: "Bruchsal,
15. Dezember (1911). Die Konferenz der israelitischen Religionslehrer des
Rabbinatsbezirks Bruchsal, die von sämtlichen Lehrern des Bezirks und
einer Vertretung des Synagogenrats Bruchsal besucht war, tagte am Sonntag
den 19. November im Betsaal der Synagoge in Bruchsal. Die Versammlung
wurde von Herrn Bezirksrabbiner Dr. Grzymisch mit Begrüßungsworten eröffnet,
auf welche dann Herr Stadt L. Marx als Vertreter des Synagogenrats
erwiderte. Hierauf erhielt Lehrer Neuburger – Philippsburg das Wort zu
seinem Vortrage: ‚Welches ist im Hebräischen die beste Übersetzungsmethode.’
Das Koreferat zu diesem Thema hatte der Vorsitzende, Herr Bezirksrabbiner
Dr. Grzymisch übernommen. Derselbe legte im Einzelnen die Mängel der
bisher geübten Übersetzungsmethode dar und empfahl ein zweckmäßigeres
Verfahren. Eine rege Erörterung schloss sich an diese Darlegungen an.
Beide Vorträge fanden im allgemeinen Zustimmung. Es folgte ein Vortrag
des Lehrers Bravmann – Bruchsal über ‚die Stellung des jüdischen
Lehrers auf dem Lande’. Der Vorsitzende dankte dem Vortragenden für
seine klaren Ausführungen, die viel Zutreffendes enthielten. Während der
Pause hatten sich die Lehrer mit ihrem Vorsitzenden noch gemütlich
zusammengefunden und schieden nunmehr mit dem einmütigen Gefühl,
lehrreiche und erhebende Stunden verlebt zu haben." |
Über die Betreuung der Israelitischen Insassen in der Zentralstrafanstalt
Bruchsal
Bericht über die Betreuung der israelitischen Insassen der Strafanstalt (1839)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. März 1841: "Bruchsal (Großherzogtum
Baden). Im Februar (1839). Als Beweis, wie die badische Regierung mit
gleichem Interesse auch für die Pflege unseres Glaubens sorge, möge
folgende Tatsache dienen. – Es wird jetzt nämlich, auf Anordnung des
Großherzoglichen Justizministeriums, in der hiesigen Strafanstalt, auch
den Israelitischen Gefangenen Religionsunterricht erteilt. Die
betreffenden Erlasse hierüber teile ich hier wörtlich mit:
Justizministerium. Beschluss. Karlsruhe,
2. November 1839. 2) Die
Zucht- und Korrektionshaus-Verwaltung in Bruchsal hiervon zu
benachrichtigen, auf angemessene Weise den Bezirksrabbiner in Bruchsal darüber
zu vernehmen, ob er nicht geneigt sei, die religiöse Sorge für die
Israelitischen Gefangenen in der dortigen Anstalt zu übernehmen.
Jolly. No. 1126. Indem wir diesen hohen Erlass Großherzoglichen
Justizministeriums abschriftlich wohllöblichem Bezirks-Rabbinate zur
Kenntnisnahme mitteilen, wollen wir baldgefälliger Erklärung entgegen
sehen, ob man dortseits geneigt sei, den hier einsitzenden Israelitischen
Gefangenen Religionsunterricht zu erteilen und in welcher Weise sofort
dies geschehen werde. Bruchsal,
den 6. November 1839. Großherzogliche Zucht- und
Korrektionshaus-Verwaltung. Dr.
Hergt.
Von
Seiten des Bezirksrabbinats wurde natürlich gerne die Hand geboten und
zugleich darauf angetragen, dass den Israelitischen Sträflingen wieder
wie früher die so genannte Koscherkost verabreicht werde, damit doch
nicht die Möglichkeit genommen wäre, nach den Grundsätzen und
Vorschriften unserer Religion, deren Wichtigkeit und Lehren ihnen gezeigt
und eingeprägt werden sollen, zu leben; worauf nun folgende Rückschrift
erfolgte. -
No. 1542.
Wohldemselben teilen wir den hohen Justizministerial-Erlass vom 29.
November dieses Jahres No. 5169 folgenden Inhaltes mit:
‚Man wird es mit Dank anerkennen, wenn Bezirksrabbiner Präger
den Israelitischen Sträflingen im Zucht- und Korrektionshaus zu Bruchsal
in der Woche zweimal Religionsunterricht erteilt und an Sabbaten und
anderen Feiertagen ihren Gottesdienst leitet. Auch genehmigt man, |
dass die nötige
Anzahl Exemplare der Heiligen Schrift angeschafft werden, um jedem Sträflinge
eines zustellen zu können. Auf die Wiedereinführung der Koscherkost
vermag man, weil die früheren Umstände noch immer obwalten, nicht
einzugehen.’
Wohlderselbe
wolle sich nunmehr darüber äußern, an welchen Tagen und zu welchen
Stunden der Unterricht erteilt werden wolle und zugleich diejenige Ausgabe
der Heiligen Schrift bezeichnen, welche zum gebrauche der Israelitischen
Sträflinge am geeignetsten wäre. Dr.
Hergt.
Referent dieses
erteilt nun wirklich seit jener Zeit im Namen seines Vaters, der hier
Bezirksrabbiner ist, den Religionsunterricht nach der Bibelübersetzung
von Dr. Salomon und hält an Sabbaten und Feiertagen religiöse Vorträge,
verbunden mit wechselseitigem Rezitieren von deutschen Psalmen und
deutschen Gebeten. M. Präger, cand.theol.mos.
In der neuesten Zeit ist bei dem hier garnisonierten
Dragonerregiment ein Jude für einen Christen in Dienst getreten." |
Bericht über die Betreuung der israelitischen Insassen der Strafanstalt (1846)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. Oktober 1846: "Als Beweis für
die unseren Angelegenheiten günstige Stimmung unserer Regierung möge
Folgendes dienen. In Bruchsal wird eine Zentralstrafanstalt für das ganze
Großherzogtum nach pennsylvanischem System erbaut und durch die
Vermittlung des großherzoglichen Oberrats für die israelitischen Sträflinge
eine besondere Synagoge eingerichtet. – In den bereits dort bestehenden
Strafanstalten wird seit 6 Jahren durch den Rabbinatsadjunkt Präger wöchentlich
zweimal Religionsunterricht erteilt, und Sabbate und Festtage Gottesdienst
verbunden mit Predigt gehalten. Der günstige Erfolg des Unterrichts hat
das Justizministerium veranlasst (nachdem nämlich der Referent,
Ministerialrat von Jagemann, die Prüfung vorgenommen hatte), die
Israeliten aus allen übrigen Strafanstalten in die dortigen zu senden.
Durch Antrag und Verwendung des großherzoglichen Oberrats wurde vom
Justizministerium dieses Jahr sogar eine bestimmte Besoldung für den
Rabbinatsadjunkten im ordentlichen Budget aufgenommen (während derselbe
bisher seinen Gehalt nur als Gratifikation bezogen hatte). Der
Bericht der Budgetkommission über das ordentliche und nachträgliche
Budget der Jahre 1846 und 1847, erstattet von dem Abgeordneten Hecker in
der öffentlichen Sitzung vom 21. August 1846, stellt S. 299 den Antrag, für
die Erteilung des israelitischen Religionsunterrichtes eine jährliche
Besoldung von 50 Gulden zu genehmigen, welche Position von der Kammer ohne
Widerrede angenommen wurde. – In einem Lande nun, wo der Regent so
huldvoll von seinen israelitischen Untertanen denkt, und die Regierung
jede Gelegenheit benutzt, die israelitische Religion und ihre Bekenner
gesetzlich zu heben und dabei eine Volksvertretung, welche diese Richtung
billigt und wünscht, in einem solchen Lande ist an der baldigen völligen
Gleichstellung nicht zu zweifeln. Möge der Allweise es bestätigen und
zum Heil und Segen für uns werden lassen!" |
Ausführlicher Bericht über die Strafanstalt, die Synagoge und die Betreuung der israelitischen Insassen
(1849)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. November 1849: "Bruchsal
(Baden), im Oktober. Ein eigentümliches und wichtiges Feld der
Pastoraltheologie ist die religiöse Pflege und Behandlung der Sträflinge.
Die Gesetzgebung hat diesem Zweig ihrer Tätigkeit die größtmögliche
Aufmerksamkeit gewidmet und mit Recht die religiöse Einwirkung als
wesentliche Aufgabe und Mitte zur Besserung betrachtet. – Insofern sie
dieses, wie im Großherzogtum Baden, vorzüglich auch auf die
israelitischen Gefangenen ausgedehnt, ist Ihr Blatt berufen und
verpflichtet, das Hierher gehörige den Lesern mitzuteilen.
Bekanntlich gibt es für Strafanstalten ein dreifaches System, das
alte – mit gemeinsamer Arbeit und gemeinsamen Schlafsälen – das
Aubernische oder so genannte Schweigsystem, mit isolierten Schlafzellen
und gemeinschaftlichen Arbeitssälen, wobei jedoch die Sträflinge
hintereinander sitzen und ein ununterbrochenes Schweigen zu beobachten
haben, und endlich das pennsylvanische oder Zellensystem, bei dem die Sträflinge
immer isoliert in ihren Zellen bleiben, sowohl zur Arbeit, als beim Essen
und Schlafen. Diese
drei Systeme sind in den drei hier befindlichen Anstalten vertreten, das
alte Männerzucht- und Arbeitshaus, nach dem ersten, die Zentralanstalt für
weibliche Gefangene nach dem zweiten und die Zentralanstalt für männliche
Sträflinge nach dem dritten. Die
letzte Anstalt besteht erst seit Oktober 1848, die beiden früheren schon
lange; in den drei Anstalten befinden sich israelitische Sträflinge; im
Augenblicke sind in der ersten ein Jude, in der Weiberanstalt drei
Israelitinnen, und im neuen Männerzuchthaus (Pennsylvanien) bei 400
Gefangenen sechs Israeliten und ich bin schon seit neun Jahren in diesen
Anstalten als israelitischer Geistlicher beschäftigt.
Um ihren Lesern ein getreues Bild von diesen Anstalten und ihren
Wirkungen zu geben, will ich dieselben etwas näher beschreiben. |
In dem so
genannten Arbeits- oder allgemeinen Zuchthause befinden sich die Sträflinge,
welche wegen geringerer Vergehen eingeliefert werden. Dieselben werden
durch die verschiedensten Arbeiten und Handwerke in gemeinschaftlichen
Arbeitssälen beschäftigt, erhalten von einem besonders angestellten
Lehrer Elementarunterricht und durch die Geistlichen sowohl
Religionsunterricht als Gottesdienst. Zu diesem Zwecke werden ihnen
verschiedene Erbauungs- und Belehrungsschriften mitgeteilt. – Jeder
Arbeits- und Schlafsaal ist zwar von einem Aufsehen überwacht,
nichtsdestoweniger werden die Besseren, weniger Entsittlichten entweder
verhöhnt oder zu gleichen Schlechtigkeiten mit fortgerissen, sodass hier
zuweilen bei aller Aufsicht und Anstrengung der Beamten und Lehrer die
Anstalt eher schlimmer als besser macht.
Etwas besser und zweckmäßiger ist schon das Aubernische System,
indem der Einzelnen, wenn sie ein besseres Gefühl hat, freisteht, sich in
ihre Zelle zurückzuziehen; außerdem können durch das so genannte
Schweigsystem, wenn es strenge eingehalten wird, Versuche zur Verführung
weniger vorkommen. Am
Zweckmäßigsten und Interessantesten ist jedoch das neue Männerzuchthaus.
Dieses bildet gleichsam eine Festung von einer hohen Mauer mit acht Türmen
rings umgeben. In der
Mitte des Ganzen ist ein Turm, von dem nach vier Seiten hin die Flügel
mit den Zellen der Gefangenen sich ausdehnen. Sie sind der Art gebaut,
dass man zugleich alle drei Stockwerke übersieht, indem ringsherum frei hängende
eiserne Gänge führen. Im
Mittelbau befinden sich im mittleren Stockwerke die Arbeitszimmer der
Beamten, im dritten Stockwerke die Schulzimmer und Geschäftszimmer der
Geistlichen und im vierten Stocke die Kirche und die Synagoge.
Die Zellen sind sehr freundlich, werden durch Luftheizung erwärmt,
enthalten außer einer eisernen Bettstätte, die bei Tage aufgeheftet
werden, noch einen Tisch und einen Stuhl, Beide an der Wand befestigt, und
ein Etagé, worauf die Gefangenen die gewöhnlichen Bedürfnisse ablegen können.
Dieselben erhalten Kalender, Bibel, Gebetbuch und andere
Erbauungsschriften und sind in den verschiedensten Handwerken beschäftigt.
Täglich werden sie zweimal in die frische Luft geführt, jedoch
so, dass sie auch dann isoliert bleiben, indem in jedem der vier Höhe,
die je zwischen zwei Flügeln liegen, eine Ronde sie befindet, von dem,
wie die Radien eines Kreises, einzelne Mauerarme auslaufen, die von außen
durch eine eiserne Stange, und von innen durch eine Türe geschlossen
sind. Sobald die
Sträflinge ihre Zelle verlassen, müssen sie sich mit einer Mütze
bedecken, deren Schild das ganze Gesicht bedeckt und für die zwei Augen
Ausschnitt hat. Jede
Zelle hat ihre Nummer, die auch der Sträfling, sobald er seine Zelle verlässt,
anhängt. Sämtliche
Beamte der Anstalt haben täglich einen Teil der Gefangenen zu besuchen,
so zwar, dass jeder Einzelne sechs Besuche im Tage erhält, um ihn gegen
Irr- und Tiefsinn zu schützen. Es ist indes im Laufe dieses Jahres,
seitdem die Anstalt eröffnet ist, kein Fall der Art vorgekommen.
Die Kirche und die Synagoge sind so eingerichtet, dass alle Sträflinge
den geistlichen und dieser jene sieht, ohne dass sie selbst sich
gegenseitig sehen können, indem jeder einzelne Sträfling in einem
eigenen Kasten in der Form eines Beichtstuhles sitzt, und diese alle gegen
den Altar sich richten. Wenn
auch für den äußeren Anblick die Strafe eine sehr harte, und wie sich
Manche ausdrücken, unbarmherzige scheint, so wird doch gewiss Jeder, der
Gelegenheit hat das Gefängniswesen im Allgemeinen und das pennsylvanische
ins Besondere zu beobachten, dem letzteren den Vorzug geben, indem dieses
offenbar den Zweck der Strafe, die Besserung, wenn je, am Sichersten
erreicht. Während in
den alten Anstalten die Rückfälligen sich immer mehrten, werden sie hier
zu den größten Seltenheiten gehören; während dort der günstige
Einfluss, den die Predigt und der Religionsunterricht oder die religiöse
Besprechung des Geistlichen hervorgerufen, durch die Einflüsterungen und
Neckereien und Verhöhnungen der übrigen Sträflinge paralysiert wurde,
so wirkt das Alleinsein wohltätig und unterstützend auf die religiöse
Belehrung. Die Synagoge
enthält die Sitzplätze für die Gefangenen, eine Kanzel und Betpult für
die Geistlichen und einen Tabernakel mit einem Vorhange. Es wurden auf
Kosten der Anstalt, auf Antrag großherzoglichen Oberrates, ein
Dienstornat für den Rabbinen, hebräische und deutsche Bibeln, Religionsbücher,
Erbauungs- |
schriften,
zum Beispiel das Leben der Patriarchen von Dr. Simmerfeld, Susan Edut von
Mendelssohn, angeschafft.
Der Gottesdienst für jeden Sabbat ist folgender:
1) ein deutsches Gebet; 2) responsenweiser Vortrag von drei oder
vier der gewöhnlichen Betpsalmen; 3) der erste Abschnitt von Schema; 4)
die vorgeschriebenen Verse beim Ausheben der Tora; 5) Vorlesen des
Wochenabschnitts in deutscher Sprache! 6) Vorlesen der Haphtora in eben
dieser Sprache; 7) Predigt; 8) Aschre responsenweise; 9) ein deutsches
Gebet. Im
Laufe der Woche schreiben die Sträflinge den Inhalt der Predigt nach
ihrer subjektiven Auffassung nieder, welches ich jedes Mal beim
Zellenbesuche, neben anderen religiösen Besprechungen, durchgehe.
Dasselbe Verfahren ist für den Religionsunterricht, der zweimal wöchentlich
akromatisch erteilt wird. Ein kleiner Teil des Katechismus wird verlesen
und darüber gesprochen, beim Zellenbesuch hingehen erst eigentlich
katechisiert, weil, wenn die Sträflinge beisammen sind, dieselben sich
auch nicht vereinzelt sprechen hören sollen.
Unsere Regierung hat sich durch diese Einrichtung ein großes
Verdienst im Allgemeinen und insbesondere für die Israeliten erworben.
Denn ein großer Teil der Sträflinge ist jedes Wissens bar und es liegt
die Vermutung sehr nahe, dass diese Unwissenheit mit zum sittlichen
Verderben beigetragen. Aus
dem Vorhergehenden ist schon ersichtlich, wie sehr die Regierung auch für
die religiöse Pflege der Israeliten besorgt ist,
es wird dies aber noch deutlicher durch die Dienstinstruktion hervorgehen,
die mir vom Justizministerium gegeben wurde und die ich Ihnen hier
abschriftlich mitteilen.
Dienstinstruktion für den israelitischen Hausgeistlichen bei der
neuen Männerstrafanstalt in Bruchsal.
§ 1. Dem israelitischen geistlichen in der Anstalt liegt ob:
1) die Abhaltung des Gottesdienst und 2) des Religionsunterrichtes,
3) die seelsorgliche Besprechung mit den Gefangenen in den Zellen,
4) die nächste Aufsicht über die Beschäftigung der Gefangenen in den
Freistunden, 5) die Mitüberwachung
ihres Briefwechsels 6) die
amtliche Korrespondenz mit den Heimatgeistlichen bei und nach der
Entlassung der Gefangenen.
§ 2. Der israelitische Geistliche steht dienstpolizeilich
unmittelbar unter dem Justizministerium, bezüglich der Hauspolizei aber
unter dem Vorstand der Anstalt *). Er ist nicht ordentliches Mitglied des
Aufsichtsrates, jedoch zu den Sitzungen beizuziehen, so oft es sich um
einen Gegenstand handelt, der seinen Wirkungskreis berührt.
§ 3. In Urlaubs- und sonstigen Verhinderungsfällen hat der
Geistliche dem Aufsichtsrat Stellvertreter vorzuschlagen. Sollten
dieselben nicht annehmbar scheinen, so wird der Aufsichtsrat Verfügung
des Justizministeriums einholen.
§ 4. Jeden Sabbat und Feiertag soll er einen Gottesdienst,
insoweit der Ritus Solchen erlaubt, und jede Woche zweimal
Religionsunterricht halten.
§ 5. Er erhält den Schlüssel zu allen Zellen und jeweils
Benachrichtigung des Ab- und Zugangs der Gefangenen, Letztere unter Beifügung
der erforderlichen Notizen über persönliche Verhältnisse.
§ 6. Bezügliche Aufmerksamkeit hat er auf die Gefangenen in den
Aufnahms-Kranken- und Strafzellen, sowie auf die Gemütsschwachen und Gemütsleidenden
in den Gefängniszellen zu richten.
§ 7. Er soll jeden Gefangenen seiner Religion wenigstens zweimal wöchentlich
auf den Zellen besuchen und bei jedem 3-10 Minuten verweilen. Dabei sucht
er den religiösen und moralischen sinn möglichst zu wecken und in den
Predigten, im Religionsunterrichte oder durch Bücher den Gefangenen zugeführten
besseren Gedanken und Grundsätze zu erläutern und die
*) Der Aufsichtsrat bildet
die Mittelstelle zwischen dem Vorstand des Hauses und dem
Justizministerium und besteht aus einem Mitgliede des Gerichtshofes hier,
als Präses, aus vier von der Regierung gewählten hiesigen Bürgern und
den Beamten der Anstalt. Es ist dieses der einzige Punkt, in dem der
israelitische Geistliche den christlichen nachsteht. |
Nutzanwendung
für das bürgerliche Leben daraus zu ziehen.
§ 8. Bücher, welche nicht zur Gefängnisbibliothek gehören, darf
er nur mit Genehmigung der ersten Vorstehers einzelnen Gefangenen leihen
oder schenken. § 9.
Kein Gefangener kann einen Brief abgehen lassen oder empfangen, ohne dass
ihn der betreffende Geistliche gelesen und durch Handzeichen gebilligt
hat. § 10. Er führt
ein Charakterbuch über alle ihm überwiesenen Gefangenen, worin der,
neben dem Ergebnis seiner Beobachtungen in Bezug auf Gemütsart,
Verstandeskräfte, Fortgang der Selbsterkenntnis und Besserung, aller ein-
und abgehenden Briefe in Kürze zu gedenken hat.
So oft von einer Behörde Aufschluss über Charakter und Betragen
eines Gefangenen verlangt wird, gibt der Geistliche einen Auszug aus
diesem Buches mit Erläuterungen. §
11. Nach einiger Zeit der Beobachtung der Gefangenen sucht der Geistliche
geeigneten Falls mit dem Heimatgeistlichen eine Korrespondenz anzuknüpfen,
gibt ihm aber jedenfalls vier Wochen vor dem Strafende des Gefangenen von
dessen Haupteigenschaften, Anlagen und etwaigen Zeichen der Besserung mit
dem Antrag Nachricht, denselben ferner zu überwachsen, zu belehren und zu
unterstützen. § 12. Er
übergibt jeweils Verzeichnis der Zellen, wo er im Laufe des Tages Besuch
machte, dem ersten Vorsteher mit kurzen schriftlichen Bemerkungen über
auffallende Erscheinungen, wie Anzeichen von Seelenstörung, besondere
Aufregung oder unziemliches Betragen einzelner Gefangenen.
§ 13. In hauspolizeilicher Hinsicht hat er sich übrigens
lediglich den Anordnungen des ersten Vorstehers zu fügen und etwaige wünsche
und Anstände in dieser Beziehung ihm zur Erledigung vorzutragen.
§ 14. Er hat ein Tagebuch zu führen, welches alle drei Monate ans
Justizministerium eingesendet wird und worin alle wichtigen Wahrnehmungen
über den Zustand der Gefangenen, Vorgängen im Haus, Mängel der
bestehenden Einrichtungen, Wünsche und Vorschläge aufzunehmen sind. -
Aus dieser Dienstinstruktion ist leicht ersichtlich, mit welcher
Genauigkeit und Sorgfalt das Gefängniswesen behandelt wird und es bleibt
diese Mühe auch nicht ohne Erfolg; die Gefangenen werden größtenteils
durch diese Behandlungsweise für bessere Gefühle empfänglich und der
menschlichen Gesellschaft immer mehr zugeführt.
Präger, Bezirksrabbiner."
|
Bericht über die Betreuung der
israelitischen Insassen der Strafanstalt (1856)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 12. Mai 1856: "Großherzogtum
Baden, im April (1856). Den in diesen Blättern aus verschiedenen Ländern
gebrachten Nachrichten über die Fürsorge, welche von Seiten mehrerer
Regierungen den israelitischen Sträflingen in religiöser Beziehung
zuteil wird, können wir ein noch weit vollkommeneres Bild gerechter und
weiser Behandlung aus Baden anreihen. In Bruchsal befinden sich die größten
Strafanstalten des Landes, worin sich auch allezeit mehrere, im Verhältnis
zur Gesamtpopulation nur wenige Israeliten befinden. Diese sind in
kirchlicher Beziehung unter die Aufsicht des Bezirksrabbiners von Bruchsal
gestellt, welchem der Zutritt zu denselben jederzeit frei steht, und ein
Besuch wöchentlich zweimal zur Pflicht gemacht ist, da er ihnen in
festgesetzten Stunden Religionsunterricht erteilt, am Sabbat auch einen
Gottesdienst mit ihnen abhält, wozu ein Zimmer im Gebäude der
Strafanstalt ganz eigens bestimmt und als Betsaal eingerichtet ist, und
auf Staatskosten die erforderlichen hebräischen und deutschen gebet- und
Erbauungsbücher angeschafft sind. Der Rabbiner, welcher über seine
Wahrnehmungen an dem sittlich-religiösen Zustande der Sträflinge dem Großherzoglichen
Justizministerium periodische Berichte zu erstatten hat, wird von dieser
hohen Behörde für seine Gesamtbemühung ganz anständig honoriert." |
Aus der Arbeit des "Landesvereins zur Erziehung israelitischer Waisen im
Großherzogtum Baden"
Der Landesverein erhält die Körperschaftsrechte
(1890)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. November 1890: "Bruchsal, 2.
November (1890). Der Staatsanzeiger für das Großherzogtum Baden teilt in
Nr. 34 mit, dass Seine königliche Hoheit der Großherzog mittelst Allerhöchster
Staatsministerialentschließung, datier Schloss Baden, 8. Oktober, dem
Landesverein zur Erziehung israelitischer Waisen im Großherzogtum Baden,
mit dem Sitze in Bruchsal, die Körperschaftsrechte verliehen habe." |
7. Jahresbericht des Landesvereins (1895)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. September 1895: "Bruchsal,
1. September (1895). Der Landesverein zur Erziehung israelitischer Waisen
im Großherzogtum Baden versendet seinen siebenten Jahresbericht. Nach
Beschluss der Generalversammlung in Karlsruhe hält der Verein bei seinem
auf sorgfältige Berücksichtigung der verschiedenen persönlichen Verhältnisse
gerichteten System in der Erziehung der Waisen fest. Die Kinder werden
entweder gegen Zahlung eines angemessenen Erziehungsbeitrages bei ihren
Verwandten, meistens ihren Müttern belassen, oder sie werden bei zuverlässigen
würdigen, zur liebevollen Erziehung und Behandlung der ihnen anvertrauten
Kinder geeigneten Familien in Pflege gegeben. Außerdem werden an
demselben Orte, in dem die Kinder untergebracht sind, oder in einem
benachbarten, Fürsorger bestellt, welche die Pflege und das Gedeihen der
Waisen überwachen und regelmäßig dem Vorstande darüber Bericht
erstatten. Von den jetzt in Fürsorge befindlichen 82 Kindern (36 Knaben
und 46 Mädchen) sind 29 in Pflege bei dafür geeigneten Familien
untergebracht, 51 befinden sich gegen Zahlung eines Erziehungsbeitrages
bei Verwandten. Ein Waisenknabe erlernt, unter der gütigen Mitwirkung der
in Mannheim und Karlsruhe domizilierenden Vereine für Verbreitung des
Handwerkes unter den Israeliten, die Schreinerei, ein anderer, unter
derjenigen des in Freiburg tätigen, die Lithographie. Für sieben Waisen
erhält der Verein von ihren Heimatsbehörden oder Verwandten Zuschüsse
zu den für sie zu leistenden Verpflegungskosten. Der Verein hat im
Gerichtsjahre an Mitgliederbeiträgen und Schenkungen aus den 14
Rabbinatsbezirken des Großherzogtums Baden 14.821 Mark eingenommen. Die
Verpflegungskosten der Waisen beliefen sich auf 13.775 Mark; an
Verwaltungskosten wurden 845 Mark verbracht. – Eine interessante
Tatsache ist die kräftige Unterstützung, welche der Verein von
ehemaligen jetzt in Amerika weilenden Badensern erhält. Die Organisation
des Landesvereins, dessen Vorsitzender Rabbiner Dr. Eschelbacher ist, und
in dessen neun nach Rabbinatsbezirken geordneten Ausschüssen unsere
angesehensten Glaubensgenossen tätig sind, bewährt sich mehr und mehr."
|
10. Jahresbericht des Landesvereins (1898)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. Juli 1898: "Bruchsal,
im Juni (1898). Der zehnte Jahresbericht des Landesvereins zur Erziehung
israelitischer Waisen im Großherzogtum Baden teilt mit, dass sich zu
Beginn des vorigen Jahres in seiner Fürsorge 97 Waisen befanden. Dazu
wurden neu aufgenommen 18, und entlassen wurden 20. Von diesen hat der
Eine seine Lehrzeit als Photograph, der Andere als Bäcker vollendet, 2
werden Kaufmannslehrlinge, 3 Dienstmädchen, 5 wanderten nach Amerika zu
Verwandten aus, und zwar 2 mit unserer Unterstützung, 6 kehrten zu ihren
Angehörigen zurück, ein Waisenmädchen wurde vom israelitischen
Waisenverein in Mannheim übernommen, ein Waisenknabe ist gestorben. Von
den aus der Schule entlassenen, aber noch in Fürsorge sich befindenden
Waisen besucht ein Knabe eine Vorbereitungsanstalt für Lehrer, 2 erlernen
mit Unterstützung des Vereins zur Förderung des Handwerks unter den
Israeliten in Freiburg das Sattlerhandwerk, 6 Mädchen bilden sich als
Kleidermacherinnen aus, eines als Büglerin. Von den noch schulpflichtigen
Waisen sind 17 in Pflege bei dafür geeigneten Familien untergebracht, 68
befinden sich gegen Zahlung von Erziehungsbeiträgen bei Verwandten. Die
Anerkennung, die der Verein durch seine Tätigkeit in allen Teilen des
Landes findet, bekundet sich insbesondere durch die Zuwendung von 5
weiteren Stiftungen. Aus dem Rechenschaftsbericht ergibt sich, dass die
großen Ausgaben nur durch die unverminderte Erhaltung der Jahresbeiträge
und Spende der Mitglieder und Freunde bestritten werden können. Der
Vorstand besteht aus den Herren: Rabbiner Dr. J. Eschelbacher,
Vorsitzender. Moritz Marx, Stellvertreter desselben. Louis Marx, Schriftführer.
Nathan Katz, Rechner, Ludwig Groß. Alexander Dreifuß. Dr. J. Kusel.
Rabbiner Dr. M. Appel in Karlsruhe. Vorsteher B. Harburger in Gailingen.
Vorsteher B. Herzberger in Bretten. Rabbiner Dr. A. Lewin in Freiburg.
Rabbiner Dr. L. Löwenstein in Mosbach. Rabbiner Dr. B. Mayer in Bühl.
Bezirksältester H. Nordmann in Lörrach. Rabbiner Dr. M. Rawicz in
Offenburg. Rabbiner Dr. H. Sondheimer in Heidelberg. Die Einnahmen
betrugen 33.089,63 Mark, die Ausgaben 32.398,63 Mark, der Stand des Vermögens
ist 126.793,28 Mark." |
12. Jahresbericht des Landesvereins (1900)
Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Oktober 1900: "Bruchsal. Nach dem zwölften
Bericht des ‚Landesvereins zur Erziehung israelitischer Waisen im Großherzogtum
Baden’ befanden sich zu Beginn des vorigen Jahres in der Fürsorge 95
Waisen, von welchen 19 im Laufe des Jahres entlassen wurden. Von den aus
der Schule entlassenen, aber noch in Fürsorge befindlichen Waisen
erhalten 10 Mädchen Beiträge für ihre Ausbildung in weiblichen
Handarbeiten, ein Knabe erlernt die Bäckerei, einer wird
Zigarrenarbeiter, einer erlernt mit Unterstützung des ‚Vereins zur Förderung
des Handwerks unter den Israeliten’ in Freiburg das Sattlerhandwerk, ein
anderer wird mit derjenigen des Vereins in Karlsruhe Elektrotechniker.
Neu aufgenommen wurden 15 Waisen. Es sind somit insgesamt 94 (51
Knaben, 43 Mädchen), die sich zurzeit in Pflege befinden. Von den noch
schulpflichtigen Waisen sind 51 in Pflege in dafür geeigneten Familien
untergebracht, die übrigen befinden sich gegen Zahlung von
Erziehungsbeiträgen bei Verwandten. Die Einnahmen betrugen ca. 33.000
Mark, inklusive des Kassenbestandes am 1. Januar 1899 von 11.000 Mark,
Ausgaben ca. 22.000 Mark, das Vermögen 100.000 Mark." |
14.
Jahresbericht des Landesvereins (1902)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. August 1902: "Bruchsal,
im August (1902). Dem Vierzehnten Jahresbericht des 'Landesvereins zur
Erziehung israelitischer Waisen' im Großherzogtum Baden entnehmen
wir:
Das vierzehnte Jahr des Bestehens unseres Vereins, über das wir in
Folgendem Bericht erstatten, zeigt gleich den vorausgegangenen Jahren das
Bild einer gedeihlichen Weiterentwicklung. Wir können mit aller
Befriedigung auf das abgelaufene Verwaltungsjahr zurückblicken, denn Dank
der uns zur Verfügung stehenden Mittel, waren wir in der glücklichen
Lage, allen berechtigten Anforderungen, die an uns gestellt wurden, zu
entsprechen.
Im Laufe des Jahres konnten 17 Kinder aus unserer Fürsorge entlassen und
12 neu aufgenommen werden, sodass der Stand unserer Pfleglinge am 1.
Januar 1902 folgender ist*: Wertheim 0, Merchingen 2, Mosbach 2, Sinsheim
9, Heidelberg 9, Ladenburg 2, Bruchsal 11, Bretten 9, Karlsruhe 6, Bühl
12, Offenburg 15, Freiburg 6, Gailingen 3. Zusammen
86." |
| *die Orte sind die Sitze der badischen
Bezirksrabbinate; aufgeführt ist jeweils die Zahl der aus dem
Rabbinatsbezirk stammenden Kinder. |
16. Jahresbericht des Landesvereins (1904)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Juli 1904: "Bruchsal.
Dem sechzehnten Jahresbericht des Landesvereins zur Erziehung
israelitischer Waisen im Großherzogtum Baden entnehmen wir:
Es ist für die Vereinsleitung - und gewiss auch für alle Freunde unserer
Bestrebung - sehr erfreulich, konstatieren zu können, dass auch im
Jahre 1903 der Verein eine äußerst günstige Entwicklung aufzuweisen
hat. Wir waren in der glücklichen Lage, alle berechtigten Anforderungen,
die an uns gestellt wurden, zu befriedigen.
Im Laufe des Jahres konnten 14 Kinder aus unserer Fürsorge entlassen und
16 neu aufgenommen werden, sodass der Stand unserer Pfleglinge 79
ist.
Unter den entlassenen 14 Kindern befinden sich sieben Mädchen und sieben
Knaben. Ein Mädchen nahm eine Dienststelle an, die anderen werden von
ihren Müttern weiter versorgt. Drei Knaben widmen sich dem
Kaufmannsstande, einer wird Lehrer, einer hat das Sattlerhandwerk erlernt,
und einer musste wegen unangemessenen Betragens in eine
Zwangserziehungsanstalt verbracht werden.
Von den in unserer Fürsorge verbliebenen 79 Kindern sind vier in Pflege
bei geeigneten Familien, vier Knaben erlernen Handwerke, hiervon je einer
mit Unterstützung der 'Vereine zur Förderung des Handwerks und der
technischen Berufsarten Berufsarten unter den Israeliten des
Großherzogtums Baden, Mannheim, Karlsruhe und Freiburg', und die übrigen
sind unter Gewährung von Erziehungsbeiträgen bei ihren Müllern
beziehungsweise Verwandten verblieben.
Unser Vermögen hat im abgelaufenen Jahre abermals zugenommen; die
Mitgliederbeiträge sind sich gleich geblieben, und wir wurden wieder mit
größeren Schenkungen und Stiftungen reichlich
bedacht." |
30.
Jahresbericht des Landesvereins (1917/18)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 24. Mai 1918:
"Bruchsal, 16. Mai (1918). Dem soeben erschienenen Bericht des
Landesvereins zur Erziehung israelitischer Waisen im Großherzogtum Baden
für das Jahr 1917 entnehmen wir, dass der Verein, trotzdem der Krieg noch
nicht zu Ende ist, seine Arbeit in ungestörtester Weise durchführen
konnte. Nur die Teuerung, die der Krieg gebracht hat, macht sich auch bei
ihm fühlbar. Er hat den Familien, die Kinder von ihm in Pflege haben,
wesentliche Kriegszulagen weiter bewilligen müssen, und ist in der Lage,
diesen Anforderungen gerecht werden zu können. Groß ist die Zahl der
gefallenen Juden im badischen Lande und groß daher auch die Anzahl der
aus diesen traurigen Anlassen dem Verein erfolgten Stiftungen. Es ist aber
ein Zeichen edelster Gesinnung, wenn die Hinterbliebenen in ihrem Schmerze
der Ärmsten der Armen, unserer armen jüdischen Waisen, gedenken. Wenn
die Jahresbeiträge größer geworden sind, so kommt das in der Hauptsache
daher, dass einige Städte außerhalb des badischen Landes in treuer
Mitarbeit mitgeholfen haben, die nach auswärts gezogenen Badener dem
Verein zu erhalten. Insbesondere erfreulich aber war es, dass die Städte
im badischen Lande selbst in geradezu mustergültiger Weise für den
Verein gearbeitet haben. In vorderster Linie Karlsruhe, das die
Jahresbeiträge von 1.200 auf 1.657 Mark erhöht hat, was insbesondere der
unermüdlichen Tätigkeit des Herrn Stadt- und Konferenzrabbiner Dr. Appel
zu verdanken ist. Auch viele andere Gemeinden, wie Pforzheim,
Konstanz, Rastatt,
Offenburg, Lahr
(für: Lahn), Neidenstein, Berwangen
usw. haben wesentlich erhöhte Beiträge zugeführt und sich um die gute
Sache bemüht. Die Verwaltungs- und Verpflegungskosten beliefen sich auf
21.862,10 Mark, die Mitgliederbeiträge und Schenkungen auf 32.828,89
Mark, das Vermögen des Vereins am Ende des Berichtsjahres auf 365.935,71
Mark. Während dieses Jahres wurden 17 Kinder in die Vereinsobhut
aufgenommen und 15 aus ihr entlassen, weil deren satzungsgemäße
Altersgrenze weit überschritten war. Der Verein ließ am Jahresanfang 116
Kindern, am Jahresende 118 Kindern seinen Beistand angedeihen. Der bei
weitem größte Teil der Schützlinge blieb im Hause der Eltern oder
Verwandten und wurde mit Unterstützungsbeiträgen bedacht. Von den
übrigen befinden sich 17 Kinder in Familienpflege; 1 Kind lebt im
Badischen Landeskrüppelheim bei Prof. Dr. Vulpius in Heidelberg; 18
Kinder sind als Lehrlinge tätig; 6 Kinder besuchen die Realschule; 1
Knabe ist im Israelitischen Lehrerseminar in Würzburg; 1 Knabe im
Großherzoglichen Lehrerseminar I zu Karlsruhe; 1 Knabe auf dem
Landwirtschaftsgute zu Steinhorst. Der Bericht weist darauf hin, dass der
Verein es als seine edle Pflicht betrachtet, für Verstorbene und fortab
auch für Gefallene die Kaddischstiftungen anzunehmen und die damit
übernommenen Pflichten mit pietätvoller Gewissenhaftigkeit auszuführen.
- Der Rechenschaftsbericht schließt in Einnahmen und Ausgaben mit
72.350,40 Mark. Der Vorstand spricht im Bericht allen, die dem
Verein durch ihre Geldbeträge seine wohltätige Wirkung ermöglicht und
unterstützt haben, warmen Dank aus, und richtet an alle seine Freunde die
dringende Bitte, ihm neue Mitglieder zuzuführen; ferner durch Gewährung
oder Vermittlung von Spenden oder Stiftungen - Kaddischstiftungen
mindestens 200 Mark - nach Kräften den Verein zu fördern. Die das tun,
werden stets eine freudige Genugtuung empfinden an der Förderung der
hohen Aufgabe, armen, namentlich verwaisten israelitischen Kindern in
ihrer Bedrängnis eine tatkräftige Stütze zu
sein." |
40-jähriges
Jubiläum des Landesvereins (1928)
Anmerkung: in diesem Beitrag findet sich aus Anlass des 40-jährigen
Bestehens ein Rückblick auf die Geschichte des Vereins.
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Mai 1928:
"Bruchsal, 3. Mai (1928). Am Sonntag, den 20. Mai 1888
versammelten sich in Karlsruhe 46 Herren aus allen Teilen des Landes, die
dem Aufruf des Bezirksrabbinates und Synagogenrates in Bruchsal gefolgt
waren, um die Gründung eines Vereins zu beschließen, welcher der Fürsorge
für die hilfsbedürftigen israelitischen Waisen des Landes gewidmet sein
sollte, dem 'Landesverein zur Erziehung israelitischer Waisen im
Großherzogtum Baden', wie er damals genannt wurde. Die Anregung zu diesem
Werke der Barmherzigkeit ging von dem damaligen Bezirksrabbiner Dr. Josef
Eschelbacher in Bruchsal (der später als Stadtrabbiner in Berlin wirkte)
aus, der sich auch eifrig bemühte, Freunde und Mitarbeiter zu gewinnen.
Ein Beweis für die dringende Notwendigkeit der Errichtung des Vereins war
die Tatsache, dass eine große Anzahl von Gesuchen um Aufnahme von
Waisenkindern einlief. Die durch allgemeine Opferwilligkeit sich günstig gestaltende
finanzielle Lage erlaubte bereits im ersten Jahre die Aufnahme von 15
Waisenkindern. Die Vollwaisen wurden bei ausgewählten, gut empfohlenen
Familien gegen Vergütung der Kosten in Pflege gegeben, während die
Halbwaisen von den Müttern weiter versorgt wurden, wofür der Verein
angemessene Erziehungsbeiträge bewilligte. Im April 1914 war die Zahl der
Kinder, die der Verein seit dem Beginn seiner Tätigkeit betreut hatte,
auf insgesamt 460 gestiegen. Welche Fülle von fürsorgender Liebe und
erzieherischer Beratung, welche Mühewaltung bei der Einführung in
geeignete Berufe und welche große Güte und Geduld von Nöten waren, um
diese 460 Kinder zu lebenstüchtigen Menschen heranzubilden, kann nur der
ermessen, der innerhalb des Vorstandes wirkend, Kenntnis von jedem
einzelnen Fall erhält.
Als in der Gesamtvorstandssitzung im März 1914 Jacob Oppenheimer zum
Vorsitzenden gewählt wurde (in der Zwischenzeit waren die Geschäfte
durch den stellvertretenden Vorsitzenden, Bezirksrabbiner Dr. Grzymisch,
mit Umsicht und Tatkraft geleitet worden), ahnte man nicht, welche
schweren Zeiten bevorstanden. Das gewaltige Kriegsereignis, welches 1914
über uns hereinbrach, beeinflusste die Vereinstätigkeit wesentlich und
ist mit seinen direkten und indirekten Folgen noch heute zu spüren. Die
unschuldigen Kriegsopfer, ihres Vaters und Ernährers beraubt, müssen in
der Fürsorge des Vereins die notwendige Verpflegung und Erziehung finden.
Ein volles Jahrzehnt wird noch mit dieser Belastung zu rechnen sein, bis
die Jüngsten der Kriegswaisen sich selbst ernähren können. An den
indirekten Folgen des Krieges, welche sich durch den Zusammenbruch der
Geldwährung ergaben, muss der Verein 30 Jahre tragen, und auch dann wird
er nur einen Bruchteil des ehemaligen Vereinsvermögens zurück erhalten.
Dem rastlosen Streben und unermüdlichen Eifer des Vorsitzenden, der den
Verein seit 14 Jahren trefflich leitet und mit Umsicht über die schweren
Kriegs- und Inflationsjahre führte, gebührt hohes Lob und wärmster
Dank. Wenn auch bei der Gründung des Waisenvereins der Gedanke an ein
eigenes Waisenhaus eine große Rolle spielte, so entspannen sich schon in
den ersten Sitzungen lebhafte Debatten über die Nützlichkeit und
Zweckmäßigkeit eines solchen, die unentschieden
blieben.
Bei der Gesamtvorstandssitzung am 11. Dezember 1927 gaben die anwesenden
12 Vorstandsmitglieder ihre Zustimmung zur Beibehaltung der
Familienerziehung. Es kann nach so langer Probezeit mit voller Sicherheit
und mit Recht behauptet werden, dass der eingeschlagene Weg der richtige
ist. Die Familienpflege des Landeswaisenvereins wurde bei verschiedenen
Wohlfahrtstagungen in Berlin und in anderen Städten des Reiches als
mustergültig hervorgehoben; Leiter von Waisenhäusern aller Konfessionen
haben dem Verein ihr Lob und ihre Anerkennung ausgesprochen. Möge das
40-jährige Jubiläum in jedem den Gedanken erwecken, hier helfend
einzugreifen, damit das Werk unserer Väter, um dessen bewährte
Einrichtung wir im ganzen Reich beneidet werden, wachse, blühe und
gedeihe!" |
Anzeige des Israelitischen Landeswaisenvereins (1933)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Januar 1933:
"Lehrstellen gesucht für Ostern als Bäcker, Konditor
oder ähnlichen Beruf.
Haushalt- oder Heimstelle für 22-jähriges Mädchen, technische
Assistentin, die jede Arbeit verrichtet, bei bescheidenen
Ansprüchen. Israelitischer Landeswaisenverein, Bruchsal/Baden." |
Aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben
Denksprüche für Israelitische Konfirmanden, gefördert von Rabbiner Dr. Präger
(1848)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. April 1848:
"Denksprüche für israelitische Konfirmanden.
Die Konfirmation für die israelitische Schuljugend ist jetzt, soweit uns
bekannt, beinahe allenthalben eingeführt und wird sie immer mehr und
fester als religiöses Institut der Neuzeit sich begründen und erhalten.
Diese Feier soll aber keine vorübergehende sein, sondern eine für den
Konfirmand mögliche bleibende Erinnerung und Einwirkung zurücklassen.
Von diesem Standpunkte aus sind obige Denksprüche gewiss eine
zweckmäßige, und für sämtliche Rabbinerlehrer willkommene Erscheinung.
Dieselben enthalten in hübschem Steindruck die Form eines Tabernakels,
zwei Säulen von beiden Seiten, oben die Verse 'gedenke an die Weisung
Moses meines Knechtes' und obenan die zwei Tafeln mit den 10 Geboten. Zu
beiden Seiten gegen unten die zwei heiligen Leuchter und in der Mitte der
Räucheraltar. In der Mitte Raum für einen einzutragenden Denkspruch,
unten Namen der Eltern der Konfirmanden, Datum der Konfirmation und Namen
des Geistlichen. Angeregt durch die gleich nach Erscheinen bereits
geschehene Anwendung dieser Denksprüche in mehreren benachbarten
Rabbinaten und namentlich in hiesigem durch Herrn Bezirksrabbiner Präger,
erlaubt sich unterzeichnete Steindruckerei solche auch weiterhin hiermit
zu empfehlen, mit dem Anfügen, dass sie zum Preis von 4 Kr. rh. einzeln,
bei Abnahme von 25 Exemplare à 3 Kr. einstweilen in Magdeburg bei E.
Bänsch, in Frankfurt am Main in der Hermann'schen Buchhandlung, in
Mannheim bei J. Bensheimer zu haben sind, und dass auf 50 - 3, 100 - 10
Freiexemplare gegeben werden.
Bestellungen kann auch jede zunächst gelegene Buchhandlung annehmen und
ausführen. E. Katz'sche Steindruckerei in
Bruchsal." |
Gründung des "Vereins zum Torastudium"
(1891)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Januar 1891: "In Bruchsal
hat sich unter Leitung des Herrn Rabbiners Dr. Eschelbacher ein Verein zum
Torastudium
gebildet." |
Antisemitische Aktivitäten (1892)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. März 1892: "Bruchsal.
Die Antisemiten rücken immer näher; nachdem ein Herr Welker aus
Stuttgart, ein engagierter Antisemit vor wenigen Tagen einen Vortrag in Bretten
gehalten hatte, versuchte er es auch in hiesiger Stadt. Ein eigenartiger Anblick
war es, sowohl dessen Gesinnungsgenossen als auch viele Israeliten in
aufgeregter Stimmung und fast durchweg mit handfesten Stöcken bewaffnet,
zum Versammlungslokal ziehen zu sehen. Die Sache sollte jedoch anders
kommen. Schon am Eingang des Saales wurden die Ankommenden durch ein
Plakat überrascht, des Inhalts, dass der Redner wegen Heiserkeit nicht
kommen könne und deshalb auch eine öffentliche Versammlung nicht
stattfinde, sondern eine geschlossene Zusammenkunft der deutsch-sozialen
und antisemitischen Partei. Der Israeliten und andere Parteianhänger
ließen sich nicht abhalten, doch vorzudringen. Die Sitzung konnte jedoch
nicht stattfinden, da die Wirtin in Abwesenheit ihres Mannes erklärte,
dass sie den Saal wohl zu einer öffentlichen Versammlung, nicht aber zu
einer geheimen hergab und für das, was in einer solchen vorgehe, keine
Verantwortung übernehme. So blieb den Herren nichts übrig, als
unverrichteter Sache wieder abzuziehen. Die Stimmung der hiesigen
Bürgerschaft wird sie hoffentlich darüber belehrt haben, dass hier kein
Boden für derartige Bestrebungen
sei." |
Das Bezirksamt fällt eine Entscheidung gegen die
Antisemiten (1893)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 29. September 1893: "Bruchsal,
24. September (1893). Eine bemerkenswerte Entscheidung hat kürzlich das
Bezirksamt getroffen. Es hatten mehrere Israeliten antisemitische Schmähschriften,
welche vor der letzten Reichstagswahl zur Empfehlung des antisemitischen
Kandidaten an den Häusern angeklebt worden waren, abgerissen. Eine von
dem dortigen antisemitischen Vereine deshalb angestrengte Klage ist nun
mit folgender Begründung abgewiesen worden: ‚Hinsichtlich der
Angezeigten erscheint zwar durch deren Geständnis nachgewiesen, dass sie
einige Tage vor der letzten Reichstagswahl antisemitische Flugblätter,
welche in den Straßen der Stadt Bruchsal angeschlagen waren, angerissen
haben. Doch liegt ein Anlass zum Einschreiten deshalb nicht vor, weil das
Abreißen dieser Anschläge, die von Beleidigungen und Schmähungen der
Israeliten strotzten und deren Inhalt auch bei den Angehörigen der
christlichen Konfessionen Ärgernis zu erregen geeignet waren, als in Ausübung
berechtigter Notwehr geschehen anzusehen ist. Den Angezeigten, welche
Israeliten sind, konnte ebenso wenig wie den übrigen Israeliten hiesiger
Stadt zugemutet werden, die ihre Religionsgenossen herabwürdigenden Schmähschriften
der weiteren öffentlichen Verbreitung überantwortet zu sehen.’" |
Antijüdische Entscheidungen beim Militär (1903)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. November 1903: "Bruchsal,
im November (1903). Von hier schreibt man dem ‚Badischen Landesboten’.
Bei dem hiesigen Dragonerregiment Nr. 21 wurden drei Einjährig-Freiwillige
israelitischer Konfession nicht zum Unteroffizier befördert, obwohl
dieselben von ihren Rittmeistern dazu vorgeschlagen waren, woraus doch
wohl zweifellos ihre Qualifikation hervorgeht. Wir können nicht glauben,
dass beim hiesigen Regiment irgendeine Bestimmung darüber besteht, dass
Einjährig-Freiwillige israelitischer Konfession nach besonderen Grundsätzen
behandelt werden, zumal dies seither hier nicht der Fall war und dies auch
bei anderen Regimentern nicht der Fall ist. Jedenfalls bedarf die Sache
der Aufklärung!" |
Hundertjähriges Jubiläum der "Jüdischen
Milizenkasse Bruchsal" (1911)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. April 1911: "Bruchsal,
25. April (1911). Eine eigenartige Feier fand letzten Samstagabend im
Saale des Hotel Krämer hier statt. Die Jüdische Milizenkasse Bruchsal
feierte ihr hundertjähriges Jubiläum, zu dem außer den
Mitgliedern die Vertretung der jüdischen Gemeinde hier, die Gauleitung
des unteren Kraichgau-Militärvereins-Verbandes, der Verwaltungsrat des
Krieger- und Veteranen-Unterstützungsvereins, sowie alle jüdischen
Gemeindemitglieder, welche Soldaten waren, geladen waren. In seiner
Begrüßungsansprache konnte der Vorsitzende des Vereins, Herr Jakob Oppenheimer,
hervorheben, dass wir es hier mit dem ältesten
Militär-Unterstützungsverein Deutschlands zu tun haben; die Bruchsaler
Juden hätten sich immer als tüchtige Soldaten bewährt und bei Ausbruch
des 1870er-Krieges seien die beiden hiesigen Rabbinersöhne Friedberg
die ersten gewesen, die sich als Kriegsfreiwillige gemeldet hätten. Einer
von ihnen, Herr Dr. M. Friedberg, sei geschmückt mit dem eisernen
Kreuze und mit dem Zähringer Löwenorden mit Schwertern vom Feldzuge
zurückgekehrt und sei der Mitgründer des Veteranenvereins und das
älteste Ehrenmitglied desselben geworden. Von den 195 wahlberechtigten
Bruchsaler Juden seien über die Hälfte gediente Soldaten, ein
Verhältnis, das wohl kaum übertroffen werden könne. Sein Hoch galt
unserem Großherzog. Herr Sigmund Sulzbacher überreichte nach
einher schönen Ansprache den fünf jüdischen Veteranen einen namhaften
Ehrensold, außerdem der Gauleitung einen Betrag zur Unterstützung
bedürftiger Veteranen. Der Redner betonte weiter, dass alle Angriffe
unserer Gegner, sei es in der Presse oder im Parlament, sowie alle
Zurücksetzungen von uns nicht anders beantwortet werden können als durch
treue Erfüllung unserer Bürgerpflicht.
Ferner sprachen Herr Bezirksrabbiner Dr. Grzymich, Herr Stadtrat
Louis Marx, sowie namens der Gauleitung Herr Emil Siegel und
namens des Veteranenvereins Herr Emil Biedermann, die alle dem
festgebenden Vereine ihren Dank und ihre Glückwünsche zum Ausdruck
brachten." |
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde
Zum Tod von Isaac Heinsheimer (1896)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Oktober 1896: "Bruchsal,
18. Oktober (1896). Ein schmerzlicher Verlust hat unsere Gemeinde
betroffen. Im Alter von 75 Jahren hat am jüngsten Freitag Nacht, Herr
Isaak Heinsheimer hier seine edle Seele ausgehaucht. Noch um 8 Uhr sang er
im Kreise seiner Kinder und Enkel, die Sabbatgesänge. Plötzlich bekam er
Stockung des Atems, vergeblich war die Kunst der herbeigerufenen beiden
Ärzte, ein Lungenschlag hatte diesem edlen allbeliebten Greise ein jähes
Ende bereitet, ein Isch Jehudi, ein wahrer, frommer, glaubenstreuer
Jehudi im wahrsten Sinne des Wortes ist von uns geschieden. Ein
unabsehbarer Leichenzug, von Nah und Fern, begleitete, soeben 4 Uhr die
irdische Hülle zum hiesigen israelitischen Friedhofe, wo sie an der Seite
seiner ihm vor 12 Jahren vorausgeeilten Gattin, zur ewigen Ruhe gebettet
wurde. Tränen der Wehmut zeigten sich in den Augen aller Anwesenden, als
die erste Schaufel Erde, dumpf über den Sarg hinabrollte. Herr Rabbiner
Dr. Eschelbacher gab den schmerzlichen Gefühlen am Grabe in seiner
gewandten Redeweise beredten Ausdruck, schilderte die hohen Tugenden, die
Frömmigkeit, Wohltätigkeit und all die herrlichen Eigenschaften, die den
entschlafenen edlen Greis im Leben zierten. In Eppingen
von frommen Eltern geboren und erzogen, gründete er daselbst ein
Eisengeschäft und als ein Sohn und eine Tochter sich nach Bruchsal
verheirateten, zog er auch dahin, um das Glück zu genießen, in der
Umgebung seiner Kinder zu sein. Wie dort, war er auch hier ein eifriger
Förderer aller Wohltätigkeitsanstalten, und auf der Spendenliste für
die Armen des heiligen Landes, da glänzte stets sein Name. Sein ganzes
Leben war eine Kette von Frömmigkeit und Wohltätigkeit und wo seine
ehrwürdige Gestalt sich zeigte, da freute sich jedermann, ihn ansprechen
und sich nach seinem Wohlergehen erkundigen zu dürfen. Der Name Isaac
Heinsheimer wird unvergesslich bleiben und seine Kinder werden sein
Andenken stets in Ehren halten, indem sie in seine Fußstapfen treten und
das Werk weiter führen, das ihr seliger Vater
begonnen.
Tief ergriffen verließen die Anwesenden diesen Ort des Friedens, denn
solche Worte kamen von Herzen und drangen zu Herzen. Alsdann hielt der
Schwager des Verblichenen, Herr Salomon Siegel von Straßburg einen Hesped
(Trauerrede) und sagte in sehr sinniger Weise, dass die Worte im Rosch
HaSchana-Machsor (Gebetbuch zum Neujahrsfest) Umkehr, Gebet und
Wohltätigkeit den Hauptinhalt seines Lebens bildeten. ... Der
Gerechte stirbt nicht, er entschlummert nur zu besserem Erwachen. Es
würde viel zu viel Raum erfordern, wollten wir alle sinnreichen und
ansprechenden Erklärungen des Redners mitteilen. Allgemein fanden diese Midraschim
(Auslegungen) in ansprechender Weise vorgetragen, große Beachtung und
Beifall. Das Gedenken an den Gerechten ist zum Segen." |
Zum Tod von Theresia Sulzberger geb. Schrag (1897)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. November 1897: "Bruchsal.
Am Schabbat Halbfeiertag von Sukkot (das war am 16. Oktober 1897)
entschlief hier nach längerem Krankenlager Frau Theresia Sulzberger geb.
Schrag im hohen Alter von 87 Jahren zur ewigen Ruhe. Sie war eine Frau
echt jüdischen Geistes und Herzens, stets und überall helfend und
aufrichtend. Sie erzog ihre Kinder im wahren Sinne des Judentums, zu
Rechtschaffenheit, Frömmigkeit und Wohltätigkeit. Von der großen
Verehrung und Achtung, in der sie bei jedermann stand, legte besonders das
Leichenbegängnis, an dem sich Christen sowohl als Juden aus allen Kreisen
und Ständen in reichem Maße beteiligten, beredtes Zeugnis ab. Ihre
Seele sei eingebunden in den Bund des
Lebens." |
Diamantene Hochzeit von Moritz Marx und Babette geb. Uhlfelder
(1899)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. November 1899:
"Personalien. Bruchsal. Das seltene Fest der diamantenen
Hochzeit feierten Herr Moritz Marx hier und seine Ehefrau Babette geb.
Uhlfelder. Bei der hervorragenden Stellung, die sich der Jubilar durch
seine geschäftliche Tätigkeit, durch seine langjährige Wirksamkeit als Stadtverordneter
und Mitglied des Verwaltungsrates der Sparkasse, sowie als Mitglied des
Synagogenrats und Vorstand der jüdischen Gemeinde erworben, und bei der
allseitigen Beliebtheit, deren sich Frau Marx durch ihr stilles und
bescheidenes Wirken und ihre ausgedehnte Wohltätigkeit erfreut, konnte es
nicht fehlen, dass dieses Fest weit über den Kreis der Familie und der
Glaubensgemeinschaft herzliches Interesse und freudige Teilnahme fand.
Geheimer Regierungsrat Lang überreichte, lt. 'Krchg. Ztg.' (Kraichgauer
Zeitung), mit herzlichen Wünschen Herrn Marx das ihm von Seiner
Königlichen Hoheit dem Großherzog verliehene Ritterkreuz des Zähringer
Löwenordens. Herr Oberbürgermeister Stritt, an der Spitze einer
Abordnung des Stadtrats, feierte mit Überreichung eines prachtvollen
Blumenkorbes in warmen Worten die Bürgertugenden des Jubilars und die
wohltätige Wirksamkeit seiner Gattin. Herr Bezirksrabbiner Dr.
Eschelbacher verlas eine Zuschrift des großherzoglichen Oberrates der
Israeliten und überreichte in dessen Auftrag ein vortrefflich
ausgeführtes Bild des Großherzogs. Daran schloss er die Glückwünsche
des ganzen Rabbinatsbezirkes, dessen Verwaltung Herr Marx als Bezirksältester
angehört, sowie des Vorstandes des Landesvereins zur Erziehung
israelitischer Waisen im Großherzogtum Baden, den derselbe mit begründen
half und als dessen zweiter Vorsteher er fungiert. An der Spitze des
Synagogenrats begrüßte Herr Vorsteher Louis Marx das Jubelpaar, dessen
Leben und Wirksamkeit der ganzen Gemeinde zur Ehre und zum Vorbild
gereiche, und übergab ihm als Geschenk derselben die Doré'sche
Prachtbibel. Eine Abordnung der jüdischen Frauen verlas eine Adresse und
überreichte eine vorzüglich ausgeführte Blumenvase, der Vorstand der
Gesellschaft 'Eintracht' einen silbernen
Pokal." |
Jubiläum von Gemeindevorsteher und Stadtrat Louis
Marx (1909)
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. Oktober 1909: "Bruchsal,
10. Oktober (1909). Auf eine 25-jährige Wirksamkeit im Dienste des
Judentums durfte in diesen Tagen Herr Stadtrat Louis Marx, der Vorsteher
der israelitischen Gemeinde hier, zurückblicken, Eine Fülle von Arbeit
umschließt für ihn dieser Zeitraum. Neben seiner Tätigkeit für die
Gemeinde hat der Jubilar als erster Vorstand des Landesvereins zur
Erziehung israelitischer Waisen im Großherzogtum Baden, als
Vorstandsmitglied des Friedrichsheims, dann als Mitglied der Synode, deren
Sitzungen er verschiedenfach als Präsident wie als Vizepräsident
geleitet hat, sowie als Mitglied des Synodalausschusses, auch um die
Gesamtheit der badischen Juden hervorragend sich verdient gemacht und in
den weitesten Kreisen in ungewöhnlichem Maße Achtung und Vertrauen sich
erworben. Am 26. September erschienen daher die Mitglieder des
Synagogenrates und des Gemeindeausschusses, sowie der Bezirksrabbiner Dr.
Eschelbacher, in der Wohnung des Gefeierten, um den Dank und die Glückwünsche
der Gemeinde und der Bezirkssynagoge ihm auszusprechen und gleichzeitig
eine künstlerisch ausgeführte Adresse, sowie ein Ehrengeschenk ihm zu überreichen.
Herr Marx dankte in einer tief zu Herzen gehenden Rede. Die ganze Gemeinde
vereinigt sich in dem Wunsche, dass dem hoch verdienten Manne viele Jahre
erfolgreiches Wirksamkeit in voller Schaffenskraft beschieden sein mögen." |
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Artikel in
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Oktober 1909: Weitgehend
identischer Artikel zu dem in der "Allgemeinen" erschienenen Artikel. |
Rabbiner Dr. Hermann Löb aus Bruchsal wird 2. Rabbiner in
Freiburg (1910)
Mitteilung
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 11. Februar
1910: "Freiburg. Dr. Hermann Löb aus Bruchsal wurde als 2.
Rabbiner nach hier berufen." |
Auszeichnung für den Feldwebelleutnant Max
Schloßberger (1916)
Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 21. Juli 1917:
"Bruchsal. Feldwebelleutnant Max Schloßberger wurde mit dem
bayerischen Verdienstkreuz 1. Klasse in Gold mit Schwerter
ausgezeichnet." |
Zum Tod des aus Bruchsal stammenden Geheimrates Dr.
Karl Oppenheimer (gestorben als hoch angesehener Kinderarzt in München 1926)
Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen
Gemeindezeitung" vom 7. August 1926: "Geheimrat Dr. Karl
Oppenheimer. Am 10. Juli ist Dr. Karl Oppenheimer im Jüdischen
Landheim in Wolfratshausen verstorben. Die Stadt München und die
jüdische Gemeinde im besonderen haben in Dr. Oppenheimer einen ihrer
besten Männer verloren. Karl Oppenheimer, geb. 29. August 1864 als Sohn
eines angesehenen Kaufmanns in Bruchsal (Baden), besuchte nach
Beendigung seiner Gymnasialzeit die Universitäten in Heidelberg und
München, war dann als Assistent im Hauner'schen Kinderspital in München
tätig und ließ sich hier im Jahre 1890 als Kinderarzt nieder und
zwar als erster Vertreter dieser Spezialität in München, der
ausschließlich dieses Fach vertrat und keinerlei andere Praxis ausübte.
Sofort bei seiner Niederlassung richtete er eine unentgeltliche
Sprechstunde für arme Kinder ein, die sich schon bald dank der
Persönlichkeit ihres Leiters unter dem Namen Ambulatorium für
Kinderkrankheiten einer großen Popularität in weiten Kreisen
erfreute. Zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten gingen aus diesem
Ambulatorium hervor. Im ständigen Verkehr mit dem Proletariat erkannte
Oppenheimer immer mehr, dass die hohe Säuglingssterblichkeit bei
den unteren Volksklassen in erster Linie eine Folge der großen
Unwissenheit auf dem Gebiete der Säuglingspflege war. Er begann daher in
Wort und Schrift an der Aufklärung der Mütter über richtige
Säuglingsernährung zu arbeiten. Über 30 Vorträge und Abhandlungen
Oppenheimers sind in den medizinischen Fachzeitschriften erschienen und
haben Oppenheimers Namen weit über den Kreis seiner ärztlichen Klientel
hinaus bekannt gemacht. Im Jahre 1905 gliederte Oppenheimer seinem
Ambulatorium eine Mutterberatungsstelle an (die erste in
Deutschland). Schon nach Jahresfrist zählt München 19 solcher nach
Oppenheimers Vorbild geschaffener Stellen. Oppenheimer erwirkte für diese
Stellen von der Stadt die Berechtigung Stillprämien auszuzahlen.
Auf seine Veranlassung wurde das Institut der Fürsorgeschwestern
geschaffen. Im Jahre 1912 unternahm Oppenheimer auf Grund zahlreicher von
ihm in Münchener Schulen durchgeführten Körpermessungen einen Kampf
für die Speisung armer Schulkinder aus städtischen Mitteln. Er wurde im
Lauf der Verhandlungen zwar auf alle mögliche Weise angefeindet, setzte
aber schließlich die von ihm als notwendig erkannte und energisch
geforderte Einrichtung der Schülerspeisung durch. Bei
Kriegsbeginn richtete er an der Auerfeldstraße im Gebäude der ehemaligen
Irrenanstalt eine Krippe für Kinder arbeitender Frauen ein, die
sich zu einer kleinen Musteranstalt entwickelte und auswärtigen Besuchern,
die das Münchner Krippenwesen kennen lernen wollten, stets vom Magistrat
aus gezeigt wurde. Später übernahm er die ärztliche Leitung der Kinderherberge
an der Khidlerstraße, in der arme verlassene Kinder Aufnahme fanden. Im
Jahre 1925 wurde ihm die Leitung der städtischen Beratungsstelle
im Westend übertragen.
Oppenheimer war ein guter, treuer Jude. So war es für ihn
selbstverständlich, dass er - gemeinsam mit seiner gleichstrebenden
Gattin, die in beruflicher, wissenschaftlicher und sozialer Tätigkeit bis
zu seinem Lebensende ihm die beste Helferin und Genossin gewesen ist - den
sozialen Problemen und Nöten des Judentums sein warmherziges Interesse in
besonderem Maße zugewendet hat.
Als im Jahre 1918 Nachrichten aus dem Osten von dem furchtbaren Elend in
der jüdischen Bevölkerung in den von den deutschen Truppen besetzten
Gebieten zu uns drangen, wandte sich Oppenheimer an das Kommando von
Oberost, um die Erlaubnis zu erwirken zur Errichtung von
Säuglingsfürsorgen in Lemberg und Wilna, mit der er der furchtbaren
Kindersterblichkeit zu steuern gedachte. Leider wurde sein Plan nciht
verwirklicht, da das bayerische Sozialministerium Oppenheimer aus seiner
Tätigkeit als Fürsorgearzt nicht entlassen wollte, und das Kommando
Oberost die nachgesuchte Genehmigung verweigerte.
Einem anderen Gebiete jüdischer Fürsorgetätigkeit hat Dr. Oppenheimer
aber die letzten 5 Jahre seines Lebens den größten Teil seiner Kraft
gewidmet. Das jüdische Landheim in Wolfratshausen, dessen
ärztliche Leitung er seit der Gründung im Jahre 1921 in Händen hatte,
kann mit Fug und Recht als seine Schöpfung bezeichnet werden. Die
Einrichtung des Heims, seiner Verwaltung, der Pflege und ärztlichen
Betreuung der vielen Hundert von Kindern, die dort Erholung und Genesung
fanden, hat Oppenheimer in den letzten Jahren einen großen Teil seiner
Zeit und Arbeitstätigkeit gewidmet. Was dort geschaffen und erreicht
wurde, ist mit seinem Namen verknüpft. Dort im Landheim hat er auch die
letzten Monate seines Lebens verbracht; dort wurde er durch einen
plötzlichen Krankheitsanfall mitten herausgerissen aus seiner Arbeit. An
der Schwelle seines Kinderheims ist er einem Herzschlage erlegen.
Wer Dr. Oppenheimer persönlich gekannt hatte, musste ihn, den gütigen Menschen
lieben. So hat Oppenheimer einen großen Kreis von Verehrern und Freunden
in unserer Gemeinde, in der ganzen Stadt und weit über deren Grenzen
hinaus hinterlassen. Bei der Trauerfeier im alten jüdischen Friedhof
gaben Rabbiner Dr. Baerwald, ferner die Vertreter der jüdischen Gemeinde,
der Jesaias-Loge, des Landheims Wolfratshausen, sowie einer Reihe von
ärztlichen Berufsorganisationen dem Schmerze Ausdruck, den Oppenheimers
Hinscheiden bei allen verursacht hat, die ihn im Leben gekannt
hatten.
Ein Mensch, erfüllt von wahrer sozialer Gesinnung, hat Dr. Oppenheimer
seinen ärztlichen Beruf stets aufgefasst, als den eines Helfers der
Schwachen und Armen, als den eines Beraters und Volkserziehers. Tausende
verdanken Dr. Oppenheimer persönlich Rettung in Krankheit und Not,
unzählige aber von Müttern und Säuglingen haben durch die Einrichtungen,
die Oppenheimers Gedanken und Tatwillen entsprungen sind, Hilfe empfangen
und werden sie weiterhin empfangen, ohne den bescheidenen Mann auch nur
dem Namen nach zu kennen, auf dessen Pläne und Anregungen diese
Einrichtungen zurückzuführen sind.
So bewährt sich bei ihm im wahrsten Sinne des Wortes der alte
jüdische Spruch:
Sein Andenken wirkt fort zum
Segen!" |
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige des Hotels "Zähringer Hof" (1878)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. März 1878: "Zähringer
Hof, Bruchsal.
Empfehle dem geehrten jüdischen reisenden Publikum mein neugegründetes
Hotel bestens, ebenso empfehle ich mich zur Abhaltung von Hochzeiten und
Mahlzeiten jeder Art und zeichne mit Hochachtung Hirsch
Schmidt." |
Anzeige
des Institutes Ney (1878)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. August 1878: "Institut
Ney in Bruchsal (Baden). Konzessioniert vom Großherzoglichen Ministerium
des Innern. Ausbildung für Handelsfach respektive Einjährig-Freiwillige.
Eintritt jederzeit. Bildungszeit 5 Jahre (9.-14. Lebensjahr).
Referenzen
durch Herrn Dr. Eschelbacher, Rabbiner, Prospekt auf Verlangen."
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Lehrlingssuche des Schneider-Artikel-en
gros-Geschäftes Dreyfuß-Schmidt Nachf. (1904)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Februar 1904:
"Lehrlings-Gesuch.
Für mein Schneider-Artikel-Engros-Geschäft suche ich zum möglichst
baldigen Eintritt einen Lehrling mit guter Schulbildung, aus
anständiger Familie, unter günstigen Bedingungen.
Dreyfuß-Schmidt Nachfolger. Bruchsal in
Baden." |
Anzeige der Bäckerei Salli Strauss (1905)
Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 10. März
1905: "Ein kräftiger Junge,
der die Bäckerei gründlich erlernen will oder jüngerer Gehilfe
kann sofort eintreten bei
Salli Strauss, Bruchsal, Alte Strasse
9." |
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