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Badenweiler (Kreis
Breisgau-Hochschwarzwald)
Jüdische Geschichte / Betsaal
Übersicht:
Zur Geschichte jüdischer Bewohner
und Kurgäste
In Badenweiler ließen sich seit der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts (seit 1863 zunächst Familie Levi (Levy) - Mager) wenige jüdische Familien /
Einzelpersonen nieder, die der Synagogengemeinde
Müllheim angehörten (Statistisches
Jahrbuch des deutsch-israelitischen Gemeindebundes 1899 S. 107). 1863 eröffnete
David Levy Mager aus Müllheim ein Hotel in Badenweiler ("Hotel
Bellevue"), das für drei Generationen Mittelpunkt des jüdischen Lebens am
Ort werden sollte. Es wurde streng rituell geführt, sodass auch orthodoxe Juden
aus Deutschland und dem Ausland im badischen Schwarzwald Urlaub machen konnten.
Im Hotel gab es einen Betsaal, zeitweise waren ein eigener Vorbeter und ein
Schochet (Schächter) angestellt. Viel jüdische Prominenz kam nach Badenweiler,
wie u.a. die Berichte über den bekannten jüdischen Schriftsteller Scholem Alejchem
oder den Künstler Ephraim Moses Lilien
(s.u.) zeigt. Hotel und Betsaal wurden auch genützt für Familienfeiern wie
Hochzeiten usw. von jüdischen Familien aus der Umgebung (vgl. Mitteilung zu
einer Hochzeit 1872 unten).
Orthodoxe Rabbiner führten die Aufsicht über die Kaschrut des Hotels, so 1872
der Bezirksrabbiner von Sulzburg Emanuel
Dreyfuß; um 1900 wird als Referenz für das Hotel Rabbiner Josef A. Buttenwieser
aus Straßburg genannt (Israelitisches Familienblatt vom 29.8.1900 S. 5).
Das Hotel Bellevue stand über viele Jahre in der Empfehlungsliste des Hamburger
"Vereins zur Förderung ritueller Speisehäuser".
Nur wenige Jahre hielt sich ein 1900 eröffnetes zweites, gleichfalls streng
rituell geführtes jüdisches Hotel, das Hotel "Elsässer Hof"
(Inhaber L. Blum). Auch in diesem Hotel war ein Betsaal eingerichtet. Ab 1902
war das Hotel jährlicher Treffpunkt einer zionistischen Versammlung von
Vorständen und Vertrauensmännern der benachbarten deutschen, elsässischen und
schweizerischen zionistischen Ortsgruppen (siehe Berichte unten). 1910 war das
bisherige Hotel von Leopold Blum inzwischen zur Pension Hemmendinger geworden,
geführt von der Witwe Hemmendinger aus Basel (Anzeige 1910 s.u.).
Seit 1891 (Gewerbeanmeldung bei der Gemeinde im Mai 1891, s.u.) wirkte in Badenweiler der später weltberühmte Arzt Albert Fraenkel (s.u.). Er
war in Badenweiler wie auch in Heidelberg tätig und wurde in Anerkennung seiner Verdienste für den Kurort Badenweiler 1920 zum Ehrenbürger der Gemeinde ernannt.
Zu ihm kamen bekannte Personen in Behandlung wie u.a. schon als 18-jähriger der
spätere Philosoph Karl Jaspers.
Es bestanden bis nach 1933: Arztpraxis Dr. Hermann Haymann
(Ernst-Eisenlohr-Straße 1), Kurhotel Bellevue mit ritueller Gastwirtschaft der
Familie Levi, Inhaber Julius Levi-Mager (Luisenstraße 12; noch bis Herbst 1938
geöffnet), Textilgeschäft Adolf Monasch
(Luisenstraße 2; Adolph Monasch, geb. 1847 war nach dem Ersten Weltkrieg von
Mulhouse nach Badenweiler übersiedelt).
Ortsteil Oberweiler. In Oberweiler (Unterer Kirchweg 12) wohnte von 1935 bis 1938 Prof. Dr. Friedrich Darmstädter (1883-1957; bis 1935 und wieder ab 1946 Rechtsphilosoph und Staatsrechtler an der Universität Heidelberg).
Ortsteil Schweighof. Im Schweighof lebte seit der Zeit des 1. Weltkrieges
Fritz Schaller, der mit Frieda Kiefer aus Schweighof verheiratet war. Die vier
in Schweighof zwischen 1915 und 1923 geborenen Kinder der Familie waren
Heinrich, Regina, Lotte und Irmgard. 1926 siedelte die Fam. nach Müllheim über, wo Frau Schaller eine Nähmaschinenfiliale der Fa. Singer übernahm
(Hauptstraße 79). Fritz Schaller und Tochter Irmgard kamen 1938/41 in Lemberg ums
Leben.
Von den in Badenweiler geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Gertrud(e)
Levi-Mager (1918), Julius (Jules) Levi-Mager (1877), Louis Levi-Mager (1928),
Celine Mager geb. Levy (1892), Berta Monasch (1886), Charlotte Monasch (1882),
Gertrude Monasch (1892), Margarete Stern geb. Lippmann (1874).
Von den in Schweighof geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Fritz Schaller
(1880), Irmgard Schaller (1923).
An das Schicksal der in der Verfolgungszeit 1933 bis 1945 umgekommenen Schwestern Monasch erinnerte schon vor 1993 eine Gedenktafel auf dem Friedhof Badenweiler. Die Namen der vier aus der
Familie Levi-Mager ermordeten Personen wurden auf einer neuen Gedenktafel am Friedhof 1993 nachgetragen. Gleichfalls finden sich die Namen der umgekommenen Badenweiler Juden auch auf den Bronzetafeln der Gedenkstätte im
jüdischen Friedhof Müllheim.
Aus der Geschichte der jüdischen
Familien
Allgemeine Berichte
Aus dem Roman von Jacob Levy "Kinder unserer Zeit" -
die ersten Kapitel spielen in Badenweiler (1903)
Anmerkung: gut beschrieben wird die Zeit um 1900 mit zahlreichen jüdischen
Kurgästen in Badenweiler. Deutlich werden Probleme beschrieben, die sich im
Zusammentreffen mit christlichen Kurgästen ergaben, von denen einige antijüdisch
eingestellt waren. Es gab dabei auch, wie angedeutet wird, Spannungen zwischen
den deutschen und ostjüdischen Kurgästen.
Der Verfasser des Romans - Jacob/Jakob Levy - ist am 20. Februar 1848 in
Köln-Deutz geboren als Sohn des Schneidermeisters Bernhard Levy und seiner Frau
Sibylla geb. Mannheim. Jakob Levy erlernt nach dem Schulbesuch einen
kaufmännischen Beruf und wurde gegen Ende des 19. Jahrhundert - gemeinsam mit
seinem Bruder Moritz Levy - Teilhaber der Firma "Vereidigter gerichtlicher
Revisor, Schriftvergleicher und Liquidator" in Köln. Moritz und Jakob Levy
hatten Funktionen im Kölner "Verein für jüdische Geschichte und Literatur" inne:
Jakob wurde um 1898/99 zum Vorstand des 400 Mitglieder umfassenden Vereines
gewählt. Jakob Levy war verheiratet mit Nathalie geb. Auerbach. Jakob Levy starb
im Januar 1914 in Köln.
Informationen nach dem Beitrag über Jakob Levy in: Willi Körtels:
Jüdische Biographien der Region Trier - Nachtrag 2025. S. 8-14 (Publikation
ist online eingestellt).
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 13. November 1903: "Kinder unserer Zeit. Roman von
Jacob Levy.
Einführung.
Ein schriller Pfiff — der Zug fährt langsamer — steht. 'Station
Müllheim-Badenweiler' rufen die Schaffner und öffnen die Türen der Abteile.
Den Wagen entsteigen nicht nur sommerfrohe Wandersleute, sondern auch
abgemagerte Gestalten, mit hektischer Röte auf den Wangen, hüstelnd, aber
mit Hoffnung in den Augen, von dem nahen Badenweiler Heilung ihrer kranken
Brust erwartend.
Auf dem Bahnhof schauen wir uns um. Vor uns erblicken wir den majestätischen
Blauen, den ein Königsmantel von dunklen Tannen bis an den Fluss bekleidet.
Er winkt uns, wir wollen seiner Einladung folgen. Wir verschmähen die
Kleinbahn nach Badenweiler sowie die bequemen Wagen, sondern werden den Weg
zu Fuß zurücklegen, es sind ja nur zwei Stündchen. Das altertümliche
Städtchen Müllheim ist rasch erreicht. Die gewundene Hauptstraße, die wir
durchschreiten, zeigt in ihren bequemen, behäbigen Häusern den Reichtum und
die Betriebsemsigkeit des süddeutschen Bürgers.
Die Aufschrift eines stattlichen Gasthofs fesselt unsere Aufmerksamkeit:
'Gasthof zur Post'. Ist dies das Haus, welches der alte Hebel empfiehlt?
'Z'Müller an der Post
Tausigsappermost!
Trinkt me nit e guete Wi!
Goht er nit wie Baumöl i,
Z'Müller an der Post!'
Ich stürme mit meinen beiden Kumpanen hinein; auf unser Befragen lacht der
freundliche Wirt.
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'Die
alte Post ist's freilich nimmer, aber die würdige Nachfolgerin, 's wird den
Herren schon schmecken.'
Wir lassen uns nieder. Die von der langen Eisenbahnfahrt ausgedörrte Kehle
verlangt ihr Recht, es wird schon Abend und morgen ist Badenweiler auch noch
da — also wir sind rasch einig. 'Herr Wirt, wir bleiben die Nacht hier — und
nun eine Flasche Markgräfler.'
Wie flink ist die Flasche geleert! Sie hat nur den brennenden Durst
gestillt, nun aber wollen wir schmecken. 'Herr Wirt, noch eine Flasche.' Wie
bernsteingelb funkelt der Wein im Glase! Prosit, auf unsere fernen Lieben!
Und die Gläser klingen wie Silberglocken. Der Wein trinkt sich aber auch zu
leicht und lieblich herunter. 'Herr Wirt, noch eine frische Flasche!'
Wir tranken langsamer, aber ebenso tief. Als gesetzte Menschen, die wir nun
einmal sind, sprechen wir weise von der Gegend, in der wir uns jetzt
befinden. Unser gelehrter Reisegenosse, Doktor der Philosophie, belehrt uns
über den Breisgau, dass die Alemannen, die dort saßen, vom Kloster Säckingen
aus bekehrt worden sind. Dann wollte er uns mit Jahreszahlen zu Leibe gehen,
wann früher die Grafen von Kyburg und Urach und die Habsburger und weiß Gott
wer noch, den Breisgau besessen.
Wir aber wehrten entsetzt ab.
Das aber sahen wir bei der so und sovielten Flasche — wir zählten schon
längst nicht mehr — ein, wenn uns der Breisgau zu eigen, bei unseren
Lebzeiten würde kein Besitzwechsel eintreten — wo solcher Wein wächst — so
leicht und so süffig, man spürt ihn ja nicht! Nun aber wollen wir zu Bette
gehen, wir sind noch die einzigen Gäste im Zimmer. Aber was ist das? Beim
Erheben tanzt ja das Zimmer mit uns im Kreise herum! O du tückischer Wein,
unter der Maske der Unschuld! 'Nun,' begütigt der Wirt, 'wenn die Herren
ausgeschlafen haben, ist der Kopf klar und munter, der Wein schadet Ihnen
nichts.' Und er wuchtet uns in unser Zimmer, wo wir bald den Schlaf der
Gerechten schlafen.
Andern Morgens wachen wir mit hellem, klarem Kopfe auf und wandern nun auf
sanft ansteigender Straße durch das blumige Land, durch die lieblichen
Dörfer nach Badenweiler.
Sei mir gegrüßt, du Perle des Schwarzwalds! In unsäglicher Lieblichkeit
liegst du da, geschmiegt zu Füßen des Blauen. Du Paradies der kranken
Menschheit, du Wonne der gesunden! Deine besten Freunde, die Berge, halten
jedes raue Lüftchen von dir ab, der reine Gebirgsäther vermählt sich mit dem
köstlichen Tannenduft und träufelt in die kranke Brust unnennbares
Wohlbehagen und Genesung, und die Hoffnung wird zur Wahrheit. Bei jedem
Schritt aus dem Dörfchen auf die nahen Höhen eröffnen sich uns neue
paradiesische Ausblicke. Himmelhohe, kerzengrade Tannen beschatten unseren
Weg, dort wachsen um eine Schlucht üppige, riesengroße Farnkräuter, eine
Brücke führt über den Abgrund, jenseits glänzen saftige Wiesen im
Sonnenschein.
Der Kurgarten nimmt fast die ganze Länge des Ortes ein.
Er umgibt den Hügel mit der Burgruine. In diesem Park mit seinen uralten
Bäumen, den schattigen Wegen, den bunten Beeten mit den seltenen Blumen,
könnte man den ganzen Tag verträumen.
Wenn aber nachts der Mond die Wipfel der Bäume mit Silber übergießt und sein
Licht in den Gebüschen Leben zu wecken scheint, wenn die nahen Berge so
schwarz herüberschauen, glaubt man, jetzt müsse ein Zwerg aus dem Berge
kommen oder eine holdselige Königstochter auf ihrem Zelter daherreiten oder
eine andere Märchengestalt uns begrüßen...
Kapitel 1.
Es ist im Jahre 189*, ein Sommernachmittag. Der Park zu Badenweiler ist mit
geputzten Menschen gefüllt.
Die Kurmusik lässt ihre Weisen ertönen. In der Nähe, an der Restauration,
ist ziemliches Gedränge, alles amüsiert sich und flirtet. Vor der großen
Nussbaumallee zweigen sich die Wege ab, die nach dem Innern des Parks
führen. Je weiter man kommt, desto menschenleerer wird es. An einem
Plätzchen war es so still und heimlich, wie mitten im Walde. Dort standen
hohe, mächtige Tannen im Kreise. Um einen runden Tisch waren Bänke aus
Naturholz angebracht. Der Schatten der Bäume war so dicht, dass es trotz der
sengenden Julihitze auf diesem Plätzchen kühl und frisch war.
Alls der Bank saß eine Dame in mittleren Jahren, trotz der Hitze in einen
großen Plaid gehüllt. Neben ihr war ein Herr mit leicht ergrauendem Haar und
energischen Zügen, eine Zeitung lesend, bequem zurückgelehnt. Auf der
anderen Bank saßen ein Jüngling von etwa siebzehn Jahren und ein vielleicht
ein Jahr älteres Mädchen, der Jüngling missmutig in die Luft starrend, das
Mädchen stickend.
Der junge Mann rief plötzlich: 'Ich wünsche, ich wäre zu Hause, hier ist es
doch gar zu langweilig.'
Der Vater sah ihn an. 'Hier ist's doch wunderschön, Du bist undankbar.'
'Jawohl wunderschön, aber ich komme doch nur in die Berge, wenn ich mit Euch
Wagentouren mache. Erlaube doch, dass ich mit Erna Ausflüge mache, die Berge
besteige.'
Er sprang auf, reckte seine schlanke Gestalt und holte tief Atem. 'Die
anderen jungen Leute, die ihre Angehörigen hierhin begleitet, machen die
schönsten Ausflüge, sehen soviel und haben soviel zu erzählen. Das könnten
wir doch auch!'
Der Vater fragte langsam: 'Haben denn die jungen Leute aus unserer Pension
Dich schon zu ihren Touren eingeladen?'
'Nein,' sagt der Jüngling mit blitzenden Augen, 'die verkehren mit keinem
Juden; am Tage unserer Ankunft haben sie das unter unserm Fenster
besprochen, sie wussten allerdings nicht, dass ich im Zimmer war. Wir haben
es ihnen aber auch leicht gemacht, gelt Erna? Sie sind Luft für uns, Luft,
und sie möchten jetzt zu gern mit uns verkehren, sie grüßen Erna immer so
artig. Wir brauchen aber niemanden, lasse uns doch die herrliche Gegend
genießen, und Du gehst mit uns, lieber Vater, einer von uns bleibt
selbstverständlich bei der lieben Mutter."
Die Mutter sagte in langsam schleppendem Ton: 'Die Unruhe würde mich
verzehren, wenn ich die Kinder allein in den Bergen wüsste, hoffentlich
bekommen sie doch noch passenden Anschluss.'
Erna bemerkte unmutig: 'Heinrich ist gar zu eigensinnig. Die Herrschaften
kannten uns doch nicht, wie sie die unüberlegte Bemerkung machten, sie
sprachen nur von den unangenehmen Juden, die sich auch hier so auffällig
machen. An uns hätten sie gar so gern Anschluss."
'Woher weißt Du das denn?'
'Heute morgen fragte mich noch beim Konzert Fräulein Rode, die mit ihrer
Mutter und ihrem Bruder, einem Assessor, hier ist, geradezu, weshalb wir uns
so absonderten. Ebenso ungeniert sagte ich ihr den Grund. Sie lachte laut
und meinte, ob ich denn glaube, dass wir zu der Kategorie Juden gehörten,
von denen sie geredet und mit denen auch wir nichts zu tun haben wollten.
Sie stellte mir ihren Bruder vor, und er erklärte genau dasselbe. Er lud
mich sofort zu ihren Touren ein und will seine Mutter und sich noch heute
mit Euch bekannt machen. Heinrich will sich nun nicht anschließen, und, dann
muss ich auch fern bleiben."
Der Vater sagte kurz: 'Heinrich hat recht.'
Die Mutter aber, plötzlich lebhaft geworden, bemerkte in scharfem Tone: 'Ich
bin ganz anderer Ansicht. Heinrich hat |
keinen
Grund, sich fern zu halten. Die Leute wollen augenscheinlich mit den Juden
nicht verkehren, die auch uns zuwider sind, und ich freue mich um den
Anschluss für die Kinder/' Ihr Gatte erwiderte: 'Vorläufig sollen die Kinder
allein spazieren gehen, Ihr habt Urlaub bis heute Abend." Erna fragte erst
in liebevollem Ton, ob Mutter sie solange entbehren könne, und dann eilte
sie mit ihrem Bruder fort.
Kaum waren die jungen Leute verschwunden, erhob sich die junge Frau aus
ihrer liegenden Stellung und sagte in scharfem Tone: 'Heinrich muss seine
übergroße Empfindlichkeit unterdrücken lernen. Wie sollen wir den von mir so
ersehnten Verkehr mit gebildeten Christen anbahnen, wenn wir uns so
ängstlich zurückhalten. Wie können die Leute einsehen, dass wir ihnen an
Bildung und Charakter ebenbürtig sind, wenn wir uns in ein selbst
geschaffenes Ghetto zurückziehen?'
'Ich wünsche die Assimilation ebenso sehr wie Du, wir können sie aber nicht
erzwingen. Wir wollen uns nicht aufdrängen und lieber mit unseren
Glaubensgenossen verkehren."
Sie lachte höhnisch.
'Also muss ich mit Itzig und Schmuhl spazieren gehen. Nicht über die Straße
gehe ich mit den Leuten, die sich hier so auffällig machen. Übrigens hege
ich keinen blinden Hass gegen unsere Glaubensgenossen. Wir wollen morgen,
Sonnabend, in einem jüdischen Hotel speisen und passenden Verkehr, besonders
für die Kinder, anzubahnen suchen."
Ihr Mann lachte. 'Dieser Vorschlag ist die reinste Malice. Doch es sei.'
Sie seufzte. 'Da ich doch nicht lange mehr zu leben habe, wäre es ein
tröstendes Bewusstsein für mich, wenn die Kinder als gleichwertige
Mitmenschen in der christlichen Gesellschaft aufgenommen und nichts von dem
unseligen Judenhass zu leiden hätten.'" (Fortsetzung folgt). |
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(Fortsetzung.) Berger sagte beschwichtigend zu seiner Frau: 'Deine
Furcht vor dem Judenhass ist sehr übertrieben. Übrigens schickte ich die
Kinder fort, weil ich etwas mit Dir zu besprechen habe. Du weißt, dass ich
nicht an Dein Lungenleiden glaube.'
Sie fuhr auf, er beschwichtigte mit der Hand.
'Bitte, lass mich ausreden. Dein Hausarzt, der Deine Abneigung vor einer
Untersuchung kennt, tappt einfach im Dunkeln. Ich sprach nun schon vor acht
Tagen mit meinem Freund Doktor Weil über Dein Leiden, und er beobachtet Dich
seitdem. Er glaubt nun auch, dass kein Symptom auf ein Lungenleiden
schließen lässt, muss Dich aber selbstredend untersuchen, um eine genaue
Diagnose stellen zu können. Obgleich er zu seiner Erholung hier ist und
nicht an seinen Beruf denken soll, will er doch bei Dir eine Ausnahme machen
und erwartet Dich um sechs Uhr.' Herr Berger fuhr diplomatisch fort: 'er sei
ein solcher Bewunderer Deines Geistes, dass er nur für Dich diese Ausnahme
macht.'
In Wahrheit jedoch spielte sich die Unterhaltung mit dem jungen Arzt etwas
anders ab. Er, mit dem Herr Berger jeden Abend ordentlich gekneipt, sagte:
'Ich begreife den Kollegen nicht, der Ihre Frau als Brustkranke behandelt.
Wer so ausgiebig isst, so laut und ungezwungen spricht, solche elastische
Bewegungen macht, wenn er nicht eben an sein Leiden denkt, der kann nicht
brustleidend sein. Nun, wir werden ja sehen, ich verspreche mir das beste."
'Nun,' erwiderte Frau Berger seufzend, 'so mag dieser Arzt mich auch noch
quälen.'
Pünktlich um sechs Uhr traf das Ehepaar Berger den jungen Arzt im Garten der
Pension. Mit einer tadellosen Verbeugung reichte er der Dame seinen Arm und
führte sie ins Haus. Dann bat er Herrn Berger, ihn mit seiner Frau allein zu
lassen. Nun verwandelte sich der muntere junge Herr in den ernsten Mann der
Wissenschaft. Er hörte die endlosen Klagen der Frau schweigend an, nur
selten eine Frage dazwischenwerfend. Dann aber untersuchte er die Frau aufs
gründlichste. Nach Beendigung ließ er den Mann hereinkommen und gab nun sein
Urteil ab.
'Die Brust und Lungen der gnädigen Frau sind ganz gesund, nur durch die
harte Winterkampagne vielleicht etwas gereizt,' setzte er mit feinem Lächeln
hinzu. 'Keine Medizin, sondern naturgemäß leben. Früh zu Bette gehen —
besonders im kommenden Winter, gnädige Frau, viele Milch, viele
Spaziergänge, bald Badenweiler verlassen und sich auf Fußtouren nicht
schonen. Dann sind Sie so gesund wie der Fisch im Wasser. Also im Winter das
gesellschaftliche Leben beiseite, keine Aufregungen und um zehn Uhr zu
Bett.'
'Aber Herr Doktor, ohne geistige Anregung verkümmere ich. Wie kann man denn
als gebildete Frau, als Kind seiner Zeit existieren, wenn man nicht durch
Theater, Vorlesungen, neuere Literatur seinen geistigen Horizont erweitert.'
Der Doktor stand hastig auf und ergriff seinen Hut. 'Gnädige Frau, ich kann
Ihnen nur wiederholen, dass alles das, was Sie jetzt gerühmt, geradezu Gift
für Sie ist. Ich glaube übrigens, dass eine Frau, die solch prächtige Kinder
hat, auch ohne geistigen Horizont leben kann und sich vor allem ihrer
Familie gesund erhalten muss. Empfehle mich Ihnen!" und hinaus war er.
Die Frau sagte: 'Ich habe Vertrauen zu diesem Arzt und glaube in der Tat,
dass ich ein schweres Leiden mir nur eingebildet habe. Jetzt will ich gesund
sein und marschiere überall mit Euch hin.' 'Das ist Recht, mein liebes
Kind,' erwiderte Berger vergnügt.
Kapitel 2.
Andern Tags erinnerte Berger seine Frau an ihren Vorsatz, heute zur
Abwechselung einmal koscher zu essen, und die Familie begab sich in ein
jüdisches Hotel. Ein lautes Stimmengewirr ertönte in dem Saal, es waren über
hundert Gäste anwesend. Die Stammgäste liefen durcheinander und begrüßten
sich; die jungen Mädchen, die sich vielleicht noch vor einem Stündchen
gesehen, eilten zusammen und hatten die wichtigsten Neuheiten auszutauschen.
Die neu Angekommenen jedoch, zu denen auch die Familie Berger gehörte,
wurden vom Wirte pardon, Hotelbesitzer — empfangen und 'angereiht'. Bald saß
alles. Die Suppe wurde schweigend verzehrt.
Neben Herrn Berger saß ein dicker Herr, der sich mit der Serviette den
Schweiß abwischte. Dessen ebenso dicke Ehefrau flüsterte ihm zu: 'Guck emol,
gestern hot mir aner den Mann gewiese, der do nebe d'r sitzt, des is der
reiche Berger aus Frankfurt, der Besitzer von de vier Jahreszeite. Schwätz
emol mit em.'
Unzufrieden, aber gehorsam, wandte sich der Mann zu Berger, der sich eben
Wein einschänkte.
'Sie verzeihe, mei Name is Meyer aus Meenz, mei Fraa, mei Kinner," sagte er
mit deutender Handbewegung. 'Sind Sie auch zur Kur hier?'
Herr Berger stellte ebenfalls vor, und so war das Gespräch bald im Gang.
Erna und Heinrich amüsierten sich vorzüglich über die verschiedenen Typen,
über die sie übermütig Glossen machten. Plötzlich zeigte Heinrich Erna
verstohlen ein Männchen, das ihnen schräg gegenüber saß. Es hatte ein
freundliches Gesicht, ein Käppchen aus dem mit spärlichem, grauem Haar
bedeckten Scheitel und erregte Heinrichs Aufmerksamkeit durch eine
altfränkische geblümte seidene Weste.
Heinrich flüsterte: 'Erna, Onkel Bär". Im selben Momente nickte das
Männchen, das sich von den Geschwistern beobachtet sah, ihnen freundlich zu.
Ernas Augen wurden feucht. Sie wiederholte 'Onkel Bär' und ihre Gedanken
schweiften rückwärts.
Er war der Bruder ihres Vaters, etwa um zwölf Jahre älter. Er war sehr
fromm. Von den Zinsen seines mäßigen Vermögens lebte er nicht nur, sondern
übte noch große Wohltätigkeit aus. Er war Witwer ohne Kinder, eine alte
Verwandte führte ihm die Haushaltung. Die Kinder speisten jeden
Samstagmittag bei ihm. Dies konnte nun aus dem einen oder andern Grund
bisweilen ausfallen; was aber nicht ausfallen durfte, das war ihre
Anwesenheit beim Habdalahmachen ihres Onkels. Das gab's einfach nicht. Und
als Erna die Masern hatte und nicht ausgehen durfte, machte Onkel Bär bei
ihnen Habdalah, 'aber so schön wie bei Dir, Onkel, ist's doch nicht.'
Schon die Vorbereitungen, die streng geordnet waren! Erna holte aus dem
Schränkchen den Becher, die Gewürzbüchse und die geflochtene Kerze, die
Heinrich halten musste.
Nun sang Onkel Bär mit dünner Stimme:
'Gott, Avrom, Jizchok und Jakob,
Behüt' dein Volk Jisroel in deinem Lob.
Die sieben Tage sollen uns bekommen
Zu Glück und zu Heil und allem Frommen
Dass der liebe Schabbes kaudesch geht dahin.
Die Woche soll uns kommen zu Scholem, zu
Gesund, zu Auscher und zu Kowed und zu
allem guten Gewinn.
Oniein, W'omein! |
Wenn
dann die Kerze zischend erlosch, sagten die Kinder: 'Jetzt ist der Schabbes
wieder beim lieben Gott.'
Dann zündete sich der Onkel die lange Pfeife an und setzte sich in den
Sessel. Die Kinder holten sich Bänkchen, legten ihre Arme auf Onkels Knie
und sahen ihn erwartungsvoll an. Er aber fragte die Haushälterin:
'Blümchen, müssen die Kinder nach Hause?'
Ebenso regelmäßig antwortete sie - und wenn es Sommer und schon halb zehn
war — 'Nein, die Kinder haben noch ein Stündchen Zeit.'
'Dann hole ihnen noch einige Makronen.'
Er paffte stärker, und dann begann er seine wundervollen Erzählungen:
'Ja Kinder, was wisst Ihr in Eurem Palast, in der großen Stadt vom Leben!
Früher hatten die Leute andere Strapazen. Wenn man jetzt mit der Bahn fährt,
musste man früher laufen.
Mein Urgroßvater, olow hascholaum, war ein Mohel und wohnte auf dem
Westerwald. Dort sind heutzutage noch meilenweite, dichte Waldungen, aber
die Eisenbahn fährt durch, bequeme Wege verbinden die Dörfer miteinander,
aber in der damaligen Zeit waren kaum Wege da, geschweige denn Eisenbahnen
oder Post.
Eines Tages nun bekam mein Urgroßvater Botschaft aus einem vier Stunden
entfernten Dorf, er solle zu einer Bris Miloh hinkommen, und da konnte ihn
keine Entfernung, kein Wetter zurückhalten, diese Mizwoh auszuüben.
Es war Winter, der Schnee lag hoch, und die Kälte war grimmig."
'Onkel Bär," fragte Heinrich atemlos, 'waren auch Wölfe im Wald?'
'Gewiß, mein Kind, aber mein Urgroßvater fürchtete sich nicht. Er nahm einen
dicken Stock und eine Pistole mit. Es war Freitag, er ging deshalb früh von
Hause fort, um noch vor Schabbes anzukommen. Rasch ging es nicht, er musste
sich mühsam durch den tiefen Schnee arbeiten, er kam aber doch voran. Weit
und breit war kein Mensch und kein Haus zu sehen:, die Bäume glitzerten im
Schnee, eine Totenstille um ihn herum, die nur manchmal durch den Schrei
eines Raubvogels unterbrochen wurde. Endlich kam er auf die letzte Höhe, er
hatte noch ein Gehölz zu durchschreiten, eine viertel Stunde abwärts zu
steigen, und dann war er angelangt.
Wie er dem Gehölz nahte, hörte er plötzlich ein Geräusch. Er blickte durch
die entlaubten Äste und sah auf einer Lichtung drei Frauen stehen, die sich
gegenseitig ein Bündel zuwarfen. Er trat näher und rief: 'In Gottes Namen,
was macht Ihr da?'
Die Frauen schrieen auf, eine warf ihm das Bündel zu, das er mit seinem
Mantel auffangen konnte, und im selben Augenblicke waren die Weiber
verschwunden.
Er rauchte stark, die Pfeife war ihm beinahe ausgegangen. Die Kinder hatten
sich dicht an ihn gedrängt.
'Onkel Bär, was war im Bündel?'
'In dem Bündel war ein kleines Kind. Mein Urgroßvater trug nach damaliger
Mode einen Mantel mit drei Kragen, er wickelte das Kind warm hinein, damit
es nicht erfrieren konnte, und ging ins Dorf. Bei seinen Freunden angelangt,
traf er dort großen Jammer an: Das Knäbchen, dessen Bris Miloh morgen sein
sollte, war verschwunden.
Er wickelte das Kind aus dem Mantel: 'Ist es dieses?'
Welche Freude war nun, wie die Leute ihr Kind wieder hatten!"
'Ja Onkel, wie konnte den Leuten aber das Kind gestohlen werden, hatten es
Zigeuner geraubt?'
'Nein, es waren 'Mechascheisaus" - Hexen —, die hatten Macht über das Kind,
weil die Eltern nicht gebetet hatten.
Hexen sind böse Geister, und böse Geister sind böse Gedanken, und die können
nicht Macht gewinnen, wo gebetet wird, und wo Gottesfurcht herrscht.'
Onkel Bär erzählte auch vom Strome Sambatjon, der Steine und Sand anstatt
Wasser in seinem Bette wälzt. Aber von Freitag Abend bis nach Habdalah ruht
der Strom, an seinem Ufer jedoch lodern Flammen, damit ihn niemand
überschreiten kann, und die verlorenen zehn Stämme, die jenseits im Lande
wohnen, ungestört und in Frieden weiter leben können, bis der Allmächtige
sie mit ihren Brüdern vereinigt.
Diese und ähnliche Geschichten erzählte Onkel Bär, und die Kinder hörten nur
bei ihm etwas jüdisches; ihre Eltern waren zu aufgeklärt, zu modern dazu.
Jetzt deckt die Ruhestätte des Mannes schon längst der schmucklose Stein, im
Herzen der Kinder aber lebt er fort.
Kapitel 3.
Erna erwachte wie aus dem Traume, als der Kellner ihr die frische Platte
bot. Mit dem fortschreitenden Diner wurde die Unterhaltung lauter, sodass
man fast nur schreiend sich verständlich machen konnte. Frau Berger sagte
ihrem Mann: Ist's in unserer Pension auch so laut? Siehst Du den Unterschied
im Benehmen zwischen Juden und Christen?" Sie zeigte auf einige junge
Herren, die sich wirklich etwas ungeniert aufführten, ihre Nachbarn mit
Stöpseln warfen. 'Suche Dir doch hier einen Schwiegersohn aus,' hetzte sie
weiter.
Er antwortete ungeduldig: 'Lasse doch die Leute zufrieden, sie kennen sich
alle und genieren sich nicht vor einander. Wer weiß, wie die Leute aus
unserer Pension, vor denen Du die große Hochachtung hast, über unser
Benehmen spötteln." Bitte sehr, mein Benehmen ist das der Dame von Welt, das
wird wohl bei allen Konfessionen gleich sein."
Sie erhoben sich, mit ihnen die Familie Meyer.
Frau Berger hörte noch, wie Frau Meyer ihrer Tochter, einem aufgeschossenen
Backfisch von etwa sechzehn Jahren, zuraunte: 'Geh vor, zu dere Fräulein
Bloch aus Mülhausen, da kannschte französisch spreche. Zeig, dass de was
gelernt hascht.'
Dann wandte sie Frau Berger ihr fettglänzendes Antlitz zu. 'Des ist wirklich
an Arbeit, zwee Stunden lang esse, aber aach e Zeitvertreib."
Frau Berger ging naserümpfend weiter. 'Treffe mir uns im Kurgarte?'
'Ich muss bedauern. Der Arzt hat mir wegen meiner Nervosität jede längere
Unterhaltung untersagt.'
'So? Dann müsse Sie Sich ebe für Sich halte, Sie Ärmste,' und Frau Meyer
rauschte zu ihrem Mann, ihm anvertrauend: 'Die Frau Berger hat doch ka
bische Bildung, sie is a ufgeblose Judeweib.'
Nun ging auch der Herzenswunsch der Frau Berger in Erfüllung. Sie fand die
ersehnte Gesellschaft.
Die Familie Rode bemühte sich sehr um sie; der Assessor, der an der
Regierung in Frankfurt beschäftigt war, kannte sehr wohl die Bedeutung von
Leopold Berger und des von ihm geschaffenen Warenhauses 'Zu den vier
Jahreszeiten". Andere schlossen sich an, und so waren die Damen bald der
Mittelpunkt des sich immer vergrößernden Kreises. Heinrich, der sich in der
großen Gesellschaft nicht gut amüsierte, machte seine Touren hauptsächlich
mit dem jungen Maler Küppers, einem drolligen, harmlosen Menschen, der immer
Motive suchte, solche aber nur fand, wo ein Wirtshaus in der Nähe war.
|
Doktor
Weil, der sich der großen Gesellschaft gleichfalls nicht anschloss, aber den
prächtigen Jungen gut leiden konnte, nahm ihn ebenfalls häufig mit auf
seinen Spaziergängen.
Wegen aller Verabredungen, Ausflügen wurde die Abreise immer noch um einige
Tage hinausgeschoben. Frau Berger sollte Badenweiler der weichen Luft wegen
schon längst verlassen haben, aber da sie sich wohl fühlte und alles flott
mitmachen konnte, besonders aber 'weil sie endlich passenden Verkehr
gefunden', wollte sie gar nicht abreisen.
Doktor Weil war der erste, der den Kreis verlassen musste. Vor seiner
Abreise gab ihm der dankbare Herr Berger eine Abschiedsbowle und nahm ihm
das Versprechen ab, ihn zu Hause zu besuchen.
'Sehr gern', scherzte der Doktor, 'um als Gesundheits-Polizei die gnädige
Frau vor Leichtsinn zu behüten.'
'Herr Doktor, ich fühle mich bei Ihren tyrannischen Verordnungen so wohl,
dass mir die langweiligste Soiree nichts mehr schaden kann. Wir müssen ja
auch unser Töchterchen ausführen.'
'Fräulein,' sagte der Doktor ernsthaft, 'sollte dies Vergnügen nicht mit der
Gesundheit Ihrer Mutter zu teuer erkauft sein?'
'Aber gewiss. Ihre Ratschläge, welche die liebe Mutter pünktlich befolgt,
wirken so günstig auf ihren Gesundheitszustand, dass auch alle ferneren
Verordnungen unbedingt befolgt werden müssen. Ich würde lieber auf alle
Gesellschaften verzichten, wie meine Mutter dem Trubel aussetzen. Sie sehen,
Herr Doktor,' fuhr sie mit reizendem Lächeln fort, 'daß ich unbegrenztes
Zutrauen zu Ihnen habe.'
Der Doktor küsste ihr dankbar die Hand, dann sagte er humoristisch: 'Möge
Gott meinen sämtlichen Patienten solch' einsichtsvolle Töchterchen
bescheren!' (Fortsetzung folgt.) |
| Hinweis: die Fortsetzungen des Romanes
von Jacob Levy finden sich wöchentlich in der "Allgemeinen Zeitung des
Judentums" bis zum 25. März 1904. Da der Roman nun in Frankfurt und nicht
mehr in Badenweiler spielt, wird er nicht wiedergegeben. An einzelnen
Stellen wird auf die Zeit der handelnden Personen in Badenweiler kurz
zurückgeblickt. |
Familie Levy-Mager und das
"Hotel Bellevue"
Anzeigen des Hotels der Familie Levy - Mager / Hotel Bellevue
1864 bis 1938
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Mai 1864: "Badenweiler.
Empfehlung.
Der Unterzeichnete empfiehlt hiermit seine in Badenweiler, Großherzogtum
Baden, neu eingerichtete israelitische Gastwirtschaft dem geehrten
Publikum unter Zusicherung reeller und prompter Bedienung. Geräumige und
wohl ausmöblierte Zimmer mit der herrlichsten Aussicht ins Rhein- und
Weilertal stehen zur stündlichen Benutzung jederzeit offen.
David Levi Mager." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Mai 1865: "David
Levi.
Badenweiler im Breisgau, Großherzogtum Baden den 1. Mai 1865.
Hotel Levi. Jüdisches Gasthaus empfiehlt sich hiermit einem geehrten
Publikum unter Zusicherung prompter Bedienung. - Das Hotel ist um das
Doppelte vergrößert, hat etwa 25 verfügbare, mit allem Komfort
eingerichtete Zimmer und gewährt eine romantische Aussicht in das schöne
Rhein- und Weilertal, dem Elsass bis zu den Vogesen. Reine Luft, warme
Quellen, hohe Lage zeichnet den Badplatz vor allen andern aus, was der
alljährlich zunehmende Besuch sichtbar nachweist." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Mai 1889:
"Badenweiler im Schwarzwald. Hotel Levi nächst der Post.
Einem verehrten Publikum, welches den hiesigen Kurort besuchen will,
die ergebene Anzeige, dass ich auch dieses Jahr wieder einen eigenen
Schochet und Officiant, welcher sowohl Groß- als auch Kleinvieh
schächtet, engagiert habe. Derselbe besitzt die Autorisation von dem
Herrn Rabbiner Dr. Kutna aus Eisenstadt und Herrn Dr. Lewin aus
Freiburg.
Milch und Molken im Hause. Komfortable Zimmer, gute Küche und feinen
Keller. Für längeren Aufenthalt Pensionspreis. Es empfiehlt sich die Eigentümerin
Liebmann Levy Mager Witwe." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Mai 1891: "Badenweiler,
badischer Schwarzwald.
Hotel & Pension Levy.
Durch Umbau vergrößert
und verschönert. Hohe, luftige und elegante Räume. Vorzügliche, streng
koschere Küche und reine Weine bei normalen Preisen. Frische Kuhmilch zu
jeder Zeit. Eigener, orthodoxer Schochet, von anerkannt berühmten Herren
Rabbinern geprüft. Gottesdienst im hause. Eigentümerin.
Levy Mager Witwe." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. April 1898: "Badenweiler.
Bahnstation im Badischen Schwarzwald. Hotel & Pension Bellevue vormals
Levy.
Streng koscheres Hotel mit fein eingerichteten Fremdenzimmern, großen
Speisesälen mit großer Terrasse. Beste Gelegenheit zum Abhalten von
Hochzeiten, bei billigster Berechnung. Thermalbäder, Milch und Molken im
Hause. Gute Küche und reine Weine. Eigene Schul. Schochet und Chassen.
Levy Mager. Besitzer. NB. Auf Wunsch erteilen orthodoxe Rabbinen
Referenzen." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. April 1898: "Badenweiler – Einziges
israelitisches Hotel am Platze. Bahnstation im Badischen Schwarzwald.
Hotel & Pension Bellevue. Vormals Levy. Streng koscheres Hotel mit
fein eingerichteten Fremdenzimmern, großen Speisesälen mit großer
Terrasse. Beste Gelegenheit zum Abhalten von Hochzeiten, bei billigster
Berechnung. Bäder, Milch und Molken im Hause. Gute Küche und reine
Weine. Eigene Schul. Schochet und Chassen. Frau Levy Mager, Besitzerin.
NB., Auf Wunsch erteilen orthodoxe Rabbinen Referenzen." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Mai 1900: "Badenweiler im
badischen Schwarzwald. Hotel & Pension Bellevue, auch Levy, gegründet
1863. Telefon Nr. 8. Elegante luftige Fremdenzimmer. – Große Speisesäle.
– Anerkannt gute Küche. – Reine Weine bei mäßigen Preisen. –
Eigener von orthodoxen Rabbinen geprüfter russischer Schochet.
– Orthodoxe Rabbiner erteilen Referenzen. – Hotelwagen am Bahnhof." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Mai 1901: "Badenweiler im
Schwarzwald. Hotel Bellevue Pension. Koscher – vorm. Levy – Koscher.
Hohe luftige Zimmer mit Balkone und Terrassen! Von Gärten umgeben am
Waldesrand. Milchkuranstalt. Eigener Schochet!
Billige Preise. Frau Levy Mager. Referenzen und unter Aufsicht Seiner Ehrwürden
Herrn Rabbiner Buttenwieser in Strassburg im Elsass". |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Die Welt" vom 10. Mai 1907: "BADENWEILER
Das Rendezvous der Zionisten vor und nach dem Kongress
ist im Schwarzwald eine Stunde von Basel in
Badenweiler Hôtel et
Pension Bellevue und Hôtel Levi
Israelitisches Hotel I. Ranges.
Sehr schön und frei gelegenes Haus, von Gärten und Wiesen umgeben. Schöne,
sonnige Terrassen und Liegehallen in der Nähe des Bahnhofes und des
Kurparkes. Hohe, komfortabel eingerichtete Fremdenzimmer mit Balkons.
Sorgfältige u. abwechslungsreiche Kost. Ausgesuchte Weine. — Pensionspreis
von Mk. 6.- an. — Auf Wunsch Prospekte.
Besitzerin: Frau Levi Mager." |
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Anzeige
in "Der Israelit" vom 4. August 1916: "Badenweiler, Hotel
Bellevue und Hotel Levi.
Vorzügliche Verpflegung. Koscher. Eigene Milchwirtschaft.
Für Kriegsteilnehmer Preisermäßigung." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. April 1921: "Badenweiler.
(Südlicher
badischer Schwarzwald). Hotel Bellevue ist eröffnet. Streng koscher.
Synagoge im Hause. Schöne Zimmer, erstklassige Verpflegung. Großer
Garten und Terrassen, Pessach geöffnet. Pension pro Tag von 40 Mark an.
Vorherige Anmeldung erwünscht. Telefon Nr. 8. Besitzerin Frau Levy Mager." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. März 1927: "Kurort und
Thermalbad.
Badenweiler (südlicher badischer Schwarzwald). Ein idealer
Platz für Erholungsbedürftige.
Kur-Hotel Bellevue. Koscher –
Israelitisches Hotel – Koscher. Unter Aufsicht – Telefon Nr. 8.
Synagoge im Hause. Man verlange Prospekt." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Oktober 1929: "BADENWEILER.
Badenweiler ist auch im Herbst und Winter zum Kuraufenthalt geeignet,
insbesondere bei Stoffwechselkrankheiten, leichten Erkrankungen der
Atmungswege, Rekonvaleszenz nach schweren Krankheiten und Operationen.
Anmeldungen erbeten an Kurhotel Bellevue. Fließendes Wasser kalt und
warm in allen Zimmern. Zentral-Heizung. Auto-Garage. Große Terrassen für
Liegekuren. Eigene Milchwirtschaft. Gute Verpflegung. Unter Aufsicht des
Vertrauensrabbiners des Vereins
Hamburger 'Vereins zur
Förderung ritueller Speisehäuser'. Pensionspreis
einschließlich Zimmer von 8 Mk. an
Julius Levi Mager, Badenweiler, Tel. Nr. 8" |
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Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom April 1930: "Badenweiler,
Thermal- und Luftkurort im südlichen Schwarzwald (450 Meter über dem
Meeresspiegel), hat seine Frühlings-Saison begonnen. Im Bezirke der
warmen Quelle entfaltet die Natur eine verschwenderische Pracht und seltenen
Liebreiz. Dieses Fleckchen Erde ist dazu geschaffen, Gesundheit und Erholung
allen zu bringen, die sie in beschaulicher Ruhe suchen. Um sicher zu sein,
an Pessach ein schönes Zimmer zu finden, empfiehlt es sich, dem dortigen
Jüdischen Hotel 'Kurhotel Bellevue' die Ankunft vorher mitzuteilen."
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Anzeige
in der Zeitschrift "Jüdische Rundschau" vom 1. Oktober 1937: "Badenweiler
Kur-Hotel Bellevue
Gute Verpflegung, Diät, Komfort
Telefon 208" |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Jüdische Rundschau" vom 9. September 1938:
"Badenweiler. Südlichster Thermalkurort Deutschlands. Telefon
208
Kur-Hotel Bellevue." |
Weitere Anzeigen und Berichte zur Familie Levy Mager und ihr "Hotel Bellevue"
In Badenweiler findet eine jüdische
Hochzeit statt (1872)
Anmerkung: es steht zwar nichts von der Restauration Levi-Mager,
doch war das rituell geführte Gasthaus mit Betraum damals die einzige
Möglichkeit, in Badenweiler eine solche Feier zu veranstalten. Der Spendenertrag
steht in einer Liste von Spenden "für die Notleidenden in Ismail, Cahul etc." (Ismajil,
Stadt am Unterlauf der Donau in der Südukraine; Cahul liegt in der südlichen
Moldau; beide Städte gehörten damals zu Bessarabien). Bezirksrabbiner Dreyfuß
wird damals die Aufsicht über die Kaschrut im Gasthaus innegehabt haben.
Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Mai 1872: "Durch Dreyfuß,
Bezirksrabbiner in Sulzburg: zu
Badenweiler bei der Hochzeit des Emanuel Levi von
Sulzburg mit Fräulein Sophie Epstein von
Eichstetten gesammelt 11 fl. 50 kr." |
Werbung für das Hotel Bellevue als
Muster für weitere solche rituell geführten Einrichtungen in anderen Kurorten
(1872)
Anmerkung: Der Schreiber des Artikels verfasst diesen Beitrag im Blick auf
seinen Wunsch, dass in möglichst vielen anderen Kurorten koschere
Hotels/Kureinrichtungen eröffnet werden. Für ihn ist das Hotel von Levi-Mager
ein vorbildliches Beispiel. Ein Verein soll gegründet werden, damit solche
Einrichtungen an vielen Orten entstehen.
Artikel
in der Zeitschrift "Die jüdische Presse" vom 14. September 1872 (es wird
aus dem Artikel nur zitiert): "Badenweiler, im Breisgau ...
"...Es mögen aus verschiedenen Gegenden strengreligiöse Männer zu einem
Vereine zusammentreten, der die Aufgabe hat, an möglichst vielen
meistbesuchten Kurorten für koschere Restaurants und deren Beaufsichtigung
Sorge zu tragen...
Dass unser Projekt ausführbar ist, beweisen zwei Präzedenzfälle aus den
letzten Jahren, wo es den Bemühungen frommer Glaubensgenossen gelungen ist,
koschere Speiseanstalten ins Leben zu rufen, nämlich ist Reichenhall und
Davos in Graubünden.
Zum Schlusse will ich mir nicht versagen, allen Lesern der 'jüdischen
Presse' die in jeder Beziehung vortreffliche, wohl noch zu wenig bekannte
Restauration des Herrn Levy hier in Badenweiler als eine im strengsten Sinne
aller Anforderungen des Kaschrut entsprechende zu empfehlen, die als eine
Musteranstalt für alle hoffentlich recht bald zu begründenden jüdischen
Restaurants angesehen werden darf." |
Koscheres Kirschwasser aus Badenweiler (1885)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Januar 1885: "Koscher schäl Pessach. Kirschwasser,
aus den besten
Schwarzwaldkirschen selbst gebrannt, offeriere unter Garantie für die
Echtheit in kleinen und großen Quantitäten per Flasche 3 Mark.
Wiederverkäufer erhalten angemessenen Rabatt.
Liebmann Levi Mager,
Besitzer des 'Hotel Levi', Badenweiler (Baden)." |
In San Remo (Sanremo) wird eine
"Filiale" des Hotels Bellevue - vor allem für Winteraufenthalte - eröffnet
(1898)
Anmerkung: wie lange díese Filiale in Sanremo bestand, ist noch unklar. Aktuell
(2026) findet sich unter der Adresse Sanremo Corso Garibaldi 20 das Hotel
Cortese mit Restaurant.
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Dezember 1898: "San Remo,
italienische Riviera.
Am 1. November Eröffnung des
streng koscher - 'Hotel & Pension Levy Mager' - streng
koscher.
Corso Garibaldi Nr. 20.
Angenehmer Winteraufenthalt. - Bescheidene Preise. - Beste Bedienung. -
Eigener Schochet.— Schöner südlicher Garten.
Frau Levy Mager, Besitzerin des 'Hotel Bellevue' in Badenweiler.
NB. Referenzen orthodoxer Rabbinen stehen zur Verfügung." |
Das Hotel Bellevue gehört dem "Verein zur Förderung
ritueller Speisehäuser" an (1900 / 1901)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. November 1900:
"Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser -
Sitz in
Hamburg". In der Liste genannt:
Badenweiler badischer Schwarzwald -
Hotel Bellevue Frau Levy Mager". |
| |
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 4. Januar 1901:
ähnlich wie oben |
Hotel Bellevue sucht einen Vorbeter (1921)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. April 1921: "Hotel Bellevue,
Badenweiler
sucht zum baldigen Eintritt gegen gute Bezahlung und freie
Station einen streng orthodoxen jungen Mann, eventuell Rabbinatsschüler
(auch Ausländer) mit guten Empfehlungen. Derselbe muss als Vorbeter
fungieren, gut leienen und lernen können. Offerten mit Aufgabe von
Referenzen und Gehaltsansprüchen an Frau Levi Mager, Badenweiler". |
Stellenausschreibungen des Hotels Bellevue (1938 !)
Anzeige
in der Zeitschrift "Israelitisches Familienblatt" vom 3. Februar 1938: "Rituelles
Hotel sucht: 1 Koch-Volontär, der Konditor gelernt, 1 Küchenmädchen und 1
Zimmermädchen (jüdisch). Kur-Hôtel Bellevue, Badenweiler (Baden)". |
| |
Anzeige
in der Zeitschrift "Israelitisches Familienblatt" vom 3. März 1938:
"Suche jüdische Hausgehilfin
zum sofortigen Eintritt, monatlich Reichsmark 50.- netto.
Hotel Bellevue, Badenweiler."
|
| |
Anzeige
in der Zeitschrift "Israelitisches Familienblatt" vom 28. April 1938:
"Jüdische Köchin für rituelle Küche gesucht. Kur-Hôtel Bellevue, Badenweiler".
|
Berichte aus der Familie Levy - Mager und über ihr Hotel
Zum Tod von Liebmann Levy Mager (1886)
Anmerkung: Liebmann Levy Mager war der Sohn von David Levy Mager und
hatte das Hotel seines Vaters übernommen. Nach seinem frühen Tod übernahm
seine Witwe die Hotelleitung, bis Mitte der 1920er-Jahre der Sohn Julius als
Enkel des Gründers die Hotelleitung übernahm.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Februar 1886: "Nachruf. (Unlieb
verspätet). Wir kamen soeben von der Beerdigung
eines Mannes zurück, der es verdient, dass ihm in Ihrem geschätzten
Blatte ein kleiner Nachruf gewidmet werde. Herr Liebmann Levy Mager in
Badenweiler (Breisgau), Besitzer des streng jüdischen Hotels daselbst
(Hotel Levy), ist am Freitag den 22. Januar, nachts 11 Uhr, im Alter von
37 Jahren, in ein besseres Jenseits abgerufen worden, nachdem er nur eine
kurze Zeit krank war. Von den vielen Kurgästen, die sowohl aus Rücksicht
für ihre Gesundheit als zum Vergnügen bei ihm verkehrten, haben wohl
alle Gelegenheit gehabt, sich sowohl von seiner strengen Religiosität als
von seiner Rechtlichkeit und Liebenswürdigkeit seinen Gästen gegenüber
zu überzeugen. Um ihn trauern nächst seiner jungen Witwe mit 4 Kindern
seine betagten Eltern und Geschwister. Er führte als Mohel
(Beschneider) viele Kinder in den
Bund unseres Vaters Abraham ein und war, wenn auch nur für den
eigenen Gebrauch, ein Schochet.
Der imposante Leichenzug am Sonntag, den 24. Januar gab beredtes Zeugnis,
wie sehr beliebt und geachtet der Verblichene bei seinen Mitbürgern war.
Möge seine betrübte Familie in der allgemein zu Tage getretenen
Teilnahme einen Trost in ihrem herben Verlust erblicken. Seine
Seele sei eingebunden im Bund des Lebens." |
Goldene Hochzeit von David Levy-Mager und seiner Frau
(1892)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Oktober 1892: "Freiburg im
Breisgau, 23. Oktober (1892). Herr und Frau David Levy-Mager, früher
Besitzer des Hotel Levy in Badenweiler, jetzt Privatier in Freiburg im
Breisgau, feierten im Kreise ihrer Kinder, Enkel und zahlreicher Freunde
das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Schon in aller Früh erschienen
die Gratulanten und mitunter mit kostbaren Geschenken. Der
Synagogen-Ausschuss in corpore brachte die Glückwünsche der Gemeinde
dar. Hierauf ergriff Herr Rabbiner Dr. Levin das Wort und überreichte die
von Seiner königlichen Hoheit dem Großherzog Friedrich von Baden allergnädigst
verliehene Jubiläums-Medaille, begleitet von den besten Wünschen der Königlichen
Hoheit. Herzliche Worte richtete der Herr Rabbiner hierbei an das
Jubelpaar, das tief ergriffen von all der Liebe und Güte war. Bei dem
nachmittags stattgehabten Festessen überreichte eine Deputation von 9
Herren, namens der Chewra Kadischa (sc.
Wohltätigkeits- und Bestattungsverein), deren Mitglied Herr Levy-Mayer
seit über 60 Jahren ist und zu deren Mitbegründern er zählt, ein Etuis
mit 6 silbernen Löffeln unter warmer Anerkennung der Verdienste des
Jubilars. Bei zündenden Reden – zunächst ein Toast auf den allergnädigsten
Landesherrn Großherzog Friedrich von Baden – eilten die Stunden des
Festes nur allzu schnell dahin, und erst als die letzten Züge die lieben
Gäste nach allen Richtungen entführten, ging dasselbe zu Ende.
Bemerkenswert ist, dass das Benschen die nette Summe von Mark 118,40
ergab, welche für Freiburger und Mülheimer Ortsarme bestimmt wurden. Möge
dem Jubelpaar auch das Glück vergönnte sein, die Demant-Feier in Glück
und Gesundheit zu begehen." |
Über Badenweiler und das Hotel von David Levy
(1894)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. September 1894: "Badeplaudereien.
Badenweiler, Ellul 5654 (1894). Die ‚Selichottage’ rücken näher und
näher, die Fremden, welche in Bädern und Sommerfrischen sich einige
Wochen der Erholung gönnten, kehren zum heimatlichen Herde zurück. Mehr
und mehr entvölkern sich die Alleen und Promenaden der Kurorte, die
Kapellen stellen ihr Spiel ein – die Saison naht ihrem Ende. Zu den
wenigen Orten unseres Vaterlandes, welche vermöge ihrer klimatischen Verhältnisse,
vermöge ihrer glücklichen südlichen Lage – vermöge der Auswahl ihrer
Heilmittel, von der Regel eine Ausnahme machen können, die selbst dann
noch auf eine stattliche Fremdenzahl blicken dürfen, wenn in den meisten
anderen Bädern bereits der letzte Gast wieder zu den heimischen Penaten
gezogen ist, gehört in erster Linie Badenweiler. Besonders günstig auf
die Fremdenfrequenz des Platzes wirkt der Umstand ein, dass mancher
Patient, dem eine Traubenkur oder ein Winteraufenthalt in einem südlichen
Platze verordnet wurde, es vorzieht, einen Ort aufzusuchen, der ihn nicht
zu einer zu weiten Entfernung von der Heimat veranlasst und der zu
gleicher Zeit keine so großen Ansprüche an den Geldbeutel macht. Der
rituell lebende Jude hatte leider von den Vorteilen, die ein Herbst- und
Winteraufenthalt in Badenweiler bietet, kein Gebrauch machen können, die
die hier bestehende jüdische Restauration (Hotel Levy= mit Beginn der
Herbst-Saison den Wirtsbetrieb einzustellen pflegte. Der steigenden
Winterfrequenz und der vermehrten Nachfrage nach ritueller Kost Rechnung
tragend, wird von diesem Jahre ab der Betrieb des Restaurants das ganze
Jahr hindurch in umgeänderter Weise fortgeführt werden, eine Neuerung,
die gewiss von allen denen freudig begrüßt werden wird, welche ihren
Herbst- resp. Winteraufenthalt in solch einem südlich gelegenen Orte
nehmen möchten, welcher neben den verschiedenen klimatischen und lokalen
Vorteilen auch die Möglichkeit einer guten und zuverlässig koscheren und
dabei billigen Pension bietet. Heute, wo leider so mancher jüdische
Kurgast um sich den Lorbeer der ‚Aufgeklärtheit’ zu erringen, die
rituellen Restaurants wie ein Gift meidet, und sich für seine
Handlungsweise durch die unhaltbare Ausrede zu entschuldigen sucht, dass
die jüdischen Wirtschaften ‚minderwertig’ seien, dürfte es gewiss am
Platze sein, mal eine christliche Stimme über ein rituelles Hotel anzuführen.
In der Chronik der Vogtei Badenweiler findet sich zum Jahrgang 64 (pag.
192 Abs. 1 bei Wever) folgende Eintragung:
‚- ist durch David Levy von Müllheim eine Judenwirtschaft in
Badenweiler nebst Wohnungen entstanden, die sich in Folge der guten
Einrichtung und soliden Bedienung, die man da findet, eines erfreulichen
Fortganges rühmen kann.’ Bedarf es eines deutlicheren Belegs für die
Tatsache der Ebenbürtigkeit der jüdischen Hotels, als jenes Zeugnis des
gewiss unbefangenen Chronisten! Ob es der antisemitischen Hetze der
letzten Jahre wohl gelingt, was der gewiss unbefangenen Empfehlung der
Badenweiler Gemeinde nicht gelungen ist, nämlich recht viele
Glaubensgenossen zu den koscheren Fleischtöpfen zurückzubringen? Was das
kulturelle Leben betrifft, so ist diesem durch einen im Levy’schen Hotel
eingerichteten Betsaal Rechnung getragen. Allsabbatlich, zu Zeiten auch
alltäglich wird hier Gottesdienst abgehalten. Als Vorbeter fungiert gewöhnlich
ein in dem benachbarten Müllheim wohnender Hilfschasan (sc.
Hilfsvorbeter). Der größte Teil der einfach, aber durchaus würdig
gehaltenen Einrichtung des Betsaal, der ‚Oraun-hakaudesch’
(Toraschrank), die prächtigen ‚Proches’ (Toraschrankvorhänge), die
‚Sidurim’ (Gebetbücher) usw. entstammen freiwilligen Gaben
opferwilliger Gäste. Überhaupt hat hier die Opferwilligkeit wohlhabender
Glaubensgenossen viel Schönes und Gutes geschaffen. So ist z.B. auch das
unter dem Protektorate der Erbgroßherzogin vor kurzem hier gegründete
Hilda-Krankenheim (Kur- und Siechenanstalt) in ganz hervorragender Weise
durch jüdische Mittel unterstützt worden. Ein erneuter Beleg für den
besonders heutzutage so sehr gerügten Schachersinn der Juden! Badenweiler
ist reich an historischen Erinnerungen aller Art. Zu den hervorragendsten
Denkmälern des Ortes gehört in erster Linie die von dem römischen
Kaiser Hadrian (Hadrian Hamelech)
erbauten und der Diana Abnoba geweihten ‚Römischen Bäder’, die erst
im vergangenen Jahrhundert ausgegraben wurden. Sie geben uns einen
weiteren beweis für die schon im Talmud erwähnte Sorgfalt, die man zur
damaligen Zeit dem Badewesen schenkte und für die Vollendung deren schon
vor Jahrzausenden sich diese Institution erfreute. Nebst vier großen
Schwimmbädern enthält der Bau eine ganze Anzahl kleinerer der damaligen
Sitte ent- |
sprechender
Räume: wie Vorhof, Wartezimmer, Salbzimmer und Zimmer für Dampf-,
Schwitz- und Einzelbäder. Verwundert schauen wir auf diese Merkmale einer
ehemaligen blühenden Kultur. Hadrian und seine Werke sind zugrunde
gegangen. Wir aber, die von ihnen Geknechteten und Gedrückten sind
geblieben. Herr Stöcker und Herr Ahlwardt, wir haben keine Angst, wir
werden auch noch sein, nachdem Sie und Ihre Werke längst im Staube modern
‚Er, der seinem Volk Kraft
schenkt, segne sein Volk mit Frieden.’" |
Über Badenweiler und das Hotel Bellevue (1907)
Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt"
vom 7. Juni 1907: "Badenweiler. Obwohl 422 Meter über dem
Meer gelegen, erfreut sich Badenweiler infolge seiner geschützten Lage
eines sehr milden Klimas. Rings vom Walde umgeben, genießt der Kurgast
besonders in den Morgenstunden eine herrliche Waldluft, die ja so
wohltätig auf die Atmungsorgane einwirkt. Und wie gut ist es zu wandern
in diesen Wäldern mit ihrer feierlich ernsten Ruhe, ihrem bezaubernden
Rauschen, ihrem erfrischenden Schatten! Welch' entzückende Aussichten
gewähren die Lichtungen! Über stille Dörfer, einsame Weiler, zerstreut
liegende Gehöfte, verfallene Ritterburgen, bunte Wiesen, sanft ansteigende
Höhen des benachbarten Gebirges schweift der Blick.
Durch die Vereinigung von Wald- und Gebirgsklima gehört Badenweiler in
die Reihe der subalpinen Badeorte. Alle Bedingungen, wie sie ein
klimatischer Kurort fordert, sind hier gegeben. Die gleichmäßige Luft
gestattet in Badenweiler vom Frühjahr bis in den Frühwinter hinein einen
Aufenthalt von 8 bis 14 Stunden täglich im Freien. Außer dem erwähnten
wichtigen Kurmittel ist Badenweiler auch als Thermalbad sehr besucht. Die
zu Bade- und Trinkkuren angewandte Quelle gehört nach Bunsen zu de
indifferenten, salzarmen, lithiumhaltigen. In der Tat verdanken zahlreiche
Kranke, welche an Rheumatismus, Gicht, Ernährungsstörungen,
Neurasthenie, Hautkrankheiten litten, diesem Wasser Heilung und Linderung.
Selbstverständlich hat Badenweiler auch ein jüdisches Hotel. Es ist das Hotel
und Pension Bellevue. Ein elegant ausgestatteter Speisesaal, ein
Konversations-, Spiel- und Lesezimmer, behagliche Wohnzimmer befriedigen
die Ansprüche selbst verwöhnter Gäste in reichem Maße. Referenzen
über Kaschruß erteilt Seine Ehrwürden Herr Rabbiner Buttenwieser in Straßburg
im Elsass. Man beachte gefälligst das Inserat in der vorliegenden Nummer
dieses Blattes." |
Über Badenweiler und das Hotel Bellevue (1908)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. April 1908: "Badenweiler,
15. April 1908. In dem schon vor 2000 Jahren den Römern wegen seinen
warmen Quellen bekannten Kurort Badenweiler, im südlich badischen
Schwarzwald gelegen, hat die offizielle Saison-Eröffnung am 1. April
begonnen und täglich bringen die Züge neu ankommende Kurgäste. Das
Wetter ist sehr schön, und es ist ein Vergnügen zur Zeit in der milden
ozonreichen Tannenluft spazieren zu können. Als neues Heilmittel ist der
Neubau des unter Großherzog Friedrich I. erbauten 'Markgrafenbades' zu
erwähnen, welches im Laufe dieses Frühjahres schon dem öffentlichen
Verkehr übergeben werden wird. darinnen befinden sich unter anderem
Dampf-Heiß-Luft Elektrische- Moor- und Sandbäder, sodass es allen
Bedürfnissen wird genügen können. Da sich auch ein unter Aufsicht des
Vereins zur Förderung ritueller Speisehäuser in Hamburg stehendes
israelisches Hotel, das Hotel und Pension Bellevue, Besitzerin Frau Levi
Mager, dortselbst befindet, so kann Badenweiler für die Israeliten als
Frühjahrskurort empfohlen werden. Der Kurort eignet sich insbesondere bei
Rekonvaleszenz nach Influenza für Nervöse- Herz- und Magenleidende. Man
befrage hierwegen seinen Hausarzt." |
Über Badenweiler und das jüdische Leben am Kurort (1921)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Juli 1921: "Badenweiler,
11. Juli (1921). Auch in der gegenwärtigen Kursaison macht sich hier ein
reges jüdisches Leben bemerkbar. Eine ganz beträchtliche Anzahl von
jüdischen Kurgästen ist hier festzustellen. Insbesondere sieht man hier
zahlreiche schweizerische Glaubensgenossen, die infolge ihrer günstigen
Valutaverhältnisse, deutsche Kurorte an der Peripherie der Schweiz
aufsuchen. Allsabbatliche finden in der hiesigen Synagoge Gottesdienste
statt. Im Anschluss an den Sabbatmorgen-Gottesdienst wird jeweils ein
Vortrag über den Wochenabschnitt von Herrn Salomon Horowitz gehalten, der
es versteht, das Publikum zu fesseln und zu erheben." |
Bericht über das Hotel Bellevue (März 1927)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. März 1927: "Wer die Pessach-Tage
in dem herrlichen, im Schwarzwald gelegenen Badenweiler verbringt, den
laden schöne Wälder und großartige angelegter Kurpark zu kleinen und größeren
Ausflüge ein. Den Bequemeren bietet die Terrasse des Kurhotels Bellevue,
das diesen Namen mit Recht trägt, Gelegenheit, die Schönheit der Gegend
von da aus zu genießen. – Das Hotel hat viele schöne gemütliche
Zimmer, einen großen, freundlichen Speisesaal. Die Leitung ist vorzüglich,
das Personal gut geschult; das Essen vortrefflich. – Eine kleine, sehr hübsche
Synagoge zeugt von dem frommen Sinn der Inhaber. Die Pforten des Hotels
sind geöffnet. Man erwartet die Frühlingsgäste und heißt jeden
freundlich willkommen." |
Über Badenweiler und das Hotel Bellevue (Dezember
1927)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Dezember 1927: "Badenweiler wird
mit guten Erfolgen empfohlen bei Erkrankungen des Herzens, der Gefäße,
der Nerven, Stoffwechselkrankheiten, leichten Erkrankungen der
Atmungswege, Rekonvaleszenz nach schweren Krankheiten und Operationen. Berühmte
Spezialärzte üben ihre Praxis aus. Auch ein neuzeitlich eingerichtetes,
rituell geführtes jüdisches Hotel gibt es: Hotel Bellevue, auch Hotel
Levy genannt. Es wurde im Jahre 1864 vom Großvater des jetzigen Besitzes
gegründet, und zurzeit werden wieder Verbesserungen in dem Hotelgebäude
vorgenommen. Für die kommende Saison wird in allen Fremdenzimmern fließendes
kaltes und warmes Wasser eingerichtet. Wiedereröffnung im März 1928. In
der Chronik von Badenweiler, herausgegeben von Dr. Wever im Mai 1869 ist
zu lesen: ‚1864 ist durch David Levi von Müllheim eine Judenwirtschaft
in Badenweiler nebst Wohnungen entstanden, die sich in Folge der guten
Einrichtung und soliden Bedienung, die man da findet, eines erfreulichen
Fortganges rühmen kann.’ Die Erfolge bis heute haben die Richtigkeit
der Feststellungen vom Jahre 1864 bestätigt." |
Die Frühlings-Saison hat begonnen (1930)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. April 1930: "Badenweiler,
Thermal- und Luftkurort im südlichen Schwarzwald (450 Meter über dem
Meeresspiegel), hat seine Frühlings-Saison begonnen. Im Bezirke der
warmen Quelle entfaltet die Natur eine verschwenderische Pracht und
seltenen Liebreiz. Dies Fleckchen Erde ist dazu geschaffen, Gesundheit und
Erholung allen zu bringen, die sie in beschaulicher Ruhe suchen. Um sicher
zu sein, an Pessach ein schönes Zimmer zu finden, empfiehlt es sich, dem
dortigen Jüdischen Hotel 'Kurhotel Bellevue' die Ankunft vorher
mitzuteilen. (Näheres siehe Inserat dieser
Zeitung.)." |
80. Geburtstag von Fanny Mager geb. Bloch (1935)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Oktober 1935: "Badenweiler, 8.
Oktober (1935). Frau Fanny Mager geb. Bloch aus Badenweiler, Hotel
Bellevue, begeht am 31. Oktober – so Gott will – ihren achtzigsten
Geburtstag. (Alles
Gute) bis 120 Jahre." |
Familie Leopold
Blum und die Pension "Elsässer Hof"
Anzeigen des 1900 eröffneten Hotels mit Pension Elsässer
Hof, Besitzer L. Blum
Anmerkung: der Gastwirt Leopold Blum in Freiburg war dort Besitzer des "Hotels
zum Erbprinzen" (Löwenstraße 1 in Freiburg nach Adressbuch Freiburg 1908).
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Juni 1900:
"Neu eröffnet. Badenweiler, badischer Schwarzwald. Koscher
Hôtel & Pension Elsässer Hof. Koscher.
Besitzer: L. Blum, Hotel zum Erbprinzen Freiburg im Breishau. On parle
francais. English spoken. Thermalbäder im Hause.
Prachtvoll und ruhig gelegen, unmittelbar am Park und Wald, - Komfortabel
eingerichtete Zimmer. - Große, luftige Speisesäle. - Streng rituelle,
gute Küche. - Vorzügliche, teils selbstgekelterte Weine. - Portier am
Bahnhof. - Telefon-Anschluss Nr. 9.
Betlokal im Hause. Eigener durch orthodoxen Rabbiner empfohlener und
geprüfter Schochet." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Juni 1900: Text
wie oben, jedoch mit Darstellung des Hotels. |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. April 1902: "Streng Koscher –
Neu eröffnet – Saison 1902. Badenweiler, badischer Schwarzwald. Hotel
& Pension Elsässer Hof.
Besitzer: L. Blum, Hotel zum Erbprinzen,
Freiburg im Breisgau. On parle francais. Thermalbäder im Hause. English
spoken.
Prachtvoll und ruhig
gelegen, unmittelbar am Park und Wald. – Komfortabel eingerichtete
Zimmer. – Große, luftige Speisesäle. – Streng rituelle, gute Küche.
– Vorzügliche, teils selbstgekelterte Weine. – Portier am Bahnhof.
– Telefon-Anschluss Nr. 9. –
Betlokal im Hause. – Eigener durch
orthodoxen Rabbiner empfohlener und geprüfter Schochet." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Mai 1902:
ähnlicher
Text wie oben. |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Juli 1902:
ähnlicher
Text wie oben. |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. April 1903:
"Badenweiler (badischer Schwarzwald).
Hôtel Elsässer Hof. Besitzer L. Blum, Freiburg. Streng Koscher.
Eröffnung Anfang Mai." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. April 1903:
"Von orthodoxen Rabbinern geprüfter
Chasan und Schochet
gesucht für mein Kurhotel in Badenweiler. Offerten zu richten
Hotel Erbprinzen, Freiburg im
Breisgau." |
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Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
28. April 1904: "Badenweiler (badischer Schwarzwald).
Hôtel 'Elsässer Hof', Streng Koscher. Eröffnung Anfang
Mai.
Besitzer: L. Blum, Freiburg im Breisgau". |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Mai 1904: "Von orthodoxen
Rabbinern geprüfter
Chasan (Vorbeter) und Schochet gesucht für mein
Kurhotel in Badenweiler. Offerten zu richten
Hotel Elsässer Hof,
Badenweiler." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Juni 1904 mit einer Doppelanzeige
beider rituell geführter Hotels in Badenweiler:
"Badenweiler.
Hotel Elsässer Hof L. Blum
Garten-Termalbäder. Gottesdienst im Hause. -
Hotel Bellevue und Hotel Levy
Hôtel I. Ranges.
Man verlange Prospekt" |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Die Welt" vom 11. August 1905: "Badenweiler
(Badischer Schwarzwald)
(von Station Müllheim der Hauptlinie Frankfurt - Basel in einer halben, von
Basel aus in einer Stunde zu erreichen.
STRENG Koscher Hotel und Pension Elsässer Hof
STRENG Koscher
Seit Jahren Treffpunkt der Zionisten von Freiburg, Mülhausen und Basel.
Schöne Speisesäle. — Garten. —- Thermalbäder. — Komfortable Fremdenzimmer. —
Telephon Nr. 9. — Hausbursche am Bahnhofe." |
Zionistische Versammlungen im Hotel
Elsässer Hof (1904 / 1905)
Anmerkung: nach den Artikeln waren schon in den beiden Jahren zuvor
zionistische Versammlungen im "Elsässer Hof" in Badenweiler. Sie wurden von der
zionistischen Ortsgruppe Freiburg organisiert.
Artikel
in der Zeitschrift "Jüdische Rundschau" vom 17. Juni 1904:
"Zionistische Veranstaltung In Badenweiler. Am Sonntag, dem 19. Juni
1904 findet In Badenweiler wie im letzten und vorletzten Jahre eine
gesellige Zusammenkunft der oberbadischen, der benachbartem elsässischen und
schweizerischen Zionisten statt, zu welcher wir unsere Gesinnungsgenossen
und deren Familienangehörigen hiermit höflichst einladen. Für diejenigen,
welche sich an einer Fußwanderung auf den Blauen beteiligen wollen, ist eine
gemeinsame Wanderung in Aussicht genommen, ab Badenweiler halb 7 Uhr früh.
Gemeinschaftliches Essen präzis 1 Uhr im 'Elsässer Hof' (Preis des Gedeckes
2 Mk.) Nachmittags: zwanglose Unterhaltung, Spaziergänge, eventuelle
Tanzunterhaltung. Anlässlich der Zusammenkunft in Badenweiler am 19. ds.
Mts. werden die Vorstände und Vertrauensmänner der benachbarten
zionistischen Ortsgruppen zu einer Besprechung über Fragen der zionistischen
Arbeit eingeladen. Dieselbe wird um 11 Uhr vormittags im 'Elsässer Hof'
stattfinden." |
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Artikel
in "Die Welt" vom 17. Juni 1904:
ähnlich wie oben. |
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Artikel
in "Die Welt" vom 29. Juli 1904: "Freiburg i. B. Die
zionistische Veranstaltung in Badenweiler am 19. Juni, welche von der
Freiburger Ortsgruppe ausging, nahm einen anregenden Verlauf.
Gesinnungsgenossen aus Freiburg,
Müllheim,
Basel, Breisach und
Offenburg. In der Frühe fand ein
Ausflug statt, um 1 Uhr gemeinschaftliches Mahl. N.-F. 35 Mark. Am gleichen
Tage seitens der Vorstände und Vertrauensmänner unter dem Vorsitze des Herrn
Dr. Kaufmann, Freiburg,
Besprechung über Fragen der zionistischen Arbeit. Es wurde eine Resolution
gefasst, welche die Herausgabe einer monatlich erscheinenden
Agitationsschrift bezweckt. Ferner wird angeregt, zu Tischah beAv
eine Sammlung zu Gunsten des Nationalfonds im badischen Oberlande
vorzunehmen. Ein diesbezüglicher Aufruf soll nach dem Muster der
zionistischen Vereinigung Basel ergehen. Von Herrn Towbin -
Königsberg wird der Vorschlag gemacht, jede Ortsgruppe solle eine Anzahl
Zirkulare über den Nationalfond vorrätig halten, um sie bei geeigneten
Gelegenheiten (Hochzeiten, Trauerfällen etc.) in der Gemeinde zu verwenden.
Wir unterbreiten diesen Vorschlag ebenfalls dem Zentralkomitee. Die
Anwesenden sprechen den Wunsch aus, dass die Legalisierung des Nationalfonds
bald erfolgen möge. Ferner wird der Wunsch ausgesprochen, dass von
Landankäufen in Palästina seitens der zionistischen Organisation in der
jüdischen Presse soweit tunlich Mitteilung gemacht wird."
Anmerkung: Jacob Towbin in Königsberg war Inhaber eines dortigen Getreide-
und Heringsgeschäftes (Link)
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Anzeige
in der Zeitschrift "Die Welt" vom 28. Juli 1905: "Kongress 1905.
BADENWEILER (bad. Schwarzwald)
(von Station Müllheim der Hauptlinie Frankfurt-Basel in einer halben, von
Basel aus in einer Stunde zu erreichen.)
Streng Koscher Hotel und Pension Elsässer-Hof
Streng Koscher
Seit Jahren Treffpunkt der Zionisten von Freiburg, Mülhausen und Basel.
Schöne Speisesäle. — Garten — Thermalbäder. — Komfortable Fremdenzimmer. —
Telephon Nr. 9. — Hausbursche am Bahnhofe." |
Stellenausschreibung des Hotels
Elsässer Hof (1907)
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 2. Mai 1907: "Ich suche für mein
Kurhotel in Badenweiler ein
Kochlehrmädchen
(freie Kost u. Wohnung nebst Familienanschluss) und ein
Fräulein
zur Mithilfe im Hotel (Gehalt nach Übereinkunft). Ebenso ein
Kochmädchen
für mein hiesiges Restaurant.
L. Blum, Freiburg in Breisgau, Salzstraße 17." |
Hoher Besuch in Badenweiler - Hinweis auf Badenweiler
(Hotel "Elsässer Hof") als Möglichkeit für einen koscheren Kuraufenthalt (1902)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. April 1902: "Badenweiler, 1.
April (1902). Ihre Majestät die deutsche Kaiserin wird mit den zwei jüngsten
kaiserlichen Kindern, dem Prinzen Joachim und der Prinzessin Augusta
Viktoria, sowie der Schwester der Kaiserin, Prinzessin Feodora, auf dem 15
Minuten von hier in reizender Lage gelegenen Schloss Hausbaden Aufenthalt
nehmen. Das genannte Hotel wurde samt Park für die Monate Mai und Juni
gemietet. Der von den hohen Herrschaften geführte Haushalt wird insgesamt
51 Personen umfassen. Schloss Hausbaden wurde seinerzeit auch von Königin
Wilhelmine von Holland bewohnt.
Da Badenweiler unter den orthodoxen Juden Badens und
Elsass-Lothringens ziemlich bekannt ist, so dürfte die Nachricht nicht
ohne Interesse für sie sein; insbesondere als dies der einzige Luftkurort
des badischen Schwarzwalds ist, wo Gelegenheit geboten ist, koscher zu
leben. Siehe Inserat Hotel und Pension Elsässer Hof in Badenweiler." |
Die
Pension Hemmendinger (Nachfolge von H. Blum)
Anzeige der Pension der Witwe Hemmendinger (1910)
Anzeige
in der "Neuen jüdischen Presse" ("Frankfurter Israelitisches Familienblatt")
vom 3. Juni 1910:
"KOSCHER Badenweiler, Schwarzwald.
Pension Hemmendinger, H. Blum's Nachfolger.
Villa Sutter. In der Nähe des Kurparks und des Bahnhofs. Inmitten
schattigem Parke. - Schöne Zimmer. - Streng rituelle Küche.
Eröffnung: Anfangs Juni. Ww. Hemmendinger, Basel." |
Landwirtschaftlicher Ferienkurs der
Friedrich-Loge (Heidelberg) in Müllheim und in Badenweiler im Restaurant
Hemmendinger (1910)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 17. Juni 1910: "Landwirtschaftliche
Ferienkurse.
(Bericht über den ersten landwirtschaftlichen Ferienkurs für israelitische
Mittelschüler und Seminaristen in Baden.)
Von Reallehrer B. Zivi - Bruchsal.
Vorbemerkung. Das erstrebenswerte Ziel der Jugenderziehung, einen
gesunden Geist in einem gesunden Körper heranzubilden, kann in unserer
raschlebigen Zeit nur vom kleinsten Teile unserer jüdischen Jugend erreicht
werden. Besonders gefährdet erscheint die harmonische Ausbildung unserer
Stadtkinder, denen vielfach die Zeit zu ausgiebigen, die Gesundheit
stärkenden Körperübungen fehlt. Ja, fast will es scheinen, als ob nicht
selten Eltern und Erziehern durch die ständige Sorge um die Erlangung der
geistigen Reife von Seiten der ihnen anvertrauten Jugend der Sinn für
körperliche Ausbildung ganz verloren gegangen sei.
Anregung der Friedrich-Loge. Um so bemerkens- und anerkennenswerter
ist das Vorgehen der Friedrich-Loge in Heidelberg, das den Missständen des
heutigen Erziehungssystems in zweckmäßiger und energischer Weise
entgegenwirken soll.
Die Loge veranstaltete nämlich im Sommer des vorigen Jahres im Einvernehmen
mit anderen badischen Logen einen drei Wochen dauernden landwirtschaftlichen
Ferienkurs für jüdische Schüler.
Zweck der Kurse. Durch diese Einrichtung sollen die jüdischen
Schüler, auf einige Wochen wenigstens, der Einseitigkeit der Schularbeit
entzogen und, durch ausgiebigen Aufenthalt und zweckmäßige Beschäftigung in
frischer Landluft gesundheitlich gefördert werden. Die praktische Einführung
in den Gartenbau, die Obstbaum- und Bienenzucht soll der geistigen
Anstrengung ein heilsames Gegengewicht schaffen, den Gesichtskreis unserer
Jugend erweitern und gleichzeitig ihr Verständnis für Landwirtschaft und mit
ihr zusammenhängende wirtschaftliche Fragen wecken und bilden. Eine
derartige Schulung wird, wie die geistige, Bildungswerte erzeugen, die für
den einzelnen und seinen späteren Beruf von nicht zu unterschätzender
Bedeutung werden können.
Stätte des Kurses. Die Unterrichtsgegenstände wurden in
Müllheim bzw. Niederweiler gelehrt,
während die Kursteilnehmer in guten Familien in Nieder- und Oberweiler
untergebracht waren. Sämtliche Orte sind vorteilhaft bekannt durch
herrliche, gesunde Lage im badischen Schwarzwald und durch ihre reizende, zu
Ausflügen verlockende Umgegend. Vortreffliche rituelle Verpflegung fand
der Kurs im Restaurant Hemmendinger in Badenweiler.
Schülermaterial. Die Kursteilnehmer waren mit einer Ausnahme Schüler
badischer Gymnasien und Realschulen im Alter von 14 bis 18 Jahren; die große
Mehrzahl derselben stellten die Städte Heidelberg, Mannheim und Karlsruhe.
Zugelassen waren nur körperlich gesunde und sittlich makellose junge Leute.
Lehrer und Leiter. Der Unterricht lag in den Händen von Lehrkräften, die
seit langer Zeit in den einzelnen Disziplinen mit Erfolg tätig sind. Garten-
und Obstbau unterrichtete Herr Hauptlehrer Seligmann in
Müllheim.
Die Einführung in die Bienenzucht hatte Herr Hauptlehrer Vollmer in
Niederweiler, ein bewährter Bienenzüchter, übernommen.
Der Verfasser des vorliegenden Berichts war von der 'Kommission zur
Förderung der Bodenkultur unter den Israeliten des Großherzogtums Baden'
dazu berufen worden, sich an dem Kurse durch Vorträge über die Verwertung
der landwirtschaftlichen Produkte durch Handel und Industrie zu beteiligen.
Um die Führung der jungen Leute hatte sich der Präsident der Friedrich-Loge,
Herr Hauptlehrer Müller in Heidelberg, in dankenswerter Weise angenommen.
Tageseinteilung. Nach neunstündigem Schlafe erhoben sich die Zöglinge
um 6 Uhr morgens, das erste Frühstück wurde um 6 3/4 Uhr eingenommen. Um 7
Uhr sammelten sie sich zum Marsch nach Müllheim, ein prächtiger Spaziergang
durch eine schattige Nussbaumallee von 15 bis 40 Minuten, je nach Lage des
Quartiers. Bei Regenwetter benutzte man die Lokalbahn Müllheim—Badenweiler.
- Um 8 Uhr begann die praktische Gartenarbeit, die bis zur zweiten
Frühstückspause 9 3/4 Uhr dauerte. Machten die Unbilden der Witterung die
Gartenarbeit unmöglich, was bei der ausgesprochenen Neigung des letzten
Sommers zu Niederschlägen hin und wieder vorkam, so trat an die Stelle der
Gartenarbeit der Werkstättenunterricht in einer eigens hierzu gemieteten,
vollständig eingerichteten Werkstätte.
Von 10 bis 11 Uhr fand teils theoretischer Unterricht im Anschluss an die
Gartenarbeit, teils handelswissenschaftlicher Vortrag statt. Um 11 Uhr
begaben sich die Schüler und Lehrer ins Müllheimer Thermalbad, das ihnen
durch dankenswertes Entgegenkommen der Verwaltung zu ermäßigten Preisen
offen stand. Nach dem Bad erfolgte Rückmarsch nach Badenweiler und
Einnahme des Mittagsmahls gegen 1 Uhr.
Der Nachmittag blieb der Erholung, den Ausflügen, zum Teil auch dem
Unterricht in der Bienenzucht vorbehalten. Um 7 Uhr bzw. 7 1/2 Uhr abends
nahm man das Nachtessen ein; die Zeit nach diesem bis zum Schlafengehen
füllten die Zöglinge in der Regel mit Briefwechsel usw. aus, um 9 Uhr abends
begaben sie sich zur Ruhe.
Gottesdienst. Der Sabbat war vollständig Ruhetag; er war
hauptsächlich dem Genuss der herrlichen Natur Badenweilers und seiner
nächsten Umgebung gewidmet. Am Freitagabend und Samstagmorgen veranstaltete
der Kurs für sich einen eigenen Gottesdienst im Restaurant Hemmendinger.
Ausflüge und Besichtigungen. Einen wichtigen Teil des Unternehmens
bildeten die Spaziergänge und Ausflüge in den Schwarzwald und die Umgebung
Müllheims. Der Kurs machte drei ganztägige und ebenso viele halbtägige
Exkursionen; hierbei sind kleine Spaziergänge an Samstagen und sonstigen
freien Stunden nicht inbegriffen.
Kosten. Diese beliefen sich einschließlich der Hin- und Rückfahrt auf
110 bis 120 Mark für jeden Teilnehmer; hierzu kommen künftig noch etwa 20
Mark pro Kopf als Beitrag zur Deckung der erforderlichen allgemeinen
Unkosten.
Schlussbetrachtung. Mit hoher Befriedigung dürfen alle Beteiligten
auf den Verlauf und den Erfolg des ersten landwirtschaftlichen Ferienkurses
zurückblicken. Diese Einrichtung entspricht einem dringenden Bedürfnisse
unserer Zeit, und ihre Wiederholung Und Verbreitung müssen von einsichtigen
Eltern Und Erziehern und auch von Behörden, denen das Wohl der
heranwachsenden Jugend am Herzen liegt, nachdrücklich gefordert werden. Kann
auch ein greifbarer Erfolg erst in der Zukunft durch Betätigung der
Kursteilnehmer im Garten und am Bienenstand, durch eigenes Handanlegen bei
einfachen, handwerksmäßigen Verrichtungen und durch verständnisvolles
Erfassen wirtschaftlicher Fragen in Erscheinung treten, so hat sich doch
schon heute gezeigt, dass die Schüler sowohl dem praktischen als
theoretischen Unterricht, der ihnen Belehrung über bisher ganz fremde
Gebiete bot, mit großem Interesse folgten und, wie die nachträglich
freiwillig gefertigten schriftlichen Arbeiten bewiesen, den neuen Stoff auch
gründlich erfassten.
Nicht zu unterschätzen ist auch der erzieherische Einfluss, den der
eigenartige Unterricht sowohl als auch das Leben in einer größeren
Gemeinschaft, wo der eigene Wille einem höheren unterzuordnen war, auf die
Schüler ausübte, und es muss lobend anerkannt werden, dass sie sich rasch
den gegebenen Verhältnissen anpassten und die Anordnungen der Lehrer willig
befolgten. Die Gartenarbeit mit Spaten, Hacke, Rechen und Schaufel war ihnen
keine Anstrengung, sondern eine Lust, und auch auf weiten Märschen zeigte
sich kaum eine Spur der Ermüdung bei der jugendlichen Schar. Es war ein
Vergnügen zu beobachten, wie allmählich der blasse Teint der Stadt sich
verlor und an seine Stelle die gesunde, frische Farbe trat, wie sie die
Landluft hervorzubringen pflegt.
An Körper und Gesundheit gekräftigt, eingeweiht in Wissensgebiete, die
praktisch verwertbar und für die Allgemeinbildung in der heutigen Zeit
unerlässlich sind, konnten die Teilnehmer in die Heimat entlassen werden, um
die gewohnte Schularbeit mit erhöhter Kraft wieder aufzunehmen.
Der gute Anfang sollte allerwärts ein Ansporn sein zu weiterer Betätigung
auf dem neuen, Erfolg versprechenden Gebiete erzieherischer Arbeit. Es
besteht die Absicht, in diesem Jahre einen zweiten, drei bis vier Wochen
dauernden landwirtschaftlichen Kurs mit ähnlicher Organisation folgen zu
lassen. Anmeldungen nehmen die Friedrich-Loge in Heidelberg und die
mitwirkenden Lehrer entgegen." |
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Links: Bericht im "Israelitischen
Familienblatt" vom 21. April 1910 (teilweise etwas ausführlicher als im
Bericht der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" oben. |
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Weitere Veranstaltungen und
Kureinrichtungen
Werbung des Hotels Saupe (1908)
Anmerkung: Beim Hotel Saupe handelt es sich nicht um ein jüdisches Hotel, die
Familie ist u.a. bekannt durch den Physiker Alfred Saupe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Saupe .
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 31. Juli 1908: "Badenweiler.
Hotel Saupe bietet mit seinen, von Gärten umgebenen Villen angenehmsten
Aufenthalt. Thermalbäder in den Häusern. Näheres durch den Besitzer Ad.
Saupe." |
Anzeigen des Hotels Römerbad (1924)
Anmerkung: Beim Hotel Römerbad handelte es sich nicht um ein jüdisches
Hotel, dennoch hat es regelmäßig in einer jüdischen Zeitschrift Werbeanzeigen
aufgesetzt. Da ein Aufenthalt auch ohne Pension gebucht werden konnte, war es
jüdischen Kurgästen möglich, dort zu übernachten gegebenenfalls in den
jüdischen Hotels zu speisen;
das "Hotel Römerbad" besteht noch heute: www.hotel-roemerbad.de/.
Anzeige
in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des
"Central-Vereins") vom 10. Januar 1924: "Badenweiler
im südlichen Schwarzwald. Mit Station Mühlheim der Hauptlinie Frankfurt
- Basel durch elektrische Nebenbahn verbunden.
Hotel Römerbad. Haus I. Ranges, bietet auch im Winter angenehmsten
Aufenthalt.
Besitzer: Gebrüder Joner". |
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Anzeigen in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des
"Central-Vereins") vom 3. Juli 1924: "Badenweiler
(Südlicher badischer Schwarzwald). 400 m.ü.M. - Keine
Fremdensteuer.
Thermalbad und klimatischer Kurort. Thermal-Schwimmbäder, Licht-
und Sonnenbäder.
Aquarell-Ausstellung - Oper- und Freilicht-Spiele.
Auto-Gesellschaftsfahrten. Auskunft und Drucksachen durch die Kurverwaltung
e.Gen.m.b.H.
Badenweiler (Südlicher badischer Schwarzwald) - Hotel Römerbad.
Zimmer mit und ohne Pension. Pensionspreis mit Zimmer von Mark 11.- an pro
Person.
Besitzer: Gebr. Joner." |
100-jähriges Bestehen des Hotels Römerbad (1924) und
Werbeanzeige (1928)
Anmerkung: Zum Hotel Römerbad vgl.
https://de.wikipedia.org/wiki/Hotel_Römerbad
Artikel in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des
"Central-Vereins") vom 17. Juli 1924: "In Badenweiler
wurde am 1. Juli das 100-jährige Bestehen des Hotels Römerbad festlich
begangen. Unter Mitwirkung der städtischen Behörden und einer
zahlreichen Versammlung von Kurgästen und Vertretern der Bevölkerung
fand vor dem Hotel der festliche Akt statt. Prächtige Geschenke und viele
Blumen waren ein ausdrucksvolles Zeugnis für die allgemeine Beliebtheit
des Hotels Römerbad." |
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Anzeige
im "Jüdischen Jahrbuch für Groß-Berlin" 1928 S. VIII: "Badenweiler im
Schwarzwald. Hotel Römerbad aus ersten Ranges.
Offen von Mitte März bis Mitte Oktober. Ausführliche Prospekte. Besitzer
Gebrüder Joner, Fernruf Nr. 10." |
Vortrag der Schriftstellerin Anette Kolb (1926)
Anmerkung: über die Schriftstellerin Anette Kolb vgl.
https://de.wikipedia.org/wiki/Annette_Kolb
Mitteilung
in der (jüdischen) "Wiener Morgenzeitung" vom 15. Oktober 1926: "Vorlesung
Anette Kolb. Eine der feinsten deutschen Schriftstellerinnen, der dank
ihrer elsässischen Abkunft eine deutsch-französische Kultursynthese geglückt
ist, Anette Kolb (Badenweiler), trägt am Samstag, den 16. Oktober,
über Einladung des Kulturbundes um 7 Uhr abends, 1. Dez., Annagasse 6, aus
eigenen Werken (Novellen, Essays) vor. Gäste willkommen." |
Anzeige der Thermalkurortes Badenweiler (1933)
Anzeige in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des Central-Vereins)
vom 4. April 1933:
"'In diesem Jahre nach dem deutschen Süden'. Badenweiler.
Thermalkurort im Schwarzwald 450 m ü.d.M...."
mit einer Übersicht über die (allesamt nichtjüdischen) Hotels,
Pensionen und Gasthöfe. |
Jüdische
Kurgäste in Badenweiler
Zum Tod des Berliner
Fabrikanten Benno Strauß (1880 in Badenweiler)
Artikel
in der Zeitschrift "Die jüdische Presse" vom 9. September 1880: "Berlin,
27. Elul. (Original-Korrespondenz). Nur einige Tage noch und wir beschließen
ein Jahr, in welchem Israel den Verlust so vieler seiner Edelsten und Besten
zu beklagen hat, ein Jahr, das des Betrübenden so außergewöhnlich Viel in
sich vereinigt hat, dass wir uns wahrlich zu der Hoffnung berechtigt
glaubten, es wäre die Reihe solch herber Schläge nunmehr abgeschlossen. Doch
des Allmächtigen unerforschliche Weisheit hatte es anders beschlossen; die
allerletzten Tage sollten uns von Neuem in tiefe Trauer versetzen. Am
Montag, 23. Elul, des morgens 5 1/2 Uhr, beschloss Herr Benno Strauß,
Chef der bekannten hiesigen (= Berliner) Firma B. Strauß u.
Co., in Badenweiler, sein tatenreiches Leben, und wurde, seinem Wunsche
entsprechend, die nach Frankfurt am Main überführte Leiche, am
zweitfolgenden Tage auf dem dortigen Friedhofe zur ewigen Ruhe bestattet.
Herr Dr. Werner entrollte der äußerst zahlreichen Trauerversammlung, zu der
mehrere Berliner Freunde des Verstorbenen hergeeilt waren, in beredten
Worten ein getreues Bild des im Alter von nur 36 Jahren abberufenen
Freundes, in der er besonders hervorhob, dass der Verklärte trotz seines
jugendlichen Alters es verstanden, eine Wirksamkeit zu entfalten, wie sie
von nur Wenigen, als Mensch wie als Jehudi erreicht wird. Benno
Strauß, in Niederwesel bei Frankfurt a. M. geboren, besuchte am letzteren
Platze die Schule und trat im Akter von 14 Jahren in die weithin bekannte
Metallhandlung des Herrn Phil. A. Cohen ein. ..." Zum weiteren
Lesen des Artikel bitte Textabbildung anklicken. |
Der russische Komponist Anton Grigorjewitsch Rubinstein (Антон
Григорьевич
Рубинштейн) ist
Kurgast in Badenweiler (1890)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 22. August 1890:
"Der städtische Kapellmeister in Freiburg (Baden), Herr Wilhelm
Bruch, veranstaltete kürzlich zu Ehren Rubinsteins, welcher sich in
Badenweiler zur Kur aufhält, ein Konzert, in welchem nur Kompositionen
Rubinsteins zur Aufführung gelangten, u.a. die 'Ozean-Symphonie' und die
Ballettmusik aus 'Nero'. Das Publikum empfing den anwesenden Komponisten
enthusiastisch, das Orchester mit dreifachem Tusch." |
Eine Familie verirrt sich bei einem
Ausflug im Urlaub in Badenweiler (Aufsatz einer Schülerin 1905)
Artikel
in "Jüdische Jugend" in der Ausgabe Nr. 22 (zu 27) 1905: "Verirrt.
Den Sommer des Jahres 1902 verlebte unsere Familie in dem weitberühmten,
gesunden Kurort Badenweiler.
An einem schönen Augusttage wurde uns ein Ausflug nach dem etwa 2 Stunden
entlegenen Städtchen 2. vorgeschlagen. Wir rüsteten uns Alle und standen um
2 Uhr reisefertig da. Nun ging es nach vorgeschriebener Richtung in den
Wald. Wir folgten den Wegweisern eine Zeit lang; bald jedoch zeigten sich
keine mehr unseren Augen, und wir gingen aufs Geratewohl vorwärts.
Inzwischen waren 1, 2 und 3 Stunden verflossen, und wir erspähten unser Ziel
immer noch nicht.
Von Stunde zu Stunde steigerte sich unsere — hauptsächlich meine — Angst. Je
schneller wir fortschritten, desto steiler und gefährlicher wurde der Weg.
Überall war er mit Steinen — ja sogar mit einigen Felsblöcken — bedeckt, so
dass unsere Schuhe ordentlich zugerichtet wurden. Nach etwa 4 1/2 Stunden
sahen wir weder Weg noch Steg, und wir befanden uns auf der höchsten Spitze
eines Berges. Nun wussten wir augenblicklich keinen Rat.
Zu dieser Zeit waren meine Schwestern 15 und 12, ich 9 Jahre alt. — Meine
älteste Schwester kundschaftete den Weg aus; sie kam jedoch bald, durch
irgend ein Geräusch erschreckt, zurück. Wir ruhten uns einige Minuten aus
und brachen dann alle auf. Wir gingen bergabwärts, großer Gefahr
preisgegeben. Mein lieber Vater führte mich; meine Mutter folgte mit meiner
einen Schwester. Meine große Schwester ging allen voran. Bei jedem
geringsten Geräusch bebte mein Herz, und ich klammerte mich fester an meinen
Vater. — Es würde, glaube ich, niemand gerne an meiner Stelle gewesen sein.
— Keinen Wandersmann erblickten unsere Augen.
Endlich, endlich kamen mir auf einer weiten Ebene an. Allmählich war die
Dämmerung hereingebrochen. Jetzt erst kam mir der Gedanke an die
überstandene Gefahr, und wie beim 'Reiter auf dem Bodensee' graute es mir,
wenn ich daran dachte. Ich weinte Angst- und Freudetränen zugleich und wir
dankten allesamt Gott für die Errettung. Unterwegs erwähnten wir oft, nur
froh sein zu können zusammen zu sein.
Nun brachte uns ein Junge nach dem etwa 1/2 Stunde entfernten Städtchen S.
Um 9 Uhr, statt um 4 Uhr, erreichten wir unser Ziel. Nach kurzer Rast
mussten wir, da es schon so spät war, nach Badenweiler fahren und kamen ganz
schlaff und abgespannt dort an.
Ich glaube, dass ich dieses Abenteuer nie — wenigstens lange nicht —
vergessen werde. Auch hoffe ich, so etwas nicht mehr miterleben zu müssen.
Martha Sch." |
Zum Tod von Julius Schohl I aus Pirmasens (gest. in Badenweiler (1902)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. September 1902:
"Pirmasens, 10. Elul (= 12. September
1902). Herr
Julius Schohl I. hier ist im 48. Lebensjahre von seinem schweren und
langen Leiden, in Badenweiler, wo er Heilung seines Leidens suchte,
zum besseren Jenseits von Gott abgerufen worden. Das heutige große
Leichenbegängnis unter Voranschreiten eines Musikkorps- und
Kriegervereins (der Verstorbene war Reserveleutnant), konnte einem Juden
sagen, wer der Verblichene war und was er während seines Lebens geleistet
hat. Gemilus Chesed (Wohltätigkeit) übte er stets im Geheimen
aus, sodass kein Zweiter davon wusste. In Stadt und Umgegend sehr beliebt,
war er auch hauptsächlich ein treuer Gatte und Vater seiner Familie, was
Herr Bezirksrabbiner Dr. Mayer - Zweibrücken am Grabe hervorhob. Kantor
Slodki." |
Der jüdische Dichter Scholem-Aleichem (S. Rabinowitz)
ist zur Kur in Badenweiler (1910 / 1911)
Anmerkung: Scholem Alejchem
(Pseudonym
von Schalom Yakov Rabinowitsch; geb. 1859 in Perejaslaw bei Kiew, gest.
1916 in New York) war ein bekannter jiddischsprachiger Schriftsteller,
u.a. "Die Geschichten Tewjes, des Milchhändlers" von 1894
(Vorlage für das Musical Anatevka, 1964).
Abbildung links: Titelblatt von (jiddisch:) "Schalom Alejchems
Werke - Tewje der Milchiger un andere Erzählungen".
Quelle: Wikipedia-Artikel
zu Scholem Alejchem. |
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Artikel
im "Israelitischen Familienblatt" vom 28. Juli 1910: "Ein 'Feuerbuch'
Zugunsten der von der Feuersbrunst heimgesuchten jüdischen Bevölkerung in
Russland soll demnächst erscheinen. Der bekannte Jargon-Schriftsteller
Scholem- Aleichem (S. Rabbinowitz), der gegenwärtig in Badenweiler
(Schwarzwald) zur Kur weilt, erläßt im 'Heed Hasman" einen Aufruf an die
jüdischen Schriftsteller, Journalisten, Zeichner und Komponisten Russlands,
in dem er folgende Aktion anregt: Es soll eine Sammelschrift in hebräischer,
jüdischer und russischer Sprache mit Bilderschmuck und musikalischen
Beiträgen herausgegeben werden, deren Ertrag zum Besten der von der
Feuersbrunst heimgesuchten jüdischen Bevölkerung im Ansiedlungsrayon
verwendet werden soll. Sämtliche literarischen, zeichnerischen und
musikalischen Beiträge sollen unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden,
desgleichen sollen jüdische Papierhändler das Papier umsonst liefern, und
auch der Satz und Druck sowie die Buchbinderarbeiten usw. sollen ohne jedes
Entgelt besorgt werden, so dass die Herstellung des 'Feuerbuches" — diesen
Namen schlägt Scholem-Aleichem für das geplante Sammelwerk vor — völlig
kostenlos erfolgen würde. Auf diesen Aufruf hin haben sich bereits die Hand-
und Maschinensetzer des 'Heed Hasman" bereit erklärt, zehn Bogen des
geplanten Feuerbuchs unentgeltlich zu setzen." |
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Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Juni 1911: "Russland. Der in
Badenweiler (Schwarzwald) zur Kur weilende bekannte jüdische Dichter Scholem-Aleichem (S. Rabbinowitz) erhielt ein Schreiben von dem russischen
Schriftsteller Alexander Amphitheatrow, worin dieser ihm mitteilte, dass
die angesehensten russischen Schriftsteller beabsichtigen, eine
gemeinschaftliche energische Protestkundgebung gegen die Ritualmordhetze
in der russischen Presse zu veröffentlichen." |
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Artikel
in der "Jüdischen Rundschau" vom 16. Juni 1916 (nur zwei kurze Abschnitte
werden aus dem Bericht mitgeteilt): "Schalom Alejchem der Zionist
Schalom Alejchem, dessen 'Schloschim' (2. Trauerperiode bis 30 Tage nach
dem Tod) die jüdische Presse Polens in diesen Tagen feierlich begeht,
war Zeit seines Lebens ein treuer Anhänger und Verkünder der zionistischen
Idee. Seinen persönlichen und schriftstellerischen Beziehungen zum Zionismus
widmet Jizchak Nissenbaum in der 'Hazefira' vom 18. Mai (Nr. 111) einen
besonderen Aufsatz...
...
Schalom Alejchem beteiligte sich auch an einigen Zionistenkongressen als
Delegierter. Auf dem achten Kongress im Haag war er amerikanischer
Delegierter. Zur Zeit des zehnten Kongresses in Basel lag Schalom Alejchem
krank in dem benachbarten Badenweiler. Trotzdem die Ärzte ihm Ruhe
verordnet hatten, fuhr er fast täglich nach Basel, saß dort einige Stunden
im Kongress-Saal und interessierte sich für alle Fragen, die auf der
Tagesordnung standen." |
Anmerkungen: - Jizchak (Isaak) Nissenbaum
(1868 - ermordet 1942): führende Persönlichkeit der religiös-zionistischen
Bewegung
https://mizrachi.org/biography/rav-isacc-nissenbaum-1868-1942/
- Hazefira siehe
https://de.wikipedia.org/wiki/Ha-Zefira
- Der achte Zionistenkongress war vom 14.-21. August 1907 in Den Haag
- Der zehnte Zionistenkongress war vom 5.-11 August 1911 in Basel
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Der Bruchsaler Rabbiner Dr. M. Doctor beschäftigt sich
mit dem Werk E. M. Liliens (1905)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. Februar
1905: "E. M. Lilien: Sein Werk*. Von Dr. M.
Doctor-Brnchsal.
*Verlegt bei Schuster und Löffler. Berlin und Leipzig 1903.
'Mag man die soziale Seite des Zionismus, wie immer auch betrachten, mit dem
merkwürdigen Lächeln gegenüber der Utopie oder dem schöpferischen Eifer der
Begeisterten — zugestehen muss man, dass er schlafende, künstlerische Werte
geweckt hat. Neue kulturelle und nationale Probleme sind aus seiner
Gestaltung aufgeleuchtet, die Ideen jüdischer Kunst und nationaler Kultur,
die selbst noch Traum und Möglichkeit sind, ein wegloser, urwaldwirrer Pfad
von verführerischer grandioser Schönheit. Und Lilien ist der erste, der ihn
gegangen. Einer der ersten war er auch, die den zionistischen Ideen
unterlagen, denn ihn musste man nicht das Judentum lehren, sondern den
bewussten Stolz.'
Diese Gedanken entwickelt Stefan Zweig in seiner geistreichen Vorrede zu
Liliens 'Werk', dem der Verlag eine hervorragende Ausstattung gegeben.
Die Frage, ob es nicht ein wenig früh gewesen ist, schon jetzt von dem
'Werke' Liliens zu sprechen, wollen wir nur streifen. Lilien ist noch ein
Werdender und das Werk eines Werdenden wird erst dann Anspruch auf
vollgültige Beachtung und Bewertung erheben können, wenn es eine
verheißungsvolle Einleitung zu einer 'Tat' ist. Lilien hat nun die
moralische Verpflichtung zu halten, was sein Werk verspricht, nur dann wird
es als berechtigte zusammenfassende Äußerung eines künstlerischen Könnens
angesehen werden dürfen und nicht allein als der Ausdruck eines — wenn auch
begreiflichen — Wunsches seiner Freunde, einem der Ihrigen die allgemeine
Aufmerksamkeit zuzulenken, nachdem er einem kleineren Kreise ein
hochgeschätzter Bekannter geworden ist.
Also, als Anweisung für die Zukunft kann man sein |
'Werk'
gelten lassen, denn es ist noch kein monumentales Denkmal einer reifen,
abgeschlossenen Persönlichkeit, sondern enthält — neben kleinen und
kleinsten Arbeiten, die alle sorgsam ausgenommen sind — vorerst nur eine
'Reihe geistreicher, poetischer Blätter, delikat gezeichneter, witziger
Einfälle, feingeschliffener Bijous von entzückendem Charme'. Sie zeigen aber
alle die bewunderungswürdige Feinheit der Linie.
Die Kunst der Kontraste und — was charakteristisch für Lilien ist — eine
herrliche Schönheit des Körpers unter konsequenter Verleugnung der
Sinnlichkeit.
Das sind die unleugbaren, großen Vorzüge seiner Kunst, die ihn zu einem
anerkannten Meister der Illustration und vor allem der 'Ex libris' Zeichnung
gemacht haben. Was er auf diesem Gebiete geschaffen, gehört zum besten der
neuen Kunst; die hebräischen 'Ex libris' sind Kabinettsstückchen. Was uns
dabei Lilien interessant und wert macht, das ist, dass er als erster
'Jüdisches' künstlerisch gestaltet, dass er Uraltes schöpferisch verjüngt,
Unbeachtetes und Ungeahntes, Jahrtausende lang Schlummerndes zu neuem,
blühenden Leben erweckt.
Die alten Majuskeln, Geräte, Wahrzeichen und Symbole einer großen
Vergangenheit lässt er in moderner Umbildung erstehen, das Nationale in
ornamentaler Verwertung wirken. Er hat für dies alles eine persönliche Note
gefunden, die uns ungewöhnlich sympathisch berührt. Er zeichnet Juden weder
leis karikiert noch sacht idealisiert wie biblische Patriarchen in
hellenischer Gewandung, sondern so wie sie ein jüdischer Künstler mit dem
Auge und dem Herzen seines Volkes erblicken und mit seiner von der Liebe
geführten Hand zeichnen muss.
Wenn man manche seiner Zeichnungen sieht, wie das Gedenkblatt zum fünften
Zionistenkongress, den jüdischen Mai, Ellulmelodien und vor allem Passah und
das Gedenkblatt für die Toten von Kischinew, so muss man rückhaltlos —
abgesehen von der genialen Wirkung bei einfachsten Mitteln — eingestehen: so
hat man sich diese Darstellungen gedacht, so sind sie nicht bloß ein
ergreifender Ausdruck, sondern auch eine hochpoetische und doch künstlerisch
wahre Gestaltung von Gedanken, die unserem Herzen entstammen.
Hier liegt die Stärke und die Originalität seines Talentes, hier fließt der
Quell seiner Begabung am reinsten und mächtigsten, sodass er uns gewähren
kann, was wir brauchen, wonach wir uns sehnen und was einen neuen Pfad uns
eröffnen kann — zur Belebung der Religiosität auch durch die Kunst.
Das wäre eine neue Renaissance.
Was wir in der Religion an bildender Kunst aufzuweisen haben, ist mehr als
bescheiden. Einen Einfluss hat sie nie ausüben können. Lag das allein an dem
'Kunstparagraphen' in unserem Ritualkodex, dem § 141 des Schulchan Aruch,
Jore dea?
Wer hat den eigentlich 'abrogiert', wie man in der Sturm- und Drangperiode
zu sagen pflegte? Was macht die konsequente Orthodoxie mit ihm? Oder liegt
er jenseits der '110 Paragraphen"? Sollte er auch schon bei unseren
östlichen Brüdern in milderer Praxis gehandhabt werden?
Zweig hat Recht, wenn er sagt: 'In Liliens Hand hat sich für viele zum
ersten Male die Flamme der Kraft entzündet. Die Kongresskarte, die fern im
tiefsten Russland einer empfängt und staunend im Dorfe umherzeigt, ist der
erste Strahl künstlerischer Kultur, die ihnen von allem Anbeginn in die
Augen geleuchtet."
Die Kunst hat im Judentum der Gegenwart auch eine Mission und es ist eine
verlockende Perspektive, sie in den Dienst unserer Religion gestellt zu
wissen.
Lilien müsste die Bibel illustrieren! Das müsste er als 'sein Werk'
betrachten. Hat schon ein Jude das jüdischeste Buch illustriert?
Typisch müsste die Illustration sein, nicht wie früher gleichsam
interkonfessionell, so dass man sie für jede Übersetzung verwenden könnte.
Und dazu gehörte dann auch eine Übersetzung, die auch ein Kunstwerk sein
müsste, in der Form auch den ästhetischen Genuss bietend, den der Urtext dem
Kenner bereitet.
Und wenn dann der Ewigkeitsgehalt der Bibel, in das Gewand künstlerischen
Wortes und Bildes gekleidet, neu erstände, würde nicht das Auge gefesselt
und das Herz ergriffen werden?
Aber vorerst will Lilien die 'Hagada" künstlerisch gestalten. Das ist ein
glücklicher, fruchtbarer Gedanke, in dem Lilien nachhaltigst bestärkt werden
muss.
Das Buch aber müsste 'bis in seine innerste Seele Einheit sein mit seiner
Gestaltung, sodass jede Kostbarkeit abstrakter Schönheit sich mit einer
Linie vermählen müsste, die ihren vergeistigten Wert erfüllte.'
Bei aller Rücksichtnahme und Schonung des Haggadatextes müsste aber auch an
eine Umarbeitung gedacht werden, die auch dem talmudisch ungeschälten Leser
die Ideen der Haggada in modernem Gewande zugänglich machte; der Gehalt der
uralten Goldbarren müsste in moderne Münze umgeprägt werden, damit sie
gangbar würde.
Damit würde der Dank gar vieler erworben werden. Möge Lilien diese Sehnsucht
erfüllen. Er kann es. Dann wird, was jetzt noch Hoffnung ist, Wirklichkeit
werden." |
Zum Tod des Malers und Radierers Ephraim Moses Lilien in Badenweiler (1925)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juli 1925: "Badenweiler,
20. Juli (1925). Der hier zur Kur weilende bekannte Maler und Radierer E. M.
Lilien ist am 18. Juli gestorben. Er hat ein Alter von nur 51 Jahren
erreicht. Lilien, der aus Galizien stammt, war ganz Autodidakt und hat
sich hauptsächlich als Illustrator betätigt. Bekannt sind seine
Zeichnungen zu Rosenfelds Liedern und zum Balladenbuch 'Juda' des
Freiherrn von Münchhausen. Zuletzt widmete sich Lilien der Illustration
eines Bibelwerkes und verbrachte als Vorbereitung hierfür längere Zeit
in Palästina". |
| Anmerkung: der Künstler
Ephraim Moses Lilien ist 1874 in Drohobycz in Galizien geboren und am 1925
in Badenweiler verstorben. Bekannt sind seine grafischen Arbeiten im
Jugendstil. vgl.
Wikipedia-Artikel zu E.M. Lilien |
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Anzeige in der "Frankfurter Zeitung" vom 19. Juli 1925: "Heute morgen
entschlief nach langem Leiden in Badenweiler mein geliebter Mann, unser
lieber Vater,
der Kunstmaler E. M. Lilien.
Braunschweig, den 18. Juli 1925. Wolfenbüttelerstraße 3.
Helene Lilien geb. Magnus Otto Lilien Hannah
Lilien
Beerdigung: Mittwoch 12 Uhr von der Kapelle des neuen Israelitischen
Friedhofes." |
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| Der Nachruf in der "Frankfurter Zeitung"
vom 21. Juli 1925 wurde von Liliens langjährigem Freund René Schickele
geschrieben: |
Artikel in der "Frankfurter Zeitung" vom 21. Juli 1925: "E. M. Lilien.
E. M. Lilien, der jetzt zu Braunschweig im Ehrengrab ruht, gehörte zu den
allerersten Freunden, die ich in Berlin fand, als ich, von der Straßburger
Universität durchbrennend, in ahnungsloser Unschuld dort mein Dichterglück
versuchte. Ich lernte ihn durch Jakob Hegner, den famosen Hellerauer
Buchdrucker, kennen, and bald sah ich mich in Liliens Atelier von jungen,
feurigen Zionisten umringt, die abends, ohne ihre Diskussion zu
unterbrechen, vom Kreuzberg zu Fuß nach dem Café Bauer Unter den Linden
aufbrachen, wo Schach gespielt und in zahllosen Zeitungen und Zeitschriften
gelustwandelt wurde. Und das sind jetzt zweiundzwanzig Jahre her!
Lilien war zehn Jahre älter als ich, aber er schien es nicht zu bemerken —
er bemerkte es nie. Auch seine Freunde und all die Dichter und Künstler,
denen er mich zuführte, behandelten mich als Gleichaltrigen, was mir
übrigens als die Selbstverständlichkeit selbst erschien. So habe ich ein
Jahrzehnt als verschwiegener Benjamin in jenem Kreise gelebt. Lilien
arbeitete für die Münchner 'Jugend', damals in ihrer Glanzzeit und hatte das
Balladenbuch 'Juda" des Freiherrn von Münchhausen ausgestattet, träumte aber
von nichts anderem, als die Bibel zu illustrieren. 'Das wird mein
Lebenswerk", sagte er, und das ist es auch geworden. Bis zuletzt hat er
daran gearbeitet, sechzehn Jahve lang. Daneben radierte er zahlreiche
jüdische Szenen und Landschaften aus dem Osten, Palästina, Konstantinopel.
Wiederholt taucht in dem graphischen Werk ein prächtiger Prophetenkopf auf.
Das war sein Vater, Schuster in Drohobycz, ein großer breitschultriger Greis
von königlicher Haltung, ein Mann voll wahrer Weisheit und
Weltüberlegenheit. Schmal und klein, fast zierlich stand der Welteroberer
von Sohn damals neben ihm — in seiner Art ein Prinz, ein Prinz aus dem Reich
Else Lasker-Schülers, doch in der seltsamen Art der westlichen
Bleichgesichter durchaus bewandert. Und dann heiratete er, und dann kam der
Krieg, und als ich ihn endlich, vor acht Wochen, hier in Badenweiler
wiedersah, erkannte ich den blassen gebeugten Mann erst nicht, der, auf
einen Stock gestützt, in mein Zimmer trat. Er hatte vorigen Herbst infolge
Überarbeitung — und wohl auch, wie man das jetzt oft beobachten kann, als
späte Rache der scheinbar wohl überstandenen Kriegsjahre - einen
Zusammenbruch erlitten: das von Kindheit an durch Kampf und Entbehrung
gequälte Herz hatte den Dienst gekündigt. Einer der besten Ärzte
Deutschlands nahm sich seiner freundschaftlichst an, und nach monatelanger
Pflege schien Lilien soweit hergestellt, dass er hierher geschickt wurde, um
sich vollends zu erholen.
Er erholte sich auch, wir waren erstaunt, zu sehen, wie seine Kräfte in
Wahrheit 'täglich' zunahmen, ein Strahlen von Lebenslust, der alten,
nun köstlich verjüngten Heiterkeit wob sich um den kleinen, klugen Kopf, und
wieder hatte die Hand, wie sie den Stock hob, etwas anmutig Kühnes,
Befehlerisches, sein ganzes Wesen erging sich in jener Art stiller
Liebeswerbung um Menschen und Dinge, die sein natürlicher, ewig kindlicher,
sein ganz großer Charme waren. Nach solch einem Sonnentag, wie seit Wochen
hier auf der Höhe, am Rand des Hochwalds einer dem anderen folgt, nach einem
langen, still und heiter empfundenen Abend voll Blumen und Musik starb er,
im Schlaf, den Kopf auf dem Arm, wie er zu schlafen gewohnt war.
Unter Blumen, die er hier nach zuviel Streit und Mühe 'wiederentdeckt'
hatte, fuhr der Sarg zu den Seinen nach Braunschweig, in das er sich mit
feiner ganzen fleißigen Liebe eingesponnen hatte, und wo er darum zu recht
ruht.
Badenweiler, 22. Juli 1925 René Schickele."
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Stammgast Salomon Heimann aus Frankfurt feiert seinen
80. Geburtstag in Badenweiler (1927)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Juni 1927: "Badenweiler (südlicher
badischer Schwarzwald), 20. Juni (1927). Herr Salomon Heimann von
Frankfurt am Main, zurzeit im Hotel Bellevue in Badenweiler, feierte am
21. Juni seinen 80. Geburtstag in körperlicher und geistiger Frische.
Schon in seinen Kinderjahren kam er in seinen Ferien nach Badenweiler und
daher ließ es sich die Kurverwaltung nicht entgehen, den Jubilar als
alten Stammgast des hiesigen Kurortes besonders zu ehren.
Mögen ihm noch
viele gesunde und glückliche Jahre beschieden sein." |
Zum Tod von Albert Ellern aus Nürnberg (1930 in
Badenweiler)
Anmerkung: zur Person siehe auf der Seite zur Israelitischen
Religionsgemeinde Adas Jisroel Nürnberg - Bericht
zum Tod von Albert Ellern
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit"
vom 12. Juni 1930: "Heute verschied nach schwerer Krankheit in Badenweiler,
wo er Heilung suchte, unser lieber treubesorgter Hatte und Vater, unser
treuer Schwager und Onkel
Herr Albert Ellern
im 70. Lebensjahr. Nürnberg, den 7. Juni 1930.
Für die tieftrauernd Hinterbliebenen: Johanna Eltern geb.
Falk Recha Ellern Heinrich Ellern
Eugen Ellern.
Die Beerdigung hat Monat nachmittags 5 Uhr in Nürnberg
stattgefunden". |
Zum Tod von Rabbiner Dr. Hermann Kroner (1930
in Badenweiler)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. August 1930: "Bezirksrabbiner Dr.
Hermann Kroner
Die Lehrer in Israel sagen: Der Tod eines Frommen ist ein Verlust für die
Menschheit, die um seine Frömmigkeit und Herzensgute ärmer geworden ist.
Dieses feinsinnige Wort alter Weisheit gilt buchstäblich für das Hinscheiden
des Bezirksrabbiners Dr. Hermann Kroner, der am Mittwoch, den 30.
Juli, in Badenweiler, wo er seinen Urlaub verlebte, unerwartet
plötzlich verstorben ist. 'Wer den tiefbescheidenen, herzensguten und
charaktervollen Mann kannte, wird ermessen, was sein Tod für den Kreis der
Seinigen, für seine Gemeinde Oberdorf - Bopfingen und für die
Gesamtheit des Judentums bedeutet. Mit ihm ist ein grundgütiger Mensch, ein
ausgezeichneter Theologe und ein Gelehrter von Ruf aus dem Leben geschieden.
Vor allem aber hat die württembergische Judenheit mit ihm einen ihrer besten
Söhne verloren.
Hermann Kroner wurde am 21. März 1870 in Münster i.W. geboren, wo damals
sein Vater, der spätere Stuttgarter Oberkirchenrat Dr. Theodor Kroner, als
Leiter der Lehrerbildungsanstalt und als Rabbiner der dortigen Gemeinde
wirkte. Die überaus sorgfältige Erziehung, die sein edler Vater selbst
leitete, war dazu angetan, die reichen Gaben des Knaben zu entfalten, der
sich frühzeitig für das Studium der jüdischen Theologie entschloss. Auf den
Abschluss der Gymnasialzeit folgten Studienjahre in Breslau, wo er Schüler
des Rabbinerseminars war, in Heidelberg
und Marburg und der Abschluss seiner
theologischen Studien durch die beiden Dienstprüfungen. Seine erste
Amtstätigkeit war die eines Rabbinatsverwesers in
Göppingen, wo er vom 10. August 1895
bis zum 15. Januar 1897 vorbildlich wirkte. Von dort kam er als Nachfolger
des nach Ulm berufenen Rabbiners Jesajas
Straßburger als Verweser nach Oberdorf -
Bopfingen, wo er am 26. Oktober 1899 zum Bezirksrabbiner ernannt wurde. Er
hat hier bis zu seinem Tode, also über 33 Jahre, eine umfassende Tätigkeit
als Rabbiner, Prediger, Lehrer und Seelsorger entfaltet und an allen edlen
Bestrebungen in seinem Bezirke ernsten Anteil genommen.
Darüber hinaus aber hat er sich durch seine ausgezeichneten Ausgaben und
Bearbeitungen der medizinischen Schriften des Maimonides einen Weltruf
erworben. Maimonides war bis dahin als der gewaltigste Denker und als der
tiefgründigste Theologe des Judentums allgemein anerkannt. Dass er als
Mediziner eine bedeutende Rolle am Hofe des Sultans Saladin und des Alfadhi
gespielt, stand geschichtlich fest. Seine medizinischen Werke aber waren nur
zum kleinsten Teil und dazu noch zumeist ganz unzureichend veröffentlicht
oder lagen als ungehobene Schätze in den Handschriftensammlungen der großen
Bibliotheken. Da war es das unsterbliche Verdienst Kroners, in selbstloser,
hingebungsvoller Arbeit diese schwer zugänglichen hebräischen und arabischen
Schätze kritisch zu bearbeiten und mustergültig zu übersetzen. Was diese
umfangreiche Arbeit für die Wissenschaft bedeutet hat. das hat noch vor
kurzem Dr. Max Meyerhof in Kairo in einer kritischen Würdigung 'L'oeuvre
medicale de Maimonide' begeistert ausgesprochen. Er hat hier Kroners
unvergängliches Verdienst um die Weltwissenschaft gewürdigt und
festgestellt, dass erst durch Kroner die Bedeutung des Maimonides für die
Geschichte der Medizin erschlossen worden ist. Der unermüdliche Gelehrte
hatte noch eben eine umfangreiche Schrift seines Meisters über die Gifte und
deren Heilung zum Drucke fertig gestellt und freute sich auf das Erscheinen
dieses Werkes. Der rastlose Arbeiter fasste aber schon neue weitere Pläne
auf Grund bedeutsamer Funde und Forschungen. Maimonides' Buch über das
Asthma sollte von ihm kritisch bearbeitet erscheinen. Nun hat ihn der Tod
aus allen diesem Plänen und aus einer überaus segensreichen Wirksamkeit jäh
herausgerissen. Er hatte noch seinen 60. Geburtstag unter der Anteilnahme
der gesamten jüdischen und der Ortsgemeinde gefeiert. Noch in den ersten
Julitagen des Jahres hatte er die beglückende Genugtuung, dass bei der
Inspektion des israelitischen Religionsunterricht in
Oberdorf - Bopfingen festgestellt werden
durfte, dass der von ihm erteilte Unterricht die volle Anerkennung der
Behörde verdiente. Nichts ahnend von dem Ernst seiner Erkrankung, war er
lebensfroh mit der Gattin nach Badenweiler gereist. Briefe an
Verwandte und Freunde berichteten, wie wohl er sich hier fühlte. Um so
furchtbarer wirkte die Schreckenskunde, dass er kampflos, gerade ein halbes
Jahr nach dem Hinscheiden seiner Zwillingsschwester, plötzlich verstorben.
Die Bestattung des trefflichen Mannes am Freitag, den 1. August, legte
beredtes Zeugnis von der ungeteilten Wertschätzung ab, deren sich der
Verstorbene zu erfreuen gehabt hat. Seine sterblichen Reste waren von
Badenweiler nach Oberdorf überführt
und hier in der feierlich dekorierten Synagoge aufbewahrt worden. Gegen 1
Uhr Mittag sammelten sich hier im Gotteshause alle, die dem Verklärten im
Leben nahe gestanden. Stadtrabbiner Dr. Rieger, ein Studienfreund
Kroners, hatte die Aufgabe vom Israelitischen Oberrat übertragen erhalten,
die Abschiedsfeier zu leiten. Nach einem Psalmenvortrage des Stuttgarter
Oberkantors Leo Adler hielt er die Gedächtnisrede, in der er ein
lebensvolles und tief empfundenes Bild des Verewigten und seiner Wirksamkeit
zeichnete und so der Gemeinde noch einmal zum Bewusstsein brachte, was ein
jeder in ihrer Mitte mit dem Toten verloren. Nach den Gedächtnisgebeten, die
ebenfalls Oberkantor Adler vortrug, wurde der Sarg zum Friedhof geleitet.
Hier sprach nach dem einleitenden Gebete des Oberlehrers Erlebacher nochmals
Stadtrabbiner Dr. Rieger. Er schilderte den Verstorbenen als einen Priester
echter Liebe und mahnte die Gemeinde, sich das Idealbild ihres Führers stets
lebendig vor Augen zu halten. Die lange Reihe der Nachrufe eröffnete
Ministerialrat Dr. Hirsch, der als Präsident des Israelitischen Oberrats
Kroners Verdienste um die Judenheit Württembergs würdigte. Nach ihm rief der
älteste Sohn des Verstorbenen tief empfundene Worte des Dankes dem Vater
nach. Oberlehrer Erlebacher sprach dann in seinem Namen, im Namen des
Vorsteheramtes und der wohltätigen Vereine Oberdorfs den Herzensdank der
Gemeinde aus. Rabbiner Dr. Tänzer sprach im Namen der Gemeinde
Göppingen und des 'Württembergischen
Rabbinervereins', Oberlehrer Uhlmann für die Filialgemeinde
Gmünd, Lehrer Silbermann für die
Gemeinde Ellwangen, Herr Levi für die
Gemeinde Ellwangen. Oberrechnungsrat
Meyer für die Stuttgarter Gemeinde, der Vertreter des beurlaubten
Schultheißen für die Ortsgemeinde, ein weiterer Redner für den
Diakonissenverein, dessen 2. Vor- |
sitzender
der Verstorbene gewesen. Besonders ergreifend war es, als in schönen Worten
ein greiser protestantischer Pfarrer im Namen der evangelischen Ortsgemeinde
'dem Manne des Friedens den ewigen Frieden' wünschte. Dann fielen die
Schollen langsam auf den Sarg, Unter den Gebeten der Kinder und der Gemeinde
wurde noch einmal des Verstorbenen gedacht. Dann verließ die Trauergemeinde
den Friedhof in dem schmerzlichen Bewusstsein, einen der besten Menschen zur
ewigen Ruhe gebettet zu haben.
Im Trauerhause hielt Rabbiner Dr. Kahn -
Mergentheim an die dort versammelten Leidtragenden und Freunde des
Hauses in Auslegung eines alten Weisheitsspruches eine Trostrede, bei der er
noch einmal an die vorbildlichen Eigenschaften des Verstorbenen erinnerte.
Unsere Alten sagen: Wer sich in den sechs Werktagen ehrlich arbeitend
betätigt hat, darf am Sabbattage ruhen. Hermann Kroner ist ein redlicher
Arbeiter bis zu seinem Hinscheiden gewesen. Er hat sich ein Anrecht auf den
ewigen Sabbat durch sein Leben und Wirken erworben. Das Andenken des
Gerechten wirkt fort zum Segen!" |
Zum Tod von Isidor Kochmann aus Ulm
(1933 in Badenweiler)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. August 1933: "Ulm.
In Badenweiler, wo er Erholung suchte, starb plötzlich Isidor
Kochmann, der als Inhaber des hiesigen gleichnamigen
Herrenkonfektionshauses in weiten Kreisen der Bevölkerung bestens bekannt
war. Kochmann, der an allen jüdischen Fragen stets regstes Interesse nahm
und für die Armen immer eine offene Hand hatte, stand im 55. Lebensjahre.
Ein ehrendes Andenken wird ihm überall bewahrt bleiben." |
Zum Tod von Ludwig Silberstein aus
Schweinfurt in Badenweiler (1937)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Schild" (Zeitschrift des Reichsbundes jüdischer
Frontsoldaten e.V.) vom 15. Oktober 1937: "Schweinfurt.
Am 24. September 1937 wurde unter großer Beteiligung aller Kreise der erst
im 55. Lebensjahre stehende Kamerad Ludwig Silberstein beerdigt. In
Badenweiler, wo er Erholung suchte, ereilte ihn ganz unerwartet der
Tod. Die anlässlich der Beerdigung gehaltenen Ansprachen zeigten deutlich,
welcher Wertschätzung sich der Verstorbene allseits erfreute.
Kamerad Silberstein ist als einfacher Mann in den Weltkrieg hinausgezogen
und kam, in Anerkennung seiner Tapferkeit vor dem Feinde, mit hohen Orden
ausgezeichnet, als Offizier zurück. Er war lange Jahre erster Vorsitzender
der Ortsgruppe Schweinfurt und hat in Anerkennung seiner Verdienste im Jahre
1935 die silberne Ehrennadel des Bundes verliehen bekommen.
Für die Ortsgruppe Schweinfurt und den Landesverband sprach der gegenwärtige
erste Vorsitzende Kamerad Michael Lehmann tief empfundene Worte. Er
dankte noch einmal dem heimgegangenen Kameraden für alles, was er den
Kameraden gewesen ist und versprach, dass in deren Herzen die Erinnerung an
den Heimgegangenen nie verlöschen wird." |
Weitere
jüdische Persönlichkeiten in Badenweiler
Über den Arzt Prof. Dr. Albert Fränkel (1864-1938, der
"König von Badenweiler")
(Fotografie
von 1898 der Familie Fraenkel aus dem Beitrag von Jörg Schadt s.Lit. S.
19): Albert Fraenkel ist 1864 als Sohn des Weinhändlers
Jakob Fraenkel (1836-1905) und seiner Ehefrau Emilie geb. Deutsch in
Mussbach geboren. Er besuchte die Schule in Neustadt und absolvierte
danach das Gymnasium in Landau (Abitur 1883); Studium der Medizin in
München und Straßburg. An Tuberkulose erkrankt, ließ er sich 1890 in Badenweiler
als Arzt nieder, weil er sich dort eine Besserung erhoffte. Fraenkel wurde
in Badenweiler leitender Arzt der "Villa Hedwig" und seit 1903
der "Villa Paul". Seit 1893 Aufnahme von Forschungen am
Pharmakologischen Institut in Heidelberg. 1896 Übertritt in die
evangelische Kirche und Heirat mit Erna geb. Thorade aus Oldenburg (zwei
Töchter). 1901 betreut Fraenkel den jungen Karl Jaspers (s.u.). 1906 berichtet Fraenkel auf dem 23. Internistenkongress in
München über seine mit C.H. Boehringer in Mannheim entwickelte
Strophanthintherapie, die sich als bahnbrechend erweist. 1909 betreut er
Hermann Hesse in Badenweiler (Beginn einer lebenslangen Freundschaft). Im
Ersten Weltkrieg war er leitender Arzt eines Beobachtungslazaretts und beratender
Internist des XIV. Armeekorps. 1920 wird Fraenkel Ehrenbürger von
Badenweiler; 1928 ordentlicher Honorarprofessor der medizinischen
Fakultät der Universität Heidelberg. 1933 auf Grund seiner jüdischen
Herkunft "beurlaubt"; die Lehrbefugnis wurde entzogen. Am 22.
Dezember 1938 stirbt Fraenkel in Heidelberg. |
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Links: Dokument von 1891:
Eintragungen in die Gewerbeliste der Gemeinde Badenweiler im Jahr 1891,
mit Anzeige vom 11. Mai 1891:
"Dr. Albrecht Fraenkel, Staatsangehörigkeit: Bayern, prakt.
Arzt"
Kopie des Dokumentes erhalten von Rolf Langendörfer,
Badenweiler." |
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Dr. Fränkel betreute zeitweise auch Karl
Jaspers, den späteren Philosophen, der in einem Brief vom 1. Juni 1934
(zum 70. Geburtstag von Albert Fraenkel am 3. Juni) dem Arzt mit folgenden
Worten dankt: "Neulich in Badenweiler, als ich überall mich so anschaulich
in den Sommer 1901 zurückversetzte, war mir wieder ganz gegenwärtig, wie
sehr Sie mich gelehrt haben, gesund zu sein, wenn man krank ist... In
täglichen Unterhaltungen mit Ihnen, durch Wochen hindurch in Villa Hedwig,
kamen alle die Wendungen vor, die sich dann bei mir philosophisch
befestigten."
Quelle:
https://www.literaturmuseum-tschechow-salon.de/de/schriftsteller/karl-jaspers.html.
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90. Geburtstag von Salomon Heimann
(1937, wurde vor einigen Jahren vom Großherzog im Schloss Badenweiler empfangen)
Artikel in der Zeitschrift "Der Schild" (Zeitschrift des "Reichsbundes
jüdischer Frontsoldaten e.V.) vom 18. Juni 1937: "Ein Veteran 90 Jahre.
Frankfurt a. M. Am 21. Juni 1937 kann unser Kamerad Salomon Heimann
90. Geburtstag begehen. Er ist Altveteran des Krieges 1870/71 und Inhaber
der Badischen und Preußischen Kriegsmedaille. der Centenarmedaille und der
Medaille für 12jährigen Dienst.
Der Jubilar ist geborener Badenser, stammt aus
Müllheim i. B., und wurde vor einigen
Jahren vom ehemaligen Großherzog von Baden im Schloss Badenweiler
empfangen. Seinem 90. Geburtstag geht er in voller Frische entgegen. Wir
wünschen Kamerad Salomon von Herzen einen gesegneten Lebensabend." |
Nach 1945
Ein Toraschrein-Vorhang findet sich
in einem Antiquariat in Badenweiler (1978)
Artikel im
"Mitteilungsblatt des 'Irgun Olej Merkas Europa'" vom : "THORASCHREIN-VORHANG.
Eine Leserin des 'Mitteilungsblattes' teilt uns mit: Bei einem kürzlichen
Besuch in Badenweiler in der Bundesrepublik Deutschland habe sie im
Schaufenster des Antiquitätengeschäfts Bruno Knirsch, Luisenstr. 11,
(7847) Badenweiler, das Photo eines Thoraschrein-Vorhangs gesehen, aus
dem abzulesen ist, dass der Vorhang von der Familie Bella Juta ZESSLER aus
Lemberg zum Andenken an Zwi Selig Zessler s.A. gestiftet worden war.
Sofern Nachkommen oder Angehörige der Familie Zessler am Leben blieben und
am Schicksal des Vorhangs interessiert sind, sollten sie sich mit Herrn
Knirsch an der oben genannten Adresse in Verbindung setzen. Er erklärte
unserer Informantin, der Vorhang befinde sich in seiner Wohnung, er habe ihn
für einige tausend Mark rechtmäßig erworben. Doch sind in diesem Falle
Zweifel wohl angebracht. Jüdische Zentralinstanzen in der Bundesrepublik
sollten sich in jedem Falle der Sache annehmen." |
Fotos
Fotos und Abbildungen werden bei Gelegenheit ergänzt.
Über Zusendungen freut sich der Webmaster, Adresse siehe Eingangsseite. |
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Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| Mai/Juli 2008: In
Badenweiler werden "Stolpersteine" verlegt |
Artikel in der "Badischen Zeitung"
vom 29. Mai 2008: "Stolpersteine erinnern. Ausstellung im Rathaus Badenweiler wird heute eröffnet
BADENWEILER (BZ). In Badenweiler werden durch den Kölner Künstler Gunter Demnig
am 22. Juli im öffentlichen Straßenraum an drei verschiedenen Standorten acht Stolpersteine verlegt.
Mit diesen soll die Erinnerung an Angehörige der Familie Levi Mager und die drei Schwestern der Familie Monasch wach gehalten werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden und vor ihrer Vertreibung und Deportation in Badenweiler wohnten. Jeder Stein wird einen Paten haben. Die Verlegung der Stolpersteine in Badenweiler wird vorbereitet und betreut von Schülerinnen und Schülern der Projektgruppe "Stolpersteine in Badenweiler" aus der 9. Klasse der René-Schickele Schule unter Leitung der Lehrerin Inge Rosenkranz.
Die Schülergruppe wird das Projekt in einer öffentlichen Veranstaltung heute, Donnerstag, um 19 Uhr im Rathaus Badenweiler vorstellen. Die Ausstellung wird dann im Eingangsbereich des Rathauses bis zur Verlegung der Stolpersteine öffentlich zugänglich sein."
Link zum Artikel: Stolpersteine erinnern (veröffentlicht am Do, 29. Mai 2008 auf badische-zeitung.de) |
Artikel von Bernd Michaelis in der
"Badischen Zeitung" vom 23. Juli 2008: "'Sie haben
wieder einen Namen'. Gunter Demnig verlegt in Badenweiler acht
Stolpersteine. .Gunter Demnig verlegt in Badenweiler acht Stolpersteine
BADENWEILER. 'Die Menschen, denen die Nazis Nummern in den Arm brannten und sie damit dem Vergessen preisgeben wollten, haben nun wieder einen
Namen.' Michel Bauer, ein französischer Nachfahre der früheren Badenweiler Hoteliersfamilie Jules und Celine Levi Mager, sagte dies gestern bei der Verlegung von acht
'Stolpersteinen' durch den Kölner Bildhauer Gunter Demnig in Badenweiler. Diese Mahnmale erinnern an das Schicksal von Menschen, die von den Nazis deportiert und ermordet wurden.
'Über diese Steine soll man mit dem Kopf und mit dem Herzen stolpern', sagte der Künstler am Ende der Aktion, die ihren Ausgang in der Luisenstraße 7 nahm, wo nun der 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen verstorbenen Emma Kübler gedacht wird.
'Ich will die Namen zurückbringen. Denn nach über 60 Jahren ist vieles
vergessen', so der Künstler.
'Du schlägst ein Buch auf und liest, dass die Nazis über sechs Millionen Juden umgebracht
haben', sagte Gunter Demnig. 'Obwohl ich nun seit 1996 schon über 15 500 Stolpersteine gesetzt habe, ist das für mich immer noch nur eine abstrakte Größe', bekannte er. Erst wenn man, wie es die Hauptschüler der René-Schickele-Schule Badenweiler getan haben, der Lebensgeschichte einzelner Opfer nachgeht, werde die Brutalität der Nazi-Herrschaft fassbar.
Lehrerin Inge Rosenkranz begleitete die Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse bei dieser wichtigen Aufgabe, die sie außerhalb des Schulunterrichts erfüllten. Sie dankte Gunter Demnig für seine wirkungsvolle Idee. Die Stolpersteine seien keine Schlusssteine, sagte sie, sondern Anstoß, die Familienschicksale der Opfer weiter zu erforschen. Während der Beschäftigung damit seien immer wieder neue Aspekte und Zusammenhänge deutlich geworden.
'Es geht nicht darum, Schuld zuzuweisen, sondern der Opfer zu gedenken, damit sei nicht vergessen
werden', betonte Inge Rosenkranz. Dank sprach sie auch Rolf Schuhbauer aus, der mit seinem Buch
'Nehmt dieses kleine Heimatstück' die Quellen für die Schülerarbeit lieferte.
'Ich freue mich, dass aus der Quelle nun ein Fluss geworden ist', sagt dieser am Rande des Ereignisses.
'Mit den Stolpersteinen möchten wir an die Menschen erinnern, die hier lebten und denen wegen ihres Glaubens und ihrer Überzeugung das Recht zum Leben abgesprochen
wurde', erklärte Schülerin Miriam Goerendt. Neben ihr sorgten die Neuntklässler Bianca Barthelmes, Lisa Kessler, Luigi Basile, Tino Kaiser, Jonas Kraus, Gerrit Danksin und Benedikt Wiesler für eine würdige Gestaltung der Stolperstein-Verlegung. Das Gedenken stand dabei im Mittelpunkt.
Die Schülerinnen und Schüler erinnerten daran, dass Auflehnung gegen das Nazisystem tödliche Folgen hatte und dass Andersdenkenden, Andersgläubigen und Menschen anderer Herkunft die Existenzberechtigung abgesprochen wurde.
Beim Verlesen der Namen, Schicksale und Sterbeorte rührte die Erinnerung an die Opfer der Willkür und ihr Ausgeliefertsein manchen zu Tränen. Doch das war nur die eine Seite dessen, was sich gestern in Badenweiler zutrug. Dass Nachfahren jener Menschen, die die Nazischergen in den Tod trieben, dabei waren und eine stille Ahnung davon bekamen, wie ernst solche Erinnerungsarbeit hierzulande gerade auch von Schülern genommen wird, wurde als Moment der Beglückung empfunden.
Bei aller Trauer empfinde er immer wieder Freude, wenn Angehörige der Opfer bei der Stolperstein-Verlegung dabei sind, sagte Gunter Demnig, der seit Mai den Ehrentitel
'Botschafter der Toleranz und der Demokratie' tragen darf. Für die Schülerinnen und Schüler brachte Lisa Kessler diese Freude zum Ausdruck. Sie begrüßte eigens Beate Müller, geborene Kübler, Michel Bauer mit seinem Sohn Raphael und seiner Tochter Rebecca sowie Nathan und Estella, Sohn und Tochter von Jean Louis Bauer.
Weitere Stolpersteine wurden in der Luisenstraße 12a für Julius Levi Mager, Celine Levi Mager, Getrud Levi Mager und Louis Liebmann Levi Mager verlegt. Im Glasbachweg 15 erinnern seit gestern drei Stolpersteine an den gewaltsamen Tod von Charlotte, Bertha und Getrud
Monasch.
Bürgermeister Engler dankte all jenen, die mit Spenden und Patenschaften diese Erinnerungsarbeit ermöglichten. Hans Hermann Bechinger, der mit Rektorin Ulrike Rauenbusch die Schüler organisatorisch unterstützt hat, zitierte Verse von Urs M. Fiechtner: Drei Kugeln trafen ihn/ Die eine vom Schlächter/Die zweite vom Vergessen/Die dritte vom Schweigen."
Link zum Artikel: "Sie haben wieder einen Namen" (veröffentlicht am Mi, 23. Juli 2008 auf badische-zeitung.de) |
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| Oktober 2010:
Gedenkstein auf dem Badenweiler Friedhof
enthüllt |
Artikel von Sigrid Umiger in der "Badischen Zeitung" vom Oktober 2010 (Artikel):
"Erinnern, hinschauen, nicht schweigen
Schüler setzen einen Mahnstein auf dem Friedhof Badenweiler im Gedenken an jüdische Bürger.
BADENWEILER. Ein Mahnmal ist mehr als ein Gedenkstein. Das Mahnmal fordert, sich der Vergangenheit zu stellen und daraus zu lernen: Hinschauen statt wegschauen. Dieser Appell begleitete am Sonntag auf dem Friedhof Badenweiler die Enthüllung eines Mahn-Steins, der an die Deportation jüdischer Bürger im Oktober 1940 erinnern soll..."
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| Erinnerung an Albert
Fraenkel beim regelmäßig angebotenen "Literarischen Spaziergang
Badenweiler" |
Hinweis:
Beim "Literarischen Spaziergang Badenweiler mit Pfarrer Rolf
Langendörfer" wird regelmäßig an den Arzt Dr. Albert Fraenkel
erinnert (Links: Prospekt des Literarischen Spaziergangs 2011):
"...Hermann Hesse schrieb sich am 3. Juli 1909 in das
Gästebuch der Villa Hedwig ein. Diesem Haus und seinem Arzt Dr. Albert
Fraenkel setzte er in der Studie 'Haus zum Frieden' ein literarisches
Denkmal.
Karl Jaspers erhielt von dem außergewöhnlichen Arzt entscheidende
Impulse für das Leben mit seiner chronischen Erkrankung. Fraenkel habe
ihn gelehrt, 'gesund zu sein, wenn man krank ist.' Fraenkel behandelte
auch den im Sommer 1900 sterbenskrank nach Badenweiler gekommenen jungen Stephen
Crane, dem er nicht mehr helfen konnte. Crane gilt als Begründer des
amerikanischen Realismus...". |
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März 2015:
Ausstellung im Rathaus und Flyer
zu "Stolpersteinen" |
Artikel von Sigrid Umiger in der "Badischen
Zeitung" vom 23. März 2015: " Erinnerung an Opfer des Naziregimes.
Ausstellung im Rathaus und Flyer zu Stolpersteinen
Badenweiler. 70 Jahre nach der Befreiung der Überlebenden von Auschwitz gibt
es eine Ausstellung im Rathaus von Badenweiler und einen Flyer zu den
Stolpersteinen im Ort.
Ende Januar 1945 befreiten sowjetische Truppen die wenigen Überlebenden im
Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Allein in diesem Lager waren mehr
als eine Million Menschen ermordet worden. Darunter auch Bürger aus
Badenweiler. An sie erinnert seit 1993 eine Gedenktafel auf dem Friedhof.
2008 verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig acht Stolpersteine in
Badenweiler. Jetzt gibt es dazu einen Flyer und eine Ausstellung im Rathaus
Badenweiler..."
Link zum Artikel (kostenpflichtig)
Der
Flyer zu den "Stolpersteinen in Badenweiler" ist eingestellt (pdf-Datei)
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| Oktober 2016: Auszeichnung
für Inge Rosenkranz |
Artikel von Silke Hartenstein in der "Badischen Zeitung"
vom 7. Oktober 2016: "Dank an Heimatforscherin. Badenweilers Bürgermeister ehrt die mit der Heimatmedaille ausgezeichnete Inge Rosenkranz.
BADENWEILER. Inge Rosenkranz wurde am 9. September in Bad Mergentheim mit der Heimatmedaille des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Aus diesem Anlass ehrte Bürgermeister Karl-Eugen Engler im Vorfeld der jüngsten Gemeinderatssitzung die engagierte Heimatforscherin:
'Dankeschön für das, was sie für unsere Schüler und unsere Heimat getan
haben.'
Die 72-jährige Müllheimerin unterrichtete bis zum Jahr 2008 an der René-Schickele-Schule in Badenweiler. Seit nunmehr 18 Jahren gehört sie ehrenamtlich der Jury zur Verleihung des Landespreises für Heimatforschung an. Ihr umfangreiches Wissen über die Region und über das Oberrheingebiet ist in das trinationale Oberrheinschulbuch
'Vivre dans le Rhin Superieur/Leben am Oberrhein' eingeflossen.
30 Jahre lang, auch noch im Ruhestand, organisierte sie den Schüleraustausch zwischen Badenweiler und dessen französischer Partnerstadt Vittel. In Badenweiler nahm sie mit ihren Schülern zahlreiche Projekte zur regionalen Geschichte vor und war an vielen Ausstellungen beteiligt. Ihre Projekte befassten sich mit dem Leben der Römer im Ort, den Ausgrabungen bei der evangelischen Kirche mit den römischen Tempelfundamenten, der Geschichte der Burg Badenweiler, mit Künstlern, die im Heilbad wohnten und mit der Situation Badenweilers am Ende des Zweiten Weltkriegs.
Im Jahr 2008 engagierte sich Inge Rosenkranz mit einer Schülergruppe bei der
Aktion
'Stolpersteine'. Acht bronzene Stolpersteine hatte der Künstler Gunter Demnig zur Erinnerung an das Schicksal früherer jüdischer Mitbürger in Badenweilers Straßen verlegt. 2010 schuf Rosenkranz’ Schülergruppe zwei große
Mahnsteine zum Gedenken an die Schicksale der in das Konzentrationslager Gurs
deportierten jüdischen Bevölkerung Badens. Sichtbares Ergebnis dieses Projekts der evangelischen Kirche ist heute der Mahnstein auf Badenweilers Friedhof, der zweite steht am zentralen Gedenkort der Landeskirche in
Neckarzimmern.
In Bezug auf die Badenweiler Stolpersteine folgte 2015 die Ausstellung '70 Jahre nach der Befreiung von
Auschwitz' im Rathaus Badenweiler; Rosenkranz und Rolf Schuhbauer schufen einen Flyer als Wegweiser zu den Stolpersteinen.
'Ganz wichtig für die Schüler war es, zu erfahren, dass dies Menschen hier vor Ort
waren', sagte die Pädagogin im Ruhestand zu ihren Schülerprojekten über die Schicksale jüdischer Mitbürger unter der Nazi-Herrschaft."
Link zum Artikel: Dank an Heimatforscherin (veröffentlicht am Fr, 07. Oktober 2016 auf badische-zeitung.de) |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Siegmund Kaznelson: Juden im Deutschen
Kulturbereich. Berlin 1962. S. 800-806 (zu Familie Monasch: Adolph
Monasch und Töchter werden S. 806 nach den anderen wichtigen Vertretern
dieser Familie genannt).
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 | Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden.
1968. S. 207. |
 | Rolf Schuhbauer: Nehmt dieses kleine Heimatstück – Spuren und
Leidenswege von Müllheimer und Badenweiler Juden zwischen 1933 und 1945.
1988 und 2001 (erweiterte Auflage). |
 | Spuren. Katalog zur Ausstellung J. Brodwolf 1990 in Sulzburg. Mit
Beiträgen über die Deportation der Sulzburger und Müllheimer Juden am
22.10.1940 von Rolf Schuhbauer, Jost Grosspietsch und W. Heidenreich. |
 | Jörg Schadt: Der "König von
Badenweiler". Albert Fraenkel wirkte als weltberühmter Arzt und
Forscher. In: Momente. Beiträge zur Landeskunde von Baden-Württemberg 4/2002
S. 18-24. |
 | Peter Drings / Jörg Thierfelder /
Bernd Weidmann: Albert Fraenkel - Ein Arztleben in Licht und
Schatten. 1864-1938. Reihe ecomed Biographien. 2004. 412 S.
Abb. ISBN: 978-3-609-16260-7. |
 | Wikipedia-Artikel zu Albert Fraenkel: hier
anklicken |
 | Zu Oberweiler / Prof. Dr. Friedrich Darmstädter):
Arno Weckbecker: Die Judenverfolgung in Heidelberg 1933-1945. S.150-151. |
 | Rolf Schuhbauer: Die sieben Generationen der Familie
Levi Mager in Müllheim und Badenweiler. In: Zeitschrift des
Breisgau-Geschichtsvereins "Schau-ins-Land". 133. Jahrgang 2014 S.
37-56. Erschien auch in der Zeitschrift "Maajan". Jahrbuch der
Schweizerischen Vereinigung für Jüdische Genealogie. Jg. 2016 S.
77-127. Als
pdf-Datei eingestellt |
 | ders.: Das Schicksal der drei Schwestern Monasch aus
Badenweiler. In: Zeitschrift des Breisgau-Geschichtsvereins "Schau-ins-Land".
139. Jahrbuch 2020. S. 131-141.
Als pdf-Datei
eingestellt. |
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Flyer
zu den Stolpersteinen in Badenweiler. Erstellt von Inge Rosenkranz und
Rolf Schuhbauer. Eingestellt als pdf-Datei. |

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