Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Badenweiler (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald)
Jüdische Geschichte / Betsaal

Übersicht:

bulletZur Geschichte jüdischer Bewohner und Kurgäste    
bulletAus der Geschichte der jüdischen Familien  
Allgemeine Berichte  
Familie Levy-Mager und das "Hotel Bellevue"         
Familie Leopold Blum und die Pension "Elsäßer Hof" 
Die Pension Hemmendinger (Nachfolge von H. Blum)
Weitere Kureinrichtungen     
Jüdische Kurgäste in Badenweiler (u.a. Scholem Alejchem, Ephraim Moses Lilien)  
Weitere jüdische Persönlichkeiten in Badenweiler      
bulletFotos / Darstellungen  
bulletErinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   
bulletLinks und Literatur   

     

Zur Geschichte jüdischer Bewohner und Kurgäste      
    
In Badenweiler ließen sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (seit 1863 zunächst Familie Levi (Levy) - Mager) wenige jüdische Familien / Einzelpersonen nieder, die der Synagogengemeinde Müllheim angehörten (Statistisches Jahrbuch des deutsch-israelitischen Gemeindebundes 1899 S. 107). 1863 eröffnete David Levy Mager aus Müllheim ein Hotel in Badenweiler ("Hotel Bellevue"), das für drei Generationen Mittelpunkt des jüdischen Lebens am Ort werden sollte. Es wurde streng rituell geführt, sodass auch orthodoxe Juden aus Deutschland und dem Ausland im badischen Schwarzwald Urlaub machen konnten. Im Hotel gab es einen Betsaal, zeitweise waren ein eigener Vorbeter und ein Schochet (Schächter) angestellt. Viel jüdische Prominenz kam nach Badenweiler, wie u.a. die Berichte über den bekannten jüdischen Schriftsteller Scholem Alejchem oder den Künstler Ephraim Moses Lilien (s.u.) zeigt. Hotel und Betsaal wurden auch genützt für Familienfeiern wie Hochzeiten usw. von jüdischen Familien aus der Umgebung (vgl. Mitteilung zu einer Hochzeit 1872 unten).
Orthodoxe Rabbiner führten die Aufsicht über die Kaschrut des Hotels, so 1872 der Bezirksrabbiner von Sulzburg Emanuel Dreyfuß; um 1900 wird als Referenz für das Hotel Rabbiner Josef A. Buttenwieser aus Straßburg genannt (Israelitisches Familienblatt vom 29.8.1900 S. 5). Das Hotel Bellevue stand über viele Jahre in der Empfehlungsliste des Hamburger "Vereins zur Förderung ritueller Speisehäuser".
 
Nur wenige Jahre hielt sich ein 1900 eröffnetes zweites, gleichfalls streng rituell geführtes jüdisches Hotel, das Hotel "Elsässer Hof" (Inhaber L. Blum). Auch in diesem Hotel war ein Betsaal eingerichtet. Ab 1902 war das Hotel jährlicher Treffpunkt einer zionistischen Versammlung von Vorständen und Vertrauensmännern der benachbarten deutschen, elsässischen und schweizerischen zionistischen Ortsgruppen (siehe Berichte unten). 1910 war das bisherige Hotel von Leopold Blum inzwischen zur Pension Hemmendinger geworden, geführt von der Witwe Hemmendinger aus Basel (Anzeige 1910 s.u.).      

Seit 1891 (Gewerbeanmeldung bei der Gemeinde im Mai 1891, s.u.) wirkte in Badenweiler der später weltberühmte Arzt Albert Fraenkel (s.u.). Er war in Badenweiler wie auch in Heidelberg tätig und wurde in Anerkennung seiner Verdienste für den Kurort Badenweiler 1920 zum Ehrenbürger der Gemeinde ernannt. Zu ihm kamen bekannte Personen in Behandlung wie u.a. schon als 18-jähriger der spätere Philosoph Karl Jaspers.
 
Es bestanden bis nach 1933: Arztpraxis Dr. Hermann Haymann (Ernst-Eisenlohr-Straße 1), Kurhotel Bellevue mit ritueller Gastwirtschaft der Familie Levi, Inhaber Julius Levi-Mager (Luisenstraße 12; noch bis Herbst 1938 geöffnet), Textilgeschäft Adolf Monasch (Luisenstraße 2; Adolph Monasch, geb. 1847 war nach dem Ersten Weltkrieg von Mulhouse nach Badenweiler übersiedelt). 
   
Ortsteil Oberweiler. In Oberweiler (Unterer Kirchweg 12) wohnte von 1935 bis 1938 Prof. Dr. Friedrich Darmstädter (1883-1957; bis 1935 und wieder ab 1946 Rechtsphilosoph und Staatsrechtler an der Universität Heidelberg).
  
Ortsteil Schweighof. Im Schweighof lebte seit der Zeit des 1. Weltkrieges Fritz Schaller, der mit Frieda Kiefer aus Schweighof verheiratet war. Die vier in Schweighof zwischen 1915 und 1923 geborenen Kinder der Familie waren Heinrich, Regina, Lotte und Irmgard. 1926 siedelte die Fam. nach Müllheim über, wo Frau Schaller eine Nähmaschinenfiliale der Fa. Singer übernahm (Hauptstraße 79). Fritz Schaller und Tochter Irmgard kamen 1938/41 in Lemberg ums Leben.
   
Von den in Badenweiler geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  Gertrud(e) Levi-Mager (1918), Julius (Jules) Levi-Mager (1877), Louis Levi-Mager (1928), Celine Mager geb. Levy (1892), Berta Monasch (1886), Charlotte Monasch (1882), Gertrude Monasch (1892), Margarete Stern geb. Lippmann (1874).
   
Von den in Schweighof geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Fritz Schaller (1880), Irmgard Schaller (1923).      
  
An das Schicksal der in der Verfolgungszeit 1933 bis 1945 umgekommenen Schwestern Monasch erinnerte schon vor 1993 eine Gedenktafel auf dem Friedhof Badenweiler. Die Namen der vier aus der Familie Levi-Mager ermordeten Personen wurden auf einer neuen Gedenktafel am Friedhof 1993 nachgetragen. Gleichfalls finden sich die Namen der umgekommenen Badenweiler Juden auch auf den Bronzetafeln der Gedenkstätte im jüdischen Friedhof Müllheim.    
        
      
      
Aus der Geschichte der jüdischen Familien     
     
Allgemeine Berichte   
  
Aus dem Roman von Jacob Levy "Kinder unserer Zeit" - die ersten Kapitel spielen in Badenweiler (1903)         
Anmerkung: gut beschrieben wird die Zeit um 1900 mit zahlreichen jüdischen Kurgästen in Badenweiler. Deutlich werden Probleme beschrieben, die sich im Zusammentreffen mit christlichen Kurgästen ergaben, von denen einige antijüdisch eingestellt waren. Es gab dabei auch, wie angedeutet wird, Spannungen zwischen den deutschen und ostjüdischen Kurgästen.
Der Verfasser des Romans - Jacob/Jakob Levy - ist am 20. Februar 1848 in Köln-Deutz geboren als Sohn des Schneidermeisters Bernhard Levy und seiner Frau Sibylla geb. Mannheim. Jakob Levy erlernt nach dem Schulbesuch einen kaufmännischen Beruf und wurde gegen Ende des 19. Jahrhundert - gemeinsam mit seinem Bruder Moritz Levy - Teilhaber der Firma "Vereidigter gerichtlicher Revisor, Schriftvergleicher und Liquidator" in Köln. Moritz und Jakob Levy hatten Funktionen im Kölner "Verein für jüdische Geschichte und Literatur" inne: Jakob wurde um 1898/99 zum Vorstand des 400 Mitglieder umfassenden Vereines gewählt. Jakob Levy war verheiratet mit Nathalie geb. Auerbach. Jakob Levy starb im Januar 1914 in Köln.
Informationen nach dem Beitrag über Jakob Levy in: Willi Körtels: Jüdische Biographien der Region Trier - Nachtrag 2025. S. 8-14 (Publikation ist online eingestellt).  

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. November 1903: "Kinder unserer Zeit.  Roman von Jacob Levy.
Einführung.

Ein schriller Pfiff — der Zug fährt langsamer — steht. 'Station Müllheim-Badenweiler' rufen die Schaffner und öffnen die Türen der Abteile. Den Wagen entsteigen nicht nur sommerfrohe Wandersleute, sondern auch abgemagerte Gestalten, mit hektischer Röte auf den Wangen, hüstelnd, aber mit Hoffnung in den Augen, von dem nahen Badenweiler Heilung ihrer kranken Brust erwartend.
Auf dem Bahnhof schauen wir uns um. Vor uns erblicken wir den majestätischen Blauen, den ein Königsmantel von dunklen Tannen bis an den Fluss bekleidet. Er winkt uns, wir wollen seiner Einladung folgen. Wir verschmähen die Kleinbahn nach Badenweiler sowie die bequemen Wagen, sondern werden den Weg zu Fuß zurücklegen, es sind ja nur zwei Stündchen. Das altertümliche Städtchen Müllheim ist rasch erreicht. Die gewundene Hauptstraße, die wir durchschreiten, zeigt in ihren bequemen, behäbigen Häusern den Reichtum und die Betriebsemsigkeit des süddeutschen Bürgers.
Die Aufschrift eines stattlichen Gasthofs fesselt unsere Aufmerksamkeit: 'Gasthof zur Post'. Ist dies das Haus, welches der alte Hebel empfiehlt?
'Z'Müller an der Post
Tausigsappermost!
Trinkt me nit e guete Wi!
Goht er nit wie Baumöl i,
Z'Müller an der Post!'

Ich stürme mit meinen beiden Kumpanen hinein; auf unser Befragen lacht der freundliche Wirt.                 
Badenweiler AZJ 13111903a.jpg (480539 Byte)'Die alte Post ist's freilich nimmer, aber die würdige Nachfolgerin, 's wird den Herren schon schmecken.'
Wir lassen uns nieder. Die von der langen Eisenbahnfahrt ausgedörrte Kehle verlangt ihr Recht, es wird schon Abend und morgen ist Badenweiler auch noch da — also wir sind rasch einig. 'Herr Wirt, wir bleiben die Nacht hier — und nun eine Flasche Markgräfler.'
Wie flink ist die Flasche geleert! Sie hat nur den brennenden Durst gestillt, nun aber wollen wir schmecken. 'Herr Wirt, noch eine Flasche.' Wie bernsteingelb funkelt der Wein im Glase! Prosit, auf unsere fernen Lieben! Und die Gläser klingen wie Silberglocken. Der Wein trinkt sich aber auch zu leicht und lieblich herunter. 'Herr Wirt, noch eine frische Flasche!'
Wir tranken langsamer, aber ebenso tief. Als gesetzte Menschen, die wir nun einmal sind, sprechen wir weise von der Gegend, in der wir uns jetzt befinden. Unser gelehrter Reisegenosse, Doktor der Philosophie, belehrt uns über den Breisgau, dass die Alemannen, die dort saßen, vom Kloster Säckingen aus bekehrt worden sind. Dann wollte er uns mit Jahreszahlen zu Leibe gehen, wann früher die Grafen von Kyburg und Urach und die Habsburger und weiß Gott wer noch, den Breisgau besessen.
Wir aber wehrten entsetzt ab.
Das aber sahen wir bei der so und sovielten Flasche — wir zählten schon längst nicht mehr — ein, wenn uns der Breisgau zu eigen, bei unseren Lebzeiten würde kein Besitzwechsel eintreten — wo solcher Wein wächst — so leicht und so süffig, man spürt ihn ja nicht! Nun aber wollen wir zu Bette gehen, wir sind noch die einzigen Gäste im Zimmer. Aber was ist das? Beim Erheben tanzt ja das Zimmer mit uns im Kreise herum! O du tückischer Wein, unter der Maske der Unschuld! 'Nun,' begütigt der Wirt, 'wenn die Herren ausgeschlafen haben, ist der Kopf klar und munter, der Wein schadet Ihnen nichts.' Und er wuchtet uns in unser Zimmer, wo wir bald den Schlaf der Gerechten schlafen.
Andern Morgens wachen wir mit hellem, klarem Kopfe auf und wandern nun auf sanft ansteigender Straße durch das blumige Land, durch die lieblichen Dörfer nach Badenweiler.
Sei mir gegrüßt, du Perle des Schwarzwalds! In unsäglicher Lieblichkeit liegst du da, geschmiegt zu Füßen des Blauen. Du Paradies der kranken Menschheit, du Wonne der gesunden! Deine besten Freunde, die Berge, halten jedes raue Lüftchen von dir ab, der reine Gebirgsäther vermählt sich mit dem köstlichen Tannenduft und träufelt in die kranke Brust unnennbares Wohlbehagen und Genesung, und die Hoffnung wird zur Wahrheit. Bei jedem Schritt aus dem Dörfchen auf die nahen Höhen eröffnen sich uns neue paradiesische Ausblicke. Himmelhohe, kerzengrade Tannen beschatten unseren Weg, dort wachsen um eine Schlucht üppige, riesengroße Farnkräuter, eine Brücke führt über den Abgrund, jenseits glänzen saftige Wiesen im Sonnenschein.
Der Kurgarten nimmt fast die ganze Länge des Ortes ein.
Er umgibt den Hügel mit der Burgruine. In diesem Park mit seinen uralten Bäumen, den schattigen Wegen, den bunten Beeten mit den seltenen Blumen, könnte man den ganzen Tag verträumen.
Wenn aber nachts der Mond die Wipfel der Bäume mit Silber übergießt und sein Licht in den Gebüschen Leben zu wecken scheint, wenn die nahen Berge so schwarz herüberschauen, glaubt man, jetzt müsse ein Zwerg aus dem Berge kommen oder eine holdselige Königstochter auf ihrem Zelter daherreiten oder eine andere Märchengestalt uns begrüßen...

Kapitel 1.
Es ist im Jahre 189*, ein Sommernachmittag. Der Park zu Badenweiler ist mit geputzten Menschen gefüllt.
Die Kurmusik lässt ihre Weisen ertönen. In der Nähe, an der Restauration, ist ziemliches Gedränge, alles amüsiert sich und flirtet. Vor der großen Nussbaumallee zweigen sich die Wege ab, die nach dem Innern des Parks führen. Je weiter man kommt, desto menschenleerer wird es. An einem Plätzchen war es so still und heimlich, wie mitten im Walde. Dort standen hohe, mächtige Tannen im Kreise. Um einen runden Tisch waren Bänke aus Naturholz angebracht. Der Schatten der Bäume war so dicht, dass es trotz der sengenden Julihitze auf diesem Plätzchen kühl und frisch war.
Alls der Bank saß eine Dame in mittleren Jahren, trotz der Hitze in einen großen Plaid gehüllt. Neben ihr war ein Herr mit leicht ergrauendem Haar und energischen Zügen, eine Zeitung lesend, bequem zurückgelehnt. Auf der anderen Bank saßen ein Jüngling von etwa siebzehn Jahren und ein vielleicht ein Jahr älteres Mädchen, der Jüngling missmutig in die Luft starrend, das Mädchen stickend.
Der junge Mann rief plötzlich: 'Ich wünsche, ich wäre zu Hause, hier ist es doch gar zu langweilig.'
Der Vater sah ihn an. 'Hier ist's doch wunderschön, Du bist undankbar.'
'Jawohl wunderschön, aber ich komme doch nur in die Berge, wenn ich mit Euch Wagentouren mache. Erlaube doch, dass ich mit Erna Ausflüge mache, die Berge besteige.'
Er sprang auf, reckte seine schlanke Gestalt und holte tief Atem. 'Die anderen jungen Leute, die ihre Angehörigen hierhin begleitet, machen die schönsten Ausflüge, sehen soviel und haben soviel zu erzählen. Das könnten wir doch auch!'
Der Vater fragte langsam: 'Haben denn die jungen Leute aus unserer Pension Dich schon zu ihren Touren eingeladen?'
'Nein,' sagt der Jüngling mit blitzenden Augen, 'die verkehren mit keinem Juden; am Tage unserer Ankunft haben sie das unter unserm Fenster besprochen, sie wussten allerdings nicht, dass ich im Zimmer war. Wir haben es ihnen aber auch leicht gemacht, gelt Erna? Sie sind Luft für uns, Luft, und sie möchten jetzt zu gern mit uns verkehren, sie grüßen Erna immer so artig. Wir brauchen aber niemanden, lasse uns doch die herrliche Gegend genießen, und Du gehst mit uns, lieber Vater, einer von uns bleibt selbstverständlich bei der lieben Mutter."
Die Mutter sagte in langsam schleppendem Ton: 'Die Unruhe würde mich verzehren, wenn ich die Kinder allein in den Bergen wüsste, hoffentlich bekommen sie doch noch passenden Anschluss.'
Erna bemerkte unmutig: 'Heinrich ist gar zu eigensinnig. Die Herrschaften kannten uns doch nicht, wie sie die unüberlegte Bemerkung machten, sie sprachen nur von den unangenehmen Juden, die sich auch hier so auffällig machen. An uns hätten sie gar so gern Anschluss."
'Woher weißt Du das denn?'
'Heute morgen fragte mich noch beim Konzert Fräulein Rode, die mit ihrer Mutter und ihrem Bruder, einem Assessor, hier ist, geradezu, weshalb wir uns so absonderten. Ebenso ungeniert sagte ich ihr den Grund. Sie lachte laut und meinte, ob ich denn glaube, dass wir zu der Kategorie Juden gehörten, von denen sie geredet und mit denen auch wir nichts zu tun haben wollten. Sie stellte mir ihren Bruder vor, und er erklärte genau dasselbe. Er lud mich sofort zu ihren Touren ein und will seine Mutter und sich noch heute mit Euch bekannt machen. Heinrich will sich nun nicht anschließen, und, dann muss ich auch fern bleiben."
Der Vater sagte kurz: 'Heinrich hat recht.'
Die Mutter aber, plötzlich lebhaft geworden, bemerkte in scharfem Tone: 'Ich bin ganz anderer Ansicht. Heinrich hat      
Badenweiler AZJ 13111903b.jpg (124187 Byte)keinen Grund, sich fern zu halten. Die Leute wollen augenscheinlich mit den Juden nicht verkehren, die auch uns zuwider sind, und ich freue mich um den Anschluss für die Kinder/' Ihr Gatte erwiderte: 'Vorläufig sollen die Kinder allein spazieren gehen, Ihr habt Urlaub bis heute Abend." Erna fragte erst in liebevollem Ton, ob Mutter sie solange entbehren könne, und dann eilte sie mit ihrem Bruder fort.
Kaum waren die jungen Leute verschwunden, erhob sich die junge Frau aus ihrer liegenden Stellung und sagte in scharfem Tone: 'Heinrich muss seine übergroße Empfindlichkeit unterdrücken lernen. Wie sollen wir den von mir so ersehnten Verkehr mit gebildeten Christen anbahnen, wenn wir uns so ängstlich zurückhalten. Wie können die Leute einsehen, dass wir ihnen an Bildung und Charakter ebenbürtig sind, wenn wir uns in ein selbst geschaffenes Ghetto zurückziehen?'
'Ich wünsche die Assimilation ebenso sehr wie Du, wir können sie aber nicht erzwingen. Wir wollen uns nicht aufdrängen und lieber mit unseren Glaubensgenossen verkehren."
Sie lachte höhnisch.
'Also muss ich mit Itzig und Schmuhl spazieren gehen. Nicht über die Straße gehe ich mit den Leuten, die sich hier so auffällig machen. Übrigens hege ich keinen blinden Hass gegen unsere Glaubensgenossen. Wir wollen morgen, Sonnabend, in einem jüdischen Hotel speisen und passenden Verkehr, besonders für die Kinder, anzubahnen suchen."
Ihr Mann lachte. 'Dieser Vorschlag ist die reinste Malice. Doch es sei.'
Sie seufzte. 'Da ich doch nicht lange mehr zu leben habe, wäre es ein tröstendes Bewusstsein für mich, wenn die Kinder als gleichwertige Mitmenschen in der christlichen Gesellschaft aufgenommen und nichts von dem unseligen Judenhass zu leiden hätten.'" (Fortsetzung folgt). 
 
(Fortsetzung.) Berger sagte beschwichtigend zu seiner Frau: 'Deine Furcht vor dem Judenhass ist sehr übertrieben. Übrigens schickte ich die Kinder fort, weil ich etwas mit Dir zu besprechen habe. Du weißt, dass ich nicht an Dein Lungenleiden glaube.'
Sie fuhr auf, er beschwichtigte mit der Hand.
'Bitte, lass mich ausreden. Dein Hausarzt, der Deine Abneigung vor einer Untersuchung kennt, tappt einfach im Dunkeln. Ich sprach nun schon vor acht Tagen mit meinem Freund Doktor Weil über Dein Leiden, und er beobachtet Dich seitdem. Er glaubt nun auch, dass kein Symptom auf ein Lungenleiden schließen lässt, muss Dich aber selbstredend untersuchen, um eine genaue Diagnose stellen zu können. Obgleich er zu seiner Erholung hier ist und nicht an seinen Beruf denken soll, will er doch bei Dir eine Ausnahme machen und erwartet Dich um sechs Uhr.' Herr Berger fuhr diplomatisch fort: 'er sei ein solcher Bewunderer Deines Geistes, dass er nur für Dich diese Ausnahme macht.'
In Wahrheit jedoch spielte sich die Unterhaltung mit dem jungen Arzt etwas anders ab. Er, mit dem Herr Berger jeden Abend ordentlich gekneipt, sagte:
'Ich begreife den Kollegen nicht, der Ihre Frau als Brustkranke behandelt. Wer so ausgiebig isst, so laut und ungezwungen spricht, solche elastische Bewegungen macht, wenn er nicht eben an sein Leiden denkt, der kann nicht brustleidend sein. Nun, wir werden ja sehen, ich verspreche mir das beste."
'Nun,' erwiderte Frau Berger seufzend, 'so mag dieser Arzt mich auch noch quälen.'
Pünktlich um sechs Uhr traf das Ehepaar Berger den jungen Arzt im Garten der Pension. Mit einer tadellosen Verbeugung reichte er der Dame seinen Arm und führte sie ins Haus. Dann bat er Herrn Berger, ihn mit seiner Frau allein zu lassen. Nun verwandelte sich der muntere junge Herr in den ernsten Mann der Wissenschaft. Er hörte die endlosen Klagen der Frau schweigend an, nur selten eine Frage dazwischenwerfend. Dann aber untersuchte er die Frau aufs gründlichste. Nach Beendigung ließ er den Mann hereinkommen und gab nun sein Urteil ab.
'Die Brust und Lungen der gnädigen Frau sind ganz gesund, nur durch die harte Winterkampagne vielleicht etwas gereizt,' setzte er mit feinem Lächeln hinzu. 'Keine Medizin, sondern naturgemäß leben. Früh zu Bette gehen — besonders im kommenden Winter, gnädige Frau, viele Milch, viele Spaziergänge, bald Badenweiler verlassen und sich auf Fußtouren nicht schonen. Dann sind Sie so gesund wie der Fisch im Wasser. Also im Winter das gesellschaftliche Leben beiseite, keine Aufregungen und um zehn Uhr zu Bett.'
'Aber Herr Doktor, ohne geistige Anregung verkümmere ich. Wie kann man denn als gebildete Frau, als Kind seiner Zeit existieren, wenn man nicht durch Theater, Vorlesungen, neuere Literatur seinen geistigen Horizont erweitert.'
Der Doktor stand hastig auf und ergriff seinen Hut. 'Gnädige Frau, ich kann Ihnen nur wiederholen, dass alles das, was Sie jetzt gerühmt, geradezu Gift für Sie ist. Ich glaube übrigens, dass eine Frau, die solch prächtige Kinder hat, auch ohne geistigen Horizont leben kann und sich vor allem ihrer Familie gesund erhalten muss. Empfehle mich Ihnen!" und hinaus war er.
Die Frau sagte: 'Ich habe Vertrauen zu diesem Arzt und glaube in der Tat, dass ich ein schweres Leiden mir nur eingebildet habe. Jetzt will ich gesund sein und marschiere überall mit Euch hin.' 'Das ist Recht, mein liebes Kind,' erwiderte Berger vergnügt.

Kapitel 2. 
Andern Tags erinnerte Berger seine Frau an ihren Vorsatz, heute zur Abwechselung einmal koscher zu essen, und die Familie begab sich in ein jüdisches Hotel. Ein lautes Stimmengewirr ertönte in dem Saal, es waren über hundert Gäste anwesend. Die Stammgäste liefen durcheinander und begrüßten sich; die jungen Mädchen, die sich vielleicht noch vor einem Stündchen gesehen, eilten zusammen und hatten die wichtigsten Neuheiten auszutauschen. Die neu Angekommenen jedoch, zu denen auch die Familie Berger gehörte, wurden vom Wirte pardon, Hotelbesitzer — empfangen und 'angereiht'. Bald saß alles. Die Suppe wurde schweigend verzehrt.
Neben Herrn Berger saß ein dicker Herr, der sich mit der Serviette den Schweiß abwischte. Dessen ebenso dicke Ehefrau flüsterte ihm zu: 'Guck emol, gestern hot mir aner den Mann gewiese, der do nebe d'r sitzt, des is der reiche Berger aus Frankfurt, der Besitzer von de vier Jahreszeite. Schwätz emol mit em.'
Unzufrieden, aber gehorsam, wandte sich der Mann zu Berger, der sich eben Wein einschänkte.
'Sie verzeihe, mei Name is Meyer aus Meenz, mei Fraa, mei Kinner," sagte er mit deutender Handbewegung. 'Sind Sie auch zur Kur hier?'
Herr Berger stellte ebenfalls vor, und so war das Gespräch bald im Gang.
Erna und Heinrich amüsierten sich vorzüglich über die verschiedenen Typen, über die sie übermütig Glossen machten. Plötzlich zeigte Heinrich Erna verstohlen ein Männchen, das ihnen schräg gegenüber saß. Es hatte ein freundliches Gesicht, ein Käppchen aus dem mit spärlichem, grauem Haar bedeckten Scheitel und erregte Heinrichs Aufmerksamkeit durch eine altfränkische geblümte seidene Weste.
Heinrich flüsterte: 'Erna, Onkel Bär". Im selben Momente nickte das Männchen, das sich von den Geschwistern beobachtet sah, ihnen freundlich zu.
Ernas Augen wurden feucht. Sie wiederholte 'Onkel Bär' und ihre Gedanken schweiften rückwärts.
Er war der Bruder ihres Vaters, etwa um zwölf Jahre älter. Er war sehr fromm. Von den Zinsen seines mäßigen Vermögens lebte er nicht nur, sondern übte noch große Wohltätigkeit aus. Er war Witwer ohne Kinder, eine alte Verwandte führte ihm die Haushaltung. Die Kinder speisten jeden Samstagmittag bei ihm. Dies konnte nun aus dem einen oder andern Grund bisweilen ausfallen; was aber nicht ausfallen durfte, das war ihre Anwesenheit beim Habdalahmachen ihres Onkels. Das gab's einfach nicht. Und als Erna die Masern hatte und nicht ausgehen durfte, machte Onkel Bär bei ihnen Habdalah, 'aber so schön wie bei Dir, Onkel, ist's doch nicht.'
Schon die Vorbereitungen, die streng geordnet waren! Erna holte aus dem Schränkchen den Becher, die Gewürzbüchse und die geflochtene Kerze, die Heinrich halten musste.
Nun sang Onkel Bär mit dünner Stimme:
'Gott, Avrom, Jizchok und Jakob,
Behüt' dein Volk Jisroel in deinem Lob.
Die sieben Tage sollen uns bekommen
Zu Glück und zu Heil und allem Frommen
Dass der liebe Schabbes kaudesch geht dahin.
Die Woche soll uns kommen zu Scholem, zu
Gesund, zu Auscher und zu Kowed und zu
allem guten Gewinn.
Oniein, W'omein!
 
Wenn dann die Kerze zischend erlosch, sagten die Kinder: 'Jetzt ist der Schabbes wieder beim lieben Gott.'
Dann zündete sich der Onkel die lange Pfeife an und setzte sich in den Sessel. Die Kinder holten sich Bänkchen, legten ihre Arme auf Onkels Knie und sahen ihn erwartungsvoll an. Er aber fragte die Haushälterin:
'Blümchen, müssen die Kinder nach Hause?'
Ebenso regelmäßig antwortete sie - und wenn es Sommer und schon halb zehn war — 'Nein, die Kinder haben noch ein Stündchen Zeit.'
'Dann hole ihnen noch einige Makronen.'
Er paffte stärker, und dann begann er seine wundervollen Erzählungen:
'Ja Kinder, was wisst Ihr in Eurem Palast, in der großen Stadt vom Leben! Früher hatten die Leute andere Strapazen. Wenn man jetzt mit der Bahn fährt, musste man früher laufen.
Mein Urgroßvater, olow hascholaum, war ein Mohel und wohnte auf dem Westerwald. Dort sind heutzutage noch meilenweite, dichte Waldungen, aber die Eisenbahn fährt durch, bequeme Wege verbinden die Dörfer miteinander, aber in der damaligen Zeit waren kaum Wege da, geschweige denn Eisenbahnen oder Post.
Eines Tages nun bekam mein Urgroßvater Botschaft aus einem vier Stunden entfernten Dorf, er solle zu einer Bris Miloh hinkommen, und da konnte ihn keine Entfernung, kein Wetter zurückhalten, diese Mizwoh auszuüben.
Es war Winter, der Schnee lag hoch, und die Kälte war grimmig."
'Onkel Bär," fragte Heinrich atemlos, 'waren auch Wölfe im Wald?'
'Gewiß, mein Kind, aber mein Urgroßvater fürchtete sich nicht. Er nahm einen dicken Stock und eine Pistole mit. Es war Freitag, er ging deshalb früh von Hause fort, um noch vor Schabbes anzukommen. Rasch ging es nicht, er musste sich mühsam durch den tiefen Schnee arbeiten, er kam aber doch voran. Weit und breit war kein Mensch und kein Haus zu sehen:, die Bäume glitzerten im Schnee, eine Totenstille um ihn herum, die nur manchmal durch den Schrei eines Raubvogels unterbrochen wurde. Endlich kam er auf die letzte Höhe, er hatte noch ein Gehölz zu durchschreiten, eine viertel Stunde abwärts zu steigen, und dann war er angelangt.
Wie er dem Gehölz nahte, hörte er plötzlich ein Geräusch. Er blickte durch die entlaubten Äste und sah auf einer Lichtung drei Frauen stehen, die sich gegenseitig ein Bündel zuwarfen. Er trat näher und rief: 'In Gottes Namen, was macht Ihr da?'
Die Frauen schrieen auf, eine warf ihm das Bündel zu, das er mit seinem Mantel auffangen konnte, und im selben Augenblicke waren die Weiber verschwunden.
Er rauchte stark, die Pfeife war ihm beinahe ausgegangen. Die Kinder hatten sich dicht an ihn gedrängt.
'Onkel Bär, was war im Bündel?'
'In dem Bündel war ein kleines Kind. Mein Urgroßvater trug nach damaliger Mode einen Mantel mit drei Kragen, er wickelte das Kind warm hinein, damit es nicht erfrieren konnte, und ging ins Dorf. Bei seinen Freunden angelangt, traf er dort großen Jammer an: Das Knäbchen, dessen Bris Miloh morgen sein sollte, war verschwunden.
Er wickelte das Kind aus dem Mantel: 'Ist es dieses?'
Welche Freude war nun, wie die Leute ihr Kind wieder hatten!"
'Ja Onkel, wie konnte den Leuten aber das Kind gestohlen werden, hatten es Zigeuner geraubt?'
'Nein, es waren 'Mechascheisaus" - Hexen —, die hatten Macht über das Kind, weil die Eltern nicht gebetet hatten.
Hexen sind böse Geister, und böse Geister sind böse Gedanken, und die können nicht Macht gewinnen, wo gebetet wird, und wo Gottesfurcht herrscht.'
Onkel Bär erzählte auch vom Strome Sambatjon, der Steine und Sand anstatt Wasser in seinem Bette wälzt. Aber von Freitag Abend bis nach Habdalah ruht der Strom, an seinem Ufer jedoch lodern Flammen, damit ihn niemand überschreiten kann, und die verlorenen zehn Stämme, die jenseits im Lande wohnen, ungestört und in Frieden weiter leben können, bis der Allmächtige sie mit ihren Brüdern vereinigt.
Diese und ähnliche Geschichten erzählte Onkel Bär, und die Kinder hörten nur bei ihm etwas jüdisches; ihre Eltern waren zu aufgeklärt, zu modern dazu.
Jetzt deckt die Ruhestätte des Mannes schon längst der schmucklose Stein, im Herzen der Kinder aber lebt er fort.

Kapitel 3.
Erna erwachte wie aus dem Traume, als der Kellner ihr die frische Platte bot. Mit dem fortschreitenden Diner wurde die Unterhaltung lauter, sodass man fast nur schreiend sich verständlich machen konnte. Frau Berger sagte ihrem Mann: Ist's in unserer Pension auch so laut? Siehst Du den Unterschied im Benehmen zwischen Juden und Christen?" Sie zeigte auf einige junge Herren, die sich wirklich etwas ungeniert aufführten, ihre Nachbarn mit Stöpseln warfen. 'Suche Dir doch hier einen Schwiegersohn aus,' hetzte sie weiter.
Er antwortete ungeduldig: 'Lasse doch die Leute zufrieden, sie kennen sich alle und genieren sich nicht vor einander. Wer weiß, wie die Leute aus unserer Pension, vor denen Du die große Hochachtung hast, über unser Benehmen spötteln." Bitte sehr, mein Benehmen ist das der Dame von Welt, das wird wohl bei allen Konfessionen gleich sein."
Sie erhoben sich, mit ihnen die Familie Meyer.
Frau Berger hörte noch, wie Frau Meyer ihrer Tochter, einem aufgeschossenen Backfisch von etwa sechzehn Jahren, zuraunte: 'Geh vor, zu dere Fräulein Bloch aus Mülhausen, da kannschte französisch spreche. Zeig, dass de was gelernt hascht.'
Dann wandte sie Frau Berger ihr fettglänzendes Antlitz zu. 'Des ist wirklich an Arbeit, zwee Stunden lang esse, aber aach e Zeitvertreib."
Frau Berger ging naserümpfend weiter. 'Treffe mir uns im Kurgarte?'
'Ich muss bedauern. Der Arzt hat mir wegen meiner Nervosität jede längere Unterhaltung untersagt.'
'So? Dann müsse Sie Sich ebe für Sich halte, Sie Ärmste,' und Frau Meyer rauschte zu ihrem Mann, ihm anvertrauend: 'Die Frau Berger hat doch ka bische Bildung, sie is a ufgeblose Judeweib.'
Nun ging auch der Herzenswunsch der Frau Berger in Erfüllung. Sie fand die ersehnte Gesellschaft.
Die Familie Rode bemühte sich sehr um sie; der Assessor, der an der Regierung in Frankfurt beschäftigt war, kannte sehr wohl die Bedeutung von Leopold Berger und des von ihm geschaffenen Warenhauses 'Zu den vier Jahreszeiten". Andere schlossen sich an, und so waren die Damen bald der Mittelpunkt des sich immer vergrößernden Kreises. Heinrich, der sich in der großen Gesellschaft nicht gut amüsierte, machte seine Touren hauptsächlich mit dem jungen Maler Küppers, einem drolligen, harmlosen Menschen, der immer Motive suchte, solche aber nur fand, wo ein Wirtshaus in der Nähe war. 
Doktor Weil, der sich der großen Gesellschaft gleichfalls nicht anschloss, aber den prächtigen Jungen gut leiden konnte, nahm ihn ebenfalls häufig mit auf seinen Spaziergängen.
Wegen aller Verabredungen, Ausflügen wurde die Abreise immer noch um einige Tage hinausgeschoben. Frau Berger sollte Badenweiler der weichen Luft wegen schon längst verlassen haben, aber da sie sich wohl fühlte und alles flott mitmachen konnte, besonders aber 'weil sie endlich passenden Verkehr gefunden', wollte sie gar nicht abreisen.
Doktor Weil war der erste, der den Kreis verlassen musste. Vor seiner Abreise gab ihm der dankbare Herr Berger eine Abschiedsbowle und nahm ihm das Versprechen ab, ihn zu Hause zu besuchen.
'Sehr gern', scherzte der Doktor, 'um als Gesundheits-Polizei die gnädige Frau vor Leichtsinn zu behüten.'
'Herr Doktor, ich fühle mich bei Ihren tyrannischen Verordnungen so wohl, dass mir die langweiligste Soiree nichts mehr schaden kann. Wir müssen ja auch unser Töchterchen ausführen.'
'Fräulein,' sagte der Doktor ernsthaft, 'sollte dies Vergnügen nicht mit der Gesundheit Ihrer Mutter zu teuer erkauft sein?'
'Aber gewiss. Ihre Ratschläge, welche die liebe Mutter pünktlich befolgt, wirken so günstig auf ihren Gesundheitszustand, dass auch alle ferneren Verordnungen unbedingt befolgt werden müssen. Ich würde lieber auf alle Gesellschaften verzichten, wie meine Mutter dem Trubel aussetzen. Sie sehen, Herr Doktor,' fuhr sie mit reizendem Lächeln fort, 'daß ich unbegrenztes Zutrauen zu Ihnen habe.'
Der Doktor küsste ihr dankbar die Hand, dann sagte er humoristisch: 'Möge Gott meinen sämtlichen Patienten solch' einsichtsvolle Töchterchen bescheren!' (Fortsetzung folgt.) 
Hinweis: die Fortsetzungen des Romanes von Jacob Levy finden sich wöchentlich in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" bis zum 25. März 1904. Da der Roman nun in Frankfurt und nicht mehr in Badenweiler spielt, wird er nicht wiedergegeben. An einzelnen Stellen wird auf die Zeit der handelnden Personen in Badenweiler kurz zurückgeblickt.  

  
  
Familie Levy-Mager und das "Hotel Bellevue"   
Anzeigen des Hotels der Familie Levy - Mager / Hotel Bellevue 1864 bis 1938 

Badenweiler Israelit 11051864.jpg (68086 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Mai 1864: "Badenweiler. Empfehlung. 
Der Unterzeichnete empfiehlt hiermit seine in Badenweiler, Großherzogtum Baden, neu eingerichtete israelitische Gastwirtschaft dem geehrten Publikum unter Zusicherung reeller und prompter Bedienung. Geräumige und wohl ausmöblierte Zimmer mit der herrlichsten Aussicht ins Rhein- und Weilertal stehen zur stündlichen Benutzung jederzeit offen.  
David Levi Mager."
  
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Mai 1865: "David Levi. 
Badenweiler
im Breisgau, Großherzogtum Baden den 1. Mai 1865. Hotel Levi. Jüdisches Gasthaus empfiehlt sich hiermit einem geehrten Publikum unter Zusicherung prompter Bedienung. - Das Hotel ist um das Doppelte vergrößert, hat etwa 25 verfügbare, mit allem Komfort eingerichtete Zimmer und gewährt eine romantische Aussicht in das schöne Rhein- und Weilertal, dem Elsass bis zu den Vogesen. Reine Luft, warme Quellen, hohe Lage zeichnet den Badplatz vor allen andern aus, was der alljährlich zunehmende Besuch sichtbar nachweist."  
  
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Mai 1889
"Badenweiler im Schwarzwald. Hotel Levi nächst der Post. 
Einem verehrten Publikum, welches den hiesigen Kurort besuchen will, die ergebene Anzeige, dass ich auch dieses Jahr wieder einen eigenen Schochet und Officiant, welcher sowohl Groß- als auch Kleinvieh schächtet, engagiert habe. Derselbe besitzt die Autorisation von dem Herrn Rabbiner Dr. Kutna aus Eisenstadt und Herrn Dr. Lewin aus Freiburg. 
Milch und Molken im Hause. Komfortable Zimmer, gute Küche und feinen Keller. Für längeren Aufenthalt Pensionspreis. Es empfiehlt sich die Eigentümerin 
Liebmann Levy Mager Witwe."
   
  
Badenweiler Israelit 14051891.jpg (65497 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Mai 1891: "Badenweiler, badischer Schwarzwald. 
Hotel & Pension Levy. 
Durch Umbau vergrößert und verschönert. Hohe, luftige und elegante Räume. Vorzügliche, streng koschere Küche und reine Weine bei normalen Preisen. Frische Kuhmilch zu jeder Zeit. Eigener, orthodoxer Schochet, von anerkannt berühmten Herren Rabbinern geprüft. Gottesdienst im hause. Eigentümerin. 
Levy Mager Witwe
."
  
Badenweiler Israelit 18041898.jpg (72576 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. April 1898: "Badenweiler. Bahnstation im Badischen Schwarzwald. Hotel & Pension Bellevue vormals Levy. 
Streng koscheres Hotel mit fein eingerichteten Fremdenzimmern, großen Speisesälen mit großer Terrasse. Beste Gelegenheit zum Abhalten von Hochzeiten, bei billigster Berechnung. Thermalbäder, Milch und Molken im Hause. Gute Küche und reine Weine. Eigene Schul. Schochet und Chassen. 
Levy Mager. Besitzer.
NB. Auf Wunsch erteilen orthodoxe Rabbinen Referenzen."
 
Badenweiler Israelit 28041898.jpg (111840 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. April 1898: "Badenweiler – Einziges israelitisches Hotel am Platze. Bahnstation im Badischen Schwarzwald. Hotel & Pension Bellevue. Vormals Levy. Streng koscheres Hotel mit fein eingerichteten Fremdenzimmern, großen Speisesälen mit großer Terrasse. Beste Gelegenheit zum Abhalten von Hochzeiten, bei billigster Berechnung. Bäder, Milch und Molken im Hause. Gute Küche und reine Weine. Eigene Schul. Schochet und Chassen. Frau Levy Mager, Besitzerin. NB., Auf Wunsch erteilen orthodoxe Rabbinen Referenzen."
 
Badenweiler Israelit 10051900 2x.jpg (102752 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Mai 1900: "Badenweiler im badischen Schwarzwald. Hotel & Pension Bellevue, auch Levy, gegründet 1863. Telefon Nr. 8. Elegante luftige Fremdenzimmer. – Große Speisesäle. – Anerkannt gute Küche. – Reine Weine bei mäßigen Preisen. – Eigener von orthodoxen Rabbinen geprüfter russischer Schochet. – Orthodoxe Rabbiner erteilen Referenzen. – Hotelwagen am Bahnhof."  
 
Badenweiler Israelit 30051901.jpg (92743 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Mai 1901: "Badenweiler im Schwarzwald. Hotel Bellevue Pension. Koscher – vorm. Levy – Koscher. Hohe luftige Zimmer mit Balkone und Terrassen! Von Gärten umgeben am Waldesrand. Milchkuranstalt. Eigener Schochet! Billige Preise. Frau Levy Mager. Referenzen und unter Aufsicht Seiner Ehrwürden Herrn Rabbiner Buttenwieser in Strassburg im Elsass".
 
Anzeige in der Zeitschrift "Die Welt" vom 10. Mai 1907: "BADENWEILER
Das Rendezvous der Zionisten vor und nach dem Kongress
ist im Schwarzwald eine Stunde von Basel in
Badenweiler    Hôtel et Pension Bellevue und Hôtel Levi
Israelitisches Hotel I. Ranges.

Sehr schön und frei gelegenes Haus, von Gärten und Wiesen umgeben. Schöne, sonnige Terrassen und Liegehallen in der Nähe des Bahnhofes und des Kurparkes. Hohe, komfortabel eingerichtete Fremdenzimmer mit Balkons. Sorgfältige u. abwechslungsreiche Kost. Ausgesuchte Weine. — Pensionspreis von Mk. 6.- an. — Auf Wunsch Prospekte.
Besitzerin: Frau Levi Mager."   
 
Anzeige in "Der Israelit" vom 4. August 1916: "Badenweiler, Hotel Bellevue und Hotel Levi.
Vorzügliche Verpflegung. Koscher. Eigene Milchwirtschaft.
Für Kriegsteilnehmer Preisermäßigung."  
 
Badenweiler Israelit 07041921a.jpg (59076 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. April 1921: "Badenweiler
(Südlicher badischer Schwarzwald). Hotel Bellevue ist eröffnet. Streng koscher. Synagoge im Hause. Schöne Zimmer, erstklassige Verpflegung. Großer Garten und Terrassen, Pessach geöffnet. Pension pro Tag von 40 Mark an. Vorherige Anmeldung erwünscht. Telefon Nr. 8. Besitzerin Frau Levy Mager."
 
Badenweiler Israelit 31031927b.jpg (58765 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. März 1927: "Kurort und Thermalbad. 
Badenweiler
(südlicher badischer Schwarzwald). Ein idealer Platz für Erholungsbedürftige. 
Kur-Hotel Bellevue. Koscher – Israelitisches Hotel – Koscher. Unter Aufsicht – Telefon Nr. 8. Synagoge im Hause. Man verlange Prospekt
."
 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Oktober 1929: "BADENWEILER. Badenweiler ist auch im Herbst und Winter zum Kuraufenthalt geeignet, insbesondere bei Stoffwechselkrankheiten, leichten Erkrankungen der Atmungswege, Rekonvaleszenz nach schweren Krankheiten und Operationen. Anmeldungen erbeten an Kurhotel Bellevue. Fließendes Wasser kalt und warm in allen Zimmern. Zentral-Heizung. Auto-Garage. Große Terrassen für Liegekuren. Eigene Milchwirtschaft. Gute Verpflegung. Unter Aufsicht des Vertrauensrabbiners des Vereins Hamburger 'Vereins zur Förderung ritueller Speisehäuser'. Pensionspreis einschließlich Zimmer von 8 Mk. an
Julius Levi Mager, Badenweiler,
Tel. Nr. 8"  
 
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom April 1930: "Badenweiler, Thermal- und Luftkurort im südlichen Schwarzwald (450 Meter über dem Meeresspiegel), hat seine Frühlings-Saison begonnen. Im Bezirke der warmen Quelle entfaltet die Natur eine verschwenderische Pracht und seltenen Liebreiz. Dieses Fleckchen Erde ist dazu geschaffen, Gesundheit und Erholung allen zu bringen, die sie in beschaulicher Ruhe suchen. Um sicher zu sein, an Pessach ein schönes Zimmer zu finden, empfiehlt es sich, dem dortigen Jüdischen Hotel 'Kurhotel Bellevue' die Ankunft vorher mitzuteilen."   
 
Anzeige in der Zeitschrift "Jüdische Rundschau" vom 1. Oktober 1937: "Badenweiler  
Kur-Hotel Bellevue 
Gute Verpflegung, Diät, Komfort  
Telefon 208"  
 
Anzeige in der Zeitschrift "Jüdische Rundschau" vom 9. September 1938:
"Badenweiler. Südlichster Thermalkurort Deutschlands. Telefon 208 
Kur-Hotel Bellevue."   

     
   
Weitere Anzeigen und Berichte zur Familie Levy Mager und ihr "Hotel Bellevue"  
In Badenweiler findet eine jüdische Hochzeit statt (1872)
Anmerkung: es steht zwar nichts von der Restauration Levi-Mager, doch war das rituell geführte Gasthaus mit Betraum damals die einzige Möglichkeit, in Badenweiler eine solche Feier zu veranstalten. Der Spendenertrag steht in einer Liste von Spenden "für die Notleidenden in Ismail, Cahul etc." (Ismajil, Stadt am Unterlauf der Donau in der Südukraine; Cahul liegt in der südlichen Moldau; beide Städte gehörten damals zu Bessarabien). Bezirksrabbiner Dreyfuß wird damals die Aufsicht über die Kaschrut im Gasthaus innegehabt haben. 

Mitteilung in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Mai 1872: "Durch Dreyfuß, Bezirksrabbiner in Sulzburg: zu Badenweiler bei der Hochzeit des Emanuel Levi von Sulzburg mit Fräulein Sophie Epstein von Eichstetten gesammelt 11 fl. 50 kr." 

  
Werbung für das Hotel Bellevue als Muster für weitere solche rituell geführten Einrichtungen in anderen Kurorten (1872) 
Anmerkung: Der Schreiber des Artikels verfasst diesen Beitrag im Blick auf seinen Wunsch, dass in möglichst vielen anderen Kurorten koschere Hotels/Kureinrichtungen eröffnet werden. Für ihn ist das Hotel von Levi-Mager ein vorbildliches Beispiel. Ein Verein soll gegründet werden, damit solche Einrichtungen an vielen Orten entstehen. 

Artikel in der Zeitschrift "Die jüdische Presse" vom 14. September 1872 (es wird aus dem Artikel nur zitiert): "Badenweiler, im Breisgau ... "...Es mögen aus verschiedenen Gegenden strengreligiöse Männer zu einem Vereine zusammentreten, der die Aufgabe hat, an möglichst vielen meistbesuchten Kurorten für koschere Restaurants und deren Beaufsichtigung Sorge zu tragen...
Dass unser Projekt ausführbar ist, beweisen zwei Präzedenzfälle aus den letzten Jahren, wo es den Bemühungen frommer Glaubensgenossen gelungen ist, koschere Speiseanstalten ins Leben zu rufen, nämlich ist Reichenhall und Davos in Graubünden.
Zum Schlusse will ich mir nicht versagen, allen Lesern der 'jüdischen Presse' die in jeder Beziehung vortreffliche, wohl noch zu wenig bekannte Restauration des Herrn Levy hier in Badenweiler als eine im strengsten Sinne aller Anforderungen des Kaschrut entsprechende zu empfehlen, die als eine Musteranstalt für alle hoffentlich recht bald zu begründenden jüdischen Restaurants angesehen werden darf."  

   
Koscheres Kirschwasser aus Badenweiler (1885) 

Badenweiler Israelit 19011885.jpg (53665 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Januar 1885: "Koscher schäl Pessach. Kirschwasser, 
aus den besten Schwarzwaldkirschen selbst gebrannt, offeriere unter Garantie für die Echtheit in kleinen und großen Quantitäten per Flasche 3 Mark. Wiederverkäufer erhalten angemessenen Rabatt. 
Liebmann Levi Mager

Besitzer des 'Hotel Levi', Badenweiler (Baden)."   

  
In San Remo (Sanremo) wird eine "Filiale" des Hotels Bellevue - vor allem für Winteraufenthalte - eröffnet (1898)

Anmerkung: wie lange díese Filiale in Sanremo bestand, ist noch unklar. Aktuell (2026) findet sich unter der Adresse Sanremo Corso Garibaldi 20 das Hotel Cortese mit Restaurant. 

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Dezember 1898: "San Remo, italienische Riviera.
Am 1. November Eröffnung des
streng koscher - 'Hotel & Pension Levy Mager' - streng koscher.
Corso Garibaldi Nr. 20. 
Angenehmer Winteraufenthalt. - Bescheidene Preise. - Beste Bedienung. - Eigener Schochet.— Schöner südlicher Garten.
Frau Levy Mager, Besitzerin des 'Hotel Bellevue' in Badenweiler.  NB. Referenzen orthodoxer Rabbinen stehen zur Verfügung."   

  
Das Hotel Bellevue gehört dem "Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser" an (1900 / 1901) 

Badenweiler Israelit 22111900.jpg (73907 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. November 1900: "Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser
Sitz in Hamburg". In der Liste genannt: 
Badenweiler badischer Schwarzwald - Hotel Bellevue Frau Levy Mager".  
 
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 4. Januar 1901: 
ähnlich wie oben   
 

      
Hotel Bellevue sucht einen Vorbeter (1921)  

Badenweiler Israelit 07041921.jpg (49421 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. April 1921: "Hotel Bellevue, Badenweiler 
sucht zum baldigen Eintritt gegen gute Bezahlung und freie Station einen streng orthodoxen jungen Mann, eventuell Rabbinatsschüler (auch Ausländer) mit guten Empfehlungen. Derselbe muss als Vorbeter fungieren, gut leienen und lernen können. Offerten mit Aufgabe von Referenzen und Gehaltsansprüchen an Frau Levi Mager, Badenweiler".

      
Stellenausschreibungen des Hotels Bellevue (1938 !)  

Anzeige in der Zeitschrift "Israelitisches Familienblatt" vom 3. Februar 1938: "Rituelles Hotel sucht: 1 Koch-Volontär, der Konditor gelernt, 1 Küchenmädchen und 1 Zimmermädchen (jüdisch). Kur-Hôtel Bellevue, Badenweiler (Baden)". 
 
Anzeige in der Zeitschrift "Israelitisches Familienblatt" vom 3. März 1938:
"Suche jüdische Hausgehilfin
zum sofortigen Eintritt, monatlich Reichsmark 50.- netto.
Hotel Bellevue, Badenweiler
."  
 
Anzeige in der Zeitschrift "Israelitisches Familienblatt" vom 28. April 1938:
"Jüdische Köchin für rituelle Küche gesucht. Kur-Hôtel Bellevue, Badenweiler"

  
   
Berichte aus der Familie Levy - Mager und über ihr Hotel   
Zum Tod von Liebmann Levy Mager (1886) 
Anmerkung: Liebmann Levy Mager war der Sohn von David Levy Mager und hatte das Hotel seines Vaters übernommen. Nach seinem frühen Tod übernahm seine Witwe die Hotelleitung, bis Mitte der 1920er-Jahre der Sohn Julius als Enkel des Gründers die Hotelleitung übernahm. 

Badenweiler Israelit 08021886.jpg (175083 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Februar 1886: "Nachruf. (Unlieb verspätet). Wir kamen soeben von der Beerdigung eines Mannes zurück, der es verdient, dass ihm in Ihrem geschätzten Blatte ein kleiner Nachruf gewidmet werde. Herr Liebmann Levy Mager in Badenweiler (Breisgau), Besitzer des streng jüdischen Hotels daselbst (Hotel Levy), ist am Freitag den 22. Januar, nachts 11 Uhr, im Alter von 37 Jahren, in ein besseres Jenseits abgerufen worden, nachdem er nur eine kurze Zeit krank war. Von den vielen Kurgästen, die sowohl aus Rücksicht für ihre Gesundheit als zum Vergnügen bei ihm verkehrten, haben wohl alle Gelegenheit gehabt, sich sowohl von seiner strengen Religiosität als von seiner Rechtlichkeit und Liebenswürdigkeit seinen Gästen gegenüber zu überzeugen. Um ihn trauern nächst seiner jungen Witwe mit 4 Kindern seine betagten Eltern und Geschwister. Er führte als Mohel (Beschneider) viele Kinder in den Bund unseres Vaters Abraham ein und war, wenn auch nur für den eigenen Gebrauch, ein Schochet. Der imposante Leichenzug am Sonntag, den 24. Januar gab beredtes Zeugnis, wie sehr beliebt und geachtet der Verblichene bei seinen Mitbürgern war. Möge seine betrübte Familie in der allgemein zu Tage getretenen Teilnahme einen Trost in ihrem herben Verlust erblicken. Seine Seele sei eingebunden im Bund des Lebens."

  
Goldene Hochzeit von David Levy-Mager und seiner Frau (1892)   

Badenweiler Israelit 31101892.JPG (120873 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Oktober 1892: "Freiburg im Breisgau, 23. Oktober (1892). Herr und Frau David Levy-Mager, früher Besitzer des Hotel Levy in Badenweiler, jetzt Privatier in Freiburg im Breisgau, feierten im Kreise ihrer Kinder, Enkel und zahlreicher Freunde das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Schon in aller Früh erschienen die Gratulanten und mitunter mit kostbaren Geschenken. Der Synagogen-Ausschuss in corpore brachte die Glückwünsche der Gemeinde dar. Hierauf ergriff Herr Rabbiner Dr. Levin das Wort und überreichte die von Seiner königlichen Hoheit dem Großherzog Friedrich von Baden allergnädigst verliehene Jubiläums-Medaille, begleitet von den besten Wünschen der Königlichen Hoheit. Herzliche Worte richtete der Herr Rabbiner hierbei an das Jubelpaar, das tief ergriffen von all der Liebe und Güte war. Bei dem nachmittags stattgehabten Festessen überreichte eine Deputation von 9 Herren, namens der Chewra Kadischa (sc. Wohltätigkeits- und Bestattungsverein), deren Mitglied Herr Levy-Mayer seit über 60 Jahren ist und zu deren Mitbegründern er zählt, ein Etuis mit 6 silbernen Löffeln unter warmer Anerkennung der Verdienste des Jubilars. Bei zündenden Reden – zunächst ein Toast auf den allergnädigsten Landesherrn Großherzog Friedrich von Baden – eilten die Stunden des Festes nur allzu schnell dahin, und erst als die letzten Züge die lieben Gäste nach allen Richtungen entführten, ging dasselbe zu Ende. Bemerkenswert ist, dass das Benschen die nette Summe von Mark 118,40 ergab, welche für Freiburger und Mülheimer Ortsarme bestimmt wurden. Möge dem Jubelpaar auch das Glück vergönnte sein, die Demant-Feier in Glück und Gesundheit zu begehen."

  
Über Badenweiler und das Hotel von David Levy (1894)  

Badenweiler Israelit 13091894a.jpg (358425 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. September 1894: "Badeplaudereien. Badenweiler, Ellul 5654 (1894). Die ‚Selichottage’ rücken näher und näher, die Fremden, welche in Bädern und Sommerfrischen sich einige Wochen der Erholung gönnten, kehren zum heimatlichen Herde zurück. Mehr und mehr entvölkern sich die Alleen und Promenaden der Kurorte, die Kapellen stellen ihr Spiel ein – die Saison naht ihrem Ende. Zu den wenigen Orten unseres Vaterlandes, welche vermöge ihrer klimatischen Verhältnisse, vermöge ihrer glücklichen südlichen Lage – vermöge der Auswahl ihrer Heilmittel, von der Regel eine Ausnahme machen können, die selbst dann noch auf eine stattliche Fremdenzahl blicken dürfen, wenn in den meisten anderen Bädern bereits der letzte Gast wieder zu den heimischen Penaten gezogen ist, gehört in erster Linie Badenweiler. Besonders günstig auf die Fremdenfrequenz des Platzes wirkt der Umstand ein, dass mancher Patient, dem eine Traubenkur oder ein Winteraufenthalt in einem südlichen Platze verordnet wurde, es vorzieht, einen Ort aufzusuchen, der ihn nicht zu einer zu weiten Entfernung von der Heimat veranlasst und der zu gleicher Zeit keine so großen Ansprüche an den Geldbeutel macht. Der rituell lebende Jude hatte leider von den Vorteilen, die ein Herbst- und Winteraufenthalt in Badenweiler bietet, kein Gebrauch machen können, die die hier bestehende jüdische Restauration (Hotel Levy= mit Beginn der Herbst-Saison den Wirtsbetrieb einzustellen pflegte. Der steigenden Winterfrequenz und der vermehrten Nachfrage nach ritueller Kost Rechnung tragend, wird von diesem Jahre ab der Betrieb des Restaurants das ganze Jahr hindurch in umgeänderter Weise fortgeführt werden, eine Neuerung, die gewiss von allen denen freudig begrüßt werden wird, welche ihren Herbst- resp. Winteraufenthalt in solch einem südlich gelegenen Orte nehmen möchten, welcher neben den verschiedenen klimatischen und lokalen Vorteilen auch die Möglichkeit einer guten und zuverlässig koscheren und dabei billigen Pension bietet. Heute, wo leider so mancher jüdische Kurgast um sich den Lorbeer der ‚Aufgeklärtheit’ zu erringen, die rituellen Restaurants wie ein Gift meidet, und sich für seine Handlungsweise durch die unhaltbare Ausrede zu entschuldigen sucht, dass die jüdischen Wirtschaften ‚minderwertig’ seien, dürfte es gewiss am Platze sein, mal eine christliche Stimme über ein rituelles Hotel anzuführen. In der Chronik der Vogtei Badenweiler findet sich zum Jahrgang 64 (pag. 192 Abs. 1 bei Wever) folgende Eintragung:  ‚- ist durch David Levy von Müllheim eine Judenwirtschaft in Badenweiler nebst Wohnungen entstanden, die sich in Folge der guten Einrichtung und soliden Bedienung, die man da findet, eines erfreulichen Fortganges rühmen kann.’ Bedarf es eines deutlicheren Belegs für die Tatsache der Ebenbürtigkeit der jüdischen Hotels, als jenes Zeugnis des gewiss unbefangenen Chronisten! Ob es der antisemitischen Hetze der letzten Jahre wohl gelingt, was der gewiss unbefangenen Empfehlung der Badenweiler Gemeinde nicht gelungen ist, nämlich recht viele Glaubensgenossen zu den koscheren Fleischtöpfen zurückzubringen? Was das kulturelle Leben betrifft, so ist diesem durch einen im Levy’schen Hotel eingerichteten Betsaal Rechnung getragen. Allsabbatlich, zu Zeiten auch alltäglich wird hier Gottesdienst abgehalten. Als Vorbeter fungiert gewöhnlich ein in dem benachbarten Müllheim wohnender Hilfschasan (sc. Hilfsvorbeter). Der größte Teil der einfach, aber durchaus würdig gehaltenen Einrichtung des Betsaal, der ‚Oraun-hakaudesch’ (Toraschrank), die prächtigen ‚Proches’ (Toraschrankvorhänge), die ‚Sidurim’ (Gebetbücher) usw. entstammen freiwilligen Gaben opferwilliger Gäste. Überhaupt hat hier die Opferwilligkeit wohlhabender Glaubensgenossen viel Schönes und Gutes geschaffen. So ist z.B. auch das unter dem Protektorate der Erbgroßherzogin vor kurzem hier gegründete Hilda-Krankenheim (Kur- und Siechenanstalt) in ganz hervorragender Weise durch jüdische Mittel unterstützt worden. Ein erneuter Beleg für den besonders heutzutage so sehr gerügten Schachersinn der Juden! Badenweiler ist reich an historischen Erinnerungen aller Art. Zu den hervorragendsten Denkmälern des Ortes gehört in erster Linie die von dem römischen Kaiser Hadrian (Hadrian Hamelech) erbauten und der Diana Abnoba geweihten ‚Römischen Bäder’, die erst im vergangenen Jahrhundert ausgegraben wurden. Sie geben uns einen weiteren beweis für die schon im Talmud erwähnte Sorgfalt, die man zur damaligen Zeit dem Badewesen schenkte und für die Vollendung deren schon vor Jahrzausenden sich diese Institution erfreute. Nebst vier großen Schwimmbädern enthält der Bau eine ganze Anzahl kleinerer der damaligen Sitte ent-
Badenweiler Israelit 13091894b.jpg (38628 Byte)sprechender Räume: wie Vorhof, Wartezimmer, Salbzimmer und Zimmer für Dampf-, Schwitz- und Einzelbäder. Verwundert schauen wir auf diese Merkmale einer ehemaligen blühenden Kultur. Hadrian und seine Werke sind zugrunde gegangen. Wir aber, die von ihnen Geknechteten und Gedrückten sind geblieben. Herr Stöcker und Herr Ahlwardt, wir haben keine Angst, wir werden auch noch sein, nachdem Sie und Ihre Werke längst im Staube modern ‚Er, der seinem Volk Kraft schenkt, segne sein Volk mit Frieden.’"

   
Über Badenweiler und das Hotel Bellevue (1907)       

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 7. Juni 1907: "Badenweiler. Obwohl 422 Meter über dem Meer gelegen, erfreut sich Badenweiler infolge seiner geschützten Lage eines sehr milden Klimas. Rings vom Walde umgeben, genießt der Kurgast besonders in den Morgenstunden eine herrliche Waldluft, die ja so wohltätig auf die Atmungsorgane einwirkt. Und wie gut ist es zu wandern in diesen Wäldern mit ihrer feierlich ernsten Ruhe, ihrem bezaubernden Rauschen, ihrem erfrischenden Schatten! Welch' entzückende Aussichten gewähren die Lichtungen! Über stille Dörfer, einsame Weiler, zerstreut liegende Gehöfte, verfallene Ritterburgen, bunte Wiesen, sanft ansteigende Höhen des benachbarten Gebirges schweift der Blick.  
Durch die Vereinigung von Wald- und Gebirgsklima gehört Badenweiler in die Reihe der subalpinen Badeorte. Alle Bedingungen, wie sie ein klimatischer Kurort fordert, sind hier gegeben. Die gleichmäßige Luft gestattet in Badenweiler vom Frühjahr bis in den Frühwinter hinein einen Aufenthalt von 8 bis 14 Stunden täglich im Freien. Außer dem erwähnten wichtigen Kurmittel ist Badenweiler auch als Thermalbad sehr besucht. Die zu Bade- und Trinkkuren angewandte Quelle gehört nach Bunsen zu de indifferenten, salzarmen, lithiumhaltigen. In der Tat verdanken zahlreiche Kranke, welche an Rheumatismus, Gicht, Ernährungsstörungen, Neurasthenie, Hautkrankheiten litten, diesem Wasser Heilung und Linderung. Selbstverständlich hat Badenweiler auch ein jüdisches Hotel. Es ist das Hotel und Pension Bellevue. Ein elegant ausgestatteter Speisesaal, ein Konversations-, Spiel- und Lesezimmer, behagliche Wohnzimmer befriedigen die Ansprüche selbst verwöhnter Gäste in reichem Maße. Referenzen über Kaschruß erteilt Seine Ehrwürden Herr Rabbiner Buttenwieser in Straßburg im Elsass. Man beachte gefälligst das Inserat in der vorliegenden Nummer dieses Blattes."     


Über Badenweiler und das Hotel Bellevue (1908)  

Badenweiler Israelit 30041908.jpg (100768 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. April 1908: "Badenweiler, 15. April 1908. In dem schon vor 2000 Jahren den Römern wegen seinen warmen Quellen bekannten Kurort Badenweiler, im südlich badischen Schwarzwald gelegen, hat die offizielle Saison-Eröffnung am 1. April begonnen und täglich bringen die Züge neu ankommende Kurgäste. Das Wetter ist sehr schön, und es ist ein Vergnügen zur Zeit in der milden ozonreichen Tannenluft spazieren zu können. Als neues Heilmittel ist der Neubau des unter Großherzog Friedrich I. erbauten 'Markgrafenbades' zu erwähnen, welches im Laufe dieses Frühjahres schon dem öffentlichen Verkehr übergeben werden wird. darinnen befinden sich unter anderem Dampf-Heiß-Luft Elektrische- Moor- und Sandbäder, sodass es allen Bedürfnissen wird genügen können. Da sich auch ein unter Aufsicht des Vereins zur Förderung ritueller Speisehäuser in Hamburg stehendes israelisches Hotel, das Hotel und Pension Bellevue, Besitzerin Frau Levi Mager, dortselbst befindet, so kann Badenweiler für die Israeliten als Frühjahrskurort empfohlen werden. Der Kurort eignet sich insbesondere bei Rekonvaleszenz nach Influenza für Nervöse- Herz- und Magenleidende. Man befrage hierwegen seinen Hausarzt."  

  
Über Badenweiler und das jüdische Leben am Kurort (1921) 

Badenweiler Israelit 14071921.jpg (67056 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Juli 1921: "Badenweiler, 11. Juli (1921). Auch in der gegenwärtigen Kursaison macht sich hier ein reges jüdisches Leben bemerkbar. Eine ganz beträchtliche Anzahl von jüdischen Kurgästen ist hier festzustellen. Insbesondere sieht man hier zahlreiche schweizerische Glaubensgenossen, die infolge ihrer günstigen Valutaverhältnisse, deutsche Kurorte an der Peripherie der Schweiz aufsuchen. Allsabbatliche finden in der hiesigen Synagoge Gottesdienste statt. Im Anschluss an den Sabbatmorgen-Gottesdienst wird jeweils ein Vortrag über den Wochenabschnitt von Herrn Salomon Horowitz gehalten, der es versteht, das Publikum zu fesseln und zu erheben."  

  
Bericht über das Hotel Bellevue (März 1927) 

Badenweiler Israelit 31031927.jpg (75384 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. März 1927: "Wer die Pessach-Tage in dem herrlichen, im Schwarzwald gelegenen Badenweiler verbringt, den laden schöne Wälder und großartige angelegter Kurpark zu kleinen und größeren Ausflüge ein. Den Bequemeren bietet die Terrasse des Kurhotels Bellevue, das diesen Namen mit Recht trägt, Gelegenheit, die Schönheit der Gegend von da aus zu genießen. – Das Hotel hat viele schöne gemütliche Zimmer, einen großen, freundlichen Speisesaal. Die Leitung ist vorzüglich, das Personal gut geschult; das Essen vortrefflich. – Eine kleine, sehr hübsche Synagoge zeugt von dem frommen Sinn der Inhaber. Die Pforten des Hotels sind geöffnet. Man erwartet die Frühlingsgäste und heißt jeden freundlich willkommen."

  
Über Badenweiler und das Hotel Bellevue (Dezember 1927)   

Badenweiler Israelit 15121927.jpg (110759 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Dezember 1927: "Badenweiler wird mit guten Erfolgen empfohlen bei Erkrankungen des Herzens, der Gefäße, der Nerven, Stoffwechselkrankheiten, leichten Erkrankungen der Atmungswege, Rekonvaleszenz nach schweren Krankheiten und Operationen. Berühmte Spezialärzte üben ihre Praxis aus. Auch ein neuzeitlich eingerichtetes, rituell geführtes jüdisches Hotel gibt es: Hotel Bellevue, auch Hotel Levy genannt. Es wurde im Jahre 1864 vom Großvater des jetzigen Besitzes gegründet, und zurzeit werden wieder Verbesserungen in dem Hotelgebäude vorgenommen. Für die kommende Saison wird in allen Fremdenzimmern fließendes kaltes und warmes Wasser eingerichtet. Wiedereröffnung im März 1928. In der Chronik von Badenweiler, herausgegeben von Dr. Wever im Mai 1869 ist zu lesen: ‚1864 ist durch David Levi von Müllheim eine Judenwirtschaft in Badenweiler nebst Wohnungen entstanden, die sich in Folge der guten Einrichtung und soliden Bedienung, die man da findet, eines erfreulichen Fortganges rühmen kann.’ Die Erfolge bis heute haben die Richtigkeit der Feststellungen vom Jahre 1864 bestätigt."

    
Die Frühlings-Saison hat begonnen (1930) 
 

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. April 1930: "Badenweiler, Thermal- und Luftkurort im südlichen Schwarzwald (450 Meter über dem Meeresspiegel), hat seine Frühlings-Saison begonnen. Im Bezirke der warmen Quelle entfaltet die Natur eine verschwenderische Pracht und seltenen Liebreiz. Dies Fleckchen Erde ist dazu geschaffen, Gesundheit und Erholung allen zu bringen, die sie in beschaulicher Ruhe suchen. Um sicher zu sein, an Pessach ein schönes Zimmer zu finden, empfiehlt es sich, dem dortigen Jüdischen Hotel 'Kurhotel Bellevue' die Ankunft vorher mitzuteilen. (Näheres siehe Inserat dieser Zeitung.)."   

  
80. Geburtstag von Fanny Mager geb. Bloch (1935) 

Badenweiler Israelit 10101935.jpg (19126 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Oktober 1935: "Badenweiler, 8. Oktober (1935). Frau Fanny Mager geb. Bloch aus Badenweiler, Hotel Bellevue, begeht am 31. Oktober – so Gott will – ihren achtzigsten Geburtstag.  (Alles Gute) bis 120 Jahre."


    
Familie Leopold Blum und die Pension "Elsässer Hof"      
Anzeigen des 1900 eröffneten Hotels mit Pension Elsässer Hof, Besitzer L. Blum    

Anmerkung: der Gastwirt Leopold Blum in Freiburg war dort Besitzer des "Hotels zum Erbprinzen" (Löwenstraße 1 in Freiburg nach Adressbuch Freiburg 1908).  

Badenweiler Israelit 11061900.jpg (82566 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Juni 1900: "Neu eröffnet. Badenweiler, badischer Schwarzwald. Koscher Hôtel & Pension Elsässer Hof. Koscher
Besitzer: L. Blum, Hotel zum Erbprinzen Freiburg im Breishau. On parle francais. English spoken. Thermalbäder im Hause. 
Prachtvoll und ruhig gelegen, unmittelbar am Park und Wald, - Komfortabel eingerichtete Zimmer. - Große, luftige Speisesäle. - Streng rituelle, gute Küche. - Vorzügliche, teils selbstgekelterte Weine. - Portier am Bahnhof. - Telefon-Anschluss Nr. 9. 
Betlokal im Hause. Eigener durch orthodoxen Rabbiner empfohlener und geprüfter Schochet."    
  
Badenweiler Israelit 18061900.jpg (97723 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Juni 1900: Text wie oben, jedoch mit Darstellung des Hotels.  
 
Badenweiler Israelit 10041902a.jpg (108701 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. April 1902: "Streng Koscher – Neu eröffnet – Saison 1902. Badenweiler, badischer Schwarzwald. Hotel & Pension Elsässer Hof. 
Besitzer: L. Blum, Hotel zum Erbprinzen, Freiburg im Breisgau. On parle francais. Thermalbäder im Hause. English spoken.  
Prachtvoll und ruhig gelegen, unmittelbar am Park und Wald. – Komfortabel eingerichtete Zimmer. – Große, luftige Speisesäle. – Streng rituelle, gute Küche. – Vorzügliche, teils selbstgekelterte Weine. – Portier am Bahnhof. – Telefon-Anschluss Nr. 9. – 
Betlokal im Hause. – Eigener durch orthodoxen Rabbiner empfohlener und geprüfter Schochet."
 
Badenweiler Israelit 12051902.jpg (135018 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Mai 1902:
ähnlicher Text wie oben. 
 
Badenweiler Israelit 10071902.jpg (136758 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Juli 1902:
ähnlicher Text wie oben.
 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. April 1903:  "Badenweiler (badischer Schwarzwald). 
Hôtel Elsässer Hof
. Besitzer L. Blum, Freiburg. Streng Koscher. Eröffnung Anfang Mai."   
    
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. April 1903: "Von orthodoxen Rabbinern geprüfter
Chasan und Schochet
gesucht für mein Kurhotel in Badenweiler. Offerten zu richten 
Hotel Erbprinzen, Freiburg im Breisgau."      
   
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. April 1904: "Badenweiler (badischer Schwarzwald). Hôtel 'Elsässer Hof', Streng Koscher. Eröffnung Anfang Mai. 
Besitzer: L. Blum, Freiburg im Breisgau".      
 
Badenweiler Israelit 30051904.jpg (31598 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Mai 1904: "Von orthodoxen Rabbinern geprüfter
Chasan (Vorbeter) und Schochet gesucht für mein Kurhotel in Badenweiler. Offerten zu richten 
Hotel Elsässer Hof, Badenweiler."
 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Juni 1904 mit einer Doppelanzeige beider rituell geführter Hotels in Badenweiler:
"Badenweiler.
Hotel Elsässer Hof
 L. Blum 
Garten-Termalbäder.
Gottesdienst im Hause.   - 
Hotel Bellevue und Hotel Levy 
Hôtel I. Ranges.
Man verlange Prospekt
"
 
 
Anzeige in der Zeitschrift "Die Welt" vom 11. August 1905: "Badenweiler (Badischer Schwarzwald)
(von Station Müllheim der Hauptlinie Frankfurt - Basel in einer halben, von Basel aus in einer Stunde zu erreichen.
STRENG Koscher   Hotel und Pension Elsässer Hof   STRENG Koscher  
Seit Jahren Treffpunkt der Zionisten von Freiburg, Mülhausen und Basel.
Schöne Speisesäle. — Garten. —- Thermalbäder. — Komfortable Fremdenzimmer. — Telephon Nr. 9. — Hausbursche am Bahnhofe."   

   
Zionistische Versammlungen im Hotel Elsässer Hof (1904 / 1905)  
Anmerkung: nach den Artikeln waren schon in den beiden Jahren zuvor zionistische Versammlungen im "Elsässer Hof" in Badenweiler. Sie wurden von der zionistischen Ortsgruppe Freiburg organisiert.

Artikel in der Zeitschrift "Jüdische Rundschau" vom 17. Juni 1904: "Zionistische Veranstaltung In Badenweiler. Am Sonntag, dem 19. Juni 1904 findet In Badenweiler wie im letzten und vorletzten Jahre eine gesellige Zusammenkunft der oberbadischen, der benachbartem elsässischen und schweizerischen Zionisten statt, zu welcher wir unsere Gesinnungsgenossen und deren Familienangehörigen hiermit höflichst einladen. Für diejenigen, welche sich an einer Fußwanderung auf den Blauen beteiligen wollen, ist eine gemeinsame Wanderung in Aussicht genommen, ab Badenweiler halb 7 Uhr früh. Gemeinschaftliches Essen präzis 1 Uhr im 'Elsässer Hof' (Preis des Gedeckes 2 Mk.) Nachmittags: zwanglose Unterhaltung, Spaziergänge, eventuelle Tanzunterhaltung. Anlässlich der Zusammenkunft in Badenweiler am 19. ds. Mts. werden die Vorstände und Vertrauensmänner der benachbarten zionistischen Ortsgruppen zu einer Besprechung über Fragen der zionistischen Arbeit eingeladen. Dieselbe wird um 11 Uhr vormittags im 'Elsässer Hof' stattfinden."    
 
Artikel in "Die Welt" vom 17. Juni 1904:
ähnlich wie oben
 
Artikel in "Die Welt" vom 29. Juli 1904: "Freiburg i. B. Die zionistische Veranstaltung in Badenweiler am 19. Juni, welche von der Freiburger Ortsgruppe ausging, nahm einen anregenden Verlauf. Gesinnungsgenossen aus Freiburg, Müllheim, Basel, Breisach und Offenburg. In der Frühe fand ein Ausflug statt, um 1 Uhr gemeinschaftliches Mahl. N.-F. 35 Mark. Am gleichen Tage seitens der Vorstände und Vertrauensmänner unter dem Vorsitze des Herrn Dr. Kaufmann, Freiburg, Besprechung über Fragen der zionistischen Arbeit. Es wurde eine Resolution gefasst, welche die Herausgabe einer monatlich erscheinenden Agitationsschrift bezweckt. Ferner wird angeregt, zu Tischah beAv eine Sammlung zu Gunsten des Nationalfonds im badischen Oberlande vorzunehmen. Ein diesbezüglicher Aufruf soll nach dem Muster der zionistischen Vereinigung Basel ergehen. Von Herrn Towbin - Königsberg wird der Vorschlag gemacht, jede Ortsgruppe solle eine Anzahl Zirkulare über den Nationalfond vorrätig halten, um sie bei geeigneten Gelegenheiten (Hochzeiten, Trauerfällen etc.) in der Gemeinde zu verwenden. Wir unterbreiten diesen Vorschlag ebenfalls dem Zentralkomitee. Die Anwesenden sprechen den Wunsch aus, dass die Legalisierung des Nationalfonds bald erfolgen möge. Ferner wird der Wunsch ausgesprochen, dass von Landankäufen in Palästina seitens der zionistischen Organisation in der jüdischen Presse soweit tunlich Mitteilung gemacht wird." 
Anmerkung: Jacob Towbin in Königsberg war Inhaber eines dortigen Getreide- und Heringsgeschäftes (Link
 
Anzeige in der Zeitschrift "Die Welt" vom 28. Juli 1905: "Kongress 1905.
BADENWEILER (bad. Schwarzwald)

(von Station Müllheim der Hauptlinie Frankfurt-Basel in einer halben, von Basel aus in einer Stunde zu erreichen.)
Streng Koscher  Hotel und Pension Elsässer-Hof  Streng Koscher 
Seit Jahren Treffpunkt der Zionisten von Freiburg, Mülhausen und Basel.
Schöne Speisesäle. — Garten — Thermalbäder. — Komfortable Fremdenzimmer. — Telephon Nr. 9. — Hausbursche am Bahnhofe."   

   
Stellenausschreibung des Hotels Elsässer Hof (1907)  

Anzeige im "Israelitischen Familienblatt" vom 2. Mai 1907: "Ich suche für mein Kurhotel in Badenweiler ein
Kochlehrmädchen
(freie Kost u. Wohnung nebst Familienanschluss) und ein
Fräulein
zur Mithilfe im Hotel (Gehalt nach Übereinkunft). Ebenso ein
Kochmädchen

für mein hiesiges Restaurant.
L. Blum, Freiburg in Breisgau,
Salzstraße 17."  

   
Hoher Besuch in Badenweiler - Hinweis auf Badenweiler (Hotel "Elsässer Hof") als Möglichkeit für einen koscheren Kuraufenthalt (1902)  

Badenweiler Israelit 10041902.jpg (90578 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. April 1902: "Badenweiler, 1. April (1902). Ihre Majestät die deutsche Kaiserin wird mit den zwei jüngsten kaiserlichen Kindern, dem Prinzen Joachim und der Prinzessin Augusta Viktoria, sowie der Schwester der Kaiserin, Prinzessin Feodora, auf dem 15 Minuten von hier in reizender Lage gelegenen Schloss Hausbaden Aufenthalt nehmen. Das genannte Hotel wurde samt Park für die Monate Mai und Juni gemietet. Der von den hohen Herrschaften geführte Haushalt wird insgesamt 51 Personen umfassen. Schloss Hausbaden wurde seinerzeit auch von Königin Wilhelmine von Holland bewohnt.    
Da Badenweiler unter den orthodoxen Juden Badens und Elsass-Lothringens ziemlich bekannt ist, so dürfte die Nachricht nicht ohne Interesse für sie sein; insbesondere als dies der einzige Luftkurort des badischen Schwarzwalds ist, wo Gelegenheit geboten ist, koscher zu leben. Siehe Inserat Hotel und Pension Elsässer Hof in Badenweiler."  

 
 
Die Pension Hemmendinger (Nachfolge von H. Blum)  
Anzeige der Pension der Witwe Hemmendinger (1910) 

Anzeige in der "Neuen jüdischen Presse" ("Frankfurter Israelitisches Familienblatt") vom 3. Juni 1910:
"KOSCHER  Badenweiler, Schwarzwald.
Pension Hemmendinger, H. Blum's Nachfolger.
Villa Sutter.
In der Nähe des Kurparks und des Bahnhofs. Inmitten schattigem Parke. - Schöne Zimmer. - Streng rituelle Küche.  
Eröffnung: Anfangs Juni. Ww. Hemmendinger, Basel."  

  
Landwirtschaftlicher Ferienkurs der Friedrich-Loge (Heidelberg) in Müllheim und in Badenweiler im Restaurant Hemmendinger (1910)  

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 17. Juni 1910: "Landwirtschaftliche Ferienkurse.
(Bericht über den ersten landwirtschaftlichen Ferienkurs für israelitische Mittelschüler und Seminaristen in Baden.)
Von Reallehrer B. Zivi - Bruchsal.
Vorbemerkung. Das erstrebenswerte Ziel der Jugenderziehung, einen gesunden Geist in einem gesunden Körper heranzubilden, kann in unserer raschlebigen Zeit nur vom kleinsten Teile unserer jüdischen Jugend erreicht werden. Besonders gefährdet erscheint die harmonische Ausbildung unserer Stadtkinder, denen vielfach die Zeit zu ausgiebigen, die Gesundheit stärkenden Körperübungen fehlt. Ja, fast will es scheinen, als ob nicht selten Eltern und Erziehern durch die ständige Sorge um die Erlangung der geistigen Reife von Seiten der ihnen anvertrauten Jugend der Sinn für körperliche Ausbildung ganz verloren gegangen sei.
Anregung der Friedrich-Loge. Um so bemerkens- und anerkennenswerter ist das Vorgehen der Friedrich-Loge in Heidelberg, das den Missständen des heutigen Erziehungssystems in zweckmäßiger und energischer Weise entgegenwirken soll.
Die Loge veranstaltete nämlich im Sommer des vorigen Jahres im Einvernehmen mit anderen badischen Logen einen drei Wochen dauernden landwirtschaftlichen Ferienkurs für jüdische Schüler.
Zweck der Kurse. Durch diese Einrichtung sollen die jüdischen Schüler, auf einige Wochen wenigstens, der Einseitigkeit der Schularbeit entzogen und, durch ausgiebigen Aufenthalt und zweckmäßige Beschäftigung in frischer Landluft gesundheitlich gefördert werden. Die praktische Einführung in den Gartenbau, die Obstbaum- und Bienenzucht soll der geistigen Anstrengung ein heilsames Gegengewicht schaffen, den Gesichtskreis unserer Jugend erweitern und gleichzeitig ihr Verständnis für Landwirtschaft und mit ihr zusammenhängende wirtschaftliche Fragen wecken und bilden. Eine derartige Schulung wird, wie die geistige, Bildungswerte erzeugen, die für den einzelnen und seinen späteren Beruf von nicht zu unterschätzender Bedeutung werden können.
Stätte des Kurses.
Die Unterrichtsgegenstände wurden in Müllheim bzw. Niederweiler gelehrt, während die Kursteilnehmer in guten Familien in Nieder- und Oberweiler untergebracht waren. Sämtliche Orte sind vorteilhaft bekannt durch herrliche, gesunde Lage im badischen Schwarzwald und durch ihre reizende, zu Ausflügen verlockende Umgegend. Vortreffliche rituelle Verpflegung fand der Kurs im Restaurant Hemmendinger in Badenweiler.
Schülermaterial. Die Kursteilnehmer waren mit einer Ausnahme Schüler badischer Gymnasien und Realschulen im Alter von 14 bis 18 Jahren; die große Mehrzahl derselben stellten die Städte Heidelberg, Mannheim und Karlsruhe. Zugelassen waren nur körperlich gesunde und sittlich makellose junge Leute.
Lehrer und Leiter.
Der Unterricht lag in den Händen von Lehrkräften, die seit langer Zeit in den einzelnen Disziplinen mit Erfolg tätig sind. Garten- und Obstbau unterrichtete Herr Hauptlehrer Seligmann in Müllheim.
Die Einführung in die Bienenzucht hatte Herr Hauptlehrer Vollmer in Niederweiler, ein bewährter Bienenzüchter, übernommen.
Der Verfasser des vorliegenden Berichts war von der 'Kommission zur Förderung der Bodenkultur unter den Israeliten des Großherzogtums Baden' dazu berufen worden, sich an dem Kurse durch Vorträge über die Verwertung der landwirtschaftlichen Produkte durch Handel und Industrie zu beteiligen.
Um die Führung der jungen Leute hatte sich der Präsident der Friedrich-Loge, Herr Hauptlehrer Müller in Heidelberg, in dankenswerter Weise angenommen.
Tageseinteilung. Nach neunstündigem Schlafe erhoben sich die Zöglinge um 6 Uhr morgens, das erste Frühstück wurde um 6 3/4 Uhr eingenommen. Um 7 Uhr sammelten sie sich zum Marsch nach Müllheim, ein prächtiger Spaziergang durch eine schattige Nussbaumallee von 15 bis 40 Minuten, je nach Lage des Quartiers. Bei Regenwetter benutzte man die Lokalbahn Müllheim—Badenweiler. - Um 8 Uhr begann die praktische Gartenarbeit, die bis zur zweiten Frühstückspause 9 3/4 Uhr dauerte. Machten die Unbilden der Witterung die Gartenarbeit unmöglich, was bei der ausgesprochenen Neigung des letzten Sommers zu Niederschlägen hin und wieder vorkam, so trat an die Stelle der Gartenarbeit der Werkstättenunterricht in einer eigens hierzu gemieteten, vollständig ein­gerichteten Werkstätte.
Von 10 bis 11 Uhr fand teils theoretischer Unterricht im Anschluss an die Gartenarbeit, teils handelswissenschaftlicher Vortrag statt. Um 11 Uhr begaben sich die Schüler und Lehrer ins Müllheimer Thermalbad, das ihnen durch dankenswertes Entgegenkommen der Verwaltung zu ermäßigten Preisen offen stand. Nach dem Bad erfolgte Rückmarsch nach Badenweiler und Einnahme des Mittagsmahls gegen 1 Uhr.
Der Nachmittag blieb der Erholung, den Ausflügen, zum Teil auch dem Unterricht in der Bienenzucht vorbehalten. Um 7 Uhr bzw. 7 1/2 Uhr abends nahm man das Nachtessen ein; die Zeit nach diesem bis zum Schlafengehen füllten die Zöglinge in der Regel mit Briefwechsel usw. aus, um 9 Uhr abends begaben sie sich zur Ruhe.
Gottesdienst. Der Sabbat war vollständig Ruhetag; er war hauptsächlich dem Genuss der herrlichen Natur Badenweilers und seiner nächsten Umgebung gewidmet. Am Freitagabend und Samstagmorgen veranstaltete der Kurs für sich einen eigenen Gottesdienst im Restaurant Hemmendinger.
Ausflüge und Besichtigungen.
Einen wichtigen Teil des Unternehmens bildeten die Spaziergänge und Ausflüge in den Schwarzwald und die Umgebung Müllheims. Der Kurs machte drei ganz­tägige und ebenso viele halbtägige Exkursionen; hierbei sind kleine Spaziergänge an Samstagen und sonstigen freien Stunden nicht inbegriffen.
Kosten. Diese beliefen sich einschließlich der Hin- und Rückfahrt auf 110 bis 120 Mark für jeden Teilnehmer; hierzu kommen künftig noch etwa 20 Mark pro Kopf als Beitrag zur Deckung der erforderlichen allgemeinen Unkosten.
Schlussbetrachtung. Mit hoher Befriedigung dürfen alle Beteiligten auf den Verlauf und den Erfolg des ersten landwirtschaftlichen Ferienkurses zurückblicken. Diese Einrichtung entspricht einem dringenden Bedürfnisse unserer Zeit, und ihre Wiederholung Und Verbreitung müssen von einsichtigen Eltern Und Erziehern und auch von Behörden, denen das Wohl der heranwachsenden Jugend am Herzen liegt, nachdrücklich gefordert werden. Kann auch ein greifbarer Erfolg erst in der Zukunft durch Betätigung der Kursteilnehmer im Garten und am Bienenstand, durch eigenes Handanlegen bei einfachen, handwerksmäßigen Verrichtungen und durch verständnisvolles Erfassen wirtschaftlicher Fragen in Erscheinung treten, so hat sich doch schon heute gezeigt, dass die Schüler sowohl dem praktischen als theoretischen Unterricht, der ihnen Belehrung über bisher ganz fremde Gebiete bot, mit großem Interesse folgten und, wie die nachträglich freiwillig gefertigten schriftlichen Arbeiten bewiesen, den neuen Stoff auch gründlich erfassten.
Nicht zu unterschätzen ist auch der erzieherische Einfluss, den der eigenartige Unterricht sowohl als auch das Leben in einer größeren Gemeinschaft, wo der eigene Wille einem höheren unterzuordnen war, auf die Schüler ausübte, und es muss lobend anerkannt werden, dass sie sich rasch den gegebenen Verhältnissen anpassten und die Anordnungen der Lehrer willig befolgten. Die Gartenarbeit mit Spaten, Hacke, Rechen und Schaufel war ihnen keine Anstrengung, sondern eine Lust, und auch auf weiten Märschen zeigte sich kaum eine Spur der Ermüdung bei der jugendlichen Schar. Es war ein Vergnügen zu beobachten, wie allmählich der blasse Teint der Stadt sich verlor und an seine Stelle die gesunde, frische Farbe trat, wie sie die Landluft hervorzubringen pflegt.
An Körper und Gesundheit gekräftigt, eingeweiht in Wissensgebiete, die praktisch verwertbar und für die Allgemein­bildung in der heutigen Zeit unerlässlich sind, konnten die Teilnehmer in die Heimat entlassen werden, um die gewohnte Schularbeit mit erhöhter Kraft wieder aufzunehmen.
Der gute Anfang sollte allerwärts ein Ansporn sein zu weiterer Betätigung auf dem neuen, Erfolg versprechenden Gebiete erzieherischer Arbeit. Es besteht die Absicht, in diesem Jahre einen zweiten, drei bis vier Wochen dauernden landwirtschaftlichen Kurs mit ähnlicher Organisation folgen zu lassen. Anmeldungen nehmen die Friedrich-Loge in Heidelberg und die mitwirkenden Lehrer entgegen."   
 
  Links: Bericht im "Israelitischen Familienblatt" vom 21. April 1910 (teilweise etwas ausführlicher als im Bericht der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" oben.   

 
 
Weitere Veranstaltungen und Kureinrichtungen 
 
Werbung des Hotels Saupe (1908) 
Anmerkung: Beim Hotel Saupe handelt es sich nicht um ein jüdisches Hotel, die Familie ist u.a. bekannt durch den Physiker Alfred Saupe: https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Saupe   . 

Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 31. Juli 1908: "Badenweiler.
Hotel Saupe bietet mit seinen, von Gärten umgebenen Villen angenehmsten Aufenthalt. Thermalbäder in den Häusern. Näheres durch den Besitzer Ad. Saupe."   

    
Anzeigen des Hotels Römerbad (1924)  
Anmerkung: Beim Hotel Römerbad handelte es sich nicht um ein jüdisches Hotel, dennoch hat es regelmäßig in einer jüdischen Zeitschrift Werbeanzeigen aufgesetzt. Da ein Aufenthalt auch ohne Pension gebucht werden konnte, war es jüdischen Kurgästen möglich, dort zu übernachten gegebenenfalls in den jüdischen Hotels zu speisen; das "Hotel Römerbad" besteht noch heute: www.hotel-roemerbad.de/.  

Badenweiler CV-Ztg 10011924.jpg (55691 Byte)Anzeige in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des "Central-Vereins") vom 10. Januar 1924: "Badenweiler im südlichen Schwarzwald. Mit Station Mühlheim der Hauptlinie Frankfurt - Basel durch elektrische Nebenbahn verbunden. 
Hotel Römerbad. Haus I. Ranges, bietet auch im Winter angenehmsten Aufenthalt. 
Besitzer: Gebrüder Joner".   
 
Anzeigen in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des "Central-Vereins") vom 3. Juli 1924: "Badenweiler (Südlicher badischer Schwarzwald). 400 m.ü.M. - Keine Fremdensteuer. 
Thermalbad und klimatischer Kurort. Thermal-Schwimmbäder, Licht- und Sonnenbäder. 
Aquarell-Ausstellung - Oper- und Freilicht-Spiele.
 
Auto-Gesellschaftsfahrten. Auskunft und Drucksachen durch die Kurverwaltung e.Gen.m.b.H.    

Badenweiler (Südlicher badischer Schwarzwald) - Hotel Römerbad
Zimmer mit und ohne Pension. Pensionspreis mit Zimmer von Mark 11.- an pro Person. 
Besitzer: Gebr. Joner."     

    
100-jähriges Bestehen des Hotels Römerbad (1924) und Werbeanzeige (1928)        
Anmerkung: Zum Hotel Römerbad vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Hotel_Römerbad   

Artikel in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des "Central-Vereins") vom 17. Juli 1924: "In Badenweiler wurde am 1. Juli das 100-jährige Bestehen des Hotels Römerbad festlich begangen. Unter Mitwirkung der städtischen Behörden und einer zahlreichen Versammlung von Kurgästen und Vertretern der Bevölkerung fand vor dem Hotel der festliche Akt statt. Prächtige Geschenke und viele Blumen waren ein ausdrucksvolles Zeugnis für die allgemeine Beliebtheit des Hotels Römerbad."       
 
Anzeige im "Jüdischen Jahrbuch für Groß-Berlin" 1928 S. VIII: "Badenweiler im Schwarzwald. Hotel Römerbad aus ersten Ranges.
Offen von Mitte März bis Mitte Oktober. Ausführliche Prospekte. Besitzer Gebrüder Joner, Fernruf Nr. 10."  

    
Vortrag der Schriftstellerin Anette Kolb (1926) 

Anmerkung: über die Schriftstellerin Anette Kolb vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Annette_Kolb  

Mitteilung in der (jüdischen) "Wiener Morgenzeitung" vom 15. Oktober 1926: "Vorlesung Anette Kolb. Eine der feinsten deutschen Schriftstellerinnen, der dank ihrer elsässischen Abkunft eine deutsch-französische Kultursynthese geglückt ist, Anette Kolb (Badenweiler), trägt am Samstag, den 16. Oktober, über Einladung des Kulturbundes um 7 Uhr abends, 1. Dez., Annagasse 6, aus eigenen Werken (Novellen, Essays) vor. Gäste willkommen."    

    
Anzeige der Thermalkurortes Badenweiler (1933)   

Badenweiler CV-Ztg 04041933.jpg (154647 Byte)Anzeige in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des Central-Vereins) vom 4. April 1933: 
"'In diesem Jahre nach dem deutschen Süden'. Badenweiler. Thermalkurort im Schwarzwald 450 m ü.d.M...."  
mit einer Übersicht über die (allesamt nichtjüdischen) Hotels, Pensionen und Gasthöfe.       

 
 
Jüdische Kurgäste in Badenweiler  
Zum Tod des Berliner Fabrikanten Benno Strauß (1880 in Badenweiler)     

Artikel in der Zeitschrift "Die jüdische Presse" vom 9. September 1880: "Berlin, 27. Elul. (Original-Korrespondenz). Nur einige Tage noch und wir beschließen ein Jahr, in welchem Israel den Verlust so vieler seiner Edelsten und Besten zu beklagen hat, ein Jahr, das des Betrübenden so außergewöhnlich Viel in sich vereinigt hat, dass wir uns wahrlich zu der Hoffnung berechtigt glaubten, es wäre die Reihe solch herber Schläge nunmehr abgeschlossen. Doch des Allmächtigen unerforschliche Weisheit hatte es anders beschlossen; die allerletzten Tage sollten uns von Neuem in tiefe Trauer versetzen. Am Montag, 23. Elul, des morgens 5 1/2 Uhr, beschloss Herr Benno Strauß, Chef der bekannten hiesigen (= Berliner) Firma B. Strauß u. Co., in Badenweiler, sein tatenreiches Leben, und wurde, seinem Wunsche entsprechend, die nach Frankfurt am Main überführte Leiche, am zweitfolgenden Tage auf dem dortigen Friedhofe zur ewigen Ruhe bestattet. Herr Dr. Werner entrollte der äußerst zahlreichen Trauerversammlung, zu der mehrere Berliner Freunde des Verstorbenen hergeeilt waren, in beredten Worten ein getreues Bild des im Alter von nur 36 Jahren abberufenen Freundes, in der er besonders hervorhob, dass der Verklärte trotz seines jugendlichen Alters es verstanden, eine Wirksamkeit zu entfalten, wie sie von nur Wenigen, als Mensch wie als Jehudi erreicht wird. Benno Strauß, in Niederwesel bei Frankfurt a. M. geboren, besuchte am letzteren Platze die Schule und trat im Akter von 14 Jahren in die weithin bekannte Metallhandlung des Herrn Phil. A. Cohen ein. ..."  Zum weiteren Lesen des Artikel bitte Textabbildung anklicken.

  
Der russische Komponist Anton Grigorjewitsch Rubinstein (Антон Григорьевич Рубинштейн) ist Kurgast in Badenweiler (1890)     

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 22. August 1890: "Der städtische Kapellmeister in Freiburg (Baden), Herr Wilhelm Bruch, veranstaltete kürzlich zu Ehren Rubinsteins, welcher sich in Badenweiler zur Kur aufhält, ein Konzert, in welchem nur Kompositionen Rubinsteins zur Aufführung gelangten, u.a. die 'Ozean-Symphonie' und die Ballettmusik aus 'Nero'. Das Publikum empfing den anwesenden Komponisten enthusiastisch, das Orchester mit dreifachem Tusch."  

 
Eine Familie verirrt sich bei einem Ausflug im Urlaub in Badenweiler (Aufsatz einer Schülerin 1905) 

Artikel in "Jüdische Jugend" in der Ausgabe Nr. 22 (zu 27) 1905: "Verirrt.
Den Sommer des Jahres 1902 verlebte unsere Familie in dem weitberühmten, gesunden Kurort Badenweiler.
An einem schönen Augusttage wurde uns ein Ausflug nach dem etwa 2 Stunden entlegenen Städtchen 2. vorgeschlagen. Wir rüsteten uns Alle und standen um 2 Uhr reisefertig da. Nun ging es nach vorgeschriebener Richtung in den Wald. Wir folgten den Wegweisern eine Zeit lang; bald jedoch zeigten sich keine mehr unseren Augen, und wir gingen aufs Geratewohl vorwärts. Inzwischen waren 1, 2 und 3 Stunden verflossen, und wir erspähten unser Ziel immer noch nicht.
Von Stunde zu Stunde steigerte sich unsere — hauptsächlich meine — Angst. Je schneller wir fortschritten, desto steiler und gefährlicher wurde der Weg. Überall war er mit Steinen — ja sogar mit einigen Felsblöcken — bedeckt, so dass unsere Schuhe ordentlich zugerichtet wurden. Nach etwa 4 1/2 Stunden sahen wir weder Weg noch Steg, und wir befanden uns auf der höchsten Spitze eines Berges. Nun wussten wir augenblicklich keinen Rat.
Zu dieser Zeit waren meine Schwestern 15 und 12, ich 9 Jahre alt. — Meine älteste Schwester kundschaftete den Weg aus; sie kam jedoch bald, durch irgend ein Geräusch erschreckt, zurück. Wir ruhten uns einige Minuten aus und brachen dann alle auf. Wir gingen bergabwärts, großer Gefahr preisgegeben. Mein lieber Vater führte mich; meine Mutter folgte mit meiner einen Schwester. Meine große Schwester ging allen voran. Bei jedem geringsten Geräusch bebte mein Herz, und ich klammerte mich fester an meinen Vater. — Es würde, glaube ich, niemand gerne an meiner Stelle gewesen sein. — Keinen Wandersmann erblickten unsere Augen.
Endlich, endlich kamen mir auf einer weiten Ebene an. Allmählich war die Dämmerung hereingebrochen. Jetzt erst kam mir der Gedanke an die überstandene Gefahr, und wie beim 'Reiter auf dem Bodensee' graute es mir, wenn ich daran dachte. Ich weinte Angst- und Freudetränen zugleich und wir dankten allesamt Gott für die Errettung. Unterwegs erwähnten wir oft, nur froh sein zu können zusammen zu sein.
Nun brachte uns ein Junge nach dem etwa 1/2 Stunde entfernten Städtchen S. Um 9 Uhr, statt um 4 Uhr, erreichten wir unser Ziel. Nach kurzer Rast mussten wir, da es schon so spät war, nach Badenweiler fahren und kamen ganz schlaff und abgespannt dort an.
Ich glaube, dass ich dieses Abenteuer nie — wenigstens lange nicht — vergessen werde. Auch hoffe ich, so etwas nicht mehr miterleben zu müssen. Martha Sch." 

    
Zum Tod von Julius Schohl I aus Pirmasens (gest. in Badenweiler (1902)
  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. September 1902:  "Pirmasens, 10. Elul (= 12. September 1902). Herr Julius Schohl I. hier ist im 48. Lebensjahre von seinem schweren und langen Leiden, in Badenweiler, wo er Heilung seines Leidens suchte, zum besseren Jenseits von Gott abgerufen worden. Das heutige große Leichenbegängnis unter Voranschreiten eines Musikkorps- und Kriegervereins (der Verstorbene war Reserveleutnant), konnte einem Juden sagen, wer der Verblichene war und was er während seines Lebens geleistet hat. Gemilus Chesed (Wohltätigkeit) übte er stets im Geheimen aus, sodass kein Zweiter davon wusste. In Stadt und Umgegend sehr beliebt, war er auch hauptsächlich ein treuer Gatte und Vater seiner Familie, was Herr Bezirksrabbiner Dr. Mayer - Zweibrücken am Grabe hervorhob. Kantor Slodki."    

   
Der jüdische Dichter Scholem-Aleichem (S. Rabinowitz) ist zur Kur in Badenweiler (1910 / 1911)  

Scholem Alejchem.jpg (52665 Byte)Anmerkung: Scholem Alejchem (Pseudonym von Schalom Yakov Rabinowitsch; geb. 1859 in Perejaslaw bei Kiew, gest. 1916 in New York) war ein bekannter jiddischsprachiger Schriftsteller, u.a. "Die Geschichten Tewjes, des Milchhändlers" von 1894 (Vorlage für das Musical Anatevka, 1964). 
Abbildung links: Titelblatt von (jiddisch:) "Schalom Alejchems Werke - Tewje der Milchiger un andere Erzählungen". 
Quelle: Wikipedia-Artikel zu Scholem Alejchem
  
Artikel im "Israelitischen Familienblatt" vom 28. Juli 1910: "Ein 'Feuerbuch' Zugunsten der von der Feuersbrunst heimgesuchten jüdischen Bevölkerung in Russland soll demnächst erscheinen. Der bekannte Jargon-Schriftsteller Scholem- Aleichem (S. Rabbinowitz), der gegenwärtig in Badenweiler (Schwarzwald) zur Kur weilt, erläßt im 'Heed Hasman" einen Aufruf an die jüdischen Schriftsteller, Journalisten, Zeichner und Komponisten Russlands, in dem er folgende Aktion anregt: Es soll eine Sammelschrift in hebräischer, jüdischer und russischer Sprache mit Bilderschmuck und musikalischen Beiträgen herausgegeben werden, deren Ertrag zum Besten der von der Feuersbrunst heimgesuchten jüdischen Bevölkerung im Ansiedlungsrayon verwendet werden soll. Sämtliche literarischen, zeichnerischen und musikalischen Beiträge sollen unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden, desgleichen sollen jüdische Papierhändler das Papier umsonst liefern, und auch der Satz und Druck sowie die Buchbinderarbeiten usw. sollen ohne jedes Entgelt besorgt werden, so dass die Herstellung des 'Feuerbuches" — diesen Namen schlägt Scholem-Aleichem für das geplante Sammelwerk vor — völlig kostenlos erfolgen würde. Auf diesen Aufruf hin haben sich bereits die Hand- und Maschinensetzer des 'Heed Hasman" bereit erklärt, zehn Bogen des geplanten Feuerbuchs unentgeltlich zu setzen."  
 
Badenweiler Israelit 16061911.jpg (42092 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Juni 1911: "Russland. Der in Badenweiler (Schwarzwald) zur Kur weilende bekannte jüdische Dichter Scholem-Aleichem (S. Rabbinowitz) erhielt ein Schreiben von dem russischen Schriftsteller Alexander Amphitheatrow, worin dieser ihm mitteilte, dass die angesehensten russischen Schriftsteller beabsichtigen, eine gemeinschaftliche energische Protestkundgebung gegen die Ritualmordhetze in der russischen Presse zu veröffentlichen."
 
Artikel in der "Jüdischen Rundschau" vom 16. Juni 1916 (nur zwei kurze Abschnitte werden aus dem Bericht mitgeteilt): "Schalom Alejchem der Zionist
Schalom Alejchem, dessen 'Schloschim' (2. Trauerperiode bis 30 Tage nach dem Tod) die jüdische Presse Polens in diesen Tagen feierlich begeht, war Zeit seines Lebens ein treuer Anhänger und Verkünder der zionistischen Idee. Seinen persönlichen und schriftstellerischen Beziehungen zum Zionismus widmet Jizchak Nissenbaum in der 'Hazefira' vom 18. Mai (Nr. 111) einen besonderen Aufsatz...
...
Schalom Alejchem beteiligte sich auch an einigen Zionistenkongressen als Delegierter. Auf dem achten Kongress im Haag war er amerikanischer Delegierter. Zur Zeit des zehnten Kongresses in Basel lag Schalom Alejchem krank in dem benachbarten Badenweiler. Trotzdem die Ärzte ihm Ruhe verordnet hatten, fuhr er fast täglich nach Basel, saß dort einige Stunden im Kongress-Saal und interessierte sich für alle Fragen, die auf der Tagesordnung standen."   
Anmerkungen: - Jizchak (Isaak) Nissenbaum (1868 - ermordet 1942): führende Persönlichkeit der religiös-zionistischen Bewegung https://mizrachi.org/biography/rav-isacc-nissenbaum-1868-1942/  
-  Hazefira siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Ha-Zefira 
- Der achte Zionistenkongress war vom 14.-21. August 1907 in Den Haag
- Der zehnte Zionistenkongress war vom 5.-11 August 1911 in Basel

    
Der Bruchsaler Rabbiner Dr. M. Doctor beschäftigt sich mit dem Werk E. M. Liliens (1905)           

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 10. Februar 1905: "E. M. Lilien: Sein Werk*.  Von Dr. M. Doctor-Brnchsal.
*Verlegt bei Schuster und Löffler. Berlin und Leipzig 1903.

'Mag man die soziale Seite des Zionismus, wie immer auch betrachten, mit dem merkwürdigen Lächeln gegenüber der Utopie oder dem schöpferischen Eifer der Begeisterten — zugestehen muss man, dass er schlafende, künstlerische Werte geweckt hat. Neue kulturelle und nationale Probleme sind aus seiner Gestaltung aufgeleuchtet, die Ideen jüdischer Kunst und nationaler Kultur, die selbst noch Traum und Möglichkeit sind, ein wegloser, urwaldwirrer Pfad von verführerischer grandioser Schönheit. Und Lilien ist der erste, der ihn gegangen. Einer der ersten war er auch, die den zionistischen Ideen unterlagen, denn ihn musste man nicht das Judentum lehren, sondern den bewussten Stolz.'
Diese Gedanken entwickelt Stefan Zweig in seiner geistreichen Vorrede zu Liliens 'Werk', dem der Verlag eine hervorragende Ausstattung gegeben.
Die Frage, ob es nicht ein wenig früh gewesen ist, schon jetzt von dem 'Werke' Liliens zu sprechen, wollen wir nur streifen. Lilien ist noch ein Werdender und das Werk eines Werdenden wird erst dann Anspruch auf vollgültige Beachtung und Bewertung erheben können, wenn es eine verheißungsvolle Einleitung zu einer 'Tat' ist. Lilien hat nun die moralische Verpflichtung zu halten, was sein Werk verspricht, nur dann wird es als berechtigte zusammenfassende Äußerung eines künstlerischen Könnens angesehen werden dürfen und nicht allein als der Ausdruck eines — wenn auch begreiflichen — Wunsches seiner Freunde, einem der Ihrigen die allgemeine Aufmerksamkeit zuzulenken, nachdem er einem kleineren Kreise ein hochgeschätzter Bekannter geworden ist.
Also, als Anweisung für die Zukunft kann man sein     
Bruchsal AZJ 10021905a.jpg (343761 Byte)'Werk' gelten lassen, denn es ist noch kein monumentales Denkmal einer reifen, abgeschlossenen Persönlichkeit, sondern enthält — neben kleinen und kleinsten Arbeiten, die alle sorgsam ausgenommen sind — vorerst nur eine 'Reihe geistreicher, poetischer Blätter, delikat gezeichneter, witziger Einfälle, feingeschliffener Bijous von entzückendem Charme'. Sie zeigen aber alle die bewunderungswürdige Feinheit der Linie.
Die Kunst der Kontraste und — was charakteristisch für Lilien ist — eine herrliche Schönheit des Körpers unter konsequenter Verleugnung der Sinnlichkeit.
Das sind die unleugbaren, großen Vorzüge seiner Kunst, die ihn zu einem anerkannten Meister der Illustration und vor allem der 'Ex libris' Zeichnung gemacht haben. Was er auf diesem Gebiete geschaffen, gehört zum besten der neuen Kunst; die hebräischen 'Ex libris' sind Kabinettsstückchen. Was uns dabei Lilien interessant und wert macht, das ist, dass er als erster 'Jüdisches' künstlerisch gestaltet, dass er Uraltes schöpferisch verjüngt, Unbeachtetes und Ungeahntes, Jahrtausende lang Schlummerndes zu neuem, blühenden Leben erweckt.
Die alten Majuskeln, Geräte, Wahrzeichen und Symbole einer großen Vergangenheit lässt er in moderner Umbildung erstehen, das Nationale in ornamentaler Verwertung wirken. Er hat für dies alles eine persönliche Note gefunden, die uns ungewöhnlich sympathisch berührt. Er zeichnet Juden weder leis karikiert noch sacht idealisiert wie biblische Patriarchen in hellenischer Gewandung, sondern so wie sie ein jüdischer Künstler mit dem Auge und dem Herzen seines Volkes erblicken und mit seiner von der Liebe geführten Hand zeichnen muss.
Wenn man manche seiner Zeichnungen sieht, wie das Gedenkblatt zum fünften Zionistenkongress, den jüdischen Mai, Ellulmelodien und vor allem Passah und das Gedenkblatt für die Toten von Kischinew, so muss man rückhaltlos — abgesehen von der genialen Wirkung bei einfachsten Mitteln — eingestehen: so hat man sich diese Darstellungen gedacht, so sind sie nicht bloß ein ergreifender Ausdruck, sondern auch eine hochpoetische und doch künstlerisch wahre Gestaltung von Gedanken, die unserem Herzen entstammen.
Hier liegt die Stärke und die Originalität seines Talentes, hier fließt der Quell seiner Begabung am reinsten und mächtigsten, sodass er uns gewähren kann, was wir brauchen, wonach wir uns sehnen und was einen neuen Pfad uns eröffnen kann — zur Belebung der Religiosität auch durch die Kunst.
Das wäre eine neue Renaissance.
Was wir in der Religion an bildender Kunst aufzuweisen haben, ist mehr als bescheiden. Einen Einfluss hat sie nie ausüben können. Lag das allein an dem 'Kunstparagraphen' in unserem Ritualkodex, dem § 141 des Schulchan Aruch, Jore dea?
Wer hat den eigentlich 'abrogiert', wie man in der Sturm- und Drangperiode zu sagen pflegte? Was macht die konsequente Orthodoxie mit ihm? Oder liegt er jenseits der '110 Paragraphen"? Sollte er auch schon bei unseren östlichen Brüdern in milderer Praxis gehandhabt werden?
Zweig hat Recht, wenn er sagt: 'In Liliens Hand hat sich für viele zum ersten Male die Flamme der Kraft entzündet. Die Kongresskarte, die fern im tiefsten Russland einer empfängt und staunend im Dorfe umherzeigt, ist der erste Strahl künstlerischer Kultur, die ihnen von allem Anbeginn in die Augen geleuchtet."
Die Kunst hat im Judentum der Gegenwart auch eine Mission und es ist eine verlockende Perspektive, sie in den Dienst unserer Religion gestellt zu wissen.
Lilien müsste die Bibel illustrieren! Das müsste er als 'sein Werk' betrachten. Hat schon ein Jude das jüdischeste Buch illustriert?
Typisch müsste die Illustration sein, nicht wie früher gleichsam interkonfessionell, so dass man sie für jede Übersetzung verwenden könnte. Und dazu gehörte dann auch eine Übersetzung, die auch ein Kunstwerk sein müsste, in der Form auch den ästhetischen Genuss bietend, den der Urtext dem Kenner bereitet.
Und wenn dann der Ewigkeitsgehalt der Bibel, in das Gewand künstlerischen Wortes und Bildes gekleidet, neu erstände, würde nicht das Auge gefesselt und das Herz ergriffen werden? 
Aber vorerst will Lilien die 'Hagada" künstlerisch gestalten. Das ist ein glücklicher, fruchtbarer Gedanke, in dem Lilien nachhaltigst bestärkt werden muss.
Das Buch aber müsste 'bis in seine innerste Seele Einheit sein mit seiner Gestaltung, sodass jede Kostbarkeit abstrakter Schönheit sich mit einer Linie vermählen müsste, die ihren vergeistigten Wert erfüllte.'
Bei aller Rücksichtnahme und Schonung des Haggadatextes müsste aber auch an eine Umarbeitung gedacht werden, die auch dem talmudisch ungeschälten Leser die Ideen der Haggada in modernem Gewande zugänglich machte; der Gehalt der uralten Goldbarren müsste in moderne Münze umgeprägt werden, damit sie gangbar würde.
Damit würde der Dank gar vieler erworben werden. Möge Lilien diese Sehnsucht erfüllen. Er kann es. Dann wird, was jetzt noch Hoffnung ist, Wirklichkeit werden."    

 
Zum Tod des Malers und Radierers Ephraim Moses Lilien in Badenweiler (1925)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juli 1925: "Badenweiler, 20. Juli (1925). Der hier zur Kur weilende bekannte Maler und Radierer E. M. Lilien ist am 18. Juli gestorben. Er hat ein Alter von nur 51 Jahren erreicht. Lilien, der aus Galizien stammt, war ganz Autodidakt und hat sich hauptsächlich als Illustrator betätigt. Bekannt sind seine Zeichnungen zu Rosenfelds Liedern und zum Balladenbuch 'Juda' des Freiherrn von Münchhausen. Zuletzt widmete sich Lilien der Illustration eines Bibelwerkes und verbrachte als Vorbereitung hierfür längere Zeit in Palästina".  
Anmerkung: der Künstler Ephraim Moses Lilien ist 1874 in Drohobycz in Galizien geboren und am 1925 in Badenweiler verstorben. Bekannt sind seine grafischen Arbeiten im Jugendstil.  vgl. Wikipedia-Artikel zu E.M. Lilien   
 
Anzeige in der "Frankfurter Zeitung" vom 19. Juli 1925: "Heute morgen entschlief nach langem Leiden in Badenweiler mein geliebter Mann, unser lieber Vater,
der Kunstmaler E. M. Lilien
Braunschweig, den 18. Juli 1925. Wolfenbüttelerstraße 3.
Helene Lilien geb. Magnus   Otto Lilien    Hannah Lilien   

Beerdigung: Mittwoch 12 Uhr von der Kapelle des neuen Israelitischen Friedhofes."  
 
Der Nachruf in der "Frankfurter Zeitung" vom 21. Juli 1925 wurde von Liliens langjährigem Freund René Schickele geschrieben: 
Artikel in der "Frankfurter Zeitung" vom 21. Juli 1925: "E. M. Lilien.
E. M. Lilien, der jetzt zu Braunschweig im Ehrengrab ruht, gehörte zu den allerersten Freunden, die ich in Berlin fand, als ich, von der Straßburger Universität durchbrennend, in ahnungsloser Unschuld dort mein Dichterglück versuchte. Ich lernte ihn durch Jakob Hegner, den famosen Hellerauer Buchdrucker, kennen, and bald sah ich mich in Liliens Atelier von jungen, feurigen Zionisten umringt, die abends, ohne ihre Diskussion zu unterbrechen, vom Kreuzberg zu Fuß nach dem Café Bauer Unter den Linden aufbrachen, wo Schach gespielt und in zahllosen Zeitungen und Zeitschriften gelustwandelt wurde. Und das sind jetzt zweiundzwanzig Jahre her!
Lilien war zehn Jahre älter als ich, aber er schien es nicht zu bemerken — er bemerkte es nie. Auch seine Freunde und all die Dichter und Künstler, denen er mich zuführte, behandelten mich als Gleichaltrigen, was mir übrigens als die Selbstverständlichkeit selbst erschien. So habe ich ein Jahrzehnt als verschwiegener Benjamin in jenem Kreise gelebt. Lilien arbeitete für die Münchner 'Jugend', damals in ihrer Glanzzeit und hatte das Balladenbuch 'Juda" des Freiherrn von Münchhausen ausgestattet, träumte aber von nichts anderem, als die Bibel zu illustrieren. 'Das wird mein Lebenswerk", sagte er, und das ist es auch geworden. Bis zuletzt hat er daran gearbeitet, sechzehn Jahve lang. Daneben radierte er zahlreiche jüdische Szenen und Landschaften aus dem Osten, Palästina, Konstantinopel.
Wiederholt taucht in dem graphischen Werk ein prächtiger Prophetenkopf auf. Das war sein Vater, Schuster in Drohobycz, ein großer breitschultriger Greis von königlicher Haltung, ein Mann voll wahrer Weisheit und Weltüberlegenheit. Schmal und klein, fast zierlich stand der Welteroberer von Sohn damals neben ihm — in seiner Art ein Prinz, ein Prinz aus dem Reich Else Lasker-Schülers, doch in der seltsamen Art der westlichen Bleichgesichter durchaus bewandert. Und dann heiratete er, und dann kam der Krieg, und als ich ihn endlich, vor acht Wochen, hier in Badenweiler wiedersah, erkannte ich den blassen gebeugten Mann erst nicht, der, auf einen Stock gestützt, in mein Zimmer trat. Er hatte vorigen Herbst infolge Überarbeitung — und wohl auch, wie man das jetzt oft beobachten kann, als späte Rache der scheinbar wohl überstandenen Kriegsjahre - einen Zusammenbruch erlitten: das von Kindheit an durch Kampf und Entbehrung gequälte Herz hatte den Dienst gekündigt. Einer der besten Ärzte Deutschlands nahm sich seiner freundschaftlichst an, und nach monatelanger Pflege schien Lilien soweit hergestellt, dass er hierher geschickt wurde, um sich vollends zu erholen.
Er erholte sich auch, wir waren erstaunt, zu sehen, wie seine Kräfte in Wahrheit 'täglich' zunahmen, ein Strahlen von Lebenslust, der alten, nun köstlich verjüngten Heiterkeit wob sich um den kleinen, klugen Kopf, und wieder hatte die Hand, wie sie den Stock hob, etwas anmutig Kühnes, Befehlerisches, sein ganzes Wesen erging sich in jener Art stiller Liebeswerbung um Menschen und Dinge, die sein natürlicher, ewig kindlicher, sein ganz großer Charme waren. Nach solch einem Sonnentag, wie seit Wochen hier auf der Höhe, am Rand des Hochwalds einer dem anderen folgt, nach einem langen, still und heiter empfundenen Abend voll Blumen und Musik starb er, im Schlaf, den Kopf auf dem Arm, wie er zu schlafen gewohnt war.
Unter Blumen, die er hier nach zuviel Streit und Mühe 'wiederentdeckt' hatte, fuhr der Sarg zu den Seinen nach Braunschweig, in das er sich mit feiner ganzen fleißigen Liebe eingesponnen hatte, und wo er darum zu recht ruht.
Badenweiler, 22. Juli 1925   René Schickele."  

        
Stammgast Salomon Heimann aus Frankfurt feiert seinen 80. Geburtstag in Badenweiler (1927)  

Badenweiler Israelit 23061927.jpg (53230 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Juni 1927: "Badenweiler (südlicher badischer Schwarzwald), 20. Juni (1927). Herr Salomon Heimann von Frankfurt am Main, zurzeit im Hotel Bellevue in Badenweiler, feierte am 21. Juni seinen 80. Geburtstag in körperlicher und geistiger Frische. Schon in seinen Kinderjahren kam er in seinen Ferien nach Badenweiler und daher ließ es sich die Kurverwaltung nicht entgehen, den Jubilar als alten Stammgast des hiesigen Kurortes besonders zu ehren. 
Mögen ihm noch viele gesunde und glückliche Jahre beschieden sein."

      
Zum Tod von Albert Ellern aus Nürnberg  (1930 in Badenweiler)   
Anmerkung: zur Person siehe auf der Seite zur Israelitischen Religionsgemeinde Adas Jisroel Nürnberg - Bericht zum Tod von Albert Ellern     

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Juni 1930: "Heute verschied nach schwerer Krankheit in Badenweiler, wo er Heilung suchte, unser lieber treubesorgter Hatte und Vater, unser treuer Schwager und Onkel 
 Herr Albert Ellern 
im 70. Lebensjahr.  Nürnberg, den 7. Juni 1930. 
 Für die tieftrauernd Hinterbliebenen:  Johanna Eltern geb. Falk   Recha Ellern   Heinrich Ellern   Eugen Ellern.  
Die Beerdigung hat Monat nachmittags 5 Uhr in Nürnberg stattgefunden".   

   
Zum Tod von Rabbiner Dr. Hermann Kroner (1930 in Badenweiler)  

Artikel in der "Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 16. August 1930: "Bezirksrabbiner Dr. Hermann Kroner
Die Lehrer in Israel sagen: Der Tod eines Frommen ist ein Verlust für die Menschheit, die um seine Frömmigkeit und Herzensgute ärmer geworden ist. Dieses feinsinnige Wort alter Weisheit gilt buchstäblich für das Hinscheiden des Bezirksrabbiners Dr. Hermann Kroner, der am Mittwoch, den 30. Juli, in Badenweiler, wo er seinen Urlaub verlebte, unerwartet plötzlich verstorben ist. 'Wer den tiefbescheidenen, herzensguten und charaktervollen Mann kannte, wird ermessen, was sein Tod für den Kreis der Seinigen, für seine Gemeinde Oberdorf - Bopfingen und für die Gesamtheit des Judentums bedeutet. Mit ihm ist ein grundgütiger Mensch, ein ausgezeichneter Theologe und ein Gelehrter von Ruf aus dem Leben geschieden. Vor allem aber hat die württembergische Judenheit mit ihm einen ihrer besten Söhne verloren.
Hermann Kroner wurde am 21. März 1870 in Münster i.W. geboren, wo damals sein Vater, der spätere Stuttgarter Oberkirchenrat Dr. Theodor Kroner, als Leiter der Lehrerbildungsanstalt und als Rabbiner der dortigen Gemeinde wirkte. Die überaus sorgfältige Erziehung, die sein edler Vater selbst leitete, war dazu angetan, die reichen Gaben des Knaben zu entfalten, der sich frühzeitig für das Studium der jüdischen Theologie entschloss. Auf den Abschluss der Gymnasialzeit folgten Studienjahre in Breslau, wo er Schüler des Rabbinerseminars war, in Heidelberg und Marburg und der Abschluss seiner theologischen Studien durch die beiden Dienstprüfungen. Seine erste Amtstätigkeit war die eines Rabbinatsverwesers in Göppingen, wo er vom 10. August 1895 bis zum 15. Januar 1897 vorbildlich wirkte. Von dort kam er als Nachfolger des nach Ulm berufenen Rabbiners Jesajas Straßburger als Verweser nach Oberdorf - Bopfingen, wo er am 26. Oktober 1899 zum Bezirksrabbiner ernannt wurde. Er hat hier bis zu seinem Tode, also über 33 Jahre, eine umfassende Tätigkeit als Rabbiner, Prediger, Lehrer und Seelsorger entfaltet und an allen edlen Bestrebungen in seinem Bezirke ernsten Anteil genommen.
Darüber hinaus aber hat er sich durch seine ausgezeichneten Ausgaben und Bearbeitungen der medizinischen Schriften des Maimonides einen Weltruf erworben. Maimonides war bis dahin als der gewaltigste Denker und als der tiefgründigste Theologe des Judentums allgemein anerkannt. Dass er als Mediziner eine bedeutende Rolle am Hofe des Sultans Saladin und des Alfadhi gespielt, stand geschichtlich fest. Seine medizinischen Werke aber waren nur zum kleinsten Teil und dazu noch zumeist ganz unzureichend veröffentlicht oder lagen als ungehobene Schätze in den Handschriftensammlungen der großen Bibliotheken. Da war es das unsterbliche Verdienst Kroners, in selbstloser, hingebungsvoller Arbeit diese schwer zugänglichen hebräischen und arabischen Schätze kritisch zu bearbeiten und mustergültig zu übersetzen. Was diese umfangreiche Arbeit für die Wissenschaft bedeutet hat. das hat noch vor kurzem Dr. Max Meyerhof in Kairo in einer kritischen Würdigung 'L'oeuvre medicale de Maimonide' begeistert ausgesprochen. Er hat hier Kroners unvergängliches Verdienst um die Weltwissenschaft gewürdigt und festgestellt, dass erst durch Kroner die Bedeutung des Maimonides für die Geschichte der Medizin erschlossen worden ist. Der unermüdliche Gelehrte hatte noch eben eine umfangreiche Schrift seines Meisters über die Gifte und deren Heilung zum Drucke fertig gestellt und freute sich auf das Erscheinen dieses Werkes. Der rastlose Arbeiter fasste aber schon neue weitere Pläne auf Grund bedeutsamer Funde und Forschungen. Maimonides' Buch über das Asthma sollte von ihm kritisch bearbeitet erscheinen. Nun hat ihn der Tod aus allen diesem Plänen und aus einer überaus segensreichen Wirksamkeit jäh herausgerissen. Er hatte noch seinen 60. Geburtstag unter der Anteilnahme der gesamten jüdischen und der Ortsgemeinde gefeiert. Noch in den ersten Julitagen des Jahres hatte er die beglückende Genugtuung, dass bei der Inspektion des israelitischen Religionsunterricht in Oberdorf - Bopfingen festgestellt werden durfte, dass der von ihm erteilte Unterricht die volle Anerkennung der Behörde verdiente. Nichts ahnend von dem Ernst seiner Erkrankung, war er lebensfroh mit der Gattin nach Badenweiler gereist. Briefe an Verwandte und Freunde berichteten, wie wohl er sich hier fühlte. Um so furchtbarer wirkte die Schreckenskunde, dass er kampflos, gerade ein halbes Jahr nach dem Hinscheiden seiner Zwillingsschwester, plötzlich verstorben.
Die Bestattung des trefflichen Mannes am Freitag, den 1. August, legte beredtes Zeugnis von der ungeteilten Wertschätzung ab, deren sich der Verstorbene zu erfreuen gehabt hat. Seine sterblichen Reste waren von Badenweiler nach Oberdorf überführt und hier in der feierlich dekorierten Synagoge aufbewahrt worden. Gegen 1 Uhr Mittag sammelten sich hier im Gotteshause alle, die dem Verklärten im Leben nahe gestanden. Stadtrabbiner Dr. Rieger, ein Studienfreund Kroners, hatte die Aufgabe vom Israelitischen Oberrat übertragen erhalten, die Abschiedsfeier zu leiten. Nach einem Psalmenvortrage des Stuttgarter Oberkantors Leo Adler hielt er die Gedächtnisrede, in der er ein lebensvolles und tief empfundenes Bild des Verewigten und seiner Wirksamkeit zeichnete und so der Gemeinde noch einmal zum Bewusstsein brachte, was ein jeder in ihrer Mitte mit dem Toten verloren. Nach den Gedächtnisgebeten, die ebenfalls Oberkantor Adler vortrug, wurde der Sarg zum Friedhof geleitet. Hier sprach nach dem einleitenden Gebete des Oberlehrers Erlebacher nochmals Stadtrabbiner Dr. Rieger. Er schilderte den Verstorbenen als einen Priester echter Liebe und mahnte die Gemeinde, sich das Idealbild ihres Führers stets lebendig vor Augen zu halten. Die lange Reihe der Nachrufe eröffnete Ministerialrat Dr. Hirsch, der als Präsident des Israelitischen Oberrats Kroners Verdienste um die Judenheit Württembergs würdigte. Nach ihm rief der älteste Sohn des Verstorbenen tief empfundene Worte des Dankes dem Vater nach. Oberlehrer Erlebacher sprach dann in seinem Namen, im Namen des Vorsteheramtes und der wohltätigen Vereine Oberdorfs den Herzensdank der Gemeinde aus. Rabbiner Dr. Tänzer sprach im Namen der Gemeinde Göppingen und des 'Württembergischen Rabbinervereins', Oberlehrer Uhlmann für die Filialgemeinde Gmünd, Lehrer Silbermann für die Gemeinde Ellwangen, Herr Levi für die Gemeinde Ellwangen. Oberrechnungsrat Meyer für die Stuttgarter Gemeinde, der Vertreter des beurlaubten Schultheißen für die Ortsgemeinde, ein weiterer Redner für den Diakonissenverein, dessen 2. Vor-   
Oberdorf GemZeitung Wue 16081930a.jpg (62837 Byte)sitzender der Verstorbene gewesen. Besonders ergreifend war es, als in schönen Worten ein greiser protestantischer Pfarrer im Namen der evangelischen Ortsgemeinde 'dem Manne des Friedens den ewigen Frieden' wünschte. Dann fielen die Schollen langsam auf den Sarg, Unter den Gebeten der Kinder und der Gemeinde wurde noch einmal des Verstorbenen gedacht. Dann verließ die Trauergemeinde den Friedhof in dem schmerzlichen Bewusstsein, einen der besten Menschen zur ewigen Ruhe gebettet zu haben. 
Im Trauerhause hielt Rabbiner Dr. Kahn - Mergentheim an die dort versammelten Leidtragenden und Freunde des Hauses in Auslegung eines alten Weisheitsspruches eine Trostrede, bei der er noch einmal an die vorbildlichen Eigenschaften des Verstorbenen erinnerte.
Unsere Alten sagen: Wer sich in den sechs Werktagen ehrlich arbeitend betätigt hat, darf am Sabbattage ruhen. Hermann Kroner ist ein redlicher Arbeiter bis zu seinem Hinscheiden gewesen. Er hat sich ein Anrecht auf den ewigen Sabbat durch sein Leben und Wirken erworben. Das Andenken des Gerechten wirkt fort zum Segen!"  

 
Zum Tod von Isidor Kochmann aus Ulm (1933 in Badenweiler) 

Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs" vom 1. August 1933: "Ulm. In Badenweiler, wo er Erholung suchte, starb plötzlich Isidor Kochmann, der als Inhaber des hiesigen gleichnamigen Herrenkonfektionshauses in weiten Kreisen der Bevölkerung bestens bekannt war. Kochmann, der an allen jüdischen Fragen stets regstes Interesse nahm und für die Armen immer eine offene Hand hatte, stand im 55. Lebensjahre. Ein ehrendes Andenken wird ihm überall bewahrt bleiben." 

  
Zum Tod von Ludwig Silberstein aus Schweinfurt in Badenweiler (1937)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Schild" (Zeitschrift des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten e.V.) vom 15. Oktober 1937: "Schweinfurt. Am 24. September 1937 wurde unter großer Beteiligung aller Kreise der erst im 55. Lebensjahre stehende Kamerad Ludwig Silberstein beerdigt. In Badenweiler, wo er Erholung suchte, ereilte ihn ganz unerwartet der Tod. Die anlässlich der Beerdigung gehaltenen Ansprachen zeigten deutlich, welcher Wertschätzung sich der Verstorbene allseits erfreute.
Kamerad Silberstein ist als einfacher Mann in den Weltkrieg hinausgezogen und kam, in Anerkennung seiner Tapferkeit vor dem Feinde, mit hohen Orden ausgezeichnet, als Offizier zurück. Er war lange Jahre erster Vorsitzender der Ortsgruppe Schweinfurt und hat in Anerkennung seiner Verdienste im Jahre 1935 die silberne Ehrennadel des Bundes verliehen bekommen.
Für die Ortsgruppe Schweinfurt und den Landesverband sprach der gegenwärtige erste Vorsitzende Kamerad Michael Lehmann tief empfundene Worte. Er dankte noch einmal dem heimgegangenen Kameraden für alles, was er den Kameraden gewesen ist und versprach, dass in deren Herzen die Erinnerung an den Heimgegangenen nie verlöschen wird." 

    
    
Weitere jüdische Persönlichkeiten in Badenweiler  
Über den Arzt Prof. Dr. Albert Fränkel (1864-1938, der "König von Badenweiler")     

Fraenkel Fam 01.jpg (43512 Byte)(Fotografie von 1898 der Familie Fraenkel aus dem Beitrag von Jörg Schadt s.Lit. S. 19):  Albert Fraenkel ist 1864 als Sohn des Weinhändlers Jakob Fraenkel (1836-1905) und seiner Ehefrau Emilie geb. Deutsch in Mussbach geboren. Er besuchte die Schule in Neustadt und absolvierte danach das Gymnasium in Landau (Abitur 1883); Studium der Medizin in München und Straßburg. An Tuberkulose erkrankt, ließ er sich 1890 in Badenweiler als Arzt nieder, weil er sich dort eine Besserung erhoffte. Fraenkel wurde in Badenweiler leitender Arzt der "Villa Hedwig" und seit 1903 der "Villa Paul". Seit 1893 Aufnahme von Forschungen am Pharmakologischen Institut in Heidelberg. 1896 Übertritt in die evangelische Kirche und Heirat mit Erna geb. Thorade aus Oldenburg (zwei Töchter). 1901 betreut Fraenkel den jungen Karl Jaspers (s.u.). 1906 berichtet Fraenkel auf dem 23. Internistenkongress in München über seine mit C.H. Boehringer in Mannheim entwickelte Strophanthintherapie, die sich als bahnbrechend erweist. 1909 betreut er Hermann Hesse in Badenweiler (Beginn einer lebenslangen Freundschaft). Im Ersten Weltkrieg war er leitender Arzt eines Beobachtungslazaretts und beratender Internist des XIV. Armeekorps. 1920 wird Fraenkel Ehrenbürger von Badenweiler; 1928 ordentlicher Honorarprofessor der medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg. 1933 auf Grund seiner jüdischen Herkunft "beurlaubt"; die Lehrbefugnis wurde entzogen. Am 22. Dezember 1938 stirbt Fraenkel in Heidelberg.  
  
Badenweiler Dok 1891.jpg (134325 Byte)Links: Dokument von 1891: Eintragungen in die Gewerbeliste der Gemeinde Badenweiler im Jahr 1891, mit Anzeige vom  11. Mai 1891: 
"Dr. Albrecht Fraenkel, Staatsangehörigkeit: Bayern,  prakt. Arzt"
Kopie des Dokumentes erhalten von Rolf Langendörfer, Badenweiler."  
 
Dr. Fränkel betreute zeitweise auch Karl Jaspers, den späteren Philosophen, der in einem Brief vom 1. Juni 1934 (zum 70. Geburtstag von Albert Fraenkel am 3. Juni) dem Arzt mit folgenden Worten dankt: "Neulich in Badenweiler, als ich überall mich so anschaulich in den Sommer 1901 zurückversetzte, war mir wieder ganz gegenwärtig, wie sehr Sie mich gelehrt haben, gesund zu sein, wenn man krank ist... In täglichen Unterhaltungen mit Ihnen, durch Wochen hindurch in Villa Hedwig, kamen alle die Wendungen vor, die sich dann bei mir philosophisch befestigten."
Quelle: https://www.literaturmuseum-tschechow-salon.de/de/schriftsteller/karl-jaspers.html.  

   
90. Geburtstag von Salomon Heimann (1937, wurde vor einigen Jahren vom Großherzog im Schloss Badenweiler empfangen)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Schild" (Zeitschrift des "Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten e.V.) vom 18. Juni 1937: "Ein Veteran 90 Jahre.
Frankfurt a. M
. Am 21. Juni 1937 kann unser Kamerad Salomon Heimann 90. Geburtstag begehen. Er ist Altveteran des Krieges 1870/71 und Inhaber der Badischen und Preußischen Kriegsmedaille. der Centenarmedaille und der Medaille für 12jährigen Dienst.
Der Jubilar ist geborener Badenser, stammt aus Müllheim i. B., und wurde vor einigen Jahren vom ehemaligen Großherzog von Baden im Schloss Badenweiler empfangen. Seinem 90. Geburtstag geht er in voller Frische entgegen. Wir wünschen Kamerad Salomon von Herzen einen gesegneten Lebensabend." 

   
   
Nach 1945 
Ein Toraschrein-Vorhang findet sich in einem Antiquariat in Badenweiler (1978)    

Artikel im "Mitteilungsblatt des 'Irgun Olej Merkas Europa'" vom : "THORASCHREIN-VORHANG. Eine Leserin des 'Mitteilungsblattes' teilt uns mit: Bei einem kürzlichen Besuch in Badenweiler in der Bundesrepublik Deutschland habe sie im Schaufenster des Antiquitätengeschäfts Bruno Knirsch, Luisenstr. 11, (7847) Badenweiler, das Photo eines Thoraschrein-Vorhangs gesehen, aus dem abzulesen ist, dass der Vorhang von der Familie Bella Juta ZESSLER aus Lemberg zum Andenken an Zwi Selig Zessler s.A. gestiftet worden war.
Sofern Nachkommen oder Angehörige der Familie Zessler am Leben blieben und am Schicksal des Vorhangs interessiert sind, sollten sie sich mit Herrn Knirsch an der oben genannten Adresse in Verbindung setzen. Er erklärte unserer Informantin, der Vorhang befinde sich in seiner Wohnung, er habe ihn für einige tausend Mark rechtmäßig erworben. Doch sind in diesem Falle Zweifel wohl angebracht. Jüdische Zentralinstanzen in der Bundesrepublik sollten sich in jedem Falle der Sache anneh­men."   

   
    
    
Fotos    

  Fotos und Abbildungen werden bei Gelegenheit ergänzt.
Über Zusendungen freut sich der Webmaster, Adresse siehe Eingangsseite.
 
       
      

   
   
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   

Mai/Juli 2008: In Badenweiler werden "Stolpersteine" verlegt  
Artikel in der "Badischen Zeitung" vom 29. Mai 2008: "Stolpersteine erinnern. Ausstellung im Rathaus Badenweiler wird heute eröffnet
BADENWEILER (BZ). In Badenweiler werden durch den Kölner Künstler Gunter Demnig am 22. Juli im öffentlichen Straßenraum an drei verschiedenen Standorten acht Stolpersteine verlegt. Mit diesen soll die Erinnerung an Angehörige der Familie Levi Mager und die drei Schwestern der Familie Monasch wach gehalten werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden und vor ihrer Vertreibung und Deportation in Badenweiler wohnten. Jeder Stein wird einen Paten haben. Die Verlegung der Stolpersteine in Badenweiler wird vorbereitet und betreut von Schülerinnen und Schülern der Projektgruppe "Stolpersteine in Badenweiler" aus der 9. Klasse der René-Schickele Schule unter Leitung der Lehrerin Inge Rosenkranz. 
Die Schülergruppe wird das Projekt in einer öffentlichen Veranstaltung heute, Donnerstag, um 19 Uhr im Rathaus Badenweiler vorstellen. Die Ausstellung wird dann im Eingangsbereich des Rathauses bis zur Verlegung der Stolpersteine öffentlich zugänglich sein." 
Link zum Artikel: Stolpersteine erinnern (veröffentlicht am Do, 29. Mai 2008 auf badische-zeitung.de)    
Artikel von Bernd Michaelis in der "Badischen Zeitung" vom 23. Juli 2008: "'Sie haben wieder einen Namen'. Gunter Demnig verlegt in Badenweiler acht Stolpersteine.  .Gunter Demnig verlegt in Badenweiler acht Stolpersteine
BADENWEILER. 'Die Menschen, denen die Nazis Nummern in den Arm brannten und sie damit dem Vergessen preisgeben wollten, haben nun wieder einen Namen.' Michel Bauer, ein französischer Nachfahre der früheren Badenweiler Hoteliersfamilie Jules und Celine Levi Mager, sagte dies gestern bei der Verlegung von acht 'Stolpersteinen' durch den Kölner Bildhauer Gunter Demnig in Badenweiler. Diese Mahnmale erinnern an das Schicksal von Menschen, die von den Nazis deportiert und ermordet wurden. 'Über diese Steine soll man mit dem Kopf und mit dem Herzen stolpern', sagte der Künstler am Ende der Aktion, die ihren Ausgang in der Luisenstraße 7 nahm, wo nun der 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen verstorbenen Emma Kübler gedacht wird. 'Ich will die Namen zurückbringen. Denn nach über 60 Jahren ist vieles vergessen', so der Künstler.
'Du schlägst ein Buch auf und liest, dass die Nazis über sechs Millionen Juden umgebracht haben', sagte Gunter Demnig. 'Obwohl ich nun seit 1996 schon über 15 500 Stolpersteine gesetzt habe, ist das für mich immer noch nur eine abstrakte Größe', bekannte er. Erst wenn man, wie es die Hauptschüler der René-Schickele-Schule Badenweiler getan haben, der Lebensgeschichte einzelner Opfer nachgeht, werde die Brutalität der Nazi-Herrschaft fassbar.
Lehrerin Inge Rosenkranz begleitete die Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse bei dieser wichtigen Aufgabe, die sie außerhalb des Schulunterrichts erfüllten. Sie dankte Gunter Demnig für seine wirkungsvolle Idee. Die Stolpersteine seien keine Schlusssteine, sagte sie, sondern Anstoß, die Familienschicksale der Opfer weiter zu erforschen. Während der Beschäftigung damit seien immer wieder neue Aspekte und Zusammenhänge deutlich geworden. 'Es geht nicht darum, Schuld zuzuweisen, sondern der Opfer zu gedenken, damit sei nicht vergessen werden', betonte Inge Rosenkranz. Dank sprach sie auch Rolf Schuhbauer aus, der mit seinem Buch 'Nehmt dieses kleine Heimatstück' die Quellen für die Schülerarbeit lieferte. 'Ich freue mich, dass aus der Quelle nun ein Fluss geworden ist', sagt dieser am Rande des Ereignisses.
'Mit den Stolpersteinen möchten wir an die Menschen erinnern, die hier lebten und denen wegen ihres Glaubens und ihrer Überzeugung das Recht zum Leben abgesprochen wurde', erklärte Schülerin Miriam Goerendt. Neben ihr sorgten die Neuntklässler Bianca Barthelmes, Lisa Kessler, Luigi Basile, Tino Kaiser, Jonas Kraus, Gerrit Danksin und Benedikt Wiesler für eine würdige Gestaltung der Stolperstein-Verlegung. Das Gedenken stand dabei im Mittelpunkt.
Die Schülerinnen und Schüler erinnerten daran, dass Auflehnung gegen das Nazisystem tödliche Folgen hatte und dass Andersdenkenden, Andersgläubigen und Menschen anderer Herkunft die Existenzberechtigung abgesprochen wurde.
Beim Verlesen der Namen, Schicksale und Sterbeorte rührte die Erinnerung an die Opfer der Willkür und ihr Ausgeliefertsein manchen zu Tränen. Doch das war nur die eine Seite dessen, was sich gestern in Badenweiler zutrug. Dass Nachfahren jener Menschen, die die Nazischergen in den Tod trieben, dabei waren und eine stille Ahnung davon bekamen, wie ernst solche Erinnerungsarbeit hierzulande gerade auch von Schülern genommen wird, wurde als Moment der Beglückung empfunden.
Bei aller Trauer empfinde er immer wieder Freude, wenn Angehörige der Opfer bei der Stolperstein-Verlegung dabei sind, sagte Gunter Demnig, der seit Mai den Ehrentitel 'Botschafter der Toleranz und der Demokratie' tragen darf. Für die Schülerinnen und Schüler brachte Lisa Kessler diese Freude zum Ausdruck. Sie begrüßte eigens Beate Müller, geborene Kübler, Michel Bauer mit seinem Sohn Raphael und seiner Tochter Rebecca sowie Nathan und Estella, Sohn und Tochter von Jean Louis Bauer.
Weitere Stolpersteine wurden in der Luisenstraße 12a für Julius Levi Mager, Celine Levi Mager, Getrud Levi Mager und Louis Liebmann Levi Mager verlegt. Im Glasbachweg 15 erinnern seit gestern drei Stolpersteine an den gewaltsamen Tod von Charlotte, Bertha und Getrud Monasch.
Bürgermeister Engler dankte all jenen, die mit Spenden und Patenschaften diese Erinnerungsarbeit ermöglichten. Hans Hermann Bechinger, der mit Rektorin Ulrike Rauenbusch die Schüler organisatorisch unterstützt hat, zitierte Verse von Urs M. Fiechtner: Drei Kugeln trafen ihn/ Die eine vom Schlächter/Die zweite vom Vergessen/Die dritte vom Schweigen." 
Link zum Artikel: "Sie haben wieder einen Namen" (veröffentlicht am Mi, 23. Juli 2008 auf badische-zeitung.de)    
 
Oktober 2010: Gedenkstein auf dem Badenweiler Friedhof enthüllt  
Artikel von Sigrid Umiger in der "Badischen Zeitung" vom Oktober 2010 (Artikel): "Erinnern, hinschauen, nicht schweigen
Schüler setzen einen Mahnstein auf dem Friedhof Badenweiler im Gedenken an jüdische Bürger. 
BADENWEILER.
Ein Mahnmal ist mehr als ein Gedenkstein. Das Mahnmal fordert, sich der Vergangenheit zu stellen und daraus zu lernen: Hinschauen statt wegschauen. Dieser Appell begleitete am Sonntag auf dem Friedhof Badenweiler die Enthüllung eines Mahn-Steins, der an die Deportation jüdischer Bürger im Oktober 1940 erinnern soll..."    
   
Erinnerung an Albert Fraenkel beim regelmäßig angebotenen "Literarischen Spaziergang Badenweiler"  
Badenweiler LitSpaziergang 010.jpg (201940 Byte)Hinweis: Beim "Literarischen Spaziergang Badenweiler mit Pfarrer Rolf Langendörfer" wird regelmäßig an den Arzt Dr. Albert Fraenkel erinnert (Links: Prospekt des Literarischen Spaziergangs 2011): 
"...Hermann Hesse schrieb sich am 3. Juli 1909 in das Gästebuch der Villa Hedwig ein. Diesem Haus und seinem Arzt Dr. Albert Fraenkel setzte er in der Studie 'Haus zum Frieden' ein literarisches Denkmal. 
Karl Jaspers
erhielt von dem außergewöhnlichen Arzt entscheidende Impulse für das Leben mit seiner chronischen Erkrankung. Fraenkel habe ihn gelehrt, 'gesund zu sein, wenn man krank ist.' Fraenkel behandelte auch den im Sommer 1900 sterbenskrank nach Badenweiler gekommenen jungen Stephen Crane, dem er nicht mehr helfen konnte. Crane gilt als Begründer des amerikanischen Realismus...".  
 
März 2015: Ausstellung im Rathaus und Flyer zu "Stolpersteinen"  
Artikel von Sigrid Umiger in der "Badischen Zeitung" vom 23. März 2015: " Erinnerung an Opfer des Naziregimes. Ausstellung im Rathaus und Flyer zu Stolpersteinen
Badenweiler. 70 Jahre nach der Befreiung der Überlebenden von Auschwitz gibt es eine Ausstellung im Rathaus von Badenweiler und einen Flyer zu den Stolpersteinen im Ort.
Ende Januar 1945 befreiten sowjetische Truppen die wenigen Überlebenden im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Allein in diesem Lager waren mehr als eine Million Menschen ermordet worden. Darunter auch Bürger aus Badenweiler. An sie erinnert seit 1993 eine Gedenktafel auf dem Friedhof. 2008 verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig acht Stolpersteine in Badenweiler. Jetzt gibt es dazu einen Flyer und eine Ausstellung im Rathaus Badenweiler..."
Link zum Artikel (kostenpflichtig)
Der Flyer zu den "Stolpersteinen in Badenweiler" ist eingestellt (pdf-Datei)    
 
Oktober 2016: Auszeichnung für Inge Rosenkranz 
Artikel von Silke Hartenstein in der "Badischen Zeitung" vom 7. Oktober 2016: "Dank an Heimatforscherin. Badenweilers Bürgermeister ehrt die mit der Heimatmedaille ausgezeichnete Inge Rosenkranz.
BADENWEILER. Inge Rosenkranz wurde am 9. September in Bad Mergentheim mit der Heimatmedaille des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Aus diesem Anlass ehrte Bürgermeister Karl-Eugen Engler im Vorfeld der jüngsten Gemeinderatssitzung die engagierte Heimatforscherin: 'Dankeschön für das, was sie für unsere Schüler und unsere Heimat getan haben.' Die 72-jährige Müllheimerin unterrichtete bis zum Jahr 2008 an der René-Schickele-Schule in Badenweiler. Seit nunmehr 18 Jahren gehört sie ehrenamtlich der Jury zur Verleihung des Landespreises für Heimatforschung an. Ihr umfangreiches Wissen über die Region und über das Oberrheingebiet ist in das trinationale Oberrheinschulbuch 'Vivre dans le Rhin Superieur/Leben am Oberrhein' eingeflossen. 30 Jahre lang, auch noch im Ruhestand, organisierte sie den Schüleraustausch zwischen Badenweiler und dessen französischer Partnerstadt Vittel. In Badenweiler nahm sie mit ihren Schülern zahlreiche Projekte zur regionalen Geschichte vor und war an vielen Ausstellungen beteiligt. Ihre Projekte befassten sich mit dem Leben der Römer im Ort, den Ausgrabungen bei der evangelischen Kirche mit den römischen Tempelfundamenten, der Geschichte der Burg Badenweiler, mit Künstlern, die im Heilbad wohnten und mit der Situation Badenweilers am Ende des Zweiten Weltkriegs.
Im Jahr 2008 engagierte sich Inge Rosenkranz mit einer Schülergruppe bei der Aktion 'Stolpersteine'. Acht bronzene Stolpersteine hatte der Künstler Gunter Demnig zur Erinnerung an das Schicksal früherer jüdischer Mitbürger in Badenweilers Straßen verlegt. 2010 schuf Rosenkranz’ Schülergruppe zwei große Mahnsteine zum Gedenken an die Schicksale der in das Konzentrationslager Gurs deportierten jüdischen Bevölkerung Badens. Sichtbares Ergebnis dieses Projekts der evangelischen Kirche ist heute der Mahnstein auf Badenweilers Friedhof, der zweite steht am zentralen Gedenkort der Landeskirche in Neckarzimmern
In Bezug auf die Badenweiler Stolpersteine folgte 2015 die Ausstellung '70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz' im Rathaus Badenweiler; Rosenkranz und Rolf Schuhbauer schufen einen Flyer als Wegweiser zu den Stolpersteinen. 'Ganz wichtig für die Schüler war es, zu erfahren, dass dies Menschen hier vor Ort waren', sagte die Pädagogin im Ruhestand zu ihren Schülerprojekten über die Schicksale jüdischer Mitbürger unter der Nazi-Herrschaft." 
Link zum Artikel:  Dank an Heimatforscherin (veröffentlicht am Fr, 07. Oktober 2016 auf badische-zeitung.de)    

    
     

Links und Literatur    

Links:

bulletWebsite der Gemeinde Badenweiler  
bullet"Hörstolpersteine" aus Badenweiler in der Website von SWR 2  

Literatur:  

bulletSiegmund Kaznelson: Juden im Deutschen Kulturbereich. Berlin 1962.  S. 800-806 (zu Familie Monasch: Adolph Monasch und Töchter werden S. 806 nach den anderen wichtigen Vertretern dieser Familie genannt). 
bulletFranz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 207.  
bulletMuellheim Buch 01.jpg (60476 Byte)Rolf Schuhbauer: Nehmt dieses kleine Heimatstück – Spuren und Leidenswege von Müllheimer und Badenweiler Juden zwischen 1933 und 1945. 1988 und 2001 (erweiterte Auflage). 
bulletSpuren. Katalog zur Ausstellung J. Brodwolf 1990 in Sulzburg. Mit Beiträgen über die Deportation der Sulzburger und Müllheimer Juden am 22.10.1940 von Rolf Schuhbauer, Jost Grosspietsch und W. Heidenreich.
bulletBadenweiler Fraenkel 010.jpg (39601 Byte)Jörg Schadt: Der "König von Badenweiler". Albert Fraenkel wirkte als weltberühmter Arzt und Forscher. In: Momente. Beiträge zur Landeskunde von Baden-Württemberg 4/2002 S. 18-24.
bulletFraenkel Lit 025.jpg (71487 Byte)Peter Drings / Jörg Thierfelder / Bernd Weidmann: Albert Fraenkel - Ein Arztleben in Licht und Schatten. 1864-1938. Reihe ecomed Biographien. 2004. 412 S. Abb.   ISBN: 978-3-609-16260-7.    
bulletWikipedia-Artikel zu Albert Fraenkel: hier anklicken    
bulletZu Oberweiler / Prof. Dr. Friedrich Darmstädter): Arno Weckbecker: Die Judenverfolgung in Heidelberg 1933-1945. S.150-151.
bulletRolf Schuhbauer: Die sieben Generationen der Familie Levi Mager in Müllheim und Badenweiler. In: Zeitschrift des Breisgau-Geschichtsvereins "Schau-ins-Land". 133. Jahrgang 2014 S. 37-56. Erschien auch in der Zeitschrift "Maajan". Jahrbuch der Schweizerischen Vereinigung für Jüdische Genealogie. Jg. 2016 S. 77-127.  Als pdf-Datei eingestellt 
bulletders.: Das Schicksal der drei Schwestern Monasch aus Badenweiler. In: Zeitschrift des Breisgau-Geschichtsvereins "Schau-ins-Land". 139. Jahrbuch 2020. S. 131-141. Als pdf-Datei eingestellt
bullet Flyer zu den Stolpersteinen in Badenweiler. Erstellt von Inge Rosenkranz und Rolf Schuhbauer. Eingestellt als pdf-Datei.

          
             

                   
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Stand: 17. Dezember 2025