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zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Eichstetten mit
Riegel (Kreis
Breisgau-Hochschwarzwald) und Endingen (Kreis Emmendingen)
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Eichstetten bestand eine jüdische Gemeinde bis 1940.
Ihre Entstehung geht in die Zeit Anfang des 18. Jahrhunderts zurück. Die ersten
Familien wurden 1717 oder kurz danach aufgenommen; es handelte sich damals
überwiegend um jüdische Flüchtlinge, die aus der Schweiz oder dem Elsass
vertrieben worden waren. Das jüdische
Wohngebiet konzentrierte sich ursprünglich vor allem auf die
"Judengasse" (heute "Eisengasse", im Volksmund "Judengäßle")
und den Altweg. 1721 waren 6, 1730 10, 1738 11 jüdische Familien am Ort;
1777 wurden 92 jüdische Einwohner gezählt.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie folgt: 1801 141, 1825 227 Jüdische Einwohner, 1832 259, 1836 284, 1840 302, 1864 401, 1871
Höchstzahl mit 420 Personen, 1875 359, 1880 344 (12,2 % von insgesamt 2.682
Einwohnern), 1885 342, 1890 309, 1895 273,
1900 253 (11,4 % von 2.215), 1905 219, 1910 197 (9,0 % von 1.919). Die meisten jüdischen
Familien lebten vom Viehhandel.
Zur jüdischen Gemeinde in Endingen gehörten auch die in Endingen
(1924 8, 1932 10) und Riegel (1924/32 1)
lebenden jüdischen Personen: Zu Endingen siehe Unterseite;
in Riegel bestand
bis zur "Arisierung" 1938 bestand die Weinhandlung Samuel Weil, Inh.
zuletzt Edmund Weil, an den seit 1986 der "Edmund Weil-Weg"
erinnert.
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde insbesondere eine Synagoge
(s.u.), eine Schule, ein rituelles Bad (im Synagogengebäude) sowie
einen Friedhof. Für die Unterbringung von Schule und Lehrerwohnung wurde 1840
ein Schulhaus erbaut (Bahlinger Straße 7, Gebäude ist erhalten). Zur Besorgung
religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der
zugleich als Kantor und Schochet tätig war. Unter den Lehrern sind vor allem zu
nennen: Um 1863/1871 und vermutlich bis zur Neuausschreibung 1875 Emil Bloch,
der zeitweise Dirigent des christlichen Gesangvereins sowie Schriftführer der
Eichstetter Lesegesellschaft war; A. Weil (seit 1879, ab 1901 als Oberlehrer), der 1904 am Ort sein 25-jähriges Ortsjubiläum, 1915 sein
50-jähriges Dienstjubiläum feiern konnte (siehe Berichte unten) und der letzte
Lehrer Leopold Mirwis, der nach der Deportation 1940 umgekommen ist). Die Gemeinde gehörte seit 1827 zum Bezirksrabbinat
Breisach,
seit 1885 zum Bezirksrabbinat Freiburg.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der Gemeinde Fritz David Dreifuß,
Louis Ludwig Haas, Siegmund Hofeler, Julius Weil und Leo Weil. Ihre Namen stehen
auf dem Gefallenendenkmal auf dem Rathausplatz.
Um 1924, als zur Gemeinde 130 Personen gehörten (6,2 % von insgesamt
etwa 2.070 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Heinrich Epstein,
Abraham Dreyfuß, Hermann Epstein, Jakob Bickart. Als Kantor war Leopold Mirwis
tätig, als Synagogendiener Salomon Hauser. Kantor Leopold Mirwis erteilte
damals zehn schulpflichtigen jüdischen Kinder den Religionsunterricht. An
jüdischen Vereinen gab es insbesondere den Männerkrankenverein e.V.
(gegründet 1855; 1924/32 unter Leitung von David Epstein mit 35 Mitgliedern;
Zweck und Arbeitsgebiet: Unterstützung Hilfsbedürftiger und Kranker),
den Israelitischen Frauenverein (gegründet 1867; 1924 unter
der Leitung der Frau von Liebmann Bloch, 1932 unter Leitung von Sara Klein mit
29 Mitgliedern; Zweck und Arbeitsgebiete: Krankenunterstützung, Wöchnerinnenfürsorge)
und den Israelitischen Mädchenausstattungsverein (gegründet 1872;
1924/32 unter Leitung von Moritz Bloch; Zweck und Arbeitsgebiete:
Krankenunterstützung, Bestattungswesen), dazu den Jüdischen Jugendbund
(1932 unter Leitung von Siegfried Epstein), der auch eine Bibliothek
eingerichtet hatte. 1932 waren die Gemeindevorsteher Heinrich Epstein (1.
Vors.), Jakob Bickart (2. Vors.) und Moritz Bloch (3. Vors.). Der Repräsentanz
gehörten 12 Personen an unter dem Vorsitz von Siegfried Sommer (1. Vors.),
Hermann Weil (2. Vors.) und Moritz Weil (3. Vors.). Weiterhin war Leopold Mirwis
als Kantor und Lehrer tätig.
An ehemaligen, bis nach 1933
bestehenden Handels-, Dienstleistungs- und Gewerbebetrieben im Besitz
jüdischer Familien / Einzelpersonen sind bekannt:
Viehhandlung Jakob Bickart (Eisengasse 8), Schuhhandlung Bernhard Bloch (Bahlinger
Straße 3), Viehhandlung Gustav Bloch (Hauptstraße 27), Viehhandlung
Moritz Bloch (Hauptstraße 45), Fam. Liebmann Bloch (Altweg 15), Kurzwarenladen
Siegfried Bloch (Hauptstraße 54), Viehhandlung Max Dreifuß I (Nimburger Straße
8), Mehlhandlung David Epstein (Altweg 17), Papierverarbeitungsfabrik D.S.
Epstein, Inh. Heinrich und Siegfried Epstein (Altweg 10), Getreide-, Mehl- und
Futtermittelhandlung Hermann Epstein (Hauptstraße 20), Kaufmann Karl Hauser
(Altweg 23), Viehhandlung Alfred und Max Hofeler (Bahlinger Straße 5),
Handelsmann Isaak Hofeler (Hauptstraße 33), Viehhandlung Siegmund Hofeler
(Hauptstraße 14), Handelsmann Isaak Hofeler und Viehhandlung David Klein
(Altweg 11), Arzt Dr. Wilhelm Reutlinger (Klarastraße 4), Handelsmann Bernhard
Rothschild (Mühlenstraße 16), Handelsmann David Weil I (Altweg 16),
Viehhandlung David Weil II (Hauptstraße 25), Viehhandlung Hermann Weil (Hauptstraße
35), Kaufmann Isaak Weil (Hauptstraße 69), Viehhandlung Isidor Weil, Moritz
Weil II, Semi Weil (Altweg 6 und 8), Metzgerei Moritz Weil (Altweg 31),
Weinhandlung Samuel Weil (Hauptstraße 32).
1933 wurden noch 91 jüdische Einwohner gezählt. Auf Grund der Folgen des
wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien
verzog ein Teil der jüdischen Einwohner alsbald vom Ort oder konnten
auswandern. Bis 1940 haben etwa 50 jüdische Personen den Ort verlassen. Von den
Ausgewanderten kamen mehrere in die USA, Argentinien oder Brasilien. 11
jüdische Einwohner starben zwischen 1933 und 1940 am Ort. Beim Novemberpogrom
1938 wurde die Synagoge zerstört; 18 Männer wurden durch das Dorf geführt
und dann nach Dachau transportiert. Hier erlag Siegfried Bloch den
Misshandlungen. Die letzten 30 jüdischen Einwohner wurden am 22. Oktober 1940
nach Gurs deportiert. Unter den nach Gurs Deportierten war auch Lehrer Leopold Mirwis; er
und seine Frau sind bereits im November 1940 umgekommen.
Nach den Deportationen in der NS-Zeit kamen von den 1933 in
Eichstetten wohnhaften 91 jüdischen Personen mindestens 37 ums Leben.
Von den in Eichstetten geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Ilse Biedermann geb.
Hofeler (1905), Auguste (Gustl) Bloch geb. Weil (1884), Baruch Bernhard Bloch
(1863), Gustav Bloch (1878), Hermann Bloch (1911), Johanna Bloch (1863), Louis
Ludwig (Elieser) Bloch (1897), Mathilde Bloch geb. Lehmann (1876), Max Bloch
(1894), Max Bloch(1909), Siegfried Bloch (1881), Sophie Bloch (1891), Alfons
Blum (1873), Josef Buxbaum (1885), Lina Dornacher geb. Blum (1867), Abraham
Dreifuss (1865), Babette Dreifuss geb. Dreifuss (1863), Johanna Dreyfuss (1902),
Rosa Dreyfuss geb. Epstein (1866), Flora Durlacher geb. Epstein (1897), Turla (Turzla)
Ehrle (1907), David Epstein (1894), Siegfried Epstein (1885(, Simon Epstein
(1879), Simon Epstein (1888), Sofie Epstein (1895), Viktor Epstein (1859),
Caroline Haas (1867), Hedwig Hanauer geb. Epstein (1894), Karl Hauser (1881),
Rosa Hauser (1888), Sofie Haymann geb. Bickard (1884), Mathilde Henle (1878),
Alfred Hofeler (1889), Auguste Hofeler geb. Bernheimer (1852), Isak Hofeler
(1846), Leo Hofeler (1897), Siegfried Hofeler (1887), Siegmund Hofeler (1856),
Jette Judas geb. Weil (1854), Thekla Kleefeld geb. Hofeler (1878), Berta Klein
(1888), Betty Klein (1892), Sara Klein geb. Bloch (1861), Paula Kurz geb. Weil
(1896), Ella Ledermann (1857), Julie Levy geb. Epstein (1877), Berta Mayer geb.
Epstein (1892), Hermine Mirwis geb. Bickart (1877), Leopold Mirwis (1874),
Sophie Neustädter geb. Epstein (1879), Fanny Rosenbusch (1864), Sophie
Rosenthal geb. Bloch (1888), Julius Schnurmann (1907), Karoline Süß geb.
Epstein (1876), Alfred Weil (1873), Bella Weil geb. Hofeler (1887), Bernhard
Weil (1868), Betty Weil (1903), Ernestine Weil geb. Weil (1859), Hermann Weil
(1868), Isaak Weil (1866), Jakob Weil (1868), Joseph Weil (1887), Leopoldine
Weil geb. Kleefeld (1862), Max Weil (1888), Moritz Weil (1862), Moritz Weil
(1877), Otto Weil (1873), Paula Weil (1894), Rena Weil (1908), Rina Weil (1895),
Rosa Weil geb. Hofeler (1885), Samuel Weil (1868), Semy Weil (1866), Siegfried
Weil (1909), Thekla Weil (1888), Toni Dina Weil geb. Bloch (1888), Sofie Weiss
geb. Weil (1879), Jakob Wertheimer
(1885).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet
1875 / 1901
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Februar 1875: "Vakante
Stelle. In unserer Gemeinde soll vom 1. März dieses Jahres an ein
Kantor und Schächter angestellt werden, der auch an ca. 20 Kindern der
hiesigen israelitischen Volksschule einen täglichen Unterricht von 2 Stunden
in den höheren Elementargegenständen zu erteilen imstande ist.
Pädagogische Bildung wird verlangt. Das Gehalt ist auf jährlich fix
1.200 Mark bei freier Wohnung festgesetzt; Nebeneinkommen mindestens 800
Mark. Bewerber wollen ihre Meldungen unter Beifügung der betreffenden
Zeugnisse sofort einsenden. Eichstetten, Großherzogtum Baden, 7. Februar
1875. Der israelitische Synagogen-Vorstand. A. Weil." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. März 1901:
"Die Religionslehrer-, Kantor- und Schächterstelle Eichstetten
ist mit einem Fixum von 1.200 Mark, Nebeneinkommen von ca. 800 Mark und
freier Dienstwohnung auf 1. Juli dieses Jahres zu besetzen. Geeignete
Bewerber mit tüchtiger, kantoraler Befähigung und guten Stimmmitteln
wollen Zeugnisabschriften vorlegen der
Bezirks-Synagoge Freiburg im Breisgau." |
Hauptlehrer A. Weil wird zum Oberlehrer an der Volksschule
ernannt (1901)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Februar 1901: "Eichstetten
(Baden). Durch Erlass des Großherzoglichen Oberschulrates vom 18. Februar
wurde Hauptlehrer A. Weil dahier zum Oberlehrer der hiesigen,
konfessionell gemischten Volksschule, an welcher vier Lehrer wirken,
ernannt. Ist diese Beförderung dem schon bald 22 Jahre hier angestellten
Lehrer wohl zu gönnen, so liefert diese Ernennung wiederum einen klaren
Beweis von der toleranten Gesinnung unserer badischen
Oberschulbehörde." |
25jähriges Ortsjubiläum von Oberlehrer Weil (1904)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Mai 1904: "Aus
Baden, 22. Mai (1904). Einen schönen Akt echter Toleranz lieferte die
Gemeindevertretung des großen Marktfleckens Eichstetten bei
Freiburg im Breisgau durch ein Fest, wie es in seiner Art vielleicht noch
selten gefeiert wurde. Vor wenigen Wochen waren es nämlich 25-jährigen,
dienstlichen Ortsjubiläums überbrachte nun am Sonntag, den 15. Mai, eine
Abordnung der Gemeindevertretung, mit dem Herrn Bürgermeister an der
Spitze, dem Jubilar ihre herzlichen Glückwünsche in dessen Wohnung und
übergab demselben ein prachtvoll ausgestattetes Gedenkblatt zur
Erinnerung an seine 25-jährige, segensreiche Tätigkeit in der Schule und
Gemeinde Eichstetten, nachdem demselben schon einige Tage vorher ein
kostbares Ehrengeschenk der Gemeinde übermittelt worden war. Auch von
seinen Schülern und von privater Seite, insbesondere aber auch von seinen
israelitischen Kollegen, der Religionslehrer-Konferenz Freiburg - Sulzburg
wurde der Jubilar unter wohlmeinenden, liebevollen Glückwünschen durch
kostbare Ehrengeschenke hoch erfreut. Am Abende versammelte sich zu Ehren
desselben in den Sälen des Gasthauses zum Rössle, nahezu die ganze
Gemeindevertretung, Gemeinderat, Bürgerausschuss, Synagogenrat, der
evangelische Ortsgeistliche nebst den dort angestellten, übrigen Lehrern
und Beamten zu einem Bankett, welches einen äußerst anregenden, schönen
Verlauf nahm, in welchem der Bürgermeister die Verdienste des Jubilars in
schwungvoller Rede feierte, und letzterer tief gerührt über solche
großen Ehrungen in warm empfundenen Worten dankte. Als weitere Ehrung des
Jubilars wurde dann am Mittwoch, dem 18. Mai, in Anwesenheit des ganzen
Lehrerkollegiums und des Gemeinderats ein Schülerfest auf dem Rathause
mit Beschenkung der Schüler durch Brezeln abgehalten. Damit aber zum
Gelingen des Ganzen nichts fehle, wollten auch die Lehrer des Bezirks
nicht zurückbleiben. Deshalb versammelte sich am gleichen Tage aus
besonderer Aufmerksamkeit für Herrn Oberlehrer Weil die freie
Lehrerkonferenz Emmendingen in Eichstetten, um auch ihrerseits ihre
Anteilnahme an der Ehrung eines ihrer Mitglieder durch die Tat zu beweisen
und den Jubilar zu feiern. Möge des demselben vergönnt sein, noch viele
Jahre in Gesundheit und Rüstigkeit zum Segen seiner Gemeinde
weiterzuwirken. Warum weder das Bezirksrabbinat Freiburg, noch der
Großherzogliche Oberrat der Israeliten in Karlsruhe, welchen Behörden
Herr Oberlehrer Weil als Religionslehrer zuständig ist, von diesem
Jubelfeste eines im Dienste ergrauten, verdienten Schulmannes Notiz
nahmen, ist uns ganz unverständlich. Man hätte ein Zeichen der
Anerkennung von der jüdischen Kultusbehörde umso mehr erwarten dürfen,
als diese Ehrungen alle von der politischen Gemeindevertretung ausgingen,
und Herr Weil nahezu 40 Jahre lang ebenso wohl als Religionslehrer, wie
als Elementarlehrer pflichtgetreu gewirkt hat." |
50jähriges Dienstjubiläum von Oberlehrer A. Weil (1915)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. April 1915: "Aus
Baden. Am 23. dieses Monats begehen Hauptlehrer A. Heidingsfeld in Freiburg
und Oberlehrer A. Weil in Eichstetten ihr 50jähriges
Dienstjubiläum. Der Ernst der Zeit ist nicht dazu angetan, und es
entspricht auch nicht dem stillen Sinn der Jubilare, Jubelfeste zu feiern.
Aber die beiden Veteranen, die ihre Vorbereitung für ihren Beruf
gemeinsam im Lehrerseminar in Karlsruhe genossen und ihre berufliche
Tätigkeit seit Jahrzehnten in deinem und demselben Schulkreis ausüben,
dürfen an diesem Tage mit innerer Befriedigung auf das abgelaufene
Jahrhundert zurückblicken. In ihnen verkörpert sich ein gutes Stück
badisches Schulgeschichte; bis zur Einführung der Simultanschule
Religionslehrer, durchkosteten sie die Leiden und Freuden des nach dem
einmütigen Beschluss der letzten badischen Synode nun einer besseren Zeit
entgegengehenden Religionslehrers, wie auch die mannigfachen
Entwicklungsstufen des badischen Volksschullehrerstandes in den
vergangenen 40 Jahren. Die Ernennung Weils zum Oberlehrer zeigt, wie die
oberste Schulbehörde in Baden dem Geist der Simultanschule gemäß volle
Objektivität und Vorurteilslosigkeit dem jüdischen Lehrer gegenüber
walten lässt. Die segensreiche Tätigkeit der beiden wurde schon vor
längerer Zeit durch Verleihung des Verdienstkreuzes des Zähringer Löwen
vom Großherzog anerkannt. Besondere Hervorhebung verdient die
hingebungsvolle Arbeit Heidingsfelds als Vorsitzender des
Naphtali-Epstein-Vereins, den er seit Drießens Tode führt, und der
Ortsgruppe Freiburg des 'Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen
Glaubens.' Mögen den Jubilaren noch viele Jahre jugendfrischer Schaffenskraft
und Arbeitsfreudigkeit im Kreise der ihrigen beschieden sein." |
Hinweis auf Albert Weill, Vater des bekannten Komponisten
Kurt Weill (1900 Dessau - 1950 New York)
Kurt Weills Vater Albert Weill war von 1893 bis 1898 in Eichstetten als Kantor tätig.
Sein erster Sohn - Nathan Weill - wurde 1898 noch in Eichstetten geboren, bevor die Familie dann nach Dessau verzog. Albert Weill hat in Eichstetten auch einen Synagogenchor geleitet, mit dem er
u.a. bei den Oberbadischen Synagogengesangsfesten auftrat.
Albert Weill ist nicht zu verwechseln mit dem in den obigen Artikeln
genannten Lehrer Adolf Weil, der von 1879 bis 1915 in Eichstetten
unterrichtete. Es handelte sich um zwei Personen.
Siehe hierzu Literatur: Uwe Schellinger: Kantor Albert Weill und sein Lebensweg von Südbaden nach Israel 1867-1950 (Teil 1), in: Dessauer Kalender. Heimatliches Jahrbuch für Dessau und Umgebung 46 (2002) 56-69.
Dazu auch (siehe Literaturliste): Baumann/Weiblen Bd. II der Eichstettener Ortsgeschichte 2000 (dort auch der Hinweis auf Adolf Weil). |
Über den aus Eichstetten stammenden Lehrer Bernhard Weil
(1868 bis 1943)
(nach den Angaben bei Furch/Ziemer s.Lit. S. 19)
Bernhard
Weil ist am 19. Juni 1868 in Eichstetten als Sohn von Isaak Weil und
Pauline geb. Rotschild geboren. Er war verheiratet mit Julie geb. Strauß
aus Karlsruhe (geb. 30. März 1873). Bernhard Weil ließ sich zum Lehrer
und Kantor ausbilden und war als solcher von 1908 bis 1939 in Kirn
tätig (zuvor u.a. in Leutershausen,
wo der Sohn Kurt Hermann Weil am 26. November 1895 geboren ist). In Kirn
lebte die Familie seit 1917 im Steinweg 41. Am 27. Februar 1939 meldete
sich das Ehepaar ab und verzog am 1. März nach Karlsruhe Wilhelmstraße
36. Das Ehepaar wurde am 22. Oktober 1940 in das KZ Gurs in Südfrankreich
deportiert. Von hier aus kam Bernhard Weil nach Noé, wo er umgekommen
ist. Seine Ehefrau wurde aus einem Lager befreit und konnte in die USA
emigrieren. Der Sohn Kurt Hermann Weil konnte noch 1938 emigrieren und
lebte 1963 als Professor in New York.
Angabe
im Karlsruher Gedenkbuch zu Bernhard Weil. |
Der Sohn - Kurt Hermann Weil - ist am
2. Januar 1992 gestorben. Er war Pilot im Ersten Weltkrieg und in den
1930er-Jahren leitender Konstrukteur bei der Flugzeugfirma Junkers, wo er
eng mit Prof. Hugo Junkers in der Konstruktion der Ju-52
zusammenarbeitete. 1938 kam er in die USA, wo er bei General Motors
arbeitete. Nach 1945 halt er dem Verteidigungsministerium bei der
Organisation der Berliner Luftbrücke. Er war als Professor in den USA und
als Gastprofessor an der Technischen Universität Berlin
tätig.
Artikel
zu seinem Tod in der "New York Times" vom 8. Januar 1992
. |
Die Enkelin von Bernhard Weil - Kathleen
Weil-Garris Brandt (geb. 1934) in Professorin an der New York
University.
Artikel
in Dictionary of Art Historians zu Kathleen Weil-Garris Brandt |
Aus dem jüdischen
Gemeinde- und Vereinsleben
Ehrungen von jüdischen Mitgliedern der
freiwilligen Feuerwehr (1890)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 19. September
1890: "Eichstetten am Kaiserstuhl (Baden). Nicht von
Professuren, welche Israeliten bekleiden, auch nicht von hervorragenden
Leistungen berühmter Glaubensgenossen will ich erzählen. Die stille und
schlichte Erfüllung der Bürgerpflicht, das Eintreten in Reih und Glied
mit den nichtjüdischen Ortsgenossen, welche hier am 24. August von hoher
Stelle aus öffentlich geehrte worden ist, dürfte jedoch beredter als
sonst glänzenderes Zeugnis ablegen, wie erlogen das Gerede ist, der Jude
sei ein Fremder unter den Deutschen. An dem genannten Tage wurde hier das
Fest des 25jährigen Bestehens der freiwilligen Ortsfeuerwehr begangen.
17. Feuerwehrmännern, darunter einem nicht mehr aktiven Ehrenmitgliede,
überwies der Oberamtmann Diplom und Gedenkmünze im Namen des
Großherzogs. Der evangelische Ortsgeistliche hielt die Festrede. Von den
17 Dekorierten sind acht Israeliten, an ihrer Spitze der Vorsteher und
Bezirksälteste. Der Seelenzahl nach hätten höchstens zwei bis drei
Israeliten dabei sein dürfen. (Ähnliches hätte in den letztvergangenen
zwei Jahren aus gar vielen badischen Ortschaften gemeldet werden
können.)." |
Berichte zu
einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
Über den aus Eichstetten stammenden und in der Schweiz tätigen Dr. Weil
(1841/1847)
Aus
einem Artikel über jüdisches Leben in der Schweiz in der Zeitschrift
"Der Israelit" vom 24. April 1841: "Geht man von Bern aus
in das naturreiche Oberland, so trifft man zu Interlaken einen
wackeren jungen Israeliten - Dr. Weil aus Eichstetten im Breisgau -
der vom Sanitätsrat dorthin als Spitalarzt gesendet worden, nachdem er
durch ein mehrjähriges fleißiges Studium zu Bern sich das Wohlwollen der
Behörden erworben." |
| |
Aus
einem Artikel über jüdisches Leben in der Schweiz in der
"Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 25. Januar 1847:
"In der Nähe von Bern lebt ein jüdischer Arzt - Dr. Weil aus
Eichstetten - zu Walkringen im Emmental. Der selbe bekleidet die
Stelle eines Militärarztes. Das Zutrauen, dessen Herr Weil sich bei
seiner christlichen Umgebung zu erfreuen hat, verschafft ihm eine wohl
ausgedehnte Praxis. Auch wurde derselbe in seiner Stellung als Arzt schon
oft mit Aufträgen höheren Ortes beehrt." |
Über Rabbiner Piccard auf Randegg und seine
verwandtschaftlichen Beziehungen nach Eichstetten (1867)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. April 1867: "Eichstetten.
(Baden). Wir hatten in hiesiger Gemeinde jüngst Gelegenheit, einen Mann
kennen zu lernen, der in seinem bescheidenen, stillen, aber desto
segensreicherem Wirken dem Lichte der Öffentlichkeit bisher verborgen
geblieben, wenn auch Näherstehende schon längst in demselben den wahren,
ungeheuchelte Charakter, den gelehrten und gewissenhaften Führer und
Lehrer seiner Gemeinde verehrten. Es ist dies der Herr Rabbiner Piccard
aus Randegg. - Derselbe ist vermählt
mit einer Enkelin des auch in weiteren Kreisen bekannt gewesenen, und etwa
vor 24 Jahren verstorbenen Rabbiners Sekel Löw Epstein - er ruhe in
Frieden - von hier, welcher eine Reihe von Jahren hier das Amt eines Gemeindevorstehers
und Gesetzeslehrers (sc. hatte rabbinische Kompetenzen) zu gleicher
Zeit versag, der durch seine Frömmigkeit und Gelehrsamkeit der hiesigen
Gemeinde sowohl, als der ganzen Umgegend zur Zierde gereichte, dessen Name
heute noch nur mit der größten Ehrerbietung und Hochachtung genannt wird
und dessen Tugenden in seinen Söhnen und deren Familien hier, als
unermüdlichen - die Tora stark Machenden - sich forterben.
Zu der nun vor einigen Tagen stattgefundenen Vermählung eines Enkels und
einer Enkelin des genannten Rabbiners Sekel Löw Epstein - er ruhe in
Frieden - war Herr Rabbiner Piccard aus Randegg, der Schwager des
Bräutigams, als Vollzieher der Eheschließung hierher berufen. In
der von ihm an die Brautleute gehaltenen Ansprache legte derselbe Beweise
einer seltenen Gelehrsamkeit in so hohem Grade ab, dass wir nicht umhin
können, ihm in diesem viel gelesenen Blatte unseren Dank auszusprechen.
Herr Rabbiner Piccard sprach in seiner Rede von der Wichtigkeit und
Heiligkeit der jüdischen Ehe, von der Unsitte unserer, auf allen Gebieten
des Fortschrittes und der Humanität sich rühmenden Zeit, bei Schließung
auch des heiligsten Bundes, der Ehe nämlich, immer zuerst das
beiderseitige Vermögen der Brautleute als Zahlen sprechen zu lassen;
ferner von der hohen Stellung des jüdischen Weibes, wie solche in unserer
heiligen Literatur begründet ist - und dies Alles in so erschöpfender
Darstellung, so so meisterhafter Diktion und mit so herrlichem Vortrage
und unter scharfsinnigster Verwendet hierauf bezüglicher Midraschstellen,
dass alle Zuhörer, worunter sich auch viele anderer Konfessionen
befanden, von diesem Vortrage sich befriedigt und erbaut fühlten und
sagen mussten: Das waren echte, jüdische, kernhafte Worte, die von Herzen
kamen und zu Herzen drangen.
Bei dem darauf folgenden Festmahle erhöhte Herr Rabbiner Piccard die
festliche Stimmung durch eine geistvoll gehaltene Ansprache an die
Tischgenossen mit vielen eingestreuten herrlichen Worten der Tora und
zeigte sich sowohl da, als in den Privatzirkeln, in denen wir später noch
die Ehre hatten, ihn zu sehen und zu sprechen, als der gründlich
gebildete, und doch so bescheidene jüdische Gelehrte mit dem frommen,
milden Sinne, von dem wir sagen können: Heil der Gemeinde, die sich eines
solchen Führers zu erfreuen hat. -
Möge es Herrn Rabbiner Piccard noch viele Jahre gegönnt sein, in seinem
heiligen Berufe zu leben und zu wirken." |
Zum Tod von Babette Epstein geb. Dreyfuss (gest. in
Kenzingen 1898)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. April 1898:
"Eichstetten i.B., 1. April (1898). Am letzten Dienstmittag verschied
in Kenzingen in B. Frau Babette Epstein Witwe geb. Dreyfuß im Alter von
nicht ganz 87 Jahren. Sanft und milde, wie ihr Leben, war auch der Hingang
der Verewigten. Nachdem sie bis wenige Stunden vor ihrem Ableben noch bei
vollem Bewusstsein gewesen, schlief die Verewigte in den Armen ihres
ältesten Sohnes ein. Sie war eine wackere Frau im wahren Sinne des
Wortes. Eine wackere, glaubensstarke Frau, der im Kampfe des Lebens auch
Stürme nicht erspart geblieben, war sie eine unermüdliche Wohltäterin
der Armen und Bedrückten, und liebst es vor Allem, ihre Wohltaten im
Stillen zu üben. Sie war ein Muster von Selbstlosigkeit, eine liebevolle
Mutter und Freundin, von unerschütterlichem Gottvertrauen beseelt.
Am Donnerstag, den 31. März, 10 Uhr morgen fand die Überführung der
Hingeschiedenen von Kenzingen nach Eichstetten statt, wo sie an der Seite
ihres ihr vor 15 Jahren im Tode vorausgegangenen Gatten - seligen
Andenkens - bestattet wurde. Im Trauerhause in Kenzingen hatten sich
die Kinder, Enkel und nächsten Anverwandten versammelt. Herr Salomon
Siegel aus Straßburg i.E., dessen Tochter mit einem Sohne der Verewigten
verheiratet, widmete der verewigten Freundin vor der Überführung noch
wehmutsvolle Worte des Abschiedes und Nachrufes. Mit herzlichen,
rührenden Worten schilderte er die Verstorbene. Die Beisetzung in
Eichstetten fand mittags 3 Uhr statt. Sowohl da, wie in Kenzingen, hatten
sich dem großen Zuge viele Nichtjuden angeschlossen, worunter sich beide
Male der Bürgermeister je des betreffenden Ortes befand, ein Zeichen,
welcher Achtung die Dahingeschiedene sich erfreut hatte.
Am offenen Grabe sprach Herr Bezirksrabbiner Dr. Lewin aus Freiburg i.B.
In geistvoller Rede schilderte derselbe das Leben der Verewigten, wie es,
trotz des unscheinbaren Rahmens, doch durch seine harmonische
Abgeschlossenheit Bewunderung wecken müsse und zur Nachahmung
ansporne.
Das Andenken der Heimgegangenen wird als ein Musterbild einer echt
jüdischen Frau in dem Gedächtnisse Aller, die ihr im Leben nahe standen,
fortleben. Sie war eine seltene Frau, möge ihr die Erde leicht
sein. M.E. in S." |
Heinrich Epstein wird ausgezeichnet (1902)
Anmerkung: Heinrich Epstein (1842 - 1921) hatte 1876 in Eichstetten
eine Papierwarenfabrik im Unterdorf gegründet. In dieser Firma fanden viele
Personen aus dem Ort Arbeit. Die Firma wurde bis zur "Arisierung" 1938
von den Söhnen weiter betrieben.
Heinrich Epstein hat 1895 das Israelitische Landesasyl in Gailingen
(1898 errichtet als "Friedrichsheim für israelitische Sieche und arme
Greise) ins Leben gerufen. Er war 1876 bis 1902 Vorsteher der jüdischen
Gemeinde.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. April 1902:
"Karlsruhe, 25. April (1902). Bei den Ordensverleihungen aus Anlass
des Jubiläums wurden auch viele Israeliten bedacht. Es
verhielten.... das Verdienstkreuz vom Zähringer Löwen Heinrich
Epstein in Eichstetten..." |
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Einzelpersonen
Im Eisengeschäft Sim. L. Epstein wird ein Commis oder ein
Lehrling gesucht (1897)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. September 1897:
"Vakanz. In meinem Eisengeschäfte ist per 1. November die Stelle
eines angehenden Commis dieser Branche oder eines Lehrlings zu besetzen.
Sabbat und Feiertage geschlossen. Gesuche unter Beischluss von Zeugnissen
bitte zu richten an Sim. L. Epstein, Eichstetten (Baden)." |
Haushaltshilfe für Frau Vorsteher H. S.
Epstein gesucht (1900)
Mit Vorsteher H.S. Epstein ist Heinrich Epstein gemeint (S.
steht für den Vaternamen Schmaje)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Juli 1900:
"Religiöses Mädchen
findet sofort gute und angenehme Stellung in meinem kleinen
Haushalte.
Frau Vorsteher H. S. Epstein,
Eichstetten bei Freiburg in Baden." |
Lehrling im Eisengeschäft Sim. L. Epstein gesucht (1901)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. November 1900:
"Für mein samstags und Feiertage geschlossenes Eisengeschäft suche
zum Eintritt per 1. Januar 1901 einen mit guter Schulbildung versehenen Lehrling
oder angehenden Commis.
Sim. L. Epstein, Eisen und Metalle, En gros und detail, Eichstetten in
Baden." |
Heinrich Epstein suchte eine Lehrstelle für seinen Sohn (1925)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. März 1925:
"Suche für meinen Sohn, 16 Jahre alt, mit Obersekundareife Lehrstelle,
möglichst in Papierwarenfabrik oder verwandtem Geschäftszweig.
Heinrich Epstein, Eichstetten (Baden)." |
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Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. April 1925:
"Suche für meinen Sohn, 16 Jahre alt, mit Obersekundareife, geeignet
Lehrstelle. Heinrich Epstein, Papierwaren-Fabrik, Eichstetten
i.B." |
Sonstiges
Literaturhinweis in einer jüdischen Zeitung auf ein Buch von Pfarrer
Dr. Bähr (Pfarrer in Eichstetten)
Anmerkung: das Buch hat zwar nichts mit der jüdischen Geschichte in
Eichstetten zu tun, dennoch ist auffallend, dass das Buch von Pfarrer Dr. Karl
Christian Wilhelm Felix Bähr in Auszügen in der jüdischen Zeitschrift
"Der Orient" zitiert wird. Dr. Bähr (geb. 1801 Heidelberg,
gest. 1874 Offenburg) war seit 1829 Pfarrer in Eichstetten; von 1843 an wirkte
er als Oberkirchenrat und Prälat in Karlsruhe. Link: Artikel
im Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon
Aus
den Literarischen Übersichten in der Zeitschrift "Der Orient"
vom 26. September 1840: "Symbolik des mosaischen Kultus. Von C. Chr.
W. F. Bähr, Dr. der Theologie und evangel. protest. Pfarrer zu Eichstetten
in Baden. XII. und 498 S. Zweiten Band XV. u. 723 S. Heidelberg, Mohr
1837-1839." |
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge
Die Gottesdienste wurden seit den
1760er-Jahren in einem aus zwei nebeneinanderliegenden Zimmern bestehenden Betsaal
im Haus der Familie von Schmaje Levi Epstein (auch Schmaje Segal,
Gemeindevorsteher von ca. 1760 bis 1803), dann von dessen Sohn Chaijim
Levi-Epstein beziehungsweise dessen Enkel Veit Levi-Epstein (Gemeindevorsteher
von ca. 1827 bis 1843) abgehalten.
Als die Zahl der jüdischen Gemeindeglieder anstieg, bemühte
sich die Gemeinde um den Bau einer Synagoge. Der Kauf eines geeigneten
Bauplatzes erwies sich freilich zunächst als sehr schwierig. 1824 sollte der
Haus- und Obstgarten der unteren Schule als Bauplatz verkauft werden. Die jüdische
Gemeinde zeigte an diesem Platz großes Interesse. Bei der Versteigerung wurde
dem Lehrer Maurer von der (bürgerlichen) Gemeinde allerdings zur Auflage
gemacht, dass das Grundstück weder an einen Juden noch an die Judenschaft
verkauft werden dürfe. Als das Oberamt von dieser Bedingung hörte, untersagte
es die Versteigerung.
Erst am 3. März 1828 konnte ein Kaufvertrag über ein
geeignetes Grundstück im Ortskern unterschrieben werden. Es lag im Anschluss an
den Altweg Nr. 10, wenige hundert Meter von der evangelischen Kirche entfernt
und in unmittelbarer Nähe zum 1809 eingerichteten jüdischen Friedhof.
Vermutlich noch 1828 wurde mit dem Bau der Synagoge begonnen. Nach dem
Plan des Architekten Christoph Arnold wurde sie als längsrechteckiger Massivbau
erstellt. Äußerlich zeigten sich einige Besonderheiten, die die Synagoge aus
der Wohnbebauung heraushoben. Dazu gehörte der aus dorischen Säulen und Halbsäulen
gebildete Eingang, der mit einem weiten Thermenfenster überspannt war. Als
Gegenstück hatte der Architekt an der Ostseite über dem Toraschrein eine
Fenstergruppe geplant, die als ebenso bekanntes Architekturzitat eine Erfindung
der Renaissance einsetzte, das sogenannte Serlio- oder Palladiomotiv. Die
Architektursprache, die im badischen Bereich damals vor allem der Karlsruher
Architekt Weinbrenner vertrat, war deutlich spürbar. Was die Raumgestaltung
betraf, überspannte Arnold das Mittelschiff mit einer flachen Längstonne, während
die Emporen, etwas niedriger, flach gedeckt wurden. Die Emporen verliefen an
drei Seiten der Synagoge, wobei die Westempore den Frauen des Gemeindevorstandes
vorbehalten bleiben sollten.
Von Seiten der christlichen Bevölkerung hatte die jüdische
Gemeinde während und nach der Erbauung der Synagoge noch mit mancherlei
Schwierigkeiten zu tun. Im November 1829 musste sich die jüdische Gemeinde beim
Oberamt Emmendingen beschweren, da "schon etliche Male in der Nacht ... die
neuerbaute Synagoge dahier nicht nur allein mit Geißenkot, sondern sogar auch
mit Menschenkot angeworfen (wurde)." Streit gab es auch mit einem
benachbarten christlichen Schneider, da dieser sich lange weigerte, die
Wasserableitung des rituellen Bades durch seinen Hof zuzulassen. Das Oberamt
verpflichtete 1832 den Schneider allerdings dazu. 1879 und 1920 ist die Synagoge
umgebaut und renoviert worden.
Beim Novemberpogrom 1938 ist die Synagoge von
auswärtigen, insbesondere Freiburger SA-und SS-Leuten angezündet und dadurch völlig
zerstört worden. Die Leitung der Ausschreitungen in Freiburg, Ihringen,
Breisach und Eichstetten hatten der SS-Standartenführer Gunst und der
SA-Brigadeführer Weist in Freiburg. Nachdem sie die Synagoge in Freiburg
niedergebrannt hatten, erteilten sie SS- und SA-Führern den Befehl, die
Synagogen in den Kaiserstuhlorten zu zerstören. Bereits in der Frühe hatte
Gestapo die Synagoge in Eichstetten durchsucht. Später trafen dann zwei Autos
mit Freiburger SS-Leuten ein. Sie organisierten sich Vorschlaghämmer in der örtlichen
Schmiede, brachen die eiserne Gittertüre zum Synagogenhof und schließlich die
Synagogentüre auf. Dann demolierten sie die Synagogeneinrichtung und besorgten
Benzin bei der örtlichen Tankstelle. Inzwischen traf eine weitere Gruppe von
SA- und SS-Leuten ein. Das Synagogenmobiliar wurde im Mittelgang
aufeinandergeschichtet, mit Benzin übergossen und angezündet. Die Juden wurden
aus den Häusern geholt, durch den Ort und vor die Synagoge geführt, dabei gedrängt,
gestoßen und auf sonstige Weise gedemütigt. Einen Tag nach der Synagoge wurde
von Ortsbewohnern auch das Badehaus zerstört. Das auf einen Haufen geworfene
Holz wurde samt dem Handleichenwagen der jüdischen Gemeinde verbrannt.
An den Aufräumungsarbeiten der Synagogenruine mussten sich
mehrere Juden beteiligen und außerdem der politischen Gemeinde 900 Reichsmark
Unkosten ersetzen. Das Grundstück der Synagoge kam schließlich für 500
Reichsmark an die Gemeinde Eichstetten. Innerhalb der ein bis vier Meter hohen,
erhalten gebliebenen Umfassungsmauern wurde ein Garten angelegt. Eine Hinweistafel
ist vorhanden.
Fotos
Historische Pläne und Fotos:
(Quellen der Fotos: Hundsnurscher/Taddey s. Lit. Abb. 43 und 44; Ortschronik
Eichstetten Band II S. 114 und Farbtafel VII)
Pläne des Architekten
Christoph Arnold 1829
(Quellen: Hans Peter Schwarz, Die Architektur der
Synagoge S.161 (obere Zeile); Harold Hammer-Schenken: Synagogen in
Deutschland Abb. 55 (bzw. Arnold: Praktische Anleitung zur bürgerlichen
Baukunst, 1832) |
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| Westfassade der
Synagoge |
Grundriss |
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Querschnitt |
Längsschnitt |
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| Historische Fotos |
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Eingangstor zur Synagoge |
Innenaufnahme |
Seitenansicht des Gebäudes |
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| Inschrift über
dem Eingangsportal: "Mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für
alle Völker" (Jesaja 56,7) |
Synagoge (Vordergrund) und evangelische Kirche von
Eichstetten auf einer Ansichtskarte vor dem Ersten Weltkrieg |
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Fotos nach 1945/Gegenwart:
(Fotos: Hahn)
Fotos um 1985:
Platz der Synagoge |
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Blick über den früheren Eingangsbereich in die Synagoge |
Der Eingang in den Garten war der frühere Eingang in die Synagoge |
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Blick in den Garten innerhalb der Grundmauern der Synagoge |
Die südliche Seitenmauer der Synagoge |
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Ehemalige jüdische Schule
(Bahlinger Straße 7) |
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In der früheren jüdischen Schule war 1938/40 ein Betsaal eingerichtet |
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Fotos 2003:
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 27.10.2003) |
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| Blick auf das ehemalige
Synagogengrundstück mit den erhaltenen Umfassungsmauern |
Blick auf die Ostseite (rechts
im Schatten war die Apsis des ehemaligen Toraschreines) |
Gedenktafel für die Synagoge |
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Weitere Erinnerung
- erhalten von Peter Karl Müller, Kirchheim/Ries |
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Umschlag eines Briefes an Sim.
L. Epstein in Eichstetten, abgestempelt 14. Februar 1871 in Herborn |
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Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
Gedenken zum 70. Jahrestag des
Novemberpogroms 1938 (2008)
Foto
links von Mario Schöneberg: Bei der Feier zum 70. Jahrestag der
Zerstörung der Eichstetter Synagoge sprachen Pfarrerin Irene Hassler und
der katholische Gemeindereferent Hans Baulig vor der Gedenktafel
Gebete.
Artikel in der "Badischen Zeitung" 12. November 2008 (Artikel):
Die Eichstetter Synagoge brannte am hellen Tag.
EICHSTETTEN. In Eichstetten brannte am 10. November 1938, am Tag nach der so genannten Reichskristallnacht die örtliche Synagoge. Am Montagabend gedachten mehr als einhundert Menschen am Ort des Geschehens der Eichstetter Juden und deren Vertreibung. "Der Brand der Synagogen und die Vertreibung der jüdischen Familien scheint heute lange her", betonte Bürgermeister Michael Bruder, nachdem der örtliche Posaunenchor die Gedenkfeier eröffnet hatte. "Umso wichtiger ist es daher, dass auch spätere Generationen noch der Opfer von damals gedenken. Es war eine dunkle Zeit, auch in der Geschichte unseres Dorfes", erklärte das Gemeindeoberhaupt. Er rief dazu auf, heute mutig gegen Diskriminierung von Menschen anderer Hautfarbe, Nationalität oder Glaubens vorzugehen.
Später beteten die gut hundert Anwesenden gemeinsam mit der evangelischen Pfarrerin Irene Hassler und dem katholischen Gemeindereferenten Hans Baulig für die Opfer von damals. 110 Jahre lang stand in Eichstetten eine Synagoge, blickte Ursula Kügele vom Arbeitskreis jüdische Geschichte auf das jüdische Leben im Dorf zurück. Begonnen habe alles 1717, als der Markgraf von Baden- Durlach als damaliger Landesherr es sechs jüdischen Familien gestattete, nach Eichstetten zu ziehen. Es seien so genannte Schutzjuden gewesen, erläuterte Kügele. Sie hatten für ihr Bleiberecht ein jährliches Schutzgeld zu entrichten. Um 1800 waren es dann schon 140 Juden, die im rund 2000 Einwohner zählenden Eichstetten lebten. Ihren Betsaal hatten sie in einem Privathaus.
1809 erließ der badische Großherzog ein Toleranzpatent, was den Juden die staatsbürgerliche Gleichstellung brachte. Dies sei aber nicht mit der bürgerlichen Gleichstellung von 1862 zu verwechseln, betonte Kügele. Aber die Juden hatten nun in Baden das Recht auf einen erblichen Nachnamen, für die Kinder bestand Schulpflicht und sie bekamen eine kirchenähnliche Struktur. 1809 wurde dann auch gleich ein jüdischer Friedhof in Eichstetten angelegt. Und es entstand der Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus. Doch der Widerstand im Dorf sei stark gewesen, erläuterte Kügele. Niemand wollte hierzu sein Grundstück verkaufen. Erst 1828 war es ein Bürger aus Nimburg, der seinen Obstgarten am unteren Altweg an die mittlerweile 200 Menschen zählende jüdische Gemeinde verkaufte. Noch im selben Jahr soll die im klassizistischen Stil gehaltene Synagoge fertiggestellt worden sein. Aus dem Folgejahr seien Schmierereien mit Geißen- und Menschenkot aktenkundig, berichtete Kügele. Bald darauf wurde zudem eine Mikwe, ein rituelles Tauchbad, angebaut.
In den Folgejahren verlief das Leben der Juden in Eichstetten weitestgehend friedlich. 1864 war mit 427 Juden und einem Bevölkerungsanteil von über 15 Prozent das mitgliederstärkste Jahr der Gemeinde. Die Synagoge wurde in den Jahren 1879 und 1920 renoviert. "Die
Eichstetter Juden lebten vom Handel, waren Lehrer oder Metzger und arbeiteten in der Papierfabrik", erinnerte Rudolf Stein anschließend an die Zeit bis 1933. Damals gab es noch 91 Menschen jüdischen Glaubens im Dorf. Der Kontakt zur übrigen Bevölkerung sei nur noch verstohlen möglich gewesen. Bis dann 1938 SS-Mannen aus Freiburg kamen, um die Synagoge anzuzünden. Der Sprit hierfür wurde bei örtlichen Handwerkern erworben, berichtete Stein, der sich ebenfalls im Arbeitskreis jüdische Geschichte engagiert.
Die Feuerwehr durfte seinerzeit nicht eingreifen, sie beschützte einzig die Nachbargebäude. Einen Tag später wurden zudem das rituelle Bad zerschlagen und der Leichenwagen verbrannt. Außerdem mussten die noch in Eichstetten lebenden Juden mit 900 Reichsmark für die Feuerwehrrechnung aufkommen. Ein großer Teil der Männer wurde in Konzentrationslager abtransportiert. |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden.
1968. S. 62-63. |
 | Hans-Peter
Schwarz (Hg.): Die Architektur der Synagoge. Frankfurt 1988. S. 161. |
 | Christina Weiblen:
Die geschichtliche Entwicklung der jüdischen Gemeinde Eichstetten a.K. im 18. und
19. Jh. Wiss. Arbeit für das Lehramt an Gymnasien. Freiburg 1995. |
 | Ortschronik Eichstetten: Thomas Steffens
(Hg.): Eichstetten. Die Geschichte des Dorfes. Band
1,
1996; Band 2, 2000 (hierin u.a. Thomas Steffens: Die ersten acht Jahrzehnte
der jüdischen Gemeinde, Band 1 S. 231-234; Christina Weiblen/Ulrich Baumann: Die jüdische
Gemeinde Eichstetten im 19. und 20. Jahrhundert, Band 2 S. 109-161). |
 | Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern -
Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from
their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem
1986. S. 238-239. |
 | Joachim
Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als
Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte
und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt,
Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial,
Jerusalem. Stuttgart 2007.
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Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Eichstetten
Baden. Six Jewish families expelled from Alsace and Switzerland were the
first permanent settlers in 1716. A cemetery was opened in 1809, a synagogue in
1829, and a Jewish elementary school around 1835. The Jewish population reached
a peak of 477 in 1867, thereafter declining to 91 (total 1,919) in 1933. On Kristallnacht
(9-10 November 1938) the synagogue was burned and 18 Jewish men were detained at
the Dachau concentration camp. Fifty managed to emigrate in 1933-40 while eight
moved to other German cities. The last 22 Jews were deported to the Gurs
concentration camp on 22 October 1940.

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