Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Kirn (Kreis Bad Kreuznach)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:  

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen    
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen  
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  
Links und Literatur   

    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)     
    
In Kirn bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/42.  
  
Bereits im Mittelalter lebten jüdische Personen in der Stadt. Bei einer Verfolgung am 21. September 1287 (11. Tischri 5048 nach Angaben des "Martyrologiums" des Nürnberger Memorbuches) wurden in der Stadt sechs jüdische Personen ermordet. Vermutlich war dies Teil einer Verfolgungswelle, die mit der Ritualmordbeschuldigung gegen die Juden in Oberwesel begonnen hatte. Die Überlebenden haben Kirn verlassen. In der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts lebten wiederum Juden in der Stadt. Der Wildgraf von Kyrburg, der damaligen Ortsherr der Stadt, nahm mit Erlaubnis von König Albrecht 1301 drei Juden in seinen Besitzungen auf. 1330 bat Wildgraf Johann um eine Erhöhung der Zahl auf 15 Juden beziehungsweise jüdische Familien, was gleichfalls vom Kaiser gestattet wurde. Die Judenverfolgung in der Pestzeit 1348/49 zerstörte das jüdische Leben in der Stadt. 
     
Die jüdischen Familien haben vermutlich für Einrichtungen gesorgt wie einen Betsaal und einen jüdischen Friedhof; vom 16. bis zum 19. Jahrhundert gab es in der Gemarkung der Stadt noch den Flurnamen "Of dem Judenkirchof" als Erinnerung an einen alten jüdischen Begräbnisplatz. 
  
Zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert gab es offenbar keine jüdischen Niederlassungen in der Stadt. Nur 1693 ist - in der französischen Zeit - kurzzeitig ein jüdischer Einwohner genannt.      
     
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts sind wiederum jüdische Personen / Familien in Kirn zugezogen. Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich wie folgt: 1843 noch keine jüdischen Einwohner, 1858 fünf, 1866 45 jüdische Einwohner, 1895 104 (1,8 % von insgesamt 5.639 Einwohnern). Die jüdischen Personen / Familien waren insbesondere aus Orten der Umgebung zugezogen, u.a. aus Hennweiler, Bruschied, Becherbach, Simmern unter Dhaun (heute Simmertal), Merxheim, Meddersheim, Sien, Laufersweiler und Hottenbach.  
  
Zur jüdischen Gemeinde in Kirn gehörten nach 1900 auch die in Becherbach lebenden jüdischen Personen, die zuvor der Gemeinde in Hundsbach zugeteilt waren.   
 
Die jüdische Gemeinde ("Israelitische Religionsgesellschaft in Kirn") wurde 1866 gegründet, als ein Vorstand und Repräsentanten gewählt wurden und zugleich ein Frauen- und ein Männerverein entstanden sind. Die in der Liste von 1866 eingetragenen Namen der "zur Ausübung des Wahlrechtes befähigten Juden" waren: Jacob Ullmann (Kaufmann), David Ullmann (Handelsmann), David Wolf (Spezereikrämer aus Löllbach), Moses Lieb (Kaufmann) Abraham Scholem (Handelsmann), Marcus Loeb (Handelsmann aus Weierbach), Jacob Mayer (Musiker, Wirt aus Hennweiler).    

An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule, ein rituelles Bad und einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (siehe Ausschreibungen der Stelle unten). Unter den Religionslehrern waren um 1880 Joseph Seligmann, um 1889 Lehrer Bachenheimer (genannt auf einer Lehrerkonferenz in Saarbrücken, siehe Seite zu Saarbrücken) um 1892 Max Goldschmidt (geb. 1871 in Schlüchtern, umgekommen KZ Theresienstadt 1943), 1898/99 Joseph Nathan Kahn (geb. 1877 in Rieneck, war zuvor Lehrer in Babenhausen, nach seiner kurzen Zeit in Kirn wechselte er nach Offenbach/Main), seit 1908 Bernhard Weil (geb. 1868 in Eichstetten, umgekommen 1943 in Noé in Südfrankreich, war bis Februar 1939 in Kirn, danach bis zur Deportation im Oktober 1940 in Karlsruhe, weitere Angaben siehe unten).
   
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Alfred Moritz (geb. 16.5.1890 in Meisenheim, gef. 20.6.1916).  
        
1925 gehörten zur jüdischen Gemeinde 106 Personen (1,4 % der Gesamteinwohnerschaft). 1932 waren die Gemeindevorsteher Ferdinand Schmelzer (1. Vors., war seit 1911 Inhaber eines Geschäftes mit Bürstenwaren und Haushaltsgegenständen in der Radergasse 1), Dr. med. Richard Asch (2. Vors., hatte seit 1918 in der Bahnhofstraße 11 eine Arztpraxis, war Vertrauensarzt der Deutschen Reichsbahn, galt auf Grund seiner wohltätigen Einstellung als "Armenarzt") und Wilhelm Vogel I (3. Vors., Handelsmann, wohnte in der Neuestraße 9). Als Lehrer, Kantor und Schochet war weiterhin der bereits genannte Bernhard Weil angestellt. Er erteilte im Schuljahr 1931/32 12 jüdischen Kindern der Gemeinde den Religi
onsunterricht.  
   
Nach 1933
ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder (1933: über 100 Personen) auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge durch SA-Leute völlig zerstört; dazu wurden 13 jüdische Wohnhäuser überfallen und demoliert. 1939 wurden noch 39 jüdische Einwohner gezählt. Die letzten elf jüdischen Einwohner wurden im Juli 1942 deportiert. 
        
Von den in Kirn geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945", abgeglichen mit den Angaben bei Furch / Ziemer s.Lit. S. 15-19): Johanna Allmeyer geb. Köhler (1880), Julius Allmeyer (1884), Erwin Baum (1918), Erwin Baum (1918), Johanna Baum geb. Liebmann (1878), Siegmund Baum (1883), Julius Berg (1899), Martha Blasius geb. Koppenhagen (1892), Otto Brück (1873), Otto Dornhard (1886), Else Dornhard (1914), Ernst Dornhard (1917), Selma Dornhard geb. Hanau (1891), Johanna Gottschalk geb. Fried (1881), Maurice Gottschalk (1896), Max Gottschalk (1878), Moritz Gottschalk (1893), Paul Gottfried Gottschalk (1909), Theo Gottschalk (1915), Julius Grebe (1881), Hertha Greve geb. Weingarten (1897), Erich Haas (1914), Helene Haas geb. Gudenberg (1879), Leo Haas (1878), Willy (Wilhelm) Haas (1888), Felix Joseph (1905), Gustav Joseph (1866), Rosa (Rosina) Joseph geb. Scholem (1867), Anni Kahn (1921), Amalie Leib (1872), Elise Leib geb. Sender (1874), Leopold Leib (1875), Erna Levy geb. Vogel (1899),Max Ernst Levy (1908), Berta Levy geb. Kaufmann (1870), Leopold Levy (1895), Loritz Levy (1909), Erna Lob (1919), Frieda Paula Moritz (1890), Jette (Henriette) Moritz geb. Rosenfeld (1859), Henriette Römer geb. Sender (1902), Siegfried Römer (1924), Bertha Rothschild geb. Bärmann (1856), Albert Schmelzer (1903), Fritz Sigismund Schmelzer (1904), Herbert Sternheimer (1898), Rosa Vogel geb. Michel (1879), Wilhelm Vogel I (1872), Bernhard Weil (1868), Otto Weil (1894), Else Weiss geb. Dornhard (1914).  
     
     
     
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
     
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1879 / 1884 / 1885 / 1887 / 1892 / 1897 / 1900 / 1903   

Kirn Israelit 15101879.jpg (74535 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Oktober 1879: "Gesucht ein leistungsfähiger Religionslehrer, der zugleich Vorbeten und Schechita übernehmen kann, und auch alle Monate einen Vortrag in der Synagoge abzuhalten hat.   
Gehalt-Fixum  600 M.  An Schächter-Einkommen  300 M.  An Wohnungsentschädigung   100 M.  Zus, 1.000 M. 
Derselbe kann auch, wenn er sich darum bewerben will, an der höheren Schuhe dahier, wozu von der Zivil-Gemeinde ein besonderes Schullokal angewiesen ist, Unterricht erteilen. Schochet zu sein ist gerade nicht notwendig, weil 3 Schochtim hier sind. Die Schechita bringt aber Geld ein. Reformer werden zur Konkurrenz nicht zugelassen. Unverheiratete Bewerber werden vorgezogen.  
Kirn a.d. Nahe, 13. Oktober 1879. Der Vorstand E. Brück."  
 
Kirn Israelit 27111884.jpg (72652 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. November 1884: "Die israelitische Religionsgesellschaft zu Kirn a.d. Nahe wünscht per sofort oder auch bis zum 1. Januar 1883 einen unverheirateten, seminaristisch gebildeten Religionslehrer, tüchtigen Vorbeter und Schochet. Auch muss derselbe befähigt sein, einen deutschen Vortrag zu halten und haben solche, die außerdem auch musikalisch sind, den Vorzug, sowie auch lohnenden Nebenverdienst nebst einem fixen Gehalt von Mark 7-800 und die Schechita, die sich zwischen 200 und 400 Mark beläuft.   
Bewerber der Stelle mögen sich unter Zusendung ihrer Zeugnisse und Qualifikation voerst schriftlich an Herrn David Haas, Kassierer, oder an Herrn Jacob Michel, Beivorstand, wenden.  
Kirn, den 23. November 1884. Jacob Michel. 
Anmeldungen oder Bewerbungen auf die ausgeschriebene Stelle unter Nr. 5519 im 'Israelit', gezeichnet E. Brück, finden kein Engagement." 
 
Kirn Nahe Israelit 18051885.jpg (53796 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Mai 1885: "Eine kleine Gemeinde auf dem Lande wünscht einen Lehrer unter bescheidenem Gehaltsanspruch, welcher im Stande ist, 6 bis 8 Kindern den nötigen jüdischen Religionsunterricht zu erteilen, zu engagieren. Bewerbung und nähere Auskunft bei 
L. Rothschild in Kirn a.d. Nahe."  
Obige Stelle bezieht sich sicher nicht auf die jüdische Gemeinde in Kirn; die Ausschreibung wurde durch L. Rothschild in Kirn vermittelt. 
   
Kirn Nahe Israelit 16071885.jpg (84203 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Juli 1885: "Infolge Berufswechsels gelangt die hiesige Religionslehrer-, Kantor- und Schächterstelle zur Ausschreibung und sofortigen Wiederbesetzung. Gehalt 700-800 Mark, Ertrag der Schechitah 300 Mark und Kasualien 150 Mark. Außerdem stehen einem tüchtigen Beamten sehr erhebliche Nebenverdienste in Aussicht. Bewerber müssen Reichsangehörige, seminaristisch gebildet oder mindestens zum Religionslehrer-Fach autorisiert, musikalisch, im Besitze einer guten Stimme sein und einen guten deutschen Vortrag halten können. Reisekosten werden nicht vergütet. Nur unverheiratete Bewerber werden bevorzugt. Meldungen sind einzureichen an den jetzigen Inhaber 
Max Cahn, Lehrer in Kirn a.d. Nahe."   
 
Kirn Nahe Israelit 26111885.jpg (48426 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. November 1885: "Die hiesige Kultusbeamtenstelle ist sofort oder auch per 1. Januar 1886 zu besetzen. Unverheiratete geprüfte Lehrer, welche gleichzeitig gute Redner, Schochet und Baal Tokea (Schofarbläser) sind, wollen sich bei dem Unterzeichneten melden. Gehalt je nach Leistung bis zu Mark 1.400 und Gelegenheit für Nebendienste. 
Jacob Michel Söhne
, Kirn a.d. Nahe."  
 
Kirn Israelit 26051887.jpg (76818 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Mai 1887: "Per 1. Juli oder August soll die hiesige Lehrerstelle wieder besetzt werden. Nur solche, welche die Berechtigung zur Erteilung des Religionsunterricht haben, guter Vorbeter, musikalisch gebildet sind, und außerdem einen deutschen Vortrag halten, mögen sich bei dem unterzeichneten Vorstande melden. Gehalt je nach Leistung, von Mark 800-1.000, Schechita Erträgnis Mark 300, sowie sonstige Nebenverdienste. Unverheiratete oder solche mit kleiner Familie finden nur Berücksichtigung.  
Kirn a.d. Nahe, 18. Mai 1887. 
Der israelitische Gemeindevorsteher Michel Michel II."  
 
Kirn Israelit 27101892.jpg (44421 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Oktober 1892: "Kirn (Nahe).  
Wir suchen zum sofortigen Eintritt einen tüchtigen Religionslehrer, Vorbeter und Schächter. 
Gehalt 800 bis 900 Mark. Nebenverdienst 200 bis 300 Mark. 
Nur solche Bewerber können Berücksichtigung finden, die seminaristisch gebildet sind. 
Offerten unter Beifügung von Zeugnis-Abschriften nimmt entgegen. 
Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde Kirn a.N." 
 
Kirn Israelit 08031897.jpg (70912 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. März 1897: "Die Israelitische Religions-Gesellschaft Kirn sucht per 1. August oder 1. September einen Religionslehrer, Vorbeter und Schochet. Derselbe muss gute Stimme besitzen, etwas Musik verstehen und monatliche einen deutschen Vortrag halten können. Der fixe Gehalt beträgt Mark 900 bis 1.000, das Schächten ca. 300 Mark, auch ist Gelegenheit zu Nebenverdiensten geboten. Für unverheirateten Herrn freie Wohnung.   
Bewerber wollen die Abschrift ihres Seminar-Zeugnisses und andere nötige Papiere einsenden und detaillierte Mitteilung über ihre Leistungen geben. Ausländer bleiben unberücksichtigt.  
Der Vorstand: August Michel."    
  
Kirn Israelit 20091897.jpg (53747 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. September 1897: "Die israelitische Religionsgesellschaft Kirn a. Nahe sucht per 1. November dieses Jahrs einen seminaristische gebildeten Religionslehrer, Vorbeter und Schochet. Derselbe muss angenehme Stimme haben, etwas Musik verstehen und monatlich einen deutschen Vortrat halten können. der fixe Gehalt beträgt Mark 900 bis Mark 1.000. Das Schächten bringt ca. Mark 300 ein, außerdem ist Gelegenheit zu Nebenverdiensten geboten. 
Den Offerten sind unter Angabe bisheriger Tätigkeit, Zeugnisabschriften beizufügen.
Ausländer bleiben unberücksichtigt. 
Der Vorstand: August Michel."   
  
Kirn Israelit 18101900.jpg (64858 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Oktober 1900: "Die israelitische Religionsgesellschaft in Kirn a.d. Nahe sucht per 1. Januar 1901 einen seminaristisch gebildeten 
Religionslehrer, Vorbeter und Schochet.   
Derselbe muss angenehme Stimme haben, etwas Musik verstehen und monatlich einen deutschen Vortrag halten können. Der feste Gehalt beträgt 1.000-1.200 Mark - das Schächten etc. bringt 200 - 300 Mark ein. Den Offerten sind unter Angabe bisheriger Tätigkeit, Zeugnisabschriften und Photographie beizufügen. 
Der Vorstand: 
Gustav Haas".
  
 
Kirn Nahe AZJ 02111900.jpg (72386 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 2. November 1900: ""Die israelitische Religionsgesellschaft in Kirn a.d. Nahe sucht per 1. Januar 1901 einen seminaristisch gebildeten 
Religionslehrer, Vorbeter und Schochet.   
Derselbe muss angenehme Stimme haben, etwas Musik verstehen und monatlich einen deutschen Vortrag halten können. Der feste Gehalt beträgt 1.000-1.200 Mark - das Schächten etc. bringt 200 - 300 Mark ein. Den Offerten sind unter Angabe bisheriger Tätigkeit, Zeugnisabschriften und Photographie beizufügen. 
Der Vorstand: 
Gustav Haas".
"
 
Kirn Israelit 05031903.jpg (73778 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. März 1903: "Die israelitische Religionsgesellschaft in Kirn a.d. Nähe sucht per 1. Mai dieses Jahres, eventuell auch 1. Juni, einen seminaristisch gebildeten 
Religionslehrer, Vorbeter und Schochet

Derselbe muss angenehme Stimme haben, etwas Musik verstehen und monatlich einen deutschen Vortrag halten können. Das feste Gehalt beträgt Mark 1.000 bis 1.200. Das Schächten etc. bringt ca. Mark 200 ein. 
Den Offerten sind unter Angabe bisheriger Tätigkeit, Zeugnisabschriften und Photographie beizufügen. 
Der Vorstand.
"   
  
Ausschreibung im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 15. Mai 1903: "Kirn a.d.Nahe. Gesamteinkommen Mark 1.700.- bis Mark 1.800.-. Meldungen an den Vorstand."  

  
Ausschreibungen der Stelle des Vorbeters zu den Hohen Feiertagen (1903)    

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. September 1902: "Für Rosch Haschono und Jom-Kippur suchen wir einen tüchtigen Vorbeter
Bei Bewerbungen Angabe der Ansprüche erbeten.   
Der Vorstand der Israelitischen Religions-Gesellschaft Kirn an der Nahe."    

   
Über den Lehrer Bernhard Weil (1868 bis 1943)   
(zu Bernhard Weil nach den Angaben bei Furch/Ziemer s.Lit. S. 19) 

Eichstetten Weil Bernhard 010.jpg (14708 Byte)Bernhard Weil ist am 19. Juni 1868 in Eichstetten als Sohn von Isaak Weil und Pauline geb. Rotschild geboren. Er war verheiratet mit Julie geb. Strauß aus Karlsruhe (geb. 30. März 1873). Bernhard Weil ließ sich zum Lehrer und Kantor ausbilden und war als solcher von 1908 bis 1939 in Kirn tätig (zuvor u.a. in Leutershausen (Bergstraße), wo der Sohn Kurt Hermann Weil am 26. November 1895 geboren ist). In Kirn lebte die Familie seit 1917 im Steinweg 41. Am 27. Februar 1939 meldete sich das Ehepaar ab und verzog am 1. März nach Karlsruhe Wilhelmstraße 36. Das Ehepaar wurde am 22. Oktober 1940 in das KZ Gurs in Südfrankreich deportiert. Von hier aus kam Bernhard Weil nach Noé, wo er umgekommen ist. Seine Ehefrau wurde aus einem Lager befreit und konnte in die USA emigrieren.
Angabe im Karlsruher Gedenkbuch zu Bernhard Weil.  
Der Sohn - Kurt Hermann Weil - ist am 2. Januar 1992 gestorben. Er war Pilot im Ersten Weltkrieg und in den 1930er-Jahren leitender Konstrukteur bei der Flugzeugfirma Junkers, wo er eng mit Prof. Hugo Junkers in der Konstruktion der Ju-52 zusammenarbeitete. 1933 emigrierte er nach England, von dort kam er 1938 in die USA, wo er bei General Motors arbeitete. Nach 1945 halt er dem Verteidigungsministerium bei der Organisation der Berliner Luftbrücke. Er war als Professor in den USA und als Gastprofessor an der Technischen Universität Berlin tätig.   
Artikel zu seinem Tod in der "New York Times" vom 8. Januar 1992 .  
Die Enkelin von Bernhard Weil - Kathleen Weil-Garris Brandt (geb. 1934) ist Professorin an der New York University.
Artikel in Dictionary of Art Historians zu Kathleen Weil-Garris Brandt    

    
    
Anzeigen jüdischer Gewerbetriebe und Privatpersonen      
Lehrlingssuchen des Metzgermeisters Salomon Berg (1899 / 1907)   

Kirn Israelit 12101899.jpg (25655 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Oktober 1899
"Suche für meine Metzgerei sofort einen Lehrling
Salomon Berg,
Metzger, 
Kirn an der Nahe."  
 
Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 28. Juni 1907
"Suche für sofort einen
Metzger-Lehrling 
oder einen jungen angehenden Gesellen unter günstigen Bedingungen. 
Salomon Berg, Metzger, Kirn a. Nahe."   
   
Anmerkung: Salomon Berg (geb. 1872 in Weiler) war Metzgermeister und Gastwirt (Betrieb in der Übergasse 14). Er war verheiratet mit Karoline geb. Rothschild aus Sien (geb. 1874). Die Metzgerei war u.a. wegen ihrer "guten Wurstwaren" bekannt. Das Ehepaar konnte 1939 über Holland in die USA emigrieren (Cleveland, Ohio). Das Ehepaar hatte eine Tochter Lilli (geb. 1904), die 1986 noch in Kapstadt/Südafrika lebte.

   
  
   
Zur Geschichte der Synagoge        
   
Seit Anfang der 1870er-Jahre gab es einen jüdischen Betsaal in Kirn. Dazu war ein "Lokal" im Hinterhof des Gasthauses "Zur Krone" In der Übergasse gemietet wurden, das zuvor als Turnhalle Verwendung gefunden hatte (an Stelle dieser ersten Synagoge ist heute ein Parkplatz).    
  
1887 wurde in der Amthofstraße der Grundstein für eine Synagoge gelegt, deren Architekten und ausführende Bauunternehmer die Gebrüder Benkelberg aus Korn waren. Am 24. und 25. Februar 1888 erfolgte die feierliche Einweihung der Synagoge. Das Gebäude war traufständig in die Häuserzeile der Amthofstraße eingebunden. Die Traufseite war durch Lisenen gegliedert, zwischen denen sich in den beiden äußeren Feldern Rundbogenfenster und maßwerkgefüllte Kreisfenster gefunden, in den beiden inneren Feldern große, zweibahnige Maßwerkfenster.  Zur Einweihung berichtete die "Kirner Zeitung": 
  
Die Einweihung der Synagoge in Kirn (1888)       

Kirn Synagoge PA 1888.jpg (195856 Byte)Artikel in der "Kirner Zeitung" vom 26. Februar 1888. "Kirn, 26. Februar (1888). Am 24. und 25. Februar fand seitens der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde die Einweihung ihrer neu erbauten Synagoge statt. Von Nah und Fern hatten sich eine große Anzahl Glaubensgenossen eingefunden, um diesem schönen Feste beizuwohnen. Die Einweihung verlief programmmäßig. Um 3 Uhr Nachmittags fand in der alten Synagoge der Abschiedsgottesdienst unter Ausheben der Torarollen statt. Hierauf erfolgte der Zug zur neuen Synagoge, welcher wie folgt, zusammengesetzt war. Schuljugend und Lehrer, Musik, Synagogenchor, die Gemeindeältesten mit den Torarollen, begleitet von den Festjungfrauen, Rabbiner und Kantor, der Herr Bürgermeister und Synagogenvorstand, die Ehrengäste, die Mitglieder der Kultusgemeinde und eine große Anzahl Festteilnehmer. An der neuen Synagoge angelangt, hielt zunächst Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt eine kurze, aber treffende Ansprache, worauf das Töchterchen des Herrn Michel II., welches den Schlüssel zur neuen Synagoge auf einem Kissen beim Festzuge getragen hatte, denselben Herrn Bauunternehmer Benkelberg übergab. Dieser überreichte sodann den Schlüssel Herrn Bürgermeister Rau, welch Letzterer, als Vertreter der Stadt, denselben weiter an den Synagogenvorstand und durch diesen an den Rabbiner behufs Eröffnung der Synagoge aushändigte. Nach Einzug sämtlicher Festteilnehmer in das neue Heiligtum fand die Einweihung und Festgottesdienst statt, wobei wir nicht unterlassen können, Herrn Rabbiner Dr. Goldschmidt für seine überaus schwungvolle Einweihungsrede volle Anerkennung auszusprechen. Nach Schluss dieser Feier war Abendgottesdienst und hierauf folgte im Gesellschaftshaus ein großes Festessen, an welchem sich außer den Festgenossen auch eine große Anzahl hiesiger Bürger beteiligten. Das Festessen verlief in schönster Weise und trug die Gregorius'sche Musikkapelle zur Verschönerung derselben viel bei. Die Speisewirtschaft war einem israelitischen Restaurateur von Kreuznach übertragen, während die Schenkwirt von einem hiesigen Wirte ausgeführt wurde. Gestern Vormittag fand wieder Festgottesdienst in der neuen Synagoge statt. Das für gestern Nachmittag 4 Uhr angekündigte Konzert im Gesellschaftshause war recht zahlreich besucht und breitete durch präzisen Vortrag der einzelnen Musikpiecen seitens der Gregorius'schen Kapelle einen besonderen Genuss. Zu dem für Abends festgesetzten Ball waren ebenfalls recht viele Teilnehmer erschienen und hielt in Folge des schönen Verlaufs Jung und Alt bis zur frühen Morgenstunde gemütlich beisammen."      

    
Im Februar 1928 konnte ein Gedenkgottesdienst zum 40-jährigen Bestehen der Synagoge gefeiert werden. An der Feier nahmen die Honoratioren der Stadt, angeführt von Bürgermeister Bongartz teil. 

Kirn Synagoge PA 1928.jpg (128515 Byte)Artikel in der "Kirner Zeitung" vom 28. Februar 1928: "Gedenkgottesdienst in der Synagoge anlässlich des 40-jährigen Bestehens des Gotteshauses. Unter dem 26. Februar 1888 berichtet die 'Kirner Zeitung' von den Einweihungsfeierlichkeiten der neu erbauten Synagoge, die unter großer Anteilnahme der gesamten Bürgerschaft einen schönen Verlauf nahmen. Das ehemalige israelitische Gotteshaus befand sich vor 1888 in der ehemaligen Turnhalle, Übergasse (Besitzer Herr Nonweiler). Von der damaligen Generation, die das Gotteshaus errichteten, ist Herr L. Rothschild vor kurzer Zeit als Letzter gestorben. In der Predigt am Samstag, den 25. dieses Monats gedacht u.a. Herr Kantor Demant der Zeit vor 40 Jahren, als man unter großen Opfern den Bau aufführte. Reichlich flossen die Spenden. Es wurde als besonders schöner Zug edler Menschlichkeit empfunden, dass sich auch die andersgläubigen Mitbürger an der Spende im großen Maße beteiligten und sich dadurch den dank der israelitischen Gemeinde für immer erwarben. Gewiss ein Zeichen des guten Einvernehmens, das unter der hiesigen Bürgerschaft gleich welcher Konfession, damals wie heute waltet. Im Anschluss an die Predigt verrichtete man aus Dankbarkeit ein Gebet für das Seelenheil, in das man alle seligen Spender jedweden Glaubens einschloss."  

    
Zehn Jahre später - beim Novemberpogrom 1938 - drangen SA-Leute in die Synagoge ein und zerstörten die gesamte Einrichtung. Bänke und Ritualien wurden nach außen getragen und verbrannt. Am 13. April 1939 musste die jüdische Gemeinde das Anwesen mit der Synagoge für 5.358 RM zwangsweise verkaufen. Im Zusammenhang mit dem Restitutionsverfahren 1950 musste eine Nachzahlung von 4.000 DM getätigt werden. 1950 wurde das Gebäude abgebrochen. Auf dem Grundstück wurde ein Kino erstellt. 
 
In der Stadt erinnert seit dem 9. November 1988 ein Denkmal an das Schicksal der jüdischen Gemeinde in der Synagoge (am Steinweg zwischen Neuer Straße und Langgasse). Eine weitere Gedenktafel ist - bereits seit 1978 - neben dem Gefallenen-Denkmal auf dem Friedhof.   
     
Adresse/Standort der Synagoge:      Amthofstraße 2  
     
     
Fotos      
(Quelle: Landesamt s. Lit. S. 212)   

Zeichnung der Synagoge 
(erstellt von Stadtbaumeister 
Ewald Lehnen)
Kirn Synagoge 210.jpg (119439 Byte)    
  Die Zeichnung zeigt die 
straßenseitige Ansicht
  
       
Abbruch der Synagoge  Kirn Synagoge 211.jpg (99284 Byte)    
   Die Aufnahme ist von 1950     

  
  
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte      

November 2008: Gedenken zum 70. Jahrestag der Pogromnacht 1938 in Kirn   
Artikel von Nikolaus Furch in der "Allgemeinen Zeitung" ("Main-Rheiner" vom 12.11.2008, Artikel)  
Windlicht leuchtet als ein Zeichen der Hoffnung -  Gedenken an Reichspogromnacht / Gang der Erinnerung durch Kirn 

KIRN Trotz des kalten November-Niesel-Wetters fanden sich in der evangelischen Kirche viele Besucher zum ökumenischen Gottesdienst im Gedenken an die unheilvollen Geschehnisse der Reichspogromnacht ein..."    
  
Herbst 2008: Projekt von Schülern der Hauptschule in Kirn   
Artikel von Lena Müller  in der "Allgemeinen Zeitung" vom 11. Dezember 2008 ("Rhein-Mainer"; Artikel): Zeitgeschichte mit Kamera auf der Spur. "Wie war das denn damals?" / Hauptschule stellt Ergebnisse in Form von drei DVDs vor.   
Kirn. "Wie war das denn damals?" Diese Frage stellen sich seit 2005 insgesamt 30 Schüler in einer Arbeitsgemeinschaft und an Projekttagen. Die Ergebnisse wurden nun dem Schulelternbeirat der Hauptschule in Form von Kurzfilmen präsentiert. Begonnen hatte das Projekt während der Projektwoche 2005..."   

       
        

Links und Literatur  

Links:  

Website der Stadt Kirn   
Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Kirn (interner Link)     

Literatur:  

Germania Judaica II,1 S. 400-401.
Nikolaus Furch / Hans-Werner Ziemer: Auf den Spuren jüdischer Geschichte in Kirn. In: SACHOR. Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz. Hrsg. von Matthias Molitor und Hans-Eberhard Berkemann in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz. Erschienen im Verlag Matthias Ess in Bad Kreuznach. 9. Jahrgang, Ausgabe 1/1999. S. 5-28. Online zugänglich (als pdf-Datei eingestellt).  
Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Mainz 2005. S. 211-212 (mit weiteren Literaturangaben).  

  
   


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Kirn  Rhineland. Jewish settlement already existed in the 13th century, but the Jews left after six were killed in riots in 1287, apparently in the wake of the Oberwesel blood libel. 
Jews began to settle again in the first half of the 19th century, ther number rising from five in 1843 to 59 in 1871 and a peak of 109 in 1905 (total 6.588). A synagogue was consecrated in 1888. In June 1933, about four months after the Nazi rise to power, the Jewish population in Kirn numbered 78. By 1938, 45 Jews remained in Kirn, most of them elderly people. On Kristallnacht (9-10 November 1938), 12 Jewish homes and the synagogue were destroyed. Of the 27 Jews who emigrated from June 1933, 13 reached the United States; another 38 moved to other German cities. Eleven jews were deported in July 1942.    
     
      

                   
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Stand: 18. Januar 2016