Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


Eingangsseite

Aktuelle Informationen

Jahrestagungen von Alemannia Judaica

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft

Jüdische Friedhöfe 

(Frühere und bestehende) Synagogen

Übersicht: Jüdische Kulturdenkmale in der Region

Bestehende jüdische Gemeinden in der Region

Jüdische Museen

FORSCHUNGS-
PROJEKTE

Literatur und Presseartikel

Adressliste

Digitale Postkarten

Links

 

 
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"  
zurück zur Übersicht "Synagogen in Rheinland-Pfalz" 
Zur Übersicht "Synagogen im Kreis Bad Kreuznach"   
   

Meisenheim (Landkreis Bad Kreuznach)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Zur Geschichte des Rabbinates  
Zur Geschichte der israelitischen Schule sowie der Lehrer und Vorbeter 
Die Gemeinde- und Synagogenordnung von 1849  
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe  
Zur Geschichte der Synagoge  
Fotos  
Links und Literatur  

 

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In Meisenheim lebten Juden möglicherweise bereits im Mittelalter, nachdem der Ort 1315 die Stadtrechte verliehen bekam. Urkundlich wird jedoch erst 1551 ein Jud Moses genannt, der ein Wohnhaus in der Schweinsgasse verkaufte. 1569 wurden die Juden aus der Stadt verwiesen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg waren zwei jüdische Familien in der Stadt zugelassen.
   
Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück. Nach einem Bericht von 1860 war der damals noch älteste lesbare Stein im Meisenheimer Friedhof von 1725. Vermutlich konnten damals wieder Juden in der Stadt leben. In der Zeit vor der Französischen Revolution waren es einige wenige Familien, unter denen sich ein Metzger befand, der sein Gewerbe in der Stadt ausüben konnte. Um 1800 flüchteten offenbar mehrere Familien in die Stadt auf Grund der Streifzüge des Johannes Bückler ("Schinderhannes").

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl der jüdischen Einwohner vor allem durch Zuzug von jüdischen Dörfern im Bereich des Hunsrück stärker zu. Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich wie folgt: 1808 161 jüdische Einwohner, 1860 260, 1864 198 (12 % der Einwohnerschaft), 1871 160 (8,73 % von 1832 Einwohnern), 1885 120 (7,05 % von 1701), 1895 87 (5,01 % von 1738), 1902 89 (5,01 % von 1777). Zur jüdischen Gemeinde Meisenheim gehörten auch die in Breitenheim lebenden jüdischen Einwohner (1924 zwei).

An Einrichtungen bestanden eine Synagoge (s.u.), spätestens seit 1826 eine israelitische Elementar- bzw. eine Religionsschule (seit 1842 im Gebäude Wagnerstraße 13), ein rituelles Bad und einen Friedhof. Zur Besorgung religiösen Aufgaben der Gemeinde war neben dem Rabbiner (s.u.) ein jüdischer Elementar- bzw. Religionslehrer angestellt, der teilweise zugleich als Vorbeter und Schochet (Schächter) tätig war. Zeitweise war die Stelle des Vorbeters (Kantors) auch zusätzlich neben dem Elementarlehrer ausgeschrieben. Im 19. Jahrhundert wirkte als Elementarlehrer von 1837 bis 1887 (50 Jahre lang) Benjamin Unrich. Er unterrichtete 1830 32 Kinder, 1845 46, 1882 21 Kinder. Mit der Zurruhesetzung Unrichs bzw. seinem Tod 1890 wurde die jüdische Elementarschule geschlossen; die Kinder besuchten seitdem die evangelische Schule und erhielten an der jüdischen Religionsschule ihren Religionsunterricht. Von 1875 bis 1909 war Heyman de Beer Kantor und Religionslehrer der Gemeinde. Letzter jüdischer Religionslehrer war von 1924 bis 1928 Julius Voos. Er unterrichtete 1924 noch 15, 1928 nur noch sieben Kinder. Nach seinem Weggang wurden die nur noch wenigen schulpflichtigen jüdischen Kinder durch den Lehrer aus Sobernheim unterrichtet.     
  
Meisenheim war im 19. Jahrhundert Sitz eines Rabbinates (zuständig für das hessisch-homburgische Oberamt Meisenheim). Vor 1835 war vermutlich erster Rabbiner in Meisenheim Isaac Hirsch Unrich. Dann blieb das Rabbinat zehn Jahre lang unbesetzt, da die finanziellen Mittel fehlten. 1845 wurde mit Baruch Hirsch Flehinger ein neuer Rabbiner gewählt. Er blieb bis 1861. Seine Nachfolger waren seit 1863 Rabbiner Latzar aus Kikinda sowie von 1870 bis 1879 Dr. Israel Mayer, der 1879 nach Zweibrücken berufen wurde. Auch 1879 und 1883 wurde die Stelle des Rabbinats noch einmal ausgeschrieben (siehe Ausschreibungstexte unten).      
  
Um 1924, als noch 55 jüdische Gemeindeglieder gezählt wurden (3 % von ca. 1800-1900 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde Moritz Rosenberg, Simon Schlachter, Albert Kaufmann, Hermann Levy. Der Repräsentanz gehörten an: Louis Strauß, Levi Bloch, Albert Calm, Siegmund Calm. Als Lehrer war Julius Voos angestellt. Er unterrichtete an der Religionsschule der Gemeinde und erteilte den jüdischen Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen. 1932 waren die Gemeindevorsteher Moritz Rosenberg (1. Vors.), Simon Schlachter (2. Vors.) und Felix Kaufmann (3. Vors.). Inzwischen hatte die Gemeinde keinen eigenen Lehrer mehr. Den Unterricht der damals noch sechs schulpflichtigen jüdischen Kinder erteilte Lehrer Felix Moses aus Sobernheim. Von den jüdischen Vereinen war damals insbesondere noch der Israelitische Frauenverein auf dem Gebiet der Armenunterstützung aktiv (1932 Vorsitzende Frau Schlachter). 
 
1933 lebten noch 38 jüdische Einwohner in 13 Familien in Meisenheim. In den folgenden Jahren ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Bereits 1933 kam es zu einschüchternden Maßnahmen: Schächtermesser wurden durch SA und "Stahlhelm" beschlagnahmt. Mehrere der bekannten Meisenheimer jüdischen Geschäftsleute (Getreidegroßhändler Hugo Weil, Weinhändler Julius Levy, Vieh- und Getreidegroßhändler) wurden in sog. "Schutzhaft" genommen. Die jüdischen Gewerbebetriebe wurden "arisiert", die letzten im Juni 1938 (Adlerkellerei und Likörfabrik Julius Levy an Alfons Treitz und Paul Risch sowie die Firma Jakob Weil). Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge erheblich beschädigt (siehe unten). Die noch am Ort befindlichen jüdischen Männer wurden verhaftet. Mit der Deportation der letzten in Meisenheim lebenden jüdischen Personen im Oktober 1940 nach Südfrankreich endete die Geschichte der jüdischen Gemeinde am Ort. 
   
Von den in Meisenheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945", verglichen mit den Angaben aus W. Dörr s. Lit.): Ferdinand Altschüler (1865), Thekla Bär geb. Fränkel (1862), Cäcilia (Zili) de Beer (1891), Hedwig de Beer (1887), Klara de Beer (1889), Rosa Borngässer geb. Bamberger (1875), Ida Cahn geb. Kaufmann (1885), Sigmund Cahn (1874), Adolf David (1879), Julius David (1883), Alexander Felsenthal (1896), Julius Fränkel (1873), Karl Josef Fränkel (1902), Leo Fränkel (1867), Thekla Fränkel (1862), Pauline (Paula) Goldmann geb. Fränkel (1864), Willy Hamburger (1911), Albert Löb (1870), Flora Löb geb. de Beer (1895), Julius Maas (1876), Martha Mayer geb. Fränkel (1866), Georg Meyer (1894), Johanna Nathan geb. Strauss (1873), Auguste Rosenberg geb. Stern (1863), Elsa (Else) Rosenberg (1894), Moritz Rosenberg (1866), Flora Sandel geb. de Beer (1884), Justine Scheuer geb. Fränkel (1861), Adele Silberberg geb. David (1871), Isidor (Juda, Justin) Stern (1893), Walter Stern (1899), Ida Strauss geb. Strauss (1862), Isaac Julius Strauss (1866), Johanna Strauss (1862), Laura Strauss geb. Michel (1883), Lilli Strauss (1924), Rudolf Strauss (1928), Dr. Julius Voos (1904), Alfred Weil (1936), Else Weil geb. Kahn (1882), Isidor Weil (1875).     
  
Nach 1945 kam nur ein jüdische Ehepaar nach Meisenheim zurück (Otto David und Frau)  
  
   

  
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde

Zur Geschichte des Rabbinates        
Besetzung des Rabbinates mit Rabbiner Baruch Hirsch Flehinger (1845)

Meisenheim AZJ 01121845.JPG (77906 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. Dezember 1845: "Meisenheim (Hessen-Homburg), im November (Privatmitteilung). Nachdem unser Rabbinatssitz aus Mangel an Mitteln zur Besoldung eines Rabbiners über zehn Jahre verwaist war, ist derselbe dieser Tage durch Herrn Flehinger, den Verfasser der größeren und kleineren Erzählungen aus den heiligen Schriften, wieder besetzt worden. Diese Besetzung wäre uns auch jetzt nicht möglich gewesen, wenn nicht unser gütiger Landgraf uns huldvoll die Hand dazu geboten hätte, indem Seine landgräfliche Durchlaucht den vierten Teil des Gehalts aus Staatsmitteln bewilligte. Unser Herr Rabbiner findet ein sehr brach liegendes Feld vor, es kann ihm an Arbeit nicht fehlen. Gott segne sein Wirken, von dem wir uns viel Gutes für Gotteshaus und Schule versprechen!"
  
Meisenheim Israelit19Jh 14121845.jpg (71687 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit des 19. Jahrhunderts" vom 14. Dezember 1845: "Meisenheim (Hessen-Homburg). Hier ist der durch seine kleinere und größere Geschichte bekannte Flehinger (bisher Religionslehrer in Darmstadt) vor einiger Zeit, durch die Regierung zum Rabbiner angestellt worden, und gibt die Regierung auch zu dessen Gehalt eine nicht unbedeutende Beisteuer sowie dieselbe auch den Rabbiner als Staatsbeamten anerkennt. Man kann sich umso mehr hiermit freuen, als Herr Flehinger entschieden dem Fortschritt huldigt, weshalb derselbe auch früher von dem Darmstädter Auerbach aufs Schändlichste verfolgt ward. Dabei besitzt Herr Flehinger gründliche und gediegene wissenschaftliche talmudische Kenntnisse, und gehört auch seinem Charakter nach zu den ehrlichsten und aufrichtigsten Rabbinen unserer Zeit. Möge er nur in seinen Gemeinden die Anerkennung und das Zutrauen finden, die ihm so vollkommen gebühren."

 
Bemühungen von Rabbiner Flehinger zur Reform des Gemeindelebens (1847)

Meisenheim Israelit19Jh 14031847.jpg (138171 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit des 19. Jahrhunderts" vom 14. März 1847: "Kultus-Verbesserungen. (Meisenheim, im Februar). – Der bessere Geist der Zeit, der alle Wohnungen der deutschen Juden durchzieht, hat nunmehr auch bei uns Einkehr genommen, seitdem Herr Flehinger seine Anstellung als unser Rabbiner erhielt. Er bemüht sich in weiser Umsicht das leider bei uns noch im Argen liegende religiöse Bewusstsein auf eine bessere Weise umzugestalten und es auf die Höhe der Gegenwart zu erheben. Ich tue der von ihm getroffenen Einrichtungen bezüglich der Einführung des Chorgesangs, der äußerlichen Ordnung beim Gottesdienst etc., die anderswo kaum mehr des Aufhebens wert sind – nur aus dem Grunde Erwähnung, weil der größte Teil seiner Gemeindemitglieder orthodox, Herr Flehinger nur altgläubige Vorgänger hatte und sein Rabbinat übernahm, nachdem dasselbe lange ohne geistlichen Hirten gewesen. Überdies ist bei jeder Änderung des Status quo des Gottesdienstes die Zustimmung des jüdischen Vorstandes erforderlich, welche bekanntlich nicht immer mit leichter Mühe zu erlangen ist. Wir können sicher noch Weitergreifende Reformen von unserem Rabbiner erwarten. Erwähnen muss ich noch, dass Herr Flehinger nach dem Schlusse des sabbatlichen Gottesdienstes am Freitage die Jugend vor sich treten lässt und sie segnet, d.i. benscht. Riecht das nicht nach Priesterlichkeit?
Auch eine bürgerliche Verbesserung ist uns zuteil geworden. Unsere Regierung hat nämlich das kaiserliche Dekret des so genannten Moralpatentes außer Kraft
gesetzt, und so können wir uns nunmehr als völlig emanzipiert erklären. – Im Ganzen leben in der Landgrafschaft 1.000 jüdische Seelen, die sich der Achtung der Beamten und der Liebe ihrer christlichen Mitbürger erfreuen. Die eigentliche Landgrafschaft Homburg hat einen eigenen Rabbiner, soviel wir wissen vom orthodoxen Genre, Herr Flehinger ist nur Rabbiner in der Herrschaft Meisenheim."

  
Werbung für Publikationen des Rabbiners Flehinger (1857)

Meisenheim Jeschurun Jan1857.jpg (84707 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Jeschurun" vom Januar 1857: "Anzeige. In der Jäger’schen Buch-, Papier- und Landkartenhandlung in Frankfurt am Main ist soeben erschienen: Flehinger, B.H., Rabbiner in Meisenheim: Erzählungen und Belehrungen aus den heiligen Schriften der Israeliten, nebst einem Anhange: Begebenheiten in den Tagen Mathithiasus und seiner Söhne. Dargestellt für die reifere israelitische Jugend. Zweite verbesserte Auflage. Preis 18 Sgr. Oder 1 Gulden. Diese zweite Auflage des größeren Werkes des Herrn Verfassers, dessen kleines Lehrbuch bereits die achte Auflage erlebt, ist mannigfach vergrößert, im Preise billiger als die erste und bereits in mehreren Schulen, namentlich in der bayerischen Pfalz, eingeführt. Israelitische Lehrer, welche dies Werk noch nicht kennen, erhalten von uns gerne auf Verlangen ein Frei-Exemplar geliefert."

    
Ausschreibung des Rabbinates (1861)  

Meisenheim AZJ 070511861.jpg (66788 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 7. Mai 1861: "Anzeige. Die hiesige Rabbinatsstelle, seit 15 Jahren von Herrn Rabbiner Flehinger verwaltet, ist durch dessen Weiterbeförderung mit dem 1. Mai dieses Jahres anderweitig zu besetzen. - Außer den Kasualien ist die Stelle mit einem fixen Gehalte von 600 Gulden verbunden. Es wird daher ein tüchtiger Mann, welcher seine Fähigkeit gehörig nachzuweisen hat, für diese Stelle gesucht, der sich recht baldigst an den unterzeichneten Vorsteher, welcher ihm die nötige Auskunft erteilen wird, zu wenden hat. Meisenheim am Glan, Landgrafschaft Hessen-Homburg, den 15. April 1861. Der Vorsteher der israelitischen Gemeinde. Jacob Haas."

    
Zu Rabbiner Latzar - Rabbiner in Meisenheim seit 1863 

Meisenheim Chananja 01071867.jpg (55247 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Chananja" vom 1. Juli 1867: "Meisenheim, 5. Juni. Der ehrwürdige Rabbiner von Gr.-Kikinda (im Banat*), der seit vier Jahren in unserer Gemeinde fungiert, ist bei dem Übergange der Regierung unseres Ländchens Hessen-Homburg an Preußen im Auftrag des königlichen Zivilkommissärs vom Landrat wie die anderen Staatsbeamten in Eid genommen worden. Es scheint also, dass die israelitischen Verhältnisse in den neuerworbenen Ländern in status quo erhalten werden sollen. Herr Rabbiner Latzar, der aus Ungarn hierher kam, hat sich in kurzer Zeit die allgemeine Zuneigung erworben."
* heute Kikinda in Serbien an der Grenze zu Rumänien 

  
1870 bis 1879: Rabbiner Dr. Israel Mayer - Artikel zu seinem Tod in Zweibrücken 1898

Zweibruecken Israelit 26051898.jpg (97153 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. Mai 1898. "Zweibrücken, 24. Mai (1898). Die Pfälzische Presse schreibt: Dieser Tage verschied nach kurzem Krankenlager infolge einer schweren Lungenentzündung Bezirksrabbiner Dr. Israel Mayer. Der Trauerfall ruft hier in allen Kreisen die größte Teilnahme hervor, zumal der Verblichene allgemein hoch geschätzt und ein sehr toleranter Mensch war. Der Verstorbene erreichte ein Alter von 55 Jahren. Er war geboren am 14. Januar 1843 in Müllheim in Baden, besuchte die Mittelschule und das Lyceum in Karlsruhe, bezog dann die Universität in Breslau, machte 1869 das Doktorexamen in Freiburg im Breisgau und wurde 1870 Rabbiner in Meisenheim. 1879 wurde er nach Zweibrücken berufen und verblieb dann daselbst als Bezirksrabbiner. Er war Mitarbeiter verschiedener wissenschaftlicher und populärer Zeitschriften, Ehrenvorsitzender und Ehrenmitglied mehrerer von ihm begründeter Wohltätigkeitsvereine. Zahlreiche Beileidsbekundungen auswärtiger Korporationen und Freunde sind bereits

  
Ausschreibung des Rabbinates (1879) 

Meisenheim Israelit 30071879.jpg (43227 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Juli 1879: "Die hiesige Rabbinatsstelle soll wieder besetzt werden. Gehalt 1.100 Mark. Bevorzugt werden solche Kandidaten, welche unverheiratet und in modernen Sprachen Privatunterricht erteilen wollen, wodurch die Nebeneinkünfte beträchtlich vermehrt werden können. Meldungen mit Zeugnissen zu richten an den unterzeichneten Vorstand. Meisenheim (Rheinprovinz). Abraham Klein."
   
Meisenheim AZJ 05081879.jpg (36629 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. August 1879: "Die hiesige Rabbinatsstelle soll wieder besetzt werden. Gehalt 1.100 Mark. Bevorzugt werden solche Kandidaten, welche unverheiratet (sind) und in modernen Sprachen Privatunterricht erteilen wollen, wodurch die Nebeneinkünfte beträchtlich vermehrt werden können. Meldungen mit Zeugnissen zu richten an den unterzeichneten Vorstand. Meisenheim (Rheinprovinz). Abraham Klein."

 
Ausschreibung des Rabbinates (1883) 

Meisenheim AZJ 09011883.jpg (55776 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 9. Januar 1883: "Die hiesige Rabbinats-Stelle ist vom Januar 1883 ab zu besetzen und werden die etwaigen Bewerber ersucht, ihre Zeugnisse respektive Abschriften an den Unterzeichneten einzusenden. – Es wird ein junger lediger Mann gewünscht, der womöglich in Breslau studierte und Deutscher ist. Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde. M. Dinkelspiel. (Kreis) Meisenheim."

  
Zum Tod von Rabbiner Baruch Hirsch Flehinger (1890)

Meisenheim Israelit 27021890.jpg (53592 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Februar 1890: "Darmstadt. Vor kurzem starb hier der pensionierte Bezirks- und Konferenz-Rabbiner B.H. Flehinger im Alter von 80 Jahren. Derselbe war früher Rabbiner in Meisenheim und in Merchingen im Großherzogtum Baden. Als Konferenz-Rabbiner war er auch Mitglied des Großherzoglichen Oberrats der Israeliten. Er war Verfasser zweier biblischer Geschichtsbücher, wovon das für die ‚kleinere Jugend’ 20 und das für die ‚reifere Jugend’ 5 Auflagen erlebte."

    
Zum Tod von Rabbiner Dr. Seligmann Fried (1906, Rabbiner in Meisenheim möglicherweise zwischen 1879 und 1883)    
Anmerkung: Unklar ist dem Webmaster, wann genau Dr. Fried Rabbiner in Meisenheim war. Möglicherweise zwischen 1879 und 1883 (siehe Ausschreibungen der Stelle oben). 

Ulm AZJ 23021906.jpg (303258 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 23. Februar 1906: "Ulm, 8. Februar (1906). Am 2. dieses Monats in den ersten Morgenstunden ist sanft und kampflos, nach langem, schweren Leiden, infolge einer Herzlähmung, unser Rabbiner Herr Dr. M. Fried entschlafen. Er hat in unserer Gemeinde 18 Jahre lang gewirkt, nachdem er zuvor in Meisenheim, Bernburg und Ratibor gewesen. 
Bei Interesse am weiteren Text Textabbildung anklicken oder siehe auf einer Seite zur jüdischen Geschichte in Ulm

    
       
Zur Geschichte der israelitischen Schule sowie der Lehrer und Vorbeter     
Ausschreibungen der Stellen des Religionslehrers, Vorbeters und Schochet 
1846 Vorsänger und Lehrer im Bezirk / 1873 und 1874 Kantor und Schächter in Meisenheim  / 1909 Religionslehrer, Kantor und Schächter in Meisenheim

Meisenheim AZJ 05101846.jpg (26644 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. Oktober 1846: "Vakanzen. Einige Vorsänger- und Religionslehrerstellen sind zu besetzen. Auf portofreie Anfragen erteilt die unterzeichnete Stelle nähere Auskunft. Meisenheim. Das landgräfliche Rabbinat. Flehinger".
 
Meisenheim AZJ 15071873.jpg (30680 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. Juli 1873: "Vakanz. Wir suchen bis 1. Januar 1874 einen musikalisch gebildeten Kantor und Schächter. Unverheiratete bevorzugt. Fester Gehalt nach Leistungen und Übereinkunft. Nebeneinkünfte circa 300 Gulden. Meldungen sind baldigst zu richten an den Vorstand der Synagogengemeinde in Meisenheim (Rheinprovinz)."
 
Meisenheim AZJ 24021874.jpg (22416 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 24. Februar 1874: "Die hiesige Kantor- und Schächterstelle ist vakant. Bewerber wollen sich wenden an den Vorstand der Synagogen-Gemeinde zu Meisenheim, Regierungs-Bezirk Koblenz."
  
Meisenheim FrfIsrFambl 06081909.jpg (45431 Byte)Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 6. August 1909: "Wir suchen per 1. September einen seminaristisch geprüften jüngeren Lehrer als Religionslehrer, Kantor und Schächter. Garantiertes Mindesteinkommen Mark 1.500. Offerten an den Vorstand Louis David. Meisenheim am Glan."

   
Gutes Miteinander zwischen jüdischem Lehrer und den evangelischen Lehrern 1855

Meisenheim IsraelitVolksschullehrer 021855.jpg (68382 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelitische Volksschullehrer" vom Februar 1855: "Aus Meisenheim (Landgrafschaft Hessen) wird uns als schönes Zeichen freundlichen Zusammenlebens der verschiedenen Konfessionen berichtet, dass, als der jüdische Lehrer durch Unwohlsein an dem Abhalten der Schule auf längere Zeit verhindert war, die drei evangelischen Lehrer sich freiwillig erboten, sich die jüdischen Kinder zu teilen und sie bis zur vollständigen Wiedererkräftigung ihres früheren Lehrers in die eigene Schule aufzunehmen. Auf Verwenden des dortigen Rabbiners gab auch die Schulinspektion und die Schulkommission, an deren Spitze ein streng orthodoxer Geistlicher steht, die bereitwilligste Zustimmung dazu." 

  
Regelungen im Blick auf den jüdischen Religionsunterricht und Probleme mit einem katholischen Pastor 1854

Meisenheim AZJ 27021854.jpg (130519 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. Februar 1854: "Meisenheim, im Februar. Als ein Zeichen der Zeit mag folgendes Vorkommnis ein allgemeines Interesse beanspruchen dürfen. Auf Anregung des Rabbiners unseres Landesteils hatte die hohe Regierung die, beiläufig gesagt, von allen Gesetzen zu Gunsten der Juden aus dem Jahre 1848 auch noch kein Jota zurückgenommen oder geschmälert hat, schon im Jahre 1847 verfügt, dass da, wo keine besonderen israelitischen Elementarschulen bestehen, Versäumnisse des israelitischen Religionsunterrichtes ebenso bestraft werden sollen, wie Versäumnisse beim Elementarunterrichte; sodass also die betreffenden christlichen Geistlichen, die an der Spitze der Ortsschulkommissionen stehen, das Straferkenntnis für Versäumnisse auch beim israelitischen Religionsunterrichte zu erlassen hätten. Bisher fand dieses auch nicht den geringsten Anstand. – Ein katholischer Pastor in unserer Nähe war der erste, der sich weigerte, ein solches Straferkenntnis zu erlassen und motivierte seine Weigerung mit den Worten: *Dieses kann als etwas gegen ihr Gewissen Gehendes, weil in Sachen, die gegen ihre religiöse Überzeugung sind, derselben nicht zugemutet werden.’ Zartes Gewissen, das lieber die Religionslosigkeit, als ein akatholisches Glaubensbekenntnis in Schutz nehmen zu müssen glaubt! Denn nur zwischen beiden war hier zu wählen. Die Sache liegt indessen hoher Landesregierung zur Entscheidung vor, auf die wir sehr gespannt sind. B.H."

  
Lehrer Benjamin Unrich tritt in den Ruhestand (1887)

Meisenheim Israelit 05121887.jpg (127455 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Dezember 1887: "Meisenheim, 15. November (1887). Herr Unrich, der Lehrer der israelitischen Schule, welcher krankheitshalber schon seit Jahresfrist an der Ausübung seines Amtes verhindert war, ist nun in den wohl verdienten Ruhestand getreten. Für seine große Treue und seinen Pflichteifer während seiner fünfzigjährigen Wirksamkeit wurde ihm von Seiner Majestät unserem König der Adler des Hohenzollernschen Hausordens verliehen. Anlässlich der Überreichung desselben fand heute Morgen in dem ehemaligen Schulsaale des Jubilars eine einfache, erhebende Feier statt. Nach Absingung eines Liedes seitens der zur Konferenz dahier versammelten Lehrer des Konferenzbezirks Meisenheim dekorierter Herr Landrat Schlenther, im Auftrag der Königlichen Regierung Herrn Unrich. Herr Kreisschulinspektor Bornemann gedachte in lobender Anerkennung der gewissenhaften, treuen Amtsführung desselben. Herr Lehrer Martin beglückwünschte den Dekorierten im Namen seiner Kollegen und gedachte des liebevollen kollegialischen Entgegenkommens desselben. Auch Herr Superintendent Gerlach drückte ihm die herzlichsten Glückwünsche aus. Als der Vertreter der Gemeinde war Herr Bürgermeister von Holwede erschienen. Tief ergriffen dankte Herr Unrich für die ihm gewordene Auszeichnung und die herzlichen Glückwünsche. Von ganzem Herzen stimmen wir ein in den Wunsch der Gratulanten, dem Jubilar möge nach so langjähriger mühevoller aber auch segensreicher Lehrertätigkeit ein langer, ungetrübter Lebensabend beschieden sein."

  
Zum Tod von Lehrer Benjamin Unrich 1890

Meisenheim Israelit 27031890.jpg (88027 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. März 1890: "Meisenheim, 4. März (1890). Unter sehr zahlreicher Beteiligung der hiesigen Einwohner und der Lehrer des Konferenzbezirks Meisenheim fand gestern Nachmittag die Beerdigung des israelitischen Lehrers, Herrn Benjamin Unrich statt. Herr Rabbiner Maier (sc. Dr. Israel Mayer) aus Zweibrücken, der früher lange Jahre an der hiesigen israelitischen Gemeinde tätig war, hielt am Grabe des im 78. Lebensjahre Dahingeschiedenen die Leichenrede. Der Verstorbene war im November 1887 krankheitshalber genötigt, nach 50 jähriger Wirksamkeit sein Amt niederzulegen. Bei jener Gelegenheit wurde er für seine große Treue und seinen Pflichteifer von unserem hochseligen König Wilhelm I. mit dem Adler des Hohenzollernschen Hausordens bedacht. Herr Unrich war bei seinen Mitbürgern durch seine gewissenhafte Amtsführung und sein freundliches Benehmen im Umgang allgemein geachtet und beliebt. Ehre seinem Andenken!" 


Über den Kantor und Religionslehrer Heyman de Beer (Kantor von 1875 bis 1909)

Meisenheim FrfIsrFambl 16111909.jpg (94353 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 16. November 1909: "Meisenheim am Glan. Vor kurzer Zeit legte Herr Heyman de Beer, der langjährige Kantor der hiesigen israelitischen Gemeinde, sein Amt nieder. Im Jahre 1875 kam Herr de Beer nach Meisenheim, damals noch Sitz eines Rabbiners und einer staatlichen israelitischen Volksschule. Nachdem durch den allgemeinen Zug nach der Großstadt die Gemeinde infolge ihrer Verminderung die beiden letzten Institutionen aufgeben musste, verblieb Herr de Beer als alleiniger Kultusbeamter. Er hat seines Amtes fast 35 Jahre lang ununterbrochen gewaltet. Die hiesige Gemeinde bereitete ihm zum Abschied eine kleine Feier, wobei ihm die Ältesten im Namen der Gemeinde als Andenken an Meisenheim und in Anerkennung seiner verdienstvollen Tätigkeit in feierlicher Weise ein Ehrengeschenk (bestehend aus einem Ruhesessel und einer silbernen Bowle) überreichten. Herr de Beer siedelte nach Frankfurt am Main über, um seinen Lebensabend im Kreise seiner Familie bei seinen Kindern zu verbringen." 

   
Über den letzten jüdischen Lehrer Dr. Julius Voos (geb. 1904 im Kamen, ermordet 1944 in Auschwitz)

Meisenheim Voos 01.jpg (24802 Byte)Julius Voos (auf dem Foto links mit seiner Frau Stephanie geb. Fuchs 1940 in Münster) ist 1904 in Kamen (Rheinland) als Sohn eines Metzgermeisters geboren, wo er mit fünf Geschwistern aufgewachsen ist; Ausbildung zum Lehrer in der Marks-Haindorf-Stiftung in Münster. Seite erste Stelle war nach dem Examen 1924 in Meisenheim, wo er bis 1928 als Religionslehrer und Kantor wirkte, zuletzt auch als Lehrer für andere Fächer an der evangelischen Volksschule in Meisenheim. Nach 1928 studierte er in Berlin und Bonn, wo er zum Dr.phil. promovierte. Nach dem Rabbinerexamen fand er in Guben, Niederlausitz eine Anstellung, wo er 1936 Stephanie Fuchs heiratete. Nach der Pogromnacht 1938 wurde er verhaftet und im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Seit Januar 1939 war das Ehepaar in Münster, wo er als letzter Rabbiner und Lehrer tätig war. Die Bemühungen um eine Auswanderung scheiterten. Im März 1942 Zwangsarbeit in Bielefeld, wo er mit Frau und dem Sohn Denny in einem der dortigen "Judenhäuser" wohnte und heimlich mit den verblieben jüdischen Bewohnern Gottesdienste abhielt. A, 2. März 1943 nach Auschwitz deportiert, wo Frau und Sohn sofort ermordet wurden. Julius Voos kam in das Arbeitslager Auschwitz III. Er starb am 2. November 1944 auf Grund der katastrophalen Arbeitsbedingungen. Nach dem Überlebenden Dr. Unikower aus Breslau war Dr. Julius Voos der einzige Rabbiner in Auschwitz, der das 'Lager erbarmungslos mitgemacht, schwerstgearbeitet, gehungert und gedurstet und seine Kameraden noch aufgerichtet hat". 
Zur Erinnerung an ihn gibt es in Münster eine "Julius-Voos-Gasse", gleichfalls in Kamen eine "Julius-Voos-Straße".  
Informationen zu Voos und Foto nach einer Seite des DYBBUK-Ensemble  

   
    
Die Gemeinde- und Synagogenordnung  von 1849 

Meisenheim AZJ 23071849.jpg (102315 Byte) Meisenheim AZJ 23071849a.jpg (180067 Byte) Meisenheim AZJ 23071849b.jpg (266911 Byte) Meisenheim AZJ 23071849c.jpg (257766 Byte) Meisenheim AZJ 23071849d.jpg (276891 Byte)

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 23. Juli 1849: "Meisenheim, 8. Juli 1849. Beifolgende Statuten für die hiesige israelitische Kultusgemeinde möchten vielleicht jetzt, wo es sich überall reget zur Neugestaltung und Bildung anderer Grundlagen für unser künftiges Gemeindeleben, auch für das größere Publikum einiges Interesse haben. – Die Genesis derselben ist einfach folgende. Als das stürmische Jahr 1848 auch die israelitischen Gemeindeverhältnisse mit Auflösung bedrohte, dagegen aber auch die Gelegenheit bot, sich selbständig, ungehindert von oben, zu konstituieren, wurde  diese Gelegenheit rasch benützt. In einer Plenarversammlung – die Gemeinde zählt nur 32 selbständige Mitglieder – wurden dem Rabbiner sechs Personen beigegeben, um mit denselben gemeinschaftlich einen Entwurf zu einer Gemeindeordnung auszuarbeiten. Dieser so entstandene Entwurf wurde nachher wieder von der ganzen Gemeinde § nach § beraten, größtenteils angenommen und Weniges daran modifiziert. Die landgräfliche Regierung wurde hierauf um Genehmigung ersucht, diese wünschte ebenfalls einige Modifikationen, man vereinbarte sich darüber, und hierauf erfolgte die landgräfliche Sanktion und Publikation im Regierungsblatte.
Dass Vieles darin nur in lokalen Verhältnissen seine Begründung findet, versteht sich von selbst. Das absolute Veto, das in religiösen Angelegenheiten dem Rabbiner eingeräumt ist, möchte mit Recht vielen Tadel finden. Allein wie die Sachen jetzt stehen, ist ein Missbrauch des Rabbiners in dieser Hinsicht nicht zu fürchten; und wendet man ein, dass eine Konstitution ja nicht für gewisse Zustände berechnet sein darf, sondern gerade dazu da ist, um in allen Lagen und gegen alle eventuellen Persönlichkeiten Rechtsschutz zu gewähren, dass ja in unserem Falle das Verhältnis zwischen Rabbiner und Gemeinde später ein umgekehrtes sein könne; so bedenke man, dass eben diesen Umstand die jetzige, vollständige konservative Gemeinde vorbedachte und aus Furcht davor dem Rabbiner das absolute Veto in religiösen Angelegenheiten aufdrang.
[Bemerkung der Redaktion. Wir teilen die folgende Gemeindeordnung allerdings darum mit, weil eine Solche bei der gegenwärtigen Krise von Bedeutung ist, und Vielen willkommen sein möchte.]
Wir Ferdinand, von G.G. souv. Landgraf zu Hessen etc. etc. fügen zu wissen:
Nachdem die israelitische Kultgemeinde zu Meisenheim die nachfolgenden Bestimmungen über die Regelung ihrer Gemeindeverhältnisse im Wege der freiwilligen Vereinbarung angenommen und an uns das Ansuchen gerichtet hat, denselben unsere landesfürstliche Sanktion zu erteilen, so haben wir dieser Bitte zu willfahren beschlossen und sanktionieren daher diese Bestimmungen dergestalt, dass dieselben für die jetzigen und künftigen Mitglieder der israelitischen Kultgemeinde zu Meisenheim, beziehungsweise für Alle, welche nach dem Inhalte derselben zu dieser Gemeinde gehören sollen, als Gesetz gelten und verbindlich sein sollen. Die gedachten Bestimmungen verkünden wir zugleich, wie folgt:
Begriff und Mitgliedschaft.
§ 1. Die israelitische Kultusgemeinde zu Meisenheim ist ein Einzelverband zum Zwecke der Erhaltung, Pflege und Übung der israelitischen Religionsvorschriften, zur Förderung religiösen Sinnes und zu Heiligung des Lebens.
§ 2. Zur israelitischen Kultusgemeinde zu Meisenheim gehören alle dem politischen Bürgerverbande daselbst und in Breidenheim einverleibten Israeliten.
§ 3. Stimmfähiges, vollberechtigtes und verpflichtetes Gemeindeglied…."  

Bitte den weiteren Text in den anklickbaren Texten einsehen.

 Fortsetzung der Gemeindeordnung mit Schwerpunkt Synagogenordnung in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. Juli 1849:  

Meisenheim AZJ 30071849a.jpg (149341 Byte) Meisenheim AZJ 30071849b.jpg (268614 Byte) Meisenheim AZJ 30071849c.jpg (158701 Byte)
§ 39    Kinder, welche die Lehrschule noch nicht besuchen, dürfen auch beim Gottesdienste nicht erscheinen.
§ 40    Kinder vom zehnten Jahre bis nach ihrer Konfirmation werden zum Chorgesang verwendet und sitzen, unter der Aufsicht ihres Lehrers, auf einer eigenen Bank, auf welcher kein Anderer Platz nehmen darf.
§ 41    Jüngere Kinder und ältere Knaben stehen unter der Aufsicht ihrer Eltern, resp. Pflegeeltern, und sind diese für deren Betragen verantwortlich.
§ 42    Erwachsene haben still und geräuschlos einzutreten, sich ebenso ruhig sogleich auf ihren Platz zu begeben, welchen sie vor Beendigung des Gottesdienstes resp. vor Olenugebet, nicht verlassen dürfen. Nur dringende Fälle, zur Befriedigung eines unabweislichen Bedürfnisses, machen hiervon eine Ausnahme.
§ 43    Um das Zusammenströmen von Männern und Frauen vor der Synagogentüre zu verhüten, dürfen die Letzteren schon nach der Mussaph-Keduscha das Gotteshaus verlassen.
§ 44    Alles Aufhalten auf der Treppe in dem Synagogenhofe oder in der zur Synagoge gehörigen Wohnung ist während des ganzen Gottesdienstes streng untersagt.
§ 45    Jedes Plaudern, wenn auch noch so leise, das laute Beten, das Bewillkommnen, das Zurufen von Jascher-Koa und ähnl., das Entfernen von seinem Platze, wenn ihn nicht eine Funktion dazu nötigt, kann nicht gestattet werden.
§ 46    Nach dem Anlegen der Gebetriemen muss Jeder seinen Rock wieder vollständig anziehen und kann es unter keinen Umständen gestattet werden, mit entblößtem Arme in der Synagoge zu verweilen. 

      
    

Anzeige der Wein- und Speisewirtschaft Ferdinand Fränkel (1876)

Meisenheim Israelit 02081876.jpg (27372 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. August 1876: "Koscher Restauration Koscher. Empfehle hiermit meine nach streng jüdischem Ritus geführte Wein- und Speisewirtschaft. Ferdinand Fränkel sen., Meisenheim am Glan."

Anzeige der Metzgerei / Wurstfabrik H. Rotschild (1876)

Meisenheim Israelit 21091876.jpg (28659 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. September 1876: "J. Rothschild, Meisenheim. Koscher empfiehlt alle Sorten Würste koscher als: Salami-, Cervelat- und Knoblauch-Würste, sowie Rauch- und Pökelfleisch zu den billigsten Preisen." 

    

             

     
Zur Geschichte der Synagoge

Zunächst war jeweils ein Betsaal vorhanden. 1808 wurde eine Synagoge in der Lauergasse erbaut. Nachdem sie für die im 19. Jahrhundert größer werdende Gemeinde nicht mehr ausreichte, beschloss die jüdische Gemeinde 1860 den Neubau einer Synagoge an der städtischen Bleiche, der heutigen Saarstraße. 
Aus der ersten Zeit der Spendensammlungen für den Neubau liegt ein Bericht aus der Zeitschrift "Der Israelitische Volkslehrer" vom Oktober 1860 vor: 

Meisenheim IsrVLehrer 3291860.jpg (84261 Byte) "Meisenheim. Die hiesige Gemeinde hat diesmal einen sehr schonen Matnat Jad gefeiert. Nachdem sie vor zwei Jahren zur Erweiterung und Verschönerung des Friedhofes bedeutende Summen verwendet, vor einem Jahre zur Erhaltung ihres Rabbiners diesem eine entsprechende Gehaltserhöhung votierte, bewilligte sie an den letzten Festtagen die Summe von 2000 Gulden zum Bau einer neuen Synagoge. Die bisherige war nämlich bei ihrer Gründung vor 52 Jahren auf eine viel kleinere Mitgliederzahl berechnet und auch vor ungefähr 12 Jahren durch Verbauung von Seiten der Nachbarn alles Lichtes beraubt worden; so dass ihr, abgesehen von den Anforderungen eines besseren Geschmacks, Licht, Luft und Raum fehlte. - Wer die Verhältnisse der hiesigen Gemeinde kennt, wird diese Opferwilligkeit nicht gering anschlagen und dem guten Willen der Gemeinde die vollste Anerkennung nicht versagen. Freilich reicht diese Summe noch nicht hin, das Ziel vollständig zu erreichen, allein man hofft umso mehr auf auswärtige Hilfe, als man auch hier nie zurückstand, wenn von Außen ein Hilferuf ertönte."

Die frühere Synagoge wurde einige Jahre darauf abgebrochen. Der Neubau sollte ein repräsentatives Gebäude werden. Die Finanzierung (es entstanden Kosten von 15.200 Gulden) konnte mit einigen Mühen gesichert werden. Am 3. August 1866 fand die feierliche Einweihung der neuen, durch den Architekten Heinrich Krausch entworfenen Synagoge statt. Sie verfügte über 160 Sitzplätze. Zum Inventar gehörten u.a. sechs Torarollen, reichhaltiger Toraschmuck, silberne Leuchter, eine Orgel und eine Bibliothek. In sechs Pulten wurden die Gebetbücher aufbewahrt. Äußerlich war es ein sechsachsiger Saalbau mit einer dreigeschossigen Doppelturmfassade. 
 
In der Pogromnacht im November 1938 wurde die Meisenheimer Synagoge erheblich beschädigt. Sämtliche Türen, Fenster und große Teile der Empore wurden zertrümmert sowie Feuer gelegt, das jedoch bald wieder gelöscht wurde mit Rücksicht auf ein unmittelbar angrenzendes NS-Haus. Das Gebäude wurde zwar nicht abgebrochen, doch das obere Geschoss der beiden Türme 1940 abgetragen. In der Zeit des Zweiten Weltkrieges wurde das Gebäude überwiegend als Industriebetrieb zweckentfremdet, danach als städtisches Lagerhaus. Seit 1951 war des privates Lager für Getreide, Futter- und Düngemittel. Beim Umbau wurden die Reste der Frauenemporen entfernt, die Fenster vermauert und Zwischendecken eingezogen. 1982 wurde es unter Denkmalschutz gestellt. 1985 erfolgte die Gründung des "Träger- und Fördervereins Synagoge Meisenheim", der 1986 die ehemalige Synagoge erwarb und restaurieren ließ. Am 9. November 1988 – fünfzig Jahre nach dem Novemberpogrom 1938 – konnte das ehemalige Synagogengebäude als "Haus der Begegnung" der Öffentlichkeit übergeben werden.
 
Im oberen Stockwerk wurde als sichtbare Erinnerung an die ehemalige Synagoge ein Glasfenster der israelischen Künstlerin Ruth van de Garde-Tichauer angebracht. Das Fenster wurde unter technischer Assistenz von Karl-Heinz Brust aus Kirn ausgeführt. Inhalt des Glasfensters ist die Rückkehr der zwölf Stämme Israels nach Jerusalem auf Grund des Textes aus dem 18-Bitten-Gebet (Schmone-Esre): "Stoße in die große Posaune zu unsrer Befreiung und richte ein Panier auf, all unsre Verbannten zu sammeln von den vier Flügeln der Erde hin nach unserem Land". 

Mit Bescheid vom 21. Mai 1997 erhielt das Synagogengebäude den Schutz der Haager Konvention als besonders schützenswertes Kulturgut. Über dem Eingang befindet sich seit 1999 ein von der israelischen Partnerstadt des Kreises Bad Kreuznach Kiryat Motzkin gestifteter David-Stern aus Jerusalem-Kalkstein.
 

Adresse/Standort der SynagogeSaarstraße 3

Öffnungszeit des "Hauses der Begegnung": Von April bis Oktober am 1. Sonntag eines jeden Monats von 15 bis 17 Uhr. Eine Besichtigung der ehemaligen Synagoge oder eine Führung durch die Ausstellung ist für Einzelpersonen und Gruppen nach vorheriger Absprache jederzeit möglich.

Adressen

Träger- und Förderverein Synagoge Meisenheim e.V. Vorsitzender Günther Lenhoff (Tel. 06753/124511) 

Stellvertretende Vorsitzende Martha Eicher (Warthstr. 1 55590 Meisenheim, Tel. 06753/3771) 

Schatzmeister Wolfgang Schumann  (Tel. 06753/3110)  

Spendenkonto: Träger- und Förderverein Synagoge Meisenheim. Sparkasse Rhein-Nahe Bad Kreuznach Konto Nr. 7004757  BLZ 560 501 80

  

Fotos 
(Fotos Hahn, Aufnahmedatum am "Tag des offenen Denkmals" am 11.9.2005) 

Meisenheim Synagoge 101.jpg (44187 Byte) Meisenheim Synagoge 100.jpg (59883 Byte) Meisenheim Synagoge 102.jpg (77218 Byte)
Ansichten des Synagogengebäudes
  
Meisenheim Synagoge 105.jpg (46973 Byte) Meisenheim Synagoge 107.jpg (64428 Byte) Meisenheim Synagoge 103.jpg (65548 Byte)
Portalinschrift Hinweistafel Eingangsbereich auf der Rückseite des Gebäudes
     
Meisenheim Synagoge 116.jpg (30246 Byte) Meisenheim Synagoge 114.jpg (52893 Byte) Meisenheim Synagoge 115.jpg (53541 Byte)
Ausstellung im Erdgeschoss (Bereich des Betsaales)
 
Meisenheim Synagoge 117.jpg (62520 Byte) Meisenheim Synagoge 108.jpg (30199 Byte) Meisenheim Synagoge 106.jpg (46730 Byte)
Toravorhang, ursprünglich aus 
Bad Sobernheim
Aufgang zum oberen Bereich auf Höhe der ehemaligen Frauenempore mit künstlerischen Darstellungen von SchülerInnen
   
Meisenheim Synagoge 112.jpg (53591 Byte) Meisenheim Synagoge 113.jpg (75250 Byte) Meisenheim Synagoge 109.jpg (99337 Byte)
Das Glasfenster der israelischen Künstlern Ruth van de Garde-Tichauer
   
Meisenheim Synagoge 104.jpg (111934 Byte) Meisenheim Synagoge 111.jpg (70404 Byte) Meisenheim Synagoge 110.jpg (98698 Byte)
       

  

   

Links und Literatur

Links:

Website der Verbandsgemeinde Meisenheim mit Seite zur ehemaligen Synagoge und deren Glasfenster sowie deren heutiger Nutzung  
weitere Informationsseite zur ehemaligen Synagoge
weiterer Link mit Informationen zu Synagoge und Verein 

Literatur:  

Günter F. Anthes:  Beiträge zur Geschichte der Juden und der jüdischen Kultusgemeinde in Meisenheim am Glan. 1988. Reihe: Quellen zur Geschichte der Stadt und Verbandsgemeinde Meisenheim am Glan XII.
Meisenheim Buch 011.jpg (42898 Byte)Wolfgang Dörr: Zur Geschichte der Juden in Meisenheim und Umgebung. 1991.
Wolfgang Kemp: Zur Geschichte der Meisenheimer Juden. In: Sachor 5 2/95 Heft Nr. 10. S. 31-42.
Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Mainz 2005. S. 265-268 (mit weiteren Literaturangaben).
   


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Meisenheim. Rhineland. The first Jew is mentioned in 1551 and Jews resided in the city without a break from the mid-17th century. Their population reached a peak of 198 (total 1,882) in 1864. In 1836, the community started a Jewish elementary school, which operated intermittently until Worldwar I. A splendid synagogue was consecrated in 1865 and a new cemetery was opened in 1880. The Jewish population dwindled to 38 by the eve of the Nazi era. The synagogue was partially burned on Kristallnacht (9-10 November 1938), when 16 Jews were still living in Meisenheim. One was taken to the Dachau concentration camp in the wake of the pogrom and perished there. About eight were deported to the death camps.
    

 

                   
vorherige Synagoge  zur ersten Synagoge nächste Synagoge
diese Links sind noch nicht aktiviert

       

 

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an Alemannia Judaica (E-Mail-Adresse auf der Eingangsseite)
Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 26. Januar 2010