Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)   
    
In Michelfeld bestand eine jüdische Gemeinde bis 1935. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 16./18. Jahrhunderts zurück (erste Nennungen 1548, dann wieder seit 1721 im Zusammenhang mit der Ermordung eines jüdischen Ortsbewohners; der Mörder bekam selbst die Todesstrafe). 1745 beschweren sich bei der Ortsherrschaft der Freiherren von Gemmingen erfolglos Ortsbewohner, dass so viele Juden in Michelfeld aufgenommen werden. Seit 1751 wurden die Toten der jüdischen Gemeinde Michelfeld in Waibstadt beigesetzt, zuvor in Oberöwisheim.  
   
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1807 125 jüdische Einwohner, 1825 172 (15,3 % von insgesamt 1.126 Einwohnern), höchste Zahl um 1839 mit 242 Personen, 1852 45 Familien, 1871 167, 1875 144 (in ca. 40 Familien; 11,0 % von insgesamt 1.304), 1887 134 (in 27 Familien), 1896 90 (in 17 Familien), 1897 60 (von insgesamt 1384 Einwohnern), 1900 54 (3,8 % von 1.433), 1910 22 (6 Familien, 1,6 % von 1.417).  
 
Die jüdischen Gemeinden verdienten ihren Lebensunterhalt durch Handel mit Vieh, Landesprodukten und Textilien. Auch trugen sie zur Industrialisierung des Ortes bei: 1808 errichtete Zacharias Oppenheimer eine Wolltuchfabrik (später: Wolltuchfabrik Gebr. Oppenheimer). 1814 folgte eine mechanische Spinnerei und Walkerei. Die Fabrik beschäftigte 60-70 Personen. Auf der 5. Landesindustrieausstellung in Karlsruhe 1861 erhielt sie eine silberne Medaille für gute Tuche, die sich durch feine Wolle und schöne Appretur auszeichnete.   
Anmerkung: an die Wolltuchfabrik der Gebr. Oppenheimer erinnert bis heute die Fabrikstraße (Fabrikgebäude in der Fabrikstraße 7) 
   
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (Israelitische Volksschule / Elementarschule von 1840 bis in die 1890er-Jahre, danach Religionsschule; die Schule war im Synagogengebäude), ein rituelles Bad sowie seit 1868 einen eigenen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Erster jüdischer Volksschullehrer in der Gemeinde war Isai J. Münzesheimer, der seit 1830 in der Gemeinde tätig war und 1870 sein 40-jähriges Ortsjubiläum feiern konnte (siehe unten). In den 1870er-Jahren war Adolf Weil Lehrer in Michelfeld (siehe unten Bericht zu einer Trauerfeier, bei der er sprach, 1877; Weil war nach Michelfeld Lehrer in Eichstetten, gest. 1929), nach ihm um 1887/88 Samuel Müller (später in Heidelberg, geb. 12.1.1865, gest. 5.12.1939, Grab im israelitischen Teil des Bergfriedhofes Heidelberg, Link), 1888 (?) Nathan Bergmann (ab 1889 bis 1920 in Malsch), 1889 Hermann Zivi aus Müllheim (später Oberkantor in Elberfeld, Biographie und Bedeutung siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Zivi), 1892 Theodor Lißberger (geb. 1871 in Kleineicholzheim, war Kantor und letzter israelitischer Volksschullehrer in Michelfeld, als Schochet war hier zu seiner Zeit - auch in den folgenden Jahren - Abraham Rothschild aus Eichtersheim tätig; Lißberger wechselte noch 1892 als Unterlehrer nach Karlsruhe, 1940 nach Gurs deportiert), 1893 S. Bloch (Kantor und Religionslehrer), Anfang 1894 Abraham Morgenrot (danach in Burgebrach, Zeitschrift "Jeschurun" vom 9.2.1894 S. 83); 1894/1901 Isaak Gundersheimer (Kantor und Religionslehrer; erteilte 1898 noch vier Kindern den Religionsunterricht, später in Sennfeld), ab Ende 1891 Salomon Blumenthal (geb. 6.5.1873 in Laudenbach, war 1904 bis 1912 Lehrer in Flörsheim), dann Lazarus Aberbach (ist um 1903 als Lehrer in Wollenberg, dann in Ettlingen). Nachdem Lehrer Abraham Rothschild in Eichtersheim 1903 in den Ruhestand versetzt und verabschiedet wurde sowie Lazarus Aberbach von Michelfeld nach Wollenberg gewechselt war, ist seit 1904 die Lehrerstelle gemeinsam für Michelfeld und Eichtersheim ausgeschrieben worden (siehe unten).
 
1827 wurde die Gemeinde dem Rabbinatsbezirk Bruchsal zugeteilt. 
 
Von den Gemeindevorstehern werden genannt: um 1892/1901 M. Menges, W. Springer und G. Scheurer, um 1905 G. Scheuer.
 
An jüdischen Vereinen bestanden: im 19. Jahrhunderts (seit 1808) ein jüdischer Militärunterstützungsverein; später der Verein Chewrat Noschim (Israelitischer Frauenverein) sowie der Israelitische Krankenunterstützungsverein (1892/96 unter Leitung von J. Zimmern, M. Strauß, J. Lang, L. Zimmern und L. Scheuer. Eine Stiftung wird 1892 genannt: die Judas Traub und Baruch Lang'sche Stiftung.
 
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Julius Lang (geb. 7.2.1897 in Michelfeld, gef. 21.10.1917). Sein Name steht auf dem Gefallenendenkmal bei der evangelischen Kirche. Außerdem ist gefallen: Gefreiter Hugo Scheuer (geb. 3.7.1892 in Michelfeld, vor 1914 in Bruchsal wohnhaft, gef. 20.9.1917). Für seinen Kriegseinsatz mit dem Eisernen Kreuz II ausgezeichnet wurde Gefreiter Artur Lang, Sohn von Max Lang (Israelitisches Familienblatt vom 31.5.1917 S. 22).    
 
Um 1924, als zur Gemeinde noch 12 Personen gehörten (0,85 % von insgesamt etwa 1.400 Einwohnern), war Gemeindevorsteher Max Lang. Der Religionsunterricht der Kinder der Gemeinde durch wurde Lehrer Jakob Lewin aus Malsch erteilt. Auch 1932 wird als Gemeindevorsteher Max Lang genannt (damalige Adresse: Karlstraße 13). 
  
An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden Handelsbetrieben in jüdischem Besitz sind bekannt: Krämerladen Hannchen Lang (Karlstraße 15), Landesproduktenhandlung Familie Strauß (Schallbachgasse 3).   
     
1935 lebten noch die beiden Familien Lang und Strauß am Ort, die die genannten Handelsbetriebe innehatten. Nach der Auflösung der Gemeinde am 18. November 1935 wurden die hier noch lebenden Juden der Gemeinde Eichtersheim zugeteilt. 
    
Nach den Deportationen in der NS-Zeit kam von den 1933 hier wohnhaften fünf jüdischen Einwohnern mindestens eine Person ums Leben. 
 
Von den in Michelfeld geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Karoline Blum geb. Zimmern (1860), Therese Groß (1896), Anna Jenny Haas geb. Kayem (1892), Rosa Kander geb. Menges (1883), Max Lang (1862), Moritz Mayer (1881), Klara Sommer geb. Scheuer (1877), Max Strauss (1900), Lina Wertheimer geb. Zimmern (1871).     
  
Hinweis: es kommt in einigen Listen zu Verwechslungen von Michelfeld (Gemeinde Angelbachtal) mit Michelfeld (Stadt/Lkr. Auerbach in der Oberpfalz): so lebten die jüdischen Frauen Emma Wilmersdörfer geb. Fleischmann (geb. 1883 in Altenmuhr), Rosa Dahlheimer geb. Solinger (geb. 1895 in Aschaffenburg) und Therese Groß (geb. 1896 in Nürnberg) wie auch Emma Kirschbaum (geb. 1883 in Marktbreit) vor ihrer Ermordung in der NS-Zeit einige Zeit in einer Einrichtung in Michelfeld (Oberpfalz) im damaligen "Versorgungshaus für weibliche Geistesschwache und Gebrechliche" (bis 1934/35 Taubstummenanstalt bzw. Versorgungsanstalt für (schulentlassene) taubstumme Mädchen und Frauen). Die Frauen wurden am 14. September 1940 in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar verlegt und von dort am 20. September 1940 in die Tötungsanstalt Hartheim. Vgl. die Informationen in der Seite zu Michelfeld (Oberpfalz): https://regens-wagner-michelfeld.de/ueber-regens-wagner/erinnerungs-orte/, speziell zu Emma Wilmersdörfer: https://regens-wagner-michelfeld.de/ueber-regens-wagner/erinnerungs-orte/aktion-t4-emma/     
    
    
    
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde       
  
Allgemeine Beiträge aus der jüdischen Geschichte
Über die jüdische Geschichte in Michelfeld (Beitrag von 1912) 
Anmerkung: der Verfasser Lazarus Aberbach war vor dem Wegzug nach Ettlingen als Lehrer, Kantor und Schochet in Michelfeld und Eichtersheim tätig. Zuvor - von 1894 bis 1901 - war er in Dornheim.     

Artikel in der "Israelitischen Wochenschrift" vom 24. April 1912: "Aus alten Akten. Von L. Aberbach, Ettlingen.  (Schluß.)
In der Chronik der Freiherren von Gemmingen-Hornberg — die Freiherrn v. Gemmingen sind noch gegenwärtig da begütert und Patronatsherren von Michelfeld und haben schon im Anfang des 15. Jahrhunderts die unbeschränkte Gerichtsbarkeit daselbst ausgeübt — heißt es: Am 3. Dezember 1721 wird Weirich Reiß, weil er einen Juden hier, der ihm eine Schuld gefordert, in seinem Hause totgeschlagen hatte, dafür gefangen gehalten und obwohl er entflohen, doch wieder in Schriesheim eingefangen und hierhergeführt. Es wurde das Urteil gefällt und auf der Kreuzstraße verlesen (es lautet auf Tod durch Schwert und Flechten aufs Rad); von da wurde er an das hiesige Hochgericht geführt und das Urteil vollzogen. Im Jahre 1745 beschwert sich die Gemeinde, dass so viele Juden aufgenommen werden. Es wird dieser Beschwerde nicht stattgegeben. Aus dem Vorhergehenden ersehen wir, dass die Familie v. Gemmingen die Israeliten ziemlich milde behandelte und ihnen tatkräftigen Schutz angedeihen ließ; es lässt aber auch den Schluss zu, dass das Alter der Gemeinde weit höher hinaufreichen muss, als hier angegeben und sicherlich wäre mir der Beweis gelungen, hätte ich über noch andere Quellen verfügen können als die bezeichneten. 1751 kaufen sich die Juden hier zum Begräbnis nach Waibstadt ein, nachdem sie bisher ihre Begräbnisstätte auf Oberöwisheimer Gemarkung, auf dem Kirchhof der Münzesheimer Juden hatten. 1783 erbaute die Gemeinde ihr gegenwärtiges Schul- und Synagogenhaus. Es ist ein ziemlich ausgedehntes Gebäude enthaltend die frühere Lehrer- und Schuldienerwohnung, großen Lehrsaal für die frühere Volksschule nebst sehr großer Synagoge und rituellem Tauchbad mit anschließend mäßig großem Spiel- oder Hofraum. 1807 zählte die jüdische Gemeinde unter 660 Einwohnern bereits 125 Seelen und 1842 erreicht das Wachstum der jüdischen Gemeinde seinen Kulminationspunkt und unter 990 Seelen Gesamtbevölkerung beträgt die jüdische Einwohnerzahl 42 Seelen, und dann ist im folgenden Dezennium ein gewisser stagnierender Beharrungszustand in der jüdischen Bevölkerungsentwicklung zu konstatieren. Gegen das Jahr 1840 gründete die Gemeinde eine jüdische Volksschule, die bis Anfang der neunziger Jahre verflossenen Jahrhunderts bestand. Der erste jüdische Volksschullehrer, der hier Anstellung fand, hieß Münzesheimer und der letzte Lißberger, wohl Herr Hauptlehrer Lißberger in Karlsruhe, der hier 1892 als Unterlehrer amtierte. Überhaupt wirkten an der Volksschule in Michelfeld tüchtige jüdische Lehrkräfte, so die Herren Hauptlehrer S. Müller - Heidelberg, Weil, Eichstetten, Bergmann, Malsch, obengenannter Herr Lißberger, Moch, sowie Oberkantor Zivi, Elberfeld. 1862 zählte die Gemeinde 46 Familien und 1876 noch etwa 40 Familien. Im folgenden Jahre legte die Gemeinde einen eigenen Friedhof an, der an den christlichen Friedhof angrenzt und durch eine massive Steinmauer getrennt wird. 1882 zählte die Gemeinde noch 26 Familien und 1893 noch etwa 19 bis 20 Familien und ihr erster Religionslehrer war Herr Gundesheimer - Sennfeld und gegenwärtig ist die Gemeinde nur noch 6 Familien stark.
Anfang des 19. Jahrhunderts hat hier sogar ein jüdische Miliz- resp. Militärunterstützungsverein bestanden, dem fast sämtliche Gemeindemitglieder angehörten und der den Zweck verfolgte, sämtlichen Söhnen der Vereinsmitglieder im Falle der Aushebung zum Militärdienst die Möglichkeit zu bieten, sich einen Stellvertreter zu stellen. Dieser Militärunterstützungsverein, der sein Gründungsjahr mit 1808 angibt, erstattete jedem zum Militärdienst gemusterten 2/3 der Stellvertreterkosten bis zum Höchstbetrage von 266 Gulden. Musste er selbst Dienst leisten, so hatte er einen jährlichen Unterstützungsanspruch von 25 Gulden an die Vereinskasse. Daneben existierten noch einige andere gemeinnützige Chevros wie in fast jedem jüdischen Gemeinwesen. Und nun stellen die paar Familien nur noch eine Ruine einstiger Größe und das treue Spiegelbild so vieler Gemeinden dar, die einst eine Glanzperiode florierenden Gemeindelebens erlebten und nunmehr dem traurigen Lose gänzlicher Auflösung unrettbar entgegeneilen. Da möchte man in Rückerinnerung und im Rückblicke an die verschwundene, glorreiche Zeit blühenden Gemeindelebens mit dem von meerestiefem Jammer erfüllten Herzen des Propheten ausrufeil: hasos hoir schejomru kelilas jofi? Und eine bange Ahnung beschleicht einen gleich den großen siegestrunkenen Römer, der auf den rauchenden Trümmern der niedergerungenen und untergehenden Rivalin seiner weltbeherrschenden Mutterstadt stehend mit prophetischem Geiste ausrief: 'Einst wird kommen der Tag, wo die heilige Ilias hinsinkt . . .'. Möge die allgütige Vorsehung ihre beschützende Hand über dieses kleine Gemeinwesen halten und diesen verhängnisvollen Zeitpunkt von ihm abwenden, auf dass die Gemeinde en miniature fortblühe und die vorhandenen Wahrzeichen jüdischen Gemeindelebens in traditioneller Treue weiter pflegen und erhalten könne."   

   
   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer 
Ausschreibungen der Stelle des Lehrers, Vorsängers und Schochet (1884 / 1893 / 1900 / 1904 / 1912 / 1919)       

Michelfeld Israelit 130031884.jpg (49221 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. März 1884: "Die mit freier Wohnung, einem festen Gehalte von 600 Mark, mit den üblichen Nebeneinnahmen verbundene Stelle eines Kantors und Schächters in der Gemeinde Michelfeld soll baldigst besetzt werden. 
Mit den nötigen Zeugnissen versehene Bewerbungen sind an den Unterzeichneten zu richten.
Bruchsal, den 10. März 1884. Die Bezirks-Synagoge. Dr. J. Eschelbacher."  
  
Michelfeld Israelit 31071893.jpg (55834 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. Juli 1893: "Die mit freier Wohnung, einem festen Gehalte von 600 Mark und den üblichen Nebeneinnahmen im Betrage von ca. 400 Mark verbundene Stelle eines Lehrers, Vorsängers und Schächters in Michelfeld soll bis zum 24. August möglichst mit einem unverheirateten Lehrer besetzt werden. Meldungen mit Zeugnissen in Abschrift sind baldigst an die unterzeichnete Stelle zu senden. Die Originalzeugnisse sind erst bei einer etwaigen Berufung vorzulegen.
Bruchsal, 27. Juli 1893. Die Bezirkssynagoge."  
Michelfeld Israelit 06121900.jpg (45333 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Dezember 1900: "Die Religionsschulstelle Michelfeld ist zu besetzen. Fixum 700 Mark, Nebengefälle für Schächten etwa 400 Mark, freie Wohnung und 40 Mark Aversum für Brennmaterial. Bewerbungen an die 
Bezirkssynagoge Bruchsal: Dr. Doctor."  
   
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. März 1904: "Die mit dem Vorbeter- und Schächterdienst verbundene Religionslehrerstelle für die zusammenhängenden Gemeinden Eichtersheim (Dienstsitz) und Michelfeld ist baldigst durch einen seminaristisch gebildeten Lehrer zu besetzen. Gehalt 1.000 Mark, freie Wohnung und etwa 300-400 Mark Nebengefällen. Bewerbungen an die 
Bezirkssynagoge Bruchsal: 
Rabbiner Dr. Doctor
."     
 
Anzeige im "Israelitischen Familienblatt" vom 14. März 1912: "Kultusbeamter
(Vorbeter, Religionslehrer und Schächter)

gesucht per sofort von der Gemeinde Eichtersheim mit Michelfeld (Baden). Einkommen 1500 Mark und freie Wohnung.
Meldungen auch Lediger mit Zeugnissen an die Bezirkssynagoge Bruchsal, Baden."   
 
Anzeige im "Israelitischen Familienblatt" vom 21. November 1919: "Die Israelitischen Gemeinden Gemmingen und Eichtersheim - Michelfeld (Baden) suchen je einen
Religionslehrer, Kantor und Schächter.
In Gemmingen: Festes Gehalt 2500 M, Nebeneinkommen etwa 500 Mark. Zimmer,
In Eichtersheim - Michelfeld: Festes Gehalt 1700 M, Nebeneinkommen etwa 500 Mark, Dienstwohnung. Meldungen an
Die Bezirks-Synagoge Bruchsal (Baden).
"   

   
40-jähriges Dienstjubiläum von Hauptlehrer Isai J. Münzesheimer (1870)    
Hauptlehrer Isai J. Münzesheimer war im 19. Jahrhundert über vier Jahrzehnte wichtigste Persönlichkeit der jüdischen Gemeinde. Um 1850 besaß er 9 Viertel eigenen Ackers. Zur Bewirtschaftung zog er die Schüler der oberen Klassen an den beiden schulfreien "halben Spieltagen" heran. Lehrer Münzesheimer ist am 12. Juni 1804 geboren und am 21. Juli 1881 gestorben. Sein Grab ist im jüdischen Friedhof in Michelfeld, siehe http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=2-2408279

Michelfeld AZJ 31051870.jpg (72665 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 31. Mai 1870: "Michelfeld, 7. Mai (1870). (Baden). Gestern wurde das 40-jährige Dienstjubiläum unseres verehrten israelitischen Hauptlehrers Münzesheimer, welcher seit 6. Mai 1830 an der hiesigen israelitischen Volksschule mit allseitig anerkannter Berufstreue wirkt, festlich begangen. Hierbei wurde dem Jubilar nach einer Ansprache des hiesigen Pfarrers Becker ein von früheren Schülern gestiftetes Kapitel von 681 Gulden übergeben, worunter Beiträge aus den fernsten Gegenden (New York, San Francisco etc.). Im schön geschmückten Saale des Gasthauses zum Adler vereinigten sich die Festteilnehmer, gegen 70 an der Zahl und allen Ständen und Bekenntnissen angehörend, zu frohem Beisammensein bei Musik und Gesang bis zum Abende."   

  
Zum Tod von Lehrer Adolf Weil in Eichstetten (1929; war in den 1870er-Jahren Lehrer in Michelfeld)       

Artikel in "Israelitisches Familienblatt" vom 28. März 1929: "Freiburg im Breisgau (Oberlehrer Adolf Weil). Am vergangenen Freitag wurde ein verdienter Veteranen des Lehrerstandes, Oberlehrer Adolf Weil, wenige Tage vor seinem 82. Geburtstage zu Grabe getragen. 36 Jahre wirkte der Heimgegangene als Hauptlehrer an der Simultanschule in Eichstetten, wo ihm schon vor einer Reihe von Jahren von der Oberschulbehörde das Amt des Oberlehrers und Schulleiters übertragen worden war. Früher war er an der Volksschule in Reilingen, Sandhausen und Michelfeld tätig. Ein kenntnisreicher, vielseitig gebildeter Mann von vorbildlicher Pflichttreue und hervorragende Eignung für sein verantwortungsvolles Lehrer- und Erzieheramt, hat mit ihm das Zeitliche gesegnet. Seine segensreiche Wirksamkeit ist von der Regierung durch die Verleihung des Verdienstkreuzes vom Zähringer Löwen anerkannt worden. Die zahlreiche Beteiligung an seiner Bestattung, bei der der Synagogenrat und die Ortsbehörde von Eichstetten und zahlreiche seiner Kollegen von Stadt und Land zugegen waren, sowie die Nachrufe am Grabe - es sprach Religionslehrer Strauß für die Bezirkskonferenz und den Natalie Eppstein-Verein, Oberlehrer Gänshirt für die Schulbehörde in Eichstetten, Herr Heinrich Mayer - Freiburg für den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten - legten Zeugnis ab von der allgemeinen Wertschätzung, der er sich erfreuen durfte. Der Landwehr- und Reservistenverein, dem der Verstorbene als Schriftführer angehörte, legte einen Kranz nieder. Der Oberrat der Israeliten, die Bezirkssynagoge und der Synagogenrat Eichstetten ließen durch den Mund des Herrn Bezirksrabbiners dem verdienstvollen Religionslehrer Dank und Anerkennung aussprechen. Herr Bezirksrabbiner Dr. Zimels zeichnete in seinem warm empfundenen Nachruf die Lehrertugenden, welche den Entschlafenen in hohem Maße auszeichneten. Auch im Ruhestand hat der bis zuletzt körperlich und geistig ungewöhnlich rüstige Mann in Freiburg, dass er sich zu seinem alten Sitze ausersehen hatte, seine Unterrichtstätigkeit fortgesetzt wie er sich auch auf sonstigen Gebieten: im jüdischen Jugendbund, für den Naphtali Epstein-Verein und den Landeswaisenverein mit Eifer und Erfolg betätigte."     

   
Hauptlehrer Adolf Weil spricht bei einer Beisetzung im Friedhof in Wiesloch  (1877)   

Sandhausen Israelit 03101877.jpg (174036 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Oktober 1877: "Wiesloch, 20. September (1877). Am Tag nach Jom Kippur ereignete sich in dem eine Stunde von hier entfernten Dorf Mühlhausen ein sehr bedauernswerter Fall. Der allgemein geachtete und beliebte Bürger Heinrich Wahl von Sandhausen, Amts Heidelberg, ging Morgens 6 Uhr wohl und munter von seiner Familie nach Mühlhausen, um Hopfen einzukaufen, kam auf einen Speicher, der in Verbindung mit der Scheune steht, um Muster zu sehen; kaum dort, tat er einen Fehltritt und stürzte 25 Fuß hoch so unglücklich herunter, dass er sofort bewusstlos weggetragen werden musste und trotz aller ärztlichen Hilfe, nachts 12 Uhr, seinen Leiden erlag. 
Heute nun bewegte sich ein unübersehbarer Leichenzug durch hiesige Stadt um die irdischen Überreste des Verewigten auf den hiesigen Friedhof (Wiesloch) zu verbringen. Von Nah und Fern kamen Leute herbei, besonders viele Christen, darunter der ganze Gemeinderat von Sandhausen, um dem Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen. Eine große Beteiligung an der Beisetzung fand schon in Mühlhausen statt, und ist hier das Zeugnis für den Verstorbenen abgelegt worden, mit welcher Anhänglichkeit die Bauern an dem Verstorbenen hingen, wegen seines aufrichtigen Handelns. Herr Hauptlehrer Weil aus Michelfeld gedachte in schönen Worten des Unglücklichen.  
Der zur Beisetzung hierher berufene Bezirksrabbiner Dr. Sondheimer aus Heidelberg sprach am Grabe über die Worte Jeremia 14, Vers 17. Er war sichtlich gerührt und entwarf in sehr ergreifenden Worten ein kurzes Lebensbild des Verstorbenen und seines Wirkens, sodass kein Auge tränenleer blieb.   
Der Unglückliche erreichte ein Alter von 44 Jahren, war Synagogenratsvorstand, auch war er aushilfsweise an den ehrfurchtgebietenden Tagen schon seit mehreren Jahren ehrenamtlicher Vorbeter. Er hinterlässt eine tief trauernde Witwe mit 6 noch kleinen, unmündigen Kindern. 
Möge der Allgütige, der da ist der Vater der Waisen und der Witwen der schwer heimgesuchten Gattin und den lieben Kleinen seinen himmlischen Trost senden, damit sie den Willen Gottes hoch achten und das Andenken des Verblichenen ehren. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens.  Ackermann, Lehrer."      

      
      
Aus dem jüdischen Gemeindeleben  
Spendensammlungen aus der Gemeinde 1898 

Mitteilung in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Juni 1898: "Spenden für das Heilige Land": "Michelfeld i. Baden. Durch Lehrer J. Gundersheimer, Chalah-Geld von den Frauen: Jeanette Gundersheimer 2.45, Hannchen (Adolf) Lang 1.30, Mina Lang 1.50, Frieda Menges 1.20, Hannchen Reis 1.35, Jeanette Scheuer 1, Karolina Scheuer 1.45, Ricka Scheuer 1.50, Babetta Springer 2, zus. abz. Porto 13.45 M."   

   
Die Auflösung der Gemeinde Ende 1935    

Michelfeld CV Ztg 09011936.jpg (70743 Byte)Artikel in der Zeitschrift des Central-Vereins ("CV-Zeitung" vom 9. Januar 1936: "Die Auflösung der Kleingemeinden. Der Oberrat der Israeliten Badens gibt bekannt, dass mit Genehmigung des Staatsministeriums und des Synodalausschusses die israelitischen Gemeinden Michelfeld und Richen aufgelöst worden sind. 
Gleichzeitig wird bekannt gegeben, dass aus den Beständen aufgelöster Gemeinden vom Oberrat Torarollen verwahrt werden, die anderen Gemeinden überlassen werden können. Der Oberrat bittet weiterhin bei der Auflösung von Gemeinden und bei der Abwanderung jüdischer Familien zu berücksichtigen, dass jüdische und hebräische Bücher, die von den Betreffenden nicht weiter verwendet werden können, wertvolle Dienste in Schulen, Bünden usw. leisten können. Der Oberrat hat in Karlsruhe eine Büchersammelstelle eingerichtet, die die Sichtung und die Weitergabe solcher Bücher vornehmen soll."   
 
Artikel in der "Jüdisch-liberalen Zeitung" vom 8. Januar 1936: "Zwei jüdische Kleingemeinden in Baden aufgelöst. Karlsruhe. Der Oberrat der Israeliten Badens gibt bekannt, dass mit Genehmigung des Staatsministeriums und des Synodalausschusses die israelitischen Gemeinden Michelfeld und Richen aufgelöst worden sind."  

      
      
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde   
"Mundtoterklärung" von Bräunle Hochstätter (1844)    

Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 27. April 1844 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Wiesloch. [Mundtoterklärung]. Bräunle Hochstätter, Tochter des verstorbenen Baruch Hochstätter zu Michelfeld, ist wegen Gemütsschwäche als entmündigt erklärt und der Handelsmann Simon Oppenheimer von da als ihr Vormund aufgestellt worden, was man anmit zur öffentlichen Kenntnis bringt.  
Wiesloch, den 21. April 1844. Großherzogliches Bezirksamt."     

    
Moses Menges ist ohne Erlaubnis nach Amerika ausgewandert (1853)         

Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 18. Juni 1853 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Sinsheim [Aufforderung.] Der Soldat vom 4. Infanterie-Regiment Moses Menges von Michelfeld, hat sich heimlicher Weise von Hause entfernt und wahrscheinlich nach Amerika begeben.
Derselbe wird daher auffordert, sich binnen 2 Monaten dahier oder bei seinem Kommando zu stellen, widrigenfalls er, vorbehaltlich seiner persönlichen Bestrafung im Betretungsfalle, wegen Desertion in eine Geldstrafe von 1200 fl. verfällt werden würde. 
Sinsheim, den 7. Juni 1853."     

  
Über Zacharias Oppenheimer (1830-1904)     

Zacharias Oppenheimer.jpg (53262 Byte)Zacharias Oppenheimer (geb. 8. [nicht 7.] Januar 1830 in Michelfeld, gest. 1904 in Heidelberg); im Oktober 1848 kam er zum Medizinstudium nach Heidelberg; im Mai 1849 nahm er am badisch-pfälzischen Aufstand teil. Nach Niederschlagung der Mairevolution floh er im Juni 1849 in die Schweiz, kehrte jedoch im Oktober 1849 wieder nach Deutschland zurück. Zunächst studierte er in Würzburg, seit Oktober 1851 wieder in Heidelberg. 1855 habilitierte er in Heidelberg, Er wurde 1863 ao. Professor der Medizin in Heidelberg, veröffentlichte Schriften zu neurologischen Fragestellungen.
Dr. Zacharias Oppenheimer war seit 4. März 1857 (Trauung in Weinheim durch Bezirksrabbiner Salomon Fürst) verheiratet mit Mathilde geb. Frank (geb. 26. Dezember 1833 in Oberelsbach*); eingestellt: Seite aus dem Personenstandsregister Heidelberg mit Eintragung der Trauung von Dr. Oppenheimer und Frau (Quelle: HStA Stgt Bestand 386 Bü. 249; Personenstandsregister online).   
(Foto links: Universitätsbibliothek Heidelberg - Der Lehrkörper Ruperto Carola zu Heidelberg im Jahre 500 ihres Bestehens. Link;
vgl. Wikipedia-Artikel "Zacharias Oppenheimer"
*) der Geburtsort Oberelsbach wurde auf Grund einer Recherche von E. Böhrer im Juli 2012 bestätigt; der in einigen Publikationen angegebene Geburtsort Veitshöchheim ist nicht korrekt (von Veitshöchheim stammt vielmehr die Mutter von Mathilde Oppenheimer geb. Frank: Charlotte Frank geb. Edenfelder, Tochter des Weinhändlers Simon Edenfeld[er]).  
       
Blick in die Familiengeschichte mit einem Beitrag von Berthold Rosenthal, Mannheim: Aus Ludwig Haas' Familiengeschichte 1930 S. 303-312.  
Aus der Zeitschrift "Jüdische Familienforschung" 1930 Nr. 12: "Die Mutter Ludwig Haas', die jetzt bald 80-jährige Frau Rosa Haas in Karlsruhe, ist die Tochter des Moritz (Mordche) Marx (1812—1905) in Bruchsal. Er ist der Gründer der noch bestehenden Mälzerei Moritz Marx L Söhne und war lange Jahre Vorsteher der jüdischen Gemeinde, deren Geschichte seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts sich fast lückenlos verfolgen lässt. Sein Vater Maier Marx (1776—1853) lebte ebenfalls in Bruchsal, teilweise noch in der Zeit, da die Fürstbischöfe von Speyer in dem dortigen Rokokoschlosse, einem der schönsten seiner Art, Residenz hielten. Maier Marx handelte mit Landesprodukten und Wein. Er war Mitbegründer der 1812 in Bruchsal ins Leben gerufenen 'Werbekasse', die ursprünglich den Loskauf der zur Miliz gezogenen Söhne der Mitglieder bezweckte. Seine Gemahlin Bonette (Bonle) war im nahegelegenen Michelfeld geboren und ein Glied der vielverzweigten Familie Oppenheimer, die seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von Heidelberg aus in viele Judenorte der Kurpfalz und des Kraichgauer Ritterschaftskantons ihre Ableger gesenkt hatte. Bonettes Eltern waren Hayum (gestorben 1809) und Brendel (1746—1819) und ihr Bruder war jener Zacharias Oppenheimer, der in Michelfeld 1803 eine Uniformtuchfabrik begründete und dem Großherzog Karl Friedrich bald nach Verkündung des Edikts von 1809 als einem von wenigen Juden das uneingeschränkte Ortsbürgerrecht verlieh. Als vom 'Badischen Oberrate der Staatsbürger Mosaischen Bekenntnisses' berufener Deputierter nahm er im Juni 1809 in Karlsruhe an einer Beratung über die Durchführung des Judenedikts in Baden teil." 
 
Artikel im "Israelitischen Familienblatt" vom 1. November 1928: "Bruchsal. Die Firma Louis Oppenheimer, Uniformtuche, kann in diesem Jahre auf ein 125-jähriges Bestehen zurückblicken. Im Jahre 1803 errichtete der 'Bürger und Fabrikant' Zacharias Oppenheimer in Michelfeld, unweit Bruchsal, eine 'Wollentuchfabrik" und verlegte sich von Anfang an auf die Herstellung einfarbiger Uniformtuche. Aus Urkunden der Jahre 1817 und 1827 geht hervor, dass die Fabrik damals schon 290 bis 300 Leute, jedenfalls auch Heimarbeiter, beschäftigte. - Der jetzige Seniorchef der Firma, Herr Jacob Oppenheimer, hat sich durch seine Tätigkeit in der sozialen Fürsorge größte Wertschätzung erworben. So war er als Ehrengast bei der hundertjährigen Jubelfeier des Roten Kreuzes, (während der Kriegs- und Inflationsjahre fungierte er als Schatzmeister der Vereinigung) bei der Regimentstagung der 110er, bei dem zehnjährigen Jubiläum des Reichsbundes der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen geladen. Der Vorsitzende der Ortsgruppe der letztgenannten Vereinigung nannte Herrn Oppenheimer in seiner Begrüßungsansprache den 'Vater der Bruchsaler Fürsorge', ein Ehrentitel, den er vollauf verdient."   
     

  Stammbaum der Familie Oppenheimer, 
ausgestellt in der neuen Synagoge Heidelberg
(Foto: Hahn, 2009)  

Heidelberg Synagoge 209120.jpg (91746 Byte) Heidelberg Synagoge 209121.jpg (74444 Byte)

   
  
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen 
Verlobungsanzeige von Irma Schorsch und Manfred Strauss (1927)   

Anzeige in "Israelitisches Familienblatt" vom 25. August 1927:
"Irma Schorsch  -  Manfred Strauss   
Verlobte  
Hall (Württemberg)  -  Michelfeld (Baden) / Buenos Aires" 

   
    
    
Zur Geschichte des Betsaals / der Synagoge         
   
Zunächst bestand vermutlich ein Betsaal. 1783 wurde eine neue Synagoge (Synagogen- und Schulhaus) erbaut. Ende der 1820er-Jahre war das Gebäude zu klein geworden. Der damalige Gemeindevorsteher Simon Oppenheimer schrieb am 19. Mai 1829 an das Bezirksamt Sinsheim, dass durch die Zunahme der Gemeindemitglieder auf inzwischen 120 bis 130 Personen die Synagoge zu klein und inzwischen auch in baufälligem Zustand sei. Er habe mehrere Baupläne und Kostenüberschläge fertigen lassen. Die Gemeinde habe einstimmig eine Vergrößerung des Synagoge bei einem Kostenaufwand von 900 bis 1000 Gulden beschlossen und bitte das Bezirksamt um Genehmigung. Das Bezirksamt ließ die Pläne prüfen. Vom Direktorium des Neckarkreises kam am 14. September 1830 die Baugenehmigung. Inzwischen hatte Simon Oppenheimer mit der Gemeinde auch einen Finanzierungsplan abgesprochen. Demnach hatte die Gemeinde auf einem Konto 400 Gulden angespart, 142 Gulden waren in der Kasse vorhanden, der Restbetrag von 400 bis 500 Gulden sollte durch wöchentliche Beiträge der Familienvorstände in Höhe von 2 Gulden gesammelt werden. Bevor der Bau der Synagoge begann, wurde von einem Wieslocher Werkmeister ein Gutachten des Synagogenbaus im Blick auf den Umbau erstellt. Dabei stellte er fest, dass die Synagoge in einem "zerrüttetem und nicht gut zu verbesserndem Zustande sei" und "die alte Synagoge weggeschafft und eine neue dafür erbaut werde". Vermutlich wurden auf Grund dieses Gutachtens die Baupläne nochmals neu überdacht und 1838 eine neue Synagoge in der Schallbachgasse ("Judengässel") erstellt. Es handelte sich um ein Gebäude mit Betsaal, Lehrerwohnung und Schulzimmer, in dem bis 1876 auch der Schulunterricht der Kinder stattfand, danach - bis um 1920 - noch der Religionsunterricht der Kinder.
     
Mitte der 1920er-Jahre konnten bereits keine Gottesdienste in der Synagoge gefeiert werden, da keine zehn jüdische Männer mehr am Ort wohnten. Die jüdische Gemeinde vermietete daher den Betsaal an die politische Gemeinde zu einem jährlichen Mietpreis von 90 RM. Als sich nach 1933 die Beziehung zwischen politischer und jüdischer Gemeinde schnell verschlechterte, stellte die politische Gemeinde 1935 und 1936 die Zahlung der Miete für den Betsaal ein. Erst auf Grund mehrerer Mahnungen des Oberrates der Israeliten wurde die Miete überwiesen, aber zugleich das Mietverhältnis vom Bürgermeister zum 1. Januar 1937 beendet. Die politische Gemeinde stellte ihrerseits Überlegungen zur künftigen Nutzung der Synagoge an. Im Januar 1936 stand die freiwillige Sanitätskolonne in Michelfeld mit dem Oberrat der Israeliten dazu in Verhandlungen. Freilich war das Gebäude inzwischen in höchst baufälligem Zustand. Der Bezirksbaumeister stellte bei seiner Bestandsaufnahme im Februar 1936 fest, dass die Außen- und Innenwände völlig durchfeuchtet waren. Außerdem waren der Dachstuhl teilweise eingedrückt, der Decken- und Wandverputz in mehreren Räumen abgefallen, die Holzböden in der Wohnung im ersten Stock angefault und die Steinböden in Keller und Decke in sehr schlechtem Zustand. Auch die Ziegeldeckung, Dachgesimse und Kamine hätten dringend eine Reparatur nötig. Der Bezirksbaumeister schloss seinen Bericht mit der Bemerkung: "Eine gründliche Instandsetzung würde sehr viel Geld kosten und würde von niemand durchgeführt werden können' und schätzte das Gebäude mit Grundstück gerade noch auf einen Wert von 1.500 RM ein. Inzwischen hatte der Oberrat der Israeliten Ferdinand Strauss mit der Wahrnehmung der Interessen der ehemaligen jüdischen Gemeinde beauftragt. Strauss bat beim Bürgermeister im September 1936 darum, die Synagogenbänke öffentlich versteigern zu dürfen, was der Bürgermeister jedoch mit der Begründung ablehnte, dass "es mit der heutigen Zeit unvereinbar ist, die Interessen der jüdischen Rasse oder Religionsgemeinschaft zu vertreten". Strauss konnte die Bänke wenig später allerdings auch ohne Versteigerungstermin verkaufen. Da auf Grund des schlechten Bauzustandes der Synagoge an keine andere Verwendung mehr zu denken war, wurde das Gebäude am 20. Dezember 1936 an den Gewerbefortbildungsschullehrer Ernst Henny aus Adelsheim verkauft. Er wollte das Gebäude abbrechen und das Grundstück als Garten nützen.  
  
Heute befindet sich auf dem Synagogengrundstück ein Garten. Spuren oder eine Gedenktafel sind nicht vorhanden.  
    
    
   

Fotos 
Historische Darstellung: 

Michelfeld Synagoge 003.jpg (82849 Byte)

Zeichnung der ehemaligen Synagoge in Michelfeld
(Quelle: hier anklicken - Zeichnung von Richard Weigel, Angelbachtal)
   

    
Pläne: 
  

Michelfeld Plan 004.jpg (82713 Byte) Michelfeld Synagoge 100.jpg (157022 Byte)
Plan von Michelfeld 1870 aus: Johann Jenne, Michelfeld 
s. Lit. S. 187; die Eintragung der Synagoge mit 
einem "S" von Hahn  
In obigem Plan von Michelfeld mit einem roten Kreis markiert: 
der Standort der ehemaligen Synagoge in der 
Schallbachgasse ("Judengässel") (topographischer Plan aus den 1970er-Jahren)


Fotos nach 1945/Gegenwart: 

Fotos um 1985:
(Fotos: Hahn)
Michelfeld Synagoge 101.jpg (65509 Byte) Michelfeld Synagoge 102.jpg (105029 Byte)
     Straßenschild für die "Schallbachgasse",
 auch "Judengässel" genannt.  
Im Bereich dieser Gärten in der
 Schallbachgasse war der Standort 
der ehemaligen Synagoge 
   
           
Neuere Fotos Neuere Fotos des Synagogengrundstückes werden bei Gelegenheit erstellt; über Zusendungen freut sich der Webmaster von "Alemannia Judaica", Adresse siehe Eingangsseite

     
    
   
 
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte       

März 2020: Buch von Leonhard Dörfer zur jüdischen Geschichte in Michelfeld erschienen       
Artikel in der Website der Gemeinde Angelbachtal vom 26. Mai 2020: "Buch 'Jüdisches Leben in Michelfeld' erschienen
Gemeinde gibt zweites Werk von Leonhard Dörfer zur israelitischen Geschichte heraus
Angelbachtal.
(abc) Mit 'Jüdisches Leben in Michelfeld' gibt die Gemeinde dieser Tage ein weiteres Werk zur Ortsgeschichte heraus. Nachdem der Autor Leonhard Dörfer schon einen Band über 'Jüdisches Leben in Eichtersheim' veröffentlicht hat, beschreibt der seit Jahrzehnten vor Ort verwurzelte, engagierte Historiker nun die über 200-jährige Geschichte des Michelfelder Pendants. Nach den verheerenden Verlusten an Menschen und Wohnräumen zweier Kriege des 17. Jahrhunderts beteiligten sich die jüdischen Mitbürger aktiv am Wiederaufbau des Ortes.
Mit 242 Personen – 20% der damaligen Einwohnerschaft – hatte die jüdische Gemeinde 1848 ihren Höhepunkt erreicht und war damit eine der größten jüdischen Landgemeinden in Baden. Heute ist der Judenfriedhof der einzige sichtbare Beweis für die Existenz einer israelitischen Gemeinde; sie wurde im November 1935 durch staatlichen Beschluss aufgelöst, nachdem sie zuvor schon immer kleiner geworden war.
Dörfers Leistung ist umso höher zu bewerten, da der mittlerweile 88jährige Autor in jüngster Zeit nur noch eingeschränkt mobil war. Trotzdem kann er sich noch gut an den Anfang des Projektes erinnern: 'Im September 2016 bin ich auf dem jüdischen Friedhof in Michelfeld Ruth Danon aus Israel begegnet, die dort das Grab ihres Großvaters besucht hatte. Aus ihren Erzählungen erkannte ich, dass ich fast nichts vom jüdischen Leben in Michelfeld wusste. Und das hat mich angeregt, dieses Buch zu verfassen', so Dörfer. Schon damals war es dem pensionierten Pädagogen nicht mehr möglich gewesen, vor Ort im Generallandesarchiv zu recherchieren. Von früheren Besuchen hatte Dörfer aber einiges an Material mitgebracht, das ihm als Grundstock für das neue Werk diente. 'Dank der großen Hilfe von Diethelm Brecht ist es gelungen, die Arbeit zu Ende zu führen', lobte er die hervorragende Zusammenarbeit mit dem Hauptamtsleiter der Gemeinde, der ihn maßgeblich bei der Fertigstellung unterstützt hatte.
Bürgermeister Frank Werner ist dankbar für die umfangreiche Aufarbeitung der jüdischen Geschichte: 'Ihnen ist es zu verdanken, dass wir die Erinnerungskultur in einer Weise pflegen können, wie es in vielen anderen Gemeinden nicht möglich ist.' Er bedauere es außerordentlich, dass eine offizielle Buchvorstellung in diesen Zeiten nicht möglich sei. Selbst ein gemeinsames Pressefoto könne nicht gefertigt werden, ohne den Autor einem gesundheitlichen Risiko auszusetzen. Aber trotzdem sei es wichtig, der Bevölkerung dieses wichtige Werk nicht vorzuenthalten. Er bedankte sich bei Norbert Hinzmann für die ergänzende Unterstützung des Heimatvereins zur Herausgabe des Buchs.
Der bebilderte, von Jens Neckermann ansprechend gestaltete Band dokumentiert das Leben und Wirken dieser jüdischen Gemeinde und schildert plastisch das Zusammenleben der verschiedenen Konfessionen in einem ländlichen Dorf. Schwerpunkte sind unter anderem die israelitische Schule, eine Bestandserhebung der Häuser der jüdischen Familien, das Wirtschaftswesen und bedeutende Persönlichkeiten, aber auch die Opfer der NS-Zeit sowie die jüdischen Auswanderer und der heutige Kontakt mit deren Nachfahren. Eine detaillierte Namensliste, ein Auszug aus dem Michelfelder Ortsfamilienbuch und eine Belegungsliste des jüdischen Friedhofs machen den Band zusätzlich zu einer wichtigen Quelle für alle ortsgeschichtlich interessierten Leserinnen und Leser.
'Jüdisches Leben in Michelfeld' ist im verlag regionalkultur (Ubstadt-Weiher) erschienen und umfasst 120 Seiten mit 50 teils farbigen Abbildungen, die von einem fester Einband mit Fadenheftung zusammengehalten werden. Für 14,90 Euro pro Exemplar ist es ab sofort bei 'Blumen am Schloss' (Friedrichstraße 3/1), im Bürgerbüro des Rathauses (nach Voranmeldung unter Tel. 07265/912020) oder im Online-Bücher-Shop der Gemeinde erhältlich: buechershop@angelbachtal.de."
Link zum Artikel   

    
     

Links und Literatur 

Links: 

bulletWebsite der Gemeinde Angelbachtal 

Literatur:  

bulletFranz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 201-202. 
bullet"Die jüdische Gemeinde in Michelfeld" und "Die Tuchfabrik Oppenheimer", in: Heimatbuch Michelfeld. 1986. 
bulletJohann Jenne: Michelfeld. Das Dorf und seine Geschichte. Hg. von der Gemeinde Angelbachtal. 1990. 1994². Darin: Die jüdische Gemeinde in Michelfeld S. 105-106. 
bulletJoseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern - Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem 1986. S. 402-403.  
bulletsynagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007. 
bullet Leonhard Dörfer: Jüdisches Leben in Michelfeld. Hrsg. von der Gemeinde Angelbachtal. 120 S. mit 50, z.T. farbigen Abb., fester Einband. ISBN 978-3-95505-206-5. EUR 14,90. Erschienen im Verlag Regionalkultur vgl. https://verlag-regionalkultur.de/buecher/juedische-geschichte/1191/juedisches-leben-in-michelfeld 
Erhältlich über die Gemeinde Angelbachtal  buechershop@angelbachtal.de

  
    

Hinweis auf online einsehbare Familienregister der jüdischen Gemeinde Michelfeld 
Über die Website des Landesarchivs Baden-Württemberg (hier: Generallandesarchiv Karlsruhe) sind (soweit vorhanden) die Personenstandsregister jüdischer Gemeinden in Baden einsehbar. Sie befinden sich dort im Bestand 390: https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/startbild.php?bestand=12390
In diesem Bestand sind die Geburten, Heiraten und Sterbefälle der Michelfelder Juden von 1808 bis 1875 in den Zweitschriften der badischen Kirchen- und Synagogenbücher online abrufbar. Die Standesbücher (Zweitschriften) für Michelfeld werden im Generallandesarchiv Karlsruhe (GLA KA) im Bestand 390, laufende Nummern 4772 bis 4776 aufbewahrt.
Nr. 4772 Michelfeld, evangelische und israelitische Gemeinde: Standesbuch 1808-1830 (Israeliten ab 1813): http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1224216
Nr. 4773 Michelfeld, evangelische und israelitische Gemeinde: Standesbuch 1831-1846 http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1224217-1  
Nr. 4774 Michelfeld, evangelische und israelitische Gemeinde: Standesbuch 1847-1865: http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1224218-1
Nr. 4775 Michelfeld, evangelische und israelitische Gemeinde: Standesbuch 1866-1870: http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1224219-1
Nr. 4776 Michelfeld, evangelische und israelitische Gemeinde: Standesbuch 1870-1875: http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1224220-1   

        
         


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Michelfeld  Baden. A community existed from the late 16th century, reaching a peak population of 242 in 1841 and operating a synagogue, cemetery, and elementary school. The two Jewish families present in 1933 dispersed in the Nazi era.   
    
      

                   
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Stand: 17. Dezember 2025