Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Wiesloch (Rhein-Neckar-Kreis) 
Jüdischer Friedhof 
  

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde          
    
Siehe Seite zur Synagoge in Wiesloch (interner Link)  
    
    
Zur Geschichte des Friedhofes       
   
Der jüdische Friedhof in Wiesloch am Rande der Altstadt (Merianstraße/Bahnweg, Flurstücke  577,590,591, Gesamtfläche 59,80 a) wird erstmals 1661 genannt. Der älteste erhaltene Grabstein für Lea, Frau des Samuel Oppenheim, stammt aus dem Jahr 1670. Auf dem Friedhof wurden im 17.Jahrhundert, teilweise bis ins 20.Jahrhundert die Toten der jüdischen Gemeinden aus dem ehemaligen Oberamt Heidelberg begraben. Der Friedhof hat mehrere Erweiterungen erfahren, 1819 nach Südwesten und 1862 nach Osten. Ein Teil der älteren Fläche ist möglicherweise durch Aufschüttung erhöht worden, um über älteren Gräbern neue Grabstätten anlegen zu können.
      
Nach Abriss der Synagoge 1957 wurde ein Teil des Eingangsportals (mit Inschrift) in die Umfassungsmauer des Friedhofs eingemauert (im hinteren, neuesten Bereich). Im Volksmund heißt der Friedhof "Judengottesacker", der Leimbachlauf beim Friedhof "Judenbach". An der Friedhofsmauer befindet sich eine 1988 eingeweihte Gedenkstätte für die aus Wiesloch ermordeten Juden. 
       
       
Schändung der Gedenkstätte durch eine psychisch kranke Person (2012)  

Am Vormittag des 29. Januar 2012 und in der Nacht vom 30. auf den 31. Januar 2012 kam es zu einer Schändung der Gedenkstätte beziehungsweise des Friedhofes. Dabei hat ein 51-jähriger Mann vor der Gedenkstätte Bücher entzündet. Nach Angaben der Polizei (Pressemitteilung der Polizeidirektion Heidelberg vom 1.2.2012) scheidet bei dem Mann ein politischer Hintergrund bei seinen Taten aus; die Motivation sei "eher in einem religiös bedingten Krankheitsbild zu vermuten". Der 51-jährige wurde wegen Störung der Totenruhe von der Polizei festgenommen und anschließend in das Psychiatrische Zentrum Wiesloch in der Heidelberger Straße eingeliefert. Auf der Aufnahmestation (Station 1) hat er wenig später, noch am Morgen des 31. Januar kurz vor 10 Uhr - auf einem Bett fixiert - mit einem Feuerzeug das Bettzeug entzündet. Beim Brand wurde er getötet; elf weitere Personen (vier Pfleger und sieben Patienten) wurden durch die Rauchgase verletzt. Das Gebäude des Psychiatrischen Zentrums musste evakuiert werden.     

    
    
    
Aus der Geschichte des Friedhofes  
Grabstein von Aron Seligmann aus Leimen im Friedhof Wiesloch (Artikel von 1900)  

Wiesloch Israelit 23081900.jpg (138853 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. August 1900:  
"Mitteilung von Rabbiner Dr. Ackermann in Brandenburg a.H.  Der Herausgeber dieser Blätter führt in seiner Geschichte der Juden in der Kurplatz (S. 220) den um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts als 'Obergeldeinnehmer' der Landjudenschaft in Leimen lebenden Aron Seligmann an. Leimen, ein kleiner, ehemals als Rabbinatssitz bedeutsamer Ort bei Heidelberg, brachte und bringt heute noch seine Toten auf den bald 300 Jahre alten Friedhof zu Wiesloch. Auch Aron Seligmann ist in Wiesloch begraben und ich gebe im Folgenden seine Grabschrift wieder. Dieselbe, auf einem großen, vorzüglich erhaltenen Steine befindlich, bestätigt das ungeheure Ansehen, welches Aron Seligmann genoss, seine Frömmigkeit, seine Wohltätigkeit, und gibt auch Kunde von der großen Stiftung, die der bedeutende Mann zu frommen Zwecken hinterlassen hat und von der ich selbst während meiner Studienzeit durch mehrere Jahre hindurch die Zinsen genossen habe. Die Grabschrift lautet: 
Zum Lesen der hebräischen Inschrift bitte Textabbildung anklicken. 

    
    
Die Lage des Friedhofes 

Wiesloch FriedhofPlan.jpg (44468 Byte)  
Lage des jüdischen Friedhofes Wiesloch
 (durch Pfeil markiert)
(Topographische Karte aus den 1970er-Jahren) 
Lage des jüdischen Friedhofes in Wiesloch auf dem dortigen
 Stadtplan: der Link zeigt die Lage des jüdischen Friedhofes an
oder  unter "Einrichtungen" weiterklicken zu "Friedhof, israelischer Friedhof"    

    
    
Fotos
Neuere Fotos  

Fotos 2011:               
(Fotos: Michael Ohmsen, die Fotos in höherer Auflösung 
auf der Website von M. Ohmsen: Fotos zu Wiesloch; Fotos ab dritter 
Fotozeile von Hahn, Aufnahmen vom 5.6.2011) 
 
Wiesloch Friedhof 840.jpg (196366 Byte) Wiesloch Friedhof 844.jpg (131684 Byte)   
Gedenkstätte am Friedhof für die in der NS-Zeit ermordeten Juden aus Wiesloch  
     
Wiesloch Friedhof 841.jpg (194498 Byte) Wiesloch Friedhof 842.jpg (173379 Byte) Wiesloch Friedhof 843.jpg (126248 Byte)
Teilansichten des Friedhofes Grabstein eines Schofar-Bläsers
      
Wiesloch Friedhof 750.jpg (186222 Byte) Wiesloch Friedhof 751.jpg (172908 Byte) Wiesloch Friedhof 752.jpg (179015 Byte)
Teilansichten des alten Friedhofteiles
     
Wiesloch Friedhof 753.jpg (165988 Byte) Wiesloch Friedhof 754.jpg (155007 Byte) Wiesloch Friedhof 755.jpg (177790 Byte)
Durch die außergewöhnlich Reichhaltigkeit in der Gestaltung der Grabsteinen mit Symbolen unterschiedlicher Art 
erhält der ältere Teil des Friedhofes sein besonderes Gepräge
     
Wiesloch Friedhof 756.jpg (192009 Byte) Wiesloch Friedhof 757.jpg (192695 Byte) Wiesloch Friedhof 758.jpg (185771 Byte)
Teilansicht Pflanzensymbolik auf 
zahlreichen Grabsteinen
Teilansicht
     
     
Wiesloch Friedhof 759.jpg (173115 Byte) Wiesloch Friedhof 760.jpg (130672 Byte) Wiesloch Friedhof 761.jpg (146791 Byte)
  Engelsgestalt Segnende Hände der Kohanim
     
Wiesloch Friedhof 762.jpg (179169 Byte) Wiesloch Friedhof 763.jpg (177299 Byte) Wiesloch Friedhof 764 Leimen.jpg (169772 Byte)
Grabsteine im neueren Teil des Friedhofes Grabstein für Heinrich Jacobi aus 
Leimen (gest. 1904) und Fanny Jacobi
 geb. Hirsch (1837-1917)
  
     
Wiesloch Friedhof 765 Sandhausen.jpg (143035 Byte) Wiesloch Friedhof 766.jpg (194489 Byte) Wiesloch Friedhof 767.jpg (194983 Byte)
Grabstein für Fanni Marx geb. Keller
 (1827-1903) und  Leopold Marx
 (1825-1904), beide aus Sandhausen
Teilansichten im neueren Teil 
 
     
Wiesloch Friedhof 768.jpg (204311 Byte) Wiesloch Friedhof 769.jpg (195861 Byte) Wiesloch Friedhof 770 Sandhausen.jpg (184146 Byte)
Teilansichten im neuesten Erweiterungsteil (nach 1900) Grabstein für Lehrer Bernhard Wunsch 
aus Sandhausen (1855-1929)
   
Wiesloch Friedhof 771 Reilingen.jpg (151950 Byte) Wiesloch Friedhof 772.jpg (195904 Byte) Wiesloch Friedhof 773.jpg (149664 Byte)
Grabstein für Moritz Kahn von 
Reilingen (1868-1925) mit "segnenden
 Händen" der Kohanim
Grabstein für Albert Mayer 
aus Nußloch (1853-1928)
Grabstein für Lehrer
 Leopold Leopold (1867-1921)
      
     
Wiesloch Friedhof 774 Reilingen.jpg (110595 Byte) Wiesloch Friedhof 775 Wangen.jpg (159320 Byte) Wiesloch Friedhof 776 Nussloch.jpg (205798 Byte)
Grabstein für Rosa Reilinger 
von Reilingen (1840-1919)
Grabstein für Benedikt Michael Bernheim
 (1852 Wangen am Bodensee - 1913 
in Baiertal) 
Grabstein für Heinrich Adler 
aus Nußloch (1876-1913)
     
     
Wiesloch Friedhof 777.jpg (154522 Byte)Wiesloch Friedhof 777a Rohrbach.jpg (76029 Byte) Wiesloch Friedhof 778 Heinsheim.jpg (150402 Byte) Wiesloch Friedhof 779 Walldorf.jpg (195741 Byte)Wiesloch Friedhof 779a Walldorf.jpg (99108 Byte)
Grabstein für Jakob Bär aus 
Rohrbach (1841-1914)
Grabstein für Elise Oppenheimer 
aus Heinsheim (gest. 1882)
Grabstein für Löb Mayer II 
aus Walldorf (1816-1885)
     
Wiesloch Friedhof 780.jpg (200464 Byte) Wiesloch Friedhof 781a Walldorf.jpg (187652 Byte)Wiesloch Friedhof 781 Walldorf.jpg (138900 Byte) Wiesloch Friedhof 782 Schwetzingen.jpg (178738 Byte)
Teilansicht  Grabstein für Michael Mendel, 
Vorbeter der Gemeinde in Walldorf 
Grabstein für Ephraim Hess 
von Schwetzingen (gest. 1867)
   
      
Wiesloch Friedhof 783.jpg (174694 Byte) Wiesloch Friedhof 784.jpg (209204 Byte) Wiesloch Friedhof 785.jpg (171100 Byte)
In der Mitte Grabstein für 
Kaufmann Weil von Ketsch (gest. 1869)
Blick auf die vermutlich 
aufgefüllte Gräberfläche
Hebräisch beschriftete 
Grabsteine
     
   Wiesloch Friedhof 786 Schwetzingen.jpg (177328 Byte)  
  Grabstein für Abraham Traumann 
von Schwetzingen (1801-1860) 
 
     
     
Fotos von 2003 
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 14.10.2003; 
Foto der Inschriftentafel rechts unten von Michael Ohmsen))
  
Wiesloch Friedhof 155.jpg (90207 Byte) Wiesloch Friedhof 163.jpg (92985 Byte) Wiesloch Friedhof 162.jpg (71394 Byte)
Eingangstor  Im älteren Teil 
des Friedhofes 
Links Pflanzenornamentik, rechts 
segnende Hände der Kohanim 
    
     
Wiesloch Friedhof 166.jpg (80489 Byte) Wiesloch Friedhof 164.jpg (64850 Byte) Wiesloch Friedhof 158.jpg (93110 Byte)
Charakteristische Grabsteine im älteren Teil des Wieslocher Friedhofes; das rechte 
Foto zeigt zwei Grabsteine aus der Reihe der Seligmann-Gräber: links Hindele/Henriette 
von Eichthal
(gest.1831), daneben Fromet, Frau des Eli Seligmann (gest.1777)
Blick auf die auffallend erhöhte,
 aufgeschüttete Friedhofsfläche 
(siehe oben im Text) 
   
Wiesloch Friedhof 156.jpg (94360 Byte) Wiesloch Friedhof 159.jpg (88700 Byte) Wiesloch Friedhof 157.jpg (104427 Byte)
Blick von der aufgeschütteten Fläche  Blicke über die neueren Erweiterungen des Friedhofes
   
Wiesloch Friedhof 160.jpg (73101 Byte) Wiesloch Friedhof 165.jpg (59801 Byte) Wiesloch Friedhof 167.jpg (61742 Byte)
Segnende Hände der Kohanim  Hand Gottes (?)  Engelsgestalt
     
Wiesloch Friedhof 161.jpg (67881 Byte) Wiesloch Friedhof 154.jpg (85681 Byte) Wiesloch Friedhof 150.jpg (66008 Byte)
Levitenkanne 
mit Schalen
Grabstein für Victor Herz, einer der 
letzten Lehrer der Wieslocher Gemeinde
 (gest. 1931)
Ehemalige Portalinschrift 
der Synagoge 
      
     
Wiesloch Friedhof 151.jpg (96742 Byte) Wiesloch Friedhof 152.jpg (72861 Byte) Wiesloch Gedenken 080.jpg (106478 Byte)
Am Friedhofsrand: Gedenkstätte für die in der NS-Zeit ermordeten Wieslocher Juden Die Namenstafel der 
ermordeten Wieslocher Juden
Tafel zur Erinnerung an die Deportation 
der jüdischen Einwohner nach Gurs*  
     
*Inschrift der Tafel: "Am 22. Oktober 1940 wurden in Baden mehr als 5.600 Juden auf Befehl der GESTAPO durch die örtlichen Hilfspolizeistellen verhaftet und des Landes verwiesen. Auch in Wiesloch und Baiertal sind alle noch in der Gemeinde lebenden jüdischen Einwohner verhaftet und in den Räumen der damaligen Landwirtschaftsschule in der Schloss-Strasse eingesperrt worden. Mit Lastwagen wurden die 45 völlig überraschten und hilflosen Menschen – der jüngste war 1 ½ Jahre und die älteste Verschleppte 78 Jahre alt – von Wiesloch nach Heidelberg und von dort in Sonderzügen zum Internierungslager Gurs in Südfrankreich deportiert. Die menschenunwürdigen und katastrophalen hygienischen Verhältnisse führten im ersten halben Jahr der Internierung zum Tode von über 1.000 der Deportierten. Der größte Teil der Gefangenen wurde in den folgenden Jahren in andere Lager in Frankreich verlegt und von dort in die Vernichtungslager Auschwitz, Majdanek und Buchenwald abtransportiert und ermordet. Nur wenige konnten aus den Lagern fliehen oder überlebten die Qualen der grausamen Gefangenschaft. Von den ehemaligen jüdischen Einwohnern aus Wiesloch und Baiertal überlebten nur 6 ihre Verschleppung. Die infolge der Deportation vom 22. Oktober 1940 verstorbenen jüdischen Einwohner von Wiesloch und Baiertal sind zur Erinnerung und Mahnung mit ihren Namen auf der Gedenktafel geehrt. "..  

   
Ältere Fotos
(Fotos: Hahn, entstanden Mitte der 1980er-Jahre)

Wiesloch Friedhof04.jpg (76842 Byte)  Wiesloch Friedhof02.jpg (59593 Byte)  Wiesloch Friedhof06.jpg (74177 Byte) 
 Blick über den Friedhof      Teilansichten des Friedhofes
   
Wiesloch Friedhof01.jpg (69667 Byte) Wiesloch Friedhof05.jpg (57632 Byte) Wiesloch Friedhof03.jpg (65929 Byte)
       Portalinschrift der ehemaligen
Synagoge Wiesloch 

    
    
 Einzelne Berichte zum Friedhof    

April 2014: Ausstellung zum jüdischen Friedhof im Rathaus in Wiesloch  
Dazu Artikel in der "Rhein-Neckar-Zeitung" vom 3. April 2014: "Der jüdische Friedhof im Wieslocher Rathaus. Die Fotoausstellung mit Friedhofsimpressionen soll helfen, 'Vergangenes mitten unter uns' nicht zu vergessen, so Fotograf Peter Born..."  
Link zum Artikel      
 
September 2018: Führung über den Friedhof am Europäischen Tag der jüdischen Kultur  
Artikel von Sabine Hebbelmann in der "Rhein-Neckar-Zeitung" vom 9. September 2018: "Jüdischer Friedhof in Wiesloch. Hier spiegeln sich über 350 Jahre jüdische Geschichte
Historisches Denkmal ersten Ranges - Führungen machen den Wert des Kleinods deutlich

Wiesloch. 'Mit der Würdigung eines Wieslocher Kleinods wollen wir einen Kontrapunkt setzen gegenüber dem, was gerade in Chemnitz geschieht', erklärt der ehemalige Kulturamtsleiter Manfred Kurz. Am Europäischen Tag der jüdischen Kultur begrüßen er und Pfarrer in Ruhe Karl Günther aus Ziegelhausen an die fünfzig Teilnehmer vor dem Mahnmal in der Merianstraße und führen sie anschließend in zwei Gruppen über den jüdischen Friedhof. Die Juden in Wiesloch waren eine Randgruppe, die stigmatisiert war, macht Manfred Kurz deutlich. Erstmals erwähnt wurden sie 1349, als in Europa die Pest wütete und Juden als Brunnenvergifter verfolgt wurden. 1661 entstand der jüdische Friedhof als Verbandsfriedhof für Wiesloch und die Gemeinden im Umkreis von 15 Kilometern. Juden war damals nicht erlaubt, in Zünfte einzutreten und Handwerker zu werden. Laut Manfred Kurz stammen die Grabsteine daher von christlichen Steinmetzen, die teils mit Dialekt - zum Beispiel 'Dilje' für St. Ilgen - gearbeitet und beim Hebräischen etliche Fehler gemacht hätten. Das habe Karl Günther festgestellt, der einen Großteil der Grabsteine übersetzt habe. Als mit der Judenemanzipation in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Juden das Wahlrecht erhielten und in die Zünfte aufgenommen wurden, habe man den wirtschaftlichen Aufschwung sehr deutlich gespürt. Auch in den Vereinen habe es unter den Gründungsmitgliedern viele Juden gegeben, die sich für ihre Gemeinde engagierten. Juden in Wiesloch hätten die hiesige Mundart gesprochen und seien nicht von ihren nicht-jüdischen Mitbürgern zu unterscheiden gewesen. Manfred Kurz sprach von einer Wellenbewegung: Wenn es wirtschaftlich bergab ging, habe man die Juden gezielt angeworben. Nach dem Aufschwung habe man sie dann wieder verjagt und sich ihren Besitz angeeignet. Mit Hetztiraden über Juden habe ein evangelischer Pfarrer vor dem Ersten Weltkrieg den Boden bereitet. An Boykottaufrufen jüdischer Geschäfte in den 1930er Jahren habe sich die Wieslocher Bevölkerung allerdings wenig gehalten. Der Sohn von Leopold Oppenheimer, Besitzer einer Tabakfabrik, habe erzählt, dass sein Vater und er nach der Reichspogromnacht verhaftet worden seien. Um zu zeigen, dass er seinen Kopf für sein Land hingehalten habe und kriegsverletzt sei, habe sein Vater das Eiserne Kreuz herausgezogen. Genützt hat es nichts, auch er musste unterschreiben, dass er Deutschland verlassen werde. Manfred Kurz erzählt auch von seiner zweiwöchigen Reise mit dem 92-jährigen Holocaust-Überlebenden Paul Flagg, der als Paul Flegenheimer in Wiesloch aufgewachsen war. Gemeinsam hätten sie die Konzentrationslager besucht, die dieser mit viel Glück und Verstand überlebt habe. 'Gurs ist platt gemacht worden, es gibt nur wenige Hinweisschilder', berichtet er. Dafür seien aus Les Milles und Rivesaltes 'toll gemachte Gedenkstätten' geworden. Seit rund zehn Jahren beobachtet er in Frankreich eine positive Tendenz bei der Aufarbeitung der Vergangenheit des Vichy-Regimes, das mit Nazi-Deutschland kollaborierte. Die Teilnehmer haben viele Fragen: Warum sollen sich Besucher bedecken, gibt es in Wiesloch noch Juden und wieso ist der Friedhof überhaupt noch da? Das Tragen von Hut, Mütze oder Kippa gelte als Zeichen der Demut, erläutert der ehemalige Kulturamtsleiter, der sich eingehend mit dem jüdischen Leben in der Großen Kreisstadt beschäftigt hat. Seines Wissens nach gebe es in Wiesloch keine Juden mehr. Der Friedhof sei vernachlässigt und mit Brombeeren überwachsen gewesen, zeitweise habe er auch als Viehweide gedient. 1944 sei die Stadtverwaltung auf die Idee gekommen, den Friedhof umzuwidmen und habe den Steinmetzen angeboten, die Grabsteine als Rohmaterial zu verwenden. Daraufhin habe ein Steinmetz alle Steine für 1000 Reichsmark ersteigert. Die Amerikaner konnten den Raubbau schließlich stoppen. In den Sockeln fänden sich teilweise heute noch falsch zugeordnete Namen. Karl Günther bezeichnet diese Aktion als besonders perfide, denn nach jüdischem Glauben werde den Verstorbenen durch die Abräumung die Möglichkeit der Auferstehung genommen: 'Die Nazis kannten die Glaubenssätze der Juden sehr genau.' An vielen der über 1200 Grabsteine nagt der Zahn der Zeit, zumal die meisten aus Buntsandstein bestehen. Vor 15 Jahren seien alle Steine fotografiert und dokumentiert worden, einen Teil der Inschriften habe Karl Günther übersetzt. Im Stadtarchiv und im Landesdenkmalamt sei alles gut aufgehoben, versichert Manfred Kurz. Zwei Grabsteine der bedeutenden Familie Seligmann aus Leimen habe er konservieren lassen. Das Grab Lea Oppenheims von 1670 sei das älteste. Wie auch die Familie Seligmann in Leimen gehörten die Oppenheims zum damaligen Geldadel. 'Das waren die Bill Gates des 17. Jahrhunderts', erklärt Manfred Kurz. Auf einer Grabplatte ist ein eigenartiges Instrument abgebildet. Manfred Kurz hilft den Teilnehmern auf die Sprünge: Es handle sich um das Grab eines Mohels, eines Arztes, der die männliche Beschneidung nach jüdischer Sitte vollzieht. Schließlich bleibt die Gruppe vor einem niedrigen Grabstein stehen. Ein Mädchen mit Namen Emilia sei hier als letzte im Jahr 1939 begraben worden. Früher habe es auf dem Friedhof noch Grabschändungen gegeben, doch das habe sich gelegt, berichtet Manfred Kurz. 'Mit dem Mahnmal und den Führungen haben wir den Menschen die Augen geöffnet, was dieser Friedhof für eine Tradition und einen Wert hat.'" 
Link zum Artikel     

     
      

Links und Literatur

Links:  

bulletWebsite der Stadt Wiesloch    
bulletWebsite des Zentralarchivs Heidelberg mit Informationen zum jüdischen Friedhof Wiesloch  
bulletFotos zum jüdischen Friedhof in Wiesloch auch in der Website von Stefan Haas: 
http://www.blitzlichtkabinett.de/lost-places/friedhofs-fotografie/friedhöfe-in-bad-württ/     

Quellen:  

Hinweis auf die Dokumentation der jüdischen Grabsteine in Baden-Württemberg des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg   
Im Bestand  https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/struktur.php?bestand=24368  auf der linken Seite bei "Wiesloch" über das "+" zu den einzelnen Grabsteinen; es sind 1277 Grabsteine dokumentiert (mit Fotos).     
Im Bestand EL 228 b I Bü. 220 finden sich zum Friedhof Wiesloch Belegungslisten und eine Dokumentation Grabstein 1 bis 250    http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=2-1906636   
ebd. Bü. 221 findet sich zum Friedhof Wiesloch eine Dokumentation Grabstein 251 bis 750   http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=2-1906638   
ebd. Bü. 13 findet sich zum Friedhof Wiesloch eine Dokumentation Grabstein 751 bis 1277   http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=2-1879539     
ebd. Bü. 222 finden sich zum Friedhof Wiesloch Magisterarbeiten:   http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=2-1906640      
a) Daniel Alter: Der jüdische Friedhof in Wiesloch bis zur ersten Erweiterung 1819    
b) Simone Tamara Pöpl: Die Grabinschriften des jüdischen Friedhofs in Wiesloch 1819 bis 1865. 

Literatur:   

bulletKarl Günther: Die Grabinschriften der Familie Seligmann-von-Eichthal auf dem jüdischen Friedhof in Wiesloch. In:  Peter Fassl (Hg.): Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben II. Neuere Forschungen und Zeitzeugenberichte (= Irseer Schriften Bd. 5). Stuttgart 2000. S. 33-52.
bulletders.: Der jüdische Friedhof in Wiesloch. In: Wiesloch. Beiträge zur Geschichte Band 1. Hg. vom Stadtarchiv Wiesloch. Ubstadt-Weiher 2000. S. 225-242. 
bulletders.: Sprechende Steine. Symbole und Ornamente auf Grabmälern des jüdischen Friedhofes in Wiesloch. In: Wiesloch. Beiträge zur Geschichte Band 2. Hg. vom Stadtarchiv Wiesloch. Ubstadt-Weiher 2001. 

      
        

                   
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Stand: 15. Oktober 2013