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Friedhöfe in der Region"
Zur Übersicht: Jüdische Friedhöfe in Baden-Württemberg
Überlingen (Bodensee-Kreis)
Grabsteinfragmente des mittelalterlichen jüdischen Friedhofes
im Städtischen Museum Überlingen
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Überlingen im
Mittelalter /
Zur Geschichte jüdischer Bewohner im 19./20. Jahrhundert
In Überlingen bestand eine jüdische Gemeinde im Mittelalter, die erstmals
1226 genannt
wird (1332 Judenverfolgung wegen angeblichem Ritualmord: 300-400 Juden in der
Synagoge verbrannt; 1349 wieder Judenverfolgung; 1378 neue Ansiedlung, 1430
Ausweisung der Juden).
Keine Chance hatten in den nachfolgenden Jahrhunderten jüdische Personen, die
sich um Aufnahme in der Stadt bewarben, auch nicht der jüdische Soldat, der
während des Dreißigjährigen Krieges um Aufnahme in der Stadt bat. Davon
berichtet Berthold Rosenthal in einem Beitrag "Während des
Dreißigjährigen Krieges. Ein Beitrag zur Heimatgeschichte der badischen Juden,
in: CV-Monatszeitung vom Februar 1926 S. 16):
"Zum
Schluss muss noch erwähnt werden, dass auch jüdische Soldaten am
Dreißigjährigen Kriege teilnahmen. In Überlingen bewarb sich während
des Krieges ein Jude, der vorher Soldat gewesen war, um Aufnahme. Er wurde
jedoch unter Berufung auf ein altes kaiserliches Privileg
abgewiesen." |
1891 erschien eine der ersten Forschungsarbeiten zur
jüdischen Geschichte Überlingens:
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in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Januar 1891: "In
meinem Verlage erschien soeben: Stern M. Die israelitische Bevölkerung
der deutschen Städte. Ein Beitrag zur deutschen Städtegeschichte.
Mit Benutzung archivalischer Quellen. 1. Überlingen am Bodensee.
Preis: Mk. 1,50. Frankfurt a.M. J. Kauffmann". |
Im 19./20. Jahrhundert lebten nur wenige jüdische
Personen in der Stadt. Es kam zu keiner Neubegründung einer jüdischen
Gemeinde. 1909 wurde immerhin der bereits seit 18 Jahren lebende einzige
jüdische Einwohner der Stadt in den Bürgerausschuss als Mitglied gewählt
(nachstehend Meldung aus der "Allgemeinen Zeitung des Judentums vom
17.9.1909):
"In
Überlingen am Bodensee, einer streng katholischen Stadt, wurde bei der
letzte Woche stattgefundenen Bürgerausschusswahl der einzige seit 18
Jahren dort wohnende Jude, Herr Wilhelm Levi, als Mitglied gewählt." |
Die in Überlingen lebenden jüdischen Personen gehörten zur
Gemeinde und zum Bezirksrabbinat in Konstanz.
Zur Geschichte des mittelalterlichen Friedhofes
Im Nordosten der Stadt lag an der St.-Leonhard-Straße (statt dieser
früheren Straßenbezeichnung gibt es heute die "Untere St.-Leonhardstraße" und die "Obere
St.-Leonhardstraße") der Friedhof
der mittelalterlichen Gemeinde (1226 erstmals erwähnt; Gelände noch bis zum
19. Jahrhundert "Judengottesacker" genannt). Er wurde auch unter anderem
von der Konstanzer Gemeinde belegt. Nach der Judenverfolgung 1349 wurde er
weitgehend abgeräumt, die Steine wurden als Baumaterial verwendet (Kirchen-,
Stadtmauer- und Häuserbau). Bei Restaurierungsarbeiten des Münsters (1910) und
durch andere Zufälle wurden mehrere Grabsteine
aus dem 13./14.Jh. wiederentdeckt, die heute im Städtischen Heimatmuseum (Krummebergstraße
30) zu sehen sind. Zwischen 1378 und 1428/30 ist der jüdische Friedhof
nochmals belegt worden (auch von der Konstanzer Gemeinde). Die in dieser Zeit
aufgestellten Steine wurden später beim Bau von Spitalhäusern verwendet.
Von den heutigen Straßenbezeichnungen her lag der Friedhof eher im Bereich der
jetzigen "Oberen St.-Leonhardstraße". Nach der Beschreibung von Chr.
Roder (1913) erinnert an den Friedhof "jetzt noch das ein Kilometer
nordöstlich von der Stadt gelegene Wiesengelände zum 'Judengottesacker'".
Karten
(Quelle der Karte links: Veitshans s.
Lit.)
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Lage des nicht mehr bestehenden mittelalterlichen jüdischen Friedhofes Überlingen
(am rechten Kartenrand markiert)
(Karte kann durch Anklicken
vergrößert werden) |
Ungefähre Lage des nicht mehr
bestehenden jüdischen Friedhofes
in Überlingen auf dem dortigen Stadtplan: oben anklicken im
Straßenverzeichnis weiterklicken zu
"Obere St.-Leonhardstraße" |
Fotos
(Fotos: SW-Fotos von Hahn, Fotos entstanden Mitte der 1980er-Jahre;
Farbfotos nach Restaurierung Ende der 1990er-Jahre: Hahn; alle anderen Farbfotos von Dieter Peters, Aachen, Aufnahmedatum 19. Juni 2003):
1. Gesamtansicht der Ausstellung
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Aufstellung der Grabsteinfragmente im Garten des Museums bis in die 1990er
Jahre |
Die Grabsteine
nach der Restaurierung Ende der 1990er-Jahre |
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Neuaufstellung der Steine im Heimatmuseum Überlingen |
Hinweistafel mit Erklärungen
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2. Die einzelnen Steine

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Inschrift 1 |
Inschrift 2 |
Inschrift 3 |
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Inschrift 4 |
Inschrift 5 |
Inschrift 6 |
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Inschrift 7 |
Inschrift 8 |
Inschrift 9 |
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Inschrift 10 |
Inschrift 11 |
Inschrift 12 |
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Inschrift 13 |
Inschrift 14 |
Inschrift 15 |
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3. Übersetzung der Inschriften (von G. Wilhelm Nebe, s. Lit.)
Inschrift 1:
Sterbedatum 9. Adar/Iyyar/Ab (50)35
= 7.2.1275/7.5.1275/3.8.1275
Dieses
Steinmal
ist aufgestellt worden zu Häupten
des Azarya, des Sohnes des R(abbi)
Paregoros (im Jahr) 35
der (kleinen) Zählung (am) 9. im A[dar]/I[yyar]/A[b]
[?]
[?] |
Inschrift 2:
Sterbedatum: 25. Kislew [50]36 = 15.12.1275
Dieses
Steinmal
ist aufgestellt worden zu Häupten
des R(abbi) Yosef, des Sohnes
des Yishaqs. Es möge seine Seele sein im Bündel des Lebens.
(Im Jahr) 36 gemäß der (kleinen) Zählung (am) 25. im Kislew
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Inschrift 3:
Sterbedatum: 4. Ab (?) (50)36 = 16.7.1276
[...]
[...]
[es möge ruhen /sein seine/ihre Seele]
[im] Bündel des Le[bens]
im Garten Ede[n.]
(Am) Tag 4 im A[b (?)]
(im Jahr) 36
gemäß der (kleinen) Zählung.
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Inschrift 4:
Sterbedatum: ?? (50)36 = 23.9.1275 - 9.9.1276
[...]...[...]
[...]. Tag (?) im M(onat) H(eschwan)
[...] sechsunddreißig
[gemäß der (kleinen Zählung.] Möge es sein der Wille (Gottes9,
[und möge sein seine/ihre Seele], Adonay, gebündelt
[im Nündel des] Lebens zusammen mit den Gerechten
[der Welt/Ewigkeit (?).] Amen Amen Amen Sela
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Inschrift 5:
Sterbedatum: ?? (50) 33/36/37 = 27.8.1272 - 13.9.1273/ 23.9.1275 -
9.9.1276 / 10.9.1276 - 29.8.1277
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Inschrift 6:
Sterbedatum: 10. Nisan (59) 52/54/55/58 = 29.3.1292/ 8.4.1294/ 28.3.1295
/24.3.1298
[Dieses]
Steinmal ist aufgestellt worden
zu Häupten des [...]
des Sohnes des R(abbi) David, [der verschieden ist]
(am) 10. im Nisa[n...]
(im Jahr) 52/54/55/58 [entsprechend der (kleinen) Zählung]
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Inschrift 7:
Sterbedatum: 13. Tischri / Tammus / Heschwan (50) ??, paläographisch wohl
ins 13. Jh.
(am) 13. im T[ischri] / T[ammuz] / H[eschwan...]
Es möge ruhen/sein seine/ihre Seele im Garten [Eden...]
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Inschrift 8:
Sterbedatum: ???, paläographisch wohl ins 13. Jh.
[... Es mö-]
ge sein [seine/ihre] Se[ele]
gebünde[lt im Bündel]
des Lebens. [...]
Amen Amen [amen]
Sela |
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Inschrift 9:
Sterbedatum: ? Heschwan / Kislew / Nisan / Siwan /Tammuz (50)85 =
20.10.-17.11.1324 / 18.11.-17.12.1324 / 16.3.-14.4.1325 / 14.5. -
12.6.1325 / 13.6.-11.7.1325
[Dieses Stein]mal ist aufge-
[stellt worden zu Häupten] des Herrn Mardochay,
[des Sohnes des...], der verschieden ist
[(am), ...ten im Heschwan[n/[Kisle]w/ [Nisa]n/[Siwa]n/[Tammu]z [im Jahr)
85
gemäß der (kleinen) Zählung
[...] Amen Amen Amen Sela |
Inschrift 10:
Sterbedatum: 6./7. Tammuz (50) ??, paläographisch vielleicht wie Nr. 9
1325 (18./19.6.1325?)
[Dieses St]einmal ist aufgestellt
[worden zu Häupten] der Frau Hanna,
[der Tochter des Herrn A]braham, des Priester
[s, die verschieden ist] (am) 6./. im Tammuz
[(im Jahr)... gemäß der (kleinen) Zählung.] Es möge ruhen/sein ihre
Seele im Garten Eden.
[Amen Amen Amen] Sela
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Inschrift 11:
Sterbedatum: ? Schebat 5057/5097 = 27.12.1296 - 25.1.1297 / 4.1.1337 -
2.2.1337, paläographisch eher das letztere Datum
Dieser [St]ein
[ist aufgestellt worden] zu Häupten des Knaben
[... (?), des Sohnes] des R(abbi) Abraham,
[der ver]schieden ist im Sch(ebat)
[(am)...ten (im Jahr)] 57/97 des Jahrtausends,
[des sechsten. Es mög s]ein seine Seele
[im Bündel des Lebens m]it dem Rest
[der Gerechten der Welt/Ewigkeit.] Amen Amen [Amen Se]la |
Inschrift 12:
Sterbedatum: 12. Iyyar (5)102 = 19.4.1342
Dieses Steinmal (ist aufgestellt worden) zu
Häupten des Mädchens, der Frau Simha,
der Tochter des R(abbi) Elyaqim, des Priesters,
die verschieden ist (am) 12. im Iyyar,
(im Jahr) 102 der (kleinen) Zählung. Es möge ruhen ihre
Seele im Garten Eden.
Amen Amen Amen Sela
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Inschrift 13:
Sterbedatum: 6. Schebat (5) ???, paläographisch wohl vor 1349
Dieser Stein (am) Kopf
ist aufgestellt worden (als) Grabmal zu
Häupten [der Frau] Hanna. [der To]chter des David.
Und ihr Antlitz hatte das Bild von Tau von Blütenglanz. (Sie),
die Tochter
[von...] ...(sie), die/weil sie wandelte
[vollommen. Und] sie verschied (am) 6. im Schebat
[...gemäß der (kleinen Zählung. Es möge sein ihr An]teil ihr [zusammen
mit dem Rest der gerechten (Frauen) (?)]
[Amen Amen Amen Sela] |
Inschrift 14:
Sterbedatum: ????, paläographisch ab ca. 1378
Zeuge (sei dies Steinmal) zu Häupten des Genossen,
des Ge[meindevorstehers ...]
Geöffnet war [sein] Haus [zu seiner Weite (?) ...]
der Sohn des Herrn Yoe[l ...]
[gute] Werke [...]
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Inschrift 15:
Sterbedatum: ????, paläographisch ab ca. 1378
[gute] Werk[e...]
innerhalb der (Stadt-)Tore [...]
die Tochter des R(abbi) A[braham (?) ...]
die verschied[en ist (am) ...]
gem [der (kleinen) Zählung...] |
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Bei Grabungen im Bereich des jüdischen Friedhofes
wurden vor einigen Jahren Skelette gefunden, die in einem Sammelgrab auf dem
kommunalen Friedhof mit einem deutsch und hebräisch beschrifteten Grabstein
beigesetzt wurden:
Grabstein im kommunalen
Friedhof
(Foto: Oswald Burger, Überlingen) |
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Grabstein mit
Inschrift: "Hier liegen die Gebeine von unbekannten jüdischen
Menschen. Sie waren vor ... auf dem Judenfriedhof bestattet
worden." |
Erinnerungsarbeit vor
Ort - einzelne Berichte
Bericht aus
Überlingen über die "Jüdischen Kulturtage" 2008
Sehr erfolgreich verliefen die "Jüdischen
Kulturtage" in Überlingen im September 2008 - auch die mittelalterlichen
Grabsteine standen im Interesse
Links und Literatur
Links
Literatur:
 | Christian Roder: Zur Geschichte der Juden in
Überlingen a.S., in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 67 (N.F.
28). 1913. S. 352-369. |
 |
Germania Judaica I S. 389; II,2 S. 838-842; III,2 S.
1494-1496. |
 | Helmut Veitshans: Die Judensiedlungen der schwäbischen
Reichsstädte und der württembergischen Landstädte im Mittelalter. Heft 5 S. 31f;
Heft 6 S. 3,17. |
 |
G.
Wilhelm Nebe: Die Überlinger Jüdischen
Grabinschriften. Reihe: Schriften der Hochschule für jüdische Studien
Heidelberg Bd. 3). Universitätsverlag
C. Winter Heidelberg 2002. ISBN 3-8253-1362-X. 84 Seiten, Abbildungen.
Näheres zum Autor: hier
anklicken.
Die mittelalterlichen jüdischen Grabdokumente im
Städtischen Museum Überlingen dokumentieren einen Ausschnitt der
Geschichte und Kultur der Juden im Bodenseeraum. Die Grabsteine sind die ältesten
Grabdokumente in Baden-Württemberg: 15 Steine vornehmlich aus den Jahren
1275 bis 1332 bzw. 1349, das heißt bis zur Zeit der großen
Judenverfolgungen in Süddeutschland. Die Grabsteine haben überlebt, weil
sie vollständig oder zerschlagen als Bausteine Verwendung fanden. Die
vorliegende Arbeit transkribiert, übersetzt und kommentiert die
Grabinschriften.
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Friedhof nächster Friedhof
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