Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Überlingen (Bodensee-Kreis) 
Grabsteinfragmente des mittelalterlichen jüdischen Friedhofes
im Städtischen Museum Überlingen
    

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Überlingen im Mittelalter / 
Zur Geschichte jüdischer Bewohner im 19./20. Jahrhundert
    
Zur Geschichte des mittelalterlichen Friedhofes     
Karten
Fotos mit Übersetzungen der Grabsteine  
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Überlingen im Mittelalter /
Zur Geschichte jüdischer Bewohner im 19./20. Jahrhundert

 In Überlingen bestand eine jüdische Gemeinde im Mittelalter, die erstmals 1226 genannt wird (1332 Judenverfolgung wegen angeblichem Ritualmord: 300-400 Juden in der Synagoge verbrannt; 1349 wieder Judenverfolgung; 1378 neue Ansiedlung, 1430 Ausweisung der Juden). 

Keine Chance hatten in den nachfolgenden Jahrhunderten jüdische Personen, die sich um Aufnahme in der Stadt bewarben, auch nicht der jüdische Soldat, der während des Dreißigjährigen Krieges um Aufnahme in der Stadt bat. Davon berichtet Berthold Rosenthal in einem Beitrag "Während des Dreißigjährigen Krieges. Ein Beitrag zur Heimatgeschichte der badischen Juden, in: CV-Monatszeitung vom Februar 1926 S. 16): 

Ueberlingen CVMonat 021926.jpg (27433 Byte)"Zum Schluss muss noch erwähnt werden, dass auch jüdische Soldaten am Dreißigjährigen Kriege teilnahmen. In Überlingen bewarb sich während des Krieges ein Jude, der vorher Soldat gewesen war, um Aufnahme. Er wurde jedoch unter Berufung auf ein altes kaiserliches Privileg abgewiesen."

1891 erschien eine der ersten Forschungsarbeiten zur jüdischen Geschichte Überlingens:

Ueberlingen Israelit 19011891.jpg (43138 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Januar 1891: "In meinem Verlage erschien soeben: Stern M. Die israelitische Bevölkerung der deutschen Städte. Ein Beitrag zur deutschen Städtegeschichte. Mit Benutzung archivalischer Quellen. 1. Überlingen am Bodensee. Preis: Mk. 1,50. Frankfurt a.M.  J. Kauffmann".

Im 19./20. Jahrhundert lebten nur wenige jüdische Personen in der Stadt. Es kam zu keiner Neubegründung einer jüdischen Gemeinde. 1909 wurde immerhin der bereits seit 18 Jahren lebende einzige jüdische Einwohner der Stadt in den Bürgerausschuss als Mitglied gewählt (nachstehend Meldung aus der "Allgemeinen Zeitung des Judentums vom 17.9.1909):

"In Überlingen am Bodensee, einer streng katholischen Stadt, wurde bei der letzte Woche stattgefundenen Bürgerausschusswahl der einzige seit 18 Jahren dort wohnende Jude, Herr Wilhelm Levi, als Mitglied gewählt."

Die in Überlingen lebenden jüdischen Personen gehörten zur Gemeinde und zum Bezirksrabbinat in Konstanz.   
         
      
    

Zur Geschichte des mittelalterlichen Friedhofes

Ueberlingen Prospekt.jpg (40930 Byte)Im Nordosten der Stadt lag an der St.-Leonhard-Straße (statt dieser früheren Straßenbezeichnung gibt es heute die "Untere St.-Leonhardstraße" und die "Obere St.-Leonhardstraße")  der Friedhof der mittelalterlichen Gemeinde (1226 erstmals erwähnt; Gelände noch bis zum 19. Jahrhundert "Judengottesacker" genannt). Er wurde auch unter anderem von der Konstanzer Gemeinde belegt. Nach der Judenverfolgung 1349 wurde er weitgehend abgeräumt, die Steine wurden als Baumaterial verwendet (Kirchen-, Stadtmauer- und Häuserbau). Bei Restaurierungsarbeiten des Münsters (1910) und durch andere Zufälle wurden mehrere Grabsteine aus dem 13./14.Jh. wiederentdeckt, die heute im Städtischen Heimatmuseum (Krummebergstraße 30) zu sehen sind. Zwischen 1378 und 1428/30 ist der jüdische Friedhof nochmals belegt worden (auch von der Konstanzer Gemeinde). Die in dieser Zeit aufgestellten Steine wurden später beim Bau von Spitalhäusern verwendet.
   
Von den heutigen Straßenbezeichnungen her lag der Friedhof eher im Bereich der jetzigen "Oberen St.-Leonhardstraße". Nach der Beschreibung von Chr. Roder (1913) erinnert an den Friedhof "jetzt noch das ein Kilometer nordöstlich von der Stadt gelegene Wiesengelände zum 'Judengottesacker'".
           
   
   

Karten
(Quelle der Karte links: Veitshans s. Lit.) 

Ueberlingen Plan01.jpg (63766 Byte)
Lage des nicht mehr bestehenden mittelalterlichen jüdischen Friedhofes Überlingen 
(am rechten Kartenrand markiert)
(Karte kann durch Anklicken vergrößert werden)
Ungefähre Lage des nicht mehr bestehenden jüdischen Friedhofes in Überlingen auf dem dortigen Stadtplan: oben anklicken im Straßenverzeichnis weiterklicken zu 
"Obere St.-Leonhardstraße"

    
   
Fotos 
(Fotos: SW-Fotos von Hahn, Fotos entstanden Mitte der 1980er-Jahre; Farbfotos nach Restaurierung Ende der 1990er-Jahre: Hahn; alle anderen Farbfotos von Dieter Peters, Aachen, Aufnahmedatum 19. Juni 2003):

1. Gesamtansicht der Ausstellung

Ueberlingen ma08.jpg (110999 Byte) Ueberlingen Grabsteine 180.jpg (43789 Byte) Ueberlingen Grabsteine 181.jpg (44398 Byte)
Aufstellung der Grabsteinfragmente im Garten des Museums bis in die 1990er Jahre Die Grabsteine nach der Restaurierung Ende der 1990er-Jahre
 
   
Ueberlingen Grabsteine 182.jpg (46733 Byte) Ueberlingen_a.jpg (57759 Byte) Ueberlingen_b.jpg (43085 Byte)
   Neuaufstellung der Steine im Heimatmuseum Überlingen Hinweistafel mit Erklärungen
     
   
2. Die einzelnen Steine 
Ueberlingen ma07.jpg (65642 Byte)
Ueberlingen_01.jpg (42200 Byte)
Ueberlingen_02.jpg (31762 Byte) Ueberlingen_03.jpg (28824 Byte)
Inschrift 1 Inschrift 2 Inschrift 3
     
Ueberlingen ma01.jpg (53916 Byte)  Ueberlingen_04.jpg (28567 Byte) Ueberlingen_05.jpg (23541 Byte) Ueberlingen_06.jpg (31168 Byte)
Inschrift 4 Inschrift 5 Inschrift 6
     
Ueberlingen_07.jpg (31843 Byte) Ueberlingen ma05.jpg (66668 Byte)  Ueberlingen_08.jpg (32214 Byte) Ueberlingen ma02.jpg (49138 Byte)  Ueberlingen_09.jpg (28080 Byte)
Inschrift 7 Inschrift 8 Inschrift 9
        
Ueberlingen_10.jpg (28158 Byte) Ueberlingen ma04.jpg (36634 Byte)  Ueberlingen_11.jpg (27375 Byte) Ueberlingen ma06.jpg (53498 Byte)  Ueberlingen_12.jpg (29915 Byte)
Inschrift 10 Inschrift 11 Inschrift 12
     
Ueberlingen ma03.jpg (59742 Byte)
 Ueberlingen_13.jpg (27250 Byte) 
Ueberlingen_14.jpg (31955 Byte) Ueberlingen_15.jpg (30843 Byte)
Inschrift 13 Inschrift 14 Inschrift 15 
     

    
3. Übersetzung der Inschriften (von G. Wilhelm Nebe, s. Lit.)

Inschrift 1: 
Sterbedatum 9. Adar/Iyyar/Ab (50)35
= 7.2.1275/7.5.1275/3.8.1275

Dieses 
Steinmal
ist aufgestellt worden zu Häupten
des Azarya, des Sohnes des R(abbi)
Paregoros (im Jahr) 35
der (kleinen) Zählung (am) 9. im A[dar]/I[yyar]/A[b]
[?]
[?]
Inschrift 2:
Sterbedatum: 25. Kislew [50]36 = 15.12.1275

Dieses
Steinmal
ist aufgestellt worden zu Häupten
des R(abbi) Yosef, des Sohnes
des Yishaqs. Es möge seine Seele sein im Bündel des Lebens.
(Im Jahr) 36 gemäß der (kleinen) Zählung (am) 25. im Kislew


   
Inschrift 3:
Sterbedatum: 4. Ab (?) (50)36 = 16.7.1276

[...]
[...]
[es möge ruhen /sein seine/ihre Seele]
[im] Bündel des Le[bens]
im Garten Ede[n.]
(Am) Tag 4 im A[b (?)]
(im Jahr) 36
gemäß der (kleinen) Zählung.



Inschrift 4:
Sterbedatum:
?? (50)36 = 23.9.1275 - 9.9.1276
[...]...[...]
[...]. Tag (?) im M(onat) H(eschwan)
[...] sechsunddreißig
[gemäß der (kleinen Zählung.] Möge es sein der Wille (Gottes9,
[und möge sein seine/ihre Seele], Adonay, gebündelt
[im Nündel des] Lebens zusammen mit den Gerechten
[der Welt/Ewigkeit (?).] Amen Amen Amen Sela
Inschrift 5:
Sterbedatum: ?? (50) 33/36/37 = 27.8.1272 - 13.9.1273/ 23.9.1275 - 9.9.1276 / 10.9.1276 - 29.8.1277 

Inschrift 6:
Sterbedatum: 10. Nisan (59) 52/54/55/58 = 29.3.1292/ 8.4.1294/ 28.3.1295 /24.3.1298
[
Dieses] 
Steinmal ist aufgestellt worden 
zu Häupten des [...]
des Sohnes des R(abbi) David, [der verschieden ist]

(am) 10. im Nisa[n...]
(im Jahr) 52/54/55/58 [entsprechend der (kleinen) Zählung]


Inschrift 7:
Sterbedatum: 13. Tischri / Tammus / Heschwan (50) ??, paläographisch wohl ins 13. Jh.

(am) 13. im T[ischri] / T[ammuz] / H[eschwan...]
Es möge ruhen/sein seine/ihre Seele im Garten [Eden...]

Inschrift 8:
Sterbedatum: ???, paläographisch wohl ins 13. Jh.

[... Es mö-]
ge sein [seine/ihre] Se[ele]
gebünde[lt im Bündel]
des Lebens.  [...]
Amen Amen [amen]
Sela
   
Inschrift 9:
Sterbedatum: ? Heschwan / Kislew / Nisan / Siwan /Tammuz (50)85 = 20.10.-17.11.1324 / 18.11.-17.12.1324 / 16.3.-14.4.1325 / 14.5. - 12.6.1325 / 13.6.-11.7.1325
[Dieses Stein]mal ist aufge-
[stellt worden zu Häupten] des Herrn Mardochay,
[des Sohnes des...], der verschieden ist
[(am), ...ten im Heschwan[n/[Kisle]w/ [Nisa]n/[Siwa]n/[Tammu]z [im Jahr) 85
gemäß der (kleinen) Zählung
[...] Amen Amen Amen Sela
Inschrift 10:
Sterbedatum: 6./7. Tammuz (50) ??, paläographisch vielleicht wie Nr. 9 1325 (18./19.6.1325?)

[Dieses St]einmal ist aufgestellt
[worden zu Häupten] der Frau Hanna,
[der Tochter des Herrn A]braham, des Priester
[s, die verschieden ist] (am) 6./. im Tammuz
[(im Jahr)... gemäß der (kleinen) Zählung.] Es möge ruhen/sein ihre Seele im Garten Eden.
[Amen Amen Amen] Sela
   
Inschrift 11:
Sterbedatum: ? Schebat 5057/5097 = 27.12.1296 - 25.1.1297 / 4.1.1337 - 2.2.1337, paläographisch eher das letztere Datum 

Dieser [St]ein
[ist aufgestellt worden] zu Häupten des Knaben
[... (?), des Sohnes] des R(abbi) Abraham,
[der ver]schieden ist im Sch(ebat)
[(am)...ten (im Jahr)] 57/97 des Jahrtausends,
[des sechsten. Es mög s]ein seine Seele
[im Bündel des Lebens m]it dem Rest
[der Gerechten der Welt/Ewigkeit.] Amen Amen [Amen Se]la
Inschrift 12:
Sterbedatum: 12. Iyyar (5)102 = 19.4.1342
Dieses Steinmal (ist aufgestellt worden) zu Häupten des Mädchens, der Frau Simha,
der Tochter des R(abbi) Elyaqim, des Priesters,
die verschieden ist (am) 12. im Iyyar,
(im Jahr) 102 der (kleinen) Zählung. Es möge ruhen ihre
Seele im Garten Eden.
Amen Amen Amen Sela
   
Inschrift 13:
Sterbedatum: 6. Schebat (5) ???, paläographisch wohl vor 1349

Dieser Stein (am) Kopf
ist aufgestellt worden (als) Grabmal zu
Häupten [der Frau] Hanna. [der To]chter des David.
Und ihr Antlitz hatte das Bild von Tau von Blütenglanz. (Sie),
die Tochter
[von...] ...(sie), die/weil sie wandelte
[vollommen. Und] sie verschied (am) 6. im Schebat
[...gemäß der (kleinen Zählung. Es möge sein ihr An]teil ihr [zusammen mit dem Rest der gerechten (Frauen) (?)] 
[Amen Amen Amen Sela]
Inschrift 14:
Sterbedatum: ????, paläographisch ab ca. 1378

Zeuge (sei dies Steinmal) zu Häupten des Genossen,
des Ge[meindevorstehers ...]
Geöffnet war [sein] Haus [zu seiner Weite (?) ...]
der Sohn des Herrn Yoe[l ...]
[gute] Werke [...]






   
Inschrift 15:
Sterbedatum: ????, paläographisch ab ca. 1378
[gute] Werk[e...]
innerhalb der (Stadt-)Tore [...]
die Tochter des R(abbi) A[braham (?) ...]
die verschied[en ist (am) ...]
gem [der (kleinen) Zählung...] 
 

     
Bei Grabungen im Bereich des jüdischen Friedhofes wurden vor einigen Jahren Skelette gefunden, die in einem Sammelgrab auf dem kommunalen Friedhof mit einem deutsch und hebräisch beschrifteten Grabstein beigesetzt wurden:   

Grabstein im kommunalen Friedhof
(Foto: Oswald Burger, Überlingen)
Ueberlingen Friedhof 150.jpg (68097 Byte) Ueberlingen Friedhof 150a.jpg (43054 Byte)
     Grabstein mit Inschrift: "Hier liegen die Gebeine von unbekannten jüdischen Menschen. Sie waren vor ... auf dem Judenfriedhof bestattet worden."  



   
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  

Bericht aus Überlingen über die "Jüdischen Kulturtage" 2008 
Sehr erfolgreich verliefen die "Jüdischen Kulturtage" in Überlingen im September 2008 - auch die mittelalterlichen Grabsteine standen im Interesse

Rechts: Bericht und Foto aus dem "Südkurier" vom 6.9.2008 (Artikel online)   Ueberlingen Kulturtage 200801.jpg (194718 Byte) Ueberlingen Kulturtage 200802.jpg (42048 Byte)

      
    

Links und Literatur

Links

Website der Stadt Überlingen  

Informationen zum Städtischen Museum Überlingen

Literatur:

Christian Roder: Zur Geschichte der Juden in Überlingen a.S., in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 67 (N.F. 28). 1913. S. 352-369.

Germania Judaica I S. 389; II,2 S. 838-842; III,2 S. 1494-1496.

Helmut Veitshans: Die Judensiedlungen der schwäbischen Reichsstädte und der württembergischen Landstädte im Mittelalter. Heft 5 S. 31f; Heft 6 S. 3,17.

G. Wilhelm Nebe: Die Überlinger Jüdischen Grabinschriften. Reihe: Schriften der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg Bd. 3). Universitätsverlag C. Winter Heidelberg 2002. ISBN 3-8253-1362-X. 84 Seiten, Abbildungen. Näheres zum Autor: hier anklicken.
Die mittelalterlichen jüdischen Grabdokumente im Städtischen Museum Überlingen dokumentieren einen Ausschnitt der Geschichte und Kultur der Juden im Bodenseeraum. Die Grabsteine sind die ältesten Grabdokumente in Baden-Württemberg: 15 Steine vornehmlich aus den Jahren 1275 bis 1332 bzw. 1349, das heißt bis zur Zeit der großen Judenverfolgungen in Süddeutschland. Die Grabsteine haben überlebt, weil sie vollständig oder zerschlagen als Bausteine Verwendung fanden. Die vorliegende Arbeit transkribiert, übersetzt und kommentiert die Grabinschriften.

   

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 17. Dezember 2009