Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  (english version)

In dem bis Anfang des 19. Jahrhunderts den Freiherren von Ulm (Herrschaft Marbach) gehörenden Wangen bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/40. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17. Jahrhunderts zurück. Der erste namentlich bekannte Jude war Baruch Mosis Ainstein, der 1665 von Wangen nach Buchau übersiedelte und Ahnvater der Einstein-Familie Buchau/Ulm wurde.   

Bis Mitte des 18. Jahrhunderts lebten nur wenige jüdische Familien am Ort. 1666 waren es drei, 1696 vier, 1743 sieben Familien. Dann nahm die Zahl zu auf 1779 14 Familien.    
      
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1825 224 jüdische Einwohner (39,3 % von insgesamt 570 Einwohnern), 1864 233 Einwohner, 1875 184 (28,8 % von 638), 1900 105 (15,1 % von 695). Die Zahl der jüdischen Einwohner war vor allem durch die Abwanderung in die Städte Konstanz und Zürich stark zurückgegangen.  
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde insbesondere eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (jüdische Volksschule, ab 1876 Religionsschule), ein rituelles Bad und ein Friedhof. Für die jüdische Volksschule wurde 1852 ein eigenes Gebäude errichtet (Hauptstraße 39). Das rituelle Bad befand sich am Dorfbach. Als dieser 1820 in ein neues Bett geleitet wurde, fehlte das Wasser. Die behördliche Erlaubnis zur Benützung eines neuen Badehauses konnte erst nach der Behebung mancher Schwierigkeiten 1837 erreicht werden. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt (zur Zeit der jüdischen Volksschule ein Elementarlehrer), der auch als Vorbeter und Schochet tätig war. 1827 wurde die Gemeinde dem Bezirksrabbinat Gailingen zugewiesen, ab 1925 gehörte sie zum neugebildeten Bezirk Konstanz.  
  
Die im 19. Jahrhundert erbauten jüdischen Wohnhäuser unterschieden sich von den christlichen Wohnhäusern in mehreren Fällen durch ihr Walmdach (z.B. Hauptstraße  21, 35 und 39); die christlichen Häuser hatten ein eher ein Satteldach (auch die Synagoge hatte ein Walmdach). Am Haus Hauptstraße 27 (ehemaliges Haus Rothschild?) findet sich über dem Eingang eine hebräische Inschrift (siehe Foto unten).  
   
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der Gemeinde: Wilhelm Bernheim (geb. 9.3.1888 in Wangen, vermisst seit 1.7.1916), Siegfried Gump (geb. 25.11.1885 in Wangen, gef. 19.3.1916), Unteroffizier Edwin Gut (geb. 3.3.1891 in Wangen, vermisst seit 17.9.1917), Heinrich Picard (geb. 14.6.1888 in Wangen, gef. 27.5.1918). Die Namen dieser und einiger anderer, aus Wangen stammender und inzwischen andernorts lebenden Gefallenen stehen auf dem allgemeinen Gefallenendenkmal der Gemeinde gegenüber dem Rathaus (siehe Foto unten).  
  
Um 1925, als zur Gemeinde noch 23 Personen gehörten (in 12 Haushaltungen, 4,3 % von insgesamt 540 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Ludwig Wolf, Heinrich Wolf und Alfred Wolf.          
        
1933 lebten noch 20 jüdische Personen in Wangen (3,5 % von insgesamt 574 Einwohnern, darunter die Familien von Abraham Gump, Viehhandlung, Alfred Wolf, Kaufmann, Emil Wolf, Kaufmann und Dr. Nathan Wolf, Arzt). In den folgenden Jahren ist ein Teil von ihnen auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. 1938 wurde die  Synagoge zerstört und der Friedhof verwüstet. Die noch anwesenden drei jüdischen Männer Alfred, Emil und Dr. Nathan Wolf, ferner Dr. Otto Blumenthal aus Schienen, sowie ein zu Besuch anwesender jüdischer Mann wurden von den SS-Leuten schwer misshandelt und anschließend in das KZ dachau verschleppt, von wo sie erst nach Wochen zurückkehren durften. Emil Wolf starb an den Folgen der Misshandlungen und des KZ Aufenthalts Anfang 1939 im Krankenhaus in Singen. 
  
Die letzten sieben jüdischen Einwohner wurden im Oktober 1940 in das KZ Gurs in Südfrankreich deportiert. 
      
Von den in Wangen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Fanni Bernheim (1858), Julius Bernheim (1857), Therese Blum (1908), Lina Fröhlich geb. Rothschild (1887), Johanna Guggenheim geb. Wolf (1876), Julie Gusstein geb. Wolf (1890), Julie Hess geb. Rothschild (1886), Hilde Krasnopolski geb. Picard (1885), Regine Levy geb. Wolf (1885), Moses Ohnhaus (1876), Louis Picard (1861), Maximilian Picard (1865), Moritz Picard (1861), Max Rothschild (1880), Karoline Sandmeer geb. Bernheim (1856), Salomon Seligmann (1861), Alfred Wolf (1881), Hermann Wolf (1861), Paula Wolf geb. Vollmer (1887), Rosalie Wolf geb. Gump (1888).     
    
    
   

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Allgemeine Berichte    

Gemeindeverhältnisse 1867  
Anmerkung: in einem mehrteiligen Bericht über die Verhältnisse der jüdischen Gemeinde im "Großherzoglichen badischen Rabbinatsbezirke Gailingen" wird immer wieder auch aus Wangen berichtet: 

Wangen Israelit 13111867.jpg (31740 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. November 1867: "Die Synagoge in Wangen, welche im Jahre 1859 renoviert wurde, ist in sehr gutem Zustande; auch der Betsaal in Konstanz wird in ordentlichem Stande gehalten, wird aber der zunehmenden israelitischen Bevölkerung nicht auf lange Zeit genügen. 
Die eifrige Sorge um Verschönerung des Gotteshauses erfüllt allenthalben ihren Zweck: Hebung des Gottesdienstes. (Fortsetzung folgt)" 
 
Wangen Israelit 27111867.jpg (35063 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. November 1867 - Über die Stiftungen in der Gemeinde: "III. In der israelitischen Gemeinde Wangen. 1) die Stiftung des Mannes Wolf im Betrage von 200 Gulden; 2) des Josef M. Wolf im Betrage von 200 Gulden; 3) des Michael und der Chaje Pikart im Betrage von 200 Gulden; 4) der Jeanette Pikart im Betrage von 50 Gulden; 5) der Sara Weil im Betrage von 100 Gulden; 6) des Daniel Jacob im Betrage von 200 Gulden."   
    
Wangen Israelit 11121867.jpg (38284 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Dezember 1867: "Aus dem Großherzoglichen Rabbinatsbezirke Gailingen. (Fortsetzung) - über die Vereine in der Gemeinde.  III. Israelitische Gemeinde Wangen. 1) Die heilige Brüderschaft. Vermögen 600 Gulden. 2) Verein zur Friedenstiftung. Zweck: Erhaltung, Beförderung und Wiederherstellung des Friedens in der Gemeinde, ferner Beförderung des Gottesdienstes und Armenunterstützung. Vermögen: 2.800 Gulden. Einnahme im Jahr 1866 180 Gulden, hierunter 40 Gulden freiwillige Gaben. Ausgabe 70 Gulden."   
  
Wangen Israelit 11121867a.jpg (45990 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Dezember 1867: "Aus dem Abschnitt über die rituellen Bäder führen wir an: Die Bäder in Gailingen und Worblingen sind in guter Ordnung. In der Gemeinde Tiengen wurde im vorigen Jahre ein neues Bad mit einem Aufwande von 1.100 Gulden hergestellt und sehr zweckmäßig eingerichtet. In Wangen wurde erst in diesem Jahre der dringend notwendige Neubau ermöglicht, der in den nächsten Monaten vollendet sein wird. In Konstanz besteht zur Zeit noch kein rituelles Bad, doch sei die Aufmerksamkeit der Gemeinde darauf gelenkt."  

  
Jacob Picard: Erinnerung eigenen Lebens (1938)  

Jacob Picard (1883 Wangen - 1967 Konstanz), Rechtsanwalt und Schriftsteller; zunächst Rechtsanwalt in Konstanz, 1940 in die USA emigriert; nach Europa zurückgekehrt, erhielt er 1964 den Bodenseepreis (Literaturpreis der Stadt Überlingen).
Fotos zu Jacob Picard 
(Quelle: Seite des Jacob-Picard-Freudeskreis - hier noch weitere Fotos und Abbildungen; 
Foto rechts: Leo-Baeck-Institut New York, Fotos darunter: Hahn, Aufnahmedatum 14.11.2009)   

Wangen Picard See 010.jpg (35457 Byte) 

 
      Jacob Picard am See

  

     
Wangen Ort 460.jpg (78798 Byte) Wangen Ort 461.jpg (78060 Byte) Wangen Ort 462.jpg (73142 Byte)
Geburtshaus von Jacob Picard in Wangen mit Hinweistafel (Foto Mitte) und Eingangstor (Foto rechts)
       
Wangen Der Morgen April 1938a.jpg (113357 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Morgen" vom April 1938: Jakob Picard: Erinnerung eigenen Lebens.  Wer in den letzten beiden Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts in einem der zahlreichen Judendörfer oder -städtchen Südwestdeutschlands oder gar Badens geboren wurde und aufwachsen durfte in der Sicherheit einer menschlich ausgeglichenen Umgebung, eines durch viele Jahrzehnte organisch gewachsenen Wohlstandes einer Familie und ihrer bestimmten Kultur, wie sie fast allgemein in jenen Gegenden zu finden war, der hat eine glückliche Jugend gehabt, unvorstellbar vielen in der heutigen Zeit. Eine Jugend war es, die wesensbestimmend sein musste über den allgemeinen Satz hinaus, dass die ersten sechs bis zehn Jahre eines Menschen ausschlaggebend sind für die Bildung der inneren Symbole seines Lebens. Kaum einen unter den schöpferischen und wesentlichen Menschen gibt es, der das nicht bestätigt hat; aber ich führe als ein frisches Zeugnis für diese Feststellung nur das vor nicht langer Zeit bekannt gewordene Wort des starken Bialik an, des Wissenden auch, der doch das Neue beginnen wollte gern in seinem Jugendland: 'Es gibt nur ein wahres Erlebnis auf Erden, das ist das erste Erlebnis: die Tage unserer Kindheit; von ihm gehen die schöpferischen Kräfte aus, zu ihm kehren wir immer wieder zurück.' Diese Erkenntnis kann man, da sie durch diesen Mann kurz vor seinem Tode und jetzt in dieser Zeit und im Lande seiner Hoffnung ausgesprochen worden ist, von ihm aus gesehen tragisch nennen. Sie ist aber auch beglückend für jeden von uns, der zu seiner Vergangenheit stehen will, unabhängig von dem, was später geschah. 
So darf ich sagen, dass über den Jahrzehnten meines Lebens, da ich in den großen Städten war und fern meinem Heimatort Wangen am Bodensee, der nur wenige hundert Meter vom jenseitigen Schweizer Ufer getrennt liegt, immer sein Bild mit   
Wangen Der Morgen April 1938b.jpg (168134 Byte)allem, was ihn und seine Landschaft umschließt, geschwebt hat. Mit allem, was ihn umschließt: dem bewaldeten, langgestreckten Berg in seinem Rücken, dem See, in den er, der Gestalt einer Halbinsel sich nähernd, vorgeschoben ist, seinen Häusern zwischen der Üppigkeit und Vielfalt der Obstbäume und Gärten, seiner Reben die Hänge hinan, hinter denen die Wälder emporwachsen. Vor allem aber das Leben seiner Bewohner, der bäuerlich alemannischen Menschen und unserer jüdischen Gemeinschaft, einer Gemeinde von nicht mehr als etwa fünfzig Familien, deren eigentlicher Mittelpunkt die hundert Jahre alte Synagoge am See zwischen den Pappeln war. Unsere Sprache war die der Umgebung, stark durchsetzt mit den Worten und Begriffen unserer alten heiligen Sprache, die seit je, wie überall auch sonst in Süddeutschland, für das profane Leben entliehen wurden, verstanden übrigens, ja gesprochen zum Teil  auch von den nichtjüdischen Menschen der Bevölkerung. Ruhig lief das Leben hin, und man hatte nie jene wichtigtuerische Eiligkeit, die doch zu keinem Ziele führt. Und so sehr man den Alltag bescheiden zubrachte, so gut wusste man Feste zu feiern; es waren nicht nur die religiösen im Ablauf der Jahre, denen man sich selbstverständlich hingab, in Frömmigkeit und allem Vorgeschriebenen treu, auch spontan wurde manches geleistet, wozu ein gesunder Lebenstrieb und ein stolzes Gefühl von Unabhängigkeit Lust machten. 
Mein Vorväter kann ich bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts in unserem Dorfe namentlich zurückverfolgen; doch sind unseres Stammes mit den andern sicher schon Jahrhunderte früher da gewesen. Von Juden besiedelt wurde das Dorf wahrscheinlich zu Ende des 15. Jahrhunderts; sie sind von den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges direkt wohl nicht betroffen worden, weil die Gegend überhaupt offenbar verschont blieb, da sie auch damals von den großen Heerstraßen abgelegen war. Und es ist ebenfalls wahrscheinlich, dass meine Vorfahren zur französischen Judenemigration des 14. Jahrhunderts gehörten, worauf unser Name schließen lässt, den wir nachweislich schon im 18. hatten, also vor 1809, da die meisten übrigen Juden Süddeutschlands und vor allem Badens ihre bürgerlichen Namen von heute empfingen. 
Ein solider Bestand von Bräuchen und familiärem Wesen hat sich lange erhalten, gewiss auch darum, weil unser Dorf und die ganze Gegend wie schön erwähnt, aus verkehrstechnischen Gründen bis in die neueste Zeit abgelegen von den großen Wegen, immer eine gewisse Abgeschlossenheit dem Außen gegenüber bewahren konnte, eingerahmt von See und Berg und Wald, wie es war. So ergab sich nicht nur in unserer Familie ein starkes Bewusstsein familiären wie religiösen Herkommen. 
Wangen Der Morgen April 1938c.jpg (175468 Byte) Von hundert Jahren her haben die Väter in unserem engeren und weiteren Familienkreis den Viehhandel als Beruf gehabt, wie eben allenthalben in solchen Landsiedlungen bis vor zwei Generationen, ehe man in die Städte zu ziehen begann. Er wurde bei uns in kaufmännischer Weise betrieben und war verbunden mit der Bebauung beachtlichen bäuerlichen Grundbesitzes; eigene Äcker, Obstbäume und Gärten gaben das Gefühl der Bodenständigkeit wohl mehr als anderswo, wie ja überhaupt Menschen, die in der freien Luft von eigenem Grund und Boden aufwachsen können, meist andere seelische Voraussetzungen ihr Leben lang behalten als die aus der Enge abhängiger Mietwohnung stammen. Freilich wandte mein Vater, gleich manchen seiner Altersgenossen, früh sich anderem zu; er zog mit uns in die Stadt, nach Konstanz. Damals war ich zwölf Jahre alt.  
Trotz der Abgeschlossenheit hat man die Frauen doch oft von draußen, für die Verhältnisse weit her und nicht aus der Nachbarschaft geholt. So nahm mein Vater seine Frau aus einem alten, heute noch schön gegiebelten Städtchen des südlichen Schwarzwaldes her, das Tiengen heißt, wo sie in ähnlichen Lebensumständen wie bei uns behaglich ihre Tage hinbrachten. Ihre Mutter kam aus dem französischen Elsass des dritten Napoleon vor 1870 und trug ganz das innere und äußere Wesen ihrer Jugend und einer sicheren Kultur in sich bis an ihr Ende, besonders verehrt vom weiten Familienkreis, weil wir alle wohl unbewusst das wertvoll Nährende in ihr spürten. Dieser Großmutter von Mutters Seite her verdanke ich vieles von meinem Eigentlichsten, vieles hat gerade sie in mir geweckt. Früh schon, unmittelbar und nicht nur über meine Mutter weg, zeigte sie mir, dass es über den niedrigen Alltag hinaus die schönen geistigen Dinge des Lebens gibt. Sie hatte einen wachen historischen Sinn und war über ihre Zeit und Umgebung hin gebildet und wissend, wobei ich die frühen Klänge der französischen Sprache nicht vergessen darf, die ich von ihr hörte; auch erzählte sie von den klassischen französischen Dichtern und den großen Erscheinungen des Nachbarvolkes. Dabei war vor allem sie es, die mir zuerst Gedichte sagte; es ist nicht bedeutungslos, dass es die alemannischen Johann Peter Hebels waren: 'Das Habermues' und 'Der Winter' waren die ersten literarischen Strophen, die ich hersagen konnte. Bei ihr aber bekam ich auch, freilich viel später, im 'Germinal' den ersten Band Zola in die Hand, eine ganz andere Welt, um dies vorwegzunehmen.
Der Vater meiner Mutter hatte 1848 mitgemacht. Daher rührte wohl auch seine starke Neigung für politische Geschichte, ja zu Abenteuerlichem. Viele Ferienwochen bei jenen Großeltern, immer wieder las ich in einem dickbändigen Werk mit erregenden Bildern, das ihm gehörte, die Geschichte des amerikanischen  
Wangen Der Morgen April 1938d.jpg (166538 Byte)Bürgerkriegs. Die hatte er sich beschafft, weil als Führer der deutschamerikanischen Truppen auf Seiten der Nordstaaten darin der frühere badische Offizier General Siegel eine Hauptrolle spielte, unter dem er selbst einst am badischen Aufstand teilgenommen hatte. Noch als Student erhielt ich eines Tages einen Brief von ihm mit der Frage, ob ich in der Zeitung gelesen habe, dass ein General gestorben sei; sein General. - Ferner besaß er in zahlreichen gehefteten Einzeldarstellungen die Lebensbeschreibungen sämtlicher Generäle der französischen Revolution und Kaiserzeit, die mich ebenso fesselten. So lernte ich früh mit den Kriegszügen Napoleons I. und seiner Gestalt jene neue europäische Zeit und damit den Beginn unseres Zeitalters kennen.  
Wenn man aber nach dem Jüdischen fragt und wer mich dazu erzogen hat, so muss ich antworten, dass unser ganzes Leben davon erfüllt war, dass es wie die Luft um mich war von Anbeginn, bestimmt von der starken Art meines Großvaters väterlicherseits, eines wahrhaft und vertrauensvoll gläubigen Mannes, mit dem wir im selben großen Haus wohnten. Er galt als der Frömmste der Gemeinde; am Neumond sah ich ihn unter den Himmelssternen der Heimat l'wono mekadesch sagen, am Jom Kippur sich inbrünstig im weißen Gewand büßend zu Boden werden, die Gebete sprechend. Beide Großväter sind über achtzig Jahre alt geworden. Und wenn meine Großmutter mütterlicherseits mir das, was oben geschildert, gegeben hat, so hat seine Frau, die Mutter meines Vaters, die ersten Jahre meiner Jugend so betreut, wie eben in einem frommen jüdischen Hause der älteste Sohn des Sohnes in der Bindung der religiösen Vorschriften zwischen Alltag und Festtage erzogen wird, von der Beris mila (Beschneidung) an über das erste Arba kanfos, das dem Bübchen weihevoll umgetan wird, bis zur Barmizwo. Sie hielt ihre schützende Hand bedingungslos über all meine Dorfbubenstreiche. Anders als die ferne Großmutter trug sie noch einen Scheitel; und es war eines der erschütterndsten Erlebnisse meiner frühesten Jugend, als ich sie, die ich nur mit den glänzenden schwarzen Haare um das schon faltige Gesicht kannte, eines Morgens in dem natürlich Schmuck ihrer Jahre silberweiß stehen sah, ohne die fromme Bedeckung: es war das Erlebnis des Alters; ich begann zu weinen.
Kurz nachdem ich Barmizwo geworden war, hat mein Vater von sieben Kindern weg sterben müssen, ein ernster und gütiger Mann von starkem, berechtigtem Selbstgefühl, angesehen bei jedermann. Unsere Erziehung blieb meiner guten Mutter allein. Seitdem habe ich bis zum zwanzigsten Jahr, da ich zur Universität kam, alle Ferien bei den Großeltern mütterlicherseits in Tiengen verbracht. Dort hat die Großmutter meine ersten Gedichte mit einem Verständnis gelesen, das über laienhaftes und billiges   
Wangen Der Morgen April 1938e.jpg (173782 Byte)Gelobe einem Enkel gegenüber sich erhob; auch lehrte sie mich früh das Schachspiel, das mich wohl davor gewahrt hat, ein Kartenspieler zu werden. Ja, kaum war ich Barmizwo geworden, als ich auch die ersten Versuche machte, mit Worten meine wahren oder eingebildeten Gefühle rhythmisch auszudrücken. Und vielleicht ist es nicht bedeutungslos, dass es nicht das übliche Liebeserlebnis war, das mich zuerst zwang, Gebundenes und Gereimtes zu sagen, als vielmehr das der Landschaft und ihrer Stimmungen. Lange blieben die Gedichte dilettantisch, wenn es auch immer ein innerer Trieb gewesen ist, der mich zu formen bewog und kaum jenes Geltungsbedürfnis, das das Wesen des Dilettanten ausmacht. Offenbar darum habe ich auch viele Jahre nichts zu publizieren versucht.
Die Zeit des Gymnasiums verbrachte ich zu Konstanz im alten Gebäude eines früheren Barockklosters und jener humanistischen Atmosphäre, die die Ideale des letzten Jahrhunderts in mich pflanzte und mich band an das Vergangene, meinen historischen Sinn bestätigend. Gute Jahre sind es gewesen, deren Früchte ich heute hoch ernte; wir hatten im wesentlichen verständige, dem Menschlichen offene Lehrer gerade in der Zeit, die wichtig für uns Heranwachsende war. Die Landschaft bot uns die Möglichkeit, außerhalb der Schule ein heiteres Leben zu führen. Wir fingen früh mit dem Sport an und liefen z.B. schon Ski im nicht zu fernen Hochgebirge, als man das anderswo noch nicht kannte. Ich hatte dort gute Kameraden, ja Freunde, die mich bis ins Mannesalter über die Universität hinweg begleiteten. Der treueste und mir liebste ist schließlich an der Somme gefallen; er war, als der Krieg kam, Assistent am Archäologischen Institut zu Heidelberg, ich Referendar ich der gleichen Stadt. Es ergab sich unter uns auch bald ein Kreis, der sich bei allem schon studentischen Gehabe mit Trinkereien und Komment, das die kleine Stadt gestattete, dem Schönen widmete. Bereits in Sekunda hatten wir eine Art literarischen Zirkels mit wöchentlichen Zusammenkünften, bei denen gelesen und reichlich billiger Seewein getrunken wurde aus tönernen, farbigen Bechern; ein älterer Freund, Maler und Keramiker, brannte sie eigens für uns. Ich bin der einzige, der beim 'Dichten' geblieben ist, wenn auch einige davon es weit gebracht haben in Berufen, die dem Ästhetischen verwandt sind. Es war ein besonderes Ereignis für uns alle aus diesem engeren Kreis, als eine damals angesehene literarische Zeitschrift mein erstes Gedicht veröffentlichte, herbstliche Stimmungsstrophen, die zwischen den abgeernteten Feldern des Schwarzwaldstädtchens mit ihren Herbstzeitlosen entstanden und von meiner Großmutter zuerst als dichterisch gebilligt worden waren. In ihrer Art lasse ich sie heute noch gelten. Im übrigen war ich ein mittelmäßiger Schüler; nur Deutsch, Geschichte und      
Wangen Der Morgen April 1938f.jpg (164779 Byte)vielleicht noch Griechisch kamen meinem Wesen entgegen, wurden leicht bewältigt, während Mathematik mich ständig beschwerte. Keiner von denen, die bei uns sich damals als Schüler auszeichneten, ist etwas Besonderes geworden. Menschen, die ein gutes Gedächtnis haben, also schülerhaft gut lernen und mit Aufgenommenem sich hervortun, sind fast nie schöpferisch; die Erfahrung des Lebens hat es mir gezeigt.  
In dieser Zeit trat das Gefühl des Religiösen zurück; wenn jüdisches Leben nicht aus dem Vaterhaus in mir gewesen wäre, der dem Heranwachsenden erteilte Religionsunterricht hätte es gewiss nicht wecken können. Doch entsinne ich mich aus jener Zeit eines Gedichtes 'Paria', das mir am Jom Kippur in der Synagoge einfiel und das in der zionistischen Zeitschrift 'Ost und West' erschienen ist. Der Titel zeigt, was es bedeutet, ich kann es nicht mehr auffinden; aber es muss durch irgendein unmittelbares Erleben veranlasst worden sein, das an mein Judenschicksal mich erinnerte.  
Als ich im Herbst 1903 zum Studium nach München ging, dem von Heiterkeit und schöner Lebenskultur erfüllten München des ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts, waren es zuerst Neuphilologie und Germanistik, Kunst- und Literaturgeschichte, denen ich mich hingab. Mehrere Semester blieb es dabei, bis ich mich entschloss, zur Rechtswissenschaft überzugehen, in der Hauptsache, weil ich als Ältester unserer Familie und insbesondere meiner lieben Mutter zu Willen die Pflicht zu einem Brotberuf, wie man damals sagte, fühlte. Aber nie ließ mich der Hang zu den reinen und gehobenen Dingen des menschlichen Geistes los. Es war nicht leicht, die neuen abstrakten Begriffe in mich aufzunehmen, da meine Veranlagung durchaus nach dem Anschaulichen gerichtet ist, als dem Wesen des Künstlerischen. Gleichwohl bewältigte ich diese nüchterne Aufgabe schließlich; nach gewissen - fast selbstverständlichen - Fährlichkeiten der Examina, muss ich freilich hinzufügen. Eigentlich bin ich nie müßig gewesen, war stets über den Büchern, nur eben die juristischen hatte ich zu lange in Ruhe gelassen; auch anderem gab ich mich nicht einseitig hin, so ernst ich es immer betrieb, wenn auch das Literarische in seiner höchsten Form stets den Vorrang hatte; fast unbewusst hatte ich immer ein höheres ZIel vor Augen, rückschauend sehe ich das jetzt erst deutlich. Und so schwierig bei meiner Veranlagung eben das Theoretische der Brotwissenschaft war, nach all dem Früheren, so befriedigte mich doch später die Praxis des juristischen Berufs in ihrer Vielfalt durchaus, lehrte sich mich doch, da sie mir nun die Anschauung des Lebens bot, menschliches erkennen zu lernen, wie es vielleicht bei keinem anderen Berufe möglich gewesen wäre, ungeachtet     
Wangen Der Morgen April 1938g.jpg (62911 Byte)der dialektischen Auseinandersetzungen, zu denen sie zwang, die aber zugleich zur Sachlichkeit erzogen. 
Ich habe Späteres vorweggenommen. In der Stadt des künstlerischen Lebens trat ich - nach kurzem Gastspiel in einer der jüdischen Verbindungen, die den Kommentbetrieb der anderen allzu sehr nachahmten - einem akademisch-literarischen Verein junger Menschen bei, die ähnlichen Zielen nachgingen, wie ich sie vor mir sag, und der Betreuung schon angesehener Dichter sich erfreuten; manche der Kameraden von damals haben heute bekannte Namen. Doch wurde ich wählerisch in den geistigen Genüssen und bin es, noch gesteigert, geblieben bis heute, und auch in den Anforderungen, die ich an das Kunstwerk stelle, bedingungslos und streng, vor allem natürlich an das, was ich selbst unternehme. Viel habe ich in jenen Jahren auch mit bildenden Künstlern, insbesondere mit Malern verkehrt und mich auf Ateliers herumgetrieben. Von hier her rührt es, dass ich niemals die Fähigkeit verloren habe, aus Kunstwerken aller Zeiten tiefe Genüsse zur Bestätigung und Erhöhung meines Lebensgefühls zu holen."  
   
Wangen Der Morgen Juni 1938a.jpg (153633 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Morgen" vom Juni 1938: "Erinnerung eigenen Lebens (Schluss)
Wenn ich zurückschaue, so zeigt sich die seltsame Fügung, dass ich fast genau alle zehn Jahre seit meiner Geburt in eine neue Phase des Lebens getreten bin; zunächst äußerlich und räumlich, aber auch für das Wachstum des inneren Wesens: die ersten zehn Jahre auf dem Dorfe, die bildsam waren für die Zukunft und die Grundvoraussetzungen schufen; dann zehn Jahre des Aufenthaltes in der kleinen Stadt und der wissensmäßigen Bildung, die eine humanistische war; danach weitere zehn in verschiedenen großen Städten, wo ich auf die Welt außerhalb meines eigenen Kreises traf, und schließlich die, die mit dem Kriege begann und mich in ganz neue menschliche und bürgerliche Verhältnisse aus dieser großen Erschütterung heraus nach der rheinischen Stadt führten; und fast genau nach Ablauf dieses Jahrzehntes brachte mich das persönliche Schicksal zusammen mit den großen Umsturz wieder in die Stille und Gesammeltheit der heimatlichen Landschaft, die der ursprüngliche Näheboden gewesen ist und in der ich seither wieder lebe, im Bewusstsein eines Endes infolge des allgemeinen tragischen Geschehens, das mir doch den lang gehegten Plan verwirklichen half, gerade hierher zurückzukehren, um das zu gestalten, wonach es mich seit Jahren gedrängt hatte. Spät bin ich geistig reif geworden; noch als ich aus dem Kriege zurückgekehrt war, spürte ich mich unfertig und noch im Wachsen. Jetzt erst scheine ich am Ziele meines inneren Wesens angelangt zu sein, da es wieder aufbrechen heißt und wandern.   
Dieses also ist der Versuch, den Rahmen meines Lebens darzustellen, des Lebens eines jüdischen Menschen in der Mitte seiner Tage um diese Zeitenwende vor dem Ausgang des letzten Jahrhunderts über dessen erste Jahrzehnte hinweg. Und natürlich kann man ragen, ob eine solche Lebensüberschau in mittleren Jahren nicht vermessen sei, ja anmaßend. Aber wenn es sonst üblich ist, erst gegen das wirkliche Ende eines Menschenlebens sich darüber Rechenschaft abzulegen, wenn alles bei einem Einzelnen sich dem Tode zuneigt und vergangen ist, so darf ein jüdischer Mensch heute in Deutschland, dessen Lebenshauptteil sich vor der Wandlung unseres Daseins abspielte, vielleicht doch sagen, dass sein Früheres so vorbei ist, als sei er dem Ende nah, ja als sei er schon gestorben. Ja, niemand, der früher seine Erinnerungen aufzeichnete, konnte es so sehr aus dem Gesichtspunkt des unwiederbringlich Abgeschlossenen tun wie wir
Wangen Der Morgen Juni 1938b.jpg (67074 Byte) jetzt. Denn alle müssen wir diesen Abschied vom Vergangenen als einen Tod ansehen und ein Neues beginnen.   
Darum aber auch scheint mir dieses nicht nur mein Bild, das ich geben wollte - und das ist die andere Rechtfertigung meines Unterfangens -, es ist das meiner Familie eines jüdischen Geschlechtes aus Oberdeutschland; und es ist ein Beispiel der Entwicklung des Lebens vieler meiner Art und ihrer Vorfahren, einer Art, von deren Wesen nicht nur die ganz Außenstehenden nichts wussten, sondern wie wir gesehen haben, selbst viele Juden nicht. Die Bilder vieler Toten, die mir einst teuer waren, stehen am Wege meines Lebens. Wir Geschwister sind nun in alle Welt zerstreut - auch darin ein Beispiel des allgemeinen jüdischen Umgetriebenseins -, und haben doch alle in uns den Trieb zur Sesshaftigkeit, wie nur je in der Geschichte Menschen ihn hatten. Denn niemals sind wir Juden ein Wandervolk gewesen; immer haben wir Ruhe gesucht und Verwurzelung von Anfang an und haben, einmal sesshaft geworden, die Heimat geliebt."  
 
Hinweis: Innerhalb des "Forum Allmende für Literatur" besteht ein Jacob-Picard-Freundeskreis (Link: Informationen zu diesem Kreis)  

    
     
Aus dem Gemeinde- und Vereinsleben  
Über den Verein zur Friedensstiftung (1853)  

Wangen AZJ 10101853.jpg (135738 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 19. Oktober 1853: "Wangen, 1. September (1853). Die 'Badische Landeszeitung' bringt einen rühmenden Artikel über die israelitische Gemeinde dieses Ortes. Abgesehen von der schönen Synagoge, die dich am Ufer des unteren Bodensees liegt, und dem erbaulichen Gottesdienst mit Sangchor, der darin ausgeübt wird, berichtet der Artikel über einen 'Verein zur Friedensstiftung' in der Gemeinde. Es heißt da: '§ 6 lautet: 'Die Mitglieder des Vereins machen sich sowohl einzeln, als in der Gesamtheit verbindlich, zur Erhaltung und Beförderung, sowie zur Wiederherstellung des Friedens und der Eintracht in der Synagogengemeinde alle in ihrem Wirkungskreise liegenden Kräfte aufzubieten.' § 11. 'Die Wirksamkeit des Vereins soll sich auch auf Streitende oder Entzweite, welche einerseits der christlichen Konfession des Ortes angehören, ausdehnen, um wo möglich Prozesse und Eidschwüre zu verhüten, und die Eintracht in der Gesamtgemeinde zu erhalten.'   
Die für diesen schönen Zweck vorgeschlagenen Mittel sind ebenso lobenswert, als jener selbst, und es ist ganz begreiflich, dass das großherzogliche Bezirksamt die Statuten genehmigt hat. Alles dies gereicht aber gewiss der israelitischen Gemeinde Wangen zum großen Lobe, und vorzüglich ihrem würdigen Vorsteher, Herr S.H. Wolf, welcher für deren Bildung und sittliche Hebung bereits seit 20 Jahren ebenso rastlos und energisch, wie umsicht und wohlwollend tätig ist. Möchten doch alle diese Tatsachen auch anderwärts Nachahmung finden!'"


Erfolg des jüdischen Gesangvereins Wangen bei einem Sängerfest (1891)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Juli 1891: "Aus dem badischen Oberlande. Gestern, am 28. Juni, fand in unserer Amtsstadt Radolfzell das 33. Höhgau-Sängerfest statt, an dem sich ungefähr 40 Vereine mit über 1.200 Mitgliedern beteiligten. Die 2 israelitischen Vereine Wangen und Gailingen erhielten hierbei Preise und zwar der Gesangverein Wangen einen 1. und Eintracht Gailingen einen 2. Preis. Der gesellige Verkehr unter den nach vielen Zausenden zählenden Sängern und Sangesfreunden aus allen Schichten der Bevölkerung zusammengesetzt, war ein solch friedlicher und einträchtlicher, wie es sich nicht schöner denken lässt, was wohl wert, öffentlich erwähnt zu werden."   

     
    
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde   
Zum Tod von Max Alexander (1933)    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Juni 1933: "Wangen am Untersee, 27. Juni (1933). Der in weitem Umkreis bekannte Max Alexander ist am 11. Juni nach schwerer Krankheit von uns gegangen. Am 13. gab ihm eine große Trauergemeinde das letzte Geleite. Herr Bezirksrabbiner Dr. Chone, Konstanz, sprach im Trauerhaus Worte des Trostes und schilderte den Verstorbenen als echten religiösen Familienvater, der nur für das Gute zu haben war. Aus kleinen Anfängen hat er es durch Fleiß und Sparsamkeit zu Ansehen gebracht. Möge die große Beteiligung sowohl von Glaubensgenossen von Nah und Fern als auch von Andersgläubigen den Hinterbliebenen ein Trost in ihrem großen Schmerz sein! Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."   

   
Persönlichkeiten  

Leo Picard (1900 Wangen - 1997 Jerusalem), wirkte seit 1924 als Geologe in Palästina und wurde 1939 Prof. der Geologie an der Universität Jerusalem.

      
     
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen 
Anzeige von Jeanette Schwab (1901)  

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Mai 1901: "Ein im Hauswesen durchaus erfahrenes, älteres Fräulein, sucht Stellung bei alleinstehendem Herrn. Am liebsten in Baden. Vorzügliche Zeugnisse stehen zu Diensten. Offerten erbitte an Fräulein Jeanette Schwab, Wangen. Baden, am Untersee." 

   
Anzeige von Frau Ohnhaus (1928)   

Wangen Israelit 09081928.jpg (55034 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. August 1928: "Gouvernante oder Gesellschaftsdame
25 Jahre, perfekt französisch, gutes Deutsch, Lehrerin, Prüfung in Paris gemacht, stenotypist., aus sehr guter Familie sucht per sofort passende Stellung. Ia Referenzen und Zeugnisse. 
Frau Ohnhaus
  Wangen Amt Konstanz."   

    
     

    

Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge

Das jüdische Wohngebiet lag bis zum 19. Jahrhundert unmittelbar in Seenähe. Hier stand bis 1825 eine kleine Synagoge, die vermutlich im 18. Jahrhundert erbaut worden war (erstmals wird 1779 ein Vorbeter in der Gemeinde genannt). Ihre Wände und das Dach waren aus Holz. Im Betsaal gab es zusammen 22 Plätze. Im Bereich des Erdgeschosses befand sich auf der linken Seite die Wohnung des Vorbeters, auf der rechten Seite der Betsaal. Über der Wohnung des Vorbeters war ein "Obergemach nach der Männerhalle hin, dessen Fenster dahin offen waren". Hier saßen während des Gottesdienstes die Frauen. Neben der Gemeindesynagoge bestand nach 1783 im Haus des damaligen Gemeindevorstehers, des angesehenen Rabbi Joseph Manes Wolf, eine Privatsynagoge.   
  
In den 1820er-Jahren war die alte Synagoge viel zu klein und inzwischen stark baufällig geworden. Mehrere junge Männer und Familienväter konnten keinen Platz zum Gebet bekommen. Zur Frage des Neubaus gab es zunächst Auseinandersetzungen in der Gemeinde, da die Männer, die Plätze in der Synagoge hatten, den Standpunkt vertraten, dass die neue Synagoge von denen bezahlt werden sollte, die keine Plätze hatten. Dann einigte man sich darauf, dass die bisherigen Platzinhaber in der neuen Synagoge ein Vorrecht haben und jeweils die ersten Seitenplätze erhalten sollten. Damit waren sie für die Mitfinanzierung des Neubaus gewonnen. Zu dieser sollten unter anderem die Synagogenplätze verkauft werden. Auch die am Schabbat zur Tora Aufgerufenen sollten ab sofort jeweils eine Spende von zwei Kreuzern zum Baufonds geben. Die Suche nach einem Bauplatz erwies sich als schwierig, da das Grundstück der alten Synagoge zu klein für einen Neubau war. Die Nachbargrundstücke gehörten der christlichen Gemeinde, die ihrerseits zunächst einen viel zu hohen Preis von etwa 1.000 Gulden verlangte. Auf Grund eines Ministerialerlasses, nach dem der jüdischen Gemeinde ein Platz zu einem günstigen Preis zur Verfügung gestellt werden müsse, konnte am 20. November 1824 zwischen der christlichen und der jüdischen Gemeinde ein Kaufvertrag unterzeichnet werden. Demnach erhielt die Judenschaft für 69 Gulden einen an das alte Synagogengrundstück angrenzenden "Wiesgarten" zum Bau der neuen Synagoge. Im Mai 1825 konnte man die Grundsteinlegung feierlich begehen und im kommenden Jahr den Bau vollenden. Teile der Inneneinrichtung wurden von dem 1817 gegründeten "Verein Friedensstiftung" (Ahawat Schalom) gestiftet, woran eine Inschrift in der Synagoge erinnerte. Ein Synagogenchor wurde kurze Zeit nach der Einweihung der Synagoge ins Leben gerufen. Dieser muss sich prächtig entwickelt haben und war weit über Wangen hinaus bekannt. Als 1852 Großherzog Leopold starb, berichtete Rabbiner Schott aus Randegg über die Vorbereitungen zum Trauergottesdienst in der Synagoge Wangen: Unter Leitung von Samuel Wolf wurde "die Vorbereitung auf den am Sonntag abzuhaltenden Trauergottesdienst getroffen, namentlich der Vortrag der angeordneten Psalmen eingeübt, woran sich wie in Randegg der ganze Synagogengesangchor mit Eifer beteiligte". Rabbiner Schott hob dabei hervor, dass sich der "würdige Vorsteher Samuel Wolf... überhaupt um die Veredlung des Gottesdienstes in der Synagoge Wangen in hohem Maße verdient gemacht hat". 1853 berichteten auch die "Badische Landeszeitung" und im Anschluss an sie die "Allgemeine Zeitung des Judentums" von "der schönen Synagoge (in Wangen), die dicht am Ufer des untern Bodensees liegt, und dem erbaulichen Gottesdienst mit Sangchor, der darin ausgeübt wird".    

Wangen IsrAnnalen 10071840.JPG (227129 Byte)In der Zeitschrift "Israelitische Annalen" vom 10. Juli 1840 liegt ein Bericht von Rabbiner Leopold Schott in Wangen über die religiösen Verhältnisse in der Gemeinde Wangen und der Synagoge um 1840 vor: "Großherzogtum Baden. - Die verschiedenen Berichte aus diesem Lande dürften nicht unwürdig mit einigen Notizen über die Israeliten in dem Dorfe Wangen am Bodensee vermehrt werden; um so mehr als dies zeigen wird, dass selbst bei der Lückenhaftigkeit der bestehenden Verordnungen doch die Energie eines verständigen und würdigen Lehrers viel Gutes zu beleben im Stande sei. Von den 36 israelitischen Familien zu Wangen sind nur wenige als reich, dagegen ungefähr die Hälfte als mittellos zu bezeichnen, und können sie daher keinen eigenen Rabbinen unterhalten. Dagegen besitzen sie eine eigene Elementarschule, aus welcher schon viele recht gut vorbereitete Jünglinge hervorgegangen sind, wovon sich*) einer der Jurisprudenz (zu Freiburg), vier dem Lehrstande (wovon drei bereits angestellt), zwei dem höheren Kaufmannsstande (zu Mannheim und Ankona), und zehn dem Handwerke gewidmet haben (drei Schuster, zwei Schneider, zwei Weber, ein Färber, ein Grobschmied, ein Seifensieder). 
Der derzeitige Lehrer, ein geborener Wangener, steht auch in solcher Achtung, dass ihm gegenwärtig auch an der vakanten christlichen Schule, bis zu deren Wiederbesetzung, der gesamte Unterricht, versteht sich mit Ausnahme des religiösen, anvertraut ist, was aber nicht bloß ihm, sondern auch und noch vielmehr dem wohlwollenden Zutrauen des Schulvorstandes, an dessen Spitze der katholische Ortsgeistliche steht und der Toleranz des betreffenden Bezirksschulvisitators zum größten Ruhme gereicht. Geschickte israelitische Lehrer sind sicherlich keine Seltenheit mehr, wohl aber solche vorurteilsfreie und ausgezeichnete Anerkennung, die oft an größeren auf den Ruhm der Bildung ansprechenden Orten am allerwenigsten gefunden wird. - 
Auch die vor ungefähr 15 Jahren dicht am Ufer des Bodensees im einfachen Stil erbaute freundliche Synagoge bietet dem demütigen Gottesverehrer ein schönes Bild von Ordnung, Ruhe und Andacht dar (wie man auch dieses in größeren Gemeinden meistens vergeblich sucht) und man wird hier, ohne Gepränge, durch die feierliche Stille, welche den andächtigen Vortrag des Vorbeters umgibt, zur innigsten Andacht und heiligsten Ergebung zu Gott hingerissen. Alle diese herrlichen Resultate sind aber vorzüglich dem derzeitigen Vorsteher Samuel Wolf zu verdanken. Dieser treffliche Mann vereinigt in sich die innige israelitische Frömmigkeit der vergangenen Zeit mit der feinen Bildung unserer Generationen. Er hat an seinem Orte das Gute so zu sagen erschaffen. Er ist durch Wort und Tat der Vater und Wohltäter seiner Gemeinde, die er nicht nur mit einer seltenen Fürsorge und Pünktlichkeit verwaltet, sondern auch mit mehr als Pflichtmäßigkeit, mit Eifer und Liebe für edlere Gesinnung zu wecken und zu stärken sucht. Diese Bemühung weiß er auch vorzüglich durch sein eigenes schönes Beispiel zu unterstützen, so wie nicht weniger durch eine ausgewählte kleine Sammlung hebräischer und deutscher Schriften, die er seine Untergeordneten gerne benutzen lässt. Möge er noch lange die Zierde und der gerechte Stolz seiner Gemeinde bleiben und möge sein Beispiel recht viel Nachahmung finden. 

Bereits 1847 war eine größere Renovierung der Synagoge nötig. Vermutlich auf Grund der nahen Lage am See waren die Holzwände und der Fußboden zum Teil verfault, der Verputz abgefallen. Längere Zeit suchte man diese Arbeiten wegen der Kosten hinauszuziehen, denn man war gerade mit dem Bau eines neuen Schulhauses beschäftigt, das 1852 fertiggestellt werden konnte. Einige Gemeindeglieder, aber auch das Bezirksamt Radolfzell drängten in der Folgezeit immer wieder den Gemeindevorstand, mit der Renovierung zu beginnen. Jedoch hatte man noch 1.500 Gulden an Schulden für den Schulhausneubau. Dennoch blieb keine Wahl: 1857 wurde die Synagoge renoviert. Dabei ist der Fußboden höher gelegt worden, damit die Feuchtigkeit des nahen Sees nicht mehr so schnell Schaden anrichten könne. Anstatt der bisherigen beweglichen Betpulte (Ständer), die dadurch störend wirkten, dass die Beter nicht alle zur Ostwand gerichtet saßen, sondern sich ins Gesicht schauen konnten, wurden Bänke hergestellt. Nach einer längeren Auseinandersetzung zwischen dem vor Neuerungen nicht zurückschreckenden Synagogenrat und Vorsteher Samuel Joseph Wolf einerseits und dem Bezirksrabbiner Willstätter und einigen protestierenden Gemeindegliedern andererseits wurde auch "das Almemor (sc. Vorlesepult) als Estrade zur heiligen Lade hingerückt". Zur Renovierung gab der "Verein Friedensstiftung" 200 Gulden, die Chewra Kadischa (Heilige Bruderschaft) 100 Gulden.     
         
Feier (?) zum 100-jährigen Bestehen der Synagoge (1927)    

Wangen Israelit 19081926.jpg (78929 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. August 1927: "In jener Zeit, gerade, als ich die Orte Villingen und Donaueschingen besuchte, da feierte die Gemeinde Wangen am Bodensee das hundertjährige Bestehen ihrer Synagoge. Von nah und fern strömten die Teilnehmer an dem Feste dorthin, wo an Stelle der einst mehr als fünfzig Familien umfassenden stattlichen Gemeinde heute nur zwölf Haushaltungen mit - was noch trauriger ist - nur 25 Seelen der Zeit entgegensehen, in der das große schöne Gotteshaus am See gänzlich verwaist sein wird. Wer dort an jenem - Festtage? - gehört hat, was Erinnerung unter Herzkrämpfen erzählte aus Wangen und Mühlheim, aus Gailingen und Randegg, wer die bunten Bilder, hervorgeholt aus der Kammer des Herzens und erfasst mit den Händen der Sehnsucht, geschaut hat, der wird andere darüber aufklären können, dass die Niedergang des Judentums auf dem Lande einen Verlust bedeutet, für den es einen Ersatz schlechtweg nicht gibt."  

In der Pogromnacht 1938 wurde die Synagoge von SS-Leuten aus der Kaserne Radolfzell niedergebrannt, die Reste abgetragen. Das Grundstück erhielt nach 1945 die politische Gemeinde, die hier einen Zeltplatz (später Campingplatz) anlegte. 
  
Seit 1968 erinnert ein Gedenkstein am Synagogengrundstück an das Schicksal der Synagoge. Das Synagogengrundstück selbst gehört heute zu dem Campingplatz am See. Mit der Aufrichtung eines "Synagogentors" wird das Synagogengrundstück Ende 2009 neu gestaltet (siehe Bericht unten). 


Fotos 
Historische Fotos: 

Wangen Synagoge 001.jpg (27243 Byte) Wangen Synagoge 002.jpg (123738 Byte) Wangen Synagoge 005.jpg (49725 Byte) Wangen Synagoge 336.jpg (22202 Byte)
Synagoge in Wangen 
(Quelle: Turn- und Sportverein Wangen, s.u. Links)
Dass. (Quelle: Hundsnurscher/ Taddey s. Lit. Abb. 213) Innenaufnahme (Quelle: J. Picard, Erinnerung s.Lit. S.182)
       
 Der Eingang zur Synagoge Wangen Synagoge 338.jpg (36569 Byte)   
    Der Eingang zur Synagoge vor 1938 (Foto: Gert Wolf; Quelle: Hegau-Jahrbuch)  
     

    

Fotos nach 1945/Gegenwart:  

Fotos um 1985: (Fotos: Hahn)

     
Wangen Synagoge 041.jpg (106882 Byte) Wangen Synagoge 042.jpg (109296 Byte) Wangen Synagoge 040.jpg (90054 Byte)
Standort der ehemaligen Synagoge am See  Die Gedenktafel auf dem Gedenkstein für die Synagoge
     

Fotos 2004 (Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 13.6.2004):  

 
Wangen Synagoge 201.jpg (65760 Byte) Wangen Synagoge 202.jpg (124075 Byte) Wangen Synagoge 200.jpg (66579 Byte)
Blick auf den Gedenkstein unter dem Busch an der Ecke; das Grundstück der Synagoge war rechts davon  Der Gedenkstein 
für die Synagoge 
Blick von der Seeseite auf das Synagogengrundstück (rechts im Bereich des Baumes) 
     

Fotos 2009 (Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 14.11.2009):  

Wangen Synagoge 462.jpg (136169 Byte) Wangen Synagoge 463.jpg (90268 Byte) Wangen Synagoge 464.jpg (114628 Byte)
Die Gedenkstätte für die Synagoge Die Gedenktafel Im November ist der Campingplatz geschlossen

 

Weitere Spuren der jüdischen Geschichte
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 13.6.2004)

Ehemaliges Jüdisches Schulhaus in der Hauptstraße 39 Wangen Haeuser 212.jpg (51573 Byte)  
  Schulhaus von 1852    
     
Frühere jüdische Wohnhäuser, viele davon mit charakteristischen Walmdächern Wangen Haeuser 201.jpg (46727 Byte) Wangen Haeuser 204.jpg (43093 Byte)
  Haus Hauptstraße 27 mit hebräischer Inschrift über dem Eingang
   
Wangen Haeuser 200.jpg (65104 Byte) Wangen Haeuser 202.jpg (59141 Byte) Wangen Haeuser 203.jpg (59170 Byte)
Haus Hauptstraße 37 Haus Hauptstraße 29 Haus Hauptstraße 27
     
Gefallenendenkmal gegenüber dem Rathaus mit jüdischen Namen Wangen Denkmal 003.jpg (65575 Byte) Wangen Denkmal 004.jpg (62524 Byte)
Jüdische Namen: Bernheim, Gump, Gut, Picard, Rothschild, Wolf

    

Hinweis 

Wangen Schule 001.jpg (70210 Byte)
Obige Abbildung zeigt nach Angaben von Nachum T. Gidal: Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik 19887  S. 250 das "Israelitische Schul- und Rathaus in Öhningen, Ortsteil Wangen". Auf Grund dieser Angabe wurde auch noch im Buch Joachim Hahn/Jürgen Krüger: Die Synagogen in Baden-Württemberg. Stuttgart 2007 Bd. 2 S. 366 dies so übernommen. 
Freilich handelt es sich nach Angaben von Dr. Franz Hofmann, Konstanz hier um das Israelitische Schulhaus in Randegg

  
    

Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  

November 2009: Neugestaltung der Gedenkstätte für die Synagoge  
Artikel im "Südkurier" vom  7. November 2009 (Artikel): "Öhningen - Die jüdische Synagoge.  
Am kommenden Montag, 18 Uhr, findet am Seeweg in Wangen eine öffentliche Grundsteinlegung zum Synagogentor statt, das künftig an das jüdische Gotteshaus erinnern wird, das sich bis 1938 hier einmal befand. Es entstand in den Jahren 1824 bis 1826 zur Blütezeit der hiesigen jüdischen Gemeinde. Diese war schon 1665 erstmals urkundlich erwähnt worden, im Jahre 1864 umfasste sie 233 Personen beziehungsweise 30 Familien und bildete damit 40 Prozent der Gesamteinwohnerschaft von Wangen. Die 1826 eingeweihte Synagoge hatte praktisch an gleicher Stelle einen kleineren Vorgängerbau aus Holz mit allerdings nur 22 Plätzen im Betsaal. Das schöne Eingangstor zur neuen Synagoge wird von Menschen, die sich der Sache verbunden fühlen, wiederhergestellt. Sie werden die Arbeiten gegen einen minimalen Aufwandsausgleich ausführen. Die Finanzierung erfolgt zum Großteil durch die Gemeinde Öhningen, zu der die Ortschaft Wangen gehört, durch Spenden sowie durch den Gäste-, Kultur- und Dorfverein, von dessen "Arbeitskreis Kultur" auch die Idee zur Rekonstruktion des Synagogentores ausging. Hier ist man für weitere Spenden noch dankbar (Ansprechpartner: Gemeinde Öhningen)."   
   
Wangen Synagoge 339.jpg (15097 Byte)Die Skizze links (von Hermann Böschenstein) zeigt das Eingangstor, wie es neben dem Gedenkstein (rechts angedeutet) auf dem Synagogengrundstück aufgebaut werden soll.   
Artikel von Georg Exner im "Süd-Kurier" vom 7. November 2009 (Artikel):  
"Öhningen-Wangen . Erinnerung an jüdisches Leben. 
Einen 'starken Hinweis', auf das schlimme Geschehen vor 71 Jahren will sich die Ortschaft Wangen auf der Höri an dem Grundstück am Seeweg zulegen, auf dem bis 1938 die jüdische Synagoge stand. Am 10. November 1938 wurde das Gotteshaus von SS-Männern aus Radolfzell abgebrannt. Nun soll das Eingangstor der Synagoge wiedererstehen. Am kommenden Montag (18 Uhr) ist Grundsteinlegung. 

Öhningen-Wangen – Wangen sei 'ein ganz spezielles Dorf auf der Höri', stellt Ortsvorsteher Thomas von Gottberg fest und meint die über 300-jährige Lebensgemeinschaft von Christen und Juden. Sie endete schlagartig am 9. November 1938 mit der Pogromnacht der Nationalsozialisten. Sie zündeten im ganzen damaligen 'Reich' jüdische Gotteshäuser und Häuser an. Am 10. November war es auch in Wangen soweit. SS-Leute aus Radolfzell brannten die Synagoge am Seeweg nieder. Von den 1933 zu Beginn der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft in Wangen noch lebenden 20 jüdischen Mitbürgern kamen bis Kriegsende mindestens sechs um.
'Ein gemäßes Gedenken'. Nun soll die heute 1840 Einwohner zählende Ortschaft, wie es der Ortsvorsteher formuliert, 'ein unserem Dorf gemäßes Gedenken' erhalten. Das Synagogentor, das nach Originalfotos der Synagoge in 'annähernd gleicher Form' am Seeweg wiedererstehen soll, befindet sich dann neben dem Gedenkstein, der heute schon daran erinnert, dass sich hier einmal die Synagoge befand. Man habe, so von Gottberg, nach einem 'etwas stärkeren Hinweis' gesucht und sei so auf die Rekonstruktion des Synagogentores gekommen. Die Idee kam 2007 im Arbeitskreis Kultur des kurz zuvor neu gegründeten Gäste-, Kultur- und Dorfvereins Wangen auf. 
Das rekonstruierte Synagogentor wird in seine Gestaltung Teile des ursprünglichen Geländetores aufnehmen. Das sind die beiden den einstigen Zugang flankierenden Sandsteinsäulen, sowie Elemente des eigentlichen Synagogentores, die sich in dem zweiteiligen, aus Eisen geschmiedeten neuen Tor wiederfinden werden. Das Tor soll im Winter offen stehen und den Blick auf das einstige Synagogengrundstück freigeben, das nach dem Krieg in den Besitz der Gemeinde Wangen überging und heute als Campingplatz dient. Während der Sommermonate bleibt das Tor geschlossen und wird mit Pflanzkübeln dekoriert werden. An den beiden Sandsteinsäulen werden Infotafeln angebracht, die an das 300-jährige jüdisch-christliche Zusammenleben in Wangen erinnern."    
   
Januar 2010: Ehrung für das Engagement des "Gäste-, Kultur- und Dorfvereins u.a. im Blick auf die Neugestaltung der Synagogengedenkstätte 
Artikel (Verfasser: Strate) im "Südkurier" (Kreis Konstanz) vom 3. Februar 2010 (Artikel): 
"Öhningen-Wangen. Dorfverein bleibt treibende Kraft.  
Da war ein Hauch von Frühling im Gastraum der 'Seestuben' in Wangen spürbar, als der Gäste-, Kultur- und Dorfverein Wangen am See zur Hauptversammlung einlud. Und dies lag nicht nur an den leuchtend gelben Primeln, die die Wirtsleute Hesch liebevoll auf den Tischen dekoriert hatten. Auch die trotz winterlichen Schneesturms pünktlich eintreffenden Vereinsmitglieder waren bester Dinge, gab es doch jede Menge guter Nachrichten. Der vor etwa dreieinhalb Jahren gegründete Verein, dessen Mitgliederzahl sich inzwischen mehr als verdoppelt hat, hat sich einer funktionierenden Infrastruktur des Dorfes Wangen verschrieben. Das sei, so der erste Vorsitzende Bruno Bohner, nur möglich ist, wenn der Tourismus floriert. Deshalb organisiert der Verein Maßnahmen wie Gästebegrüßungen während der Sommersaison und eine Besetzung des Tourismus-Büros im Rathaus. Auch die jährlichen 'Saison-Openings', bei denen die Leistungsträger des örtlichen Tourismus auf den neuesten Stand des Sommerprogramms gebracht werden, ist eine Initiative des Vereins. 
Zudem ist das historisch-kulturelle Engagement für Wangen ein weiteres erklärtes Ziel der Vereinsaktiven: So wurde vor rund zwei Jahren die Idee geboren, die Synagogen-Gedenkstätte des Dorfes neu zu gestalten. Bisher erinnerte lediglich ein Gedenkstein daran, dass am 10. November 1938 die jüdische Synagoge von Wangen durch die SS niedergebrannt und damit eine bis dahin rund dreihundertjährige freundliche Koexistenz von jüdischer und christlicher Gemeinde in Wangen zerstört wurde. Auf Betreiben des Vereins wurde mit Hilfe des Ortsvorstehers Thomas von Gottberg eine Mitfinanzierung des Projekts durch die Gemeinde verabschiedet. 
Doch blieben immer noch mehrere tausend Euro an Spenden, die der Verein zu sammeln hatte, um an Stelle des Gedenksteins ein schmiedeeisernes Tor zu errichten. Dieses ist dem damaligen Synagogentor nachempfunden. Historische Fotos lieferten hierfür die Vorlage. 'Wir halten dies für eine zeitgemäße Art des würdigen Gedenkens, hinter der die Bevölkerung Wangens steht', so von Gottberg. Und tatsächlich: Seit der Grundsteinlegung für dieses Projekt am 9. November 2009 sind rund 6 200 Euro an Spendengeldern eingegangen. 'Das Gitter ist bereits geschmiedet, die Erdarbeiten laufen', kann die Projektbetreuerin Vera Floetemeyer berichten. 'Einer feierlichen Eröffnung am 21. März 2010 sollte somit nichts mehr im Wege stehen', freut sie sich. In der Tat eine stolze Leistung der Wangener Bürger und des Gäste-, Kultur- und Dorfvereins Wangen e.V., der in diesem Sinne bestens aufgestellt dem an diesem Abend gefühlten Frühling entgegensehen kann."
  

    
   

Links und Literatur

Links:   

Website der Gemeinde Öhningen
zum jüdischen Engagement im Turn- und Sportverein Wangen (mit Foto der Synagoge): vgl. www.tus-wangen.de/themen/geschichte/chronik75.htm
Zum jüdischen Friedhof in Wangen (interner Link)  

Literatur 
(hier auch Literatur zum "Dichter des alemannischen Landjudentums" Jacob Picard, geb. 1883 in Wangen, gest. 1967 in Konstanz):

Heymann Chone: Festschrift zum 100jährigen Bestehen der Synagoge in Wangen. Konstanz 1927.
Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 284-287.
Otto Blumenthal: Die Verhaftung, in: Wir haben es gesehen. Augenzeugenberichte über die Judenverfolgung im Dritten Reich (hg. Gerhard Schoenberner). Wiesbaden 1981. S. 53-61.
Leo Picard: Vom Bodensee nach Erez Israel - Pionierarbeit für Geologie und Grundwasser seit 1924. Konstanz 1996 (auch hebräisch).
Manfred Bosch/Jost Grosspietsch: Jacob Picard 1883-1967. Dichter des deutschen Landjudentums. Ausstellungskatalog Sulzburg. 1992.
Manfred Bosch (Hg.): Jacob Picard. Werke in zwei Bänden. Konstanz 1991.
Hermann Dicker: Aus Württembergs jüdischer Vergangenheit und Gegenwart. 1984. S. 120-125 (zu Jacob Picard).
Naftali Bar-Giora Bamberger: Der jüdische Friedhof in Gailingen. 1994.
Jacob Picard: Erinnerung eigenen Lebens. In: Alemannisches Judentum. Spuren einer verlorenen Kultur. Hg. Manfred Bosch. Eggingen 2001. 
Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern - Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem 1986. S. 216-217.  
synagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007.    

     
   


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Wangen  Baden. (*The Jewish community in Wangen...) was apparently established in the late 16th century, growing steadily in the 18th century and reaching a peak population of 224 in 1825 (total 570). Most Jews engaged in the cattle trade across the Swiss border. A new synagogue was built in 1825 and a cemetery was consecrated in 1827. After 1875, the Jewish population dropped rapidly and numbered 20 in 1933. On Kristallnacht (9-10 November 1938) the synagogue was blown up, the cemetery was desecrated, and Jews were severely beaten before being sent to the Dachau concentration camp. Nine left in 1933-40 and the last seven were deported to the Gurs concentration camp on 22 October 1940.

The article in the encyclopedia starts with a wrong sentence about this Wangen: "The 14th century community was destroyed in the Black Death persecutions of 1348-49". This persecution was perhaps in Wangen im Allgäu and not in this Wangen am See. 
   

   

                   
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Stand: 03. Februar 2010