Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Villingen (Stadt Villingen-Schwenningen, Schwarzwald-Baar-Kreis) 
Jüdische Geschichte / Synagoge/Betsaal
   
   

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Mittelalter  
19./20. Jahrhundert  
nach 1945  
Zur Geschichte der Synagoge / des Betsaals     
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Fotos / Darstellungen  
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  
Links und Literatur   

 

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  (english version)

Mittelalter

In der bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts habsburgischen Stadt Villingen bestand eine jüdische Gemeinde zunächst im Mittelalter. Erstmals werden 1324 Juden in der Stadt genannt. Die Judenverfolgung in der Pestzeit 1348/49 vernichtete die Gemeinde. Von Ende des 14. Jahrhunderts bis zur Ausweisung der Juden 1510 werden wieder einige jüdische Einwohner in der Stadt genannt. 
  
  
19./20. Jahrhundert

Erst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhundert (ab 1862) konnten jüdische Personen wieder zuziehen. Nachdem 1895 die Zahl der jüdischen Einwohner in Villingen auf 37 Personen angewachsen war, gründeten sie eine jüdische Gemeinde, die der Gemeinde in Randegg als Filialgemeinde zugewiesen wurde. 1900 zählte Villingen 62 jüdische Einwohner, die vor allem aus Gailingen und Randegg zugezogen waren. 
 
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde einen Betsaal (s.u.). Die Toten der Gemeinde wurden im jüdischen Friedhof in Randegg beigesetzt. Die Gemeinde gehörte zusammen mit Randegg zum Rabbinatsbezirk Gailingen. 
 
Um 1924, als zur Villinger Filialgemeinde 45 Personen gehörten (in 12 Haushaltungen), war Gemeindevorsteher Salomon Bloch. 

Bis nach 1933 bestanden mehrere jüdische Handels- und Gewerbebetriebe in der Stadt, darunter Viehhandlungen, ein Immobiliengeschäft, Textilgeschäfte und ein Kaufhaus. Auch ein jüdischer Rechtsanwalt hatte sich in der Stadt niedergelassen. Es handelte sich dabei insbesondere um folgende Betriebe:
Viehhandlung Hermann Bikart (Kanzleigasse 6), Viehhandlung Louis Bikart (Waldstraße 11), Konfektionsgeschäft Salomon Bloch (Rietstraße 15), Textilgeschäft Josef Boß (Obere Straße 1), Immobilien Karl Rothschild (Waldstraße 27), Textilgeschäft Heinrich Schwab und Viehhandlung Jakob Schwab (Rietstraße 40), Viehhandlung Hugo Schwarz (Gerberstraße 33), Reisegeschäft Felix Zaitschek (Friedrichstraße 7), ferner Rechtsanwalt Bernhard Schloß (Luisenstraße 8).
  
1933 lebten 60 jüdische Personen in Villingen. Auf Grund der einsetzenden Entrechtung, der Repressalien und der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts ist in den folgenden Jahren ein Teil der jüdischen Einwohner aus Villingen verzogen. An sind nach Villingen noch zugezogen. Zu ersten Ausschreitungen gegen jüdische Einwohner war es bereits 1933 gekommen. Von insgesamt 75 nach 1933 registrierten jüdischen Einwohnern konnten 42 emigrieren. Am 22. Oktober 1940 wurden 11 jüdische Einwohner nach Gurs deportiert.  
 
Von den in Villingen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Jeanette Bikart geb. Guggenheim (1892), Louis Bikart (1893), Ruth Bikart (1921), Silva Bikart (1926), Hermann Faber (1908), Berthold Haberer (1882), Heorgine Haberer geb. Seckels (1893), Julius Kahn (1867), Simon Kahn (1863), Heinrich Schwab (1885), Martha Schwab (1894), Bertha Schwarz geb. Fröhlich (1863), Irma Schwarz geb. Oberndörfer (1900), Julie Schwarz (1903), Emma Zaitschek (1903), Lina Zaitschek geb. Rosner (1868). 
      
  
Nach 1945 

Die seit den 1990er-Jahren überwiegend aus den GUS-Ländern in Villingen-Schwenningen wieder zugezogenen jüdischen Personen bildeten zunächst mit den jüdischen Einwohnern im Bereich von Rottweil eine gemeinsame Gemeinde. 
   
Seit 2006 besteht eine "Jüdische Gemeinde Villingen-Schwenningen und Schwarzwald Baar e.V." (Link zur Website der Gemeinde).  

        
    
  
         
  

Zur Geschichte der Synagoge / des Betsaals

Das mittelalterliche jüdische Wohngebiet lag in der Oberstadt. Eine Synagoge, die 1379 als "Judenschule" genannt wird, befand sich im Winkel zwischen dem Münsterplatz und der heutigen Kronengasse. Nach der Judenverfolgung 1349 ging sie in den Besitz des Spitals über. 

Ende des 19. Jahrhunderts richtete die neu entstandene Filialgemeinde einen Betsaal ein. Hierfür stellte der Viehhändler Hugo Schwarz das Obergeschoss seines Hauses in der Gerberstraße 33 zur Verfügung. Beim Novemberpogrom 1938 verschafften sich SS- und SA-Leute aus Villingen mit Gewalt den Zutritt zum Haus des Betsaales. Die Meute setzte diesen in Brand und misshandelte den Hausbesitzer Hugo Schwarz.   

Das Haus in der Geberstraße 33 ist als Wohnhaus erhalten. Unweit davon erinnert seit 1978 auf Grund einer Initiative von Rudolf Janke (siehe Bericht unten) an einem Brunnen in der Gerberstraße eine Gedenktafel an den ehemaligen Betsaal. 
   
Die seit den 1990er-Jahren zugezogenen jüdischen Einwohner im Bereich von Villingen-Schwenningen besuchten zunächst den Betsaal in Rottweil. Seit 2006 werden auch in Villingen wieder eigene Gottesdienste abgehalten.  
       
    
     

Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
  
 

Mittelalter 
Über den aus Villingen stammenden Juden Mathis Eberler und die Geschichte seiner Nachkommen in Basel (zu einem Vortrag von 1905)
  

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 17. März 1905: "Basel. In der hiesigen historischen Gesellschaft hielt Herr Dr. August Burkhardt einen äußerst interessanten Vortrag über 'die Eberler genannt Grünzweig, eine Basler Familie des 14. und 15. Jahrhunderts.'
Es ist dies die Geschichte einer jüdischen Familie im ausgehenden Mittelalter und zugleich ein Stück Rechts- und Kulturgeschichte. Basel hat die Juden früher als andere oberdeutsche Städte aufgenommen und schon am Anfang des 13. Jahrhunderts existierte hier eine starke jüdische Kolonie. Bischof Heinrich von Thun musste den Juden im Jahre 1223 den Domschatz verpfänden. Das Ghetto befand sich am Rindermarkt, im heutigen Grünpfahlgässchen, der Friedhof da, wo jetzt der Werkhof steht. Im 14. Jahrhundert ging es auch den Juden in Basel schlecht, weil man sie, wie überall, falsch beschuldigte, die Brunnen vergiftet zu haben. Im Jahre 1349 wurden alle erwachsenen Juden in einem hölzernen Haus auf einer Rheininsel verbrannt, die Kinder aber getauft und im christlichen Glauben erzogen. Der Rat verbot, dass fernerhin Juden in der Stadt wohnen dürften. Doch bald waren dieselben wieder hier ansässig. Sie wurden Bürger und werden sogar zu Staatsämtern zugelassen, ein gutes Zeugnis für die Toleranz im 14. und 15. Jahrhundert gegenüber späteren Zeiten. Das typische Beispiel einer solchen jüdischen Familie sind die Eberler oder Eberlin, die den Beinamen 'Grünzweige' annahmen. Der Stammvater Mathis Eberler aus Villingen erlangt 1393 auf dem Muttenzer Zug mit 500 anderen das Basler Bürgerrecht. Er ist Schlosser, steigt in politischen und militärischen Ämtern rasch aufwärts und wird 1445 Hauptmann des eroberten 'Steins zu Rheinfelden'. So überraschend entwickeln sich Reichtum und Macht der Familie, dass ein Enkel des eingewanderten Villinger Juden Schlossherr zu Hiltalingen und Gemahl einer Geroldseck wird. Natürlich hört damit auch das Geschlecht auf, ein jüdisches zu sein. Doch andererseits ist es Tatsache, dass, nachdem sich dieses Geschlecht mit den angesehensten Familien der Stadt verschwägert hatte, heute noch unter den alten Baslern keiner ist, in dessen Adern nicht das Blut des Juden Mathis Eberler von Villingen rollt."  


19./20. Jahrhundert  
Bericht vom Besuch eines orthodoxen Juden in Villingen in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. August 1926

Villingen Israelit 19081926a.jpg (237723 Byte)Artikel aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. August 1926: "Die Kreisstadt Villingen an der Schwarzwaldbahn ist ein landwirtschaftlich und wirtschaftlich hervorragender Platz. Seine breiten, sauberen Straßen, seine Mauern und Tortürme, seine Anlagen und Burgen geben eine glückliche Mischung von Altertümlichem und Modernem. Allenthalben bemerkt das Auge des Besuchers Interessantes, und unverkennbar ist ein Ausdruck von Behaglichkeit, der über dem Stadtganzen ruht.
Auf meine Frage nach der jüdischen Bevölkerung antwortet man mir, in Villingen sei keine jüdische Gemeinde. Ich muss wohl recht zweifelnd zurückgeschaut haben, denn in dieser belebten Handels- und Gewerbestadt hatte ich allerdings Glaubensgenossen vermutet. Aber obwohl mir mein Gewährsmann versicherte, dass Villingen keine jüdische Gemeinde besitze und noch nie eine solche in seinen Mauern beschützt habe, erfuhr ich, dass einzelne jüdische Familien dort wohnen. Die Ladenfirmen waren meine Wegweiser. Freundliche Menschen waren sofort bereit, mir die Synagoge zu zeigen, einen einfachen Betsaal, der selten genug benutzt wird. Man zählte mir sieben Familien auf, die zuweilen einen Gottesdienst veranstalten, bei dem ein Gemeindemitglied vorbetet. Die Toravorlesung aber unterbleibt. Eine eigene Gemeinde bildet Villingen in der Tat nicht, es gehört zu dem - nicht nahen - Randegg. von dort kommt wöchentliche einmal der Religionslehrer zu einer Unterrichtsstunde und zum Geflügelschächten. Koscherfleisch beziehen die paar Familien, de darauf reflektieren, aus Dürrheim. 
Soweit die Tatsachen, die ich gelegentlich meines Synagogenbesuches kennen lernte. Ich erfuhr, dass sämtliche Kaufläden am Schabbos geöffnet sind, während die Viehhändler an diesem Tage keinen Handel treiben. Dass angesichts solcher Verhältnisse ein Gottesdienst am Sabbatmorgen selten zustande kommt, und dass die jungen Leute kaum mehr hebräisch lesen können, konnte mich nicht verwundern, Desto mehr erstaunte ich, als ich später erfuhr, dass es nicht 7, sondern tatsächlich 22 jüdische Steuerzahler und nur ein einziges Schulkind in der Stadt gebe.
Ich besuchte einige Familien und war entzückt von dem freundlichen Entgegenkommen, das ist dort fand. Mit großer Herzlichkeit nahm man den fremden Bruder bei sich auf und sprach sich mit ihm offen über viele der mannigfachen Probleme aus, die die Juden im allgemeinen und jene kleine Schar im besonderen berühren. Offene Herzen! Tief darfst du hineinschauen, und wenn auch noch so viel Schutt und Geröll dort lagert, auf dem Grunde findest du Perlen. 
Welche verschiedenartige Reste jüdischen Lebens, kannst du da ausgraben! Siehst nebeneinander die Matrone, die noch nie den Sabbat entheiligt hat, ja, sogar noch die "neun Tage" hält, und ihren erwachsenen Sohn, dem es schon gleichgültig ist, ob seine Kinder später die Speisegesetze beachten werden, da er selbst dadurch so viele Entbehrungen erleiden muss, die in dem gemeindelosen Zustand ihre Ursache haben, -und schon eine Viertelstunde später gewahrst du, wie neue und bessere Erkenntnis bei ihm Platz greift. Hörst die begeisterten Erzählungen von der in guten jüdischen Gemeinden verlebten Jugendzeit und genießest mit, wenn da die Augen aufleuchten und die Seelen sich laben an Erinnerungen längst vergangener Zeiten. Du fühlst den Hunger mit, den diese Leute empfinden nach einem Ton aus jüdischer Brust, nach einem Worte der Belehrung und Erbauung und erhältst so eine Vorstellung davon, welch gute Bausteine zu einer besseren Zukunft des Judentums hier ungenützt am Wege liegen bleiben.
Muss das so sein. Ist hier gar nichts zu ändern? - O doch! Mit kleinen Mitteln wäre an welchen Orten eine wesentlich Änderung zu treffen. Eine Gemeinde gründen, einen Vorbeter und Schächter anstellen, der in der Lage ist, mindestens elementaren hebräischen Unterricht zu erteilen, das wären die ersten Maßnahmen. Vor allem fehlt aber an solchen Orten - sagen wir die "innere Mission". Wenn ein Bezirksrabbiner es sich zur Aufgabe machen wollte, an solchen aufstrebenden Plätzen wie Villingen und Donaueschingen die einzelnen
Villingen Israelit 19081926b.jpg (76050 Byte)Familien aufzurütteln, den jüdischen Opfersinn in ihnen aus neue anzufachen, ihnen die Vergangenheit in ihrem Glanze und die Gegenwart und Zukunft in ihrer Öde wie in einem Spiegel vorzuweisen, es müsste und würde ihm gelingen, an Stelle der unhemmbar niedergehenden Dorfgemeinden aufblühende Stadtgemeinden zu pflanzen. In jener Zeit, gerade, als ich die Orte Villingen und Donaueschingen besuchte, da feierte die Gemeinde Wangen am Bodensee das hundertjährige Bestehen ihrer Synagoge. Von nah und fern strömten die Teilnehmer an dem Feste dorthin, wo an Stelle der einst mehr als fünfzig Familien umfassenden stattlichen Gemeinde heute nur zwölf Haushaltungen mit - was noch trauriger ist - nur 25 Seelen der Zeit entgegensehen, in der das große schöne Gotteshaus am See gänzlich verwaist sein wird. Wert dort an jedem - Festtage? - gehört hat, was Erinnerung unter Herzkrämpfen erzählte aus Wangen und Mühlheim, aus Gailingen und Randegg, wer die bunten Bilder, hervorgeholt aus der Kammer des Herzens und erfasst mit den Händen der Sehnsucht, geschaut hat, der wird andere darüber aufklären können, dass der Niedergang des Judentums auf dem Lande einen Verlust bedeutet, für den es einen Ersatz schlechtweg nicht gibt."

  
80. Geburtstag des langjährigen Gemeindevorstehers Salomon Bloch (1936) 

Villingen CV 01101936.jpg (21174 Byte) Meldung in der "CV-Zeitung" (Zeitung des Central-Vereins) vom 1. Oktober 1936: "Salomon Bloch (Villingen), Vorsteher der Kultusgemeinde, vollendet am 10. Oktober sein 80. Lebensjahr."

    

Fotos 
Historische Fotos: 

Historische Fotos sind nicht bekannt, Hinweise bitte an den 
Webmaster von "Alemannia Judaica", E-Mail-Adresse siehe Eingangsseite

Fotos nach 1945/Gegenwart:  
(Fotos: Hahn)

Fotos um 1985: Villingen Synagoge 100.jpg (76291 Byte) Villingen Synagoge 101.jpg (96370 Byte)
   Brunnen in der Gerberstraße mit Gedenktafel für den Betsaal Gedenktafel für den Betsaal der 
Villinger Gemeinde
          
Neue Fotos Neuere Fotos werden noch erstellt; über Zusendungen freut sich der Webmaster von "Alemannia Judaica"; Adresse siehe Eingangsseite

     
   

Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte 

Januar 2010: Schülerprojekt über Schülerinnen jüdischer Herkunft an den St.-Ursula-Schulen in Villingen     
Artikel von Wolfgang Trenkle im "Schwarzwälder Boten" vom 1. Februar 2010 (Artikel): "Geschichte auf dem Dachboden. 
VS-Villingen. Gerne hätten auch sie zwanglos auf dem Schulhof gespielt, Kindergeburtstag gefeiert, Freunde gefunden, ein ganz normales Leben gelebt. Doch der Rassenwahn der Nazis hat vieles verhindert oder zerstört. 

In einer Projektarbeit haben sich im Sommer drei Abiturienten der St.-Ursula-Schulen mit früheren Schülerinnen jüdischer Herkunft ihrer Schule beschäftigt (wir berichteten). Über das, was sie in vier Projekttagen und bei weiteren Recherchen während der großen Ferien in Erfahrung bringen konnten, berichteten Michaela Schwert, Julia Ganter und Fabian Veil am Sonntagnachmittag vor rund 70 interessierten Bürgern im Franziskanermuseum gemeinsam mit ihrem Lehrer Heinrich Schidelko in einem umfangreich bebilderten Vortrag im Zuge der Ausstellung '200 Jahre jüdische Religionsgemeinschaft in Baden'. 
Mit dem Religions-, Gemeinschaftskunde- und Geschichtslehrer hatten sie und die am Sonntag verhinderte Mitschülerin Alexandra Eberhard alte Klassenbücher auf dem Dachboden der Schule durchforstet und die Namen von sechs Schülerinnen jüdischer Herkunft mit Wohnort Villingen in der Zeit zwischen 1913 und 1937 gefunden: Renate Bikart und Martha Bloch konnten gerade noch rechtzeitig nach Südamerika fliehen, Edith Boss überlebte, doch ihre Spur verlor sich nach dem Krieg. Rita Schwab floh nach Palästina und kam sogar 2009 als Zeitzeugin nach Villingen. Ohne Hass berichtete die einstige Bewohnerin der Rietstraße eindrücklich im vergangenen Jahr von öffentlichen Verbotsschildern für Juden oder auch der Angst von Mitschülern, mit ihr als Jüdin im Gespräch gesehen zu werden. 
Julie Schwarz, über deren Wohnung in der Gerberstraße sich der damalige Gebetssaal der jüdischen Gemeinde befand, und Ruth Bikart wurden in Auschwitz ermordet. 'Wir haben uns das alles erst mit der Projektarbeit so richtig bewusst gemacht, dass diese Grausamkeiten nicht nur weit weg passierten, sondern auch hier in der eigenen Stadt', so die Schüler.
Dass jüdisches Leben ein dreiviertel Jahrhundert nach der Naziherrschaft auch in der Region wieder lebendig sein kann, zeigte in der Veranstaltung in Kooperation mit dem Stadtarchiv Geschäftsführerin Tatjana Malafy von der jüdisch-israelischen Kultusgemeinde Rottweil/Villingen-Schwenningen. Die 2002 gegründete Gemeinschaft mit ihren Wurzeln in Osteuropa umfasst inzwischen rund 200 Mitglieder."  
    
Von Januar bis März 2010 war in Villingen eine Station der Ausstellung:       
"200 Jahre jüdische Religionsgemeinschaft in Baden -. Gleiche Rechte für alle?" In Villingen vom 24. Januar bis 7. März 2010 im Franziskanermuseum - Stadtarchiv 
 
Das Begleitprogramm (als pdf-Datei downloadbar)
Villingen Ausstellung 2009-10.jpg (101954 Byte) Link zur Seite des Landesarchivs Baden-Württemberg mit Informationen über diese Ausstellung  
Schülerarbeitsblätter zur Ausstellung (pdf-Datei, zum Herunterladen)
   
Februar 2010: Führung auf den Spuren der jüdischen Geschichte durch Villingen mit Heinz Lörcher       
Artikel von Christina Nack im "Südkurier" vom 22. Februar 2010 (Artikel):  eingestellt als pdf-Datei   
   
Juli 2010: Erinnerung an den Initiator der Gedenktafel in der Gerberstraße Rudolf Janke  
Villingen Synagoge 310.jpg (35366 Byte)Foto links von Jochen Hahne: Die Tafel hängt neben der Johanneskirche in der Gerberstraße. Jährlich findet dort die Gedenkfeier für die ermordeten und vertriebenen jüdischen Familien aus Villingen statt.         
Artikel von Eberhard Stadler im "Südkurier" - Ausgabe Villingen-Schwenningen vom 9. Juli 2010 (Artikel): 
"Janke und die Erinnerung. 
Villingen-Schwenningen
– Erinnert sich noch jemand an Rudolf Janke? Er war der Mann, der dafür gesorgt hat, dass in Villingen eine kleine Erinnerungsstätte für die ehemalige jüdische Gemeinde und deren gewalttätige Zerstörung durch die Nazis in der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 errichtet wurde. Viele Jahre musste Rudolf Janke kämpfen, bis diese Gedenktafel in der Villinger Gerberstraße angebracht werden konnte. Sie erinnert an die von den Nazis zerstörte jüdische Gemeinde. 
Doch der Mann, der diese Gedenktafel mit ungewöhnlicher Beharrlichkeit initiiert hat, ist heute nahezu vergessen. Bei den jährlichen Gedenkfeiern wird sein Name nach seinem Tod im Jahre 1988 nicht mehr erwähnt. Ihn persönlich würde es, wenn er noch am Leben wäre, möglicherweise nicht sonderlich kümmern. Rudolf Janke war ein durch und durch bescheidener Mensch. Doch sein Sohn Daniel Janke (52) stört dieses Vergessen. 'Es ist an der Zeit, dass er erwähnt wird.'
Villingen Synagoge 311.jpg (42993 Byte) In der Tat ist Rudolf Jankes (Foto links) Lebensgeschichte erstaunlich. Ein einfacher Mann, ein Arbeiter, war es, der sich über viele Jahre mit Beharrlichkeit und Zivilcourage gegen vielerlei Widerstände für dieses Projekt engagiert hat. Ganz einfach deshalb, weil es ihm eine Herzensangelegenheit war. Und weil sich sonst niemand darum kümmerte: kein Oberbürgermeister, kein Stadtrat, keine Partei, keine Interessengruppe. Für eine jüdische Gedenkstätte gab es in den 60-er Jahren keine Lobby im Städtle. Mit der unseligen Vergangenheit taten sich viele schwer, auch in Villingen.
Der 'Zugereiste' Janke, 1924 in Berlin geboren, stand ziemlich allein auf weiter Flur. Nach dem Krieg, den er noch als Soldat erlebte, war er Anfang der 1950-er Jahre nach Villingen gezogen. Zunächst arbeitete er in der Stadtgärtnerei, wechselte später aber ins Stadtarchiv. In seiner Freizeit beschäftigte er sich mit zunehmender Leidenschaft mit der Geschichte des Judentums. Insbesondere zog ihn das Schicksal der polnischen Juden in Bann. Daraus folgte ein geradezu besessenes Selbststudium. Das muss man sich vorstellen: Der Berliner mit einfacher schulischer Bildung erlernte auf eigene Faust die jiddische Sprache der osteuropäischen Juden. Bald knüpfte er Briefkontakte nach Israel und schrieb Artikel über das Schicksal jüdischer Bürger im SÜDKURIER. Mit unserer Zeitung startete er sogar eine Aufsehen erregende Aktion, mit der Briefkontakte und persönliche Begegnungen zwischen Israelis und Deutschen in Villingen-Schwenningen hergestellt wurden. 'Irgendwann hat er sich in seiner Freizeit nur noch damit beschäftigt', erinnert sich sein Sohn.
Beseelt, die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden voranzutreiben, entwickelte der kleine städtische Angestellte den Gedanken, dass in Villingen eine Gedächtnistafel in Erinnerung an die jüdische Gemeinde angebracht werden sollte. Am 14. 4 1969 schrieb er an den damaligen Oberbürgermeister Severin Kern: 'Ein Gedenken an jüdische Bürger, die in Villingen lebten und ein grauenvolles Lebensende erfahren mussten, hat bisher noch nicht stattgefunden.' Allerdings bekam er damals keine Antwort auf diesen Brief. Vom Landkreis, den er ebenfalls anschrieb, genauso wenig. Es sollte noch neun lange Jahre und eine große Zahl weiterer Briefe, Gespräche und hartnäckiger Überzeugungsarbeit dauern, bis Janke am Ziel war. Zeitweise wurde er sogar von seinen Vorgesetzten im Stadtarchiv gebremst. Die fehlende Unterstützung deprimierte ihn immer wieder. Doch er gab nicht auf. Unter Oberbürgermeister Gerhard Gebauer, der das Projekt irgendwann unterstützte, gelang schließlich der Durchbruch.
Jankes Idee aber, die Gedenktafel am Haus Gerberstraße 33 anzubringen, wo einst der jüdische Gebetssaal untergebracht war, scheiterte. Die damaligen Hausbesitzer wehrten sich beharrlich dagegen, weil sie vor allem eine 'Wertminderung und Hindernisse bei einem möglichen Verkauf des Anwesens' befürchteten, berichtete der SÜDKURIER damals. Deshalb musste die Gedenktafel in deutlicher räumlicher Distanz in der Gerberstraße, an einer Mauer bei der Johanneskirche, angebracht werden, wo sie noch heute zu finden ist.
Die Geschichte zeigt, wie viel persönlicher Aufwand notwendig war, um nur eine kleine Gedenktafel zu erwirken. Insofern ist eine Würdigung der Verdienste Rudolf Jankes kein unbilliges Verlangen. Sein Sohn Daniel hat sich inzwischen an Oberbürgermeister Rupert Kubon gewandt und ist bei diesem auf ein offenes Ohr gestoßen. 'Es trifft zu, dass Ihr Vater der Initiator der Gedenktafel war, die im Jahre 1978 aufgestellt wurde. Dieses Verdienst ist ehrenvoll. Und ich verspreche Ihnen, bei der nächsten Gedenkfeier am 9. November seine damaligen Bemühungen zu erwähnen und zu würdigen', antwortete das Stadtoberhaupt unlängst in einem Brief." 
   

    
      

Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Villingen-Schwenningen mit Geschichtstafel

Literatur:

Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 242-243.
Germania Judaica II,2 S. 854-855, III,2 S. 1536-1540.
Andreas Faustein/Stefanie Fuchs/Sebastian Holzmann/Simone Simmerer/Bernd Schenkel:
Juden in Villingen im 14. und 15 Jahrhundert, Reihe: Blätter zur Geschichte der Stadt Villingen-Schwenningen. Heft 2/97. 8 Seiten.
Inventar über die Bestände des Stadtarchivs Villingen. 1-2. Bearb. H.J. Wollasch. 1971-1972.
Kathrin Engel/Katja Hauser/Tatjana Kzimann: Judenschicksale in Villingen. Zum Gedenken an die ehemaligen jüdischen Mitbürger der Stadt Villingen. Reihe: Blätter zur Geschichte der Stadt Villingen-Schwenningen. Heft 1/1994. 8 Seiten. 
Weitere Arbeiten entstanden 2003 im Zusammenhang mit dem Geschichtspreis des Oberbürgermeisters
  


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Villingen Baden. The medieval community was wiped out in the Black Death persecutions of 1348-49 and a new community was expelled in 1510. The community was reestablished after emancipation in 1862 and numbered 75 in the Nazi era, affiliated with the Randegg congregation. Forty-two emigrated, ten left for other German cities, and 11 were deported. At least 18 perished in camps.  
   

  

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 10. Juli 2010