Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Östringen (Landkreis Karlsruhe) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer 
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   
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Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zum Hochstift Speyer gehörenden Östringen bestand eine jüdische Gemeinde bis zu ihrer Auflösung am 1. April 1937. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17./18. Jahrhunderts zurück. 

Nach einer Liste von 1721 (GLA Karlsruhe Bestand 153/158 Bevölkerungsstatistik Amt Kislau, Hinweis von Josef Seitz, Maulbronn) gab es damals folgende fünf jüdischen Haushaltsvorstände in Östringen: Borg Jud (geboren im Hochstift Speyer mit Frau, 1 Sohn, 1 Knecht, 1 Magd und seit 27 Jahren in Östringen), Gumpele Jud (geboren im Hochstift Speyer mit Frau, 3 Töchter, 1 Magd und seit 60 Jahren in Östringen), Jeof Jud (geboren im Hochstift Speyer mit Frau, 1 Knecht, 1 Magd und seit 42 Jahren in Östringen), Jochela Jud (geboren im Hochstift Speyer mit Frau, 2 Söhnen, 4 Töchter und seit 18 Jahren in Östringen) sowie Löw Jud (geboren im Hochstift Speyer mit Frau, 1 Sohn, 1 Magd und seit 6 Jahren in Östringen).    
 
1725 waren die Östringer Juden eines Ritualmordes angeklagt, doch stellte sich der christliche Mörder des vierjährigen Mädchens nach einiger Zeit den Behörden (siehe Bericht unten). 1729 gehörten zu den am Ort lebenden fünf Familien insgesamt 29 Personen. Das jüdische Wohngebiet konzentrierte sich zunächst auf die "Judengasse" (1934 in Marschackerstraße umbenannt). 1785 waren sieben jüdische Familien am Ort. 
  
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1825 54 jüdische Einwohner (3,0 % der Gesamtbevölkerung); 1864 Höchstzahl mit 110 Personen, 1871 99, 1875 96 (4,0 %), 1900 67 (2,9 % von insgesamt 2.984 Einwohnern), 1910 33 (von 3.424 Einwohnern). 
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule und ein rituelles Bad (im Gebäude der alten Synagoge, aus der nach dem Bau der neuen Synagoge die Schule mit Lehrerwohnung wurde). Die Toten der Gemeinde wurden auf dem jüdischen Friedhof in Obergrombach, nach 1878 teilweise auch in Mingolsheim beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. 1827 wurde die Gemeinde dem Rabbinatsbezirk Bruchsal zugewiesen.  
 
Die jüdischen Familien lebten ursprünglich vom Handel, hauptsächlich mit Vieh. Seit etwa 1900 gab es vier von jüdischen Unternehmern gegründete Zigarrenfabriken.  
An ehemaligen, teilweise bis nach 1933 bestehenden Handels- und Gewerbebetrieben in jüdischem Besitz sind bekannt: Viehhandlung Louis Falk (Keltergasse 14/16), Viehhandlung Adam Mayer (Leiberg II/6), Zigarrenfabrik Marx & Schloß, Inh. Sigmund Marx und Moritz Schloß/Heidelberg (Georgstraße 14), Zigarrenfabrik Fa. S. Merzbacher & Co./Stuttgart (Hauptstraße 68), Schuhwarengeschäft (vorm. Mazzenbäckerei) Karoline Strauß (Hauptstraße 110), Zigarrenfabrik Ludwig Wolf (Hauptstraße 114), Zigarrenfabrik Mayer Wolf (Hauptstraße 135, abgebrochen), Zigarrenfabrik Wolf-Wolf (Hauptstraße 142).   
     
1933 wurden noch zehn jüdische Einwohner in Östringen gezählt. Die nationalsozialistische Machtergreifung war auch in Östringen sofort wahrnehmbar. Am 1. April 1933 (Boykotttag) standen SA-Posten vor den jüdischen Geschäften. Auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien verzogen die jüdischen Einwohner bis auf Amalie und Ludwig Wolf in den Folgen Jahren aus Östringen oder wanderten aus. Die beiden Genannten wurden am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert und 1942 in Auschwitz ermordet. Sophie Wolf, die nach Mannheim verzogen war, wurde gleichfalls nach Gurs verschleppt und später ebenfalls ermordet.    
   
Von den in Östringen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  Berthold Falk (1903), Elsa Falk (1893), Hilde Falk (1893), Julius Falk (1898), Johanna Jean geb. Wolf (1900), Rosa Levy geb. Wolf (1862), Karoline Strauss geb. Wolf (1871), Simon Strauss (1901), Wilhelmine Weil geb. Mayer (1869), Arthur (Abraham) Wertheimer (1871), Julius Wertheimer (1882), Max Wertheimer (1888), Salomon Samuel Wertheimer (1868), Thea Flora Wertheimer (1883), Amalie Wolf (1890), Ludwig Wolf (1892), Siegfried Wolf (1876), Sophie Wolf (1893).  
  
  
     

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer 
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1875 / 1890 / 1907   

Oestringen AZJ 03081875.jpg (46588 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 3. August 1875: "Auskündigung. Die Religionsschulstelle in Oestringen, Amt Bruchsal, womit Vorsänger- und Schochetstelle verbunden, ist innerhalb 4 Wochen zu besetzen. Fixum 625 Mark; Schulgeld, nicht unbedeutende Nebenverdienste und freue Wohnung für einen Unverheirateten. Meldungen mit legalen Zeugnisabschriften sind zu richten an das Großherzogliche Bezirksrabbinat in Bruchsal. Bruchsal, den 13. Juli 1875."  
 
Oestringen Israelit 28041890.jpg (50232 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. April 1890: "Die mit freier Wohnung, einem festen Gehalte von 600 Mark und Nebeneinnahme im Betrage von 4-500 Mark verbundene Stelle eines Religionslehrers, Kantors und Schächters in Oestringen soll bis spätestens zum 1. Juli wieder besetzt werden. Meldungen nebst Zeugnissen in beglaubigter Abschrift sind baldigst zu richten an 
Die Bezirkssynagoge. Rabbiner Dr. Eschelbacher, Bruchsal."   
  
Oestringen Israelit 10101907.jpg (72993 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Oktober 1907: "Die Stelle des Religionslehrers, Kantors und Schächters in Oestringen soll möglichst sofort besetzt werden. Festes Gehalt 1.000 Mark, garantierte Nebeneinkünfte 400 Mark nebst schöner Dienstwohnung mit Garten. Seminaristisch gebildete Bewerber wollen ihr Gesuch unter Beifügung von Zeugnisabschriften an den Unterzeichneten richten. 
Bruchsal, 22. September 1907. Dr. C. Eschelbacher, Bezirksrabbiner."  

   
  
Berichte aus dem jüdischen Gemeindeleben 
"Aus alten Akten" - eine Blutbeschuldigung der Juden in Östringen am Anfang des 18. Jahrhunderts

Oestringen FrfIsrFambl 22121911.jpg (261637 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 22. Dezember 1911: "Aus alten Akten. Eine Blutbeschuldigung deutscher Juden am Anfang des 18. Jahrhunderts    von J. Lebermann, Darmstadt. 
Von einem aufregenden Vorgange, der in seinem Verlauf den Juden in Oestringen (wahrscheinlich Oestringen in Baden) und wahrscheinlich auch in weiteren Kreisen hätte verhängnisvoll werden können, und bei dessen Schilderung wie mit Flammenzeichen die Erinnerungen an die betrübenden Ereignisse späterer Zeit (Tisza Eszlar, Affäre Hilsner, Taten des russischen Verbandes) vor uns aufsteigen, berichtet uns ein am 26. August 1725 in Bensheim an der Bergstraße vor dem dortigen Rat aufgenommenes Protokoll. Dasselbe liefert aufs neue den Beweis, auf welche Weise die wahnwitzigen Blutbeschuldigungen entstanden sind und noch entstehen. Aus den im trockenen Amtsstil abgefassten Daten ist ersichtlich, dass ein 24-jähriger Kessel- und Pfannenflicker Hans Michael Essig von Oestringen im Zorn ein 4jähriges Kind erschlagen und die Leiche verschleppt hatte. Durch die Flucht des Mörders war dessen Entdeckung erschwert, und so hatte sich, wahrscheinlich durch Einflüsse demagogischer und judenfeindlicher Kreise aufgestachelt, die Ortsbevölkerung gegen die dortigen Juden gewandt und dieselben des Ritualmordes verdächtigt. Einige derselben waren bereits verhaftet und gefangen gesetzt worden. 
Nach längerem Umhervagieren durch die verschiedenen Gegenden Deutschlands hatte der flüchtige Mörder in Walldürn in Baden, von Gewissensbissen getrieben, seine Tat gebeichtet und war dann in Bensheim an der Bergstraße, wo er sich bei dem Bäckermeister Wendel Grün als Knecht verdungen hatte, entdeckt worden. 
In Gegenwart zweier Mitglieder des dortigen Rats sowie des Stadtschreibers wurde der Mörder vernommen, und darüber nachstehendes Protokoll ausgefertigt, welches als Dokument des folgenschweren, mit Gottes Hilfe noch rechtzeitig aufgeklärten Vorgangs einiges Interesse beanspruchen darf: 'Extractus Protocolli Sub dato Benßheim, d. 26. August 1725. Actum in praesentia Herrn Johann Kollerer und H. Friedrich Hohmann, beide des Raths, dann meiner Stephani Faber Stattschreibers. 
Wurde ad instantiam hiesigen Schutzverwandten Itzig Liebmann, dann zweyer Juden Joseph Möyses und Moyses Isaac, eines 14jährigen Bubens, beide von Michelfeld, Wendel Grünens hiesigen Bürger und Beckermeisters Knecht Hanß Michael Essig zu Oestringen vorbeschrieben, und auf nachgesetzte interrogatoria examiniert: 
1mo  Wie er heiße?  resp. ad 1mum: Hanß Michael Essig.
2do   Wo er her er seye?   ad 2dum: Von Oestringen.
3rio  Wie alt er seye?  ad 3tium: 24 Jahr 
4to  Wo er sich aufhalte und wie lang er hier seye.  ad 4tum: bay Wendel Grün und dienete er bey die 7 Wochen als Knecht. 
5to  Warum er von Hauß hinweggegangen?  ad 5tum: Habe ein 4jähriges Kind Jacob Huberts Töchterlein mit einem eisernen Hammer ohngefehr todt geschlagen. 
6to  Warum er solches gethan?  resp. ad 6tum: Das Kind seye in seiner Mutter Anne Marie Essigs Hauß bei ihnen gewesen, und als er im Kessel- und Pfannen-Flicken auf seinem Handwerk geschaffet, habe es ihm sein Werkzeug verschleppet, und hier und dar im Zimmer verlegt, dahero habe er im Zorn den Hammer ergriffen und ihm einen Streich auf den Kopf versetzet, dass selbiges sogleich für todt zu Boden gesunken.
7mo  Ob er sonsten nichzts weiteres nach dem Hammerschlag mit dem Kind verübet.  ad 7timum: So balden das Kind sich in etwas erholet und zu schreyen angefangen, habe er aus Ängsten selbiges genommen, in die Küche getragen und eine Axt ergriffen, sofort demselben die Gurgel entzwey gehauen. 
8vo  Wo er alsdann das Kind hingethan?  ad 8vum: Habe es sogleich aus dem Hauß getragen und zwischen zweyen Scheuren nehmlich des Michael Meyers und Hans Jakob Schwarzen Scheuer niedergelegt. 
9no: Wer dann zugegen gewesen, als er diese Mordtat begangen?  ad 9num: Niemand und seye bereits Nacht gewesen.
Oestringen FrfIsrFambl 22121911a.jpg (116355 Byte)10mo: Wo er nach diesem begangenen Totschlag hingegangen und wer ihm das Zehrgeld mit gegeben?  ad 10mum: Nach Heilbrunn in Meinung sich aldar unterhalten zu lassen, es seye aber derselbe nicht angenommen worden, sofort wäre er weiteres über Kirchen am Neckar, Lauterburg, Philippsburg nachden Landau geraten, an welchem letzteren Ort er abermale Kriegsdienste gesucht, aus Mangel der Jahren und Statur aber habe man ihn nicht annehmen wollen, von dannen seye er über Frankfurt nach Bamberg und endlichen wieder zurückgegangen, weil er nirgends unterkommen können, letztlicher seye er zu Waltthüren (Walldürn) gewesen, allwo er seine Missetat gebeichtet und seine Andacht verrichtet, und als er in seinem Herumvagieren bei Wachhäußel (Waghäusel) einen bekannten Hirten mit Namen Andreas Koch angetroffen, habe er ihn gewarnt, sollte sich aus dem Staube machen, sonsten es ihm übel ergehen würde, worauf er angero zu Wendel Grün gekommen, welcher ihn als einen Knecht gedinget, auch habe ihm seine Mutter, als er hinweggegangen, sechs Kreuzer auf diese Reise mitgegeben, endigte damit seine Aussage und wurde sogleich in das Gefängnis gebracht.' 
Der Pfälzische Judenvorsteher Mordechai Mayer von Weinheim hatte am darauf folgenden Tage in Darmstadt durch Eilboten die Nachricht von der Ergreifung des Mörders erhalten und begab sich sofort mit dem damaligen Judenvorsteher der Obergrafschaft Katzenelnbogen Samuel Heyum von Darmstadt nach Bensheim, wo sie gegen entsprechende Gebühr die Aushändigung des Protokollauszuges erlangten. Im Besitze der amtlichen Aufklärung des Tatbestandes trafen sie dann die erforderlichen Maßnahmen zur schleunigen Befreiung der unschuldig im Gefängnis schmachtenden Juden."

      
Auflösung der jüdischen Gemeinde (1937)

Odenheim CV-Zeitung 01041937.jpg (57055 Byte) Artikel in der "CV-Zeitung" (Zeitung des Central-Vereins) vom 1. April 1937: "Baden. Der Oberrat der Israeliten Badens gibt bekannt, dass mit Genehmigung des Staatsministeriums und des Synodalausschusses die israelitischen Gemeinden in Oestringen, Eberstadt und Odenheim aufgelöst und die noch verbleibenden Mitglieder anderen Gemeinden zugeteilt werden. Die Religionsgemeinden Heidelberg und Rohrbach sind zu einer Gemeinde mit der Bezeichnung Israelitische Religionsgemeinde Heidelberg mit Wirkung vom 1. April 1937 vereinigt worden."

  
     
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde 
Zum Tod des aus Oestringen stammenden Zigarrenfabrikanten Samuel Wolf (1927)  

Oestringen Israelit 02061927.jpg (81128 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Juni 1927: "Heidelberg, 25. Mai (1927). Im Alter von 60 Jahren starb hier festern nach kurzer Krankheit Zigarrenfabrikant Samuel Wolf. Er stammte aus Oestringen in Baden, war aber seit langen Jahren in Heidelberg ansässig und Inhaber der Heidelberger Zigarrenfabrik Gebrüder Wolf, die er aus bescheidenen Anfängen heraus mit rastlosem Fleiß in jahrzehntelanger Arbeit zu einem weithin geachteten Unternehmen entwickelte. Ein lauterer Charakter und ein schlicht bescheidenes Wesen zeichneten ihn aus. Das Vertrauen seiner Gemeindemitglieder berief ihn in den Synagogenrat. Ebenso war er Vorsitzender des Bikur-Cholim-Vereins und in der Verwaltung vieler Wohlfahrtsinstitutionen. In steter Hilfsbereitschaft stellte er seine Kraft in den Dienst der Gesamtheit und der Gemeinde. Seinen Angestellten war er ein gütiger, hoch geschätzter väterlicher Freund. So ruft sein Tod bei allen, die ihm persönlich nähertreten durften, aufrichtige Teilnahme hervor. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens.

   
Über Gustav Wolf (1887 - 1947)  

In Östringen ist der Maler, Grafiker und Holzschneider Gustav Wolf geboren (1887 Östringen-1947 Northfield, Mass.), Künstler (Maler und Graphiker): 1904 Studium an der Kunstgewerbeschule in Karlsruhe, 1916 Kunstlehrer in Schwerin, 1919 Gründung der Gemeinschaft der Pforte in Heidelberg, 1920/21 Professor an der Landeskunstschule Karlsruhe, 1938 in die USA emigriert. In Östringen (Am Leiberg) eröffnete 1994 die Gustav-Wolf-Gallerie, die den künstlerischen Nachlass von Wolf bewahrt. 

    
     
  

Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge 

1794 wurde auf dem heutigen Grundstück Saarlandstraße 12 eine Synagoge ("Judenschule") erbaut. Bis zum Bau einer neuen Synagoge 1834 wurden hier die Gottesdienste abgehalten, danach wohnte hier der jüdische Lehrer ("Lehrerhaus"). 1980 wurde das Gebäude im Zusammenhang mit der Ortssanierung abgebrochen. Es stand im Bereich der heutigen Zufahrt zur Rathausgarage.   
  
Neben dem Gebäude der alten Synagoge wurde 1834 auf dem heutigem Grundstück Saarlandstraße 10 eine neue Synagoge erbaut. Zur Baugeschichte und weiteren Geschichte dieser Synagoge konnten keine Quellen gefunden werden. Einer der wenigen Hinweise ist eine Bescheinigung vom 25. Juli 1842 für den Pflästermeister Spieler, wonach dieser in der Hintergaß beim Israelitischen Bad (Synagoge) 30 Quadrat Ruthen 79 Fuß vorschriftsmäßig für 77 Gulden gepflastert habe. 1870 gab es offensichtlich Pläne, nochmals eine neue Synagoge zu erstellen, da der Synagogenrat bei der bürgerlichen Gemeinde den Antrag auf Zuweisung eines Synagogenplatzes stellt. Die Gemeinde lehnte am 14. März 1875 den Antrag ab, da es nicht Sache der Gemeinde sei, für einen Synagogenplatz zu sorgen.   
 
Vermutlich wurden bereits in den 1920er-Jahren keine regelmäßigen Gottesdienste in der Östringer Synagoge gefeiert, da die Zahl der jüdischen Einwohner zu stark zurückgegangen war (1925 noch 20 jüdische Einwohner). Die Synagoge wurde 1936 auf behördliche Anordnung hin wegen Einsturzgefahr abgebrochen. Seit 1988 ist eine Gedenktafel vorhanden.   
 
Bis 1935 hieß die heutige Saarlandstraße "Synagogenstraße" (ehemals Hintere Straße; im Volksmund "in der Juddeschul"). 1989 wurden in der Marschackerstraße und in der Saarlandstraße Hinweisschilder auf die früheren Bezeichnungen "Judengasse" bzw. "Synagogenstraße" angebracht.  
 
Die Anbringung einer Gedenktafel im Mai 2005   
(Quelle: www.oestringen.de)  

Oestringen Synagoge 35.jpg (59084 Byte)Auf dem Bild von der Enthüllung der Gedenktafel (s.u.) sind von links nach rechts Pfarrer Friedrich Becker (Evangelische Kirchengemeinde Östringen), David Seldner (Israelitische Religionsgemeinschaft Baden), Bürgermeister Walter Muth und Pfarrer Walter Rothermel (Katholische Kirchengemeinde Östringen) zu sehen.

In Östringen wurde jetzt am früheren Standort der örtlichen Synagoge und des Gemeindehauses die Gedenktafel an das jüdische Leben in der Kraichgaustadt erneut angebracht und im Rahmen einer kleinen Feierstunde enthüllt. Im vorigen Jahr hatte die Stadt nach Absprachen mit der Anwohnerschaft das zuvor optisch wenig ansehnliche privateigene Terrain an der Saarlandstraße befestigt und Stellflächen für Kraftfahrzeuge angelegt.  

Der Gedenkstein hat nun an der Fassade des benachbarten Wohn- und Geschäftshauses Saarlandstraße 8 einen neuen Standort gefunden und gemahnt daran, die Erinnerung an Verfolgung und Schicksal der ehemaligen jüdischen Mitbürger dauerhaft zu bewahren. Ursprünglich war die Tafel 1988 anlässlich des fünfzigsten Jahrestags der Reichspogromnacht angebracht worden und wie seinerzeit sein Amtsvorgänger Helmut Kieninger setzte sich nun auch Pfarrer Friedrich Becker von der Evangelischen Kirchengemeinde mit Nachdruck dafür ein, "aus dem Gedenken Mut und Kraft zu schöpfen, um in Zukunft Entwicklungen zu widerstehen, die irgendeiner Gruppe in unserem Volk das Recht zu freier Entfaltung ihres Lebens nehmen wollen". Becker warb für Verständigungsbereitschaft und Versöhnung über Weltanschauung und Religionszugehörigkeit hinweg und mahnte, Intoleranz und Hass entschlossen entgegenzutreten. Bürgermeister Walter Muth dankte dem evangelischen Ortsgeistlichen für seinen persönlichen Einsatz zur Wiederanbringung der Gedenktafel und stellte die Initiative mit dem Hinweis auf die kurz zuvor erfolgte Fertigstellung des Berliner Holocaust-Denkmals in einen größeren Kontext. "Es gibt keine Alternative zur Völkerverständigung und auch die Weltreligionen müssen sich weiter aufeinander zu bewegen", sagte das Stadtoberhaupt.

 

Bei der vom Posaunenchor der Evangelischen Kirchengemeinde musikalisch umrahmten Feierstunde, bei der Östringens katholischer Seelsorger Walter Rothermel den 23. Psalm  "Der Herr ist mein Hirte" zitierte, erinnerte der stellvertretende Vorsitzende des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden David Seldner daran, dass in Östringen einst Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu 110 Personen jüdischen Glaubens lebten. Der Bau einer damals auch als "Judenschule" bezeichneten ersten Synagoge in der heutigen Saarlandstraße ist für das Jahr 1794 belegt und bis zum Jahre 1834, als in der unmittelbaren Nachbarschaft eine neue Synagoge errichtet wurde, diente das Bauwerk unter anderem zur Feier von Gottesdiensten. Nachdem es in der nachfolgenden Zeit noch als Wohnhaus des jüdischen Lehrers genutzt wurde, kam es 1980 zum Abbruch im Rahmen der Stadtsanierung. Schon 1936 war auf behördliche Anordnung die zweite Synagoge wegen Einsturzgefahr abgetragen worden, in der allerdings vermutlich wegen der stark rückläufigen Zahl der in Östringen wohnenden Juden seit den 1920er-Jahren keine regelmäßigen Gottesdienste mehr stattgefunden hatten. 1925 gab es nach zeitgenössischen Aufzeichnungen noch 20 jüdische Einwohner in der Gemeinde und unter dem Terrorregime der Nationalsozialisten fanden mit Amalie und Ludwig Wolf die letzten Östringer Juden im Jahre 1942 in Auschwitz den Tod.  


 Im Östringer Heimatmuseum finden sich verschiedene Erinnerungen an die jüdische Geschichte, u.a. aqarellierte Zeichnungen der Synagoge und des Lehrerhauses von Friedewalt Essenpreis (1927), Werke des Malers Hugo Wolf, eine kleine Schriftrolle aus einer Mesusa, ein Grundriss der Synagoge und ein Talith (Gebetsmantel).


Darstellungen / Fotos
Zeichnungen der Synagoge und Judenschule von Friedewalt Essenpreis:

Oestringen Synagoge 042.jpg (85597 Byte) Oestringen Synagoge 010.jpg (92209 Byte)

  
Fotos nach 1945/Gegenwart:  
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 14.10.2003* bzw. 12.6.2005)

Oestringen Synagoge 151.jpg (47088 Byte) Oestringen Synagoge 452.jpg (72449 Byte)
Hinweis am Straßenschild "Saarlandstraße " auf frühere Bezeichnung "Synagogenstraße"*) Die im Mai 2005 angebrachte Gedenktafel für Synagoge und jüdisches Gemeindehaus/Judenschule
   
Oestringen Synagoge 451.jpg (42927 Byte) Oestringen Synagoge 450.jpg (44811 Byte)
Blick auf das Synagogengrundstück - im Schatten an der beigen Hauswand ist die Gedenktafel angebracht

   

     

Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Östringen
Informationen zu Gustav Wolf: hier anklicken   

Literatur:

Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 223-224.
Heimatbuch Östringen. Geschichte einer Stadt. 1982.
Wilhelm Messmer: Juden unserer Heimat. 1986.
Jürgen Stude: Geschichte der Juden im Landkreis Karlsruhe. 1990. 
Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern - Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem 1986. S. 247-248.  
synagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007.    
  

  
  
   


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.   

Oestringen  Baden. Jews probably settled in the early 18th century. A synagogue was consecrated in 1834 and the Jewish population grew to a peak of 99 (4 % of the total) in 1871 as their economic position improved. Jews opened four cigarette factories and most operated auxiliary farms. The Jewish population then dropped sharply through emigration to the big cities, leaving ten Jews in 1933. Three left and the rest were deported in 1940.
  

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 27. Februar 2009