|
Eingangsseite
Aktuelle Informationen
Jahrestagungen von Alemannia
Judaica
Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft
Jüdische Friedhöfe
(Frühere und
bestehende) Synagogen
Übersicht:
Jüdische Kulturdenkmale in der Region
Bestehende
jüdische Gemeinden in der Region
Jüdische
Museen
FORSCHUNGS-
PROJEKTE
Literatur
und Presseartikel
Adressliste
Digitale
Postkarten
Links
| |
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"
zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Walldürn (Neckar-Odenwald-Kreis)
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zum Kurfürstentum Mainz gehörenden
Walldürn bestand eine jüdische Gemeinde bereits im Mittelalter. Die Gemeinde
wurde von den Judenverfolgungen 1298, 1335/37 und 1348/49 betroffen und
vernichtet. Seit 1378 lebten wiederum einzelne Juden in der Stadt.
In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts lassen sich gleichfalls
Juden in Walldürn nachweisen. 1470 wurden sie mit den anderen Juden des Erzstiftes Mainz
ausgewiesen.
Die Entstehung der kleinen neuzeitlichen Gemeinde geht in die Zeit des 18.
Jahrhunderts zurück. Seit der Zeit um 1700 erfährt man wieder von jüdischen
Einwohnern. Bis um 1720 sind es jedoch nicht mehr als drei Familien in der Stadt. Weitere
zogen im Laufe des 18. Jahrhunderts zu, sodass es 1783 immerhin sieben jüdische
Haushaltungen waren.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner
wie folgt: 1825 23 jüdische Einwohner (0,8 % von insgesamt 2.798 Einwohnern),
1858 37 und die höchste Zahl im 19. Jahrhundert 1864 mit 38 Personen,
1875 25 (0,8 % von 3.174), 1900 14 jüdische Einwohner. Die jüdischen Einwohner
waren noch um 1830 fast alle Hausierer mit Ellenwaren, nur Isak Nezes Sinsheimer
betrieb ein Ladengeschäft. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden einige
weitere Geschäfte und Handlungen eröffnet.
Im Revolutionsjahr 1848 kam es zu Ausschreibungen gegen jüdische
Einwohner. Dabei wurde der Laden von Aron Sender demoliert, die Ware auf die
Straße geworfen, Bücher und Handschriften verbrannt, Lebensmittel geraubt und
der Wein an Ort und Stelle ausgetrunken.
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge, eine
Religionsschule und ein rituelles Bad (letzteres am Marsbach im Haus Untergasse
31 mit einem ausgemauerten quadratischen Schacht, der bis unter den Spiegel des
Marsbaches reichte, aber auch Wasserzuleitung hatte; das Bad wurde schon vor
1900 nicht mehr benutzt, 1969 zugeschüttet). Die Toten der Gemeinde wurden im
jüdischen Friedhof in Bödigheim beigesetzt. 1827 wurde die Gemeinde dem Rabbinatsbezirk
Merchingen zugeteilt, der später
vom Bezirksrabbiner in Mosbach betreut wurde.
Um 1924, als 23 jüdische Einwohner in Walldürfn (0,6 % von insgesamt etwa 4.000
Einwohnern) gezählt wurden, war Gemeindevorsteher Isak Riselsheimer. Auch 1932
war er als Gemeindevorsteher im Amt.
Bis nach 1933 waren im
Besitz der (damals nur noch 19) jüdischen Gemeindeglieder noch folgende
Gewerbebetriebe: das Trikotagen- und Wollwarengeschäft von Sophie Riselsheimer
(Hauptstraße 13), das Eisenwarengeschäft Isak Riselsheimer (Hauptstraße 21)
und das Gasthaus zur "Sonne", Inhaber Eduard Neuberger (Am Plan 3).
In
den Jahren nach 1933 ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts,
der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Auch der letzte
Gemeindevorsteher Isak Riselsheimer verließ mit seiner fünfköpfigen Familie
die Stadt. Zwei der jüdischen Einwohner verstarben vor 1938 in der Stadt. Am
8. November 1937 wurde die Gemeinde aufgelöst. Am 22. Oktober 1940
wurden die letzten 10 anwesenden jüdischen Einwohner nach Gurs deportiert.
Von den in Walldürn geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Lydia Bloch (1898),
Elise Kahn geb. Riselsheimer (1890), Hubert Kahn (1922), Leopold Kahn (1885),
Regine Kahn geb. Zimmern (1867), Sitta Kahn (1925), Eduard Neuberger (1869),
Emil Strauß (1860), David Zimmern (1896), Hugo Zimmern (1898), Leopold Zimmern
(1901).
Aus der Geschichte
der jüdischen Gemeinde
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Werbung für Grünkern aus Walldürn (1927)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Juli 1927: "Ia
Grünkern
neueste Ernste versendet zu billigen Preisen jedes
Quantum
Leopold Kahn, Walldürn". |
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. September 1937: "Mannheim.
Die Gemeinde Eberstadt in Baden wurde
aufgelöst, die Synagoge wurde verkauft. In Walldürn in Baden
wurde die Synagoge verkauft, die Auflösung der Gemeinde steht
bevor." |
Über einzelne
Personen aus der jüdischen Gemeinde
Über den aus Walldürn stammenden Oberlehrer i.R. Hermann Zimmern
zu seinem 80. Geburtstag (1936)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom
11. Juni 1936: "Mannheim 4. Juni (1936). Am 30. dieses Monats
begeht Hermann Zimmern, Oberlehrer i.R. in Mannheim, B 7,12 in
körperlicher und geistiger Frische seien 80. Geburtstag. Der Jubilar,
geboren 1856 in Walldürn, war 45 Jahre im badischen
Volksschuldienst, davon 40 Jahre in Kippenheim
bei Lahr, zuletzt als Schulleiter. 1922 wurde er in den wohlverdienten
Ruhestand versetzt und wohnt seit 1926 bei seiner Tochter in Mannheim. Wir
wünschen dem Jubilar, der sich ob seines heiteren, gütigen Wesens
allgemeiner Beliebtheit und Wertschätzung erfreut, einen schönen
gesegneten Lebensabend! (Alles Gute) bis 120 Jahre."
|
Zur
Geschichte des Betsaales / der Synagoge
Nachdem um 1770 vermutlich
die Zehnzahl religionsmündiger jüdischer Männer erreicht war, richtete sich
die Gemeinde in dem (1755 erbauten) Gebäude Zunftgasse 3 einen Betsaal ein
(auch "Synagoge" genannt). Er befand sich im zweiten (oberen) Stockwerk des Gebäudes.
Nicht zu allen Seiten konnten Gottesdienste in der Synagoge abgehalten werden.
So konnten zwischen 1890 und 1921 kaum Gottesdienste abgehalten werden, da in
Walldürn kein Minjan (Zehnzahl jüdischer Männer) vorhanden war. So war die
Bar Mizwa-Feier in der Synagoge 1912 ein besonderes Ereignis. Als nach 1920 die
Zahl der Gemeindeglieder vorübergend wieder anstieg, konnten auch wieder
regelmäßige Gottesdienste stattfinden.
Bar-Mizwa-Feier in der Synagoge
(1912)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 30.August
1912: "Walldürn. In unserer Synagoge fand letzten Samstag zum
ersten Male seit Jahrzehnten wieder einmal an einem Samstag Gottesdienst
statt und zwar aus Anlass der Barmizwoh des Sohnes des Herrn Isaak
Riselsheimer. Da hier nur drei jüdische Familien wohnen, ist sonst an ein
Minjan nicht zu denken. Lehrer Schereschewsky -. Hainstadt leitete in
feierlicher Weise den Gottesdienst." |
Neujahrsfest in der Synagoge
(1921)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. Oktober 1921:
"Walldürn (Baden), 5. Oktober (1921). Ein Roschhaschono-Fest von
seltener Bedeutung wurde unserer israelitischen Gemeinde nach langer Pause
zuteil. Nachdem unsere Kehilla (Gemeinde) seit fast 30 Jahren ohne Minjan
war, können wir seit kurzer Zeit wieder öffentlichen Gottesdienst
abhalten, da die Gemeinde in letzter Zeit Zuzug erhalten hat. Für die
Alteingesessenen ist es wirklich eine hohe Freude, erleben zu dürfen, wie
sich unsere Gemeinde wieder erholt hat. Möge es manch anderer Gemeinde,
die auch ohne Minjan ist, ebenfalls vergönnt sein, ihre Kehilla zu
vergrößern." |
Die Synagoge in Walldürn war noch bis 1937
Mittelpunkt der immer kleiner werdenden jüdischen Gemeinde.
1935/36 war sie für die jungen Leute eines damals in Walldürn einige Zeit
bestehenden landwirtschaftlichen Ausbildungszentrum Treffpunkt. Darüber
schreibt Willi Wertheimer: "Mit Genehmigung des Kreisleiters gründeten wir in
Walldürn ein Hachaluz-Zentrum. Dort konnten junge Menschen sich bei jüdischen
und nichtjüdischen Bauern auf den Beruf des Landwirts vorbereiten, um dann als
junge Pioniere ins Land der Väter zu gehen und dort das Land zu bebauen. Die
Landwirte A. Neuburger in Walldürn, Max Hofmann in Hainstadt, Günther Böttigheimer
in Kleineicholzheim, Steinhard und Stern in
Eberstadt und Fieger, ein Nichtjude
aus Hardheim, beschäftigen solche jungen Männer. Ihre Bleibe hatten diese
Jungen bei Levi in Sennfeld, am Wochenende trafen sie sich in der Synagoge in
Walldürn. Bald aber wurde diese Genehmigung widerrufen und die Chaluzim mussten
verschwinden...".
1937 wurde das Gebäude mit dem Betsaal verkauft und
zu einem Wohnhaus umgebaut. In Räumen des Erd- und Obergeschosses sind noch
barocke Stuckdecken erhalten. In einem Zimmer des Erdgeschosses wurden Bücher
und andere Gegenstände der Gemeinde aufbewahrt. Aus diesem Zimmer führte eine
Treppe zum Betsaal, von dem heute nichts mehr erkennbar ist. Bauliche Maßnahmen
im Haus sind nach einer Anweisung des Landesdenkmalamtes vom August 1990 mit der
Denkmalschutzbehörde abzusprechen.
Mit Beschluss des Gemeinderates von Walldürn vom 16.
Oktober 1989 wurde am Haus des ehemaligen Betsaales eine Gedenktafel
angebracht.
Fotos
Historische Fotos:
|
Historische Fotos sind nicht bekannt,
Hinweise bitte an den
Webmaster von "Alemannia Judaica", E-Mail-Adresse siehe Eingangsseite |
Fotos nach 1945/Gegenwart:
Foto um 1985:
(Foto links: Hahn; Foto rechts in: Aufsatz von W.
Gramlich s. Lit. s. 55)
|
 |
 |
| |
Haus des Betsaals in der Zunftgasse 3 |
Zeugnis der jüdischen
Geschichte: die Stuckdecke in der Zunftgasse 3 (unterer Vorraum zum
Betsaal, 18. Jh.) |
| |
|
|
Fotos 2005:
(Fotos: Hahn,
Aufnahmedatum 19.3.2005; die Gedenktafel wurde am 5.9.2003 aufgenommen) |
|
 |
 |
 |
| Haus des Betsaals in der Zunftgasse 3 |
Ansicht von Südwesten |
Gedenktafel |
| |
|
|
Links und Literatur
Links:
 |
 |
| Das "Kultur-
und Kunstmuseum" schlägt eine Brücke zwischen Kunst und
Religion. Das Domizil ist im Walldürner Ortsteil Rippberg in der
Amorbacher Strasse 30 untergebracht. Es soll den Dialog zwischen Juden und
Nichtjuden fördern. Eröffnung war am 30. Juni 2002. |
Literatur:
 | Germania Judaica II,2 S. 862-863. |
 | Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden.
1968. S. 283-284. |
 | Walter Gramlich: Zur Geschichte der Walldürner Juden. in: 25 Jahre
Heimat- und Museumsverein und Neueröffnung des Museums Walldürn (=
Walldürner Museumsschriften Heft 7). 1991 S. 51-61. |

vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge
|