Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge  

Übersicht:  

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer 
Aus dem jüdischen Gemeindeleben    
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen     
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen  
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  
Links und Literatur   

  

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)

In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zur Kurpfalz gehörenden Schriesheim lebten Juden bereits im Mittelalter. Bei der Judenverfolgung in der Pestzeit 1348 wurden auch hier Juden ermordet. Nach 1421 ist wiederum die Anwesenheit einzelner Juden in der Stadt bezeugt. Auch in der Folgezeit scheinen immer wieder einzelne oder mehrere Juden in der Stadt gelebt zu haben.   
   
Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde geht in das 17. Jahrhundert zurück. Nach dem Dreißigjährigen Krieg siedelten sich zwei jüdische Familien in Schriesheim an, darunter ein Jude David, dessen Sohn Liebmann auf Grund eines Bürgerentscheids 1696 in der Stadt bleiben konnte. 1743 waren fünf jüdische Familien am Ort, 1770 sieben. 
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Schule, ein rituelles Bad und ein Friedhof. Schule, rituelles Bad und Lehrerwohnung befanden sich seit 1858 in dem damals neu erbauten jüdischen Gemeindehaus (Talstraße 49). Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (siehe Ausschreibungen der Stelle unten). 1827 wurde die Gemeinde dem Rabbinatsbezirk Ladenburg zugeteilt. 
 
Zur jüdischen Gemeinde in Schriesheim gehörten seit Ende des 19. Jahrhunderts auch die im benachbarten Dossenheim lebenden jüdischen Familien.  
  
Die höchste Zahl jüdischer Bewohner wird um 1864 mit 132 Personen erreicht, danach ging sie durch Aus- und Abwanderung zurück (1900: 41, 1925 40 Personen). Die jüdischen Familien lebten vor allem vom Handel mit Vieh, Landesprodukten und anderen Waren. Im 19. Jahrhundert bestanden jüdische Wirtschaften von Michel Oppenheimer und Hertz Hayum (Untere Schulgasse 3), Feidel Rosenfeld (Heidelberger Straße 15) und Joseph Oppenheimer (Herrengasse 10/12).  
  
An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden Handels- und Gewerbebetrieben im Besitz jüdischer Familien / Personen sind bekannt: Viehhandlung Julius Fuld (Passein 1), Fellhandlung Hayum Marx und Fell- und Textilhandel Levi Schlösser (Oberstadt 12), Futtermittelgeschäft der Fam. Marx (Heidelberger Straße 29), Viehhandlung Ferdinand Marx (Heidelberger Straße 5), Textilgeschäft Oppenheimer/Sussmann (Heidelberger Straße 8, abgebrochen), Futtermittelgeschäft Oppenheimer/Weinberg (Schulgasse 3).    
   
1933 lebten noch 41 jüdische Personen in Schriesheim. Auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Repressalien und der Entrechtung sind in den folgenden Jahren alle von ihnen in andere Orte abgewandert beziehungsweise ausgewandert. Zwei starben noch in Schriesheim, 34 konnten emigrieren, davon 25 in die USA. Der Bäcker Alfons Schlösser und seine Eltern wurden 1943 in Holland verhaftet und wurden über das KZ Westerbork nach Auschwitz deportiert. Von den fünf innerhalb Deutschland verzogenen Schriesheimer Juden starb einer 1937, ein anderer wanderte in die USA aus. Nach dem Wegzug von Julius und Mina Fulda nach Feudenheim im September 1939 lebten keine jüdischen Personen mehr in Schriesheim.  
  
Von den in Schriesheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  Auguste Eppsteiner (1870), Johanna (Hannchen) Götz geb. Blumenfeld (1860), Karoline Gudenberg geb. Bloch (1892), Johanna Haas geb. Eppsteiner (1869), Frieda Heidelberger geb. Victor (1871), Karola Jose (1876), Karl Heinz Klausmann geb. Fulda (1922), Betty Marx geb. Blumenfeld (1867), Daniel Marx (1860), Lazarus Marx (1873), Mathilde Menk geb. Oppenheimer (1861), Clara Oppenheimer geb. Marx (1886), David Oppenheimer (1863), Ludwig Oppenheimer (1893), Dina Rijnveld geb. Oppenheimer (1865), Mathilde Schatz geb. Oppenheimer (1879), Bertha Barbara Schels geb. Eppsteiner (1882), Alfons Schlösser (1911), Jettchen Schlösser geb. Marx (1883), Levi Schlösser (1876), Mathilde Strauss geb. Oppenheimer (1862).    
     
    
    

Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Ausschreibungen der Lehrer- und Vorsängerstelle 1887 / 1891 / 1892 / 1894  

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Juli 1887: "Auskündigung einer Religionsschulstelle. Heidelberg, 5. Juli 1887. Die israelitische Religionsschulstelle in Schriesheim, mit welcher der Vorsänger- und Schächterdienst verbunden ist, soll auf 1. August laufenden Jahres neu besetzt werden. Über den festen Gehalt bleibt Verständigung zwischen dem Synagogenrate und dem Bewerber vorbehalten. Das Nebeneinkommen aus dem Schächterdienste beträgt circa 500 Mark. Mit Zeugnisabschriften belegte Meldungen sind binnen 14 Tagen einzureichen bei der Bezirks-Synagoge, Heidelberg."
   
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Mai 1891: "Auskündigung einer Religionsschulestelle. Die israelitische Religionsschul-, Vorsänger- und Schächterstelle Schriesheim bei Ladenburg, mit welcher ein fester Gehalt von 600 Mark, freie Wohnung und Gefälle im Betrage von etwa 250 Mark verbunden sind, ist alsbald neu u besetzen. Berechtigte Bewerber, unter welchen Schulkandidaten den Vorzug genießen, belieben ihre mit Zeugnisabschriften belegten Meldungen an den Synagogenrat in Schriesheim zu richten."
  
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Dezember 1892: "Bekanntmachung! Die israelitische Religionsschul-, Vorsänger- und Schächterstelle in Schriesheim bei Ladenburg, mit welcher ein fester Gehalt von 600 Mark, freie Wohnung, Schulgeld und verschiedene Gefälle verbunden sind, ist alsbald zu besetzen. Schulkandidaten belieben ihre Meldungen mit Zeugnisabschriften, welche nicht zurückgegeben zu werden brauchen, an den Synagogenrat in Schriesheim richten." 
  
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Juli 1894: "Auskündigung einer Religionsschulstelle. Die israelitische Religionsschul-, Vorsänger- und Schächterstelle in Schriesheim, mit welcher ein Gehalt von 550 Mark, freie Wohnung und etwa 400 Mark Gefälle verbunden sind, ist auf 1. September laufenden Jahres zu besetzen. Schulkandidaten belieben ihre mit Zeugnisabschriften belegten Meldungen zu richten an die 
Bezirkssynagoge Heidelberg. Heidelberg, 18. Juli 1894."  

   
   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   

Antisemitische Umtriebe (1890)   

Schriesheim Israelit 25091890.jpg (50268 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. September 1890: "Heidelberg, 10. September (1890). Die Antisemiten unter Führung des Abgeordneten Liebermann beabsichtigten am letzten Sonntag auf der Burgruine Strahlenburg bei Schriesheim eine Versammlung unter freiem Himmel anzuhalten. Nicht allein, dass die projektierte Versammlung vom Bezirksamte Mannheim verboten wurde, hat auch der Eigentümer der schönen Ruine, Herr Graf von Oberndorff, wie der Neuen Badischen Landeszeitung mitgeteilt wird, als er Kenntnis von der beabsichtigten Versammlung erhielt, den Auftrag erteilt, das sich etwa einfindende Publikum wegzuweisen."   

  
Einweihung einer Gedenktafel für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges 1922  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Mai 1922: "Schriesheim, 7. Mai (1922). Am 1. Pessachtag fand hier die Einweihung der Gedenktafel für die im Weltkriege gefallenen drei Söhne der hiesigen Gemeinde statt. Die Gedenktafel wurde von den Angehörigen der Gefallenen gestiftet und umfasst die Namen: Leopold Oppenheimer, Bernhard Marx und Abraham Fuld. Herr Lehrer Heller aus Leutershausen hielt eine ergreifende Gedächtnisrede."  

    
   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen  
S. H. Herrmann bietet religiöse Schriften an (1885/1886)  

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Oktober 1885: "Eine aufgelöste Gemeinde lässt durch den Unterzeichneten drei noch sehr gut erhaltene Torarollen, eine Megilla und zwei Soferot verkaufen.
H. Herrmann, Schriesheim bei Heidelberg. (Kleinere, ärmere Gemeinden sollen besonders berücksichtigt werden". 
   
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. April 1886: "Eine neue Torarolle ist preiswürdig zu verkaufen. Näheres bei S. H. Herrmann in Schriesheim bei Mannheim". 
  
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Juni 1887: "Eine aufgelöste Gemeinde lässt durch den Unterzeichneten 3 sehr gut erhaltene Torarollen, eine Megilla, 3 Soferot, sowie verschiedene Proches (Toraschreinvorhänge) und Mäntelchen (für die Torarolle) etc. verkaufen, wobei kleine Gemeinden besonders berücksichtigt werden. H. Herrmann in Schriesheim (Baden)."

   
    

        

Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge  

Mittelalterliche Einrichtungen sind nicht bekannt. Vermutlich kam es nicht zur Bildung einer Gemeinde.  

Nachdem Ende des 17. Jahrhunderts Liebmann, Sohn des schon einige Zeit am Ort aufgenommenen David in Schriesheim bleiben konnte, hat sich dieser 1709 ein Anwesen an der "Gäulsbrücke" gekauft (Gebäude Talstrasse 19/21). Als es um 1770 bereits sieben jüdische Familien in der Stadt gab, dürfte auch die Zehnzahl der zum Gottesdienst nötigen Männer erreicht worden sein. In diesem Jahr wird auch ein eigener jüdischer Schulmeister am Ort genannt, sodass ein Betsaal in einem der jüdischen Häuser vorausgesetzt werden kann. Dieser ist vermutlich schon damals auch von den in Dossenheim lebenden Juden benutzt worden. 

1807 wurde ein Betsaal im Oberstock des fast 100 Jahre zuvor von dem genannten Liebmann erworbenen Hauses in der Talstrasse eingerichtet. Die Nachkommen des Liebmann hatten inzwischen den Familiennamen Marx angenommen. 1809 hatte Schriesheim 65 jüdische Einwohner. Nachdem ihre Zahl um 1830 etwa 100 erreichte, plante man die Einrichtung einer neuen Synagoge. Im Januar 1839 bat der Synagogenrat beim zuständigen Bezirksamt Ladenburg um Genehmigung einer Kollekte bei anderen jüdischen Gemeinden. Im Laufe der folgenden Monate erstellte man einen Bauplan und einen Kostenvoranschlag für eine Synagoge. Da das Bezirksamt jedoch keinen Bescheid schickte, kam die Angelegenheit zunächst nicht voran. Eine neue Situation ergab sich, als das jüdische Ehepaar Simon Oppenheimer und seine Frau Regina geb. Hayum im Sommer 1839 die leerstehende bisherige lutherische Kirche kauften. Sie boten der jüdischen Gemeinde an, den östlichen Teil der Kirche zu kaufen und zu einer Synagoge umzubauen. Der westliche Teil würde ihnen zur Einrichtung eines Wohnhauses ausreichen. Die jüdische Gemeinde entschied sehr schnell und kaufte am 24. September 1839 den etwa 9 Meter langen östlichen Teil der Kirche bis einschließlich zum dritten Fenster, auf dessen Höhe die Eingangstür eingerichtet werden soll. Der Kaufpreis betrug 725 Gulden. Im Oktober 1839 erstellte Maurermeister Grabendörfer aus Ladenburg Plan und Kostenvoranschlag für den Umbau der Kirche. Aus Geldmangel verzögerte sich der Umbau noch einige Zeit. Eine Kollekte bei jüdischen Gemeinden im Unterrheinkreis half, den Plan ausführen zu können. Im September 1842 konnten endlich die Bauarbeiten beginnen. Bis Juni 1843 waren sie abgeschlossen. Die Synagoge konnte eingeweiht werden. 

In den folgenden Jahren (vor 1852) errichtete man an der Stelle des inzwischen vollständig erworbenen Marx’schen Hauses an der Gäulsbrücke ein jüdisches Gemeindehaus, in dem im Erdgeschoss das rituelle Bad, im Obergeschoss ein Schulraum und die Lehrerwohnung eingerichtet wurden. Das Gebäude wurde 1897 verkauft, da im Bereich der Synagoge das evangelische Pfarrhaus erworben und dort das jüdische Gemeindehaus mit einem Raum für den Religionsunterricht sowie eine Lehrer- und Vorsängerwohnung eingerichtet werden konnte. 

Zu einem Streit um Zustände in der Synagoge kam es innerhalb der Gemeinde 1852. Ein Teil der Gemeindeglieder, angeführt von Isak Weinberger war mit dem Vorsteher Joseph Oppenheimer unzufrieden. In einem Brief an das Bezirksamt monierte Weinberger unter anderem, dass der Vorstand die Fenster und Leuchter der Synagoge nicht ausreichend reinigen würde. Die Fenster seien mit Spinngewebe überwachsen, die Leuchter würden von Staub und Rost angefressen. Der Vorhof zur Synagoge liege voller Holz und Gestrüpp, sodass man kaum zur Synagoge käme und anderes mehr. Oppenheimer musste vor dem Bezirksamt erscheinen, konnte aber durch seine Sicht der Dinge die Vorwürfe großenteils entkräften.

In den folgenden Jahrzehnten waren immer wieder Reparaturen in der Synagoge notwendig, erstmals 1871. Sie wurden von Maurermeister Ertmann ausgeführt. 1889 waren die tragende Balken vom Wurmfraß so zerstört, dass die Synagoge von Januar bis April 1884 wegen Einsturzgefahr geschlossen werden musste. Dann waren neue Balken eingezogen. Ein für den ganzen Ort ganz besonderes Ereignis war die feierliche Einweihung einer neuen Torarolle am 17. November 1866, die die Frauen der Gemeinde 1866 gestiftet hatten. Über das Fest ein Einbringung der neuen Torarolle liegt ein Bericht vor:

Schriesheim Israelit 05121866.JPG (240752 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Dezember 1866: "Schriesheim (Baden), 17. November (1866). Heute beging die hiesige israelitische Gemeinde ein sehr schönes Fest; dasselbe galt der Einweihung einer neuen Tora, welche von dem vortrefflichen Toraschreiber zu Baiertal G. Levi Sohn in allen Teilen korrekt ausgeführt worden war. Um 10 Uhr bewegte sich der Zug langsam und feierlich vom israelitischen Schulhause unter Vorspielung der Musik des städtischen Orchesters zu Heidelberg, Friedrich Häßner und H. Kröber, durch die reich beflaggten und bekränzten Straßen zur Synagoge. Die Tora, vor welcher die Festjungfrauen einhergingen, wurde unter einem Baldachine getragen, eingehüllt in einer herrliche, mit einer goldenen Krone verzierten roten Samtmappe (sc. Toramantel), welche in golddurchwirkten Buchstaben in hebräischer Sprache die Widmung enthielt, nämlich eine Stiftung der israelitischen Frauen Schriesheims und der Filiale Dossenheim. Bei der Einweihung der Tora war der hebräische Choral ergreifend und der deutsche erbauend. Die Gesänge wurden eingeübt und geleitet von dem hiesigen israelitischen Lehrer S. Reichenberger, welcher schon 18 Jahre die hiesige Religionslehrerstelle besorgt. Derselbe legte, unter Mitwirkung seines Sohnes A. Reichenberger, Lehrer zu Jöhlingen, der als Vorsänger Vortreffliches leistete, im Allgemeinen eine außerordentliche Fertigkeit in seinem Amte an den Tag. - Nach der Einweihung der Tora und dem Gebet für den Landesfürsten, bestieg der hochwürdige Bezirksrabbiner L. Ettlinger die Kanzel und setzte in einem längere, wohldurchdachten Vortrag die Bedeutung des Festes auseinander. Die Synagoge war ganz überfüllt mit Teilnehmern von Nah und Fern, auch die beiden christlichen Konfessionen waren zahlreich vertreten. Der Redner, welcher die Worte des Psalmisten zum Vorspruch genommen hat: 'Das ist der Tag, den der Herr gemacht hat; lasset uns frohlocken und fröhlich sein ihm' Psalm 98,24, - entwickelte den Gedanken, dass nur allein die Religion und das Festhalten an den Geboten Gottes eine wahre Freude, nämlich die Seelenfreude zu verschaffen im Stande seien; Reichtum, Ehre und Genuss könnten den Menschen nicht glücklich machen, sondern der Glaube an die heilige Tora und die Befolgung derselbe, welche Gott dem israelitischen Volkes schon vor mehr als 3.000 Jahren durch Moses auf Sinai gegeben hätte; und dass die Tora wirklich Gottes Wort sei, beweise der Umstand, dass trotz aller Stürme dieselbe bis auf den heutigen Tag noch unverletzt in der Ursprache besteht; Gottes Wort bleibt ewig. Auch berührte der Redner den religiösen Fanatismus, welcher nur eine Folge der Unwissenheit sei; würden die Menschen eine Religion, die sie hassen und verfolgen, genau kennen, so würden sie dieselbe sicherlich achten und ehren. Zum Schlusse dankte der Redner der israelitischen Gemeinde Schriesheim für das große Opfer, welches dieselbe in allen ihren Mitgliedern für das heutige Fest gebracht habe; es ist auch wirklich der Eifer und Opfersinn, womit diese verhältnismäßig kleine israelitische Gemeinde dieses Fest verherrlichte, rühmend anzuerkennen; besonders muss hervorgehoben werden der Name des hiesigen Israeliten Marx Oppenheimer I., welcher die leitende Seele des Festes war. - Der hochwürdige Rabbiner dankte auch den christlichen Konfessionsangehörigen für die freudige Teilnahme an dem Feste und für ihre Mühen zur Verherrlichung desselben. Besonders war es sehr erfreulich, dass auch die beiden christlichen Konfessionspfarrer und Lehrer an dem Feste Anteil nahmen, was ein schönes Zeichen der Religionstoleranz unserer Zeit ist. Erst nach 12 Uhr war die Feier zu Ende." 

Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Schriesheimer Synagoge demoliert. Bücher, Akten, Teppiche und andere Gegenstände wurden von Hitlerjungen mit Handwagen zum Rathausplatz gebracht und dort verbrannt. Das Gebäude selbst blieb jedoch erhalten. Die Schändung musste Seligmann Fuld, das damals einzige noch in Schriesheim lebende jüdische Gemeindeglied miterleben. Wenig später konnte er in die Vereinigten Staaten emigrieren.   

1954 wurde das Gebäude völlig umgebaut und wurde bis in die 1960er-Jahre als neuapostolische Kirche verwendet, bis diese eine eigene Kirche erbaute. Die baulichen Reste der ehemaligen lutherischen Kirche/Synagoge sind inzwischen zu einem Wohnhaus umgebaut. Eine Gedenktafel wurde am 9. November 1988 angebracht mit dem Text: "Zur Erinnerung an unsere jüdischen Mitbürger, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gelitten haben. Ihr Leid soll uns Mahnung und Verpflichtung sein."  
  
  

   
Fotos 
Historische Fotos: 
(Quelle: Schriesheimer Jahrbuch 2002; Foto übersandt von J. Maier, Schriesheim) 

wpe1.gif (55726 Byte) Links: Lore Sussmann (geb. 1929; verh. Lora Tobias) vor dem Eingang zur Synagoge, um 1937. Lore Sussmann konnte 1938 mit ihren Eltern (Selma und Ludwig Sussmann) und ihrem Großvater Simon Oppenheimer auswandern


Fotos nach 1945/Gegenwart:  

Fotos/Plan um 1985:
(Fotos: Hahn; Plan: Stadt Schriesheim) 
 
Schriesheim Synagoge 101.jpg (103867 Byte) Schriesheim Synagoge 102.jpg (69757 Byte) Schriesheim Plan 01.jpg (80135 Byte)
Erinnerung an die Zeit, als hier eine Kirche stand: Straßenschild "Lutherische Kirchgasse" Das Gebäude der ehemalige lutherischen Kirche / Synagoge - umgebaut zu einem Wohnhaus Plan der Stadtkernsanierung Schriesheim von 1983 mit Einzeichnung der Gebäude der ehemaligen Israelitischen Gemeinde in der Lutherischen Kirchgasse 12 (rot)
     
Fotos 2003:
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 30.7.2003)
Schriesheim Synagoge 150.jpg (55920 Byte)  Schriesheim Synagoge 151.jpg (42045 Byte) 
Die Scheune ist abgebrochen, die ehemalige Kirche überwachsen. Links das ehemalige Pfarrhaus / jüdische Gemeindehaus Die 1988 an der Eingangsmauer zum Hof der Kirche / Synagoge angebrachte Gedenktafel
     
Das Kurpfalz-Gymnasium Schriesheim beteiligte sich am Mahnmal-Projekt, das vom Forum christlicher Gedenkarbeit „Erinnern und begegnen“ 2002 ausgeschrieben worden ist (www.mahnmal-projekt.de). Der Grundkurs Bildende Kunst 13 arbeitete unter der Leitung von Heide Lautenschläger und unter Mitarbeit von Hildegard Maier-Ehrke. Rechts das Ergebnis der Arbeit (Foto: H. Lautenschläger): Schriesheim Gedenken 01.jpg (80153 Byte)
       
   
Presseartikel zur Einweihung der Gedenktafel für die deportierten Juden aus Schriesheim im jüdischen Friedhof der Gemeinde 
(24. Oktober 2005)
Schriesheim PA 030.jpg (247897 Byte) Schriesheim PA 031.jpg (141805 Byte)
Artikel aus: Mannheimer Morgen vom 25.10.2005 Artikel aus: Rhein-Neckar-Zeitung vom 25.10.2005
     
Gedenken im historischen Rathaus und an der Kriegsopfergedenkstätte Schriesheim Vitrine 01.jpg (40013 Byte) Schriesheim Gedenktafel 01.jpg (99527 Byte)
  Vitrine im Historischen Rathaus von Schriesheim mit Erinnerung an die jüdische Geschichte der Gemeinde (u.a. mit Tallit, Siddur und den Tefilin von Herbert Marx aus Schriesheim) Gedenktafel an der Kriegsopfergedenkstätte mit den Namen der in der NS-Zeit ermordeten Personen aus Schriesheim (Einweihung am Volkstrauertag 2006)

    
   

Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  
Führung auf den Spuren der jüdischen Geschichte im November 2008 

Schriesheim 2008 150.jpg (17940 Byte)Foto links (Foto: Kreuzer): Prof. Joachim Maier und Monika Stärker-Weineck führten durch das 'jüdische Schriesheim'
Artikel von Karin Katzenberger-Ruf in der "Rhein-Neckar-Zeitung" vom 15. November 2008: "Es gab auch Zeichen der Solidarität  
Schriesheim.
Ob sich Schriesheim an der Aktion "Stolpersteine" beteiligen wird, ist immer noch ungewiss. Doch Monika Stärker-Weineck und Prof. Joachim Maier halten die Erinnerung an die ehemaligen Mitbürger jüdischen Glaubens wach, die bis 1939 aus Schriesheim flohen. Die letzten Juden, die die Stadt verließen, waren Nina und Julius Fuld, zuletzt wohnhaft in der Passein 3. Von dort zog das Ehepaar nach Feudenheim, wurde dann ein Jahr später doch in das südfranzösische Gurs deportiert, aber von der seit langem in Argentinien lebenden Tochter freigekauft. Dass so etwas möglich war, erfuhr eine große Besuchergruppe bei der Führung der Volkshochschule durch das "jüdische Schriesheim", die Maier und Stärker-Weineck leiteten. Es ging darum, jüdisches Leben in Schriesheim zu erkunden. Erste Station: die Vitrine im Obergeschoss des Alten Rathauses, wo einige Gegenstände zum Thema ausgestellt sind. So etwa ein "Siddur" (Gebetsbuch) oder ein "Talit" (Gebetsschal) aber auch ein Gebetbuch. Und da wären noch die Gebetsriemen und die Samttasche von Herbert Marx, die der inzwischen 89-Jährige der Stadt als Ausstellungsstücke überließ. Das Fragment einer Grabtafel stammt aus dem Anwesen Oberstadt 12. Dort lebten einst Levi und Jette Schröder und betrieben einen Textil- sowie Kurzwarenhandel. Schon 1933 verließ das Paar Schriesheim, zog nach Holland und damit in das Heimatland des Ehemannes. Vergebens. Nach dem Einmarsch der Deutschen folgte die Verschleppung in ein polnisches Deportationslager, wo beide starben. In der Schulgasse 3 wohnte Zacharias Oppenheimer mit seiner Familie, war Mehl- und Futtermittelhändler. Über die Hauptstraße gelangte die Gruppe in eine Scheune im Anwesen des Backhauses Höfer. Als Juden nicht mehr in den Geschäften kaufen und in diesem Fall keinen Brotteig in die Bäckerei bringen durften, wurde ein Fenster zur "Durchreiche", damit die Nachbarn nicht hungern mussten. Dass jüdische Familien in Schriesheim durchaus wohlhabend waren, wurde bei der Führung immer wieder deutlich. Maier stellte aber klar, dass jüdische Familien bei ihrer Ausreise keineswegs "Vermögen" mitnehmen durften. Zacharias Oppenheimer soll das erste Auto am Ort besessen haben. Der Viehhandel "Marx und Fuld" in der Heidelberger Straße 5 machte seine Inhaber ebenfalls reich. Mit einem Getreidegroßhandel verdienten Heinrich und Henriette Marx in der Heidelberger Straße 29 ihr Geld. Sie wanderten 1938 in die USA aus, lebten zuvor ein Jahr in Heidelberg. Mit einer Textilmanufaktur, die auch Aussteuer aller Art herstellte, hatte Simon Oppenheimer in der Heidelberger Straße 8 geschäftlichen Erfolg und war ihm Gegenzug gemeinnützig tätig. Beim Rundgang geht es auch durch ganz enge Gassen wie das "Mainzer Land." Dort wuchs Karl Heinz Klausmann als Adoptivkind auf. Seine jüdische Herkunft wurde ihm in Frankreich zum Verhängnis. Wiederholt wurde in der Führung offenbar, dass es Zeichen der Solidarität gab. So sicherten Nachbarn die Versorgung von Fanny Blumenfeld, nachdem diese ihr eigenes Lebensmittelgeschäft in der Heidelberger Straße nicht mehr betreten durfte. Lange waren jüdische Mitbürger in das Gemeinde- und Vereinsleben integriert, und Josef Marx (zuletzt in der Friedrichstraße 18) war vom damaligen evangelischen Pfarrer als Schach-Partner geschätzt."  

  

     

Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Schriesheim
Weitere Informationen und Fotos zur Arbeit des Grundkurses Bildende Kunst 13 des Kurpfalz-Gymnasiums Schriesheim auf Seiten des Gymnasiums: Seite 1  bzw. Seite 2  
Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Schriesheim

Literatur:

Franz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 255-256.
Germania Judaica III,2 S. 1331.
Hermann Brunn: 1200 Jahre Schriesheim. 1979².
Hans Huth: Die Kunstdenkmäler des Landkreises Mannheim, in: Die Kunstdenkmäler Badens X,3 (1967) S. 335.344. 
Joachim Maier: Wie Siddur, Talit und Tefillin nach Schriesheim zurückkehrten, in: Schriesheimer Jahrbuch 2006 S. 34-49.  
Joachim Maier / Monika Stärker-Weineck: Spuren jüdischen Lebens. Dokumentation der Ausstellung aus Anlass des Besuchs der jüdischen Schriesheimer. In: Schriesheimer Jahrbuch 7 2003 S. 32-95.   
Nachstehend Presseartikel zur Eröffnung dieser Ausstellung aus der "Rhein-Neckar-Zeitung" vom 8. Mai 2003: 
"Ich fühle mich jetzt als Schriesheimerin"  -  Die Stadt schloss gestern intensiv Freundschaft mit ihren heimgekehrten Juden - Bewegende Ausstellungseröffnung  
Schriesheim. (ron) "Darf ich kurz etwas sagen?", so meldete sich Lore Tobias gestern kurz nach der Ausstellungseröffnung "Jüdische Spuren in Schriesheim" zu Wort. Erwartungsvoll hingen die Augen der Schüler an den Lippen der alten Dame. Jener Schüler, die sich liebevoll, mutig und engagiert in die Vorbereitung der Ausstellung eingebracht haben. Die Gedichte verfasst und Bilder gemalt haben als Gastgeschenke. Dann begann Lore Tobias langsam zu sprechen. "Meine Mutter Selma Sußmann", erzählte sie, "sprach oft davon, dass sie sich nicht als Jüdin und nicht als Christin fühlt, sondern einfach als Schriesheimerin." Und die 74-jährige als Kind aus der Stadt Vertriebene fügte hinzu: "Ich habe das lange nicht verstanden, aber jetzt verstehe ich es."   
Ergriffen schauten die Schüler zu Boden, als sie diese Worte der Rührung vernahmen. Sie spürten, dass sie Lore Tobias, geb. Sußmann, gerade das Herz geöffnet hatten. Rochelle Tobias ergänzte für die ergriffene Mutter: "Wir sind sehr gerührt, wie sich hier alle mit unserer Geschichte beschäftigt haben, wir haben das so nicht erwarten können, es ist schön, in diesem Moment hier zu sein." Der zweite Tag der einst aus der Stadt vertriebenen Juden war gestern der Tag der bewegenden Annäherung der Besucher mit ihrer alten Heimat - und gleichzeitig der gefühlsstarken Annäherung von Zeitzeugen und Nachgeborenen an die Geschichte ihrer Stadt. Es war der Tag, an dem Lore Tobias, Erwin Maier und Martin Wimpfheimer von den Schriesheimern ins Herz geschlossen worden sind - und die Sympathie war auf beiden Seiten enorm groß. Und es war nicht zuletzt der Tag großer Momente von Symbolik. 
Vor allem die Schüler trugen sehr schnell dazu bei, die "schlimmen Erinnerungen der Vergangenheit durch positive Erfahrungen zu ersetzen". So hatte sich Lore Tobias am Vortag beim offiziellen Empfang ausgedrückt. Vor dem Historischen Rathaus, wo wegen des Andrangs von Menschen fast die Heidelberger Straße verstopften, begrüßten die Grundschüler die Besucher mit fröhlichen Liedern. Drinnen in der Ausstellung verwiesen Realschüler und Gymnasiasten auf ihren Beitrag. "Wir haben von einem unbeschreiblichen Grauen erfahren", berichtete Katharina Kunkel aus der zehnten Klasse des Gymnasiums von den Vorbereitungen im Geschichtsunterricht, "und ich spreche für die ganze Klasse, wenn ich sage, dass wir dankbar dafür sind, dass Sie heute da sind." In einer Realschulklasse hat auch ein Mädchen aus Sri Lanka und ein Junge aus dem Iran ein Gedicht zum Thema Heimat verfasst. "Deutschland ist wegen seiner Vergangenheit besonders dazu verpflichtet, politische Flüchtlinge aufzunehmen", bekräftigte eine Mitschülerin. Theologie-Professor Dr. Joachim Maier hatte zuvor die Ausstellung mit einem symbolischen Akt eröffnet: Lore Tobias ergreift die Hand der Witwe Adele Metzger. Ihr Mann Wilhelm fand nach der Pogromnacht am 9. November 1938 die letzten Schnipsel der jüdischen Gebetsbücher, die von den Nazis in Brand gesetzt worden waren. Die Papierfetzen sind in der Ausstellung zu sehen. 
Maier hatte zuvor an das Erinnern im jüdischen Sinne appelliert - also Geschichte zu verinnerlichen, als sei man selbst dabei gewesen. "Wer dem Vergangenen inne wird, dem ist sie allgegenwärtig", beschrieb der Theologe, der viel über die Geschichte der Schriesheimer Juden herausgefunden hat. Somit sei der Riss, den die Nazi-Herrschaft in Schriesheims Geschichte geschlagen hat, auch ein "Riss, der durch unsere Herzen geht". Zuvor waren die jüdischen Besucher auf den Spuren ihrer Geschichte durch die alte Heimatstadt gewandert. Bewegende Momente und erschütternde Begegnungen ergaben sich dabei an den Gräbern des jüdischen Friedhofs. 
Aber auch nebenan auf dem christlichen, wo Erwin Maiers Vater begraben liegt, der wegen seiner jüdischen Frau vertrieben wurde. Im Alter kam er nach Schriesheim zurück. Immer wieder kamen Menschen auf die Besucher zu, suchten das Gespräch und begannen Geschichten aus der gemeinsamen Kindheit zu erzählen.  

          


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Schriesheim  Baden. Most of the 14th century community was massacred in the Black Death persecutions of 1348-49 and the survivors were expelled. Jews were again present in the 15th century and following the Thirty Years War (1618-48) the Marx and Oppenheimer families constituted the backbone of the community for the next 300 years. The community reached a peak population of 132 in 1865 and opened a cemetery in 1874. In 1933, 38 Jews remained. Most left by 1938, with 26 emigrating. Of the nine moving to other German cities, seven were deported to the Gurs concentration camp on 22 October 1940 and five perished. 
    

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 22. Februar 2009