Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Wiesbaden (Hessen)
Texte/Berichte zur jüdischen Geschichte der Stadt im 19./20. Jahrhundert 
  
Zur Geschichte der Altisraelitischen Kultusgemeinde  

Die nachstehend wiedergegebenen Texte mit Beiträgen zur jüdischen Geschichte in Wiesbaden wurden in jüdischen Periodika gefunden. 
Bei Gelegenheit werden weitere Texte eingestellt.  
   
H
inweis: einige Texte auf dieser Seite müssen noch abgeschrieben und teilweise mit Anmerkungen versehen werden, können jedoch durch Anklicken der Textabbildung bereits gelesen werden.     
   
   
Zur Geschichte der orthodoxen Gemeindegruppe / Israelitischen Religionsgesellschaft, ab 1879 der "Altisraelitischen Kultusgemeinde"  
  
Bereits zu Zeiten der Wirksamkeit des liberalen Rabbiners Abraham Geiger (Rabbiner von 1832 bis 1838) regte sich Widerstand in den orthodox gesinnten Kreisen der jüdischen Gemeinde. Es wird berichtet, dass der damals in der Gemeinde tätige Vorsänger Meyer Sulzberger den Reformen Rabbiner Geigers "heftigen Widerstand entgegensetzte" (siehe Bericht zum Tod seines Enkels Paul Sulzberger 1929). Die orthodox Gesinnten hätten als Rabbiner statt Abraham Geiger lieber den Toralehrer und Rabbiner Samuel Ickstädter in Wiesbaden gehabt. Nachdem Geiger das Amt angetreten hatte, wurde Ickstädter von seinen Gesinnungsgenossen als legitimer Rabbiner angesehen. Ergebnis der Auseinandersetzung war, dass Ickstädter in der Folgezeit als halboffizieller orthodoxer Bezirksrabbiner mit Wohnsitz in Wiesbaden zu Amtshandlungen befugt war in den jüdischen Gemeinden Bierstadt, Biebrich und Schierstein sowie in allen Gemeinden der Ämter Hochheim und Königstein und in Hattersheim. Nachdem Rabbiner Dr. Süskind 1844 das Rabbinat übernommen hatte und weitere Reformen durchführte, kam es zu erneuten Auseinandersetzungen, in deren Folge Rabbiner Ickstädter sich mit den Orthodoxen in einem gemieteten Lokal zu einem separaten Gottesdienst in traditioneller Weise traf. 1852 wurden diese Versammlungen allerdings polizeilich verboten. Ickstädter verließ im folgenden Jahr Wiesbaden und wurde Stiftsrabbiner an der Lob-Schaul-Klaus in Hamburg.   
 
Nachdem im August 1869 die Synagoge auf dem Michelsberg mit einer Orgel, gemischtem Chorgesang u.a.m. eingeweiht war, war für die orthodox Gesinnten - wie in vielen anderen deutschen Städten auch - der Moment gekommen, sich von der liberal geprägten Hauptgemeinde zu lösen und eine eigene Gemeinschaft zu bilden. Vorbilder für Wiesbaden waren insbesondere die einige Jahre zuvor gegründeten orthodoxen Religionsgesellschaften in Mainz und Frankfurt am Main. Unmittelbar nach der Einweihung der Synagoge in Wiesbaden sammelten sich mehrere der orthodoxen Familienväter und beschlossen, eine eigene Gemeinde zu bilden und hierzu einen eigenen Lehrer, Kantor und Schochet anzustellen. In den folgenden Wochen gelang es, einen größeren Raum zu mieten (in der Schwalbacher Straße 2a) und diesen als Synagoge einzurichten. Als Lehrer und Kantor konnte die Gemeinde den jungen Rabbiner Dr. Leo Kahn gewinnen. Er kam Mitte Dezember 1869 nach Wiesbaden und nahm engagiert den weiteren Aufbau der Gemeinde in die Hand. Noch im Dezember 1869 konnte unter seiner Leitung eine Religionsschule mit etwa 25 Schülerinnen und Schülern eröffnet werden. Bis zum Frühjahr des folgenden Jahres nahm die Zahl der jüdischen Schüler der Religionsschule zu: im März 1870 besuchten von den 77 schulpflichtigen Kindern der orthodoxen Familien 39 den Religionsunterricht von Rabbiner Dr. Cahn.
  
Die Gründungsmitglieder der zunächst "Religionsgesellschaft" genannten Gruppe waren 1869/70: Abraham Stein (Vorsitzender), Gerson Mayer (gestorben 1870 im Alter von 93 Jahren, siehe Bericht unten), Hofagent Löb, A. Liegmann, Mos. und Jos. Wolf, Jak. und Ad. Strauß, Isak Baer, Abraham Kahn, M. S. Löwenthal, Israel Strauß, M. und S. Baum, Moses Sulzberger, S. Blumenthal, H. Callmann u.a.. 
 
Das schnelle Wachstum der orthodoxen Gruppe zeigte sich auch im Gottesdienst. Während man noch 1869 befürchtete, dass zu den Hohen Feiertagen im Herbst kaum ein orthodoxer Minjan (zehn Männer zum Gottesdienst) zustande kommen würde, war es bereits im Herbst 1870 möglich, täglichen Minjan zu den Morgen- und Abendgebeten in der Synagoge zu haben. Zum Laubhüttenfest (Sukkot) 1870 standen zwölf Laubhütten in Wiesbaden, während es in den Jahren zuvor höchsten zwei in der Stadt gab.     
  
Sehr schnell kam es zu heftigen Spannungen zwischen der immer stärker werdenden orthodoxen Gruppierung und der liberalen Hauptgemeinde unter Rabbiner Dr. Süskind. Die Spannungen erreichten ihren Höhepunkt, als im November 1876 die Orthodoxen entschlossen, gemeinsam aus der Kultusgemeinde auszutreten. Der Austritt war möglich auf Grund eines preußischen Gesetzes zum 28. Juli 1876, betreffend den Austritt aus den jüdischen Synagogengemeinden. Die Kultusgemeinde reagierte scharf: den Ausgetretenen wurde hierauf unter anderem verboten, den Friedhof der Hauptgemeinde für die Beisetzungen aus ihren Familien zu benutzen. Die Orthodoxen bestatteten ihre Toten nun einige Zeit in Wallau, bis 1879 ein eigener orthodoxer Friedhof in Wiesbaden angelegt werden konnte. 
 
Offizielle Anerkennung als jüdische Gemeinde erfuhr die orthodoxe Gruppe 1879 durch ein Dekret des preußischen Königs Wilhelm I. Seitdem nannte sich die orthodoxe Gemeinschaft "Altisraelitische Kultusgemeinde in Wiesbaden". Ihre Statut wurde per Gesetz König Wilhelms am 24. März 1879 genehmigt.   
   
1895 konnte das 25-jährige Bestehen der Gemeinde gefeiert werden (siehe Pressebericht unten). Bereits seit Jahren war für den Bau einer neuen Synagoge gesammelt worden. 1883 hatte u.a. Jakob Israel in Berlin 3000 Mark gestiftet. Wenig später konnte die Synagoge eingeweiht werden; sie wurde 1897 vergrößert und umfassend renoviert.   
   
Ende des 19. Jahrhunderts und im 20. Jahrhundert waren erster Gemeindevorsteher Leopold (Levy) Ackermann (über 30 Jahre Gemeindevorsteher, gest. 1925, siehe Bericht unten). 1920 wird als Vorsteher des Gemeindevorstandes Dr. med. H. Kornblum genannt.  1924/25 waren im Vorstand neben Leopold Ackermann: Jos. Blumenthal, Berthold Kahn, Adolf Plottke, Julius Katz. Die Geschäftsstelle befand sich im Synagogengebäude Friedrichstraße 33. Lehrer der Kultusgemeinde war Herr Heß (beziehungsweise Hes), Schächter (Schochet) war Herr Langermann, Synagogendiener Herr Bastansky. Die unter Leitung von Rabbiner Dr. Kahn stehende Religionsschule der Gemeinde wurde von 22 Kindern besucht, die durch den Rabbiner und Lehrer Heß unterrichtet wurden. 
   
1932
waren die Gemeindevorsteher Rechtsanwalt Dr. M. Sulzberger, F. Goldschmidt und Berthold Kahn,  Als Rabbiner war inzwischen Dr. J. Ansbacher tätig, als Lehrer Herr Grünbaum (Göbenstraße), als Schochet ein Herr Dachs. 70 Kinder erhielten Religionsunterricht durch Rabbiner und den Lehrer. 
    
    
    
    
Übersicht über die Texte aus jüdischen Periodika:  

Aus der Geschichte der orthodoxen Gemeindegruppe / Israelitische Religionsgesellschaft, ab 1879 der "Altisraelitischen Kultusgemeinde" 
-  Nach der Einweihung der Reformsynagoge hat sich eine orthodoxe Separatgemeinde gebildet (1869)   
-  Die orthodoxe Gemeinde wird größer (1870)  
Anerkennung für Rabbiner Dr. Kahn - in der Gemeinde gibt es nun täglich einen orthodoxen Minjan (1870)   
-  Weitere Entwicklung der orthodoxen Religionsgesellschaft - vom "siebenjährigen Krieg" zwischen Reformgemeinde und Religionsgesellschaft (1876)   
-  Die Spannungen zwischen der Israelitischen Kultusgemeinde und der orthodoxen Gruppe entladen sich bei einer Beerdigung (1877) 
-  Der Kaufmann Louis Baer und seine Familie darf trotz Austritts aus der Synagogengemeinde nach richterlicher Entscheidung weiterhin den jüdischen Friedhof besuchen (1877)   
-  Die "Altisraelitische Kultusgemeinde" ist als Synagogengemeinde anerkannt (1879)  
-  Das durch den preußischen König Wilhelm genehmigte Statut der Altisraelitischen Kultusgemeinde in Wiesbaden (1879)   
-  Verschiedenes aus den beiden jüdischen Gemeinden in Wiesbaden (1889)   
-  Auftritt des Oberkantors der früheren Moskauer jüdischen Gemeinde in Wiesbaden (1894) 
25-jähriges Jubiläum der Altisraelitischen Kultusgemeinde (1895)  
Rückblick auf die Feier des Jubiläums der Altisraelitischen Kultusgemeinde (1895)  
Chanukkafeier mit Rabbiner Dr. Kahn im Saal der Loge Plato (1899) 
Vorstandswahlen in der Altisraelitischen Kultusgemeinde (1902)  
Chanukkafeier mit Rabbiner Dr. Kahn im Saal der Loge Plato (1903)  
Sijum-Feier der Altisraelitischen Kultusgemeinde mit Rabbiner Dr. Ansbacher (1931) 
Gemeindeabend der Altisraelitischen Kultusgemeinde mit Vortrag von Rabbiner Dr. Bamberger aus Mainz (1935)     
-  Sijum-Feier mit Rabbiner Dr. Ansbacher (1937)    
Berichte zu den Rabbinern der orthodoxen Partei beziehungsweise der Altisraelitischen Kultusgemeinde in Wiesbaden  
Neue Rabbinatseinteilung sowie Aufteilung der Zuständigkeit zwischen Rabbiner Dr. Höchstätter und Rabbiner Igstädter (Ickstädter) (1843)    
Die Gottesdienste des orthodoxen Rabbiners Ickstädter werden polizeilich verboten (1852)   
-  40-jähriges Amtsjubiläum von Rabbiner Dr. Leo Kahn (1909)  
-  50-jähriges Amtsjubiläum von Rabbiner Dr. Leo Kahn (1920)  
-  Ausschreibung der Stelle eines Rabbinatsassessors (1924)  
-  Übergang des Rabbinates von Rabbiner Dr. Leo Kahn zu Rabbiner Dr. Jonas Ansbacher (1925)  
-  Rabbiner Dr. Kahn ist 60 Jahre in Wiesbaden (1930)  
-  25-jähriges Amtsjubiläum von Rabbiner Dr. Jonas Ansbacher (1931)  
-  Zum 90. Geburtstag von Rabbiner Dr. Leo Kahn (1932)
-  93. Geburtstag von Rabbiner Dr. Leo Kahn (1935)  
-  Zum Tod von Rabbiner Dr. Leo Kahn (1936)  
Berichte zur Geschichte der Lehrer und der weiteren Kultusbeamten der orthodoxen Religionsgesellschaft, ab 1879 Altisraelitischen Kultusgemeinde   
-  Ausschreibungen der Stelle des Kantors und Religionslehrers (1875)   
-  Anzeige von Lehrer und Kantor N. Jaffa (1891) 
-  Ausschreibung der Stelle eines Kultusbeamten (1911) 
-  Einführung von Josef Sulzbacher als Kultusbeamter in der Altisraelitischen Kultusgemeinde (1913)  
-  Ausschreibungen der Stelle des Kantors, Schochet und Lehrers (1922 / 1923 / 1929)  
Berichte zu einzelnen Personen der Altisraelitischen Kultusgemeinde      
-  Zum Tod von Gerson Meyer, Mitglied der orthodoxen Religionsgesellschaft (1870)   
-  Zum Tod des Vorstehers der Altisraelitischen Kultusgemeinde Hajum Rosenthal (1884) 
Adolf Deutsch eröffnet ein Restaurant unter Aufsicht der Frankfurter Israelitischen Religionsgesellschaft (1908) 
Zum Tod von Meyer Sulzberger, Vorstandsmitglied der altisraelitischen Kultusgemeinde (1914)    
-  Zum Tod von Hugo Wolff (1921)  
-  Zum Tod von Schlomo Berstein (Bernstein?) aus Minsk (1922)  
-  Zum Tod von Elchonon Buchbinder (1923)  
-  Beisetzung des langjährigen ersten Gemeindevorsitzenden der Altisraelitischen Kultusgemeinde Leopold Ackermann (1925) 
-  Zum Tod von Mathilde Wreschner geb. Bloch (1927)  
-  Zum Tod von Paul Sulzberger (1929)   
-  Zum Tod von Helene Goldschmidt geb. Wreschner (1936) 
-  Zum Tod von Rechtsanwalt Dr. Meier Sulzberger (1936)  
-  Zum Tod von Adolf Ackermann (1936)  
-  70. Geburtstag von Adolf Deutsch (1937)  

    
    
Aus der Geschichte der orthodoxen Gemeindegruppe (Religionsgesellschaft), ab 1879 der "Altisraelitischen Kultusgemeinde"  
Hinweis: Alle Berichte aus der konservativ-orthodoxen Zeitschrift "Der Israelit" drücken ihre Sympathie mit der orthodoxen Gruppe aus und enthalten gewöhnlich deutliche Kritik an der liberalen Hauptgemeinde der Stadt. 
   
Nach der Einweihung der Reformsynagoge hat sich eine orthodoxe Separatgemeinde gebildet (1869)    
 

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. September 1869: "Wiesbaden, im September. Vor dem Neujahrsfeste wurde die hiesige neuerbaute Pracht-Synagoge unter Orgelklang und Weibersang, mit Festbällen, Theater-Fest-Vorstellungen und Kurhauskonzerten nebst Festessen - unter unzureichender jüdischer Aufsicht von einem nichtjüdischen Restaurant übernommen und ausgeführt - feierlichst eingeweiht.  
Dass aber unsere Kurstadt noch nicht vollständig eine 'verstoßene Stadt' geworden, dafür haben einige, dem Glauben und dem Gesetze der Väter treu anhangenden Familien Sorge getragen, indem dieselben keine Kosten, Mühen und Schwierigkeiten scheuten, um einen, den Anforderungen unserer heiligen Religion entsprechenden Gottesdienst einzurichten. Diese gesetzestreuen Israeliten gedenken eine eigene Gemeinde zu bilden und fürs Erste einen Religionslehrer, Schochet und Chasan zu engagieren. Gott gebe den braven Männern Tatkraft und Ausdauer. 
(hebräisch und deutsch:) Jede im Namen Gottes zusammengetretene Versammlung wird Bestand haben. -  -r."   
 
Wiesbaden Israelit 29121869a.jpg (207323 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Dezember 1869: "Wiesbaden, den 20. Dezember (1869). Wie wir bereits mitgeteilt haben, hat sich hier, durch die im August dieses Jahres eingeweihte Reformsynagoge veranlasst, eine orthodoxe Separat-Gemeinde gebildet. Wenn auch die Zahl der Mitglieder noch klein ist, so tröstet uns doch der Gedanke, dass es Anfangs in Mainz nur 17 und in Frankfurt gar nur elf Familien waren, aus denen die dortigen orthodoxen Religionsgesellschaften zu so reicher und herrlicher Blüte sich entwickelt haben. An Opferfreudigkeit und Opferwilligkeit fehlt es auch den hiesigen gesetzestreuen Israeliten nciht. Dieselben haben bereits ein geräumiges Lokal auf eine Reihe von Jahren gemietet und als Synagoge eingerichtet. Besonders glücklich war die junge Gemeinde in der Akquisition eines Predigers und Religionslehrers in der Person des Herrn Dr. Leo Kahn, welcher am vergangenen Freitag von Berlin aus hier herkam und am Samstag zur größten Befriedigung seiner Hörer die Antrittspredigt hielt. Herr Dr. Kahn ist ein in jeder Beziehung hochgebildeter, junger Mann, der reich an profanen und talmudischen Kenntnissen, mit glänzendem Rednertalente begabt, eine seltene Frömmigkeit und den ernsten Willen, den regesten Eifer besitzt, für Gott und Seine heilige Lehre zu wirken. Schon hat er damit begonnen, eine Religionsschule einzurichten, die bereits 25 Schüler und Schülerinnen besitzt, die aber bald deren eine doppelte Anzahl haben wird. Wie überaus vernachlässigt in unserer die jüdisch-religiösen Verhältnisse sind, davon kann man sich kaum einen Begriff machen. Es existiert hier kein Kind, das im Stande wäre, eines der hebräischen Gebete zu übersetzen; erwachsene Knaben und Mädchen können kaum Hebräisch lesen. Dahin hat es der Gemeinderabbiner nach 25-jähriger Amtstätigkeit gebracht! - Im Laufe der Zeit werden sich fast sämtliche Landgemeinden des Rabbinats Wiesbaden der orthodoxen Religionsgesellschaft anschließen und Herrn Dr. Kahn zu ihrem Rabbinen kreieren. Herr Dr. Kahn ist ein geborener Badenser (aus Sulzburg); er hat in Karlsruhe das Lyzeum absolviert und war dort in den talmudischen Fächern ein Schüler des Herrn Oberrats Altmann; seine Universitätsstudien hat er in Würzburg und Berlin gemacht, woselbst er auch die talmudischen Vorlesungen der Herren Distrikts-Rabbiner Bamberger (in Würzburg) und Stiftsrabbiner Landsberger (in Berlin) frequentierte.    
Auf den orthodoxen Separatgemeinden, die sich jetzt allerorten bilden, beruht die Zukunft des Judentums in denjenigen Städten, deren Judentum sonst ganz und verschwinden würde."         

     
Die orthodoxe Gemeinde wird größer (1870)   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. März 1870: "Wiesbaden, den 13. März (1870). ... 
Die hiesige orthodoxe Gemeinde erstarkt Gott sei Dank von Tag zu Tag. Von den 77 schulpflichtigen Kindern besuchen 39 den Religionsunterricht unseres ebenso gelehrten wie streng-religiösen Rabbiners Dr. L. Cahn, dessen Wirksamkeit bereits eine sehr segensreiche ist. Wenn, so Gott will, im nächsten Sommer so viele Kurgäste zu uns kommen werden, die Jahre lang mit tiefem Schmerz den Verfall der hiesigen israelitischen Gemeinde beobachtet haben, so werden sie sich freuen der Umwandlung, die sich hier unter göttlichem Beistande gegenwärtig vollzieht."         

    
Anerkennung für Rabbiner Dr. Kahn - in der Gemeinde gibt es nun täglich einen orthodoxen Minjan (1870)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. November 1870: "Wiesbaden, 19. Oktober (1870). Am ersten Abende des Sukkotfestes wurde unserem Rabbiner, Herrn Dr. Kahn, als Zeichen der Anerkennung seiner segensreichen Wirksamkeit, ein prachtvoller silberner Pokal überreicht. Herr Gerson Meyer, das älteste Mitglied unserer Gemeinde, ein 92-jähriger Kreis, hielt eine ergreifende Anrede, auf die unser Herr Rabbiner in tiefer Rührung einige Dankesworte sprach.  
In der hiesigen jüdischen Gemeinde hat sich binnen Jahresfrist eine bedeutende Umwandlung vollzogen. Vor wenig mehr als einem Jahre bezweifelte man das Zustandekommen eines orthodoxen Minjan für die ehrfurchtgebietenden Tage (sc. Hohe Feiertage im Herbst), und jetzt ist täglich morgens und abends Minjan; während der hohen Feiertage waren es wohl an hundert Andächtige, die unserem Gottesdienste anwohnten; seit vielen Jahren gab es in Wiesbaden am Hüttenfeste eine, höchstens zwei Sukkot /Laubhütten); dieses Jahr hatten wir deren zwölf. In der Tat, der großartige Umschwung in den hiesigen jüdischen Verhältnissen ist dazu geeignet, allüberall, wo es nötig ist, zu ähnlichem Vorgehen anzueifern. Nirgendwo lag das Judentum hoffnungsloser danieder als hier, und jetzt weht Gott sei Dank ein frischer Lufthauch, durch den das hier seit Jahrzehnten darniederliegende Judentum unter göttliche Beistande in wunderbarer Weise erstarkt."         

 
Weitere Entwicklung der orthodoxen Religionsgesellschaft - vom "siebenjährigen Krieg" zwischen Reformgemeinde und Religionsgesellschaft (1876)       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. November 1876: "Wiesbaden, im Kislew. Seit einigen Wochen herrscht in der hiesigen Gemeinde eine allseitige Erregung der Gemüter, deren Veranlassung wohl verdient, in weiteren Kreisen bekannt zu werden. Schon seit der Publizierung des Gesetzes über den Austritt aus den Synagogengemeinden hat die hiesige Religionsgesellschaft die Eventualität eines gemeinsamen Austritts aus der hiesigen Kultusgemeinde in reifliche Erwägung gezogen, der dann, wie ich Ihnen bereits kurz erwähnte, sich am 2. November vollzogen hat. Das war nun nicht so einfach, wie man nach den klaren Paragraphen des Gesetzes etwa glauben sollte. Diese Paragraphen haben nämlich mit den Blumen in der 'Klage des Ceres' bekanntlich die Eigentümlichkeit gemein, dass sie, halb der Toten, halb der Lebenden Gebiet berühren' und diese erste Hälfte war es, welche hier in Wiesbaden einen Austritt geradezu illusorisch zu machen schien. Hier existiert nämlich ein städtischer Kommunalfriedhof und den Austretenden hätte daher die weitere Benutzung der jüdischen Friedhofs von der Synagogengemeinde untersagte werden können, da der Kommunalfriedhof jeden Toten ohne Unterschied der Konfession beerdigt. Darob herrscht nun ein großer Jubel bei den Pascha's der Synagogengemeinde, da für die Religions-Gesellschaft die Anlegung eines eigenen Friedhofs zur Zeit aus verschiedenen Rücksichten nicht realisierbar war. 'Nun habt ihr das Austrittsgesetz', jubelte die tolerante Reform in allen Tonarten, 'und müsst doch bei uns bleiben'. In anderen Gemeinden hat das Austrittsgesetz den in ihrer Machtstellung    
Wiesbaden Israelit 22111876b.jpg (376393 Byte)gefährdeten Machthabern der Reform einen Dämpfer aufgesetzt, der schwache Gemüter hie und da bereits irre zu führen im Begriff war und noch ist, aber hier in Wiesbaden klammerten sich die Würdenträger des Zwangsystems nur umso zäher an das morsche Gebäude, je mehr sie überzeugt sein mussten, dass dessen Einsturz nur eine Frage der Zeit sei. Das war nun für die Religionsgesellschaft allerdings eine kritische Lage. Die Religionsgesellschaft zu Wiesbaden mit ihrem unermüdlich rastlosen Führer Herrn Rabbiner Dr. Kahn - sein Licht leuchte - hatte durch ihre unablässigen Bemühungen einen sehr hervorragenden mittelbaren Anteil an dem Zustandekommen des Austrittsgesetzes und sollte nun auf diese Weise um die Früchte ihrer vielfachen Bemühungen kommen! Die Gesellschaft wurde nun bei der Regierung vorstellig, wie das jüdische Gesetz ihr die Benützung des Kommunalfriedhofs, und die Synagogengemeinde im Fall eines Austritts die Benützung des jüdischen Friedhofs unmöglich mache. Die Regierung verlangte hierauf rabbinische Gutachten, dass nach jüdischem Gesetze die Beerdigung auf nichtjüdischen Begräbnisplätzen unzulässig sei, diese trafen sofort von den verschiedensten Seiten ein, woraufhin alsbald die Religions-Gesellschaft folgenden Bescheid vom Königlichen Verwaltungsamt erhielt: 
  
Königliches Verwaltungsamt Wiesbaden. Wiesbaden, den 29. Oktober 1876.
In Folge Ihrer Eingabe wegen Benützung des hiesigen israelitischen Totenhofs zur Beerdigung von aus der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde ausgetretenen Juden habe ich mit Königlicher Polizei-Direktion hier verhandelt; der Herr Polizei-Direktor hat hierauf folgende Antwort erteilt: 
Für den Fall, dass durch die in Rede stehenden Streitigkeiten es sich ereignen sollte, dass ein jüdischer Toter über die gesetzlich oder die sanitätspolizeilich zulässige Zeit unbeerdigt bleiben sollte, würde ich mich für befugt erachten, die provisorische Beerdigung auf dem bisherigen israelitischen Totenhof polizeilich zu erzwingen, indem ich aber ausdrücklich die Erklärung abgeben würde, dass hierdurch den bestehenden Rechten in keiner Weise präjudiziert werden kann. Anm.* 
Ich setzte Sie hiervon ergebenst in Kenntnis.  Königliches Verwaltungsamt. Raht, Landrat. 
   

Anm.: In diesem Sinne hat vor ca. 7. Jahren auch die Polizeibehörde in Karlsruhe entschieden, wo die tolerante Reformgemeinde dem verstorbenen Kinde eines kurz zuvor aus dem badischen Judenverbande ausgeschiedenen Mitgliedes der dortigen Religionsgesellschaft die Beerdigung auf dem jüdischen Friedhof versagen wollte. Das Begräbnis wurde von der Polizei aber füglich mit Gewalt erzwungen. - Kurz darauf legte sich die dortige Religionsgesellschaft einen eigenen Friedhof an. 

Als Kuriosum möge noch erwähnt werden, dass die Regierung Herrn Rabbiner Süßkind ebenfalls um ein Gutachten über die Zulässigkeit jüdischer Toten auf nichtjüdischen Friedhöfen zu bestatten dringen ersuchte, bis heute aber eine Antwort nicht erhalten hat. Das war für Herrn Rabbiner Süßkind allerdings eine peinliche Anfrage. Ein der Wahrheit gemäßes Gutachten würde den Bestrebungen der Religionsgesellschaft zugute gekommen sein, und zu sagen, es wäre den Juden gestattet, ihre Leichen auf christlichen Friedhöfen zu beerdigen, ging schon deshalb nicht, weil als vor mehreren Jahren irrtümlicherweise ein jüdisches Mädchen auf dem christlichen Friedhofe eines benachbarten Ortes beerdigt worden war, Herr Rabbiner Süßkind alle Heben bei der Regierung in Bewegung setzte, und es ermöglichte, dass die Leiche ausgegraben und auf dem jüdischen Friedhofe bestattet wurde.  
Im Großen und Ganzen kann man den Herren Potentaten der Zwangsgemeinde nicht das Zeugnis versagen, dass sie mit allem Eifer durch Nörgeleien und Fußängelchen, die Mitglieder der Religionsgesellschaft auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege, zwingen wollten, wenigstens erst nach dem 15. November ihre Trennung von der Alma mater zu erzwingen, um so wenigstens noch für das nächste Jahr den Beitrag der 'verlorenen Söhne' einzuheimsen, was aber, - so gerechtfertigt es auch mit Rücksicht auf den leeren Gemeindesäckel erscheint - an dem eminent praktischen Sinn der Austretenden scheiterte.   
Dass eine Synagogengemeinde, die über 100.000 Gulden Schulden und im Ganzen nur 135 Mitglieder hat, nicht leichten Mutes auf einige 40 Mitglieder der Religionsgesellschaft verzichtet, ist erklärlich, wenn man zumal erwägt, dass bereits außerdem eine nicht unbeträchtliche Anzahl der höchstbesteuerten Gemeindemitglieder, denen Herr Rabbiner Süßkind und seine Institutionen noch viel zu religiös sind, ihren Austritt ebenfalls aus 'religiösen Bedenken' erklärt hat. Die panikartige Bestürzung, die nun in Folge dessen bei den vor einigen Tagen noch allgewaltigen Matadoren der Reformgemeinde Platz gegriffen hat, ist leicht begreiflich. Böse Zungen haben bereits sogar die Eventualität einer Subhastation der goldbekuppelten Orgelsynagoge ernstlich in Erwägung gezogen, was jedoch sicher verfrüht ist.
Tatsache ist, dass die Religionsgesellschaft durch die Austrittserklärung ihrer Mitglieder in    
Wiesbaden Israelit 22111876c.jpg (331600 Byte)eine neue Phase der Entwicklung getreten ist, die zu einigen rückwärts und vorwärts gerichteten orientierenden Blicken auffordert. Dass derartige Orientierungen nicht nur von lokalem, sondern die ganze deutsche Judenheit umfassenden Interesse sind, versteht sich in einer Zeit, in welchem das Gesetz über den Austritt aus den Synagogengemeinden sich allenthalben fühlbar zu machen beginnt, so von selbst, dass eine Besprechung an dieser Stelle einer weiteren Begrünung nicht bedarf.   
Man braucht nicht ein gesetzestreuer Jude, man braucht nur ein vorurteilsfreier, die Freiheit der Gewissen und der Individuen achtender Mensch zu sein, um die Freude zu begreifen, mit welcher die endlich erlangte Selbstständigen die Mitglieder der Religionsgesellschaft erfüllt.  
Wenn einmal eine 'Geschichte der Reform' der staunenden Nachwelt die Mittel und Mittelchen, die Pyrrhussiege und Niederlagen vorführen wird, mit welcher die Reformapostel unter dem Banner des Fortschritts und der Aufklärung der Toleranz und der Friedfertigkeit einen wahren Kreuzzug gegen das überlieferte Judentum und seine Anhänger eröffneten, der vor manchen offenen und geheimen Gewaltakten nicht zurückschreckte, denunzierte, mit Polizeigewalt Synagogen und Lehrhäuser schließen und die Beteiligung an dem Gottesdienst ihrer Mache erzwingen ließ - - - dann würde die Orgelgemeinde Wiesbaden, ihr Vorstand und vor allem Herr Rabbiner Süskind einen der ersten Plätze in diesem Pantheon einnehmen. Die siebenjährige Geschichte der israelitischen Religionsgesellschaft zu Wiesbaden ist ein ununterbrochener siebenjähriger Krieg, gegen einen Fanatismus, der mit einem solch instinktiven Hass jedes jüdische Streben perhorreszierte, dass die Möglichkeit der Existenz einer Religionsgesellschaft die unter einem unerhörten siebenjährigen Druck die Hoffnung auf die Erlangung ihrer Freiheit nicht verlor, geradezu an ein Wunder grenzt. Wir wollen jedoch heute keine Reminiszenzen an all den Hohn und alle Kränkungen wachrufen, die den Gesetzestreuen Wiesbadens und der Landgemeinden vor und während dieses Septennats mit Beihilfe staatlicher Autorität zugefügt wurden, wie der Religionsgesellschaft den Religionsunterricht ihrer Kinder der Inspektion des Reformrabbiners unterstellen und sich die schnödeste Anmaßung und Schikanierungen ihrer Zwingherrn gefallen lassen musste, wir wollen weiter nichts als unsere Freude rechtfertigen, (hebräisch und deutsch:) dass uns Gottes Gnade die Zeit erleben ließ, die uns vom Terrorismus der eigenen Brüder befreite.  
Mag unsere Unterdrücker früher oder später das verschuldete Verhängnis erreichen, es kann uns heute gleichgültig sein. Herr Rabbiner Süskind wird seine gelichtete Herde schon durch biblische Zitate zu überzeugen wissen, dass ein solches Abhängigkeitsverhältnis im jüdischen Kreis dem 'im siebten Jahr entlasse ihn frei von dir' (5. Mose 15,12) schon von Moses Zeiten her mit dem siebenten Jahr ein Ende zu nehmen pflegt, und auf mosaischem Standpunkte steht ja auch Herr Rabbiner Süskind so lang er nicht unbequem ist. Wir wollen daher den Herrn Rabbiner auf seinem Standpunkt ruhig stehen lassen und uns zum Schluss noch an die Religionsgesellschaft mit einigen Worten wenden. 
Ihr und ihren bewährten Führern rufen wir aus tiefbewegter Seele ein sei stark und kräftig zu! Das richtige Verständnis der Lage der Dinge und die daraus erwachsene seltene Einmütigkeit, mit der die ganze Religionsgesellschaft vom Ersten bis zum Letzten ihre Aufgabe begriff und ihr genügte, verdient ganz besondere Anerkennung in einem Augenblick, wo sogar unter den Augen des 'Vaters der israelitischen Religionsgesellschaften' diese allgemeine Klärung der Ansichten sich nur schwer und langsam zu vollziehen scheint, der Religionsgesellschaft zu Wiesbaden bleibt somit das hohe Verdienst, die erste Korporation gewesen zu sein, welche die unter hartem Druck erprobte unwandelbare Überzeugungstreue auch der neuen Gestaltung der Dinge gegenüber bewahrt hat. Dass sie nicht auf halbem Wege stehen, sondern durch unablässigen Ausbau ihrer Institutionen sich fort und fort schöner und größer entwickeln werde, dafür birgt uns der echt jüdische Geist ihrer Mitglieder und besonders ihrer Leiter, die durch die Ereignisse der jüngsten Wochen eine nicht hoch genug anzuschlagende Hebung und Kräftigung erfahren hat, dafür bürgt uns der fürsorgende Gottesschutz, der bis jetzt über dem jungen Gemeindewesen so sichtbar walte, dass wir mit Gottes Hilfe die zuversichtige Hoffnung hegen: bis hierher hat uns dein Erbarmen gebracht und deine Gnade hat uns nicht verlassen...".     

  
Die Spannungen zwischen der jüdischen Gemeinde und der orthodoxen Gruppe entladen sich bei einer Beerdigung (1877)       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. März 1877: "Wiesbaden, 6. März (1877). Heute Vormittag spielte vor dem hiesigen israelitischen Friedhofe eine ärgerliche Szene. Es sollte die Leiche eines verstorbenen Israeliten aus Schierstein beerdigt werden; der Verstorbene gehörte zwar der orthodoxen Richtung an, war aber noch Mitglied der hiesigen Synagogen-Gemeinde, hatte also Anspruch auf Beerdigung in dem genannten Friedhofe. Der hiesige Rabbiner der orthodoxen israelitischen Religionsgesellschaft, Dr. Kahn, sollte die Grabrede halten, und zwar, um jede Veranlassung zu Störungen zu vermeiden, außerhalb des Friedhofs, auf offener Landstraße. Kaum aber war die Leiche vom Toten-Wagen herabgenommen, auf die Bahre gestellt, und Dr. Kahn eben im Begriffe, die Rede zu beginnen, als der Diener der Synagogengemeinde und mehrere Totengräber herbeistürzten, die Bahre mit der Leiche wegnahmen, den Sarg sofort versenkten und auf das Grab Erde schütteten. Die Entrüstung über diesen gewaltsamen Akt war bei der ganzen Leichengesellschaft eine ungeheure; doch wurde der Gewalt keine Gewalt entgegengesetzt, wohl aber begaben sich die Angehörigen auf die königliche Staatsanwaltschaft, um Klage zu erheben. Die Untersuchung ist bereits im Gange."         

  
Der Kaufmann Louis Baer und seine Familie darf trotz Austritts aus der Synagogengemeinde nach richterlicher Entscheidung weiterhin den jüdischen Friedhof besuchen (1877)  
Anmerkung: In den 1870er-Jahren versuchte die Israelitische Kultusgemeinde - wie auch in dem vorigen Bericht deutlich wurde (s.o.) - massiven Druck auf diejenigen auszuüben, die aus der Gemeinde ausgetreten waren und sich in einer orthodoxen Gemeinde (später "Altisraelitische Kultusgemeinde") zusammenschließen wollten.   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Juli 1877: "Wiesbaden, 15. Juli (1877). Der Kaufmann Louis Baer dahier führte bekanntlich seit mehreren Monaten bei den Staatsbehörden Beschwerde darüber, dass ihm und seinen Geschwistern nach dem Austritt aus der hiesigen Synagogengemeinde seitens der Vorsteher dieser letzteren der Zutritt zu dem Begräbnisplatz der Synagogengemeinde, insbesondere der Besuch und die Ausschmückung der Grabstätte ihres verstorbenen Vaters verweigert werde. Da nirgends Hilfe gewährt wurde, wandte er sich an das Ministerium in Berlin, und nun ist von diesem der Bescheid ergangen, dass die Beschwerde nicht für unbegründet zu erachten sei, da durch den Austritt aus der Synagogengemeinde dem Ausgetretenen nur das Recht zu Beerdigung von Leichen verloren gehe, nicht aber die Befugnis zum Besuche und zur Ausschmückung von Gräbern, welche bereits rechtmäßiger Weise bestünden. Die hiesige Regierung ist dementsprechend angewiesen worden, den Baer's polizeilichen Schutz, sofern noch nötig, angedeihen zu lassen. Hiermit ist ein Streit-Gegenstand auf eine Weise erledigt, der bei allen Konfessionen, ausgenommen bei einigen wenigen Personen, Befriedigung erregt."      

   
Die "Altisraelitische Kultusgemeinde" ist als Synagogengemeinde anerkannt (1879)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Mai 1879: "Wiesbaden, 4. Mai (1879). Der hiesigen orthodoxen israelitischen Religionsgesellschaft, deren Mitglieder aus der israelitischen Gemeinde ausgeschieden, sind die Rechte einer Synagogengemeinde (Korporations-Rechte) verliegen worden. Dieselbe führt von nun an den Namen "Altisraelitische Kultusgemeinde zu Wiesbaden".         

   
Das durch den preußischen König Wilhelm genehmigte Statut der Altisraelitischen Kultusgemeinde in Wiesbaden (1879)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Mai 1879: "Die altisraelitische Kultusgemeinde in Wiesbaden
Mainz, 8. Mai (1879). Wir haben bereits in voriger Nummer mitgeteilt, dass die erste israelitische Gemeinde auf Grund des Austrittsgesetzes sich in Wiesbaden konstituiert. Die Nr. 17 der Gesetzsammlung für die Königlichen Preußischen Staaten enthält darüber Folgendes: 
Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden König von Preußen etc. verordnen auf Grund des § 8 des Gesetzes vom 28. Juli 1876, betreffend den Austritt aus den jüdischen Synagogengemeinden, (Gesetz-Sammlung S. 353) was folgt:  
Nachdem verschiedene, auf Grund des Gesetzes vom 28. Juli 1876 aus der israelitischen Kultusgemeinde zu Wiesbaden ausgetretene Juden sich behufs dauernder Einrichtung eines besonderen Gottesdienstes unter dem Namen 'altisraelitische Kultusgemeinde in Wiesbaden' vereinigt und ein Statut der letzteren beschlossen haben, werden dieser Vereinigung, unter Genehmigung des Status in der aus der Anlage ersichtlichen Fassung, die Rechte einer Synagogengemeinde mit der Maßgabe beigelegt, dass dadurch der Bezirk der in Wiesbaden bereits bestehenden israelitischen Kultusgemeinde eine Abänderung nicht erleidet.
Gegeben Berlin, den 24. März 1879. (L.S.)  Wilhelm.
Leonhardt.  Falk.  Gr. zu Eulenburg. 
Die Anlage enthält das Statut, aus dem wir die wichtigsten Paragraphen hier mitteilen. 
§ 1. Die auf Grund des Gesetztes vom 28. Juli 1876 aus der israelitischen Kultusgemeinde in Wiesbaden aus religiösen Bedenken ausgetretenen und in der gerichtlichen Verhandlung vom 28. und 31. Oktober und 8. November 1878 zu Wiesbaden namhaft gemachten Personen vereinigen sich nach Maßgabe des § 8 desselben Gesetzes zu einer Synagogengemeinde unter dem Namen 'altisraelitische Kultusgemeinde'. 
Der Zweck dieser Gemeinde ist, das jüdische           
Wiesbaden Israelit 14051879b.jpg (346028 Byte) Religionsgesetz, wie dasselbe in der mündlichen und schriftlichen Lehre enthalten und in den rabbinisches Codices (Schulchan Aruch, der geordnete, gedeckte Tisch, Handbuch der Ritualgesetze) kodifiziert ist, sich zu erhalten und danach den Gottesdienst und das gesamte religiöse Leben dauernd einzurichten. 
Ihren Sitz und Gerichtsstand hat die altisraelitische Kultusgemeinde in der Stadt Wiesbaden.   
§ 2. Zur Erreichung des in § 1 Abs. 2 angegebenen Zweckes hat die Kultusgemeinde alle einer jüdischen Synagogengemeinde notwendigen Institutionen ins Leben gerufen, und zwar: 
a) die Synagoge b) die Religionsschule, c) die Schechitah (Einrichtung für das rituelle Schlachten), d) das rituelle Bad, 3) das Begräbniswesen, f) die Wohltätigkeitsanstalten, g) das Rabbinat.   
§ 3 behandelt das Vermögen und das Einkommen der Gemeinde.   
§ 4. Alle der Synagogengemeinde (israelitische Kultusgemeinde) ihres Wohnorts als Mitglieder nicht angehörenden Juden, mit Ausnahme der in § 5 bezeichneten, können Mitglieder der altisraelitischen Kultusgemeinde werden. 
Die Aufnahme geschieht durch die schriftliche Erklärung des Vorstandes und Beschluss desselben, dass dem bezüglichen, schriftlich einzubringenden Meldungsgesuche zugestimmt wird. Mit dieser Erklärung ist die Zustellung eines gedruckten Statut-Exemplars an den Antragsteller zu verbinden.  
§ 5. Als Mitglied kann nicht aufgenommen werden: 
a) wer - dem Religionsgesetze entgegen - nicht in dem Bund Abrahams (Beschneidung) aufgenommen ist, oder seinen Sohn darin nicht aufnehmen lässt, 
b) wer in einer vom Religionsgesetz verbotenen Ehe lebt, oder wer nach Vollzug der Ziviltrauung nicht auch die Trauung nach dem Religionsgesetze und religiösem Ritus vornehmen lässt,  
§ 6. Die Höhe des Jahresbeitrages bestimmt sich jedes Mitglied selber nach Verhältnis seines Vermögens und im Verhältnis zur Höhe des Jahresbudgets.  
Für Aufbringung dieses haften alle Mitglieder unter solidarisches Haftbarkeit.   
Die §§ 7-17 bestimmen die Verwaltung, die Wahlen etc.   
§ 18. In den Vorstand, sowie zur Bekleidung irgend eines Amtes in der Gemeinde können nur solche Personen gewählt werden, deren religiöses Leben und Wirken im Einklang steht mit dem § 1 Abs. 2 bestimmten Zweck der Gemeinde.   
Zur Gültigkeit aller in der Gemeinde gefassten Beschlüsse ist notwendig, dass sie sich innerhalb der im § 1 Abs. 2 gegebenen Grenzen bewegen. 
Die Anstellung des Kantors und Religionslehrers, sowie des Schächters soll mit Gutheißung des Rabbiners vollzogen werden.   
§ 19. Dem Rabbiner ist die Sorge für die Erkenntnis und Erfüllung des Religionsgesetzes innerhalb der Gemeinde anvertraut und hat er die Kenntnis derselben durch Predigt und Lehrvortrag, durch Leitung und Überwachung des Religionsunterrichts zu pflegen.  
Er überwacht die Liturgie, betet alle Gebete vor für das Wohl Seiner Majestät des Kaisers und Königs, des Kaiserlich Königlichen Hauses, der Staatsregierung etc. und leitet persönlich den Gottesdienst bei jeder Nationalfeier.  
Er überwacht alle Institutionen der Gemeinde und sorgt für die pünktliche Handhabung der religionsgesetzlichen Vorschriften in derselben.  
Er vollzieht die religiösen Akte (religiöse Trauungen etc.) und entscheidet über alle kasuellen Anfragen der einzelnen Mitglieder wie der Gesamtheit.  
Die Autorität des Rabbiners ist durch das Religionsgesetz begrenzt und hat sein Wort und sein Wirken nur Geltung, wenn es mit den Bestimmungen desselben im Einklange befindet.  
§ 20. Als Rabbiner darf nur eine solche Persönlichkeit berufen werden, welche sich über gediegene Ausbildung in den weltlichen Wissenschaften und jüdischen Religionswissenschaften, namentlich in den talmudisch-rabbinischen Fächern (Schass und Poskim, Talmud und seine Erklärer), sowie über die Befähigung zum Amte eines Predigers auszuweisen vermag.   
Er muss im Besitze eines Rabbinatsdiploms (Hatoras Horoho, wörtlich: die Erlaubnis zu lehren) sein, aus der Hand einer solchen rabbinischen Autorität, von welcher die Gemeinde die Überzeugung gewonnen, dass sie auf gleichen religiösen Prinzipien steht. Auf der Vergangenheit des anzustellenden Rabbiners dürfen weder moralische oder religiöse, noch politische Makel haften.  
§ 21. Änderungen der Statuten sind von der Zustimmung des Oberpräsidenten der Proivinz Hessen-Nassau abhängig. Der Zweck jedoch (cfr. § 1 Abs. 2) ist unabänderlich (cfr. § 18)."   

   
Verschiedenes aus den beiden jüdischen Gemeinden in Wiesbaden (1889)  
Anmerkung: der Bericht ist aus orthodoxer Sicht geschrieben - mit kritischen Anmerkungen gegenüber der liberalen Synagoge, daher wird er auf der Seite zur Altisraelitischen Kultusgemeinde  eingestellt.    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Dezember 1889: "Aus Wiesbaden wird in Bezug auf die verflossenen hohen jüdischen Feiertage von einem Soldaten dem 'Israelitischen Volksblatt' das Nachfolgende geschrieben: 
'Und so wären sie denn vorüber - die Tage, die manchen so furchtbar dünken und von denen er spricht: sie gefallen mir nicht. So ganz haben sie diesmal auch Ihrem Korrespondenten nicht gefallen, wenn während die Gläubigen durch Gebet und Kasteiung sich auf die hohen Festtage vorbereiteten, stolzierte er in dem bekannten zwiefarbigen Tuche, in den bekannten zwiefachen Schrittmaßen auf den anmutigen Exerzierplätzen und sonstigen Gefilden Wiesbadens einher. - Soldatentum und hohe Festtagsstimmung wollen sich nicht recht vertragen. Während der Prophet den Reuigen darstellt unter dem Bilde des Rohres, welches das Haupt sinken lässt, muss der Soldat auch an diesen Tagen den Kopf hoch tragen, als ob ihm - nach einer Kraftprobe unteroffizierlichen Gedankenschwunges geredet - ein ganzer Thaler die Tasche beschwerte. Indessen fühlt such der raue Kriegsmann an diesem Tage das Bedürfnis, Frieden mit seinem Gotte und seinem Bekenntnisse an geweihter Stätte zu schließen. Dass dies Ihrem Korrespondenten und seinen '*Mitkämpfern' ermöglicht wurde, ist lediglich dem Rabbiner der orthodoxen Gemeinde zu Wiesbaden, Herrn Dr. Kahn zu danken. Mit wärmstem Eifer und regester Energie trat der ehrwürdige Herr zu         
Wiesbaden Israelit 02121889c.jpg (200513 Byte)wiederholten Malen für unser religiöses Interesse ein, und seine verdienstlichen Bemühungen waren von Erfolg begleitet. Wer sich auch nicht zur Orthodoxie bekennen mag, muss Hochachtung vor der Opferwilligkeit und Festigkeit gewinnen, mit welcher jene Kreise ihre Überzeugungen vertreten. Diese Prinzipientreue findet auch in gläubigen christlichen Kreisen die vollste Anerkennung. So sprach der Kommandeur des 30. Regimentes Herrn Dr. Kahn seinen Dank für den im religiösen Interesse der jüdischen Soldaten entfalteten Eifer aus. Den reichsten Lohn für sein rastloses Walten findet Herr Dr. Kahn sicherlich in der treuen Anhänglichkeit seiner Gemeinde, die ihm geradezu außerordentliche Verehrung entgegenbringt. - Vom Rabbiner auf Gemeinde und Synagoge zu kommen, ist ganz natürlich, und so wollen wir denn der letzteren Faktoren auch mit einigen Worten gedenken. Wir haben schon angedeutet, dass in Wiesbaden zwei jüdische Gemeinden nebeneinander bestehen. Beide besitzen herrliche Gotteshäuser; schade nur, dass in der großen Synagoge so manches Wort 'in leere Luft gehaucht' wird. Selbst an den hohen Feiertagen war sie keineswegs überfüllt, was man bei der ansehnlichen Seelenzahl jüdischer Bewohner Wiesbadens hätte erwarten können. An dem Laubhüttenfeste starrte uns selbst am Tage der Gesetzesfreude eine 'gähnende Leere' entgegen.   
Die Reform-Synagoge besitzt einen vorzüglichen Chor, bestehend aus jungen Damen und Herren der Gemeinde, eine herrliche Orgel, eine glanzvolle äußere und innere Einrichtung; aber nur eine geringe Schar - von ständigen Besuchern. Anders verhält es sich mit der Synagoge der orthodoxen Gemeinde; sie besitzt ihr Stammpublikum, das bei jedem Gottesdienste die Räume füllt. Der Gottesdienst bewegt sich hier noch vollständig in den alten Formen. Wir müssen gestehen, diejenigen des Simchat Thora, an welchem Mädchen und Knaben mit Fahnen und ähnlichen Gegenständen die geweihten Räume ziemlich geräuschvoll durchzogen, scheinen uns sogar etwas - veraltet. Und wenn die Redensart 'man muss den Kindern auch ihr Vergnügen lassen', von uns nicht angefochten werden soll, so glauben wir doch, dass dieses 'Vergnügen' besser an anderer Stätte von Stapel gelassen würde. Indes der Geschmack ist verschieden. Und so nehmen wir mit diesem kleinen Nachtrag zu den Festtagen für heute von den Lesern unter dem Wunsche Abschied, dass sie das begonnene Jahr recht glücklich zu Ende führen mögen. (A.)'".   

   
Auftritt des Oberkantors der früheren Moskauer jüdischen Gemeinde in Wiesbaden (1894)   
Anmerkung: da der Bericht in der Zeitschrift "Der Israelit" erfolgt, war der Auftritt des Oberkantors Bade sehr wahrscheinlich in der Synagoge der Altisraelitischen Kultusgemeinde.     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. November 1894: "Wiesbaden, 6. November (1894). An den jüngst verflossenen hohen Feiertagen hatten wir den besonderen Genuss, den Oberkantor der früheren Moskauer Gemeinde einige Gebete vortragen zu hören. Dieser äußerst würdige Herr wurde vor 2 Jahren, als man sämtliche Juden aus der Hauptstadt vertrieb und die prachtvolle neue Synagoge geschlossen werden musste, mit ausgewiesen. Herr Bade, so heißt der Chasan, hatte in Moskau eine vorzügliche Position. Er bezog ein Gehalt von 3.000 Rubel, für seinen Knabenchor wurden allein 300 Rubel per Monat ausgegeben.  
Nun ist alles vorüber und der arme Mann, dessen gespartes Vermögen bei der plötzlichen Ausweisung verloren ging, muss nun von Stadt zu Stadt und von Ort zu Ort ziehen, zu alt, um sich eine neue Existenz zu begründen, auf die milden Gaben seiner Glaubensgenossen angewiesen. Als er hier mit fast Tränen erstickter Stimme die Bitte ... zum Himmel empor sandte, da war kein Auge tränenleer und eine tiefe Ergriffenheit bemächtigte sich der Andächtigen. Auch während der diesjährigen Feiertage trat eine Milderung in den Maßnahmen gegen die Moskauer Juden nicht ein. Minjamin zu veranstalten war auf das Strengste verboten. Das Einzige, was gestattet war, war dasjenige in der Privatsynagoge Poljakoffs, in welcher von den Kaufleuten erster Gilde, die noch in Moskau wohnen dürfen, einzelne Plätze bis zu 300 Rubel bezahlt wurden. Eine Anzahl unserer Glaubensgenossen versuchte am Jom Kippur einen Gottesdienst in dem nahegelegenen Walde zu veranstalten, doch wurde ihr Unternehmen vereitelt, da sie noch rechtzeitig in Erfahrung brachten, dass die Polizei davon Kenntnis erhielt.  
Die bereits in den Wald gebrachten Torarollen wurden in den Gebüschen versteckt und als die Polizisten am heiligen Tage an der ihnen bezeichneten Stelle im Wald erschienen, fand sie niemanden vor.   
Viele unserer Glaubensgenossen von Moskau fuhren extra nach Warschau oder Odessa, um während der Feiertage an einem gemeinschaftlichen Gottesdienste teilnehmen zu können. Großfürst Sergei hat auch während der Krankheit des Zaren seine Gesinnung gegen die Juden nicht geändert. Ein in Moskau lebender, bedeutender jüdischer Künstler war beauftragt, im Schlosse des Großfürsten den Plafond mit Malereien zu versehen. Als der Großfürst nach den Fortschritten der Arbeit sah, und er seine hohe Befriedigung über dieselbe ausdrückte, wurde ihm bei dieser Gelegenheit der Künstler vorgestellt. Als der Großfürst sich bei ihm erkundigte, wie viel Zeit wohl noch bis auf die Fertigstellung der Arbeit hingehen könne, antwortete der Künstler: 'Kaiserliche Hoheit, ich kann es nicht genau bestimmen, aber in einigen Wochen muss ich laut Ausweisungsbefehl diese Stadt verlassen.'  
'Dann spute Dich so viel wie möglich', sprach's und wandte ihm den Rücken."         

 
25-jähriges Jubiläum der Altisraelitischen Kultusgemeinde (1895)    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Januar 1895: "Zum Jubiläum der Alt-Israelitischen Kultus-Gemeinde in Wiesbaden zugleich Amts-Jubiläum ihres Rabbiners Dr. L. Kahn.  
Fünfundzwanzig Jahre sind vorüber. Es ist behauptet worden, dass innerhalb derselben die äußere Stellung des Judentums keine Förderung erfahren hat. Dagegen können wir mit stolzer Befriedigung konstatieren, dass das letzte Vierteljahrhundert eine wesentliche innere Erstarkung und Festigung unserer heiligen Religion im Gefolge hatte, dass das religiöse Leben in Schule und Gemeinde, sich einer Kräftigung erfreuen durfte, die vor 3 Jahrzehnten für schier unmöglich gehalten wurde. S
chien doch damals - dank der Tätigkeit gewisser Herren - gar manchem Reformer die Zeit für gar nicht mehr fernliegend, wo der letzte tefillin-legende Jude sich als ein Schaustück auf Jahrmärkten zeigen konnte. Die Hoffnung der reformistischen Weltbeglücker sollte sich jedoch nicht erfüllen. Je mehr man das althergebrachte, einzig-echte und unverfälschte Judentum zu unterdrücken suchte - und dies durch Mittel,. die gerade nicht immer legal waren, - desto eifriger wurde von den dem Alten treugebliebenen Glaubensgenossen, die Mittel und Wege erwogen, die zur Konservierung des Traditionellen geeignet waren . - Mit seltener Opferwilligkeit wurden von ihnen separate Synagogen gegründet, neue Religionsschulen eingerichtet und die verschiedenen Einrichtungen neu instituiert, welche von einem echt jüdischen Gemeindewesen unzertrennlich sind. Die Reformer aber, welche in diesen orthodoxen Separat-Institutionen das Ziel gefährdet sahen, welches sie mit der Reformierung der Gemeinde erstrebt hatten, bemühten sich nun auch diese mit großen Opfer gegründeten Separat-Institutionen unter ihren nivellierenden Einfluss zu bringen. Sie suchten die Benutzung dieser neu gegründeten orthodoxen Einrichtungen zu verhindern, oder doch zu erschweren. Erst das sogenannte 'Austrittsgesetz' vom Jahre 1876 entzog die orthodoxen Separatgemeinden dem unheilvollen Einfluss ihrer reformwütigen Bedränger.   
Die erste preußische Gemeinde, welche unter dem Druck der Verhältnisse von diesem Austrittsgesetz Gebrauch machte, ist diejenige, deren fünfundzwanzigjähriges Jubiläum diese Zeilen gewidmet sind. Dem hochverdienten Jubilar aber, der als der geistliche Hüter dieser Gemeinde fungiert, verdanken wir nicht zum Wenigsten das Zustandekommen des qu. Gesetzes, welches eine Existenzfrage für das orthodoxe Judentum bildete, und welches auf die Wiedererstarkung des gesetzestreuen Judentums von so hervorragender Wirkung sein sollte.  Die kühle Erde deckt den größten Teil jener Wackeren, die auf Veranlassung des heimgegangenen Begründers dieser Blätter sich zusammen schlossen, um den reformierenden Absichten des damaligen Wiesbadener Bezirksrabbiners entgegenzutreten. Nur wenige Personen waren es, die den Grundstein zu dem großen Gotteswerke legten: die Herren Abraham Stein, Vorsitzender, Gerson Mayer, Hofagent Löb, A. Liegmann, Mos. und Jos. Wolf, Jak. und Ad. Strauß, Isak Baer, Abr. Kahn  - Friede sei mit ihnen, und - um zu unterscheiden zwischen den Lebenden und den Toten, die Herren M. S. Löwenthal, Isr. Strauß, M. und S. Baum, Mos. Sulzberger, S. Blumenthal, H. Callmann u.a. Als ihren Führer beriefen diese Herren: Herrn Rabbiner Dr. Kahn, der, nachdem er lange Jahre zu Füßen des heimgegangenen Oberrat Altmann - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - und des seligen 'Würzburger Raws' - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - gesessen hatte, zur Zeit bei Herrn Rabbiner Dr. Israeli Hildesheimer - Gott vermehre seine Tage und seine Jahre und bei den nun ebenfalls hingeschiedenen Rabbinatsassessoren Michael Landsberg und Elchanan Rosenberg sein talmudisches Wissen erweiterte.  
Der ausgesetzte Anfangsgehalt für den Rabbiner konnte freilich nur wenige hundert Gulden betragen. Wer aber bedenkt, dass die paar Leute, die seinerzeit die altgläubige Gemeinde bildeten, nicht nur für die gesamten Kosten eines selbstständigen Kultus aufzukommen hatten, sondern auch noch ihren pekuniären Verpflichtungen gegen die Reformgemeinde nachkommen mussten, dem gelten diese paar 100 Gulden als ein ebenso glänzender Beleg für den Opfersinn der kleinen Gemeinde, wie für die Selbstverleugnung ihres Rabbiners. - Dr. Kahn suchte nicht, wie so mancher Kollege vor und nach ihm unter Opferung seiner Überzeugung durch eine fette Pfründe sich ein Äquivalent zu verschaffen für die gehabten Opfer an Zeit und Geld eines jahrzehntelangen Studiums. Als Vorbild eines echten Raw im alten Sinne, galt es ihm in erster Linie Heiligtum Gottes zu sein und nie, wie wir nebenbei bemerken wollen, während seiner langen Amtsdauer hat er die Gehaltsfrage zum Gegenstand einer Erörterung gemacht.  Neben den gediegenen talmudischen und profanen      
Wiesbaden Israelit 10011895b.jpg (399277 Byte)  Kenntnissen des jungen Rabbinen, neben seinem edlen, innig religiösen Charakter und seiner bedeutenden oratorischen Kraft war es hauptsächlich die glänzend erprobte pädagogische Tüchtigkeit, die seinerzeit bei der Wahl Kahn's ausschlaggebend war.   
Galt es doch vor allen Dingen den so arg darniederliegenden Religionsunterricht zu heben. Wochen und Monate lang hatte in Wiesbaden jeder geregelt Unterricht gefehlt. Man hatte in gewissen Kreisen ganz richtig kalkuliert, dass da, wo Tora ist, die Reform keinen Eingang finden kann, da 'der kleinste Knabe mit den Mischnajis in der Hand den Spitzfindigkeiten des größten Reformrabbiners entgegenzutreten vermag'. Mit Eifer und Fleiß ging Herr Dr. Kahn ans Werk, und was er in diesen 25 Jahren für die jüdische Schule geleistet, wie er es verstanden hat, die unverfälschten Ideen des väterlichen Vermächtnisses in die Herzen seiner Schüler zu träufeln, das bekunden uns jene Hunderte und Aberhunderte seiner Schüler, die heute zum Teil einen integrierenden Bestandteil der Gemeinde bilden, zum Teil in den verschiedensten Weltgegenden im Sinne ihres hochverehrten Lehrers wirken. Auch zahlreiche Mitglieder der Reformgemeinde vertrauten ihre Kinder der orthodoxen Schule an, was ebenso das Zutrauen, das man dem jungen Rabbiner entgegenbrachte, bezeugt, wie es für die erfreuliche Tatsache spricht, dass selbst in den Kreisen der Wiesbadener Judenschaft, die äußerlich nicht mehr mit dem angestammten Glauben verbunden schienen, der Sinn für die hehren Ideen unserer heiligen Lehre noch nicht ganz ausgestorben war. - Dem Wiesbadener Reformrabbiner war diese orthodoxe Schule ein Dorn im Auge. Sich auf das nassauische Gesetz berufend, das dem Bezirksrabbiner das Recht der Religionsinspektion zusteht, suchte er die Schule des 'Privatlehrers Leo Kahn', wie er den Jubilar in seinen Zuschriften an die Regierung titulierte) unter seinen reformierenden Einfluss zu bringen. Herr Dr. Kahn erfuhr aber von den Süßkind'schen Eingaben und erlangte Sistierung der durch den Reformrabbiner eingeführten Schulinspektion.  
Aber nicht allein gegen die Schule, sondern auch gegen die anderen Institutionen suchte man von reformrabbinatlicher Seite anzustürmen, wie denn überhaupt die ersten Jahre der Kahn'schen Tätigkeit einer fortgesetzten Reihe erbitterter Kämpfe ausgesetzt waren. Um die orthodoxe Sache zu diskreditieren, wurde in öffentlichen Blättern der Schochet der jungen Genossenschaft verdächtigt und verleumdet. Aus der Flut von Zeitungsstimmen, welche seinerzeit zu diesen Denunziationen Stellung nahmen und welche sonst ausnahmslos die traurigen Machinationen beleuchten, die sich die Reform ehemals gegen die Orthodoxie gestattete, wollen wir hier nur zweier Äußerungen kurz gedenken. Da diese beiden Äußerungen die einzigen, christlichen Ursprungs sind, geben sie Kunde, wie das kleine orthodoxe Gemeindewesen in der kurzen Zeit seines Bestehens es verstanden hatte, bei der christlichen Mitwelt die lebhaftesten Sympathien zu erobern, während die blinde Verfolgungswut der Reform trotz des liberalen Mäntelchens bei der nichtjüdischen Mitwelt sich von Tag zu Tag verächtlicher machte.   
Auf die von reformrabbinatlicher Seite ausgegangenen Denunziationen gegen den orthodoxen Schauchet hin erklärten nämlich fast sämtliche Metzger Wiesbaden (die rituelles Fleisch führten), 'dass sie gerade in der Ächtung des qu. Schauchet von Seiten des Reformrabbiners die beste Gewähr für die Vertrauenswürdigkeit desselben sähen', und ein heute noch lebender bekannter Satiriker benutzte den Vorfall, um seine Lauge des ätzendsten Spottes über den verfolgungssüchtigen Reformrabbiner zu gießen. 
 Auch die sämtlichen rabbinatlichen Funktionen des jungen orthodoxen Rabbiners sollten von der Gegenseite soviel als möglich gehindert werden, und wenn die Regierung auf die ihr zahlreich zur Verfügung gestellten Pläne zur Unterdrückung der orthodoxen Sache, sowie auf die Pläne, welche die Rabbinen der orthodoxen Separatgemeinden in der Ausübung ihrer rabbinatlichen Funktion hindern sollte, nicht einging, so ist die Schule daran in keiner Weise den damaligen Organen der Reform zuzuschreiben.   
Das Austrittsgesetz, welches die orthodoxen Gemeinden der Bevormundung der Reformrabbiner entzog und an dessen Zustandekommen, wie erwähnt, Herr Dr. Kahn tätigsten Anteil hat, machte endlich den jahrelangen Bedrückungen und Quälereien ein Ende, mit denen die Reform von damals die orthodoxen Rabbinen und ihre Gemeinden, Schulen und Einrichtungen zu unterdrücken suchte.  
Nachdem durch dieses Gesetz die äußere Stellung des jungen Wiesbadener Gemeinwesens gesichert war, galt es die Festigung des inneren Ausbaues.  'Durch den Austritt' war die Beschaffung eines neuen Begräbnisplatzes notwendig geworden. 
Die stets wachsende Mitgliederzahl machte den Bau eines neuen Gotteshauses notwendig und mit des Himmels Hilfe gelang es beiden Bedürfnissen in vorzüglicher Weise Rechnung zu tragen.  
Was den Bau der Synagoge betrifft, die für die Gemeinde eine Existenzfrage bildete, so hatte Herr Dr. Kahn mit bekannter Selbstverleugnung sich persönlich den Mühen und Beschwerlichkeiten einer großen Kollektenreise unterzogen. der beredten Bitte des gefeierten Rabbinen konnte keine    
Wiesbaden Israelit 10011895c.jpg (278074 Byte)Hand so leicht widerstehen und in nicht zu langer Zeit stand ein Gotteshaus da, dessen zweckmäßige und architektonisch schöne Einrichtung ein leuchtendes Beispiel für jüdische Opferwilligkeit bietet. 
Die Fürsorge des Jubilars erstreckt sich nicht nur auf die religiösen Interessen seiner Gemeinde, überall, wo es die hehren Güter unserer heiligen Wahrheit gilt, steht Rabbiner Dr. Kahn mit in der ersten Reihe.  
Besonders ist es die religiöse Wohlfahrt derjenigen Glaubensgenossen, welche sich bei der Fahne befinden, sie sich Herr Dr. Kahn angelegen sein lässt. Die rituelle Verköstigung derselben, ihre Dienstbefreiung an den jüdischen Festtagen etc. sind der rastlosen Tätigkeit des Jubilars zu verdanken. Die Militärverwaltung, welche wiederholt Gelegenheit nahm, dem Herrn Rabbiner für seine rastlose Tätigkeit im Interesse eines integrierenden Teil des Garnison zu danken, hat in Würdigung dieser Tätigkeit Herrn Dr. Kahn mit den Vorbereitungen zu dem Diensteide der jüdischen Rekruten betraut.
Der Umstand, dass bei aller Festigkeit der religiösen Überzeugung Herr Dr. Kahn trotz der erbittertsten Kämpfe, welche die erste Zeit seiner Tätigkeit begleiteten, sich niemals zu leidenschaftlichen Handlungen und Äußerungen verleiten ließ, seine bezwingende, weit und breit bekannte Herzensgüte, die Toleranz und Friedfertigkeit der Gesinnung haben ihm auch in den Kreisen der religiösen Gegner die höchste Zuneigung errungen. Diese Toleranz der Gesinnung, welche selbst dem Verblendetsten die Augen eröffnen musste, ob dem Märchen von der 'fanatischen Orthodoxie' hat der gesetzestreuen Sache mehr genützt, als mancher ahnen wird.   
Wir haben versucht, einen knappen Überblick über die Entwicklungsgeschichte der Gemeinde zu geben, deren Jubiläumsfeier am künftigen Sabbat wajehi begangen wird, versucht auf die unsterblichen Verdienste ihres genialen Leiters hinzuweisen. Möge der Erfolg der Wiesbadener Separatgemeinde alle die zum ungesäumten Handeln ermuntern, die auch in ihrer Mitte die angestammte Lehrer gefährdet sehen. 
Diejenigen, welche Gesundheit, Zeit und Geld in die Schanze schlugen für die Ehre der Tora und heute zum großen Teile unter dem grünen Rasen schlummern; sie werden den himmlischen Lohn finden, dass sie ihre Kräfte in den Dienst der heiligen Sache gestellt. Der Wiesbadener altisraelitischen Gemeinde aber, und ihrem wackeren Vorstand rufen wir ein kräftiges sei stark und kräftig zu. Mögen sie nie das hohe Ziel aus den Augen verlieren, für das ihre Gründer unter Hinansetzung ihres persönlichen Ichs gekämpft, gestritten und gelitten. Möge jedem Einzelnen stets dieses hohe Ziel der gemeinsamen Sache vor Augen schweben und möge im Hinblick auf dieses Ziel nie und nimmer kleinliche Zänkereien in der Gemeinde Eingang finden, wie sie leider so oft in jüdischen Gemeinden zu finden sind.   
Und schließlich noch ein Wort an den ehrwürdigen Jubilar. Eine bei früherer Gelegenheit von ihm kundgegebene Bitte 'von jeder Referierung über seine Tätigkeit abzusehen', hat uns bestimmt, nur das von seinem verdienstvollen Wirken hervorzuheben, was mit dem Jubiläumsbericht der Gemeinde in untrennbaren Konnex steht; dagegen von den zahllosen Verdiensten des Jubilars um das Gesamtwohl zu schweigen. Er aber, der über den Wolken thront, der sich erinnert an den Taten der Welt (oder der Ewigkeit), er wird dieser Verdienst gedenken. Möge Er den wackeren Gottesstreiter seiner Gemeinde und dem ganzen Judentum noch lange lange ungezählte Jahre erhalten, und ihn in ungestörter Gesundheit und in ungetrübtem Glücke die 50. Wiederkehr des Gedenktages erleben lassen!"    

  
Rückblick auf die Feier des Jubiläums der Altisraelitischen Kultusgemeinde (1895)       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Januar 1895: "Wiesbaden, 13. Januar (1896). Die Feier des Jubiläums der altisraelitischen Kultusgemeinde dahier, die zugleich die festliche Begehung des 25-jährigen Amtsjubiläums unseres Herrn Rabbiner Dr. L. Kahn bildete, verlief in würdigster Weise. Da wir der Bedeutung des Doppelfestes bereits in unserer vorigen Ausgabe eine eingehende Betrachtung widmeten, so können wir uns heute auf die Mitteilung beschränken, dass alle Veranstaltungen. Festgottesdienst, Festreden, Bankett etc. etc. sich des Beifalls aller Teilnehmer erfreuten. Hunderte von Depeschen aus allen Weltgegenden liefen von Gesinnungsgenossen und Freunden ein, ein Geschenk im Werte von einigen tausend Mark, das bei dieser Gelegenheit dem Herrn Rabbiner von der Gemeinde überreicht werden sollte, wies dieser in seiner bekannten Uneigennützigkeit auf das Entschiedenste zurück."        

    
Chanukkafeier mit Rabbiner Dr. Kahn im Saal der Loge Plato (1899)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. Dezember 1899:      

 
Vorstandswahlen in der Altisraelitischen Kultusgemeinde (1902)       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. August 1902:       

   
Chanukkafeier mit Rabbiner Dr. Kahn im Saal der Loge Plato (1903)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Januar 1903:        


Sijum-Feier der Altisraelitischen Kultusgemeinde mit Rabbiner Dr. Ansbacher (1931)   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Dezember 1931:        


Gemeindeabend der Altisraelitischen Kultusgemeinde mit Vortrag von Rabbiner Dr. Bamberger aus Mainz (1935)       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. März 1935:       

  
Sijum-Feier mit Rabbiner Dr. Ansbacher (1937)        

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. März 1937:      

  
   
  
Berichte zu den Rabbinern der orthodoxen Partei beziehungsweise später der Altisraelitischen Kultusgemeinde in Wiesbaden  
  
Neue Rabbinatseinteilung sowie Aufteilung der Zuständigkeit zwischen Rabbiner Dr. Höchstädter und Rabbiner Igstädter (1843)     

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. August 1843: "Wiesbaden, im August (1843). Vor einigen Tagen hat unsere hohe Landesregierung die Rabbinats-Bezirks-Einteilung geordnet, und die Theologen für dieselben bestimmt. Nämlich: 1) die jüdischen Gemeinden in den Amtsbezirken Wiesbaden, Rüdesheim, Eltville, Hochheim, Höchst, Königstein und Idstein sind hinsichtlich der Konfirmation, Religions-Schul-Visitation und zur Hälfte auch der Kopulationen dem Dr. Höchstädter übertragen, hinsichtlich der anderen Hälfte der Kopulationen dem früheren Privatrabbiner Igstädter; 2) Diez, Limburg, Hadamar, Montabaur, Wallmerod, Selters und Hachenburg dem Dr. Wormser; 3) Weilburg, Runkel, Mennerod, Herborn und Usingen dem Dr. Süßkind; 4) Langenschwalbach, Wehen Nastätten, St. Goarshausen, Nassau und Braubach dem vormaligen Landrabbinen S. Wormser mit einem Substituten für die jährlichen Konfirmationen und Schulvisitationen".        

 
Die Gottesdienste des orthodoxen Rabbiners Ickstädter werden polizeilich verboten (1852)    

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8. März 1852: "Wiesbaden, 13. Februar (Frankfurter Journal). Schon seit mehreren Jahren hat sich hier ein kleines Häuflein frommer Juden von der Hauptgemeinde getrennt, da sie mit dem Wirken des reformfreundlichen Rabbiners Dr. Süskind nicht zufrieden waren. Sie sind bisher immer in einem besonderen Lokale zusammengekommen, wo ihnen der Rabbiner Ickstädter in altjüdischer Weise den Gottesdienst leitete. Ihre Versammlungen sind nun polizeilich verboten worden."        

 
40-jähriges Amtsjubiläum von Rabbiner Dr. Leo Kahn (1909)       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Dezember 1909:    
 
Wiesbaden FrfIsrFambl 31121909.jpg (42517 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 31. Dezember 1909:    

   
50-jähriges Amtsjubiläum von Rabbiner Dr. Leo Kahn (1920)       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Januar 1920: "Wiesbaden, 9. Januar (1920). Am Schabbat Paraschat Wajehi fand das 50-jährige Amtsjubiläum des Rabbiners der altisraelitischen Kultusgemeinde in Wiesbaden, Herrn Dr. Leo Kahn, statt. In Rücksicht des herben Verlustes, den der Jubilar durch den vor kurzem erfolgten Heimgang seiner Gattin erlitten, hatte der Jubilar gebeten, von jeder festlichen Veranstaltung Abstand zu nehmen. Aber die dankbare Gemeinde hat es sich nicht nehmen lassen, wenn auch in geräuschloser Weise, ihren Gefühlen der Verehrung Ausdruck zu geben. Das festlich geschmückte Gotteshaus konnte die Menge der Besucher kaum fassen, welche ihrem Rabbiner ihre Treue und Anhänglichkeit bekunden wollten. Leider war es dem Jubilar infolge einer Unpässlichkeit nicht vergönnt, dem Gottesdienste beizuwohnen. Umso inniger und ergreifender waren die Worte der Anerkennung und Verehrung, welche nach Schluss der Toravorlesung der Vorsitzende der altisraelitischen Kultusgemeinde, Herr Dr. med. H. Kornblum, an die Besucher des Gotteshauses richtete. In tiefer Stimmung lauschte die Gemeinde den Worten der Festpredigt des Schwiegersohnes des Jubilars, Herrn Rabbiner Dr. A. Loewenthal aus Berlin, der in markanten Ausführungen die Eigenart des Jubilars, sein Forschen, Lernen und Lehren, sein vorbildliches Wirken und seine unvergleichliche Hilfsbereitschaft kennzeichnete. Im Rabbinerhause, das mit reichen Gaben geschmückt war, überbrachte der Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Herrn Dr. Kornblum, die Wünsche der Gemeinde in bewegten Worten. Alsdann sprach im Namen der ehemaligen Schüler, Herr Ferdinand Baum, in eindrucksvollen Ausführungen die Glückwünsche der Schüler und Verehrer aus, unter Überreichung eines ansehnlichen Stiftungskapitales, dessen Zweck der Jubilar selbst bestimmen solle. Am Abend vereinigte ein zwangloses Beisammensein die Gemeindemitglieder im Restaurant Baum zur Feier des Tages. Möge es Herrn Rabbiner Dr. Kahn vergönnt sein, in voller Rüstigkeit zum Heile seiner Gemeinde und des Judentums noch ungezählte Jahre zu wirken."          

   
Ausschreibung der Stelle eines Rabbinatsassessors (1924)     

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Mai 1924: "Die altisraelitische Kultusgemeinde zu Wiesbaden 
sucht zur Entlastung ihres bereits 54 Jahre amtierenden Rabbiners einen jüngeren
Rabbinatsassessor
dessen hauptsächlichstes Tätigkeitsgebiet die Toraverbreitung in der Gemeinde, insbesondere unter der Jugend und rituelle Aufsicht umfassen soll. Bewerbungen von akademisch gebildeten Herren, die im Besitze der Hatoras Hauroo und befähigt sind, auch später den Rabbinerposten zu bekleiden, sind an Herrn Rabbiner Dr. Kahn, Gerichtsstraße 7 zu richten. 
Der Vorstand der Altisraelitischen Kultusgemeinde zu Wiesbaden: Leopold Ackermann".        

  
Übergang des Rabbinates von Rabbiner Dr. Leo Kahn zu Rabbiner Dr. Jonas Ansbacher (1925)   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Juli 1925:       

 
Rabbiner Dr. Kahn ist 60 Jahre in Wiesbaden (1930)         

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom     
Wiesbaden Israelit 30011930a.jpg (155612 Byte)   

 
25-jähriges Amtsjubiläum von Rabbiner Dr. Ansbacher (1931)      

Wiesbaden Israelit 03091931.jpg (103606 Byte) Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. September 1931:      

    
Zum 90. Geburtstag von Rabbiner Dr. Leo Kahn (1932)    

Wiesbaden Israelit 13101932.jpg (284551 Byte) Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. Oktober 1932:       

   
93. Geburtstag von Rabbiner Dr. Leo Kahn (1935)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Oktober 1935:      


Zum Tod von Rabbiner Dr. Leo Kahn (1936)    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29, Oktober 1936:      
  
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. Oktober 1936:  
  
Wiesbaden Israelit 05111936.jpg (364192 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. November 1936:    
 
Wiesbaden Israelit 12111936.jpg (174782 Byte) Anzeigen in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. November 1936:      

   
   
   
Berichte zur Geschichte der Lehrer und der weiteren Kultusbeamten der orthodoxen Religionsgesellschaft / ab 1879 Altisraelitischen Kultusgemeinde 
Ausschreibungen der Stelle des Kantors und Religionslehrers (1875)       

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. Oktober 1875:     
 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Dezember 1875:       

   
Anzeige von Lehrer und Kantor N. Jaffa (1891)     

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Juni 1891:      

  
Ausschreibung der Stelle eines Kultusbeamten (1911)       

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Dezember 1911:       

  
Einführung von Josef Sulzbacher als Kultusbeamter in der Altisraelitischen Kultusgemeinde (1913)  

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 10. Oktober 1913: "Wiesbaden. Die Entwicklung der orthodoxen altisraelitischen Kultusgemeinde hat es nötig gemacht, einen weiteren Beamten für den Dienst in Synagoge, Schule und Schlachthaus anzustellen. Die Gemeindeverwaltung hat daher seit längerer Zeit nach einer geeigneten Kraft gesucht, bis es ihr jetzt gelungen ist, in der Person des Herrn Josef Sulzbacher, bisher Kultusbeamter bei der Religionsgesellschaft in Stuttgart, einen Mann zu finden, der die Qualitäten hat, den auf ihn gesetzten Erwartungen zu entsprechen.  
Am Vorabend des Roschhaschonohfestes vor Beginn des Maarivgottesdienstes wurde Herr Sulzbacher feierlich in sein neues Amt eingeführt., Namens des Gemeindevorstands hieß ihn Dr. Lipmann herzlich willkommen. Herr Sulzbacher dankte für den freundlichen Empfang und versprach, seine ganze Kraft in den Dienst der Gemeinde stellen zu wollen."      

 
Ausschreibungen der Stelle des Kantors, Schochet und Lehrers (1922 / 1923 / 1929)      

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom  9. Februar 1922:       
   
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. März 1922:  
 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. August 1923: 
 
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Januar 1929:    
 
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. Juni 1929:    

       
      
       
Berichte zu einzelnen Personen der Altisraelitischen Kultusgemeinde  
Hinweise: hier finden sich Berichte zu Personen, die in einer besonderen Beziehung zur Altisraelitischen Kultusgemeinde standen, zu weiteren Personen der jüdischen Gemeinde in Wiesbaden siehe Seite mit Berichten zu Personen der jüdischen Gemeinde in Wiesbaden.   
 
Zum Tod von Gerson Meyer, Mitglied der Religionsgesellschaft (1870)        

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. November 1870: "Wiesbaden, 22. Oktober (1870). Wir kommen soeben von einem traurigen Gange zurück, wie haben die sterblichen Reste des in seinem 93. Lebensjahre, nach nur siebentägigem Krankenlager, verstorbenen Herrn Gerson Meyer - er ruhe in Frieden - zu ihrer letzten Ruhestätte geleitet. 
Der Verblichene war als ältestes Mitglied unserer Religionsgesellschaft (und als Präsident der Chewra Kadischa) bei allen ihren Angehörigen hoch geschätzt; er war einer der Gründer und trug stets, so viel in seinen Kräften stand, zur Erhaltung derselben durch Wort und Tat bei. Weder der stärkste Regen noch der tiefste Schnee konnten ihn hindern, in der Synagoge der erste zu sein, und keinem tat es so leid wie ihm, wenn es einmal an Minjan fehlen sollte. 
Aber nicht nur in unserer, sondern auch in der Reform-Gemeinde und ebenso bei seinen christlichen Mitbürgern war er als rechtschaffener braver Mann und als ältester Bürger der Stadt geachtet und geliebt, wovon auch die zahlreiche Beteiligung an seinem Leichenbegängnisse Zeugnis ablegte, denn Jung und Alt war von nah und fern herbeigeeilt, um dem Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen.   
Unser Rabbiner, Herr Dr. Kahn - sein Licht leuchte - hielt die Leichenrede, worin er, unter Zugrundelegung der Bibelworte (hebräisch und deutsch:) Noah war ein gerechter Mann, tadellos war er in seinem Zeitalter, besonders hervorhob, dass der Verstorbene in der hiesigen STadt, wo das Judentum fast ganz untergegangen war, und in einem so neuerungssüchtigen Jahrhundert, doch die Satzungen, die wir am Sinai erhalten und die uns unsere Väter vererbt, heilig hielt und danach lebte. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens.  
Der Verstorbene hatte angeordnet, dass keinesfalls Herr Rabbiner Süskind eine Leichenrede halten solle."           

 
Zum Tod des Vorstehers der orthodoxen Gemeinde Hajum Rosenthal (1884)        

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. März 1884: "Wiesbaden, 3. März (1884). Es ist keine erfreuliche Nachricht, die ich Ihnen heute mitzuteilen habe. Die hiesige orthodoxe israelitische Gemeinde hat eines ihrer tätigsten und eifrigsten Mitglieder verloren. Am vorigen Sabbat verschied nach kurzem Unwohlsein Herr Hajum Rosenthal - er ruhe in Frieden -, Vorsteher der genannten Gemeinde und vieler wohltätiger Vereine. Der Verewigte zeichnete sich nicht allein durch außerordentliche Gewissenhaftigkeit in der religiösen Pflichterfüllung aus, er arbeitete auch mit allen Kräften für die Erhaltung des gesetzestreuen Judentums. Ein großes, unabsehbares Gefolge geleitete heute die sterblichen Überreste des Heimgegangenen zur letzten Ruhestätte, unter ihnen viele Fremde aus der Nähe und der Ferne. Wir nennen Herrn Rabbiner Dr. Lehmann aus Mainz und Herrn Rabbiner Dr. Marx aus Darmstadt. Am Eingange des Friedhofs hielt der Rabbiner der hiesigen orthodoxen Gemeinde, Herr Dr. L. Kahn, eine ergreifende Trauerrede, in welcher er die hohen Tugenden und Verdienste des Verewigten schilderte. Es waren Worte, die von Herzen kamen und zu Herzen drangen. Zum Schlusse ermahnte der Redner die Mitglieder unserer Gemeinde, sich zu bestreben, nach Kräften den großen Verlust zu ersetzen und die Lücke auszufüllen, die der Tod gerissen. - Kein Auge blieb tränenleer. 
In unserer schönen Badestadt, in welcher der größere Teil der israelitischen Gemeinde sich der Reform zuneigt, ist mit großer Mühe und unter schweren Opfern unsere orthodoxe Gemeinde gegründet und sind in nicht minder schwieriger Weise die Institutionen derselben geschaffen worden. Nun hat sie in Hajum Rosenthal eine ihrer Hauptstützen verloren. Aber wir verzagen deshalb nicht. Das edle Beispiel dieses Frommen wird auf uns Alle ermunternd wirken und uns aneifern, den hohen Zielen nachzustreben, die ihm stets vorgeschwebt haben.    
(Hebräisch und deutsch): Das Angedenken des Frommen wird segensreich wirken."        

  
Adolf Deutsch eröffnet ein Restaurant unter Aufsicht der Frankfurter Israelitischen Religionsgesellschaft (1908)       

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 24. Januar 1908:  "Wiesbaden. Wie verlautet, ist hier von Herrn Adolf Deutsch, Sohn des O.-Gyaller orthodoxen Rabbiners und Schwager des Marienbader Restaurateurs David Leitner, ein Restaurant unter Aufsicht der Frankfurter Israelitischen Religionsgesellschaft errichtet worden".    

  
Zum Tod von Meyer Sulzberger, Vorstandsmitglied der altisraelitischen Kultusgemeinde (1914)     

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 13. Februar 1914:  "Die altisraelitische Kultusgemeinde in Wiesbaden erlitt durch den Tod ihres Vorstandsmitglieder Meyer Sulzberger einen schweren Verlust."      


Zum Tod von Hugo Wolff (1921)       

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom  16. September 1921: "Wiesbaden, 9. September (1921). Einer der besten, edelsten und hilfreichsten Männer aus unserer altisraelitischen Kultusgemeinde ist im kräftigsten Mannesalter von 476 Jahren dahingerafft worden. Herr Hugo Wolff, Sohn des bekannten Wiesbadener Stadtrats Benjamin Wolff, des Begründers der vorgenannten Jüdischen Gemeinde, wurde mitten in seiner Geschäftstätigkeit vom Tode ereilt. Der Dahingeschiedene war Vorstand des Israelitischen Unterstützungsvereins sowie des Vereins zur Errichtung eines israelitischen Krankenhauses und Schwesternheims und anderer hiesiger Wohltätigkeitsinstitute. An der Bahre sprachen Rabbiner Dr. Kahn, Dr. Landsberg für die Loge, Max Heß für den Unterstützungsverein und Regierungsbaumeister Heß für das Krankenhaus. der Heimgegangene hat auch aus eigenen Mitteln viel Werke der Liebe geübt. Herr Wolff hinterlässt eine Witwe und einen jungen Sohn, die Gott trösten möge."      
 
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. September 1921: 
Derselbe Bericht erschien in der Zeitschrift "Der Israelit"          

  
Zum Tod von Schlomo Berstein (Bernstein?) aus Minsk (1922)  
Anmerkung: zu zwei der genannten Personen bestehen Wikipedia-Artikel, siehe Artikel zu Akiba Eger und Artikel Salomon (Schlomo) Eger.       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. August 1922: "Wiesbaden, 31. Juli (1922). Am Montag, den 28. Tammus (= 24. Juli 1922) verschied hier nach längerem schweren Leiden R. Schlomo Berstein - das Andenken an den Gerechten ist zu Segen, ein Enkel des berühmten Führers der galizischen Judenheit R. Herz Bernstein - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen. Der Verblichene war ein würdiger Nachkomme seiner großen Ahnen, des R. Akiba Eger, R. Schlomo Eger, Penei Jehoschua, Pnei Arje, Maaseh Rokeach, dessen Namen er trug. Der Familientradition gemäß widmete er sich von frühester Jugend an zuerst in Lemberg und dann in Pinsk dem Lernen und eignete sich ein außergewöhnlich umfangreiches und tiefes jüdisches Wissen an. Im Gemeindeleben der jüdischen Gemeinde Minsk nahm er infolgedessen als Führer der Orthodoxie und als Vertrauter des Minsker Gadol (Oberrabbiners) und Freund seines Nachfolgers des heutigen Minsker Raws R. Elieser - sein Licht leuchte - eine hervorragende Stellung ein. Um das kulturelle jüdische Leben in Russland hat er sich unter anderem als Gabbai der berühmten Woloschiner Jeschiwa verdient gemacht. Seine Lebensaufgabe war Zedaka und Wohltätigkeit zu üben. Stets stand sein Haus den Armen seines Volkes offen und so bedeutete sein Wegzug von Minsk für die dortige Gemeinde, insbesondere für die Witwen und Waisen einen schweren Verlust. In den Jeschiwot von Erez Jisroel hat er sich als Gabbai der Minsker Spenden-Gelder ein dauerndes Andenken gesichert. 
Die letzten Jahre verlebte er, seinem Milieu entsprechend, von den wenigsten verstanden, hier in fast völliger Zurückgezogenheit. Bei der Beisetzung verstand es ein Freund des Verblichenen, Herr Zwei Kanel aus Moskau, in einem echtjüdischen Hesped (Trauerrede) das Leben dieses Gerechten und seine Verdienste und die russische Judenheit und seine Familie  insbesondere, dass er es verstand, seine Söhne in der Fremde zu treuen Söhnen des jüdischen Volkes und zu wahrer Liebe zur Heiligen Tora zu erziehen. Sein Verdienst kommt über uns."         

  
Zum Tod von Elchonon Buchbinder (1923)        

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. November 1923: "Wiesbaden, 4. November (1923). Im Alter von 80 Jahren ist hier Elchonon Buchbinder gestorben. Er war ein Mann von echter jüdischer Gesinnung und Lebensführung bis zum letzten Atemzuge. Am Tage, da er seine reine Seele scheiden sah, bereitete er sich auf den Abschied vor wie ein wahrer Zadik (Gerechter) und traf aufs kleinste alle Anordnungen bezüglich der Beisetzung. Bei der Bestattung hielt vor einer großen Trauergemeinde Herr Rabbiner Dr. Kahn einen ergreifenden Hesped (Trauerrede), in dem er das Aussehen des Verstorbenen als Abglanz seines inneren Wesens und frommen Sinnes schilderte. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."        

 
Beisetzung des langjährigen ersten Gemeindevorsitzenden der Altisraelitischen Kultusgemeinde Leopold (Levy) Ackermann (1925)        

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Juli 1925: "Wiesbaden, 7. Juli (1925). Der Zufall wollte es, dass gerade an dem Tage, da Herr Rabbiner Dr. Kahn seinen Abschied nahm, er voll tiefer Wehmut seine letzte Amtshandlung vollziehen musste bei der Beerdigung unseres langjährigen ersten Gemeindevorsitzenden, Herrn Leopold Ackermann. Über 30 Jahre hat Herr Ackermann in unermüdlicher Tätigkeit sich bemüht, unter den schwierigsten Umständen unserer Gemeinde immer höheren Aufstieg zu ermöglichen. Er scheute weder Zeit noch Geld, um seine Pflichten als Vorsteher in bewunderungswürdiger Weise zu erfüllen, immer beseelt von dem Gedanken, dass er für Gott - er sei gepriesen - arbeite und Gutes für die Allgemeinheit leiste. Was wir an ihm verloren haben, schilderte Herr Dr. Kahn in einem ergreifenden Hesped (Trauerrede) vor einer Menschenfülle, wie unsere Leichenhalle sie noch nie aufzuweisen hatte. Den Dank der Gemeinde rief Herr Vorsteher Julius Katz wehmütig dem Verstorbenen nach. Für die Loge sprach Herr Ferdinand Baum, und für die Chewra Kadischa Herr Neustadt. Während der Schiwa (Trauerwoche) wurden fernere Trauerreden gehalten von Herrn Sanitätsrat Dr. Kornblum und Herrn Lehrer M. Hes."         

   
Zum Tod von Mathilde Wreschner geb. Bloch (1927)        

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Dezember 1927: "Wiesbaden, 18. Dezember (1927). Eine Trauerbotschaft ging am 20. Kislew (= 14. Dezember 1927) durch unsere Stadt: Frau Mathilde Wreschner geb. Bloch ist nicht mehr. Mit ihrem Gatten, ihrer einzigen Tochter und den Enkelchen trauert die ganze Gemeinde um den Verlust dieser seltenen Frau. Schlicht und bescheiden hat sie gelebt, so ganz eine echtjüdische Frau, wie sie es von ihren großen Ahnen gelernt, hat sie die Größe nicht in Äußerlichkeiten gesehen, sondern - die Königstochter ist mit Perlen geschmückt (Psalm 45,14) - in selbstloser aufopfernder Liebe und Hingabe an Gatten und Kind. Möge ihre Seele Ruhe finden in der Gewissheit, dass Kinder und Enkel echte Jehudim im strengsten Sinne sind. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."         

 
Zum Tod von Paul Sulzberger (1929)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Juli 1929: "Wiesbaden, 15. Juli (1929). Am 25. Siwan verstarb hier im Alter von fast 75 Jahren Herr Paul Sulzberger. Einer alten hiesigen frommen Familie entstammend - sein Großvater war der vor 100 Jahren hier tätige 'Vorsänger' Meyer Sulzberger, der den Reformen des damals amtierenden Rabbiner Geiger heftigen Widerstand entgegensetzte, sein Vater war mit eines der ältesten Mitglieder der vor 60 Jahren gegründeten frommen Gemeinde - hat der Verstorbene während einer mehr denn 40-jährigen Ehe, unterstützt von seiner vor fast 3 Jahren verstorbenen Gattin, einer Tochter des bekannten Gelehrten Joseph Perlstein aus Kopenhagen, hier ein wahrhaft jüdisches Haus, ein kleines Heiligtum unterhalten und das Sechus (Verdienst) gehabt, seine Kinder in diesem Sinne zu erziehen. Seit Jahren von einem Leiden geplagt, war es ihm vergönnt, trotz einer vor 2 Jahren eingetretenen Verschlimmerung, die sich wie durch ein Wunder gebessert hatte, auch noch seine Enkel in seinem Sinne heranwachsen zu sehen. An der Bahre sprach Herr Rabbiner Dr. Ansbacher vor einer stattlichen Trauerversammlung Worte des Trostes und nach ihm gab ein Sohn, Rechtsanwalt Dr. M. Sulzberger, namens der Familie in kurzen Worten dem Schmerz über den Verlust des Vaters Ausdruck. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens".       

   
Zum Tod von Helene Goldschmidt geb. Wreschner (1936)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. März 1936: "Wiesbaden, 9. März (1936). Nach einem Leben der Liebe und der Arbeit, der Sorge und der Pflicht wurde am 19. Schewat (= 12. Februar 1936) Frau Helene Goldschmidt geb. Wreschner in eine bessere Welt abberufen. Auf sie konnte man - nach einem Worte unseres greisen Rabbiners Dr. Kahn - sein Licht leuchte - im Trauerhause - alle Verse Salomos über das Biederweib anwenden. Immer willig ordnete sie ihr ganzes Tun und Lassen dem göttlichen Gesetz unter, getreu der Tradition ihrer großen Ahnen und der ihres Schwiegervaters Direktor Dr. Joseph Goldschmidt -m Hamburger - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen. Diese heiligen Überlieferungen in ihren Kindern und Enkeln fortleben zu lassen, war das Ziel ihrer rastlosen Arbeit, ihres nie ermüdenden Strebens und ihrer unaufhörlichen Sorge. Die Freunden des irdischen Daseins suchte sie nicht, die Freunden ihres Lebens lagen in der Familie. Mit der Familie trauern alle, die sie gekannt haben, um diese einzigartige Frau. Möge ihr Verdienst uns beistehen. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."           

   
Zum Tod von Rechtsanwalt Dr. Meier Sulzberger (1936)    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. März 1936:      

 
Zum Tod von Adolf Ackermann (1936)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. November 1936:      

    
70. Geburtstag von Adolf Deutsch (1937)       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Juli 1937: "Wiesbaden, 20. Juli (1937). Herr Adolf Deutsch, Wiesbaden, Karlstr. 17, der einst seinen Restaurationsbetrieb viele Jahre unter Aufsicht von Rabbiner Dr. S. Breuer - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen , geführt hatte, begeht am Sonntag, den 2. Elul, seinen 70. Geburtstag. Die tiefe Frömmigkeit dieses Mannes war für manchen seiner Freunde von großem Einfluss auf sein religiöses Leben gewesen, sodass eine große Schar Freunde und Bekannte sich in dem Wunsche finden, dass Herrn Deutsch ein ungetrübter Lebensabend gegönnt sein. (Alles Gute bis 120 Jahre)."        

 
    
    
    
    

 

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Stand: 03. November 2013