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Diez (Rhein-Lahn-Kreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Hinweis: Es besteht eine
weitere Seite zur Geschichte des
Deutsch-Israelitischen Kinderheimes in Diez
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Diez lebten Juden bereits im Mittelalter. Ein
Abraham von Diez wird 1286 in Mainz genannt. 1303 werden in der Stadt jüdische
Einwohner bezeugt. Die jüdischen Familien lebten insbesondere vom Geldhandel:
1346-47 ist Pura von Diez und Sohn in einem Frankfurter Gerichtsbuch anlässlich
eines Darlehensgeschäft genannt. Zwei Pogrome trafen auch die Diezer Juden:
1337 im Zusammenhang mit der Armlederverfolgung, 1348/49 während der Pestzeit.
Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde geht in das 17. Jahrhundert
zurück. 1665 lebten vier jüdische Familien (zusammen 21 Personen) in
der Stadt, 1785 waren es bereits zehn, 1813 13 Familien.
Im 19. Jahrhundert nahm die Zahl der jüdischen Einwohner
kontinuierlich zu: 1843 wurden 91 jüdische Einwohner gezählt, 1871 121 (2,9 % von insgesamt 4.166
Einwohnern); die Höchstzahl wurde 1895
mit 130 Personen erreicht (2,9 % von 4.568), um danach langsam zurückzugehen: 1900
128, 1905 119 (2,7 % von 4.362), 1910 124. Auch die in den umliegenden Orten
lebenden jüdischen Personen gehörten zur Gemeinde in Diez; insbesondere Balduinstein
(und Hausen) mit 1843 20, 1905 14 Personen und Cramberg mit 1843 22, 1905 19
Personen).
Die Gemeinde war einige Zeit Sitz eines Bezirksrabbinates: Ende des 18.
Jahrhunderts war Diez Sitz des Landrabbiners von Nassau-Oranien (um 1750
Rabbiner Israel Lazarus, um 1769/1781
Rabbiner Heymann Lazar bzw. Lösser, der u.a. auch für Bad Ems
und Runkel zuständig war). In den
1840er-Jahren (ab 1843 Rabbiner Dr.
S. Salomon Wormser aus Langenschwalbach) wurde das Bezirksrabbinat Diez auf Grund der gestiegenen
Zahl der jüdischen Einwohner verkleinert; der Rabbiner in Diez war seitdem für
einige umliegende Orte zuständig (jüdische Gemeinden in den Amtsbezirken
Limburg, Hadamar, Montabaur, Wallmerod, Selters, Hachenburg).
1852 verlegte Rabbiner Wormser seinen Wohnsitz und damit den Sitz des Rabbinats
Diez nach Hadamar. Nach
Auflösung des Rabbinates Diez 1860 gehörte die Gemeinde zum Rabbinatsbezirk (Bad)
Ems.
An Einrichtungen hatte die Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine
Religionsschule, ein rituelles Bad sowie einen Friedhof.
Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war (außer dem zeitweise am Ort
befindlichen Rabbiner) ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter
und als Schochet tätig war (vgl. Ausschreibungen der Stelle unten). Über viele
Jahre war Lehrer Nehemias Alt in der Gemeinde tätig (vor 1908 bis kurz vor
seinem Tod 1933).
Die jüdischen Familien in Diez lebten in der ersten Hälfte des 19.
Jahrhunderts überwiegend vom Wein-, Woll-, Vieh- und Pferdehandel. Auch als
Metzger und als Handwerker waren sie tätig. Seit der 2. Hälfte des 19.
Jahrhunderts gehörten ihnen mehrere Läden, Handels- und Gewerbebetriebe, die für das
wirtschaftliche Leben in der Stadt von großer Bedeutung waren.
Als überregionale Einrichtung der
Wohlfahrtspflege gab es in Diez das
"Deutsch-Israelitische Kinderheim" (bis zu 40 Plätze für
Knaben, Schlossberg
23). Es entstand aus einem 1886 in Diez gegründeten Verein zur Errichtung eines
israelitischen Erziehungshauses für arme Waisen und Kinder unbemittelter
Eltern. Zunächst wurden für die Unterbringung der Kinder Räumlichkeiten am
Ort angemietet, bis im August 1893 ein auf dem Diezer Schlossberg neu erstelltes Gebäude bezogen werden konnte. Erster Hausvater war S. Lomnitz,
der sich - vermutlich auf Grund von Differenzen mit dem Vereinsvorstand -
jedoch alsbald selbständig machte und ein weiteres Kinderheim für Mädchen in
Diez
gründete, das "Deutsch-Israelitisches Reichswaisenhaus Diez
an der Lahn". Dieses wurde im April 1893 eröffnet mit zunächst acht
Mädchen. Es bestand freilich nur wenige Jahre in Diez, wurde dann
nach Limburg verlegt, von dort kam es im Oktober 1897 als "Israelitisches
Zentral-Waisen- und Mädchenheim" nach Bad
Ems). Langjähriger
Hausvater des "Deutsch-Israelitische Kinderheimes" war seit 1893
Lehrer Kadden. Das Kinderheim konnte unter seiner Leitung seine in ganz Deutschland bekannte
Arbeit bis zur erzwungenen Schließung 1935 fortsetzen. Im August
1935 wurde das Kinderheim nach "Demonstrationen" vor dem
Gebäude geräumt, die 50 Insassen von der Polizei in "Schutz"
genommen. Das Gebäude
wurde später als Amtsgebäude zweckentfremdet und vor einigen Jahren abgebrochen. Das Grundstück wurde beim Bau des Diezer
Krankenhauses einbezogen.
Zur Seite mit Texten zur Geschichte des
"Deutsch-Israelitischen Kinderheimes" in Diez (interner
Link)
Zu einer Seite
mit näheren Informationen (u.a. Zeitzeugenbericht) zur zwangsweisen Schließung
des Kinderheimes (externer Link) |
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde
Unteroffizier Hermann Levita (geb. 11.9.1892 in Diez, gef. 19.9.1914) und
Unteroffizier Egon Stern (geb. 27.2.1898 in Diez, gef. 23.8.1918).
Um 1925 - als in Diez noch 60 jüdische
Einwohner gezählt wurden (etwa 1,5 % von etwa 4.000 Einwohnern, ohne die
Personen in den umliegenden Orten) - waren die Vorsteher der Synagogengemeinde:
Adolf Arfeld, Adolf Fried und Hermann Schaumburger. Als Lehrer war Nehemias Alt
tätig (gestorben 1933, siehe Bericht unten). Inzwischen gehörten zur Diezer Gemeinde auch die in Flacht
lebenden jüdischen Einwohner (1925: 30), weiterhin die in
Balduinstein und Cramberg lebenden Juden (7 beziehungsweise 12). An jüdischen Vereinen gab es u.a. einen Israelitischen
Frauenverein.
1932 waren die Vorsteher der Gemeinde: Adolf Arfeld (1. Vorsitzender), Hans
Stern und Josef Bodenheimer.
Nach 1933 ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder (1933: 50 Personen, dazu 4 in Balduinstein, 5 in
Birlenbach, 14 in Cramberg und 3 in Freiendiez) auf Grund der Folgen des
wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Über die Vorgänge
gegen das Kinderheim 1935 siehe dortige Seite; über die Ereignisse beim Novemberpogrom 1938 gegen die Synagoge s.u..
Von den in Diez geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Martha Bassing geb. Maas (1888), Henriette
Bender geb. Lehmann (1878), Bianca Bettmann geb. Kadden (1894), Lina Blumenthal geb. Schaumburger (1871),
Hedwig Frank geb. Rosenthal (1880), Willi Fuld (1900), Ernest Hecht (1922),
Berta Kadden (1896), Ludwig Kahn (1896), Elsbeth
Koekoek geb. Alt (1904), August Königsberger (1872), Fanny Königsberger
(1865), Gustav Königsberger (1855), Hermann Königsberger (1880), Julius Königsberger (1879),
Mathilde Königsberger (1867), Rudolf Königsberger
(1876), Siegfried Königsberger (1881), Julius Lehmann (1860), Paul Lehmann
(1880), Siegmund Levita (1882), Sofie Levita (1897), Brigitte Liebmann (1926), Erna
Eva Lindemeyer geb. Maas (1887), Sydney Lomnitz (1884), Vessi Bertha Meyer geb.
Königsberger (1903), Clothilde Rosenthal (1885), Rosa
Schäfer geb. Holländer (1881), Emma Stein geb. Rückersberg (1897), Isaak
Strauß (1868), Johanna Trier geb. Meyer (1872), Rosa Ullmann geb. Schaumburger
(1859), Bernhard Wolff (1870).
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Allgemeine
Gemeindebeschreibung (1936!)
Artikel
im "Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt" vom
Oktober 1936 S. 31: "Diez. 3500 Einwohner, schon 1329 Stadt,
mit Stammburg der Fürsten von Nassau-Diez und der Oranier: seit 1866 preußisch.
'Schon' 1337 und 1349 Judenverfolgungen - dann Stille. 1784 wieder
jüdische Gemeinde, sehr von Steuern geplagt. 1786 bescheinigt die
Dillenburger Regierung den Diezer Juden, dass sie 'die Nahrung der Stadt
eher fördern als ihr Abbruch tun'. Trotzdem erhält Sekkel Sussmann erst
1802 nach mehrmaligem Ansuchen und unter erbittertem Protest der
Kaufmannschaft die Erlaubnis zum Spezereihandel. 1801 Eintritt des ersten
Judenknaben in die Lehre eines christlichen Handwerksmeisters. Schon in
demselben Jahr Aufhebung des Leibzolls. 1930 ca. 25 Familien, zur Zeit
noch etwa 10 Familien. - Das Haus des im In- und Ausland bekannten
Israelitischen Kinderheims (für Knaben) ist heute Amtsgebäude. Die
Kinder wurden seinerzeit auf die Heime in Frankfurt und Köln verteilt. -
Schöne Bauten. Fachinger Wasser. Lehmkuren nach Pastor Felke. - In einer
etwas anstrengenden, aber abwechslungsreichen Tageswanderung von 25 km auf
dem linksseitigen Lahnhöhenweg, vorbei an den Burgruinen Balduinstein,
Laurenburg, Brunnenburg und an Kloster Arnstein, bis Seelbach; dann nach
Oberndorf und (blaues Kreuz) Bergnassau, wo wir den Anschluss an unsere
erste Wanderung erreichen." |
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1861
/ 1863 / 1887
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. August 1861: "Die
Stelle eines Religionslehrers und Vorbeters bei der israelitischen
Kultusgemeinde Diez (Herzogtum Nassau) ist mit dem 1. Oktober dieses
Jahres durch einen unverheirateten jungen Mann anderweit zu besetzen. –
Hierauf Reflektierende wollen sich in Franco-Briefen bei dem Vorstande
melden." |
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Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. Mai 1863: "Die
Stelle eines Religionslehrer und Vorbeters bei der israelitischen
Kultusgemeinde Diez (Herzogtum Nassau) ist mit dem 1. Juli dieses Jahres
anderweit zu besetzen. – Bewerber wollen sich bei dem Vorstande
melden." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. September 1863: "Die Lehrer-
und Vorbeterstelle bei der Kultusgemeinde Diez ist sofort zu besetzen. –
Der Gehalt beträgt bei freier Wohnung und exklusive Akzidenzien 350
Gulden und stehen durch Privatunterricht namhafte Einnahmen in Aussicht.
– Ausländer haben sich einer Prüfung im Herzogtum zu unterwerfen. –
Anmeldungen sind an den Vorstand zu richten." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. August 1887: "Ein Lehrer,
der die Schechita (zu deren Erlernung sich eventuell hier Gelegenheit
bietet) übernimmt, per 1. Januar kommenden Jahres gesucht. Einkommen
8-900 Mark bei freier Wohnung. Die Stelle eignet sich für einen ledigen
energ. Mann, dem 1 Jahr später die Religionslehrerstelle (1.800 Mark)
übertragen werden könnte. Meldungen sind Abschriften der Zeugnisse
beizufügen. Diez an der Lahn, 1. August 1887. Der Vorsteher der
Kultusgemeinde Leopold Rosenthal." |
Zum Tod von Lehrer Nehemia Alt (1933)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. April 1933: "Diez
(Lahn), 30. März 1933. Am 27. März entschlief nach dreiwöchentlichem
Krankenlager Lehrer Nehemia Alt im 68. Lebensjahres, nachdem er zwei
Monate vorher seine Gattin verloren hatte. Mit ihm verlor die Jüdische
Gemeinde einen vorbildlichen, beliebten Beamten, der mehr als 42 Jahre
seine ganze Kraft und Persönlichkeit seinem heiligen Dienste geweiht
hatte. - Am Grabe entwarf Herr Lehrer Isaak, Limburg, in tief bewegten
Worten ein treues Bild dieses guten Menschen, hervorragenden Lehrers und
Führers. Namens der Gemeinde sprach Herr Lehrer Bettmann, Diez, Dank und
Anerkennung aus. Herr Lehrer Levy, Höchst (Main) rief im Namen des
Vereins israelitischer Lehrer im ehemaligen Herzogtum Nassau, dem der
Verstorbene 40 Jahre als Vorstandsmitglied angehörte, dem treuen Kollegen
herzliche Dankes- und Abschiedsworte nach. Durch sein vorbildliches Leben
und Wirken wird er unvergessen bleiben." |
Aus der Geschichte des
Rabbinates in Diez
Rabbinatseinteilung 1843
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. August 1843: "Wiesbaden,
im August (1843). Vor einigen Tagen hat unsere hohe Landesregierung die
Rabbinatsbezirks-Einteilung geordnet, und die Theologen für dieselben
bestimmt. Nämlich: 1) die jüdischen Gemeinden in den Amtsbezirken
Wiesbaden, Rüdesheim, Eltville, Hochheim, Höchst, Königstein und
Idstein sind hinsichtlich der Konfirmation, Religionsschule-Visitation und
zur Hälfte auch der Kopulationen dem Dr. Höchstädter übertragen,
hinsichtlich der anderen Hälfte der Kopulationen dem früheren
Privatrabbinen Igstädter; 2) Diez, Limburg, Hadamar, Montabaur, Wallmerod, Selters und Hachenburg dem Dr. Wormser; 3)
Weilburg, Runkel, Mennerod (gemeint: Rennerod), Harborn (gemeint Herborn)
und Usingen dem Dr. Süßkind; 4) Langenschwalbach, Wohen, Nastätten, St.
Goarshausen, Nassau und Braubach dem vormaligen Landrabbinen S. Wormser
mit einem Substituten für die jährlichen Konfirmationen und
Schulvisitationen." |
Aus dem jüdischen
Gemeinde- und Vereinsleben
Chanukka-Feier des Frauenvereins (Dezember 1929)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Januar 1930: "Diez a.d.
Lahn, 5. Januar (1930). Zu einer Chanukkafeier, für deren Gelingen den
Vorstandsdamen besonderer Dank gebührt, hatte der Frauenverein
eingeladen. Nach einer kurzen Begrüßungsansprache der stellvertretenden
Vorsitzenden und einem schön gesprochenen Prolog folgte ein Vortrag des
Obersekundaners Heinrich Felsen, Zögling des Deutsch-Israelitischen
Kinderheims, über Chanukka und die heutige Zeit, der reichen Beifall
erntete. Anschließend folgten einige sehr nette Gedichte und
Theaterstücke, die starken Anklang fanden. Eine kleine Verlosung
beschloss die in echt jüdischem Geiste verlaufene Feier." |
Berichte
zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
Zum 70. Geburtstag des aus Cramberg stammenden Siegmund
Levita (1937)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt" vom April 1937 S.
15: "70. Geburtstag. Am 10. April (Schabbat Paraschat
Schemini, Schabbat mit der Toralesung Schemini = 3. Mose 9,1 -
11,47) feiert Herr Siegmund Levita seinen 70. Geburtstag. In Cramberg
bei Diez geboren, kam Herr Levita schon in jungen Jahren nach Frankfurt am
Main und trat als Geselle bei dem Metzgermeister Bergfeld ein. Er verstand
es, sich sehr bald das Vertrauen seines Meisters und eine angesehene
Stellung in Fachkreisen zu erringen und übernahm, nachdem er sich
verheiratet hatte, nach dem Tode Bergfelds dessen Geschäfts. Wer sich der
peinlichen Gewissenhaftigkeit und der liebenswürdigen Art Levitas seiner
zahlreichen Kundschaft gegenüber erinnert, versteht die Anhänglichkeit,
der er sich bei den Frankfurter Gemeindemitgliedern erfreut, und begrüßt
es, dass Levita ausersehen wurde, die Interessen seiner engeren und
weiteren Fachgenossen im jüdischen Handwerk in der Gemeindeverwaltung zu
vertreten. Dieser gehört er seit dem Jahre 1920 in vorbildlicher
Gewissenhaftigkeit als Mitglied der konservativen Fraktion der
Gemeindevertretung an. Wir wünschen dem verehrten Jubilar noch viele
Jahre in Rüstigkeit zum Wohle unserer Gemeinschaft!" |
Zur Geschichte der Synagoge
Ob im Mittelalter bereits ein Betsaal oder eine Synagoge vorhanden war,
lässt sich nicht nachweisen.
Anfang des 18. Jahrhunderts (vor 1713) war eine Synagoge oder eine
Betstube vorhanden. Um 1760 wurde im Hinterhaus des Gebäudes Altstadtstraße 36
eine Synagoge eingerichtet ("alte Juddeschul"). Sie war "20 Fuß
lang und 23 Fuß tief" und hatte 45 Betstühle, was nicht mehr ausreichte,
als die Zahl der Gemeindeglieder im 19. Jahrhundert stark zunahm. 1835/36
wurde die Synagoge gründlich renoviert. Bereits um
1840 wollte man jedoch eine neue Synagoge bauen, doch erst nach 1860 konnte der Plan
umgesetzt werden. In der alten Synagoge gab es 1844 Uneinigkeit wegen
Einrichtung einer Kanzel. Rabbiner Dr. S. Wormser wollte eine Kanzel in der Ecke
der Synagoge haben, wogegen sich jedoch die Gemeinde aussprach.
Nach Plänen des herzoglich nassauischen Oberbaurates Boos
wurde 1862/63 eine neue Synagoge erbaut. Am 13. November 1863 wurde sie
durch Bezirksrabbiner Hochstädter aus (Bad) Ems eingeweiht.
Bericht in der "Allgemeinen Zeitung des
Judentums" vom 22. Dezember 1863: "Diez (Nassau), 18. November.
Am vorigen Freitag wurde hier die neue Synagoge feierlich eingeweiht. Das
Gebäude verbindet das Einfache mit dem Soliden und Geschmackvollen und ist in
allen Teilen vortrefflich ausgeführt. Zu der Feier waren außer den drei
nassauischen Rabbinen die hiesigen christlichen Geistlichen, das Amtspersonal,
die Spitzen der übrigen Staatsbehörden, Gemeinderat und Feldgericht, die
Synagogenbauhandwerker sowie mehrere Herren eingeladen, welche sich durch
Übernahme von Obligationen bei den Kultusanlehen beteiligten. Die Weihe und die
Predigt wurden in trefflichster Weise durch den Herrn Bezirksrabbiner
Hochstädter in Ems ausgeführt." |
Kritischer
Anmerkung zur Einweihung in der orthodoxen Zeitschrift "Der Israelit" und Antwort
von Bezirksrabbiner Dr. Wormser
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Dezember 1863: "Diez
(Herzogtum Nassau). Freitag den 13. November begingen wir das Fest der
Einweihung unserer Synagoge, welches von gutem Wetter, im Vergleiche zu
den vorhergehenden Tagen, begünstigt, wohl noch lange in schönster
Erinnerung bleiben wird. Die Synagoge ist in gotischem Stil aufgeführt,
in der Mitte der Stadt gelegen, macht einen erhebenden Eindruck, sowohl
was die äußere als auch die innere Bauart betrifft. (Die Feier verlief
ähnlich wie bei anderen Synagogenweihen, von denen wir bereits oft
bereichtet haben, weshalb wir den nun folgenden Bericht unseres
Korrespondenten nicht wiedergeben. Wir benutzen jedoch diese Gelegenheit,
um auf Zweierlei aufmerksam zu machen: 1) dass, wenn man die
Synagogenweihe auf einen Sabbat ansetzt, dadurch viel Chilul Schabbat
(Entweihung des Schabbat) veranlasst wird, und 2) dass ein ‚Festball’
zur Feier eine Synagogenweihe uns gerade so vorkommt, wie wenn Jemand ‚zur
Ehre eines Feiertages’ Terepha (Unreines) essen wollte.). |
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Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Januar 1864 (der Artikel
wird abgekürzt wiedergegeben): "Weilburg, den 25. Dezember. In der
Beilage zu Nr. 48 ihres viel gelesenen ‚Israelit’ vom 2. dieses Monats
wird kürzlich der Synagogen-Einweihung zu Diez erwähnt und wohlweislich
der Rat erteilt: a. dergleichen Festivitäten auf keinen Sabbat anzusetzen
und b. von solchen immer einen ‚Festball’ auszuschließen, da diese
Vereinigung höchst unpassend erscheine.’ – Indem ich im Ganzen dieser
Ansicht beipflichte, erlauben Sie mir zu Ehren der israelitischen Gemeinde
zu Diez – deren Geistlicher ich bis zur neuen Rabbinats-Organisation im
Jahre 1860 – also beinahe 18 Jahre hindurch war*) – die Bemerkung,
dass meines Wissens, der ich als Gast fungierte. Gottlob bei dieser
Gelegenheit kein Chilul Schabbat (Entweihung des Schabbat) noch Chilul-Haschem
(Entweihung des Gottesnamens) vorgenommen ist. Was den Festball anlangt,
für welchen ich gewiss keine Lanze brechen möchte, so gereicht es mir
doch zur Befriedigung versichern zu können, dass dieser erst am Schabbat-Ausgang
um 8 Uhr seinen Anfang genommen und als jüdischer Ball in allem Anstand
und jüdischer Zucht bis gen Mitternacht gedauert haben soll…. Dr. S.S.
Wormser, Bezirksrabbiner." |
Nach
der Einweihung der neuen wurde die alte Synagoge aufgegeben und abgebrochen,
Mauerreste waren jedoch noch in den 1960er-Jahren vorhanden. Bis heute ist das
Vorderhaus zur alten Synagoge erhalten, in dem bis nach 1933 der jüdische
Lehrer wohnte. Den
alten Toraschrein mit den Vorhängen (Porauches, Parochot) bot die Israelitische
Gemeinde mit einer Anzeige "Für kleinere Gemeinden!" in der
Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Mai 1864 zum Verkauf an:
Teile der Inneneinrichtung der alten Synagoge werden
verkauft (1864/66)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Mai 1864: "Für kleinere
Gemeinden ! Der Aron Hakodesch (Toraschrein) unserer früheren
Synagoge, schön verziert und bestens erhalten, nebst Porauches
(Vorhänge) etc. ist sehr billig abzugeben. Näheres bei dem Vorstande.
Diez (Nassau), den 4. Mai 1864." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. April 1866: "Wir besitzen
eine sehr gut erhaltene, schön dekorierte heilige Lade Aron HaKodesch,
und sind erbötig, solche unbemittelten Gemeinden unentgeltlich zu
überlassen. Näheres bei dem Kultusvorstande zu Diez." |
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge
geschändet, ihre Inneneinrichtung von NS-Leuten zerstört. Dabei wurde Feuer in
der Synagoge gelegt und ein Versuch der Sprengung unternommen. Beides
hinterließ auf Grund der massiven Mauern nur relativ geringen Schaden. Das
Synagogengebäude ging in das Eigentum des Nationalsozialistischen Fliegerkorps
über. Diese nutzt es als Werkstatt für den Bau und die Unterhaltung von
Segelflugzeugen. Nach Kriegsende wurde das Gebäude beschlagnahmt. Im Zuge des
Restitutionsverfahrens wurde es an ein Privatunternehmen auf Abbruch verkauft. 1951
wurde das Gebäude abgebrochen, an seiner Stelle der Bauhof eines Betriebes
erstellt. Seit 1986 ist eine Hinweistafel vorhanden. Neben
dem Bildmotiv des siebenarmigen Leuchters (Menora) findet sich die Aufschrift
"Jüdische Synagoge - 1863-1951".
Adressen/Standorte der Synagogen:
 | Betsaal bis 1863: Altstadtstraße 36 |
 | Synagoge: Kanalstraße 9 gegenüber der untersten
Aarbrücke
|
Fotos
(Karte aus Sammlung Hahn; Fotos: veröffentlicht bei P. Arnsberg [Bilder-Dokumente s.
Lit. Foto Mitte] und Landesamt s.Lit.; Farbfotos: Hahn, Aufnahmedatum 16.8.2006)
| Historische
Ansichtskarte (gelaufen 1905) von Diez mit der Synagoge |
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| Ansicht von Diez |
Ausschnittvergrößerung: die
Synagoge |
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Die Synagoge in Diez nach der
Pogromnacht 1938 -
Aufnahmen zwischen 1939 und 1951 |
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Ansicht von Diez mit der
Synagoge im Vordergrund |
Die Synagoge in Diez - die
Fenster
sind zerstört; Blick über die Aarbrücke |
Eingangstor - Das Fenster
über der Tür ist zerstört |
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| Das Synagogengrundstück 2006 |
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| Das
Synagogengrundstück ist Lager-/Parkfläche; links der Blick über die
Aarbücke, vgl. Mitte oben. |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Germania Judaica II,1 S. 164. |
 | Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang -
Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. 1 S. 139-141. |
 | ders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder -
Dokumente. 1971 S. 46. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume
III: Hesse - Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992
(hebräisch) S. 421-422. |
 | Adolf Morlang/Klaus-Peter Hartmann: Boykottiert. Emigriert. Deportiert. Liquidiert. Quellen zur Geschichte der Juden im Raum Diez während des Nationalsozialismus. Hrsg. von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Limburg. Diez 1999, 136
S. Kurze
Rezension |
 | Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt
des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies
ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem
Saarland. Mainz 2005. S. 137-138 (mit weiteren Literaturangaben).
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Diez Hesse-Nassau. Annihilated
in the Black Death persecutions of 1348-49, the Jewish community was
reestablished 300 years later, opening a synagogue in 1706. A new synagogue was
built in 1863 and a Jewish boys' home, funded by wealthy German Jews, was
maintained (1888-1935). The community, numbering 130 (3 % of the total) in 1895,
declined after Worldwar I. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the
synagogue was damaged by fire. Only one of the 68 Jews living there in 1933
still remained in 1940.

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