Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Diez (Rhein-Lahn-Kreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge

Übersicht:  

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Allgemeine Gemeindebeschreibung (1936!)   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer 
Aus der Geschichte des Rabbinates in Diez  
Aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben   
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde  
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen   
Links und Literatur   

Hinweis: Es besteht eine weitere Seite zur Geschichte des Deutsch-Israelitischen Kinderheimes in Diez  
   
   
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)   
   
In Diez lebten Juden bereits im Mittelalter. Ein Abraham von Diez wird 1286 in Mainz genannt. 1303 werden in der Stadt jüdische Einwohner bezeugt. Die jüdischen Familien lebten insbesondere vom Geldhandel: 1346-47 ist Pura von Diez und Sohn in einem Frankfurter Gerichtsbuch anlässlich eines Darlehensgeschäft genannt. Zwei Pogrome trafen auch die Diezer Juden: 1337 im Zusammenhang mit der Armlederverfolgung, 1348/49 während der Pestzeit.
  
Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde geht in das 17. Jahrhundert zurück. 1665 lebten vier jüdische Familien (zusammen 21 Personen) in der Stadt, 1785 waren es bereits zehn, 1813 13 Familien.
  
Im 19. Jahrhundert nahm die Zahl der jüdischen Einwohner kontinuierlich zu: 1843 wurden 91 jüdische Einwohner gezählt, 1871 121 (2,9 % von insgesamt 4.166 Einwohnern); die Höchstzahl wurde 1895 mit 130 Personen erreicht (2,9 % von 4.568), um danach langsam zurückzugehen: 1900 128, 1905 119 (2,7 % von 4.362), 1910 124. Auch die in den umliegenden Orten lebenden jüdischen Personen gehörten zur Gemeinde in Diez; insbesondere Balduinstein (und Hausen) mit 1843 20, 1905 14 Personen und Cramberg mit 1843 22, 1905 19 Personen). 
 
Auch im heutigen Stadtteil Freiendiez lebten jüdische Personen: im Jahresbericht von 1901 des "Israelitischen Waisen- und Mädchenheimes" in Diez wird ein Heimkind genannt, das aus Freiendiez stammt.   
 

Die Gemeinde war einige Zeit Sitz eines Bezirksrabbinates: Ende des 18. Jahrhunderts war Diez Sitz des Landrabbiners von Nassau-Oranien (um 1750 Rabbiner Israel Lazarus, um 1769/1781 Rabbiner Heymann Lazar bzw. Lösser, der u.a. auch für Bad Ems und Runkel zuständig war). In den 1840er-Jahren (ab 1843 Rabbiner Dr. S. Salomon Wormser aus Langenschwalbach) wurde das Bezirksrabbinat Diez auf Grund der gestiegenen Zahl der jüdischen Einwohner verkleinert; der Rabbiner in Diez war seitdem für einige umliegende Orte zuständig (jüdische Gemeinden in den Amtsbezirken Limburg, Hadamar, Montabaur, Wallmerod, Selters, Hachenburg). 1852 verlegte Rabbiner Wormser seinen Wohnsitz und damit den Sitz des Rabbinats Diez nach Hadamar. Nach Auflösung des Rabbinates Diez 1860 gehörte die Gemeinde zum Rabbinatsbezirk (Bad) Ems. 
  
An Einrichtungen hatte die Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule, ein rituelles Bad sowie einen Friedhof. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war (außer dem zeitweise am Ort befindlichen Rabbiner) ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und als Schochet tätig war (vgl. Ausschreibungen der Stelle unten). Über viele Jahre war Lehrer Nehemias Alt in der Gemeinde tätig (vor 1908 bis kurz vor seinem Tod 1933).   
  
Die jüdischen Familien in Diez lebten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts überwiegend vom Wein-, Woll-, Vieh- und Pferdehandel. Auch als Metzger und als Handwerker waren sie tätig. Seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörten ihnen mehrere Läden, Handels- und Gewerbebetriebe, die für das wirtschaftliche Leben in der Stadt von großer Bedeutung waren.

Diez Kinderheim 100.jpg (93692 Byte)Als überregionale Einrichtung der Wohlfahrtspflege gab es in Diez das "Deutsch-Israelitische Kinderheim" (bis zu 40 Plätze für Knaben, Schlossberg 23). Es entstand aus einem 1886 in Diez gegründeten Verein zur Errichtung eines israelitischen Erziehungshauses für arme Waisen und Kinder unbemittelter Eltern. Zunächst wurden für die Unterbringung der Kinder Räumlichkeiten am Ort angemietet, bis im August 1893 ein auf dem Diezer Schlossberg neu erstelltes Gebäude bezogen werden konnte. Erster Hausvater war S. Lomnitz, der sich - vermutlich auf Grund von Differenzen mit dem Vereinsvorstand - jedoch alsbald selbständig machte und Ende 1892 ein weiteres Kinderheim für Mädchen in Diez gründete, das "Deutsch-Israelitisches Reichswaisenhaus Diez an der Lahn". Dieses wurde im April 1893 eröffnet mit zunächst acht Mädchen.  Es bestand freilich nur wenige Jahre in Diez, wurde dann nach Limburg verlegt, von dort kam es im Oktober 1897 als "Israelitisches Zentral-Waisen- und Mädchenheim" nach Bad Ems). Langjähriger Hausvater des "Deutsch-Israelitische Kinderheimes" war seit 1893 Lehrer Kadden. Das Kinderheim konnte unter seiner Leitung seine in ganz Deutschland bekannte Arbeit  bis zur erzwungenen Schließung 1935 fortsetzen. Im August 1935 wurde das Kinderheim nach "Demonstrationen" vor dem Gebäude geräumt, die 50 Insassen von der Polizei in "Schutz" genommen. Das Gebäude wurde später als Amtsgebäude zweckentfremdet und vor einigen Jahren abgebrochen. Das Grundstück wurde beim Bau des Diezer Krankenhauses einbezogen. 
Zur Seite mit Texten zur Geschichte des "Deutsch-Israelitischen Kinderheimes" in Diez (interner Link)
Zu einer Seite mit näheren Informationen (u.a. Zeitzeugenbericht) zur zwangsweisen Schließung des Kinderheimes (externer Link)  

Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Unteroffizier Hermann Levita (geb. 11.9.1892 in Diez, gef. 19.9.1914) und Unteroffizier Egon Stern (geb. 27.2.1898 in Diez, gef. 23.8.1918).

Um 1925
- als in Diez noch 60 jüdische Einwohner gezählt wurden (etwa 1,5 % von etwa 4.000 Einwohnern, ohne die Personen in den umliegenden Orten) - waren die Vorsteher der Synagogengemeinde: Adolf Arfeld, Adolf Fried und Hermann Schaumburger. Als Lehrer war Nehemias Alt tätig (gestorben 1933, siehe Bericht unten). Inzwischen gehörten zur Diezer Gemeinde auch die in Flacht lebenden jüdischen Einwohner (1925: 30), weiterhin die in Balduinstein und Cramberg lebenden Juden (7 beziehungsweise 12). An jüdischen Vereinen gab es u.a. einen Israelitischen Frauenverein. 1932 waren die Vorsteher der Gemeinde: Adolf Arfeld (1. Vorsitzender), Hans Stern und Josef Bodenheimer.

Nach 1933 ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder (1933: 50 Personen, dazu 4 in Balduinstein, 5 in Birlenbach, 14 in Cramberg und 3 in Freiendiez) auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Über die Vorgänge gegen das Kinderheim 1935 siehe dortige Seite; über die Ereignisse beim Novemberpogrom 1938 gegen die Synagoge s.u..  
   
Von den in Diez geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):   Martha Bassing geb. Maas (1888), Henriette Bender geb. Lehmann (1878), Bianca Bettmann geb. Kadden (1894), Lina Blumenthal geb. Schaumburger (1871), Hedwig Frank geb. Rosenthal (1880), Willi Fuld (1900), Ernest Hecht (1922), Berta Kadden (1896), Ludwig Kahn (1896), Elsbeth Koekoek geb. Alt (1904), August Königsberger (1872), Fanny Königsberger (1865), Gustav Königsberger (1855), Hermann Königsberger (1880), Julius Königsberger (1879), Mathilde Königsberger (1867), Rudolf Königsberger (1876), Siegfried Königsberger (1881), Julius Lehmann (1860), Paul Lehmann (1880), Siegmund Levita (1882), Sofie Levita (1897), Brigitte Liebmann (1926), Erna Eva Lindemeyer geb. Maas (1887), Sydney Lomnitz (1884), Vessi Bertha Meyer geb. Königsberger (1903), Clothilde Rosenthal (1885), Rosa Schäfer geb. Holländer (1881), Emma Stein geb. Rückersberg (1897), Isaak Strauß (1868), Johanna Trier geb. Meyer (1872), Rosa Ullmann geb. Schaumburger (1859), Bernhard Wolff (1870).  
       
Hinweis: für Ludwig Kahn (geb. 1880 in Diez) wurde in Berlin, Alte Schönhauser Str. 58, ein "Stolperstein" verlegt (Biographische Angaben in der Website stolpersteine-berlin.de).  
        
        
   
    
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Allgemeine Gemeindebeschreibung (1936!)      

Artikel im "Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt" vom Oktober 1936 S. 31: "Diez. 3500 Einwohner, schon 1329 Stadt, mit Stammburg der Fürsten von Nassau-Diez und der Oranier: seit 1866 preußisch. 'Schon' 1337 und 1349 Judenverfolgungen - dann Stille. 1784 wieder jüdische Gemeinde, sehr von Steuern geplagt. 1786 bescheinigt die Dillenburger Regierung den Diezer Juden, dass sie 'die Nahrung der Stadt eher fördern als ihr Abbruch tun'. Trotzdem erhält Sekkel Sussmann erst 1802 nach mehrmaligem Ansuchen und unter erbittertem Protest der Kaufmannschaft die Erlaubnis zum Spezereihandel. 1801 Eintritt des ersten Judenknaben in die Lehre eines christlichen Handwerksmeisters. Schon in demselben Jahr Aufhebung des Leibzolls. 1930 ca. 25 Familien, zur Zeit noch etwa 10 Familien. - Das Haus des im In- und Ausland bekannten Israelitischen Kinderheims (für Knaben) ist heute Amtsgebäude. Die Kinder wurden seinerzeit auf die Heime in Frankfurt und Köln verteilt. - Schöne Bauten. Fachinger Wasser. Lehmkuren nach Pastor Felke. - In einer etwas anstrengenden, aber abwechslungsreichen Tageswanderung von 25 km auf dem linksseitigen Lahnhöhenweg, vorbei an den Burgruinen Balduinstein, Laurenburg, Brunnenburg und an Kloster Arnstein, bis Seelbach; dann nach Oberndorf und (blaues Kreuz) Bergnassau, wo wir den Anschluss an unsere erste Wanderung erreichen."  

       
       
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer 
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1861 / 1863 / 1887  

Diez AZJ 27081861n.jpg (36411 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 27. August 1861: "Die Stelle eines Religionslehrers und Vorbeters bei der israelitischen Kultusgemeinde Diez (Herzogtum Nassau) ist mit dem 1. Oktober dieses Jahres durch einen unverheirateten jungen Mann anderweit zu besetzen. – Hierauf Reflektierende wollen sich in Franco-Briefen bei dem Vorstande melden."
 
Diez AZJ 05051863.jpg (30693 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. Mai 1863: "Die Stelle eines Religionslehrer und Vorbeters bei der israelitischen Kultusgemeinde Diez (Herzogtum Nassau) ist mit dem 1. Juli dieses Jahres anderweit zu besetzen. – Bewerber wollen sich bei dem Vorstande melden."
  
Diez Israelit 09091863.jpg (38669 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. September 1863: "Die Lehrer- und Vorbeterstelle bei der Kultusgemeinde Diez ist sofort zu besetzen. – Der Gehalt beträgt bei freier Wohnung und exklusive Akzidenzien 350 Gulden und stehen durch Privatunterricht namhafte Einnahmen in Aussicht. – Ausländer haben sich einer Prüfung im Herzogtum zu unterwerfen. – Anmeldungen sind an den Vorstand zu richten."
 
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. September 1863: "Die Stelle eines Religionslehrers und Vorbeters bei der israelitischen Kultusgemeinde Diez (im Herzogtum Nassau) ist sofort zu besetzen. - Der Gehalt beträgt bei freier Wohnung fl. 350 - exklusive der Akzidenzien, und stehen namhafte Einnahmen durch Privatunterricht in Aussicht. - Bemerkt wird, dass eine Prüfung bei dem Bezirks-Rabbinate der Anstellung vorhergehen muss, und nur unverheiratete Personen berücksichtigt werden können. - Anmeldungen bittet man an den Vorstand baldigst gelangen zu lassen."    
 
Diez Israelit 04081887.jpg (59469 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. August 1887: "Ein Lehrer, der die Schechita (zu deren Erlernung sich eventuell hier Gelegenheit bietet) übernimmt, per 1. Januar kommenden Jahres gesucht. Einkommen 8-900 Mark bei freier Wohnung. Die Stelle eignet sich für einen ledigen energ. Mann, dem 1 Jahr später die Religionslehrerstelle (1.800 Mark) übertragen werden könnte. Meldungen sind Abschriften der Zeugnisse beizufügen. Diez an der Lahn, 1. August 1887. Der Vorsteher der Kultusgemeinde Leopold Rosenthal."

    
Versammlung des Vereins der israelitischen Lehrer Nassaus in Diez (1894)  

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 15. Juni 1894:  
Der Text ist noch nicht ausgeschrieben - zum Lesen bitte Textabbildungen anklicken
Genannt werden im Beitrag: 
Rabbiner Dr. Silberstein aus Wiesbaden
Rabbiner (Referent) Dr. Landau aus Weilburg
Kreisvorsteher Leopold Rosenthal, 
Waisenvater H. Kadden aus Diez
Lehrer Frank aus Idstein
Lehrer Raphael Greif aus Schwalbach
Lehrer S. Lomnitz aus Diez
Lehrer W. Frank aus Westerburg
Lehrer (Referent) A. Fröhlich aus Weilburg
Lehrer (Referent) H. Stamm aus Selters
Schriftführer Adolf Oppenheimer aus Hadamar.
Genannt wird auch der nach Großsteinheim übergesiedelte Lehrer Ph. Falkenstein.  
      
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Zum Tod von Lehrer Nehemia Alt (1933)  

Diez Israelit 07041933.jpg (97236 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. April 1933: "Diez (Lahn), 30. März 1933. Am 27. März entschlief nach dreiwöchentlichem Krankenlager Lehrer Nehemia Alt im 68. Lebensjahres, nachdem er zwei Monate vorher seine Gattin verloren hatte. Mit ihm verlor die Jüdische Gemeinde einen vorbildlichen, beliebten Beamten, der mehr als 42 Jahre seine ganze Kraft und Persönlichkeit seinem heiligen Dienste geweiht hatte. - Am Grabe entwarf Herr Lehrer Isaak, Limburg, in tief bewegten Worten ein treues Bild dieses guten Menschen, hervorragenden Lehrers und Führers. Namens der Gemeinde sprach Herr Lehrer Bettmann, Diez, Dank und Anerkennung aus. Herr Lehrer Levy, Höchst (Main) rief im Namen des Vereins israelitischer Lehrer im ehemaligen Herzogtum Nassau, dem der Verstorbene 40 Jahre als Vorstandsmitglied angehörte, dem treuen Kollegen herzliche Dankes- und Abschiedsworte nach. Durch sein vorbildliches Leben und Wirken wird er unvergessen bleiben."

    
    
Aus der Geschichte des Rabbinates in Diez  
Rabbinatseinteilung 1843  

Diez AZJ 21081843.jpg (91180 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 21. August 1843: "Wiesbaden, im August (1843). Vor einigen Tagen hat unsere hohe Landesregierung die Rabbinatsbezirks-Einteilung geordnet, und die Theologen für dieselben bestimmt. Nämlich: 1) die jüdischen Gemeinden in den Amtsbezirken Wiesbaden, Rüdesheim, Eltville, Hochheim, Höchst, Königstein und Idstein sind hinsichtlich der Konfirmation, Religionsschule-Visitation und zur Hälfte auch der Kopulationen dem Dr. Höchstädter übertragen, hinsichtlich der anderen Hälfte der Kopulationen dem früheren Privatrabbinen Igstädter; 2) Diez, Limburg, Hadamar, Montabaur, Wallmerod, Selters und Hachenburg dem Dr. Wormser; 3) Weilburg, Runkel, Mennerod (gemeint: Rennerod), Harborn (gemeint Herborn) und Usingen dem Dr. Süßkind; 4) Langenschwalbach, Wohen, Nastätten, St. Goarshausen, Nassau und Braubach dem vormaligen Landrabbinen S. Wormser mit einem Substituten für die jährlichen Konfirmationen und Schulvisitationen."

    
    
Aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben  
Chanukka-Feier des Frauenvereins (Dezember 1929)  

Diez Israelit 16011930.jpg (59260 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. Januar 1930: "Diez a.d. Lahn, 5. Januar (1930). Zu einer Chanukkafeier, für deren Gelingen den Vorstandsdamen besonderer Dank gebührt, hatte der Frauenverein eingeladen. Nach einer kurzen Begrüßungsansprache der stellvertretenden Vorsitzenden und einem schön gesprochenen Prolog folgte ein Vortrag des Obersekundaners Heinrich Felsen, Zögling des Deutsch-Israelitischen Kinderheims, über Chanukka und die heutige Zeit, der reichen Beifall erntete. Anschließend folgten einige sehr nette Gedichte und Theaterstücke, die starken Anklang fanden. Eine kleine Verlosung beschloss die in echt jüdischem Geiste verlaufene Feier."

     
     
Berichte zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde 
Zum 70. Geburtstag des aus Cramberg stammenden Siegmund Levita (1937)  

Cramberg GblIsrGF April1937 15.jpg (82745 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt" vom April 1937 S. 15: "70. Geburtstag. Am 10. April (Schabbat Paraschat Schemini, Schabbat mit der Toralesung Schemini = 3. Mose 9,1 - 11,47) feiert Herr Siegmund Levita seinen 70. Geburtstag. In Cramberg bei Diez geboren, kam Herr Levita schon in jungen Jahren nach Frankfurt am Main und trat als Geselle bei dem Metzgermeister Bergfeld ein. Er verstand es, sich sehr bald das Vertrauen seines Meisters und eine angesehene Stellung in Fachkreisen zu erringen und übernahm, nachdem er sich verheiratet hatte, nach dem Tode Bergfelds dessen Geschäfts. Wer sich der peinlichen Gewissenhaftigkeit und der liebenswürdigen Art Levitas seiner zahlreichen Kundschaft gegenüber erinnert, versteht die Anhänglichkeit, der er sich bei den Frankfurter Gemeindemitgliedern erfreut, und begrüßt es, dass Levita ausersehen wurde, die Interessen seiner engeren und weiteren Fachgenossen im jüdischen Handwerk in der Gemeindeverwaltung zu vertreten. Dieser gehört er seit dem Jahre 1920 in vorbildlicher Gewissenhaftigkeit als Mitglied der konservativen Fraktion der Gemeindevertretung an. Wir wünschen dem verehrten Jubilar noch viele Jahre in Rüstigkeit zum Wohle unserer Gemeinschaft!" 

  
Nach 1945: Mitteilung des 70. Geburtstages von Johanna Schaumburger geb. Rosenstock (Südafrika 1949)    

Artikel in der Zeitschrift "Der Aufbau" vom 22. April 1949: "Unseren lieben Verwandten und Freunden die erfreuliche Mitteilung, dass unsere liebe Mutter und Großmutter 
Johanna Schaumburger geb. Rosenstock
 
(früher Diez-Lahn), Capetown, Vredeboek 17, Bradwell Road am 27. April 1949 ihren 70. Geburtstag feiern wird. 
Herbert, Else und Ruth Schüftan  
Max, Gertrude Blumlein.
"    

   
   
   
Zur Geschichte der Synagoge      
   
Ob im Mittelalter bereits ein Betsaal oder eine Synagoge vorhanden war, lässt sich nicht nachweisen. 
    
Anfang des 18. Jahrhunderts (vor 1713) war eine Synagoge oder eine Betstube vorhanden. Um 1760 wurde im Hinterhaus des Gebäudes Altstadtstraße 36 eine Synagoge eingerichtet ("alte Juddeschul"). Sie war "20 Fuß lang und 23 Fuß tief" und hatte 45 Betstühle, was nicht mehr ausreichte, als die Zahl der Gemeindeglieder im 19. Jahrhundert stark zunahm. 1835/36 wurde die Synagoge gründlich renoviert. Bereits um 1840 wollte man jedoch eine neue Synagoge bauen, doch erst nach 1860 konnte der Plan umgesetzt werden. In der alten Synagoge gab es 1844 Uneinigkeit wegen Einrichtung einer Kanzel. Rabbiner Dr. S. Wormser wollte eine Kanzel in der Ecke der Synagoge haben, wogegen sich jedoch die Gemeinde aussprach. 
  
Nach Plänen des herzoglich nassauischen Oberbaurates Boos wurde 1862/63 eine neue Synagoge erbaut. Am 13. November 1863 wurde sie durch Bezirksrabbiner Hochstädter aus (Bad) Ems eingeweiht
.     

Diez AZJ 22121863.jpg (45126 Byte)Bericht in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 22. Dezember 1863: "Diez (Nassau), 18. November. Am vorigen Freitag wurde hier die neue Synagoge feierlich eingeweiht. Das Gebäude verbindet das Einfache mit dem Soliden und Geschmackvollen und ist in allen Teilen vortrefflich ausgeführt. Zu der Feier waren außer den drei nassauischen Rabbinen die hiesigen christlichen Geistlichen, das Amtspersonal, die Spitzen der übrigen Staatsbehörden, Gemeinderat und Feldgericht, die Synagogenbauhandwerker sowie mehrere Herren eingeladen, welche sich durch Übernahme von Obligationen bei den Kultusanlehen beteiligten. Die Weihe und die Predigt wurden in trefflichster Weise durch den Herrn Bezirksrabbiner Hochstädter in Ems ausgeführt." 

Kritische Anmerkung zur Einweihung in der orthodoxen Zeitschrift "Der Israelit" und Antwort von Bezirksrabbiner Dr. Wormser (1863)  

Diez AZJ 02121863.jpg (92914 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Dezember 1863: "Diez (Herzogtum Nassau). Freitag den 13. November begingen wir das Fest der Einweihung unserer Synagoge, welches von gutem Wetter, im Vergleiche zu den vorhergehenden Tagen, begünstigt, wohl noch lange in schönster Erinnerung bleiben wird. Die Synagoge ist in gotischem Stil aufgeführt, in der Mitte der Stadt gelegen, macht einen erhebenden Eindruck, sowohl was die äußere als auch die innere Bauart betrifft. (Die Feier verlief ähnlich wie bei anderen Synagogenweihen, von denen wir bereits oft bereichtet haben, weshalb wir den nun folgenden Bericht unseres Korrespondenten nicht wiedergeben. Wir benutzen jedoch diese Gelegenheit, um auf Zweierlei aufmerksam zu machen: 1) dass, wenn man die Synagogenweihe auf einen Sabbat ansetzt, dadurch viel Chilul Schabbat (Entweihung des Schabbat) veranlasst wird, und 2) dass ein ‚Festball’ zur Feier eine Synagogenweihe uns gerade so vorkommt, wie wenn Jemand ‚zur Ehre eines Feiertages’ Terepha (Unreines) essen wollte.).
  
Diez Israelit 06011864.jpg (176691 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Januar 1864 (der Artikel wird abgekürzt wiedergegeben): "Weilburg, den 25. Dezember. In der Beilage zu Nr. 48 ihres viel gelesenen ‚Israelit’ vom 2. dieses Monats wird kürzlich der Synagogen-Einweihung zu Diez erwähnt und wohlweislich der Rat erteilt: a. dergleichen Festivitäten auf keinen Sabbat anzusetzen und b. von solchen immer einen ‚Festball’ auszuschließen, da diese Vereinigung höchst unpassend erscheine.’ – Indem ich im Ganzen dieser Ansicht beipflichte, erlauben Sie mir zu Ehren der israelitischen Gemeinde zu Diez – deren Geistlicher ich bis zur neuen Rabbinats-Organisation im Jahre 1860 – also beinahe 18 Jahre hindurch war*) – die Bemerkung, dass meines Wissens, der ich als Gast fungierte. Gottlob bei dieser Gelegenheit kein Chilul Schabbat (Entweihung des Schabbat) noch Chilul-Haschem (Entweihung des Gottesnamens) vorgenommen ist. Was den Festball anlangt, für welchen ich gewiss keine Lanze brechen möchte, so gereicht es mir doch zur Befriedigung versichern zu können, dass dieser erst am Schabbat-Ausgang um 8 Uhr seinen Anfang genommen und als jüdischer Ball in allem Anstand und jüdischer Zucht bis gen Mitternacht gedauert haben soll…. Dr. S.S. Wormser, Bezirksrabbiner."

Nach der Einweihung der neuen wurde die alte Synagoge aufgegeben und abgebrochen, Mauerreste waren jedoch noch in den 1960er-Jahren vorhanden. Bis heute ist das Vorderhaus zur alten Synagoge erhalten, in dem bis nach 1933 der jüdische Lehrer wohnte. Den alten Toraschrein mit den Vorhängen (Porauches, Parochot) bot die Israelitische Gemeinde mit einer Anzeige "Für kleinere Gemeinden!" in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Mai 1864 zum Verkauf an:
  
Teile der Inneneinrichtung der alten Synagoge werden verkauft (1864/66)   

Diez Israelit 11051864.jpg (34808 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Mai 1864: "Für kleinere Gemeinden ! Der Aron Hakodesch (Toraschrein) unserer früheren Synagoge, schön verziert und bestens erhalten, nebst Porauches (Vorhänge) etc. ist sehr billig abzugeben. Näheres bei dem Vorstande. Diez (Nassau), den 4. Mai 1864."
  
Diez Israelit 11041866.jpg (28562 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. April 1866: "Wir besitzen eine sehr gut erhaltene, schön dekorierte heilige Lade Aron HaKodesch, und sind erbötig, solche unbemittelten Gemeinden unentgeltlich zu überlassen. Näheres bei dem Kultusvorstande zu Diez."

Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge geschändet, ihre Inneneinrichtung von NS-Leuten zerstört. Dabei wurde Feuer in der Synagoge gelegt und ein Versuch der Sprengung unternommen. Beides hinterließ auf Grund der massiven Mauern nur relativ geringen Schaden. Das Synagogengebäude ging in das Eigentum des Nationalsozialistischen Fliegerkorps über. Diese nutzt es als Werkstatt für den Bau und die Unterhaltung von Segelflugzeugen. Nach Kriegsende wurde das Gebäude beschlagnahmt. Im Zuge des Restitutionsverfahrens wurde es an ein Privatunternehmen auf Abbruch verkauft. 1951 wurde das Gebäude abgebrochen, an seiner Stelle der Bauhof eines Betriebes erstellt. Seit 1986 ist eine Hinweistafel vorhanden. Neben dem Bildmotiv des siebenarmigen Leuchters (Menora) findet sich die Aufschrift "Jüdische Synagoge - 1863-1951".
  
  
 
Adressen/Standorte der Synagogen

Betsaal bis 1863: Altstadtstraße 36
Synagoge: Kanalstraße 9 gegenüber der untersten Aarbrücke 

   
   
Fotos
(Karte aus Sammlung Hahn; Fotos: veröffentlicht bei P. Arnsberg [Bilder-Dokumente s. Lit. Foto Mitte] und Landesamt s.Lit.; Farbfotos: Hahn, Aufnahmedatum 16.8.2006) 

Historische Ansichtskarte (gelaufen 1905) von Diez mit der Synagoge  
Diez Synagoge 190.jpg (116304 Byte) Diez Synagoge 191.jpg (62064 Byte)  
Ansicht von Diez Ausschnittvergrößerung: die Synagoge  
     
Die Synagoge in Diez nach der Pogromnacht 1938 - 
Aufnahmen zwischen 1939 und 1951
  
Diez Synagoge 009.jpg (65592 Byte) Diez Synagoge 001.jpg (72257 Byte) Diez Synagoge 010.jpg (66690 Byte)
Ansicht von Diez mit der 
Synagoge im Vordergrund 
Die Synagoge in Diez - die Fenster 
sind zerstört; Blick über die Aarbrücke 
Eingangstor - Das Fenster 
über der Tür ist zerstört 
       
Das Synagogengrundstück 2006    
Diez Synagoge 100.jpg (68253 Byte) Diez Synagoge 101.jpg (71312 Byte)  
Das Synagogengrundstück ist Lager-/Parkfläche; links der Blick über 
die Aarbücke, vgl. Mitte oben. 
 

    
    

Links und Literatur

Links:

Website der Verbandsgemeinde Diez  

Informationsseite zur jüdischen Geschichte in Diez  

Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Diez (interner Link)  

Literatur:  

Germania Judaica II,1 S. 164.  
Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. 1 S. 139-141.
ders.: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente. 1971 S. 46.
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 421-422.
Adolf Morlang/Klaus-Peter Hartmann: Boykottiert. Emigriert. Deportiert. Liquidiert. Quellen zur Geschichte der Juden im Raum Diez während des Nationalsozialismus. Hrsg. von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Limburg. Diez 1999, 136 S.   Kurze Rezension 
Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Mainz 2005. S. 137-138 (mit weiteren Literaturangaben).

   
    


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Diez  Hesse-Nassau. Annihilated in the Black Death persecutions of 1348-49, the Jewish community was reestablished 300 years later, opening a synagogue in 1706. A new synagogue was built in 1863 and a Jewish boys' home, funded by wealthy German Jews, was maintained (1888-1935). The community, numbering 130 (3 % of the total) in 1895, declined after Worldwar I. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue was damaged by fire. Only one of the 68 Jews living there in 1933 still remained in 1940.
  
    

                   
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Stand: 14. Dezember 2014