Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Selters (Westerwaldkreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge

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Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version
       
In Selters bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/40. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück. Erstmals wird 1585 "Adam der Jude zu Selters" genannt. 1753 gab es vier jüdische Familien mit 12 Personen in der Stadt, 1784 elf, 1789 fünf, 1794 zehn und 1807 sechs Familien.   

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1816/17 8 jüdische Familien, 1823/24 9 Familien, 1843 90 jüdische Einwohner, 1871 95 (9,8 % von insgesamt 972 Einwohnern), 1885 70 (6,6 % von 1.062), 1905 101 (8,5 % von 1.193). Die jüdischen Familien lebten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem vom Viehhandel und vom Schlachten. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es auch Handwerker. Mehrere eröffneten Ladengeschäfte und Handlungen am Ort.  

Die Gemeinde in Selters war Mittelpunkt auch für die in den umliegenden Dörfern lebenden jüdischen Personen. In diesen Orten wurden gezählt: 
Herschbach 1843 6, 1905 16, 1932 12 jüdische Einwohner  
Maxsain
1843 35, 1905 29, 1932 10 jüdische Einwohner (siehe Unterseite)   
Hartenfels
1843 10, 1905 12 jüdische Einwohner (siehe Unterseite Maxsain
Rückeroth 1843 11, 1905 9, 1932 3 jüdische Einwohner (siehe Beitrag von Wilfried Göbler: Rückerother Juden)
Nordhofen 1816/17 4 jüdische Familien, die meist vom Viehhandel lebten; 1843 34 jüdische Einwohner.   
In diesen Orten (Filialen) gab es jedoch teilweise eigene Einrichtungen (Beträume, Friedhöfe: in Maxsain, Hartenfels).  

An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (Religionsschule), ein rituelles Bad (Haus Bahnhofstraße 8) und ein Friedhof.  Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (vgl. Ausschreibungen der Stelle unten). 1847 wird ein Lehrer Burger genannt (bei der Lehrerversammlung in Limburg), 1875 ein Lehrer Löwenstein, der auch für Singhofen tätig war; 1884 wird Lehrer H. Stamm genannt, der auch in Maxsain tätig war (Lehrer Stamm wird auch genannt als Teilnehmer bei einer Lehrerkonferenz in Diez 1894). Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Bad Ems beziehungsweise (nach 1924) Bad Ems - Weilburg. 
  
Im Ersten Weltkrieg fiel aus der jüdischen Gemeinde Walter Blumenthal (geb. 20.10.1897 in Nordhofen, gef. 20.5.1918).   

Um 1924, als zur Gemeinde 93 Personen gehörten (7,2 % von insgesamt 1.297 Einwohnern), waren die Gemeindevorsteher Siegmund Weinberg, Max Michel und Leopold Rosenau. Als Religionslehrer und Kantor war Siegfried Goldbach tätig. Er unterrichtete an der Religionsschule der Gemeinde 16 Kinder. 1932 waren die Gemeindevorsteher Sigmund Sonnenberg (1. Vors.), Adolf Kahn (2. Vors.) und Siegmund Sonneberg (3. Vors.). Weiterhin war Siegfried Goldbach Lehrer der Gemeinde. Er unterrichtete im Schuljahr 1931/32 noch 6 Kinder. An jüdischen Vereinen gab es den Israelitischen Frauenverein Frauenchewrah (1932 unter Leitung von Lina Oster), den Israelitischen Wohltätigkeitsverein (gegründet 1909; 1932 unter Vorsitz von Leopold Rosenau; Zweck und Arbeitsgebiet: Unterstützung der Ortsarmen), die Männerchewra (1932 unter Leitung von Leopold Rosenau) und einen Israelitischen Jugendverein (1932 unter Leitung von Lehrer Siegfried Goldbach). Eine Gemeindebibliothek war vorhanden.     

Nach 1933
ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder (1933: 97 Personen) auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Auswanderungen erfolgten nach den USA (6 Personen), nach Palästina (5 Personen), nach England (6 Personen), nach Holland (2), Schweiz (3), Südamerika (3) und Dänemark. Zu schweren Ausschreitungen in der Stadt ist es bereits im September 1938 gekommen, als um den 25. September abends die Fensterscheiben jüdischer Häuser und der Synagoge eingeworfen wurden. Auch beim Novemberpogrom 1938 kam es zu schweren Ausschreitungen, bei denen die Synagoge niedergebrannt und der Friedhof geschändet wurde. Die jüdischen Einwohner wurden teilweise verhaftet und ins Gerichtsgefängnis gebracht, ihre Häuser großenteils demoliert. Nach diesen Ereignissen entschlossen sie die noch verbliebenen Familien zum möglichst baldigen Verlassen der Stadt. Am 3. Oktober 1939 wohnten keine jüdischen Personen in der Stadt. An diesem Tag waren Simon Danzig mit seiner Frau Ella und seiner Schwester Berta nach Köln verzogen. Alle drei sind später deportiert und in Vernichtungslagern ermordet worden.            
        
Von den in Selters geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"):  Auguste Bernstein geb. Schoemann (1877), Berta Bernstein geb. Elsoffer (1856), Ernst Bernstein (1898), Ida Bernstein geb. Loew (1887), Julius Bernstein (1887), Louis Bernstein (1870), Louis Bernstein (1910), Luise Bernstein (1889), Johanna Besmann geb. Lichtenstein (1882), Meta Johanna Cohn geb. Rosenau (1896), Berta Danzig (1876), Ella Danzig geb. Baitmann (1881), Mina Danzig (1879), Simon Danzig (1873), Simon Friedemann (1867), Irma Gottschalk geb. Kahn (1902), Walter Haas (1899), Irma Haas geb. Weinberg (19101), Ella Herz (1887), Erna Herz (1898), Käthe Herz (1886), Emmy (Emilie) Heymann geb. Bernstein (1868), Clothilde Jakob geb. Blumenthal (1888), Günter (Gerson) Jakob (1920), Theo David Jakob (1887), Adolf Kahn (1875), Julius Lichtenstein (1889), Julius Löwensberg (1890), Martha Löwensberg geb. Weinberg (1899), Rosa Meyer geb. Löwenstein (1880), Arthur Michel (1887), Siegfried Michel (1889), Bertha Rückersberg geb. Stern (1863 oder 1864), Emil Salomon (1885), Jenny Salomon geb. Strauss (1895), Hedwig Sonnenberg (1887), Karl Julius Sonnenberg (1904), Moses Sonnenberg (1883), Theodor Sonnenberg (1888), Auguste Stern (1878), David Strauß (1882), Marianne Strauß (1925), Zerlina Strauß (1866), Else Weinberg geb. Weissberg (1912), Ida Weinberg geb. Gerson (1875), Else Weinberg geb. Weinberg (1912).  
      
      
      
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
      
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1869 / 1911  

Selters Israelit 10031869.jpg (26602 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. März 1869: "Die israelitische Religionslehrer- und Vorbeterstelle zu W.-Selters in Nassau ist vakant, und kann sofort besetzt werden. 
Reflektierende wollen sich wenden an Tobias Rückertsberg, Vorsteher."
  
Selters FrfIsrFambl 25081911.jpg (44379 Byte)Ausschreibung der Stelle im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 25. August 1911: "Vakanzen... Selters (Unterwesterwald). Lehrer, Kantor und Schächter, Einkommen: 1500 Mark."   

     
     
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen  
Todesanzeige für Salomon F. Katz (1924)     

Anzeige in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des "Central-Vereins") vom  21. Februar 1924: 
"Am vergangenen Samstagmorgen entschlief sanft infolge eines Schlaganfalles mein innigstgeliebter Gatte, unser guter edler Vater, Großvater, Schwiegervater, Bruder, Schwager und Onkel  
Salomon F. Katz
 
im vollendeten 71. Lebensjahre. 
Die trauernden Hinterbliebenen
Jesberg, Selters (Westerwald), Borken (Main-Weser-Bahn), den 17. Februar 1924".        

  
  
  
Zur Geschichte der Synagoge        
   
Anfang des 18. Jahrhunderts wurde ein erster Betsaal eingerichtet. Davon berichten die Selterser Juden 1746, als sie gegen die Schließung ihrer Synagoge das Argument vorbringen, dass "unseren Vorfahren und uns über 40 Jahre das Schulehalten in Selters erlaubt war". Im folgenden Jahr boten drei Familien dem Reichsgrafen vier Spezial-Dukaten an, um weiterhin Gottesdienste in der "Judenschule" abhalten zu dürfen. Der Betsaal war im Haus eines Gemeindegliedes eingerichtet.  
   
1850 erwarben 21 Familien aus Selters und den Filialgemeinden ein Haus für 1,800 Gulden, um es zur Synagoge umzubauen. Über 80 Jahre war diese Synagoge Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens in Selters. 
    
Bereits im September 1938 wurden die Fensterscheiben der Synagoge eingeschlagen. Beim Novemberpogrom 1938 wurde das Gotteshaus verwüstet, die Gebetbücher verbrannt und das Gebäude anschließend in Brand gesetzt. Die Feuerwehr schützte nur die Nachbargebäude vor einem Übergreifen der Flammen. Die Brandruine wurde 1940 abgebrochen, das Gründstück ging in Staatsbesitz über. 1948 kam das Grundstück durch Rückübertragung in den Besitz der Jüdischen Kultusgemeinde Koblenz, die es ihrerseits am 8 Mai 1950 an einen Schreinermeister verkaufte.    
    
Seit 1988 erinnert auf dem Brunnenplatz ein Gedenkstein an die Synagoge. Die Anbringung einer Gedenktafel oder Aufstellung eines Gedenksteines auf dem Synagogengrundstück ist geplant (2009).  
     
     
Adresse/Standort der Synagoge:   Waldstraße 4  
     
     
Fotos  
(Historisches Foto aus Landesamt s.Lit. S. 342; neuere Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 23.8.2009)   

Die Synagoge in Selters Selters Synagoge 200.jpg (62226 Byte)  
Die Aufnahme wurde um 1932/34 erstellt  
     
Gedenktafel Selters Gedenken 171.jpg (91055 Byte) Selters Gedenken 172.jpg (82004 Byte)
  Am Brunnenplatz erinnert seit 1988 ein Gedenkstein an die jüdische Gemeinde 
und die Synagoge
   
Auch eine Mikwe (rituelles Bad) erinnert 
im Haus Bahnhofstraße 8 an die jüdische
 Geschichte in Selters 
(Hinweis in der Website der Stadt Selters)
 
     
     
Familienfoto im Ersten Weltkrieg: 
Familie Rückersberg in Selters 
(Quelle: Foto-Archiv Yad Vashem Jerusalem, Link
 Selters 1778982_1.JPG (38330 Byte)
  Das Foto zeigt das Ehepaar David und Bertha Rückersberg geb. Stern mit ihrem Sohn Otto (1897-1957), der Tochter Emma und einer anderen Tochter (Name unbekannt). Das Foto wurde um 1916 aufgenommen. Die Familie lebte in Selters. David starb 1935 in Selters. Bertha (geb. 22.5.1863 oder 1864) wurde nach Angaben bei Yad Vashem Opfer der Shoa.  
     

   
     

Links und Literatur  

Links:  

Website der Stadt Selters  
Beitrag von Wilfried Göbler: Rückerother Juden:  http://argewe.lima-city.de/wewa2/r-orte/rueckeroth/ort-ind4.htm  

Literatur:  

Paul Arnsberg: Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn. 1971. Bd. II S. 249-251. 
Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany Volume III: Hesse -  Hesse-Nassau - Frankfurt. Hg. von Yad Vashem 1992 (hebräisch) S. 486-487.   
Westerwald Lit 100.jpg (48301 Byte)Joachim Jösch / Uli Jungbluth u.a. (Hrsg.): Juden im Westerwald. Leben, Leiden und Gedenken. Ein Wegweiser zur Spurensuche. Montabaur 1998. 
Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Mainz 2005. S. 342 (mit weiteren Literaturangaben).

  
   


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Selters. Established after 1800, the community drew members from neighboring villages, numbered 101 (8 % of the population) in 1905 and was affiliated with the Bad Ems rabbinate before Worldwar I. It had Jewish youth and women's organizations as well as a library. On Kristallnacht (9-10 November 1938), the synagogue was burned down and most Jews left the district, 27 emigrating by 1939. 
         
           

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 19. März 2016