Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Nastätten (VG Nastätten, Rhein-Lahn-Kreis)
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Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
(english version)      
    
In Nastätten bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/41. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 17. Jahrhunderts zurück. Der älteste erhaltene Schutzbrief stammt aus dem Jahr 1654. Noch im Laufe des 17. Jahrhunderts stieg die Zahl der jüdischen Haushaltungen von drei (1664) auf elf (1693) beziehungsweise neun an (1695). Im 18. Jahrhundert lag die Zahl der jüdischen Familien zwischen 13 und 16. 
  
Die jüdische Gemeinde von Nastätten hatte bis Anfang des 19. Jahrhunderts eine besondere Bedeutung für die jüdischen Gemeinden der Umgebung als Sitz des Bezirksrabbinates der Grafschaft Katzenelnbogen mit den Amtsbezirken Nastätten, Langenschwalbach und St. Goarshausen. 1830 verlegte der damalige Rabbiner Samuel Wormser seine Wohnung und Amtssitz nach Langenschwalbach (gestorben 1858 in Hadamar, siehe Nachruf dort). Seit 1843 war der Rabbinatssitz in Bad Ems.    
    
Die jüdischen Familien lebten zunächst vom Handel mit Vieh und Waren aller Art. Seit dem 19. Jahrhundert trugen sie wesentlich zur wirtschaftlichen Entwicklung Nastättens bei. Jüdischen Gewerbetreibenden gehörten: mehrere Viehhandlungen, eine Metzgerei, Kolonial- und Kurzwarenläden, ein Möbelgeschäft, ein Herrenbekleidungsgeschäft, ein Konfektionsgeschäft, Lederwarenhandlungen, eines mit einem Fahrradgeschäft, ein Porzellanladen (Nebenbetrieb des Lehrers Mannheimer), ein Kohlengeschäft sowie eine Handlung mit landwirtschaftlichen Produkten, Düngemittel, Kohlen und Briketts. 
      
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.) eine Religionsschule, ein rituelles Bad und einen Friedhof. Zur Besorgung der religiösen Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schächter wirkte. Bei anstehenden Neubesetzungen wurde die Stelle immer wieder neu ausgeschrieben (s.u. Ausschreibungstext unten). Von etwa 1875 an wirkte über 60 Jahre in der Gemeinde Lehrer Gustav Mannheimer (siehe Bericht zu seinem 80. Geburtstag unten; über die brutalen Misshandlungen beim Novemberpogrom 1938 siehe unten). 
  
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Gustav Strauß (geb. 27.9.1877 in Nastätten, gef. 15.9.1917) und Gefreiter Moritz Strauß (geb. 14.10.1890 in Nastätten, gef. 31.10.1916).         
       
Um 1925, als 50 jüdische Einwohner gezählt wurden (1,77 % von insgesamt etwa 1.800), waren die Vorsteher der Gemeinde Julius Leopold, Hermann Grünewald, Nathan Heymann. Als Lehrer und Kantor wirkte der bereits genannte Gustav Mannheimer. Er unterrichtete an der Volksschule 10 bis 12 Kinder in Religion. Die jüdische Gemeinde war dem Rabbinatsbezirk in Bad Ems zugeteilt. An  jüdischen Vereinen bestanden der israelitische Frauenverein unter Leitung von Frau Aronthal (Ziel: Wohlfahrtspflege).1932 waren dieselben Personen wie 1924 im Gemeindevorstand. 
   
Nach 1933
ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder (1933: etwa 55 Personen von insgesamt 1813) auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Nastätten war bereits seit 1926 eine "Hochburg" der Nationalsozialisten (siehe Berichte unten über die Vorkommnisse im März 1927). Es kam vor allem 1938 (am 10. und 16. November 1938) zu schweren Ausschreitungen und gewalttätigen Aktionen gegen die jüdischen Familien. Mehrere Personen, auch einige der jüdischen Frauen, wurden misshandelt. Der inzwischen 82-jährige jüdische Lehrer Gustav Mannheimer wurde durch örtliche Nationalsozialisten eine Treppe hinuntergestoßen, sodass er mit dem Kopf auf die Steinstufen des Hauseingangs aufschlug. Man ließ ihn mit der blutenden Wunde am Hinterkopf liegen. Ein halbes Jahr später, am 14. März 1939 verstarb er in Nastätten.  
   
Von den in Nastätten geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem):  Moritz Aronthal (1889), Berta Cahn geb. Grünewald (1872), Klara Cahn geb. Goldschmidt (1902), Sally Cahn (1908), Selma Cahn (1909), Feist Goldschmidt (1864), Sara Goldschmidt geb. Goldschmidt (1862), Amalie (Mally) Grünewald geb. Stern (1874 oder 1876); Hermann Grünewald (1874), Nelly Grünewald (1908), Ida Heuser geb. Thalheimer (1893), Johanna Heymann geb. Levy (1877), Nathan Heymann (1871), Lina Isaac geb. Aronthal (1879), Paula Kahn geb. Strauss (1910), Sally Kahn (1907), Paula Katzenstein geb. Hirsch (1898), Gustav Mannheimer (1856), Hedwig May geb. Leopold (1870; Informationen zu ihr siehe Seite zu Bad Camberg), Clothilde (Tilly) Rothschild geb. Aronthal (1886), Siegmund Rückersberg (1882), Ernst Scheye (1908), Rosalie Scheye geb. Mendel (1885), Irene Juliah Stern (1923), Karl Stern (1886), Gertrud (Träutchen) Strauss geb. Nathan (1867), Inge Strauss (1934), Otto Jakob Strauss (1905).    
          
          
          
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
 
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer  
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1870

Nastaetten Israelit 05011870.jpg (25421 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. Januar 1870: "Die Israelitische Kultusgemeinde Nastätten, Provinz Nassau, sucht einen Religionslehrer und Vorbeter, bis zum 12. April 1870, womöglich ledig. Gehalt 260 bis 300 Gulden, Nebenverdienste extra. Herauf Reflektierende belieben sich an den Unterzeichneten zu melden.
Nastätten, 20. Dezember 1869. Der Vorsteher Aronthal".

   
Zur Biographie des Lehrers H. Kahn (geb. 1823 in Nastätten)   

Nastaetten AJZ 25091903.jpg (91861 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 25. September 1903: "Schierstein, 10. September (1903). Am 12. vorigen Monats starb der erst seit 1. Mai dieses Jahres in den wohlverdienten Ruhestand getretene Lehrer H. Kahn aus Flörsheim (Nassau). In dem nassauischen Städtchen Nastätten 1823 geboren, besuchte er später von 1830-41 das frühere jüdische Seminar in Ems. Nach erlangter Lehrbefähigung erhielt er in Holzhausen über Aur (Nassau) die erste Anstellung. Im Jahre 1870 wurde er auf Ansuchen nach Flörsheim versetzt. Hier wirkte er 33 Jahre. Kahn war ein sehr tüchtiger Lehrer und besaß ein tiefes jüdisches Wissen. Für die nassauischen Schulblätter der Jahrgänge 1856-73 lieferte er sehr gediegene Aufsätze pädagogischen Inhalts. An der Bahre schilderte in würdiger Weise Herr Bezirksrabbiner Dr. Silberstein in Wiesbaden den Lebenslauf des Verstorbenen und gab insbesondere in anerkennenden Worten dem Pflichteifer und der Treue des Verstorbenen seinen Vorgesetzten gegenüber Ausdruck. Nicht unerwähnt mag bleiben, dass der Verstorbene Mitbegründer des großen Lehrer-, Witwen- und Waisen-Unterstützungsvereins 'Achawa' Sitz Frankfurt am Main war und stets großes Interesse für das unschätzbare soziale Werk bekundete. Ehre seinem Andenken!" 

   
80. Geburtstag von Lehrer Gustav Mannheimer (1936)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Juni 1936: "Nastätten (Hessen-Nassau), 21. Juni (1936). In seltener körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische beging Herr Lehrer Gustav Mannheimer seinen 80. Geburtstag unter freudiger Anteilnahme der Gemeinde und Bekannten aus der Ferne. Der heute noch sehr rüstige Jubilar wirkt seit über 60 Jahren in der Gemeinde. Einer alten Lehrerfamilie in der Nähe Frankfurts entstammend, fand er seine Ausbildung bei Reb Losor Ottensoßer - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - in Höchberg und im Seminar zu Würzburg, das er 1874 verließ. Nur wenige Kursgenossen werden noch unter uns weilen. Möge dem Jubilar auch fernerhin ein glücklicher Lebensabend beschieden sein innerhalb seiner Lieben und seiner Gemeinde. (Alles Gute) bis 120 Jahre".   

    
   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben  
Ein antijüdisch eingestellter Pfarrer wird verurteilt (1876)

Nastaetten AZJ 30051876.jpg (136596 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 30. Mai 1876: "Aus dem Nassauischen, 14. Mai 1876. Schon seit Wochen ist unsere ganze Umgegend durch eine Injurienklage um der bei diesem Prozesse beteiligten Persönlichkeiten willen in die erregteste Spannung versetzt worden. Der Pfarrer und Schulinspektor Bode von Ruppertshofen hatte nämlich während einer Fahrt von St. Goarshausen nach Bogel seinen Reisegesellschafter im Postwagen, den Nastätter Bürger Salomon Oppenheimer, mit den beleidigendsten Worten angeredet; dann suchte er ihn zum Christentum zu bekehren, indem er ihm die Zukunft, nämlich 'als Jude zu sterben', sehr schwarz ausmalte. Der durch eine solche Äußerung schwer gekränkte Mann reichte alsbald beim königlichen Amtsgericht zu Nastätten eine Klage auf Ehrenkränkung ein. Die erste Gerichtsverhandlung fand am 21. vorigen Monats statt. Der Herr Pfarrer glaubte als Seelsorger mit seiner ehrenrührigen Äußerung dem Kläger gegenüber vollkommen in seinem Rechte zu sein. Dies half ihm aber nichts, und er wurde schließlich zu 50 Mark Geldbuße und zur Tragung der Kosten verurteilt. Die Nassauische 'Volkszeitung' fügt die Bemerkung hinzu: 'Dieser Fall bietet auch nach in anderer Beziehung eine äußerst ernste Seite dar. Der Verurteilte ist zugleich Schulinspektor und als solcher eine Vertrauensperson. Unsere Regierung meint es mit dem Schulwesen und den Lehrern gut, das ist zweifellos. So lange aber das Aufsichtspersonal noch allzu viel ungeeignete Persönlichkeiten zählt, wird das Schulwesen selbst beim besten Willen der königlichen Regierung niedergehalten und der Lehrerstand bei allen Gehaltsaufbesserungen, Zulagen, Remunerationen, Lehrerkurse und dergleichen gedrückt und gebückt bleiben. Möchte doch auch hier eine schönere Morgenröte bald hereinbrechen!!"

     
Landfriedensbruchprozess gegen Nationalsozialisten wegen Ausschreitungen bei einer Versammlung in Nastätten (1927)      

Artikel in der "Jüdischen Wochenzeitung für Wiesbaden und Umgebung" vom 9. März 1927: "Am 6. März 1927 hatte der jüdische Landwirt Hermann Hennig aus Nastätten im Taunus eine Versammlung in das dortige Hotel Guntrum einberufen mit dem Thema 'Das wahre Gesicht der Nationalsozialisten'. Als Redner waren Geistliche verschiedener Konfessionen vorgesehen. Auf die Ankündigung der Versammlung in der Zeitung waren Hakenkreuzlergruppen aus Köln, Neuwied, Koblenz, Wiesbaden und anderen Orten mit Lastautos herbeigeeilt, um gegen die Veranstaltung zu demonstrieren. Die Versammlung wurde aber noch vor ihrem Beginn von den anwesenden Landjägern wegen Überfüllung des Saales verboten, worauf sich die Teilnehmer ins Freie begaben und der nationalsozialistische Gauleiter des Bezirks Rheinland, der bekannte Dr. Ley, von einem Auto herab eine Rede hielt, die mit den Worten schloss: 'Nassauer Bauern, verteidigt euer Eigentum, und wenn es mit der Mistgabel sein müsste'. Die Erregung, die alle Teilnehmer erfasst hatte, führte zu Wortgefechten und schließlich zu Tätlichkeiten, in den Verlauf sowohl der Einberufer der Versammlung, Hennig, einen tritt vor den Bau erhielt, als auch zwei andere Juden aus der Umgebung Nastättens verprügelt wurden. Hennig, der sich in das Hotel Guntrum begeben hatte, sah, wie ein Nationalsozialist auf einen Juden einschlug und versetzte deshalb vom Fenster aus einem Angreifer mit der Faust einen Hieb. Dieser Schlag war das Signal für einen Sturm auf das Hotel, in dessen Verlauf die bedrängten Landjäger von der Waffe Gebrauch machten und dabei einen jungen Nationalsozialisten tödlich trafen.   
Wegen dieser Vorfälle hatte die Staatsanwaltschaft Wiesbaden Anklage gegen 18 Nationalsozialisten wegen Landfriedensbruch und gegen Hennig wegen gefährlicher Körperverletzung erhoben. Die für den 28. Februar anberaumte Verhandlung, für die vier Tage vorgesehen waren, bildete seit Wochen das Tagesgespräch in Wiesbaden und eine Sensation für die völkische Presse. Mit großen Worten waren als Verteidiger der aus den Fememordprozessen bekannte Rechtsanwalt Dr. Sack - Berlin und der Kronanwalt der Münchener Hitlerleute Dr. Frank angekündigt. Erschienen war jedoch nur Rechtsanwalt Dr. Sack, für dessen Unkosten die Wiesbadener Nationalsozialisten am Abend des zweiten Verhandlungstages in einer öffentlichen Versammlung den Klingelbeutel rührten und an Ort und Stelle eine Sammlung vornahmen. Der jüdische Angeklagte Hennig wurde von Rechtsanwalt Dr. Martin Marx - Frankfurt am Main vertreten.  
Der Verlauf der Verhandlung brachte den in großer Zahl von auswärts erschienenen Nationalsozialisten und Pressevertretern dank der vorbildlichen und sich auf den reinen Prozessstoff beschränkenden Leitung des Vorsitzenden (Landgerichtsdirektor Dr. Gellhorn) eine große Enttäuschung. Unter Weglassung aller Nebensächlichkeiten, insbesondere aller politischen Gesichtspunkte und Gegensätze, wurden sowohl Angeklagte wie Zeugen nur insoweit vernommen, als dies die zur Verhandlung stehende Tat erforderte. Infolgedessen konnte auch der Gauleiter Dr. Ley - Köln seine offenbar vorbereitete politische Rede nicht an den Mann bringen, sondern wurde nach Beantwortung einer einzelnen Frage als entbehrlich entlassen. Der eingangs der Verhandlung ausgesprochenen Bitte des Vorsitzenden, jede politische Schärfe zu vermeiden, trugen, wie am Schlusse der Verhandlung nochmals anerkannt wurde, alle Prozessbeteiligten Rechnung. So wurden auch die Anträge der Staatsanwaltschaft und das Urteil selbst in aller Ruhe aufgenommen. Während die Anklagebehörde gegen die achtzehn Angeklagten die Mindestgefängnisstrafe von je sechs Monaten forderte, beantragte sie gegen Hennig eine Geldstrafe von 300 Mark wegen hinterlisten Überfalls und ließ die Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung fallen, weil bei den widerspruchsvollen Zeugenaussagen den Angaben des Angeklagten, dass er nur mit der Hand geschlagen habe, Glauben geschenkt werden müsse. 
Das Urteil lautete für elf Angeklagte auf je sechs Monate Gefängnis mit Bewährungsfrist nach Verbüßung von 1-3 Monaten der Strafe, für sieben Angeklagte auf Freisprechung und für Hennig auf Einstellung des Verfahrens unter Überbürdung der Kosten auf die Staatskasse. In der Begründung führte der Vorsitzende aus, dass entsprechend dem Vortrag sämtlicher Verteidiger nur auf die Mindeststrafe erkannte worden sei, um die Angeklagten nicht zu Märtyrern zu stempeln und keine neue Verbitterung zu schaffen, sondern das friedliche Zusammenleben zu fördern. Bei Hennig wurde entsprechend den Ausführungen seines Verteidigers anerkannt, dass der in nervöser Aufwallung geführte Schlag nicht als hinterlistiger Überfall zu erachten sei, dass aber für die Bestrafung wegen einfacher Körperverletzung von dem Verletzten der gesetzlich erforderliche Strafantrag zu spät gestellt worden sei.   
Im Anschluss an die Verhandlung war für Sonntag, 6. März, dem Jahrestag der Erschießung des Nationalsozialisten in Nastätten, eine große Kundgebung in dem benachbarten Singhofen mit Einweihung eines Gedenksteins geplant, zu der Abordnungen der Hakenkreuzler aus allen Windrichtungen kommandiert waren. Wie wir hören, hat die zuständige Behörde diese Kundgebung verboten.  
Es steht zu hoffen, dass durch die Reinigung der Atmosphäre, die der Prozess zweifellos gebracht hat, die politischen Gegensätze in Nastätten und Umgebung in Zukunft nicht mehr Formen annehmen werden, die das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsklassen beeinträchtigen. Dr. M."      

   
   
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen  
Lehrlingssuche des Gemischtwarengeschäftes Hermann Grünewald (1901)   

Nastaetten Israelit 25021901.jpg (25083 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Februar 1901: "Lehrling 
für mein gemischtes Waren-Geschäft zu Ostern gesucht. 
Hermann Grünewald
, Nastätten."  

    
   
   
Zur Geschichte der Synagoge         
    
Zunächst war ein Gebetsraum (Synagoge, "Jurreschul") in einem jüdischen Wohnhaus vorhanden. Er befand sich bis 1904 im Wohnhaus des jüdischen Lehrers Gustav Oppenheimer an der Ecke Römer-/Poststraße. 

Im Oktober 1865 stand ein für die jüdische Gemeinde und den ganzen Ort festliches Ereignis an. Die Einweihung einer neuen Torarolle und ihre Überbringung in die Synagoge durch eine feierliche Prozession. 

Nastaetten Israelit 25101865.jpg (163206 Byte)Die Zeitschrift "Der Israelit" berichtete am 25. Oktober 1865: "Nastätten (Herzogtum Nassau). Mittwoch, der 11. Oktober, muss gewiss der israelitischen Kultusgemeinde zu Nastätten noch lange in freundlichem Andenken bleiben. Verkündeten auch nicht Böllerschüsse und Glockengeläute den Festesmorgen, so war es doch ein solcher, und gewiss ein recht schöner. Galt es ja der Weihe einer von der frommen und gottesfürchtigen Familie Oppenheimer daselbst, der Synagoge zum Geschenk gemachten Sefer Tora (Torarolle).
Schon Tags zuvor waren viele Hände beschäftigt, um Vorbereitung zur würdigen Feier des Tages zu treffen. Fahnen wurden ausgehängt, Girlanden gewunden, passende Transparente angefertigt, Illuminationen etc. vorbereitet. Wahrlich, ein erhebender Moment war es für uns, die herrliche von Herrn J. Lissauer aus Ungedanken angefertigte Sefer Tora in ihrem Heichal, umgeben von Lichterglanz und Blumenduft, zu sehen. Wenn es überhaupt möglich ist, die Tora, diesen unseren schönsten Schmuck, durch äußeren Reiz noch zu verschönern, so hat Herr G. Oppenheimer diese Aufgabe erfüllt.
Haufenweise strömten Beschauer herbei, um die herrliche, in völligem Blütenschmuck stehende Tora zu sehen. Herr Dr. Hochstädter von Ems war Tags zuvor angekommen und sprach sich am Vorabend des Festtages in herrlichen Worten über die Bedeutung solcher Tage aus, worin er besonders den religiösen Sinn der Familie Oppenheimer anerkannte und lobte.
Nachdem man am Festesmorgen Haschama gemacht hatte, wurde um 9 1/2 Uhr die Sefer Tora unter Sang und Klang in einem festlich geschmückten Zuge von der Behausung des Herrn E.G. Oppenheimer nach der Synagoge gebracht, woselbst außer Verrichtung der üblichen Gebete der Festredner Herr Dr. Hochstädter in einem 1 1/2stündigen, von Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Vortrage die Vorzüge unserer heiligen Tora ins klare Licht stellte und schließlich die Gemeinde aufforderte, sich um dieses Panier zu scharen.
Wir aber verfolgen mit diesen Zeilen nur den Zweck, den Namen der höchsten ehrenwerten Familie öffentlich zu nennen und den Wunsch auszudrücken, dass solche Taten vielfache Nachahmung finden mögen, auf dass unsere heilige Tora, unser Stab und unsere Stütze zu allen Zeiten, in recht vielfachen Exemplaren vorhanden sein möge zur Zierde Israels und zur Veredlung der ganzen Menschheit. Das walte Gott!".  
Hinweis: die 1865 eingeweihte Torarolle wurde 2014 wiederentdeckt. Sie enthält auf einem dünnen Pergamentstreifen auf dem Holzteller den Text: "Das Torabuch ist geschrieben vom geehrten Jaakov, Sohn des geehrten Reb Mosche Lissauer, Schreiber aus Ungedanken im Land Kur-Hessen. Die Torarolle ist hier in die Synagoge Nastätten an Hoschana Rabba (5)626 gebracht worden." Das hebräische Datum ist der 7. Tag des Laubhüttenfestes, eben der 11. Oktober 1865.    

Um die Wende zum 20. Jahrhundert war der bisherige Betsaal zu klein geworden; die jüdische Gemeinde wünschte den Bau einer repräsentativen Synagoge. Im Januar 1902 reichte die Gemeinde das Baugesuch ein. Man konnte ein Grundstück an der Rheinstraße erwerben. Die Pläne für die Synagoge zeichnete der Nastätter Architekt Christian Schuck. 1903/04 konnte die Synagoge erbaut und am 29./30. Juli 1904 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung eingeweiht werden:  

Nastaetten FrfIsrFambl 08071904.jpg (49370 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 9. Juli 1904: "Nastätten. Synagogeneinweihung. Am 29. und 30. Juli dieses Jahres findet dahier die feierliche Einweihung der hiesigen Synagoge durch den Bezirksrabbiner Weingarten - Ems mit folgendem Programm statt. Für Freitag, 29. ist die Überführung der Tora aus der alten in die neue Synagoge geplant. Daran anschließend wird sich ein Festzug durch die Stadt unter Beteiligung sämtlicher hiesiger Vereine und unter Mitwirkung der gesamten Militärkapelle des 8. Pionier-Regiments zu Koblenz bewegen. Herr Landrat Berg - St. Goarshausen hat zu der Festlichkeit sein Erscheinen zugesagt."

Nur 34 Jahre blieb die Nastätter Synagoge Zentrum des jüdischen Gemeindelebens der Stadt. In der NS-Zeit kam es zu Ausschreitungen gegen die Synagoge bereits im März 1937, als die Fenster der Synagoge eingeworfen wurden. Eine Reparatur wurde nicht vorgenommen, da eine Wiederholung einer solchen Aktion befürchtet wurde. Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge durch Nationalsozialisten und SA-Leuten aus Nastätten und der Umgebung zerstört. Der goldene Davidstern wurde vom Giebel geholt.      
   
Die Synagogenruine wurde im März 1939 abgebrochen und das Grundstück eingeebnet. 

Nach 1945 blieb das Grundstück unbebaut und wurde als Parkplatz angelegt. Eine Gedenktafel wurde im Juli 1987 angebracht: "Zum Gedenken an das Schicksal unserer jüdischen Mitbürger. Hier stand die Synagoge bis 1938. Stadt Nastätten".  
     
    
Adresse/Standort der SynagogeRheinstraße/Ecke Brühlstraße   
     

     
Fotos
(Quelle der historischen Fotos und Pläne: Landesamt: Synagogen s.Lit.; neue Fotos: Hahn, Aufnahmen im August 2006)

Pläne zum Bau der Synagoge 
von Christian Schuck
Nastaetten Synagoge 006.jpg (66072 Byte) Nastaetten Synagoge 007.jpg (61585 Byte)
  Seitenansicht  Vorderansicht 
     
Nastaetten Synagoge 010.jpg (82855 Byte) Nastaetten Synagoge 008.jpg (70182 Byte) Nastaetten Synagoge 005.jpg (75596 Byte)
Längsschnitt  Querschnitt  Handwerker vor dem Toraschrein 1904 
      
  Nastaetten Synagoge 004.jpg (97647 Byte) Nastaetten Synagoge 009.jpg (63179 Byte)
  Die ehemalige Synagoge 
nach der Einweihung 1904 
Die zerstörte Synagoge Ende 1938 
(Haus rechts der Synagoge entspricht dem
 Haus in der unteren Zeile linkes Foto)
   
     
Nastaetten Synagoge 201.jpg (85035 Byte) Nastaetten Synagoge 202.jpg (104225 Byte) Nastaetten Synagoge 200.jpg (113969 Byte)
Blick auf den Synagogenplatz  Die Gedenktafel 
     
     
Andernorts entdeckt   Frankfurt Friedhof N12054.jpg (267903 Byte) 
  Grabstein für Hermann Hennig aus Nastätten (1870 - 1940) im jüdischen Friedhof
 an der Eckenheimer Landstraße in Frankfurt am Main
   
     

      
      
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   

Februar 2014: Eine Torarolle aus Nastätten wurde gefunden    
Artikel von Winfried Ott in der "Rhein-Zeitung" vom 20. Februar 2014: "Thorarolle aus Nastätten gefunden
Nastätten -
Es mutet wie ein kleines Wunder an: In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 kamen bei der Schändung der Synagoge alle Kultgegenstände abhanden. Jetzt tauchte auf recht geheimnisvolle Weise eine beschädigte und damit entweihte Thorarolle wieder auf, die nachweislich am 11. Oktober 1865 der jüdischen Gemeinde Nastätten übergeben worden war..."   
Link zum Artikel  
 

  
     

Links und Literatur

Links:

Website der Stadt / VG Nastätten  
Zur Seite über den jüdischen Friedhof in Nastätten (interner Link) 
Seite bei rhein-lahn.info zur jüdischen Geschichte in Nastätten   

Literatur:  

Paul Arnsberg: Jüdische Gemeinden in Hessen. 1971 Bd. 2 S. 101-103.
Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Mainz 2005. S. 280-282 (mit weiteren Literaturangaben).  
Brigitte Meier-Hussing: Jüdisches Leben in Nastätten und Miehlen in der Zeit von 1933-1945. In: SACHOR. Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz. Hrsg. von Matthias Molitor und Hans-Eberhard Berkemann in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz. Erschienen im Verlag Matthias Ess in Bad Kreuznach. 7. Jahrgang, Ausgabe 1/1997 Heft Nr. 13 S. 19-23. Online zugänglich (pdf-Datei). 

      
         


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Nastaetten  Hesse-Nassau. Jews lived here from 1664 and established a community numbering 79 (5 % of the total) in 1885 and 49 in 1933. The synagogue was destroyed on Kristallnacht (9-10 November 1938) and at least 15 Jews emigrated. 
         
          

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 19. März 2016