|
Eingangsseite
Aktuelle Informationen
Jahrestagungen von Alemannia
Judaica
Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft
Jüdische Friedhöfe
(Frühere und
bestehende) Synagogen
Übersicht:
Jüdische Kulturdenkmale in der Region
Bestehende
jüdische Gemeinden in der Region
Jüdische
Museen
FORSCHUNGS-
PROJEKTE
Literatur
und Presseartikel
Adressliste
Digitale
Postkarten
Links
| |
zurück zur Übersicht "Synagogen in der Region"
zurück zur Übersicht "Synagogen in Rheinland-Pfalz"
Zur Übersicht: "Synagogen im
Rhein-Lahn-Kreis"
Miehlen (VG
Nastätten, Rhein-Lahn-Kreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Miehlen bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938/39.
Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück. Erstmals werden
1780 jüdische Personen am Ort genannt (weitere 1782-83 und 1786; erste
Namen: Eli von Miehlen, später Leopold Mayer). Die Zahl der jüdischen Einwohner stieg
im 19. Jahrhundert von 43 (1843), 45 (1864, 3,1 % der Gesamteinwohnerschaft) auf
eine Höchstzahl vom 63 im Jahr 1872, um danach durch Ab- und Auswanderung
wieder zurückzugehen. 1885 waren es 42, 1895 39 jüdische Einwohner am Ort.
Eine vorübergehend neue Blütezeit gab es um 1905/1910, als wieder 61
beziehungsweise 64 jüdische
Einwohner gezählt wurden.
Die jüdischen Familien lebten im 18./19. Jahrhundert überwiegend in sehr
einfachen, teilweise armseligen Verhältnissen. Ende des 18. Jahrhunderts
konnten einzelne Familien immer wieder nicht das geforderte Schutzfeld
aufbringen: dem Eli von Miehlen und später Leopold Mayer wurde auf jeweils
sechs Jahre das Schutzgeld erlassen. 1850 wurde ein Stiftungsverein zur
Unterstützung Notleidender gegründet (1932 war Vorsteher des Stiftungsvereines
Nathan Hermann, damals gehörten dem Verein 10 Mitglieder an). 1872
(s.u.) werden die jüdischen Familien der Gemeinde nach Angabe ihres damaligen
Vorstehers David Strauß als "streng religiös, aber leider
unbemittelt" bezeichnet. Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts trugen
die jüdischen Familien mit ihren Handlungen und Gewerbebetrieben
wesentlich zur wirtschaftlichen Belebung des Ortes bei. Jüdischen Familien
gehörten Manufaktur- und Kurzwarengeschäfte, eine Metzgerei, ein Kaufhaus
(Inh. Emil, dann Alfred Friedberg), eine Vieh- Getreide- und
Futtermittelhandlung (Inh. Emil Strauß), eine Sattler- und Polsterei u.a.m.
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), einen
Friedhof, eine Religionsschule sowie ein rituelles Bad. Die Gemeinde war dem Rabbinatsbezirk in Bad
Ems zugeteilt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde wurde
Anfang des 19. Jahrhunderts - gemeinsam mit den jüdischen Gemeinden Fachbach und
Nievern - ein Religionslehrer angestellt. Später hatte man einen gemeinsamen
Lehrer mit Ruppertshofen (siehe
Ausschreibung unten von 1875) oder auch mit der jüdischen Gemeinde in Nastätten.
Im Ersten Weltkrieg
fielen aus der jüdischen Gemeinde Max Strauß (geb. 21.4.1884 in Miehlen, gef.
30.12.1914) und Theodor Strauß (geb. 2.11.1900 in Miehlen, gef. 7.7.1918).
Um 1925, als zur jüdischen Gemeinde 50 Personen gehörten (3,6 % der
Gesamteinwohnerzahl von etwa 1.400 Personen), waren die Vorsteher der Gemeinde
B. Strauß und Jakob Strauß. 1932 waren die Gemeindevorsteher Hermann
Strauß (1. Vorsitzender), Bernhard Friedberger (2. Vorsitzender) und Emil
Strauß. Als Lehrer kam Gustav Mannheimer aus Nastätten nach Miehlen.
Nach 1933 ist ein Teil der
jüdischen Gemeindeglieder (1933: ca. 45 Personen) auf Grund der zunehmenden Entrechtung und der
Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. 1933/34 wurden bereits die
Fensterscheiben der Familie Friedberg eingeschlagen, auf das Haus des
Viehhändlers Nathan Hermann wurden Schüsse abgegeben. Bei Familie Emil Strauß
wurde ein großer Stein durch ein geschlossenes Fenster geworfen sowie ein
Sprengkörper in das Haus von Walter Ehrmann. Solche Aktionen setzten sich bis
1938 fort. Zu brutalen Überfällen der jüdischen Wohnungen kam es beim Novemberpogrom
1938, als die Inneneinrichtungen der jüdischen Wohnungen und noch
bestehenden Geschäfte zerstört und teilweise aus den Fenstern auf die Straße
geworfen wurden. Mehrere
jüdische Einwohner wurden bei den Aktionen verletzt. Anfang 1939 wurden
zunächst noch acht jüdische Einwohner gezählt. Am 18. Oktober 1939 verzog das letzte
jüdische Ehepaar in das jüdische Altenheim nach Frankfurt am Main.
Von den in
Miehlen geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Paula Dertinger geb.
Hermann (1899), Bernhard Friedberg (1876), Thekla Friedberg geb.
Hammel (1871), Jettchen Gamiel geb. Friedberg (1870), Edith Goldschmidt (1929), Selma Goldschmidt geb. Ackermann (1900), Erna Grünewald geb.
Friedberg (1903), Bertha Hermann geb. Herz (1882), Antonie (Henriette) Heymann
geb. Strauss (1897), Ida Hirschbrandt geb. Strauss (1901), Clara Löwenstein
geb. Strauss (1898), Mina Mannheimer (1870), Ida Reiss geb.
Hermann (1875), Amalie Strauss geb. Stern (1867), Berle Strauss (1859 oder 1865), Dina Strauss (1895), Gertrud
Strauss (1867), Henoch H. Strauß (1871), Hermann (Chaim) Strauss (1869), Inge Straus (1934), Irma
(Judith) Strauss geb. Fleischmann (1899), Jakob Strauss (1863), Julius Strauss
(1903), Rosa Strauss (1898), Rosine Strauss (1874), Salomon Strauss
(1891), Sybilla Strauss geb. Rolef (1864).
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrer für Ruppertshofen und die
Filialschulen in Miehlen und Niederbachheim 1875
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Dezember 1875:
"Die israelitische Kultusgemeinde zu Ruppertshofen, wozu auch die
Filialschulen zu Miehlen und Niederbachheim gehören, sucht alsbald
einen Religionslehrer, der zugleich Vorbeter sein muss, zu akquirieren,
dessen fixe Besoldung jährlich 600 Reichsmark beträgt, und stellt
demselben eine kostenfreie Wohnung. Bewerber um die Stelle haben sich an
den israelitischen Kultusvorsteher Herrn Max Landsberg in Ruppertshofen,
Amts Nastätten, Provinz Nassau zu wenden." |
Berichte
zu einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
Über den "Landesverrat" von Limburger Viehhändlern - eine
antisemitische Verleumdung (1924)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17.
Juli 1924: "Ein misslungener Verleumdungsfeldzug. Der
'Landesverrat' der Limburger Viehhändler. Am 25. August und 7.
September vorigen Jahres brachten die 'Frankfurter Nachrichten' unter der
Überschrift 'Unwürdiges Verhalten' und 'Französische
Vergeltungsmaßnahmen' größere Notizen, nach denen vier jüdische
Viehhändler, Sally Landau, Sally Heilbronn, Salomon Hofmann aus Nassau an
der Lahn und Emil Strauß aus Miehlen im Taunus wegen Benutzung des
Regiezuges auf der Strecke nach Limburg am Bahnhof Eschhofen wegen ihres
undeutschen Verhaltens verprügelt worden und darauf nach Limburg
zurückgelaufen seien, um die französische Besatzungsbehörde mobil zu
machen. Das Verhalten dieser vier Viehhändler habe angeblich zur
Besetzung des Lahntales geführt. Diese Pressenotiz, deren Unrichtigkeit
für jeden, der die Viehhändler und die Verhältnisse kannte, auf der
Hand lag, hatte sich wie ein Lauffeuer durch beinahe sämtliche deutsche
Zeitungen verbreitet und war insbesondere von den völkischen Zeitungen in
gehässigster Weise gegen die 'jüdischen Landesverräter' ausgeschlachtet
worden. Den Viehhändlern selbst waren Drohbriefe aller Art zugegangen,
sodass sie in ständiger Beunruhigung lebten. Die Aufnahme der
pressegesetzlichen Berichtigung, die sofort in die Wege geleitet worden
war, haben die '
Frankfurter Nachrichten' ohne Angabe von Gründen abgelehnt; einer ihrer
Redakteure ist deshalb auch verurteilt worden. In dem gegen die beiden
verantwortlichen Redakteure Hecht und Weinschenk angestrengten Prozess hat
sich auch nicht der Schatten eines Beweises für die Behauptungen der
Zeitung ergeben. Die Angeklagten mussten vor dem Amtsgericht Frankfurt
zugeben, dass sie die fragliche Notiz auf Grund einer Information der
Frankfurter Eisenbahndirektion gebracht hätten, dass aber weder die
Eisenbahndirektion in der Lage ist, den Beweis der Wahrheit für ihren
Inhalt zu erbringen, noch dass sie selbst irgendwelche Anhaltspunkte
hätten, die die Information der Eisenbahndirektion bestätigen würden.
Die Redakteure haben die Erklärung unter dem Ausdruck des Bedauerns
abgegeben, die Kosten der beiden gegen die erhobenen Privatklagen übernommen
und sich mit der Veröffentlichung des Vergleiches in zwei Zeitungen
einverstanden erklärt." |
Zur Geschichte der Synagoge
Zunächst richteten die jüdischen Familien einen Betsaal
beziehungsweise eine Synagoge in einem der jüdischen Häuser ein. Seit 1817
war dieser Betsaal im Wohnhaus des Mayer Heilbronn. Auch die jüdischen
Einwohner aus Geisig besuchten (erstmals genannt
1842, Bau einer eigenen Synagoge in Geisig 1895) die Synagoge in Miehlen,
was offiziell jedoch erst 1869 genehmigt wurde. Im Juli
1872 wurde das Haus der Familie Heilbronn samt dem Betsaal bei einem großen
Brand des Ortes zerstört. Bei diesem Brand waren 60 Häuser zerstört worden.
Die jüdische Gemeinde bemühte sich zur Neueinrichtung eines Betsaales um eine
staatliche Beihilfe, die jedoch nicht gewährt wurde. Doch wurde eine Kollekte
zum Bau einer Synagoge gestattet, den die jüdischen Familien Miehlens
unmöglich aus eigenen Mitteln hätten durchführen können. Unter anderen über
Aufrufe in jüdischen Zeitschriften wurde um Spenden zum Neubau gebeten.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Oktober 1872: "Aufruf!
Vergangenen 17. Tamus (= 23. Juli 1872) äscherte eine große Feuersbrunst in
dem Flecken Mielen bei Nastätten 60 Gebäude ein, worunter auch mehrere
Häuser jüdischer Familien waren. Auch das Beit HaKnesset (Synagoge) wurde ein
Raub der Flammen, die Sifrei HaTora (Torarollen) konnten nur mit Lebensgefahr
gerettet werden. In dem Flecken sind gottlob Alle noch streng religiös, aber
leider unbemittelt; die Notwendigkeit eines neuen Beit HaKnesset (Synagoge) ist
eine dringende, da wegen großer Wohnungsnot die Abhaltung des Gottesdienstes
gestört ist. Vertrauend auf die Mildtätigkeit unserer Glaubensbrüder bitten
wir um Hilfe in dieser großen Not und wir hoffen, dass es uns bald gegönnt
sein wird, für das Wohl der edlen Menschenfreunde zum Allmächtigen in dem
neuen Beit HaKnesset andächtig beten zu können. Die Spenden wolle man gütigst
an den israelitischen Kultusvorstand David Strauß in Mielen bei Nastätten
gelangen lassen." |
Der Spendenaufruf hatte offenbar einigen Erfolg. In den folgenden
Ausgaben der Zeitschrift "Der Israelit" konnte immer wieder von
eingegangenen Spenden "zum Wiederaufbau der Synagoge in Mielen"
berichtet werden:
 |
 |
| Zeitschrift "Der Israelit
" vom 25. September 1872: "Synagogenbau Mielen bei Nastätten:
J.Z. Zweibrücken 3 fl. - Ungenannter in Hanau 2 fl. - " |
Zeitschrift "Der
Israelit" vom 25. September 1872 (Beilage): "Zum Wiederaufbau
der Synagoge in Mielen bei Nastätten: Gottschalk Jakoby in Belgard 5 Thlr.
- Samuel Henle Jude in Lehrensteinsfeld 2 fl. 42 kr. - Jakob L. in L. 5
fl. - 'Achtzehnten Nachem' 1 fl. 45 kr. - Durch Vorsteher Trier in Höchst
von J.H. Herzfeld 1 fl. 45 kr., Koppel Hermann 30 kr., ein Ungen. 3 fl.,
Herz Löw II. 30 kr., Lehrer Muhr 30 kr., zus. 5 fl. 15 kr. - " |
Auf Grund der eingegangenen Spenden sowie relativ
großer Beiträge drei der jüdischen Familien der Gemeinde (Aron Friedberg,
Samuel Strauss und Moritz Strauss) konnte 1873 das Grundstück eines
abgebrannten Hauses an der Hauptstraße erworben werden. Vermutlich noch im
selben Jahr 1873 wurde die Synagoge eingeweiht. Im ihrem Bereich befand sich
auch ein rituelles Bad. Beim Synagogenbau handelte es sich um ein für das
Dorf repräsentatives Gebäude mit zwei großen Rundbogen- und einem darüber
befindlichen Rundfenster zur Hauptstraße.
Über 60 Jahre war die Synagoge in Miehlen gottesdienstliches Zentrum der
jüdischen Gemeinde des Ortes. In der NS-Zeit war das Gebäude bereits im September
1935 Ziel eines Anschlages von Nationalsozialisten: das Gebäude wurde
aufgebrochen und im Inneren teilweise verwüstet. Beim Novemberpogrom 1938
wurden Fenster und Türen der Synagoge eingeschlagen, die Inneneinrichtung
demoliert, die Ritualien gestohlen und schließlich das Gebäude durch öffnen
der Wasserleitung unter Wasser gesetzt. Während des Krieges stand es leer und
ungenutzt.
Nach 1945 fand das Synagogengebäude keine angemessene
neue Verwendung. Nach Klärung des Restitutionsverfahrens wurde das Gebäude
1950 verkauft und schließlich 1964 anlässlich der Erweiterung des
Nachbarhauses abgebrochen.
Adresse/Standort der Synagoge: Hauptstraße / bei
Ecke Marktplatz
Fotos
| Historische Aufnahme |
 |
 |
| |
Die Aufnahme
dürfte nach dem Novemberpogrom 1938 entstanden sein, da offenbar die
Fenster der ehemaligen Synagoge zerstört sind (Ausschnitt rechts). |
| |
|
| Neue Fotos des
Synagogenstandortes |
 |
 |
| |
Dieselbe Ansicht
wie oben: Das Wohnhaus rechts ist über den Synagogenstandort erweitert.
Hinweistafel: "Hier stand bis 1945 das Wohn- und Geschäftshaus der
Familie Friedberg. Jüdische Miehlener wurden Opfer der nationalsozialistischen
Verfolg. Ihre 1873 erbaute Synagoge in der Hauptstraße wurde im November
1938 verwüstet. Der Friedhof am Ehrlichsberg erinnert heute noch an die
ausgelöschte jüdische Gemeinde von Miehlen". |
| |
|
 |
 |
 |
Unweit des
Synagogenstandortes: Marktplatz mit Darstellungen aus der Geschichte
von Miehlen auf dem Brunnen.
Die Darstellung von 1889 zeigt auch die
Synagoge (Ausschnitt rechts: hinter der Kutsche) |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Arnsberg: Jüdische Gemeinden in Hessen. 1971
Bd. 2 S. 89-90.
|
 | Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz/Staatliches Konservatoramt
des Saarlandes/ Synagogue Memorial Jerusalem (Hg.): "...und dies
ist die Pforte des Himmels". Synagogen in Rheinland-Pfalz und dem
Saarland. Mainz 2005. S. 272 (mit weiteren Literaturangaben).
|
 | Brigitte Meier-Hussing: Jüdisches Leben in
Nastätten und Miehlen in der Zeit von 1933-1945. online
zugänglich
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Miehlen Hesse-Nassau. Jews
lived there from 1780, numbering 63 (4 % of the total) in 1871 and 47 in 1924.
The interior of the synagogue built in 1873 was destroyed by SA troops in
September 1935. Most Jews left before November 1938, some emigrating to
Palestine.

vorherige Synagoge zur ersten Synagoge nächste Synagoge
|