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zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Kirchheim unter Teck
(Kreis Esslingen)
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
In der altwürttembergischen Stadt Kirchheim unter Teck
bestand eine jüdische Gemeinde zunächst im Mittelalter. Erstmals werden
Juden 1293 genannt. Bei der Judenverfolgung 1349 wurde die Gemeinde vernichtet.
Vom Ende des 14. Jahrhunderts bis zur Ausweisung der Juden aus Württemberg Ende
des 15. Jahrhunderts werden wieder einzelne Juden in der Stadt genannt.
Erst nach 1864 konnten Juden wieder zuziehen. Sie bildeten Ende des 19. Jahrhunderts eine Filialgemeinde zur jüdischen Gemeinde in
Göppingen, die auch zum dortigen Bezirksrabbinat gehörte. An Einrichtungen gab es einen Betsaal (s.u.). Die Kinder erhielten wöchentlich Religionsunterricht durch den Göppinger Rabbiner in einem Schulzimmer in der Oberrealschule. Die Toten der Gemeinde wurden im jüdischen
Friedhof in Göppingen beigesetzt.
Die höchste Zahl jüdischer Einwohner wurde um 1933 mit 35 Personen erreicht.
Teilweise bis nach 1933 waren im Besitz jüdischer Familien / Personen die folgenden
Handels- und Gewerbebetriebe: Kaufhaus Bernhard Bernstein (bis 1925, Karlstraße 12), Viehhandlung Emil Hirsch (Obere Alleenstraße 44), Viehhandlung Louis Kahn (Walkstraße 9), Seifenhandlung Emil Salmon und Jakob Mangold (Marktstraße 41), Viehhandlung Emanuel und Jakob Reutlinger (Jesinger Straße 18), Textilgeschäft Gustav Reutlinger (bis 1932, Dreikönigstraße 3), Textilhandlung Gustav und Willi Reutlinger (Obere Alleenstraße 87), Häute- und Fellhandlung Wolf Reutlinger (Jesinger Straße 38), Konfektionsgeschäft Albert Salmon (Dettinger Straße 4), Mechanische Kleiderfabrikation GmbH Albert Salmon (Schlierbacher Straße 7B), Schuhhaus Gold, Inh. Adolf Schlächter (Marktstraße 30), Textilgeschäft Hebel und Bernstein und Manufakturwarengeschäft Gebr. Stern (Max-Eyth-Straße 12), Leinenwaren und Wäsche Kurt und Walter Vollweiler und Viehhandlung Moritz Vollweiler (Schlierbacher Straße 36).
1933 wurden 35 jüdische Einwohner in Kirchheim gezählt (November 1933:
29). Auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden
Entrechtung und der Repressalien entschlossen sich immer mehr der jüdischen
Einwohner zur Auswanderung (USA, Argentinien, Palästina), insbesondere in der
Zeit nach dem Novemberpogrom 1938. Die letzten jüdischen Einwohner wurden aus
der Stadt deportiert. Angehörige der Familie Reutlinger wurden am 16. Oktober
1941 zunächst in das sog. "Altersghetto" nach Haigerloch
zwangsumgesiedelt und von dort
deportiert.
Von den in Kirchheim geborenen und/oder längere Zeit am Ort
wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Hulda Bernstein geb.
Jutkowski (1883), Jeanne Bernstein (1924), Klara Goldschmidt geb. Reutlinger
(1901), Auguste Reutlinger (1889), Babette Reutlinger geb. Reutlinger (1860),
Gerd Reutlinger (1937), Hanna Hannchen Reutlinger geb. Gutmann (1901), Rolf Reutlinger
(1937), Sally Reutlinger (1895), Wolf Reutlinger (1901), Emil Salmon
(1888).
"Stolpersteine" in Kirchheim:
Karte
links: Verlegeorte der "Stolpersteine" in Kirchheim unter
Teck - aus der Broschüre "Stolpersteine" (s.u. Literatur)
Seit 2007 wurden von bislang insgesamt 14 in Kirchheim unter Teck
verlegten "Stolpersteinen" elf für umgekommene jüdische
Einwohner verlegt: Jesinger Straße 18 für Babette Reutlinger geb.
Reutlinger, Wolf Reutlinger, Auguste Reutlinger und Clara Goldschmidt geb.
Reutlinger; Eugenstraße 22 für Sally Reutlinger; Alleenstraße 87 für
Hannchen Reutlinger geb. Gutmann, Rolf Reutlinger und Gerd Reutlinger; Max
Eyth-Straße 12 für Hulda Bernstein geb. Jutkowski und Jeanne Jacobe
Bernstein; Dettinger Straße 4 für Emil Salmon. |
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Rechts: "Stolperstein"
für Hannchen Reutlinger
geb. Gutmann |
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Links: "Stolperstein"
für Emil Salmon |
| Quelle der Fotos:
Website der Stadt Kirchheim unter Teck, dort Abbildungen
aller "Stolpersteine" |
Hinweis: Am ehemaligen evangelischen Pfarrhaus am Widerholtplatz 5 erinnert eine Gedenktafel sowie im Inneren der
Otto-Mörike-Raum an den evangelischen Pfarrer Otto Mörike, der während der Zeit des 2. Weltkrieges mehrfach jüdische Flüchtlinge versteckte.
Berichte
aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Bericht über fromme jüdische Handelsleute, die den
Viehmarkt in Kirchheim besucht hatten (1898)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. März 1898: "Eppingen,
9. März (1898). Es ist ein wahrhaft wohltuendes Gefühl, wenn man in der
heutigen, religiös-indifferenten Zeit die Wahrnehmung macht, dass es -
Gott sei Dank - noch viele Jehudim gibt, welche sich Zeit, Mühe und Geld
kosten lassen, um die Pflichten ihres Glaubens pünktlich zu erfüllen.
Ein solch angenehmes Gefühl überkam uns, als hier am jüngsten Montag
aus dem Abend sechs Uhr Zuge drei einfache Handelsleute aus Flehingen
(Baden) entstiegen, um im öffentlichen Gottesdienste die Megilla (sc.
Lesung auf dem Buch Ester zum Purimfest). Dieselben waren an diesem Tage
auf einem berühmten Viehmarkte in Kirchheim unter Teck (Württemberg),
und beabsichtigten noch am gleichen Tage in ihren Heimatort zu reisen,
doch der Fahrplan zeigte ihnen, dass sie erst nach der öffentlichen
Lesung eintreffen konnten. Sie benützten deshalb den Schnellzug nach
Heilbronn und kamen um sechs Uhr hier (sc. Eppingen) an. Nach Beendigung
des Gottesdienstes war es gerade Zeit, die Reihe per Bahn fortzusetzen und
um acht Uhr waren sie zuhause. Diese braven Männer sind die Herren
Gottschalk Schlessinger (Bruder des Herrn Bezirksrabbiners Schlessinger in
Bretten), Simon Barth (naher Verwandter des Herrn Professors Barth in
Berlin) und Theodor Ettlinger, ebenfalls aus einer angesehenen Familie.
E." |
Anzeigen
Ein nichtjüdischer Landwirt bietet sein Obst in einer
jüdischen Zeitschrift an (1908)
Anzeige
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 18.- September
1908: "Feines haltbares Tafelobst.
Empfehle mich für Lieferung von feinem haltbarem Tafelobst nur
ausgesuchte Sorten zu dem preis pr. Ctr. 11 Mark. Verpackung pünktlich
und schonend zum Selbstkostenpreis. Erfahrungsgemäß drängen sich die
Bestelllungen sehr zusammen und bitte um alles rechtzeitig und pünktlich
erledigen zu können, heute schon um gütige Bestellungen. Zu jeder
weiteren Auskunft bin gerne bereit.
Dettingen u. Teck bei Kirchheim u. Teck.
Adolf Wanner (Sendungen jedoch nur unter
Nachnahme.)." |
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge
Ein mittelalterliches
jüdisches Wohnviertel lag im Bereich zwischen Marstallgasse und Marktstraße. 1329 wird
in diesem Bereich eine Synagoge ("Judenschule") genannt. Ihr
Standort war sehr wahrscheinlich hinter den heutigen Marktstraße 44/46/48).
Im 19./20. Jahrhundert wurden die Gottesdienste
teilweise in Göppingen besucht. Jedoch bestand auch in Kirchheim bis 1932 ein Betsaal
in einem Raum im Dachgeschoss der Kleiderfabrik Salmon (Schlierbacher Straße
7B). Danach traf man sich vermutlich im Haus der Familie Reutlinger (Jesinger
Straße 18). Eine Torarolle aus der Göppinger Synagoge war zum Gottesdienst ständig
nach Kirchheim entliehen.
Im Stadtarchiv Kirchheim haben sich hebräische
Handschriften-Fragmente des Mittelalter als Einbände von Rechnungsbänden der
Stadt erhalten (diese Fragmente stammen nicht aus Kirchheim). Eine Machsor-Handschrift von 1341, vermutlich aus Kirchheim,
befindet sich in der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen
(codex Göttingen 5,f 151).
Urkunde / Plan / Skizze
(Quelle: Urkunde und Plan aus dem Beitrag von R. Götz (s. Lit.) S. 139f;
Skizze der Häuser in Kirchheim von Martin Kneher im Aufsatz von B. Kneher (s.
Lit.) S. 77f.)
Fotos
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Stadtführung durch das jüdische Kirchheim mit
Brigitte und Martin Kneher
am 21. Oktober 2003 |
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Am Platz, wo
vermutlich die mittelalterliche Synagoge stand |
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| Das Gebäude
Schlierbacher Straße 7B (frühere Kleiderfabrik Salmon). Im Erdgeschoss
befand sich das Magazin, im 1. Stock die Berufskleider-Fabrikation; im
Dachgeschoss war bis 1932 ein Betsaal der jüdischen Familien Kirchheims |
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Dachgeschossfenster im
Gebäude
Schlierbacher Strasse 7B |
Bis 1933 wohnte Viehhändler
Louis Kahn
mit seiner Familie im
Haus Marktstraße 22 |
Ab 1932 für wenige Jahre:
Wohn- und Geschäftshaus für Woll- und Weißwaren von Gustav Reutlinger
(Alleenstraße 87) |
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Ab 1911 im Haus
Dettinger Str. 4: Spezialhaus für Herren- und Knabenbekleidung
Fa. Albert
Salmon (bis 1936) |
Brigitte Kneher zeigt einen
erhaltenen Kleiderbügel der Fa. Albert Salmon |
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| 1914 kaufte das
Ehepaar Jean und Selma Bernstein den Geiserschen Neubau in der
Max-Eyth-Straße 12 und eröffnet darin das "Kaufhaus
Bernstein"; 1926 übernahmen die Gebr. Stern das Kaufhaus (bis 1933).
Von Martin Kneher gezeigt: Zeitungsanzeige zur Eröffnung des Kaufhauses
Stern |
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Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte |
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| April
1985: Brigitte Kneher knüpft Kontakte zu
ehemaligen Kirchheimer Juden |
Artikel
von Gunther Nething in der "Stuttgarter Zeitung" vom 6. April
1985:
"Brigitte Kneher knüpft den Kontakt zu ehemaligen Kirchheimer
Juden -
Briefliche Brücken über eine abgrundtiefe Zeit hinweg.
Zum Lesen des Artikels bitte Textabbildung
anklicken. |
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Februar
2008: Stolpersteine werden
verlegt |
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Artikel
in der "Esslinger Zeitung" vom 20.02.2008 von Richard Umstadt:
KIRCHHEIM: Fünf weitere Stolpersteine erinnern an Schicksale von Juden und eines Zwangsarbeiters
Zum zweiten Mal senkte der Kölner Künstler Gunter Demnig Stolpersteine ins Pflaster. Damit fand die von der Frauenliste initiierte Aktion in Kirchheim einen Schlusspunkt. Nicht beendet aber ist die Erinnerung an das Schicksal von Kirchheimer Juden und Zwangsarbeitern. Sie soll durch die Stolpersteine wach gehalten werden.
"Zakhor - Al Tichkah", 'Erinnere Dich - vergiss niemals': Den Appell in hebräischer Sprache verwandelt Gunter Demnig überall in Europa, wo sich Menschen an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnern wollen, in Stolpersteine, an denen der gewohnte Schritt innehält und sich der einzelne davor verbeugt, um die in Messingplatten eingravierten Namen zu lesen.
"Hannchen Reutlinger" steht auf der Metallplatte eines in den Gehweg vor dem Gebäude Alleenstraße 87 in Kirchheim eingelassenen Stolpersteines. Dicht daneben weitere zwei Steine mit Messingplatten und den Namen Rolf und Gerd Reutlinger, die beiden Zwillinge von Hannchen Reutlinger. Brigitte Kneher berichtete, in der Alleenstraße, gegenüber dem Amtsgericht, sei die junge, hochschwangere Kirchheimerin jüdischen Glaubens nach der Flucht ihres Mannes Sally Reutlinger 1937 bei Verwandten aufgenommen worden.
Sally Reutlinger war wie sein Vater Viehhändler und hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft. Nach seiner Rückkehr war er immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten, was ihm ab 1933 zum Verhängnis wurde. Mehrfach wurde er in so genannte Schutzhaft genommen, zuletzt ein paar Wochen im KZ Dachau. Nach seiner Entlassung 1936 kam er wieder nach Kirchheim und heiratete hier ein Jahr darauf Hannchen Gutmann. Das junge Paar wohnte nur kurze Zeit in der Eugenstraße 22. Doch auch dort zementierte Gunter Demnig zur Erinnerung an Sally Reutlinger einen Stolperstein in den Gehweg. Der Kirchheimer Viehhändler entging durch seine Flucht einer erneuten Verhaftung, wurde aber 1938 in Brüssel entdeckt, 1940 nach Osten deportiert und für tot erklärt. Hannchen Reutlinger und die Zwillinge erlitten das gleiche Schicksal wie ihr Mann und Vater. Auch vor dem Gebäude Herdfeldstraße 49 machte der Kölner Künstler Halt und mit ihm Oberbürgermeisterin Angelika
Matt-Heidecker, die Initiatorin des Kirchheimer Projekts, Silvia
Oberhauser, und 20 weitere Bürgerinnen und Bürger. Hier hatte der polnische Zwangsarbeiter Stefan Sydoriw gelebt, wie Gunter Basler berichtete. Er war im Alter von 19 Jahren an einem Magendurchbruch im Krankenhaus gestorben, weil er medizinisch nicht versorgt worden war. Heute gehört das Grab von Stefan Sydoriw zu den geschützten Gräbern auf dem Kirchheimer Friedhof. Für OB Angelika Matt-Heidecker ist es wichtig, in Kirchheim eine Erinnerungskultur zu leben.
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| Juni
2010: Publikation zu den
"Stolpersteinen" in Kirchheim wird vorgestellt (vgl.
unter Literatur) |
Foto
links: Vorstellung der Broschüre über die Kirchheimer
Stolpersteine
Artikel von Andreas Volz im "Teckboten" vom 25. Juni 2010 (Artikel):
"Namen vor dem Vergessen bewahrt. Eine Broschüre über die Kirchheimer Stolpersteine erinnert an Opfer des Nationalsozialismus.
Seit über drei Jahren gibt es in Kirchheim Stolpersteine – insgesamt 14 Stück. Wie in vielen anderen Städten erinnern die kleinen quadratischen Steine im Straßenpflaster an einstige Mitbürger, die als Opfer des Nationalsozialismus ihr Leben verloren haben. Wer sich für die Kirchheimer Stolpersteine interessiert und vor allem für die persönlichen Geschichten, die sich dahinter verbergen, kann ab sofort in einer neuen Broschüre die Hintergründe nachlesen.
Kirchheim. Als 'Schlussstein der Stolpersteine' bezeichnete Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker die Broschüre bei der offiziellen Vorstellung. Wenn sie Schulklassen im Rahmen von Austauschprogrammen begrüße, merke sie immer,
'wie Jugendliche bei diesem Thema aufhorchen'. Die Broschüre über die Kirchheimer Stolpersteine solle deshalb vor allem auch bei Jugendlichen Interesse wecken am Schicksal einstiger Mitbürger, die im nationalsozialistischen System zwischen 1933 und 1945 verfolgt worden waren:
'Die jungen Menschen müssen das Wissen ja weitertragen, und wenn man ihnen davon erzählt, dann fragen sie auch
nach.'
Eine, die seit vielen Jahren vom Schicksal der Kirchheimer Juden erzählt, ist Brigitte Kneher. 1984 hatte sie damit begonnen, die Geschichte der jüdischen Mitbürger zu erforschen. Darüber, dass es in Kirchheim Stolpersteine gibt, freut sie sich sehr.
'Auch von jüdischen Familien habe ich erfahren, dass sie dafür dankbar
sind', sagte Brigitte Kneher jetzt bei der Vorstellung der Broschüre: 'Durch die Stolpersteine werden ihre Namen vor dem Vergessen
bewahrt.'
Bei der Zigeunerfamilie Reinhardt sei das hingegen ganz anders. Die Familie wolle nicht, dass die Namen ihrer Angehörigen mit Füßen getreten werden. Deshalb gebe es für keines der 17 Familienmitglieder, die ihr Leben in Vernichtungslagern lassen mussten, einen Stolperstein. Auch hier zeigt sich die neue Broschüre als wichtige Ergänzung zu den Steinen: Eine eigene Seite erinnert in diesem Heft an die Zigeunerfamilie aus Kirchheim. Dr. Silvia Oberhauser, die die Initiative Stolpersteine in Kirchheim ins Leben gerufen hat, hält das für eine sehr gelungene Lösung:
'Das Heft liegt nicht am Boden, es kann in die Hand genommen werden.'
Dass dieses Heft möglichst häufig und von möglichst vielen Menschen in die Hand genommen wird, ist ihr ein besonderes Anliegen: Die 2.750 Exemplare sollen einerseits für Schulen kostenlos sein. Andererseits aber soll die Broschüre, die vom heutigen Freitag an in der Kirchheim-Info im Max-Eyth-Haus erhältlich ist, gegen eine Gebühr von zwei Euro verkauft werden,
'um deutlich zu machen, dass das nichts zum Wegwerfen ist'.
Aus diesem Grund sei auch bewusst die Form einer solchen Broschüre gewählt worden, erzählt Silvia Oberhauser: In anderen Städten gebe es entweder umfangreiche Bücher über die Stolpersteine und die Schicksale, die sich dahinter verbergen, oder aber vergleichsweise einfache Faltblätter, die mehr zum Wegschmeißen als zum Aufbewahren animieren.
'Unsere Broschüre soll keine rein historische Dokumentation sein, aber trotzdem etwas, was man gerne in die Hand nimmt und was man auch behält.' Sie solle
'leicht handhabbar' sein und dem Thema gerecht werden, vor allem aber nicht
'schreiend' daherkommen. 'Für mich erfüllt unser Heft diese Ansprüche', meint Silvia
Oberhauser.
Für Brigitte Kneher ist es ebenfalls wichtig, dass die Geschichte der einstmals verfolgten Kirchheimer durch die Stolpersteine und die Broschüre am Leben erhalten wird:
'Ein schöneres Denkmal kann es gar nicht geben, so schlimm auch der Inhalt der Broschüre
ist.' Das Heft und die Stolpersteine erinnern an elf Mitglieder der jüdischen Familien Reutlinger, Bernstein und Salmon sowie an drei Zwangsarbeiter aus Osteuropa, die in Kirchheim
'auf der Flucht' erschossen wurden oder wegen verweigerter ärztlicher Behandlung ums Leben kamen.
Wer sich speziell für die Geschichte der Juden in Kirchheim interessiert, kann am Sonntag, 18. Juli, an einer Stadtführung mit Brigitte Kneher teilnehmen. Treffpunkt ist um 14.30 Uhr am Max-Eyth-Haus." |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Germania Judaica II,1 S. 399-400; III,1 S. 615-616. |
 | Brigitte Kneher: Chronik der jüdischen Bürger Kirchheims seit
1896, in: Stadt Kirchheim unter Teck. Schriftenreihe des Stadtarchivs 3
(1985) S. 71-114. |
 | Schriftenreihe des Stadtarchivs Kirchheim unter Teck Bd.7 1988,
hierin die Beiträge:
Rainer Kilian: Fragmente hebräischer Handschriften im Stadtarchiv,
S. 117-130. |
 | Hans Peter Rüger: Ein neues Fragment einer Ezechielhandschrift mit
Raschikommentar. S. 131-136. |
 | Rolf Götz: Zur Lokalisierung der 1329 genannten Kirchheimer
Synagoge, S. 137-144. |
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Naftali Bar-Giora Bamberger: Die jüdischen
Friedhöfe Jebenhausen und Göppingen. 1990.
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Artikel von Andreas Volz: Als das
Leben an einem Briefmarkenalbum hing. Der englischsprachige Bericht, wie
Renate Reutlinger aus Kirchheim dem Holocaust entging, kann in ihrer alten
Heimatstadt zur Schullektüre werden. In: "Der Teckbote" vom 27.
Januar 2010 (Artikel
als pdf-Datei einsehbar). |
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Stolpersteine
(sc. in Kirchheim unter Teck) (Hrsg. von der Initiative Stolpersteine,
Dr. Silvia Oberhauser). Ein Kunstprojekt, das die Erinnerung an die
Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Zigeuner, der politische
Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer im
Nationalsozialismus lebendig erhält.
Bezug über Kirchheim-Info (im historischen Max-Eyth-Haus) Stadt Kirchheim
unter Teck, Max-Eyth-Straße 15, 73230 Kirchheim unter Teck. Tel.:
0-7021-3027 Fax 0-7021-480538 E-Mail
tourist[et]kirchheim-teck.de
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