Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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zu den Synagogen in Baden-Württemberg  


Kirchheim unter Teck (Kreis Esslingen) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben 
Anzeigen 
Zur Geschichte des Betsaals / der Synagoge   
Urkunde / Plan / Skizze   
Fotos  
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  
Links und Literatur   

   

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde

In der altwürttembergischen Stadt Kirchheim unter Teck bestand eine jüdische Gemeinde zunächst im Mittelalter. Erstmals werden Juden 1293 genannt. Bei der Judenverfolgung 1349 wurde die Gemeinde vernichtet. Vom Ende des 14. Jahrhunderts bis zur Ausweisung der Juden aus Württemberg Ende des 15. Jahrhunderts werden wieder einzelne Juden in der Stadt genannt. 

Erst nach 1864 konnten Juden wieder zuziehen. Sie bildeten Ende des 19. Jahrhunderts eine Filialgemeinde zur jüdischen Gemeinde in Göppingen, die auch zum dortigen Bezirksrabbinat gehörte. An Einrichtungen gab es einen Betsaal (s.u.). Die Kinder erhielten wöchentlich Religionsunterricht durch den Göppinger Rabbiner in einem Schulzimmer in der Oberrealschule. Die Toten der Gemeinde wurden im jüdischen Friedhof in Göppingen beigesetzt.      
 
Die höchste Zahl jüdischer Einwohner wurde um 1933 mit 35 Personen erreicht.   
 
Teilweise bis nach 1933 waren im Besitz jüdischer Familien / Personen die folgenden Handels- und Gewerbebetriebe: Kaufhaus Bernhard Bernstein (bis 1925, Karlstraße 12), Viehhandlung Emil Hirsch (Obere Alleenstraße 44), Viehhandlung Louis Kahn (Walkstraße 9), Seifenhandlung Emil Salmon und Jakob Mangold (Marktstraße 41), Viehhandlung Emanuel und Jakob Reutlinger (Jesinger Straße 18), Textilgeschäft Gustav Reutlinger (bis 1932, Dreikönigstraße 3), Textilhandlung Gustav und Willi Reutlinger (Obere Alleenstraße 87), Häute- und Fellhandlung Wolf Reutlinger (Jesinger Straße 38), Konfektionsgeschäft Albert Salmon (Dettinger Straße 4), Mechanische Kleiderfabrikation GmbH Albert Salmon (Schlierbacher Straße 7B), Schuhhaus Gold, Inh. Adolf Schlächter (Marktstraße 30), Textilgeschäft Hebel und Bernstein und Manufakturwarengeschäft Gebr. Stern (Max-Eyth-Straße 12), Leinenwaren und Wäsche Kurt und Walter Vollweiler und Viehhandlung Moritz Vollweiler (Schlierbacher Straße 36)  .    

Auf Grund der Judenverfolgungen und -ermordungen in der NS-Zeit kamen von den 1933 in Kirchheim wohnhaften 35 jüdischen Personen mindestens 12 ums Leben. 
   

Hinweis: Am ehemaligen evangelischen Pfarrhaus am Widerholtplatz 5 erinnert eine Gedenktafel sowie im Inneren der Otto-Mörike-Raum an den evangelischen Pfarrer Otto Mörike, der während der Zeit des 2. Weltkrieges mehrfach jüdische Flüchtlinge versteckte.
   
  
       
  
  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde  
   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben 
Bericht über fromme jüdische Handelsleute, die den Viehmarkt in Kirchheim besucht hatten (1898)

Eppingen Israelit 14031898.JPG (94293 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. März 1898: "Eppingen, 9. März (1898). Es ist ein wahrhaft wohltuendes Gefühl, wenn man in der heutigen, religiös-indifferenten Zeit die Wahrnehmung macht, dass es - Gott sei Dank - noch viele Jehudim gibt, welche sich Zeit, Mühe und Geld kosten lassen, um die Pflichten ihres Glaubens pünktlich zu erfüllen. Ein solch angenehmes Gefühl überkam uns, als hier am jüngsten Montag aus dem Abend sechs Uhr Zuge drei einfache Handelsleute aus Flehingen (Baden) entstiegen, um im öffentlichen Gottesdienste die Megilla (sc. Lesung auf dem Buch Ester zum Purimfest). Dieselben waren an diesem Tage auf einem berühmten Viehmarkte in Kirchheim unter Teck (Württemberg), und beabsichtigten noch am gleichen Tage in ihren Heimatort zu reisen, doch der Fahrplan zeigte ihnen, dass sie erst nach der öffentlichen Lesung eintreffen konnten. Sie benützten deshalb den Schnellzug nach Heilbronn und kamen um sechs Uhr hier (sc. Eppingen) an. Nach Beendigung des Gottesdienstes war es gerade Zeit, die Reihe per Bahn fortzusetzen und um acht Uhr waren sie zuhause. Diese braven Männer sind die Herren Gottschalk Schlessinger (Bruder des Herrn Bezirksrabbiners Schlessinger in Bretten), Simon Barth (naher Verwandter des Herrn Professors Barth in Berlin) und Theodor Ettlinger, ebenfalls aus einer angesehenen Familie. E."


Anzeigen  
Ein nichtjüdischer Landwirt bietet sein Obst in einer jüdischen Zeitschrift an (1908) 

Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 18.- September 1908: "Feines haltbares Tafelobst. 
Empfehle mich für Lieferung von feinem haltbarem Tafelobst nur ausgesuchte Sorten zu dem preis pr. Ctr. 11 Mark. Verpackung pünktlich und schonend zum Selbstkostenpreis. Erfahrungsgemäß drängen sich die Bestelllungen sehr zusammen und bitte um alles rechtzeitig und pünktlich erledigen zu können, heute schon um gütige Bestellungen. Zu jeder weiteren Auskunft bin gerne bereit. 
Dettingen u. Teck
bei Kirchheim u. Teck.  
Adolf Wanner
(Sendungen jedoch nur unter Nachnahme.)."   

    
  
   

Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge 

Ein mittelalterliches jüdisches Wohnviertel lag  im Bereich zwischen Marstallgasse und Marktstraße. 1329 wird in diesem Bereich eine Synagoge ("Judenschule") genannt. Ihr Standort war sehr wahrscheinlich hinter den heutigen Marktstraße 44/46/48). 

Im 19./20. Jahrhundert wurden die Gottesdienste teilweise in Göppingen besucht. Jedoch bestand auch in Kirchheim bis 1932 ein Betsaal in einem Raum im Dachgeschoss der Kleiderfabrik Salmon (Schlierbacher Straße 7B). Danach traf man sich vermutlich im Haus der Familie Reutlinger (Jesinger Straße 18). Eine Torarolle aus der Göppinger Synagoge war zum Gottesdienst ständig nach Kirchheim entliehen.

Im Stadtarchiv Kirchheim haben sich hebräische Handschriften-Fragmente des Mittelalter als Einbände von Rechnungsbänden der Stadt erhalten (diese Fragmente stammen nicht aus Kirchheim). Eine Machsor-Handschrift von 1341, vermutlich aus Kirchheim, befindet sich in der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (codex Göttingen 5,f 151).
   

Urkunde / Plan / Skizze 
(Quelle: Urkunde und Plan aus dem Beitrag von R. Götz (s. Lit.) S. 139f; 
Skizze der Häuser in Kirchheim von Martin Kneher im Aufsatz von B. Kneher (s. Lit.) S. 77f.) 

Mittelalter:    

Kirchheim Synagoge ma01.jpg (113461 Byte) 
Urkunde von 1329 mit der ersten Erwähnung einer Kirchheimer "Judenschule" (Original im Hauptstaatsarchiv Stuttgart 
A 493, U 51)

Kirchheim Synagoge ma02.jpg (72134 Byte) 
Plan der Altstadt Kirchheims zwischen Marstall-Gäßle und Oberer Markt: der Standort der mittelalterlichen Synagoge war vermutlich auf dem Gründstück Nr. 11b
    
     
20. Jahrhundert:
Kirchheim Synagoge 03.jpg (23257 Byte) 
Skizze der Kleiderfabrik Salmon in der Schlierbacher Strasse 7B nach einem Bauplan von 1919, worin sich bis 1932 im Dachgeschoss ein Betsaal befand
Kirchheim Synagoge 01.jpg (44491 Byte) 
Skizze des Hauses Jesinger Strasse 18. Haus der Gebrüder Reutlinger, wo ab 1932 vermutlich der Betsaal der Kirchheimer Filialgemeinde war
     

Fotos

Stadtführung durch das jüdische Kirchheim mit Brigitte und Martin Kneher 
am 21. Oktober 2003

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Am Platz, wo vermutlich die mittelalterliche Synagoge stand
   
Kirchheim Stadt 161.jpg (30704 Byte) Kirchheim Stadt 159.jpg (35593 Byte) Kirchheim Stadt 160.jpg (29113 Byte)
Das Gebäude Schlierbacher Straße 7B (frühere Kleiderfabrik Salmon). Im Erdgeschoss befand sich das Magazin, im 1. Stock die Berufskleider-Fabrikation; im Dachgeschoss war bis 1932 ein Betsaal der jüdischen Familien Kirchheims
 
Kirchheim Stadt 162.jpg (37735 Byte) Kirchheim Stadt 157.jpg (39771 Byte) Kirchheim Stadt 156.jpg (45595 Byte)
Dachgeschossfenster im Gebäude Schlierbacher Strasse 7B Bis 1933 wohnte Viehhändler Louis Kahn mit seiner Familie im Haus Marktstraße 22 Ab 1932 für wenige Jahre: Wohn- und Geschäftshaus für Woll- und Weißwaren von Gustav Reutlinger (Alleenstraße 87)
     
Kirchheim Stadt 153.jpg (59841 Byte) Kirchheim Stadt 152.jpg (49300 Byte) Kirchheim Stadt 151.jpg (53143 Byte)
Ab 1911 im Haus Dettinger Str. 4: Spezialhaus für Herren- und Knabenbekleidung Fa. Albert Salmon (bis 1936) Brigitte Kneher zeigt einen erhaltenen Kleiderbügel der Fa. Albert Salmon
   
Kirchheim Stadt 158.jpg (56196 Byte) Kirchheim Stadt 150.jpg (62223 Byte)   
1914 kaufte das Ehepaar Jean und Selma Bernstein den Geiserschen Neubau in der Max-Eyth-Straße 12 und eröffnet darin das "Kaufhaus Bernstein"; 1926 übernahmen die Gebr. Stern das Kaufhaus (bis 1933). Von Martin Kneher gezeigt: Zeitungsanzeige zur Eröffnung des Kaufhauses Stern   
   
   

Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   

Februar 2008: Stolpersteine werden verlegt    

Kirchheim Sto 010.jpg (222187 Byte)Artikel in der "Esslinger Zeitung" vom 20.02.2008 von Richard Umstadt:  
KIRCHHEIM: Fünf weitere Stolpersteine erinnern an Schicksale von Juden und eines Zwangsarbeiters 
Zum zweiten Mal senkte der Kölner Künstler Gunter Demnig Stolpersteine ins Pflaster. Damit fand die von der Frauenliste initiierte Aktion in Kirchheim einen Schlusspunkt. Nicht beendet aber ist die Erinnerung an das Schicksal von Kirchheimer Juden und Zwangsarbeitern. Sie soll durch die Stolpersteine wach gehalten werden. "Zakhor - Al Tichkah", „Erinnere Dich - vergiss niemals“: Den Appell in hebräischer Sprache verwandelt Gunter Demnig überall in Europa, wo sich Menschen an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnern wollen, in Stolpersteine, an denen der gewohnte Schritt innehält und sich der einzelne davor verbeugt, um die in Messingplatten eingravierten Namen zu lesen. "Hannchen Reutlinger" steht auf der Metallplatte eines in den Gehweg vor dem Gebäude Alleenstraße 87 in Kirchheim eingelassenen Stolpersteines. Dicht daneben weitere zwei Steine mit Messingplatten und den Namen Rolf und Gerd Reutlinger, die beiden Zwillinge von Hannchen Reutlinger. Brigitte Kneher berichtete, in der Alleenstraße, gegenüber dem Amtsgericht, sei die junge, hochschwangere Kirchheimerin jüdischen Glaubens nach der Flucht ihres Mannes Sally Reutlinger 1937 bei Verwandten aufgenommen worden. 
Sally Reutlinger war wie sein Vater Viehhändler und hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft. Nach seiner Rückkehr war er immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten, was ihm ab 1933 zum Verhängnis wurde. Mehrfach wurde er in so genannte Schutzhaft genommen, zuletzt ein paar Wochen im KZ Dachau. Nach seiner Entlassung 1936 kam er wieder nach Kirchheim und heiratete hier ein Jahr darauf Hannchen Gutmann. Das junge Paar wohnte nur kurze Zeit in der Eugenstraße 22. Doch auch dort zementierte Gunter Demnig zur Erinnerung an Sally Reutlinger einen Stolperstein in den Gehweg. Der Kirchheimer Viehhändler entging durch seine Flucht einer erneuten Verhaftung, wurde aber 1938 in Brüssel entdeckt, 1940 nach Osten deportiert und für tot erklärt. Hannchen Reutlinger und die Zwillinge erlitten das gleiche Schicksal wie ihr Mann und Vater. Auch vor dem Gebäude Herdfeldstraße 49 machte der Kölner Künstler Halt und mit ihm Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker, die Initiatorin des Kirchheimer Projekts, Silvia Oberhauser, und 20 weitere Bürgerinnen und Bürger. Hier hatte der polnische Zwangsarbeiter Stefan Sydoriw gelebt, wie Gunter Basler berichtete. Er war im Alter von 19 Jahren an einem Magendurchbruch im Krankenhaus gestorben, weil er medizinisch nicht versorgt worden war. Heute gehört das Grab von Stefan Sydoriw zu den geschützten Gräbern auf dem Kirchheimer Friedhof. Für OB Angelika Matt-Heidecker ist es wichtig, in Kirchheim eine Erinnerungskultur zu leben.   

 

 

Links und Literatur

Links:

Website der Stadt Kirchheim unter Teck

Literatur:

Germania Judaica II,1 S. 399-400; III,1 S. 615-616.
Brigitte Kneher: Chronik der jüdischen Bürger Kirchheims seit 1896, in: Stadt Kirchheim unter Teck. Schriftenreihe des Stadtarchivs 3 (1985) S. 71-114.
Schriftenreihe des Stadtarchivs Kirchheim unter Teck Bd.7 1988, hierin die Beiträge: 
Rainer Kilian: Fragmente hebräischer Handschriften im Stadtarchiv, S. 117-130.
Hans Peter Rüger: Ein neues Fragment einer Ezechielhandschrift mit Raschikommentar. S. 131-136.
Rolf Götz: Zur Lokalisierung der 1329 genannten Kirchheimer Synagoge, S. 137-144. 

Naftali Bar-Giora Bamberger: Die jüdischen Friedhöfe Jebenhausen und Göppingen. 1990.

Artikel von Andreas Volz: Als das Leben an einem Briefmarkenalbum hing. Der englischsprachige Bericht, wie Renate Reutlinger aus Kirchheim dem Holocaust entging, kann in ihrer alten Heimatstadt zur Schullektüre werden. In: "Der Teckbote" vom 27. Januar 2010 (Artikel als pdf-Datei einsehbar).   

     

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 28. Januar 2010