Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Frankfurt am Main 
Die Synagogen der Israelitischen Religionsgesellschaft im 19./20. Jahrhundert 
Synagoge in der Schützenstraße und Synagoge in der Friedberger Anlage (Solomon Breuer Synagoge) 
   

Übersicht:  

bulletZur Geschichte der Synagogen der Israelitischen Religionsgesellschaft  
bulletBerichte zur Geschichte der Synagogen 
Schützenstraße
Die orthodoxe Gemeinde kauft einen Bauplatz für eine neue Synagoge (1852)  
Die neue Synagoge wird alsbald fertig (1853) 
Über die neue Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft "Beth Tefilla Jeschurun" (1856)  
Besuch am Schabbat in der Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft (1866) 
Berichte über Besuche der Gottesdienste in der Israelitischen Religionsgesellschaft und in der reformierten Synagoge (1867)   
Die Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft soll vergrößert werden (1870)  
Einweihung eines neuen Toraschreines in der Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft (1881)  
Kohanim-Waschbecken als Geschenk für die Synagoge der Religionsgesellschaft (1896)  
Hinweis auf Gottesdienste der Israelitischen Religionsgesellschaft im Hörsaal in der Schützenstraße zu den hohen Feiertagen (1904) 
Abschied von der alten Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft und Einweihung der neuen Synagoge in der Friedberger Anlage (1907)  
Die Räume der alten Synagoge dienen für Lazarett- und Militärzwecke (1914)  
Verkauf der alten Synagoge in der Schützenstraße (1921)  
Zum Verkauf der alten Synagoge in der Schützenstraße (1921) 
Zur Erinnerung an die alte Synagoge in der Schützenstraße (1921)  
Erinnerung an die alte Synagoge in der Schützenstraße (1921)  
Generalversammlung der Israelitischen Religionsgesellschaft, u.a. mit kritischer Diskussion des Verkaufs der alten Synagoge (1922) 
50-jähriges Jubiläum des Frankfurter Mekor Chajim (1924) 
Friedberger Anlage:  
Zum Neubau einer zweiten Gemeindesynagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft (1900)  
Generalversammlung der Israelitischen Religionsgesellschaft (1902)  
Artikel über die Israelitische Religionsgesellschaft und die Synagogenbaufrage (1903) 
Die Generalversammlung der Israelitischen Religionsgesellschaft stimmt dem Synagogenneubau zu (1904) 
Architektenentwürfe für die neue Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft - Ausschreibung und Auswahl (1904)  
Grundsteinlegung für die neue Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft (1905)   
Darf an der Synagoge auch am Schabbat gebaut werden? (1907)  
Versammlung von Gemeindemitgliedern gegen Bauarbeiten an der neuen Synagoge und des Philanthropins am Schabbat (1907) 
Resolution der Zentralvereins israelitischer Gemeindemitglieder gegen Arbeiten an Samstagen und Feiertagen bei Neubauten der jüd, Gemeinde (1907) 
Versammlung der Zionistischen Vereinigung, dabei Diskussion um das Bauen am Schabbat bei der neuen Synagoge und dem Philanthropin (1907)  
Über die neue Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft (Friedberger Anlage) (1907)   
Einweihung der neuen Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft (1907)  
Rituelle Kunstgegenstände in der neuen Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft (1907) 
Ergänzungen zum Bericht über die Einweihung der neuen Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft (1907)  
Publikation von Fotografien der neuen Synagoge an der Friedberger Anlage (1908)  
Radierung der Synagoge Friedberger Anlage (1925)   
Neues Bild der Synagoge Friedberger Anlage (1926)  
Gedenkblätter zum 25-jährigen Bestehen der Synagoge Friedberger Anlage (1932)  
Fertigstellung einer Torarolle für die Synagoge Friedberger Anlage (1933) 
Neue Torarolle für die Synagoge Friedberger Anlage (1934)     
bulletFotos / Darstellungen   
bulletLinks und Literatur   

   

Zur Geschichte der Synagogen 
   
Geschichte der Synagoge Schützenstraße  
   
Nachdem seit der Mitte der 1840er-Jahre unter Rabbiner Leopold Stein die Gottesdienste in der Hauptsynagoge immer mehr von den Reformideen des liberalen Judentums geprägt waren (Orgel, deutsche Gebete, gemischter Chor u.a.m.), spalteten sich 1851 die orthodox Gesinnten der Gemeinde von der Israelitischen Gemeinde Frankfurts ab und bildeten fortan die Israelitische Religionsgemeinschaft. Diese bemühte sich unter ihrem nach Frankfurt berufenen Rabbiner Samson Raphael Hirsch sehr schnell um die Abhaltung von traditionellen Gottesdiensten in einem eigenen Betraum beziehungsweise einer eigenen Synagoge. Zunächst wurden die Gottesdienste in einer provisorischen Synagoge, die in einer gemieteten Wohnung eingerichtet worden war, abgehalten.
 
Zum Bau einer Synagoge konnte 1852 ein Bauplatz gekauft und auf diesem in den folgenden Monaten ein Gotteshaus erbaut werden. Das Grundstück, auf dem auch eine eigene Schule errichtet wurde, war im Osten von der Schützenstraße und im Norden von der Rechneigrabenstraße begrenzt. Die Grundsteinlegung fand am 30. September 1852 statt, die feierliche Einweihung am 29. September (28. Elul) 1853. Der Bau wurde durch die Familie Rothschild finanziell stark unterstützt; in der Synagoge selbst gab es auf der Empore einen abgeschlossenen Raum für die Rothschild'sche Familie. Die Synagoge wurde hebräisch auch Bet Tefilat Jeschurun genannt. Im Unterschied zu der als "Stein'sche Synagoge" genannten Hauptsynagoge wurde bei der Synagoge Schützenstraße auch von der "Hirsch'schen Synagoge" gesprochen. Hinter diesen Bezeichnungen standen die Namen der beiden prägendenden Gestalten der seinerzeitigen liberalen beziehungsweise der orthodoxen jüdischen Gemeinde in Frankfurt: Rabbiner Leopold Stein und Rabbiner Samson Raphael Hirsch. Die Synagoge hatte 250 Männer- und 200 Frauensitzplätze.  
 
Bereits 1870 musste die Synagoge vergrößert werden (siehe Bericht unten). Der Umbau wurde 1872/73 vorgenommen. Dabei wurde die Synagoge nur in der Länge erweitert; der Erweiterungsbau wurde im Garten der Schule der Religionsgesellschaft erstellt. Während der Bauzeit konnten die Gottesdienst in der Synagoge abgehalten werden, da erst nach Fertigstellung des Anbaus im Bereich der bisherigen Ostwand ein Abbruch derselben vorgenommen wurde. Die Einweihung der erweiterten Synagoge war drei Tage vor Rosch Haschana 1873, das heißt am 19. September 1873
 
1881
erhielt die Synagoge einen neuen Toraschrein (siehe Bericht unten). Um 1900 war absehbar, dass die Israelitische Religionsgesellschaft auf Grund der gestiegenen Zahl der Gemeindeglieder eine neue Synagoge bauen sollte. An den Hohen Feiertagen mussten zu den Gottesdiensten in der Synagoge auch welche im Hörsaal der Gemeinde in der Schützenstraße durchgeführt werden, um alle Gottesdienstbesucher aufnehmen zu können (siehe Anzeige von 1904 unten). Der letzte Gottesdienst in der Synagoge Schützenstraße war am 29. April 1907. An diesem Tag wurden die 22 Torarollen der Gemeinde feierlich zur neuen Synagoge an der Friedberger Anlage gebracht (siehe Berichte unten).
 
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge zerstört, auch wenn dort nicht mehr Gottesdienste abgehalten wurden.  
     
    
Geschichte der Synagoge an der Friedberger Anlage   
    
Nach mehrjährigen Vorüberlegungen in verschiedenen Gremien der Gemeinde beschloss eine Generalversammlung der Israelitischen Religionsgesellschaft im Dezember 1903 oder Anfang Januar 1904 den Bau einer neuen Synagoge an der Friedberger Anlage. Ein Architektenwettbewerb wurde ausgeschrieben, der im Oktober 1904 die Entscheidung brachte, aus 129 eingegangenen Entwürfen den Plan der Architekten Jürgensen und Bachmann in Berlin-Charlottenburg auszuführen. Die Grundsteinlegung erfolgte am 21. November 1905. In den folgenden anderthalb Jahren wurde die Synagoge in einem damals sogenannten spätromanischen Stil erbaut. Die Pläne hatten die Berliner Architekten Peter Jürgensen und Jürgen Bachmann gezeichnet. Spenden zum Bau der Synagoge gingen von vielen Gemeindegliedern ein; auch für diese Synagoge kam eine große Spende aus der Familie Rothschild. 

Die neue Synagoge an der Friedberger Anlage wurde am 29. April 1907 durch Rabbiner Dr. Breuer eingeweiht (zu den Einweihungsfeierlichkeiten und Beschreibungen der Synagoge siehe die Berichte unten). Die Synagoge verfügte über 1000 Sitzplätze für Männer und 600 Sitzplätze für Frauen.  
    
Beim Novemberpogrom 1938 wurde die Synagoge angezündet. Das Feuer richtete zunächst nur einen begrenzten Schaden an, weswegen in den folgenden Tagen insgesamt viermal die Synagoge erneut unter Einsatz von Benzinfässern angezündet wurde. Auf polizeiliche Anweisung hin danach musste die Gemeinde wegen Einsturzgefahr das Gebäude auf eigene Kosten abbrechen lassen. Mit dem Abbruch wurde am 17. November 1938 begonnen. Auf Grund der massiven Bauweise der Synagoge zog sich der Abbruch über mehrere Monate hin. 
 
1942/43 wurde auf dem Grundstück der abgebrochenen Synagoge durch französische Kriegsgefangene (Zwangsarbeiter) ein Luftschutzbunker für den Zivilschutz erbaut, der bis zur Gegenwart vorhanden ist. am 7. November 1988 wurde innerhalb einer Gedenkstätte ein Gedenkstein mit dem Text aufgestellt: "Hier stand die 1907 erbaute Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft. Sie wurde in der Pogromnacht des 9. Novembers 1938 angezündet und zerstört" (mit hebräischem Text). Die Gedenkstätte wurde durch die Landschaftsarchitektin Jeanette Garnhartner gestaltet.  
    
    
    
Berichte zur Geschichte der Synagoge 
(Anmerkung: die Texte wurden dankenswerterweise von Susanne Reber abgeschrieben und mit Anmerkungen versehen).
   
Beiträge zur Geschichte der Synagoge in der Schützenstraße 

Die orthodoxe Gemeinde kauft einen Bauplatz für eine neue Synagoge (1852)         

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. März 1852: "Frankfurt am Main, 12. Februar (1852). Die orthodoxe Partei unserer hiesigen Israeliten hat dieser Tage einen Bauplatz in der Nähe des Wollgrabens angekauft, um daselbst eine neue Synagoge für die Abhaltung ihres Gottesdienstes zu erbauten."     

    
Die neue Synagoge wird alsbald fertig (1853)         

Artikel in der Zeitschrift "Der treue Zionswächter" vom 18. Februar 1853: "Frankfurt. Unsere neue Synagoge, die bereits längere Zeit unter Dach gebracht ist, schreitet ihrer Vollendung immer näher und wir hoffen noch diesen Sommer der feierlichen Einweihung beiwohnen zu können. Auch die Stein'sche Partei ist jetzt eifrig bemüht, eine neue Synagoge zu erbauten; man hat aber bis jetzt die dazu erforderliche Summe noch nicht aufbringen können. Hirsch's Gemeinde gewinnt immer mehr an Mitgliedern, und man ist von seinen Predigten, sowie von seinen religiösen Vorträgen, die er mehrere Mal wöchentlich in seinem Hause hält, ganz begeistert. - Für junge Leute, die sich dem talmudischen Fache widmen, hält Herr Rabbiner Hirsch ebenfalls jeden Tag einen zweistündigen Vortrag. So entwickelt dieser Mann nach allen Seiten hin eine ruhmvolle Tätigkeit, und wir wünschen seinem frommen Wirken den schönsten Erfolg".      

  
Über die neue Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft "Beth Tefilla Jeschurun" (1856)      

Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 24. November 1856:  "Es ist Samstag. Ich ströme mit vielen Andern in die Synagoge Beit Tefilat Jeschurun von Hirsch. Ein sehr schönes, imposantes Gotteshaus, allen Anforderungen der Neuzeit und der Eleganz entsprechend. Die Galerie enthält einen abgeschlossenen Raum für die Freiherrlich Rothschild'sche Familie. Der Gottesdienst wird mit größter Ordnung, im Übrigen ganz in der früheren Weise verrichtet. Ein trefflicher Chor, der auf die Westseite der Synagoge parterre, aber etwas erhöht, platziert ist, unter der tüchtigen Leitung des Herrn Jafet, steht dem Vorsänger zur Seite. Die sämtlichen Chorgesänge - natürlich nur hebräische - werden vierstimmig ausgeführt und sind im Drucke erschienen. Sonntags wohnte ich in derselben Synagoge einer Trauung bei. Auch diese fand ganz nach altem Ritus statt, nur wurde das Brautpaar von dem Chore mit einem Gesange ('Baruch Haba Beschem Adonai') empfangen und schloss ein solcher den Akt. - die im Bau begriffene Hauptsynagoge (der Stein'schen Gemeinde) wird in einem prachtvollen Stile und in sehr großen Dimensionen ausgeführt; nur schade, dass das Hauptportal in keiner schönen Straße liegt; dagegen steht die Ostseite auf einem schönern Platze.  
Da auch in Frankfurt gerade Ferien waren, so hatte ich keine Gelegenheit, die dortigen Schulanstalten, noch die an deren Spitze stehenden Männer, die Herren Rabbiner Hirsch, Dr. Jost, Dr. Stern persönlich kennen zu lernen..."    
 
Anmerkungen:  -  Stein'sche Gemeinde: Gemeinde von Rabbiner Dr. Leopold Stein   http://www.judengasse.de/dhtml/P129.htm  
Rabbiner Hirsch: Rabbiner Samson Raphael Hirsch  http://www.judengasse.de/dhtml/P134.htm 
Dr. Stern: Dr. phil. Siegmund Stern, Oberlehrer an der israelitischen Schule, Rechneigrabenstraße 14.   

   
Besuch am Schabbat in der Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft (1866)    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Mai 1866: "Aus Württemberg. Bei meiner jüngsten Reise nach Norddeutschland blieb ich über Schabbat in Frankfurt a. M. - Ich machte mir das Schabbat-Vergnügen Herrn Rabbiner Hirsch zu besuchen, der sich in freundlichster Weise meines Besuches erinnerte, den ich vor 2 Jahren bei ihm zu machen die Ehre hatte. Unsere Hauptunterhaltung betraf württembergisch-israelitische Zustände, wobei die württembergischen Korrespondenten des 'Israelit' (konservative Zeitung) rühmlich erwähnt wurden, die den Eifer für die gute Sache, welcher Herr Rabbiner Hirsch recht gerne auch seine Feder zu leihen sich bereit erklärte, wach und rege erhielten. Den Gottesdienst der Religionsgemeinde (gemeint ist die Israelitische Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M.) besuchte ich 4mal. Da hier Schacharit an diesem Sabbat schon um 7 Uhr begann, so kam's, dass ich auch in die Geiger'sche Synagoge (gemeint ist die liberale Hauptsynagoge) gehen konnte, deren Dienst erst um 9 Uhr eröffnet wird... Während ich bei Herrn Hirsch - Gott sei gepriesen - das Gotteshaus jedes Mal so voller Leute und darunter die hervorragendsten Männer von echter Religiosität angetroffen hatte, empfand ich die entgegengesetzten Eindrücke bei dem Eintreten in den Stein-Geiger'schen Tempel. Es war mir fast, als ginge ich in eine Kirche. Wie ein Neugieriger nur blieb ich deshalb am Eingang stehen. In der Versammlung selbst bemerkte ich meistenteils Lehrjungen, Soldaten, Durchreisende, aber wenig Männer, die der eigentlichen Gemeinde angehören. Der ganze Ritus gleicht wie die ganze Einrichtung mehr denen eines Theaters als einer Synagoge. Während die noch nicht sehr lange stehende Synagoge der Religionsgesellschaft bedeutend vergrößert werden muss, gähnt dem Besucher im Reformtempel (sc. Hauptsynagoge) zu Frankfurt eine erschreckende Leere entgegen. - Auf meiner Reise über Würzburg besuchte ich auch unseren alten württembergischen Kämpen, den Seminarlehrer Stern (gemeint Ludwig Stern, Leiter der Israelitischen Lehranstalt) daselbst, der noch immer mit warmer Sympathie an unserem Vaterlande hängt und mit uns der Revision der württembergischen Kirchenverfassung harret. Schade, dass sein jetziger Beruf ihm nicht gestattet, so wie früher für die geistige Wiedergeburt Israels in Schwaben kräftig mitzuwirken Würde, wie es das deutsche Volk jetzt lauter und lauter verlangt, die deutschen Grundrechte wieder zu allgemeiner Anerkennung gelangen, so hätten wir und alle deutschen Glaubensgenossen mit einem Male auch in religiösen Dingen die volle Autonomie der Gemeinden erreicht. In Würzburg hatte ich auch die Ehre, Herrn Rabbiner Bamberger kennenzulernen. Welch ein würdiger Mann! Weit winziger noch erscheinen mir seitdem unsere inländischen Pygmäen, die doch als Koryphäen figurieren möchten und sollten - Wie, Menschen machen sich Götter und sind selber keine Götter? (Jeremia 16,20) Heile mich, Ewiger, und ich werde heil! (Jeremia 17.14), rufe ich schließlich mit Jirmejah in jüngster Hapthora."
  
Anmerkungen: - Rabbiner Hirsch = Rabbiner Samson Raphael Hirsch  vgl.  https://de.wikipedia.org/wiki/Samson_Raphael_Hirsch
- Israelitische Religionsgesellschaft:   https://de.wikipedia.org/wiki/Israelitische_Religionsgesellschaft
- Hauptsynagoge: https://de.wikipedia.org/wiki/Hauptsynagoge_(Frankfurt_am_Main)   sowie interne Seite  
- Stein: Rabbiner Dr. Leopold Stein https://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_Stein_(Rabbiner)  
- Geiger: Rabbiner Dr. Abraham Geiger http://www.judengasse.de/dhtml/P142.htm
- Rabbiner Bamberger = Rabbiner Seligmann Bär Bamberger https://de.wikipedia.org/wiki/Seligmann_Bär_Bamberger
- Jirmejah: Jeremia: https://de.wikipedia.org/wiki/Jeremia   
- Haphtora: https://de.wikipedia.org/wiki/Haftara           

  
Bericht über Besuche der Gottesdienstes der Israelitischen Religionsgesellschaft und in der reformierten Synagoge (1867)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. Mai 1867: "Aus Norddeutschland. (Aus einem Privatbriefe).
Den Sabbat, welcher auf den 4. Mai fiel, verbrachte ich in Frankfurt a. M.; ich besuchte natürlich die Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft, wo der Gottesdienst sehr erhebend und anregend auf mich wirkte. Diese große Synagoge war sowohl am Freitagabend, wie Sonnabend morgens, nachmittags und abends förmlich überfüllt, und auch Sonntagmorgens war der Gottesdienst ungemein zahlreich besucht, wie man mir erzählt hat, könne bereits 19 Mitglieder keine Plätze haben, so dass man an einen vergrößernden Umbau zu denken genötigt ist.*) - Zu meinem Bedauern predigte Herr Rabbiner Hirsch an jenem Sabbat nicht, so dass es mir nicht vergönnt war, diesen berühmten Mann sprechen zu hören. - Nach dem Schlusse des Sabbatmorgengottesdienstes führte mich die Neugier in die reformierte Synagoge, an der Herr Dr. Geiger Rabbiner ist; dort beginnt der Gottesdienst nicht so früh, dass ich noch gerade recht kam. Die Synagoge ist ein imposantes Gebäude, allein sie war fast leer. Die Anwesenden, etwa 20 Herren und 30 Damen, verloren sich in dem großen Gebäude; als aber Herr Dr. Geiger zu predigen begann, eilten auch diese wenigen Andächtigen zur Türe hinaus, sodass nur drei oder vier Personen zurückblieben und Herr Dr. Geiger buchstäblich vor leeren Bänken predigen musste. - ('Der Stein schreit aus der Mauer' - Habakuk 2,11)! - Einem solchen Schauspiele beizuwohnen, verspürte ich keine Lust und deshalb schloss ich mich der allgemeinen Auswanderung an!! - Das ist geregelter, veredelter Gottesdienst, das ist Weckung des Andachtgefühls, das ist Gewinnung der Indifferenten durch veredelte Formen! Oh, kommt nach Frankfurt a. M., alle ihr vom Reformschwindel Befallenen und überzeugt euch von der Anziehungskraft des echten, unverfälschten Judentums und von den Erfolgen der sogenannten Reform!
Wie Sie wissen, verehrter Freund, bin ich ein enthusiastischer Verehrer der Musik, trotzdem hat die Orgel in der Geiger'schen Synagoge (sc. Hauptsynagoge, Anm. S.R.) - ich bin Kenner, es ist das ein ganz vorzüglich gebautes Instrument – einen abstoßenden Eindruck auf mich gemacht; das christliche Instrument passt einmal nicht zu jüdischen Gebeten. Beten wir lieber unser Schma Jisrael aus vollem Herzen – ohne Instrumentalbegleitung.               A. M.
  
Anmerkungen: - Rabbiner Hirsch: Rabbiner Samson Raphael Hirsch   https://de.wikipedia.org/wiki/Samson_Raphael_Hirsch
- Rabbiner Dr. Geiger: Rabbiner Dr. Abraham Geiger  https://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_Geiger    http://www.judengasse.de/dhtml/P142.htm 
- Sch'ma Jisrael: https://de.wikipedia.org/wiki/Schma_Jisrael        

  
Die Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft soll vergrößert werden (1870)       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. Januar 1870: "Frankfurt am Main, den 13. Januar (1870). Die Synagoge der hiesigen (orthodoxen) israelitischen Gesellschaft ist im Laufe der Zeit für die große Menge der Besucher derselben zu klein geworden. Sie wird nunmehr durch einen Umbau bedeutend vergrößert werden - so mehrte sich das Volk und breitete sich aus [nach 2. Mose 1,12]".   

  
Einweihung eines neuen Toraschreines in der Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft (1881)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. September 1881: "Frankfurt a. M., 23. Sept. Gestern Abend fand in der Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft die Einweihung des neuen Aron Hakodesch (Toraschrein) statt. Durch freiwillige Spenden seitens der Mitglieder der Religionsgesellschaft ist dieselbe in den Besitz eines Aron HaKodesch (Toraschrein) gelangt, welcher als imposantes Kunstwerk die Bewunderung aller erregt. Derselbe ist aus weißem Marmor und von so feiner Arbeit, dass er sicherlich zu den schönsten seiner Art gezählt werden kann. Die Feierlichkeit war erhebend. Mit dem Gesange Ma towu wurden sie eingeleitet und begrüßt von dem Gesang Baruch Haba, trugen Mitglieder der Verwaltung, worunter auch solche, die früher derselben angehört haben, die schön geschmückten Torarollen in die in allen Räumen gefüllte Synagoge. Nach einem einmaligen Umgange um den Alememor wurde unter den üblichen Gesängen die Torarollen 'eingehoben' und Herr Rabbiner Hirsch - sein Licht leuchte - bestieg die Kanzel, um die Festrede zu halten. An den bereits vorher rezitierten Ps. 132 anknüpfend, lenkte der Redner die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf 30 Jahre zurück, wie unter schwierigen Umständen die Religionsgesellschaft entstanden, wie sie sich aus winzigen Anfängen emporgeschwungen habe, wie ihr Heiligtum ähnlich den Mikdosch-Wanderungen viermal gewandert sei von der Betstube bis zur eigenen Synagoge, dann wieder ausgewandert, bis sie erweitert worden war, wie denn jetzt der Abschluss des Heiligtumbaues, sich dem prächtigen Aron Hakodesch (Toraschrein) darstelle. Habe man aber eine Toralade, auf welche man stolz sein könnte, habe man der Tora eine Prachtstätte errichtet, so drücke das eben aus, dass man die Tora als das herrlichste Gut betrachte, als dasjenige, von dem das ganze Leben beherrscht, von dessen Geiste das ganze Leben getragen sein müsse: Darum hat der Besitz einer solch prächtigen Lade auch seine sehr ernste Seite, da aus demselben die Pflicht erwächst, die Tora zu hüten, sie im Leben zu bewähren, damit wir unseren Kindern mit dem Monumente auch den Geist der Tora ihnen vererben, dass sie bei dessen Anblick auf ihre Väter weisen können: 'Das haben unsre Väter uns gestiftet, in dem Geiste der Tora haben unsre Väter gelebt!' Wie auch die Zeiten sich verwandeln mögen, so schloss der Redner, welche Drangsale unserm Volk doch bestimmt sein sollten, wie auch die Generationen sich ändern, bewahren wir die Tora, Gottes Güte ist unwandelbar: 'Denn er ist gütig, seine Gnade währet ewig und seine Wahrheit für und für' (Psalm 100,5). Mit dem Gesange Mismor leTora und dem sich daran reihenden Maariw-Gebete schloss die Feier.
 
Anmerkungen:  - Ma towu  https://de.wikipedia.org/wiki/Ma_Towu  
- Almemor: https://de.wikipedia.org/wiki/Bima  
- Rabb. Hirsch: https://de.wikipedia.org/wiki/Samson_Raphael_Hirsch 
- Mikdosch (Mikdasch): Heiligtum, Tempel 
- Maariw:
 https://de.wikipedia.org/wiki/Maariw_(Judentum)          

   
Kohanim-Waschbecken als Geschenk für die Synagoge der Religionsgesellschaft (1896)       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. April 1896: "Frankfurt a. M., 10. April. Ein prachtvolles Geschenk wurde vorige Woche dem Vorstande der israelitischen Religionsgesellschaft für die Synagoge übergeben und zum ersten Male an den hinteren Tagen des Pessachfestes in Gebrauch genommen, ein silbernes Kohanim-Waschbecken, dessen Schüssel 47 cm im Durchmesser und 8 cm in der Höhe beträgt und dessen Kanne 36 cm hoch ist. Das Ganze hat ein Gewicht von 17 Pfund. Es ist ein Kunstwerk von seltener Pracht; im reinsten Rokokostil gehalten, erregt es die Bewunderung der Kenner durch die feine Ziselierarbeit, welche der Schüsselrand und der Kannenbauch nebst Griff aufweisen. Das Atelier der hiesigen Silberwarenfabrik von S. u. D. Löwenthal, aus dem diese Werk hervorgegangen ist, hat hier wiederum eine glänzende Probe von seinen Künsten und tüchtigem Können gegeben. Das Geschenk ist von Herrn Hermann Meyer aus London zu Ehren seines vor einem Jahr verstorbenen Vaters, der 40 Jahre lang in der Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft als 'Kohen' fungiert hat, dieser Synagoge in der treuen Anhänglichkeit, die er auch im Auslande der Religionsgesellschaft bewahrt, gewidmet worden. Am Jahreszeittag des Verstorbenen wurde es zum ersten Mal in Gebrauch genommen."  
Anmerkungen: - zu Kohen vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Cohen.  
- zur Silberwarenfabrik S. & D. Löwenthal in Frankfurt vgl. den Chewra-Kadischa-Becher der Beerdigungsbruderschaft von 1904:
  https://sammlung.juedischesmuseum.de/objekt/chewra-kadischa-becher-becher-der-beerdigungsbruderschaft/       


Hinweis auf Gottesdienste der Israelitischen Religionsgesellschaft im Hörsaal in der Schützenstraße zu den hohen Feiertagen (1904)       

Frankfurt FrfIsrFambl 02091904a.jpg (57671 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 2. September 1904: "Bekanntmachung
Wir bringen hierdurch zur Kenntnis, dass an den beiden Neujahrstagen, sowie am Versöhnungstage in unserem
Hörsaale, Schützenstrasse 12 Gottesdienst
stattfinden wird und werden Anmeldungen für Herren- und Damenplätze bei Herrn David Ginsberger, Rechneigrabenstr. 3 entgegengenommen.
Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde 'Israelitische Religionsgesellschaft'.

        
Abschied von der alten Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft und Einweihung der neuen Synagoge Friedberger Anlage (1907)   
Hinweis: weitere Berichte zur Einweihung der neuen Synagoge siehe unten; der Bericht ist hier eingestellt, da zunächst über den Abschied von der Synagoge Schützenstraße berichtet wird.    

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. September 1907: "Frankfurt am Main, 30. August (1907). Am Donnerstagnachmittag um 3 Uhr versammelten sich die Mitglieder der 'Israelitischen Religionsgesellschaft' in ihrem alten Gotteshause, um mit dem Mincha-Gebet von der geweihten Stätte Abschied zu nehmen. Tiefer Ernst lag auf Aller Antlitz. Wie in der Neïlastunde. Wie bei jedem großen Scheiden. Mit bebender Stimme trug Oberkantor Friesländer, der ein Menschenalter hindurch in dieser Synagoge gewirkt, die Psalmen 42 und 132 und die Tefila vor. Dann bestieg Rabbiner Dr. Breuer die Kanzel, um den Gefühlen Ausdruck zu geben, die die Gemüter Aller im Innersten bewegten. Der Redner knüpfte an das Wort der Weisen an (hebräisch und deutsch:) Bei der Tefilat Mincha soll man sagen: 'Es sei Dein Wille, Gott, mein Gott, wie Du mich die Sonne sehen ließest bei ihrem Aufgang, so lass mich die Sonne auch sehen bei ihrem Untergang.' das Minchagebet ist der getreueste Ausdruck der Stimmung, die in dieser Stunde uns beherrscht. Es ist das Gebet, mit dem wir Abschied nehmen von jedem Tag, der sich seinem Ende zuzuneigen beginnt. Drum nehmen wir mit ihm Abschied von diesem geweihten Raum, von dieser herrlichen Bet Haknesset (Synagoge), das einst unsere heimgegangenen Brüder und Schwestern vereinte, wo wir alltäglich zu Gott emporgefleht, an den Tagen der Freude und des Leids, wo wir die Kraft geschöpft für die Erfüllung der unser im Leben harrenden Pflichten. Eine Abendhuldigungsgabe ist das Minchagebet, Minchat Erew in besonderem Sinne ist auch dieser letzte Gottesdienst in unserer alten Synagoge. In die Freude, die uns aus dem neuen Gotteshaus entgegenstrahlt, mischt sich der Schmerz des Abschieds, und wie könnte es anders sein? Wäre nicht kaltes Erz unser Inneres, wenn uns nicht schmerzte die Trennung von diesem Hause, wo jeder Stein den Sieg der Wahrheit über die Lüge, die Macht des Torageistes kündet, der aus so kleinen Anfängen unserer Gemeinde so Wunderbares und Großes erstehen ließ! Wie könnten wir ohne Schmerz von dieser Stätte scheiden, wo nahezu 40 Jahre hindurch unser großer Rabbiner S. R. Hirsch - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen, das Wort der Sinaitischen Lehre verkündet und seine Hörer für sie entflammt und begeistert hat. Und doch soll uns die Wehmut der Trennung die Freude nicht rauben. Lehrt uns doch gerade das Minchagebet, in jedem Wechsel des Geschickes nur die eine, lichtspendende Gotteswaltung zu erkennen. Lehren uns doch die Weisen in der Tefilat Mincha beten, Gott möge, wie er uns die Sonne beim Aufgehen sehen ließ, so auch bei ihrem Untergang sie uns weiter leuchten lassen. Denn die Sonne geht in Wahrheit niemals unter. Wenn sie hier dem Blick entschwindet, scheint sie dort schon im alten Glanze. Und wenn wir von diesem Gotteshaus nach mehr als einem halben Jahrhundert scheiden müssen, die Herrlichkeit des Neuen Baues strahlt uns schon entgegen. Nur, was irdisch ist, Stein und Holz, lassen wir hier zurück, die Keduscha aber, das Ewige, nehmen wir mit. Die Tora wird dort wie hier uns erleuchten, dort wie hier uns maß- und normgebend sein. Und der Segen, der uns beim Eintritt in die alte Synagoge begleitet, wird uns auch beim Auszug folgen. Wie unser Lehrer Moscheh so rufen wir, beim Reisen der Bundeslade, wenn die Lade sich nun erhebt (hebräisch und deutsch): 'Auf, o Gott, so zerstieben Deine Feinde, so fliehen Deine Feinde vor Deinem Angesicht!' Räume uns hinweg die Hindernisse auf dem Weg, der zu Deinem Licht führt. - Nachdem der Redner geschlossen, wurden die Torarollen aus dem Toraschrein entnommen, und während der Chor Adon Olam sang, entfernte sich die Gemeinde aus den altgewohnten Räumen, die noch nicht die Spuren des Alters tragen, und nur, weil sie zu eng geworden sind, verlassen werden mussten.
Die Einweihung des Neuen Gebäudes nahm ihren Anfang, Abends 1/2 7 Uhr. Die mächtigen Räume, über die ein Meer von Licht ausgegossen lag, waren dicht gefüllt. Als Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden erschienen der kommandierende General von Eichhorn, Regierungsrat Mahrenholz, Bürgermeister Grimm, Bürgermeister Varrentrapp; eine große Zahl auswärtiger Rabbiner und Gemeindevertreter, hatten sich zur Teilnehme an dem Feste eingefunden. Mit dem Gesang Mah towu leitete der Chor die Feier ein. Während des Vortrags von Psalm 118 treten die Träger der Torarollen in den Synagogenraum und bewegen sich auf den Almemor zu. Es ist ein ergreifender Augenblick, wie der Rabbiner den Almemor betritt und mit fester Stimme die Birkat hatow wehamtiw spricht. Nun folgt der Umzug mit den Torarollen und das Einheben derselben. Die Festpredigt des Herrn Rabbiner Dr. Breuer nimmt ihren Ausgang von dem letzten Verse des oben gesungenen Psalms 30 (hebräisch und deutsch): 'Darum soll alles Herrliche Dir singen und nie aufhören, Gott, mein Gott, in alle Zukunft will ich dir danken.' Das Gefühl des Dankes, so begann der Redner, das der König David mit diesen Worten zum Ausdruck brachte für die Verwirklichung seines heißesten Wunsches, die durch seinen Nachfolger vollzogen werden sollte, dieses Gefühl des Dankes bewegt auch unsere Brust, des Dankes gegen Gott, der uns diese Stunde erleben ließ, der selbst gut ist und Gutes veranlasst,     
Frankfurt Israelit 05091907b.jpg (892109 Byte)der von seiner Güte einen Funken in die Menschenbrust gelegt und Edelsinn und Freigebigkeit geschaffen. Dank sei auch den Mitgliedern der Gemeinde, den Männern und Frauen, den Jünglingen und Jungfrauen, die nach Maßgabe ihres Könnens beigetragen zu dem Werk, Dank dem Vorstand und den Herren des Baukomitees für die selbstlose Hingebung, die sie dem Bau gewidmet, Dank den Meistern und Architekten, die ihn entworfen und bis zur Vollendung gefördert. Der Redner geht dann dazu über die Bedeutung des Beit Haknesset (Synagoge) zu kennzeichnen. Gottesdienst ist dieses Hauses Zweck und Bestimmung. Was aber haben wir unter Gottesdienst zu verstehen? Gott dienen heißt Gott gehorchen. Nur als Voraussetzung für diesen Gottesdienst, als die Stätte, wo wir uns für den Gottesdienst draußen im Leben rüsten, haben wir die Synagoge zu betrachten. Ihren Wert erhält sie durch die Art, wie wir in unseren Häusern, in unserem Wirken und Streben den Pflichten des Gottesgesetzes gerecht zu werden suchen. Dieser Bestimmung sei das neue Haus geweiht. Es sind nun etwa, so fuhr dann der Redner fort, etwa 56 Jahre her, dass hier eine kleine Schar Gott begeisterter Männer der Not gehorchend sich in ein kleines Stübchen flüchtete, um da ihren Gottesdienst abzuhalten. Mit verächtlichem Lächeln sahen die Fernstehenden dieses Tun mit an. Wer hätte gedacht, dass das Häuflein sehr bald zum Bau einer Synagoge schreiten und dass sie diese später auf das Doppelte erweitern würden. Und nun ist auch diese große Synagoge zu enge geworden. Wahrlich, das ist vom Ewigen geschehen und ist ein Wunder vor unseren Augen (Psalm 118,23). Zum dritten Male begeht unsre Gemeinde das Fest der Synagogenweihe. Aber die heutige ist verschieden von beiden ersten. Unwillkürlich kommt uns die Erzählung von den drei Brunnen unseres Stammvaters Isaak in die Erinnerung, von denen die beiden ersten Streit, und Hinderung, der dritte Weite genannt wurde. Die beiden ersten mussten unter der Abwehr feindlicher Angriffe und Hemmungsversuche gegraben werden. Bei der Herstellung des dritten aber gab's keinen Kampf mehr, darum nannte ihn Isaak (hebräisch und deutsch:) 'Weite', 'denn' , so sprach er, 'jetzt hat uns Gott Weite gegeben und wir breiteten uns aus im Lande.' Unsere Weisen erblicken in diesen drei Brunnen das Vorbild der drei Heiligtümer in Zion. Unter Kampf mit der Umgebung entstanden das erste und das zweite Beit Hamikdasch (Tempel), unter der Anerkennung Israels durch die Allmenschheit wird einst das dritte errichtet werden. Die drei Brunnen sind auch das Vorbild der von unserer Religionsgesellschaft erbauten Gotteshäuser. Es waren schwere Zeiten, mächtige Hindernisse waren wegzuräumen, schwere Kämpfe waren zu bestehen, als das erste und das zweite gebaut wurden. Jetzt, da wir das dritte erbauten, waren die schwersten Kämpfe vorüber. Die kleine Schar, die man einst nicht einmal unter die Zahl der übrigen Gemeinden einreihen wollte, ist heute anerkannt vor aller Welt, ja, sie ist die angesehendste gesetzestreue Gemeinde im ganzen deutschen Reiche geworden. Weite ist ihr Name, denn jetzt hat uns Gott Weite gegeben und wir breiteten uns aus im Lande. In dankbarer, ehrfurchtsvoller Erinnerung aber gedenken wir an diesem Tage des Mannes, der uns den Weg zu diesem Ziel bereitet, unseres großen Rabbiners, gesegnet sei sein Andenken. Wie König Davids Psalm schon die Einweihung des Tempelheiligtums besingen konnte, obwohl erst Salomo ihn erbaut, - weil David es vorbereitete und Salomo nur es ausgeführte – so hat auch Samson Raphael Hirschs geistiges Auge diesen Bau erschaut, wenn er ihn auch selbst nicht erlebte. Sein Geist wird hier fortwirken, sein Licht hier fortleuchten, sein Name verknüpft sein mit dieser Synagoge, solange sie besteht. Mit der Bitte um Gottes Segen für das neue Gotteshaus, die Gemeinde, die Vaterstadt, das Vaterland und den Landesherrn endete die Rede, die auf die Festversammlung eines tiefen Eindrucks nicht verfehlte. Das Maariw-Gebet bildete den Abschluss der Feier, die einen Markstein darstellt in der Geschichte der Frankfurter Israelitischen Religionsgesellschaft.
Am Abend vereinigten sich etwa vierhundert Teilnehmer zu einem Festbankett im Saalbau*, das in den üblichen Formen verlief. Herr Besthoff*, der Leiter der Tafel, brachte in schwungvollen Worten das Kaiserhoch aus, worauf namens der Gemeindeverwaltung Herr Louis Feist* die Versammelten begrüßte und in längerer Rede einen Rückblick auf die Geschichte der Religionsgesellschaft warf. An Stelle des durch Trauer am Erscheinen leider verhinderten Rabbiners sprach Herr Rabbinatsassessor Posen*, Mittelpunkt seiner Ausführungen, die in ein Hoch auf Herrn Rabbiner Dr. Breuer* ausklangen, bildete der Hinweis auf die Bedeutung des Thorastudiums für den Bestand der Gemeinde.
Namens der Gemeinde brachte Herr Jakob Rosenheim* den Dank an die Verwaltung, die so manchen gärenden Most zu ertragen habe, an den Rabbiner für sein rücksichtsloses und wahrheitmutiges Wort der Zurechtweisung und an die Vorbeter, die in dem alten Gotteshause als wahrhafte Gesandte der Gemeinde (= Titel für Vorbeter) gewirkt, zum Ausdruck. Er kennzeichnete die erhöhten Pflichten, die sich aus der Entwicklung der Religionsgesellschaft zur Großgemeinde für die Wirksamkeit der jüdischen Gesamtheitszwecke ergäben und schloss mit einem Hoch auf die in großer Zahl anwesenden Rabbiner und Vorsteher auswärtiger gesetzestreuer Gemeinden. Namens der letzteren ergriff hierauf Provinzial-Rabbiner Dr. CahnFulda  das Wort zu geistvollen, von launigem Humor getragene Ausführungen, denen sich Herr Wolf Möller – Altona,im Namen der Vorsteher, anschloss. Erst in früher Morgenstunde fand das Fest sein Ende. Im Laufe der Woche bildete die neue Synagoge infolge der begeisterten Berichte der Zeitungen das Wanderziel vieler Tausender und allen Gesellschaftskreisen der Stadt, sodass der Vorstand sich geneigt sah, begrenzte Stunden (Sonntag und Mittwoch von 10 -12 Uhr) für die Besichtigung festzusetzen.

Zu den Abbildungen: - Die nachstehende Abbildung zeigt den mächtigen Chanukkaleuchter, den die Firma Lazarus Posen Wwe.* für die neue Synagoge der Religionsgesellschaft angefertigt hat. Diesem schon wegen seiner Größe und seines Materialwertes auffallenden Stück haben die Verfertiger durch liebevolle und sorgfältige Ausführung künstlerischen Wert verliehen. Der ganze Leuchter ist getriebene und geschmiedete Ziselierabeit. Die schöne Feuervergoldung lässt die fein gedachten Ornamente noch besser hervortreten und die geschmackvoll, über den ganzen Leuchter verteilten Edelsteine beleben seine Oberfläche, die sich von dem bunten Marmorgrunde des Oraunhakaudesch* (Toraschrein) wirkungsvoll abhebt.
- Der unten reproduzierte Berit-Milah (Beschneidungs)-Leuchter der neuen Synagoge ist im kunstgewerblichen Atelier des Juweliers Felix Horovitz* ausgeführt worden. Der fünfarmige Leuchter ist in vergoldetem Silber gefertigt. Seine Höhe beträgt, bis zu den in Onyx gearbeiteten Kerzen, etwa 2,30 m. Auf einem dreiteiligen Fuß, der auf Kugeln ruht, erhebt sich, nach oben sich je verjüngend, der vierkantige Schaft, aus dem sich die fünf Arme entwickeln, die oben von einer fein durchbrochenen Querleiste zusammengehalten werden. Jeder Arm trägt oben eine Tülle, die je eine große Onyxsäule (für Gas eingerichtet), umgeben von 12 Wachskerzen, hält. Komposition und Ornamentstil schließen sich dem Stil der Synagoge an.

Anmerkungen: - Saalbau: Konzerthaus in der Junghofstraße
- Maariw: https://de.wikipedia.org/wiki/Ma%27ariv
- Herr Besthoff: Jacob Besthoff, Kaufmann, Friedberger Anlage 17 II
- Louis Feist: Kommerzienrat Louis Feist, 1857 -1913 https://dbs.anumuseum.org.il/skn/en/c6/e239944/Photos/Louis_Feist_1857_1913_Frankfurt_am_Main_Germany_c_ , Obermainanlage 30 E
- Rabbinatsassessor Posen: Gerson Posen, Sandweg 44; genealogische Informationen https://www.geni.com/people/Dayan-Rabbi-Gershon-Posen/6000000006953438891.
- Rabbiner Dr. Breuer: Rabbiner Dr. Raphael Breuer  https://de.wikipedia.org/wiki/Raphael_Breuer
- Jakob Rosenheim: Jacob Rosenheim, Buchhandlung und Verlag, Neue Zeil 63, Königswartherstraße 11 II oder Jacob Rosenheim, Kaufmann, Westendstraße 82 pt.
- Chanukka/Chanukka-Leuchter: https://de.wikipedia.org/wiki/Chanukka
- Lazarus Posen Wwe: http://objekte.jmberlin.de/person/jmb-pers-11312;jsessionid=BB3BF789FD01E918A192A5BFF9BB8075 Steinweg 12, Inhaber: Salomon Posen, Philipp Posen, Eli Posen
- Oraunhakaudesch: Toraschrein https://de.wikipedia.org/wiki/Toraschrein
- Felix Horovitz: https://artsandculture.google.com/culturalinstitute/beta/asset/kiddush-cup-workshop-of-felix-horovitz-frankfurt-am-main-1876-1964/aAFnG_W7H8j8VQ?hl=de 

  
   Nach der Weihe
 
Erloschen die Kerzen,
Verklungen die Klänge
Der heiligen Lieder
Durchfluten den Raum

Zerstreuet die Menge
Die tränenden Auges
Doch freudigen Herzens
Die Weihe vollzog.

Leise nur rauschen
Die Wipfel der Bäume
Sich flüsternd erzählend,
Was jüngst sie gehöret,
Was staunend geschaut,

Da - - - -
Ein Zephirlächeln,
Ein leises Tönen,
Wie Aeolsharfen,
So süß und mild.  
   
Und sieh, aus dem Osten
Ein Wolkengebilde
Zart luft'ger Gestalten,
Wie segnende Hände,
Umgibt es das Haus.

'O Du, der Erfüllung
Bringt unserem Hoffen,
Du herrlicher Bau,
O sei uns gegrüßt.

Stolz, glänzend
Nach außen,
Und wertvoll
Im Innern,
als Sinnbild steh' uns
Der kommenden Zeit!

Wofür wir gekämpft,
Das führe zum Siege:-
Zur Leuchte der Funken
Vom Führer entzündet
Zur Ernte der Samen,
den einst er gesät.
O werde zum Quell Du
Frisch sprudelnden Lebens,
Erquickend die Menschen,
Befruchtend das Land:

Mit Liebe, die wirket
Sanft trocknend die Träne,
Die Not geboren
Und Kummer genährt.

Mit Treue, die knüpfet
In festeste Bande
Die Herzen der Brüder
Zu einigem Streben
Erstarkender Kraft.

Mit Glaube, der krönet
Das Werk, das geschaffen,
Demütigen Sinnes,
Dem Bruder zum Heile,
Dem Höchsten zum Preis! 
 
 
    
Ja, mach, erstarke
Und mache erstarken…'
-------------------------------
 
Ein Zephirlächeln,
Ein leises Tönen,
Wie Aeolsharfen,
So süß und mild.

Verschwunden die Wolke,
Aufstrahlet die Sonne
Und küsset verheißend
Die Türme des Bau's.
  
  
   
   
   
   
  
  
  
  
   

   
Die Räume der alten Synagoge dienen für Lazarett- und Militärzwecke (1914)       

Frankfurt Frf IsrFambl 07081914.jpg (158502 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 7. August 1914: "Frankfurt a. M. Die israelitische Gemeinde hat der Militärverwaltung in dem erst vor kurzem eröffneten Gemeindekrankenhaus in der Gagernstraße fünfzig Betten zur Verfügung gestellt, sowie ferner den Garten des Krankenhauses für die Ausstellung von zwei Döckerschen Baracken.
Die Israelitische Religionsgesellschaft hat für Lazarett und Quartierzwecke die Räume ihrer ehemaligen Synagoge in der Schützenstraße und den anschließenden Hörsaal zur Verfügung gestellt.
Frankfurt a. M., 4. August. Der größte Trauertag der Judenheit, der Tag der Zerstörung Jerusalems und damit der Vernichtung des jüdischen Reiches, gab der Israelitischen Religionsgesellschaft Veranlassung, beim Abendgottesdienste der so ernsten Stunde des deutschen Vaterlandes zu gedenken. Rabbinatassessor Posen* sprach in eindrucksvollen Worten; auf unserer Seite stehe die Gerechtigkeit, auf der Seite der Feinde der unersättliche Machthunger; wir Deutschen können zum Vater im Himmel die Hände rein erheben.
Einen Tag später, Montag, veranlasste die Israelitische Gemeinde in ihren Synagogen gleichfalls feierliche Gottesdienste. Die Synagogen waren überfüllt. Wahrhaft erschütternd war es in der Börneplatz-Synagoge, als das große Sündenbekenntnis gesagt wurde.
Frankfurt a. M.., 5. August. Auf Befehl des Kaisers fanden heute in allen Gotteshäusern unseres deutschen Vaterlandes Bittgottesdienste statt.
Wie überall, so waren auch hier in Frankfurt die Synagoge überfüllt. Eine weihevolle Stimmung, Gottvertrauen und ruhige Zuversicht herrschten unter der Masse der Beter." 
 
*Anmerkung: Rabbinatsassessor Posen: Gerson Posen, Sandweg 44; genealogische Informationen https://www.geni.com/people/Dayan-Rabbi-Gershon-Posen/6000000006953438891

 
Verkauf der alten Synagoge in der Schützenstraße (1921)          

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. März 1921: "Verkauf der alten Synagoge in der Schützenstraße. 
Die alte Synagoge der 'Israelitischen Religionsgesellschaft' in der Schützenstraße samt dem Eckhaus, in dem sich die Büros zahlreicher Vereine, insbesondere auch der 'Freien Vereinigung' befinden, ist an den Buchhändler Alfed Weber, hier, verkauft worden. Der Käufer wird den großen Synagogenraum zur Ausstellung von Kunstgegenständen verwenden. Die Einrichtung, insbesondere der künstlerisch monumentale Araun hakaudesch*, der Almemor* und das Gestühl stehen zum Verkauf.
Manches Gemeindemitglied, das in ernster Erinnerung an die Zeiten zurückdenkt, in denen in dem einfach schönen Raum die hinreißenden Worte Rabbiner Samson Raphael Hirsch - das Gedenken an den Gerechten ist zum Segen - erklangen, sah man in den letzten Tagen in die Schützenstraße wandern, um von der verlassenen Stätte der Erhebung und der Andacht noch einmal Abschied zu nehmen.
 
*Anmerkungen: - Araun hakaudesch: Toraschrein https://de.wikipedia.org/wiki/Toraschrein
- Almemor: https://de.wikipedia.org/wiki/Bima 


Zum Verkauf der alten Synagoge in der Schützenstraße (1921)       

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 31. März 1921: "Frankfurter Berichte. Zum Verkauf der alten Synagoge. Ein Abschiedswort.
Die letzte Nummer des 'Israelit' brachte die Nachricht, dass die alte Synagoge als Ausstellungsraum verkauft sei und dass in diesen Tagen manches Gemeindemitglied den Weg nach der Schützenstraße gefunden habe, um von der alten Schul Abschied zu nehmen.
Die alte Schul, Großschul! Aus vergangenen Kindheitstagen steigt die Erinnerung empor, und mir deucht es, als ob ein Grüßen des alten Hauses zu mir zöge – jetzt, da seine Jahre zu Ende gehen. Mit ihnen verband sich die lebendige Erinnerung an ein Geschlecht, das lange schon schlafen gegangen, das aber weiterlebte, weil die alte Schul in lautloser und doch weit vernehmlicher Sprache von ihnen und ihrem Leben Kunde gab. Und mir ist es, als ob dies Geschlecht in seiner Gesamtheit erst jetzt hier auf Erden heimatlos geworden sei.
So möge denn kindliche Liebe den ehrwürdigen, mächtigen Raum noch einmal mit dem Leben vergangener Zeiten erfüllen, bevor des Alltags nüchterne Hand den letzten Rest versinkender Schönheit unwiederbringlich weggewischt hat.
Seht - da ziehen sie einher in unübersehbarer Reihe, die Männer und Frauen eines halben Jahrhunderts.
Hört ihre Tefillaus*, denkt all die stillen Bitten und der lauten Huldigungen, der hoffenden Zuversicht und des überquellenden Dankes, der tiefen Seufzer, der Tränen, der geweinten und ungeweinten, die aus wehen Herzen aufgestiegen.
Seht die Schamosim* in weißen Haaren, die in hingebender Treue den Dienst im Heiligtum vollzogen; hört die Chasonim*, die den Geist des Frankfurter Chasonus* liebevoll gepflegt, schaut ihn, der mit der Würde des Hohepriesters am Omed* gestanden und dessen unvergleichliche Nigunim*, immer leiser und leiser werdend, in dem heiligen Raum verhallen.
Seht die Parnosim* und Manhigim*, die der Kehilla* gedient voll Stolz auf ihre aufblühende Größe und Kraft, voller Demut vor dem Manhig* auf dem göttlichen Throne.
Seht ihn auf der Kanzel, den Greis mit dem Jünglingsauge, dem man zugejubelt in kindlicher Liebe und ehrfurchtsvoller Scheu, dem Rabbiner, dem Großen, dessen Mund voller Weisheit und dessen nimmer rastende Hand unsterbliche Werte geschaffen.
Ein Geschlecht geht und ein Geschlecht kommt, Geschlechter versinken; jedoch - Jahre sterben und und Wohltaten sterben nicht - Jahre sterben, aber Liebestat und Menschengröße dauern fort.
Alte Schul – so heißt es jetzt für immer von dir Abschied nehmen. Abschied auch von leuchtenden Kindheitserinnerungen. In bunter Fülle strömen sie mir zu: Da ist der erste Slichausmorgen*; draußen die Nacht im Sternengefunkel und dem scheidenden Mond; da huschen wir Knaben über den Schulhof durch die Seitentüre in Schul; daraus uns taawor al päscha in hinreißender Innigkeit entgegentönt. Die Weihe der Jamim Nauroim* hat die Beter ergriffen und die Huldigung des HaSchem HaSchem* wogt, von Hunderten von Stimmen getragen, durch den lichterfüllten Raum.
(hebräisch und deutsch:) – du hast nun Ruhe für immer gefunden – alte Schul.
Oder Chanukoh*! Man hat die Schule eine Viertelstunde früher geschlossen, und ein ganzes Heer von Knaben eilt im Sturmschritt in die Schützenstraße. Die Menora* steht bereit und nach Mincha steigt der große Schaliach Zibur (Vorbeter) langsam die Stufen zu ihr empor. Lautlose Stille ringsum, auf dass nicht ein Ton der wunderbaren Brochoh* verloren gehe. Leise beginnt er, dann aber erhebt sich seine Stimme zu machtvoller Höhe. Ihn preisend, der den Vätern Wunder erwiesen, in seinen Tagen zu dieser Zeit.
Oder Simchat Tora*! Kein Plätzchen in der großen Schul, das nicht doppelt und dreifach besetzt wäre. Auf dem Omed im seidenen Tallis, 'ich will jubeln und mich freuen an simchat torah' tönt es aus seinem Munde und mit unnachahmlicher Grazie tanzt er, sein Sefer* (Torarolle) im Arm. Kein Auge, das diesen heiter-ernsten Gottesdienst nicht lächelnd zugeschaut, kein Mund, der die ewig jungen Klänge nicht mitgesungen.
Aber niemand glücklicher als die Jugend, die nicht um alle Schätze auf Simchat Tora* in Großschul Verzicht geleistet hätte.
Aber nicht nur die festlichen und ehrfurchtsgebietenden Tage waren es, die unsere Herzen zusammenklingen ließen mit dem Leben und Weben der alten Schul; jeder Tag in ihr war uns ein Geschenk, jeder Stein in ihrer Mauer war uns vertraut. Ob man am Erew Pessach* im Hofe Chamez* verbrannte, ob man vor Hauschana Rabba* dort die Erwachsenen ihre Schekolim* spendeten oder ob man die Verkündigung der Mazzo*mehl-Anmeldung vernahm – es war alles gleich schön und unvergesslich.
Aber eine Erinnerung ist’s, sei vor allen, die mich nie die alte Schul vergessen lassen wird. Es war    
am 28. Tewes des Jahres 5648. Vor dem Hause in der Schönen Aussicht stand der schwarze Wagen, darauf man köstliche Bürde lud zur letzten Fahrt. Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Die Schüler der Prima der Realschule voran, die Werke Samson Raphael Hirschs in den Händen; dann die sterbliche Hülle des Meisters, sodann wir kleinen Schüler, nach uns die anderen Klassen der Schule und viele Tausende Leiderfüllte. Wir bogen in die Schützenstraße ein, um an der Synagoge vorüber zu ziehen. Und siehe da! Man hatte die Tore der Schule weit geöffnet; niemand befand sich in den Gängen und Korridoren, und in tiefem Schweigen und in einsamer Größe entbot sie ihrem Schöpfer den letzten Gruß.
Mehr als drei Jahrzehnte sind seit jener letzten Stunde vergangen. Der kleine Junge, der damals neben seinem kleinen Kameraden ging, wusste noch nichts von dem Tode, noch davon wusste er, dass es Auserwählte unter den Menschen gibt, die den Tod überdauern und in dem Gedächtnis ihres Volkes weiterleben. Aber ein leiser  Hauch der großen Lehre vom Leben und Sterben der Unsterblichkeit mag in jener Stunde doch durch seine kindliche Seele gezogen sein und die alte Schul war es, die ihm davon verkündet.
Alte Schul - liebe, alte Schule, hab Dank, hab ewig Dank!    H.Sch.".    
* Anmerkungen: 
- Schul =
Synagoge
- Tefillaus: https://de.wikipedia.org/wiki/Achtzehnbittengebet 
- Schamosim: Synagogendiener https://de.wikipedia.org/wiki/Schammes
- Chasonim: Kantoren https://de.wikipedia.org/wiki/Chasan_(Kantor)   
- Chasonus: Synagogaler Gesang
- Parnosim: Gemeindevorstände
- Manhigim: Plural von Manhig
- Kehilla: Gemeinde
- Manhig: Leiter, Vorsitzender
- Slichaus: https://de.wikipedia.org/wiki/Slichot
- Jamim Nauroim: ehrfurchtgebietende Tage - Hohe Feiertage im Herbst
- HaSchem Haschem: Ausdruck zum Bekenntnis zu Gott gemäß dem Schma Jisrael
- Chanukoh: Lichterfest https://de.wikipedia.org/wiki/Chanukka   
 
- Menora: Leuchter (an Chanukka Chanukiah = Chanukka-Leuchter)
- Brochoh: Segen https://de.wikipedia.org/wiki/Bracha
- Simchat Tora: https://de.wikipedia.org/wiki/Simchat_Tora
- Omed: Lesepult des Kantors in der Synagoge
- Chason: Kantor https://de.wikipedia.org/wiki/Chasan_(Kantor) 
- Tallis: https://de.wikipedia.org/wiki/Tallit
- Sefer: Torarolle https://de.wikipedia.org/wiki/Tora
- Erew Pessach: Vorabend von Pessach https://de.wikipedia.org/wiki/Pessach
- Chamez: Gesäuertes, das an Pessach nicht verzehrt und nicht in Besitz sein darf https://de.wikipedia.org/wiki/Chametz
- Hauschana Rabba: Siebter Tag des Laubhüttenfests https://de.wikipedia.org/wiki/Hoschana_Rabba
- Schekolim: hier Geld
- Mazzo: Matzenmehl https://de.wikipedia.org/wiki/Matze
 

  
Zur Erinnerung an die alte Synagoge in der Schützenstraße (1921)        

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Juni 1921: "Zur Erinnerung an die Synagoge in der Schützenstraße
Mancher, der heute die Schützenstraße passiert, wirft wehmutvollen Gedenkens einen Blick in die nun zu einer Stätte des Kunstschauens und geschäftigen Betriebes umgewandelten Andachtsstätte; an der Samson) Raphael Hirsch's machtvolles Wort dereinst erscholl und Friesländer seine anmutigen Melodien in die Herzen schmeichelte. Die herrliche heilige Lade mit dem strahlenden Glanze ihrer weißen Marmorquadern ist nun von
Abbildung links: Der Araun hakaudesch in der alten Synagoge Schützenstraße
Draperien verhüllt und harret der jüdischen Gemeinde, die sie erwerben und ihrem geheiligten Zwecke wieder zuführen will. Unsere Frankfurter Leser werden gerne das Bild des schönen Generationen liebgewordenen architektonischen Kunstwerkes an der hier wiedergegebenen Reproduktion in sich erneuern. 
Anmerkungen:  - S.R. Hirsch: Rabbiner Samson Raphael Hirsch  https://de.wikipedia.org/wiki/Samson_Raphael_Hirsch und  https://www.deutsche-biographie.de/pnd118774522.html  und http://www.judengasse.de/dhtml/P134.htm 
 
Anmerkungen: Friesländer: Oberkantor Julius Friesländer, Ostendstraße 11 III
Araun hakaudesch: Toraschrein https://de.wikipedia.org/wiki/Toraschrein
   


Erinnerung an die alte Synagoge in der Schützenstraße (1921)    

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Juni 1921: "Zur Erinnerung an die alte Synagoge Schützenstraße
Wir nehmen Bezug auf die in der Nummer 23 des 'Israelit' erschienener Notiz zur Erinnerung an die ehemalige Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft in der Schützenstraße und erlauben uns den verehrlichen Interessenten bekannt zu geben, dass Original-Photographien des in der erwähnten Notiz veröffentlichten Clichés (Abbildungen) des Araun hakaudesch* der ehemaligen Synagoge, welche von uns mit der Genehmigung des Vorstandes der Israelitischen Religionsgesellschaft hergestellt werden durften, in künstlerisch vollendeter Ausführung in Bildgröße 18 x 24 zum Preise von Mk. 28,- bei uns zu haben sind.
Ein Teil des Ertrages aus dem Verkauf dieser Photographien fließt wohltätigen Zwecken der Israelitischen Religionsgesellschaft zu. Gefällige Bestellungen wolle man bitte baldigst an uns ergehen lassen.
Samson & Co. Frankfurt am Main.  Zeil 100
."
 

Anmerkung: Araun hakaudesch: Toraschrein: https://de.wikipedia.org/wiki/Toraschrein  
    

  
Generalversammlung der Israelitischen Religionsgesellschaft, u.a. mit kritischer Diskussion des Verkaufs der alten Synagoge (1922)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom  19. Januar 1922: "Synagogengemeinde Israelitische Religionsgesellschaft
Die am Sonntag, den 15. Januar stattgehabte Generalversammlung war von Beginn an stark besucht, sodass die vorgeschriebene Mindestziffer von 900 stimmberechtigten Mitgliedern sehr bald festgestellt werden konnte. Vor Eintritt in die Tagesordnung widmete der Vorsitzende, Herr Rosenheim, dem vor wenigen Tagen heimgegangenen ersten Vorsitzenden der Gemeinde, Geheimrat Dr. Rosenbaum - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen -, einen warm empfundenen Nachruf. Nachdem hierauf eine Reihe, der aus Mitgliederkreisen zum Satzungsentwurf eingelaufenen Abänderungsanträge älteren und neueren Datums verlesen worden waren, eröffnete der Vorsitzende die Generaldiskussion, an der sich die Herren Leon Sänger, Sanitätsrat Dr. Wolf Hirsch, Quadrat und Hermann Levi beteiligten. Dr. Hirsch beantragte, an den alten Satzungen lediglich das Wahlsystem zu ändern, die Wählbarkeit der Beamten einzuführen und eine Steuerordnung zu schaffen, im übrigen aber die alte Verfassung bestehen zu lassen. Demgegenüber hielt die Verwaltung ihren Antrag auf Annahme der neuen Satzung einschließlich der durch Rundschreiben mitgeteilten, verschiedenen Änderungen des Entwurfes aufrecht. Die hierauf vorgenommene geheime Abstimmung durch Stimmzettel ergab die Annahme des vom Vorstande vorgelegten Satzungsentwurfes mit 244 von 339 abgegebenen Stimmen.
Es gelangte hierauf der außerordentlich umfangreiche Geschäftsbericht des Vorstandes, dessen Verlesung etwa dreiviertel Stunde in Anspruch nahm, zum Vortrag. Auf den Inhalt des Berichtes kommen wir zurück. In der anschließenden Diskussion wurde an dem vom Vorstande im Laufe des Jahres vorgenommenen Verkauf der alten Synagoge (sc. in der Schützenstraße) scharfe Kritik geübt, angesichts der Pietät, die man in weiteren Kreisen der Gemeinde eines Gotteshauses, in dem ein Samson Raphael Hirsch gewirkt, sei es unbegreiflich, dass die Gemeindeverwaltung sich zur Veräußerung des Gebäudes entschlossen habe. Vorn Seiten der letzteren wurde erwidert, dass man nur vor der Wahl gestanden habe, die Gebäude entweder zu verkaufen, oder aber angesichts ihrer immer stärker in die Erscheinung tretenden Baufälligkeit Hunderttausende für ihre Wiederherstellung aufzuwenden. Nachdem vom religionsgesetzlichen Standpunkt gegen den Verkauf nichts einzuwenden war, hielt sich die Gemeindeverwaltung nicht für berechtigt, einen Vertrag von mehr als einer halben Million Mark, die Reparaturkosten ungerechnet, in Holz und Stein stecken zu lassen, während man mit diesem Betrage so vielen lebendigen Menschen Mittel zum Lernen der Tora und zur Erfüllung der Mizwas gewähren könnte. Aufgrund der bisher geltenden Satzung stellte der Vorstand den Antrag, den Verkauf, bei dem die Genehmigung durch die Generalversammlung vorbehalten worden war, nunmehr zuzustimmen. Der Antrag wurde mit allen gegen etwa 10 Stimmen angenommen. Einen weiteren Gegenstand der Aussprache bildete, die auch in diesem Jahre vom Vorstand beschlossene Herstellung der Mazzos in einer auswärtigen Bäckerei. Der Vorstand führte aus, dass auch er, ebenso wie das Rabbinat, die Notwendigkeit dieses Schrittes aufs Tiefste bedauere, da hierdurch nicht nur einer sehr großen Zahl von Gemeindemitgliedern aus den Kreisen des Mittelstandes angesichts der hohen Fahrtkosten die persönliche Anwesenheit beim Mazzosbacken sehr erschwert wird, sondern auch das Backen von Schmuro-Mazzos am Erew Pessach nicht möglich ist. Der Vorstand habe ich aber auch in diesem Falle nicht entschließen können, die Mehrkosten von 150.000 Mark, die durch den Backbetrieb in Frankfurt selbst verursacht worden wären, dem Gemeindesäckel leichten Herzens aufzuerlegen. Für einwandfreies Kaschrus sei selbstverständlich absolut gesorgt, da die in Betracht kommende auswärtige Bäckerei für die Dauer der Backzeit vollkommen in die Gemeinderegie übergeht. Dennoch sei die Gemeindeverwaltung entschlossen, die Wiederherstellung des früheren Zustandes mit aller Energie zu erstreben. Auf eine Anfrage des Herrn Dr. Ehrmann über den Stand der Eruwfrage erwiderte namens der Verwaltung Herr Sondheimer, dass in dieser Angelegenheit, die sehr kompliziert sei, festgesetzte Verhandlungen mit den Behörden schwebten und dass eine in den letzten Tagen eingegangene Antwort die Möglichkeit eines günstigen Ergebnisses erhoffen lasse.

Anmerkungen:   - Herr Rosenheim: David Rosenheim, Rentner, Königsteiner Straße 51 oder Jacob Rosenheim, Verlagsbuchhändler, Königswarter Straße 11 II oder Julius Rosenheim, Kaufmann, Cornelius-Straße 13 I oder K. Rosenheim, Ingenieur, Mainzer Landstraße 38 oder Otto Rosenheim, Kaufmann, Gutleutstraße 6 I oder Siegfried Rosenheim, Kaufmann, Gutleutstraße 6 I
- Geheimrat Dr. Rosenbaum: Dr. med. E. Rosenbaum, Geheimer Sanitätsrat, Hanauer Landstraße 25
- Leon Sänger: Leon Sänger, Kommiss., Gwinnerstraße 18
- Quadrat: Samuel Wolf Quadrat, Wäschefabrik, Große Friedbergerstraße 25
- Hermann Levi: Hermann Levi, Kaufmann, Cronberger Straße 23 oder  Hermann Levi, Kaufmann, Fichard-Straße 63 Erdgeschoss oder Hermann Levi, Warenvertreter, Dörnigheimer Straße 9 Erdgeschoss
- Samson Raphael Hirsch:  https://de.wikipedia.org/wiki/Samson_Raphael_Hirsch  https://www.deutsche-biographie.de/pnd118774522.html   http://www.judengasse.de/dhtml/P134.htm 
- Mizwas: https://de.wikipedia.org/wiki/Mitzwa 
- Mazzos: https://de.wikipedia.org/wiki/Matze 
- Schmuro-Mazzos: https://de.chabad.org/holidays/passover/pesach_cdo/aid/1488265/jewish/Schmura-Mazza.htm 
- Erew Pessach: Vorabend des Pessachfestes https://de.wikipedia.org/wiki/Pessach 
- Kaschrus: https://de.wikipedia.org/wiki/Jüdische_Speisegesetze 
- Dr. Ehrmann: Dr. S. Ehrmann, Zahnarzt, Hanauer Landstraße 15 I oder Dr. Walter Ehrmann, Arzt für innere Krankheiten, Forsthausstraße 52
- Eruwfrage: https://de.wikipedia.org/wiki/Eruv 
- Herr Sondheimer: Alfons Sondheimer, Kaufmann, Obermainanlage 16 II oder Fritz Sondheimer, Kaufmann, Liebigstraße 1 I  oder Joseph Sondheimer, Kaufmann, Rechneistraße 4 oder Max Sondheimer, Kaufmann, Schützenstraße 21 oder Nathan Sondheimer, Kaufmann, Fellner-Straße 5 I
    

 
50-jähriges Jubiläum des Frankfurter Mekor Chajim (1924)   

Frankfurt Israelit 12061924.jpg (629281 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Juni 1924: "Zum 50jährigen Jubiläum des Frankfurter Mekor Chajim - Frankfurter jüdische Vereine in alter Zeit*
Von Dr. med. Willy Hofmann in Frankfurt a. M.
*Der nachfolgende Aufsatz sollte ursprünglich in der Festschrift des Mekor Chajim-Vereins erscheinen, konnte aber aus technischen Gründen nicht mehr aufgenommen werden.

Wenn in Frankfurt ein Verein wie der Mekor Chajim ein Jubiläum begeht, so dürfte es sich geziemen, den Blick der geschichtlichen Betrachtung nicht nur in die Vergangenheit dieses Vereins selbst, sondern weithin zurück in frühere Zeiten schweifen zu lassen. Blühte doch gerade in Frankfurt von jeher ein reges jüdisches Vereinsleben und ganz besonders die Quellen des 17. Jahrhunderts wissen uns mancherlei Interessantes hierzu zu erzählen. Wir wollen daher im Folgenden über einige Frankfurter Vereine aus dieser Zeit und über die Zwecke, die sie mit ihrer Tätigkeit verfolgten, in Kürze berichten.
Als Vereine ganz besonderer Art müssten wir zunächst diejenigen nennen, die sich mit der Ausübung tätiger Nächstenliebe befassten, mit Unterstützung notleidender Brüder, Krankenfürsorge und Liebesdiensten an Verstorbenen. Sie trugen schon zur Zeit als Rabbi Jesaia Hurvitz Halevi, der Verfasser des Scheloh, in Frankfurt Rabbiner war, und des Verfassers des Josef Omez, Rabbi Josef Hahn (Anfang des 17. Jahrhunderts), bestimmten ausgeprägten Charakter und hatten festgefügte Statuten. Wir gehen indessen im Rahmen dieser Abhandlung nicht näher auf ihre Geschichte ein, da wir vor allem solche Vereine schildern möchten, deren Aufgabe darin bestand, für Lehre und Gottesdienst (Tora weAwoda) zu wirken. Hingegen möchten wir an dieser Stelle einen Verein aus der Zeit des Josif Omez erwähnen den wir am besten als Musar- oder Teschuwah-Verein bezeichnen. Er wurde von Rabbi Josef Hahn selbst gegründet, der uns in der Vorrede zum Josif Omez darüber näheren Ausschluss erteilt. Bald nach der Wahl und Krönung des Kaisers Matthias (1609) befand sich die Frankfurter jüdische Gemeinde in arger Bedrängnis. Es begann in der Stadt zu gären, und es entstand jene Bewegung, die schließlich zum Fettmilchschen Aufstande führte. Rabbi Josef Hahn sah Schlimmes voraus; so ließ er denn an seine Freunde und Schüler den alten Ruf ergehen: Wer für Gott ist, der eile zu mir! Er forderte sie auf, besonders sorgfältig ihre Handlungen und Lebensweise zu prüfen, den Weg des Bösen zu verlassen und sich innerlich zu läutern, um nach altjüdischer Weise durch aufrichtige Rückkehr zu Gott den Versuch zu machen, das drohende Unheil von der Frankfurter Judenheit abzuwenden. 18 Männer folgten dem Rufe ihres Führers, auch solche von großem Ansehen waren unter ihnen. Sie schlossen sich zu einem Vereine zusammen, dessen Statut vom Josif Omez selbst festgesetzt und in einem besonderen Buche aufbewahrt wurde.
Nur der grundlegende Paragraph wird im Josif Omez näher gewürdigt, da er in umfassender Weise die Absicht der Genossenschaft kennzeichnet. Jeder Donnerstag vor dem Rüsttage zum Neumond oder ein anderer Tag, der dazu festgesetzt wurde, war von den Vereinsmitgliedern in besonderer Weise begangen samt der darauffolgenden Nacht. Sie fasteten, und ein jeglicher war verpflichtet, den anderen zurechtzuweisen und ihm alle unrechten Dinge vorzuhalten, die er im Laufe des Monats bei ihm gesehen oder im Kreise der Genossen gehört hatte. Diese Zurechtweisung geschah unabhängig von der Pflicht, die jedem Jehudi (Juden) auferlegt ist, seinen Nächsten sogleich, wenn er bei ihm ein Unrecht sieht oder hört, darauf aufmerksam zu machen. Der Zurechtgewiesene durfte zunächst nichts zu seiner Entschuldigung erwidern, bis drei Tage vergangen waren. Diese Anordnung entsprach einer gleichen in Safed in Palästina üblichen. wie sie in dem Buche Tozaat Chajim berichtet wird.
Der Josif Omez hebt hervor, wie groß die Zahl der guten Taten war, die so veranlasst wurden. Viel segensreiche Arbeit hat infolgedessen dieser Verein geleistet. Er bestand bis zum Marcheschwan des Jahres 1614, in diesem Jahre erfolgte bekanntlich die Vertreibung der Juden aus Frankfurt.
Vom Jahre 1632 bis 1642 wirkte in Frankfurt als Rabbiner Rabbi Scheftel Hurwitz Halevi, der Sohn des oben erwähnten Rabbi Jesaja (Scheloh). Er verfasste das bekannte Werk, Wowe hoamudim, das er in seiner Bescheidenheit nur als eine Art Anhang zu dem großen Werk seines Vaters herausgab. In diesem Buch finden wir an mehreren Stellen Anhaltspunkte über Frankfurter Vereinstätigkeit. Was besonders interessant dabei erscheint, ist, dass auch die damaligen Lernvereine schon dieselben Stoffe in ihren Kursen und Schiurim behandelten, wie es heute noch der Mekor Chajim und unsere Lernvereine überhaupt tun. Vor allem suchten sie auch den im Berufsleben Stehenden, wie dem Kaufmann und anderen, Gelegenheit zum Lernen zu geben. Wir lesen darüber im Amud Hatauroh, Abschnitt 5, in dem über die Verpflichtung zum Torastudium gesprochen wird, Folgendes: Darum gehört es sich für jedermann in Israel (gemeint ist hier: 'innerhalb der jüdischen Gemeinschaft'), dass er sich mit den Worten der Lehre beschäftige, auch der Geschäftsmann soll sich eine bestimmte Stunde hierfür Tag für Tag auswählen, er soll sich einen Genossen suchen oder sich einem Vereine anschließen, damit man lerne. Und als ich Vorsitzender des Gerichts oder Vorsteher des Lehrhauses (dies war der offizielle Titel des Rabbiners) (mit dem 'Lehrhaus' ist damit die Synagoge, auch 'Schul' genannt, gemeint) in der heiligen Gemeinde Frankfurt war, bestand dort der Brauch, dass sich an jedem Tage, wenn der Mittag kam, kleine Gruppen, Abteilungen und Vereine zusammenfanden. Jede Gruppe hatte als Vorsitzenden einen Lehrer, der ihr vortrug, je nach Weisheit und Einsicht, danach wurde Rabbonon Kaddisch gesagt und in die Büchsen eine Münze geworfen. So erfreute man mit diesem Gelde Gott und die Menschen. Heil dem Auge, das dies alles ansehen durfte!
Wir haben hier also regelmäßige Mittagsschiurim und Lernen in kleinen Zirkeln, ganz besonders sei aber auf den Minhag hingewiesen, bei jedem Schiur etwas für Zedakah zu geben. Er wäre wohl auch heute noch am Platze!
Im Anschluss an diese Beschreibung wird die Lehrmethode von Amsterdam gerühmt, die Rabbi Scheftel bei seiner Übersiedelung von Frankfurt nach Posen kennenlernte. Er machte hierbei eigens einen Umweg über Amsterdam. Dort lernten die Kleinen systematisch zuerst die ganze Thauro (Tora), dann Tennach (Abkürzung für Tora, Propheten und Schriften), dann Mischnajoth, erst wenn sie größer wurden, auch Talmud. All dies wurde ebenfalls in vielen Einzelabteilungen gelernt und zwar waren diese durch Wände voneinander getrennt.
Auch damals wurde schon morgens nach dem Gottesdienste Mischnajoth gelernt. Dieser Brauch kam von Prag her, es lag ihm die Absicht zugrunde, überhaupt etwas zu lernen und ganz besonders auch Geläufigkeit in der Mischnah zu erlangen. Man lernte in der Synagoge, damit man es nicht so schnell vergesse. Hierbei dachte man auch an die Erfüllung des Psalmverses ('Sie gehen von Kraft zu Kraft', Psalm 84,8) sie gehen von einem Werke der Kraft zum anderen, darum sollte dem Gebete unmittelbar das Torastudium folgen. Die Art und Weise, wie indes gelernt wurde, missfiel Rabbi Scheftel so sehr, dass er von einer Schaaruria (= Skandal), etwas Abscheulichem, spricht. Er sagt: Ich habe manche Leute gesehen, die den Perek Mischnajoth lernen, ohne vorher irgendwie über das Lernen nachzudenken. Sie kommen manchmal in die Synagoge mitten im Gebet oder fast zu dessen Ende. Dann beeilen sie sich, den Abschnitt Mischnajoth während des Gebetes, zu lesen, damit sie später noch am Lernen des Vereins teilnehmen können, ihr Gebet aber haben sie noch nicht verrichtet. Manchmal liest man den Perek während der Zeit des Gebetes, ein Auge ist auf das Mischnajoth gerichtet, und ein Auge schweift umher, in Gedanken auf den Gegenstand des Lernens gerichtet, um Gebet und Lernen zu vereinen, in Wahrheit aber kommen beide nicht zurecht, und keines tritt dem anderen nahe. Und wie oft habe ich diejenigen gescholten, die diesen Weg gehen, denn die Thauro (Tora) hat ihre Zeit für sich und das Gebet ebenfalls. Darum gehört es sich, solchen Männern, die so handeln, zu wehren und sie zu schelten, denn dies ist kein Lernen um seiner Selbst willen; lieber soll man den Perek zuhause lesen oder vor dem Gebet miteinander verknüpft und verbunden ebenso wie die Flamme mit der Kohle. Man sieht also, dass sich der Autor hier vor allem auch gegen ein gedankenloses Lernen der Mischnah oder ein bloßes Heruntersagen wendet,           
Frankfurt Israelit 12061924a.jpg (731356 Byte)um nur ohnehin der Pflicht des Lernens Genüge getan zu haben: Die Vorbereitung, die von ihm verlangt wird, soll selbstredend dazu dienen, dass das Gelernte auch vom Zuhörer verstanden wird.
In der 'Säule des Gottesdienstes', Abschnitt 10, tadelt der Verfasser, dass es so viele gäbe, die auch den Sinn der Gebete, die sie sagten, gar nicht begriffen. Um diesem Missstand zu begegnen, habe er, als er Rabbiner in Frankfurt war, eine große Einrichtung (Tickun godaul) getroffen. Alle Mitglieder der Chewra-Kadischa sollten sich in besonderen Vereinen zusammenschließen, um die Gebete zu lernen, von Anfang bis Ende des Jahres, ebenso die Pijutim und die Selichaus mit Erklärungen, oder wenigstens die Bedeutung der Worte, damit sie die Gebete nicht plappern wie zwitschernde Vögel. Erst dann wird ihnen das Gebet auch nützen. Wir haben somit die Begründung von Kursen und Vorträgen über Tefilla, Pijutim und Selichaus, ganz wie sie heute noch bestehen.  
Der Mekor-Chajim-Verein hat es verstanden, sich in würdiger Weise seinen alten Vorbildern anzuschließen und deren Traditionen bis in unsere Tage zu wahren. Merkwürdig ist, dass auch damals die äußeren Verhältnisse denkbar ungünstig waren, es sind ja die Zeiten des unheilvollen 30jährigen Krieges, die über ganz Europa so viel schweres Leid brachten. Und doch sehen wir, wie hell in Israel (gemeint ist hier die jüdische Gemeinschaft) damals das Licht der Tora strahlte, dass die damaligen Führer unbeirrt von der Ungunst der Zeit, ihren Weg für Tora und Awaudoh (Lehre und Gottesdienst) gingen. Auch heutzutage liegen die Zeiten für das jüdische Volk äußerlich nicht günstiger. Und darum haben wir erst recht die Pflicht, wie der Josif Omez und wie Rabbi Scheftel und alle anderen Großen jener Tage für uns im Innern zu sorgen, auf dass hell das Licht der Tora leuchte.
Möge es auch dem Mekor Chajim-Verein beschieden sein, hierzu beizutragen, möge er als Lernverein weiter dafür sorgen, dass bald die Geulah (Erlösung) komme. Amen.

Der Toten Vermächtnis*) Von Studienrat Max Munk.   
*Zum 50jährigen Jubiläum des Mekor Chajim überreicht der Verein seinen Mitgliedern und Freunden eine Festschrift, die auf 114 Seiten, neben der Chronik des Vereins, Mitteilungen und anschauliche Schilderungen aus seiner Tätigkeit während des Krieges usw. wissenschaftliche Aufsätze enthält. Einer derselben sei hier wiedergegeben.
Die Stimmen der Toten sprechen zu uns aus dem Grabe. In dieser Stunde wollen wir ihnen lauschen. Was sie geduldet und ertragen, brauchen sie uns nicht künden. Wir glauben, es zu wissen. Doch was sie an innerem Erleben, an tiefem Sinnen und Denken mit hinübernahmen, dies Vermächtnis wollen wir heute empfangen. Wer gleich ihnen das Wüten des Krieges gesehen, wer gleich ihnen dem Tod ins Auge schauten, steht ihnen am nächsten, weiß am besten, welche Probleme ihnen das grausige Bild da draußen stellte. Nur selten fand der Geist der Ruhe zu innerer Sammlung. Der Sturm des Kampfes, das ewige Hin und Her, die Aufgaben des Augenblicks ließen keinen Raum für Gedanken, die über den Augenblick hinausragten. Nur hier und da gewährte auch dort die Stunde der Muße zur tieferen Erfassung des Geschehens, zum Fragen und Suchen nach dem Sinn dieser großen, schrecklichen Zeit. In eine solche Stunde wollen wir uns versetzen.
In heller Mondnacht steht der Posten vor dem Feind. Da ist keine Kampfhandlung zu befürchten. Jede Bewegung würde den Feind sofort verraten. Das milde Mondlicht spendet auch hier Ruhe und Frieden. Nun mag der Blick sich getrost nach innen wenden. Nun mag der Geist Halt machen im ewigen Vorwärtsblicken und rückschauend fragen: Was ist die Ursache dieses großen Kämpfens, was überhaupt treibt die Völker gegeneinander, warum leben sie nicht friedlich miteinander, warum gibts für die Menschheit kein Paradies auf Erden? - Warum kein Paradies? Warum wurden die ersten Menschen aus dem Paradies vertrieben? Sollte nicht die Ursache ihrer Vertreibung auch die Ursache allen weiteren Unglücks sein?
(1. Mose 3,17 hebräisch und deutsch:) 'Weil du von dem Baume aßest, von dem ich dir befahl, nicht zu essen,' wegen dieser Sünde verlor die Menschheit das Paradies. Warum aber versagte der Mensch dem göttlichen Gebote den Gehorsam?
(1. Mose 3,6 hebräisch und deutsch:) 'Weil der Baum gut zur Speise und eine Lust für die Augen und köstlich der Baum für die Betrachtung war.' - Der Mensch war in den Garten des Paradieses gesetzt (hebräisch und deutsch) 'ihn zu bearbeiten und zu behüten'. Eine göttliche Aufgabe war ihm gesetzt. Und die Früchte des Gartens waren ihm zum Genuss gegeben. Nur eine Frucht war ihm verboten. Hier sollte es sich entscheiden, ob er sich der Aufgabe gewachsen und sich stark genug zeigen werde, die von Gott gesetzte Schranke innezuhalten. Ob er sich stets als Gottes Geschöpf und Gottes Diener fühlen werde, ob es ihm höchste Aufgabe sein werde, Gottes Willen zu erfüllen, oder ob es ihm höheres Ziel sein werde, dem Genuss sich hinzugeben, sich selbst die Zäle seines Wollens zu setzen, zu vergessen, dass ein Höherer ihn ins Leben rief, der ihm Aufgaben und Schranken legte. Und indem der Mensch von der Frucht des Baumes aß, siegte sein Ich über die göttliche Stimme. Hier vollzog sich die völlige Umkehrung in der Stellung des Menschen zu Gott. Nicht mehr ist Gott der Herr der Welt und des Menschen, sondern der Mensch ist der Herr der Welt und sein eigener Herr. Er hat sich von seinem Schöpfer und Vater losgesagt und sich damit selbst zum Gott gemacht. So verlor er das Paradies.
Hat die Menschheit von diesem Sündenfall gelernt? Begreift sie es als höchste Stufe der Entwicklung sich von der Hand des ewigen Vaters führen zu lassen? Mitnichten! Seit dem stolzen Wort beim Turmbau zu Babel (hebräisch und deutsch:) 'Wir wollen uns einen Namen machen', hat die ganze Menschheit, hat jedes Volk, das zum Lebensmotto gewählt, was das erste Menschenpaar zur Richtschnur seines Handelns machte. Die eigene Einsicht soll die Wege zeigen, die zum vermeintlichen höchsten Glück, zur höchsten Vollkommenheit führen. Streben nach Besitz und Macht, nach Macht des Einzelnen, nach der Macht des Staates, das war und ist das Hochziel aller Arbeit. Die Staaten setzten sich zum Gott ein für ihr Volk, ihr Wille, ihre Machtentfaltung ist höchste Aufgabe des Volkes. Dass ein Gott aller Völker Vater ist, ist ein Gedanke, der keinen Raum gewinnt, wenn der Schwache des Starken Größe Eintrag tut. Wer die Macht hat, hat das Recht. Kann da Frieden herrschen zwischen Volk und Volk? 'Das in geheimnisvoller Macht sich immer neu schärfende Schwert' (deutsch und hebräisch) wie es an den Pforten des Paradieses seinen Ausgang nahm, wandelt seitdem über die Erde, wandelt als Fluch für die Menschen, geboren aus ihrer irrenden Sünde, um sie zu strafen für den stolzen Gedanken des göttlichen Vaters und Leiters entraten zu können. Wandelt aber nicht nur als Strafe, wandelt auch als Mittel der Erziehung des Menschengeschlechtes, dass sie lernen, welches Unglück, welchen Jammer ihr eitles Denken im Gefolge hat, und das aus dieser Not sich zurücklehnen ins Paradies, zum Baum des Lebens. Je ärger das Leid, um so klarer muss die Erkenntnis werden, dass der alte Weg verlassen und ein neuer gesucht werden muss.
Und auch hier hat uns Gott seine Hilfe geschenkt. Er ließ von den Pforten des Paradieses außer dem erziehenden Schwert auch die 'Cherubim' ausgehen, die Engel, 'die den Weg zum Baum des Lebens behüten sollen.' Cherubim sind alle Großen, die Funken göttlichen Lichts in die Zeiten tragen; Cherubim die großen Dichter und Denker, die ewige Wahrheit ins Herz der Menschheit pflanzten. Ja, jeder ist berufen, als Cherub mitzuwirken an der Erlösung der Menschheit. Uns Juden vor allem ist diese Aufgabe gestellt. In vollendetem Bild stand sie vor uns als Symbol im Heiligtum. Zwei Cherubim erhoben schützend ihre Fittiche über der heiligen Lade, in der Gottes Gesetz ruhte. Ihre Augen waren aufs Gesetz gerichtet und blicken zugleich flehend einander an. Sie verkünden damit als Aufgabe des jüdischen Volkes: Hut des göttlichen Wortes und Menschenliebe. Nur aus dem Gehorsam gegen des Vaters Wort kann die Liebe der Kinder zueinander erblühen. Wer daran mitarbeiten will, an der Gewinnung des ewigen Friedens, stelle sich ganz in den Dienst Gottes und entthrone das Irdische im Menschen von seiner stolzen, eitlen Höhe.
So mag sich der Sinn der Weltgeschichte und der Menschenaufgabe dem Auge des jüdischen Kriegers dargeboten haben. Es ist die alte, ewig neue Lehre vom Kampf gegen das immer neu entstehende Schwert. Noch trennt es Volk von Volk, noch tötet es, trennt die Seele vom Körper und lässt sie nur einziehen ins Paradies.
Darum dringt umso lauter der Ruf dieser abgeschiedenen Seelen als ihr Vermächtnis an unser Ohr: Lernt besiegen die Zauberkraft des schier unsterblichen Schwerts, seid Cherubim in Treue zu Gott und Liebe zu den Menschen! So nur bahnt ihr hineieden den Weg ins Paradies, zum Baum des Lebens.

Aus der Chronik des Frankfurter Mekor Chajim - Gründung und erste Entwicklungsjahre
Die Männer, die im Jahre 1850 die Gemeinde Adaß Jeschurun in Frankfurt am Main gegründet und deren Geschick 1851 in die Hand von Gott zu großen jüdischen Aufgaben hergesandten Rabbiners Samson Raphael Hirsch - das Gedenken an den Gerechten ist zum Segen - legten, wussten es, wie ihr großer Führer, dass von den drei Grundlagen eines wahrhaft jüdischen Gemeinwesens Tora an erster Stelle stehen muss. Als Wahrzeichen der neuen alten jüdischen Gemeinde stand bald neben der Synagoge 1853 eine Schule, die über das allgemeine Ziel der Realschule (gemeint ist die Samson-Raphael-Hirsch-Schule) hinaus den Geist zu pflegen hatte, aus dem das ganze geboren war, den Geist, wie er nach Talmudverklärung aus dem Psalmworte hervorleuchtet 'Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast Du Dir Macht bereitet'. Sollte aber die Jugend Trägerin der jüdischen Zukunft sein, so musste ihr Gelegenheit geboten werden, in reiferem Alter das in der Schule Erworbene zu vertiefen und zu mehren. Es musste aber auch den auswärtigen jungen Leuten, die den Anschluss an die Kehillah suchten, Gelegenheit zu gemeinsamem Lernen gegeben werden. Aus dieser Notwendigkeit entstand aus den Kreisen der Jüngeren der Verein Mekor Chajim.
Wackere, tatkräftige Männer nahmen sich der Idee mit der ganzen Glut ihres Herzens an. Wir nennen hier von den Gründern: Emanuel Beer - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen, der bis zu seinem früh erfolgten Tode (1878) auch Präsident des Vereins war, während ihn Rabbiner S.R. Hirsch - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - als Ehrenvorsitzender erhöhten Glanz verlieh. Die ersten Statuten waren entworfen, die ersten Lehrpläne versuchsweise ausgestellt, und am 12. Siwan 5634 (28. Mai 1874) konnte die Lehrtätigkeit des Vereins mit einem Vortrag von Samson Raphael Hirsch - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - eröffnet werden, der einleitend seiner Freude über die Gründung – nach Aufzeichnung eines Ohrenzeugen - mit folgenden Worten Ausdruck gab:
'Sie werden es mir glauben, meine Herren, dass ich die Gründung eines Vereins wie des Ihren, in dieser Zeit, unter diesen Umständen, von Leuten Ihres Alters mit keiner geringen Erregung von Freude und Hochgefühl begrüße. Ich habe es nicht nötig, ein so großes Streben mit meinen schwachen Worten zu segnen – es ist gesegnet, es ist geadelt     
Frankfurt Israelit 12061924b.jpg (621543 Byte) Abbildungen: Die alte Synagoge mit dem Gemeindehause, dem ersten Vereinslokale in der Schützenstraße
Innenansicht des gegenwärtigen Vereinslokals Langestraße 18

bis auf ewige Zeiten. Heißt es ja von einem solchen Zusammentreffen von Menschenwesen zu diesem hohen Zweck (Malechi 3,16) 'Einst bereden sich, die den Ewigen fürchten, miteinander, und der Ewige vernimmt und hört es...' Noch höher als das Selbstlernen ist die Bemühung für das Lernen anderer gekennzeichnet. 'und sie sollen mir sein, spricht der Ewige der Heerscharen'  diese Menschen sind mein, spricht 'der Ewige der Heerscharen', auf sie werde ich rechnen können, überall und zu allen Zeiten 'für den Tag, den ich als ein Eigentum schaffe, und ich werde sie schonen, wie ein Mann seines Sohnes schonet, der ihm dient.' (Maleachi, 3, 15-17) Betrachten Sie es nie als etwas Geringfügiges, was Sie unternommen; werden Sie nicht irre an Ihrem Werke und lassen Sie es nicht bei dem Vorsatze bewenden – dann wird Gott Ihr Wirken segnen, dass es Früchte bringe und darauf können wir von ganzem Herzen Amen sagen.'
'Ehrenvorsitzender' sollte für Rabbiner S. R. Hirsch kein bloßer Titel sein, er wollte in der Tat ersten Anteil an der geistigen Arbeit des Vereins haben und begann gleich nach dessen Begründung mit einem Vortragszyklus über die Gesetzeslehre, den er so lange es ihm seine Kräfte gestatteten, durch all die Jahre fortsetzte. Neben ihm wirkte als Dozent Rabbiner S. Fromm - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen, der je am Sabbatnachmittag aus Mizwot Haschem lernte und Karl Guggenheim mit einem vielbesuchten Mischnajot-Schiur.
Dieser Mischna-Schiur wurde, nachdem in Karl Guggenheim im vorgerückten Alter aufgegeben hatte, von Herrn Dr. Jonas Bondi weitergeleitet. Von Anfang an hielt Direktor Dr. Mendel Hirsch - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - je am Sabbat nach dem Morgengottesdienste seine beliebten und stark besuchten Tehillim-Vorträge. Den Gemoro-Unterricht übernahm in der Folge Herr Rabbinatsassessor Gerson Posen.
Im Vorstande des Mekor Chajim saßen nach der Gründung neben dem erwähnten Emanuel Beer s.A., Jonas Bing und Perez Posen, ebenso die Herren Jakob Strauß, Emil Schwarzschild und Gustav Altmann, die sich um die Gründung sehr verdient gemacht hatten. Nach dem 1878 erfolgten Tode Emanuel Beers übernahm Jonas Bing das Präsidentenamt, das er bis 1882, da er seinen Wohnsitz nach Hamburg verlegte, innehatte. Als sein Nachfolger wirkte kurze Zeit Perez Posen, dann 1883 – 1887 Herr Maximilian Michel. Seit 1887 bis zum Abschluss des ersten Vierteljahrhunderts führte Herr Josef Wohlfahrt als erster Vorsitzender die Geschäfte des Vereins.1902 übernahm Herr Markus Hirsch die Führung des Vereins, er gab sie 1910, nachdem schon der Verein einen hohen Blütenstand erreicht hatte, an Nathan Hamburger weiter, der mit bekannter Aufopferung bis zu seinem früh erfolgten Tode (Sukkaus 5684; Laubhüttenfest/Sukkot 1923) seines Amtes waltete.
Zur Zeit wirken im Vereine sieben ständige Dozenten, und zwar die Herren Ehrenpräsident Rabbiner Dr. S. Breuer (gelegentliche Schulchan-Aruch-Vorträge), Rabbinats-Assessor G. Posen (Gemoro Traktat Chullin), Rabbiner Dr. Jos. Breuer (Gemoro Traktat Schabbat. Jecheskiel und Piutim), Rektor B. Falk (Dinim und Mischna), H. Halpern (Schass = Talmud), Redakteur Schachnowitz (Ein Jaakow und jüdische Geschichte), Professor A. Weyl (Nebiim - Propheten). Im Winter und in der Omerzeit, bei besonderen Anlässen im Sommer und vor den Feiertagen, ist der Sonntagabend für die Lehrtätigkeit gut ausgenützt. Sommer wie Winter wird allmorgendlich nach Schul (Gottesdienst) Mischna gelernt (Mitgliederlernen), bzw. 'Mizwas Haschem' und Dinim. Diesem Morgenlernen schließen sich die Jahrzeitstiftungslernen an. Im Winter haben die Mikro-Vorträge am Freitagabend und im Sommer die Midrasch-Vorträge eine Stunde vor Sabbatausgang stets ein volles Haus. Im übrigen geben ein klares Bild über den derzeitigen Lehrbetrieb im Mekor Chajim die an anderer Stelle regelmäßig abgedruckten Lehrpläne und Ankündigungen des Vereins.

Zur Entstehungsgeschichte des Mekor Chajim.
Zum ersten Teile der Chronik in der Festschrift geht uns von Mitbegründern nachstehende wertvolle Ergänzung zu:
Im Hotel Ulmann in der Allerheiligenstraße kamen die auswärtigen jungen Leute zusammen, die, sofern sie gemeinsame religiöse und geistige Interessen haben, eng zusammenhielten. Unter ihnen waren auch die Herren Jakob Strauß und Emanuel Beer, von denen die erste Initiative ausging. Die bessere Gesellschaft von Frankfurt war damals ziemlich exklusiv und es fiel den auswärtigen jungen Leuten schwer, Anschluss zu finden. Zum gemeinsamen Lernen hatten diese kaum Gelegenheit. Der Hamburger 'Mekor Chajim' bestand damals schon, und die jungen Leute waren sich darüber einig, dass hier etwas Ähnliches geschaffen werden müsste. Man wandte sich an die Gemeindeverwaltung und fand auch die Zustimmung des Herrn Emanuel Schwarzschild. Zusammen mit dessen Sohn, Herrn Emil Schwarzschild, begab sich dann Herr Jakob Strauß zu Rabbiner S.R. Hirsch - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - und beide trugen dem Herrn Rabbiner den Plan vor, der ihn mit solch glühender Begeisterung aufnahm, dass man, nachdem der Herr Rabbiner auch seine Mitwirkung versprochen hatte, sofort an die Gründung treten konnte. Der ersten Verwaltung gehörten neben den in der Festschrift Genannten, auch die Herren Emil Schwarzschild - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen, Gustav Altmann und Jakob Strauß an. Wie sehr ursprünglich der Verein nur für die Jugend und vornehmlich für die auswärtige, gedacht war, beweist die Bestimmung der ersten Statuten, dass mit der Verheiratung eines Mitglieds seine Mitgliedschaft aufhört.
  
Ein Gruß von der Kanzel
Zu seiner auch an sich ungemein wirkungsvollen Predigt am zweiten Schwuaustage (2. Tag von Schawuot, Wochenfest), von der man nur wünschen könnte, dass sie in Druck späteren Zeiten erhalten bleibe, kam Herr Rabbiner Dr. S. Breuer - sein Licht leuchte - zum Schlusse auch auf den Mekor Chajim zu sprechen, würdigte in kurzen, eindringlichen Worten seine fünfzigjährige segensvolle Wirksamkeit zur Verbreitung der Toralehre und verband seine Wünsche für die Zukunft des Vereins mit der Hoffnung, dass es ihm gelinge, zur Erfüllung des Bibelworts beizutragen: 'und all deine Kinder sind Lehrlinge des Ewigen, und groß ist der Friede deiner Kinder' (Jesaja 54,13)!

Die Jubiläumsfeier. 
Für die akademische Feier Sonntagvormittag 5.45 Uhr im großen Saalbau ist folgendes Programm vorgesehen:
1. Chorgesang
2. Vorspruch
3. Begrüßung
4. Festrede
5. Chorgesang
6. Dozentengruß
7. Ansprache
8. Schlussgesang

Abends 6 Uhr in der Frankfurt-Loge beginnt die Veranstaltung mit dem Auslernen der (Hebräisch). Während der darauffolgenden Festtafel werden Ansprachen gehalten, ebenso Rezitationen und Gesangsvorträge geboten.

Anmerkungen: -  Rabbi Jesaia Hurvitz Halevi: http://www.judengasse.de/dhtml/F037.htm
-  Scheloh: Die zwei Tafeln des Bundes
-  Josef Omez: Buch von Juspa Hahn https://de.wikipedia.org/wiki/Juspa_Hahn
-  Rabbi Josef Hahn: https://de.wikipedia.org/wiki/Juspa_Hahn   http://www.judengasse.de/dhtml/P110.htm  http://www.judengasse.de/dhtml/F032.htm
-  Kaiser Matthias: https://de.wikipedia.org/wiki/Matthias_(HRR)  
-  Fettmilchscher Aufstand: https://de.wikipedia.org/wiki/Fettmilch-Aufstand
-  Safed: wichtiger Ort jüdischer Gelehrsamkeit https://de.wikipedia.org/wiki/Safed 
-  Marcheschwan: https://de.wiktionary.org/wiki/Marcheschwan
-  Rabbi Scheftel Hurvitz Halevi: http://www.judengasse.de/dhtml/F037.htm
-  Schiur: https://de.wikipedia.org/wiki/Schi'ur
-  Amud Hatauroh: https://de.chabad.org/library/howto/wizard_cdo/aid/853873/jewish/Der-Amud-Lesepult.htm
-  Rabbonon Kadisch: Kaddisch der Rabbiner
-  Büchsen: https://sammlung.juedischesmuseum.de/objekt/spenden-b%C3%BCchse-zedaka-b%C3%BCchse/
-  Schiurim: Plural von Schiur
-  Minhag: https://de.wikipedia.org/wiki/Minhag_(Judentum)  
-  Zedakah: https://de.wikipedia.org/wiki/Zedaka
-  Thaura = Tora https://de.wikipedia.org/wiki/Tora
-  Tennach: https://de.wikipedia.org/wiki/Tanach
-  Rischnajoth: Mischnajot https://de.wikipedia.org/wiki/Mischna
-  Perek Mischnajoth: https://de.wikipedia.org/wiki/Traktat
-  Mischnah: https://de.wikipedia.org/wiki/Mischna
-  Chewra-Kadischa: https://de.wikipedia.org/wiki/Chewra_Kadischa
-  Pijutim: https://de.wikipedia.org/wiki/Pijjut
-  Selichaus: https://de.wikipedia.org/wiki/Slichot
-  Geulah: https://en.wikipedia.org/wiki/Atchalta_De%27Geulah
-  Samson Raphael Hirsch: https://de.wikipedia.org/wiki/Samson_Raphael_Hirsch
-  Samson-Raphael-Hirsch-Schule: https://de.wikipedia.org/wiki/Samson-Raphael-Hirsch-Schule    https://www.juedischesmuseum.de/de/lernen/detail/die-samson-raphael-hirsch-schule-in-frankfurt-am-main/    http://www.lilit.de/kabbala/frankfurt/Samson_Raphael_Hirsch_Schule.htm   https://scripta.bbf.dipf.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:0111-bbf-spo-19042286
-  Kehillah: jüdische Gemeinde, Gemeinschaft
-  Maleachi: https://de.wikipedia.org/wiki/Maleachi
-  Gemora: https://de.wikipedia.org/wiki/Gemara
-  Tehillim: https://www.talmud.de/tlmd/tanach/tehillim-psalmen/ 
-  Schulchan Aruch:   https://de.wikipedia.org/wiki/Schulchan_Aruch  
-  Omerzeit: https://de.wikipedia.org/wiki/Omer-Z%C3%A4hlen
-  Mizwas Haschem: religiöse Handlungen zu Ehren Gottes
-  Dinim: Gesetze 
-  Midrasch: https://de.wikipedia.org/wiki/Midrasch
-  Sabbatausgang https://sammlung.juedischesmuseum.de/objekt/lichtsegen-bei-schabbatausgang/
-  Zwei Reformsynagogen: https://www.alemannia-judaica.de/frankfurt_hauptsynagoge.htm und https://www.alemannia-judaica.de/frankfurt_synagoge_westend.htm
-  Saalbau: Konzerthaus mit 1.800 Plätzen in der Junghofstraße
-  Rabbiner S. Fromm: Rabbiner Seligmann Fromm https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/bio/id/3264 
-  Rabbinatsassessor G. Posen: Gerson Posen, Sandweg 44
-  Karl Guggenheim
-  Dr. Jonas Bondi: https://www.deutsche-biographie.de/sfz49069.html  Mainstraße 7 2
-  Dr. Mendel Hirsch: Dr. phil. Mendel Hirsch, Lehrer an der Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft, Schützenstraße 1 p.
-  Jakob Strauß: unklar (Jacob Strauss, Sp. Bank und Wechselgesch., Brönnerstraße oder Jacob Strauss jun., Kaufmann, Bankgesch. Töngesgasse 10t oder Jacob Strauss, Geflügelhändler, Breitegasse 42 oder Jacob Strauss, Geflügelhändler, Judengasse 99 oder Jacob Strauss, Priv. Fahrgasse 804
-  Emil Schwarzschild: Emil Schwarzschild, Bank- und Wechselgesch., Rossmarkt 3
-  Perez Rosen: Perez Posten geb. Lange, Witwe, Privatiere, Am Schützenbrunnen, 13 pf.
-  Maximilian Michel: Maximilian Michel, unbeeid. Börsensensal, Inhaber des Nachschlagbureau 'Glück auf', Zeil 10/122
-  Josef Wohlfahrt: Joseph Wohlfahrt, Kaufmann, Palmstraße 113
-  Markus Hirsch: Marcus Hirsch, Kaufmann, Windeckstraße 82
-  Rabbiner Dr. S. Breuer: Rabbiner Dr. Salomon Breuer, Friedberger Anlage 4, Erdgeschoss; genealogische Informationen https://www.geni.com/people/Salomon-Breuer/6000000003788875284 (Dr. Breuer war ein Schwiegersohn von Samson Raphael Hirsch; er hatte dessen Tochter Sophie geheiratet). Sein Sohn Raphael Breuer war seit 1890 als Nachfolger Hirschs Rabbiner der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt, ein anderer Sohn war der im Text oben gleichfalls genannte Joseph Breuer, der auch Rabbiner war. 
-  Rektor B. Falk: Benjamin Falk, Bären-Straße 11
-  Halpern: Emil Halpern, Kaufmann, Schiller-Straße 18 oder Herz Halpern, Lehrer, Rückertstraße 45 III
-  Redakteur Schachnowitz: Selig Schachnowitz, Windeckstraße 60 III
-  Professor A. Weyl: Prof. Adolf Weyl, Studienrat, Rückertstraße 44
-  Prof. Dr. A. Sulzbach: Prof. Dr. Abraham Sulzbach, pension. Oberlehrer, Baumweg 37 Erdgesch. 
   

    
Beiträge zur Geschichte der Synagoge Friedberger Anlage  
Zum Neubau einer zweiten Gemeindesynagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft (1900)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Mai 1900: "Frankfurt a. M. 16. Mai. (Der projektierte Neubau einer zweiten Gemeindesynagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft). Im Jahre 1901 ist ein halbes Jahrhundert dahingegangen, dass die Israelitische Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M. ins Leben getreten ist. Es war eine schwere, ernste Zeit, in der ihre Gründung sich vollzog; neuerungssüchtige Reform wütete in rücksichtslosem Fanatismus gegen das alte, überlieferte Judentum, mit eisigem Spotte, mit giftigem Hohne jede noch so winzige Regung des gesetzestreuen Judentums erstickend. Jire at schetisaw war die Losung der Pflichtvergessenen, wenn erst die paar Alten, die noch in hartnäckiger Verblendung am Religionsgesetz hängen – so sprach man – dahingegangen sein werden, dann gehört das alte Judentum einer begrabenen und zu begrabenden Vergangenheit an. Es ist schwer für die heutige Generation, sich hineinzudeuten in die Schwierigkeiten, die den wenig Frommen in den Weg gelegt wurden, schwer, sich die Opfer vorzustellen, die gewissenhafte Eltern bringen mussten, um ihre Kinder vor den Fängen des Abfalls (sc. vor der liberalen Richtung) zu bewahren. Schule und Kanzel waren im Dienste der Reform, die Mikwoh (Mikwe, rituelles Bad) von frevelhaften Händen zugeschüttet worden, und alle sonstigen religiösen Institutionen in trostlosem Zustande. Doch lau litausch haschem eß ammau, in der Brust von elf rein gebliebenen Männern weckte er die Begeisterung, ließ sie zusammentreten, um die alte Frankfurter Killoh, jene Gemeinde, in der Jiro und Emunoh, Gottesfurcht und treue Anhänglichkeit an die Thauro zuhause waren, wieder aufzurichten. Schwer war das Wort, kühn das Vorhaben, aber sie wagten es, die kleine begeisterte Schar, sie wagten den Kampf - und errangen den Sieg.
Wem kämen nicht diese rückblickenden Reflektionen in den Sinn, in dem Momente, wo die Synagogengemeinde 'Israelitische Religionsgesellschaft' sich anschickt, eine zweite Synagoge zu erbauen. Ja, das Unerwartete ist       
Frankfurt Israelit 21051900a.jpg (163196 Byte)Ereignis geworden. Der einmal winzige Kreis der im Jahre 1851 bei seiner Gründung das Tageslicht scheuen musste, der seinem großen Führer Samson Raphael Hirsch s.A. bei seinem Einzuge in Frankfurt als Stätte seines Wirkens lediglich zwei armselige Stübchen anbieten konnte – er ist unter der begeisterten und begeisternden Führung des unsterblichen Meisters gewachsen von Jahr zu Jahr – derart, dass das große Gotteshaus in der Schützenstraße, das wohl kein gläubiger Jude, der in Frankfurt sich aufhält, aufzusuchen versäumt, zu eng geworden ist, um die immer größer werdende Zahl der Mitglieder zu fassen. Schon seit einigen Jahren harrte eine große Zahl auf Sitzplätze, ohne dass es möglich ist, auch nur den kleinsten Teil der Wünsche zu befriedigen. Obwohl die Verwaltung der Religionsgesellschaft sich der Befürchtung nicht verschließt, dass das einheitliche Band, welches alle Glieder derselben umschließt, durch eine Teilung der Synagogenbesucher sicherlich gelockert wird – bildet ja die Religionsgesellschaft ihrer heutigen Konstruktion nach – eine einheitliche Familie, so glaubt sie doch der Entwicklung der Großstadt dahin Rechnung tragen zu müssen, dass sie sich entschlossen hat, eine zweite Synagoge (gemeint neben der Hauptsynagoge) zu erbauen. Geradezu glänzend bewährt sich bei dieser Gelegenheit die so oft erprobte Opferfreudigkeit, dieser Ir w’ehm bjisroel. Ein Aufruf an die Mitglieder der Religionsgesellschaft hat außer der hochherzigen Spende von Mk. 80.000 des treu anhänglichen Mitgliedes Freiherrn Baron Wilhelm von Rothschild bereits bewirkt, dass für den gedachten Zweck in wenigen Tagen Mk. 150.000 aufgebracht worden sind. Wahrlich, wem schwellt nicht das Herz in freudiger Erregung bei solch glänzend bewährter Opferwilligkeit, wenn unsere heutige Zeit die Welt immer versinken lässt im Materialismus und Egoismus, so bildet die ideale Auffassung und Begeisterung der Frankfurter Kehillah für alle echt jüdischen Institutionen ein erhebendes Bewusstsein, ein erquickender, herzerfrischender Trost, und wo immer noch ein Jude lebt, der sich den Sinn bewahrt hat für jüdische Pflichttat, wird er des Allmächtigen Segen auf diese begnadeten Gemeinwesen herabrufen."

Anmerkungen: Killoh: Kehillah https://de.wikipedia.org/wiki/Kehillah
Thauro: Tora https://de.wikipedia.org/wiki/Tora
Baron Wilhelm von Rothschild: https://frankfurter-personenlexikon.de/node/951
https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Carl_von_Rothschild
Samson Raphael Hirsch: https://de.wikipedia.org/wiki/Samson_Raphael_Hirsch
Kehillah: Gemeinde, Gemeinschaft.     

 
Generalversammlung der Israelitischen Religionsgesellschaft (1902)   

Frankfurt Frf IsrFambl 30121902.jpg (144497 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 30. Dezember 1902: "Frankfurt a. M., 28. Dezember 1902. Die Religions-Gemeinde 'Israelitische Religionsgesellschaft', hier hielt heute Nachmittag 5 ¾ Uhr ihre jährliche Generalversammlung ab. Der Präsident Herr W. Ch. Hackenbroch erstattete den Rechenschaftsbericht für das letztvergangene Jahr, in welchem unter anderem berichtet ward, dass der Religionsgemeinde beziehungsweise den verschiedenen israelitischen angegliederten Institutionen auch im vergangenen Jahre von Seiten ihrer Mitglieder mehrere hochherzige Zuwendungen zuteil geworden sind. Es sei hiervon besonders ein großes Legat der Erben des seligen Herrn Selig Goldschmidt hervorgehoben, dessen Zinsertrag zum Besten der israelitischen Volksschule verwendet werden soll. Die Bilanz schließt mit einem Defizit von einigen tausend Mark ab, die aus der Kultuskasse statutengemäß gedeckt werden. Die Ausgaben für die Realschule haben ca. Mk. 141.000 betragen (gedeckt durch Schulgeld und Mitgliederbeiträge). Die Schule besteht jetzt 50 Jahre. Der vor 2 ½ Jahren beschlossene Bau einer zweiten Synagoge konnte noch nicht in Angriff genommen werden, da zu dem passenden Platz, Seilerstraße 6- 8, die behördliche Genehmigung nicht zu erlangen war, die anderen Plätze bezüglich Kostenpunkt, Lage, Raumausdehnung nicht passend sind. An diesen Bericht schloss sich eine recht rege Debatte an. Bei der nun folgenden Vorstandswahl wurde neugewählt: Herr Dr. med. E. Rosenbaum (es verblieben außerdem die Herren Moritz Baß, Meier S. Goldschmidt, Wilh. Hackenbroch, Dr. Jos. Roos), in den Ausschuss wurden wiedergewählt: Herr Mich. Schwarzschild, neu gewählt: Meier Nussbaum (es verbleiben außerdem E. Ettinghausen, Max Mayer, Naftali Schwabacher, Louis Feist)."

Anmerkungen:  W. Ch. Hackenbroch: Wilhelm Hackenbroch, Kaufmann (Lazar. Hackenbroch), Pfingstweidstraße 29 p.
Selig Goldschmidt: https://brotmanblog.com/2020/12/01/selig-goldschmidt-part-iv-tributes-to-the-man-family-man-entrepeneur-philanthropist-and-patron-of-the-arts/
https://www.geni.com/people/Selig-Goldschmidt/6000000001435760609    http://www.geocities.ws/rcibella/seliggold.htm
Israelitische Volksschule: Gegründet 1851, Ecke Rechneigrabenstraße/Schützenstraße
Realschule: https://de.wikipedia.org/wiki/Samson-Raphael-Hirsch-Schule
Dr. med E. Rosenbaum, Geheimer Sanitätsrat, Hanauer Landstraße 25
Moritz Baß: Moritz Bass, Kursmakler, Palmstraße 5p
Meier S. Goldschmidt: Meier Goldschmidt, Kaufmann (J. & S. Goldschmidt), Friedberger Anlage 25
Mich. Schwarzschild: Michael Schwarzschild, Kaufmann (J. A. Schwarzschild Söhne), Bleichstraße 8 I
Meier Nussbaum: Meier Nussbaum, Kaufmann, (Emil Schwarzschild), Ostendstraße 31 oder Meier Nussbaum, Schuhmacher, Wollgraben 8 II
E. Ettinghausen: Emanuel Ettinghausen, Kaufmann, Palmstraße 11 I
Max Mayer: Max, Fabrikant (M. F. Mayer & Co.), Trutz 27 oder Max Mayer, Kaufmann, Agentur und Kommissionsgeschäft, Haushaltungs- und Patentartikel, Gelbe Hirschstraße 12 II, Gl. Hasengasse 6 oder Max Mayer, Kaufmann (Amerikaner & Mayer), Gausstraße 35 II oder Max Mayer, Kaufmann, Oberlindau 64 II oder Max (Meier) Mayer, Kaufmann, (Jos. Mayer Sohn), Uhlandstraße 38 p oder Max Mayer, Kaufmann, (H. Salomon & Co), Am Thiergarten 88 oder Max Mayer, Privatier, Sternstraße 15
Naftali Schwabacher: Naftali Schwabacher, Fabrikant (M. Schwabacher & Co.), Schwanenstraße 12 p
Louis Feist: Louis Feist, Kaufmann (bei Beer, Sondheimer & Co), Obermainanlage 30.
       

 
Artikel über die Israelitische Religionsgesellschaft und die Synagogenbaufrage (1903)      

Frankfurt Frf IsrFambl 31121903.jpg (1018780 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 31. Dezember 1903: "Sprechsaal.
(Wir übernehmen für diese Rubrik nicht die redaktionelle Verantwortlichkeit). Israelitische Religionsgesellschaft und Synagogenbeauftragte
In den nächsten Tagen findet die jährlich wiederkehrende Generalversammlung der Synagogengemeinde 'Israelitische Religionsgesellschaft' statt, die voraussichtlich wieder Zeugnis ablegen wird von dem steten Wachstum ihrer wohlbewährten Einrichtungen und Institutionen. Dies freundlich helle Bild wird nur von einem einzigen Schatten getrübt: Die Synagogenbau-Frage wird, wie zu befürchten steht, auch in dieser Gemeindeversammlung nicht zur Lösung kommen, weil der Vorstand bzw. die Baukommission noch immer nicht in der Lage ist, einen geeigneten Vorschlag zu machen.
Während es sonst im Leben häufig vorkommt, dass ein Bauprojekt mit allen Einzelheiten vorhanden ist, während die Gelder zu seiner Ausführung fehlen und auch nicht zu beschaffen sind, ist es bei uns umgekehrt. Gelder sind längst vorhanden, aber das Projekt selbst fehlt und will nicht kommen, trotz der alljährlich wiederkehrenden stereotypen Versicherung des Vorstandes, dass er hoffe, demnächst in der Lage zu sein, einen geeigneten Vorschlag zu unterbreiten.
Wie kommt es nun, dass Vorstand und Baukommission sich seit Jahren vergeblich um die Lösung dieses Problems bemühen, trotzdem es beiden Gremien weder an Eifer noch an Sachverständnis und Erfahrung mangelt? 
Wir glauben, dass das Haupthindernis für eine gedeihliche Lösung dieser Frage eine gewissen Unklarheit ist, die unter Mitgliedern herrscht, über das, was ein Synagogenneubau erreichen kann und erreichen soll. Es ist unser lebhafter Wunsch mit diesen Zeilen zu einer Klärung der ganzen Frage beizutragen; da uns lediglich sachliche Motive leiten und wir wünschen, dass diese Ausführungen gerne sine ira et studio aufgenommen werden, so kommt es auf die Person ihres Urhebers hier nicht weiter an.   
Die Notwendigkeit der Schaffung neuer Synagogenplätze ist so allseitig anerkannt, dass wir bei diesem Punkte nicht zu verweilen brauchen, es handelt sich nur um die Frage, wie es geschehen soll.
Der erste Gedanke ist natürlich der einer Vergrößerung des bestehenden Baues, wozu der Umstand, dass die Häuser links und rechts der Synagoge Gemeindeeigentum sind, förmlich einladet. Indessen haben die Fachmänner, mit denen diese Idee besprochen wurde, sofort erklärt, dass sie unausführbar ist. In einem entsprechend vergrößerten Bau würden für einen Teil der Besucher, die auf das Hören angewiesenen gottesdienstlichen Handlungen – Toravorlesung, Predigt usw. - unvernehmbar sein, ein Umstand, der genügt, um diesen Plan endgültig abzutun.
In zweiter Linie kam ein Neubau auf den gleichen Grundstücken in Betracht. Selbstredend ließen sich hierbei günstigere akustische Verhältnisse schaffen als bei einem bloßen Anbau und wenn es sich bloß um Hinzufügung von 3-400 Plätzen handelte, wäre diese Lösung durchaus annehmbar. Da aber ein paar Hundert neue Plätze höchstens für den Augenblicksbedarf genügen und den ganzen in der Zukunft zu erwartenden Zuwachs außer acht lassen, so müssen wir uns auch gegen diese Lösung aussprechen.
Wir kommen hier schon zum Kernpunkt der ganzen Frage, denn was in dieser Beziehung gegen einen Neubau auf der seitherigen Stelle einzuwenden ist, lässt sich auch gegen jeden Neubau, auch gegen die dauernde Lösung den Platzfrage durch eine einzige Synagoge, stehe sie, wo sie wolle, einwenden. In Wirklichkeit ist auch von allem Anfang an die Schaffung einer zweiten Gemeindesynagoge, neben der bisherigen in Frage gekommen. Diese Idee hat zahlreiche und sehr entschieden auftretende Gegner gefunden. Man macht vor allem geltend, dass der Zusammenhang in der Gemeinde leiden müsse, wenn sie nicht mehr in ihrer Mehrzahl allsabbatlich sich am gleichen Orte einfinde, um dort in gemeinsamem Gebet Stärkung und Kräftigung zu suchen; die Einheit des Raumes sei es, die auch die Einheit der Gesinnung beschere und bedinge.
Dem möchten wir entgegenhalten, dass auch heute schon eine ganze Anzahl Mitglieder, sei es aus Platzmangel, sei es der Entfernung wegen oder aus anderen Gründen, die Synagoge in der Schützenstraße nicht oder nicht regelmäßig besuchen, dafür aber in der Claus, Waisenhaus-, Königswarter-, Hermesweg-, Träub’schen-Synagoge und wie sie alle heißen, Stammgäste sind. Man braucht sich nur zu vergegenwärtigen, dass unsre Synagoge nur 600 Männersitzplätze enthält, während schon über 800 Mitglieder vorhanden sind, zu denen noch Söhne, künftige Angehörige und eine Anzahl Sitze innehabender Nichtmitglieder kommen, um festzustellen, das auch heute schon ein ziemlich hoher Prozentsatz der Gemeindemitglieder die Synagoge nicht benutzen kann.
So sehen wir denn heute schon, dass die Einheit im Raum nur ein schöner Traum ist, dass sie in der Praxis ersetzt werden muss und ersetzt werden kann durch die 'Einheit im Geiste', die sich glücklicherweise aufrechterhalten lässt, wenn jene schon längst undurchführbar geworden ist.
Die einfache Erklärung, dass es technisch unmöglich ist, eine Gemeinde, die rüstig an, das erste Tausend an Mitgliedern lossteuert, räumlich in den Schranken eines Gotteshauses festhalten zu wollen, sie zeigt uns den Weg, den wir gehen müssten, wenn dieser oben angeführte Umstand nicht vorhanden wäre.
Für die Schaffung einer räumlich getrennten zweiten Synagoge spricht nämlich noch ein anderer, mindestens ebenso gewichtiger Grund: Die immer weiter und weiter wachsenden Ausdehnung unseres Gemeinwesens. Als vor mehr als 50 Jahren unsere Gemeinde gegründet, die Synagoge in der Schützenstraße erbaut wurde, da hatte Frankfurt 60.000 Einwohner, von denen nur ein für uns gar nicht in Betracht kommender Bruchteil außerhalb der Innenstadt und ihrer wichtigsten Umgebung wohnte. Als vor ca. 30 Jahren eine Erweiterung der Synagoge nötig wurde und sie ihren heutigen Umfang erhielt, hatten sich diese Verhältnisse noch nicht wesentlich geändert. Wie ganz anders heute! Die Einwohnerzahl Frankfurts ist auf über 300.000 gewachsen; ein Netz von Trambahnen überzieht die Stadt nach allen Richtungen und ermöglicht es, dass die Innenstadt immer mehr zum Geschäftsviertel wird, während die wohlhabende Bevölkerung nach der Peripherie drängt, Der Zug nach dem Westen, ohnehin fast allen europäischen Großstädten gemein, tritt seit die Hinauslegung des Hauptbahnhofes bei uns in erhöhtem Maße auf. Prachtvolle, breite Straßen, mit allem modernen Komfort aufgestellte Neubauten, die Nähe des Hauptbahnhofes, der Theater und Museen haben dazu geführt, dass in unserer Stadt in den letzten 25 Jahren der Westen zum bevorzugten Aufenthalt der Wohlhabenden geworden ist. Dementsprechend ist das Ostend in der allgemeinen Wertschätzung entsprechend gesunken. 'Nur eine hohe Säule zeugt von entschwundener Pracht!' Die jüdische Orthodoxie und die von ihr unterhaltenen Anstalten, sie stützen den Rest des Ansehens, den das Ostend noch genießt. Aber wie lange noch? Wie lange noch wird es möglich sein, unsere Gemeinde, im Ostend und den angrenzenden nördlichen Gebieten zusammenzuhalten? Schon mehren sich die Anzeigen, dass geschäftliche und andere Interessen den einen und anderen bewegen, diesen Rayon zu verlassen und sich dem Zuge der allgemeinen Entwicklung anzuschlie-ßen. Mag das Tempo auch vorläufig ein langsames sein, die nächsten Jahre werden sicher eine starke Beschleunigung und Vermehrung bringen.
Wir haben nun den hier geschilderten Umstand – die Konzentrierung unserer Gemeindeanstalten im Ostend zu betrachten. Es ist bekannt, dass alljährlich ein bedeutender Zugang jüdischer Familien stattfindet. Dieser Zuzug stammt ausschließlich aus Hessen, Nassau und Süddeutschland. In allen diesen Gebieten hat sich im Gegensatz zu Norddeutschland, das jüdisch-religiöse Gefühl noch vielfach erhalten. Die Ursachen sind natürlich nicht überall die gleichen. Die klare Erkenntnis, dass allein das gesetzestreue Judentum eine Zukunft hat, mag bei den meisten noch nicht vorhanden sein, aber lebhaftes jüdisches Gefühl, Pietät gegen das, wofür unsere Ahnen gekämpft und gelitten haben, ist wohl bei der Mehrzahl vorauszusetzen. Wie kommt es nun, dass unsere Gemeinde von jenem auswärtigem Zuzug so wenig profitiert, dass mehr als 80 Prozent von ihnen der Hauptgemeinde beitreten? Die Erklärung ist eher einfach. Was können wir den neuen Zuzüglern bieten? Plätze in unserer Synagoge? Es sind seit Jahren keine mehr zu haben! Aufnahme ihrer schulpflichtigen Kinder? Die Lage der Schule im äußersten Osten erschwert ihre Benutzung all den Familien, die sich nicht gerade im Osten oder Nordosten niederlassen. Die meisten von auswärts kommenden Familien siedeln sich im Westen oder Nordwesten an; sie suchen und finden Anschluss an die Hauptgemeinde, weil unsere Gemeinde ihnen nach der praktischen Seite nichts zu bieten vermag. Dass sich auch einige rühmliche Ausnahmen finden, Leute, die ihren Anschluss an unsere Gemeinde aus ideellen Gründen vorziehen, kann an jener Tatsache wenig ändern. Es ist unberechenbar, was hier an gutem brauchbarem Material für uns schon verloren gegangen ist, und so lange die heutigen Zustände dauern, noch verloren geht!
Wie anders würde sich das alles gestalten, wenn unsere Gemeinde über eine zweite, mittelgroße, schön ausgestaltete Synagoge verfügte, deren Lage am zweckmäßigsten etwa in die Nähe des Peterstores zu setzen wäre. Ein Teil der Besucher würde sich rekrutieren aus Mitgliedern unserer Gemeinde, die in der Nähe wohnen, wodurch sofort eine Entlastung der Synagoge Schützenstraße einträte. Der größte Teil aber würde aus Leuten bestehen, die heute noch unserer Gemeinde fernstehen. Gehören diese erst einmal zu den regelmäßigen Besuchern eines nach altjüdischen Prinzipien geleiteten Gottesdienstes, und kommen sie infolgedessen fortgesetzt mit begeisterten und überzeugungstreuen Gesinnungsgenossen in Verbindung, dann können wir ihre völlige Gesinnung ruhig der werbenden Kraft unserer Prinzipien und der Macht des Beispiels überlassen. Dann können wir sicher sein, dass aus diesen Besuchern Mitglieder werden, die auch ihre Kinder trotz aller Entfernung in unsere Schule entsenden werden. Ja, wir halten noch weiter ausschauende Pläne für ausführbar. Wir glauben mit aller Bestimmtheit, dass auch eine zweite Synagoge, eine günstige Lage vorausgesetzt, in 4, 5 Jahren gefüllt sein und dass man dann eine dritte Synagoge im Westen zu errichten gezwungen sein wird.
Hier mag der Platz sein, einen Einwand zurückzuweisen, den man gegen unsere Darlegungen in der bevorstehenden Generalversammlung voraussichtlich erheben wird. Der Vorstand hat eine Art Enquete über die Wohnverhältnisse seiner Mitglieder veranstaltet und als Resultat ergab sich, dass nur ein Bruchteil außerhalb jenes Rayons wohnt, der noch einen bequemen Besuch der Synagoge gestattet. Gutem Vernehmen nach ist der Vorstand geneigt, aus diesem Ergebnis den Schluss zu ziehen, dass nun keinerlei Bedürfnis vorliegt, eine Synagoge außerhalb jenes Rayons zu errichten.
Stimmt das, so liegt eine bedauerliche Verwechslung von Ursache und Wirkung vor, über die nach unseren obigen Darlegungen kein Zweifel mehr sein könne. Wir dürfen nicht schließen: 'Weil wir außerhalb eines bestimmte Rayons wenig oder keine Mitglieder haben, brauchen wir dorthin auch keine Synagoge zu stellen', sondern umgekehrt muss der Schluss lauten: 'Weil wir dort keine Synagoge haben, geht der reiche Zuzug, der sich in jenen Gebieten niederlässt, unserer Gemeinde als Mitglieder verloren!'
Wir möchten zum Schlusse als warnendes Exemplar die die Hamburger Verhältnisse erwähnen, Dort stehen am Sabbat die großen, prächtigen Synagogen in Kohlhöfen und Elbestraße leer und verödet, während eine Anzahl kleiner Synagogen im Grindelviertel gefüllt und überfüllt sind. Auch dort hat sich die Leitung des Synagogenverbandes Jahrzehnte hindurch gesträubt, der Entwicklung der Wohnverhältnisse Rechnung zu tragen. Jetzt endlich bequemt sie dazu; die Synagoge Elbestraße wird geschlossen und vor dem Dammtor eine neue errichtet werden. Aber der Schaden, der diese Verzögerung anrichtete, ist wie alle Kenner der Hamburger Verhältnisse wissen, ein ungeheurer, die vielfach unerquickliche Verhältnisse, die in der Hamburger Gemeinde herrschen, sie dürfen zum große Teil auf Rechnung der verfehlten Politik in der Synagogenfrage gesetzt werden.
Hoffen wir, dass der gleiche Fehler bei uns vermieden wird, dass Vorstand und Gemeindeversammlung sich entschließen, nicht hinter den Ereignissen einher zu hinken, sondern sich der Entwicklung, wie sie dem weitschauenden Blicke klar sich darstellt, heute schon Rechnung tragen.
Also: Keine Aufgabe unserer Synagoge Schützenstraße, mit der unsere pietätvollen Erinnerungen verknüpft sind, zu Gunsten einer utopischen 'Zentralsynagoge', dagegen Schaffung einer zweiten so Gott will auch dritten Synagoge in jenem Viertel, wohin uns die Entwicklung unserer Stadt gebieterisch verweist."

Anmerkungen: 'sine ira et studio': https://de.wikipedia.org/wiki/Sine_ira_et_studio 
Claus: Klaussynagoge, Ostendstraße 18: weitere Informationen (interner Link)  
Königswarter: Synagoge im Hospital der israelitischen Gemeinde Frankfurt in der Königswarter Straße 26: weitere Informationen (interner Link)    
Hermesweg: Hier befand sich die Religionsschule
Träub’sche Synagoge: https://www.alemannia-judaica.de/frankfurt_kleinere_synagogen.htm#Die%20Tr%C3%A4ub%27sche%20Synagoge
Schule: Samson-Raphael-Hirsch—Schule   https://de.wikipedia.org/wiki/Samson-Raphael-Hirsch-Schule
Hauptgemeinde: weitere Informationen (interner Link)
Synagoge Kohlhöfen (Hamburg): https://de.wikipedia.org/wiki/Synagoge_Kohlh%C3%B6fen
Synagoge Dammtor (Hamburg): https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Dammtorsynagoge
        

  
Die Generalversammlung der Israelitischen Religionsgesellschaft stimmt dem Synagogenneubau zu (1904)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Januar 1904: "Frankfurt am Main, 6. Januar (1904). Die Generalversammlung der Israelitischen Religionsgesellschaft gab ihre Zustimmung zum Bau der neuen Synagoge Friedberger Anlage 5 und 6. Der Bau soll 1000 Plätze für Männer und 6 bis 800 für Frauen enthalten. Trotz eines Defizits bei der Realschule schließt der Etat sehr günstig ab."      

  
Architektenentwürfe für die neue Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft - Ausschreibung und Auswahl (1904)       

Frankfurt Frf IsrFambl 17061904.jpg (133878 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 17. Juni 1904: "Frankfurt a. M.. Die Synagogengemeinde 'Israelitische Religionsgesellschaft' schreibt zur Erlangung eines Vorentwurfs für den Neubau einer Gemeinde-Synagoge einen allgemeinen Wettbewerb aus.
Die Entwürfe sind spätestens bis zum 15. Sept. 1904, abends 6 Uhr an den zweiten Vorsitzenden des Vorstandes der Syn.-Gemeinde 'Israelitische Religionsgesellschaft', Herrn Wilhelm Hackenbroch, Schützenbrunnen 17, Frankfurt a. M., einzureichen, bei welchem das Bauprogramm nebst Bedingungen und Lageplan kostenfrei erhältlich ist.
Bausumme für die Gesamtausführung Mk. 475.000. An Zeichnungen verlangt: Lageplan 1 : 250, Grundrisse sämtlicher Geschosse, 3 Ansichten, 2 Durchschnitte 1 : 200 und eine perspektivische Skizze. - Erläuterungsbericht, Kostenüberschlag laut Bauprogramm. Erster Preis Mk. 4.000, zweiter Mk. 2.500, dritter Mk. 1.500.
Preisrichter sind: Geh. Oberbaurat Professor Hofmann - Darmstadt, Kgl. Baurat von Hoven – Frankfurt, Kgl. Baurat Reher – Frankfurt, Geh. Baurat Schwechten – Berlin, Wilhelm Hackenbroch, Mitglied des Vorstandes der Synagogengemeinde 'Israelitische Religionsgesellschaft', Frankfurt a. M., Dr. Israel Roos, Mitglied des Ausschusses genannter Gemeinde, Frankfurt a. M. Michael Schwabacher, Mitglied der Bau-Kommission, gen. Gemeinde, Frankfurt a. M.

Anmerkungen: Wilhelm Hackenbroch: Wilhelm Hackenbroch, Kaufmann (Lazar. Hackenbroch), Pfingstweidstraße 29 pt.
Dr. Israel Roos: Dr. phil. Israel Roos, Chemiker, Schöne Aussicht 5 I
Michael Schwabacher: Michael Schwabacher, Fabrikant, Eschersheimer Landstraße 27 I. 
      
 
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. Oktober 1904: "Deutschland. Frankfurt a. M. (Neue Synagoge an der Friedberger Anlage)
Die Synagogengemeinde 'Israelitische Religionsgesellschaft' hat zur Erlangung von Entwurfskizzen für einen Synagogenneubau einen Wettbewerb veranstaltet, an dem sich 129 Bewerber beteiligt haben. Das Preisgericht hat nunmehr sein Urteil abgegeben. Es erhielten: Den ersten Preis von 4.000 Mk. (Kennwort: Laubhütten) die Architekten Josef Reuters – Berlin-Wilmersdorf und Karl Friedenthal – Charlottenburg, den zweiten Preis von 2.500 Mk. (Kennwort: Ohne Kuppel) Hessemer und Schmidt – München und den dritten Preis von 1.500 Mk. (Kennwort: Vorhof II) Jürgensen und Bachmann – Charlottenburg. Außerdem wurden auf Empfehlung des Preisgerichts fünf Entwürfe für je 500 Mk. angekauft und zwar die Arbeiten von Privatdozent Dr. Vetterlein – Darmstadt. Robert Bischoff – Karlsruhe, Otto Kuhlmann – Charlottenburg, Jürgen Kröger – Berlin und Hellmuth Cuno (in Firma Philipp Holzmann) – Frankfurt a. M.
Anmerkungen:   Jürgensen: https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_J%C3%BCrgensen
Bachmann: https://de.wikipedia.org/wiki/Jürgen_Bachmann_(Architekt) 
Privatdozent Dr. Vetterlein: https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Vetterlein
Otto Kuhlmann: https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Kuhlmann
Jürgen Kröger: https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Kr%C3%B6ger
Hellmuth Cuno: https://de.wikipedia.org/wiki/Hellmuth_Cuno 
     

            
Grundsteinlegung für die neue Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft (1905)    

Frankfurt FrfIsrFambl 27101905.jpg (49243 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 27. Oktober 1905:  "Frankfurt a. M. Die Grundsteinlegung für die neue Synagoge der Synagogen-Gemeinde Israelitische Religionsgesellschaft wird in den nächsten Tagen in feierlicher Weise vorgenommen werden. Die Aktiengesellschaft für Hoch- und Tiefbau hat den Bau übernommen; vom 1. März 1907 muss sie dem Vorstand der Israel. Religionsgesellschaft die Schlüssel der Synagoge überreichen. 
 
Frankfurt FrfIsrFambl 17111905.jpg (58455 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 17. November 1905: "Frankfurt a. M. Am Dienstag, den 21. des Monats, 10 Uhr morgens, wird die von uns bereits angekündigte Grundsteinlegung für den Neubau der Synagoge der 'Synagogengemeinde Israel. Religionsgesellschaft' stattfinden. Das Programm ist folgendes: 1) Gesang (Chor), 2) Psalm-Rezitativ (Vorbeter), 3) Weiherede des Herrn Rabbiner Dr. Breuer, 4) Einkapselung der Urkunde nebst zugehörigen Gedenkstücken, 5) Hammerschläge, 6) Schlussgesang (Chor)."       
 
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8. Dezember 1905: "Am 21. des Monats wurde die Grundsteinlegung der neuen Gemeindesynagoge der orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft an der Friedberger Anlage 5 -6 vorgenommen.
Rabbiner Dr. Breuer hielt die Festrede, dann folgten die üblichen Zeremonien: Einmauerung und Hammerschläge. Die Synagoge, im romanischen Stile gehalten, fasst 1.000 Sitzplätze für Männer und 600 für Frauen. Der Bau wird in 1 ½ Jahren vollendet sein. Die Kosten mit Grunderwerb werden 1 Million Mark betragen. Die Pläne und Zeichnungen stammen von den Architekten Jürgensen und Bachmann – Charlottenburg, die Ausführung des Baus ist der hiesigen Firma Aktiengesellschaft für Hoch- und Tiefbauten, vormals Gebrüder Helfmann, übertragen."  
Anmerkungen: Rabbiner Dr. Breuer: Rabbiner Dr. phil. Salomon Breuer, Friedberger Anlage 4, Erdgesch.  
Jürgensen und Bachmann: https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Jürgensen  https://de.wikipedia.org/wiki/Jürgen_Bachmann_(Architekt)  
https://www.diegeschichteberlins.de/geschichteberlins/persoenlichkeiten/persoenlichkeiteag/444-juergensen-a-bachmann.html   
   

    
Darf an der Synagoge auch am Sabbat gebaut werden? (1907)     

Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 29. März 1907: "Frankfurt am Main. Gegenwärtig werden die Gemüter der Mitglieder der israelitischen Gemeinde lebhaft bewegt durch die Nachricht, dass man beabsichtigt, bei den geplanten Neubauten der Gemeinde, Synagoge und Schule, auch am Samstag zu bauen. Zu einer Aussprache über diesen Gegenstand und zur Stellungnahme dazu ladet nunmehr der Zentralverein israelitischer Gemeindemitglieder die Mitglieder der Gemeinde zu einer öffentlichen Versammlung ein, welche am Dienstag, 9. April, abends 1/2 9 Uhr im Saale des Kaufmännischen Vereins stattfindet. Das einleitende Referat hat Herr Dr. med. W. Hanauer übernommen."    
Anmerkung: Dr. med. W. Hanauer:
Dr. med. Wilhelm Hanauer, prakt. Arzt, Mainzer Landstraße 17 I.     

   
Versammlung von Gemeindemitgliedern gegen Bauarbeiten an der neuen Synagoge und des Philanthropins am Sabbat (1907)     

Frankfurt FrfIsrFambl 12041907.jpg (284630 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 12. April 1907: "Frankfurt a. M., 10. April. Eine stattliche Versammlung von Gemeindemitgliedern hatte sich gestern Abend auf Einladung des Zentralvereins israelitischer Gemeindemitglieder im Saale des Kaufmännischen Vereins eingefunden, um gegen den Bau der neuen Synagoge und des Philanthropins am Samstag zu protestieren.
Herr Dr. med. W. Hanauer erstattete das Referat. Er gab zunächst einen Überblick über die Baugeschichte der Gemeinde. Die Gemeinde befindet sich mit der Errichtung einer neuen Synagoge, dem Neubau des Philanthropins und dem beabsichtigten Neubau des Krankenhauses gegenwärtig in einer Bauperiode, wie sie solche seit dem großen Brande im Jahr 1711 nicht gesehen hat, und es erscheint daher ein historischer Rückblick angebracht. In dem ältesten Judenviertel zwischen Main und Dom befand sich die Synagoge am östlichen Ende des Archivgebäudes, das Krankenhaus an der Ecke der heutigen Schmidtstube und der kleinen Fischgasse. Nach Übersiedelung der Juden in die Judengasse um 1462 ging jene erste Synagoge in den Besitz der Stadt über, die auf ihre Kosten auf dem Platze der heutigen Hauptsynagoge ein Gebäude errichten ließ, das 1711 abbrannte und später wiederaufgebaut wurde. Der jetzige Bau besteht seit 1853. Zu Anfang der 80er Jahre wurde an der Stelle, an der sich das sogenannte Fremdenhospital befand, die zweite Synagoge auf dem Börneplatz erbaut. Der Bau des Gemeindehospitals, zu dem die Familie Königswarter 215.000 fl. beisteuerte, sodass die Gemeinde nur 20.000 Gulden zuzuschießen brauchte, wurde 1872 beschlossen. Das Philanthropin befand sich bis 1845 im Kompostellhof. - Nach dieser kurzen Abschweifung kommt der Redner auf das eigentliche Thema des Abends. Wie es jedem als Blasphemie erscheine, eine Kirche am Sonntag zu bauen, so auch das Bauen einer Synagoge am Samstag. Sofort, wie es verlautete, dass der Vorstand einem Bauen am Samstag sympathisch gegenüberstehe, haben daher die vom Zentralverein in den Ausschuss der Gemeinde gewählten Herren Vorstellungen erhoben und auch die letzte Generalversammlung des Zentralvereins nahm gegen das Vorgehen Stellung und beauftragte den Vorstand des Vereins, dem Vorstand der Gemeinde von dem Standpunkte der Generalversammlung Kenntnis zu haben. Aus der Antwort des Gemeindevorstandes ergab sich nun, dass er sich die endgültige Entscheidung noch vorbehält. Abgesehen von der Berücksichtigung etwaiger gesetzlicher Vorschriften, muss man gegen das Bauen am Samstag sein, weil es bei diesen Gemeindemitgliedern Anstoß und Ärgernis erregt und weil in Synagoge und Schule – auch in den 'liberalen' Synagogen und Schulen – als ein Hauptpfeiler unserer Religion die Sabbatruhe gepredigt und gelehrt wird. Neben der Mäßigkeit und der Reinheit des Familienlebens ist es er gerade die peinliche Beachtung der Sabbatruhe gewesen, welche das jüdische Volk bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Zu diesem kommt noch der weitere Gesichtspunkt dazu, dass, wenn am Samstag gebaut wird, jüdische Handwerker nicht beschäftigt werden können; - und man spricht immer so viel von der Förderung des jüd. Handwerkerstandes! Zur Zeit der Hochflut der Reform unter der Ägide eines Rabbiner Stein hat die Gemeinde an den Samstagen "        
Frankfurt FrfIsrFambl 12041907a.jpg (259814 Byte)die Arbeiten beim Bau des Tempels (1854 -60) ruhen lassen. Schließlich ist noch in Erwägung zu ziehen, dass die ausführende große Baufirma in der Lage ist, die Arbeiter samstags anderweitig zu beschäftigen und so keine Mehrkosten entstehen.
Aus der dem Referate folgenden Diskussion, in der sämtliche Redner das Bauen am Samstag verurteilen, sei nur das Hauptsächliche angeführt. 
Isaac Mainz:
Wir dürfen mit unserem Protest gegen das Bauen am Samstag bei dem Vorstand nicht die Meinung aufkommen lassen, dass diese Bauten überhaupt unsere Zustimmung haben.
Max Bauer:
Es kann für das Bauen am Samstag für den Vorstand doch nur der Zeitpunkt oder der Kostenpunkt in Frage kommen – und da kommt es nicht darauf an, ob die Synagoge einige Monate eher oder später fertig ist, und was die Kostenfrage betrifft, so entstehen nach Erkundigung bei ersten Baufirmen durch das Richtarbeiten an den Samstagen keine Mehrkosten. Die jüdischen Handwerker, die infolge des Bauens am Samstag übergangen werden, werden das Vorgehen des Vorstandes als Antisemitismus charakterisieren. Unbegreiflich ist auch, warum der Vorstand in dieser Angelegenheit nur Herrn Rabbiner Dr. Seligmann als Experten genommen hat, während doch drei Gemeinderabbiner da sind.
Schottenfels: Ich stehe nicht ganz auf konservativem Standpunkte; ich würde aber erröten, wenn ich am Samstag mit einem christlichen Freunde an Bauten der jüdischen Gemeinde, bei denen die Sabbatruhe nicht gewahrt wird, vorbeigehen sollte.
Emanuel Lehmann:
In der Tora steht mitten in der Stelle, wo vom Bau des Stiftzeltes gesprochen wird: Vergiss nicht, meine Sabbate zu heiligen. Also selbst damals, als die Kinder Israel noch kein Heiligtum hatten, sollten sie nicht in dem Drange, dasselbe zu errichten, den Sabbat entweihen.
Hugo Fränkel:
Welche Interessen der Liberalen werden verletzt, wenn das Bauen am Samstag unterbleibt? Selbst Herren vom liberalen Verein verurteilen ein Bauen am Samstag.
Dr. Heinemann
: Die Freisinnigen betonen, wenn es gilt, ihre Wünsche durchzuführen, immer, ohne die ihren Wünschen angepassten Einrichtungen würden der Gemeinde Steuerzahler verloren gehen; ob aber der Gemeinde orthodoxe Steuerzahler verloren gehen – und die Gefahr liegt in Folge des Neubaues der Religionsgesellschafts-Synagoge sehr nahe – danach fragen sie nicht. Merkwürdig ist es, dass der Vorstand das Urteil des Rabbiners eingeholt hat, dessen Kinder das Philanthropin nicht besuchen und nicht das Urteil des Rabbiners, dessen Kinder das Philanthropin besucht haben. Für das Bauen am Samstag kann es nur ein Motiv geben: Rischus! (= Gotteslästerung).
Raphael Ettlinger:
Nun möge auch das schlechte Beispiel bedeuten, dass die angesehene Gemeinde Frankfurts den anderen Gemeinden Deutschlands gib.
Nachdem noch mehrere Redner im Sinne der Vorrede gesprochen haben, wird einstimmig eine Resolution und eine mit den Unterschriften der Gemeindemitglieder zu versehene Petition an den Vorstand beschlossen, deren Abfassung dem Vorstande des Zentralvereins überlassen wird.

Anmerkungen:   Dr. med. W. Hanauer: Dr. med. Wilhelm Hanauer, prakt. Arzt, Mainzer Landstraße 17 I
..im Saale des Kaufmännischen Vereins: https://de.wikipedia.org/wiki/Volksbildungsheim_Frankfurt_am_Main  http://www.frankfurt-nordend.de/Images/1910_volksbildungsheim.jpg   http://www.frankfurt-nordend.de/Images/1910_volksbildungsheim_grosser_saal.jpg 
Philanthropin: https://de.wikipedia.org/wiki/Philanthropin_(Frankfurt_am_Main) , Hebelstraße 15 -19, Leiter: Studiendirektor Dr. Driesen, Hebelstraße 15. 848 Kinder (1932/33)
Krankenhaus: http://www.juedische-pflegegeschichte.de/juedische-krankenhaeuser  
...dem großen Brande im Jahr 1711: https://www.judengasse.de/dhtml/E006.htm 
Hauptsynagoge: siehe Seite zur Hauptsynagoge (interner Link)  
Fremdenhospital: Hospital zum heiligen Geist https://de.wikipedia.org/wiki/Hospital_zum_Heiligen_Geist_(Frankfurt_am_Main)    
..ein Gebäude errichten ließ: http://architectura-virtualis.de/rekonstruktion/synagogefrankfurt.php?lang=de&img=O
Familie Königswarter: https://de.wikipedia.org/wiki/Königswarter_(Adelsgeschlecht)  
Kompostellhof: https://de.wikipedia.org/wiki/Kompostellhof
Isaac Mainz: Isaac Mainz, Privatier, Königswarterstraße 25 pt
Max Bauer: Max Bauer, Peterweilstraße 45 H. I. oder Max Bauer, Kaufmann, Eschenheimer Anlage 35 E oder Max Bauer, Kaufmann, Schloßstraße 88 III
Rabbiner Dr. Seligmann: Rabbiner Dr. Cäsar Seligmann, https://de.wikipedia.org/wiki/Caesar_Seligmann   https://www.judengasse.de/dhmtl/P145.htm   
Schottenfels: Adolf Schottenfels, Kaufmann, Feststraße 11 oder Josef Heinrich Schottenfels, Le-derkomissionsgeschäft, Holzgraben 9, Wohnung Merianstraße 36 I
Emanuel Lehmann: Wahrscheinlich E. Lehmann, Kursmakler, Rotteckstraße 10 I
Hugo Fränkel: Hugo Fränkel, Fabrik und Erv. von Silberware, Eschenheimer Anlage 30 I
Dr. Heinemann: Dr. Isaak Heinemann, Lehrer, Hermesweg 23 I
Raphael Ettlinger: Raphael Ettlinger, Möbelstoffe und Teppiche, Kronprinzenstraße 12, Wohnung: Friedberger Anlage 1.    

 
Resolution des Zentralvereins israelitischer Gemeindemitglieder gegen Arbeiten an Samstagen und Feiertagen bei Neubauten der jüdischen Gemeinde (1907)    

Frankfurt FrfIsrFambl 12041907rr.jpg (154626 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 12. April 1907:  "Resolution des Zentralvereins israelitscher ….(1907)
Frankfurt a. M. Die Resolution, die seitens des Vorstandes des Zentralvereins israel.(itischer ) Gemeindemitglieder an den Vorstand der israel.(itischen) Gemeinde abging lautet:
'Die am 9. April l.(etzten) J.(ahres) im Saale des kaufmännischen Vereins abgehalten außeror-dentlich zahlreich besuchte öffentliche Versammlung hiesiger Gemeindemitglieder hat auf das Entschiedenste dagegen protestiert, dass an den Neubauten der Israelitischen Gemeinde – Wes-tend-Synagoge https://www.alemannia-judaica.de_frankfurt_synagoge_westend.htm und Phi-lanthropin - an Samstagen und jüdischen Feiertagen gearbeitet wird.

Die Versammlung war einstimmig der Ansicht, dass durch die Ausführung der Bauten am Samsta-ge und jüdischen Feiertagen das religiöse Empfinden einer großen Anzahl Gemeindemitglieder aufs Tiefste verletzt und die Gesamtinteressen der Gemeinde nach innen und nach außen aufs Schwerste geschädigt werden würden.
Sie hat auf die für Israeliten aufgeführten Neubauten wie Waisenanstalt, Suppenanstalt, Versor-gungshaus, Loge, Kindergarten für Israeliten, Bauten der Israelitischen Religionsschulen im Her-mesweg und Unterlindau, auf den Bau der Israelitischen Krankenpflegerinnen hingewiesen; auch auf den Bau der Hauptsynagoge in der Allerheiligenstraße selber, bei denen sämtlich der Bau an Samstagen und an jüdischen Feiertagen ausgesetzt wurde.

Die Versammlung spricht daher die bestimmteste Erwartung aus, dass auch bei den Neubauten an Samstagen und an jüdischen Feiertagen nicht gearbeitet und etwaige dementsprechende Abma-chungen sofort rückgängig gemacht werden.'



..im Saale des Kaufmännischen Vereins: https://de.wikipedia.org/wiki/Volksbildungsheim_Frankfurt_am_Main
http://www.frankfurt-nordend.de/Images/1910_volksbildungsheim.jpg
http://www.frankfurt-nordend.de/Images/1910_volksbildungsheim_grosser_saal.jpg
Philanthropin: Hebelstraße 15- 17
Waisenanstalt: https://www.am-spiegelgasse.de/wp-content/downloads/erinnerungsblaetter/EB-Salmon-Selma.pdf , Leiter: Isidor Marx
Suppenanstalt: Israelitische Suppenanstalt, Theobaldstraße 5


"        

   
Versammlung der Zionistischen Vereinigung, dabei Diskussion um das Bauen am Sabbat bei der neuen Synagoge und dem Philanthropin (1907)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. April 1907: "

Versammlung der zionistischen…….. (1907)
Frankfurt a. M., 17. April. Gestern Abend hielt die hiesige Zionistische Vereinigung im Saale des Kaufmännischen Vereins eine Versammlung ab, deren Tagesordnung einen Vortrag von Dr. Schmarja Lewin aus Wilna über die Juden im Osten und eine Besprechung Frankfurter Ge-meindeangelegenheiten umfasste. Die Rede des Herrn Dr. Lewin nahm den größten Teil des Abends ein. Er schilderte die Lage der russischen und dann die der amerikanischen Juden in tem-peramentvollen Ausführungen und forderte zum Beitritt zur zionistischen Organisation auf, deren Arbeit allein die Judennot zu beseitigen imstande sei. Das zweite Referat erstatte Herr Fritz Sondheimer. Er beschäftigte sich hauptsächlich mit der Frage des Bauens am Sabbat bei der neu-en Synagoge (Westend-Synagoge, Anm. S. R.) und dem Philanthropin. Es handle sich darum, fest-zustellen, dass Tausende von Mitgliedern der Frankfurter israelitischen Gemeinde nicht mit dem jetzigen Einrichtungen der Gemeinde zufrieden sind und es nicht dulden werden, dass mit den jüdischen Überlieferungen gebrochen wird. Man könne sich nicht damit zufrieden geben, dass die Beschaffung eines positiven Religionsunterricht verweigert, dass die Zionsgebete in einer Syna-goge aus den Gebetbüchern gestrichen wurden und auch die hebräische Sprache fast ganz daraus verbannt ist. Man müsste gegen die immer fortschreitende Annäherung an den christlichen Glau-ben entschieden protestieren. Wenn jetzt die Nachricht komme, dass der Vorstand beschlossen habe, an der Synagoge am Sabbat nicht bauen zu lassen, so sei das nur unter dem Druck ver-schiedener öffentlicher Kundgebungen geschehen. Und jedenfalls ist doch hinsichtlich des Phi-lanthropins ein derartiger Beschluss nicht gefasst worden. Wenn die Katholiken an ihren besonde-ren Feiertagen keinerlei öffentliche Bauarbeit vornehmen lassen, so darf das auch bei uns nicht geschehen. Der Redner verlangt eine Abänderung des Philanthropinstatuts, damit auch die kon-servative Majorität einen Einfluss auf die Anstalt gewinne. Zur Charakteristik der Gemeindezu-stände führt er an, dass Unterstützung seitens des israelitischen Almosenkastens nicht nach der Bedürftigkeit verliehen worden seien, sondern nur unter der Bedingung politischer Selbstenthaup-tung. Wir müssen, schließt der Redner, nicht Resolutionen beschließen, denn das hatte ja doch keine Wirkung, es ist vielmehr notwendig, dass wir mit dem Stimmzettel ein anderes Wahlsys-tem für den Vorstand erkämpfen. In der Diskussion spricht Herr Levigard im Sinne des Referen-ten Das Philanthropin ist, wenn man von seinen Leistungen in den profanen Fächern absieht, das traurigste System einer jüdischen Schule, das man sich denken kann. Das Judentum ist gänzlich daraus verbannt. Die Lehrer dürfen den Sabbat öffentlich entweihen, der Religionsunterricht steht mit allem wahrhaft Jüdischen auf dem Kriegsfuß. Redner erinnert daran, dass das Verlangen, beim Religionsunterricht die Kopfbedeckung aufzusetzen, verweigert worden ist. Wir müssen da-für sorgen, dass wir nicht mehr dagegen zu protestieren haben, dass gegen das jüdische Gesetz und das jüdische Gefühl gesündigt wird. - Dem Protest der Vorredner tritt Herr Weinberg bei, worauf die Versammlung geschlossen wird.




Fritz Sondheimer: Fritz Sondheimer, Kaufmann, Eschenheimer Anlage 3 pt
Herr Levigard: Martin Levingard, Adressenverlag, Liebfrauenberg 24 I, Wohnung: Sandweg 60 I
Herr Weinberg: Alexander Weinberg, Auslaufer, Hinter der Schönen Aussicht 14 II oder
Dr. Arthur Weinberg, Chemiker und Fabrikbesitzer, Palmengartenstraße 12 oder
Carl Weinberg, Fabrikbesitzer, Griechischer Generalkonsul, Waldfried bei Niederrad, Konsulat Feuerbachstraße 50 oder
Emanuel Weinberg, Kaufmann, Kleine Obermainstraße 19 für Gutmann & Weinberg und für che-mische Fabrik Mainau, Emanuel Weinberg & Co. Oder
Gustav Weinberg, Etuisfabrik, Großer Kornmarkt 18, Wohnung: Böttgerstraße 33 oder
Dr. phil. Gustav Weinberg, Assistent a. d. Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften, Nidda 39 III oder
Hermann Weinberg, Ellenbachstraße 53 für Germania-Lackfabrik Wilhelm Kaiser & Co. Oder
Hermann Weinberg, Manufakturwaren und Schuhwaren, Neue Zeil 15 III oder
Hugo Weinberg, Kaufmann, Eilenbachstraße 53 oder
Julius Weinberg, Kaufmann, Hölderlinstraße 10 pt oder
Max Weinberg, Kaufmann, Mauerweg 4 II für Germania-Lackfabrik Wilhelm Kaiser & Co. Oder
Richard Weinberg, Chamois- und Portefeuille-Leder, Elbestraße 32 E, Wohnung Blittersdorffplatz 27 pt.



"      


Über die neue Synagoge der Israelitischen Religions-Gesellschaft (Friedberger Anlage) (1907)   

Frankfurt Israelit 29081907a.jpg (717303 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. August 1907: "Die neue Synagoge der Israelitischen Religions-Gesellschaft zu Frankfurt am Main. Sechsundfünfzig Jahre sind es in diesem Monat. Ein kleines Häuflein nur hatte den zerstörenden Stürmen der Reform stand gehalten. Nur wenige waren übrig geblieben in der einstigen Stadt und Mutter in Israel, als die Frankfurt von altersher gegolten hatte - unter der Jugend so wenige, dass einer von ihnen in seinen Erinnerungen berichtet, er habe keinen Altersgenossen gehabt, der nur noch das Gebot, Tefillin anzulegen geübt hätte. Diesen wenigen fehlte nicht der Mut. Sie ließen an einen rüstigen Kämpfer ihren Ruf ergehen, an einen Mann, der seines Geistes Schwungkraft der Weilt schon offenbart hatte in zwei Schriften voll heiligen Eifers und zündender Gedanken. Und er, der Landesrabbiner von Mähren, folgte dem Ruf der kleinen Schar, weil er erfüllt war von der Überzeugung, dass Gott mit den Wenigen ist, wofern die Wahrheit und das Recht nur auf ihrer Seite steht. 56 Jahre sind es in diesem Monat, dass Samson Raphael Hirsch - das Andenken an den Gerechten ist zum Segen - nach Frankfurt kam, um hier die Fahne der Tora mit starker Hand aus dem Staub zu erheben und die Treugebliebenen um sie zu sammeln. Außer einem gewaltigen Arbeitsfeld hatte die Religionsgesellschaft, die sich kurz vorher zur Erhaltung der überlieferten Heiligtümer gebildet, dem eine hervorragende äußere Stellung aufgebenden Manne nicht viel zu bieten. Nicht einmal eine Stätte, wo er seinem Kreise das Wort der Tora hätte verkünden können, nicht einmal eine Synagoge war vorhanden. Die Betstube der Israelitischen Krankenkasse bat man ihn zu besuchen. Aber hier war seines Bleibens nicht; die Verwaltungs-Kommission der Krankenkasse, der auch jene Synagoge unterstand, verletzte die Rücksicht, die Hirsch als Rabbiner gebührte, und die Religionsgesellschaft war gezwungen, in einer gemieteten Wohnung eine provisorische Synagoge zu errichten. Hier hielt Hirsch nun allsabbatlich die begeisternden, von der Fülle der Gedanken überströmenden Reden, mit denen er die Herzen entflammte und die Gemüter erleuchtete. In diesen Räumen erschloss er einer immer mehr wachsenden Schar von Zuhörern die Tiefen des göttlichen Gesetzes, gewann und stärkte er sie zum Kampf gegen die feindlichen Bestrebungen, die sich der jungen Religionsgesellschaft bei ihrer friedlichen Arbeit hindernd in den weg stellten, die sie aber unter Gottes Beistand, geführt von ihrem genialen Meister, Schritt vor Schritt siegreich überwinden sollte.   
Dem Geschlechte, das heute zur Weihe des zweiten Gotteshauses der Religionsgesellschaft sich anschickt, nachdem das erste die Zahl der Einlassbegehrenden nicht mehr zu fassen vermocht, ziemt der Rückblick auf diese Anfänge der Gemeinde. Anfänge waren es, wiewohl nur der Faden weitergesponnen werden sollte, den die Väter in Händen gehalten, den aber eine neue, ihres Gottes vergessende Zeit abgerissen hatte. Die Geschichte der Religionsgesellschaft gleich darin der des jüdischen Volkes im ganzen, dass auch in ihr das unwahrscheinlich Klingende volle Wirklichkeit ward. 'Der Stein, den die Bauleute verachtet, ist zum Haupteckstein geworden.' Und der Winzigkeit ihres Beginnes sich erinnernd beugt sich die Gemeinde im Angesicht des mächtig sich dehnenden Baues, der nun vollendet ward, demütig das Haupt vor dem Lenker der Geschichte, der auch diesen Tag in wunderbarer Weise gewirkt. -  
Im Jahre 1853, am 28. Elul (29. September), zog die Religionsgesellschaft aus ihrem bisherigen gemieteten Bet HaKnesset (Synagoge) in die Synagoge, die sie in der Schützenstraße errichtet hatte; die Lehranstalt der Gemeinde bestand bereits seit einem halben Jahr. Die Synagoge umfasste nur 250 Männersitze und etwa 200 Frauensitze; und man glaubte, dass diese Zahl den Bedarf weit übersteigen würde. Aber schon nach einigen Jahren waren die Plätze vergriffen, Bald erwies sich eine Vergrößerung des Gebäudes als dringend erforderlich. Man suchte sich lange Jahre zu behelfen, bis man schließlich im Jahre 1872, als keine Wahl mehr blieb, sich zum Bauen entschloss. Der Garten der Unterrichtsanstalt wurde für den Anbau benutzt. Die Synagoge wurde nur in der Länge erweitert, sodass der Gottesdienst während des Bauens nicht verlegt zu werden braucht. Erst nachdem der Anbau vollständig ausgeführt war, wurde er durch Abbruch der bisherigen Ostwand mit der Synagoge vereinigt, aber auch während dieser Abbrucharbeit wurde der Gottesdienst nicht gestört; man errichtete eine Holzwand, die währenddessen die Ostseite abschloss, und nur in der kurzen Zeit, die zu deren Niederlegung notwendig war, fand das gemeinsame Gebet in den Räumen der Unterrichtsanstalt statt. Der Tage vor Rosch Haschana im Jahr 1873 ward in derselben weise wie zwanzig Jahre vorher die Einweihungsfeier vollzogen.  
In den folgenden Jahrzehnten, die der Religionsgesellschaft die volle Selbständigkeit und alle Rechte einer Gemeinde brachten, wuchs die Zahl der Mitglieder unaufhörlich, sodass jetzt schon seit Jahren die weiten Räume der Synagoge in der Schützenstraße nicht genügten. Man erließ im Jahre 1904 ein Ausschreiben, durch das den drei besten eingelieferten Entwürfen zum Neubau Preise von 4000, 2500 und 1500 Mark zugesichert wurden. Das Preisgericht, das aus den Herren Geheimer Oberbaurat Professor Hofmann - Berlin, Königlicher Baurat Neher - Frankfurt am Main, Königlicher Baurat March - Charlottenburg, Wilhelm Hackenbroch (Mitglied des Vorstandes), Dr. Israel Roos (Mitglied des Ausschusses) und Michael Schwabacher (Mitglied der Baukommission) bestand, trat im Oktober desselben Jahres zusammen. Von den durch das Preisgericht prämiierten Arbeiten wurde schließlich die der Architekten Jürgensen und Bachmann in Charlottenburg zur Ausführung bestimmt. Die Grundsteinlegung erfolgte am 21. November 1905. Über den vollendeten Bau seien im Anschluss an unsere Illustrationen folgende Daten mitgeteilt: 
Der Hauptraum hat im Grundriss die Form eines Rechtecks, dessen Längsachse genau von Osten nach Westen gerichtet ist; die Synagoge ist somit genau orientiert. Vor dem Hauptbau lagert sich ein geräumiger Vorhof, der nach der Friedberger Anlage hin durch zwei große Portale (Männereingänge) geöffnet, und nach den Seiten hin durch die vorderen Flügelbauten abgeschlossen ist. Durch den dem Hauptgiebel vorgelagerten Portalvorbau gelangt man zunächst in die geräumige Vorhalle, von wo breite Türen zu den Männergarderoben und zum Hauptraum führen. Das Mittelschiff des Hauptraumes ist durch eine riesige Tonne überwölbt, in welche die Querschiffe der Seitenemporen als Stosskappen hineinschneiden und dem Raum eine ruhige monumentale Gesamtwirkung geben. Vorne an der Ostwand erhebt sich der Estradenaufbau (ganz in nassauischem Marmor gehalten); zu beiden Seiten liegen die Räume für Rabbiner, Kantoren und Synagogenbeamten. In der Mitte steht der Almemor, aus kostbarem Kyrosmarmor mit Bronzefüllungen gefertigt. Die Frauen gelangen durch die zu beiden Seiten der Hauptportalbögen gelegenen Vorhallen auf breiten hellen Aufgängen in die geräumigen Frauengarderoben, die durch je 2 Türen mit der West- respektive den Seitenemporen verbunden sind. Im Osten der Seitenemporen sind Nottreppen angebracht. Das Erdgeschoss hat Raum für 1000 Plätze, das Emporengeschoss für 600 Plätze. Die Versammlungssäle mit Nebenräumen sind im Parterre des rechten Flügelbaues angeordnet. In dem vorderen Teil des rechten Flügelbaues ist im Obergeschoss eine Wohnung vorgesehen und über der Frauengarderobe eine weitere Wohnung für den Hausmeister. Im linken Flügel liegt im Parterre das Sitzungszimmer, durch eine Wendeltreppe mit der Kanzlei und den Archivräumen verbunden. Beide Flügelbauten, die große Vorhalle und die Räume im Osten, sind unterkellert, zunächst aber nur für Heizungs- und Lüftungszwecke in Anspruch genommen. Im Hauptraum ist überall doppelte Verglasung vorgesehen und zwar an der Innenseite Kunstverglasung. Das Gestühl ist in Eichenholz, die Wandvertäfelungen der Haupt- und Nebenräume in Kiefernholz angefertigt. Auf gute Heizung und Lüftung wurde sehr viel gewicht gelegt; namentlich die Lüftungsanlage wurde mit allen Verbesserungen der Neuzeit ausgeführt. Außer der elektrischen ist auch Gasbeleuchtung vorgesehen. Die Architektur ist in modernisiert romanischen Formen gehalten und zeigt stellenweise auch maurische Anklänge. Der Hauptbau mit sehr reich detailliertem Giebel türmt sich zu einer mächtigen, von zwei gedrungenen Türmen flankierten Gruppe auf. Durch das Zurückschieben des Hauptbaues und die niedrigen vorgeschobenen Flügelbauten ist eine ebenso zweckmäßige wie fein empfundene malerische Anlage geschaffen, womit gleichzeitig eine wirkungsvolle Steigerung des Hauptbaues erzielt wurde. Durch den gewählten Muschelkalk als Hauptbaumaterial kommt die eingehende und liebevolle Durcharbeitung aller Einzelheiten, namentlich der originellen Bildhauerarbeiten besonders charakteristisch zur Geltung. Es lohnt sich die Einzelheiten zu studieren. Überall neue Motive, neue Gruppierungen und doch nirgends Überladung, immer herrscht das Gefühl der Notwendigkeit und ernsten, feierlichen Erhabenheit vor. Im Inneren gestattete die Opferwilligkeit der vielen Spender eine reichere Ausstattung als zu Anfang geplant war. Es würde hier zu weit führen die vielen Details entsprechend zu würdigen, es seien nur die reichen, kostbaren Marmor-, Bronze- und Schmiedearbeiten erwähnt und die eigenartige Technik in der Ausmalung des Hauptraumes, die verhältnismäßig einfach ausgeführt, doch sehr reich wirkt. Die Architektur, wie überhaupt die ganze Art der Ausstattung und Behandlung weicht von den in Frankfurt am Main üblichen Formen ab; aber trotzdem dürfte das Gebäude, was Frische der Gestaltungskraft und Feinheit des Empfindens anlangt, der Stadt Frankfurt am Main zur Zierde gereichen.  -  
Die 'Israelitische Religionsgesellschaft' kann stolz sein auf das große und schöne Gotteshaus, in das sie aus den historischen Räumen der alten Synagoge heute übersiedelt. Ist ja der neue Bau ein Wahrzeichen der sich immer verjüngenden Lebenskraft des Geistes, der in der Gemeinde Gestalt gewonnen hat. Der Geist des alten gesetzestreuen Judentums, bestrahlt von dem Lichte der modernen Bildung, ist in dieser Gemeinde zum Siege geführt und von hier aus hinausgetragen worden in die weitesten Kreise der Judenheit, dort neuen Mut und neues Leben zu wecken. So werden die Bekenner des gesetzestreuen Judentums auf dem ganzen Erdenrunde an dem Festtage, den die Frankfurter 'Israelitische Religionsgesellschaft' heute begeht, freudigen Anteil nehmen."       
   
Frankfurt Israelit 29081907b.jpg (219985 Byte)"Festgruß an die neue Synagoge
Ich grüße Dich, Du stolzer Bau, 
Der neu sich dort erhebet; 
Grüß jede Seele, die in Dir  
Für unsre Tauroh lebet.  
Zwar schleicht sich Wehmut leis ins Herz, 
Da sich Dein Tor verriegelt, 
Du altes Heim, wo Meistergeist 
Hat Tauroh einst entsiegelt.  
Doch weiß ich, lebt' der Meister noch - 
Wie würd' ihm Dank entquillen, 
Dass prangend die Gemeinschaft wuchs, 
Die schuf sein Geist und Willen.  
Die aus dem Nichts entstand durch ihn, 
Der erst ihr gab das Leben, 
Und dessen Geist durchglühte sie 
Mit seinem Adlerstreben.  
Vor sich sein lichtes Ideal, 
Konnt hier er wirken, schaffen, 
Nicht irrte ihn der Spötter Hohn, 
Der Hochmut leerer Laffen.  
Und bald - da wandelt Spott und Hohn  
Sich in ein staunend Schweigen, 
Und vor der Wahrheit Hoheit muss 
Sich Feind und Hasser neigen. 
   
Als ir woëm bejisroël, 
Als Muster jüd'scher Kreise, 
Bricht der 'Kehilloh' Glanz die Bahn 
Der alten jüd'schen Weise.  
Und wenn auch heim der Meister ging, 
Er lebt und atmet weiter  
In der Gemeinde Herzen fort, 
In ihrem Führer und Streiter, -  
Und nun gemehrt von Jahr zu Jahr, 
Ward ihr der Raum zu enge, 
Und heut' durchbrausen das neue Haus  
Des Jubels und Dankes Klänge.  
Was Menschenkunst und -Hand vermag  
Und reiche Liebesgaben - 
Wie ragst Du himmelweisend, Bau, 
Den sie errichtet haben.  
Nun stehen alle dankerfüllt  
Im strahlenden Gebäude 
Und beugen demutsvoll das Haupt, 
Bewegt vor Gott in Freude.  
So mög' des Himmels Segen reich 
Mit uns hinüberziehen  
Und alle dunkle Schatten Dich, 
Du heil'ge Stätte, fliehen.  
Und jede Andacht, die sich hier, 
Herr, im, Gebet entzündet - 
Leih gnädig, Herr, dem Wort Dein Ohr, 
Das Deinen Namen kündet." 
Zur Abbildung: "Die hier in Originalgröße dargestellte Plakette wurde nach einem Entwurfe des Herrn M. Schnerb von dem Medailleur Reinhold Heun angefertigt. Sie zeigt den Neubau in einem Rahmen, welcher der Nische des Oraun hakaudesch der alten Synagoge nachgebildet ist, und bildet so gleichzeitig eine sinnige Erinnerung an das alte Gotteshaus. Die Plakette ist von Herrn Leo Hamburger, hier, zu beziehen. 
Postkarten mit Ansichten der neuen Synagoge wurden von den Firmen Grödel, A. und M. Löwenthal und Gebr. Roos angefertigt." 

     
Einweihung der neuen Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft (1907)  
Anmerkung: auch in dem Bericht aus der Zeitschrift "Der Israelit" - oben unter "Abschied von der alten Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft" eingestellt - wird ausführlich über die Einweihung der neuen Synagoge berichtet.      

Frankfurt Frf IsrFambl 30081907.jpg (502804 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 30. August 1907:  "Die Einweihung der neuen Synagoge der Synagogengemeinde 'Israelitische Religionsgesellschaft' in Frankfurt am Main.  
Vor mir liegen drei Programme: 
Programm für die Einweihung der Synagoge Bes Tefillas Jeschurun zu Frankfurt am Main am 29. September 1853.
Programm zum feierlichen Empfange Seiner Ehrwürden des Herrn Rabbiner Dr. S. Breuer, 2. April 1880.  
Programm für die Feier der Einweihung der neuen Synagoge Bes Tefillas Jeschurun der Synagogengemeinde 'Israelitische Religionsgesellschaft', 29. April 1907.  
Jede dieser drei Feiern bedeutet den Beginn eines neuen Abschnittes in der Geschichte der Frankfurter Israelitischen Religionsgesellschaft. Als unter dem Voranzug der Schuljugend und dem Nachfolgen der Erwachsenen die Torarollen im feierlichen Zuge aus dem Betlokale in die nunmehr errichtete stattliche Synagoge in der Schützenstraße getragen wurden, da ward der ganzen Welt sichtbar, dass nach langen Kämpfen eine lebenskräftige Gemeinde erstanden war; als dann 27 Jahre später der Schöpfer dieses imponierenden Gemeinwesens die Augen geschlossen hatte und sein Nachfolger eingeführt wurde, nahm wieder eine neue Periode ihren Anfang, eine Periode ohne die gewaltige Persönlichkeit des genialen S. M. Hirsch's s.A.; und heute, nachdem die bisherige Synagoge längst zu eng geworden war und nun der Prachtbau einer neuen, gewaltigen Synagoge entstanden ist, tritt die Religionsgesellschaft in eine neue Phase ihrer Entwicklung, für die wir ein Prognostikon noch nicht stellen können, der wir aber eine reiche Fülle von Segen für den engeren Kreis der Gemeinde und für die gesamte Judenheit wünschen.  
Moses sprach zu der ganzen Gemeinde der Kinder Israels: 'Das ist die Sache, die Gott geboten: Nehmet von Euch eine Gabe für Gott, jeder, den sein Herz dazu treibt, bringe die Gottesgabe an Gold, Silber und Kupfer.' Und das Volk brachte so viel, dass seinem Bringen Einhalt geboten werden musste.   
Auch diesmal hat dem Bringen gewehrt werden müssen. Ein erhebender Anblick: eine Gemeinde von vielleicht 700 Familien errichtet eine Synagoge mit dem Kostenaufwande von einer Million Mark, zu der noch die innere Einrichtung im Werte von fast hunderttausend Mark gespendet wurde. 
An der Friedberger Anlage erhebt sich der weiße mächtige Kalkstein-Bau mit seinen beiden wuchtigen, stumpfen Türmen, dem ein Vorhof mit zwei Seitengebäuden, die Sitzungszimmer, Kanzlei, Archiv, Portierwohnung usw. enthalten, vorangestellt ist. Es war eine schwere Aufgabe, die die ausführenden Architekten zu lösen hatten, denn es galt, auf einem für ein solch' gewaltiges Gebäude beschränkten Raume ein frei wirkenden Bau hinzustellen. Und die ausführenden Architekten haben diese Aufgabe nicht allein restlos gelöst; nein, sie haben sogar dank der vollständigen Freiheit, welche ihrem künstlerischen Empfinden die Auftraggeberin gewährt hat, etwas durchaus Selbständiges Originelles geschaffen, sodass die neue Synagoge als eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges bezeichnet werden darf. Denn auch das Innere ist nach eigenem künstlerischem Empfinden geschaffen.    
Durch eine Vorhalle, die durch eine in gelbgrauen Tönen bemalte Decke überspannt wird und die bereits eine das Profane verwischende Stimmung erweckt, tritt man auf die geschliffenen Marmorfließen des Synagogenraumes. Man ist überwältigt, aber in demselben Augenblick durchzieht beseligende Ruhe das Herz; denn imponierend und beruhigend wirkt der Innenraum, ein von mächtigen Pfeilern getragenes Tonnengewölbe von 22 Meter Spannung.  
Die Wände dieses Innenraumes sind in vermalter Kratztechnik ornamentiert. In der Mitte erhebt sich der von Frau Menko Kulp Witwe gestiftete Almemor aus feinstem weißen Marmor, unterbrochen durch getriebene Metall-Einsätze. Der Almemor ist ein Meisterwerk. Doch der Oraun Hakaudesch (Toraschrein) steht ihm nicht nach. Gerade in der Partie des Oraun Hakaudesch hat die Erfindungsgabe des Künstlers mit Königslaune schwelgen können. Die Masse des Oraun Hakaudesch, der ein Geschenk der Herrn Meier Selig Goldschmidt ist, besteht aus grauem nassauischen Marmor. Er wird flankiert von zwei mächtigen, mit Beleuchtungskörpern versehenen Pylonen, die in ihrem Metallglanze - sie sind aus Tombak getrieben - sich von der Marmorverkleidung wirkungsvoll abheben.  
Nachdem der Eintretende so das zuerst auf ihn Einwirkende in sich aufgenommen hat, lenkt sich sein Auge auf die Einzelheiten. Da  sind die von Herrn Louis Feist gestifteten vornehmen Beleuchtungskörper, die von verschiedenen Gemeindemitgliedern gestifteten bunten großen Fenster, das von Herren Gebrüder Mosbacher geschenkte kunstvoll geschmiedete Gitter zur Frauen-Galerie, das Ner Tomid (ewiges Licht), welches eine Gabe der Jugend ist usw. Bei dem Oraun Hakaudesch sollen die in Feuer vergoldeten Brismiloh- und Chanukkaleuchter - ersterer ein Geschenk der Herren Gebrüder Sondheimer, letzterer ein Geschenk des Herrn Adolf Stern - auf.   
Über die besonders schönen Silber-Gegenstände einige Worte: das Ner Tomid (ewige Lampe), von der Firma Carl Grebenau gefertigt, aus gediegenem Silber feuervergoldet hergestellt, ist vollständig handgearbeitet, reich ziseliert und mit Edelsteinen gefasst. Zeichnung und Modell sind nach den Intentionen der bauleitenden Architekten ganz im spätromanischen Stile, in welchem die Synagoge gehalten, ausgeführt. - Der Brismilohleuchter ist im kunstgewerblichen Atelier des Juweliers Felix Horovitz ausgeführt. Dieser fünfarmige Leuchter, dessen Höhe bis zu den in Onyx angefertigten Kerzen ca. 2,30 Meter beträgt, ist von vergoldetem Silber gefertigt. Auf einem dreiteiligen Fuß, der auf Kugeln ruht, erhebt sich, nach oben sich verjüngend, der vierkantige Schaft, aus dem sich die fünf Arme entwickeln, die oben von einer fein durchbrochenen Querleiste zusammengehalten werden. Jeder Arm trägt oben eine Tülle, die je eine große Onyxsäule (für Gas eingerichtet) umgeben von 12 Wachskerzen halten. Komposition und Ornamentik schließt sich dem Stil der Synagoge an. - Die gleiche Höhe wie der von   
Frankfurt Frf IsrFambl 30081907b.jpg (452440 Byte)der Firma Felix Horovitz angefertigte Brismilohleuchter hat der aus der Werkstätte der Silberwarenfabrik Lazarus Posen Witwe hervorgegangene Chanukkaleuchter. Auch er ist dem Stile der Synagoge angepasst; zu seiner Anfertigung wurde allein ein Zentner Silber verwandt. Die Firma Lazarus Posen Witwe hat außerdem die vier reizenden feuervergoldeten Omedleuchter, ein Geschenk des Herrn Meier Selig Goldschmidt, angefertigt, außerdem eine Weinkanne, die Herr Max David Goldschmidt, einen reichgetriebenen großen Hawdolohkerzenhalter, den Herr Gottschalk Engelbert, und die in Bronze ausgeführten Beleuchtungskörper für die Jahrzeitlichter und einen bis ins kleinste Detail ausgeführte Silber-Toragarnitur, die Herr Ferdinand Meyer gestiftet hat.  
Manches aus der Fülle des Gestifteten wäre noch zu erwähnen - so der gesamte Linoleum-Belag von Herrn Dr. Roos und der wertvolle antike silberne Toraschmuck von Herrn Jacob Besthoff -; aber das bereits Beschriebene gibt einen Begriff von dem Opfersinne, den die Mitglieder der Israelitischen Religionsgesellschaft betätigt haben, da sie Gott ein Heiligtum bauten.   
Der Abschiedsgottesdienst, der auf heute, Donnerstag, nachmittags 3 Uhr festgesetzt war, vereinigte zum letzten Male die Gemeinde - es war eine dichte Menge tief ergriffener Menschen, kein Plätzchen in dem weiten Raum war frei. Vor dem Mincha-Gebet wurde Psalm 42 abwechselnd vom Oberkantor Friesländer und der Gemeinde vorgetragen und nach demselben vom Oberkantor Psalm 132 rezitiert. Hiernach beschritt unter feierlicher Stille Herr Rabbiner Dr. Breuer die Kanzel.  
Der ehrwürdige Redner begann mit dem bekannten Mincha-Gebet: 'Es möge sein Wille sein, so wie er uns begnadet hat, die Sonne zu sehen in ihrem Aufgange, so möge er sie uns auch schauen lassen bei ihrem Abzuge'. Dieses Gebet sei angebracht bei der gegenwärtigen Feier; vor fünfzig Jahren wurde der Einzug in dieses Haus gefeiert, und heute wird nun der Auszug vorgenommen, aber es ist kein Untergang, sondern ein neuer Aufgang der Sonne, denn wie die Sonne nicht untergeht, so auch das Judentum. Und ebenso wie Moses einst bei jedem Zuge der Bundeslade das Gebet 'Wajehi binsaua' zu sagen pflegte, so verfahren auch wir: Bei unserem Umzuge nehmen auch wir unsere Tora mit. Wir wollen in demselben Geiste, der bis jetzt unsere Gemeinde beseelte, weiter fortleben. Nachdem Redner den Segen 'Gesegnet sei dein Eintritt, wie dein Austritt', der sich nach unseren Weisen auf Eintritt und Austritt aus der Synagoge bezieht, ausspricht, segnet er die Gemeinde und erfleht Gottes Segen auf sie herab; der Geist Samson Raphael Hirschs möge auch fernerhin in ihr walten. - Nach der Predigt wurden die 22 Sifre Tauroh (Torarollen) unter den Gesängen des Chors, den Herr Kantor Neumann von der Hermesweg-Synagoge mit seinem Takt leitete und unter Herrn Oberkantor Pessachowitsch's Gesang hinausgeführt und in 11 Wagen nach der neuen Synagoge gebracht.   
6 1/2 Uhr wurde die Einweihungsfeier in Gegenwart von mehr als 2.000 Personen, darunter Vertreter von 40 jüdischen Gemeinden - auch die hiesige jüdische Gemeinde hatte zwei Vertreter entsandt - Polizeirat Mahrenholz als Vertreter des Polizeipräsidenten, der kommandierende General Eichhorn, Bürgermeister Grimm in Vertretung des Oberbürgermeisters und 30 Rabbiner, eröffnet. Herr Oberkantor Friesländer intoniert den 'Matauwu' und der Chor tritt in Aktion. Nach Psalm 118, der von Vorbeter und Chor abwechselnd vorgetragen wird, wird die Synagogentüre geöffnet, und indem Herr Oberkantor Pesachowitz 'Se haschaar' rezitiert, tritt er mit dem Zuge der Toraträger ein. Seine Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Breuer spricht die Brochoh 'Halauw wehamtiw' und der Zug der Toraträger schreitet einmal um den Almemor, während der Vorbeter das Simchas-Tora-Lied 'Ono haschem' mit der Simchas-Tora-Melodie vortrögt. Die Torarollen mit ihrem auffallend prächtigen Gold- und Silberschmuck werden nun unter den entsprechenden Gesängen in den 'Oraun hakaudesch' (Toraschrein) gestellt, ein überaus feierlicher Moment! Der Rabbiner schließt die Lade und entzündet den 'Ner Tomid' (ewiges Licht), während der Chor Psalm 30 singt. Nun beginnt der Rabbiner die Festrede mit dem letzten Verse des soeben verklungenen Psalms, der mit 'Dank' abschließt. Er dankt allen, die zu dem Gelingen des Werkes beigetragen, und führt dann aus: Nicht der Gottesdienst in der Synagoge, sondern der Gottesdienst, den jedes Mitglied der Gemeinde im Leben betätigt, ist das Wichtige. Der Gradmesser für die Bethäuser ist die Gemeinde; Gottestempel muss jeder Jude sein! Jerusalem ist zerstört worden, weil das Schwergewichtig auf den Gottesdienst und nicht auf die Betätigung der jüdischen Anschauungen im Leben gelegt wurde. Übergehend auf die Gemeinde, sagt Redner, dass von ihr zum dritten Male eine Synagoge eingeweiht wird; die Gemeinde begann sehr klein, dann konnte sie eine stattliche Synagoge bauen, und jetzt hat sie, die tonangebend geworden ist, eine der größten Synagogen der Welt errichten können. Wie die Knechte Abimelechs einst unserem Stammvater Isaak 2 mal die Brunnen verschütteten und man deshalb die Brunnen 'Zank' und 'Streit' nannte und der 3. Brunnen, 'Rechaubauth' (Erweiterung) genannt, gedieh, so hofft der Redner, dass der 3. Bau, zu dem Samson Raphael Hirsch, wie einst David zum Tempel, den Grundstein gelegt hat, gedeihen und blühen wird. - Mit dem Maariw-Gebete und Chorgesang schließt die Feier. Das Festessen, das sich dem Gottesdienst anschloss, vereinigte 400 Personen im 'Saalbau'. Arrangement und Lieferung desselben lag in den bewährten Händen des Herrn Hotelier Ries. Herr Jakob Besthoff führte das Präsidium. Es wurden zahlreiche Toaste (Louis Feist, Rabbinatsassessor Posen, Jakob Rosenheim, Provinzialrabbiner Dr. Cahn usw.) gehalten und Tischlieder gesungen. Die Tafelmusik war eine erstklassige, und der Abend bildete einen würdigen Abschluss der vornehm und imponierend verlaufenen Feierlichkeiten."  
   
Anmerkungen: - Rabbiner Dr. Breuer: gemeint Rabbiner Dr. Salomon Breuer: https://de.wikipedia.org/wiki/Salomon_Breuer und https://www.geni.com/people/Salomon-Breuer/6000000003788875284; sein Sohn war Rabbiner Raphael Breuer: https://de.wikipedia.org/wiki/Raphael_Breuer, ein anderer Sohn Joseph Breuer war gleichfalls Rabbiner.
- S. M. Hirsch: Wohl Samson Raphael Hirsch
- Frau Menko Kulp Witwe: Wohl Julie Kulp, Obermainanlage 29 E
- Almemor: https://de.wikipedia.org/wiki/Bima
- Meier Selig Goldschmidt: Meier Selig Goldschmidt, Kaufmann, Friedberger Anlage 25 E
- Gebrüder Mosbacher: Gebrüder Mosbacher, Eisen und Metalle, Engr., Rechneigrabenstraße 9 pt.,
- Leopold und Maier Mosbacher, privat: Leopold Mosbacher, Kaufmann, Schöne Aussicht 5 II
- Maier Mosbacher, Kaufmann, Hölderlinstraße 7 II
- Gebrüder Sondheimer: Feist Sondheimer, Lehrer, Röderbergweg 87 oder Fritz Sondheimer, Kaufmann, Eschenheimer Anlage 3 pt oder Nathan Sondheimer, Kaufmann, Eschenheimer Anlage 1 I oder Nathan Richard Sondheimer Kaufmann, Obermainanlage 16 II
- Adolf Stern: Adolf Stern, Kaufmann, Friedberger Anlage 22 E oder Adolf Stern, Kaufmann, Hegelstraße 11 I oder Adolf Stern, Kaufmann, Agenturen, Herderstraße 5 pt. oder Adolf Stern, Kaufmann, Palmstraße 13 oder Adolf Stern, Kaufmann, Sandweg 13 oder Adolf Stern, Kaufmann, Sandeweg 44 oder Adolf & Leo Stern, Manufakturwaren, Tuche- und Hemdenfabrik Engr., Große Friedberger Str. 46, Inhaber Adolf Stern
- Carl Grebenau: Carl Grebenau, Kaufmann, Juwelen, Uhren, Gold- und Silberware, Zeil 3, privat: Ostendstraße 13 II
- Felix Horovitz: Felix Horovitz, Juwelen, Uhren, Gold- und Silberware, Schillerstraße 7: Atelier: Grüneburgweg 28, privat: Börneplatz 16 I
- Lazarus Posen Witwe: Lazarus Posen Witwe, Silberwarenfabrik, Modellier- und Ziselierwerkstatt, Steinweg 12, Inhaber H. und Moritz Posen (Berlin); Jacob Lazarus und Sal. Posen in Frankfurt, Prok. Philipp Posen
- Max David Goldschmidt: Max David Goldschmidt, Kaufmann, Beethovenstraße 13 II
- Gottschalk Engelbert: Gottschalk Engelbert, beeid. Bücherrevisor für die kgl. Gerichte des Landesgerichtsbezirks und für das Kgl. Oberlandesgericht Frankfurt a. M., Sachverständiger für kaufmännische Angelegenheiten, Börsenstraße 1 I, privat: Thüringer Straße 13 I
- Ferdinand Meyer: Ferdinand Meyer, Schlosser, Wickerer Straße 14
- Dr. Roos: Israel Roos, Dr. phil., Chemiker, Schöne Aussicht 5 I
- Jacob Besthoff: Jacob Besthoff, Kaufmann, Friedberger Anlage 17 II
- -Mincha: https://de.wikipedia.org/wiki/Mincha
- Oberkantor Friesländer: Julius Friesländer, Ostendstraße 11 III 
- Polizeirat Mahrenholz: Adolf Mahrenholz, Regierungsrat, Eppsteiner Straße 35 II
- General Eichhorn: Hermann Eichhorn, General der Infanterie, Kommandierender General des XVIII. Armee-Korps Erz., Untermainkai 13   https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_von_Eichhorn_(Generalfeldmarschall) )
- Bürgermeister Grimm: Otto Grimm, Bürgermeister, Feldstraße 13 E
- Matauwu: Ma Towu https://de.wikipedia.org/wiki/Ma_Towu
- Brochoh: Bracha https://de.wikipedia.org/wiki/Bracha
- Simcha(t) Tora https://de.wikipedia.org/wiki/Simchat_Tora
- Maariw: https://de.wikipedia.org/wiki/Ma%27ariv
- Hotelier Ries: Julius Ries, Hotel Ulmann, Zeil 68.       
 
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. September 1907: "Die neue Synagoge der israelitischen Religionsgesellschaft Frankfurt am Main an der Friedberger Anlage, wurde am 29. vorigen Monats durch einen Festgottesdienst ihrer Bestimmung übergeben. Das Gotteshaus ist von den Berliner Architekten Jürgensen und Bachmann im romanischen Stil erbaut worden".    

 
Rituelle Kunstgegenstände in der neuen Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft (1907)       

Frankfurt Frf IsrFambl 06091907.jpg (135226 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 6. September 1907:
"Künstlerisch hervorragende Gegenstände der neuen Synagoge der Frankfurter Israelitischen Religionsgesellschaft.
1. Ner Tamid aus dem Atelier der Firma Carl Grebenau
2. Chanukkaleuchter aus dem Atelier der Firma Lazarus Posen Wwe.

Anmerkungen: - Ner Tamid: https://de.wikipedia.org/wiki/Ner_Tamid und https://de.wikipedia.org/wiki/Ewiges_Licht
- Carl Grebenau: Carl Grebenau, Kaufmann, Juwelen, Uhren, Gold- und Silberware, Zeil 3, privat: Ostendstraße 13 II
- Chanukka: https://de.wikipedia.org/wiki/Chanukka
- Lazarus Posen Witwe: Lazarus Posen Witwe, Silberwarenfabrik, Modellier- und Ziselierwerkstatt, Steinweg 12, Inhaber H. und Moritz Posen (Berlin); Jacob Lazarus und Sal. Posen in Frankfurt, Prok. Philipp Posen  
Frankfurt Frf IsrFambl 13091907.jpg (94577 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 13. September 1907: Künstlerisch hervorragende Synagogen-Gegenstände.
Der von der Firma Felix Horovitz, Frankfurt a. M. für die neue Synagoge der Frankfurter Israelitischen Religionsgesellschaft gelieferte Brismilahleuchter.
 
Anmerkungen: Firma Felix Horovitz: Felix Horovitz, Juwelen, Uhren, Gold- und Silberware, Schillerstraße 7, Atelier: Grüneburgweg 28. Wohnung: Börneplatz 16 I
https://artsandculture.google.com/culturalinstitute/beta/asset/kiddush-cup-workshop-of-felix-horovitz-frankfurt-am-main-1876-1964/aAFnG_W7H8j8VQ?hl=de
Brismilah: https://de.wikipedia.org/wiki/Brit_Mila  
  
 
Frankfurt Frf IsrFambl 13091907b.jpg (144246 Byte)Artikel im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 13. September 1907: Künstlerisch hervorragende Synagogen-Gegenstände.
Die von der Firma Lazarus Posen Wwe., Frankfurt a. M., für die neue Synagoge in Posen gefertigte Bekrönung des Araun Hakaudesch
Das über 2 Meter hohe Kunstwerk stellt 2 in Hochrelief getriebene romanische Löwen dar, die mit ihren Vorderpranken ein von goldenen Strahlen bekröntes Tor mit reich ziselierten Säulen halten, aus dessen Mitte ein Bibelvers in transparenter Schrift hervorleuchtet. Den Hintergrund bildet ein vergoldetes fein getriebenes und ziseliertes streng romanisches Ornament, von dem sich die in mattem Silber gehaltenen, hervorragend schön durchgeführten Körper der Löwen mit ihren gelbgoldenen Mähnen wirkungsvoll abheben." 

Anmerkungen: - Neue Synagoge Posen: https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Synagoge_(Posen) 
- Lazarus Posen Witwe: Lazarus Posen Witwe, Silberwarenfabrik, Modellier-und Ziselierwerkstatt, Steinweg 12, Inhaber H. und Moritz Posen (Berlin); Jacob Lazarus und Sal. Posen in Frankfurt, Prok. Philipp Posen
- Araun Hakaudesch: Toraschrein https://de.wikipedia.org/wiki/Toraschrein .     

       
Ergänzungen zum Bericht über die Einweihung der neuen Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft (1907)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. September 1907: "Frankfurt a. M., 11. Sept. Dem Berichte über die Einweihung der neuen Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft sei noch nachgetragen, dass bei dem Weiheakte Herr Oberkantor Pessachowitsch in gewohnter Meisterschaft fungierte. - Die von der Jugend der Gemeinde gestiftete kostbare Lampe für das Ner tamid (ewiges Licht) entstammt dem Atelier des Herrn Carl Grebenau hier. - Das Festessen im Saalbau, dessen Arrangement hohe Ansprüche an die Leistungsfähigkeit des Wirtes stellte, war dem Hotel Ullmann (Julius Ries) übertragen.
 
Anmerkungen: - Oberkantor Pessachowitsch: Oberkantor Benno Pessachowitsch, Ostendstraße 29 III 
- Ner tamid: https://de.wikipedia.org/wiki/Ner_Tamid  
- Carl Grebenau: Carl Grebenau, Kaufmann, Juwelen, Uhren, Gold- und Silberware, Zeil 3, privat: Ostendstraße 13 II
- Saalbau: Konzerthaus mit 1.800 Plätzen in der Junghofstraße  https://de.wikipedia.org/wiki/Saalbau_GmbH
- Julius Ries: Julius Ries, Hotel Ullmann, Zeil 68
      

      
Publikation von Fotografien der neuen Synagoge an der Friedberger Anlage (1908)       

Anzeige im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt vom 12. Juni 1908: "Die neue Synagoge an der Friedberger Anlage hat wegen ihrer hervorragenden künstlerischen Bedeutung bereits mehrere Aufnahmen im Bild gefunden. Dieser Tage ist nun wiederum eine Aufnahme erschienen, und zwar ein Kunstblatt in Hochglanz-Photographie-Ton, dessen Ausführung eine sehr exakte und dessen Preis ein mäßiger - 30 Pfennig - ist. Das Kunstblatt ist von dem Kunstverlag A. und M. Löwenthal zu beziehen."       

 
Radierung der Synagoge Friedberger Anlage (1925)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 5. März 1925: "Die Radierung der Synagoge Friedberger Anlage
- Synagoge Friedberger Anlage zu Frankfurt a. M. - Radierung Alfred Vietze -

dürfte die beste aller bisherigen Wiedergaben sein. Sie entstammt der Meisterhand des Architekten Alfred Vietze hier und ist im Verlage der 'Memoria', Frankfurt a. M., erschienen. Die Aufnahme im 'Israelit' ist nach einer uns vom Verlage zur Verfügung gestellten Original-Radierung erfolgt. Das Blatt ist in sämtlichen jüdischen Buchhandlungen zu sehr mäßigem Preise zu haben und eignet sich auch zu Geschenkzwecken.

Anmerkung: - Memoria: 'Memoria', Inhaber Alfred Goldstein, Reiseandenkenfabrik, Reineckstraße 7. 
Der Architekt Alfred Vietze ist 1889 geboren, vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Vietze_&_Helfrich.
      


Neues Bild der Synagoge Friedberger Anlage (1926)   
Anmerkung: Das Bild siehe unten bei Fotos/Abbildungen; das Gemälde war bei einer Auktion in Israel angeboten.   

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Juni 1926: "Ein neues Bild der Synagoge Friedberger Anlage
Ein herrliches Kunstblatt danken wir der Künstlerin Hilffert-Andorff (statt: Hilppert-Andorff). Es bietet die Innenansicht der Synagoge Friedberger Anlage, in Zeichnung und Farbe so glücklich gelungen, dass es nicht allein die Einrichtung und die Ausmaße zeigt, sondern lebend die heilige Stimmung im Gotteshause widerspiegelt. Das Gemälde dürfte bald den Wandschmuck aller guten Frankfurter und auch aller Freunde der Israelitischen Religionsgesellschaft außerhalb Frankfurts und Deutschlands bilden. (Den Vertrieb hat Herr M. Posen, Frankfurt a. M., Fischerfeldstraße 2. Preis Mk. 25,-).
Von der Künstlerin wissen wir Folgendes: Sie wurde am 28. Juli 1885 als Tochter des bekannten Frankfurter Malers Professor P. Andorff geboren und erhielt ihre erste Ausbildung in der Radierklasse von Professor B. Mannfeld. Sie vervollkommnete sich dann in ihrer Kunst eine Zeit lang in der Berliner Kunstschule. Ein Zyklus von Radierungen aus Alt-Dresden aus der Hand der Künstlerin wurde 1914 von der Stadt Dresden angekauft und befindet sich im dortigen städtischen Archiv. Hier in Frankfurt sind ihre Radierungen aus Altfrankfurt bekannt, auch andere Bilder nach Motiven aus alten Städten in Württemberg. Mit dem Bild der Synagoge sehen wir die tiefschauende Kunst der Malerin auf einer beachtenswerten Höhe.
 
Anmerkungen: - Professor Paul Andorff (1849-1920): https://www.lagis-hessen.de/pnd/1118378490
- Professor B. Mannfeld: https://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_Mannfeld 
- Berliner Kunstschule: https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6nigliche_Kunstschule_zu_Berlin   
     

 
Gedenkblätter zum 25-jährigen Bestehen der Synagoge Friedberger Anlage (1932)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. September 1932: "Gedenkblätter zum 25jährigen Bestehen der Synagoge Friedberger Anlage.
Der Vorstand der Rabbiner-Hirsch-Gesellschaft überreicht ihren Mitgliedern zum 19. Elul eine Broschüre, die das Ereignis der Einweihung unserer Synagoge vor 25 Jahren in unserer Erinnerung aufleben lässt und ein paar wichtige Dokumente aus der damaligen Zeit und früheren Zeiten der Gemeindegeschichte veröffentlicht . An erster Stelle sehen wir die Grundsteinurkunden der Synagoge Schützenstraße (Grundsteinlegung 30. September 1852) und der Synagoge Friedberger Anlage (datiert 21. November 1905). Es folgen drei Reden von Herrn Rabbiner Dr. Salomon Breuer - das Gedenken an den Gerechten ist zum Segen - bei der Grundsteinlegung in der Friedberger Anlage, beim Abschied von der Synagoge Schützenstraße und bei der Einweihung der Synagoge Friedberger Anlage am 19. Elul. Die hebräischen Texte der zwei Grundsteinurkunden bilden den Abschluss der schön ausgestatteten Gedenkblätter.
Eine offizielle Feier der Israelitischen Religionsgesellschaft aus Anlass des Synagogenjubiläums wird, wie schon gemeldet, am Chanukkah stattfinden.

Anmerkungen: - Elul: https://de.wikipedia.org/wiki/Elul 
- Chanukkah: https://de.wikipedia.org/wiki/Chanukka    
      

   
Fertigstellung einer Torarolle für die Synagoge Friedberger Anlage (1933)     

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Februar 1933: "Das Jubiläums-Sefer der Synagoge Friedberger Anlage
Das in voriger Nummer angekündigte Ausschreiben des Sefer (Torarolle) für die Synagoge Friedberger Anlage musste wegen Erkrankung des Herrn Sofer Schreiber verschoben werden. Es findet nunmehr am nächsten Sonntag, den 5. Februar und Sonntag den 12. Februar, im Hörsaale Friedberger Anlage, vormittags von 10 bis 1 Uhr und nachmittags von 3 bis 6 Uhr statt. Es ist damit allen Gelegenheit geboten, sich zur angegebenen Zeit an dem Gebot zum Schreiben einer Tora zu beteiligen. Der Minimalpreis für einen Buchstaben ist auf eine Mark festgesetzt, für Jugendliche im Alter von 17 bis 20 Jahren auf 50 Pfennige.

Anmerkung: -Sofer Schreiber: Toraschreiber Mendel Schreiber, Ostendstraße 45 Erdgesch.   

   
Neue Torarolle in der Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft (1934)      

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Oktober 1934: "Das neue Sefer in der Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft. 
Nach der herrlich verlaufenen Abendveranstaltung zu Ehren des neuen Sefer am Sonntag wurde das Sefer am Freitag Abend mit einem feierlichen Akt auch in der Synagoge eingeweiht. Im festlich beleuchteten G’tteshause standen die Beter Kopf an Kopf, sodass das Bild an hohe Feste in der Glanzzeit der Gemeinde erinnerte. Dass diese Glanzzeit nicht der Vergangenheit gehört, zeigte übrigens nicht allein das volle Haus, sondern auch die ganze Stimmung, das Frohgefühl der Gemeindemitglieder, zu denen sich auch viele Gäste aus den anderen Synagogen und Bethäusern einfanden in schwerer Zeit der Tora ein Fest feiern zu dürfen.
Die Feier spielte sich nach einem in allen Teilen festgelegten Programme ab. Nach dem üblichen Freitagsabendg’ttesdienst, vorgetragen von Herrn Oberkantor Peissachowitsch mit Unterstützung des Synagogenchores, der unter Leitung von Max Neumann sein Bestes gab, bestiegen die Herren vom Vorstand und Gemeinderat die Stufen zum heiligen Schrein, um das Ausheben der sechs Seforim zu flankieren und damit ein echtes Simchas Tora-Bild dem Auge zu bieten. Die große Kinderschar harrte strahlenden Gesichtes unten vor den Stufen um voller Jubel die Torarollen auf ih-rem Rundgange zu küssen. Unter Gesängen setzte sich der Zug in Bewegung, die neue Tora, getragen vom Raw, wurde vom Hörsaale eingeholt und mit einem Baruch Haba ("Gesegnet, der da kommmt) des Synagogenchores begrüßt. Nach einer Hakafah wurde die Tora unter feierlichen Gesängen wieder eingehoben, worauf die Predigt erfolgte. In einer formschönen und wirkungsvollen Rede schilderte unser Gemeinderabbiner J. Horovitz die Eigenart des Festes und das Gebot des Toraschreibers in all sei-nen Ausstrahlungen und seiner Bedeutung für die Totalitätserfassung des jüdischen Pflichtenleben.
Ein festliches 'Jigdal' beschloss die Feier, die in ihrer Seltenheit den Teilnehmern unvergessen bleiben wird. 
Am Sabbatmorgen wurde das neue Sefer ausgehoben und mit der Verlesung des Wochenabschnittes seinem eigentlichen Zwecke zugeführt. Allgemein wird die saubere, schöne Schrift und die herrliche Ausführung bewundert, die der Kunst unseres Sofers, Herrn Mendel Schreiber, wiederum ein ehrendes Zeugnis ausstellt.

Anmerkungen- Sefer: Torarolle
- Oberkantor Peissachowitsch: Benno Pessachowitsch, Ostendstraße 29 III
- Max Neumann: https://frankfurt.de/frankfurt-entdecken-und-erle-ben/stadtportrait/stadtgeschichte/stolpersteine/stolperstein-im-ostend/familien/neumann-max 
- Seforim (Plural für Sefer): Torarollen
- Raw: Rabbiner
- Simchas Tora: https://de.wikipedia.org/wiki/Simchat_Tora
- Hakafah: Prozession https://de.wikipedia.org/wiki/Hakkafot
- J. Horovitz: Gemeinderabbiner Dr. phil. Jakob Horovitz, Staufen-Straße 30
- Jigdal: https://de.wikipedia.org/wiki/Jigdal
- Sofer: Toraschreiber  http://juedisches-leben.erfurt.de/jl/de/mittelalter/handschriften/wissenswertes/118686..html  
- Herrn Mendel Schreiber: Mendel Schreiber, Toraschreiber, Ostendstraße 45 Erdgesch. 
        

   
   
Adresse/Standort der Synagoge  Friedberger Anlage 5-6         
  
  
  
Fotos           
(Quellenhinweis: die historischen Abbildungen der ersten beiden Fotozeilen Mitte und rechts wurden als scans dem Webmaster ohne präzise Quellenangaben zur Verfügung gestellt; die Scans liegen nicht in höherer Auflösung vor; die historische Ansichtskarte links ist in höherer Auflösung eingestellt; die historischen Abbildungen der beiden folgenden Fotozeilen aus der Website www.vor-dem-holocaust.de (dort finden sich Einzelnachweise); die Fotos des "Synagogenbunkers": Hahn, Aufnahmedatum: 20.8.2012)       

 Die Synagoge an der 
Friedberger Anlage - 
historische Abbildungen
  
Frankfurt Syn Friedberger Anlage 034.jpg (43228 Byte) Frankfurt Syn Friedberger Anlage 033.jpg (52242 Byte)
     
     
Frankfurt Synagoge 1601.jpg (316767 Byte)  Frankfurt Syn Friedberger Anlage 035.jpg (63076 Byte) Frankfurt Syn Friedberger Anlage 032.jpg (73200 Byte)
Historische Ansichtskarte (in höherer Auflösung eingestellt) 
(Quelle: Sammlung Hahn)   
   
     
Nachstehende Aufnahmen sind aus der Sammlung der Website des Fritz-Bauer-Instituts www.vor-dem-holocaust.de/
wo sich unter "Frankfurt" noch einige weitere Fotos zur Synagoge in der Friedberger Anlage finden   
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Außenaufnahme Innenaufnahmen der Synagoge 
      
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  Gemälde der Künstlerin Hilffert-Andorff
 (siehe oben Bericht von 1926)  
Auf der Straße vor den Toren zur Synagoge Friedberger Anlage 
  
      
       
 Der "Synagogenbunker" auf 
dem Grundstück der 1938 
zerstörten Synagoge
  
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  Blick auf den auf dem Grundstück der Synagoge im Zweiten Weltkrieg erbauten Hochbunker  
  Das Foto oben in hoher Auflösung    Das Foto oben in hoher Auflösung 
     
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 Das Foto oben in hoher Auflösung  Gedenkstätte mit Gedenkstein - Inschrift (deutsch und hebräisch): "Hier stand die 
1907 erbaute Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft. Sie wurde in der
 Pogromnacht des 9. November 1938 angezündet und zerstört".   
  
     
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  Informationstafeln zum Bunker und über die Arbeit der Initiativen zur künftigen Gestaltung  
     
     

  
   
   
Seit 2010: Einige Presseartikel zur Diskussion um den "Synagogenbunker" an der Friedberger Anlage   

Juni 2010: Frage nach der neuen Nutzung des "Synagogenbunkers" an der Friedberger Anlage  
Artikel von Claudia Michels in der "Frankfurter Rundschau" vom 12. Juni 2010 (Artikel): "Gedenkstätten - Neue Rolle für den Nazi-Bunker
Der Bunker an der Friedberger Anlage, auch der "Synagogenbunker" genannt, ist jetzt zu neuer Nutzung freigegeben. 25 Jahre, nachdem die Bundesregierung das Nazi-Bollwerk von 1942 noch zum Schutzbau nach einem Atomschlag hochgerüstet hatte, gibt die Bundesvermögensverwaltung BIMA den Betonklotz auf und die Stadt kann ihn kaufen. "Ich warte nur noch, welches Geld die wollen", teilt Alfred Gangel im Liegenschaftsamt mit. Sein Angebot: ein Euro; "wenn´s 1000 sind, kann ich auch damit leben".
Damit wird das Netz der Erinnerungsstätten in Frankfurt dichter, denn es ist Beschluss, den Schutzbau auf dem Grundstück der unvergessenen Synagoge Friedberger Anlage dem Gedenken zu widmen. Man befinde sich "auf verbrannter Erde", hatte Salomon Korn, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde, bei einer Veranstaltung der "Initiative 9. November" zum 100. Jahrestag des Synagogenbaus 1907 in Erinnerung gerufen. Das Kulturdezernat erkennt an der Friedberger Anlage 5-6 "einen Ort, wo die Geschichte der Juden und der NS-Zeit aufeinandertrifft", sagte Referentin Ann Anders am Freitag.
Das Dezernat lässt erheben, welche Institutionen hier bereits welche Angebote des Gedenkens machen, um die neue Rolle des Bunkers zu beschreiben. Beispielsweise fehlt eine Stelle, die sich mit Tätern auseinandersetzt.
Auch die 22 Jahre alte "Initiative 9. November" will "die Debatte eröffnen, wie der Bunker künftig genutzt wird", wie ihr Mitglied DiWi Dreysse sagt. Und zwar am morgigen Sonntag bei der Vorstellung eines Sammelbands mit Referaten zu Geschichte und Umgang mit dem Ort.
Auf 125 Seiten finden sich darin auch die Berichte alter Frankfurter, jüdischer und nichtjüdischer, die rund um die Synagoge den tiefen Bruch erlebten, der sich im Zusammenleben nach 1933 mehr und mehr auftat: "Menschen, die gestern noch einflussreiche, mit dem Zylinder in der Synagoge sitzende, wohlhabende Hausherren waren, wurden erniedrigt bis in den Staub", schildert es zum Beispiel Max Mayer in einem Interview von 2002.
"Was aus dem Bunker werden könnte", ist zur Buchvorstellung Thema des Referats von Architekt Dreysse zum "Gestaltungs- und Nutzungskonzept". Man plane, auch Gruppen wie die Stolpersteine-Initiative reinzunehmen. Nach dem Kauf werde das Gebäude "dem Kulturdezernat angeboten", teilt das Liegenschaftsamt mit.
Das Buch "Erinnerung braucht Zukunft" ist bei Brandes & Apsel erschienen. Die Veranstaltung, Friedberger Anlage 5-6 , beginnt am 13. Juni, um 16 Uhr."
  
Januar 2011: Aus dem Bunker soll ein Mahnmal werden      
Artikel (göc) in der "Frankfurter Neuen Presse" vom 10. Januar 2011 (Artikel): 
"Aus dem Bunker soll ein Mahnmal werden.  
 Ostend
. Der Bunker in der Friedberger Anlage soll zur Gedenkstätte umgebaut werden. Wie genau der Bunker einmal aussehen soll, ist noch offen. Der 'Initiative 9. November', die sich seit ihrer Gründung vor mehr als 20 Jahren die Frage stellt, wie der Bunker zur Begegnungsstätte werden könnte, schwebt ein 'Lichtkeil' vor. Der könnte ein architektonisches Gegenwicht zu den meterdicken Betonwänden bilden. Einer Idee, der die Stadtverwaltung positiv gegenübersteht. 
'Der Magistrat befürwortet eine zukünftige Nutzung des Bunkers Friedberger Anlage 5 durch die Initiative 9. November als Gedenkstätte', heißt es im jüngsten Magistratsbericht zur Nutzung des Bunkers. Danach soll der Bunker künftig als Mahnmal an die nationalsozialistische Verfolgung von Juden in Frankfurt erinnern. Denn dort, wo seit 1942/43 der Betonbunker in die Höhe ragt, stand einst eine Synagoge. Doch wie das Mahnmal aussehen könnte, ist noch völlig offen. 
Zu Form, Gestaltung, Kosten und Finanzierung der Gedenkstätte könne jedoch derzeit keine Aussage getroffen werden, da genaue bautechnische Untersuchungen noch ausstünden, heißt es im Bericht der Stadtverwaltung. Bisher findet im Bunker eine Dauerausstellung der Initiative Platz. In den Wintermonaten muss diese jedoch schließen, da es im Bunker zu kalt werde. Unterstützt wird die Initiative vom Kulturamt der Stadt. 
Die Frage nach den künftigen Besitzverhältnissen des Bunkers ist allerdings noch immer ungeklärt. Klar ist: Der Bunker befindet sich im Besitz der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Die könnte ihn an die Stadt Frankfurt verkaufen. Im Hinblick auf die beabsichtigte Nutzung als Gedenkstätte auch ohne öffentliche Ausschreibung. Dann fiele für die Stadt nur ein symbolischer Kaufpreis von einem Euro an. 
Eine Entscheidung, mit der die Stadt genauso wie die Initiative 9. November sicherlich gut leben könnte. Die endgültige Entscheidung darüber, ob die Immobilie doch zum Verkauf ausgeschrieben werden muss oder ob der symbolische Verkauf über die Bühne gehen kann, stehe, so die Stadtverwaltung, allerdings noch aus. Das Finanzministerium muss noch sein Einverständnis zum Verkauf geben. göc."   
 
Februar 2012Soll der Bunker zu einer Wohnanlage umgebaut werden?   
Artikel in der "Frankfurter Neuen Presse" vom 27. Februar 2012: "Schöner Wohnen im Bunker. Die alte Militäranlage an der Friedberger Anlage könnte umgebaut werden. Diese Wohnungen dürften besonders haltbar sein: Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) hat vorgeschlagen, den Bunker an der Friedberger Anlage in Wohnraum umzubauen. Ob das Projekt verwirklicht werden kann, ist umstritten..." 
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April 2012: Bund soll Bunker verschenken   
Artikel in der "Frankfurter Neuen Presse" vom 9. April 2012: "Bund soll Bunker verschenken. CDU-Abgeordneter setzt sich für Gebäude an der Friedberger Anlage ein. Die Gedenkstätte im Bunker an der Friedberger Anlage soll nicht durch einen Verkauf an einen privaten Investor gefährdet werden. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Matthias Zimmer will erreichen, dass die Stadt das Gebäude für einen symbolischen Preis übernehmen kann..." 
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April 2012: Bund will Bunker verkaufen  
Artikel von Frank van Bebber in hr-online vom 18. April 2012: "Bund will Bunker verkaufen. 'Vernichtung der Erinnerung'. Erst zerstört Nationalsozialisten die größte Frankfurter Synagoge, dann errichteten sie an ihrer Stelle einen Bunker: Der Bund will den historischen Ort nun teuer vermarkten - gemäß Haushaltsgesetz. Kritiker warnen vor einer zweiten Vernichtung..."  
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Artikel in der "Frankfurter Neuen Presse" vom 21. April 2012: "Bunker nicht auf dem Markt. Gedenkstätte im Ostend wird nur der Stadt angeboten - Noch keine Einigung mit dem Bund. Den Bunker in der Friedberger Anlage bietet der Bund zunächst nur der Stadt Frankfurt zum Kauf an. Und die schwarz-grüne Koalition will auch zuschlagen. Allerdings gibt es noch keine Einigung über den Preis..."  
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Artikel in der "Frankfurter Neuen Presse" vom 22. April 2012: "Bunker soll Mahnmal bleiben. Initiative 9. November ist gegen die Errichtung von Wohnungen - Ausstellung im Ostend wieder eröffnet..." 
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Mai 2016: Neu konzipierte Ausstellung im Bunker   
Artikel von Gernot Gottwals in der "Frankfurter Neuen Presse" vom 6. Mai 2016: "Ausstellung der Initiative 9. November im Bunker an der Friedberger Anlage. Neu konzipierter Gedenkort
Die überarbeitete Dauerausstellung 'Ostend. Blick in ein jüdisches Viertel' öffnet am kommenden Sonntag, 8. Mai, im Bunker an der Stelle der früheren Synagoge am Friedberger Platz. Während der umbaubedingten Schließung des Jüdischen Museums gibt sie als Dokumentationsstandort zugleich neue Einblicke ins jüdische Leben der Nachkriegszeit.
'Es handelt sich um circa 400 Menschen, die sehnsüchtig darauf warten, von hier in eine neue Heimat zu kommen.' Mit diesen Worten rief der Rabbiner Leopold Neuhaus dazu auf, vielen Juden, die auch als 'Displaced Persons' den Holocaust überlebt hatten, im Frankfurter Ostend ein neues Zuhause zu geben. Denn obwohl hier nach dem Krieg rund 70 Prozent der Bausubstanz zerstört waren, gab es im traditionellen jüdischen Quartier noch intakte Gebäude, darunter auch die Baumwegsynagoge. Dieses wichtige Kapitel der Nachkriegszeit gehört zu den neuen Abteilungen der Dauerausstellung 'Ostend. Blick in ein jüdisches Viertel', die am kommenden Sonntag, 8. Mai, um 11 Uhr im Hochbunker in der Friedberger Anlage an der Stelle der früheren, 1938 zerstörten Synagoge der Israelitischen Religionsgemeinde eröffnet wird. Da der Bunker in der kalten Jahreszeit schwierig zu beheizen ist, kann die Schau nur bis zum 27. November regelmäßig sonntags von 11 bis 14 Uhr besichtigt werden. Um 11.30 Uhr wird jeweils eine Führung durch die neu überarbeitete Dauerausstellung angeboten. Hinzu kommen Konzerte wie 'One Day Life' am 21. und 22. Mai, Lesungen und Ausstellungen wie die Schau 'Von Föhrenwald nach Frankfurt', die am 19. Juni um 16 Uhr eröffnet wird. Im ersten Stock ist weiterhin Joachim C. Martinis Ausstellung 'Musik als Form geistigen Widerstands' über verfolgte Musiker im Nationalsozialismus zu sehen. 'Die Stadt Frankfurt wird den Bunker übernehmen', sagt Hans-Peter Niebuhr, Vorstand der Initiative 9. November, die den Bunker als Erinnerungsort an die jüdische Stadtgeschichte etablieren möchte und zusammen mit dem Jüdischen Museum die Dauerausstellung neugestaltet hat. Derzeit befinde sich die Stadt noch mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben in Kaufverhandlungen. 'Der Bunker ist jedoch eher ein Gedenkort und weniger ein Museum im Sinne einer pädagogischen Ausrichtung', ergänzt Niebuhr. 'Zusammen mit dem Museum Judengasse und der Gedenkstätte in der Großmarkthalle ist er zur Dokumentation gerade jetzt wichtig, da unser Hauptmuseum im Rothschildpalais um- und neubaubedingt bis 2018 geschlossen ist', betont Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums. Schon am Eingang in den Bunker durch die charakteristische Schleuse empfangen den Besucher Gemälde und Fotos der Synagoge, auch nach der Zerstörung. Ein dreidimensionales Foto zeigt, wie der Sakralbau zu seiner Einweihung im Jahr 1907 aussah – in ihrer Architektur strahlte die Synagoge damals über Frankfurt hinaus aus. Eng mit der Erbauung ist der Name des Rabbiners Samson Raphael Hirsch verbunden: 1851 hatte er die orthodoxe Israelitische Religionsgesellschaft gegründet, der die Synagoge als Bethaus für 750 Männer, Frauen und Chorsänger diente. Die Dauerausstellung, die im Jahr 2000 von der damaligen Kustodin des Jüdischen Museums Helga Krohn konzipiert wurde, teilt sich in sechs Abteilungen auf. Sie widmen sich der Israelitischen Religionsgesellschaft, dem Alltagsleben im Ostend, der wirtschaftlichen Prägung des Ostends sowie den jüdischen Lehr- und Wohlfahrtseinrichtungen. 'Die Texte und Bilder haben einige Änderungen und Aktualisierungen erfahren, hier und da sind Details in der Forschung hinzugekommen', erklärt Gottfried Kößler vom pädagogischen Zentrum im Jüdischen Museum. Beispielhaft nennt er die Ansiedlung von 'Displaced Persons' in der Waldfriedstraße. Dazu beigetragen haben auch ehemalige jüdische Ostend-Bewohner mit ihren Berichten. 'Neu hinzugekommen ist auch ein Stadtplan mit einer Übersicht über jüdische Einrichtungen in Frankfurt. So wird die Geschichte des Judentums im Ostend erfahrbar: 1800 wurde das Ghetto in der Judengasse aufgelöst, im 19. Jahrhundert entstanden soziale Einrichtungen wie das jüdische Krankenhaus an der Gagernstraße und die Samson-Raphael-Hirsch-Schule an der Stelle des heutigen Gagern-Gymnasiums. Ab 1941 wurden rund 10 000 jüdische Mitbewohner vom Bahnhof in der Großmarkthalle in Konzentrationslager deportiert. Der heutigen rund 8000 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde in Frankfurt dienen im Ostend vor allem das Altenheim an der Gagernstraße und die Synagoge an der Baumwegstraße als Heimat."
Link zum Artikel   
 
Mai 2019: Eine Initiative will die Reste der zerstörten Synagoge ausgraben lassen   
Artikel in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 19. Mai 2019: "Zerstörte Synagoge. die Tatsachen unter der Erde...
Link zum Artikel 

   
    
Links und Literatur

Links:   

bulletWebsite der Stadt Frankfurt  
bulletWebsite www.synagoge-friedberger-anlage.de der "Initiative 9. November" (= www.initiative-neunter-november.de)   
mit einem ausführlichen Beitrag zur Geschichte der Synagoge Friedberger Anlage    
bulletWebsite des Jüdischen Museums der Stadt Frankfurt am Main   
bulletWebsite des Fritz Bauer Instituts  
bulletWebportal HS 010.jpg (66495 Byte)Webportal "Vor dem Holocaust" - Fotos zum jüdischen Alltagsleben in Hessen mit Fotos zur jüdischen Geschichte in Frankfurt 
bulletWebsite des Projektes Frankfurt am Main 1933-1945  
bulletWebsite www.juedisches-frankfurt.de mit Seite zur Erinnerungsstätte Synagoge Friedberger Anlage 
bulletWebsite http://www.juedisches-leben-frankfurt.de/     

Literatur:  

bulletSalomon Korn, B. Clausmeyer: Die Synagoge an der Friedberger Anlage: Gedenkstätte für die ehemalige Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft. 30 S. 1988. 
bulletMicha Brumlik / D.W. Dreysse / Kurt Grünberg: Erinnerung braucht Zukunft. Der Ort der zerstörten Synagoge an der Friedberger Anlage in Frankfurt. 265 S. Verlag Brandes & Apsel. 2010. 
bulletRoland Tasch: Samson Raphael Hirsch. Jüdische Erfahrungswelten im historischen Kontext. Walter de Gruyter 2011.  

    
     

                   
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Stand: 30. Juni 2020