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Bad Neustadt an der Saale
(Landkreis Rhön-Grabfeld)
Jüdische Geschichte / Synagoge
(erstellt unter Mitarbeit von Elisabeth Böhrer)
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
(english
version)
In Bad Neustadt bestand eine jüdische Gemeinde bereits im Mittelalter.
Die Stadt wird genannt im Zusammenhang mit den Judenverfolgungen 1298
("Rindfleisch-Verfolgung"). 1313 lebten wieder Juden in der
Stadt. Graf Heinrich d.J. von Henneberg war damals bei Vives dem Roten von Neustadt
verschuldet. Auch während der Pestzeit 1349 war Neustadt Ort der
Verfolgung. Danach hört man erst im 15. Jahrhundert wieder von Juden in der
Stadt, die unter dem Schutz der Bischöfe von Würzburg standen (unsicher 1408,
sicher 1414, 1446). Es waren jedoch in der Zeit vom 15. bis 17. Jahrhundert
nur einzelne Juden, die in der Stadt leben konnten: Nennungen liegen aus den
Jahren 1552, 1630 und 1677 vor.
Im 18. und 19. Jahrhundert nahm die Zahl der jüdischen Einwohner langsam
zu: 1706 waren drei jüdische Familien in der Stadt. Nach einer von
Elisabeth Böhrer in einem Akt im Staatsarchiv Würzburg gefundenen Aufstellung
werden für das Jahr 1763 namentlich acht jüdische Familienväter als
"im Hochstift wohnende zur Hochfürstl. Hofkammer zahlbare Schutz
Juden" genannt.
Anfang des 19. Jahrhunderts gab es neun jüdische Familien (mit etwa 40
Personen) in der Stadt. Bei der Erstellung der Matrikellisten
1817 wurden für die folgenden Familienvorstände in Neustadt sieben bzw.
später elf Matrikelstellen festgeschrieben (mit neuem Familiennamen und
Erwerbszweig): Affictor Menke Heß (Viehhandel), Joseph Mayer Kohnstamm
(Schnitt- und Kolonialwarenhandel), Schmul Seligmann Illemann (Schmusen,
manchmal etwas Viehhandel), Seligmann Moses Gutmann (Schnittwarenhandel), Israel
Sandel Löw Frittmann (Lein-, Raps-, Leinkuchen und Leinölhandel), Seligmann
Süßmann Rosemann (Schmuser, Viehhandel), Mendel Jacob Ochs (Viehhandel),
Nathan Maier Reiß (Handel mit rauen Häuten und Leder, seit 1817), Hirsch
Süßmann Rosenthal (Bauer, seit 1821), Hohna Frank (Bauer, seit 1821), Jacob
Ebert (Handel (seit 1822). 1837/38 lebten in Neustadt zehn jüdische
Familien.
Nach der Mitte des 19. Jahrhunderts
entstand durch Zuwanderung aus umliegenden Dörfern (u.a. Bad
Neuhaus, Lebenhan) wieder eine jüdische Gemeinde in der Stadt, die offiziell
1853 (nach der Stadtchronik Bekert s.Lit.) oder spätestens in den 1860er-Jahren
gegründet und dem Bezirksrabbinat in Bad Kissingen
unterstellt wurde.
Die
Gemeinde schuf in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre eigenen Einrichtungen wie Synagoge
(s.u.), Friedhof
und Schule (in einem jüdischen Gemeindehaus mit Schulräumen und Wohnung,
Gebäude Storchengasse 17). Das
jüdische Gemeindeleben war von mehreren Vereinen geprägt (u.a. dem 1869 gegründeten
Armenverein, dem 1870 gegründeten Wohltätigkeitsverein und dem Israelitischen
Frauenverein).
Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde wurde ein Lehrer
angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Nach Angaben der Stadtchronik
(Benkert s.Lit.) gab es eine jüdische Schule 1848 im Haus mit der damaligen
Nummer 98, für die 1855 Isaak Vandewart als Lehrer genannt wird. Sein
Nachfolger war 1879 Gerson Bergenthal, der 1904 sein 25-jähriges
Dienstjubiläum in Neustadt feiern konnte (siehe Bericht unten). Der genannte
Lehrer Vandewart hatte 1860 im Haus mit der damaligen Nummer 142 auch eine
israelitische Handelsschule mit Mädchenpensionat eingerichtet (siehe Bericht
unten). Diese private Handelsschule wurde von seinen drei Töchtern bis 1898
fortgeführt (etwa 30 Schüler).
Im wirtschaftlichen Leben der Stadt spielten die jüdischen Gewerbebetriebe
seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle.
Die Zahl der jüdischen Einwohner entwickelte sich wie folgt: 1880 190
jüdische Einwohner (8,6 % von insgesamt 2.215), 1900 212 (9,9 % von 2.140),
1910 160 (7,4 % von 2.163), 1925 162 (6,8 % von 2.391), 1933 158 (5,6 % von
2.831).
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde Ludwig (Leo)
Frank (geb. 16.2.1877 in Steinbach, gest. an den Folgen der Kriegsverletzung
22.1.1919), Emil Kach (geb. 5.4.1876 in Neustadt, gest. an den Folgen der
Kriegsverletzung 22.2.1921), Gefreiter Max (Moses) Klein (geb. 15.1.1890 in
Mittelstreu, gef. 3.9.1916), Leo Plaut (geb. 8.12.1894 in Burgpreppach, gef.
25.10.1915), Unteroffizier Norbert Reis (geb. 26.1.1878 in Oberwaldbehrungen,
gef. 21.3.1918). Die Namen der Gefallenen stehen auf einer Gedenktafel an der
Aussegnungshalle des Stadtfriedhofes (Eingang Goethestraße).
Um 1924 gehörten dem Synagogenvorstand die Herren
Sigmund Sichel, Sanitätsrat Dr. S. Guggenheimer, S. Lustig, Abraham
Brunngässer, Isidor Franken, Max Blatt und Max Friedmann an. Als Lehrer an
der Israelitischen Volksschule unterrichtete Carl (Karlmann) Wahler
(Hauptlehrer, seit 1926 Oberlehrer, siehe Bericht unten). Er
unterrichtete an der Volksschule acht Kinder, an der Fortbildungsschule fünf
Kinder, außerdem auch jüdische Kinder in benachbarten Gemeinden (z.B. Steinach
a.d. Saale). Nachdem Carl Wahler Mitte März 1931 starb (siehe Berichte
unten), war sein Nachfolger bereits zum 1. April 1931 sein Bruder Israel Wahler (s.u.). Er unterrichtete
im Schuljahr 1931/32 an der Volksschule 17 Kinder, erteilte 12 weiteren Kindern
den Religionsunterricht. Auch betreute er in der Israelitischen Volksschule
eine Bücherei. Über die Vereine erfährt man 1932, dass der Armenverein
unter dem Vorsitz von David Plaut stand, der Frauenverein unter dem Vorsitz der
Frau von Sanitätsrat Dr. Guggenheimer, der Wohltätigkeitsverein
gleichfalls unter
Leitung von David Plaut. Letzterer hatte damals 45 Mitglieder.
In der NS-Zeit begannen auch in Bad Neustadt mit dem Boykott der
jüdischen Geschäfte 1933 die antijüdischen Maßnahmen. In den folgenden
Jahren richteten sich mehrfach Aktionen von Nationalsozialisten gegen den
jüdischen Friedhof und die Synagoge. Die Gemeinde versuchte ihre Arbeit auch
unter sehr erschwerten Bedingungen weiterzuführen. Die jüdische Volksschule
hatte im März 1937 noch 22, am 1. Oktober 1941 noch 13 Schüler. Ein Teil der
1933 hier wohnhaften 158 jüdischen Personen konnte bis 1941 auswandern (28 in
die USA, 14 nach Südamerika, zehn nach England, je sechs nach Holland und
Palästina, fünf in die Schweiz, je zwei nach Südafrika und Jugoslawien, einer
nach Rumänien), 35 Personen zogen in andere deutsche Orte (u.a. neun nach
Frankfurt am Main, fünf nach Würzburg, je drei nach Mainz und Berlin). Beim
Novemberpogrom 1938 wurden auf dem Friedhof Grabsteine zerschlagen; 13 jüdische
Männer wurden verhaftet und in das Gefängnis von Bad Neustadt eingesperrt.
Über die Geschichte und das Schicksal des Synagogengebäude siehe
unten.
1940/41 verschlechterte sich die Lage der jüdischen Einwohner infolge zahlreicher Einschränkungen und Verbote. Am 7. Februar 1942 gab es noch 56 jüdische Personen in der Stadt, darunter 14, die seit 1939 aus Nachbarorten zugezogen waren. Im April 1942 wurden 45 Gemeindemitglieder über Würzburg nach Kra./Izbica bei Lublin deportiert. Einzelne jüdische Personen
mussten seit März 1942 ihren Wohnsitz nach Würzburg verlegen und wurden zusammen mit den restlichen jüdischen Einwohnern, die am 12. August 1942 von Neustadt nach Würzburg gebracht wurden, von dort am 10. beziehungsweise am 23. September in das Ghetto Theresienstadt transportiert.
Am 1. November 1942 gab es nur noch einen mit einer nichtjüdischen Frau verheirateten jüdischen Mann in der
Stadt.*
Anmerkung: für die kursiv gesetzte - aus Ophir/Wiesemann S. 270 übernommene -
Angabe liegt kein Nachweis vor.
Von den in Bad Neustadt geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945" - eine Recherche in den
Listen von Yad Vashem ist auf Grund zu vieler Verwechslungen mit anderen Orten
Neustadt nicht möglich; die Recherche im "Gedenkbuch" ergab sich
durch Eingabe von "Bad Neustadt Saale"):
Betty Ackermann (1899), Betty Adler geb. Klau (1854), Julius Ambrunn (1877),
Martin Ambrunn (1876), Anna Aschendorff geb. Sichel (1880), Fanny Baer geb.
Bernstein (1867), Elodie Bernstein (1873), Frieda Blatt geb. Stein (1890), Moses
Blatt (1868), Meta Brunngässer geb. Frühauf (1875), Ludwig Dorfzaun (1878),
Lotte Edelstein geb. Reis (1868), Max Frank (1876), Sofie Frank geb. Löbenfried
(1886), Flora Gerendasi geb. Nelkenstock (1872), Clara Greilsamer geb.
Rosenbaum (1890), Albert Haas (1926) Hermann Karl Haas (1895), Selma Haas geb.
Goldner (1902), Nathan Norbert Hecht (1869), Herta Herz geb. Lustig (1896),
Fanny H. Kahn geb. Kach (1875), Adolf Kahner (1869), Paula Katz (1888), Carola
Kaufmann (1928), Gittel Kaufmann (1941), Hermann Kaufmann (1931), Richard
Kaufmann (1924), Sophie Kaufmann geb. Frank (1901), Willi Kaufmann (1896),
Gretel Klein geb. Heinemann (1899), Hugo Klein (1898), Rosa Klein geb.
Steinhäuser (1890), Siegbert Klein (1925), Anna Lieblich (1884), Cilly Lorch
geb. Reis (1908), Bernhard Wilhelm Lustig (1921), Irma Lustig geb. Löwenthal
(1891), Frieda Müller (1874), Rosa Müller geb. Freudenberger (1883), Sidonia
Oettinger geb. Gärtner (1894), Philipp Oppenheimer (1875), Sally Oppenheimer
(1922), Sarah Oppenheimer geb. Bacharach (1888), Alfred Ottensoser (1937), Emil
Ottensoser (1897), Herbert Ottensoser (1938), Hilde Ottensoser (1933), Max
Ottensoser (1899), Meta Ottensoser geb. Gerendasi (1907), Mina Ottensoser geb.
Heippert (1894), Norbert Ottensoser (1905), Paula Ottensoser geb. Braun (1898),
Senta Ottensoser (1929), Betty Reis geb. Walter (1871), Irma Reis (1912), Martin
Reis (1912), Gustav Rosenbaum (1879), Marianne Schlossmann (1861), Klara
Schäfer geb. Weinstock (1893), Hans Herbert Sommer (1922), Hilde Babette Sommer
(1924), Anna Stern geb. Blum (1871), Maier Stern (1873), Theodor Stern (1896),
Kurt Strauss (1934), Herbert Strauss (1930), Elise Wahle geb. Stern (1878),
Bella Wahler geb. Adler (1878), Israel Wahler (1875), Leo Weglein (1876),
Selli Weglein (1884), Berta Weiler geb. Weinstock (1894), Julius Weiler (1879),
Arthur Weinstock (1887), Clara Weinstock (1864), Else Weinstock geb. Waldmann
(1896), Gerhard Weinstock (1926), Lothar Weinstock (1931), Rosa Weinstock geb.
Stein (1887), Sigmund Weinstock
(1875).
Ein Denkmal für die aus Bad Neustadt deportierten jüdischen Personen
befindet sich seit November 2006 in der Bauerngasse/Ecke Storchengasse unweit des
Standortes der ehemaligen Synagoge (Bericht zur Einweihung siehe unten).
Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibung der Lehrerstelle- und Vorbeterstelle (1879)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Juli 1879: "In der
hiesigen israelitischen Kultusgemeinde ist die Stelle eines
Religionslehrers und Vorbeters, verbunden mit Gemeindeschreiber, sofort zu
besetzen. Fixer Gehalt jährlich Mark 1.200 nebst freier Wohnung.
Außerdem ist durch Privatunterricht Gelegenheit geboten, das Einkommen
bedeutend zu vergrößern. Nur tüchtige, mit guten Zeugnissen versehene Bewerber
wollen sich längstens bis 16. Juli an Unterzeichneten wenden. Neustadt
a.d. Saale, 27. Juni 1879. Feist Stern, Kultus-Vorstand." |
| Anmerkung: auf diese Ausschreibung bewarb
sich erfolgreich Gerson Bergenthal. |
Zum Tod von Lehrer Hermann Dorfzaun (gest. 1921, früherer
Lehrer
in Neustadt an der Saale)
Hinweis: nach Angaben von Fredel Fruhmann vom 3.1.2012 (eine Urenkelin von
Leopold Dorfzaun, dem Bruder von Hermann Dorfzaun; ergänzende Informationen aus
dem Staatsarchiv Würzburg) ist Hermann Dorfzaun am 25.
Mai 1850 als Sohn des Schneidermeisters Abraham Dorfzaun (1810-1870) und seiner Frau
Bella geb.
Goldschmidt (geb. 1820 in Mühlfeld als
Tochter von Loeb Goldschmidt und seiner Frau Golda; verheiratet seit Mai 1849;
gest. 1870) in Rödelmaier geboren.
Seine Geschwister waren: Sara (1851-1862, gest. mit 11 Jahren), Gittel (Gutel;
geb. 1853), Leopold (Loeb, geb. 1855, siehe unten), Jakob (Jacob, geb.
1856, lebte nach Strätz Bd. I S. 124 zuletzt im Israelitischen
Pfründnerhaus in Würzburg, 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort
umgekommen), Moses (1859, nach 5 Tagen verstorben), Babette (1860, nach 6 Tagen
verstorben), Moses (1862, nach 17 Wochen gestorben).
Hermann Dorfzaun war später Lehrer in Neustadt
a.d.Saale und langjähriger Schochet in Frankfurt, wo er 1921 gestorben ist.
Der 1810 in Rödelmaier geborene Abraham Dorfzaun war ein Sohn des in der
Matrikelliste (s.o.) genannten Hohna Abraham, der 1817 den Familiennamen
Dorfzaun angenommen hat, und seiner Frau Sara geb. Goldmann. Nur bei dieser Familie in Rödelmaier begegnet
der ungewöhnliche Familienname Dorfzaun).
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 5. Mai 1921:
"Frankfurter Berichte. Personalien. Erew Pessach trugen wir Hermann
Dorfzaun zu Grabe, einen Mann, der es verdient, dass wir ihm einige
Worte liebevollen Gedenkenswidmen. 38 Jahre versah er das Amt eines
Schauchet der Israelitischen Gemeinde. Nachdem er einige Jahre in Neustadt
an der Saale gewirkt hatte, wurde er von Rabbiner Horowitz seligen
Angedenkens hierfür berufen. Er verwaltete sein Amt in vorbildlicher
Weise. Pflichtbewusstsein war seines Wesens Grundzug. Er war durchdrungen
von religiöser Empfindung, und lebendig war in ihm der Vorsatz, de Tauroh
(Tora) als Licht für seinen Lebensweg zu wählen. In den Dinei Schechitoh
(rabbinische Entscheidungen für das Schächten) war er bewandert wie kaum
ein anderer, und mit peinlicher Genauigkeit beachtete er jede einzelne
Vorschrift. Von den Rabbinen, denen er unterstellt war, wurde er als einer
der tüchtigsten, gewandesten und pflichttreuesten Schauchtim gerühmt.
Wie sehr seine Frömmigkeit und sein religiöser Sinn geschätzt wurden,
zeigte sich in der Verleihung des Chower-Titels bei seinem 70. Geburtstag.
- So streng er gegen sich selbst war, so milde war er im Urteil über
andere, und nie hörte man von ihm ein abfälliges Wort über einen Mitmenschen;
er hatte ein Lew rauw (großes Herz) in des Wortes heiligster Bedeutung,
und von ihm konnte man mit Recht sagen, dass er vor Gott
wandelte.
Mustergültig war sein Familienleben. Sien Haus war erfüllt von wahrhaft
jüdischem Geiste, und so ist es ihm im Verein mit seiner gleichgesinnten Gattin
auch gelungen, alle seine Kinder zu echten Jehudim zu
erziehen." |
25-jähriges Dienstjubiläum von Lehrer Gerson Bergenthal (1904)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 23. Dezember
1904: "Neustadt a.S. (Bayern), 14. Dezember (1904). Der Kantor und
Religionslehrer an der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde, Herr Lehrer
G. Bergenthal, beging heute sein 25-jähriges Dienstjubiläum, aus welchem
Anlass ihm zahlreiche Ehrungen zuteil wurden." |
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| Anmerkung: Lehrer Gerson Bergenthal
unterrichtete seit 1897 auch die jüdischen Gymnasiasten in Münnerstadt. |
Beförderung von Hauptlehrer Karlmann Wahler zum Oberlehrer (1926)
Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 8.
September 1926: "Neustadt a.d. Saale. Von der Regierung von
Unterfranken und Aschaffenburg wurde der Hauptlehrer Karlmann Wahler an
der israelitischen Volksschule in Neustadt a.d. Saale, zum Oberlehrer nach
Gruppe IX der Besoldungsordnung
befördert." |
Zum Tod und der Beisetzung von Oberlehrer
Karlmann Wahler (1931)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. April 1931:
"Neustadt (Saale), 21. März (1931). Unser lieber trauter, auf allen
Lehrerversammlungen gern gesehener Kollege, Oberlehrer Wahler, Neustadt
a.d. Saale, erlag innerhalb 8 Tagen der tückischen Krankheit einer
Rippenfell- und Lungenentzündung. Die Nachricht von dessen unerwartet
schnellem Hinscheiden erschütterte Stadt und Land und alle Kreise, die
dem Entschlafenen nahe standen. Am Dienstag, den 17. März dieses Jahres
wurde der allzu früh uns Entrissene zu Grabe getragen. Der fast
unübersehbare Trauerzug, in welchem alle Glaubengemeinschaften der
Stadtgemeinde Neustadt vertreten waren, bot ein Bild rührender Teilnahme
und Ehrung des Verklärten. Hinter den Leidtragenden schritten die
Schüler und Schülerinnen der israelitischen Volksschule, der Berufs- und
Mittelschule. Nun folgten unter Vorantritt des Herrn Bezirksrabbiners Dr.
Bamberger, Bad Kissingen, die
Vertreter der israelitischen Kultusverwaltung, der Schulbehörden und
Lehrerschaft, Freunde und Bekannte aus nah und fern. Die Beisetzungsfeier
eröffnete Herr Bezirksrabbiner Dr. Bamberger, Bad Kissingen, in einer
tief empfundenen Trauerrede, worin er das musterhafte Lebensbild, seine
tief innerliche Frömmigkeit und sein segensreiches Wirken würdigte und
mit der Verleihung der Chowerwürde dem Verklärten die letzte Ehrung
erteilte. Innige Worte der Verehrung und Dankbarkeit sprachen Herr
Sanitätsrat Dr. Guggenheimer namens der Kultusgemeinde, Herr
Oberregierungsrat Stümer im Auftrage der Schulbehörde, Herr Professor
Dr. Guggenmos als Rektor der Mittelschule, Herr Hauptlehrer Blumenthal, Unsleben,
für den israelitischen Lehrerverein Bayerns und als Freund, der Vorstand
des Bezirkslehrervereins, Herr Lehrer Schmehling, für den allgemeinen
bayrischen Lehrerverein und Bezirkslehrerverein Neustadt, Herr Rothschild,
Kultusvorstand in Hörstein, entbot
ihm im Namen seiner Heimatgemeinde die letzten Heimatgrüße. Eine
Schülerin der Berufschule und ein Schüler der Volksschule sprachen dem
geliebten Lehrer noch Worte des Dankes und Verehrung aus. Rührende Abschiedsworte
rief Herr Oberlehrer Wahler, Hörstein, seinem scheidenden Bruder nach. Seine
Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
| |
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. April 1931:
"Neustadt a. S., 10. April (1931). Ein stattlicher Trauerzug bewegte
sich zum Friedhof der Kultusgemeinde, um dem nach kurzer Krankheit mitten
aus seiner Wirksamkeit abberufenen Oberlehrer Karlmann Wahler das letzte
Geleite zu geben. Am Grabe schilderte Herr Distriktsrabbiner Dr. Bamberger
aus Kissingen die großen Verdienste des Dahingeschiedenen um die
Israelitische Kultusgemeinde. Ganz besonders pries er seine tiefe
Religiosität, seinen aufrichtigen lauteren Charakter und sein
bescheidenes Wesen. Er verfügte über entsprechende pädagogische
Begabung und über ein reiches Wissen, das er in stetem Studium
erweiterte. Herr Sanitätsrat Dr. Guggenheimer sprach im Auftrag der
Kultusgemeinde und zollte ihm ebenfalls für seine hingebende rastlose
Tätigkeit innigen Dank. Als Vertreter der Bezirksschulbehörde sprach
Herr Oberregierungsrat Stümmer. Er lobte das ersprießliche Wirken
Wahlers in der Schule. Auch die Regierung würdigte seine Verdiente, indem
sie ihn zum Oberlehrer ernannte. Kollege Blumenthal von Unsleben
ehrte ihn als wahrhaft aufrichtigen Amtsbruder und übermittelte das
aufrichtige Beileid seiner Kollegen. Herr Direktor Dr. Guggenmoos an der
hiesigen Mittelschule, an der der Verstorbene als Religionslehrer wirkte,
rühmte sein treues, aufrichtiges Wesen, betonte ganz besonders die gute
Durchbildung der aus seiner Schule übergetretenen Zöglinge und den
toleranten Verkehr mit Andersgläubigen. Bezirkslehrervereinsvorstand,
Herr Schmähling, schilderte ihn als eifriges Mitglied des Vereins und
erwähnte, dass seine Ratschläge vielfach Beachtung fanden. Rührend
waren die Dankesworte seiner ehemaligen und jetzigen Schüler, die ihn als
väterlichen Freund und Berater ehrten und zuletzt die Abschiedsgrüße,
die ihm sein Bruder, Herr Oberlehrer Israel Wahler, ins Grab sandte.
Die Geistlichen beider Konfessionen waren bei der Bestattung anwesend und
aus der Gemeinde Hörstein war eine
Deputation erschienen. das Andenken Oberlehrer Wahlers wird sich noch für
weitere Generationen zum Segen auswirken. Seine Seele sei eingebunden in
den Bund des Lebens." |
Oberlehrer Israel Wahler aus Hörstein kommt zum 1. April 1931 nach Neustadt
Anmerkung: Israel Wahler war Nachfolger seines Bruders Carl Wahler, der 1931 in
Neustadt verstorben ist (siehe Berichte oben).
Artikel
in der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung vom 15. April 1931:
"Personalia. Oberlehrer Wahler (Hörstein) wurde ab 1. April
(1931) an die Volksschule Neustadt a.d. Saale versetzt. Die
Volksschulstelle Hörstein wurde eingezogen, wird aber, wie wir hören,
als Privatvolksschule weitergeführt." |
Oberlehrer Israel Wahler feiert seinen 60. Geburtstag
(1937)
Artikel
in der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung vom 15. Oktober 1936:
"Vereinsmitteilungen (des bayerischen israelitischen Lehrervereins):
1. Personalia: Nachträglich geben wir noch bekannt, dass auch Kollege
Oberlehrer Wahler in Neustadt a. S. seinen 60. Geburtstag begehen
konnte". |
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Ein Israelitisches Handels-Lehr-Institut wird eröffnet
(1860)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 25. September
1860: "Handels-Lehr-Institut in Neustadt an der Saale (Bayern). Die
beiden Unterzeichneten werden am 22. Oktober dieses Jahres mit dem Beginn
des Winter-Semesters eine Lehr-Anstalt für Knaben und Jünglinge
eröffnen, die sich dem Handel oder einem einschlägigen Gewerbe widmen
und dazu vorbereiten wollen.
Der Unterricht an dieser Anstalt wird regelmäßig in den Stunden von 8-12
Uhr Vormittags und 2-6 Uhr Nachmittags von verschiedenen Lehrern erteilt
und umfasst folgende Lehrgegenstände: Religion, deutsche, französische
und englische Sprache, Kalligraphie, allgemeine und kaufmännische
Arithmetik, Buchführung, Korrespondenz, Wechsel-, Münz-, Maß- und
Gewichtskunde, Geographie, Geschichte. Zum Unterrichte im Zeichnen und in
der Musik ist gleichfalls Gelegenheit geboten. Die Schüler werden in
ihren Arbeits- und Rekreationsstunden stets aufs Sorgfältigste
überwacht. Für gedeihliche körperliche Pflege der Pensionäre, Kost,
Logis, Wäsche usw. ist bestens Fürsorge getroffen, und sind die
Bedingungen äußerst billig gestellt.
Anmeldungen zur Aufnahme wollen vor dem 1. Oktober an J. Vandewart, Lehrer
in Neustadt, gerichtet werden, der auch über alles Nähere Aufschluss zu
geben bereits ist.
Neustadt a/S., September 1860.
L. Suhler, Lehrer der französischen und englischen Sprache. J. Vandewart,
israelitischer Religionslehrer." |
| Nach den Recherchen von Elisabeth Böhrer
heißt der Lehrer Isaak Vandewart und nicht - wie in der AZJ geschrieben -
Vaudewart. |
Antijüdisches aus der katholischen Schule
(1863)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. April 1863: "Neustadt
a.d.S., den 13. April (1863). Seit mehreren Jahren besteht dahier ein
Institut der katholischen Schulschwestern als allgemeine Elementar- und
Industrieschule, in welchem also auch die jüdische weibliche Jugend den
Unterricht genießt. Die Zufriedenheit mit diesem Institut war bisher
allgemein.
Am 11. dieses Monats, am letzten Pessachfeste, ließ sich nun die Oberin
des Institut, Schwester Wennefriede beikommen, den christlichen Kindern zu
befehlen, dass sie fortan mit den jüdischen Kindern außerhalb der Schule
keinen gesellschaftlichen Umgang mehr pflegen sollten.
Weinend überbrachten katholische Kinder ihren jüdischen Nachbarinnen
diese Nachricht, bemerkten jedoch, sie wollten auch fernerhin gute
Freundinnen bleiben und hierin der ehrwürdigen Schwester nicht folgen.
Sofort machte ein jüdisches Gemeindemitglied dieser ehrwürdigen
Schwester geeignete Vorstellung und erhielt als Antwort, es sei dies ein
Missverständnis, sie habe nicht den Umgang mit jüdischer, sondern
allgemein mit schlechter Gesellschaft verboten.
Heute am 13. dieses Monats, als auch die jüdischen Kinder wieder in der
Schule erschienen, hat wirklich die Oberin, Schwester Wennefriede, der
ganzen Schuljugend gegenüber erklärt, dass sie nicht die jüdische,
sondern schlechte Gesellschaft überhaupt verboten habe.
Woher aber ist es gekommen, dass schon am 11. dieses Monats, gleich nach
beregtem Vorgange, manche christlichen Kinder ihren jüdischen
Gespielinnen ausgewichen waren?
Zur Ehre der hiesigen Bürgerschaft muss aber erwähnt werden, dass dieser
Vorgang allgemeine Entrüstung erregt hat." |
Ergebnis der vermutlich letzten Vorstandswahlen im Dezember 1936
Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 1.
Februar 1937: "Bad Neustadt a.d. Saale. In der am 31. Dezember 1936
stattgefundenen Neuwahl der Israelitischen Kultusverwaltung wurde Herr
Siegfried Plaut, Mitinhaber der Fa. D. Plaut, Kolonialwarengroßhandlung,
zum 1. Kultusvorstand gewählt." |
Berichte zu
einzelnen Personen aus der jüdischen Gemeinde
Zum Tod von Fanny Stern geb. Hellmann (1914)
Artikel
im Frankfurter Israelitischen Familienblatt vom 17. Juni 1914:
"Neustadt an der Saale. Hier verschied im 71. Lebensjahre Frau Fanny
Stern geb. Hellmann. Mit ihr ist eine tüchtige, mit den altjüdischen
Tugenden ausgezeichnete Frau heimgegangen. Sie war Vorsteherin des
Israelitischen Frauenvereins, und ihren Verlust werden Bedürftige und
Kranke schmerzlich vermissen." |
80. Geburtstag von Kultusvorstand Sigmund Sichel (1935)
Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 1. Juni
1935: "Bad Neustadt a.S. Am 20. Mai 1935 beging unser Kultusvorstand
Herr Sigmund Sichel seinen 80. Geburtstag. Mehrere Jahrzehnte als
Mitglied der Kultusverwaltung, seit 15 Jahren als Kultusvorstand hat er in
treuer, selbstloser Hingabe die Belange unserer Gemeinde in hervorragendem
Maße gefördert. Trotz seines Alters und leidenden Zustandes nimmt er
noch heute regsten Anteil an den Aufgaben und an der Entwicklung der
Gemeinde. Möge er noch lange mit Rat und Tat dem Wohle der Gemeinde
dienen." |
Zum Tod des langjährigen Kultusvorstandes Sigmund Sichel (1936)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Dezember 1936:
"Bad Neustadt (Saale), 2. Dezember (1936). Am 30. November verschied
nach langem schweren Leiden im 82. Lebensjahre Sigmund Sichel, erster
Kultusvorstand der hiesigen Gemeinde. 15 Jahre stand er an der Spitze der
Kultusgemeinde, die er mit besonderer Tatkraft, seltener Weitsicht und
hingebungsvoller Treue führte. Ihm ist es zu danken, dass alle
Einrichtungen, die das Wesen einer jüdischen Kehillo (Gemeinde)
ausmachen, in vorbildlicher Weise dastehen. Er war der Gründer unserer
jüdischen Volksschule, wofür dem Verblichenen Eltern und Schüler heute
sehr dankbar sind. Ausgezeichnet durch ein reiches profanes und jüdisches
Wissen, liebenswürdiges Wesen, Geradheit und Rechtschaffenheit in seinem
kaufmännischen Berufe erwarb sich der Verstorbene viele Freunde, hohe
Achtung und allgemeine Wertschätzung. Das zeigte so recht die große
Beteiligung an der Beerdigung. Herr Oberlehrer J. Wahler zeichnete mit
tiefer Ergriffenheit in seiner groß angelegten Rede ein lebenswahres Bild
des Verewigten als Vater, Jude und Mensch und hob seine großen Verdienste
um Gemeinde, Wohlfahrtseinrichtungen, Schule und die jüdische
Allgemeinheit hervor. Im Auftrag des Herrn Bezirksrabbiners Dr. Ephraim,
Bad Kissingen, dankte er auch für den Bezirksausschuss des
Rabbinatsbezirkes Bad Kissingen. Namens der Israelitischen
Kultusverwaltung dankte Herr Max Friedmann dem verdienten Vorstande. Seine
Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens." |
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Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15.
Dezember 1936: "Bad Neustadt a.d. Saale, den 2. Dezember
1936...."
Bericht weitgehend identisch mit dem in der Zeitschrift "Der
Israelit" abgedruckten Bericht (siehe oben) |
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Todesanzeige
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15.
Dezember 1936: "Mit schmerzlicher Ergriffenheit erfüllen wir die
traurige Pflicht, von dem Ableben unseres verdienstvollen ersten
Kultusvorstandes Herrn Sigmund Sichel Kenntnis zu geben.
Im 82. Lebensjahre wurde Herr Sichel seligen Andenkens nach längerem,
schweren Leiden am 30. November 1936 von uns abberufen. Fünfzehn Jahre
widmete er sich als 1. Kultusvorstand bis zum letzten Atemzuge in
unermüdlicher Treue, liebevoller Hingabe und außerordentlicher
Willensstärke den Aufgaben unserer Gemeinschaft. Sein Andenken wird in
der Geschichte unserer Gemeinde stets dankbar in Ehren gehalten werden. Die
Verwaltung der Israelitischen Kultusgemeinde Bad-Neustadt/Saale." |
Dokument zu Alfred Stern (1919)
Karte an Alfred Stern
in Neustadt a.d. Saale (1919)
(aus der Sammlung von Peter Karl Müller,
Kirchheim / Ries) |
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Alfred Stern war Inhaber eines
Kurz-, Weiß- und Wollwarengeschäftes in Neustadt a.d. Saale. Die an ihn
"von allen Selz" aus Nürnberg am 26. Mai 1919 geschriebene
Karte enthält u.a. Glückwünsche zu seinem Geburtstag. Alfred Stern
bekam 1935 Schwierigkeiten, da die 22 Jahre alte Tochter des
Bürgermeisters Nöth aus Leutershausen immer noch bei ihm angestellt war.
Auch Bürgermeister Nöth wurde mit der Beseitigung aus seinem Amt für
den Fall gedroht, dass seine Tochter weiterhin beim "Juden
Stern" angestellt sei.
Vgl. Herbert Schultheis: Juden in Mainfranken S. 450-451. |
Anzeigen
jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige des Manufaktur- und Herrengarderobe-Maß-Geschäftes Stein & Comp.
(1891)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 4. Juni 1891: "Für
unser Manufaktur- und Herrengarderobe-Maß-Geschäft suchen wir einen mit
den nötigen Schulkenntnissen versehenen
Lehrling.
Samstags und Feiertage geschlossen. Kost und Logis im Hause.
Stein & Comp., Neustadt a.d. Saale." |
Anzeige von Meyer Friedmann (1900)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Dezember 1900:
"Für ein alleinstehendes Ehepaar wird ein
Mädchen
für
Hausarbeit gesucht, welches erforderlichen Falles auch die Küche besorgen
kann. Offerten mit Gehaltsansprüchen an
Meyer Friedmann,
Neustadt a.d. Saale." |
Verlobungsanzeige von Martha Guggenheimer und Max
Rosenfelder (1924)
Anzeige
in der "CV-Zeitung" vom 7. August 1924:
"Martha Guggenheimer - Max Rosenfelder.
Verlobte.
Neustadt a.d.S. Nürnberg - Nördlingen
Nürnberg". |
Verkäuferin für das Schuhgeschäft B. Friedmann gesucht
(1925)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Mai 1925:
"Tüchtige, branchekundige
Verkäuferin,
die an selbständiges
Arbeiten gewöhnt ist, für mein Schuhwarengeschäft per sofort gesucht.
Samstags und Feiertage streng geschlossen. Offerten mit Lichtbild,
Gehaltsansprüchen und Zeugnisabschriften an
B. Friedmann, Neustadt, Saale
(Unterfranken)." |
Anzeigen der Kaffee-Großrösterei usw. D. Plaut (1936 / 1937!)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. März 1936: "Zichorien
und gerösteter Kaffee für Pesach unter Aufsicht des Herrn
Bezirks-Rabbiners Dr. Ephraim, Bad Kissingen.
Vorteilhafte Bezugsquelle für Wiederverkäufer und
Großverbraucher.
D. Plaut, Bad Neustadt (Saale).
Kaffee-Großrösterei." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. März 1937: "Koscher
zu Pessach.
Zichorien. 1/5 kg Rollenpackung. Kaffee, Lose und
Paketware, orthodoxe Aufsicht Herr Bezirksrabbiner Dr. Ephraim, Bad
Kissingen. Versand nur an Wiederverkäufer und Grossisten.
D. Plaut, Bad Neustadt (Saale). Kaffee-Großrösterei und
Zusatz-Fabrikation". |
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Weiteres
Dokument zur Fa. D. Plaut
- Firmenkarte von 1927
(aus der Sammlung von
Peter Karl Müller, Kirchheim/Ries) |
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Hinweise (von Peter Karl Müller
nach Herbert Schultheis: Juden in Mainfranken 1933-1945 S. 452-461):
Die Firma D. Plaut wird als Kolonialgroßwarenhandlung, Malzkaffeefabrik
oder - wie in den Anzeigen oben - als Kaffeegroßrösterei David Plaut
(bzw. Julius und Siegfried Plaut) genannt. Zur Geschichte in der NS-Zeit:
ab Anfang 1937 der erfolglose Versuch von Julius und Siegfried Plaut die Firma zu verkaufen. Im Vorfeld davon waren dem Unternehmen schon
das Gerstenkontingent zur Malzkaffeeherstellung, das Speiseölkontingent und die Großhandelserlaubnis entzogen worden, was sich natürlich erschwerend
für die Verkaufsbemühungen darstellte. Am 7. Dezember 1938 Abmeldung der Firma durch Julius und Siegfried Plaut.
Wenige Tage später wandern Julius und Siegfried Plaut samt ihren Familien nach Nordamerika aus. Nur der Seniorchef der Firma Plaut bleibt in Bad Neustadt,
wo er am 13. Februar 1940 verstarb. Nach einer Besichtigung der noch nicht
"arisierten" jüdischen Häuser in Bad Neustadt durch den NSDAP-Ortsgruppenleiter
und dem 1. Beigeordneten wird anschließend bei der Zusammenlegung jüdischer Familien beschlossen, dass der alleinstehende
"Jude David Israel Plaut" mit seiner Haushälterin in das Hausanwesen des Dr. Guggenheimer, Storchengasse 15 eingewiesen wird.
Die obige Karte selbst bezieht sich auf eine Bestellung von 6/100 (vielleicht 6 Kisten a hundert Stück) gelber und weißer Kernseife und trägt den Zugstempel 316/291
der Bahnstrecke Meiningen-Würzburg mit dem Datum vom 28.4.1927. |
Zur Geschichte der Synagoge
Ein Betsaal wurde 1861 eingerichtet (im Haus mit der
damaligen Nr. 141 nach Stadtchronik Benkert). In diesem Haus waren auch die
Lehrerwohnung und ein Schulsaal. Es ist zu vermuten, dass es auch in der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts bereits private Beträume gegeben hat.
Eine Synagoge in Bad Neustadt wurde 1892 erbaut. Sie wurde in den
folgenden Jahrzehnten mehrfach erneuert.
Das letzte große Fest der jüdischen Gemeinde vor 1933 war im Zusammenhang mit
der Einweihung einer neuen Tora-Rolle am 5. November 1932.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. November 1932:
"Neustadt (Saale), 8. November (1932). Unsere Gemeinde hatte das
Glück, ein selten schönes Fest zu feiern. Selten, weil die ältesten
Mitglieder sich nicht erinnern können, ein solches hier erlebt zu haben;
schön, weil die Feier lichwaud hamokom welichwaud hatauroh (zur
Ehre des Ortes und zur Ehre der Tora) so ganz der Zeit angepasst, einen
schlichten, aber sehr würdigen Charakter trug. Unser verehrliches
Gemeindemitglied, Herr Sigmund Weinstock, hier und seine Gattin Rosa geb.
Stein aus Eschwege haben vor kurzem durch den Sofer (Toraschreiber), Herrn
Kormann, Frankfurt am Main, ein wunderbares Sefer (Torarolle), ein wahres
Prachtstück jüdischer Schreibkunst, anfertigen lassen und unserer
Kultusgemeinde zur Verfügung gestellt. Anlässlich der Bar Mizwoh
ihres jüngsten Sohnes Norbert übergaben die Stifter am Schabat
Paraschat Noach (am Schabbat mit der Toralesung Noach, d.h. Lesung aus
1. Mose 6,9-11,32; der Schabbat war am 5. November 1932) ihr heiliges Gut
zur Einweihung.
Freitag Nachmittag, vor Beginn des Gottesdienstes, wurde das Sefer
(Torarolle) feierlich im Hause der Stifter abgeholt. Nach dem Gesange des Vajehi
binsoa trug Herr Weinstock, begleitet von seinen drei Söhnen, seinen
Verwandten, der gesamten Kultusverwaltung und vielen Gemeindemitgliedern,
auf blumengeschmücktem Wege sein Kleinod zur Synagoge. Dort sang zur
Begrüßung unser Herr Kantor einen schönen Ma towu ('Wie
lieblich...') und rezitierte die Psalmen 19, 111, 112 und 149. - Die
Hauptfeier fand am darauffolgenden Morgen statt. Unser herrliches
Gotteshaus war bis auf den letzten Platz besetzt. Andächtig folgten die
Beter dem weihevollen Gottesdienste. Den Glanzpunkt der stimmungsvollen
Feier bildete die Festpredigt unseres Kantors, Herrn Oberlehrer Wahler.
Ausgehend von dem Satze 5. Mose 31,19 "Und nun denn, schreibet
euch diesen Gesang auf" begründete der gewandte Redner in
tiefgründiger Weise die allgemeine Verpflichtung des Toraschreibens,
wünschte den Stiftern für die Erfüllung dieser großen Mizwoh (=
Weisung) Gottes reichsten Segen, dankte im Auftrage der Kultusverwaltung
namens der Gemeinde für das kostbare Geschenk und gab seiner großen
Freude Ausdruck, nun aus einem so schönen Sefer die Toralesung
vornehmen zu können. Herr Wahler dankte der Familie Weinstock und schloss
mit einer herzlichen Ansprache an den Barmizwo." |
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Artikel
in der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung vom 15. November 1932:
"Neustadt a.d. Saale. Unser Gemeindemitglied, Herr Sigmund Weinstock,
hier, und seine Gattin Rosa geb. Stein aus Eschwege, haben vor kurzem
durch den Sofer (Toraschreiber) Herrn Kormann, Frankfurt am Main, eine
wunderbare Tora-Rolle, ein wahres Prachtstück jüdischer Schreibkunst,
anfertigen lassen und unserer Kultusgemeinde anlässlich der Bar Mizwoh
ihres jüngsten Sohnes Norbert feierlich übergeben." |
Bereits vor der NS-Zeit kam es zu gewaltsamen Aktionen gegen
die Synagoge: 1926 wurde davon berichtet, dass bereits zweimal die
Fenster der Synagoge eingeschlagen wurden seien.
Aus
einem längeren Artikel in der Zeitschrift des Central-Vereins
(CV-Zeitung) vom 16. März 1926: "...Diese Agitation hat bereits ihre
Auswirkung gefunden. In vielen Orten werden in den Wirtschaften wüste
Reden geführt, die Fahrräder zieren sich mit Hakenkreuzfähnchen und wer
nicht mittut, steht vor der Gefahr des Boykotts. In dem kleinen
fränkischen Städtchen Neustadt, wo seit alters her Christen und
Juden in friedlichem, bürgerlichem Einvernehmen miteinander lebten, zu
kulturellen und geselligen Zwecken immer zusammen kamen, wurden bereits
zweimal die Fenster der Synagoge eingeschlagen..." |
Auch in der NS-Zeit richteten unbekannte Nationalsozialisten im Juni
1935 erheblichen Schaden im Garten der Synagoge an. Im März 1936
wurden erneut die Fenster der Synagoge eingeschlagen. Im April 1937 wurde die
Synagoge wiederum beschädigt. Am 26. September 1938, dem ersten Tag des
jüdischen Neujahrsfestes, erhielt der Gemeindevorsitzende die Anweisung, die
Synagoge sofort räumen zu lassen. Vermutlich sollte sie zur Unterbringung von Sudetendeutschen
verwendet werden. Unmittelbar vor der Pogromnacht wurde sie von
Oberregierungsrat als Getreidelager für das Baywa-Lagerhaus beschlagnahmt, was
das Gebäude vor der Zerstörung bewahrt hat. Die Gottesdienste fanden nach der
von der jüdischen Gemeinde zu zahlenden Räumung der Synagoge in den Räumen
der jüdischen Volksschule statt. Im Frühjahr 1940 beschlagnahmten die
Behörden im Rahmen einer Altmetallsammlung Ritualien aus der Synagoge, darunter
auch den Kronleuchter der Synagoge. Das Gebäude blieb jedoch erhalten. Im
Keller der katholischen Kirche überstanden die Kriegszeit auch 17 Torarollen,
Silbergerät und Gebetbücher, die hier versteckt worden waren. Einige der
Torarollen stammten aus den Nachbargemeinden Eichenhausen und
Rödelmaier.
1945
wurde die ehemalige Synagoge auf Anweisung der alliierten Militärregierung
zunächst wieder renoviert und neu eingeweiht, vermutlich auch einige Zeit für
jüdische Soldaten der Alliierten sowie für KZ-Überlebende und jüdische
Flüchtlinge ("Displaced Persons") genützt. Über die Einweihung
berichtet die Zeitschrift "Der Aufbau".
Artikel
in der Zeitschrift "Aufbau" vom 28. Dezember 1945:
"Einweihung in Neustadt. In dem nordbayrischen Städtchen Bad
Neustadt ist die Synagoge neu eingeweiht worden, die im Jahre 1938
während des Roschaschanah-Gottesdienstes geräumt werden musste und
seither als Depot der deutschen Heeresverwaltung diente. Siebzehn Torarollen
mit ihrem Silberschmuck, sowie zahlreiche jüdische Bücher fanden sich
wohlverwahrt im Keller der katholischen Kirche und sind nun wieder ihrer
ursprünglichen Bestimmung zugeführt worden. An der Feier nahm Brigadier
General L. Richardson, Commanding General of the IC. Air Defense Command
teil. Für die Mitglieder der Gemeinde, 'die ihr Leben hingaben für ihren
Glauben an Gott' wurde eine Gedenktafel angebracht. Der jüdische
Friedhof, der wie ein Trümmerfeld aussah, musste auf Anordnung der
Besatzungsbehörde von der Stadtverwaltung wieder in Ordnung gebracht
werden." |
Wie lange die Synagoge noch für Gottesdienste verwendet wurde,
ist nicht bekannt. In den 1950er-Jahren wurde das Synagogengebäude umgebaut und dient bis
heute als Wohn- und Geschäftshaus (Arztpraxen). Eine Gedenk- oder Hinweistafel
ist nicht vorhanden.
Adresse/Standort der Synagoge: Bauerngasse 25
Fotos
(Historische Ansichtskarte siehe bei HaGalil.com - kann als
digitale Karte versandt werden: hier
anklicken; Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 11.8.2005)
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| Historische Ansichtskarte (Potpourrikarte)
von Neustadt a.d. Saale mit Synagoge. |
Ausschnitt aus der
Karte links |
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Synagogengebäude
im Sommer
2005 |
Blick von Südosten |
Blick auf die Ostfassade mit
Apsis des ehemaligen Toraschreines |
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Alter gusseiserner Zaun
an der
Westseite |
Blick auf das
Synagogengebäude
von Westen |
Der heutige
Eingangsbereich |
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Das ehemalige jüdische
Schulhaus
(Fotos: Elisabeth Böhrer,
Aufnahmedatum: 4. März 2010) |
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| Das
Gebäude Storchengasse 17 wurde - nach den Recherchen von Elisabeth
Böhrer - von der jüdischen Gemeinde am 31. Januar 1860 erworben und zu
einem "Wohnhaus mit Judenschule" umgebaut; eine Mikwe wurde 1895 angebaut und
eingerichtet (Dokument im Staatsarchiv Würzburg). Der auf dem linken Foto zu sehende Pfosten und der
Hofbereich gehören nicht zum Grundstück der ehemaligen jüdischen
Schule. |
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Das Denkmal
für die aus Neustadt deportierten und ermordeten Juden
in der Bauerngasse - unweit des Synagogenstandortes
(Fotos: Elisabeth Böhrer, Aufnahmedatum: November 2009) |
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| Blick auf das Denkmal |
Innenseite mit
Namen |
Außenseite mit den Figuren |
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| "Betet für uns und
gedenket unser, erzählet es Euren Kindern wieder, wie wir zu Tode
gepeinigt wurden. Gretel Klein" |
Deportationsdatum
22. April 1942
(nur ein Datum der verschiedenen Deportationen wird genannt) |
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| Erinnerung an Moses Blatt,
Frieda Blatt, Betty Adler, Paula Katz, Irene Katz, Klara Ackermann, Max
Frank, Sofie Frank, Lotte Edelstein |
Erinnerung an
Hermann Haas, Selma Haas, Albert Haas, Willi Kaufmann, Sophie Kaufmann,
Richard Kaufmann, Karola Kaufmann, Hermann Kaufmann, Gittel Kaufmann,
Bernhard Lustig, Irma Lustig |
Erinnerung an Hugo Klein,
Gretel Klein, Rosa Klein, Siegbert Klein, Philipp Oppenheimer, Sara
Oppenheimer, Leopold Katzenstein, Emma Kach, Flora Gerendasi |
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| Erinnerung an Emil
Ottensoser, Paula Ottensoser, Hilde Ottensoser, Herbert Ottensoser, Max
Ottensoser, Mina Ottensoser, Senta Ottensoser, Norbert Ottensoser, Meta
Ottensoser, Alfred Ottensoser, Israel Wahler, Bella Wahler, Betti Reis,
Marianne Schloßmann |
Erinnerung an
Justin Strauß, Paula Strauß, Herbert Strauß, Kurt Strauß, Susanne
Strauß, Fanny Strauß, Rosa Weinberg, Arthur Weinstock, Else Weinstock,
Gerhard Weinstock, Lothar Weinstock, Sigmund Weinstock, Rosa Weinstock |
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Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| November 2006:
Einweihung des Denkmales in der Bauergasse |
Artikel von Karin Nerche-Wolf in der
"Main-Post" vom 9. November 2006:
"Gedenken an die jüdischen Mitbürger.
BAD NEUSTADT (NEW) Nicht nur der würdige Rahmen, sondern auch die persönliche Geschichte von Hanna Schwarz und Walter Klein ließen die Feierstunde zur Übergabe des Mahnmals für die ehemaligen jüdischen Bürger Bad Neustadts zu echtem, tief empfundenem Gedenken werden.
Es war der Augenblick, in dem die beiden betagten Herrschaften das neu geschaffene Mahnmal mit innerem Leben erfüllten, indem sie für ihre Mutter Gretel Klein auf der Gedenkwand Kerzen entzündeten. Der Name Gretel Klein findet sich in der Rundung bei all den anderen, den Familien Ottensoser, Weinstock oder Kaufmann, die am 22. April 1942 aus Bad Neustadt deportiert wurden und in Konzentrationslagern ums Leben kamen. Ihre Kinder Hanna und Walter entgingen diesem Schicksal, weil die Eltern sie schon vorher nach England geschickt hatten.
Aber Gretel Klein war nicht nur eins der Opfer, sie hinterließ die zentrale Botschaft des Mahnmals. In einem Brief hatte sie an ihre Kinder geschrieben: "Betet für uns und gedenket unser, erzählet es Euren Kindern wieder, wie wir zu Tode gepeinigt wurden." Hanna und Walter erteilten der Künstlerin Eva-Maria Warmuth die Erlaubnis, diesen ergreifenden Satz in das Mahnmal einzuarbeiten und ermöglichten ihr dadurch wohl auch den engen emotionalen Bezug, den Bürgermeister Bruno Altrichter in seiner Ansprache ausdrücklich hervorhob.
Für die Übergabe des Mahnmals waren Hanna Schwarz und Walter Klein extra aus Amerika angereist. Es war ihnen ein Anliegen, in persönlichen Worten ihren Dank an die Stadt Bad Neustadt zum Ausdruck zu bringen und das warme Willkommen zu erwähnen, das ihnen bei ihren Besuchen in den vergangenen sechs Jahren immer wieder zuteil wurde.
Michael Trüger aus München, Dezernent beim Landesverband der israelitischen Kultusgemeinde in Bayern, hatte das Geschehen der Pogromnacht vom 9. November 1938 eindrucksvoll vergegenwärtigt und eine zutiefst unmoralische Horde, eine kleine Minderheit, dafür verantwortlich gemacht. Durch ihre Passivität seien alle anderen aber auch beteiligt gewesen.
Trüger erinnerte daran, dass eine Reihe jüdischer Familien in der Storchengasse - an deren Einmündung in die Bauerngasse jetzt das Mahnmal steht - wohnte und hier auch 13 jüdische Kinder von Oberlehrer Israel Wahler unterrichtet wurden. Sein Name findet sich auf der Gedenktafel für die Deportierten ebenso wie die seiner noch jungen Schüler. Die Synagoge in Bad Neustadt entging der Zerstörung, weil das Gotteshaus schon vorher beschlagnahmt worden war und als Lagerhalle genutzt wurde.
Die Unterscheidung, die die jüdische Religion zwischen Erinnern an die Toten und Gedenken an die Erschlagenen macht, rief Trüger ins Bewusstsein. Auch er war als Kind gefragt worden, wo seine Großeltern, sein Onkel, sein Bruder seien und konnte daher aus tiefem Herzen der Stadt Bad Neustadt danken, dass der Wunsch von Gretel Klein respektiert wurde.
Einen wesentlichen Anteil an der Realisierung der Gedenkstätte habe vor allem Gitta Biedermann, würdigte Altrichter das unermüdliche Bemühen der Stadträtin. Zur Umsetzung und Gestaltung gab Bildhauerin Eva-Maria Warmuth einige Erläuterungen. Ihr sei es um die Wahrnehmung der Vergangenheit gegangen, aber auch um die Zukunft. Daher habe sie den beiden Figuren Augen gegeben, als Ausdruck für Offenheit gegenüber dem anderen und dem allgemeinen Geschehen. Das Halbrund, in dem die Namen der Deportierten mit der Angabe ihres Alters zu lesen sind, verstehe sie wie eine Umarmung.
Für eine würdige Umrahmung dieser eindrucksvollen Feierstunde hatte ein Klarinetten-Trio der Berufsfachschule für Musik in Bad Königshofen passende Literatur gewählt, die auch über die Ohren jüdische Traditionen vergegenwärtigte." |
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| November 2009:
Vortrag über die Deportation der Juden aus
Neustadt |
Artikel (ruf) in der "Main-Post"
vom 13. November 2009 (Artikel):
"BAD NEUSTADT. Sie ahnten, dass sie in den Tod fahren. Viel beachteter Vortrag von Elmar Schwinger über die Deportation der Bad Neustädter Juden.
'Betet für uns und gedenket unser, erzählet es euren Kindern wieder, wie wir zu Tode gepeinigt
wurden', schrieb Gretel Klein aus Bad Neustadt an ihre Kinder, knapp einen Monat bevor sie mit dem größten mainfränkischen Transport nach Kasniczyn/Izbica in der Region Lublin deportiert wurde.
850 Personen wurden an jenem 22. April 1942 von Würzburg aus deportiert. In Izbica ist Gretel Klein genauso verschollen wie ihr Mann Hugo Klein und alle 56 Bad Neustädter Juden, die das Mahnmal in der Bauerngasse nennt. Drei davon waren 66 Jahre, ein Kind noch keine zehn Monate alt.
Bewegender Vortrag. Es war ein bewegender Vortrag, den der Historiker und Pädagoge Dr. Elmar Schwinger im gut besetzten Bildhäuser Hof auf Einladung der Volkshochschule hielt. In jahrelanger, mühevoller Arbeit und Quellenstudium, unter anderem in Warschau, Lublin und New York, hat er 2009 das Buch
'Von Kitzingen nach Izbica' veröffentlicht. Darin erzählt er vor allem die Geschichte der Kitzinger Juden. Das 670 Seiten starke Buch enthält aber auch viele Hinweise und Quellen zur Geschichte der Bad Neustädter Juden oder anderer jüdischer Gemeinden in der Umgebung.
Izbica war ein 'Transitghetto', in dem die Deportierten unter schrecklichen Bedingungen lebten. Von dort ging es in die Vernichtungslager Belzec, Sobibor oder Auschwitz-Birkenau.
'Man weiß nicht, wo die Bad Neustädter Juden geendet sind', sagte Schwinger. Viele starben vermutlich schon in
Izbica.
Immer wieder ließ Elmar Schwinger den Zuhörern Zeit, die Informationen und Bilder auf sich wirken zu lassen. Oft unterbrach er den Vortrag, um zu sagen:
'Hier können Sie einzelne Gesichter sehen.' Oder: 'Schauen Sie sich das Handgepäck der Deportierten an, dieses ärmliche Gepäck der angeblich wohlhabenden
Leute.' Der Transport von Würzburg nach Izbica dauerte drei bis vier Tage. Die Menschen wussten nicht, dass sie in ihren Tod fuhren, aber sie ahnten es – wie der Abschiedsbrief von Gretel und Hugo Klein belegt.
Getrieben durch die vielfältigen Schikanen der Vorkriegszeit, durch den Schrecken der Pogrome, versuchten viele jüdische Mitbürger auszuwandern. Aber so einfach war das nicht. Unter den im April 1942 aus Bad Neustadt Deportierten fanden sich nicht die Jahrgänge, die hatten auswandern können, sondern Kinder und Menschen über 35. Da Izbica offiziell als Arbeitslager deklariert war, wurden die Greise und Gebrechlichen später nach Theresienstadt deportiert. Sie endeten, sofern sie den Transport überlebten, in jenem Lager, mit dem die Nazi-Propaganda die ganze Welt getäuscht hatte, indem sie Delegationen des Roten Kreuzes durch ein
'Potemkinsches Dorf' führte. 'Der Führer schenkt den Juden eine Stadt', hieß der Propagandafilm über das
'Altersheim Theresienstadt'.
Wie hat sich die Bevölkerung Bad Neustadts verhalten? Auch da gibt es keine einfachen Antworten. Bei der Versteigerung des Eigentums der aus Bad Neustadt Deportierten soll laut Zeitzeugenberichten eine Atmosphäre wie beim Sommerschlussverkauf geherrscht haben. Ein Reingewinn von 20 376,96 Mark wurde erzielt. Es gab Eiferer wie Kreisleiter Ingebrand, der die Fotos vom Abtransport der Juden im Schaukasten der
'Mainfränkischen Zeitung' auf dem Marktplatz ausstellen ließ. Auch muss jemand die Kinder aufgehetzt haben, die dem Zug der Deportierten johlend und steinewerfend zum Bahnhof folgte. Und doch gibt es andere Beispiele, wie das einer Frau, die ein jüdisches Hausmädchen versteckt hielt, und deren Name in Jad Vaschem in Jerusalem aufgeführt ist. Schwinger hob auch die positive Rolle des damaligen Landrats Conrad Stümmer hervor.
Elmar Schwinger stellte die Frage nach Verantwortung und Schuld. 'Wie konntet ihr das
zulassen?' Er beschreibt es so: Seit Machtantritt Hitlers veränderte sich die politische Landschaft. Viele Menschen waren geblendet von der neuen Macht. Ein Beispiel aus seinem Buch:
'Als am 30. September 1938 eine kleine Gruppe verbrecherischer Antisemiten in Mellrichstadt in die Synagoge einbrach und ihr Zerstörungswerk begann, sammelte sich binnen kurzem eine aus mehreren hundert Personen bestehende Menschenmenge an, von der sich viele an den Verwüstungen
beteiligten.'
Die Masse blieb bei der Deportation passiv. Es gab einzelne kritische Stimmen. Der Krieg fegte dann die letzten Tabus hinweg. Die eigenen Sorgen überwältigten die Menschen. Die Angst um die eigene Familie und die Familienangehörigen an der Front erstickte das womöglich vorhandene Mitleid mit den jüdischen Nachbarn.
Walter Klein, der den Holocaust überlebte, weil er und seine vier Geschwister 1939 mit einem in Frankfurt am Main zusammengestellten Kindertransport nach England hatten auswandern können, kam zur Enthüllung des Mahnmals nach Bad Neustadt. Er zeigte Trauer um seine Eltern, aber keinen Groll. Als Bad Neustädter Schüler ihm zum Geburtstag gratulierten, sagte er:
'Ich war ein unerwünschtes Kind in Bad Neustadt. Und jetzt singen die Schüler für
mich.'". |
Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Germania Judaica II,2 S. 584; III,2 S. 963. |
 | Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann: Die jüdischen Gemeinden in
Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung. 1979 S. 267-270. |
 | Pinkas Hakehillot: Encyclopedia of Jewish
Communities from their foundation till after the Holocaust. Germany -
Bavaria. Hg. von Yad Vashem 1972 (hebräisch) S. 415-418.
|
 | Ludwig Benkert: Bad Neustadt an der Saale. Die
Stadtchronik. Neustadt 1985.
|

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Bad Neustadt Lower
Franconia. Jews were victimized in the Rindlfeisch massacres of 1298 and the
Black Death persecutions of 1348/49. The community began to grow in the 19th
century, reaching a peak population of 212 in 1900 (total 2,140). Many Jews
engaged in the cattle trade. A Jewish public school was opened in 1860, a
synagogue in 1888. In 1933 the Jewish population was 158. Severe persecutions
comenced with the Nazi rise to power. Synagogue windows were smashed and
cemetery tombstones broken. The synagogue was taken over by the army in
September 1938. Up to 1941, 74 Jews emigrated, mostly between 1937-39, including
28 to the U.S. and 14 to South America, with 35 leaving for other German cities.
Forty-five Jews were deportated to Izbica in the Lublin district of Poland via
Wuerzburg on 22 April 1942. The last eight were sent to the Theresienstadt
ghetto in September.

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