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Unsleben (VG Heustreu,
Landkreis Rhön-Grabfeld)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Bitte besuchen Sie auch die Website
https://judaica-unsleben.de/de/
(Website erstellt in Kooperation zwischen der University of Yale/USA mit dem
Hadassah College in Jerusalem und dem Rhön-Gymnasium Bad Neustadt unter
Anleitung hochrangiger Experten)
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In Unsleben bestand eine jüdische Gemeinde bis 1940/42. Ihre Entstehung
geht in die Zeit des 16. Jahrhunderts zurück. Erstmals werden 1545 in
einer Steuerveranlagung Juden genannt (ohne Namensnennung). Eine weitere Nennung
von zwei jüdischen Familien in Unsleben liegt aus dem Jahr 1571. 1621/22 wird Jud Beritz von
Unsleben von den Markgrafen von Ansbach in Mainstockheim
aufgenommen. 1690 werden zwei Juden namentlich
genannt, die durch den Schlossherrn von Speßardt aufgenommen worden
waren. 1699 waren die Juden Isac, Gomp und Victor mit ihren insgesamt neun
Kindern sowie einem Dienstboten in Unsleben wohnhaft.
Seit Ende des 17. Jahrhunderts nahm die Zahl der jüdischen Einwohner stetig zu.
1731 lebten auf dem freiherrlichen Gutshof elf jüdische Familien mit 26
Personen.
Mitte des 18. Jahrhunderts (1749) waren bereits 26 jüdische Familien am Ort.
Bei der Erstellung der Matrikellisten 1817 werden in Unsleben auf
insgesamt 42 Matrikelstellen die folgenden jüdischen Familienvorstände
genannt (mit neuem Familiennamen und Erwerbszweig): Hirsch Adler (Viehhandel,
Isaac Alsbach (Eisenwaren- und Viehhandel), Hanna (Isaac Moses' Witwe) Dienstag
(Interessen und Zuschuss ihres Tochtermanns), Low Rosenberg (Viehhandel), Simon
Rosenbaum (Schnittwarenhandel), Jacob Fleischhauer (Schlachter), Hirsch Kleiner
(Schlachter), Kaufmann Kaufmann (Wollen- und Schmuserhandel), Männlein
Donnerstag (Schlachterei, ab 1819), Moses Gärtner (Seifensieden und
Lichterziehen, ab 1822), Moses Tuch (Feldbau (ab 1824), Samuel Sachsenheimer
(Weber, ab 1821), Abraham Kuhl (Metzger, ab 1825), Liebmann Rosenbaum
(Schneider), [nachfolgend Matrikel Patrimonialgericht der Freiherren von
Habermann:] Calmon Salp (Viehhandel, Interesse von Capitalien), Heinemann
Liebenthal (Spezereykram), Baruch Lustig (Viehhandel), Eisig Lustig
(Viehhandel), Joseph Lilienfeld (Schmuster), Simon Lilienfeld (Botengehen,
Taglohn), Mayer Baum (Schmuser), Simon Mittel (Schmusen, Kleinviehhandel),
Nathan Appel (Schlachten), Israel Gottgetreu (Schmusen), Moses Wollemann
(Schmuser), Löw Musliner (Wollengarn- und Hauthandel), Low Kalb (Schacherhandel
mit Ertrag von seinen Studien), Simon Tuch (Schnitt- und Spezereywarenhandel),
Judla Gottgetreu (Schmuser), Samuel Bach (Viehhandel), Abraham Mutter
(Schacherhandel), Mayer Rosenberg (Viehhandel, Kapitalist), Isaias Lamm (Vieh-
und Bettwarenhandel), Israel Lamm (Vieh- und Bettwarenhandel), Gerst Brandus
(Schmuser, geringer Pfandhandel), Gotz Dinkel (Schnittwarenhandel), Hirsch
Dinkel (Schnittwaren- und Schacherhandel), Abraham Gärtner (Schnittwarenhandel),
Samuel Thormann (Zwilchhandel und Botengehen), Simson Hopfenbaum (Hopfen-,
Feder- und Zwilchhandel), Alexander Bein (kleiner Metzger, Spezereywarenhandel),
Hohne Hirsch Nathans Witwe Esther Friedenbach (Kleinspezereykram), Abraham Engel
(Wollen, Haut-, Bett- und Federhandel), Moses Langer (Lamm-, Garn- und
Wollenhandel), Haium Löbs Ehefrau Gellich Donnerstag (Schlachten), Gabriel Kuhl
(Schlachten), Abraham Kleiner (wird vom Sohn ernährt).
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie
folgt: 1816 202 jüdische Einwohner (24,9 % von insgesamt 812 Einwohnern),
1837 225 (in etwa 40 Familien; 24,2 % von 930), 1867 218 (23,7 % von 919), 1871
202 (22,6 % von 895), 1880 146 (16,6 % von 878), 1890 115 (14,4 % von 796), 1895
120 (in 39 Familien), 1897 131 (in 39 Familien), 1898
136 (in 41 Haushaltungen), 1899 139 (in 41 Haushaltungen), 1900
144 (16,2 % von 886), 1901 142 (in 39 Haushaltungen), 1905 144 (von 886
Einwohnern), 1903 147 (in 40
Haushaltungen), 1910 138 (15,4 % von 893). 1833 werden als Berufe der
jüdischen Haushaltsvorstände genannt: ein Großhandelskaufmann, 14
Gewerbetreibende, drei Bauern, 24 Hausierer.
Bereits in den 1830er-Jahren wanderten zahlreiche jüdische Einwohner aus Unsleben
aus (beziehungsweise waren durch das immer noch geltende Matrikelgesetz von 1813
und die weiter bestehenden Einschränkungen dazu gezwungen), eine
Gruppe von ihnen gründete im Ende 1839 die jüdische Gemeinde in Cleveland/USA.
Hierzu liest man in den Annalen der Jewish
Community Federation of Cleveland:
The history of Jewish life in Cleveland began, not in Cleveland,
but in the small town of Unsleben, Bavaria, on May 5, 1839. On that day, a group
of 19 emigrants led by Moses Alsbacher departed for America, seeking escape from
political unrest and economic and personal discrimination. They chose Cleveland
as their final destination because a fellow townsman, Simson Thorman, had two
years earlier made this thriving village on Lake Erie the base for his fur
trading business. Arriving in late 1839, they found their first homes in the
Terminal Tower-Central Market area. A Torah scroll was among the belongings of
this group of settlers, and soon after they arrived, they formed the Israelitic
Society for worship. By 1850, the society had split permanently into two
congregations, Anshe Chesed, today Fairmount Temple, and Tifereth Israel, now
The Temple. Over the next 20 years, both congregations gradually adopted the
Reform mode of worship under the leadership of Rabbi Isadore Kalisch,
Cleveland's first rabbi.
(Foto: Simson and Regina Klein Thorman were two of the earliest Jewish
settlers in Cleveland. Simson, a fur trapper from Unsleben, Bavaria settled in
Cleveland in 1837; Regina joined him in 1839, Quelle).
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine
Synagoge (s.u.), eine jüdische Schule (Israelitische Elementarschule, Schulhaus
Streugasse 63), ein
rituelles Bad und einen Friedhof. Zur
Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der
zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war. Zeitweise gab es auch einen
eigenen Schochet (es werden u.a. genannt: 1887/88 M. Mittel, 1889 W. Schmal). Von den
Lehrern werden genannt: nach 1830 bis 1851 Lazarus Kohn (Cohn) aus
Neuhaus, 1851 bis 1852 Bernhard
Gattmann, 1852 bis 1868 Lehrer Baruch Blümlein (aus
Altenschönbach, vgl. die von
den Lehrern durchgeführten Spendensammlungen unten); von 1868 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1905 Lehrer Samuel Mittel
(unterrichtete 1895 an der
Israelitischen Elementarschule/Volksschule 14 Kinder, 1897/98 17/18, 1901 21, 1903 22, 1905 13),
von 1906 bis 1935 Lehrer Maier Blumenthal, nach 1935 noch Max
Rosenbaum.
Mit Rabbiner Naftali Hirsch Adler
(Vater von Rabbiner Lazarus Adler s.u.) hatte Unsleben von vor 1810 bis nach
1840 einen Rabbiner (Dajan) am Ort. Die jüdische Gemeinde in Unsleben gehörte zum Bezirksrabbinat Kissingen.
Es
gab verschiedene Vereine, die das Gemeindeleben prägten: bereits 1837
wurde ein Israelitischer Wohltätigkeitsverein gegründet. Seit 1872 gab es
verschiedene Fonds (Stiftungen) zur Unterstützung des Gemeindelebens, die vom
Vorstand verwaltet wurden: Israelitischer
Wohltätigkeitsfonds, Israelitischen Armenfonds, Israelitischer Rabbinatsfonds,
Israelitischer Schulfonds, Israelitischer Kultusfonds und Israelitischer
Friedhofsfonds. 1903 wird eine Armenkasse für Wanderer/Durchreisende
genannt. In den 1920er-Jahren gab es eine Ortsgruppe des Jüdischen Nationalfonds Keren Kajemet le Jisrael,
eine Zionistische Vereinigung wie die 1929 gegründete Moses- und
Mathilde Gärtner'sche Ausstattungsstiftung.
Von den Gemeindevorstehern werden u.a. genannt: um 1887/89 K. Lustig, H. Kuhl,
Moses Gärtner; um 1892/94 Herrmann Liebenthal, Moses Gärtner und G. Bach; um 1897/1903 Herrmann Liebenthal, Moses
Gärtner und M. Kuhl; um 1905/06 Herrmann Liebenthal, Moses Gärtner, R. Mittel
sen.
Im Ersten Weltkrieg
sind drei jüdische Männer aus Unsleben gefallen: Siegfried J. Frank (geb. in
Willmars, gef. 14.11.1916), Adolf Engel (geb. 31.5.1897 in Unsleben, gef.
15.8.1917) und Sgt. Karl Oberbrunner (geb. 13.3.1878 in
Trappstadt, gef.
20.1.1918). Ihre Namen stehen auf der Gedenkstätte für die Gefallenen
der Krieg zwischen der Ortskirche und dem Friedhof in Unsleben. Außerdem ist
gefallen: Alfred Kuhl (geb. 1.3.1896 in Unsleben, vor 1914 in
Schopfloch
wohnhaft, gef. 1.7.1916). Für ihren Kriegseinsatz wurden u.a. ausgezeichnet: mit
dem Eisernen Kreuz II: Gefreiter Otto Liebenthal, Sohn von Adolf Liebenthal.
Um 1924 bildeten den Synagogenvorstand die Herren
Bernhard Lustig, Max Mittel und Theo Mittel. Als Kultusbeamter war Wolf Samuel
angestellt. In der Israelitischen Elementarschule unterrichtete Hauptlehrer Maier
Blumenthal
die damals noch zehn schulpflichtigen jüdischen Kinder (auch im Schuljahr 1931/32
wurden noch zehn Kinder unterrichtet). Der letzte jüdische Lehrer war (erst
nach 1936) Max Rosenbaum.
1932 war Vorsitzender der Gemeinde Josef Mittel (auch noch 1936, siehe
Ausschreibung unten). Die Repräsentanz hatte als
Vorsitzende Sallo Krämer und Ludwig Naumann.
1933 lebten noch 119 jüdische Personen am Ort (von insgesamt 995, d.h. 12,5 %).
Ihre Zahl ging zunächst nur langsam zurück; im Mai 1937 waren es noch 102
Personen, danach setzte jedoch ein rapider Auflösungsprozess der Gemeinde ein,
insbesondere aufgrund der antisemitischen Ausschreitungen Ende September 1938 in
der Nachbarstadt Mellrichstadt. Beim Novemberpogrom
1938 wurden zwölf jüdische Männer verhaftet und in das Bezirksgefängnis
nach Bad Neustadt gebracht. Von den 17 Ende 1939 noch in Unsleben wohnenden
Juden wurden zehn im April 1942 nach Izbica bei Lublin deportiert, weitere fünf
im Juni nach Theresienstadt (davon starb eine Person auf dem Transport).
Von den in Unsleben geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Karoline (Lina) Altmann
(1858), Emil Brandis (1898), Nanny (Nanni)
Brandus (1872), Regina Brandus geb. Grünstein (1873), Klara Donnerstag (1862),
Max Donnerstag (1893), Helene Ehrlich geb. Mittel (1901), Moses Gärtner (1876),
Ella Geiershöfer geb. Rose (1875, Informationen siehe
Website zur Kunigendenstraße 29 in München), Sofie Grünbaum geb.
Bach (1865), Siegfried Gutmann (1896), Ida Haymann geb. Grüner
(1894), Arthur Kälbermann (1898), Manfred Kälbermann (1932), Rita Kälbermann
geb. Bach (1897), Paula Kleeblatt geb. Mittel (1898), Karoline (Lina) Klein geb.
Kuhl (1878), Babette Kuhl geb.
Rosenthal (1861), Frieda Kuhl geb. Klein (1892), Herbert Kuhl (1906), Hermann
Kuhl (1933), Klara (Claire) Kuhl (1922), Leo Kuhl (1924), Richard Kuhl (1891),
Siegfried Kuhl (1898), Julius Lamm (1886), Leopold Lamm (1881), Philippine Lamm
(1874), Louise Leopold (1870), Bernhard Lustig (1862), Armand (Arnold) Mittel (1895), Julius Mittel (1894), Klara Mittel (1880),
Simon Sigmund Mittel (1864), Johanna Nussbaum geb. Gutmann (1869), Selma
Oppenheimer geb. Lamm (1888), Anna Reis geb. Rose (1865), Jakob Rosenbaum
(1883), Max Rosenbaum (1878), Sali Selma Rosenbaum geb. Adler (1885), Gertrud Rothschild
geb. Oberbrunner (1907), Else Simons geb. Liebenthal (1899), Rosa Strauss geb.
Seliger (1874), Sofie Taub geb. Bein (1857), Rosa Theimer geb. Rosenbaum (1880), Berta Walther geb.
Liebenthal (1866), Fanny Wachenheimer geb. Gärtner (1874), Berta Walther geb.
Liebenthal (1866), Martha Wantuch geb.
Kuhl (1888).
*Hinweis (nach Angaben von Wolf-Dieter Gutsch vom 28.5.2025): Die in einigen
Listen als Opfer der NS-Zeit genannte Fanny Bach geb. Reis erlebte das Ende des
Zweiten Weltkrieges in der Schweiz; sie starb am 10. Juli 1949. Ihr Grab ist im
jüdischen Friedhof in Lugano. Eine gewisse
Unklarheit gibt es bei Ihrem - auch in einigen Listen als Opfer genannten - Moses Bach.
Gemeinsam mit seiner Frau und vier anderen betagten jüdischen Einwohnern aus
Unsleben wurde er am 9. Juni 1942 nach Würzburg in das jüdische Altersheim
gebracht. Dort oder schon auf dem Wege dorthin starb er. Ein genaues Sterbedatum
und auch der Sterbeort sind nicht bekannt, bei der Stadt Würzburg existiert
kein Sterbeeintrag. Begraben wurde Moses Bach im
israelitischen Friedhof in Würzburg
(Grabstein Foto links, Foto von Wolf-Dieter Gutsch).
vgl.
Datenbank Jüdisches Unterfranken zu Moses Bach und
zu Fanny Bach.
Fanny Bach überlebte über die Vereinbarung Himmler-Musy, die die Ausreise von
1.200 Juden von Theresienstadt in die Schweiz ermöglichte, siehe
https://de.wikipedia.org/wiki/Vereinbarung_Himmler–Musy.
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der
Geschichte der jüdischen Lehrer und Vorbeter sowie der Schule
Neubau des Schulhauses in Unsleben (1838)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 7. August 1838:
"Zu Unsleben hat in diesen Tagen der Bau eines neuen
Schulhauses für die israelitische Gemeinde begonnen. Die königliche
Regierung hat 200 Gulden aus der Kreis-Schuldotationskasse dazu
angewiesen, allein die Ausgabe ist für die Gemeinde noch groß genug, um
zu wünschen, dass Menschenfreunde einige Unterstützungen zufließen
lassen." |
Lob an Lehrer Blümlein - "unstreitig einer der tüchtigsten Lehrer" (1859)
Aus
einem Artikel mit verschiedenen Mitteilungen zu Unterfranken in der
"Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5. September 1859: "Bei den in
meinem Jüngsten ausführlich besprochenen Verhältnissen verdient es besondere
Anerkennung, dass der Rabbiner Dr. Fürst in Bayreuth die Bewilligung zur
Vorbereitung von Schulaspiranten in den Realien und Religionsgegenständen
nachgesucht und auch erhalten hat. Ebenso hat in Unterfranken selbst,
unstreitig einer der tüchtigsten Lehrer, Blümlein in Unsleben, eine
Anzahl Zöglinge angenommen, um sie für ihren Beruf auszubilden. Wir wünschen
beiden lobenswerten Unternehmen von Herzen Glück, und empfehlen sie jenen
Eltern, die ihre Söhne dem Schulfache bestimmen, zur besondern
Berücksichtigung. R." |
Ausschreibungen der Stelle eines Hilfsvorbeters (1900 / 1906)
Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. August
1900:
"Die Kultusgemeinde Unsleben, Kreis Unterfranken, sucht für
kommenden Rosch Haschana und Jom Kippur einen
Hilfsvorbeter,
der an diesen Feiertagen die Schacharit-Gebete verrichten soll.
Offerten mit Gehaltsansprüchen sind baldigst einzureichen an
Kultusvorstand
Herrmann Liebenthal." |
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Mitteilung
im "Israelitischen Familienblatt" vom 23. August 1906: "Hilfsvorbeter
für die hohen Feiertage in Unsleben Offerten unter Angabe der Ansprüche an
den Kultusvorsteher, Herrn Herrmann Liebenthal." |
Lehrer Samuel Mittel tritt in den
Ruhestand (geb. 1846; seit 1868 in Unsleben tätig, trat 1905 in den Ruhestand)
Artikel
im "Israelitischen Familienblatt" vom 9. November 1905: "Unsleben in
Bayern. Am 1. November trat Herr Lehrer Mittel nach 37 jährigen
segensreichen Wirken an der hiesigen Elementarschule in den von ihm
beantragten und von der Kgl. Regierung bewilligten wohlverdienten Ruhestand.
Anlässlich seines Scheidens aus dem Amte wurde er durch einstimmigen
Beschluss zum Ehrenmitgliede der Kultusgemeinde ernannt und ihm als Zeichen
der Dankbarkeit und Verehrung ein Andenken überreicht." |
Zum Tod von Lehrer Samuel Mittel (1915, von 1868 bis zu seinem
Eintritt in den Ruhestand 1905 in Unsleben tätig)
Mitteilung
in "Das jüdische Echo" vom 2. Juli 1915: "Unsleben. Herr Lehrer
Mittel, der sich im Kreise seiner Kollegen eines hohen Ansehens
erfreute, ist vor zwei Wochen zu Grabe getragen worden." |
| |
Artikel
im "Israelitischen Familienblatt" vom 8. Juli 1915: "Unsleben. Unter
selten großer Beteiligung wurde der allgemein hoch angesehene pensionierte
israelitische Volksschullehrer Samuel Mittel zur letzten Ruhestätte
geleitet. Vor dem Trauerhause würdigte Distriktsrabbiner Dr. Bamberger
- Kissingen in tief empfundenen
Worten die hervorragenden Verdienste, welche sich der Entschlafene während
seiner 37-jährigen Wirksamkeit in Gemeinde und Schule erworben hat. Am
offenen Grabe entwarf Herr Lehrer Blumenthal ein treffliches
Charakterbild des Verstorbenen, pries auch seine Verdienste um die
Bestrebungen der verschiedenen Lehrervereine, welchen der selige
Entschlafene angehörte, und widmete ihm in deren Namen einen ehrenden
Nachruf und eine warme. Danksagung. Sein Andenken werde zum Segen!"
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Zum Tod von Lehrerwitwe Sophie Mittel (geb. 1855, gest. 1935)
Hinweis: die Witwe von Lehrer Samuel Mittel - Sophie Mittel
lebte bis zu ihrem Tod am 5. November 1935 in Unsleben in der Streugasse 42. Sie wurde wie
ihr Mann, Lehrer Samuel Mittel im Unslebener jüdischen Friedhof beerdigt. Ihr
Grab ist erhalten, jedoch sein Grab ist nicht mehr auffindbar oder kann nicht
sicher identifiziert werden. Das einzige Kind Siegfried ist bereits im Babyalter
1876 gestorben.
Meldung
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15.
November 1935: "Kurz vor Redaktionsschluss erhalten wir die
Trauerbotschaft vom Heimgange der Witwe unseres früheren
Vereinsmitgliedes, Frau Mittel (Unsleben) im 80. Lebensjahr. Wir sprechen
auch an dieser Stelle den Angehörigen unser herzlichstes Beileid
aus." |
Aus der Zeit des Lehrers Maier Blumenthal (vor 1915 bis 1935 Lehrer in
Unsleben)
Anmerkung: Maier (Meier) Blumenthal ist am 26. März 1876 als Sohn des
Lehrers Lazarus Blumenthal in Laudenbach
am Main geboren. Er ließ sich an der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in
Würzburg zum Lehrer ausbilden (Examen 1895) und war ab 1906
Religions-/Volksschullehrer in Unsleben (zuvor vermutlich in Poppenlauer).
Er war verheiratet mit Selma geb. Lehmann (geb. 1880 in Wenkheim).
Ende 1935 verzog er nach Würzburg. Mit seiner Frau emigrierte er im Dezember
1939 in die USA (New York), wo er am 18. Oktober 1945 starb.
| Beförderung
des Lehrers Maier Blumenthal (1920) |
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. September (1920):
"Unsleben, 12. August. Der Israelitische Volksschullehrer M.
Blumenthal wurde von der Regierung zum Hauptlehrer befördert und mit
Wirkung vom 1. April 1920 ab in die VIII. Gehaltsgruppe
eingereiht". |
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| Ernennung von
Lehrer Blumenthal zum
Oberlehrer (Mai 1931) |
Meldung in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Mai 1931:
"Unsleben, 11. Mai (1931). Hauptlehrer Blumenthal wurde ab 1. Mai zum
Oberlehrer ernannt." |
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Meldung
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15. Mai
1931: Personalia. Kollege Blumenthal in Unsleben wurde ab 1. Mai
zum Oberlehrer ernannt. Roberg (Höchberg) wurde mit der Verwesung von
Thüngen betraut." |
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| 25-jähriges
Ortsjubiläum von Lehrer Blumenthal (Dezember 1931) |
Meldung
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 1.
Dezember 1931: "Personalia. Am 1. Dezember feiert Oberlehrer
Blumenthal (Unsleben) sein 25jähriges Ortsjubiläum." |
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| Auszeichnung
für Lehrer Blumenthal (Dezember 1931) |
Meldung
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15.
Dezember 1931: "Anlässlich seines 25jährigen Ortsjubiläums wurde
Kollege Blumenthal (Unsleben) von Gemeinde und Verband sehr geehrt und vom
Rabbinat mit dem Chower-Titel ausgezeichnet. Die gleiche Auszeichnung
erhielt unser Kollege Hammelburger (Ichenhausen) anlässlich seines 50.
Geburtstages." |
Hauptlehrer Max Rosenbaum kommt nach Unsleben (1936) und begeht hier noch
seinen 60. Geburtstag (1938)
Anmerkung: Max Rosenbaum ist am 17. September 1878 in
Theilheim als Sohn des Handelsmannes Moses
Rosenbaum geboren. Rosenbaum diente 1898, 1899 und 1901 jeweils drei Monate als
Soldat im 1. Königlichen Infanterieregiment. Am 15. Februar 1915 wurde er zur 5.
Ersatzkompanie versetzt. Max Rosenbaum war verheiratet mit Selma geb. Adler
(geb. 29. Juni 1885 in Urspringen). Die
beiden hatten einen Sohn Martin, der am 9. Oktober 1911 in
Sulzbürg geboren worden ist. Martin wurde
Arzt und konnte im April 1938 von Hamburg aus in die USA emigrieren. Sein
letzter Wohnort in Deutschland war in Unsleben.
1909 wurde der damals in Poppenlauer
tätige Max Rosenbaum in Sulzbürg als Lehrer
gewählt, trat die Stelle jedoch wohl erst 1910/11 an. 1925 gab es in Sulzbürg
noch drei Kindern Religionsunterricht. Nun übernahm ab dem 15. November 1925
Rosenbaum die Funktion des Religionslehrers, Kantors und Schächters in
Ingolstadt. Hier blieb er bis 1931/32 und
wurde dann in Thüngen Nachfolger von Lehrer
Julius Roberg, bis dieser an die jüdische Volksschule bzw. die
ILBA in Würzburg wechselte. Nach Aufhebung der
Israelitischen Volksschullehrerstelle in Thüngen wurde Rosenbaum am 1. Mai 1935
in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Die Schule in Thüngen wurde als private
jüdische Volksschule weitergeführt. Rosenbaum wurde ab 1. Februar 1936 als
Leiter der Israelitischen Volksschule Unsleben eingesetzt. Im September
1938 beging er dort seinen 60. Geburtstag. Fünf Monate zuvor war seinem Sohn
Martin die Emigration in die USA gelungen. Max und Selma Rosenbaum wurden am 22.
November 1941 aus Frankfurt am Main nach Kaunas deportiert und am 25. November
ermordet. Als letzte Adresse ist in der Deportationsliste Frankfurt -
Röderbergweg 38 angegeben.
Artikel
in der "Bayrischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15.
Januar 1936: "Hauptlehrer Max Rosenbaum in Thüngen
ist ab 1. Februar zum Leiter des Israelitischen Volksschule in Unsleben
ernannt worden." |
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Aus
den "Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern" vom 1. November
1938: "Vor kurzem konnten die Kollegen Heimann in Augsburg und Rosenbaum
- Unsleben ihren 60. Geburtstag begehen. Wir gratulieren auch an dieser
Stelle den Jubilaren auf das herzlichste. |
In der israelitischen Schule wird das
8. Schuljahr eingeführt (1937)
Nachricht
in "Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern" vom 15. Juni 1937:
"Mit Beginn des neuen Schuljahres wurde das 8. Schuljahr auch an den
jüdischen Volksschulen in Neustadt a.
Saale und Unsleben eingeführt." |
Todesanzeigen für Lehrer Maier Blumenthal (1945 in New
York)
Anzeige
in der amerikanisch-jüdischen Zeitschrift "Der Aufbau" vom 2.
November 1945:
"Unser verehrter Oberlehrer und Kantor,
Herr Maier Blumenthal
ist am 18. Oktober 1945 nach langer Krankheit verschieden.
In 28jähriger, unermüdlicher Tätigkeit hat er sich die Hochachtung und
Liebe seiner Gemeinde erworben.
Sein Werk wird weiter leben, verbunden mit unserem immer währenden
Dank.
Die Angehörigen der früheren Kultusgemeinde Unsleben in New York." |
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Anzeige
in der amerikanisch-jüdischen Zeitschrift "Der Aufbau" vom 2.
November 1945:
"Am 18. Oktober 1945 verschied im 69. Lebensjahr nach kurzer
Krankheit mein unvergesslicher, herzensguter Mann, unser lieber, guter
Vater, Schwiegervater und Grossvater
Maier Blumenthal, Oberlehrer a.D.
Im Namen der tieftrauernden Hinterbliebenen
Selma Blumenthal geb. Lehmann
Larry Blumenthal und Frau Ruth geb. Suss
Felix Blumenthal und Frau Alice geb. Hirsch
Armin Blumenthal und 3 Enkelkinder
907 Nostrand Ave. Brooklyn, N.Y." |
| Hinweis auf Grabstätte:
https://de.findagrave.com/memorial/95979778/maier-blumenthal
|
Aus dem jüdischen
Gemeinde- und Vereinsleben
Allgemeiner Bericht aus der jüdischen Gemeinde (1837)
Anmerkung: Der Bericht wurde erstellt von Dr. Lazarus Adler (geb. 10.
November 1810 in Unsleben, gest. 5. Januar 1886 in Wiesbaden). Dr. Adler war in
den 1830er-Jahren Assistent seines Vaters - Rabbiner Naphtali Hirsch Adler - in
Unsleben (er fand über mehrere Jahre keine Anstellung als Rabbiner; 1838 war er
Mitunterzeichner einer "Münchner Petition" von 17 stellungslosen
Rabbinatskandidaten);
Dr. Adler war seit 1840 Distriktsrabbiner in Bad
Kissingen, von 1852 bis 1884 Landrabbiner in Kassel.
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 2. September
1837: "(Aus Unsleben, im Untermainkreise). Herr Redakteur! Bei der
nicht genug zu lobenden Tendenz Ihres Blattes darf ich wohl voraussetzen,
dass Sie nicht bloß solchen geschichtlichen Ereignissen und Handlungen,
welche bedeutenden Erfolg versprechen und allgemein wichtig sind, sondern
auch denen die geringere Folgen haben, aber darum nicht minder als
erfreuliche Zeichen der fortgeschrittenen Bildung hervortreten, Aufnahme
gewähren werden. Auch Ihre Leser, glaube ich, werden nicht ohne
Wohlgefallen Bestrebungen vernehmen, welche sich da kund geben, wo man es
noch nicht zu erwarten berechtigt ist. Vielleicht dürfte übrigens auch
das, was ich Ihnen mitzuteilen hier das Vergnügen habe, nicht ganz
erfolglos und in mancher Beziehung zur Verbesserung der jüdischen
Verhältnisse ersprießlich sein. Seit einem halben Jahre besteht nämlich
in der hiesigen nicht sehr zahlreichen jüdischen Landgemeinde ein
'Israelitischer Wohltätigkeitsverein', der in seiner doppelten Tendenz
beachtungs- und nachahmungswert ist (Anmerkung: Es ist dieser übrigens
im Untermainkreise nicht der einzige und auch nicht der erste. Seit
längerer Zeit besteht schon ein ähnlicher (jedoch nur in einer Richtung)
zu Werneck, ins Leben gerufen durch Herrn W. Kohn daselbst). Es wohnen
hier kaum 40 Familien und natürlich kann auch die Anzahl der
Vereinsglieder nicht bedeutend sein. Derselbe zählte bei seinem Entstehen
30 Mitglieder, wovon aber seitdem 2 nach Amerika ausgewandert sind. Die
Tendenz des Vereins ist, wie gesagt, eine doppelte, eine bürgerliche und
eine religiöse. In seiner ersten Tendenz will der Verein einen Fonds
gründen, aus welchem arme Jünglinge unterstützt werden sollen, wenn sie
zu arm sind, das Handwerk zu lernen, zu welchem sie Neigung haben; oder
ihnen Mittel fehlen, in die Wanderschaft zu gehen, oder auch das nötige
Handwerkzeug sich anzuschaffen. Übrigens räumt der Verein diesen
Verwendungen nur den Vorzug ein, schließt aber andere Wohltaten nicht
aus, und Kranke oder sonst Unglückliche können nach den Statuten
Unterstützung finden. Auch nicht bloß auf den hiesigen Ort ist die
Wirksamkeit des Vereins beschränkt, sondern auch Auswärtige können sich
darum bewerben; so wie auch Auswärtige als Mitglieder in denselben
eintreten können. Dass dieses geschehen möchte, ist sehr zu wünschen,
und außerdem hätte man sich auch keine großen Früchte, wenigstens für
lange Zeit zu versprechen. Wie schon im Verlaufe dieser kurzen Zeit die
Zahl der Mitglieder durch Auswanderungen sich verringert hat, so steht ihm
eine noch größere Minderung für die kommenden Jahre bevor. Unserer
Jugend stehen zu viele Schwierigkeiten bei ihrer Niederlassung im Wege,
und da der Verein, außer einigen Wenigen, aus unverheirateten Individuen
besteht, von diesen aber Viele, Erleichterung erwartend, zur Auswanderung
nach Nordamerika sich veranlasst sehen, so dürfte er wohl, wenn nicht,
was wir übrigens hoffen, in unserem Lande selbst Erleichterung der
Israeliten wird, manches seiner Mitglieder einbüßen. Aber auch ohnedies
bedarf der Verein einer Unterstützung durch auswärtige Beiträge. So
gering die Anzahl der Gemeindemitglieder ist, so schwach sind auch ihre
Vermögensverhältnisse, und nur klein sind die Beiträge, die sie nach
ihren schwachen Kräften bringen können. Und ich kann nicht umhin den
Wunsch und die Bitte auszusprechen, dass doch meine Glaubensbrüder
diesem, dem allgemeinen Wohl geweihten Institut einige Teilnahme schenken
möchten! Wahrlich, Gaben, wie sie von Vielen gar nicht beachtet werden,
würden diesem schon wichtige Dienste leisten und ihm Leben und Stärke
verleihen. Ich weiß, dass es uns gegenwärtig nicht an edelgesinnten und
wohltätigen Männern fehlt, nicht an Männern, die selbst ein großes
Opfer zu bringen nicht scheuen, wenn es das Heil Israels gilt. Möchten
diese es doch nicht unter ihrer Würde und für zu kleinlich halten, auch
diese Anstalt zu unterstützen, sei es durch Schenkungen oder durch
regelmäßige Beiträge! Die Redaktion wird gewiss die Güte haben, jeden
Beitrag, den man nicht direkt hierher schicken wollte, anzunehmen und dem
Vereine zuzustellen (Anmerkung: wir erklären uns sehr gern bereit
hierzu. Die Redaktion). Mit dieser |
mehr
bürgerlichen Tendenz, das Erlernen der Handwerke unter Israeliten zu
befördern, ist nun auch eine religiöse verbunden, und um diese gehörig
würdigen zu können, müssen wir einige Worte über die kirchlichen
Verhältnisse der Israeliten im Untermainkreise vorausschicken. Wir sind
nämlich im ganzen Kreise, mit Ausnahme einiger Landgerichte, welche den
Distrikt Aschaffenburg bilden, ganz ohne oder doch so gut, wie ohne
Rabbiner. Zwar gilt dieses buchstäblich nur von einem Teile, während der
andere unter einem Rabbiner steht; allein der Unterschied beruht lediglich
darauf, dass diese einen besolden müssen, jene aber auch keinen zu
besolden brauchen. Von einem Rabbiner haben, wenn anders dieses soviel
heißt, als dass ein Rabbiner Kultus und Schule beaufsichtigt, leitet und
verbessert, dass ein Rabbiner lehrt, mahnt und warnt, kann, wie allgemein
bekannt - im ganzen Kreise, mit Ausnahme des genannten Distriktes, keine
Sprache sein. Von den fast 18.000 jüdischen Seelen, welche im
Untermainkreise wohnen, dürften ungefähr 1.500-2.000 im wahren Sinne
einen Rabbiner haben. Die übrigen 16.000, sage sechszehn Tausend
jüdischer Seelen, sind in der Ausübung des Gottesdienstes, wie des
Unterrichts in der Religion, lediglich sich selbst überlassen. Der
Letztere wird zwar von geprüften jüdischen Religionslehrern versehen,
welche im Seminar gebildet werden. Allein man erwäge, dass im Seminar
selbst (sowie in allen hierländischen jüdischen Bildungsanstalten) in
der jüdischen Religion selbst kein Unterricht erteilt wird. Nun muss aber
doch der Lehrer auch noch etwas mehr wissen, als das Religionsbuch von
Alex. Beer auswendig gelernt zu haben, mehr als bloß einige Bibelstellen
übersetzen und analysieren zu können. Allein mehr kommt, die Religion
betreffend, bei den Prüfungen, soviel ich weiß, nicht vor. Dabei kommen
aber doch noch andere Gegenstände vor, und da die Noten gezählt werden,
so ist wohl möglich, dass die Wagschalen das Gleichgewicht halten, wenn
auch das Pfund der Religion nicht vollwichtig ist. Wir sind keineswegs
gemeint, der Königlichen Regierung hiermit einen Vorwurf machen zu
wollen. Nichts wäre unbilliger als dieses. Wäre keine kirchliche
Behörde da, so müsste und würde die Königliche Regierung eine solche
schaffen und gewiss dem Übelstande abhelfen; aber es ist eine da, nur
dass sie nichts leistet, nichts zu leisten vermag. Der Vorwurf kann daher
nur den Rabbiner oder die Gemeinden, also die Israeliten des
Untermainkreises selbst treffen. Den Rabbiner trifft er jetzt gewiss nicht
mehr, denn ihn rechtfertigen sein Alter und seine
Gesundheitsverhältnisse. Aber die Gemeinden hätten längst, wenn ihnen
die Religion kein gleichgültiger Gegenstand ist, über die Lage der Dinge
der Regierung Bericht abstatten müssen, und um Besetzung der
Rabbinatsstellen nachsuchen sollen. Was hilft's, wenn Kandidaten dieses
noch so oft und aus noch so reiner Absicht tun, sie werden immer in
Verdacht stehen, dass nur das Verlangen nach einem Amte aus ihnen spräche,
und nicht leicht Glauben und Gehör finden. Allein, wie es jetzt steht,
wer gibt der Gemeinde die Überzeugung, dass die Lehrer ihre Pflicht
erfüllen und genügenden Religionsunterricht erteilen? Wer bürgt ihnen,
ob die Religion, welche sie lehren, auch jüdische ist? wer schützt sie,
dass nicht manche Lehrer Jünger des Herrn Präparandenlehrers Stern zu
Heidingsfeld sind? (Anmerkung: Bekanntlich hat dieser in einem
Sendschreiben an die jüdischen Theologen die Dreieinigkeit als eine Lehre
des Judentums anerkannt. Abgesehen nun, dass er selbst noch Lehrer ist, so
wissen wir ja nicht, ob nicht seine Präparanden in seinem Sinne lehren).
Doch wir kommen zu weit von unserem Gegenstand ab, oder ich bin schon so
weit abgekommen, dass ich die Leser um Entschuldigung bitten muss. Allein
wer sollte bei der leisesten Berührung eines Feldes sich nicht darauf
verirren, das so ganz unbebaut und wild bewachsen ist, da noch nicht
einmal ein geebneter Pfad sich zeigt? Oder, um ohne Bild zu sprechen,
welcher Israelit im Untermainkreise, der für seine Religion nicht ganz
gleichgültig ist und auch nur hie und da darüber nachdenkt, sollte nicht
so voll davon sein, dass er bei jeder Gelegenheit davon zu sprechen sich
veranlasst sieht?" (Schluss folgt) |
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 16. September
1837: (Aus Unsleben, im Untermainkreise.) Schluss. Man könnte
vielleicht - nun das muss ich noch bemerken - auch mich hierin
eigennütziger Absichten beschuldigen, weil ich zu den vielen Kandidaten
gehöre, welche im Untermainkreise auf Stelle warten, und ich gesteht,
dass die Besorgnis vor einem solchen Verdacht mich lange schwankend
machte, ob ich diesen Punkt öffentlich berühren sollte, und vielleicht
auch zurückgehalten hätte, wenn nicht eine innere, und ich glaube sagen
zu dürfen, bessere Stimme mir zuriefe, dass, wer auf das Urteil Aller
Rücksicht nehmen wolle, niemals etwas fürs allgemeine Beste tun könne.
Es gibt kaum ein gutes Werk, dem nicht eine Seite abzugewinnen wäre, von
welcher ihre Motive herabgewürdigt und das Verdienst des Urhebers
geschmälert werden könnten. Die Verständigen werden auch wohl einsehen,
dass ich mir damit mehr schaden als nützen kann. Gott ist auch mein
Zeuge, und die guten Menschen werden meiner Versicherung glauben, dass ich
nur im Interesse unserer heiligen Sache mich hierüber ausspreche und
diese Mitteilung mache. Vielleicht findet sie Nachahmung, vielleicht regt
sie manchen Kandidaten an, auf ähnliche Weise sich einen Wirkungskreis zu
schaffen, wie ich es jetzt hier getan habe. Nach diesen vorausgeschickten
Bemerkungen nämlich sieht jeder, wie verwahrlost der Gottesdienst ist und
wie sehr es an Belehrung fehlt. Wie sehr es mich drängte, dieses Übel
wenigstens so weit als möglich zu mindern, brauch ich Keinem zu sagen,
der ein Herz hat, das nicht gleichgültig für Israel und seine Heiligtum
schlägt. Aber ich wollte, so sehr ich es bei meinen braven Ortsleuten,
deren Liebe und Zutrauen mich wahrhaft glücklich machen, hätte wagen
können, ich wollte die Schranken des Privatmannes nicht überschreiten,
und hielt mich fest in diesen Grenzen, nur dass ich von Zeit zu Zeit in
nicht kurzen Zwischenräumen predigte. Man wird mir vielleicht sagen, dass
ich es jeden Feiertag hätte tun können, allein wer reiflicher darüber
nachdenkt, wird es nicht ratsam finden, dass der Kandidat häufig und so
wie ein wirklicher Geistlicher in der Gemeinde predige, in der er nicht
angestellt ist. Alle Bedenklichkeiten hingegen sind beseitigt durch die
religiöse Tendenz, die wir mit unserem Vereine verbunden haben. Es wird
nämlich jeden Feier- und Festtag eine Erbauungsstunde in der Synagoge
gehalten, welche die Stelle des Gottesdienstes nicht vertreten, aber eine
Lücke in demselben ausfüllen soll - Belehrung und Erbauung. Freilich an
sich wieder ein Bruchstück und mangelhaft, aber ein altes Sprichwort
sagt: Besser etwas, wenn nur wenig, als gar nichts! In dieser
Erbauungsstunde - wie wir sie genannt haben - wird nun jeden Sabbat ein
Vortrag gehalten. und ein Gebet in deutscher Sprache verrichtet. Zum
Eingang wird ein Psalm rezitiert und ebenso zu Schlusse, an deren Stelle
können jedoch, wenn die Verhältnisse es erlauben, nach den Statuten,
deutsche Lieder treten. In dieser Versammlung kann ich und jeder, der
damit beauftragt sein wir, Vorträge zu halten, obgleich nicht angestellt,
dennoch lehren als Freund, als - Geistlicher mahnen und warnen,
zurechtweisen und belehren. Ich kann und darf vergessen, dass ich ein
Kandidat und Privatmann bin - ich bin in meinem Amte, bin es auf eine
würdige Weise, von der Versammlung selbst dazu erkoren. Und je größer
diese ist, desto mehr mein Zutrauen wächst und der Beweis mir gegeben
wird, dass Belehrung gewünscht werde. Dieses Zeugnis kann ich nun auch
mit gutem Gewissen den Israeliten hiesigen Ortes geben. Obgleich einige
Stunden nach dem Gottesdienste diese Erbauungsstunde abgehalten wird, so
findet sich doch nicht bloß die ganze Jugend, sondern auch der größte
Teil der übrigen jüdischen Bevölkerung beiderlei Geschlechts bei
derselben |
ein. Und es entsteht auch noch der Vorteil, dass auch die Unverheirateten
des weiblichen Geschlechtes die Synagoge besuchen, und nicht, wie es fast
im ganzen kreise der Fall ist, das ganze Jahr kein Gotteshaus betreten.
Freilich gibt es auch mitunter Manche, die es unter ihrer Würde oder
gegen ihre Bequemlichkeit finden, einer solchen Privatandacht, obgleich
öffentlich abgehalten, beizuwohnen; allein ihr Zurückbleiben darf uns so
wenig verdrießen und unwillig machen, als wir von ihrer Gleichgültigkeit
oder gar Gegenwirkung uns in unserem Streben zurückschrecken und
entmutigen lassen dürfen. So habe ich mir denn selbst einen heiligen
Wirkungskreis geschaffen, in welchem ich dem Berufe obliegen kann, dem ich
Kraft und Leben gewidmet habe. Möchten viele meiner Herren Kollegen mir
nachahmen, wahrlich es wird sie niemals reuen. Der Genuss ist groß, den
dieser Wirkungskreis bietet, größer als Gehalt und Belobungsschreiben
ihn uns gewähren. Wir können wirken und haben das Bewusstsein, was wir
tun, zur Ehre Gottes und zum Heile Israels aus eigenem Antriebe und reiner
Absicht getan zu haben. Ganz ohne Erfolg kann ein solches Wirken, minder
denn jedes andere bleiben. Meine Gemeinde fordert nichts von mir, sondern
wünscht nur Belehrung, und ich fordere nichts von ihr, verlange nur
Aufmerksamkeit. Ich erfülle ihren Wunsch mit Vergnügen, und ihr fällt
es nicht schwer, meinem Verlangen nachzukommen. Sollte aus einem solchen
Verhältnisse nicht manches Ersprießliche hervorgehen? Ich gebe mich
wenigstens der süßen Hoffnung hin, und mit Gottes Hilfe werde ich in
meiner Hoffnung auch nicht getäuscht werden! Dr. L.
Adler" |
Im nachfolgenden Artikel beschreibt Dr. Adler die Situation der
jüdischen Landgemeinden im Blick unter anderem im Blick auf die damals
noch bestehenden großen finanziellen Belastungen, die auch dazu führten,
dass in vielen Gemeinden keine jüdischen Elementarschulen gegründet
werden konnten. |
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 5.
September 1837: "Entgegnung. In Nr. 28 dieses Blattes äußert sich
ein Berichterstatter aus 'München über das Schulwesen' folgendermaßen:
'dass aber bisher nicht alle Religionsschulen mit den Elementarschulen
vereinigt wurden, da doch der Lehrer gewöhnlich beide verstehen kann, und
überdies die schönen Früchte solcher schon vereinigter Schulen bekannt
sind, daran ist öfters derjenige Teil der Gemeinde hinderlich, der keine
schulpflichtigen Kinder hat; so diese Leute also bloß zur Besoldung usw.'
Wir können nicht umhin, zu behaupten, dass diese Angaben der Ursache nur
in wenigen Fällen sich bewahrheitet. Sondern die Haupt- und fast
alleinige Ursache ist das bestehende Gesetz, dass kein jüdischer
Elementarlehrer mit weniger als 300 Gulden besoldet werden darf. Dieses
hält von der Vereinigung in den meisten Gemeinden zurück und zwar den
Teil der Gemeinde, welcher schulpflichtige Kinder hat, nicht weniger als
den, welcher keine hat, weil beiden Teilen die Last zu schwer sein würde,
eine solche Besoldung zu erteilen. Würde von der Königlichen
Staatsregierung dieses Gesetz aufgehoben, und den jüdischen Lehrern
gleich den christlichen ein in Rücksicht auf die Zahl und den
Vermögensumstand der Gemeindeglieder verhältnismäßiger Gehalt
bestimmt, oder zu geben gestattet, so würden bald wenige Schulen in
Bayern sein, in welcher jene Trennung noch statt hat, oder es müssten
ganz andere Umstände es verhindern, wie z.B. die Beschwerden der
christlichen Gemeinde. Schreiber dieses weiß es aus Erfahrung. Einen
Beweis liefert auch die Tatsache, dass da, wo es die Kräfte der Gemeinde
nicht zu sehr übersteigt, 300 Gulden zu geben, jene Vereinigung bereits
wirklich eingetreten ist. Die Israeliten in Bayern tun wahrlich ihre
Schuldigkeit in Ansehung des Schulwesens. Das wir Jeder gestehen müssen,
der hierin unparteiisch urteilt. In den meisten Landgemeinden (Anmerkung:
von den großen Städten reden wir nicht) hat der nicht bemittelte
Israelit , selbst wenn er keine Kinder hat und der Gehalt nicht 300 Gulden
beträgt, 8-12 Gulden zu zahlen. man schließe nun auf den, der Kinder
hat, oder einiges Vermögen besitzt, oder wenn der volle Gehalt zu 300
Gulden gegeben würde, und frage: ob in irgend einer christlichen Landgemeinde
ein Mitglied, mit oder ohne schulpflichtige Kinder, eine solche Ausgabe
zur Erhaltung des Lehrer zu bestreiten habe. Es ist gewiss eine
übertriebene Anforderung, wenn man von Gemeinden zu 15-30 Mitgliedern (in
stärkeren ist größtenteils eine jüdische Elementarschule) verlangt,
sie sollen 300 Gulden Gehalt, freie Wohnung, frei Holz usw. geben,
während von der christlichen Gemeinde, welche 200-300 stark ist, dabei
Stiftungen und liegende Grundstücke besitzt, und |
den Ertrag als Gemeindeschreiber in Anschlag bringt, der Lehrer - nur 250
Gulden, bald mehr, bald weniger als Gehalt bezieht. Um das Gesagte zu
veranschaulichen, erlaube ich mir beispielsweise die hiesige Gemeinde
(Unsleben) anzuführen, welche übrigens eine Elementarschule hat,
weshalb auch der Vorwurf der Parteilichkeit oder des Eigennutz mich nicht
treffen kann. In dieser, welche nicht viel über 40 Familien zählt, und
eine Elementar- und Religionsschule vereinigt unterhalten muss, beträgt
es auf den Familienvater, der 1.000 Gulden reich ist, und keine
schulpflichtige Kinder hat, mehr als 15 Gulden; auf den, der vermögenslos
ist und nur soviel verdient als er braucht, aber eins oder zwei
schulpflichtige Kinder hat, nicht weniger. Dabei sind sie größtenteils,
und sollen sie doch alle Handwerker und Landwirte werden, wie es ihr
christlichen Nachbarn auch sind; dabei haben sie noch außerdem Abgaben
zur Kultus- und Armenkasse, dabei noch Steuern und zum großen Teile
Schutzgelder zu entrichten; dabei ein Schulhaus bauen zu lassen usw.
Hierauf kann man sich schon, wie ich glaube, einen hinlänglichen Begriff
machen, wie es durchaus nicht Gleichgültigkeit für die Schule ist, wenn
manche andere Gemeinde, besonders, wenn sie nur 10.20 Familienglieder
zählt, sich weigert, einen Lehrer aufzunehmen, der mit dreihundert Gulden
besoldet werden muss. Soviel zur Berichtigung der angeführten
Äußerung.
Da ich indessen auf diesen Gegenstand einmal zu sprechen gekommen bin, so
sei es mir gestattet, an meine Glaubensbrüder noch einige Worte
hinzuzufügen, um die Aufmerksamkeit der Edlen und Gutgesinnten auf einen
Punkt hinzulenken, der wohl Beachtung verdient. Aus dem Gesagten erhellt
schon, wie drückend die Lage der meisten jüdischen Gemeinden auf dem
Lande sei, und wie schwer es ihnen falle, die Ausgabe zu bestreiten,
welche sie leisten müssen, bevor sie noch an ihren häuslichen Gebrauch
kommen. Dieses ist aber in der Wirklichkeit noch weit trauriger, als ich
es hier angedeutet, und wenn - was wir in Bayern übrigens vertrauensvoll
noch während dieses Langtags hoffen - nicht bald eine Verbesserung
unserer Verhältnisse eintritt, so wird sie höchst beklagenswert. Aus
allen Gemeinden wandern Leute aus und machen sie noch ärmer an
Mitgliedern und an Geld. Aber wenn auch, wie wir in Bayern von der
Gerechtigkeit unseres Königs und der Humanität unserer Landstände zu
erwarten berechtigt sind, eine Verbesserung unserer Verhältnisse oder
selbst eine Gleichstellung uns zuteil wird. so wird wohl das Übel um
vieles gemindert, aber nicht ganz gehoben werden. Immer wird noch die Lage
der jüdischen Familien und vorzüglich auf dem Lande, mit Ausnahme
einiger wenigen Reichen, eine höchst beklagenswerte sein. Wenn der
jüdische Handwerber und Ökonom eine bedeutende Summe zu verausgaben hat,
die seinem christlichen Nachbar, mit dem er gleiche Geschäfte betreibt,
nicht obliegt; wie soll er neben diesem noch bestehen und zurechtkommen
können? Nehmen wir nun noch hinzu, dass in einigen Staaten wieder auf
eine Zeit rein die Hoffnung zur Gleichstellung genommen ist, dass sie also
auch ihren bürgerlichen Druck forttragen und unter bürgerlichen
Beschränkungen fortdulden mögen: so ist dieses Veranlassung genug,
darauf zu denken, wenigstens soweit unsere Kräfte reichen, auf eigenem
oder gesetzlichem Wege den armen Glaubensbrüdern Erleichterung zu
verschaffen. Dieses könnte geschehen, wenn ein ausgebreiteter Unterstützungsverein
für jüdischen Kultus und jüdische Schule gegründet würde, an
dessen Spitze sich natürlich die ersten Männer unter Israel stellen
müssten. Es scheint manchem vielleicht phantastisch, aber man denke nur
ruhig darüber nach, und die Möglichkeit der Ausführung, wie die
Heilsamkeit seines Wirkens wird niemand mehr bezweifeln. Es kann hier
meine Absicht nicht sein, einen detaillierten Plan zu entwerfen oder eine
förmliche Aufforderung ergehen zu lassen; ich genüge mich für jetzt, es
angedeutet zu haben, in der Hoffnung, dass ein Mann von Ansehen und Talent
die weitere Ausführung übernehmen werde. Vielleicht dürfte der geehrte
Redakteur dieser Zeitung selbst sich dazu bewogen fühlen.
Unsleben im Juli 1837. Dr. L. Adler." |
Die jüdische Gemeinde engagiert sich
bei der Rabbinerwahl (1865)
Anmerkung: es ging um die zwischen Liberalen und Konservativen heiß
umstrittene Wahl von Moses Löb Bamberger zum Rabbiner in Bad Kissingen.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. März 1865: "Aus dem nördlichen
Bayern. Bei der am 27 . März stattfindenden Rabbinerwahl zu Kissingen wird
wohl kaum eine Gemeinde in ihrer Gesamtheit so vertreten sein, wie
Unsleben. Dem gemeinen Sprichwort entgegen, 'Viel Köpfe, viel Sinne',
erteilten die dortigen 45-46 stimmberechtigten Kultusmitglieder einhellig
ihren Repräsentanten die unbeschränkte Ermächtigung, einen Kandidaten
nach ihrem besten Ermessen und Gewissen zu erwählen. Setzte nun die Gemeinde
durch ihr friedliches, einmütiges Zusammenstehen das ehrendste Denkmal für
sich selbst, namentlich im Gegensätze zu derartigen Vorgängen früherer
Zeiten, so verdient auch ihre Vorstandschaft die lobendste Anerkennung, da
sie durch ihr langjähriges ersprießliches Walten sich des unumwundenen
Vertrauens ihrer Gemeinde-Angehörigen im vollsten Maße würdig gemacht hat.
Möge nun die Unslebener Vollmacht, die etliche und 40 Stimmen in sich birgt,
als volle Macht sich geltend machen und ein glückliches Wahlresultat
erzielen helfen zum Heil und Wohl der einzelnen Gemeinden und des ganzen
Distriktes, was diesmal um so weniger schwer fallen dürfte, da der Wahlkampf
höchstens um 2 bis 3 Kandidaten sich ernstlich bewegen wird." |
Es werden mehrere Stiftungen ("Fonds")
in der Gemeinde gegründet (1872)
Artikel
in der "Jüdischen Volkszeitung" vom 26. November 1873: "Aus Unterfranken.
Sie erhalten wie im Vorjahre die Übersicht der im Jahre 1872 gegründeten
neuen Stiftungen zu Gemeinde-, Unterrichts-, Wohltätigkeits- und
Kultusstiftungsvermögen für den Regierungsbezirk Unterfranken mit dem
wiederholten Bemerken, dass es sehr wünschenswert wäre, wenn ähnliche
Mitteilungen auch aus den übrigen Regierungsbezirken, durch Sie veranlasst,
zusammengestellt und veröffentlicht werden könnten.
Demnach entziffern sich nach konfessionellen, örtlichen und allgemeinen
Bestimmungen
367 katholische mit 158,133
fl. 30 1/4 kr.
16 protestantische mit 30,001 fl. - kr.
5 israelitische mit
33,988 fl. 19 kr.
13 ohne Konfessionsunterschied mit 13,977 fl. 28 3/4 kr.
Summe: 236,100 fl. 18 kr.
Die von unseren Glaubensgenossen gegründeten Stiftungen bestehen:
1. 33,675 fl. für den Zweck der Aussteuer unbescholtener israelitischer
Mädchen bei ihrer Verheiratung und Armenunterstützung in
Würzburg.
2. 130 fl. 12 kr. für den Schulfond zu Unsleben.
3. 77 fl. für den israel. Armenfond zu Unsleben.
4. 86 fl. 48 kr. für den Rabbinatsfond zu Unsleben.
5. 19 fl. 19 kr. für den Friedhofsfond zu Unsleben.
Für Schul- und Unterrichtszwecke fließen in der Regel keine Zusendungen zu,
obwohl gerade nach dieser Richtung das Bedürfnis so nahe liegt und viel
Segensreiches geschehen konnte. Hiezu fehlt jede Anregung, wie nicht minder
der gute Wille, und so wird dieses Feld noch lange nicht in diesem Grade
bestellt sein, wie es zu wünschen wäre." |
Die jüdische Gemeinde engagiert sich
bei einer Eingabe an die Regierung (1874)
Artikel
in der "Jüdischen Volkszeitung" vom 7. Juli 1874: "Aus Bayern.
Die israelitischen Kultusgemeinden zu
Hammelburg, Kissingen und
Unsleben, sowie weitere 70 Kultusgemeinden in Unterfranken haben an die
Kammer der Abgeordneten die Bitte gestellt, dieselbe wolle beantragen, dass
die k. Staatsregierung die Aufhebung der noch in Bayern bestehenden Abgaben
der Juden an christliche Pfarrer, Lehrer und Mesner ausspreche. Diese
'Juden-Gelder' hätten, wie es in der Motivierung der Petition heißt, nur in
sehr seltenen Fällen ein privatrechtliches Verhältnis zur Grundlage und
wurzelten meist in der früheren Stellung der Juden in öffentlich-rechtlicher
Beziehung. Es könne deshalb den Juden nicht verargt werden, wenn sie
bestrebt seien, von diesen Abgaben, von denen die Gesetze sie befreien, auch
tatsächlich befreit zu werden." |
Ergebnisse von Spendensammlungen in
der Gemeinde (1865 / 1868 / 1869 / 1889 / 1890)
Anmerkung: in jüdischen Gemeinden wurden regelmäßig Spendensammlungen für
unterschiedliche Zwecke durchgeführt und die Ergebnisse der Sammlungen in
jüdischen Periodika veröffentlicht.
Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. September 1865 - Sammlung "zur
Unterstützung unserer durch Hungersnot bedrängten Glaubensgenossen im
Heiligen Land": "Unsleben. Durch Lehrer B. Blümlein: Aus der
Gemeinde Unsleben mit dem Motto: We'josif ha'schem ha'tov lohem elef p'omim
88 fl. 12 kr. Von einigen Ungenannten dortselbst mit dem Motto: We'so b#ad
eleh ho'atuvim broov' 12 fl. 6 kr.
Summa 100 fl. 18 kr." |
| |
Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1868 - Sammlung "zur
Unterstützung der notleidenden Glaubensgenossen in Preußen": "Durch B.
Blümlein in Unsleben: J. Rosenberg 4 fl., H. Rose 4 fl., Gebrüder
Gärtner 3 fl., K. L. Rosenbaum 2 fl. 15 kr., S. Gutmann 1 fl. 30 kr.,
Kassier, Maier Lustig 1 fl. 45 kr., Hein. Kuhl 1 fl., Gabriel Kuhl 1 fl.,
Abraham Rosenbaum 1 fl., Hein. Dinkel 1 fl., Abraham Mittel 1 fl., Seligmann
Lustig 1 fl., Kalm. Lustig 1 fl., M. Kupfer 1 fl.. Rechle Gärtner Ww. 1 fl.,
Maier Bach 1 fl., J. Liebenthal 48 kr., Joseph Mittel 42 kr., J. Bein 35 kr.,
Fanni Lustig Ww. 30 kr., Isaak Rosenbaum 30 kr., Wolf Brandis 18 kr.,
Alsbacher 18 kr., Jak. Rosenbaum 12, S. Dinkel 12 kr., S. Mittel 15 kr., A.
Lustig, Rosenberger und Brandus 18 kr., zusammen 31 fl. 8 kr., abz. Porto 30
fl. 58 kr." |
| |
Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 12. Mai 1869 - Sammlung "für
unsere dürftigen Glaubensbrüder an der russischen Grenze": "Unsleben:
Durch Lehrer Mittel: K. L. Rosenbaum 5 fl., J. Rosenberg 10 fl., M. Kupfer 3
fl., H. Rose 5 fl., Jos. Bein 3 fl. 30 kr., Jüdlein Klein 2 fl, Maier Bach 1
fl. 30 kr., Zerla Bach 3 fl. 36 kr., S. Guttmann 1 fl. 30 kr., Gebrüder
Gärtner 6 fl., Seligmann Lustig 1 fl. 30 kr., H. Kühl 1 fl. 30 kr., Jsak
Rosenbaum 1 fl. 30 kr., Wolf Brandis 30 kr., Jakob Dinkel 2 fl., Kalmann
Lustig 1 fl. 30 kr., Maier Lustig 3 fl. 30 kr., Joseph Mittel 1 fl. 30 kr.,
Jakob Rosenberg 1 fl., Sophie Donnerstag 1 fl., H. Dinkel 2 fl., 30 kr.,
Simon Mittel 1 fl., Fanny Lustig 1 fl. 30 kr., J. Liebenthal 1 fl. 30 kr.,
Abr. Rosenbaum 1 fl., Samuel Dinkel 18 kr., A. L. Alsbacher 12 kr., (Zweite
Sendung.) Summa 64 fl. 36 kr."
|
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Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Oktober 1889 - Sammlung
"zur Unterstützung unserer Glaubensbrüder im heiligen Lande": "Unsleben.
Durch Wolf Schmal: Chalogeld von den Frauen: Babet Kuhl 2.50, Heinemann Kuhl
1.50, Regina Kuhl 1. Clara Kuhl 1, Meyr Bach 3, Gabriel Bach 1, S. Mittel
Ww. 1, Bertha Smal 0.50, J.D. f. R.M. b.h. 3, derselbe f. Drechsler
Rabinowitz in Jerusalem 2, Meyr Bach f. do. 3, W. Sch. f. Kohel Karlin 4,
Moses Kuhl 6,86, Heinemann Kuhl f. B. Ch.-Spital 3. Summa 33.36 M..
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Mitteilung
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25. Dezember 1890 - Sammlung
"zur Unterstützung unserer Glaubensbrüder im heiligen Lande": "Unsleben.
Durch Wolf Schmal: Chalogeld von nachgenannten Frauen: Mina Bach 3, Zerle
Bach 3, Veilchen Kupfer 5, Clara Kuhl 3, Babbeta Kuhl 2, Mathilde Kuhl 1.50,
Bertha Schmal 1 M. — Ferner: Heinemann Kuhl 2, Moses Kuhl 6, Regine Kuhl 2,
Ungenannt für Moses Cheim Leibinsohn 3, do. für I. L. Goldwicht in Jerusalem
0.80, hiervon 10 M. für B.Ch. -Spital, zus. 32.30 M." |
Gründung und Ausschreibung der Moses- und Mathilde
Gärtner'schen Aussteuerstiftung (1913 / 1936)
Anmerkung: Moses und Mathilde Gärtner hatten keine Kinder und so ging die
Firma an Isaak Naumann, nach ihm an dessen Söhne, Ludwig, Nathan und Otto. Als
Moses und Mathilde (1911/12) starben, hatten sie 15.000 Mark für eine "Moses-und-Mathilde-Gärtner-Stiftung"
im Testament bestimmt. Die Zinsen daraus sollten jährlich je zur Hälfte unter
den christlichen und jüdischen Armen verteilt werden. Weitere Informationen:
https://judaica-unsleben.de/de/category/houses-de/page/5/.
Mitteilung
in "Der Gemeindebote" vom 21. Februar 1913: "Mit einem Kapital von 15.000
Mark haben die verstorbenen Moses und Mathilde Gärtnerschen Eheleute in
Unsleben eine Aussteuerstiftung errichtet zur Unterstützung würdiger,
bedürftiger und unbescholtener jüdischer Mädchen zum Zwecke der Beschaffung
einer Aussteuer. Der Stiftung, die dem Wohltätigkeitssinn des Gärtnerschen
Ehepaars ein ehrendes Denkmal setzt, ist nunmehr die staatliche Genehmigung
erteilt worden." |
| |
Bekanntmachung
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 1.
Dezember 1936:
"Israelitische Kultusgemeinde Unsleben. Bekanntmachung.
Betrifft: Aussteuerstiftung der Moses- und Mathilde Gärtner'schen
Eheleute zu Unsleben. Aus der vorbezeichneten Stiftung sind für das Jahr
1936 124,50 RM Zinsen angefallen.
In der Kultusgemeinde Unsleben haben sich jüdische Mädchen zwecks
Zuwendung dieses Betrages nicht beworben. Nach Verfügung des Erblassers
sind deshalb jüdische Mädchen auf den Bezirken Neustadt a.d. Saale und
Mellrichstadt zur Bewerbung aufzufordern.
Die Zuteilung kann nur an Mädchen erfolgen, die bereits das 20.
Lebensjahr erreicht haben. Erforderlich ist: Würdigkeit und
Unbescholtenheit der Bewerberin und die ausschließliche Verwendung des
Betrages zur Aussteuerbeschaffung.
Über die Zuweisung entscheidet der Kultusvorstand der Gemeinde Unsleben
in Verbindung mit dem Distriktsrabbinat in Bad Kissingen.
Bewerberinnen werden ersucht, ihren diesbezüglichen Antrag bis 15.
Dezember bei dem Unterfertigten einzureichen.
Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde: Josef Mittel." |
| Hinweis zu Josef Mittel: genealogische
Informationen siehe
https://www.geni.com/people/Josef-Mittel/6000000002867887069
Demnach ist Josef Mittel am 11. Mai 1877 in Unsleben als Sohn von Abraham
Mittel (1840 Unsleben - 1921 Unsleben) und der Fradchen geb. Strauß (aus
Alsfeld) geboren und am 10. Februar 1953 in Queens NY/USA gestorben.
|
Berichte zu einzelnen
Personen aus der Gemeinde
Zum Tod von Jette Engel geb. Alsbacher (1908)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Dezember 1908:
"Unsleben, 21. November (1908). Am Schabbat Paraschat Chaje Sara
(= Schabbat mit der Toralesung Chaje Sara = 1. Mose 23,1 - 25,18! d.i.
Samstag, 21. November 1908) verstarb hier nach kurzem Krankenlager
Fräulein Jette Engel geb. Alsbacher, im Alter von 85 Jahren. In ihrem
ganzen Wesen war sie ein Vorbild echt jüdischen Denkens und Lebens, wie
sie auch solches im Hause ihres Vaters, des einstigen Rabbiners Rabbi
Jizchak - seligen Andenkens - vor sich gesehen hatte. Die Heimgegangene
erfreute sich ob ihre bescheidenen und gefälligen Wesens hierorts
allgemeiner Beliebtheit und Achtung, wofür die zahlreiche Beteiligung an
deren Beerdigung den besten Beweis erbracht. Ihre Seele sei eingebunden in
den Bund des Lebens." |
Zum Tod von Mathilde Gärtner (1912 - Artikel ein Jahr nach ihrem Tod 1913)
Artikel
in "Das jüdische Blatt" vom 4. April 1913: "Unsleben. Bald folgt die
Wiederkehr des Tages, an dem Frau Moses Gärtner - sie ruhe in Frieden
- von hier das Zeitliche gesegnet hat. An diesem Tage gelangen die von ihr
und ihrem seligen Gatten der ihr kaum zwei Jahre in den Tod vorausging,
bestimmten Legate zur Auszahlung. Das genannte Ehepaar, das über ein großes
Vermögen verfügte, in seinen Lebensansprüchen aber selten bescheiden war,
setzte seinem Wohl tun die Krone auf durch Errichtung eines Testamentes, in
welchem der dritte Teil seines Vermögens für wohltätige Zwecke bestimmt
wurde. Das Testament, das schon vor 13 Jahren unter Anleitung des damaligen
Rabbinatsverwesers, des Herrn Rabbiner Dr. Stein in
Schweinfurt, abgefasst wurde,
berücksichtigt viele Zweige der Wohltätigkeit. Für den hiesigen Ort und
Umgebung wurde eine Braut-Aussteuerstiftung errichtet, der Armenfonds wurde
vergrößert, dem heiligen Land, dem Würzburger
Lehrerseminar, dem Spital in Würzburg, der
Präparandenanstalt in Burgpreppach,
der Kinderheilstätte in Bad Kissingen, der Pensionskaste bayrischer Rabbiner
und dem Bayrischen Lehrerverein wurden größere Summen zugewendet, die nun
bald zur Auszahlung gelangen; alles in allem bestimmte das Ehepaar ungefähr
100 000 Markfür wohltätige Zwecke. Dieses wohltätige Wirken verdient
öffentliche Anerkennung, wenn auch das Gärtnersche Ehepaar niemals nach Ehre
und Anerkennung strebte, sondern im Gegenteil über sein Testament stets das
größte Stillschweigen bewahrt wissen wollte. Möge jederzeit mit innigen
Gefühlen der Dankbarkeit des Gärtnerschen Ehepaares gedacht werden, und
seine segensreichen Stiftungen zur Nachahmung veranlassen." |
Goldene Hochzeit von Karl Mittel und
Babette geb. Rosenstock (1931)
Artikel
in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15.
Dezember 1931: "Unsleben. Herr Oberlehrer M. Blumenthal
schreibt uns: In seltener körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische
begehen Herr Karl Mittel und Frau Babette geb. Rosenstock am 8. November
das Fest der goldenen Hochzeit. Das goldene Jubelpaar erfreut sich
allgemeiner Beliebtheit und Verehrung. In seiner Vorliebe für
landwirtschaftliche Arbeiten betätigt sich der Jubilar in jugendfrischer
Schaffensfreude in der Landwirtschaft und im Viehgeschäft in der
sorgfältigen Pflege seines Viehstandes. Eine stattliche Reihe von Jahren
wirkte er in der israelitischen Kultusverwaltung, ferner als trefflicher Hilfsvorbeter,
wozu er sich stets in uneigennütziger Weise zur Verfügung stellte. Noch
heute nimmt das Jubelpaar regelmäßig Anteil an den Synagogenandachten
und beide gelten dank ihres musikalischen Verständnisses und religiösen
Empfindens als dankbare Zuhörer der Kantor- und Chorgesänge in der
Synagoge. Mit größter Beflissenheit und gewissenhafter Sorgfalt trägt
der Jubilar bei zur Pflege der altüberlieferten Traditionen und
Gebräuche in der Gemeinde. Wir wünschen dem Jubelpaar in großer
Verehrung ein segensreiches Greisenalter in unwandelbarer Rüstigkeit und
Gesundheit ad meoh w'esrim schono. (sc. bis 120 Jahre)". |
| |
Anzeige
in der amerikanisch-jüdischen Zeitschrift "Aufbau" 1945: Karl Mittel
ist am 19. Februar 1855 in Unsleben geboren und am 10. April 1945 in Jackson
Heights NY/USA gestorben. Genealogische Zusammenhänge siehe
https://www.geni.com/people/Karl-Mittel/6000000002867882905 und
https://www.geni.com/people/Babette-Rosenstock/6000000002867882918
Seine Frau Babette geb. Rosenstock ist am 8. September 1860 geboren
und am 19. März 1946 in Jackson Heights NY/USA gestorben.
So haben er und seine Frau Babette in der NS-Zeit noch emigrieren können.
|
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe und Privatpersonen
Anzeige von 1872
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Mai 1872: "Ein
junger Mann, der seine dreijährige Lehrzeit in einem gemischten
Warengeschäfte beendet, sucht Stelle als Commis, gleichviel welcher
Branche. Offerten beliebe man gefälligst poste restante Unsleben
in Bayern unter Chiffre I.B. zu
übersenden." |
Anzeige des Käse- en gros-Geschäftes J. Liebenthal (1890)
Anzeige von Emma Lamm (1891)
Anmerkung: vermutlich Emma Lamm geb. Katz, die mit Händler
Isaias Lamm (nach "Sterbregister" des Friedhofes Unsleben gest. 17. August 1890)
verheiratet war (Quelle)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. April 1891:
"Als Wärterin
für Wochenbett empfiehlt sich
Emma Lamm Witwe, Unsleben in Bayern." |
Anzeige von E. Katz (1898)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. März 1898: "Für ein nettes, junges
Mädchen, wird in einem religiösen Hause zur weiteren Ausbildung im
Haushalt u. Küche Stellung per nach Ostern gesucht.
E. Katz. Unsleben." |
Gesellensuche von Schuhmachermeister Aron Engel
(1900)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Mai 1900: "Zum
sofortigen Eintritt wird ein tüchtiger Schuhmacher-Geselle von mir
gesucht.
Aron Engel, Schuhmachermeister, Unsleben, Bayern." |
Lehrlingssuche des Getreide- und Mehlgeschäftes Gebr.
Gärtner (1900)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. August 1900: "Gesucht
für unser Getreide- und Mehlgeschäft zum sofortigen Eintritt unter
günstigen Bedingungen einen Lehrling, aus guter Familie bei freier Kost
und Logis; Samstags und israelitische Feiertage streng geschlossen.
Einjährig nicht besonders erwünscht.
Gebrüder Gärtner,
Unsleben, Unterfranken." |
Anzeigen von Gabriel Kuhl II (1900 /
1904)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. August 1900: "Ein israelitisches
Mädchen,
welches bürgerlich kochen kann, für einen Haushalt von vier Personen
gesucht, wo die Frau leidend ist, und noch ein Dienstmädchen zur Seite
steht. Offerten mit Gehaltsansprüchen erbeten an Gabriel Kuhl II.,
Unsleben (Bayern)." |
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Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. Juli 1904: "Für meinen Sohn. 13
Jahre alt.
sehr groß und kräftig, suche
Lehrlingsstelle
in einer Metzgerei u. Wurstlerei, wo Samstags u. Feiertage geschlossen.
G. Kuhl II., Unsleben." |
Neujahrswünsche von Familie Moses
Gärtner (1904)
Anmerkung: der Wunsch nach einer "Einschreibung und guten Versiegelung"
bezieht sich auf das himmlische Buch des Lebens. Vgl. Wikipedia-Artikel
https://de.wikipedia.org/wiki/Buch_des_Lebens - Abschnitt zum Judentum.
Rosch Haschana, das jüdische Neujahrsfest, begann 1904 am Abend des 9. September
und dauerte bis Einbruch der Dunkelheit am 11. September (1. und 2. Tischri
5665).
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 14. September 1904: "Allen Freunden
und Bekannten wünschen innigst eine
Einschreibung und gute Versiegelung
Moses Gärtner & Frau Unsleben." |
Anzeigen des Käse-
Engros-Geschäftes Brandis & Oberbrunner (1906 / 1909)
Anmerkung: es gibt Familien Brandus und Brandis in Unsleben. Das genannte
Käsegeschäft war in der Schlossgasse 11 (Eigentümer 1932: Emil Brandis), wo
Siegmund Brandus, Sohn des Viehhändlers Abraham Brandus wohnte. Zur Miete
wohnte Karl Oberbrunner mit Frau und Tochter Trude im Haus. Karl
Oberbrunner war Kompagnon von Emil Brandis Käse engros. Er fiel im Ersten
Weltkrieg (siehe oben). Emil Brandis lebte mit Frau Rinetta (geb. 1878,
gest. 1926), Mutter und den beiden Söhnen Adolf (geb. 1903) und Justin (geb.
1906) in der Hauptstraße. SA-Männer demonstrierten vor dem Anwesen Schlossgasse
11 in der Nacht vom 14./15. Juli 1934 und beschädigten das Haus. Die Brüder
Adolf und Justin wurden in das Amtsgefängnis nach Neustadt eingeliefert, später
nach Schweinfurt, Ende Juli 1934 unter der Auflage entlassen, nicht mehr nach
Unsleben zurückzukehren. Sie verzogen nach
Meiningen und wanderten später in die USA aus. Vater Emil Brandis verzog
nach Leipzig und wurde 1942 nach Izbica deportiert.
https://judaica-unsleben.de/de/category/houses-de/page/4/
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 6. September 1906: "Für unser
Käse-Engros- Geschäft suchen per 15. Oktober
einen Lehrling
mit guter Schulbildung aus achtbarer Familie. Samstag und Feiertage
geschlossen.
Brandis & Oberbrunner,
Unsleben (Bayern)." |
| |
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 28. Januar 1909: "Für unser
Samstags und Feiertage geschlossenes Käse-Engros- Geschäft suchen zu
Ostern oder 1. April einen
Lehrling
mit guter Schulbildung und schöner Schrift.
Brandis & Oberbrunner,
Unsleben (Bayern)." |
Anzeige von Adolf Liebenthal -
Stellensuche für seinen Sohn (1910)
Anmerkung: Adolf Liebenthal (1862, gest. 17. Januar 1923 in
Düsseldorf) war ein Sohn von Isaak Liebenthal (1805-1892) und dessen zweiter
Frau Karolina geb. Sachsenheimer (1827-1905). Adolf Liebenthal war verheiratet
mit Karolina geb. Kohl (geb. 1887 in
Kleineibstadt als Tochter von Seckel Kohl und Fanny geb. Ambach, gest. 18.
Mai 1957 in New York). Die beiden hatten acht Kinder: Fanny (1897-1966), Julius
Otto (1893-1961), Otto (1894-1947), Toni (1896-1978), Heinrich (Henry)
(1897-1966), Elsa Simons (1899-1945), Luise (Liesel) (1901-1994) und Friedrich
(Fritz (1905-1995). Mit der Anzeige suchte Adolf Liebenthal eine Stelle für
seinen damals 14-jährigen Sohn Toni.
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 14. Juli 1910: "Lehrling.
Für meinen 14-jährigen Sohn, der 2 Jahre das Gymnasium besucht, wegen
Operation austreten musste, suche Lehrlingsstelle in einem großen Geschäft,
möglichst Engros, bei freier Station.
Adolf Liebenthal, Unsleben, Bayern." |
Anzeige der elektronischen Fabrik
B. Zschökel & Co, Nachf. (1921)
Anmerkung nach
https://judaica-unsleben.de/de/hauptstrase_171/: bei der Firma B.
Zschökel & Co. Nachf. in Unsleben handelte es sich um eine Fabrik von
Telefonen, Haustelegraphen, Morseapparaten, Hausklingeln und allem Zubehör. Die
Erzeugnisse wurden teilweise in die USA und in andere Länder exportiert. Die
1892 von Bruno Zschökel in Leipzig gegründete und seit 1914 in Unsleben
bestehende Firma wurde (wann?) von Josef Liebenthal (gest. 1910) und Heinrich
Liebenthal übernommen. Die Firma hatte in den 1930er-Jahren 37 Arbeiter und
Angestellte. Um 1930 waren die drei persönlich haftenden Gesellschafter der
Firma die Brüder Otto Liebenthal (geb. 1894), Heinrich Liebenthal
(geb. 1897) und Fritz Liebenthal (geb. 1905). Ein weiterer Bruder war
Julius Liebenthal (geb. 1893), der wohl blind und daher kein persönlich
verantwortlicher Teilhaber der Firma war. In der Firma waren auch die Schwester
Toni Liebenthal (1896) sowie ihr Mann Max Moritz (geb. 1889)
tätig. 1936 wurden die drei Brüder Liebenthal wegen angeblichen
Unregelmäßigkeiten in Steuerabgaben in das KZ Dachau eingeliefert. Auf Grund
eines 12seitigen Anwaltsbriefes an die Gestapo in München wurde die
Unangemessenheit und Haltlosigkeit der Inhaftnahme dargestellt, worauf die
Entlassung aus Dachau erfolgte. Beim Novemberpogrom 1938 erfolgte eine neue
Verhaftung der Brüder und die nachfolgende, von den Nazis erzwungene Arisierung
der Firma (im November 1938 an Hans Hahn und Karl Bittorf).
Heinrich Liebenthal emigrierte im April 1939 mit Frau Anny geb. Neuhaus
(geb. 1908) und der Tochter Elisabeth (geb. 1930) über Kuba in die USA. Otto
Liebenthal emigrierte Ende 1938 mit seiner zweiten Frau Nelly geb. Mittel
(geb. 1900) und den Töchtern Grete (geb. 1926) und Alice (geb. 1930) über Kuba
in die USA. Max Moritz und seine Frau Toni geb. Liebenthal
emigrierten im April 1939 mit den Kindern Adolf (geb. 1923), Kurt (geb. 1924)
und Ilse (geb. 1928) nach Chile. Julius Liebenthal emigrierte mit seiner
Frau Tilly (geb. 1901) und den Söhnen Adolf (geb. 1924) und Erich (geb. 1927)
über Kuba in die USA.
Nach 1945 (1950?) erhielt die Familie den Firma zurück, wurde bis in die
1970er-Jahre mit dem Geschäftsführer Heinrich Fassler aus Frankfurt am Main
(Eigentümer seit 1957) weitergeführt (es liegen Firmenakten bei der IHK
Frankfurt am Main für den Zeitraum 1957-1979 vor). Danach wurde sie und die 1928
erbaute Fabrikantenvilla in der Hauptstraße 171 in Unsleben verkauft.
Vgl. ausführlich zu Familie Liebenthal in Unsleben den Beitrag: "Meyer
Loeb Kissinger und die Familie Stahl" S. 9-15 (eingestellt
als pdf-Datei).
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 21. Juli 1921: "Tüchtiger, junger
Mann
für Kontor und Lager per bald gesucht. Bewerber, namentlich aus der
elektrischen Branche, wollen unter Angabe der Gehaltsansprüche und
Zeugnisbeifügung sich wenden an die Firma
B. Zschökel & Co. Nachf.
elektrotechnische Fabrik in Unsleben in Bayern." |
Verlobungsanzeige von Anni Neuhaus
und Heinrich Liebenthal (1929)
Anmerkung: zu Heinrich Liebenthal (1897-1966) siehe oben bei der
Anzeige zur Firma Zschökel. Anny geb. Neuhaus ist 1908 geboren. Die
beiden hatten eine Tochter Elisabeth (geb. 1930). In der NS-Zeit wurde
Heinrich Liebenthal zweimal in ein KZ verschleppt, 1936 nach Dachau, 1938 nach
Buchenwald. Im April 1939 emigrierten Heinrich Liebenthal mit Frau und Tochter
über Kuba in die USA, wo er am 23. Dezember 1966 starb. Seine Frau überlebte
ihren Mann um fast 40 Jahre und starb am 25. Mai 2005 in Miami.
Genealogische Zusammenhänge:
https://www.geni.com/people/Henry-Heinrich-Liebenthal/6000000002326400845
Grab von Henry Liebenthal
https://de.findagrave.com/memorial/233522051/henry-liebenthal
L. Liebenthal sucht eine Hausgehilfin
(1937)
Anzeige
im "Israelitischen Familienblatt" vom 3. Juni 1937:
"Zum alsbaldigen Eintritt in Kleinen 2-Personen-Haushalt
Hausgehilfin
gesucht.
L. Liebenthal Unsleben." |
Verlobungsanzeige von Hanna Ruth
Mittel und Kurt Marx (1937)
Anmerkung: Genealogische Angaben zu Kurt Marx (geb. 18. Dezember 1911
Luxemburg - 25. Dezember 1982 Brazil) und Ruth Hanna geb. Mittel (geb. 18.
Dezember 1914 in Unsleben als Toichter von Josef Mittel und Fanni geb.
Liebenthal:
https://www.geni.com/people/Kurt-Marx/6000000002867887205 und
https://www.geni.com/people/Ruth-Marx/6000000002867887184
Hanna Ruth Mittel entstammte dem Haus Streugasse 44
https://judaica-unsleben.de/de/streugasse-44/
Anzeige
in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des "Central-Vereins") vom 23. Dezember
1937:
"Hanna Ruth Mittel - Kurt Marx
Verlobte
Unsleben/Bayern - Esch/Alzette/Luxemburg
Unsleben, den 25. Dezember 1937." |
Sonstiges
Erinnerungen an die Auswanderungen im 19. Jahrhundert:
Grabstein in New York für Nathan Middle aus Unsleben (1820-1900) und Mathilda
Middle aus Nordheim (1830-1894)
Anmerkung: das Grab befindet sich in einem jüdischen Friedhof in NY-Brooklyn.
Nach Angaben von Elisabeth Böhrer (auf Grund von Recherchen im Staatsarchiv
Würzburg) ist Nathan Middle als Nathan Mittel am 25. April 1820 in
Unsleben geboren als Sohn des Viehhändlers Simon Mittel und seiner Frau Reitz
geb. Zucker; seine Frau Mathilda bzw. Madel geb. Hecht ist geboren am 14.
November 1830 in Nordheim v.d. Rhön
als Tochter des Schächters David Hecht und seiner Frau Rebecca geb. Stein).
|
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Grabstein "in Memory of our Dear Father
Nathan Middle
Born in Unsleben Bavaria April 25th 1820
Died July11th 1900" und
"In Memory of my Beloved Wife and our Dear Mother
Mathilda Middle
Born in Nordheim Bavaria
Nov. 14th 1830
Died Febr. 6th 1894". |
Zur Geschichte der Synagoge
Eine erste Synagoge wurde vor 1753 erbaut (in
diesem Jahr gab es erste Renovierungen des Gebäudes). Dabei handelte
es sich um ein Gebäude in einem Hinterhof auf der linken Seite der unteren
Streugasse (Grundstücke Streugasse 17-19), das bis 1923 bestand. Über die Geschichte dieser ersten Synagoge
liegen nur wenige Berichte vor, immerhin ein Bericht über die Ende der 1830er-Jahre in der Synagoge neben den Gottesdiensten von Dr.
Lazarus Adler gehaltenen regelmäßigen Erbauungsstunden in der Synagoge - mit
Psalmen, deutschen Liedern und Vorträgen - Bericht aus dem Jahr 1837 siehe oben.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts
war diese erste Synagoge zu klein geworden. 1837 kaufte die jüdische
Gemeinde die große Zehntscheune in der Kemmete für 1.000 Gulden mit dem Ziel,
dort eine Schule und Synagoge einzubauen. Die Baupläne für die neue Synagoge
kamen jedoch nur langsam voran, wobei man den ersten Plan, die Zehnscheune
abzureißen und auf deren Grundstück zu bauen, wieder aufgegeben hat (die
Zehnscheune steht noch heute - am Ortseingang von Neustadt her kommend).
Erst 1850 wurden die Baupläne wieder aufgenommen. Zunächst wurde ein
jüdisches Schulhaus erbaut (am Mühlgraben). 1851 wurde der Synagogenbau
in der Kemmete unter den Handwerker der Umgebung ausgeschrieben. 1855
konnte die Synagoge eingeweiht werden. Der Bau kostete die Gemeinde 2.499
Gulden.
In den 1860er-Jahren geriet die Synagoge Unsleben kurzzeitig in den
damals teilweise heftig geführten Streit zwischen liberalen und orthodoxen
Gruppen im Judentum. In einem Artikel der liberalen 'Allgemeinen Zeitung des
Judentums' wurde dem Bad Kissinger Rabbinatsverweser Moses Löb Bamberger (Sohn
des Rabbiner Seligmann Bär Bamberger, seit 1865 Rabbinatsverweser in Bad
Kissingen, seit 1872 definitiv als Rabbiner angestellt) unterstellt, er habe von der Gemeinde Unsleben verlangt, an der Frauenempore
der Synagoge ein traditionelles Gitter anzubringen, was zu einer heftigen
Reaktion in der Zeitschrift "Der Israelit" führte, in der mitgeteilt
wurde, dass Bamberger dies niemals gefordert habe und die Synagoge in Unsleben
noch nicht einmal gesehen habe:
Aus
einem Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8.
August 1865: "Mittlerweile haust Bamberger als Verweser im
Rabbinatsbezirke wie ein Pascha. Er stellt eine förmliche Hetzjagd auf
alle Synagogen an, die ihren Frauen eine freie Aussicht in die unteren
Räume gestatten. Schon musste die Gemeinde Unsleben dem durch
gerichtliche Maßregeln unterstützten Ansinnen Bambergers sich
fügen und ihre schöne, neue Synagoge durch Vergitterung der
Frauengalerie verunstalten. Und wieder sucht man die Gemeinde Maßbach,
welche wahrlich nicht zu den sogenannten 'Neuen' gehört, jedoch gesunde
und vernünftige Elemente in sich birgt, zu nötigen, ihre kürzlich
renovierte Synagoge mit denselben Tugendwächtern zu versehen. Die stets
mit der Hierarchie gepaarte Orthodoxie liebt nun einmal das Oktroyieren." |
Aus
der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. September 1865: "Aus
dem Saalgrund. Denjenigen, der stets die Splitter am Andern tadelt, seine
eigenen aber übersieht, trifft mit Recht der Vorwurf ... und diesen Zuruf
lassen wir nun auch an den Korrespondenten 'Aus Unterfranken' in Nr. 32
der 'Allgemeinen' ergehen, der über den Herrn Rabbiner Bamberger, als
Rabbinatsverweser zu Kissingen, und dessen Sohn in gallsüchtiger Weise
loszieht, und die sogenannten Hyperorthodoxen des Benützens jesuitischer
Schleichwege beschuldigt, während er sein Publikum mit offenen
Unwahrheiten traktiert, und sich dadurch als Verräter bekundet.
Ist's denn wahr, hat Herr Rabbiner mittlerweile wirklich eine förmliche
Hetzjagd auf alle Synagogen angestellt, deren Frauen-Galerien eine freie
Aussicht in die unteren Räume gestatten? Nach dem Grundsatze 'eine
Minderheit steht für alle' (frei übs.) reduziert der Korrespondent
selbst seine 'alle Synagogen' auf 2; weiß aber der Herr Korrespondent
sicher, was man doch mit Recht von ihm erwarten darf, dass Herr Rabbiner
Bamberger an die Gemeinde Unsleben das Ansinnen stellte, ihre
Frauengalerie zu vergittern? Weiß er gewiss, dass er die dagegen
protestierende Gemeinde gerichtlich maßregeln ließ, und weiß er
zuverlässig, dass dadurch diese schöne, neue Synagoge wahrhaftig
verunstaltet wurde? Nein das alles weiß der Herr Korrespondent weder
sicher noch gewiss. Wir sagen ihm vielmehr, dass sein desfallsiges Referat
Wort für Wort erdichtet und vom Zaune gebrochen ist. Herr Rabbiner
Bamberger hat, wie wir an kompetenter Stelle hörten, weder vor noch nach,
noch mittlerweile, weder mündlich noch schriftlich die Gemeinde Unsleben
zur Vergitterung ihrer Frauengalerie, die er noch gar nie gesehen,
aufgefordert, und so konnte auch natürlich von einer amtlichen Exekution
keine Rede sein. Die Frauengalerie der dortigen Synagoge wurde vielmehr
von vornherein mit entsprechenden Vorhängen versehen, und es fiel weder
dem seligen Rabbiner Dr. Lippmann, noch dem jetzigen Herrn Verweser
Bamberger jemals ein, dagegen zu opponieren, geschweige eine förmliche
Hetzjagd anzustellen und gerichtliche Hilfe zu requirieren..." |
Bereits im März 1931 wurde die Synagoge von
Unbekannten mit Hakenkreuzen beschmiert. Auf Grund der antisemitischen
Ausschreitungen am 30. September 1938 in Mellrichstadt
wurden aus der Synagoge in Unsleben die Torarollen und andere Ritualien in
Sicherheit gebracht und versteckt. Nach 1945 wurden sie in die USA gebracht.
Beim Novemberpogrom 1938 wurden in der Synagoge in Unsleben allerdings die
Ritualien der Gemeinde Bastheim zerstört, die im September 1938 nach Unsleben
gebracht worden waren.
Nachdem die letzten jüdischen Einwohner deportiert waren, übernahm die
Gemeindeverwaltung den jüdischen Gemeindebesitz und richtete in der teilweise
beschädigten Synagoge ein Holzlager ein.
Seit einigen Jahren ist in der ehemaligen Synagoge die "Dorfscheuer"
untergebracht (seit 2010 "Haus der Bäuerin"). Am Gebäude ist
eine Gedenktafel angebracht.
Adresse/Standort der Synagoge: Schlossstraße /
Ecke Kemmenate
Fotos
(Fotos Hahn, Aufnahmedatum 11.8.2005)
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| Das ehemalige
Synagogengebäude - heute Teil der "Dorfscheuer" |
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Hinweistafel |
Original-Türe der Synagoge (Foto:
E. Böhrer) |
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Gedenkstein
2008
(Fotos: Elisabeth Böhrer, November 2008) |
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Der zwischen ehemaliger
Synagoge
und Schloss aufgestellte Gedenkstein |
Jüdische Symbolik am Fuß des
Gedenksteines |
Namen der aus Unsleben
deportierten
und ermordeten jüdischen Personen |
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Ehemaliges jüdisches
Schulhaus |
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Erinnerungsarbeit vor
Ort - einzelne Berichte
| August 2011:
Auf den Spuren der Vorfahren |
| Artikel in der "Main-Post" vom 18.
August 2011: "Auf den Spuren der Vorfahren" - Besuch von
Ricardo Gartner aus Argentinien, Enkel von David Gärtner aus Unsleben
/ Schweinfurt. (Link
zum Artikel; eingestellt
als pdf-Datei). |
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Mai 2025:
Nachkommen der Familie Bach
besuchen Unsleben |
Artikel von Sigrid Brunner in der
"Main-Post" vom 28. Mai 2025: "Unsleben. Die bewegende Rückkehr der
Familie Bach: Auf den Spuren persönlicher Schicksale am jüdischen Friedhof
in Unsleben. Familie Bach besuchte den jüdischen Friedhof in Unsleben, was
eine spannende Verbindung zum Eichmann-Prozess enthüllte. Anwesend war auch
eine bekannte Politikerin.
Der jüdische Friedhof von Unsleben liegt abseits der Gemeinde auf einem
Hügel. Umgeben von Wiesen und Wäldern, mit einem weiten Blick über die
Region. Tiefe Stille liegt über dem Hang, der ab 1856 als Grabstätte für die
jüdischen Mitbürger diente. Vielfach liest man auf den dort aufgereihten
Grabsteinen den Namen Bach. Elf Nachfahren dieser Familie aus Israel und den
USA waren kürzlich in Unsleben, um den Spuren ihrer Ahnen zu folgen. Anlass
war die Restaurierung der Familiengräber, die von Rabbiner Schlomo Avrassin
aus Würzburg feierlich gesegnet wurden.
Gabriel Bach lebte von 1861 bis 1921 in Unsleben. Er wohnte in der
Hauptstraße und war von Beruf Pferdehändler. Vor einigen Jahren besuchte
sein Urenkel Doron Zeilberger aus den USA die Gemeinde Unsleben. Zeilberger
– Verfasser einer biografischen Datenbank seiner Familie, auf die sich viele
Angaben in diesem Bericht stützen – hatte ein altes vergilbtes Foto dabei,
das die Grabstätte von Gabriel Bach zeigt. Anhand dessen begab er sich auf
die Suche nach dieser und entdeckte sie auch. Jedoch befand sich auf dem
Grabstein eine falsche Inschriftenplatte. Augenscheinlich war das Grab wie
viele andere geschändet worden. Später wollte wohl jemand den Schaden
wiedergutmachen und befestigte eine falsche Platte am Stein. Das wollte in
Israel und den USA die Familie Bach wieder richten. Und so wurde nicht nur
das Grab von Gabriel Bach, sondern auch die der weiteren Familienmitglieder
restauriert. Zur Segnungsfeier versammelt sich die Familie Bach an den
Gräbern ihrer Vorfahren. Die 1938 im nahen Meiningen geborene und heute in
Israel lebende Esther Bach Yerushalmi bewegt sich auf dem abschüssigen
Gelände mit dem Rollator langsam von Grab zu Grab. Von dem ihres Onkels
Arthur, der mit nur 26 Jahren 1925 an Gelbfieber starb, zu dem ihres
Großvaters Gabriel und schließlich zum Grab ihrer Tante Martha, die nur 22
Jahre alt wurde. Ausdrücklich dankt sie den Menschen, die sich um die Gräber
kümmern. 'Es berührt mich sehr, dass die jüdischen Familien nicht vergessen
werden.'
Anwesend sind viele Bürger aus Unsleben und der Umgebung. Darunter ist auch
mit der einstigen Bundestagsabgeordneten der Linken, Petra Pau, ein
deutschlandweit bekanntes Gesicht.
Gabriel Bach war zweiter Ankläger im Eichmann-Prozess. Matthias Poppe
führt über den Friedhof. Der Bischofsheimer hat sich für die Familie Bach um
die Restaurierung der Gräber gekümmert. Maßgeblich beteiligt waren bei der
Erforschung der Geschichte der Familie Bach auch die Historikerin Roswitha
Zschenker aus Zella-Mehlis, Angela Bungert aus Unsleben, Elisabeth Böhrer
und der kürzlich verstorbene Prof. Josef Hesselbach. Wertvolle Vorarbeit
leisteten auch Günter Henneberger vom Rhön-Gymnasium Bad Neustadt und Moshe
Caine von der Hadassah Universität Jerusalem im Rahmen eines
deutsch-israelischen Schülerprojekts. Bei der Familie Bach handelt es sich
um eine außergewöhnliche Familie. Der 1921 gestorbene Pferdehändler Gabriel
Bach und seine Ehefrau Minna hatten acht Kinder, darunter die früh
verstorbenen Arthur und Martha. Minna Bach überlebte den Holocaust. Ebenso
wie die restlichen sechs Kinder. Das hatten sie vor allem Viktor, dem
dritten Kind von Gabriel und Minna Bach, zu verdanken, erläutert Matthias
Poppe gegenüber dieser Redaktion. Der 1894 in Unsleben geborene Viktor Bach
machte Karriere bei einem Unternehmen in Halberstadt. Er sei sehr
weitsichtig gewesen und habe Deutschland kurz vor der Pogromnacht 1938 in
Richtung Niederlande verlassen. Knapp vor der Besetzung des Landes durch die
Deutschen gelang ihm die Ausreise nach Palästina. Er setzte all seine
Energie dafür ein, seiner Mutter und seinen Geschwistern ebenfalls die
Flucht zu ermöglichen. Was nicht einfach war. Zwei seiner Geschwister, Rosa
und Selmar, waren zeitweise in Buchenwald inhaftiert. Mit Viktors Hilfe
kamen schließlich alle nach Palästina.
Internationale Berühmtheit erlangte sein Sohn Gabriel Bach, der nach seinem
Großvater benannt wurde. 1961 wurde er in der Öffentlichkeit bekannt als
stellvertretender Generalstaatsanwalt und zweiter Ankläger im
Eichmann-Prozess. Dabei sei es ihm darum gegangen, zu zeigen, dass Eichmann
kein Schreibtischtäter, sondern aktiv in die Vernichtung der Juden
eingebunden war, wie auch ein Interview mit ihm auf der Homepage der
Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem widerspiegelt. Später wurde er an den
Obersten Gerichtshof Israels berufen. Aber auch seine Ehefrau Ruth konnte
auf eine interessante Familiengeschichte zurückblicken. Weltberühmt ist das
Buch von Leon Uris 'Exodus' und dessen gleichnamige Verfilmung mit Paul
Newman. Newman verkörperte ihren Vater Yehuda Arazi, Führungsperson der
zionistischen Untergrundorganisation Haganah und Mitorganisator der
Auswanderung von Juden nach Palästina.
Mehrere
Mitglieder der Familie überlebten nicht den Holocaust. Nicht alle
Mitglieder der Familie Bach überlebten den Holocaust. Der 1863 geborene
Bruder des Pferdehändlers Gabriel Bach, Moses, wurde 1942 nach Würzburg
deportiert und starb dort noch im selben Jahr. Seine Tochter Rita, deren
Ehemann Arthur Kälbermann und ihr zweiter Sohn Manfred wurden 1942 nach
Lublin deportiert und kurz darauf ermordet. Moses' Ehefrau Fanny wurde nach
Theresienstadt deportiert, sie überlebte jedoch und starb 1949 in Lugano.
Der erste Sohn Benno starb im Alter von sieben Jahren und wurde auf dem
jüdischen Friedhof von Unsleben beigesetzt (Foto links: Grabstein für
Fanny Bach in Lugano; Foto erhalten von Wolf-Dieter Gutsch). Eine
Gedenktafel auf seinem Grab erinnert an seine ermordete Familie. In der
Person des Juristen Gabriel Bach liegt auch die Anwesenheit der
Linken-Politikerin Petra Pau begründet. 'Mich verband mit Gabriel Bach eine
lange und tiefe Freundschaft', erklärt Petra Pau gegenüber dieser Redaktion
die Gründe ihres Daseins. Die Freundschaft habe sich auf seine Kinder
übertragen. So sei es für sie ein persönliches Anliegen, anwesend zu sein.
Am Vortag war noch der ehemalige thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow
vor Ort. Als dieser von ihr von dem Treffen gehört habe, habe er ebenfalls
persönliches Interesse angemeldet.
Die aus Jerusalem angereisten Kinder des Juristen Gabriel Bach, Michael und
Orli, finden am Grab ihres Urgroßvaters ergreifende Worte. Er sei mit den
Bildern seiner Familie, die zu Hause hingen, aufgewachsen und habe seine
Vorfahren nur von den Fotos her gekannt, so Michael Bach. Hier in Unsleben
lerne er seine Wurzeln kennen. 'Ich verstehe nun, wie sie aufgewachsen
sind.' Dadurch seien sie für ihn lebendiger geworden. 'Ich fühle, dass all
die Verstorbenen hier mit uns sind.' Und an die anwesenden Besucher gewandt:
'Es wärmt mein Herz, Sie hier zu sehen.' 40 Jahre, nachdem ihr Vater
Gabriel Bach Deutschland verlassen hatte, kehrte er zurück, fährt Michael
Bachs Schwester Orli fort. Er habe mit den Menschen in Deutschland über den
Holocaust gesprochen. Darüber, dass das nicht noch einmal geschehen darf. Er
sei von Natur aus ein sehr optimistischer Mensch gewesen und wollte Brücken
bauen. 'Es gibt noch Hoffnung', habe er stets gesagt. Derzeit herrsche Krieg
und Gewalt. 'Israel erlebt die schlimmste Krise in der Geschichte des
Landes. Es ist heute umso wichtiger, Brücken zu bauen', betont Orli Bach.
Gerne würde sie den Satz ihres Vaters wiederholen: 'Es gibt noch Hoffnung.'
Hinweis der Redaktion: Die Gespräche mit der Familie Bach fanden in
englischer Sprache statt. Die Worte wurden von uns übersetzt."
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Links und Literatur
Links:
Literatur:

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Unsleben. Lower Franconia. Jews are mentioned in 1571 and numbered
26 families in 1749 with a synagogue constructed in 1753. A Jewish public school
was opened in 1840 as the Jewish population reached 225 (of a total 930). Many
were farmers and craftsmen. Between 1834 and 1853, 48 Jews emigrated to the U.S.
A second synagogue was built in 1855 and a cemetery was opened in 1856. Around
140 remained in the Nazi era. Up to November 1938, 59 left the village, 30 of
them to the U.S. Soon after the Kristallnacht riots (9-10 November 1938),
another 19 left for Cuba, as did 29 of the 39 Jews emigration in 1939. Of the
last 17, ten were deported to Izbica in the Lublin district (Poland) on 25 April,
1942 and four to the Theresienstadt ghetto on 23 September.

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