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in Laupheim
Laupheim (Kreis Biberach)
Texte/Berichte zur jüdischen Geschichte der Stadt
Hier: Berichte über die Rabbiner, Lehrer und weitere Kultusbeamte der
Gemeinde sowie das jüdische Schulwesen
Die nachstehend wiedergegebenen Texte mit
Beiträgen zur jüdischen Geschichte in Laupheim wurden in jüdischen Periodika
gefunden.
Bei Gelegenheit werden weitere Texte eingestellt.
Übersicht:
Übersicht über die
Rabbiner in Laupheim
 | ca. 1760 bis 1804 Rabbiner Maier Lämmle (Lemle b.
Meir, gest. 1804 in Laupheim). |
 | 1804 bis 1824 Rabbiner David Levi (geb. in
Schnaittach, gest. 1824 in Laupheim): betrieb zunächst ein Handelsgeschäft
in Schnaittach, 1804 Rabbiner in Laupheim. |
 | 1825 bis 1835 Rabbiner Salomon Wassermann
(geb. 1780 in Oberdorf, gest. 1859 in Laupheim):
lernte zuerst bei Landesrabbiner Ascher Löw in Wallerstein, dann an der
Jeschiwa
in Fürth, lebte nach seiner Heirat 1804 in Oberdorf,
seit 1806 in Ansbach; 1822 bayerische Rabbinerprüfung in Ansbach, 1825 Rabbiner in
Laupheim, 1828 Studium an der Universität Tübingen, 1835 Bezirksrabbiner
in Mergentheim, 1854 in den Ruhestand. |
 | 1835 bis 1852 Rabbiner Jakob Kaufmann (geb. 1783 in Berlichingen, gest. 1853 in Laupheim): Besuch der
Jeschiwa in Fürth, danach
Privatlehrer in Heidingsfeld und in
Sennfeld, Dajan in Braunsbach,
1807 Vorsänger und Unterrabbiner in Archshofen; 1819 Rabbiner in
Buchau;
nach bestandener Staatsprüfung 1834 zum 1. Januar 1835 auf das
Bezirksrabbinat nach Laupheim versetzt. |
 | 1852 bis 1876 Rabbiner Abraham (später auch Alfred)
Wälder (geb. 1809 in Rexingen, gest. 1876 in Laupheim): studierte an
den Jeschiwot in Hechingen und Karlsruhe, danach an den Universitäten
Tübingen und München; 1836 Rabbinatsverweser in Jebenhausen, 1839
Rabbinatsverweser, 1840 Rabbiner in Berlichingen; seit 1852 Rabbiner in
Laupheim. |
 | 1877 bis 1892 Rabbiner Dr. Ludwig Kahn (geb. 1845 in
Baisingen, gest. 1914 in Heilbronn): studierte in Breslau; zunächst
Rabbinats-Adjunkt in Stuttgart, 1876 Bezirksrabbiner in Laupheim, 1892 bis
1914 Bezirksrabbiner in Heilbronn. |
 | 1892 bis 1894 Rabbiner Dr. Berthold Einstein (geb.
1862 in Ulm, gest. 1935 in Landau): studierte in Berlin und Breslau, 1885 Promotion in Tübingen; 1889
Rabbinatsstellvertretung in Heilbronn, 1891 zweiter Rabbiner ebd., 1892-1894
Rabbiner in Laupheim, 1894 bis Sommer 1934 Rabbiner in Landau. |
 | 1895 bis 1922 Rabbiner Dr. Leopold Treitel (geb.
1845 in Breslau, gest. 1931 in Laupheim): studierte in Breslau; 1878 bis
1881 Rabbiner in Koschmin (Koźmin Wielkopolski), Posen, 1881 bis 1884
Rabbiner in Briesen (Wąbrzeźno), Westpreußen, 1884 bis 1894 stellvertretender
Stadt- und Konferenz-Rabbiner in Karlsruhe, 1895 letzter Rabbiner in
Laupheim, 1922 pensioniert. |
Berichte über die Rabbiner
in Laupheim
Rabbiner
Jakob Kaufmann wurde seiner Stelle enthoben - Rabbiner Abraham Wälder ist sein
Nachfolger (1852)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1. Januar 1852:
"Rabbiner Kaufmann in Laupheim ist durch königlichen
Ministerialbeschluss seiner Stelle enthoben und eine Sustentation ihm
zuerkannt worden. - Auf das Rabbinat Laupheim Rabbiner Wälder aus
Berlichingen
befördert." |
Zum Tod von Rabbiner Jakob Kaufmann
(1853)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. April
1853: "Der in Ruhe versetzte Rabbine Kaufmann von Laupheim wurde vom
Leben in den Tod zur ewigen Ruhe versetzt." |
| |
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 2. Mai 1853:
"Laupheim, im März. Nekrolog. Am 27. vorigen Monats
verschied dahier der seit 1. Januar vorigen Jahres pensionierte Rabbine
Jakob Kaufmann. In Berlichingen
anno 1783 geboren, wo er bei dem dortigen Rabbinen Jakob Bär sich auf das
Studium der jüdischen Theologie vorbereitete, frequentierte er fünf
Jahre lang die damals in hoher Blüte gestandene jüdische Hochschule zu Fürth,
an welcher der verstorbene berühmte Rabbine Wolf Hamburger Talmud und
Poskim vortrug. Nachdem er einige Jahre als Privatlehrer in Herzfeld und
hernach in Sennfeld, ferner in Braunsbach,
als Substitut des dortigen Rabbinen, seines nachmaligen Schwagers, sich
auch im Praktischen für das Amt mehr qualifiziert hatte, wurde er von der
Gemeinde Archshofen als More Zedek
und Vorsänger aufgenommen. Hier blieb er zwölf Jahre, bis er 1820 von
der Gemeinde Buchau in Oberschwaben als
Rabbiner aufgenommen wurde. In den Grundsätzen der früheren strengen
jüdischen Asketik auferzogen, und der streng orthodoxen Richtung zugetan,
hatte er vielseitige Kämpfe mit den Bestrebungen und der etwas freieren
Richtung, die in den diesseitigen Gemeinden auftauchten, zu bestehen. Doch
war er tolerant genug, um zu erkennen, dass auch die entgegengesetzte
Ansicht das Recht ihrer Existenz habe. In Folge des Gesetzes vom 25. April
1828 musste er sich mit mehreren seiner Kollegen einer Kirchendienst-Prüfung,
im Sinn des § 16 der königlichen Ministerialverfügung vom 31. Januar
1834 unterwerfen. In seinem 50sten Lebensjahre, bis wohin er ein
Vierteljahrhundert lang gelehrt hatte, fing er wieder an zu lernen. Mit
seinem Kollegen, dem christlichen Geistlichen seiner Gemeinde, gut befreundet, |
übte
er sich in der Rhetorik und verwandten Doktrinen, um den an ihn gestellten
Erfordernissen in Zukunft besser entsprechen zu können. Die Deraschot des
'großen Sabbat' und des 'Bußesabbat' metamorphosierte er in logisch
geordneten Predigten, womit ein Pastoralkurs Hand in Hand ging. Bei der im
Frühling 1834 stattgehabten Prüfung für befähigt erklärt, wurde der
Verstorbene von Buchau weg auf das
Rabbinat Laupheim versetzt. Im Jahre 1836 wurde er von der
königlich württembergischen israelitischen Oberkirchenbehörde zur
Beratung des Organisationsentwurfs der Kirchenordnung mit einberufen, dem
er nun auch seinerseits zustimmte. Man sieht daraus, dass er nicht
abgeneigt war, unserer Zeit diejenigen Konzessionen einzuräumen, die er
für zweckmäßig und notwendig hielt, und die nach seiner Ansicht das
Gebiet der Orthodoxie nicht überschritten.
In hiesiger Gemeinde wirkte er 17 Jahre lang, bis zum Jahre 1851, wo er
wegen seines Alters in den Ruhestand versetzt wurde. In seiner Quieszenz
bezog er aus der königlichen Zentralkirchenkasse einen angemessenen
Sustentationsgehalt.
In den letzten Monaten seines Lebens überfiel ihn eine schmerzhafte
Krankheit, die auch seinen Tod herbeiführte. Während seiner Krankheit
genoss er allgemeine Teilnahme. Seine Leichenbegleitung war eine sehr
zahlreiche, woran auch christliche Honoratioren teilnahmen. So ist er denn
zur Ruhe heimgegangen, nachdem er so viele Kämpfe durchgemacht. Er starb
im 70. Lebensjahre und hinterließ eine Witwe mit einer schon längst
verheirateten Tochter, deren Stützte nunmehr ins Grab gesegnet ward.
Jetzt im Tode findet er den Frieden, nach dem er als Priester gestrebt,
'sein Andenken bleibt zum Segen'. |
Kritischer
Rückblick
auf die Entlassung von Rabbiner Jacob Kaufmann durch die israelitische
Oberkirchenbehörde (1869)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2. Juni
1869: "Laupheim. (Württemberg). Nach dem 'vorläufigen Entwurf
eines Verfassungsstatutes für die israelitische Kirche in Württemberg'
bleiben wir fortan mit dem Institut der Oberkirchenbehörde beglückt, und
wieder soll in ihre Hände gelegt werden das Ernennungs- und Entlassungsrecht
von Rabbinen. Wie aber diese Behörde bei Entlassung von Rabbinen zu Werke
geht, erlauben wir uns an einem speziellen Falle anschaulich zu machen.
Es war an einem schönen, kalten Dezembertage des Jahres 1850, da wurde dem
hiesigen Rabbiner Jacob Kaufmann nachstehender oberkirchenbehördliche
Erlass durch das königliche Oberamt zugestellt:
'Dem Rabbiner Kaufmann ist zu eröffnen, dass die israelitische
Oberkirchenbehörde, nachdem sie durch mehrfältige amtliche Erhebungen die
Überzeugung erlangt habe, dass er der Synagoge und der Schule nicht mehr so
vorzustehen vermöge, wie es zur Erbauung und zur ersprießlichen Leitung
seiner Gemeinde und zur religiösen Erziehung der israelitischen Jugend in
Laupheim erforderlich wäre, in dem Falle sei, die Erledigung und
anderweitige Besetzung des Rabbinats Laupheim in Erwägung nehmen zu müssen.
Sie sehe sich dadurch veranlasst, ihn zur Erklärung darüber, was er
diesfalls zu erinnern haben möchte und zur Angabe seiner
Vermögensverhältnisse aufzufordern.'
Nicht dem gestellten Antrage des Rabbinen, dass ihm die vielfältigen
amtlichen Erhebungen zu seiner Rechtfertigung kundgegeben werden wollen;
nicht seinen Beteuerungen, dass er sich stark genug fühle, seinem Amte nach
wie vor pflichtgetreu vorzustehen und nicht dem Bittgesuche des größten
Teiles der hiesigen israelitischen Einwohnerschaft (von etwa 120
Familienvätern über 80), die um Belassung ihres Rabbinen petitionierte,
wurde Gehör gegeben. Alles umsonst, Alles vergebens, keine Berücksichtigung.
Der Mann, der über 40 Jahre den alten Glauben geehrt und gelehrt und mit
ganzem Herzen und ganzer Seele für ihn gekämpft, der war auf einmal nicht
mehr fähig, unserer Synagoge und Schule vorzustehen; der musste, ob wohl
oder übel, ohne eigentlich recht zu wissen warum, den Schauplatz seiner
Tätigkeit verlassen und für seine langjährigen Dienste wurde ihm an seinem
Gehalte für die Zukunft 150 fl. gestrichen, während man heutigen Tages einem
jungen Provisor, der kaum das Seminar verlassen, für ganz unerhebliche
Leistung 150 fl. Zulage dekretiert. Ist das zu rechtfertigen?
Diese Entlassung machte einen schmerzlichen Eindruck auf alle diejenigen,
die mit der alten Lehre noch nicht ganz gebrochen, denn man vermochte in ihr
eine Demonstration gegen die Orthodoxie deutlich zu erkennen und betrübte
den Entlassenen so außerordentlich, dass er die harte Kränkung kaum 1 ½
Jahre überlebte.
So entließ die israelitische Oberkirchenbehörde anno 1850 einen alten,
orthodoxen Rabbinen. Darum rufe ich Euch, meine Freunde, heute, wo die
israelitischen Verhältnisse eine andere Gestalt annehmen sollen, auf diesem
Wege zu (hebräisch und deutsch): עת לעשות לה׳ 'jetzt ist es an der
Zeit, etwas für den Ewigen zu tun'.
Wenn Ihr die Oberkirchenbehörde nicht beseitigen könnt, so arbeitet dahin,
dass ihr wenigstens die Hände gebunden, die Gewalt, dem orthodoxen Judentum
zu schaden, genommen werde.
Dieser Ruf gilt hauptsächlich Euch, Männer des württembergischen
Unterlandes, denn das neologe Schwabenland freut sich des neuen
Gesetz-Entwurfs, weil es in ihm den Boden erblickt, in dem die Reform sich
mit Leichtigkeit zu entwickeln im Stande ist.
Noch wirst du, geehrter Leser, wissen wollen, ob es auf die Entlassung des
Rabbinen Kaufmann, der unserer Synagoge und Schule nicht mehr nutzbringend
sollte vorstehen gekonnt haben, in unserer Synagoge und Schule wirklich
besser geworden sei? — Diese Frage muss ich Dir mit einem kräftigen und
feierlichen 'Nein' beantworten, denn 'besser ist’s nimmer; es wird leider
immer schlimmer'.
Dass das Verfahren gegen den Rabbinen vielseitig schmerzte, ist Tatsache;
aber noch weit größeres Ärgernis veranlasste das Auftreten des hiesigen
israelitischen Kirchenvorsteheramtes gegen den Rabbinen nach seiner
Entlassung.
Kaufmann hatte das Vorbeten zu versehen; die meisten תפילות an den ימים
נוראים trug er vor und wurde gern, selbst von seinen Gegnern, gehört. Nach
seiner Entlassung stellte er das Ansuchen, dass er als בעל תפילה an den
genannten heiligen Festtagen belassen werde, aber nein! das Vorsteheramt
schlug es ihm rundweg ab.
Der Schwiegersohn des Rabbinen — Wolf Stern — richtete am 8. April / 9. Mai
1852 an das Vorsteheramt folgendes Gesuch:
'Verehrlichem Kirchenvorsteheramt ist es wahrscheinlich nicht unbekannt,
dass in Gemeinden, wo sich alte Rabbinen befinden, diese an den Sabbaten vor
ראש חודש nach dem angestellten Rabbinen aufgerufen werden.
Es ist gewiss nicht unbillig, dass dieser kleine Vorzug meinem
Schwiegervater, Eurem ehemaligen Seelsorger, zu Teil werde, und ich glaube
deshalb nicht eine Fehlbitte zu tun, wenn ich ein Wohllöbliches |
Kirchenvorsteheramt
ersuche, in diesem Sinne eine Anordnung treffen zu wollen. Zur Unterstützung
dieser Bitte wäre es mir nicht leid, Dutzende von Unterschriften der
Gemeindemitglieder zu bekommen, allein mein Inneres sagt mir, dass dieses
überflüssig sei, da ich auf bloße Anregung hin dem Billigkeitssinn des
israelitischen Kirchenvorsteheramts so viel Zutrauen schenken darf.'
Auf diese gewiss in den Grenzen des Anstands gestellte Bitte erhielt Stern
eine Antwort, die näher zu bezeichnen, uns der literarische Anstand
verbietet.
Sie folgt hier wörtlich und enthalten wir uns aller Bemerkungen darüber, da
sich Jeder selbst den Kommentar dazu machen kann.
Sie lautet: 'Dem Wolf Stern hier wird auf seine Eingabe vom 8.
April/9. Mai dieses Jahres, Vorrufen des Rabbiner Kaufmann zur Tora
betreffend, Folgendes zu erkennen gegeben.
Dem gestellten Ansuchen weiß man, obgleich dem Vorsteheramt keineswegs
unbekannt ist, wie es diesfalls in andern Gemeinden gehalten wird, nicht zu
entsprechen. Dabei wird dem Bittsteller noch weiter bemerkt:
1. Über die hier in Anregung gebrachte Frage hat das Vorsteheramt schon
längst verhandelt, es sah sich aber nach reiflicher Überlegung aller
vorliegenden Verhältnisse*) nicht in der Lage, dem Rabbiner Kaufmann ein
solches Vorrecht zukommen zu lassen, zu welchem kleinen Opfer uns auch jetzt
weder die Billigkeit, noch der Umstand, daß Kaufmann unser ehemaliger
Seelsorger war, bestimmen kann.
2. Was die Drohung mit Unterschriftsammeln betrifft, so fürchten wir diese
nicht, so wenig als sie das Vorsteheramt früher in einem andern Falle
gefürchtet hat. Wenn Stern auf diesem Wege mit seinem Ansuchen durchdringen
zu können glaubt, so ist es ihm unverwehrt, die geeigneten Schritte gegen
diese Abweisung des Vorsteheramts zu tun. (Wie gütig!)
3. Was den Ton der Eingabe vom 8. April / 9. Mai dieses Jahres betrifft, so
kann es dem Vorsteheramte gleich sein, ob ihm Petent Zutrauen schenkt oder
nicht, da es nur seine Pflicht zu erfüllen und sich dann um das Urteil
Einzelner nichts zu bekümmern hat.
Unpassend findet man es jedenfalls, daß dem Vorsteheramte gegenüber von
'meinem Schwiegervater, Eurem ehemaligen Seelsorger' die Rede ist, und wird
Stern angewiesen, in Zukunft
*) Ganz à la Oberkirchenbehörde! Welche Verhältnisse, ob wahr oder unwahr,
wird verschwiegen.
alle Ausdrücke, welche an die einzelnen Mitglieder des Vorsteheramts und
nicht an das Collegium, als solches, gerichtet sind, in seinen Eingaben an
das Vorsteheramt wegzulassen, widrigenfalls man mit missliebigen Maßregeln
gegen ihn verfahren müsste. Laupheim, den 15. Mai 1852.
In legaler Abwesenheit des Rabbiners:
Das Vorsteheramt. Heinrich Steiner. S. B. Steiner.
N. Hirschfeld. Kirschbaum, Lämle.'
Wir enthalten uns jeder Bemerkung. Heutzutage würden die höchsten Behörden
nicht solchen bürokratischen Ton anzuschlagen wagen. — So wurde mit der
Orthodoxie in Württemberg von Seiten eines reformsüchtigen Vorsteheramtes
umgegangen!
Zum Schlusse noch ein gutes Wort des entlassenen, nunmehr in Gott ruhenden
Rabbiners Jacob Kaufmann. Er musste, nachdem ihm der Eingangs erwähnte
Erlass im Dezember 1850 zugekommen, bis zum 1. Januar 1852 im Amte bleiben,
dann kam an seine Stelle als Rabbiner Herr Abraham Wälder, vordem
Rabbiner in Berlichingen, und als
Vorsänger wurde für ihn Herr Isak Schmal, Schuhmachermeister dahier,
angestellt. Darauf sagte Kaufmann (hebräisch und deutsch): אברהם יגל, יצחק
ירנן, יעקב ובניו יטוהו 'Abraham kann sich jetzt freuen, Isak darf
nunmehr singen, Jakob und seine Familie sitzen fortan in Ruhe.' בבר בורר
מועהר." |
Anmerkungen zu den hebräischen Begriffe
im laufenden Text
- עת לעשות לה׳ : Übersetzung: 'Es ist Zeit, für den Ewigen zu handeln'
(oder: 'Es ist Zeit, für Gott zu wirken'). Dies ist ein berühmtes Zitat aus
Psalm 119,126. Im rabbinischen Sprachgebrauch wird es immer dann verwendet,
wenn Gefahr im Verzug ist – wenn man das Gefühl hat, der Glaube oder die
Tradition seien bedroht und man müsse jetzt dringend aktiv werden und
protestieren. Der Autor ruft damit die orthodoxen Juden Württembergs zum
Widerstand gegen die Reformkräfte auf.
- תפילות : Tefillot, 'Gebete'.
- ימים nוראים (im Text steht ימים נוראים): Jamim Noraim – 'Die
ehrfurchtgebietenden Tage' (die jüdischen Hohen Feiertage, also das
Neujahrsfest Rosch ha-Schana und der Versöhnungstag Jom Kippur)
- בעל תפילה : Ba'al Tefilla – wörtlich 'Herr des Gebets', gemeint ist der
Vorbeter bzw. Kantor, der die Gemeinde durch den Gottesdienst führt.
- ראש חודש : Rosch Chodesch – 'Monatsanfang' (der Beginn des neuen jüdischen
Monats nach dem Mondkalender). An dem davor liegenden Sabbat war es in
vielen traditionellen Gemeinden üblich, dem verdienten alten Rabbiner eine
besondere Ehre zu erweisen, indem man ihn als Ersten oder auf einen
Ehrenplatz zur Tora-Verlesung aufrief.
- am Schluss des Textes steht das bittersüße Zitat des entlassenen Rabbiners
Jacob Kaufmann. Es ist ein hochintelligentes, biblisches Wortspiel, das auf
den Vornamen der beteiligten Personen basiert: אברהם יגל, יצחק ירנן, יעקב
ובניו יטוהו Der historische Kontext des Zitats: Nachdem Rabbiner Jacob
Kaufmann entlassen wurde, setzte das reformorientierte Vorsteheramt als
neuen Rabbiner Herrn Abraham Wälder ein. Zudem wurde als neuer Vorsänger ein
Schuhmachermeister namens Isak Schmal engagiert. Die wörtliche Übersetzung
des Wortspiels: 'Abraham wird frohlocken, Isak wird singen, [aber] Jakob und
seine Söhne werden [im Elend] darniederliegen.' Die tiefere Bedeutung:
Kaufmann nutzt hier eine traditionelle liturgische Formulierung, die man
eigentlich aus dem Jakobssegen oder jüdischen Gebeten kennt (wo sich
Abraham, Isak und Jakob eigentlich gemeinsam über die Erlösung freuen).
Kaufmann dreht den Spruch jedoch sarkastisch um: Der neue Rabbiner (Abraham)
hat nun Grund zur Freude, der neue Vorsänger (Isak) darf nun in der Synagoge
singen – aber er selbst, der alte Rabbiner (Jakob), ist mit seiner Familie
ruiniert, seiner Ehre beraubt und aus dem Amt gedrängt worden ('sitzt in
Ruhe', was hier eine bittere Ironie für die erzwungene Arbeitslosigkeit und
Armut ist). |
Anzeige
von Rabbiner Wälder (1859)
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 16. Mai 1859: "Ein junger, unverheirateter Schächter, der
zugleich die Stelle eines Gemeindedieners versehen könnte, sucht sogleich
eine Stelle. Auf portofreie Anfragen erteilt nähere Auskunft Herr Rabbiner
Wälder in Laupheim." |
Zum
Tod von Rabbiner Abraham Wälder (1876)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. April
1876: "Laupheim. Am Mittwoch, den 5. April - 11. Nissan ist
Herr Rabbiner Abraham Wälder im Alter von 67 Jahren, zu einem besseren Leben
entschlafen.
Vor ungefähr einem halben Jahre wurde er von einem gefährlichen
Unterleibsleiden befallen, das nach und nach so bösartige Dimensionen
annahm, dass es seinen Tod zur Folge hatte. Ungeachtet der schmerzvollen
Leidenstage lebte er doch stets — bis fast auf den letzten Tag hin — seinem
Berufe und seinen Pflichten. Der Verstorbene war ein echter Mosaide — עניו
מאד —, ein wahrer Ahronide — אוהב שלום ורודף שלום und ein geduldiger Hillel,
streng befolgend dessen Worte: מה דעלך סני אל תעביד
Die hiesige Rabbinatsstelle bezog er am 1. Januar 1852 und am nächsten
Neujahr 1877 hätte er sein hiesiges 25jähriges Dienstjubiläum gefeiert. Doch
der Herr sprach 'עד הנה' und so ward nicht ihm, nicht uns das Glück zu Teil
jenen Tag als Freudentag zu begehen.
Von Berlichingen aus hierher
gekommen, war er streng orthodox. Allein — doch de mortuis nil nisi bene!
Sein Privatleben bewies, dass er nicht aus Hang der Reform huldigte. Er ging
tagtäglich ערב ובקר — in die Synagoge; סוכה warf er nicht über Bord wie
jener Schulchan-Aruch-Revisions-Antragsteller; מצה auf Pessach bezog er
nicht von hier, da die hiesigen nicht ganz rituellmäßig bereitet werden.
Das Leichenbegängnis fand Freitag, den 7. April, Vormittags 11 Uhr, statt
und die Beteiligung an demselben war eine außerordentlich zahlreiche, sowohl
von hiesigen, wie von Fremden, von Juden, wie von Christen, selbst die
Frauen alle ließen sich von der dringenden Pessacharbeit nicht abhalten und
schlossen sich dem Zuge an.
Am Grabe sprachen: Herr Lehrer Elsässer als gesetzlicher
Rabbinatsstellvertreter; er hob in schönen, schwunghaften Worten die
Verdienste und Vorzüge des Dahingeschiedenen hervor, ohne alle und jede
Übertreibung, dann Herr Rabbiner Weinmann aus
Buchau als Freund und College des
Entseelten, er rühmte ihn als eine Sonne des Glaubens — זרח השמש ובא השמש —
als einen Mann, der als Vermittler zwischen Neu- und Altgläubige sich
stellte — ויעמד בין המתים ובין החיים — er stellte sich zwischen die, die den
toten Buchstaben verehren und die, die den lebendigen Glauben üben!!?!! und
zuletzt Herr Vorsänger Einstein von Ulm,
er dankte dem Verblichenen im Namen seiner Gemeinde, weil er es ist, der
Ulm
zu solcher Höhe geistiger Blüte gebracht. Als wir die beiden letzten Redner
hörten, da dachten wir: עלייה זו ירידה היא.
Auch die beiden hiesigen Lokalblätter — die 'Laupheimer Zeitung' (ein
klerikales) und 'Der Verkündiger' (ein liberales Blatt) widmeten dem
Verstorbenen ausgezeichnet schöne Nachrufe und wir glauben im Sinne aller
Verehrer des Herrn Wälder zu handeln, wenn wir hier den Redaktionen
genannter Blätter unsern öffentlichen Dank aussprechen.
Wir können nicht unterlassen, eines Verdienstes zu gedenken, das die Herren
Redner unberührt gelassen Zur Hebung und zum Wachstum unserer מתן בסתר —
eine Stiftung vieler Gemeindegenossen, aus der am Jahrtage der Stifter ein
Jahrzeitlicht beschafft, ein Schiur gelernt und ein Kadisch gesagt wird; aus
der je auf פסח und ר״ה schöne Gaben an hiesige Arme verteilt werden und aus
der zeitweise dürftige, auch unbemittelte Kranke Unterstützung erhalten —
hat der Verstorbene Vieles beigetragen, so dass die Zahl der Stifter jetzt
bereits an 250 beträgt und das Stiftungskapital ein sehr namhaftes ist. —
Möge er in Frieden ruhen, möge sein Nachfolger nicht zur Klasse der מחבלי
כרמים 'Weinbergsverderber' gehören."
Anmerkungen: - עניו מאד: 'Sehr bescheiden / demütig_. Dies ist eine
Anspielung auf die biblische Beschreibung von Mose (Numeri 12,3: 'Und der
Mann Mose war sehr demütig'.
- אוהב שלום ורודף שלום : 'Der den Frieden liebt und dem Frieden nachjagt'.
Ein Zitat aus den Sprüchen der Väter (Pirkej Avot 1,12) über den Charakter
des Hohenpriesters Aaron.
- מה דעלך סני אל תעביד: 'Was dir verhasst ist, das tue deinem Nächsten nicht
an.' Dies ist die berühmte 'Goldene Regel' in aramäischer Sprache, mit der
der antike Weise Hillel die gesamte Tora zusammenfasste (Talmud, Schabbat
31a).
- עד הנה: 'Bis hierher' (Gott setzte seinem Leben ein Ende, bevor er das
25-jährige Jubiläum feiern konnte.
- ערב ובקר : 'Abends und morgens' (er besuchte die Synagoge täglich zu allen
Pflichtgebeten).
- סוכה :Sukka (die traditionelle Laubhütte für das herbstliche Sukkot-Fest,
die er im Gegensatz zu den Reformern streng vorschriftsmäßig baute.
- מצה / פסח : Mazza (das ungesäuerte Brot) / Pesach (das Passahfest).
Er vertraute den Bäckern in Laupheim nicht und importierte seine Mazzen von
außerhalb, weil er die örtliche Zubereitung für nicht streng genug rituell
hielt.
- זרח השמש ובא השמש : 'Die Sonne geht auf und die Sonne geht unter.' Ein
Zitat aus Kohelet (Prediger) 1,5. Es wird traditionell beim Tod eines
Gelehrten genutzt, um auszudrücken, dass mit seinem Heimgang ein großes
Licht erloschen ist, aber bereits ein neuer Gelehrter am Horizont aufsteigt.
- ויעמד zwischen הmetim ובין הchaiim (im Text steht: ויעמד בין המתים ובין
החיים): 'Und er stellte sich zwischen die Toten und die Lebenden.' Ein
dramatisches Bibelzitat aus Numeri 17,13, wo Aaron eine Plage aufhält. Der
Redner nutzt es hier als Metapher: Wälder stand vermittelnd zwischen der
starren Orthodoxie ('den Toten') und der modernen Reform ('den Lebenden').
Der Autor des Artikels versieht dies bezeichnenderweise mit empörten
Ausrufe- und Fragezeichen (!!?!!).
- עלייה זו ירידה היא : 'Dieser Aufstieg ist [in Wahrheit] ein
Abstieg.' Ein Stoßseufzer des Autors im Publikum. Er meint damit: Was die
Redner am Grab als modernen 'Aufstieg' und Fortschritt der Gemeinde
feierten, war in den Augen der Gesetzestreuen ein trauriger moralischer und
religiöser Abstieg.
- מתן בסתר : Matan ba-Seter – wörtlich 'Eine Gabe im Verborgenen'. Dies
bezeichnet die höchste und edelste Form der jüdischen Wohltätigkeit (Anonyme
Armenapotheke/Armenkasse), bei der weder der Geber den Empfänger kennt, noch
umgekehrt.
- ר״ה / פסח : R.H. (Abkürzung für Rosch ha-Schana, das Neujahrsfest) /
Pesach.
- מחבלי כרמים: 'Weinbergsverderber' (wörtlich: die kleinen Füchse, die die
Weinberge verwüsten, aus dem Hohenlied 2,15). Im jüdischen Sprachgebrauch
des 19. Jahrhunderts war dies ein extrem scharfes, kampflustiges Schimpfwort
der Orthodoxen für radikale Reformrabbiner, die den überlieferten 'Weinberg
Israels' (die jüdischen Gesetze) zerstörten. Der Autor schließt mit der
eindringlichen Hoffnung, dass Wälders Nachfolger kein solcher Reformer sein
möge." |
Rabbiner
Abraham Wälder hat den größten Teil seiner Bibliothek der Israelitischen
Lehrerbildungsanstalt in Würzburg vermacht (1876)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 13. Dezember
1876: "Mainz, 7. Dez. Soeben geht uns zu der
'Rechenschaftsbericht über die israelitische
Lehrerbildungs-Anstalt in Würzburg für das zwölfte Jahr ihres
Bestehens', vom Leiter und Vorsteher derselben, Herrn Distrikts-Rabbiner
Bamberger - sein Licht leuchte. — In Bezug auf die der Anstalt
zugewendeten Unterstützungen erfahren wir zu unserer Freude, dass dieselben
die vermehrten Ausgaben nicht allein deckten, sondern dass sich noch ein
nicht unbedeutender Überschuss ergab.
Es wäre nur zu wünschen, dass die Anstalt baldigst so gestellt würde, dass
sie aus eigenen Fonds existieren könnte, damit der verehrte Leiter derselben
des so unangenehmen und seine kostbare Zeit in Anspruch nehmenden Sammelns
überhoben würde. Jedoch לפום צערא אגרא, um so mehr sind die hohen Verdienste
des edlen Leiters der Anstalt anzuerkennen! — Die in diesem Jahre
entlassenen Zöglinge, die am königlichen Schullehrer-Seminar die
Austrittsprüfung bestanden, haben zur Hälfte die erste, zur Hälfte die
zweite Note erhalten — gewiss ein sehr günstiges Resultat.
Bis jetzt wurden 67 Lehrer ausgebildet.
Die Anstalt hat also Sorge getragen, 67 Synagogen mit entsprechenden
Vorbetern versehen zu können, mit Männern von echt religiösem Sinn und
Wandel und sittenreinem Charakter, und somit sind ebensoviel Gemeinden in
die beseligende Lage versetzt, die religionsgesetzlich gebotene alltäglich
gemeinsame Andacht an geheiligter Stätte mit Innigkeit und Würde verrichten
zu können.
Die Anstalt hat hiermit gleichzeitig Sorge getragen, 67 Schulen mit
entsprechenden Lehrern versehen zu können, mit Männern der eben bezeichneten
Beschaffenheit, erleuchtet in der Religionswissenschaft, ausgebildet in den
Profanwissenschaften, und somit sind eben so viel Schulverbände gegründet,
in deren Unterrichtslokalen einer vielzähligen Schuljugend die beseeligenden
Worte der Religions- und Sittenlehre vorgetragen, erläutert, Herz und Geist
zugeführt und zu eigen gemacht werden. Dabei ist gleichzeitig Gelegenheit
zur weltlich-wissenschaftlichen Ausbildung und Berufstätigkeit geboten.
Die Anstalt zählte im verflossenen Jahre 19 Zöglinge.
Die Zöglinge, die in dem eben abgelaufenen Schuljahre sich in der Anstalt
befanden, erhielten Unterricht, Beköstigung, Wohnung, Beheizung,
Beleuchtung, ärztliche Behandlung in der Anstalt unentgeltlich.
Für das laufende Jahr werden 22 Zöglinge die Anstalt besuchen.
Aus den Spendenverzeichnissen heben wir noch hervor, dass der selige Herr
Rabbiner Wälder ע״ה zu Laupheim den größten Teil seiner hebräischen
Bibliothek der Anstalt vermacht hat.
Möge des Allgütigen Gnade diese segensreich wirkende Anstalt sich immer
gedeihlicher entwickeln lassen; möge namentlich der verehrte Leiter und
Vorsteher derselben in ungeschwächter Kraft stets größere und herrlichere
Resultate erzielen. להרים קרנה של תורה ולהאדירה!"" |
Über
den Stand der Besetzung des Rabbinates (1876)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. September
1876: "Württemberg. Über die fünfmonatliche Vakatur des
Rabbinats Laupheim beschwert sich, wahrscheinlich einer der 12
Landesrabbinen, der der Nachfolger Wälder's seligen Andenkens werden
will, im 'Stuttgarter Beobachter' vom 3. d. M., indem er nach dem Grunde
frägt, aus welchem die Königlich Israelitische Oberkirchenbehörde dieses
gute Rabbinat so lange nicht zur definitiven Besetzung ausschreibt, sondern
durch einen Amtsverweser versehen lässt. Da die 2 Gemeinden, welche den
Bezirk bilden, Laupheim und Ulm, mit dem
Amtsverweser Herrn Rabbiner Kahn sehr zufrieden sind und sein können,
so wird der Dränger wohl der Bewerber in spe sein, 'der seit Monaten auf ein
Ausschreiben dieses besten Rabbinats im Staatsanzeiger wartet', während der
Bezirk sehnlich wünscht, dass ihm das Wahl- oder mindestens das
Vorschlagsrecht bei der Besetzung eingeräumt werde, wie es allwärts
außerhalb Württembergs in Israel (= im Judentum) von jeher üblich war. Ganz
Württemberg aber wünscht noch weiter, dass die Vakatur zwar 'nicht aus
Sparsamkeit' verlängert, sondern benützt werde, irgend ein anderes Rabbinat
eingehen zu lassen, wenn man diesen Sprengel besetzt, da bei den jetzigen
Verkehrs- und Bevölkerungsverhältnissen sechs Rabbinen genügen würden, um
alles gut besorgen zu können, was jetzt 12 tun. Auch bei Besetzung des
Rabbinats Mühringen hätte dieser Reduktionsgrundsatz angewendet werden
sollen, statt es ein ganzes Jahr vakant zu lassen" |
Das
Rabbinat wird mit Rabbiner Dr. Ludwig Kahn aus Baisingen besetzt (1877)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28. Februar
1877: "Laupheim. Der hiesige Rabbinatsstuhl, welcher schon 3/4
Jahre lang, seit dem Tode unseres seligen Rabbinen A. Wälder,
verwaist steht, ist nunmehr definitiv durch Herrn L. Kahn von
Baisingen, bisherigen Rabbinatsverweser,
besetzt. Zwei Monate sind's ungefähr, dass die israelitische
Oberkirchenbehörde das hiesige Rabbinat zur Bewerbung ausgeschrieben, doch
außer Herrn Kahn, der sich in der kurzen Zeit seines Hierseins die Achtung
und Liebe aller Gemeindegenossen erworben, hatte sich bloß der sattsam
bekannte Rabbiner Stern von
Buttenhausen gemeldet.
Auf dieses hin wurde ein Bittgesuch, unterzeichnet von allen Mitgliedern der
Gemeinde, an das israelitische Kirchenvorsteheramt eingereicht, dass es bei
der höchsten Behörde die geeigneten Schritte tun möge, damit Herr Kahn uns
belassen bleibe. Unser Wunsch fand nach allen Seiten hin Berücksichtigung
und vor 14 Tagen brachte der Staatsanzeiger und vorher schon der Telegraph
die Kunde von der Ernennung des Herrn Kahn.
Dass die Freude diesfalls eine große und allgemeine war, beweist der
Umstand, dass die israelitische Jugend dem Gewählten einen Fackelzug und der
christliche Gesangverein 'Concordia' eine Serenade brachte. Samstag פ'
משפטים (mit dem Wochenabschnitt Mischpatim) wurde der neue Rabbiner
bei feierlichem Gottesdienste in sein Amt eingesetzt und am darauffolgenden
Sonntag, den 11. Februar, fand ihm zu Ehren im Gasthofe zum Kronprinzen ein
splendides Festmahl statt, woran sich fast ganz (die ganze Gemeinde)
קהל, die Bezirks- und Lokalbehörden, auch eine Deputation des
Kirchenvorsteheramts Ulm — an 120 Personen — beteiligten.
Toaste wurden in Hülle und Fülle, nach nah und fern, ausgebracht.
Einem schönen Gedichte, verfasst und vorgetragen von Herrn Viktor
Steiner, Kaufmann hier, wurde vom Toastengerichte der 1. Preis
zuerkannt.
'..וגם חרבונה זכור לטוב' (und auch Charvona sei zum Guten erwähnt,
nach Ester 7,9:) Auch unseres Gesangvereins 'Frohsinn', haben wir diesmal
rühmend zu gedenken, denn derselbe hat durch herrliche Produktionen
wesentlich zur Verschönerung des Festes beigetragen.
Dieser Festtag wird Laupheim und seinem neuen Rabbinen stets in freudiger
Erinnerung bleiben, er wird es um so eher bleiben, wenn Herr Kahn in
bisheriger Weise seinen schönen Namen (יהודה) (Jehuda) Rechnung
tragend fort und fort lehrt und lebt, so dass es von ihm heißt: כשמו כן הוא
(wie sein Name, so ist er auch) und wir ihm allzeit das löbliche
Zeugnis ausstellen können, das wir ihm heute schuldigst ertheilen, lautend:
יהודה אתה יודוך אחיך 'Jehuda heißt, bist und als solcher
wirkst Du, daher würdig des Lobes Deiner Brüder.'" |
Rabbiner Dr. Ludwig Kahn wird zum Rabbiner in Heilbronn
ernannt (1892)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Mai
1892: "Laupheim. Die schon vor einigen Wochen — allerdings etwas
verfrüht — von Ihnen gemeldete Ernennung des Herrn Rabbiner Kahn von hier
als Bezirksrabbiner nach Heilbronn ist
am 2. Tag Peßach eingetroffen und hat in der hiesigen Gemeinde, welcher
derselbe nun schon über 16 Jahre vorsteht, insofern das größte Bedauern
hervorgerufen, als sie in Herrn Kahn nicht nur den Mann der trefflichsten
Worte, sondern auch der besten Taten verliert." |
Abschiedsfeier
für Rabbiner Dr. Ludwig Kahn (1892)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20. Juni 1892: "Laupheim.
Dem nach Heilbronn beförderten
Rabbiner Kahn, wurde gestern seitens der israelitischen Gemeinde eine
ehrenvolle Abschiedsfeier bereitet, an dem auch die königlichen Beamten, der
Stadtvorstand, sowie der katholische Stadtpfarrer teilnahmen.
Rechtsanwalt Heumann, als Vertreter des israelitischen
Kirchenvorsteheramts, hob in längerer Rede die Verdienste des Scheidenden
hervor. Zum Zeichen der Verehrung überreichte er namens der israelitischen
Gemeinde einen prachtvollen, silbernen Pokal. Gerührt antwortete der
Gefeierte. Ein von V. Steiner verfasstes, tief empfundenes Gedicht,
fand großen Beifall. Besondere Erwähnung verdient noch aus der Reihe der
Reden die Ansprache des kath. Stadtpfarrers Dr. Sautter, welcher die
Verdienste des Rabbiners um die Erhaltung des konfessionellen Friedens
hervorhob und hinzufügte, dass auch seinerseits sein Bestreben wie bisher
dahingehen werde, dass derselbe durch Niemand und in keiner Weise gestört
werde." |
| |
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 24. Juni
1892: "Laupheim, 12. Juni. Dem als Bezirksrabbiner nach Heilbronn
beförderten Rabbiner Kahn wurde am 5. d. M. seitens der
israelitischen Gemeinde hier eine ehrenvolle Abschiedsfeier veranstaltet, an
der außer sämtlichen Gemeindemitgliedern auch die königlichen
Bezirksbeamten, die städtischen Behörden, sowie der katholische Stadtpfarrer
teilnahmen. Rechtsanwalt Dr. Heumann würdigte die Verdienste des
Scheidenden, der sich durch sein Wissen wie durch seine Wohltätigkeit,
Bescheidenheit, Berufstreue und Friedensliebe die Hochachtung Aller in
seltenem Maße erworben hat. Als Zeichen der Anerkennung seiner Verdienste
wurde ihm ein wertvoller silberner Pokal überreicht. Unter den verschiedenen
Reden verdient die Ansprache des katholischen Stadtpfarrers Dr. Sautter
besondere Erwähnung, welcher die Verdienste des Rabbiners und die Erhaltung
des konfessionellen Friedens hervorhob und hinzufügte, dass auch seinerseits
sein Bestreben wie bisher dahingehen werde, dass derselbe durch Niemand und
in keiner Weise gestört werde. Die besten Wünsche begleiten den Scheidenden
auf seinen neuen Wirkungskreis." |
In
Ansbach setzen sich Gemeindeglieder für den Rabbiner Dr. Berthold Einstein als
neuen Rabbiner in der Stadt ein (1894)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. Februar
1894: "Aus dem Ansbacher
Rabbinatsdistrikte, 30. Jan. Die 'gemäßigt neologen Männer' der
Kreishauptstadt setzen alle Hebel in Bewegung, um der Kandidatur des Dr.
Einstein, eines Württembergers, Schüler des Breslauer Seminars, z. Z. in
Laupheim, zum Siege für das hiesige Rabbinat zu verhelfen. Darum Ihr
wirklich Gesetzestreuen des Distrikts seid auf der Wache, lasset Euch durch
hohle, leere Phrasen nicht bethören! ואתה תחזה יראי אלקים." |
Rabbiner
Dr. Berthold Einstein wechselt nach Landau (1894)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 19. April
1894: "Laupheim. Unsere Rabbinerstelle wird demnächst
vakant, da Herr Dr. Einstein das Rabbinat in Landau
übernimmt. Wir hegen die Hoffnung, dass jetzt, da die Kirchenratsstelle
von Herrn Dr. Kroner bekleidet wird, konservative Kandidaten eher
Berücksichtigung finden werden." |
| |
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 6. April 1894: "Rabbinatsverweser Dr. B. Einstein in
Laupheim wurde zum Rabbiner in Landau
gewählt." |
Auszeichnung
für die Frau von Rabbiner Dr. Leopold Treitel (1914)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 13. Februar 1914: "Frau Rabbiner Dr. Treitel in Laupheim
wurde von Seiner Majestät dem Kaiser durch Verleihung der
Roten-Kreuz-Medaille 3. Klasse ausgezeichnet. Frau Dr. Treitel ist eine
Schwester des Dozenten am Breslauer Rabbinerseminar Dr. M. Braun."
|
70.
Geburtstag von Rabbiner Dr. Leopold Treitel (1915)
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 15. Januar 1915: "Laupheim, 8. Januar. Am 3. dieses Monats
feierte unser Rabbiner Herr Dr. Treitel seinen siebzigsten
Geburtstag. Anlässlich dieses Festes wurde der Jubilar von seiner Gemeinde
auf alle nur mögliche Weise geehrt. Vormittags statteten das Vorsteheramt
und sämtliche Vereinsausschüsse ihre Gratulationsbesuche ab, die Gemeinde
widmete ihrem Seelsorger einen schönen Pokal, die Vereine und
Gemeindegenossen wetteiferten mit allen nur möglichen Ehrengaben, so dass
sich dieser Tag zu einem schönen Familienfeste für unsere ganze Gemeinde
gestaltete und allen in schöner Erinnerung bleiben wird. Vergangenen
Sonnabend dankte Herr Dr. Treitel auch von der Kanzel aus, indem er in
rührenden Worten seinen Gefühlen Ausdruck gab, wovon auch die Gemeinde
sichtlich bewegt war. Möge es unserem Rabbiner gegönnt sein, noch lange in
seiner Gemeinde wirken zu können!" |
80. Geburtstag von Rabbiner Dr. Leopold Treitel
(1924)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 15. Dezember 1924: "Rabbiner Dr. Treitel
zum 80. Geburtstage.
Am 3. Januar vollendet Dr. Leopold Treitel, der ehrwürdige emeritierte
Rabbiner der Laupheimer Gemeinde sein achtzigstes Lebensjahr. Der geistvolle
tiefgelehrte Jubilar, eine Zierde seines Standes, ist ein Kind der Breslauer
Gemeinde. Nachdem er in den Jahren 1866 bis 1876 dem Breslauer
Rabbinerseminar angehört, wurde er 1878 zum Rabbiner der Gemeinde Koschmin,
1881 nach Briesen und 1884 nach Karlsruhe berufen. Seit 1895 ist er Rabbiner
in Laupheim. Treitel hat sich als Philoforscher einen bleibenden
Ehrennamen erworben. Bereits seine Doktorarbeit war dem großen Alexandriner
gewidmet. Treitel ist der Liebe seiner Jugend treu geblieben. Anlässlich
seines 70. Geburtstages gab sein Schwager Professor Markus Brann Treitels
Veröffentlichungen über Philo seit 1872 unter dem Namen Philonische Studien
(Breslau 1915) heraus, und im vorigen Jahre vollendete der unermüdliche
Verfasser sein abschließendes Werk 'Die gesamte Theologie und Philosophie
Philos v. Alexandria' (Berlin 1923). Treitel feiert seinen Ehrentag an der
Seite der ihm gleichstrebenden Gattin, die als Verfasserin feinsinniger
Erzählungen für die jüdische Jugend weit bekannt ist, geliebt von tüchtigen
Kindern, verehrt von seiner Gemeinde in voller leiblicher und geistiger
Rüstigkeit. Möge ein gütiges Geschick dem greisen Gelehrten einen sonnigen
Lebensabend schenken!" |
70. Geburtstag von Rebecca Treitel, Gattin von Rabbiner Dr. Leopold Treitel
(1926)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. November 1926: |
85. Geburtstag von Bezirksrabbiner i.R. Dr. Leopold Treitel
(1930)
Artikel
in der "Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Januar
1930: |
Zum Tod von Rabbiner Dr. Leopold Treitel (1931)
Artikel
in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des
"Central-Vereins") vom 20. März
1931: |
| |
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. April 1931: |
Artikel in der "Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. März 1931: "Zum Tode von
Bezirks-Rabbiner Dr. Treitel, Laupheim.
Zum Schriftwort dieser Woche weiß der Talmud zu erzählen, dass Israel auch
die Bruchstücke der zerbrochenen Bundestafeln in der heiligen Lade geborgen
hat. Sie waren aus Gottes Hand hervorgegangen; die Feuer des Sinai hatten
sie umflammt; noch als Trümmer bargen sie hochheilige Wahrheit.
Als Dr. Leopold Treitel als ein Neunundsiebzigjähriger nach schweren inneren
Kämpfen sein Amt niederlegte, war er schon ein leidender Mann. Aber noch
flammte in seiner Seele das alte Gottesfeuer, noch war in ihm das
jugendliche Temperament des Gottesstreiters rege, noch glaubte er, Herr über
die Schwäche zu werden, die ihn gemahnte, sich die verdiente Ruhe zu gönnen.
Es war ein Erweis seines lebendigen Idealismus, dass er damals der
Oberkirchenbehörde in allem Ernste den Vorschlag unterbreitete, ihm, da er
nicht mehr volle Arbeit leisten könne, nur die halben Bezüge zu gewähren,
ihn aber im geliebten Amte zu belassen. Sein Anerbieten konnte natürlich
nicht angenommen werden, aber er setzte es doch durch, dass er noch im
Ruhestande auf Wunsch seiner Gemeindegenossen rabbinische Funktionen ausüben
durfte. Nun ist der Unermüdliche, der Greis mit dem Kinderherzen und dem nie
erlöschenden Jugendfeuer nach kurzem Krankenlager im gesegneten Alter von 86
Jahren und zwei Monaten aus dem Leben gegangen, und am Sonntag, den 8. März,
trug man seine sterblichen Reste von der heiligen Stätte seiner Wirksamkeit
zur letzten Ruhe.
Noch einmal, zum letzten Male, stand die rührend schlichte
Patriarchengestalt des ehrwürdigen Mannes vor seiner Gemeinde, und öffnete
nach dem alten Glauben seine Lippen, um zu ihr zu sprechen. Noch einmal
scharten sie sich um ihn, denen er so oft im Leben im Namen der Religion
heilige Mahnung, segnende Worte, tröstende Weisheit gespendet hat. Noch
einmal huldigte ihm die Dankbarkeit der Vielen, denen er Herzensgüte,
Nächstenliebe, Freundschaft über das Alltagsmaß hinaus erwiesen hat.
Was diesen schlichten Mann aus der Masse heraushob, war die Überzeugung
aller, dass er so lebte, wie er lehrte, ....
" |
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Artikel in der "Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. März 1931: |
Gedenkblätter - Publikation zum Gedenken an Rabbiner Dr. Leopold Treitel
(1931)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Juni 1931: |
Ein Bild von Rabbiner Dr. Leopold Treitel kommt ins Städtische Heimatmuseum
(1931)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. August 1931: |
Zum ersten Jahrzeittage des verstorbenen Rabbiners Dr. Leopold Treitel
(1932)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Februar 1932: |
Gedächtnisgottesdienst anlässlich des ersten Jahrzeittages für Rabbiner Dr.
Leopold Treitel (1932)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. März 1932: |
Berichte
zu den jüdischen Lehrern und weiteren Kultusbeamten der Gemeinde
Oberlehrer Simon Tannenbaum tritt in den Ruhestand
(1862)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 26. August
1862: |
Großzügige Bezahlung des jüdischen Hauptlehrers
(1865)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 22. November
1865: |
Ergänzungswahl des Gemeinderates - ein neues israelitisches Schulhaus soll
gebaut werden (1868)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Januar
1868: |
Ausarbeitung eines Normallehrplanes für die württembergischen Volksschulen unter
Beteiligung von Oberlehrer Elsässer (1868)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Mai
1868: |
Einweihung des neuen jüdischen Schulhauses - Rückblick auf die Verabschiedung
von Lehrer Pressburger und Stellenantritt von Lehrer Henle
(1868)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 23. Dezember
1868: "Laupheim, den 25. Kislew. Im Laufe des verflossenen Sommers
hat die hiesige israelitische Gemeinde ein neues Schulhaus, schön,
geschmackvoll und groß, wie kein zweites in der Württembergischen Judenheit
zu treffen sein wird, erbauen lassen.
Dasselbe steht jetzt, eine Zierde Laupheims, vollendet da, wurde gestern von
Herrn Lehrer Elsässer bezogen und am gestrigen Abend von der hiesigen
talmudkundigen Welt nebst dem auf Besuch hier anwesend gewesenen Rabbi
Maier Schnerr aus Metz, Sohn des berühmten חסיד ר' נתן שפירא aus Fürth,
welcher in Jerusalem gestorben, durch Lernen von תורה משנה וגמרא (Tora,
Mischna und Gemara) eingeweiht.
Auch die Schuljugend wird in wenigen Tagen ihre neuen Lokalitäten ohne alles
Gepränge beziehen, da die Einweihung auf den Frühling verlegt wird.
Möge in diesem neuangelegten Jugendgarten der tausendjährige Baum des
Lebens, die alte Tora, Wurzel fassen, wachsen und gedeihen; möge die Sprache
dieser Tora, das Hebräische fortan fleißig, gründlich und pünktlich gelehrt
werden; möge "ש"ת", der seit einiger Zeit in unserer Talmudthoraschule den
גרוש bekommen, durch die Gnade des Lehrers wieder in der neuen Schule
Aufnahme finden und möge die verpestete Luft der Irreligiosität, die leider
dahier schon so wehe getan, nie und nimmermehr in die gesunden Räume dieses
Neubaues eindringen, auf dass die reinen, unschuldigen Seelen unserer Kinder
nimmermehr vergiftet werden.
Doch uns banget es, uns beschleicht eine düstere Ahnung, denn wo das Leben
mit der Lehre in so gellem Widerspruch steht, wie hier, was lässt sich da
erwarten? wo die Kinder beim Tora-Unterricht mit entblößten Häuptern sitzen
müssen, wo sie Dutzende und aber Dutzende vor ihren Augen sich rasieren
sehen, wo sie nicht einmal wissen, was ein עירוב (Eruv) ist, denn wir
haben über ein Decennium keinen mehr, und wo überhaupt der שבת (Schabbat)
auf hunderterlei Weisen vor den Augen der Kinder entweiht wird, so dass man
mit Lambert sagen kann: point de samedi, point de juif 'kein Sabbat, kein
Jude,' was lässt sich da noch hoffen?
Einem unserer Lehrer, Herrn Preßburger, war es nicht gegönnt, seine
Schüler-Abteilung in die neue Schule einzuführen.
Vor ungefähr sechs Wochen wurde ihm die Lehrerstelle in
Mühringen übertragen und so gern er
auch hier geblieben wäre, musste er bon gré mal gré Laupheim verlassen.
Vor seinem Wegzuge veranstaltete der Gesangverein Frohsinn, dessen Mitglied
er war, ihm zu Ehren eine solenne Abschiedsfeier im Gasthof zum Kronprinzen
und da auch hiezu sämtliche Gemeindemitglieder geladen waren, war auch die
Beteiligung eine großartige. Der Vorstand des Vereins, Herr Dr.
Rödelheimer, hielt eine sehr passende Anrede und verehrte dem
scheidenden Freunde im Namen des Vereins eine sehr schöne Mappe und
die Ehrenmitgliedschaft. Nachdem Herr Preßburger kurz und gut
gedankt, wurden mehrere liebliche Gesangsstücke, darunter auch das
(Esslinger Preislied, siehe "Israelit" Nr. 33) vorgetragen.
Unter den verschiedenen Toasten verdient besonders der poetische des
Herrn Rabbiner Wälder rühmliche Erwähnung.
An Stelle des Herrn Pr. bekamen wir Anfangs einen christlichen Gehilfen, der
später durch Herrn Henle, einen 18jährigen Jüngling, abgelöst wurde.
Herr Henle ist ein vorzüglicher Musiker und unser Gesangverein mag sich
daher einer trefflichen Nachzucht erfreuen.
Aus Anlass dieses Schulhausbaues kam die israelitisches Oberkirchenbehörde
in die Lage, eine שאלה zu 'passkenen.' In einer Nische sollte nämlich die
Büste Mendelssohns aufgestellt werden. Herr Rabbiner Wälder, ein religiöses
Bedenken tragend, protestierte dagegen und berichtete an die
Oberkirchenbehörde. Diese sich stützend auf Schulchan Aruch Jore deah kap.
141 § 7, erklärt die Einwendung des Rabbinen für unbegründet und die
Aufstellung der Büste für erlaubt. (Anmerkung: Die Einwendung des
Rabbinen ist vollkommen gerechtfertigt, da viele גדולי פוסקים die Sache als
nicht erlaubt angesehen wissen wollen oder sie doch widerrathen (תשב"ץ,
מהרי"ק, ש"ך, כנסת הגדולה, פתחי תשובה).
Wenn wir diesen Fall der Öffentlichkeit übergeben, so wolle man uns nicht
beschuldigen, als ob wir das חניפות und קיאות diese Behörde ausposaunen
wollten; nein das ist im Entferntesten unsere Absicht nicht, wir wollen
vielmehr bloß konstatieren, wie inkonsequent sie auf religiösem Boden
manövriert. Hier wo der Schulchan Aruch die Aufstellung der Büste gestattet,
bedient man sich seiner, als Autorität, aber wo er z.B. verlangt, dass man
an מ' באב auf der Erde sitzen soll, da macht man Opposition gegen ihn.
O! Du gebenedeites Stuttgart, unser Jerusalem!" |
Prüfungskonzert der Musikschüler von Lehrer Moritz Henle
(1872)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. Februar
1872: |
Ausschreibung
der Stelle des Kantors (1874)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 22. Dezember
1874: "Bewerber Aufruf.
Die Stelle eines Kantors ist in hiesiger Gemeinde zu besetzen. Derselbe
muss musikalische Kenntnisse, eine gute Singstimme und die Fähigkeit
besitzen, den Synagogenchor zu leiten und die Gesänge einzuüben. Auch
hat derselbe vorerst den Religions- beziehungsweise hebräischen
Unterricht in der untern Schulbildung in acht wöchentlichen Stunden zu
erteilen. Als fixer Gehalt wird 600-800 fl. in Aussicht gestellt. Auch
darf mit Sicherheit auf bedeutendes Nebeneinkommen durch Erteilung von
Privatunterricht in Musik, und in hebräischer und deutscher Sprache
gerechnet werden. Bewerber werden eingeladen, ihre Meldungen unter
Anschluss entsprechender Zeugnisse portofrei zu richten an
das israelitische Kirchenvorsteheramt. Laupheim (Württemberg), im
Dezember 1874." |
Unzufriedenheit mit der Qualität des Schächtens durch Vorsänger Einstein
(1875)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. Februar
1875: |
Gedächtnisfeier für den verstorbenen Lehrer Simon Tannenbaum
(1877)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 22. Mai
1877: |
Ausschreibung
der Stelle des Kantors und Schochet (1880)
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 20. Januar 1880: |
Ausschreibung der Vorbeterstelle (1883)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. November
1883: |
Die jüdische Gemeinde hat mit dem russischen Kantor Wiadovski einen orthodoxen Kantor
angestellt, was einige Probleme bereitet (1884)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Mai
1884: "Laupheim. Vor 3 Monaten hat das hiesige neologe
Kirchenvorsteheramt einen jungen, streng altgläubigen Russen Namens
Wiadovski, als Kantor engagiert; diese Akquisition wurde vielseitig aufs
wohlgefälligste aufgenommen; jetzt haben wir doch wenigstens eine
Persönlichkeit, an die man sich in religiösen Angelegenheiten vertrauensvoll
wenden kann.
Anfangs war man auch des Glaubens, dass die Herren Mitglieder des
Vorsteheramts auf ihre Wahl hin, um mit ihrem Gewählten nicht allzusehr zu
kontrastiren, eine etwas konservativere Richtung einschlagen werden, doch
dieser Glaube war Aberglaube, denn von einer Umkehr wollen die Herren nichts
wissen. Nach wie vor erteilt Herr Rabbiner Kahn, ראש des Vorsteheramts und
ראש הקהל, den hebräischen Unterricht in den Schulen בגלוי ראש; nimmt von
seiner כהונה nur das חלק כראש in Anspruch und zwar dahin, dass er bei
Beerdigungen die ersten 3 Schaufeln Erde auf den ארון ins Grab wirft, in
allem Uebrigen aber lässt er nach wie vor, die כהונה über Bord geworfen
sein.
Dass Herr Wiadovski ein streng religiös lebender Mann ist, hat seine
Richtigkeit, doch eine Handlungsweise harmoniert nicht recht damit. Nachdem
er ein paar Wochen hier war, hat er sich als Mitglied des Gesangvereins
'Frohsinn', dessen meisten Mitglieder jüdisches Leben, jüdische Sitten und
Gebräuche als fünftes Rad am Wagen betrachten, aufnehmen lassen. Der
Synagogenchor rekrutiert sich vom 'Frohsinn' und allsabbatlich wird ihm von
einem ausgezeichnet tüchtigen, christlichen Musiklehrer jüdischer
Gesangunterricht erteilt. Herr Wiadovski sitzt bei dieser Gelegenheit im
Kreise jüdischer Reformhelden, die ungeniert ihre Zigarren neben ihm
rauchen. Er wurde diesbezüglich schon in der 'Laupheimer Zeitung'
interpelliert, ohne jedoch Notiz davon zu nehmen.
Einem solchen מושב חטאים ורעים anzuwohnen, paßt sich für einen rechten
Orthodoxen nicht; der wird und muss sprechen:
בסודם אל תבא נפשי
ובקהלם אל תחד כבודי." |
- Anmerkungen zu einzelnen Begriffen:
- ראש (Rosch): 'Haupt' oder 'Oberhaupt'. Der Text nennt Rabbiner Kahn
ironisch das 'Haupt des Vorsteheramts'.
- ראש הקהל (Rosch ha-Kahal): 'Gemeindeoberhaupt' oder 'Gemeindevorsteher'.
בגלוי ראש (Be-galui rosch): 'mit entblößtem Haupt' (also ohne
Kopfbedeckung/Kippa). Der orthodoxe Schreiber kritisiert hier scharf, dass
Rabbiner Kahn den hebräischen Schulunterricht barhäuptig erteilte, was nach
orthodoxem Verständnis ein schwerer Bruch mit der Tradition war.
כהונה (Kehuna): Das 'Priesteramt' bzw. die Würde eines Priesters (Kohen).
- חלק כראש (Chelek ke-rosch): Bedeutet wörtlich 'einen Anteil wie das Haupt'
(eine Anspielung auf die Vorrechte eines Priesters). Der Text kritisiert,
dass Rabbiner Kahn von seinen priesterlichen Pflichten und Würden fast
nichts mehr wissen wolle und nur noch symbolisch das Recht beanspruche, bei
Beerdigungen die ersten drei Schaufeln Erde auf den ארון (Aron) – den Sarg –
zu werfen.
- מושב חטאים ורעים (Moschav chata'im v'ra'im): Frei übersetzt: 'Sitzkreis
von Sündern und Bösen'. Dies ist eine drastische, polemische Abwandlung des
ersten Psalms (Psalm 1), wo vor dem 'Kreis der Spötter' gewarnt wird. Der
Autor meint damit die reformorientierten jüdischen Mitglieder des
Gesangvereins, die am heiligen Sabbat rauchten.
Das zweizeilige Gedicht am Ende des Textes ist ein direktes Bibelzitat aus
dem Buch Genesis (1. Mose 49,6) aus den Abschiedsworten Jakobs. Der
Verfasser fordert, dass ein wahrer Orthodoxer sich so von den Reformern
distanzieren müsste: בסודם אל תבא נפשי (Be-sodam al tavo nafshi)
ובקהלם אל תחד כבודי. (U-v'kehalarn al tichad k'vodi)
Übersetzung: 'In ihren Geheimbund trete meine Seele nicht ein, und
ihrer Versammlung schließe sich meine Ehre nicht an.''
|
Oberlehrer Alexander Elsässer erhält die goldene Verdienstmedaille
(1887)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. April
1887: "Man schreibt uns aus Württemberg, den 4. April: Dem
Nestor der aktiven israelitischen Lehrer Württembergs, dem durch seine
Dichtungen und schriftstellerischen Arbeiten auf jüdischem Gebiete
allgemein bekannten und geachteten Oberlehrer Alexander Elsäßer
in Laupheim hat das Königliche Ministerium des Kirchen- und
Schulwesens die goldene Verdienstmedaille verliehen." |
Ausschreibung der Vorbeterstelle (1888)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 19. Januar
1888: |
Oberlehrer Alexander Elsässer verabschiedet sich von seiner Gemeinde
(1887)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 12. Mai
1887: "Laupheim (Württemberg). 24. April (1887). Gestern
verabschiedete sich auf der Kanzel der Synagoge Herr Oberlehrer
Alexander Elsäßer von der hiesigen israelitischen Gemeinde mit einer
Ansprache, der er die Textesworte 1. Samuel 20 zu Grund legte: 'Jonathan
sprach zu David: Morgen ist Neumond; da wird man dich vermissen, denn
deine Stelle ist leer.' Am Nachmittag versammelten sich sämtliche Lehrer
zur weltlichen Abschiedsfeier des nach fünfzigjähriger Dienstzeit
pensionierten Oberlehrers. In gehobener Rede feierte der hochwürdige Herr
Schulinspektor Dr. Sauter von hier die Amtstätigkeit des verdienten
Jubilars, welcher höchlich gerührt dankte und in einem gelungenen Vortrag
die jetzigen Schulverhältnisse der hiesigen israelitischen Gemeinde im
Vergleich mit der Vergangenheit schilderte. Im Jahre 1817 wurde die erste
israelitische Schule hier gegründet, an der Elsäßer seit 1862 tätig
war." |
Zum Tod des Oberlehrers i.R. Alexander Elsässer (1893 in Crailsheim)
Anmerkung: Lehrer Alexander Elsässer ist am 21. Dezember 1817 in Freudental
geboren. Er ließ sich von 1835 bis 1838 am Lehrerseminar
in Esslingen ausbilden und war anschließend als Lehrer tätig: von 1837 bis
1839 in Korb, 1839 bis 1840 in Lehrensteinsfeld,
1841 bis 1852 in Oberdorf, 1852 bis 1863 in Jebenhausen,
1863 bis 1880 in Laupheim. Alexander Elsässer wurde im jüdischen
Friedhof Crailsheim beigesetzt.
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9.
Februar 1893: "Stuttgart. In Crailsheim starb dieser
Tage der in den weitesten Kreisen bekannte pensionierte Oberlehrer
Alexander Elsässer, früher in Laupheim. Derselbe war ein wissenschaftlich
und talmudisch gebildeter Herr mit außerordentlicher pädagogischer
Begabung. Er war in früheren Jahren schriftstellerisch sehr tätig und
für seine bedeutenden pädagogischen Leistungen von der Oberschulbehörde
öfters belobt worden." |
Zum Tod von Lehrer/Kaufmann Wolf Stern (1890)
Anmerkung: Wolf Löw Stern ist am 24. August 1809 in
Michelbach a.d.L. als Sohn des
Handelsmannes Löb Stern und geboren. Er studierte an der Jeschiwah in
Fürth und schloss mit dem Chawer-Diplom ab,
danach am Lehrerseminar in Esslingen von 1829
bis 1832. Anschließend war er Lehrer in
Braunsbach (bis 1834) und in Hegenheim im
Elsass (bis 1837). Er war seit 15. Oktober 1839 in Laupheim verheiratet mit
Eva geb. Kaufmann, eine Tochter von Rabbiner Jacob Kaufmann in Laupheim. Die
beiden hatten 14 zwischen 1840 und 1855 geborene Kinder, von denen mehrere früh
verstorben sind. Wolf Stern starb am 29. Dezember 1889 in Laupheim, seine Frau
Eva ist bereits am 27. Mai 1869 gestorben.
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Januar
1890: "Laupheim, den 1. Januar. Am sechsten Tage des
Chanukkafestes wurde Herr Wolf Stern ז"ל, im Alter von 81 Jahren, in
früheren Jahren ein eifriger Berichterstatter des 'Israelit', aus diesem
Leben abberufen. Derselbe war in
Michelbach a. d. L. geboren und wurde von seinen frommen Eltern in
seinem fünfzehnten Lebensjahre nach Fürth
auf die Jeschibah geschickt, wo er unter der Leitung des Rabbi Josua
Moses Falkenau ז"ל und des berühmten Rabbi Wolf Hamburger ז"ל
fleißig dem Talmudstudium oblag. Nach dreijährigem Aufenthalte in Fürth, wo
er von seinen Lehrern das Chaber-Diplom erhielt, bezog der Verewigte das
königliche Schullehrerseminar zu Esslingen. Er wurde bald ein
Lieblingsschüler des damaligen Rektors in der genannten Anstalt, des
berühmten Pädagogen Denzel, und bestand nach vollendetem dreijährigen
Kursus die Staatsprüfung auf das glänzendste. Er wurde als Lehrer in der
israelitischen Gemeinde zu Braunsbach
angestellt, wo er zwei Jahre lang segensreich wirkte. Dann folgte er einem
ehrenvollen Rufe nach Hegenheim im Elsass,
wo er bis zum Jahre 1837 als erster Lehrer fungierte. Von Sehnsucht nach der
Heimat ergriffen, legte er seine Stelle nieder und kehrte nach Württemberg
zurück. Da hier jedoch die besseren Stellen alle besetzt waren, so
entschloss sich der Verewigte, aus dem Lehrerstande auszuscheiden und
Kaufmann zu werden. Er hatte sich inzwischen mit der einzigen Tochter seines
ehemali- |
gen
Lehrers, des Rabbiners Jakob Kaufmann ז"ל (seligen Andenkens)
zu Laupheim, verlobt und etablierte sich deshalb am hiesigen Orte.
Damals herrschte noch der Zunftzwang, und Rabbi Wolf Stern musste
sich bei der Handlungsinnung zu Ulm einer
kaufmännischen Prüfung unterziehen, die er glänzend bestand. Seinem
Schwiegervater wurde er ein getreuer Gehilfe sowohl im Studium als auch in
der Amtsführung. Zu jener Zeit suchte die so genannte Reform das echte und
unverfälschte Judentum zu verdrängen. Auch in Laupheim gewannen die
Reformer das Übergewicht und brachten es dahin, dass der orthodoxe
Rabbiner Jakob Kaufmann pensioniert wurde. Den Ausschreitungen der
Reformer trat Rabbi Wolf Stern mit großer Energie entgegen und
vielfach gelang es ihm, dieselben zu verhüten. Zugleich sorgte er für den
religiösen Unterricht der Jugend, der von Seiten der dazu Berufenen arg
vernachlässigt wurde. Er veranlasste Herrn Hirsch Maier s. A. von
hier zur Stiftung eines Kapitals, aus dessen Zinsen dieser Unterricht
honoriert wird; auch hielt er an jedem Sabbat Vorträge im Talmud-Tora-Verein.
— Ältere Leser des 'Israelit' werden sich noch erinnern, mit welcher Schärfe
der Verewigte dem unjüdischen Gebaren in unserem Orte stets entgegentrat und
wie vielfachen Anfeindungen er in Folge dessen ausgesetzt war. Er kämpfte
jedoch niemals gegen Personen, sondern nur für die Sache. Er war trotz aller
Polemik eine hoch geachtete und beliebte Persönlichkeit. Oft wurde er bei
Streitigkeiten zum Schiedsrichter erwählt, wozu ihn sein edler Charakter,
sein scharfer Verstand und seine große Gesetzeskunde besonders befähigten.
Bis in die letzten Wochen war er körperlich rüstig und geistig frisch; dann
übermannte ihn die Altersschwäche, der er bald erliegen sollte. — Das
Andenken des Gerechten sei gesegnet für alle Zeiten!" |
Berufung
von Kantor Emil Dworzan nach Laupheim (1890)
Anmerkung: Kantor Emil Elias Dworzan (1856-1931) war von 1890 bis 1931 Kantor
in der jüdischen Gemeinde Laupheim. In dieser Zeit hatte er den gemischten Chor
"Frohsinn" gegründet. Er war verheiratet mit Rosa geb. Schloß
(1860-1932). Ein Sohn war der Arzt Dr. Max Dworzan (1892-1929, beigesetzt im
jüdischen Teil des Pragfriedhofes in Stuttgart), eine Tochter Alwine verh.
Orson (1896-1961). Das Grab von Kantor Emil Dworzan und seiner Frau ist im
jüdischen Friedhof Laupheim. Link.
Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 23. Oktober 1890: "Der Kantor E. Dworzan, bisher beim
'Verein der wohltätigen Freunde' in Posen angestellt, ist als Vorsänger
und Chordirigent nach Laupheim (Württemberg) berufen
worden." |
Kompositionen von Kantor Emil Dworzan und Kapellmeister Später werden
veröffentlicht (1904)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 8. Januar 1904: "Vor kurzem
erschien im Musikverlag von Aug. Klaiber in Laupheim (Württemberg) eine 'Keduschah'
in vier Abteilungen für eine Singstimme mit Begleitung der Orgel, eine
Komposition, die es verdient, in dieser Zeitung registriert zu werden. Die
Zahl von wirklich guten, musikalisch wertvollen Keduschoth ist nicht allzu
groß; um so dankenswerter ist es von den zwei auch vorher schon um den
Synagogengesang verdient gewordenen Männern, dem Herrn Kantor E. Dworzan
und dem Herrn Kapellmeister R. Später in Laupheim dass sie
jene Zahl um eine gediegene Nummer vermehrt haben. Sämtliche vier Piecen
(Abteilungen) sind melodiös, einfach gehalten, auch ohne Begleitung
ergreifend; mit dieser erst recht wirkungsvoll. Die Lage, in der sich die
Gesänge bewegen, dürfte für die meisten Kantoren eine recht geeignete, das
Eingreifen etwa vorhandener Synagogenchöre leicht durchführbar sein. Das
Ganze kann füglich als eine glückliche Verbindung traditioneller Weisen mit
moderner Musik genannt und darum gewiss dankbar aufgenommen werden. H." |
| |
Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums"
vom 11. Dezember 1903: |
Zum Tod von Lehrer Max Heymann (1908)
Artikel
im "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 18. Dezember
1908: |
25-jähriges Ortsjubiläum von Kantor Eil Dworzan
(1915)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 18. Juni
1915: "Laupheim (Württemberg), 11. Juni. Herr Kantor E.
Dworzan begeht am 22. d. M. das 25jährige Jubiläum als Kantor der
israelitischen Gemeinde in Laupheim. Der Jubilar ist unter den Kantoren eine
wohlbekannte und geachtete Persönlichkeit, nicht zum wenigsten durch seine
auch im Druck erschienenen Kompositionen (S’schomru, K’duscha und anderes).
Vor 25 Jahren von Posen nach Laupheim übergesiedelt, hat er es verstanden,
sich die Sympathie und Wertschätzung seiner Gemeinde in hohem Maße zu
erwerben und auch im weltlichen Musikleben sowohl als Gesanglehrer und
Dirigent wie auch als überaus geschmackvoller Sänger wohlverdiente
Anerkennung zu verschaffen. Seine beiden Söhne kämpfen fürs deutsche
Vaterland, und der älteste ist bereits im Besitz der württembergischen
Tapferkeitsmedaille und des Eisernen Kreuzes zweiter Klasse." |
70. Geburtstag von
Moritz Henle (in Hamburg, 1920)
Zum Verfasser des Artikels
https://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_Birnbaum
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. August 1920: "M.
Henle - Hamburg. Eine Ehrung zu seinem 70. Geburtstag.
Von Ed. Birnbaum (Königsberg i. Pr.).
Am 7. August feiert der Vorsitzende des Deutschen Kantorenverbandes, Herr
M. Henle in Hamburg, seinen 70. Geburtstag. Unter den vielen Kantoren
unserer Großgemeinden, die hier und da an die Öffentlichkeit getreten sind,
verdiente Henle, den seine Amtsgenossen von Ehren wegen an die Spitze
ihrer Vereinigung berufen haben, es längst, dem zeitgenössischen
Lesepublikum gegenüber in einer ausführlichen Charakteristik gewürdigt zu
werden, wenn dieses Publikum ein besseres Interesse an unserem
Synagogenwesen und an seinen Vertretern zu nehmen willenskräftig genug wäre.
Das Synagogenwesen im Sinne eines Kirchenwesens ist aber dem
Bewusstsein der Gegenwart so ziemlich entrückt. Geht man der Ursache nach,
warum selbst in Großgemeinden, wo doch die allgemeine Bildung und Kultur in
höchster Blüte steht, wo Kunst und Wissenschaft die größte Pflege finden, wo
Kunstgenuss in Akademien, in Musik-Gesellschaften, in Vereinen und Logen, in
Theatern und in Wohltätigkeitsvorstellungen zu den täglichen Darbietungen
gehört, dass selbst in solchen Gemeinden die Israeliten ihrem Synagogenwesen
so fremd gegenüberstehen, so ist man geneigt, den Grund in dem Umstand zu
suchen, dass sie seit mehr als zwei Generationen zu sehr ihren inneren
gemeindepolitischen Kämpfen ausgesetzt waren. Das musste zur Verflachung auf
Kosten der Vertiefung führen. Das innere Wesen des Synagogenlebens, das
Seelenleben der Gemeinden, von Geschlecht zu Geschlecht hin und her
geworfen, musste nach und nach verblühen, erkalten. Man hat über das ewige
Herbeischaffen von Arzneimitteln zur Kräftigung dieses Lebens den Pulsschlag
vergessen. Ich spreche nur vom Synagogenwesen im Sinne eines Kirchenwesens.
Wer kennt noch Verfassung und Gesetz, wer die überlieferten Einrichtungen
des Synagogenwesens? Die jüngere Generation der Gegenwart kennt sich kaum im
Gotteshaus aus, das sie nur noch an Festtagen zu besuchen geneigt oder in
der Lage ist. Was sind Riten? Was sind Selichot, was Jozerot,
Hoschanot, Kinnot ? Sie weiß es nicht. Wohl kennt sie den öffentlichen
Lokalgottesdienst ihrer Gemeinde mit seinen Gebeten, die sie in der
Ursprache kaum versteht; sie weiß, dass hinter dem Vorhang die Torarollen
stehen, die manchmal herausgehoben werden, und kennt das Gebetbuch, das man
ihr in die Hand gegeben. Was aus der Tora vorgelesen wird, sie weiß es
nicht, und was dieses Gebetbuch enthält, lässt sie ziemlich kalt. Von einer
tiefen Andacht und Seelenstimmung, von einer Zerknirschung der Seele, von
einer wahren Freude an Gott, von einer Festesfreude oder wirklichen
Andachtserhebung, wie sie unsere Vorfahren kannten, kann nicht die Rede
sein. Spricht man erst von dem Synagogenlied im Sinne eines Kirchenliedes
oder von traditionellen Synagogenmelodien, so erinnert sich diese
Generation des Kol Nidre, des Solachti, der Chanukkamelodie — und sie ist
mit ihrer Wissenschaft zu Ende. Und doch haben wir bis in die neueste Zeit
hinein hochverdiente Männer, Sänger und Musiker gehabt, die ihr ganzes
Dichten und Trachten in den Dienst der Synagoge gestellt haben — 'Knechte
Gottes, die da stehen in dem Hause des Herrn in den Nächten". Zu diesen
verdienten Männern gehört in ganz hervorragendem Maße unser lieber, altverehrter Freund und Jubilar, dem ein gnädiges Geschick noch viele Jahre
körperlicher und geistiger Frische schenken möge!
Seit mehr als 40 Jahren mit ihm freundschaftlich verbunden, haben wir in
lebhaftem Gedankenaustausch über Synagogenmusik und ihre Geschichte
miteinander gestanden, wobei ich, hauptsächlich in Bezug auf die von Hamburg
ausgegangenen Reformbewegungen, stets der Empfangende
gewesen bin. Beim Durchlaufen dieser Korrespondenz stoße ich auf die Namen
der Hamburger Synagogenkomponisten: Methfessel, Stöwing, Schicht,
Meyerbeer, Bethuel, Demuth (bereits in dieser Zeitung, 1837, S.
174, erwähnt). Schwenke, Schinck, Hamel, Dr. Piza (Nachruf im 'Jüdischen
Kantor', 1879, S. 70) u.v.a., aber auch auf Kränkungen, die ihm nicht
erspart geblieben. Auch er musste sich der Sentenz: לעולם יהיה אדם מן
הנרדפים Immer sei der Mensch unter den Verfolgten, unterwerfen, wobei ich
mich des Midrasch Cipho erinnern musste: נוח לעלות לבימה משדת לרדת. Es ist
leichter zur Bima hinauf- als von ihr hinabzusteigen.
Anlässlich einer Danksagung für eine Komposition, die ich ihm gewidmet habe,
teilte er mir auf ausgesprochenen Wunsch einige biographische Notizen über
sich selbst mit, die hier folgen mögen. Sie lauten:
'Geboren 1850 in Laupheim (Württemberg), war ich bestimmt, Musiker
(Violinspieler) zu werden. Zu diesem Zweck besuchte ich von 1862 bis 1864
das Stuttgarter Konservatorium. Äußere Umstände ließen diesen Plan nicht
zur Reife gelangen. Um meine erworbenen musikalischen Kenntnisse verwerten
zu können, entschloß ich mich zum Lehrfach. Von 1864 bis 1868 absolvierte
ich das Esslinger Lehrerseminar, wo ich
mich durch Privatunterricht in Musik weiterbildete. Als Lehrer (Jüdische
Volksschule) fungierte ich alsdann ein halbes Jahr in
Talheim bei Heilbronn, vier Jahre in
meinem Geburtsort Laupheim, wo ich zugleich Kantor war. Im Jahre 1873
besuchte ich noch einmal das Konservatorium in Stuttgart, wo ich
hauptsächlich Gesang und Komposition studierte. Von 1873 bis 1879 war ich in
Ulm als Kantor und Musiklehrer tätig und
bin seit August 1879 in Hamburg.'
Auch als Komponist von Synagogensachen hat sich Henle aufs schönste
betätigt, deren bibliographisches Verzeichnis gar zu weit führen würde.
Ebenso wären seine Gedanken über 'Trivialitäten" in der neuesten
Synagogenkomposition — wobei er vor den gefeiertesten Namen nicht
zurückschrickt — der Veröffentlichung wert, aber für welches 'Publikum'?
Was Henle für den Kantorenverband geleistet, wird wohl in dem offiziellen
Organ desselben zu lesen sein. Für mich und für diejenigen, die Henle
persönlich kennen und sich als seine aufrichtigen Freunde bekennen, ist Henle eine treue Seele, ein ganzer Charakter, ein deutscher Mann vom
Scheitel bis zur Sohle, der sich für 'sein" Hamburg und 'seine"
Tempelgemeinde für ewige Zeiten ein Denkmal gesetzt hat in der 'Festschrift' zum hundertjährigen Bestehen des Israelitischen Tempels in
Hamburg, herausgegeben von seinem verehrten Rabbiner und Freunde Dr. D.
Leimdörfer. (Hamburg 1918, Verlag von M. J. — צלח ורכב עד מאה שנה!)" |
Anmerkungen: hebräische Zitate: 1) (Mitte
der linken Spalte): לעולם יהיה אדם מן הנרדפים Übersetzung: 'Immer sei
der Mensch unter den Verfolgten...'
Hintergrund: Dies ist der Beginn eines bekannten talmudischen Prinzips (aus
dem Traktat Baba Kamma 93a), das vollständig lautet: 'Immer sei der Mensch
lieber unter den Verfolgten als unter den Verfolgern.' Birnbaum nutzt es
hier als Trost für Henle, der in seiner Karriere offenbar viele Kränkungen
und Widerstände ('gemeindepolitische Kämpfe') erfahren musste.
- 2) (Mitte der linken Spalte, direkt folgend): נוח לעלות לבימה משדת לרדת
Übersetzung: 'Es ist leichter, zur Bima hinaufzusteigen, als von ihr
hinabzusteigen.'
Hintergrund: Birnbaum verweist hier auf einen Midrasch. Die Bima ist das
erhöhte Podium in der Synagoge, von dem aus die Tora verlesen wird. Im
übertragenen Sinne bedeutet der Satz: Es ist leichter, in ein hohes,
Ehrenamt gewählt zu werden (wie Henle als Vorsitzender des
Kantorenverbandes), als die damit verbundenen Lasten, Konflikte und den
späteren, oft schmerzhaften Rückzug durchzustehen.
- Zitat 3 (Ganz am Ende des Artikels): צלח ורכב עד מאה שנה!
Übersetzung: 'Sei erfolgreich und reite voran [=habe Erfolg] bis zu
einhundert Jahren!'
Hintergrund: Ein traditioneller jüdischer Segenswunsch zum Geburtstag. Der
erste Teil ('צלח ורכב') stammt ursprünglich aus Psalm 45,5 (oft übersetzt
mit 'Zieh aus mit Glück' oder 'Stürme erfolgreich voran'). Gekoppelt mit dem
Wunsch, 100 Jahre alt zu werden, drückt Birnbaum damit seine tiefen
Segenswünsche für das weitere Leben des Jubilars aus.
|
Ehrung des Allgemeinen Deutschen Kantoren-Verbandes für Kantor Emil Dworzan - 70.
Geburtstag von Mathilde Löwenthal - 70. Geburtstag von Jeanette Rieser
(1927)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Februar 1927: |
70. Geburtstag von Oberlehrer a. D. Rosenberger
(1931)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. April
1931: |
| |
Artikel in der "Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. April 1931: |
Zum Tod von Kantor Emil Dworzan
(1931)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. November 1931: |
Religionsoberlehrer Wilhelm Kahn und seine Frau feiern Silberne Hochzeit
(1932)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. September 1932: "" |
Hauptlehrer
Sally Silbermann wechselt von Crailsheim nach Laupheim - Religionsoberlehrer
Wilhelm Kahn wechselt von Laupheim nach Crailsheim (1932)
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. November 1932: "Crailsheim.
Man schreibt uns: Am 1. November verlässt Hauptlehrer Sally Silbermann
seinen hiesigen Wirkungskreis, um denselben mit Laupheim zu
vertauschen. Sein Wegzug bedeutet für die Crailsheimer einen großen
Verlust. Silbermanns ausgezeichnete Eigenschaften als Pädagoge, Vorbeter
und Mensch sowie seine liebenswürdigen Umgangsformen sind es, die ihm die
Wertschätzung weiter Kreise verschafft haben. Mit Stolz übte er seinen
Lehrerberuf aus, kraftvoll vertrat er die Interessen seines Standes. Aber
nicht nur als Lehrer, sondern auch als Seelsorger erwarb sich Hauptlehrer
Silbermann große Verdienst. - Wo er auch immer wirkte - stets arbeitete
er mit vornehmster Gesinnung, aufrichtig und mannhaft zum Segen der
Gemeinde. Seine Verdienste bleiben hier
unvergessen." |
| |
Artikel in der "Gemeinde-Zeitung für die Israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Oktober 1932:
"Israelitischer Oberrat. Stuttgart, 11. Oktober 1932. Der Oberrat der
Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg hat mit ihrem
Einverständnis versetzt:
Religionsoberlehrer Kahn - Laupheim, als Religionslehrer nach Crailsheim;
Religionslehrer Silbermann - Crailsheim, als Lehrer an die
israelitische Privatschule Laupheim unter gleichzeitiger
Übertragung der Verrichtungen des Religionslehrers daselbst auf die Dauer
dieser Anstellung." |
Einführung des neuen Lehrers der Gemeinde Salli Silbermann
(1932)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 1. Dezember 1932: "Laupheim. Am 5.
November wurde der neue Lehrer der Gemeinde, Salli Silbermann, durch
Bezirksrabbiner Dr. Cohn, Ulm, eingeführt. Beim Freitagabend-Gottesdienst
hielt Dr. Cohn für die vollzählig erschienene Schuljugend eine weihevolle
Ansprache. In seiner Predigt beim Sabbat-Morgengottesdienst begrüßte Dr.
Cohn Lehrer Salli Silbermann mit herzlichen Worten und zeichnete die
Aufgaben des Lehrers als Führer der Gemeinde und ihrer Jugend. In Anlehnung
an den Wochenabschnitt hielt dann Silbermann eine Ansprache, in der er die
menschlichen Aufgaben und Pflichten umriß und Gottes Segen für seine Arbeit
erflehte. Mit einem Gebet für das Wohl der Gemeinde, ihrer Vertreter sowie
der Stadt- und Landesbehörden schloss die eindrucksvolle Feier." |
Referat von Lehrer Salli Silbermann zu einem Elternabend über "Unsere
Schule" (1934)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Mai 1934: "Laupheim. Im Rahmen eines
Elternabends sprach am 8. April Lehrer Silbermann über das Thema 'Unsere
Schule'. Der Redner erstattete einen ausführlichen Bericht über die
gegenwärtigen Forderungen des württembergischen Lehrplans für die jüdischen
Volksschulen und betonte, dass dieser Lehrplan in Anlehnung an die
Richtlinien der Reichsvertretung vollauf dazu angelegt sei, den Schülern ein
gediegenes Wissen zu vermitteln. Dieser Lehrplan könne aber nur dann zur
Ausführung gelangen, wenn die Volksschulen, und insbesondere die auf dem
Lande sowie in den kleinen Städten, nicht durch Abwanderung in höhere
Schulen ausgehöhlt würden. Gerade die oberen Klassen fehlten in den meisten
Landschulen, ohne dass hierfür heute noch ein vernünftiger Grund vorhanden
wäre. Für das jüdische Kind sei die jüdische Schule die Stätte, wo es seiner
Veranlagung gemäß wachsen und gedeihen könne. — An das Referat schloss sich
eine rege Aussprache an, an der sich sämtliche Mitglieder des Vorsteheramts
und die Eltern beteiligten." |
Zum Laubhüttenfest bauen die Schulkinder mit dem Lehrer eine Sukka
(1934)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Oktober 1934: "Laupheim. Zu aller
Freude hatten auch in diesem Jahre die Schulkinder mit ihrem Lehrer eine
Sukkah errichtet. Mit Kiddusch und gemeinsamem Segenspruch über Brot und
Sukkah wurde das Laubhüttenfest eingeleitet. In Gegenwart einer größeren
Anzahl von Gemeindemitgliedern schloss sich hieran ein Gespräch zwischen
Schülern und Lehrern über die Bedeutung des Sukkausfestes an, wobei sich die
Kinder am süßen Most laben durften. Gemeinsamer Aufenthalt in der Sukkah mit
Gesang und sonstiger Unterhaltung machten auch das diesjährige Fest wieder
zu einem eindrucksvollen Erlebnis für die Kinder." |
Elternabend der Jüdischen Schule mit Vortrag von Lehrer Salli Silbermann
(1935)
Artikel in der "Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden
Württembergs" vom 16. Februar 1935: "Laupheim. Am 28. Januar
veranstaltete die Jüdische Schule einen Elternabend, wozu das Vorsteheramt,
die Elternschaft, die Leiterinnen der Bastelstunden und der Vorstand der
Jugendgemeinschaft eingeladen waren. Hauptlehrer Silbermann sprach über das
Thema 'Durch Erziehung zum praktisch-idealen Menschen' und zeichnete in
seinem Vortrag den Wert handwerklicher Fähigkeit und Tätigkeit.
Der Redner betonte dann das Ziel solcher Arbeiten — Erziehung zur Kunst und
zum praktischen Menschen — und zeigte die hierzu dienenden Bestrebungen auf.
In der sich anschließenden Aussprache kam neben dem Dank an die Leiterinnen
der Bastelstunden allgemein der Wunsch zum Ausdruck, dass der
Bastelunterricht unter Mitwirkung Lehrer Silbermanns weiterhin erhalten
bleibt." |
Sonstiges
Über
das Portrait-Medaillon am jüdischen Schulhaus von dem aus Sontheim stammenden
jüdischen Bildhauer Albert Güldenstein (1886)
Artikel in
der 'Allgemeinen Zeitung des Judentums' vom 16. März 1886: "Vom
Neckar, im Februar (Neckar-Zeitung) [Kunstgeschichtliches.] Ein jüdischer
Bildhauer. In einem Bericht aus Laupheim
über die im Monat Januar dieses Jahres daselbst abgehaltene
Mendelssohn-Feier wird auch darauf hingewiesen, dass sich dessen
Portrait-Medaillon auf der östlichen Giebelseite des dortigen neuen
israelitischen Schulhauses vorfinde. Dieses gelungene Werk stammt aus den
Händen eines Künstlers, welcher am 3. Januar 1822 in Sontheim bei
Heilbronn geboren wurde. Sein Name ist Albert Güldenstein und sein
Aufenthaltsort schon seit 1849 Stuttgart. Er war zuerst Graveur in der
Bruckmann’schen Silberwarenfabrik. Nach mehreren Jahren begab er sich
als Ziseleur nach München in das Atelier des berühmten Professors
Schwanthaler daselbst, welcher ihn zur Ausführung von Bildhauerarbeiten
verwendete. 1843 kehrte Güldenstein nach Stuttgart zurück und
modellierte in der dortigen Kunstschule unter Professor Theodor von Wagner
ein Relief, eine Szene aus der Sintflut darstellend, was ihm ein
Staatsstipendium zu einer Reise nach Berlin verschaffte, die er zur
Bewerbung um den von Michael Beer für Bildhauer israelitischer Religion
behufs ihrer weiteren Ausbildung in Italien ausgesetzten Preis unternahm.
Er erhielt solchen im Jahr 1845 und trat 1847 die Reise nach Rom an. In
Italien vollendete er eine Tiergruppe, wozu er den Auftrag von König
Wilhelm erhalten hatte. Von seinen Arbeiten sind zu nennen: drei durch große
Naturwahrheit ausgezeichnete Tiergruppen für die Wilhelma bei Stuttgart,
(Hirsch, von Wölfen angefallen, Bären- und Schweinehatz), eine
Triumphfonthaine des Kaisers Napoleon III., Skulpturen der Kreditbank in Zürich
und der Figurenschmuck des Brunnens für die Villa des Kronprinzen bei
Berg-Cannstatt).
Anmerkung: Ein Bruder dieses Bildhauers war der verstorbene Rabbiner Güldenstein
in Buchau am Federsee, ein wahrhaft humaner und tüchtiger Seelsorger. Er
nahm an der Rabbinerversammlung zu Frankfurt am Main (1845) tätigen
Anteil. In unserer Erinnerung lebt er als unser erster Korrespondent, der
gleich nach Erscheinen des ersten Heftes unseres ‚Israelitischen
Predigt- und Schulmagazins’ einen begeisterten Brief an uns richtete. Er
studierte damals (1834) jüdische Theologie in Tübingen. Wie oft sprach
er seine Freude über die schönen Erfolge seines Bruders, des Bildhauers,
aus! Redaktion." |
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