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zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Jebenhausen (Stadt Göppingen,
Kreisstadt)
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts den Freiherren
von Liebenstein gehörenden Jebenhausen bestand eine jüdische Gemeinde bis
1899. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhundert zurück. 1777 wurden
die ersten 20 Familien am Ort aufgenommen wurden.
Die höchste Zahl jüdischer
Einwohner wurde um 1845 mit 550 Personen erreicht (über 46 Prozent der
Gesamteinwohnerschaft). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging die
Zahl durch Aus- und Abwanderung (insbesondere nach Göppingen
und Stuttgart) schnell zurück, sodass
1891 nur noch 52 und 1910 nur noch vier jüdische Einwohner in Jebenhausen gezählt
wurden.
Die jüdischen Familien betätigten sich vorzugsweise im Vieh- und
Pferdehandel (1863 noch 25 Viehhändler) sowie im Handel mit verschiedenen
Waren. Auch gab es in den 1830er- und 1840er-Jahren mehrere Fabriken
(Manufakturgeschäfte) in der Textilbranche.
Von 1778/79 bis 1868/74 war
Jebenhausen Sitz eines Rabbinats. Danach wurde es nach Göppingen verlegt.
Zur Geschichte des Betsaales/der Synagoge
Seit 1777 wurden die
Gottesdienste in einem einfachen Betsaal abgehalten. Dieser erwies sich
bald als zu klein. 1779 wird berichtet, dass inzwischen mehr Beter vor dem
Betraum stehen mussten, als innen Platz fanden.
1779 wurde eine erste Synagoge in der
Aichgasse erbaut. Bei der Finanzierung halfen auch andere Gemeinden mit. Die
beiden Vorsteher Abraham Sandel Lauchheimer und Beerle Weil hatten sich mit zwei
Sammelbüchern auf den Weg gemacht und kamen mit Spenden aus über 60 jüdischen
Gemeinden zurück. Die Zimmerleute Johannes Martin und Andreas Müller in Göppingen
fertigten die Pläne an und führten den Bau zusammen mit anderen Handwerkern
aus. Seit Herbst 1779 konnten die Gottesdienste in der Synagoge gefeiert werden.
Allerdings war diese erste Synagoge für die
um 1800 auf 40 jüdische Familien angewachsene Gemeinde schnell zu klein
geworden. Seit 1798 beschäftigten sich mehrere Gemeindeversammlungen mit dem
Bau eines größeren Gotteshauses. Im Juni 1800 konnte für 148 Gulden ein
geeignetes Grundstück am späteren Postplatz (Boller Straße 36, hier nach 1900
das Rathaus von Jebenhausen) zum Bau einer neuen Synagoge gekauft werden.
Da für den Neubau wiederum die bescheidenen Mittel der jüdischen Familien
nicht ausreichten, war erneut eine Kollekte nötig, die diesmal von Elias
Gutmann und Moses Faist Rosenheim durchgeführt wurde. Sie begaben sich von Frühjahr
1803 immer wieder auf Rundreisen zu jüdischen Gemeinden einer weiten Umgebung.
Da durch die Kollekte nur ein Teil der veranschlagten Gesamtkosten von 3130
Gulden erbracht werden konnten, mussten mehrere Darlehen aufgenommen werden.
1803 und 1804 wurde die Synagoge erbaut und wenige Tage vor den Hohen Feiertagen
im Herbst 1804 feierlich eingeweiht. Zeitgenossen rühmten die Synagoge als
einen sehr schönen und würdigen Bau. Die Inneneinrichtung im Betsaal selbst
bestand neben dem Toraschrein und einer tragbaren Kanzel zunächst aus den
damals üblichen beweglichen Betpulten (Ständer). 1841 sollten auf Anregung der
Israelitischen Oberkirchenbehörde statt der bisherigen Ständer einige Bänke
angeschafft werden. Damit wollte man "nicht nur Raum gewinnen, sondern auch
die Bildung eines Gesangs-Chores erleichtern". Dagegen wehrte sich jedoch
mit Erfolg eine Gruppe von Gemeindegliedern unter Anführung des Vorstehers
Hayum Bernheimer.
Eine umfassende Renovierung der Synagoge
wurde 1862 notwendig, die einen Gesamtaufwand von 7433 Gulden verursachte. Die
von Stadtbaumeister Schmohl aus Göppingen durchgeführten Baumaßnahmen
betrafen eine völlige Neugestaltung des Innen- und Außenbereiches. An Stelle
der bisherigen Pulte wurde ein neues Gestühl angefertigt, bestehend aus 38 Bänken
mit zusammen 248 Sitzplätzen, die teilweise Klappsitze waren. Rabbiner und
Vorbeter erhielten neue eichene Einzelsitze. Zur Innenausstattung trugen
zahlreiche Stiftungen von Gemeindegliedern und Vereinen bei. Zum wertvollsten
gehörten die von Gemeindevorsteher Daniel Rosenthal gestifteten fünf
Kronleuchter und zwei Kandelaber, die einen Wert von 600 Gulden hatten oder die
von Gemeindevorsteher Leopold Einstein gestifteten Vorhänge aus rotem Samt für
den Toraschrein und die Kanzeldecke im Wert von 200 Gulden. Am 20. Dezember 1862
konnte die Synagoge feierlich
eingeweiht werden. Rabbiner Herz hielt die Weiherede.
Nur wenige Jahrzehnte diente die Synagoge
Jebenhausens als Gotteshaus der Gemeinde. Im Laufe der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts verzogen fast alle der jüdischen Gemeindeglieder in die Städte,
insbesondere nach Göppingen. So musste bereits am 31. Dezember 1899 der letzte
Gottesdienst in der Synagoge gefeiert werden. Am 14. Januar 1900 erfolgte die Übergabe
des Vermögens der aufgelösten Gemeinde an die israelitische Kirchengemeinde Göppingen.
Dabei wurden unter anderem zehn Torarollen, der silberne Toraschmuck und weitere
kultische Einrichtungen übergeben. Das Gebäude der ehemaligen Synagoge wurde
zunächst noch als Lager einer jüdischen Firma verwendet, 1905 abgebrochen.
Aus
der Inneneinrichtung der Synagoge sind in der (alten) evangelischen Kirche (Boller
Straße 82) noch erhalten: zehn Bänke mit charakteristischen Läden, in denen
Gebetstücher und –bücher aufbewahrt wurden, sowie fünf Kronleuchter. 1905 hatte
die Gemeinde dies der evangelischen Kirche geschenkt. Diese Kirche dient
inzwischen als
Gedenkstätte mit
Museum für die jüdischen
Gemeinden Göppingen und Jebenhausen
Fotos
Historische Fotos / Plan:
(Quelle: Stadtarchiv Göppingen; Foto des Grundsteines: Jüdische Gotteshäuser und
Friedhöfe in Württemberg. 1932. S. 80; die Fotos sind verschiedentlich in den
Publikationen des Stadtarchives, insbesondere dem Reprint des Buches von Aron
Tänzer, publiziert worden)
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| Plan des
Synagogengrundstückes und der Umgebung: Schulhaus der israelitischen
Gemeinde und der dazugehörige Garten |
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| Die Synagoge in Jebenhausen um 1900 |
Innenaufnahme: Blick zum Toraschrein |
Grundstein der Synagoge Jebenhausen von 1804, nach Abbruch in die Synagoge
Göppingen verbracht |
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Toravorhang, gestiftet 1804 von Simon Faist Rosenheim und seiner Frau |
Leuchter aus der Synagoge Jebenhausen, jetzt in der (alten) evangelischen
Kirche |
Stickerei: Bord eines Toravorhanges |
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Der Abbruch der Synagoge 1905 |
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Fotos nach 1945/Gegenwart:
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Ein neueres Foto vom ehemaligen
Synagogenstandort wird noch erstellt |
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Text
Alexander Adelsheimer: Erinnerungen an meine Heimatgemeinde
Jebenhausen
(in: Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden in
Württemberg 4. Jahrgang Nr. 9 vom 1.8.1927 S. 294ff)
...Am Vorabend des Versöhnungstages, bei den Christen der "lange
Tag" genannt, versammelte sich ein großer Teil der christlichen
Dorfbewohner vor der Synagoge (in Jebenhausen) und im Vorraum, um sich den
seltsamen Gottesdienst anzusehen und zu hören: Störungen kamen dabei nicht
vor...
Neben dem Schulhaus, in dessen unterem Stockwerk die Unterklassen der
christlichen Schüler, im kleinen oberen Schulzimmer die weniger zahlreichen
jüdischen Kinder unterrichtet wurden, stand die Synagoge: ein schöner Bau, der
noch ums Jahr 1860 renoviert worden war. Geheimnisvoll prangte von der Decke der
blaue Sternenhimmel. Die vielfarbigen Fenster an der Ostwand hinter der heiligen
Lade wirkten auf das kindliche Gemüt wie etwas Überirdisches, wenn die Sonne
durch sie leuchtete und bunte Lichter auf den Fußboden und auf die Wände warf.
Herrlich geschmückt prangte am "Schowuos" (= Laubhüttenfest) unser
Gotteshaus im Schmuck hellgrüner Maien- und leuchtender Feldblumen. Dann war es
uns, als ob Wald und Feld ins Gotteshaus zu uns gekommen wären. Auch des
schönen Hängeleuchters mit seinem Kranz von Glasprismen muss ich noch
gedenken. Denn die letzteren bildeten das Ziel der Sehnsucht unseres
Kinderherzens. Wenn eines dieser "Glitzerle" einmal herabfiel, dann
begann ein Wettlauf, wer es zuerst erreicht; denn der glückliche Besitzer hob
es an die Augen und sah nun die Welt in allen Farben leuchten. ich will nicht
verraten, ob nicht im Laufe der Jahre manches "Glitzerle" seinen Platz
oben am Leuchter hat unfreiwillig verlassen müssen, um in einer Bubenhose zu
landen. Ich brauchte kein solches Sakrilegium auf mich zu laden, denn eines
Tages fand ich, als gerade die "Bernlöhren", die christliche
Dienerin, die Synagoge verlassen hatte, eine unverschlossene Truhe, in der unter
vielen Kerzenstumpen zahlreiche "Glitzerle" aufbewahrt waren.
Hinter der Synagoge breiteten sich Grasgärten aus, die zu einem sanft
fließenden Bach hinabführten. Wenn am Rosch-Haschonoh (= Neujahrstag) oder gar
am Jom Kippur (= Versöhnungstag) uns Kindern der Gottesdienst zu lang deuchte,
versammelten wir uns draußen und zogen gemeinsam die Wiesen hinab, dem Wasser
zu, bis die Klänge, die aus der Synagoge hervordrangen, uns wieder zu unserer
so leichtfertig vergessenen Pflicht und an die Seite des Vaters
zurückführten.
Neben dem Lehrer versah an den hohen Festtagen das Gemeindeglied Uri
Rosenheim mit mächtiger und klangvoller Stimme das Amt des Vorbeters. Er war
aber nicht der einzige Sangeskundige in der Gemeinde. Denn noch eine ganze
Anzahl der wenigen Gemeindemitglieder war sangeskundig und vor allem sangesfroh.
Dankbar gedenke ich meines alten Freundes "Divele" (David) Rohrbacher,
der mich, als ich während meiner Seminarzeit an den Hohen Feiertagen in einer
Gemeinde vorbeten sollte, aus der Verlegenheit riss und mich im alten
"Jebenhauser Chasones" unterwies. Es war eine sangeslustige Gemeinde,
dieses Jebenhausen; und wenn die Rosenheims und Rosenthals und Rohrbachers
zusammen sangen, klang dieser Gemeindegesang vielleicht voller und kräftiger
als heute mancher Synagogenchor.
Eines Sängers aus meinem alten Jebenhausen muss ich aber ganz besonders
gedenken, denn er war einer der größten Sänger der damaligen Zeit. Heinrich
Sontheim,, der "König der Tenöre" hat von Jebenhausen aus seine
Laufbahn angetreten, die ihn auf die Höhe des Künstlerruhmes führte. In
Jebenhausen hat dieser gottbegnadete Sänger mehr als einmal am Jom Kippur
vorgebetet und durch die Macht seiner Töne die Seele des Zuhörers erfasst...
Im letzten Jahrzehnt des Bestehens der Gemeinde Jebenhausen sank die Zahl der
Männer auf ein knappes Minjan herab. Das war schlimm; aber ein anderer Umstand
verschärfte die Lage noch. Denn da waren zwei Gemeindeglieder, die einst sich
entzweit hatten und nun in grimmiger Feindschaft lebten. Da kam es vor, dass
während des Gebets der eine, heißblütigere den Blick des Gegners auf sich
gerichtet sag und darum unter Protest die Synagoge verlassen wollte. Nur
gütlichem Zureden meines Vaters gelang es dann, den Erregten zu besänftigen
und das gestörte Minjan wieder herzustellen.
Immer kleiner war die Muttergemeinde Jebenhausen geworden, und die
Tochtergemeinde Göttingen wuchs und wurde stark und groß... Das Schicksal nahm
seinen Lauf. An einem Tag um die Wende des Jahrhunderts füllte sich noch einmal
die Synagoge in Jebenhausen mit Betern, die herbeigekommen waren, um dem letzten
Gottesdienst beizuwohnen. Dann war auch das vorüber. Die Synagoge wurde
abgebrochen, und nach 130jährigem Bestand hatte eine unserer besten
württembergischen Gemeinden geendet.
Links und Literatur
Links:
Literatur (Auswahl):
 | Paul Sauer: Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern.
1966. S. 82-84. |
 | Aaron Tänzer: Geschichte der
Juden in Jebenhausen und Göppingen. Berlin/Stuttgart/Leipzig 1927. Reprint und
zusätzliche Beiträge von Karl-Heinz Rueß über "Die Israelitische
Gemeinde Göppingen 1927-1945" und "Dr. Aron Tänzer - Leben und
Werk des Rabbiners" Weißenhorn 1988. |
 | Dieter Kauß: Juden in Jebenhausen und Göppingen 1777 bis
1945. (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Göppingen Band 16).
Göppingen 1981. |
 | Georg Munz/Walter Lang: Die Jebenhäuser Judengemeinde und ihre
Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Göppingen, in:
Geschichte regional. Quellen
und Texte aus dem Kreis Göppingen 2 (1982) S. 134-153. |
 | Stefan Rohrbacher: From Wuerttemberg to America: a 19th-century village on its way
to the New World. 1989. |
 | ders.: Die jüdische Landgemeinde im Umbruch der Zeit. 2000. |
 | Naftali Bar-Giora Bamberger: Die jüdischen Friedhöfe
Jebenhausen und Göppingen. 1990. |
 | Jüdisches Museum Göppingen in der
Alten Kirche Jebenhausen. (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Göppingen
Band 29). Weißenhorn 1992. |

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