Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Jebenhausen (Stadt Göppingen, Kreisstadt) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
   eine weitere Seite mit Texten zur jüdischen Geschichte Jebenhausens aus jüdischen Periodika des 19./20. Jahrhunderts wird derzeit erstellt 
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge   
Fotos / Darstellungen
Links und Literatur   

    

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde 

In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts den Freiherren von Liebenstein gehörenden Jebenhausen bestand eine jüdische Gemeinde bis 1899. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhundert zurück. 1777 wurden die ersten 20 Familien am Ort aufgenommen wurden. 
   
Die höchste Zahl jüdischer Einwohner wurde um 1845 mit 550 Personen erreicht (über 46 Prozent der Gesamteinwohnerschaft). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging die Zahl durch Aus- und Abwanderung (insbesondere nach Göppingen und Stuttgart) schnell zurück, sodass 1891 nur noch 52 und 1910 nur noch vier jüdische Einwohner in Jebenhausen gezählt wurden. 
    
Die jüdischen Familien betätigten sich vorzugsweise im Vieh- und Pferdehandel (1863 noch 25 Viehhändler) sowie im Handel mit verschiedenen Waren. Auch gab es in den 1830er- und 1840er-Jahren mehrere Fabriken (Manufakturgeschäfte) in der Textilbranche. 

Von 1778/79 bis 1868/74 war Jebenhausen Sitz eines Rabbinats. Danach wurde es nach Göppingen verlegt.
   
   
    

Zur Geschichte des Betsaales/der Synagoge 

Seit 1777 wurden die Gottesdienste in einem einfachen Betsaal abgehalten. Dieser erwies sich bald als zu klein. 1779 wird berichtet, dass inzwischen mehr Beter vor dem Betraum stehen mussten, als innen Platz fanden.  
       
1779 wurde eine erste Synagoge in der Aichgasse erbaut. Bei der Finanzierung halfen auch andere Gemeinden mit. Die beiden Vorsteher Abraham Sandel Lauchheimer und Beerle Weil hatten sich mit zwei Sammelbüchern auf den Weg gemacht und kamen mit Spenden aus über 60 jüdischen Gemeinden zurück. Die Zimmerleute Johannes Martin und Andreas Müller in Göppingen fertigten die Pläne an und führten den Bau zusammen mit anderen Handwerkern aus. Seit Herbst 1779 konnten die Gottesdienste in der Synagoge gefeiert werden.
       
Allerdings war diese erste Synagoge für die um 1800 auf 40 jüdische Familien angewachsene Gemeinde schnell zu klein geworden. Seit 1798 beschäftigten sich mehrere Gemeindeversammlungen mit dem Bau eines größeren Gotteshauses. Im Juni 1800 konnte für 148 Gulden ein geeignetes Grundstück am späteren Postplatz (Boller Straße 36, hier nach 1900 das Rathaus von Jebenhausen) zum Bau einer neuen Synagoge gekauft werden. Da für den Neubau wiederum die bescheidenen Mittel der jüdischen Familien nicht ausreichten, war erneut eine Kollekte nötig, die diesmal von Elias Gutmann und Moses Faist Rosenheim durchgeführt wurde. Sie begaben sich von Frühjahr 1803 immer wieder auf Rundreisen zu jüdischen Gemeinden einer weiten Umgebung. Da durch die Kollekte nur ein Teil der veranschlagten Gesamtkosten von 3130 Gulden erbracht werden konnten, mussten mehrere Darlehen aufgenommen werden. 1803 und 1804 wurde die Synagoge erbaut und wenige Tage vor den Hohen Feiertagen im Herbst 1804 feierlich eingeweiht. Zeitgenossen rühmten die Synagoge als einen sehr schönen und würdigen Bau. Die Inneneinrichtung im Betsaal selbst bestand neben dem Toraschrein und einer tragbaren Kanzel zunächst aus den damals üblichen beweglichen Betpulten (Ständer). 1841 sollten auf Anregung der Israelitischen Oberkirchenbehörde statt der bisherigen Ständer einige Bänke angeschafft werden. Damit wollte man "nicht nur Raum gewinnen, sondern auch die Bildung eines Gesangs-Chores erleichtern". Dagegen wehrte sich jedoch mit Erfolg eine Gruppe von Gemeindegliedern unter Anführung des Vorstehers Hayum Bernheimer.  
        
Eine umfassende Renovierung der Synagoge wurde 1862 notwendig, die einen Gesamtaufwand von 7433 Gulden verursachte. Die von Stadtbaumeister Schmohl aus Göppingen durchgeführten Baumaßnahmen betrafen eine völlige Neugestaltung des Innen- und Außenbereiches. An Stelle der bisherigen Pulte wurde ein neues Gestühl angefertigt, bestehend aus 38 Bänken mit zusammen 248 Sitzplätzen, die teilweise Klappsitze waren. Rabbiner und Vorbeter erhielten neue eichene Einzelsitze. Zur Innenausstattung trugen zahlreiche Stiftungen von Gemeindegliedern und Vereinen bei. Zum wertvollsten gehörten die von Gemeindevorsteher Daniel Rosenthal gestifteten fünf Kronleuchter und zwei Kandelaber, die einen Wert von 600 Gulden hatten oder die von Gemeindevorsteher Leopold Einstein gestifteten Vorhänge aus rotem Samt für den Toraschrein und die Kanzeldecke im Wert von 200 Gulden. Am 20. Dezember 1862 konnte die Synagoge  feierlich eingeweiht werden. Rabbiner Herz hielt die Weiherede.
       
Nur wenige Jahrzehnte diente die Synagoge Jebenhausens als Gotteshaus der Gemeinde. Im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verzogen fast alle der jüdischen Gemeindeglieder in die Städte, insbesondere nach Göppingen. So musste bereits am 31. Dezember 1899 der letzte Gottesdienst in der Synagoge gefeiert werden. Am 14. Januar 1900 erfolgte die Übergabe des Vermögens der aufgelösten Gemeinde an die israelitische Kirchengemeinde Göppingen. Dabei wurden unter anderem zehn Torarollen, der silberne Toraschmuck und weitere kultische Einrichtungen übergeben. Das Gebäude der ehemaligen Synagoge wurde zunächst noch als Lager einer jüdischen Firma verwendet, 1905 abgebrochen.  
      
Aus der Inneneinrichtung der Synagoge sind in der (alten) evangelischen Kirche (Boller Straße 82) noch erhalten: zehn Bänke mit charakteristischen Läden, in denen Gebetstücher und –bücher aufbewahrt wurden, sowie fünf Kronleuchter. 1905 hatte die Gemeinde dies der evangelischen Kirche geschenkt. Diese Kirche dient inzwischen als Gedenkstätte mit Museum für die jüdischen Gemeinden Göppingen und Jebenhausen  
    
   


Fotos 
Historische Fotos / Plan:
(Quelle: Stadtarchiv Göppingen; Foto des Grundsteines: Jüdische Gotteshäuser und Friedhöfe in Württemberg. 1932. S. 80; die Fotos sind verschiedentlich in den Publikationen des Stadtarchives, insbesondere dem Reprint des Buches von Aron Tänzer, publiziert worden) 

Jebenhausen Synagoge Plan 001.jpg (12931 Byte)
Plan des Synagogengrundstückes und der Umgebung: Schulhaus der israelitischen Gemeinde und der dazugehörige Garten
Jebenhausen Synagoge 001.jpg (101628 Byte) Jebenhausen Synagoge 005.gif (83563 Byte) Jebenhausen Synagoge 004.jpg (40209 Byte)
Die Synagoge in Jebenhausen um 1900 Innenaufnahme: Blick zum Toraschrein   Grundstein der Synagoge Jebenhausen von 1804, nach Abbruch in die Synagoge Göppingen verbracht
     
Jebenhausen_Synagoge_004.jpg (31893 Byte)  Jebenhausen4.jpg (7724 Byte)
Toravorhang, gestiftet 1804 von Simon Faist Rosenheim und seiner Frau Leuchter aus der Synagoge Jebenhausen, jetzt in der (alten) evangelischen Kirche Stickerei: Bord eines Toravorhanges
     
   Jebenhausen Synagoge 010.jpg (12905 Byte)   
   Der Abbruch der Synagoge 1905   

  
Fotos nach 1945/Gegenwart:  

  Ein neueres Foto vom ehemaligen Synagogenstandort wird noch erstellt  

 

Text

Alexander Adelsheimer: Erinnerungen an meine Heimatgemeinde Jebenhausen
(in: Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden in Württemberg 4. Jahrgang Nr. 9 vom 1.8.1927 S. 294ff)

...Am Vorabend des Versöhnungstages, bei den Christen der "lange Tag" genannt, versammelte sich ein großer Teil der christlichen Dorfbewohner vor der Synagoge (in Jebenhausen) und im Vorraum, um sich den seltsamen Gottesdienst anzusehen und zu hören: Störungen kamen dabei nicht vor...

Neben dem Schulhaus, in dessen unterem Stockwerk die Unterklassen der christlichen Schüler, im kleinen oberen Schulzimmer die weniger zahlreichen jüdischen Kinder unterrichtet wurden, stand die Synagoge: ein schöner Bau, der noch ums Jahr 1860 renoviert worden war. Geheimnisvoll prangte von der Decke der blaue Sternenhimmel. Die vielfarbigen Fenster an der Ostwand hinter der heiligen Lade wirkten auf das kindliche Gemüt wie etwas Überirdisches, wenn die Sonne durch sie leuchtete und bunte Lichter auf den Fußboden und auf die Wände warf. Herrlich geschmückt prangte am "Schowuos" (= Laubhüttenfest) unser Gotteshaus im Schmuck hellgrüner Maien- und leuchtender Feldblumen. Dann war es uns, als ob Wald und Feld ins Gotteshaus zu uns gekommen wären. Auch des schönen Hängeleuchters mit seinem Kranz von Glasprismen muss ich noch gedenken. Denn die letzteren bildeten das Ziel der Sehnsucht unseres Kinderherzens. Wenn eines dieser "Glitzerle" einmal herabfiel, dann begann ein Wettlauf, wer es zuerst erreicht; denn der glückliche Besitzer hob es an die Augen und sah nun die Welt in allen Farben leuchten. ich will nicht verraten, ob nicht im Laufe der Jahre manches "Glitzerle" seinen Platz oben am Leuchter hat unfreiwillig verlassen müssen, um in einer Bubenhose zu landen. Ich brauchte kein solches Sakrilegium auf mich zu laden, denn eines Tages fand ich, als gerade die "Bernlöhren", die christliche Dienerin, die Synagoge verlassen hatte, eine unverschlossene Truhe, in der unter vielen Kerzenstumpen zahlreiche "Glitzerle" aufbewahrt waren.
Hinter der Synagoge breiteten sich Grasgärten aus, die zu einem sanft fließenden Bach hinabführten. Wenn am Rosch-Haschonoh (= Neujahrstag) oder gar am Jom Kippur (= Versöhnungstag) uns Kindern der Gottesdienst zu lang deuchte, versammelten wir uns draußen und zogen gemeinsam die Wiesen hinab, dem Wasser zu, bis die Klänge, die aus der Synagoge hervordrangen, uns wieder zu unserer so leichtfertig vergessenen Pflicht und an die Seite des Vaters zurückführten. 
Neben dem Lehrer versah an den hohen Festtagen das Gemeindeglied Uri Rosenheim mit mächtiger und klangvoller Stimme das Amt des Vorbeters. Er war aber nicht der einzige Sangeskundige in der Gemeinde. Denn noch eine ganze Anzahl der wenigen Gemeindemitglieder war sangeskundig und vor allem sangesfroh. Dankbar gedenke ich meines alten Freundes "Divele" (David) Rohrbacher, der mich, als ich während meiner Seminarzeit an den Hohen Feiertagen in einer Gemeinde vorbeten sollte, aus der Verlegenheit riss und mich im alten "Jebenhauser Chasones" unterwies. Es war eine sangeslustige Gemeinde, dieses Jebenhausen; und wenn die Rosenheims und Rosenthals und Rohrbachers zusammen sangen, klang dieser Gemeindegesang vielleicht voller und kräftiger als heute mancher Synagogenchor.
Eines Sängers aus meinem alten Jebenhausen muss ich aber ganz besonders gedenken, denn er war einer der größten Sänger der damaligen Zeit. Heinrich Sontheim,, der "König der Tenöre" hat von Jebenhausen aus seine Laufbahn angetreten, die ihn auf die Höhe des Künstlerruhmes führte. In Jebenhausen hat dieser gottbegnadete Sänger mehr als einmal am Jom Kippur vorgebetet und durch die Macht seiner Töne die Seele des Zuhörers erfasst...
Im letzten Jahrzehnt des Bestehens der Gemeinde Jebenhausen sank die Zahl der Männer auf ein knappes Minjan herab. Das war schlimm; aber ein anderer Umstand verschärfte die Lage noch. Denn da waren zwei Gemeindeglieder, die einst sich entzweit hatten und nun in grimmiger Feindschaft lebten. Da kam es vor, dass während des Gebets der eine, heißblütigere den Blick des Gegners auf sich gerichtet sag und darum unter Protest die Synagoge verlassen wollte. Nur gütlichem Zureden meines Vaters gelang es dann, den Erregten zu besänftigen und das gestörte Minjan wieder herzustellen. 
Immer kleiner war die Muttergemeinde Jebenhausen geworden, und die Tochtergemeinde Göttingen wuchs und wurde stark und groß... Das Schicksal nahm seinen Lauf. An einem Tag um die Wende des Jahrhunderts füllte sich noch einmal die Synagoge in Jebenhausen mit Betern, die herbeigekommen waren, um dem letzten Gottesdienst beizuwohnen. Dann war auch das vorüber. Die Synagoge wurde abgebrochen, und nach 130jährigem Bestand hatte eine unserer besten württembergischen Gemeinden geendet.

 

Links und Literatur

Links:

Informationsseite des Stadtarchives Göppingen zur jüdischen Geschichte in Jebenhausen und Göppingen: hier anklicken

Private Website bei worldzone.net zur jüdischen Geschichte Jebenhausens: hier anklicken 

Weitere Seite mit Bezüge zu Jebenhausen: hier anklicken

Übersicht über die in den "Central Archives for the History of the Jewish People" (CAHJP) in Jerusalem vorhandenen Archivalien der jüdischen Gemeinde Jebenhausen: pdf-Datei hier anklicken 

 Literatur (Auswahl): 

Paul Sauer: Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. 1966. S. 82-84.
Aaron Tänzer: Geschichte der Juden in Jebenhausen und Göppingen. Berlin/Stuttgart/Leipzig 1927. Reprint und zusätzliche Beiträge von Karl-Heinz Rueß über "Die Israelitische Gemeinde Göppingen 1927-1945" und "Dr. Aron Tänzer - Leben und Werk des Rabbiners" Weißenhorn 1988.
Dieter Kauß: Juden in Jebenhausen und Göppingen 1777 bis 1945. (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Göppingen Band 16). Göppingen 1981.
Georg Munz/Walter Lang: Die Jebenhäuser Judengemeinde und ihre Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Göppingen, in: Geschichte regional. Quellen und Texte aus dem Kreis Göppingen 2 (1982) S. 134-153.
Stefan Rohrbacher: From Wuerttemberg to America: a 19th-century village on its way to the New World. 1989.
ders.: Die jüdische Landgemeinde im Umbruch der Zeit. 2000.
Naftali Bar-Giora Bamberger: Die jüdischen Friedhöfe Jebenhausen und Göppingen. 1990.
Jüdisches Museum Göppingen in der Alten Kirche Jebenhausen. (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Göppingen Band 29). Weißenhorn 1992.

 

                   
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Stand: 05. Januar 2009