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zu den Synagogen in
Baden-Württemberg

Haigerloch (Zollernalbkreis)
Jüdische Geschichte / Synagoge
Hinweis: Öffnungszeiten
der ehemaligen Synagoge und der Ausstellung "Spurensicherung:
Jüdisches Leben in Hohenzollern"
(Stand August 2009): donnerstags von 14 bis 19 Uhr und samstags sowie sonntags von 11 bis 17 Uhr. |
Übersicht:
Es besteht eine weitere Seite
mit Texten zur jüdischen Geschichte in Haigerloch
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english
version)
In dem bis 1850 zu Hohenzollern (Hohenzollern-Haigerloch,
seit 1633 Hohenzollern-Sigmaringen), danach zu Preußen gehörenden Haigerloch
lebten jüdische Personen bereits im Mittelalter. Erstmals wird 1346 Jud Vifelin
genannt. Bei der Judenverfolgung 1348 wurden auch in Haigerloch Juden ermordet.
1431 wird ein Haigerlocher Jude in Rottenburg genannt.
Die Entstehung der neuzeitlichen Gemeinde geht auf das
16.
Jahrhundert zurück. Seit 1534 werden wieder Juden in der Stadt genannt. 1745
lebten hier 20 jüdische Familien, um 1800 30 bis 36 Familien.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt:
1844 322 jüdische Einwohner (23,6 % von insgesamt 1.366 Einwohnern), 1852 382,
Höchstzahl um 1858 mit 397 Personen, 1880 318 (25,1 % von 1.265), 1905 254,
1910 260 (20,4 % von 1.275).
An Einrichtungen bestanden insbesondere eine Synagoge (s.u.), eine
jüdische Elementar- und Religionsschule, ein rituelles Bad (bis heute
erhaltenes kleines Gebäude südwestlich der Synagoge) und ein Friedhof (alter
Friedhof bei Weildorf, neuer Friedhof in
Haigerloch). Die israelitische
Volksschule (Elementarschule) war 1823 eröffnet worden und bestand bis
1939. Sie war anfangs in einem an die Synagoge angebauten Haus untergebracht,
das 1863 bei Erweiterung der Synagoge abgebrochen wurde. 1844 wurde ein Gemeindehaus
mit Schule und Wohnung für den Rabbiner und den Lehrer fertiggestellt (Gebäude
Im Haag 53). Später war die jüdische Schule im Haigerlocher Rathaus
untergebracht, wo auch die katholischen und evangelischen Kinder unterrichtet
wurden. Die Gemeinde unterstand zunächst dem Rabbinat Hechingen, bis sie von 1820 bis 1894 einen
eigenen Rabbiner
anstellte.
An Rabbinern waren in Haigerloch tätig:
- Raphael Zivi: ab 1804 Unterrabbiner in Haigerloch, dem Rabbiner
in Hechingen unterstellt; 1820 Rabbiner in Haigerloch, seit 1821 auch in Dettensee.
- Maier
Hilb (geb. 1806 in Haigerloch, gest. 1880 ebd.), studierte in Hechingen
(Talmudschule), in Karlsruhe (Lyzeum), Heidelberg und Tübingen
(Studienfreund Berthold Auerbachs), 1836 Rabbinatsverweser, 1840 bis 1880
Rabbiner in Haigerloch und Dettensee.
- Dr. Joseph Ignatz Spitz (1856-1931): 1884 bis 1888 Rabbiner in
Haigerloch, 1894 bis zu seiner Zurruhesetzung 1925 Bezirksrabbiner in Gailingen.
-
Dr. Aron Wolff
(zuvor Rabbiner in Kurnik bei Posen): 1889 bis 1894 Rabbiner in
Haigerloch.
Nach dem Weggang von Dr. Spitz waren die in Haigerloch angestellten
Religionslehrer zugleich Rabbinatsverweser in Haigerloch.
Im Ersten Weltkrieg fielen aus der jüdischen Gemeinde: Eugen Adler (geb.
5.4.1896 in Marburg, gef. 3.10.1916), Unteroffizier Leopold Hirsch (geb.
10.1.1879 in Haigerloch, gef. 30.9.1918), Gefreiter Albert Levi (geb. 15.4.1873
in Haigerloch, gef. 18.7.1918), Arthur Levi (geb. 5.6.1892 in Haigerloch, gef.
22.9.1914), Wolf Levi (geb. 1.6.1891 in Haigerloch, gef. 30.9.1914), Jakob
Reutlinger (geb. 2.2.1885 in Haigerloch, gef. 30.9.1914). Ein Denkmal für die
Gefallenen aus der jüdischen Gemeinde steht im jüdischen Friedhof.
Um 1924, als zur Gemeinde 213 Personen gehörten (16,6 % von
insgesamt 1.280 Einwohnern), waren die Vorsteher der Gemeinde M.
Levi, A. Weil, Alfred Levi, Sigmund Hohenemser und B. Levi. Als Lehrer und
Kantor war weiterhin Gustav Spier tätig, als Schochet H. Adler. An der
Israelitischen Volksschule wurden damals 26 Kinder unterrichtet (1932 14
Kinder). An jüdischen Vereinen bestanden: die Chewro Kadischa
(Zweck und Arbeitsgebiete: Unterstützung Hilfsbedürftiger, Krankenpflege,
Bestattung, Schiurim = Lernstunden; 1924 unter Leitung von Alfred Levy
mit 35 Mitgliedern, 1932 20 Mitglieder), der Wohltätigkeitsverein Gemillus
Chesed (Zweck und Arbeitsgebiete wie Chewro Kadischa; 1924 15 Mitglieder,
1932 etwa 15 Mitglieder), der Verein Schochre Tow (Zweck und
Arbeitsgebiete wie Chewro Kadischa; 1924 20 Mitglieder), der Gesangverein
"Liederkranz" (1924 70 Mitglieder, 1932 Vorsitzender Alfred Levi),
der Israelitische Frauenverein (gegründet 1873, Zweck und
Arbeitsgebiete: Krankenpflege, Bestattung, Unterstützung Hilfsbedürftiger),
eine Ortsgruppe des Central-Vereins (1924 60 Mitglieder), ein Hilfsverein
(1924 60 Mitglieder), der Verein für jüdische Geschichte und Literatur
(1924 70 Mitglieder, Vorsitzender Gustav Spier), der Jüdische Jugendverein
(1932 Leitung Gustav Spier) und eine Ortsgruppe des Reichsbundes jüdischer
Frontsoldaten (1932 Vorsitzender Max Behr). 1932 war 1. Gemeindevorsteher
Alfred Levi, 2. Vorsteher Ludwig Reutlinger; als Schatzmeister war Gustav Spier
tätig.
An Gewerbebetrieben gehörten jüdischen Familien bis nach 1933 u.a. noch mehrere
Viehhandlungen, Kolonial-, Textil- und Manufakturwarengeschäfte, eine
Mehlhandlung sowie Großhandlungen in Ölen, Fetten und chemischen Produkten. Auch waren eine jüdische Gastwirtschaft,
eine Bäckerei und andere Gewerbebetriebe vorhanden. Diese Gewerbebetriebe waren
im einzelnen: Kolonialwaren Max Behr
(Pfleghofstraße 5), Viehhandlung Israel Behr (Im Haag 31), Viehhandlung Louis
Bernheim (Im Haag 4), Mazzenbäckerei Markus van Gelder (Im Haag 39), Häute und
Felle Samuel Hallheimer (Im Haag 31), Textilwaren Hilb & Levy (Hauptstraße
36), Viehhandlung Isaak Hilb (Im Haag 22), Viehhandlung Sally Levi und
Manufakturwaren H. und H. Levi (Im Haag 51), Viehhandlung Sally Hilb (Im Haag
7), Manufakturwaren Josef Hirsch (Im Haag 1), Gastwirtschaft Julie Hirsch (Im
Haag 3), Manufakturwaren Sigmund Hohenemser (Hauptstraße 15), Viehhandlung
Siegfried Katz (Im Haag 47), Mehlhandlung Heinrich/Jettchen Levi (Im Haag 31),
Viehhandlung Julius Levi jun. (Im Haag 51), Viehhandlung Wilhelm Levi (Im Haag
32), Kolonialwaren Sofie Löwenstein (Im Haag 45), Öl- und Fetthandlung Eugen Nördlinger,
Inh. Bernheim (Im Haag 20), Viehhandlung Ernst Schwab und Mehlhandlung Bella
Schwab (Im Haag 28), Viehhandlung Adolf Ullmann (Hauptstraße 40), Viehhandlung
Louis Ullmann (Im Haag 30), Ingenieur Fritz Weil (Pfleghofstraße 3), Fellhändler
Isaak Weil (Pfleghofstraße 8), Viehhandlung Louis Weil (Im Haag 39),
Viehhandlungen Jakob Levi jun. und Seligmann Levi (Pfleghofstraße 18),
Viehhandlung Benno Weil (Pfleghofstraße 19), Öl- und Fetthandlung J.B.
Reutlinger und Kolonialwarenhandlung Julie Weil (Pfleghofstraße 10),
Viehhandlung Heinrich Weil (Pfleghofstraße 9).
Auf Grund der Judenverfolgungen und -ermordungen in der
NS-Zeit kamen von den 1933 hier wohnhaften 213 jüdischen Personen mindestens 84
ums Leben. Auf den Gedenktafeln an der Synagoge sind die Namen von 110 aus
Haigerloch stammenden und in die Konzentrationslager deportierten Juden
festgehalten.
Von den in Haigerloch geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"; einige weitere Namen im
Buch "Erinnerungen an die Haigerlocher Juden" s. Lit. S. 387-423; in
der nachfolgenden Übersicht bezeichnen die kursiv gesetzten Namen Personen, die
in Haigerloch geboren sind): Jakob Adelsberger
(1871), Julie Adelsberger (1880), Amalie Adler geb. Strauß (1863), Mina Auerbacher geb. Schwab (1888), Ida Behr geb. Levi (1892), Israel Behr (1893), Max Behr (1886), Emmi Brüll (1883), Isidor Cahn (1876), Lina Cahn
geb. Freudenthal (1873), Feiwel Engelberg (1873), Hedwig Eppstein geb. Stauß
(1912), Lina Freund geb. Zivi (1884),
Arthur van Gelder (1920), Auguste Goldschmidt geb. Weil (1888), Klara
Goldschmidt geb. Reutlinger (1901), Bella
(Zella) Hahn geb. Schwab (1898), Julie
Hallheimer geb. Weil (1896), Samuel Hallheimer (1895), Siegbert Hallheimer
(1924), Walter Hallheimer (1929), Gustav Hertz (1907), Abraham Hilb (1861), Amalie
Hilb geb. Bernheim (1861), Berta Hilb
(1882), Emma Hilb geb. Ullmann (1885),
Hanna Hilb geb. Kaffewitz (1898), Isak
Hilb (1879), Jei (Issi) Hilb (1908), Jette Hilb geb. Daube (1868), Josef
Hilb (1887), Justin Hilb (1887), Max
Hilb (1924), Max Hirsch (1859), Sigmund
Hohenemser (1869), Benno Jakob (1873), Julie Jakoby (1878), Gad Jochsberger
(1941), Irene Kahn geb. Weinberger (1913), Auguste Kappenmacher geb. Eppstein
(1875), Bruno Katz (1926), Siegfried
Katz (1883), Gerda Kohn geb. Lewinski (1919), Betty Kraft (1873), Jettchen
Krauß geb. Weil (1876), Adolf Levi
(1871), Alfred Levi (1892), Alfred
(Abraham) Levi (1888), Auguste Levi geb. Levi (1887), Auguste Levi geb. Levi
(1890), Babette Levi (1882),
Bella Levi geb. Levi (1893), Bernhardine
(Berta) Levi (1863), Clara Levi geb.
Weil (1899), Emma Levi geb. Ullmann
(1873), Ernestine Levi geb. Hilb (1880),
Ernst Levi (1893), Hermann
Levi (1886), Irma Levi (1899), Isak
Levi (1866), Jacob Levi (1868), Jakob
Levi (1876), Jettchen Levi geb. Korn
(1892), Josef Levi (1874), Julie
Levi (1880), Julius Levi (1890), Lore
Levi geb. Wormser (1885), Max Levi (1872),
Regina Levi geb. Guggenheim (1867), Senta
Levi (1920), Simonie (Toni) Levi geb. Frank (1897), Sofie
Levi geb. Levi (1866), Sofie Levi
(1884), Walter Levi (1899), Wilhelm
Levi I (1884), Wilhelm Levi II (1884), Hermine Löwy geb. Mayer (1870), Hans
Mayer (1937), Hemos (Hemor) Neumann (1939), Leopold Neumann (1905), Selma Neumann geb. Hilb (1911), Babette
Nördlinger geb. Levi (1883), Jenny Ochs geb. Mildenberg (1889 oder 1911),
Rahel Oettinger (1941), Frida Oppenheimer
geb. Ullmann (1888), Frieda Picard
geb. Hirsch (1875), Eugenie Reuter geb. Sinsheimer (1878), Auguste Reutlinger (1889), Babette
Reutlinger geb. Reutlinger (1860), Ernestine Reutlinger geb. Marx (1861), Ludwig
Reutlinger (1884), Sali Reutlinger
(1895), Sofie Reutlinger geb. Ullmann
(1881), Jette Rosenfeld (1858), Max Rosenthal (1872), Berta Rosenzweig geb. Hilb (1886), Eugen Rosenzweig (1884), Sophie
Rothschild geb. Regensburger (1863), Theodor
Schacher (1880), Mina Schmalzbach geb.
Weil (1888), Lotte Schorsch (1923), Babette Schwab geb. Löwengart (1869), Jakob Schwab (1896), Luise Schwab geb. Lion (1876), Mina
Schwab (1865), Wilhelm Schwab (1890), Johanna Silberstein geb. Stiefel (1895), Helene
Simon geb. Hirsch (1863), Gustav Spier (1892), Hertha Spier geb. Bloch
(1888), Julius Spier (1925), Malchen Spier geb. Rosenberg (1861), Simon Spier
(1863), Karoline Stein geb. Marx (1864), Adolf
Ullmann (1877), Albert Ullmann (1884), Aron Ullmann (1875), Bella
Ullmann geb. Ullmann (1895), Elsa Ullmann geb. Ullmann (1892), Emil Ullmann (1874), Emil Ullmann (1894), Ernst Ullmann (1891), Erwin
Ullmann (1921), Fanny Ullmann geb. Ullmann (1885), Grete (Margarete) Ullmann
(1924), Hannchen Ullmann geb. Weil (1869), Hannchen Ullmann (1942), Jettchen
Ullmann geb. Levi (1900), Julius Ullmann (1877), Karoline (Lina) Ullmann
geb. Bravmann (1884), Lilli Ullmann geb. Heß (1893), Max
Ullmann (1911), Selma Ullmann (1898),
Siegfried Ullmann (1879), Siegfried
Ullmann (1889), Sigmund Ullmann
(1897), Sofie Ullmann geb. Reutlinger
(1891), Veit Ullmann (1860),
Pauline Untermayer geb. Gerstle (1864), Rosa
Vasen geb. Hilb (1888), Alfred Weil
(1909), Ernestine Weil (1874), Flora
Weil (1897), Fritz Weil (1931), Harry Weil (1882), Heinrich Weil (1883),
Johanna Weil geb. Hilb (1891), Kurt Weil (1931), Lisette Weil (1884), Helene
Weinberger geb. Eppstein (1912), Leopold Weinberger (1911), Moab Weinberger
(1939), Sofie Weinberger geb. Reutlinger
(1882), Löb Weinstein (1877), Rosa Wichler geb. Brodasch (1874), Flora Wohlgemuth geb. Levi (1889), Emma Wolf geb. Ullmann (1878), Helene Würzburger geb. Uri (1864).
Zur
Geschichte der Synagoge(n)
Bis 1780 wohnten die Juden meist in Miete in der Stadt. Um 1780 wurde im
Stadtviertel "Haag" ein jüdisches Wohngebiet eingerichtet. Zunächst
wurden alle Juden, die kein eigenes Haus besaßen, in den im Haag stehenden
herrschaftlichen Gebäuden untergebracht (vor allem im "Haagschloss" und seinen
Nebengebäuden). Das Haag blieb das Wohnviertel bis zur Deportation der jüdischen
Familien 1941/42.
Bereits im Judenschutzbrief von 1595 war den Haigerlocher
Juden Freiheit des jüdischen Glaubens zuhause und in der "Judenschule"
(Synagoge) zugesichert worden. Damals dürfte vermutlich ein Betsaal in einem jüdischen
Privathaus vorhanden gewesen sein. Vor dem Bau der Synagoge im jüdischen
Wohnviertel "Haag" war der Betsaal in einem jüdischen Haus in der
Oberstadt eingerichtet (Standort unbekannt).
1780 genehmigte Fürst Karl Friedrich von
Hohenzollern-Sigmaringen den Platz für eine neue Synagoge. Im Jahr
darauf wandte sich die jüdische Gemeinde an den Fürsten und bat um Überlassung
von Steinen des im Haag abgebrochenen Lustschlösschens. Mit Ausnahme der
gehauenen Steine und unter Bezahlung von 100 Gulden wurde der Wunsch genehmigt.
Da die Haigerlocher Gemeinde die beträchtlichen Baukosten nicht selbst
erbringen konnte, wurde 1783 eine Kollekte für den Bau der Synagoge außerhalb
Haigerlochs genehmigt. Am 30. Mai 1783 konnte die Synagoge eingeweiht
werden.
Nachdem in den 1830er-Jahren die Zahl der jüdischen
Gemeindeglieder stark zugenommen hatte, war es nicht mehr möglich, dass diese
gleichzeitig an den Gottesdiensten teilnahmen. Nach den neuen gesetzlichen
Bestimmungen von 1837 mussten freilich auch die unverheirateten
Frauen zum Religionsvortrag in der Synagoge erscheinen. Rabbinatsverweser
Hilb berechnete, dass in der Synagoge Platz für etwa 260 Gemeindeglieder
vorhanden sein müsste. Eine Erweiterung der Synagoge war unumgänglich. Das
Oberamt beauftragte Werkmeister Schönbucher, in Absprache mit den
Gemeindevorstehern und dem Rabbinatsverweser Pläne auszuarbeiten. Nachdem diese
im Frühjahr 1838 ausgearbeitet waren, wurde die Ausführung der Umbauarbeiten
aus verschiedenen Gründen um ein Jahr verschoben. Mitte 1839 hatten die
Arbeiten begonnen, die erst im kommenden Jahr – am 20. November 1840 –
abgeschlossen werden konnten. Die Synagoge wurde dabei nach hinten verlängert.
Neue Männer-, Frauen- und Kinderstühle wurden angeschafft. Nach dem Umbau bot
das Gotteshaus insgesamt 294 Personen Platz. Die Baukosten betrugen insgesamt
1758 Gulden, von denen das Fürstenhaus 150 Gulden übernahm.
Die Einrichtung der Synagoge war zum großen Teil
gespendet. Ein besonderes Ereignis war, als 1875 eine neue Torarolle eingebracht
werden konnte, die einen Wert von 1000 Gulden hatte und der Haigerlocher
Synagoge aus einem Lottogewinn gestiftet worden war.
1930 wurde eine umfassende Renovierung des
Synagogengebäudes vorgenommen. Schon seit Jahren befand sich das Gebäude in
einem schlechten baulichen Zustand. Mit Hilfe eines Synagogenbaufonds sollten
die nötigen Mittel erspart werden. Diesem kam beispielsweise der Erlös der
Tombola einer Chanukkafeier am 28. Dezember 1929 im Saal des "Rose" zugute. Am
10. Juni 1930 konnte mit den Arbeiten begonnen werden. Während der Renovierung
wurde insbesondere die Feuchtigkeit im Mauerwerk durch Isolierungsarbeiten abgedämmt.
Im Inneren erhielten die Wände und Decken, die Kuppel und das Holzwerk einen
neuen Anstrich. Über dem Toraschrein wurden in Goldbuchstaben die Zehn Gebote
an die Wand geschrieben. Auch die Beleuchtung wurde modernisiert, indem die in
Goldton gehaltene Kuppel indirektes Licht durch Röhrenlampen erhielt. In der
Kuppel war ein großer Leuchter in Form des Davidssternes aufgehängt, der dem
gesamten Raum helles Licht gab. Am 21. September 1930 fand die Wiedereinweihung
der Synagoge in Anwesenheit zahlreicher Vertreter des öffentlichen Lebens,
einem Vertreter des Landratsamtes, der Stadträte und des Bürgermeisters, der
Geistlichen beider christlicher Gemeinden und zahlreicher Vertreter der
umliegenden jüdischen Gemeinden statt. Rabbinatsverweser Spier entzündete die
ewige Lampe. Nach der Begrüßungsrede durch den Gemeindevorsitzenden Alfred
Levi wurden unter den Gesängen des Synagogenchores die Torarollen in die
Synagoge getragen. Zur Finanzierung des Umbaus hatten der Preußische
Landesverband der jüdischen Gemeinden sowie zahlreiche frühere und damalige jüdische
Gemeindeglieder Haigerlochs beigetragen.
Einweihung der renovierten Synagoge im September
1930
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17. Oktober 1930: "Haigerloch,
30. September (1930). Am 21. September (1930) fand die feierliche
Einweihung unserer renovierten Synagoge statt. Das Gotteshaus, das im
Jahre 1783 erbaut, 1839 erweitert und 1904 neu instand gesetzt worden ist,
hatte in den letzten Jahrzehnten durch Witterungseinflüsse derart
gelitten, dass eine gründliche Auslassung unaufschiebbar geworden war.
Eine Subvention des Preußischen Landesverbandes und die Spenden
zahlreicher ehemaliger Haigerlocher ermöglichten der verarmten Gemeinde
die Ausführung ihres Planes. Nach mehr als zweimonatiger Arbeit ist nun
das Werk vollendet und das Gotteshaus bietet in seinem neuen Gewande, mit
seinen einfachen, gut abgestimmten Farbflächen und seinen neuen
Beleuchtungskörpern einen stimmungsvollen Eindruck. – Zur
Einweihungsfeier waren von Seiten der Behörden ein Vertreter des
Landratsamtes sowie der gesamte Stadtrat zur Stelle, von jüdischer Seite
Herr Leopold Levi – Stuttgart als Vertreter des Oberrats sowie
Vorstandsmitglieder der jüdischen Nachbargemeinden. Ferner nahmen der
katholische wie der evangelische Kirchenvorstand unseres Städtchens an
der Feier teil. Das Lewandowski’sche Mah
tauwu in F-Dur eröffnete die Feier. Dem Anzünden der Ewigen Lampe
folgte eine Ansprache des Gemeindevorsitzenden Alfred Levi, der den Gästen
wie den Mitarbeitern Dank sagte und das gute Einvernehmen der Konfessionen
des Städtchens hervorhob. Herr Leopold Levi – Stuttgart überbrachte Glückwünsche
des Oberrats der Israelitischen Religionsgesellschaft Württembergs. Nun
erfolgten unter den Klängen der Gebete der Einzug der Torarollen und der
Umzug mit denselben. Nach dem Einheben hielt Rabbinatsverweser Spier die
Weiherede. Psalmworte und der Gesang des ‚J’hi scholaum be’chelech’
(Lewandowski) schlossen die stimmungsvolle Feier." |
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Artikel in den "Hohenzollerischen Blätter" Nr. 219 vom 23.
September 1930: "Die Einweihung der umgebauten Haigerlocher Synagoge fand am gestrigen
Sonntag in feierlicher Weise statt. Der Einweihungsakt begann mit einem hebräischen
Weihelied des Synagogenchors, worauf Rabbinatsverweser Spier das ewige Licht
anzündete. Gemeindevorstand Alfred Levi sprach warme Begrüßungsworte. Seit
nunmehr 150 Jahre dient dieser Raum der israelitischen Gemeinde als Tempel. Der
Gemeindevorstand begrüßte namentlich den Vertreter des Landratsamtes
Kreisoberinspektor Hegemann, Bürgermeister Bausinger und die Mitglieder der
Gemeindekollegien, die Vertreter der katholischen und evangelischen Kirchenvorstände,
Dekan Dieringer und Geistlichen Rat Marmon, den Vertreter des Oberrates der
israelitischen Religionsgemeinschaft in Württemberg und zweiten Präsidenten
Leopold Levi, und die Presse. Größere finanzielle Mittel zum Umbau sind
geflossen vom Preußischen Landesverband Jüdischer Gemeinden und von vielen
auswärts wohnenden Haigerlochern. Allen Gebern wurden herzliche Dankesworte vom
Vorstand ausgesprochen, denn nur durch ihre Mithilfe konnte die Arbeit
ausgeführt werden. Dankesworte galten auch dem Israelitischen Frauenverein,
sowie allen, die an der inneren Ausstattung mitgeholfen haben, insbesondere aber
auch dem baileitenden Architekten Selig aus Hechingen und allen beschäftigten Handwerkern.
Präsident Leopold Levi-Stuttgart vermittelte Glückwünsche des Oberrats der Religionsgemeinschaft
in Württemberg, worauf die heiligen Torarollen, enthaltend fünf Bücher Moses,
in feierlicher Weise in den Altar eingelegt wurden. Diese Torarollen sind meist privat
von Gemeindemitgliedern gestiftet. Immer wieder war die Handlung von erhebenden
Gesängen des Gemischten Synagogenchors durchsetzt. Der eindrucksvolle Weiheakt
fand seinen Abschluss mit der Predigt des Rabbinatsverwesers Spier, aufgebaut
auf dem Bibelwort "Öffnet euch ihr ewigen Pforten, damit der König der
Ehren einziehe" und ausklingend in einem flehentlichen Bittgebet zu dem
Herrn, dem diese Stätte der Einkehr und Sammlung geweiht ist. Das jüdische
Neujahrsfest abends begann in dem neuerstandenen Gotteshaus.
Vielbeachtet und belobt wird die Gesamtausführung des Umbaues durch
Architekt Selig-Hechingen. Die an sich sehr schwierige Aufgabe, den vorhandenen
Raum neuzeitlicher Auffassung anzupassen, ist sehr gut gelöst. Die Beleuchtung
zeigt vollendete Anpassung an Kult und Raum. Dem Lichteffekt entsprechend ist
die Farbstimmung gewählt, die in der indirekt beleuchteten Kuppel ihren
Höhepunkt erreicht. Was besonders auffällt, ist der große Kronleuchter in der
Kuppel, darstellend den Stern Davids, eigens gefertigt nach einem Entwurf der
Architekten Selig. Der Strahlenwurf von dem Stern aus ist in seiner verlaufenden
Farbentönung sehr gut gelungen. Die einzelnen Arbeiten wurden von den
nachfolgend genannten Unternehmern meisterhaft ausgeführt: Gipsermeister Joh.
Schenk, Rangendingen, Wandisolierung, Stuck- und Verputzarbeiten innen und
außen; Malermeister Fr. Müller, Hechingen, die Malermeister Seel und
Staib-Haigerloch farbiger Raumschmuck; Bildhauer Melchior Vees, Haigerloch und
Maurermeister Bürkle, Haigerloch Lieferung und Versetzung der neuen
Kunststeintreppen; Schreinermeister A. Kotz, Haigerloch Ausbesserungsarbeiten am
Holzwerk; Flaschnermeister Haag, Haigerloch Flaschnerarbeiten; Fritz Weil,
Haigerloch gesamte Lichtanlage."
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Am 15. September 1933 wurde in einer schlichten
Feierstunde an das 150jährige Bestehen der Haigerlocher Synagoge gedacht. Man
hatte angesichts der für die Gemeinde schwierig gewordenen Zeit von einer größeren
Feier angesehen. Rabbinatsverweser Spier zeigte die Geschichte der Synagoge auf
und legte dar, was diese einer Gemeinde in guten und bösen Tagen bedeutete.
In der Pogromnacht im November 1938 wurden die
Synagoge, das jüdische Schul- und Gemeindehaus sowie die Wirtschaft zur "Rose"
demoliert. Die Täter waren fast ausschließlich rund 45 Angehörige der SA- und
der SA-Reserve Sulz a.N., die am 10. November 1938 frühmorgens um 4 Uhr mit
einem Omnibus hierher gekommen waren. Sie drückten die Tür der Synagoge ein,
zerschlugen sämtliche Fenster und demolierten die gesamte Einrichtung. Die Bänke
der Frauenempore wurden nach unten geworfen. Auch das rituelle Bad sowie der
Schulraum im Israelitischen Gemeindehaus wurden schwer beschädigt. Die
Inbrandsetzung der Synagoge war unterlassen worden. Eine für die Nacht zum 13.
November 1938 geplante nachträgliche Inbrandsetzung wurde auf Mitteilung des für
Haigerloch zuständigen Kreisleiters in Horb durch das Eingreifen der Gendarmerie
verhindert.
In einem Brief des Haigerlocher Bürgermeisters an den
Hechinger Landrat vom 3. April 1939 tauchte die Idee auf, die Synagoge für eine
künftige Nutzung als Turnhalle umzubauen. Der Landrat unterstützte diesen
Vorschlag, worauf der Bürgermeister der jüdischen Gemeinde am 22. April
mitteilte, dass er beabsichtige, "das zur Zeit unbenutzte Synagogengebäude mit
Badehaus in eigene Verwaltung zu übernehmen und für eine Benutzung zu
gemeindlichen Zwecken umzubauen". Im Juli ließ der Bürgermeister den örtlichen
Notar die Kaufverträge formulieren und bat die NSDAP-Kreisleitung um
Genehmigung des Kaufs der Synagoge für 3.000 RM. Die Beurkundung erfolgte am
18. September 1939. In der Folgezeit wurde der Umbau in die Wege geleitet und
teilweise ausgeführt, jedoch im April 1942 wegen Baumaterialmangels
eingestellt. Seitdem wurde das Synagogengebäude als Lagerraum verwendet. Im
April 1945 wurde das Dach des Gebäudes durch Granatbeschuss schwer beschädigt.
Nach 1945 endete das Restitutionsverfahren gegen die
Stadt Haigerloch, das 1949/50 durchgeführt wurde, mit einem Vergleich. Die
Stadt anerkannte die Nichtigkeit des Kaufvertrages von 1939 und verpflichtete
sich zur Herausgabe der Grundstücke an die Israelitische Kultusvereinigung in
Stuttgart. Im Gegenzug zahlte diese einen Betrag von 1000 RM für "Unterhaltungskosten
des Gebäudes". Am 19. Dezember 1951 verkaufte die Israelitische
Kultusvereinigung das Synagogengebäude und weitere Grundstücke an einen
privaten Käufer. Von diesem wurde das Dach durch ein Satteldach ersetzt, die
Rundbogenfenster zugemauert. Bis in die 1960er-Jahre wurde das Gebäude als
Filmtheater genutzt. Von 1968 bis 1981 wurde in ihm ein Lebensmittelgeschäft
eingerichtet, von 1981 bis 1999 war es Lagerhalle eines Textilbetriebes.
Der 1988 anlässlich der 50. Wiederkehr der
Reichspogromnacht entstandene Gesprächskreis Ehemalige
Synagoge Haigerloch bemühte sich seit Anfang seines Bestehens darum, die frühere
Synagoge für eine Verwendung bereitzustellen, die ihrer Bedeutung als
ehemaliges Gotteshaus würdig ist. Nach langen Verhandlungen mit dem privaten
Eigentümer konnte die Stadt Haigerloch das Gebäude im Dezember 1999 kaufen.
Der Erwerb geschah in enger Zusammenarbeit mit dem Gesprächskreis, der in
erheblichem Umfang Sponsorengelder beschaffen konnte. 2001 von 2003 erfolgte
eine Restaurierung des Gebäudes zu einer Gedenkstätte mit einem Museum für
die Geschichte der Juden in Hohenzollern. Mit einer Feier- und Gedenkstunde
unter Anwesenheit früherer jüdischer Gemeindeglieder konnte die ehemalige
Synagoge am 9. November 2003 wieder eröffnet werden. Im Juni 2004 wurde im
Gebäude als Dauerausstellung des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg die
Ausstellung "Spuren jüdischen Lebens in Hohenzollern" eröffnet.
Fotos
Historische Fotos:
Das jüdische Wohnviertel Haag auf
historischen Ansichtskarten
(Quelle: Sammlung Hahn) |
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Das Wohnviertel
"Haag" um 1920 |
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Fotos um 1925
(Quelle: Foto Weber, Haigerloch) |
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Außenansicht der Synagoge
Haigerloch um 1925 |
Innenansicht vor der
Renovation 1930 mit Blick zum Eingang |
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| Innenansicht mit Blick zum
Toraschrein |
Vorlesepult und Toraschrein
(Vergrößerung aus Foto links) |
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Fotos nach der Renovierung
der Synagoge
(1938 vor der Pogromnacht)
(Fotos: Ruth Ben-David geb. Spier, Tirat Zvi/Israel) |
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Außenaufnahme |
Innenaufnahme mit Blick zum
Toraschrein |
Fotos nach 1945 / Gegenwart:
Fotos 1955 bis
2002:
Erinnerungsarbeit
vor Ort - einzelne Berichte
| November
2005: Gedenktafel mit den Namen der
aus Haigerloch deportierten jüdischen Personen wird eingeweiht |
| Rechts: Presseberichte
aus der "Hohenzollerischen Zeitung" vom 10. und 11. November 2005 |
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| Im November 2005 wurde am Gebäude der
ehemaligen Synagoge eine Gedenktafel mit den Namen der 110 aus Haigerloch
stammenden und in die Konzentrationslager deportierten Juden angebracht. Aus diesem Anlass lud die Stadt Haigerloch ehemalige jüdische Mitbürger
zum Besuch der Stadt ein. Zum Lesen der Artikel bitte Textabbildungen
anklicken. |
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| Dezember
2007: Zum Tod von Greta Kende geb.
Levi |
Links:
Presseartikel in der "Hohenzollerischen Zeitung" vom 12.
Dezember 2007 von Wilfried Selinka: "Nachruf / Trauer um Greta Kende.
Sie brachte die Torarolle in die Stadt".
Zum Lesen des Artikels bitte Textabbildung anklicken. |
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| Oktober
2008: Drei Veranstaltungen zur
jüdischen Geschichte |
Fotos
links: Margarete Kollmar referierte über das Thema "Frauen im
Judentum" am Beispiel der jüdischen Frauen in Haigerloch.
Artikel von Wilfried Selinka in der "Hohenzollerischen Zeitung"
vom 10. Oktober 2008:
Jüdische Frauen im Haag - Margarete Kollmar gibt Einblick in wichtige Rolle der Frau im Judentum am Beispiel Haigerlochs
Den Museumstag in Haigerloch nutzte der Synagogenverein unter dem Titel "Zwischen Sabbatkerzen und Israelitischem Frauenverein" zu einer besonderen Führung in und um die ehemalige Synagoge.
Haigerloch Mit der Beteiligung am Haigerlocher Museumstag trat der Verein Gesprächskreis Ehemalige Synagoge nach dem Europäischen Tag Jüdischer Kultur und der Hockete mit der besonderen Führung für Kinder und Pädagogen auf dem jüdischen Friedhof innerhalb eines Monats dreimal in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Am Sonntag war es nun Margarete Kollmar, die sich besonders dem Thema "Frauen im Judentum" am Beispiel der jüdischen Frauen in Haigerloch annahm. Dabei machte die Referentin eingangs darauf aufmerksam, dass es sich bei den Haigerlocher Juden um eine orthodoxe Gemeinde handelte. Die Männer seien verpflichtet gewesen, möglichst früh zu heiraten. Besonders bei der Ausgestaltung der jüdischen Feiertage und des Sabbats sei den Frauen eine besondere Stellung zugekommen. So sei das Entzünden der Sabbatkerzen, das Backen des Sabbatbrotes und das rituelle Reinhalten des Geschirrs für ein koscheres Essens die Aufgabe der Frau gewesen.
Überhaupt waren für die Frauen strenge Reinheitsgebote einzuhalten. So waren sie verpflichtet, nach der Menstruationsregel, dem Geschlechtsverkehr oder der Geburt eines Kindes das rituelle Bad in der Mikwe auf zu suchen. Dorthin führte die Referentin als erste ihre interessierten Zuhörer/innen. Drei größere, im Boden eingelassene Becken sind in der Haigerlocher Mikwe noch sichtbar. Das größere fasst rund 900 Liter, was ermöglichte, dass auch der Kopf unter Wasser eingetaucht werden konnte.
Welche Kleidung trugen die jüdischen Frauen? Diese Frage wurde anhand eines Bildes in der Dauerausstellung in der in der ehemaligen Synagoge beantwortet. Die Haigerlocher jüdischen Frauen waren nicht dörflich, sondern eher städtisch gekleidet. Dies ist wohl darauf zurückzuführen, dass die Männer als Viehhändler viel unterwegs waren und immer die neueste Mode mit ins Haag brachten.
Auch zur Institution des Israelitischen Frauenvereins, der in Haigerloch 1898 gegründet wurde, wusste Margarete Kollmar einiges zu erzählen. Diese Vereinigung hatte ähnliche Aufgaben wie andere religiöse Männerverbände. So fiel diesen Frauen die Totenwache, die Sterbebegleitung, die Totenwäsche aber auch die Unterstützung der Ortsarmen zu. Zudem wurden im Theatersaal des Gasthauses Rose Benefizveranstaltungen veranstaltet, bei denen Theaterstücke unter Mitwirkung jüdischer Frauen aufgeführt wurden.
Die Referentin konnte auch nachweisen, dass verschiedene jüdische Frauen Mitglied und sogar in der Vorstandschaft des Haigerlocher Verschönerungsvereins waren, der sich um die Aufpflanzung der steilen Hänge mit Flieder und um die Anlegung von Wanderwegen rings um Haigerloch mühte.
Zeitzeugenberichte von Videoaufnahmen mit den Jüdinnen Ruth Ben David geborene Spier, Tochter des letzten Lehrers und Rabbinatsverwesers sowie von Alice Wolf geborene Weil als KZ-Überlebender vervollständigten das Bild über die jüdischen Frauen und ihr Verhältnis zur christlichen Umgebung. Dieses gute Zusammenwirken unterstrich die betagte Sofie Trenkle. Die Videoaufnahmen von der Feier der Bat Mitzvah, der Religionsmündigkeit, von Carly Wolf, Enkelin von Alice Wolf, 2003 im Gebäude der ehemaligen Synagoge wertete Margarete Kollmar als ein Zeichen der Hoffnung für die Zukunft." |
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| Januar
2010: Helmut Gabeli wird mit dem
"German Jewish History Award" ausgezeichnet |
Artikel im "Schwarzwälder
Boten" vom 26. Januar 2010 (Artikel):
"Festakt mit viel Prominenz.
Haigerloch/Berlin. Viele Jahre hat Helmut Gabeli seinen Beitrag zur Aufarbeitung jüdischer Geschichte in Haigerloch geleistet. Gestern bekamen er und vier andere Deutsche in Berlin dafür den renommierten
'German Jewish History Award' verliehen.
'Die Preisträger sind herausragende Beispiele dafür, wie Deutschland sich mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt
hat', heißt es in der Begründung der amerikanischen Obermayer-Stiftung, die den Preis verleiht. Die Stiftung ist von Arthur Obermayer ins Leben gerufen worden. Der jüdische Unternehmer ist heute in Boston unternehmerisch erfolgreich, hat aber familiäre Wurzeln in Creglingen.
Mit dem Preis wird jährlich das Engagement von fünf Deutschen gewürdigt, die sich um die Geschichte kleiner jüdischer Gemeinden verdient gemacht haben. Der Obermayer Award gilt bis heute als höchste Auszeichnung, die einer Einzelperson zuteil werden kann. Nicht zuletzt, weil die Preisträger von Juden vorgeschlagen werden, die ein Bewusstsein für das ganze Ausmaß der Schrecken in der Hitlerzeit haben.
Gabeli, so die Begründung der Jury, habe dafür gesorgt, dass die Geschichte der jüdischen Gemeinde Haigerloch nicht in Vergessenheit gerate.
Der seit über 40 Jahren in Trillfingen beheimatete Rechtsanwalt hatte sich als Vorstandsmitglied des Gesprächskreises Ehemalige Synagoge für den Kauf der alten Synagoge im Haigerlocher Haag eingesetzt. Sie ist heute ein Museum, in der in Zusammenarbeit mit dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg die Dauerausstellung
'Spurensicherung – Geschichte der Juden in Hohenzollern' gezeigt wird. Außerdem hat er zahlreiche Artikel und Bücher über jüdische Geschichte und Schicksale geschrieben.
'Die meisten Ortsansässigen hätten dieses Kapitel der Geschichte lieber ruhen
lassen', erinnerte sich Gabeli. Sie sagten: 'Das ist so lange her, niemand interessiert sich mehr
dafür.' Aber wir antworteten: 'Nein, das muss uns Deutsche interessieren.'
In diesem Jahr wurde der Preis zum zehnten Mal verliehen. Das Abgeordnetenhaus von Berlin begeht mit dieser Veranstaltung den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Neben dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Walter Momper, und Arthur Obermayer hielt die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes, Jutta Limbach, gestern Abend beim Festakt eine Ansprache. Den musikalischen Rahmen gestalten Schülerinnen und Schüler der Internationalen Musikakademie zur Förderung musikalischer Hochbegabter in Deutschland mit Stücken von Paul Hindemith und Wolfgang Amadeus Mozart. Zu Beginn der Festveranstaltung trat die Faster-than-Light-Dance-Company aus Berlin mit dem Tanzstück
'Klagelied' auf.
Neben Gabeli wurde als weiterer Baden-Württemberger gestern auch Walter Ott aus dem Münsinger Ortsteil Buttenhausen ausgezeichnet. Der heute 81-jährige hat sich um die Aufarbeitung der Geschichte Buttenhausens verdient gemacht: der Ort war ein Sammelpunkt, von dem aus Juden aus ganz Deutschland in Konzentrationslager deportiert wurden." |
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Artikel im "Schwarzwälder
Boten" vom 29. Januar 2010 (Artikel):
"'Diese Geschichte muss uns Deutsche einfach interessieren'
Haigerloch. Helmut Gabeli hat für seinen Einsatz um die jüdische Geschichte Haigerlochs am Montag in Berlin den renommierten Obermayer-Award bekommen (wir haben berichtet). In einem Gespräch mit ihm wird deutlich, worin seine Motivation liegt, die Erinnerung an diese Vergangenheit in all ihren Facetten
wachzuhalten.
Gabeli wurde 1944 als Sohn deutschstämmiger Eltern in einem kleinen Dorf bei Budapest geboren (sein Vater war Bauer, seine Mutter stammte aus einer Bergarbeiterfamilie) Seine Mutter hatte als Hausmädchen für einen jüdischen Fabrikanten in der ungarischen Hauptstadt Budapest gearbeitet und wurde Zeugin der Deportation der jüdischen Bürger.
Nach dem Krieg zog die Familie zunächst nach Wien und später in die Schwarzwaldregion. Nach dem zweijährigen Bundeswehrdienst, den Gabeli als Offizier beendete, studierte er an der Universität Tübingen Geschichte und Jura und ließ sich danach als Rechtsanwalt nieder.
1968 kam er nach Haigerloch, genauer gesagt nach Trillfingen, weil seine Ehefrau Brigitte dort eine Lehrerstelle antrat. Als sie nach kurzer Zeit erfuhren, dass sich der damalige Spar-Markt im Haag sich in einer ehemaligen Synagoge befand, waren beide entsetzt.
'Meine Frau und ich beschlossen sofort dort nicht mehr einzukaufen', erinnert sich
Gabeli, 'Ich hatte Respekt vor der jüdischen Religion. Es erschien mir unmoralisch, in einem Gebäude einzukaufen, in dem sich einst Juden zum Gebet versammelt hatten.'
20 Jahre später, aus Anlass des 50. Jahrestages der Reichspogromnacht, war Gabeli Mitbegründer des Gesprächskreises Ehemalige Synagoge Haigerloch. Dessen Ziel war nicht nur die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte Haigerlochs, sondern langfristig auch der Kauf der Ehemaligen Synagoge im Haag.
1999 wurde dieser Traum Realität, den Helmut Gabeli sammelte mit dem aus zehn Personen bestehenden Gesprächskreis, dessen Zweiter Vorsitzender er ist, 80 Prozent des Kaufpreises.
Gabeli: 'Wir traten an den Bürgermeister heran und sagten: ,Hier sind
200.000 Mark, bitte legen Sie die fehlenden 50.000 Mark dazu und kaufen Sie das Gebäude für die Stadt.' Bürgermeister und Gemeinderat stimmten dem zu, auch wenn viele Bürger dem Projekt zunächst skeptisch gegenüberstanden.
Als Argument hörte er damals oft: 'Lasst die Geschichte ruhen. Das ist so lange her, niemand interessiert sich mehr dafür.'
Gabeli: 'Aber wir antworteten: ,Nein, das muss uns Deutsche interessieren.‘'
Als die Synagoge wieder hergestellt und die gemeinsam mit dem baden-württembergischen Haus der Geschichte aufgebauten
Dauerausstellung 'Spurensicherung' zu besichtigen war, änderten die Menschen langsam ihre Meinung.
'Sie zeigten Respekt und sagten, wir hätten das Richtige getan', blickt Helmut Gabeli heute mit einer gewissen Genugtuung zurück.
Mittlerweile hat sich aber auch seine Perspektive etwas verändert. 'Ich dachte anfangs, das Wichtigste wäre die Wiederherstellung der Synagoge. Jahre später merkte ich, dass es der
Kontakt zu den Juden aus aller Welt war, egal ob sie ihre Wurzeln in Haigerloch haben oder nicht. Dieser Kontakt ist mir so wichtig, dass ich dafür Tag und Nacht arbeiten würde.'
Die Frage, warum Millionen von Menschen Hitler folgten, beschäftigt ihn bis heute und besonders stark ist sein Interesse an einer kleinen Stadt, in der es einst eine jüdische Gemeinde gegeben hatte. Deshalb hat Gabeli zahlreiche Artikel und Bücher über die Haigerlocher Juden geschrieben. Er hat außerdem zahllosen Familien die Gräber ihrer Vorfahren auf Haigerlochs jüdischem Friedhof gezeigt, Vorträge zur jüdischen Geschichte an der Universität Tübingen gehalten und rund 400 Führungen durch die Stadt geleitet. Mitunter hilft Helmut Gabeli Schülern bei ihrer Vorbereitung auf das Abitur, indem er Projekte zur jüdischen Geschichte begleitet.
Weitere Informationen: Der Bericht enthält Auszüge aus einem Interview, das der amerikanische Journalist Michael Levitin mit Helmut Gabeli geführt hat. Heike Kähler aus Berlin hat es für die Obermayer Foundation ins Deutsche übersetzt." |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Sauer: Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und
Hohenzollern. 1966. S. 87-90. |
 | Germania Judaica II,1 S. 316; III,1 S. 491. |
 |
Willi Schäfer: Geschichte und Schicksal der Juden
in Haigerloch. Zulassungsarbeit PH Reutlingen. 1971. |
 | Frowald Gil Hüttenmeister: Drei
Grabsteine des jüdischen Friedhofes
von Haigerloch, in: Les Juifs au Regard de l’Histoire. Melánges an
l’honneur de Bernhard Blumenkranz. 1985. S. 383-392. |
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Hans Peter Müller: Die Juden in der Grafschaft
Hohenberg, in: Der Sülchgau 25 (1981) S. 36-43. |
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Karl Werner Steim: Juden in Haigerloch. Photos
von Paul Weber. Haigerloch 1987. |
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ders.: Die Synagoge in Haigerloch. Haigerloch 1988. |
 | ders.: Haigerloch in preußischer Zeit (1850-1945). Haigerloch 1994. |
 |
Klaus Schubert: Der gute Ort. Die jüdischen
Friedhöfe Haigerlochs. Haigerloch 1990. |
 |
Utz Jeggle: Erinnerungen an die Haigerlocher
Juden. Ein Mosaik (Untersuchungen des Ludwig-Uhland-Instituts Tübingen, Bd.
92). Tübingen 2000. |
 |
Ralf Schäfer: Die Rechtsstellung der
Haigerlocher Juden im Fürstentum-Sigmaringen von 1634-1850. Eine
rechtsgeschichtliche Untersuchung. Frankfurt am Main 2002 (zugleich:
Tübingen, Univ. Diss., 2001). |
 | Joseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern -
Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from
their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem
1986. S. 168-170. |
 | Joachim
Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als
Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte
und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt,
Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial,
Jerusalem. Stuttgart 2007.
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Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the
Holocaust".
First published in 2001 by NEW
YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad
Vashem Jerusalem, Israel.
Haigerloch
Hohenzollern. Jews are first mentioned in 1343 and were burned to death in the
Black Death persecutions of 1348-49. They are again mentioned late in the 15th
century and by 1570 constituted a well-established settlement. From 1640 until
1837 they lived under various restrictive letters of protection issued by the
Hohenzollerns. In 1745, their number was limited to 20 families. Marriage was
prohibited and from 1752 they were forced to listen to church sermons. From 1780
they were not allowed to buy houses. The Jewish population grew to 382 in 1852 (about
a quarter of the total). A Jewish public school operated from 1823 to 1939. Jews
sat on the municipal council. In 1933, the Jewish population was 186. On Kristallnacht
(9-10 November 1938), the synagogue, community center, and school were damaged
and ten Jews sent to the Dachau concentration camp. At least 53 Jews managed to
emigrate from Germany; most of the others were deported to the east in 1941-42.

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