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in Haigerloch
Haigerloch (Zollernalbkreis)
Texte/Berichte zur jüdischen Geschichte des Ortes
Die nachstehend wiedergegebenen Texte mit
Beiträgen zur jüdischen Geschichte in Haigerloch wurden in jüdischen Periodika
gefunden.
Bei Gelegenheit werden weitere Texte eingestellt.
Übersicht:
Allgemeine Berichte zur Geschichte der jüdischen
Gemeinde
Erzählung von Dr. Samuel Mayer (Hechingen) über die Erlebnisse eines reisenden
Händlers in Haigerloch Mitte des 18. Jahrhunderts
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 19. November 1849: "Prag vor hundert Jahren. Erzählung von Dr. Samuel Mayer (Fortsetzung).
Hirsch Weil hatte seit seiner Verbannung aus Prag die Freuden und Leiden
des von ihm gewünschten Landstreicherlebens zur Genüge gekostet. Viele
Israeliten hatten keine bleibende Stätte, wenn sie in einem Staate aus
dem Schutzverbande entlassen und von keinem anderen Schutzherrn
aufgenommen worden sind. Heimatlos wanderten sie durch die Welt und
besuchten alle Orte, wo Glaubensgenossen ansässig waren. Sie wurden
gastfreundlich aufgenommen, denn Gastfreundschaft wird von der
israelitischen Religionslehre sehr empfohlen. War doch Abraham
gastfreundlich gegen die drei unbekannten Männer, die ihn besuchten, und
es ergab sich, dass es drei Engel waren, die er bewirtete. Sie brachten
ihm erfreulich Botschaft. Ist doch Lot gerettet worden, als Gottes Zorn
die Städte Sodom und Gomorrha zerstörte. |
denn
er war gastfreundlich gegen die als Wanderer verkleideten Engel, als sie
bei ihm einkehrten. So könne man ja noch immer nicht wissen, ob der oder
der andere Gast nicht ein verkleidetes überirdisches Wesen sei? Sind doch
alle Menschen nur Gäste in der Schöpfung Gottes, der sie speise und
bewirte; waren doch besonders die Kinder Israels nur Gäste, welche nicht
wissen konnten, ob sie heute oder morgen von ihren Wohnsitzen vertrieben würden,
sodass auch sie den Wanderstab ergreifen und unstet und flüchtig umher
irren müssten? Darum wurden von den Gemeinden Herbergen, die man
‚Schlafstätten’ nannte, errichtet, in welchen die Wanderer übernachten
und verweilen konnten. An den Sabbat- und Feiertagen wurden sie bei den
Familien einquartiert, sie erhielten Billets, Blätte genannt, worauf der
Name des Mannes stand, an dessen Tisch sie essen durften. An den Werktagen
hausierten sie mit allerlei Warenartikeln, die sie auf dem Rücken trugen,
weshalb sie auch ‚Packenträger’ genannt wurden; oder es waren
reisende Schriftgelehrte, welche besonders gut gehandelt und freigebig
beschenkt wurden; oder sie besuchten die Märkte und schnitten den Bauern
die Geldbeutel ab, oder sie trieben das Handwerk der Taschendiebe oder der
linken Geldwechsler. Was sie erbettelten und erwarben, verprassten sie
wieder in den Schlafstätten. Sie heirateten Glaubensgenossinnen und
zeugten Kinder, die zu demselben Gewerbe erzogen wurden. Der Name eines
Gastes oder Orach wurde zur Bezeichnung eines garstigen, schmutzigen und
zudringlichen Menschen gebraucht, aber dennoch die Gastfreundschaft gegen
sie nicht verletzt, bis man vor einem viertel Jahrhunderte den unsteten
Wanderern von Staatswegen bleibende Stätten in den Gemeinden angewiesen
hat, in welchen sie geboren, oder beschnitten, oder getraut, oder
aufgegriffen worden waren.
Einen solchen genussreichen Lebenswandel hatte auch Hirsch vierzig Jahre
lang mit großem Behagen geführt. Aber jetzt wurden seine Haare grau, er
fühlte die Schwäche des Alters nahen. Er sehnte sich nach einer Ruhestätte,
denn er hatte ausgetobt, und dachte über seinen jugendlichen Leichtsinn
nach, der ihn in die Welt hinausgetrieben hatte. Ein Gast hatte ihm
gesagt, dass sein alter Vater noch lebe, und dunkle Gefühle der Sehnsucht
nach ihm regten sich mächtig in seinem Herzen. Ein besonderer Umstand
fachte dieses Gefühl zum unwiderstehlichen Heimweg an.
Auf seinen ewigen Wanderzügen kam er auch, mit seiner kinderlosen Frau,
einer Korallenfabrikantin, deren Herz sich auf der Landstraße ohne
weitere Prüfung zu seinem Herzen gefunden hatte, in den Schwarzwaldkreis.
Er wollte die Gegend sehen, in welcher sein Vater und Großvater gewohnt
hatten. So kam er auch nach Haigerloch in dem Fürstentum
Hohenzollern-Sigmaringen, wo Raphael Benjamin Gemeindevorsteher war. Sein
haus war wegen der in demselben herrschenden Gastfreundschaft allen Gästen
in der Nähe und Ferne wohl bekannt. Die Gemeinden in dieser Gegend waren
noch jung und aufblühend, denn erst seit kurzer Zeit durften sich hier
Israeliten niederlassen. Bei dem Anfang des vorigen Jahrhunderts kamen
mehrere Israeliten nach Hohenzollern-Hechingen, und der damalige Fürst
Friedrich Wilhelm erlaubte ihnen, kraft des auf die Dauer von zehn Jahren
dekretierten Schutzbriefes, in den Dörfern des Fürstentums sich
niederzulassen. Sein Nachfolger, der Fürst Friedrich Ludwig, erteilte
ihnen zwar keinen Schutzbrief, aber er duldete sie stillschweigend. Auch
die Fürsten von Sigmaringen, die Grafen und Barone von Mühringen,
Baisingen, Rexingen und Nordstetten gestatteten ihnen die Ansiedlungen. In
dem Blute Israels liegt eine magnetische Kraft, welche die Kinder des
Volkes durch eine innere Sympathie schnell vereinigt und verbindet. Bald
kamen noch mehrere Glaubensgenossen in diese Orte und ließen sich häuslich
nieder, denn im Herzogtum Württemberg waren seit dem gewaltsamen Tode des
Finanzministers Süß Oppenheim die Gesetze gegen die Juden in der Art
wieder geschärft worden, dass sie sich in diesem Staate nicht
niederlassen durften und sobald sie das Gebiet betraten, einen Geleitsmann
erhielten, der sie bis an die Grenze führten musste. Die Gemeinden
schlossen sich daher eng aneinander an und lebten gemeinschaftlich in
Eintracht und Frieden. Jetzt erwarteten sie die Rückkunft Raphaels, denn
der Rabbiner in Stein bei Hechingen war tot, und man wollte einen
Landrabbiner anstellen, der seinen Sitz in Mühringen haben sollte.
Am Fasttage Ester kam Hirsch nach Haigerloch in den Haag, eine abgelegene
Talgasse, wo die Israeliten wohnen durften. Er ließ seine Frau in der
Schlafstatt ausreihen und begab sich in das niedere Häuschen des
Vorstehers, dessen Frau, Rebekka, mit der Zubereitung der Backwerke für
das Purimfeste beschäftigt war. Sie war eine herzliche gute Frau; aber
sie hatte die Gewohnheit, alle Menschen, die sie besuchten, zuerst zu
schelten und dann ihnen große Ehre zu erweisen, Nahrung in Überfluss
vorzusetzen und reichliche Gaben zu spenden. |
’Woher
seid Ihr?’ rief sie dem eintretenden Packenträger zu. ‚Von Prag’,
war die kurze Antwort. ‚Von Prag? So seid Ihr falsch wie Galgenholz,
denn alle Böhmen sind falsch.’ Hirsch, der von ihr gehört zu haben
schien, überhörte den höflichen Gruß. ‚Brauchen Sie keine Messer und
Gabeln?’ fragte er im Handelstone. ‚Nein, behaltet sie für Euch!’
‚Braucht sie keine Niederländer Spitzen?’ ‚Ja,’ antwortete sie
eifrig und freundlich, ‚kommt her, lasst sie sehen!’
Hirsch aber erwiderte höhnisch: ‚Spitzen will Sie haben, aber
Messer und Gabeln verlangt Sie nicht? Sie kann sehen, wo Sie bekommt!’
Rebekka überhäufte ihn mit einem Schwall von Schimpfwörtern,
aber Hirsch lachte ihr ins Gesicht, dass sie wider Willen mitlachen
musste. Er forderte dreist seinen Anteil an den Backwerken, den er auch
erhielt. Während er mit dem Einpacken beschäftigt war, fragte sie ihn,
ob er schon lange nicht in Regensburg gewesen sei? Dort wohne die
Schwester ihrer Mutter. ‚Ich komme von Regensburg,’ entgegnete er,
indem er den ekelhaften Saft des im Munde käuenden Rauchtabaks zwischen
den Zähnen hervorspritzte. ‚Als ich fort ging, ist ein großes Unglück
geschehen. Ein fremder, junger Mann, ich glaube, es war der hiesige
Vorsteher, ist plötzlich an einem Schlagfluss gestorben.’ ‚Sch'ma
Israel! Das ist mein Mann, mein guter Mann!’ schrie die Frau, indem sie
die Haube vom Kopfe riss und sich jammernd auf den Boden warf. ‚Steh’
Sie jetzt wieder auf,’ lachte Hirsch, ‚ich habe schon gesehen, dass
Sie in Einer Minute brav und bös sein, lachen und weinen kann. Ihr Mann
ist frisch und gesund und kann jeden Augenblick heimkommen.’ Eben trat
Raphael zur Stube herein. Er fragte erschrocken, was diese Trauer bedeute,
worauf sie erzählte, was der Gast gesagt habe. ‚Ich habe’, ergänzte
Hirsch, ‚mit Eurer Frau Komödie gespielt. Sie hat mir gemacht ein
Trauerspiel zum Lachen, darum habe ich ihr ein Lustspiel zum Weinen
gemacht’. Da lächelte der Vorsteher und sprach sehr heiter: ‚Ihr habt
ganz recht getan, dass Ihr meine Frau erschreckt habt, denn sie wird Euch
gewiss gescholten haben. Zum Lohne sollt Ihr morgen bei mir zu Gast
geladen sein.’ Hirsch nahm mit Freude die Einladung an. Am Tische musste
er von seinen Schicksalen und Abenteuern erzählen. Diese Mitteilungen
regten einen unendlichen Kummer in ihm auf, denn alle Menschen, die von
ehrbarer Familie abstammen, aber sich ihres Glückes durch die eigene
Torheit berauben, empfinden in manchen Stunden eine tiefe innere Reue, während
die Personen, die seit ihrer Kindheit das Beispiel moralischer
Verderbtheit vor Augen sahen, in Sünden und Lastern verstockt bleiben.
Raphael bezeigte ihm seine Teilnahme und machte ihm Hoffnung, dass er
wieder nach Hause dürfe, denn man werde ihn nach Abfluss eines solchen
langen Zeitraums gewiss nicht mehr erkennen. ‚Ich selbst,’ fügte er
bei, ‚werde, da ich ohnedies Geschäfte in Böhme abzumachen habe, etwa
im nächsten Dezember nach Prag kommen, um einen gemeinschaftlichen
Rabbiner für unsere Gemeinden zu holen, denn in Prag gibt es ja große
Schriftgelehrte, welche sich freuen werden, eine gute Anstellung zu
erhalten. Um jene Zeit komme ich nach Prag und ich will sehen, was sich für
Euch tun lässt.’ Hirsch war hoch erfreut über diesen Antrag, der ihm
wie aus der Seele gesprochen war. Sein Mund übersprudelte von den Ausdrücken
des tiefsten Dankgefühles, aber auch von dem Lobe, das er dem Sohne
seines Onkels, dem Appellanten Nethanel Weil, zollte, da er demselben das
Los eines Landrabbiners des Schwarzwaldkreises umso mehr wünsche, als die
Frau Vorsteherin zwar eine bittere Zunge, aber ein desto süßeres Herz
habe.
Rebekka schmunzelte freundlich beistimmend, Raphael beschenkte ihn großmütig,
und Hirsch trat seine Wanderung nach dem angewiesenen Ziele an, in dessen
Nähe angekommen, sein Herz gewaltig pochte, da er durch verschiedene
Gegenstände an die glückliche Jugendzeit erinnert wurde. Er wagte es
aber nicht, die Stadt zu betreten, und sah sich ängstlich nach allen
Seiten um, ob seine Frau, die im letzten Dorfe zurückgeblieben, während
er sehnsuchtsvoll vorausgeeilt war, noch nicht kommen werde. Dadurch wurde
er verdächtig und festgesetzt, als eben seine Frau ankam. Sie heulte ihm
jammernd nach und bat um seine Freilassung, aber sie wurde mit Kolbenstößen
zurückgetrieben. Schreiend eilte sie zu den Gemeindeältesten, die sehr
erschraken bei dieser Kunde, denn sie fürchteten, dass dieser Umstand zum
Beweis ihrer Schuld benützt werden möchte. Sie beschlossen daher, die
Ungnade des Machthabers durch ein kostbares Geschenk abzuwenden. Landau
aber hatte richtig geurteilt. Der Herr nahm das Geschenk an und tat
dennoch, was er wollte." |
Besuch
der Autorin Margarete Marasse in Haigerloch und
ihr Bericht (1918)
Anmerkung: nach Angaben des Jüdischen Biographischen Archivs
ist die Autorin Margarete Marasse geb. Wolff (Pseudonym: M. Morgan) am 23.
November 1854 geboren. Sie lebte zuletzt (1938) in Berlin. Ihr weiteres
Schicksal konnte nicht geklärt werden.
Herzlichen Dank für diesen Hinweis an Georg Trettin, Frankfurt.
Artikel in
der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 12. April 1918: "Die Juden von
Haigerloch. Von Margarete Marasse. Das kleine hohenzollernsche Bergstädtchen
Haigerloch, wie Hechingen und Sigmaringen dem preußischen Staate zugehörig,
obgleich im schwäbischen Gebiet, besitzt der Beziehungen viele zu
mittelalterlichen Geschichte, zum Minnesang, zur Romantik und zur Kunst
des Barock. Auch landschaftlich lugt der wenig bekannte Ort sehr merkwürdig
über der wilden Eyachschlucht ins Grüne. In heiliger Einsamkeit, geschützt
von drohenden Tannen auf starrem Fels, scheint er der gewitterschwülen,
der furchtbaren Zeit zu trotzen. Eine seltsam zusammengesetzte Bevölkerung,
Dinge gegensätzlicher Art, die da droben zwischen den Burger friedlich
nebeneinander ruhen, veranlassen mich, Haigerloch an dieser Stelle ein
warmes Wort zu weihen. Die Geschichte der Ansiedlung, die ich lapidar
wiedergeben möchte, bietet nicht gerade Ungewöhnliches: ums Jahr 1061 in
den Besitz der Zollern, die sich erst seit dem 13. Jahrhundert auch
‚Hohenzollern’ nannten, gelangt, wurde Haigerloch von Rudolf von
Habsburg zur Stadt erhoben und überflügelte bald alle die anderen
kleinen Residenzen in der Umgegend. Mit einer Unterbrechung von etwas über
100 Jahren blieb es bis auf den heutigen Tag unter hohenzollernscher
Herrschaft.
Die schwäbische Habe dieses Hauses wurde im Jahre 1575 geteilt.
Eitelfriedrich IV. erhielt Hechingen, Karl Sigmaringen, Christoph, der
nachmalige Erbauer der schönen spätgotischen Schlosskirche mit ihrem prächtigen
holzbemalten Hochalter in Haigerloch, diese emporblühende Stadt. Die drei
genannten Glieder der jüngeren schwäbischen Linie sind die Stifter der
Nebenzweige des hohenzollernschen Hauses geworden. Heute sind diese
Gebiete wieder vereinigt. Am frühestens – im Jahre 1634 – erlosch die
Linie Haigerloch. Nie verband ein rastloser Strom des Verkehrs das Städtchen
mit der Außenwelt, ein gutes Motiv zur Erhaltung der Eigenart. Wer jetzt
die lohnende Fußwanderung scheut, der vertraut sich einer klingelnden
Kleinbahn an, die langsam und behäbig bergauf kriecht.
Ein Fluß in krausen Wirbeln, über dem im Spätherbst die Nebel brauen,
Wiesen und Wälder, der Burgruinen graue Schatten begleiten den
Schienenweg. Wie ein feiner, alter Stich harmonischer Architektur liegt plötzlich
das Ziel vor den Augen des sinnfrohen Reisenden. Auf steilen Felsen zu
beiden Seiten der Eyach, die ein Zustrom des Neckars ist, ragen die
Zollernschlösser. Stattliche Dome, ein imposanter frühmittelalterlicher
Turm grüßen die Sonne, die der Nebel Herr geworden. Ich gestehe es gern,
auf mich war der Eindruck ein wesentlich stärkerer als jener der
Zollernburg, der Wiege unseres |
Herrscherhauses,
am Rande der Rauen Alb, die Friedrich Wilhelm IV. allzu anspruchsvoll und
mit geringem Stilgefühl wieder aufgebaut. So kunsthistorisch Schloss und
Schlosskirche, die man nach Überwindung vieler Stufen besucht, so
reizvoll der Rokokobau der St. Annakirche auch ist, ich enthalte mich,
hier davon zu sprechen. Ebenso erscheint es überflüssig, dabei zu
verweilen, dass neben diesen beiden katholischen Gottes eine evangelische
Kirche ihren Platz behauptet. Indessen die jüdische Kolonie mit ihrem
Tempelchen in diesem weltentrückten Ort der Verbrüderung konnte
Erstaunen erregen und verdient ein kurzes Wort der Würdigung. Der Hügel
hinter der evangelischen Kirche, ‚Haag’ genannt, wird ausschließlich
von dem Volk der wunderbaren Lebenskraft bewohnt. Ein freiwilliges Getto
in einem Garten Gottes. Denn nicht in traurigen Winkelgassen wühlen
Ausgestoßene im Lumpenkram, nicht in dunklen Türöffnungen sticken und
stopfen die armen Töchter Zions. Nein, in ländlichen Wohnhäusern auf
lieblichem Boden führen die Kinder Jehovas bei vielgestaltigen Beschäftigungen
ein menschenwürdiges Dasein.
Freilich habe ich später erfahren, dass auch hier der Handel, der
Viehhandel, in den Händen dieser Männer, die sich Levi, Behr, Hirsch,
Hohenemser usw. nennen und die sich äußerlich die ausgeprägten Merkmale
ihrer Rasse erhalten haben, liegt, jedoch ohne dass diese dadurch ein
weniger geachtetes Element der Einwohnerschaft bilden, ohne in irgendeinem
anderen Gewerbe oder Handwerk behindert zu werden. Es war mir nicht ganz
leicht, die Synagoge zu entdecken, denn sie ist kein ‚auf Säulen
ruhender Tempel, innen mit köstlichen Teppichen und goldenem Bildwerk von
Granaten und Blumen ausgeziert’, wie es der älteste jüdische Tempelbau
im trasteverinischen Rom gewesen, jene prächtige Synagoge, die 300 Jahre
früher als der St. Peter und der Lateran entstanden. Hier handelt es sich
um ein einfaches Bethaus. Der Spruch über der unverschlossenen Tür:
‚Gesegnet, wer kommt im Namen Gottes’ begrüßt feierlich und
freundlich den Eintretenden. Nur begleitet von zwei rotblonden Mädelchen,
macht ich mir den Versammlungsort der frommen Gemeinde zu eigen. Außer
den Kronen von graziösen Formen ist mir Bemerkenswertes nicht
aufgefallen. Und doch liegt ein Ahnen von etwas Unnennbarem, Unfassbarem
in dem Raum, der das ‚Amen und lobe den Herrn’ so vieler Gläubigen
auffängt. Vielleicht ging vor Jahrzehnten bei der Renovation der Synagoge
und des Gemeindehauses auch heiliges Gerät verloren. Jedenfalls ist der
Vergangenheit der Gemeinde in Haigerloch – ich habe mir deswegen viel Mühe
gegeben – schwer nachzuspüren.
Tatsache ist, wie mir vom israelitischen Vorsteheramt in Haigerloch
freundlichst geschrieben wird, ‚dass damals bei der erwähnten
Restauration alle Gemeindeakten der älteren und ältesten Zeit, die nach
den obwaltenden Bildungsverhältnissen der deutschen Juden nur in jüdischer
bzw. jüdisch-deutscher Schrift abgefasst waren, mit den alten,
unbrauchbar gewordenen hebräischen Büchern heiligen Inhalts, so
genannten Schéaus und Seforim, auf dem israelitischen Kirchhof begraben
worden seien und damit der Vernichtung anheimgegeben, weil man sie für
heilige Bücher, unbrauchbare, hielt. Ein Rabbiner, der dies verhindert hätte,
war gerade nicht in der Gemeinde.’
Auf das beträchtliche Alter dieser Kolonie kann man trotz fehlender
Dokumente aus der Vergangenheit – die Gemeinde bewahrt nur einen
Judenschutzbrief aus dem 18. Jahrhundert und das Bürgermeisteramt einen
ähnlichen – durch einen nicht mehr benutzten Friedhof schließen. In
der feierlichen Ruhe des Waldes soll ‚der gute Ort’ mit Grabsteinen
aus dem 15. und 16. Jahrhundert zu finden sein. Zu später ward mir davon
die Kunde.
Es verdient hervorgehoben zu werden, dass diese wie im Gelobten Land auch
Ackerbau treibenden Semiten ‚bis zu den dreißiger Jahren des vorigen
Jahrhunderts nicht nur in konfessioneller, sondern auch in politischer
Hinsicht vollkommen selbständig unter einem Judenschultheiß wirkten’.
Aus freundlicher jüdischer Feder, durch den Herrn Vorsitzenden und
Rabbinatsverweser Wallach, erhielt ich nachträglich schätzenswertes
Material für diese Skizze. An Ort und Stelle vernahm ich aus christlichem
Munde manch kluges und ehrliches Wort über das versprengte Volk im
Schutze des so genannten Römerturms, des weithin sichtbaren Wahrzeichens
von Haigerloch. Der intelligente Buchbinder, bei dem ich als Fingerzeig
die illustrierte Postkarte erstand, der seinem Unmut gegen den Krieg kräftigen
Ausdruck verlieh, stellte als Lokalfortschritt im Weltunfrieden den
uneingeschränkten Religionsfrieden in Haigerloch fest. Reibungen und
Missverständnisse unter den Konfessionen waren auch früher nicht zu
beklagen, indessen wurde die Schuljugend von zwei katholischen, einem
protestantischen und einem jüdischen Berufenen in die Geheimnisse des
Wissens eingeführt. Nun, da jene eingezogen, sitzen alle die Männlein
und Weiblein auf einer Schulbank, und – ‚sie beißen sich nicht’, so
schloss der Berichterstatter lachend.
Über die Entstehung des Getto, des ‚Haag’, lauft eine anmutige
Legende im lande herum. Was das Volk im bunten Traum sich selbst baut, das
lohnt stets der Mühe, aufgefangen zu werden. Ein Ritter aus der
Gefolgschaft des Haigerlocher Fürsten lernte an einem
sonnendurchleuchteten Tage auf Kriegspfaden ein schönes Judenmädchen
kennen. Bei seinem rauen Bewerbe rührten ihn die sanften Taubenaugen, und
lieblich erschien ihm der Jungfrau Rede. Er begehrte sie zum Weibe, und da
ihre Angehörigen den Übertritt zum Judentum zur Bedingung machten, erbat
und erhielt er von dem Fürsten, dem weisen Fürsten, die Erlaubnis zu
freiem Tun. In der Burg von Haigerloch, unter Wipfeln mit duftendem Laub,
genoss er sein junges Eheglück. Aber das Sehnen, das große Sehnen nach
ihrem Volke überfiel die holdselige Frau. Joseph, da ihm in den stolzen
Pharaonengemächern der Tod nahte, nahm seinen Brüdern einen heiligen Eid
ab. Er verlangte, dass seine Gebeine in das Land, das Gott Abraham, Isaak
und Jakob geschworen hatte, überführt wurden.
In nicht mehr biblischer Zeit sehnte sich eine Tochter Jerusalems in
voller Lebenslust nach den feurigen Augen der Genossinnen. Selbst in der
Freude ihres Herzens suchte sie jene, die ihre Seele liebte. Der Fürst,
an den sich der Ritter abermals wandte, verschloss ihm sein Ohr nicht.
Mitleidsvoll gestattete er dem Volke, das den Geboten Jehovas gehorchte,
sich im Schatten seiner Burg anzusiedeln. Sobald der Ruf ertönte, eilten
die Hebräer herbei. Ledig und frei vom Zwange des Berufs bebauten sie den
Hügel, den der kleine Fuß der treu gesinnten Rittersfrau so oft
beschritt. Noch heute stehen Reste der fürstlichen Burg und sind von
Israeliten bewohnte. Eine jüdische Gastwirtschaft: ‚Zum Fürsten
Josef’ erinnert an vergangene Zeiten. In der Stadt des Minnesängers
Grafen Albrecht von Haigerloch, der ein Schwager Rudolfs von Habsburg
gewesen, ist dies ein Geschichtlein, in dem sich Wahrheit und Dichtung
harmonisch gepaart. |
Der
Wunsch, Proselyten zu machen, liegt nicht eigentlich im Judentum. Zu fest
wurzelt der Glaube an die lebendige Kraft der monotheistischen Lehre, als
dass man zu dem Mittel der Überredung gegriffen. Indessen die Weisheit
und Schönheit der Lehre ließ sich niemals unterdrücken. Historiker erzählen,
dass die Bürger des verfallenden Rom den tief religiösen Charakter der
Hebräer anstaunten und dass nicht wenige in den moralischen Bann des
Judentums gerieten. So sei die frevelhafte Poppäa, Neros Gemahlin, zur
Synagoge übergetreten und habe nur als Jüdin begraben sein wollen. In
Haigerloch, so geht der fromme Glaube, war es Gott selbst, der Berge
versetzt, ehe die Menschen es inne geworden." |
Bericht eines Reisenden über seine Eindrücke vom jüdischen Haigerloch
(1921)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. September 1921:
"Ganz anders (sc. im Vergleich zu der nicht mehr bestehenden Gemeinde
Dettensee) steht es in dem im nahen Hohenzollern gelegenen Städtchen
Haigerloch. Die Lage dieses Ortes ist durch die Natur auch recht
begünstigt, wenn auch die Waldungen nicht so reich, dicht und schattig
sind wie im nahen Mühringen. Aber eine blühende jüdische Gemeinde habe
ich hier kennen gelernt. Zahlreiche jüdische Kinder beleben die Straßen,
und mir scheint, dass hier die Juden in einem frei gewählten Ghetto in
der Nähe der schönen Synagoge wohnen. Ich will nicht verschweigen, dass
mir einzelne Stammesbrüder einen dementsprechenden Eindruck machten. In
der Nähe der Synagoge liegt auch gleich der wohl gepflegte 'Gute Ort' (sc.
Friedhof). Alles beieinander, wie bei den christlichen Mitbürgern auch.
Auch ein stattlicher jüdischer Gasthof ist vorhanden.
Haigerloch hat sogar einen jüdischen Männergesangverein von
ungefähr 50 Mitgliedern, welcher in der Zeit meines Dortseins von
Sängerfesten zweimal preisgekrönt heimkehren durfte. Ich habe niemals
gehört, dass der Antisemitismus dort größer ist wie anderswo. Im
Gegenteil, die Heimkehrenden, die ihrer Heimat Ehre gemacht hatten, wurden
von der ganzen Einwohnerschaft unter Jubel in ihr Vereinslokal
geleitet.
Die jüdische Schule, die den Antisemitismus nach unserer Meinung so sehr
'befördern soll', wirkt in dieser Gegend klassen-versöhnend,
nicht-trennend. Haigerloch hat natürlich eine gut besuchte jüdische Volksschule
mit einem allseitig verehrten tüchtigen Lehrer.
Auch die Stadt der Hohenzollern-Burg, Hechingen, habe ich aufgesucht und
die dortigen jüdischen Stätten besichtigt. Nur wenige Kinder besuchen
dort die jüdische Volksschule; die meisten Eltern schicken
begreiflicherweise ihre Kinder in die höheren Schulen, die sich am Platze
befinden.
Hechingen und Haigerloch waren einst bedeutende Rabbbinatssitze - die
Lehrer führen daher den Titel 'Rabbinatsverweser'. Reiche Stiftungen sind
in beiden Gemeinden vorhanden für Wohltätigkeit und Beförderung
jüdischen Wissens. Auch Mühringen hat eine Reihe derartiger Stiftungen
und Vereine.
Verfall und Blüte - auch Aufschwung - habe ich also in diesen Gemeinden
bemerken können. Der Weltkrieg hat hier mit seinen Wirkungen teilweise
hemmend gegen die 'Landflucht' eingegriffen. Wohnungsnot wie
Nahrungsmittelteuerung und die sonstigen Unannehmlichkeiten haben dem
Juden auf dem Lande erst den Wert der Heimat nahegebracht.
Der Zug nach der Großstadt scheint hier für einige Zeit zum Stillstand
gekommen zu sein.
Es gibt sogar Mittel, hier neues jüdisches Leben zu entfachen!
Doch davon ein anderes Mal." |
Über die konfessionelle Eintracht in Haigerloch (1927)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. September 1927:
"Haigerloch (Hohenzollern), 23. August. Ein schönes Beispiel
konfessioneller Eintracht bietet unser Städtchen. Neben 900 Katholiken
wohnen hier 210 Juden und etwa 150 Protestanten. Die konfessionelle
Eintracht, die hier seit langem eine Stätte fand, ist auch in den letzten
Jahren, als überall der Judenhass sich austobte, unerschüttert
geblieben. einige Ereignisse aus der letzten Zeit mögen davon Kunde
geben.
Als vor etwa einem Jahr das neue (katholisch) Krankenhaus eingeweiht
wurde, sprach im Rahmen des Festaktes neben den Vertretern der Behörden
und den Geistlichen der christlichen Konfession auch der
Rabbinatsvertreter.
In diesem Frühjahr wurde beschlossen, die Gefallenengedenkfeiern, die
bisher von den einzelnen Religionsgemeinden gesondert veranstaltet worden
waren, künftig für die ganze Stadtgemeinde gemeinsam abzuhalten. Ohne
Anregung von jüdischer Seite wurde folgendes festgelegt: die Gedenkrede
soll der Reihe nach von den Geistlichen der drei Gemeinden gehalten
werden. Also sprach in diesem Jahre der katholische Geistliche als
Vertreter der größten Religionsgemeinde am Ort. Im nächsten Jahre wird
dann der Rabbinatsverweser die Gedenkrede halten und erst im folgenden
Jahre der evangelische Pfarrer.
Einen neuen Beweis der Eintracht brachte die weltliche Feier, welche die
katholische Gemeinde anlässlich der Einführung ihres neuen Stadtpfarrers
veranstaltete. Auch die Vertreter der jüdischen Gemeinde waren
eingeladen, und Rabbinatsverweser Spier führte in seiner Ansprache etwa
folgendes aus: Mit der katholischen Gemeinde freue sich auch die jüdische
Gemeinde, und diese Mitfreude sei umso größer, als dem neuen Pfarrer der
Ruh vorausgehe, dass er wie kaum ein anderer geeignet sei, den hierorts
herrschenden Geist der Eintracht weiter zu pflegen. Dem neuen
Stadtpfarrer, der zum Dienste des einen Gottes, an den wir schließlich
alle glauben, als dessen Kinder wir uns alle fühlen, in unsere Stadt
einziehe, rufe die jüdische Gemeinde zum Gruß entgegen: Gesegnet sei,
der da kommt, im Namen des Herrn!
Der also Begrüßte erwiderte, dass er von je die größte Hochachtung vor
der jüdischen Religion und vor ihren Bekennern gehegt habe. Er habe oft
seinen bisherigen Pfarrkindern die Treue, mit der die Juden an ihren
Religionsgesetzen hingen, als Beispiel vor Augen gestellt. Er werde weiter
diese Hochachtung vor dem Judentum und den Juden sich bewahren und werde
mit ganzer Kraft sich um die Erhaltung des konfessionellen Friedens
mühen.
Bietet der ganze Vorgang ein schönes Bild des gegenseitigen
Verständnisses und der Eintracht, so zeigt er weiter noch, wie wir Juden
uns am ehesten die Achtung der Andersgläubigen erwerben können: nicht
durch bedingungslose Anpassung, sondern durch Treue zum Glauben unserer
Väter. Möchte doch diese Erkenntnis Allgemeingut unserer jüdischen
Brüder werden!" |
Sabbatstille in Haigerloch - Bericht eines
nichtjüdischen Autors in der "Neuen Zürcher Zeitung" 1930
Artikel
in der "CV-Zeitung" (Zeitung des Central-Vereins) vom 17. Oktober
1930: "Sabbatstille in Haigerloch. Im Feuilleton der ‚Neuen Zürcher
Zeitung’ vom 12. Oktober dieses Jahres beschreibt Felix Burckhardt das
auf der Schwäbischen Alb malerisch gelegene, uralte hohenzollernsche Städtchen
Haigerloch. Nach einem Rückblick auf die wechselvolle Geschichte dieser
preußischen Exklave und einigen das Stadtbild charakterisierenden
Bemerkungen schildert der Verfasser ‚ein Erlebnis ganz eigener Art’,
von dem er sagt, dass es wohl noch lebendig sein werde, wenn die Umrisse
des malerischen Bergstädtchens schon in seiner Erinnerung verwischt
seien. Der Artikel schließt nämlich mit den Sätzen: ‚Es war an einem
Samstag, am frühen Nachmittag, als ich die Gassen durchstreifte. Das
Leben einer ländlichen Kleinstadt pulste darin mit Hammerschlag und
Kaufladenklingelton, mit dem Knarren und Kreischen der gebremsten Wagenräder
in den steilen Gassen und dem Brüllen des Viehs in den Ställen, die
ausgemistet wurden, mit Kinderlärm und nachbarlichem Getratsch der
Frauen. Ein paar Schritte weiter tat sich, auf halber Höhe der Felswand
vorgelagert, ein weiter Platz auf, von einstöckigen Häuschen umgeben.
Was war denn da plötzlich anders geworden? Ach ja, das war’s: eine
tiefe Stille, kein Mensch draußen vor den Häusern, nur hinter halb
vorgezogenen Gardinen ein paar ruhige, alte Gesichter. Ich las die
Namenschilder an den Haustüren, über den paar Kaufläden: Behr und
Hirsch, Levi und Löwenstein waren da zu Hause. Ich war ins Judenviertel
von Haigerloch geraten, und es war die feierliche Ruhe des Sabbats, die
mich umgab. Nicht in einem finstern Ghetto hinter Tor und Mauer, sondern
als Kind seiner toleranten Zeit hat Fürst Joseph vor 170 Jahren seine
Haigerlocher Juden in einem freundlichen grünen Winkel seines Städtchens
angesiedelt, und noch heute ist dieser Stadtteil, ‚im Hag’ genannt,
ausschließlich von ihnen bewohnt. Die Stille war fast beklemmend. Hier
erneuert sich jede Woche das, was wir nur noch als Titel von
Erbauungsschriften kennen: die Sabbatstille, geboten durch das Gesetz vom
Sinai. Wahrlich, im Judenviertel von Haigerloch gelten noch die Worte des
Dekalogs: Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. Da sollst du
kein Werk tun, noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch
deine Magd, noch dein Vieh. – Und ich, der Fremdling in den Toren
Israels, setzte meine Füße behutsam auf, um diesen wundersamen
Feiertagsfrieden nicht zu stören.’ |
Aus der Geschichte des Rabbinates
Zum Tod von Rabbiner Hilb (1880)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 29. Juni 1880: "Man
schreibt uns aus Haigerloch vom 16. dieses Monats. Heute verstarb hier
Herr Rabbiner Hilb, der 1806 hier geboren, seit 1836 bei der hiesigen
Gemeinde als Rabbiner fingierte. Der Dahingeschiedene nimmt die volle
Anerkennung Aller, die ihn kannten, mit ins Grab. Ohne Unterstützung des
Staates ist die hiesige Gemeinde nicht imstande, die Stelle wieder zu
besetzen. Seit dem 1. September 1879 erhielt der Verstorbene monatlich 25
Mark von der königlichen Landeskasse, eine Subvention, die er nicht lange
genoss und die zur Neubesetzung nicht hinreicht. Vielleicht vereinigen
sich Hechingen, Haigerloch und Dettensee zu einem gemeinsamen Rabbinate." |
Ausschreibung des Rabbinates (1883)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 18. September 1883: "Die hiesige israelitische Gemeinde beabsichtigt die
Rabbinatsstelle,
vorläufig provisorisch, zu besetzen mit einem Jahresgehalt von 1.500 Mark
und freier Wohnung, nebst 100 Mark aus verschiedenen Stiftungen. Bewerber
um diese Stelle werden ersucht, ihre Anmeldung mit Beifügung ihrer
Zeugnisse beim hiesigen Vorsteheramt einzureichen.
Haigerloch,
Hohenzollern, den 2. September 1883. Israelitisches Vorsteheramt. David
Levi." |
Ausschreibung des Rabbinates (1888)
Anzeige
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. Dezember 1888: "Bekanntmachung. Durch die Berufung unseres Rabbiner Herrn Dr. Spitz zum
Bezirksrabbiner nach Gailingen wird die hiesige
Rabbinerstelle vakant, und
soll baldigst wieder besetzt werden. Akademisch gebildete Bewerber, die
mir der nötigen Hatarat Horaah
versehen und der religiösen Richtung angehören, wollen ihre Zeugnisse
bis zum 15. Januar 1889 der unterzeichneten Stelle gefälligst einsenden.
Gehalt 1.600 Mark, freie Wohnung und Nebeneinkünfte 300 Mark.
Haigerloch
(Hohenzollern), 31. Dezember 1888. Das israelitische Vorsteheramt." |
Begrüßung von Rabbiner Dr. Aron Wolff durch den Gemeindevorsteher (1889)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. April 1889: "Haigerloch.
Vorigen Freitag, den 5. dieses Monats, hielt der von der hiesigen Gemeinde
einstimmig erwählte Rabbiner seinen Einzug in hiesiger Stadt. Herr Dr. A.
Wolff, seither in Kurnik in der Provinz Posen, hat am 1. April seine alte
Heimat verlassen und an dem oben bezeichneten Tage sein Amt dahier
angetreten. Da der Vorstand von der Ankunft des genannten Herrn
unterrichtet war, so ist derselbe dem Ankommenden bis zur nächsten
Station entgegen gefahren und fand auch alldort eine herzliche Begrüßung
statt, die sich alsdann in dem engeren Heim des Einziehenden zu einer
sympathischen Kundgebung gestaltete, und den neuen geistlichen Lehrer der
Gemeinde erkennen ließ, dass man dessen Amtsantritt mit Freuden allseitig
entgegen nimmt und dass auch mit Hinblick auf diesen wahrhaft freundlichen
Empfang das Verhältnis zwischen Rabbiner und Gemeinde ein gutes werden
und bleiben wird. In diesem Sinne sprach sich auch Herr Dr. A. Wolff in
seiner glanzvollen Rede aus, die er am vorigen Sabbat vor der zahlreich
versammelten Gemeinde hielt. Waren es doch Worte der Innigkeit, reich an
Gedankenfülle und geschmückt durch die Wahl des klassischen Ausdruckes,
die der Redner seinem Texte (hebräisch und deutsch:) ‚Sei von den Schülern
Aron’s, friedliebend, Frieden
stiftend, Menschen liebend und sie zur Tora leitend’, anfügte und die
so recht erkennen ließen, dass die Gemeinde in ihrem neu ernannten
Rabbiner nicht allein einen reich begabten und gebildeten Mann erkoren,
sondern auch einen Freund des wahren Friedens in ihrer Mitte haben wird. Möge
es ihm auch vergönnt sein, den Baum der Erkenntnis des sittlichen und
religiösen Lebens nach seiner neuen Heimat zu verpflanzen und mögen die
Früchte desselben dort auch jene Labung gewähren, die dem Judentum zur
Erfrischung und der gesamten Menschheit zur Kräftigung wird und daraus
jener Segen sich entfalte, der zum Bande der Eintracht werde zwischen den
Bekennern aller dort lebenden Konfessionen." |
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer und der
Schule(n)
Von einem Beth-Hamidrasch (jüdisches Lehrhaus), das um 1860/70 nicht gegründet wurde
(Artikel von 1926)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. November 1926: "Von einem
Beth-Hamidrasch, das nicht gegründet wurde - von Gustav Spier in
Haigerloch. Das Hinscheiden Rabbiner Salomon Breuers – das Andenken an
den Gerechten ist zum Segen – hat die Gedanken vieler auf seine große
Gründung, die Jeschiwot und überhaupt auf die Jeschiwot-Gründungen der
neuesten Zeit gelenkt. So darf man vielleicht Interesse voraussetzen für
den Plan zu einer ähnlichen Anstalt, einen Plan, der leider kurz vor der
Vollendung scheiterte. Es handelt sich um das Projekt für ein Beit
Hamidrasch in Haigerloch. Haigerloch ist ein kleines Städtchen im
wesentlichen Teil des Ländchens Hohenzollern und hat eine ziemlich alte
und ansehnliche Gemeinde, die noch heute im ehemaligen Ghetto geschlossen
beisammen wohnt. Bis vor ca. 30 Jahren hatte die Gemeinde auch Rabbinat.
Hier in Haigerloch lebte zwischen 1812 und 1873 Jakob Regensburger. Die
Erinnerung an seinen Reichtum ist heute noch in der Gemeinde erhalten
geblieben, und die ältesten Männer der Gemeinde wissen auch noch von
seinem Plan, ein jüdisches Lehrhaus zu gründen. Genaueren Aufschluss darüber
gaben mir aber erst die Akten des ehemaligen Oberamts Haigerloch. Sie
berichte folgendes: ‚Am 1. Juni 1866 richtete der erwähnte Jakob
Regensburger ein Gesuch folgenden Inhalts an das Oberamt: Das Bewusstsein,
dass die Religion eines der heiligsten Güter der Menschheit sei, dass sie
aber durch die zur Zeit herrschende materielle Geistesrichtung bedroht
werde, habe in dem Antragsteller den Plan reifen lassen, in Haigerloch ein
Beth-Hamidrasch, d.h. ein Lehrhaus zu gründen. Die jüdische Volksschule
unterrichte zwar im Lesen der heiligen Schrift und in der systematischen
Religionslehre, sie lehre auch einige Gebete und einige Kapitel des
Pentateuchs zu übersetzen. Aber ‚der so reiche Schatz von herrlichen
Lehren und Vorschriften, wie sie die mündliche Überlieferung und die
Kommentare enthalten, unzählige Sittensprüche, Lebensregeln, heilige
Legenden, die Lehren eines Maimopnides, eines Aben-Esra, einer Kimchi,
eines Albo; die schönen Dichtungen der jüdisch-spanischen Schule; die
Forschungen der neueren jüdischen Gelehrten, wie eines Luzzatto, Wessely,
Rappaport, Zunz, Sachs – alles das bleibt den Kindern, ja fast einer
ganzen Generation verschlossen. Ich möchte deshalb |
ein
Lehrhaus gründen, an dem ein jüdischer Theologe als Lehrer angestellt
werde, der eine Universität besucht und sein Staatsexamen mit Erfolg
bestanden, der ein grammatikalisch gebildeter Hebraiker und ein gewiegter
Talmudist ist. In diesem Institute soll jüdischen Jünglingen Gelegenheit
geboten werden, sich in der jüdischen Theologie so viele Kenntnisse zu
erwerben, als für sie zu ihrem künftigen theologischen Berufe notwendig
ist; sie können jedoch auch nur nach jeweiligem Bedürfnis, oder nach
Neigung dem Studium der Thora mit ihren trefflichen Kommentaren sich
hingeben, und sind hierzu auswärtige, wie hiesige Jünglinge
gleichberechtigt.’ Das Lehrhaus sollte demnach die Vorbildung für das
Rabbiner-Amt vermitteln, gleichzeitig aber auch jungen Juden Gelegenheit
geben, sich neben ihrer kaufmännischen oder andern Berufserfahrung einen
gründlichen Fonds jüdischen Wissens zu erwerben. Der Unterricht solle
unentgeltlich sein, ärmeren Schülern solle, soweit der Platz reiche, im
Anstaltsgebäude freie Wohnung gegeben werden. In der Gemeinde bestehe
reges Interesse für den Plan. Es seien schön größere Beiträge
gezeichnet worden; der religiöse Sinn der Gemeinde bürge ferner dafür,
dass arme Jünglinge unentgeltlich Logis und Kost erhalten. Ein geeignetes
Gebäude und eine Bibliothek von 400 Bänden habe er, Jakob Regensburger,
bereits beschafft. Es fehle nur noch das Kapital, von dessen Zinsen die
Anstalt unterhalten werden könne. Darum bitte er das Oberamt um
Erlaubnis, diesen Fonds durch eine Kollekte aufbringen zu dürfen. Das
Oberamt reichte das Gesuch mit einer Befürwortung weiter. Einige Worte
des Begleitschreibens mögen hier angeführt werden: ‚Es ist nicht zu
verkennen, dass, wenn der gegenwärtig fast nur noch in Beachtung der äußeren
Förmlichkeiten bestehende Judaismus nicht mehr mit innerer Tiefe
gehandelt und geübt wird, derselbe… in sich selbst zusammenfallen muss,
und das beste Mittel, um diesen Zerfall zu verhindern, dürfte allerdings
da vom Bittsteller angeregte sein.’ Soweit der Oberamtmann in seinem
Begleitschreiben. Die Regierung in Sigmaringen erwidert am 1. September
1866, dass sie bei der mangelnden Genauigkeit des Plans noch nicht in der
Lage sei, ihre Zustimmung zu einer Kollekte zu geben. Auf wiederholte
Eingaben erhält Jakob Regensburger dann im Januar 1870 von den
Ministerien des Unterrichts und des Innern die Erlaubnis zu der geplanten
Sammlung, mit der Bedingung jedoch, dass er baldigst einen Gründungs- und
Lehrplan einreiche. Der Deutsch-Französische Krieg bewirkte einen neuen
Aufschub und erst am 24. November 1872 reichte Jakob Regensburger das
Statut der zu gründenden Anstalt ein.
Danach soll die Anstalt den Namen ‚Haus Jakobs’ tragen. Sie
soll in drei Klassen Jünglinge von 13 bis 19 Jahren unterrichten und zwar
in systematischem Religionsunterricht, hebräischem grammatikalischem
Sprachunterricht, Übersetzung des Pentateuchs und der Propheten mit
Kommentaren, Mischna, Gemara mit Schulchan Aruch und Jore Dea, Geschichte
der Judentums, Altertumskunde, jüdische Literaturgeschichte, Homiletik,
Vortrags- und Lehrübungen. Die Zahl der Schüler soll vorerst auf 20
begrenzt sein und zwar für so lange, als nur ein Lehrer vorhanden ist.
Dieser, der Stiftsrabbiner soll vorerst ein festes Gehalt von 500 Gulden
aus den Zinsen des von Jakob Regensburger gesammelten Stiftungskapitals
erhalten, ferner freie Wohnung und Heizung und von jedem wohlhabenden Schüler
25 Gulden jährliches Schulgeld und endlich 50 Gulden Mietsertrag vom
oberen Stockwerk des Anstaltsgebäudes. Das Haus und die Bibliothek
stellte Jakob Regensburger. Er und sein Bruder verpflichteten sich, jährlich
2 Klafter Holz zur Beheizung zu spenden. Wenn durch weitere Stiftungen das
Kapital von derzeit 10.225 Gulden auf 20.000 Gulden steige, so solle ein
zweiter Lehrer angestellt, bei weiterem Anwachsen der Mittel die Anstalt
auch baulich erweitert werden. Die Regierung genehmigte daraufhin die
Errichtung der Anstalt mit dem Vorbehalt, dass eine Lehrperson angestellt
werde, die der Regierung geeignet erscheine. Jakob Regensburger wählte
nun den Rabbinatskandidaten Jakob Stern aus Niederstetten (Württemberg)
zum Lehrer der Anstalt. Die Regierung erteilte darauf am 12. April 1873
die endgültige Erlaubnis zur Errichtung des Beit HaMidrasch. Damit schließen
die Akten. Von einer tatsächlichen Errichtung des Lehrhauses, von einem
Beginn des Unterrichts berichten sie nichts mehr. Wie kommt das? Ein
Grabstein auf unserem Friedhof deutete es an, die alten Männer der
Gemeinde berichten es ausführlicher: Alles war zur Aufnahme des
Lehrbetriebs im neuen Lehrhause vorbereitet. Mitte Mai 1873 sollte die
Anstalt eröffnet werden. Da brach Jakob Regensburger am Jahrzeitstage
seines Vaters, am 30. April 1873, auf dem Friedhof zusammen. Ein Schlag
hatte seinem Leben ein Ende bereitet. Mit ihm sank sein Plan ins Grab. Die
projektierte Anstalt ist nie eröffnet worden. Vielleicht war es ein Glück
fürs Judentum. Wohl verlangte das Statut des Lehrhauses, dass der
Rabbiner ein Mann von streng religiöser Lebensführung sei, und Jakob
Regensburger glaubte, in |
Jakob
Stern einen solchen Mann gefunden zu haben. Dieser Rabbiner Stern hat sich
aber im laufe der Zeit dahin entwickelt, dass er in dem wahrlich doch
liberalen Württemberg seines Rabbinats enthoben werden musste. Er ist
einer der beiden liberalen Rabbiner, die Chiefrabbi Hertz jüngst erwähnte
als diejenigen, auf deren Äußerungen hin die Schweiz das Schächten
durch Volksbeschluss verboten hätte. Wer weiß, welche Verwüstungen er
als Leiter eines Beit HaMidrasch in jüdischen Jünglingsherzen hätte
anrichten können. – So bedauerlich es also auch ist, dass der schöne,
fromme Plan des Jakob Regensburger sang- und klanglos scheiterte, so sehr
ist man doch auch hier berechtigt, zu sagen (hebräisch und deutsch): Auch
das war zum Guten." |
Vor dem Tod Jakob Regensburgers: die Ausschreibung der Lehrerstelle für das
Beth HaMidrasch (1873)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Januar 1873: "Es wurde mit
Genehmigung der hohen Königlichen Regierung hier ein Lehrhaus ‚Beth
Hamidrasch’ gegründet, an dem ein akademisch gebildeter Theologie als
Lehrer angestellt werden soll. Die Anfangsbesoldung besteht in: 500 Gulden
fix, freier Wohnung, 7 Raummeter Holz, Benutzung des Gartens, und
eventueller Bezug einer Hausmiete, die aus einer überflüssigen Wohnung
der Anstalt bezogen werden kann und die aus 50 Gulden geschützt ist,
endlich 25 Gulden Schulgeld von jedem vermöglichen Schüler. Die Bewerber
um diese Stelle haben ihre desfallsigen Gesuche im Laufe des Monats Januar
1873 nebst ihren Zeugnissen über Befähigung und früherer Laufbahn bei
unterzeichneter Stelle einzusenden. Haigerloch, 1. Januar 1873. Das
Kuratorium der Anstalt. Der Vorstand. Jakob Regensburger." |
Ausschreibung der Lehrer- und Kantorstelle (1878)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. November 1878:
"In der israelitischen Gemeinde Haigerloch (Hohenzollern) ist die
Lehrer- und Kantorstelle sofort zu besetzen. Fixer Gehalt 1.500 Mark nebst
freier Wohnung. Bewerber wollen ihre Zeugnisse einsenden an das
israelitische Vorsteheramt Haigerloch." |
Hebräische Prüfungen an der Schule durch Rabbiner Dr. Spitz
(1885)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. April 1885: "Haigerloch
(Hohenzollern). Am 2. April dieses Jahres, dem 1. Tag der Halbfeiertag
von Pessach, wurde hier nach langjähriger Pause wieder einmal eine
hebräische Prüfung abgehalten, deren Resultate in jeder Beziehung als glänzende
zu bezeichnen sind. Unser allverehrter Herr Rabbiner Dr. Spitz, seit einem
Jahre in höchst segensreicher Weise hier wirksam, hat es verstanden, in
unserer Gemeinde, in der sich noch Sinn und Verständnis für das rechte,
unverfälschte Judentum erhalten hat, durch Wort und Beispiel in Synagoge
und Schule zur Belebung und Erhaltung des wahren jüdischen Geistes
allseitig beizutragen. Diese glänzenden Erfolge seiner Wirksamkeit,
dessen moralischer Einfluss und anregende Tätigkeit wurde besonders heute
einem sehr zahlreichen Auditorium bei der stattgehabten Prüfung sichtbar,
sodass alle Anwesenden mit sichtlichem Erstaunen dem Gange der Prüfung
lauschten. Mit der größten Schlagfertigkeit und Präzision antworteten
die durch den Herrn Examinanten sehr gut disziplinierten Schüler in der
Religionslehre, im Übersetzen des Pentateuchs, der täglichen Gebete, der
hebräisch Grammatik und so fort. Es war in der Tat eine Freude, teilweise
noch sehr junge Kinder, Knaben wie Mädchen so lebendig und frisch,
manchmal sehr schwierige grammatikalische Fragen richtig lösen und ganz pünktlich
übersetzen zu hören. Auch über die Festtage und deren Bedeutung, wie über
die Pflichtenlehre wussten die Kinder vorzüglich Bescheid zu erteilen.
Hierbei wollen wir nicht unerwähnt lassen, dass zur Freude aller
Anwesenden, kurz nach Beginn der Prüfung, was gewiss heutigen Tages ein höchst
erfreuliches Zeichen der Toleranz, unser hoch geehrter Herr Oberamtmann
(Landrat) Emele erschien, dieselbe durch 1 ½-stündige Anwesenheit
beehrte und weil Kenner der hebräischen Sprache mit gespannter
Aufmerksamkeit und sichtlichem Interesse manchmal selbst eingreifend, dem
raschen Fragen- und Antwortenspiel mit rechter Sympathie folgte. Mit
herzlicher Freude gratulierte er vor seinem Weggange dem hochwürdigen
Herrn Rabbiner und beglückwünschte die Zuhörer zu den trefflichen
Leistungen der israelitischen Kinder bei der heutigen Prüfung. Möchte
nun aber auch die jüdische Gemeinde Haigerloch kräftig, froh und freudig
dazu beitragen, ihren durchaus gelehrten Herrn Rabbiner dauernd zu
erhalten und ihn durch tätige Mitwirkung nach Kräften in seinem heiligen
Berufe unterstützen, damit er hier weiter baue am heiligen Bau des
mosaischen Glaubens, wohl bewusst, dass es gerade in der Jetztzeit doppelt
Pflicht ist, die humanitären und gottesgefälligen Institutionen aufrecht
zu erhalten." |
Ausschreibung
der Stelle des Schächters, Hilfskantors und Religionslehrers (1902)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. August 1902: "Die
Stelle eines Schächters, Hilfskantors und Religionslehrers ist in unserer
Gemeinde sofort zu besetzen. Gehalt 800 Mark, Nebeneinkommen ca. 500 Mark.
Ledige Bewerber wollen sich unter Einsendung ihrer Zeugnisabschriften bei
dem unterzeichneten Vorsteheramte melden.
Haigerloch (Hohenzollern), August 1902. Das israelitische Vorsteheramt:
L. Speyer." |
Zum Tod von Lehrer Speyer
(1907)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. März 1907: "Haigerloch,
18. März. Heute wurde in Haigerloch Herr Lehrer Speyer zu Grabe getragen.
Am Tage seiner Todes wurde ihm vom Bürgermeister seine Pensionierung ins
Haus getragen, aber seine welke Hand konnte das Schriftstück schon nicht
mehr unterschreiben. Tags darauf kam der Kreisschulinspektor von Hechingen
angefahren, um ihn mit einem Orden zu dekorieren. Sein Vorgesetzter stand
vor einer Leiche und musste unverrichteter Sache aus dem Hause des Todes
scheiden. Seine Seele sein eingebunden in den Bund des Lebens." |
Lehrer Wallach engagiert sich bei der Gründung des
jüdischen Schwarzwald-Jugendgauverbandes (1920)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. August 1920:
"Mühringen, 30. Juli (1920). Endlich kam der Plan, der in
Versammlungen zu Mühringen und Haigerloch angeregt wurde, zur
Ausführung. Die Schwarzwald-Jugendvereine Haigerloch, Mühringen,
Baisingen, Horb und Rexingen folgten einer Einladung des Herrn
Hauptlehrer Wallach (Haigerloch) nach Rexingen, um dort die
endgültige Statuierung des Schwarzwald-Jugendgauverbandes vorzunehmen.
Auf Sonntag, den 11. Juli, nachmittags 2 Uhr, war die Versammlung
einberufen. Sämtliche Vereine waren zahlreich vertreten, sodass der
große Saal in der Wirtschaft zum 'Kaiser' kaum ausreichte. Nach einer
kleinen Begrüßungsansprache des Vorstandes von der Jugendgruppe
Rexingen, Herrn Julius Fröhlich, ergriff Herr Wallach das Wort zu einer
längeren Ausführung. Er schilderte in klaren Worten die jetzigen
Zustände in unserem deutschen Vaterlande, kam dann ganz eingehend auf die
antisemitische Verhetzung des deutschen Volkes zu sprechen und somit auf
den Zweck des zu gründenden Schwarzwaldverbandes. Es ist Pflicht der
jüdischen Jugend, sich zusammenzuschließen zum gemeinsamen Arbeiten, zur
gemeinsamen Abwehr, und ganz besonders muss die jüdische Jugend beim
Wiederaufbau des Vaterlandes mitarbeiten helfen. Hierauf fand eine
Versammlung der Delegierten der einzelnen Ortsgruppen statt, die den
Arbeitsplan für die kommenden Wintermonate festlegte. Diese Arbeit soll
eine gemeinsame sein in allen Vereinen, die dem Verband angehören. Es
wurde beschlossen, dass innerhalb acht Wochen mindestens ein größerer
Vortrag in jeder Ortsgruppe stattzufinden hat, und zwar aus dem Gebiete
der jüdischen Geschichte und Literatur sowie über jüdisch-politische
Themen. Der Referent, der für das betreffende Thema vorgesehen ist, hat
den Vortrag in allen Ortsgruppen zu halten, damit die Arbeit eine
einheitliche wird. In der Zwischenzeit bleibt es dem Vorstand jeder
Ortsgruppe überlassen, für Lehr- und Unterhaltungsabende zu sorgen. Von
Zeit zu Zeit sollen Gauzusammenkünfte stattfinden, um über das Gehörte
zu diskutieren und neue Anträge und Wünsche vorzubringen. Der
Arbeitsplan wurden dem Plenum der Versammlung vorgelegt und von diesem
nach reger 'Aussprache gut geheißen. Nun folgte die Wahl des
Gauvorstandes und Ausschusses. Gauvorstand: Herr Hauptlehrer Wallach
(Haigerloch), Gauausschussmitglieder. Herr Hauptlehrer Spatz (Rexingen),
Herr Lehrer Jakob Adler (Mühringen), Herr Herrmann Kahn (Baisingen),
Fräulein Flora Rothschild (Horb-Nordstetten). Statuten hat der Gauverband
keine, maßgebend sind für jeden Verein die betreffenden
Ortsvereinsstatuten. Nach einer kleinen Schlussansprache des Herrn Julius
Fröhlich (Rexingen) mit dem Wunsche für gedeihliche und segenbringende
Zusammenarbeit schloss die gut gelungene Versammlung" |
Über den Lehrer Gustav Spier (geb. 1892 in Zwesten,
1924 bis 1939 Lehrer in Haigerloch,
umgekommen 1942)
Gustav
Spier stammte aus der bekannten Familie Spier in Zwesten, aus der in drei
Generationen Lehrer, Vorbeter und Rabbiner hervorgingen. Spier ist am 16.
März 1892 in Zwesten geboren. Er ließ sich am Lehrerseminar in Kassel
ausbilden und legte im Februar 1912 als Jahrgangsbester sein 1. Examen ab.
Am Ersten Weltkrieg nahm er als Soldat teil. Er unterrichtete
an der Volksschule Kronjanke in Westpreußen sowie an der jüdischen
Volksschule in Geisa (Thüringen). Im
Juni 1924 kam er mit seiner aus Geisa gebürtigen Frau Hertha geb. Bloch
und der 1921 geborenen Tochter Ruth nach Haigerloch.
Hier war Spier als Rabbinatsverweser angestellt und für die
religiösen Aufgaben der Gemeinde zuständig. Bekannt wurde er in
Haigerloch auch als
Heimatforscher und Publizist. Beim Novemberpogrom 1938 wurde Gustav Spier
verhaftet und für mehrere Wochen in das KZ Dachau verschleppt. Am 1.
Oktober 1939 wurde aus aus dem Staatsdienst entlassen, die jüdische
Volksschule Haigerloch geschlossen. Außer seiner Tochter Ruth, die
im Februar 1939 mit einem Kindertransport nach England emigrieren konnte,
wurde die gesamte Familie Spier (auch Gustavs Eltern Simon Spier und
Amalie geb. Rosenberg, die 1938 von Zwesten nach Haigerloch umgezogen
waren) deportiert und in das KZ Salspil bei Riga verschleppt. Gustav und
Hertha Spier sowie der Sohn Julius sind dort wenig später umgekommen,
gleichfalls die Eltern von Gustav (Simon Spier im Oktober 1942, Amalie
geb. Rosenberg am 13. September 1942 im Ghetto Theresienstadt). |
Verschiedene Berichte aus dem Gemeinde- und
Vereinsleben
Verschiedene Meldungen (1880)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. September 1880: "Man schreibt uns aus Haigerloch, den 2. September (1880). Hier ist Herr
David Levi von der größten Zahl der Bürger zum dritten Male zum
Stadtrat gewählt worden. Die hiesige Gemeinde zählt 68 Familien,
worunter 13 Wittfrauen. Sie hat einen herben Verlust durch den Tod des
Herrn Wolf Israel Levi erlitten, der, ein Helfer der Armen und
Notleidenden, lange Zeit, als Mohel unentgeltlich fungierte und jetzt der
Gemeinde ein Stück Feld zur Erweiterung des Friedhofes im Werte von 500
Mark geschenkt hatte. Dagegen müssen wir mit hartem Tadel bemerken, dass
das Vorsteheramt beschlossen hat, der Witwe des hoch verdienten
Rabbinen Hilb keine Pension zu zahlen, weil sie 3.000 Mark von der
Lebensversicherung erhalten hat; als ob diese Frau von dem geringen
Zinsertrage dieser Summe leben könnte. Möge das Vorsteheramt sich bald
eines Anderen besinnen!" |
Kulturelle
Veranstaltungen noch in der NS-Zeit - Bericht von 1935 über einen "bunten
Nachmittag" im jüdischen Gasthaus Rose
Artikel in der "CV-Zeitung"
(Zeitschrift des Central-Vereins) vom 21. Februar 1935: "Abend
jüdischer Kunst im Schwarzwald. Es ist das Gebiet, das Berthold
Auerbach hervorgebracht hat - Schwarzwaldrand. Es gibt Judendörfer dort.
Und die Leute verstehen sich, sie freuen sich der reizvollen Natur, sie
sprechen das geruhsame Platt, das dahinplätschert, wie der Neckar, der
friedsam und ohne Eile gen Osten hinplaudert.
Hier geschieht etwas für die Juden, die seit Monaten nur von Sorgen und
Diskussionen hören, sie sollen auch einmal aufgelockert werden. Eine
wohlmeinende, rührige Leitung hat die Juden der kleinen
Schwarzwaldstädte und Dörfer zusammengerufen.
Das ist eine Tat, die die Großstadt nicht so leicht begreift. Schon den
zentralen Ort zu finden, kostet Mühe und Überlegung. Man fand ihn in Haigerloch!
Nun suchen die Berliner und die anderen Großstädter mit etwas
überlegenem Gesichtsausdruck das ihnen unbekannte 'Nest' auf der Karte,
finden es vielleicht an der Bahnstrecke, die von Stuttgart nach der
Schweiz leitet und auch da noch mit dem vielbewitzelten Kleinbähnlein
abseitig zu erreichen ist. - Aber, wie liegt das Bergnest? Auf einem
phantastischen Hügel, den nur künstlerischer Bausinn gewählt haben
kann, jedes Haus schaut woanders hinab in die Talwindung.
Auf der höchsten Rückenwölbung des Hügels ruht ein jüdisches
Gasthaus, drum herum viel Häuser von fleißigen Leuten. Es ist ein
Wintersonntag, die Sonne hilft mit. Sie illuminiert das Tal, sie blitzt
aus dem Flüßlein herauf und funkelt schalkhaft in die Beschaueraugen
hinein.
Mittags nach der Kaffeezeit sollen die Leute Unterhaltung haben und es
sind aus Stuttgart und weiter her Kräfte gekommen, die den Geplagten mal
was anderes geben mögen, als Tagesgedanken und Zukunftsschatten. Und ..
trotzdem es zunächst etwas kalt in dem Saal ist, der auf dem Felsen hockt
und um den herum es windet aus allen Richtungen, wird allmählich Stimmung
und Temperatur erhöht. Ein geschickter Kabarettist packt die Laune mit
kecker Geste des Wortes und der Mimik. Er ist kein Süddeutscher, er ist
Österreicher, also viel wendiger, als wir schwerfälligen Menschen
...
Er heizt das Stimmungsöfele mit Witzchen und dann soll die Kohle kommen,
die schwerer brandelt.
Er kriegt seine Aufgabe fertig. Was literarisch aussieht, jagt den Leuten
ein bisschen Furcht ein, Musik mundet schon williger, aber gutwillig ist
die Saalwelle schließlich und Stimmung stellt sich ein. Was beabsichtigt
ist, vollzieht sich, die enge Tagesfalte glättet sich und die Stirnen
werden entrunzelt, nette Frauen lassen sich von dem Conferencier ein paar
Anzüglichkeiten ohne Groll in die Ohren plauschen und nehmen dann sogar
den literarischen Mann an, der im Heimatdialekt jetzt Geschichten
erzählt! - Die familiäre Kontaktbindung ist da und die 200 Weiblein und
Männer helfen als Resonanzgeber dem 'bunten Nachmittag' zu einem runden
Abschluss.
Dann ist die Nacht über dem Bergdorf, und die Künstler wollen heim. Ein
Autobesitzer nimmt sie gastlich auf. Zu fünf werden wir in das Wägele
verfrachtet und dann zottelt der Wagen bergab ins Tal. Erst versagt die
Zündung, dann will sie schließlich doch und wir klettern am Kreuzweg
nach Nordstetten hinauf, am Geburtshaus Berthold Auerbachs vorbei,
bergab ins Neckartal an die Schienenverbindung Berlin-Zürich, und wir
dampfen nach kultureller Arbeit ein Stücklein der Riesenstadt zu -
bleiben aber in Stuttgart, das vorerst 'nur' Großstadt ist, noch hangen.
Es ist immer eine Freude, so von oben her in Stuttgart anzulangen. Nachts
funkelt aus dem Bassin der Stadt herauf ein lustiges Lichterensemble,
manchmal schnurgerade gerichtet, dann wieder kreuz und quer.
Es gehört zur Beschaulichkeit des hier geborenen Gemüts, sich immer
wieder an dem ganz simplen Lichttheater freuen zu können. Und heute
bringt man die Nachstimmung mit hierher, dass man einigen hundert
zugehörigen Menschen ein bisschen Freude brachte... Alfred
Auerbach." |
Kulturelle Veranstaltungen noch in der NS-Zeit
- weiterer Bericht von 1936
Artikel
in der "Jüdischen Rundschau" vom 23. Juni 1936:
"Haigerloch (Hohenzollern). Die 'Kultusvereinigung Schwarzwald' gab
am 10. Mai ein Konzert des Orchesters der Stuttgarter jüdischen
Kunstgemeinschaft unter Leitung von Karl Adler und Karl Haas. - Am 14.
Juni rezitierte Edith Herrnstadt - Oettingen Gedichte, Stücke aus der
Bibel, ostjüdische Novellen u.a.m." |
Berichte zu einzelnen
Personen
Julius Ullmann erhält
im Krieg 1871 das Eiserne Kreuz (1871)
Artikel
in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. April 1871:
"Haigerloch (Hohenzollern), 30. März 1871: "Herr Julius Ullmann
von hier, Füselier im 3. Rheinischen Infanterie-Regiment Nr. 29, hat bei
Peronne sich das eiserne Kreuz erworben." |
Nachruf zum Tod von Oberamtmann Emele (1893)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. April 1893: "Haigerloch
(Hohenzollern), am 17. März (1893). Heute ist hier ein Mann zu Grabe
getragen worden, der, obwohl einem anderen Glauben angehörig, dennoch
auch in diesen Blättern einen ehrenden Nachruf verdient. Es ist dies der
Herr Oberamtmann Emele, der ca. vierzig Jahre lang an der Spitze des
diesseitigen Kreises gestanden und während dieser ganzen Zeit nicht nur für
die Kreisinsassen im Allgemeinen, sondern auch und ganz besonders für die
in seinem Ressort unterstellten jüdischen Gemeinden segensreich gewirkt
hat. Wie vielleicht kein zweiter hat er in glücklichster Übereinstimmung
die Tugenden des Vorgesetzten, wie die des Menschenfreundes in sich
vereinigt. Was speziell die jüdischen Angelegenheiten betrifft, so hat er
denselben stets das lebhafteste und wärmste Interesse gewidmet. Gerecht
und unparteiisch hat er unsere Sachen behandelt, aber auch mit zarter Rücksicht
und Schonung, mit besonderer Liebe sie geleitet. Er hat das Recht jedes
Einzelnen, wie das der Gesamtheit trefflich zu wahren und
Meinungsdifferenzen glücklich zu lösen verstanden, Meinungsdifferenzen,
die nicht selten den Frieden unserer Gemeinden bedrohten. Er war uns nicht
nur der pflichttreue Vorgesetzte, sondern viel mehr: ein liebevoller
Vater, ein väterlicher Freund, der zu jeder Zeit mit Rat und Tat, sowohl
innerhalb der Grenzen der amtlichen Pflichten als auch außerhalb
derselben uns zur Seite stand. Ja noch mehr: Obwohl nicht unseres
Glaubens, hat er dennoch auch unsere religiösen Interessen so zu fördern
sich bemüht, als wären sie seine eigenen. Nur auf sein liebevolles
Zureden und kraftvolles Mahnen hat die Gemeinde, die nach dem Abgange des
vorigen Rabbiners, in Nachahmung unserer fast ebenso großen
Nachbargemeinde Hechingen, den Rabbinatsposten unbesetzt lassen wollte,
diese ihre Absicht aufgegeben und von neuem einen Rabbiner angestellt. Ein
solches Verhalten des Oberhauptes des Kreises gegen die Bewohner desselben
und insbesondere gegen unsere Glaubensgenossen konnte nicht verfehlen in
rechter Weise auf die Gemüter derselben zu wirken und Liebe und Achtung
einzutragen. Und in der Tat wird wohl selten jemand sich die Herzen in so
hohem Grade gewonnen haben, wie der Verblichene sie besessen hat. Ganz
besonders aber hing ihm unsere Gemeinde mit ganzer Seele und in voller
Verehrung an, eine Verehrung, die sich auch heute bei seinem Leichenbegängnisse
kundgab, zu dem Alles, ja Alles, auch aus der Ferne, wohin viele des Geschäftes
wegen sich begeben hatten, herbeieilte. Und so möge er in Frieden ruhen
und im Jenseits die Früchte seiner schönen Taten genießen." |
Zum Tod von Therese Levy (1900)
Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Juli 1900:
"Haigerloch, 28. Juni. Am 24. vorigen Monats haben wir eine
Frau zu Grabe getragen, die es wohl verdient, auch in Ihrem geschätzten
Blatte gedacht zu werden. Frau Therese Levy, Gattin des Herrn Seligmann
Levy, war eine Esches Chail (= wackere Frau), ein biederes, edles Weib.
Die Verblichene hat durch die Frömmigkeit ihres Wirkens sich so
wohltätig und nützlich unter ihren Mitmenschen gemacht, dass wir es
fühlen und uns klar bewusst sind, dass es ein allgemeiner Verlust ist,
den wir durch ihren Tod erlitten haben. Sie vereinigte in sich die
Tugenden des häuslichen Lebens, Einfachheit, Bescheidenheit und
Anspruchslosigkeit. Aufopfernd und hingebend war sie den Armen, im Stillen
übte sie viel Zedokoh (Wohltätigkeit). Nach kurzem Krankenlager,
sanft und still, wie sie gelebt, haucht sie ihre Seele aus im Alter von 71
Jahren und nach 47jährigem Eheleben. Als beim M'thar das Sargenes
(Sterbekleid, Totengewand) herbeigeholt wurde, fand man in demselben 390
Mark mit einer eigenhändig geschriebenen Bestimmung vor, dass dieselben
nach ihrem Ableben gleich verteilt werden sollen. Herr Lehrer Speyer
widmete der Entschlafenen tief zu Herzen gehende Worte, die ein lebhaftes
Echo bei der großen aus allen Konfessionen von Nah und Fern
herbeigeeilten Trauerversammlung gefunden haben." |
Zum 80.
Geburtstag von Stadtrat David Levi (1900)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Juli 1900: "Haigerloch,
4. Juli (1900). Am ersten Tage Rosch chaudesch Tamus (= 28. Juni 1900)
beging Herr Stadtrat David Levi in bester Lebensfrische seinen 80.
Geburtstag.
Aus diesem Anlass begaben sch mittags 11 Uhr die Herren Stadträte, mit
dem Herrn Bürgermeister an der Spitze, in die Wohnung ihres Herrn
Kollegen, um ihm ihre Glückwünsche darzubringen. Abends waren diese
Herren, sowie viele Freunde des Jubilars, im 'Fürst Joseph' zu einer
gemeinsamen, gemütlich verlaufenen Feier versammelt. Herr David Levi
gehört schon seit 33 Jahren ununterbrochen dem Stadtkollegium an, ein
Beweis, dass er sich infolge seines biederen Charakters des allgemeinen
Vertrauens seitens der hiesigen Bürgerschaft zu erfreuen hat. Herr
Stadtbürgermeister Münzer hielt Abends eine schöne Festrede, worauf der
Jubilar tief gerührt dankte. Auch in unserer Gemeinde fungiert Herr Levi
schon über 40 Jahre als Bal thefile (Vorbeter) an den hohen Festtagen.
Möge derselbe noch lange Jahre uns erhalten bleiben." |
Zum Tod von Klara Levi (1927)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Juli 1927: "Haigerloch
(Hohenzollern), 1. Juli. Am Dienstag, den 21. Juni, den 21. Siwan wurde
hier unter zahlreicher Beteiligung aller Kreise und Konfessionen unserer
Stadt und der Umgebung eine der Besten unserer Gemeinde zu Grabe getragen,
Frau Klara Levi. Im 50. Lebensjahre hat der Herr der Welt sie abberufen in
jene andere Welt. Die Beteiligung schon zeigte die allgemeine
Wertschätzung und Verehrung, die die Entschlafene bei ihren Mitbürgern
und Bekannten genossen hat. Sie hat sich diese Zuneigung voll und ganz
verdient. In Tagen des Wohlstandes bescheiden und hilfsbereit, in Tagen
der Not geduldig und ergeben - so konnte sie vielen ein Beispiel sein.
Dabei war sie eine wohltätige Frau im wahrsten Sinne des Wortes,
und kurz vor ihrem Tode hat sie noch ihren Kindern das Versprechen abgenommen,
auch nach ihrem Tode in gleicher Weise Wohltätigkeit weiter zu üben und
vor allem nie einen Armen hungrig aus dem Hause gehen zu lassen. Am
stärksten zeigte sich ihre Glaubenstreue aber im Leiden. Seit
Jahren war sie von schwerster Krankheit geplagt. Ihre oft
übermenschlichen Qualen ertrug sie ohne Murren und Klagen im Aufblick zu
Gott, dem sie voll vertraute. Der Tod war ihr Erlöser von schwerstem
Leid. Möge ihr Beispiel weiter wirken. Ihre Seele sei eingebunden in
den Bund des Lebens." |
Dokument
zur Goldenen Hochzeit von Wolf Reutlinger und seiner Frau Henriette (Juli 1933)
(Quellen: Foto von Paul Weber in: Karl Werner Stein: Juden in
Haigerloch. Haigerloch 1987 S. 60;
Gratulationskarte: aus der Sammlung von Peter Karl Müller,
Kirchheim/Ries)
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Text der Gratulationskarte zur Goldenen
Hochzeit von E. Picard aus Paris (abgestempelt 7. Juli 1933):
"Meine Lieben, zu Eurem goldenen Ehejubiläum sollen auch meine
Glückwünsche nicht fehlen. Ich gratulieren Euch allen zu diesem
freudigen Ereignis recht herzlich und wünsche Euch nur bessere Zeiten bis
zur 'Diamantenen'. Ich weiß nicht, ob meine Eltern bei Euch sind, in Gedanken
sind sie es jedenfalls. Ich hoffe, dass es Euch gesundheitlich
zufriedenstellend geht, was bei mir auch der Fall ist. Ich hätte zwar
vieles von hier zu erzählen, doch das könnte Ihr in einem Baedeker auch
lesen. Ich habe die feste Hoffnung, dass ich mich hier durchsetzen werde,
wenn es auch lange dauern und schwierig sein wird. Einstweilen gibt es nur
eines - französisch lernen. Das ist hier nicht so leicht, wie man meint.
Deutsch lernen ist schon leichter in Paris. - Die Goethestraße liebe
Tante ist durch die Champs Elysees geschlagen. Ich empfehle Dir also,
Deine nächste Reise hierher zu machen. Feiert recht vergnügt beisammen
und seid alle (inklusive der gesamten Mischpoche) herzlich begrüßt von
Euren Neffen und Vetter).
An: Familie Wolf Reutlinger, alt Oberstadt,
Haigerloch/Hohenzollern Allemagne". |
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Anmerkung: Henriette Reutlinger geb.
Levi (geb. 1857 in Haigerloch) ist am 16. Dezember 1935 in Haigerloch
gestorben; Wolf Reutlinger (geb. 1856 in Haigerloch) ist am 18. April 1941
in Haigerloch gestorben. |
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe,
Privatpersonen
sowie der Gemeinde
Matzenbäckerei zu verkaufen (1882)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Juni 1882: "Aus
Gesundheitsrücksichten meiner Frau, sehe ich mich genötigt, meine bisher
mit bestem Erfolg betriebene Matzen-Bäckerei zu verkaufen.
Dieselbe kann, da auch früher die Brotbäckerei damit betrieben wurde,
mit der ganzen Einrichtung samt Wohnung erworben werden. Es wäre hier
einem strebsamen, jungen, israelitischen Bäcker Gelegenheit geboten, sich
einen guten Erwerbszweig zu gründen. Auch würde ich die Matzen-Maschine
allein verkaufen. S. Heilbronner, in Haigerloch (Hohenzollern)." |
Bäckerei zu verkaufen (1892)
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. März 1892: "Für
Bäcker.
Eine Bäckerei ist hier billig zu kaufen oder zu pachten. Ein tüchtiger,
zuverlässiger jüdischer Bäcker würde, da ein solcher hier fehlt,
voraussichtlich ein gutes Geschäft hier machen. Das israelitische
Vorsteheramt zu Haigerloch." |
Weitere Dokumente
(aus der Sammlung von Peter Karl Müller, Kirchheim/Ries)
Von
Haigerloch nach Genf
verschickte Postkarte (1899) |
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Die Karte datiert
vom 4. Juni 1899 (Poststempel) und wurde an Arthur Levi in Genf
verschickt; Absender war sein Bruder Siegfried Levi in Haigerloch. Es
grüßen ihn noch Wolf Levi, ein "Salli" sowie ein Siegfried
Katz. |
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Briefumschlag
und Postkarte der Fa. J. B. Reutlinger (1921/1928)
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Der Brief wurde
von J. B. Reutlinger im Haigerloch (Ölimport - Farben - Lacke -
Dachpappen und chemisch-technische Produkte) am 1. April 1921 an das
Amtsgericht in Konstanz geschickt. |
Die Karte wurde 1928 von der
Firma J.B. Reutlinger nach an die Lederleimfabrik J. Straub in Bopfingen geschickt. |
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| Brief
der Firma Eugen Nördlinger (1929) |
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Der Brief der Fa.
Eugen Nördlinger in Haigerloch (Öle, Fette, chem. Produkte, Dachpappe,
Wagen- und Pferdedecken) wurde am 20. Januar 1929 an die Leimfabrik J.
Straub in Bopfingen geschickt. |
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