Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Haigerloch (Zollernalbkreis)
Texte/Berichte zur jüdischen Geschichte des Ortes

Die nachstehend wiedergegebenen Texte mit Beiträgen zur jüdischen Geschichte in Haigerloch wurden in jüdischen Periodika gefunden. 
Bei Gelegenheit werden weitere Texte eingestellt.  
  

Übersicht:

Allgemeine Berichte zur Geschichte der jüdischen Gemeinde   
-  Erzählung von Dr. Samuel Mayer (Hechingen) über die Erlebnisse eines reisenden Händlers in Haigerloch Mitte des 18. Jahrhunderts 
-  Besuch der Autorin Margarete Marasse in Haigerloch und ihr Bericht (1918)   
Bericht eines Reisenden über seine Eindrücke vom jüdischen Haigerloch (1921)  
Über die konfessionelle Eintracht in Haigerloch (1927)  
-  Sabbatstille in Haigerloch - Bericht eines nichtjüdischen Autors in der "Neuen Zürcher Zeitung" 1930    
Aus der Geschichte des Rabbinates   
-  Zum Tod von Rabbiner Hilb (1880)   
-  Ausschreibung des Rabbinates (1883)  
-  Ausschreibung des Rabbinates (1888)  
-  Begrüßung von Rabbiner Dr. Aron Wolff durch den Gemeindevorsteher (1889)    
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule(n)   
Von einem Beth-Hamidrasch (jüdisches Lehrhaus), das um 1860/70 nicht gegründet wurde (Artikel von 1926)   
Vor dem Tod Jakob Regensburgers: die Ausschreibung der Lehrerstelle für das Beth HaMidrasch (1873)   
Ausschreibung der Lehrer- und Kantorstelle (1878)  
Hebräische Prüfungen an der Schule durch Rabbiner Dr. Spitz (1885)   
Ausschreibung der Stelle des Schächters, Hilfskantors und Religionslehrers (1902)   
Zum Tod von Lehrer Speyer (1907)  
Lehrer Wallach engagiert sich bei der Gründung des jüdischen Schwarzwald-Jugendgauverbandes (1920)  
Über den Lehrer Gustav Spier (geb. 1892 in Zwesten, 1924 bis 1939 Lehrer in Haigerloch, umgekommen 1942)     
Verschiedene Berichte aus dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben  
-  Verschiedene Meldungen (1880)   
-  Kulturelle Veranstaltungen noch in der NS-Zeit - Bericht von 1935 über einen "bunten Nachmittag" im jüdischen Gasthaus "Rose"   
-  Kulturelle Veranstaltungen noch in der NS-Zeit - weiterer Bericht von 1936 
Berichte zu einzelnen Personen       
-  Julius Ullmann erhält im Krieg 1871 das Eiserne Kreuz  
-  Nachruf zum Tod von Oberamtmann Emele (1893)  
Zum Tod von Therese Levy (1900)  
Zum 80. Geburtstag von Stadtrat David Levi (1900) 
Zum Tod von Klara Levi (1927)   
Dokument zur Goldenen Hochzeit von Wolf Reutlinger und seiner Frau Henriette (Juli 1933)      
Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe, Privatpersonen sowie der Gemeinde    
-  Matzenbäckerei zu verkaufen (1882)   
-  Bäckerei zu verkaufen (1892)    
Weitere Dokumente  
Von Haigerloch nach Genf verschickte Karte (1899)  
Briefumschlag und Postkarte der Fa. J. B. Reutlinger (1921 / 1928)  
Brief der Firma Eugen Nördlinger (1929)   
      

  
  
  

Allgemeine Berichte zur Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Erzählung von Dr. Samuel Mayer (Hechingen) über die Erlebnisse eines reisenden Händlers in Haigerloch Mitte des 18. Jahrhunderts 

Haigerloch AZJ 19111849a.jpg (77657 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 19. November 1849: "Prag vor hundert Jahren. Erzählung von Dr. Samuel Mayer (Fortsetzung). Hirsch Weil hatte seit seiner Verbannung aus Prag die Freuden und Leiden des von ihm gewünschten Landstreicherlebens zur Genüge gekostet. Viele Israeliten hatten keine bleibende Stätte, wenn sie in einem Staate aus dem Schutzverbande entlassen und von keinem anderen Schutzherrn aufgenommen worden sind. Heimatlos wanderten sie durch die Welt und besuchten alle Orte, wo Glaubensgenossen ansässig waren. Sie wurden gastfreundlich aufgenommen, denn Gastfreundschaft wird von der israelitischen Religionslehre sehr empfohlen. War doch Abraham gastfreundlich gegen die drei unbekannten Männer, die ihn besuchten, und es ergab sich, dass es drei Engel waren, die er bewirtete. Sie brachten ihm erfreulich Botschaft. Ist doch Lot gerettet worden, als Gottes Zorn die Städte Sodom und Gomorrha zerstörte.
Haigerloch AZJ 19111849b.jpg (339675 Byte)denn er war gastfreundlich gegen die als Wanderer verkleideten Engel, als sie bei ihm einkehrten. So könne man ja noch immer nicht wissen, ob der oder der andere Gast nicht ein verkleidetes überirdisches Wesen sei? Sind doch alle Menschen nur Gäste in der Schöpfung Gottes, der sie speise und bewirte; waren doch besonders die Kinder Israels nur Gäste, welche nicht wissen konnten, ob sie heute oder morgen von ihren Wohnsitzen vertrieben würden, sodass auch sie den Wanderstab ergreifen und unstet und flüchtig umher irren müssten? Darum wurden von den Gemeinden Herbergen, die man ‚Schlafstätten’ nannte, errichtet, in welchen die Wanderer übernachten und verweilen konnten. An den Sabbat- und Feiertagen wurden sie bei den Familien einquartiert, sie erhielten Billets, Blätte genannt, worauf der Name des Mannes stand, an dessen Tisch sie essen durften. An den Werktagen hausierten sie mit allerlei Warenartikeln, die sie auf dem Rücken trugen, weshalb sie auch ‚Packenträger’ genannt wurden; oder es waren reisende Schriftgelehrte, welche besonders gut gehandelt und freigebig beschenkt wurden; oder sie besuchten die Märkte und schnitten den Bauern die Geldbeutel ab, oder sie trieben das Handwerk der Taschendiebe oder der linken Geldwechsler. Was sie erbettelten und erwarben, verprassten sie wieder in den Schlafstätten. Sie heirateten Glaubensgenossinnen und zeugten Kinder, die zu demselben Gewerbe erzogen wurden. Der Name eines Gastes oder Orach wurde zur Bezeichnung eines garstigen, schmutzigen und zudringlichen Menschen gebraucht, aber dennoch die Gastfreundschaft gegen sie nicht verletzt, bis man vor einem viertel Jahrhunderte den unsteten Wanderern von Staatswegen bleibende Stätten in den Gemeinden angewiesen hat, in welchen sie geboren, oder beschnitten, oder getraut, oder aufgegriffen worden waren.
Einen solchen genussreichen Lebenswandel hatte auch Hirsch vierzig Jahre lang mit großem Behagen geführt. Aber jetzt wurden seine Haare grau, er fühlte die Schwäche des Alters nahen. Er sehnte sich nach einer Ruhestätte, denn er hatte ausgetobt, und dachte über seinen jugendlichen Leichtsinn nach, der ihn in die Welt hinausgetrieben hatte. Ein Gast hatte ihm gesagt, dass sein alter Vater noch lebe, und dunkle Gefühle der Sehnsucht nach ihm regten sich mächtig in seinem Herzen. Ein besonderer Umstand fachte dieses Gefühl zum unwiderstehlichen Heimweg an.
Auf seinen ewigen Wanderzügen kam er auch, mit seiner kinderlosen Frau, einer Korallenfabrikantin, deren Herz sich auf der Landstraße ohne weitere Prüfung zu seinem Herzen gefunden hatte, in den Schwarzwaldkreis. Er wollte die Gegend sehen, in welcher sein Vater und Großvater gewohnt hatten. So kam er auch nach Haigerloch in dem Fürstentum Hohenzollern-Sigmaringen, wo Raphael Benjamin Gemeindevorsteher war. Sein haus war wegen der in demselben herrschenden Gastfreundschaft allen Gästen in der Nähe und Ferne wohl bekannt. Die Gemeinden in dieser Gegend waren noch jung und aufblühend, denn erst seit kurzer Zeit durften sich hier Israeliten niederlassen. Bei dem Anfang des vorigen Jahrhunderts kamen mehrere Israeliten nach Hohenzollern-Hechingen, und der damalige Fürst Friedrich Wilhelm erlaubte ihnen, kraft des auf die Dauer von zehn Jahren dekretierten Schutzbriefes, in den Dörfern des Fürstentums sich niederzulassen. Sein Nachfolger, der Fürst Friedrich Ludwig, erteilte ihnen zwar keinen Schutzbrief, aber er duldete sie stillschweigend. Auch die Fürsten von Sigmaringen, die Grafen und Barone von Mühringen, Baisingen, Rexingen und Nordstetten gestatteten ihnen die Ansiedlungen. In dem Blute Israels liegt eine magnetische Kraft, welche die Kinder des Volkes durch eine innere Sympathie schnell vereinigt und verbindet. Bald kamen noch mehrere Glaubensgenossen in diese Orte und ließen sich häuslich nieder, denn im Herzogtum Württemberg waren seit dem gewaltsamen Tode des Finanzministers Süß Oppenheim die Gesetze gegen die Juden in der Art wieder geschärft worden, dass sie sich in diesem Staate nicht niederlassen durften und sobald sie das Gebiet betraten, einen Geleitsmann erhielten, der sie bis an die Grenze führten musste. Die Gemeinden schlossen sich daher eng aneinander an und lebten gemeinschaftlich in Eintracht und Frieden. Jetzt erwarteten sie die Rückkunft Raphaels, denn der Rabbiner in Stein bei Hechingen war tot, und man wollte einen Landrabbiner anstellen, der seinen Sitz in Mühringen haben sollte.
Am Fasttage Ester kam Hirsch nach Haigerloch in den Haag, eine abgelegene Talgasse, wo die Israeliten wohnen durften. Er ließ seine Frau in der Schlafstatt ausreihen und begab sich in das niedere Häuschen des Vorstehers, dessen Frau, Rebekka, mit der Zubereitung der Backwerke für das Purimfeste beschäftigt war. Sie war eine herzliche gute Frau; aber sie hatte die Gewohnheit, alle Menschen, die sie besuchten, zuerst zu schelten und dann ihnen große Ehre zu erweisen, Nahrung in Überfluss vorzusetzen und reichliche Gaben zu spenden.
Haigerloch AZJ 19111849c.jpg (311167 Byte)’Woher seid Ihr?’ rief sie dem eintretenden Packenträger zu. ‚Von Prag’, war die kurze Antwort. ‚Von Prag? So seid Ihr falsch wie Galgenholz, denn alle Böhmen sind falsch.’ Hirsch, der von ihr gehört zu haben schien, überhörte den höflichen Gruß. ‚Brauchen Sie keine Messer und Gabeln?’ fragte er im Handelstone. ‚Nein, behaltet sie für Euch!’ ‚Braucht sie keine Niederländer Spitzen?’ ‚Ja,’ antwortete sie eifrig und freundlich, ‚kommt her, lasst sie sehen!’  Hirsch aber erwiderte höhnisch: ‚Spitzen will Sie haben, aber Messer und Gabeln verlangt Sie nicht? Sie kann sehen, wo Sie bekommt!’  Rebekka überhäufte ihn mit einem Schwall von Schimpfwörtern, aber Hirsch lachte ihr ins Gesicht, dass sie wider Willen mitlachen musste. Er forderte dreist seinen Anteil an den Backwerken, den er auch erhielt. Während er mit dem Einpacken beschäftigt war, fragte sie ihn, ob er schon lange nicht in Regensburg gewesen sei? Dort wohne die Schwester ihrer Mutter. ‚Ich komme von Regensburg,’ entgegnete er, indem er den ekelhaften Saft des im Munde käuenden Rauchtabaks zwischen den Zähnen hervorspritzte. ‚Als ich fort ging, ist ein großes Unglück geschehen. Ein fremder, junger Mann, ich glaube, es war der hiesige Vorsteher, ist plötzlich an einem Schlagfluss gestorben.’ ‚Sch'ma Israel! Das ist mein Mann, mein guter Mann!’ schrie die Frau, indem sie die Haube vom Kopfe riss und sich jammernd auf den Boden warf. ‚Steh’ Sie jetzt wieder auf,’ lachte Hirsch, ‚ich habe schon gesehen, dass Sie in Einer Minute brav und bös sein, lachen und weinen kann. Ihr Mann ist frisch und gesund und kann jeden Augenblick heimkommen.’ Eben trat Raphael zur Stube herein. Er fragte erschrocken, was diese Trauer bedeute, worauf sie erzählte, was der Gast gesagt habe. ‚Ich habe’, ergänzte Hirsch, ‚mit Eurer Frau Komödie gespielt. Sie hat mir gemacht ein Trauerspiel zum Lachen, darum habe ich ihr ein Lustspiel zum Weinen gemacht’. Da lächelte der Vorsteher und sprach sehr heiter: ‚Ihr habt ganz recht getan, dass Ihr meine Frau erschreckt habt, denn sie wird Euch gewiss gescholten haben. Zum Lohne sollt Ihr morgen bei mir zu Gast geladen sein.’ Hirsch nahm mit Freude die Einladung an. Am Tische musste er von seinen Schicksalen und Abenteuern erzählen. Diese Mitteilungen regten einen unendlichen Kummer in ihm auf, denn alle Menschen, die von ehrbarer Familie abstammen, aber sich ihres Glückes durch die eigene Torheit berauben, empfinden in manchen Stunden eine tiefe innere Reue, während die Personen, die seit ihrer Kindheit das Beispiel moralischer Verderbtheit vor Augen sahen, in Sünden und Lastern verstockt bleiben.
Raphael bezeigte ihm seine Teilnahme und machte ihm Hoffnung, dass er wieder nach Hause dürfe, denn man werde ihn nach Abfluss eines solchen langen Zeitraums gewiss nicht mehr erkennen. ‚Ich selbst,’ fügte er bei, ‚werde, da ich ohnedies Geschäfte in Böhme abzumachen habe, etwa im nächsten Dezember nach Prag kommen, um einen gemeinschaftlichen Rabbiner für unsere Gemeinden zu holen, denn in Prag gibt es ja große Schriftgelehrte, welche sich freuen werden, eine gute Anstellung zu erhalten. Um jene Zeit komme ich nach Prag und ich will sehen, was sich für Euch tun lässt.’ Hirsch war hoch erfreut über diesen Antrag, der ihm wie aus der Seele gesprochen war. Sein Mund übersprudelte von den Ausdrücken des tiefsten Dankgefühles, aber auch von dem Lobe, das er dem Sohne seines Onkels, dem Appellanten Nethanel Weil, zollte, da er demselben das Los eines Landrabbiners des Schwarzwaldkreises umso mehr wünsche, als die Frau Vorsteherin zwar eine bittere Zunge, aber ein desto süßeres Herz habe.
Rebekka schmunzelte freundlich beistimmend, Raphael beschenkte ihn großmütig, und Hirsch trat seine Wanderung nach dem angewiesenen Ziele an, in dessen Nähe angekommen, sein Herz gewaltig pochte, da er durch verschiedene Gegenstände an die glückliche Jugendzeit erinnert wurde. Er wagte es aber nicht, die Stadt zu betreten, und sah sich ängstlich nach allen Seiten um, ob seine Frau, die im letzten Dorfe zurückgeblieben, während er sehnsuchtsvoll vorausgeeilt war, noch nicht kommen werde. Dadurch wurde er verdächtig und festgesetzt, als eben seine Frau ankam. Sie heulte ihm jammernd nach und bat um seine Freilassung, aber sie wurde mit Kolbenstößen zurückgetrieben. Schreiend eilte sie zu den Gemeindeältesten, die sehr erschraken bei dieser Kunde, denn sie fürchteten, dass dieser Umstand zum Beweis ihrer Schuld benützt werden möchte. Sie beschlossen daher, die Ungnade des Machthabers durch ein kostbares Geschenk abzuwenden. Landau aber hatte richtig geurteilt. Der Herr nahm das Geschenk an und tat dennoch, was er wollte."

  
Besuch der Autorin Margarete Marasse in Haigerloch und ihr Bericht (1918)       
Anmerkung: nach Angaben des Jüdischen Biographischen Archivs ist die Autorin Margarete Marasse geb. Wolff (Pseudonym: M. Morgan) am 23. November 1854 geboren. Sie lebte zuletzt (1938) in Berlin. Ihr weiteres Schicksal konnte nicht geklärt werden. 
Herzlichen Dank für diesen Hinweis an Georg Trettin, Frankfurt. 

Haigerloch AZJ 12041918.jpg (185841 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 12. April 1918: "Die Juden von Haigerloch. Von Margarete Marasse. Das kleine hohenzollernsche Bergstädtchen Haigerloch, wie Hechingen und Sigmaringen dem preußischen Staate zugehörig, obgleich im schwäbischen Gebiet, besitzt der Beziehungen viele zu mittelalterlichen Geschichte, zum Minnesang, zur Romantik und zur Kunst des Barock. Auch landschaftlich lugt der wenig bekannte Ort sehr merkwürdig über der wilden Eyachschlucht ins Grüne. In heiliger Einsamkeit, geschützt von drohenden Tannen auf starrem Fels, scheint er der gewitterschwülen, der furchtbaren Zeit zu trotzen. Eine seltsam zusammengesetzte Bevölkerung, Dinge gegensätzlicher Art, die da droben zwischen den Burger friedlich nebeneinander ruhen, veranlassen mich, Haigerloch an dieser Stelle ein warmes Wort zu weihen. Die Geschichte der Ansiedlung, die ich lapidar wiedergeben möchte, bietet nicht gerade Ungewöhnliches: ums Jahr 1061 in den Besitz der Zollern, die sich erst seit dem 13. Jahrhundert auch ‚Hohenzollern’ nannten, gelangt, wurde Haigerloch von Rudolf von Habsburg zur Stadt erhoben und überflügelte bald alle die anderen kleinen Residenzen in der Umgegend. Mit einer Unterbrechung von etwas über 100 Jahren blieb es bis auf den heutigen Tag unter hohenzollernscher Herrschaft.
Die schwäbische Habe dieses Hauses wurde im Jahre 1575 geteilt. Eitelfriedrich IV. erhielt Hechingen, Karl Sigmaringen, Christoph, der nachmalige Erbauer der schönen spätgotischen Schlosskirche mit ihrem prächtigen holzbemalten Hochalter in Haigerloch, diese emporblühende Stadt. Die drei genannten Glieder der jüngeren schwäbischen Linie sind die Stifter der Nebenzweige des hohenzollernschen Hauses geworden. Heute sind diese Gebiete wieder vereinigt. Am frühestens – im Jahre 1634 – erlosch die Linie Haigerloch. Nie verband ein rastloser Strom des Verkehrs das Städtchen mit der Außenwelt, ein gutes Motiv zur Erhaltung der Eigenart. Wer jetzt die lohnende Fußwanderung scheut, der vertraut sich einer klingelnden Kleinbahn an, die langsam und behäbig bergauf kriecht.
Ein Fluß in krausen Wirbeln, über dem im Spätherbst die Nebel brauen, Wiesen und Wälder, der Burgruinen graue Schatten begleiten den Schienenweg. Wie ein feiner, alter Stich harmonischer Architektur liegt plötzlich das Ziel vor den Augen des sinnfrohen Reisenden. Auf steilen Felsen zu beiden Seiten der Eyach, die ein Zustrom des Neckars ist, ragen die Zollernschlösser. Stattliche Dome, ein imposanter frühmittelalterlicher Turm grüßen die Sonne, die der Nebel Herr geworden. Ich gestehe es gern, auf mich war der Eindruck ein wesentlich stärkerer als jener der Zollernburg, der Wiege unseres
Haigerloch AZJ 12041918a.jpg (361964 Byte)Herrscherhauses, am Rande der Rauen Alb, die Friedrich Wilhelm IV. allzu anspruchsvoll und mit geringem Stilgefühl wieder aufgebaut. So kunsthistorisch Schloss und Schlosskirche, die man nach Überwindung vieler Stufen besucht, so reizvoll der Rokokobau der St. Annakirche auch ist, ich enthalte mich, hier davon zu sprechen. Ebenso erscheint es überflüssig, dabei zu verweilen, dass neben diesen beiden katholischen Gottes eine evangelische Kirche ihren Platz behauptet. Indessen die jüdische Kolonie mit ihrem Tempelchen in diesem weltentrückten Ort der Verbrüderung konnte Erstaunen erregen und verdient ein kurzes Wort der Würdigung. Der Hügel hinter der evangelischen Kirche, ‚Haag’ genannt, wird ausschließlich von dem Volk der wunderbaren Lebenskraft bewohnt. Ein freiwilliges Getto in einem Garten Gottes. Denn nicht in traurigen Winkelgassen wühlen Ausgestoßene im Lumpenkram, nicht in dunklen Türöffnungen sticken und stopfen die armen Töchter Zions. Nein, in ländlichen Wohnhäusern auf lieblichem Boden führen die Kinder Jehovas bei vielgestaltigen Beschäftigungen ein menschenwürdiges Dasein.
Freilich habe ich später erfahren, dass auch hier der Handel, der Viehhandel, in den Händen dieser Männer, die sich Levi, Behr, Hirsch, Hohenemser usw. nennen und die sich äußerlich die ausgeprägten Merkmale ihrer Rasse erhalten haben, liegt, jedoch ohne dass diese dadurch ein weniger geachtetes Element der Einwohnerschaft bilden, ohne in irgendeinem anderen Gewerbe oder Handwerk behindert zu werden. Es war mir nicht ganz leicht, die Synagoge zu entdecken, denn sie ist kein ‚auf Säulen ruhender Tempel, innen mit köstlichen Teppichen und goldenem Bildwerk von Granaten und Blumen ausgeziert’, wie es der älteste jüdische Tempelbau im trasteverinischen Rom gewesen, jene prächtige Synagoge, die 300 Jahre früher als der St. Peter und der Lateran entstanden. Hier handelt es sich um ein einfaches Bethaus. Der Spruch über der unverschlossenen Tür: ‚Gesegnet, wer kommt im Namen Gottes’ begrüßt feierlich und freundlich den Eintretenden. Nur begleitet von zwei rotblonden Mädelchen, macht ich mir den Versammlungsort der frommen Gemeinde zu eigen. Außer den Kronen von graziösen Formen ist mir Bemerkenswertes nicht aufgefallen. Und doch liegt ein Ahnen von etwas Unnennbarem, Unfassbarem in dem Raum, der das ‚Amen und lobe den Herrn’ so vieler Gläubigen auffängt. Vielleicht ging vor Jahrzehnten bei der Renovation der Synagoge und des Gemeindehauses auch heiliges Gerät verloren. Jedenfalls ist der Vergangenheit der Gemeinde in Haigerloch – ich habe mir deswegen viel Mühe gegeben – schwer nachzuspüren.
Tatsache ist, wie mir vom israelitischen Vorsteheramt in Haigerloch freundlichst geschrieben wird, ‚dass damals bei der erwähnten Restauration alle Gemeindeakten der älteren und ältesten Zeit, die nach den obwaltenden Bildungsverhältnissen der deutschen Juden nur in jüdischer bzw. jüdisch-deutscher Schrift abgefasst waren, mit den alten, unbrauchbar gewordenen hebräischen Büchern heiligen Inhalts, so genannten Schéaus und Seforim, auf dem israelitischen Kirchhof begraben worden seien und damit der Vernichtung anheimgegeben, weil man sie für heilige Bücher, unbrauchbare, hielt. Ein Rabbiner, der dies verhindert hätte, war gerade nicht in der Gemeinde.’
Auf das beträchtliche Alter dieser Kolonie kann man trotz fehlender Dokumente aus der Vergangenheit – die Gemeinde bewahrt nur einen Judenschutzbrief aus dem 18. Jahrhundert und das Bürgermeisteramt einen ähnlichen – durch einen nicht mehr benutzten Friedhof schließen. In der feierlichen Ruhe des Waldes soll ‚der gute Ort’ mit Grabsteinen aus dem 15. und 16. Jahrhundert zu finden sein. Zu später ward mir davon die Kunde.
Es verdient hervorgehoben zu werden, dass diese wie im Gelobten Land auch Ackerbau treibenden Semiten ‚bis zu den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht nur in konfessioneller, sondern auch in politischer Hinsicht vollkommen selbständig unter einem Judenschultheiß wirkten’. Aus freundlicher jüdischer Feder, durch den Herrn Vorsitzenden und Rabbinatsverweser Wallach, erhielt ich nachträglich schätzenswertes Material für diese Skizze. An Ort und Stelle vernahm ich aus christlichem Munde manch kluges und ehrliches Wort über das versprengte Volk im Schutze des so genannten Römerturms, des weithin sichtbaren Wahrzeichens von Haigerloch. Der intelligente Buchbinder, bei dem ich als Fingerzeig die illustrierte Postkarte erstand, der seinem Unmut gegen den Krieg kräftigen Ausdruck verlieh, stellte als Lokalfortschritt im Weltunfrieden den uneingeschränkten Religionsfrieden in Haigerloch fest. Reibungen und Missverständnisse unter den Konfessionen waren auch früher nicht zu beklagen, indessen wurde die Schuljugend von zwei katholischen, einem protestantischen und einem jüdischen Berufenen in die Geheimnisse des Wissens eingeführt. Nun, da jene eingezogen, sitzen alle die Männlein und Weiblein auf einer Schulbank, und – ‚sie beißen sich nicht’, so schloss der Berichterstatter lachend.
Über die Entstehung des Getto, des ‚Haag’, lauft eine anmutige Legende im lande herum. Was das Volk im bunten Traum sich selbst baut, das lohnt stets der Mühe, aufgefangen zu werden. Ein Ritter aus der Gefolgschaft des Haigerlocher Fürsten lernte an einem sonnendurchleuchteten Tage auf Kriegspfaden ein schönes Judenmädchen kennen. Bei seinem rauen Bewerbe rührten ihn die sanften Taubenaugen, und lieblich erschien ihm der Jungfrau Rede. Er begehrte sie zum Weibe, und da ihre Angehörigen den Übertritt zum Judentum zur Bedingung machten, erbat und erhielt er von dem Fürsten, dem weisen Fürsten, die Erlaubnis zu freiem Tun. In der Burg von Haigerloch, unter Wipfeln mit duftendem Laub, genoss er sein junges Eheglück. Aber das Sehnen, das große Sehnen nach ihrem Volke überfiel die holdselige Frau. Joseph, da ihm in den stolzen Pharaonengemächern der Tod nahte, nahm seinen Brüdern einen heiligen Eid ab. Er verlangte, dass seine Gebeine in das Land, das Gott Abraham, Isaak und Jakob geschworen hatte, überführt wurden.
In nicht mehr biblischer Zeit sehnte sich eine Tochter Jerusalems in voller Lebenslust nach den feurigen Augen der Genossinnen. Selbst in der Freude ihres Herzens suchte sie jene, die ihre Seele liebte. Der Fürst, an den sich der Ritter abermals wandte, verschloss ihm sein Ohr nicht. Mitleidsvoll gestattete er dem Volke, das den Geboten Jehovas gehorchte, sich im Schatten seiner Burg anzusiedeln. Sobald der Ruf ertönte, eilten die Hebräer herbei. Ledig und frei vom Zwange des Berufs bebauten sie den Hügel, den der kleine Fuß der treu gesinnten Rittersfrau so oft beschritt. Noch heute stehen Reste der fürstlichen Burg und sind von Israeliten bewohnte. Eine jüdische Gastwirtschaft: ‚Zum Fürsten Josef’ erinnert an vergangene Zeiten. In der Stadt des Minnesängers Grafen Albrecht von Haigerloch, der ein Schwager Rudolfs von Habsburg gewesen, ist dies ein Geschichtlein, in dem sich Wahrheit und Dichtung harmonisch gepaart. 
Haigerloch AZJ 12041918b.jpg (51093 Byte)Der Wunsch, Proselyten zu machen, liegt nicht eigentlich im Judentum. Zu fest wurzelt der Glaube an die lebendige Kraft der monotheistischen Lehre, als dass man zu dem Mittel der Überredung gegriffen. Indessen die Weisheit und Schönheit der Lehre ließ sich niemals unterdrücken. Historiker erzählen, dass die Bürger des verfallenden Rom den tief religiösen Charakter der Hebräer anstaunten und dass nicht wenige in den moralischen Bann des Judentums gerieten. So sei die frevelhafte Poppäa, Neros Gemahlin, zur Synagoge übergetreten und habe nur als Jüdin begraben sein wollen. In Haigerloch, so geht der fromme Glaube, war es Gott selbst, der Berge versetzt, ehe die Menschen es inne geworden."

  
Bericht eines Reisenden über seine Eindrücke vom jüdischen Haigerloch (1921) 

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. September 1921: "Ganz anders (sc. im Vergleich zu der nicht mehr bestehenden Gemeinde Dettensee) steht es in dem im nahen Hohenzollern gelegenen Städtchen Haigerloch. Die Lage dieses Ortes ist durch die Natur auch recht begünstigt, wenn auch die Waldungen nicht so reich, dicht und schattig sind wie im nahen Mühringen. Aber eine blühende jüdische Gemeinde habe ich hier kennen gelernt. Zahlreiche jüdische Kinder beleben die Straßen, und mir scheint, dass hier die Juden in einem frei gewählten Ghetto in der Nähe der schönen Synagoge wohnen. Ich will nicht verschweigen, dass mir einzelne Stammesbrüder einen dementsprechenden Eindruck machten. In der Nähe der Synagoge liegt auch gleich der wohl gepflegte 'Gute Ort' (sc. Friedhof). Alles beieinander, wie bei den christlichen Mitbürgern auch. Auch ein stattlicher jüdischer Gasthof ist vorhanden. 
 Haigerloch hat sogar einen jüdischen Männergesangverein von ungefähr 50 Mitgliedern, welcher in der Zeit meines Dortseins von Sängerfesten zweimal preisgekrönt heimkehren durfte. Ich habe niemals gehört, dass der Antisemitismus dort größer ist wie anderswo. Im Gegenteil, die Heimkehrenden, die ihrer Heimat Ehre gemacht hatten, wurden von der ganzen Einwohnerschaft unter Jubel in ihr Vereinslokal geleitet. 
Die jüdische Schule, die den Antisemitismus nach unserer Meinung so sehr 'befördern soll', wirkt in dieser Gegend klassen-versöhnend, nicht-trennend. Haigerloch hat natürlich eine gut besuchte jüdische Volksschule mit einem allseitig verehrten tüchtigen Lehrer.   
Auch die Stadt der Hohenzollern-Burg, Hechingen, habe ich aufgesucht und die dortigen jüdischen Stätten besichtigt. Nur wenige Kinder besuchen dort die jüdische Volksschule; die meisten Eltern schicken begreiflicherweise ihre Kinder in die höheren Schulen, die sich am Platze befinden.
Hechingen und Haigerloch waren einst bedeutende Rabbbinatssitze - die Lehrer führen daher den Titel 'Rabbinatsverweser'. Reiche Stiftungen sind in beiden Gemeinden vorhanden für Wohltätigkeit und Beförderung jüdischen Wissens. Auch Mühringen hat eine Reihe derartiger Stiftungen und Vereine.  
Verfall und Blüte - auch Aufschwung - habe ich also in diesen Gemeinden bemerken können. Der Weltkrieg hat hier mit seinen Wirkungen teilweise hemmend gegen die 'Landflucht' eingegriffen. Wohnungsnot wie Nahrungsmittelteuerung und die sonstigen Unannehmlichkeiten haben dem Juden auf dem Lande erst den Wert der Heimat nahegebracht. 
Der Zug nach der Großstadt scheint hier für einige Zeit zum Stillstand gekommen zu sein. 
Es gibt sogar Mittel, hier neues jüdisches Leben zu entfachen! 
Doch davon ein anderes Mal."  

    
Über die konfessionelle Eintracht in Haigerloch (1927)

Haigerloch Israelit 01091927.jpg (200736 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 1. September 1927: "Haigerloch (Hohenzollern), 23. August. Ein schönes Beispiel konfessioneller Eintracht bietet unser Städtchen. Neben 900 Katholiken wohnen hier 210 Juden und etwa 150 Protestanten. Die konfessionelle Eintracht, die hier seit langem eine Stätte fand, ist auch in den letzten Jahren, als überall der Judenhass sich austobte, unerschüttert geblieben. einige Ereignisse aus der letzten Zeit mögen davon Kunde geben. 
Als vor etwa einem Jahr das neue (katholisch) Krankenhaus eingeweiht wurde, sprach im Rahmen des Festaktes neben den Vertretern der Behörden und den Geistlichen der christlichen Konfession auch der Rabbinatsvertreter.
In diesem Frühjahr wurde beschlossen, die Gefallenengedenkfeiern, die bisher von den einzelnen Religionsgemeinden gesondert veranstaltet worden waren, künftig für die ganze Stadtgemeinde gemeinsam abzuhalten. Ohne Anregung von jüdischer Seite wurde folgendes festgelegt: die Gedenkrede soll der Reihe nach von den Geistlichen der drei Gemeinden gehalten werden. Also sprach in diesem Jahre der katholische Geistliche als Vertreter der größten Religionsgemeinde am Ort. Im nächsten Jahre wird dann der Rabbinatsverweser die Gedenkrede halten und erst im folgenden Jahre der evangelische Pfarrer.
Einen neuen Beweis der Eintracht brachte die weltliche Feier, welche die katholische Gemeinde anlässlich der Einführung ihres neuen Stadtpfarrers veranstaltete. Auch die Vertreter der jüdischen Gemeinde waren eingeladen, und Rabbinatsverweser Spier führte in seiner Ansprache etwa folgendes aus: Mit der katholischen Gemeinde freue sich auch die jüdische Gemeinde, und diese Mitfreude sei umso größer, als dem neuen Pfarrer der Ruh vorausgehe, dass er wie kaum ein anderer geeignet sei, den hierorts herrschenden Geist der Eintracht weiter zu pflegen. Dem neuen Stadtpfarrer, der zum Dienste des einen Gottes, an den wir schließlich alle glauben, als dessen Kinder wir uns alle fühlen, in unsere Stadt einziehe, rufe die jüdische Gemeinde zum Gruß entgegen: Gesegnet sei, der da kommt, im Namen des Herrn!
Der also Begrüßte erwiderte, dass er von je die größte Hochachtung vor der jüdischen Religion und vor ihren Bekennern gehegt habe. Er habe oft seinen bisherigen Pfarrkindern die Treue, mit der die Juden an ihren Religionsgesetzen hingen, als Beispiel vor Augen gestellt. Er werde weiter diese Hochachtung vor dem Judentum und den Juden sich bewahren und werde mit ganzer Kraft sich um die Erhaltung des konfessionellen Friedens mühen. 
Bietet der ganze Vorgang ein schönes Bild des gegenseitigen Verständnisses und der Eintracht, so zeigt er weiter noch, wie wir Juden uns am ehesten die Achtung der Andersgläubigen erwerben können: nicht durch bedingungslose Anpassung, sondern durch Treue zum Glauben unserer Väter. Möchte doch diese Erkenntnis Allgemeingut unserer jüdischen Brüder werden!"

       

Sabbatstille in Haigerloch - Bericht eines nichtjüdischen Autors in der "Neuen Zürcher Zeitung" 1930

Haigerloch CV-Ztg 17101930.jpg (240103 Byte)Artikel in der "CV-Zeitung" (Zeitung des Central-Vereins) vom 17. Oktober 1930: "Sabbatstille in Haigerloch. Im Feuilleton der ‚Neuen Zürcher Zeitung’ vom 12. Oktober dieses Jahres beschreibt Felix Burckhardt das auf der Schwäbischen Alb malerisch gelegene, uralte hohenzollernsche Städtchen Haigerloch. Nach einem Rückblick auf die wechselvolle Geschichte dieser preußischen Exklave und einigen das Stadtbild charakterisierenden Bemerkungen schildert der Verfasser ‚ein Erlebnis ganz eigener Art’, von dem er sagt, dass es wohl noch lebendig sein werde, wenn die Umrisse des malerischen Bergstädtchens schon in seiner Erinnerung verwischt seien. Der Artikel schließt nämlich mit den Sätzen: ‚Es war an einem Samstag, am frühen Nachmittag, als ich die Gassen durchstreifte. Das Leben einer ländlichen Kleinstadt pulste darin mit Hammerschlag und Kaufladenklingelton, mit dem Knarren und Kreischen der gebremsten Wagenräder in den steilen Gassen und dem Brüllen des Viehs in den Ställen, die ausgemistet wurden, mit Kinderlärm und nachbarlichem Getratsch der Frauen. Ein paar Schritte weiter tat sich, auf halber Höhe der Felswand vorgelagert, ein weiter Platz auf, von einstöckigen Häuschen umgeben. Was war denn da plötzlich anders geworden? Ach ja, das war’s: eine tiefe Stille, kein Mensch draußen vor den Häusern, nur hinter halb vorgezogenen Gardinen ein paar ruhige, alte Gesichter. Ich las die Namenschilder an den Haustüren, über den paar Kaufläden: Behr und Hirsch, Levi und Löwenstein waren da zu Hause. Ich war ins Judenviertel von Haigerloch geraten, und es war die feierliche Ruhe des Sabbats, die mich umgab. Nicht in einem finstern Ghetto hinter Tor und Mauer, sondern als Kind seiner toleranten Zeit hat Fürst Joseph vor 170 Jahren seine Haigerlocher Juden in einem freundlichen grünen Winkel seines Städtchens angesiedelt, und noch heute ist dieser Stadtteil, ‚im Hag’ genannt, ausschließlich von ihnen bewohnt. Die Stille war fast beklemmend. Hier erneuert sich jede Woche das, was wir nur noch als Titel von Erbauungsschriften kennen: die Sabbatstille, geboten durch das Gesetz vom Sinai. Wahrlich, im Judenviertel von Haigerloch gelten noch die Worte des Dekalogs: Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. Da sollst du kein Werk tun, noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Magd, noch dein Vieh. – Und ich, der Fremdling in den Toren Israels, setzte meine Füße behutsam auf, um diesen wundersamen Feiertagsfrieden nicht zu stören.’

       

Aus der Geschichte des Rabbinates 
Zum Tod von Rabbiner Hilb (1880)

Haigerloch AZJ 29061880.jpg (68738 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 29. Juni 1880: "Man schreibt uns aus Haigerloch vom 16. dieses Monats. Heute verstarb hier Herr Rabbiner Hilb, der 1806 hier geboren, seit 1836 bei der hiesigen Gemeinde als Rabbiner fingierte. Der Dahingeschiedene nimmt die volle Anerkennung Aller, die ihn kannten, mit ins Grab. Ohne Unterstützung des Staates ist die hiesige Gemeinde nicht imstande, die Stelle wieder zu besetzen. Seit dem 1. September 1879 erhielt der Verstorbene monatlich 25 Mark von der königlichen Landeskasse, eine Subvention, die er nicht lange genoss und die zur Neubesetzung nicht hinreicht. Vielleicht vereinigen sich Hechingen, Haigerloch und Dettensee zu einem gemeinsamen Rabbinate." 

  
Ausschreibung des Rabbinates (1883)

Haigerloch AZJ 18091883.jpg (62368 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 18. September 1883: "Die hiesige israelitische Gemeinde beabsichtigt die Rabbinatsstelle, vorläufig provisorisch, zu besetzen mit einem Jahresgehalt von 1.500 Mark und freier Wohnung, nebst 100 Mark aus verschiedenen Stiftungen. Bewerber um diese Stelle werden ersucht, ihre Anmeldung mit Beifügung ihrer Zeugnisse beim hiesigen Vorsteheramt einzureichen. 
Haigerloch
, Hohenzollern, den 2. September 1883. Israelitisches Vorsteheramt. David Levi."

   
Ausschreibung des Rabbinates (1888)

Haigerloch AZJ 20121888.jpg (90657 Byte)Anzeige in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 20. Dezember 1888: "Bekanntmachung. Durch die Berufung unseres Rabbiner Herrn Dr. Spitz zum Bezirksrabbiner nach Gailingen wird die hiesige Rabbinerstelle vakant, und soll baldigst wieder besetzt werden. Akademisch gebildete Bewerber, die mir der nötigen Hatarat Horaah versehen und der religiösen Richtung angehören, wollen ihre Zeugnisse bis zum 15. Januar 1889 der unterzeichneten Stelle gefälligst einsenden. Gehalt 1.600 Mark, freie Wohnung und Nebeneinkünfte 300 Mark. 
Haigerloch (Hohenzollern), 31. Dezember 1888. Das israelitische Vorsteheramt."

   
Begrüßung von Rabbiner Dr. Aron Wolff durch den Gemeindevorsteher (1889)

Haigerloch Israelit 11041889.jpg (179594 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. April 1889: "Haigerloch. Vorigen Freitag, den 5. dieses Monats, hielt der von der hiesigen Gemeinde einstimmig erwählte Rabbiner seinen Einzug in hiesiger Stadt. Herr Dr. A. Wolff, seither in Kurnik in der Provinz Posen, hat am 1. April seine alte Heimat verlassen und an dem oben bezeichneten Tage sein Amt dahier angetreten. Da der Vorstand von der Ankunft des genannten Herrn unterrichtet war, so ist derselbe dem Ankommenden bis zur nächsten Station entgegen gefahren und fand auch alldort eine herzliche Begrüßung statt, die sich alsdann in dem engeren Heim des Einziehenden zu einer sympathischen Kundgebung gestaltete, und den neuen geistlichen Lehrer der Gemeinde erkennen ließ, dass man dessen Amtsantritt mit Freuden allseitig entgegen nimmt und dass auch mit Hinblick auf diesen wahrhaft freundlichen Empfang das Verhältnis zwischen Rabbiner und Gemeinde ein gutes werden und bleiben wird. In diesem Sinne sprach sich auch Herr Dr. A. Wolff in seiner glanzvollen Rede aus, die er am vorigen Sabbat vor der zahlreich versammelten Gemeinde hielt. Waren es doch Worte der Innigkeit, reich an Gedankenfülle und geschmückt durch die Wahl des klassischen Ausdruckes, die der Redner seinem Texte (hebräisch und deutsch:) ‚Sei von den Schülern Aron’s, friedliebend,  Frieden stiftend, Menschen liebend und sie zur Tora leitend’, anfügte und die so recht erkennen ließen, dass die Gemeinde in ihrem neu ernannten Rabbiner nicht allein einen reich begabten und gebildeten Mann erkoren, sondern auch einen Freund des wahren Friedens in ihrer Mitte haben wird. Möge es ihm auch vergönnt sein, den Baum der Erkenntnis des sittlichen und religiösen Lebens nach seiner neuen Heimat zu verpflanzen und mögen die Früchte desselben dort auch jene Labung gewähren, die dem Judentum zur Erfrischung und der gesamten Menschheit zur Kräftigung wird und daraus jener Segen sich entfalte, der zum Bande der Eintracht werde zwischen den Bekennern aller dort lebenden Konfessionen."

      
   

Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer und der Schule(n)    
Von einem Beth-Hamidrasch (jüdisches Lehrhaus), das um 1860/70 nicht gegründet wurde (Artikel von 1926)   

Haigerloch Israelit 18111926.jpg (145272 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 18. November 1926: "Von einem Beth-Hamidrasch, das nicht gegründet wurde - von Gustav Spier in Haigerloch. Das Hinscheiden Rabbiner Salomon Breuers – das Andenken an den Gerechten ist zum Segen – hat die Gedanken vieler auf seine große Gründung, die Jeschiwot und überhaupt auf die Jeschiwot-Gründungen der neuesten Zeit gelenkt. So darf man vielleicht Interesse voraussetzen für den Plan zu einer ähnlichen Anstalt, einen Plan, der leider kurz vor der Vollendung scheiterte. Es handelt sich um das Projekt für ein Beit Hamidrasch in Haigerloch. Haigerloch ist ein kleines Städtchen im wesentlichen Teil des Ländchens Hohenzollern und hat eine ziemlich alte und ansehnliche Gemeinde, die noch heute im ehemaligen Ghetto geschlossen beisammen wohnt. Bis vor ca. 30 Jahren hatte die Gemeinde auch Rabbinat. Hier in Haigerloch lebte zwischen 1812 und 1873 Jakob Regensburger. Die Erinnerung an seinen Reichtum ist heute noch in der Gemeinde erhalten geblieben, und die ältesten Männer der Gemeinde wissen auch noch von seinem Plan, ein jüdisches Lehrhaus zu gründen. Genaueren Aufschluss darüber gaben mir aber erst die Akten des ehemaligen Oberamts Haigerloch. Sie berichte folgendes: ‚Am 1. Juni 1866 richtete der erwähnte Jakob Regensburger ein Gesuch folgenden Inhalts an das Oberamt: Das Bewusstsein, dass die Religion eines der heiligsten Güter der Menschheit sei, dass sie aber durch die zur Zeit herrschende materielle Geistesrichtung bedroht werde, habe in dem Antragsteller den Plan reifen lassen, in Haigerloch ein Beth-Hamidrasch, d.h. ein Lehrhaus zu gründen. Die jüdische Volksschule unterrichte zwar im Lesen der heiligen Schrift und in der systematischen Religionslehre, sie lehre auch einige Gebete und einige Kapitel des Pentateuchs zu übersetzen. Aber ‚der so reiche Schatz von herrlichen Lehren und Vorschriften, wie sie die mündliche Überlieferung und die Kommentare enthalten, unzählige Sittensprüche, Lebensregeln, heilige Legenden, die Lehren eines Maimopnides, eines Aben-Esra, einer Kimchi, eines Albo; die schönen Dichtungen der jüdisch-spanischen Schule; die Forschungen der neueren jüdischen Gelehrten, wie eines Luzzatto, Wessely, Rappaport, Zunz, Sachs – alles das bleibt den Kindern, ja fast einer ganzen Generation verschlossen. Ich möchte deshalb
Haigerloch Israelit 18111926a.jpg (304307 Byte)ein Lehrhaus gründen, an dem ein jüdischer Theologe als Lehrer angestellt werde, der eine Universität besucht und sein Staatsexamen mit Erfolg bestanden, der ein grammatikalisch gebildeter Hebraiker und ein gewiegter Talmudist ist. In diesem Institute soll jüdischen Jünglingen Gelegenheit geboten werden, sich in der jüdischen Theologie so viele Kenntnisse zu erwerben, als für sie zu ihrem künftigen theologischen Berufe notwendig ist; sie können jedoch auch nur nach jeweiligem Bedürfnis, oder nach Neigung dem Studium der Thora mit ihren trefflichen Kommentaren sich hingeben, und sind hierzu auswärtige, wie hiesige Jünglinge gleichberechtigt.’ Das Lehrhaus sollte demnach die Vorbildung für das Rabbiner-Amt vermitteln, gleichzeitig aber auch jungen Juden Gelegenheit geben, sich neben ihrer kaufmännischen oder andern Berufserfahrung einen gründlichen Fonds jüdischen Wissens zu erwerben. Der Unterricht solle unentgeltlich sein, ärmeren Schülern solle, soweit der Platz reiche, im Anstaltsgebäude freie Wohnung gegeben werden. In der Gemeinde bestehe reges Interesse für den Plan. Es seien schön größere Beiträge gezeichnet worden; der religiöse Sinn der Gemeinde bürge ferner dafür, dass arme Jünglinge unentgeltlich Logis und Kost erhalten. Ein geeignetes Gebäude und eine Bibliothek von 400 Bänden habe er, Jakob Regensburger, bereits beschafft. Es fehle nur noch das Kapital, von dessen Zinsen die Anstalt unterhalten werden könne. Darum bitte er das Oberamt um Erlaubnis, diesen Fonds durch eine Kollekte aufbringen zu dürfen. Das Oberamt reichte das Gesuch mit einer Befürwortung weiter. Einige Worte des Begleitschreibens mögen hier angeführt werden: ‚Es ist nicht zu verkennen, dass, wenn der gegenwärtig fast nur noch in Beachtung der äußeren Förmlichkeiten bestehende Judaismus nicht mehr mit innerer Tiefe gehandelt und geübt wird, derselbe… in sich selbst zusammenfallen muss, und das beste Mittel, um diesen Zerfall zu verhindern, dürfte allerdings da vom Bittsteller angeregte sein.’ Soweit der Oberamtmann in seinem Begleitschreiben. Die Regierung in Sigmaringen erwidert am 1. September 1866, dass sie bei der mangelnden Genauigkeit des Plans noch nicht in der Lage sei, ihre Zustimmung zu einer Kollekte zu geben. Auf wiederholte Eingaben erhält Jakob Regensburger dann im Januar 1870 von den Ministerien des Unterrichts und des Innern die Erlaubnis zu der geplanten Sammlung, mit der Bedingung jedoch, dass er baldigst einen Gründungs- und Lehrplan einreiche. Der Deutsch-Französische Krieg bewirkte einen neuen Aufschub und erst am 24. November 1872 reichte Jakob Regensburger das Statut der zu gründenden Anstalt ein.  Danach soll die Anstalt den Namen ‚Haus Jakobs’ tragen. Sie soll in drei Klassen Jünglinge von 13 bis 19 Jahren unterrichten und zwar in systematischem Religionsunterricht, hebräischem grammatikalischem Sprachunterricht, Übersetzung des Pentateuchs und der Propheten mit Kommentaren, Mischna, Gemara mit Schulchan Aruch und Jore Dea, Geschichte der Judentums, Altertumskunde, jüdische Literaturgeschichte, Homiletik, Vortrags- und Lehrübungen. Die Zahl der Schüler soll vorerst auf 20 begrenzt sein und zwar für so lange, als nur ein Lehrer vorhanden ist. Dieser, der Stiftsrabbiner soll vorerst ein festes Gehalt von 500 Gulden aus den Zinsen des von Jakob Regensburger gesammelten Stiftungskapitals erhalten, ferner freie Wohnung und Heizung und von jedem wohlhabenden Schüler 25 Gulden jährliches Schulgeld und endlich 50 Gulden Mietsertrag vom oberen Stockwerk des Anstaltsgebäudes. Das Haus und die Bibliothek stellte Jakob Regensburger. Er und sein Bruder verpflichteten sich, jährlich 2 Klafter Holz zur Beheizung zu spenden. Wenn durch weitere Stiftungen das Kapital von derzeit 10.225 Gulden auf 20.000 Gulden steige, so solle ein zweiter Lehrer angestellt, bei weiterem Anwachsen der Mittel die Anstalt auch baulich erweitert werden. Die Regierung genehmigte daraufhin die Errichtung der Anstalt mit dem Vorbehalt, dass eine Lehrperson angestellt werde, die der Regierung geeignet erscheine. Jakob Regensburger wählte nun den Rabbinatskandidaten Jakob Stern aus Niederstetten (Württemberg) zum Lehrer der Anstalt. Die Regierung erteilte darauf am 12. April 1873 die endgültige Erlaubnis zur Errichtung des Beit HaMidrasch. Damit schließen die Akten. Von einer tatsächlichen Errichtung des Lehrhauses, von einem Beginn des Unterrichts berichten sie nichts mehr. Wie kommt das? Ein Grabstein auf unserem Friedhof deutete es an, die alten Männer der Gemeinde berichten es ausführlicher: Alles war zur Aufnahme des Lehrbetriebs im neuen Lehrhause vorbereitet. Mitte Mai 1873 sollte die Anstalt eröffnet werden. Da brach Jakob Regensburger am Jahrzeitstage seines Vaters, am 30. April 1873, auf dem Friedhof zusammen. Ein Schlag hatte seinem Leben ein Ende bereitet. Mit ihm sank sein Plan ins Grab. Die projektierte Anstalt ist nie eröffnet worden. Vielleicht war es ein Glück fürs Judentum. Wohl verlangte das Statut des Lehrhauses, dass der Rabbiner ein Mann von streng religiöser Lebensführung sei, und Jakob Regensburger glaubte, in
Haigerloch Israelit 18111926b.jpg (45231 Byte)Jakob Stern einen solchen Mann gefunden zu haben. Dieser Rabbiner Stern hat sich aber im laufe der Zeit dahin entwickelt, dass er in dem wahrlich doch liberalen Württemberg seines Rabbinats enthoben werden musste. Er ist einer der beiden liberalen Rabbiner, die Chiefrabbi Hertz jüngst erwähnte als diejenigen, auf deren Äußerungen hin die Schweiz das Schächten durch Volksbeschluss verboten hätte. Wer weiß, welche Verwüstungen er als Leiter eines Beit HaMidrasch in jüdischen Jünglingsherzen hätte anrichten können. – So bedauerlich es also auch ist, dass der schöne, fromme Plan des Jakob Regensburger sang- und klanglos scheiterte, so sehr ist man doch auch hier berechtigt, zu sagen (hebräisch und deutsch): Auch das war zum Guten."

   
Vor dem Tod Jakob Regensburgers: die Ausschreibung der Lehrerstelle für das Beth HaMidrasch (1873)

Haigerloch Israelit 08011872.jpg (100181 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 8. Januar 1873: "Es wurde mit Genehmigung der hohen Königlichen Regierung hier ein Lehrhaus ‚Beth Hamidrasch’ gegründet, an dem ein akademisch gebildeter Theologie als Lehrer angestellt werden soll. Die Anfangsbesoldung besteht in: 500 Gulden fix, freier Wohnung, 7 Raummeter Holz, Benutzung des Gartens, und eventueller Bezug einer Hausmiete, die aus einer überflüssigen Wohnung der Anstalt bezogen werden kann und die aus 50 Gulden geschützt ist, endlich 25 Gulden Schulgeld von jedem vermöglichen Schüler. Die Bewerber um diese Stelle haben ihre desfallsigen Gesuche im Laufe des Monats Januar 1873 nebst ihren Zeugnissen über Befähigung und früherer Laufbahn bei unterzeichneter Stelle einzusenden. Haigerloch, 1. Januar 1873. Das Kuratorium der Anstalt. Der Vorstand. Jakob Regensburger."

 
Ausschreibung der Lehrer- und Kantorstelle (1878)

Haigerloch Israelit 27111878.jpg (35569 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 27. November 1878: "In der israelitischen Gemeinde Haigerloch (Hohenzollern) ist die Lehrer- und Kantorstelle sofort zu besetzen. Fixer Gehalt 1.500 Mark nebst freier Wohnung. Bewerber wollen ihre Zeugnisse einsenden an das israelitische Vorsteheramt Haigerloch."

  
Hebräische Prüfungen an der Schule durch Rabbiner Dr. Spitz (1885)

Haigerloch Israelit 16041885.jpg (240813 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 16. April 1885: "Haigerloch (Hohenzollern). Am 2. April dieses Jahres, dem 1. Tag der Halbfeiertag von Pessach, wurde hier nach langjähriger Pause wieder einmal eine hebräische Prüfung abgehalten, deren Resultate in jeder Beziehung als glänzende zu bezeichnen sind. Unser allverehrter Herr Rabbiner Dr. Spitz, seit einem Jahre in höchst segensreicher Weise hier wirksam, hat es verstanden, in unserer Gemeinde, in der sich noch Sinn und Verständnis für das rechte, unverfälschte Judentum erhalten hat, durch Wort und Beispiel in Synagoge und Schule zur Belebung und Erhaltung des wahren jüdischen Geistes allseitig beizutragen. Diese glänzenden Erfolge seiner Wirksamkeit, dessen moralischer Einfluss und anregende Tätigkeit wurde besonders heute einem sehr zahlreichen Auditorium bei der stattgehabten Prüfung sichtbar, sodass alle Anwesenden mit sichtlichem Erstaunen dem Gange der Prüfung lauschten. Mit der größten Schlagfertigkeit und Präzision antworteten die durch den Herrn Examinanten sehr gut disziplinierten Schüler in der Religionslehre, im Übersetzen des Pentateuchs, der täglichen Gebete, der hebräisch Grammatik und so fort. Es war in der Tat eine Freude, teilweise noch sehr junge Kinder, Knaben wie Mädchen so lebendig und frisch, manchmal sehr schwierige grammatikalische Fragen richtig lösen und ganz pünktlich übersetzen zu hören. Auch über die Festtage und deren Bedeutung, wie über die Pflichtenlehre wussten die Kinder vorzüglich Bescheid zu erteilen. Hierbei wollen wir nicht unerwähnt lassen, dass zur Freude aller Anwesenden, kurz nach Beginn der Prüfung, was gewiss heutigen Tages ein höchst erfreuliches Zeichen der Toleranz, unser hoch geehrter Herr Oberamtmann (Landrat) Emele erschien, dieselbe durch 1 ½-stündige Anwesenheit beehrte und weil Kenner der hebräischen Sprache mit gespannter Aufmerksamkeit und sichtlichem Interesse manchmal selbst eingreifend, dem raschen Fragen- und Antwortenspiel mit rechter Sympathie folgte. Mit herzlicher Freude gratulierte er vor seinem Weggange dem hochwürdigen Herrn Rabbiner und beglückwünschte die Zuhörer zu den trefflichen Leistungen der israelitischen Kinder bei der heutigen Prüfung. Möchte nun aber auch die jüdische Gemeinde Haigerloch kräftig, froh und freudig dazu beitragen, ihren durchaus gelehrten Herrn Rabbiner dauernd zu erhalten und ihn durch tätige Mitwirkung nach Kräften in seinem heiligen Berufe unterstützen, damit er hier weiter baue am heiligen Bau des mosaischen Glaubens, wohl bewusst, dass es gerade in der Jetztzeit doppelt Pflicht ist, die humanitären und gottesgefälligen Institutionen aufrecht zu erhalten."

     
Ausschreibung der Stelle des Schächters, Hilfskantors und Religionslehrers (1902)  

Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. August 1902: "Die Stelle eines Schächters, Hilfskantors und Religionslehrers ist in unserer Gemeinde sofort zu besetzen. Gehalt 800 Mark, Nebeneinkommen ca. 500 Mark. Ledige Bewerber wollen sich unter Einsendung ihrer Zeugnisabschriften bei dem unterzeichneten Vorsteheramte melden.  
Haigerloch (Hohenzollern), August 1902. Das israelitische Vorsteheramt: L. Speyer."   

      
Zum Tod von Lehrer Speyer (1907)    

Haigerloch Israelit 21031907.jpg (54517 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21. März 1907: "Haigerloch, 18. März. Heute wurde in Haigerloch Herr Lehrer Speyer zu Grabe getragen. Am Tage seiner Todes wurde ihm vom Bürgermeister seine Pensionierung ins Haus getragen, aber seine welke Hand konnte das Schriftstück schon nicht mehr unterschreiben. Tags darauf kam der Kreisschulinspektor von Hechingen angefahren, um ihn mit einem Orden zu dekorieren. Sein Vorgesetzter stand vor einer Leiche und musste unverrichteter Sache aus dem Hause des Todes scheiden. Seine Seele sein eingebunden in den Bund des Lebens."  

  
Lehrer Wallach engagiert sich bei der Gründung des jüdischen Schwarzwald-Jugendgauverbandes (1920)

Haigerloch AZJ 06081920.jpg (190451 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 6. August 1920: "Mühringen, 30. Juli (1920). Endlich kam der Plan, der in Versammlungen zu Mühringen und Haigerloch angeregt wurde, zur Ausführung. Die Schwarzwald-Jugendvereine Haigerloch, Mühringen, Baisingen, Horb und Rexingen folgten einer Einladung des Herrn Hauptlehrer Wallach (Haigerloch) nach Rexingen, um dort die endgültige Statuierung des Schwarzwald-Jugendgauverbandes vorzunehmen. Auf Sonntag, den 11. Juli, nachmittags 2 Uhr, war die Versammlung einberufen. Sämtliche Vereine waren zahlreich vertreten, sodass der große Saal in der Wirtschaft zum 'Kaiser' kaum ausreichte. Nach einer kleinen Begrüßungsansprache des Vorstandes von der Jugendgruppe Rexingen, Herrn Julius Fröhlich, ergriff Herr Wallach das Wort zu einer längeren Ausführung. Er schilderte in klaren Worten die jetzigen Zustände in unserem deutschen Vaterlande, kam dann ganz eingehend auf die antisemitische Verhetzung des deutschen Volkes zu sprechen und somit auf den Zweck des zu gründenden Schwarzwaldverbandes. Es ist Pflicht der jüdischen Jugend, sich zusammenzuschließen zum gemeinsamen Arbeiten, zur gemeinsamen Abwehr, und ganz besonders muss die jüdische Jugend beim Wiederaufbau des Vaterlandes mitarbeiten helfen. Hierauf fand eine Versammlung der Delegierten der einzelnen Ortsgruppen statt, die den Arbeitsplan für die kommenden Wintermonate festlegte. Diese Arbeit soll eine gemeinsame sein in allen Vereinen, die dem Verband angehören. Es wurde beschlossen, dass innerhalb acht Wochen mindestens ein größerer Vortrag in jeder Ortsgruppe stattzufinden hat, und zwar aus dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Literatur sowie über jüdisch-politische Themen. Der Referent, der für das betreffende Thema vorgesehen ist, hat den Vortrag in allen Ortsgruppen zu halten, damit die Arbeit eine einheitliche wird. In der Zwischenzeit bleibt es dem Vorstand jeder Ortsgruppe überlassen, für Lehr- und Unterhaltungsabende zu sorgen. Von Zeit zu Zeit sollen Gauzusammenkünfte stattfinden, um über das Gehörte zu diskutieren und neue Anträge und Wünsche vorzubringen. Der Arbeitsplan wurden dem Plenum der Versammlung vorgelegt und von diesem nach reger 'Aussprache gut geheißen. Nun folgte die Wahl des Gauvorstandes und Ausschusses. Gauvorstand: Herr Hauptlehrer Wallach (Haigerloch), Gauausschussmitglieder. Herr Hauptlehrer Spatz (Rexingen), Herr Lehrer Jakob Adler (Mühringen), Herr Herrmann Kahn (Baisingen), Fräulein Flora Rothschild (Horb-Nordstetten). Statuten hat der Gauverband keine, maßgebend sind für jeden Verein die betreffenden Ortsvereinsstatuten. Nach einer kleinen Schlussansprache des Herrn Julius Fröhlich (Rexingen) mit dem Wunsche für gedeihliche und segenbringende Zusammenarbeit schloss die gut gelungene Versammlung"

           

Über den Lehrer Gustav Spier (geb. 1892 in Zwesten, 1924 bis 1939 Lehrer in Haigerloch, umgekommen 1942)      

Zwesten Spier 140.jpg (109237 Byte)Gustav Spier stammte aus der bekannten Familie Spier in Zwesten, aus der in drei Generationen Lehrer, Vorbeter und Rabbiner hervorgingen. Spier ist am 16. März 1892 in Zwesten geboren. Er ließ sich am Lehrerseminar in Kassel ausbilden und legte im Februar 1912 als Jahrgangsbester sein 1. Examen ab. Am Ersten Weltkrieg  nahm er als Soldat teil. Er unterrichtete an der Volksschule Kronjanke in Westpreußen sowie an der jüdischen Volksschule in Geisa (Thüringen). Im Juni 1924 kam er mit seiner aus Geisa gebürtigen Frau Hertha geb. Bloch und der 1921 geborenen Tochter Ruth nach Haigerloch. Hier war Spier als Rabbinatsverweser angestellt und für die religiösen Aufgaben der Gemeinde zuständig. Bekannt wurde er in Haigerloch auch als Heimatforscher und Publizist. Beim Novemberpogrom 1938 wurde Gustav Spier verhaftet und für mehrere Wochen in das KZ Dachau verschleppt. Am 1. Oktober 1939 wurde aus aus dem Staatsdienst entlassen, die jüdische Volksschule Haigerloch geschlossen. Außer seiner Tochter Ruth, die im Februar 1939 mit einem Kindertransport nach England emigrieren konnte, wurde die gesamte Familie Spier (auch Gustavs Eltern Simon Spier und Amalie geb. Rosenberg, die 1938 von Zwesten nach Haigerloch umgezogen waren) deportiert und in das KZ Salspil bei Riga verschleppt. Gustav und Hertha Spier sowie der Sohn Julius sind dort wenig später umgekommen, gleichfalls die Eltern von Gustav (Simon Spier im Oktober 1942, Amalie geb. Rosenberg am 13. September 1942 im Ghetto Theresienstadt).   

     

Verschiedene Berichte aus dem Gemeinde- und Vereinsleben  
Verschiedene Meldungen (1880)

Haigerloch AZJ 14091880.jpg (93732 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. September 1880: "Man schreibt uns aus Haigerloch, den 2. September (1880). Hier ist Herr David Levi von der größten Zahl der Bürger zum dritten Male zum Stadtrat gewählt worden. Die hiesige Gemeinde zählt 68 Familien, worunter 13 Wittfrauen. Sie hat einen herben Verlust durch den Tod des Herrn Wolf Israel Levi erlitten, der, ein Helfer der Armen und Notleidenden, lange Zeit, als Mohel unentgeltlich fungierte und jetzt der Gemeinde ein Stück Feld zur Erweiterung des Friedhofes im Werte von 500 Mark geschenkt hatte. Dagegen müssen wir mit hartem Tadel bemerken, dass das Vorsteheramt beschlossen hat, der Witwe des hoch verdienten Rabbinen Hilb keine Pension zu zahlen, weil sie 3.000 Mark von der Lebensversicherung erhalten hat; als ob diese Frau von dem geringen Zinsertrage dieser Summe leben könnte. Möge das Vorsteheramt sich bald eines Anderen besinnen!"

    

Kulturelle Veranstaltungen noch in der NS-Zeit - Bericht von 1935 über einen "bunten Nachmittag" im jüdischen Gasthaus Rose   

Haigerloch CV-Ztg 21021935.jpg (239852 Byte)Artikel in der "CV-Zeitung" (Zeitschrift des Central-Vereins) vom 21. Februar 1935: "Abend jüdischer Kunst im Schwarzwald. Es ist das Gebiet, das Berthold Auerbach hervorgebracht hat - Schwarzwaldrand. Es gibt Judendörfer dort. Und die Leute verstehen sich, sie freuen sich der reizvollen Natur, sie sprechen das geruhsame Platt, das dahinplätschert, wie der Neckar, der friedsam und ohne Eile gen Osten hinplaudert. 
Hier geschieht etwas für die Juden, die seit Monaten nur von Sorgen und Diskussionen hören, sie sollen auch einmal aufgelockert werden. Eine wohlmeinende, rührige Leitung hat die Juden der kleinen Schwarzwaldstädte und Dörfer zusammengerufen. 
Das ist eine Tat, die die Großstadt nicht so leicht begreift. Schon den zentralen Ort zu finden, kostet Mühe und Überlegung. Man fand ihn in Haigerloch! Nun suchen die Berliner und die anderen Großstädter mit etwas überlegenem Gesichtsausdruck das ihnen unbekannte 'Nest' auf der Karte, finden es vielleicht an der Bahnstrecke, die von Stuttgart nach der Schweiz leitet und auch da noch mit dem vielbewitzelten Kleinbähnlein abseitig zu erreichen ist. - Aber, wie liegt das Bergnest? Auf einem phantastischen Hügel, den nur künstlerischer Bausinn gewählt haben kann, jedes Haus schaut woanders hinab in die Talwindung. 
Auf der höchsten Rückenwölbung des Hügels ruht ein jüdisches Gasthaus, drum herum viel Häuser von fleißigen Leuten. Es ist ein Wintersonntag, die Sonne hilft mit. Sie illuminiert das Tal, sie blitzt aus dem Flüßlein herauf und funkelt schalkhaft in die Beschaueraugen hinein.
Mittags nach der Kaffeezeit sollen die Leute Unterhaltung haben und es sind aus Stuttgart und weiter her Kräfte gekommen, die den Geplagten mal was anderes geben mögen, als Tagesgedanken und Zukunftsschatten. Und .. trotzdem es zunächst etwas kalt in dem Saal ist, der auf dem Felsen hockt und um den herum es windet aus allen Richtungen, wird allmählich Stimmung und Temperatur erhöht. Ein geschickter Kabarettist packt die Laune mit kecker Geste des Wortes und der Mimik. Er ist kein Süddeutscher, er ist Österreicher, also viel wendiger, als wir schwerfälligen Menschen ... 
Er heizt das Stimmungsöfele mit Witzchen und dann soll die Kohle kommen, die schwerer brandelt. 
Er kriegt seine Aufgabe fertig. Was literarisch aussieht, jagt den Leuten ein bisschen Furcht ein, Musik mundet schon williger, aber gutwillig ist die Saalwelle schließlich und Stimmung stellt sich ein. Was beabsichtigt ist, vollzieht sich, die enge Tagesfalte glättet sich und die Stirnen werden entrunzelt, nette Frauen lassen sich von dem Conferencier ein paar Anzüglichkeiten ohne Groll in die Ohren plauschen und nehmen dann sogar den literarischen Mann an, der im Heimatdialekt jetzt Geschichten erzählt! - Die familiäre Kontaktbindung ist da und die 200 Weiblein und Männer helfen als Resonanzgeber dem 'bunten Nachmittag' zu einem runden Abschluss.
Dann ist die Nacht über dem Bergdorf, und die Künstler wollen heim. Ein Autobesitzer nimmt sie gastlich auf. Zu fünf werden wir in das Wägele verfrachtet und dann zottelt der Wagen bergab ins Tal. Erst versagt die Zündung, dann will sie schließlich doch und wir klettern am Kreuzweg nach Nordstetten hinauf, am Geburtshaus Berthold Auerbachs vorbei, bergab ins Neckartal an die Schienenverbindung Berlin-Zürich, und wir dampfen nach kultureller Arbeit ein Stücklein der Riesenstadt zu - bleiben aber in Stuttgart, das vorerst 'nur' Großstadt ist, noch hangen. Es ist immer eine Freude, so von oben her in Stuttgart anzulangen. Nachts funkelt aus dem Bassin der Stadt herauf ein lustiges Lichterensemble, manchmal schnurgerade gerichtet, dann wieder kreuz und quer. 
Es gehört zur Beschaulichkeit des hier geborenen Gemüts, sich immer wieder an dem ganz simplen Lichttheater freuen zu können. Und heute bringt man die Nachstimmung mit hierher, dass man einigen hundert zugehörigen Menschen ein bisschen Freude brachte... Alfred Auerbach."

  
Kulturelle Veranstaltungen noch in der NS-Zeit - weiterer Bericht von 1936

Haigerloch JuedRundsch 23061936.jpg (33056 Byte)Artikel in der "Jüdischen Rundschau" vom 23. Juni 1936: "Haigerloch (Hohenzollern). Die 'Kultusvereinigung Schwarzwald' gab am 10. Mai ein Konzert des Orchesters der Stuttgarter jüdischen Kunstgemeinschaft unter Leitung von Karl Adler und Karl Haas. - Am 14. Juni rezitierte Edith Herrnstadt - Oettingen Gedichte, Stücke aus der Bibel, ostjüdische Novellen u.a.m."

 
  

Berichte zu einzelnen Personen    
Julius Ullmann erhält im Krieg 1871 das Eiserne Kreuz (1871)   

Haigerloch AZJ 11041871.jpg (24780 Byte)Artikel in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 11. April 1871: "Haigerloch (Hohenzollern), 30. März 1871: "Herr Julius Ullmann von hier, Füselier im 3. Rheinischen Infanterie-Regiment Nr. 29, hat bei Peronne sich das eiserne Kreuz erworben."


Nachruf zum Tod von Oberamtmann Emele (1893)

Haigerloch Israelit 10041893.JPG (235265 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10. April 1893: "Haigerloch (Hohenzollern), am 17. März (1893). Heute ist hier ein Mann zu Grabe getragen worden, der, obwohl einem anderen Glauben angehörig, dennoch auch in diesen Blättern einen ehrenden Nachruf verdient. Es ist dies der Herr Oberamtmann Emele, der ca. vierzig Jahre lang an der Spitze des diesseitigen Kreises gestanden und während dieser ganzen Zeit nicht nur für die Kreisinsassen im Allgemeinen, sondern auch und ganz besonders für die in seinem Ressort unterstellten jüdischen Gemeinden segensreich gewirkt hat. Wie vielleicht kein zweiter hat er in glücklichster Übereinstimmung die Tugenden des Vorgesetzten, wie die des Menschenfreundes in sich vereinigt. Was speziell die jüdischen Angelegenheiten betrifft, so hat er denselben stets das lebhafteste und wärmste Interesse gewidmet. Gerecht und unparteiisch hat er unsere Sachen behandelt, aber auch mit zarter Rücksicht und Schonung, mit besonderer Liebe sie geleitet. Er hat das Recht jedes Einzelnen, wie das der Gesamtheit trefflich zu wahren und Meinungsdifferenzen glücklich zu lösen verstanden, Meinungsdifferenzen, die nicht selten den Frieden unserer Gemeinden bedrohten. Er war uns nicht nur der pflichttreue Vorgesetzte, sondern viel mehr: ein liebevoller Vater, ein väterlicher Freund, der zu jeder Zeit mit Rat und Tat, sowohl innerhalb der Grenzen der amtlichen Pflichten als auch außerhalb derselben uns zur Seite stand. Ja noch mehr: Obwohl nicht unseres Glaubens, hat er dennoch auch unsere religiösen Interessen so zu fördern sich bemüht, als wären sie seine eigenen. Nur auf sein liebevolles Zureden und kraftvolles Mahnen hat die Gemeinde, die nach dem Abgange des vorigen Rabbiners, in Nachahmung unserer fast ebenso großen Nachbargemeinde Hechingen, den Rabbinatsposten unbesetzt lassen wollte, diese ihre Absicht aufgegeben und von neuem einen Rabbiner angestellt. Ein solches Verhalten des Oberhauptes des Kreises gegen die Bewohner desselben und insbesondere gegen unsere Glaubensgenossen konnte nicht verfehlen in rechter Weise auf die Gemüter derselben zu wirken und Liebe und Achtung einzutragen. Und in der Tat wird wohl selten jemand sich die Herzen in so hohem Grade gewonnen haben, wie der Verblichene sie besessen hat. Ganz besonders aber hing ihm unsere Gemeinde mit ganzer Seele und in voller Verehrung an, eine Verehrung, die sich auch heute bei seinem Leichenbegängnisse kundgab, zu dem Alles, ja Alles, auch aus der Ferne, wohin viele des Geschäftes wegen sich begeben hatten, herbeieilte. Und so möge er in Frieden ruhen und im Jenseits die Früchte seiner schönen Taten genießen."

  
Zum Tod von Therese Levy (1900)
 

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Juli 1900: "Haigerloch, 28. Juni. Am 24. vorigen Monats haben wir eine Frau zu Grabe getragen, die es wohl verdient, auch in Ihrem geschätzten Blatte gedacht zu werden. Frau Therese Levy, Gattin des Herrn Seligmann Levy, war eine Esches Chail (= wackere Frau), ein biederes, edles Weib. Die Verblichene hat durch die Frömmigkeit ihres Wirkens sich so wohltätig und nützlich unter ihren Mitmenschen gemacht, dass wir es fühlen und uns klar bewusst sind, dass es ein allgemeiner Verlust ist, den wir durch ihren Tod erlitten haben. Sie vereinigte in sich die Tugenden des häuslichen Lebens, Einfachheit, Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit. Aufopfernd und hingebend war sie den Armen, im Stillen übte sie viel Zedokoh (Wohltätigkeit). Nach kurzem Krankenlager, sanft und still, wie sie gelebt, haucht sie ihre Seele aus im Alter von 71 Jahren und nach 47jährigem Eheleben. Als beim M'thar das Sargenes (Sterbekleid, Totengewand) herbeigeholt wurde, fand man in demselben 390 Mark mit einer eigenhändig geschriebenen Bestimmung vor, dass dieselben nach ihrem Ableben gleich verteilt werden sollen. Herr Lehrer Speyer widmete der Entschlafenen tief zu Herzen gehende Worte, die ein lebhaftes Echo bei der großen aus allen Konfessionen von Nah und Fern herbeigeeilten Trauerversammlung gefunden haben."    

   
Zum 80. Geburtstag von Stadtrat David Levi (1900)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 9. Juli 1900: "Haigerloch, 4. Juli (1900). Am ersten Tage Rosch chaudesch Tamus (= 28. Juni 1900) beging Herr Stadtrat David Levi in bester Lebensfrische seinen 80. Geburtstag.  
Aus diesem Anlass begaben sch mittags 11 Uhr die Herren Stadträte, mit dem Herrn Bürgermeister an der Spitze, in die Wohnung ihres Herrn Kollegen, um ihm ihre Glückwünsche darzubringen. Abends waren diese Herren, sowie viele Freunde des Jubilars, im 'Fürst Joseph' zu einer gemeinsamen, gemütlich verlaufenen Feier versammelt. Herr David Levi gehört schon seit 33 Jahren ununterbrochen dem Stadtkollegium an, ein Beweis, dass er sich infolge seines biederen Charakters des allgemeinen Vertrauens seitens der hiesigen Bürgerschaft zu erfreuen hat. Herr Stadtbürgermeister Münzer hielt Abends eine schöne Festrede, worauf der Jubilar tief gerührt dankte. Auch in unserer Gemeinde fungiert Herr Levi schon über 40 Jahre als Bal thefile (Vorbeter) an den hohen Festtagen. Möge derselbe noch lange Jahre uns erhalten bleiben."  

  
Zum Tod von Klara Levi (1927)  

Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Juli 1927: "Haigerloch (Hohenzollern), 1. Juli. Am Dienstag, den 21. Juni, den 21. Siwan wurde hier unter zahlreicher Beteiligung aller Kreise und Konfessionen unserer Stadt und der Umgebung eine der Besten unserer Gemeinde zu Grabe getragen, Frau Klara Levi. Im 50. Lebensjahre hat der Herr der Welt sie abberufen in jene andere Welt. Die Beteiligung schon zeigte die allgemeine Wertschätzung und Verehrung, die die Entschlafene bei ihren Mitbürgern und Bekannten genossen hat. Sie hat sich diese Zuneigung voll und ganz verdient. In Tagen des Wohlstandes bescheiden und hilfsbereit, in Tagen der Not geduldig und ergeben - so konnte sie vielen ein Beispiel sein. Dabei war sie eine wohltätige Frau im wahrsten Sinne des Wortes, und kurz vor ihrem Tode hat sie noch ihren Kindern das Versprechen abgenommen, auch nach ihrem Tode in gleicher Weise Wohltätigkeit weiter zu üben und vor allem nie einen Armen hungrig aus dem Hause gehen zu lassen. Am stärksten zeigte sich ihre Glaubenstreue aber im Leiden. Seit Jahren war sie von schwerster Krankheit geplagt. Ihre oft übermenschlichen Qualen ertrug sie ohne Murren und Klagen im Aufblick zu Gott, dem sie voll vertraute. Der Tod war ihr Erlöser von schwerstem Leid. Möge ihr Beispiel weiter wirken. Ihre Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens."    

  
Dokument zur Goldenen Hochzeit von Wolf Reutlinger und seiner Frau Henriette (Juli 1933) 
(Quellen: Foto von Paul Weber in: Karl Werner Stein: Juden in Haigerloch. Haigerloch 1987 S. 60; 
Gratulationskarte
: aus der Sammlung von  Peter Karl Müller, Kirchheim/Ries) 

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Text der Gratulationskarte zur Goldenen Hochzeit von E. Picard aus Paris (abgestempelt 7. Juli 1933): "Meine Lieben, zu Eurem goldenen Ehejubiläum sollen auch meine Glückwünsche nicht fehlen. Ich gratulieren Euch allen zu diesem freudigen Ereignis recht herzlich und wünsche Euch nur bessere Zeiten bis zur 'Diamantenen'. Ich weiß nicht, ob meine Eltern bei Euch sind, in Gedanken sind sie es jedenfalls. Ich hoffe, dass es Euch gesundheitlich zufriedenstellend geht, was bei mir auch der Fall ist. Ich hätte zwar vieles von hier zu erzählen, doch das könnte Ihr in einem Baedeker auch lesen. Ich habe die feste Hoffnung, dass ich mich hier durchsetzen werde, wenn es auch lange dauern und schwierig sein wird. Einstweilen gibt es nur eines - französisch lernen. Das ist hier nicht so leicht, wie man meint. Deutsch lernen ist schon leichter in Paris. - Die Goethestraße liebe Tante ist durch die Champs Elysees geschlagen. Ich empfehle Dir also, Deine nächste Reise hierher zu machen. Feiert recht vergnügt beisammen und seid alle (inklusive der gesamten Mischpoche) herzlich begrüßt von Euren Neffen und Vetter).
An: Familie Wolf Reutlinger, alt  Oberstadt, Haigerloch/Hohenzollern  Allemagne". 

Anmerkung: Henriette Reutlinger geb. Levi (geb. 1857 in Haigerloch) ist am 16. Dezember 1935 in Haigerloch gestorben; Wolf Reutlinger (geb. 1856 in Haigerloch) ist am 18. April 1941 in Haigerloch gestorben.

 
  

Anzeigen jüdischer Gewerbebetriebe, Privatpersonen sowie der Gemeinde      
Matzenbäckerei zu verkaufen (1882)  

Haigerloch Israelit 07061882.jpg (54915 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Juni 1882: "Aus Gesundheitsrücksichten meiner Frau, sehe ich mich genötigt, meine bisher mit bestem Erfolg betriebene Matzen-Bäckerei zu verkaufen. Dieselbe kann, da auch früher die Brotbäckerei damit betrieben wurde, mit der ganzen Einrichtung samt Wohnung erworben werden. Es wäre hier einem strebsamen, jungen, israelitischen Bäcker Gelegenheit geboten, sich einen guten Erwerbszweig zu gründen. Auch würde ich die Matzen-Maschine allein verkaufen. S. Heilbronner, in Haigerloch (Hohenzollern)."

 
Bäckerei zu verkaufen (1892)

Haigerloch Israelit 03031892.jpg (33563 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. März 1892: "Für Bäcker. Eine Bäckerei ist hier billig zu kaufen oder zu pachten. Ein tüchtiger, zuverlässiger jüdischer Bäcker würde, da ein solcher hier fehlt, voraussichtlich ein gutes Geschäft hier machen. Das israelitische Vorsteheramt zu Haigerloch."

  
   
Weitere Dokumente 
(aus der Sammlung von Peter Karl Müller, Kirchheim/Ries)  

Von Haigerloch nach Genf 
verschickte Postkarte (1899)
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   Die Karte datiert vom 4. Juni 1899 (Poststempel) und wurde an Arthur Levi in Genf verschickt; Absender war sein Bruder Siegfried Levi in Haigerloch. Es grüßen ihn noch Wolf Levi, ein "Salli" sowie ein Siegfried Katz.  
Briefumschlag und Postkarte der Fa. J. B. Reutlinger (1921/1928)  
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   Der Brief wurde von J. B. Reutlinger im Haigerloch (Ölimport - Farben - Lacke - Dachpappen und chemisch-technische Produkte) am 1. April 1921 an das Amtsgericht in Konstanz geschickt. Die Karte wurde 1928 von der Firma J.B. Reutlinger nach an die Lederleimfabrik J. Straub in Bopfingen geschickt. 
 
     
Brief der Firma Eugen Nördlinger (1929) Haigerloch Dok 289.jpg (57158 Byte)
  Der Brief der Fa. Eugen Nördlinger in Haigerloch (Öle, Fette, chem. Produkte, Dachpappe, Wagen- und Pferdedecken) wurde am 20. Januar 1929 an die Leimfabrik J. Straub in Bopfingen geschickt.
     

 

    
    

 

 

 

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Stand: 15. Oktober 2009