Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Nagelsberg (Stadt Künzelsau, Hohenlohekreis) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge

Übersicht:

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer 
Aus dem jüdischen Gemeindeleben   
Zur Geschichte der Synagoge   
Fotos / Darstellungen 
Links und Literatur   

  

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde        
   
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zum Erzstift Mainz gehörenden Nagelsberg bestand eine jüdische Gemeinde bis 1907. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 16. Jahrhunderts zurück.  
 
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren mehr als 30 jüdische Familien am Ort. Die höchste Zahl jüdischer Einwohner wurde um 1841 mit 158 Personen erreicht. 1832 wurde die Gemeinde dem Rabbinatsbezirk Braunsbach zugeteilt. Die jüdischen Familien lebten bis ins 19. Jahrhundert als Händler in wenig günstigen Vermögensverhältnissen. Als Erinnerung an einen von jüdischen Händlern benutzten Weg erinnert auf Gemarkung Nagelsberg bis heute ein sogenannter "Judenweg". 
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Schule (bis 1876 im Synagogengebäude untergebracht) und ein rituelles Bad (an Stelle des 1927 errichteten Pumphauses Mühlbergstraße 30; zur Wasserversorgung diente die Quelle des darüber liegenden Trogbrunnen).  Die Toten der Gemeinde wurden in den jüdischen Friedhöfen Weikersheim, Berlichingen und Hohebach beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet angestellt war (siehe unten Ausschreibung der Stelle 1871).  
   
Die Schlossgebäude in Nagelsberg (Mühlbergstraße 25 und 39) waren seit 1803 in jüdischem Besitz und wurden nach einem Brand 1843 wieder aufgebaut.  
   
Nach 1850
übersiedelten die meisten Familien nach Künzelsau oder in andere Städte, sodass es 1900 nur noch 15, 1910 sieben jüdische Einwohner in Nagelsberg gab. 
  
1933 lebten in Nagelsberg noch fünf jüdische Frauen, von denen zwei deportiert und ermordet wurden. 
   
An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden Gewerbebetrieben in jüdischem Besitz ist bekannt: Krämerladen von Meta und Frida Schlachter (Mühlbergstraße 20). Jette Hecht wohnte bis 1935 Mittlere Gasse 7, Babette Kocherthaler bis 1939 in der Mittleren Gasse 39. 
  
Von den in Nagelsberg geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Hedwig Berney geb. Stern (1887), Frida Bernheim (1877), Abraham Hecht (1881), Gustav Hirsch (1912), Hanni Holländer geb. Rosenthal (1884), Johanna Kahn geb. Stern (1881), Jacob Neumann (1869), Klara Rosenthal (1869), Frieda Schlachter (1880), Meta Schlachter (1885), Elsa Stahl geb. Rosenthal (1885), Irma Julie Stern (1891), Minna Stern geb. Schlachter (1878),  Ruth van der Wyk geb. Kusiel (1919).
    
    
    
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
    
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer 
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1871  

Nagelsberg Israelit 06121871.jpg (40331 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Dezember 1871: "Die hiesige Gemeinde sucht sofort oder bis Neujahr einen geprüften Lehrer, Vorsänger und Schochet unter günstigen Bedingungen aufzunehmen. Einkommen 600 bis 700 Gulden. Schriftliche Anmeldungen nebst Zeugnissen nimmt entgegen. 
Das israelitische Vorsteheramt Moses Stern. Nagelsberg in Württemberg, November 1871."  

   
   
Aus dem jüdischen Gemeindeleben  
Die jüdische Gemeinde möchte weiterhin die Pijutim (= bestimmte traditionelle liturgische Elemente) wieder einführen (1870)  

Nagelsberg Israelit 11051870.jpg (56421 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Mai 1870: "Aus dem Hohenloh'schen. Das israelitische Kirchenvorsteheramt und sämtliche Kirchengenossen der Kirchengemeinde Nagelsberg haben bei der israelitischen Oberkirchenbehörde nachgesucht, man wollte gestatten, dass man die Piutum, die vermöge der Synagogenordnung an besonderen Sabbaten, Feier- und Fasttagen bis jetzt zu sagen verboten waren, beim öffentlichen Gottesdienst wieder aufnehmen dürfe. Die Verfügung dieser Behörde wird Ihrem geschätzten Blatte wieder mitgeteilt werden. 
Ein Mann aus dem Stamme Ahrons (= Kohen) "

    
Gebot und Sammlung für die Lage der russischen Juden (1882)  

Nagelsberg Israelit 29031882.jpg (125504 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. März 1882: "Nagelsberg (Württemberg), 21. März (1882). Die Aufforderung in der jüngsten Nummer Ihres geschätzten Blattes: 'angesichts der gegenwärtigen traurigen Lage unserer Glaubensbrüder in Russland einen Fasttag zu veranstalten', ist auch in weiteren Kreisen mit Beifall aufgenommen worden. Auch die hiesige Gemeinde, obwohl es nur ein Dorf mit wenigen Leuten ist, hat es nicht versäumt, vergangenen Montag als Kleinen Jom Kippur zu begehen. Es ist dies besonders erwähnenswert, da nur 11 israelitische Familie hier wohnen, die ohne Rücksicht darauf, dass sie ihrem Geschäfte, welches sie jeden Tag auf einige Stunden Entfernung über Land ruft, nicht nachgehen konnten, sich mit inniger Teilnahme zum Gebete für unsere unglücklichen Glaubensbrüder in Russland zusammenfanden. Es war ein rührender Anblick, mit welcher brüderlichen Wärme und heiligen Andacht Männer und Frauen hieran teilnahmen. Auch im benachbarten Städtchen Künzelsau wurde in derselben Weise dem innigen Mitgefühl für unsere Glaubensbrüder in Russland Ausdruck gegeben. 
Ferner wurde, des Ausspruches unserer Weisen eingedenk: 'Mit Buße, Gebet und Wohltätigkeit wenden wir das strenge Urteil ab', nachdem schon bereits eine Sammlung für Russland vorgenommen worden war, auch jetzt noch einmal eine solche in der Synagoge veranstaltet, welche ein sehr erfreuliches Resultat erhielte. 
Möchte Israels Gebet vor Gott nicht leer zurückkehren!"   

    
    
    
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge                
     
Zunächst war ein Betsaal vorhanden. Er befand sich vor dem Bau der Synagoge möglicherweise im Gebäude Spitalgasse 4. Die an diesem Haus am Türstock noch vorhandene hebräische Inschrift ist jedoch erst von 1820.   
    
1789 wurde eine einfache Synagoge gebaut, in der bis 1876 auch die jüdische Schule untergebracht war. Sie befand sich in der damaligen "Unteren Gasse" in Nagelsberg (heute Mühlbergstraße). Das Gebäude war zweistockig mit 61 qm überbauter Grundfläche (9,02 m x 6,73 m) und dazugehörigem Hofraum von 13 qm. Vom Ortsweg führte als Zugang über den Hofraum eine 1,7 m breite und etwa 6 m lange Bogenbrücke. Die Brücke war mit einer ca. 80 cm hohen gemauerten Brüstung gesichert. Der Unterstock hatte drei kleinere Zimmer, der Hauptstock, ca. 5 m hoch, war ohne Unterteilung und hatte auf der Süd-, Ost- und Nordseite jeweils zwei hohe, schmale Fenster, während die Westseite an die "Adler"-Gaststätte anschloss. Der Unterstock war massiv, die Wände des Hauptstockes in Fachwerk ausgeführt. Das Dach war als Walmdach gebildet und mit Biberschwanzziegeln gedeckt.  
   
Bis 1907 besuchten auch die Künzelsauer Juden an den Feiertagen die Gottesdienste in Nagelsberg. Erst nachdem kurz nach 1900 die Zahl der Nagelsberger jüdischen Gemeindeglieder auf zwei bis drei herabsank, bestand für das Kirchenvorsteheramt in Künzelsau keine moralische oder rechtliche Verpflichtung mehr, den Gottesdienst in Nagelsberg für die Zukunft aufrecht zu erhalten. Nach Einweihung der Synagoge in Künzelsau im Sommer 1907 wurde die Nagelsberger Synagoge geschlossen und mit Kaufvertrag vom 19. Juni 1908 an den Adlerwirt Karl Träger für 780 Mark verkauft. Als Verkäufer traten die Vertreter der Künzelsauer Gemeinde Lehrer Selig Wissmann, Alexander Neumann und Gustav Ledermann auf. Im Kaufvertrag wurde geregelt, dass das "Allerheiligste" (Toraschrein) vollständig mitgenommen wird und auch das "Vorlesepult, sämtliche Subsellien der Frauen- und Männer-Synagoge, die Leuchter" sowie die "alten Akten nebst Torarollen" im Eigentum der israelitischen Gemeinde bleiben werden. Auch wurde dem Käufer zur Bedingung gemacht, dass in der erkauften Synagoge kein Viehstall oder ein Schweinestall errichtet werden darf,  "welches für den Käufer und für seine Rechtsnachfolger Geltung haben" und "im Grundbuch eingetragen werden soll".  
    
Bis 1960 diente das Gebäude als Saal der unmittelbar benachbarten Gastwirtschaft "Zum Adler" (Mühlbergstraße 24) und wurde dann abgebrochen. An der Stelle des Synagogengebäudes steht inzwischen ein neuer, erweiterter Saal des Gasthauses. Eine Gedenktafel ist vorhanden.
    
    

Fotos 
Historisches Foto:
(Quelle: Jüdische Gotteshäuser und Friedhöfe in Württemberg. 1932) 

Die Synagoge in Nagelsberg 
(Foto um 1930) 

Nagelsberg Synagoge 001.jpg (80853 Byte)

   
Fotos nach 1945/Gegenwart:  

Fotos 1986: (Fotos: Hahn)  
 
Nagelsberg Synagoge 003.jpg (78015 Byte) Nagelsberg Synagoge 005.jpg (82709 Byte) Nagelsberg Synagoge 004.jpg (51910 Byte)
Die ehemalige Synagoge stand anstelle 
des linken Neben- Gebäudes zum 
Gasthaus Adler  
Die 1986 angebrachte 
Gedenktafel  
Anbau zum Gasthaus Adler mit 
angebrachter Gedenktafel  
      
     
Fotos 2003:
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 22.9.2003)
 
Nagelsberg Synagoge 151.jpg (49539 Byte) Nagelsberg Synagoge 150.jpg (52788 Byte) Nagelsberg Synagoge 152.jpg (46811 Byte)
Das Gasthaus Adler besteht nicht mehr;
 die Gebäude sind noch vorhanden  
Die Gedenktafel   Früherer Gasthof Adler mit Anbau (links)
 auf dem Synagogengrundstück  
   
     
   Nagelsberg Judenhaus 01.jpg (56053 Byte)   
   Unweit der Synagoge: Haus, in dem früher eine
 christliche und eine jüdische Familie lebten,
 die separate Eingänge zu ihren 
Wohnungen hatten.
  

    
     

Links und Literatur 

Links:   

Website der Stadt Künzelsau       

Literatur:  

Paul Sauer: Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. 1966. S. 110-111.
Hubert Lung: Die Juden in Nagelsberg, in: Künzelsauer Heimatbuch 2. 1983 (hg. Jürgen Hermann Rauser). S. 512-518. 
Hubert Lung: Der Brand des Nagelsberger Schlosses 1843 (maschinenschriftlich). 
Naftali Bar-Giora Bamberger: Die jüdischen Friedhöfe im Hohenlohekreis. 2002.  
synagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007. 

    
     

                   
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Copyright © 2003 Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
Stand: 01. April 2014