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zu den Synagogen in
Baden-Württemberg
Nagelsberg (Stadt Künzelsau, Hohenlohekreis)
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge
Übersicht:
Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zum Erzstift
Mainz gehörenden Nagelsberg bestand eine jüdische Gemeinde bis 1907. Ihre
Entstehung geht in die Zeit des 16. Jahrhunderts zurück.
In der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts waren mehr als 30 jüdische Familien am Ort. Die höchste
Zahl jüdischer Einwohner wurde um 1841 mit 158 Personen erreicht. 1832 wurde
die Gemeinde dem Rabbinatsbezirk Braunsbach
zugeteilt. Die jüdischen Familien lebten bis ins 19. Jahrhundert als Händler
in wenig günstigen Vermögensverhältnissen. Als Erinnerung an einen von
jüdischen Händlern benutzten Weg erinnert auf Gemarkung Nagelsberg bis heute
ein sogenannter "Judenweg".
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine
Schule (bis 1876 im Synagogengebäude untergebracht) und ein rituelles Bad (an Stelle
des 1927 errichteten Pumphauses Mühlbergstraße 30; zur Wasserversorgung diente
die Quelle des darüber liegenden Trogbrunnen). Die Toten der Gemeinde
wurden in den jüdischen Friedhöfen Weikersheim, Berlichingen und Hohebach
beigesetzt. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Lehrer
angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet angestellt war (siehe unten
Ausschreibung der Stelle 1871).
Die Schlossgebäude in Nagelsberg (Mühlbergstraße 25 und 39) waren seit 1803
in jüdischem Besitz und wurden nach einem Brand 1843 wieder
aufgebaut.
Nach 1850 übersiedelten die
meisten Familien nach Künzelsau oder in
andere Städte, sodass es 1900 nur noch 15, 1910 sieben jüdische Einwohner in
Nagelsberg gab.
1933 lebten in Nagelsberg noch fünf jüdische Frauen, von denen zwei deportiert
und ermordet wurden.
An ehemaligen, bis nach 1933 bestehenden Gewerbebetrieben in jüdischem
Besitz ist bekannt: Krämerladen von Meta und Frida Schlachter (Mühlbergstraße
20). Jette Hecht wohnte bis 1935 Mittlere Gasse 7, Babette Kocherthaler bis 1939 in der Mittleren Gasse 39.
Von den in Nagelsberg geborenen und/oder
längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit
umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad
Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches
- Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Hedwig Berney geb. Stern (1887),
Frida Bernheim (1877), Abraham Hecht (1881), Gustav Hirsch (1912), Hanni
Holländer geb. Rosenthal (1884), Johanna Kahn geb. Stern (1881), Jacob Neumann (1869),
Klara Rosenthal (1869), Frieda Schlachter (1880), Meta Schlachter (1885), Elsa
Stahl geb. Rosenthal (1885), Irma Julie Stern (1891), Minna Stern geb.
Schlachter (1878), Ruth van der Wyk geb. Kusiel (1919).
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde
Aus der Geschichte der
jüdischen Lehrer
Ausschreibung der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet
1871
Anzeige
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 6. Dezember 1871:
"Die hiesige Gemeinde sucht sofort oder bis Neujahr einen geprüften Lehrer,
Vorsänger und Schochet unter günstigen Bedingungen aufzunehmen.
Einkommen 600 bis 700 Gulden. Schriftliche Anmeldungen nebst Zeugnissen
nimmt entgegen.
Das israelitische Vorsteheramt Moses Stern. Nagelsberg in
Württemberg, November 1871." |
Aus dem jüdischen Gemeindeleben
Die jüdische Gemeinde möchte weiterhin die Pijutim (=
bestimmte traditionelle liturgische Elemente) wieder einführen
(1870)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 11. Mai 1870: "Aus
dem Hohenloh'schen. Das israelitische Kirchenvorsteheramt und sämtliche
Kirchengenossen der Kirchengemeinde Nagelsberg haben bei der
israelitischen Oberkirchenbehörde nachgesucht, man wollte gestatten, dass
man die Piutum, die vermöge der Synagogenordnung an besonderen
Sabbaten, Feier- und Fasttagen bis jetzt zu sagen verboten waren, beim
öffentlichen Gottesdienst wieder aufnehmen dürfe. Die Verfügung dieser
Behörde wird Ihrem geschätzten Blatte wieder mitgeteilt werden.
Ein Mann aus dem Stamme Ahrons (= Kohen) " |
Gebot und Sammlung für die Lage der russischen Juden
(1882)
Artikel
in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. März 1882: "Nagelsberg
(Württemberg), 21. März (1882). Die Aufforderung in der jüngsten Nummer
Ihres geschätzten Blattes: 'angesichts der gegenwärtigen traurigen Lage
unserer Glaubensbrüder in Russland einen Fasttag zu veranstalten',
ist auch in weiteren Kreisen mit Beifall aufgenommen worden. Auch die
hiesige Gemeinde, obwohl es nur ein Dorf mit wenigen Leuten ist,
hat es nicht versäumt, vergangenen Montag als Kleinen Jom Kippur
zu begehen. Es ist dies besonders erwähnenswert, da nur 11 israelitische
Familie hier wohnen, die ohne Rücksicht darauf, dass sie ihrem
Geschäfte, welches sie jeden Tag auf einige Stunden Entfernung über Land
ruft, nicht nachgehen konnten, sich mit inniger Teilnahme zum Gebete für
unsere unglücklichen Glaubensbrüder in Russland zusammenfanden. Es war
ein rührender Anblick, mit welcher brüderlichen Wärme und heiligen
Andacht Männer und Frauen hieran teilnahmen. Auch im benachbarten Städtchen
Künzelsau wurde in derselben Weise
dem innigen Mitgefühl für unsere Glaubensbrüder in Russland Ausdruck
gegeben.
Ferner wurde, des Ausspruches unserer Weisen eingedenk: 'Mit Buße,
Gebet und Wohltätigkeit wenden wir das strenge Urteil ab', nachdem
schon bereits eine Sammlung für Russland vorgenommen worden war, auch
jetzt noch einmal eine solche in der Synagoge veranstaltet, welche ein
sehr erfreuliches Resultat erhielte.
Möchte Israels Gebet vor Gott nicht leer
zurückkehren!" |
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge
Zunächst war ein Betsaal
vorhanden. Er befand sich vor dem Bau der Synagoge möglicherweise im Gebäude
Spitalgasse 4. Die an diesem Haus am Türstock noch vorhandene hebräische
Inschrift ist jedoch erst von 1820.
1789 wurde eine einfache Synagoge gebaut, in der bis
1876 auch die jüdische Schule untergebracht war. Sie befand sich in der
damaligen "Unteren Gasse" in Nagelsberg (heute Mühlbergstraße). Das Gebäude
war zweistockig mit 61 qm überbauter Grundfläche (9,02 m x 6,73 m) und dazugehörigem
Hofraum von 13 qm. Vom Ortsweg führte als Zugang über den Hofraum eine 1,7 m
breite und etwa 6 m lange Bogenbrücke. Die Brücke war mit einer ca. 80 cm
hohen gemauerten Brüstung gesichert. Der Unterstock hatte drei kleinere Zimmer,
der Hauptstock, ca. 5 m hoch, war ohne Unterteilung und hatte auf der Süd-,
Ost- und Nordseite jeweils zwei hohe, schmale Fenster, während die Westseite an
die "Adler"-Gaststätte anschloss. Der Unterstock war massiv, die Wände
des Hauptstockes in Fachwerk ausgeführt. Das Dach war als Walmdach gebildet und
mit Biberschwanzziegeln gedeckt.
Bis 1907 besuchten auch die Künzelsauer Juden an den
Feiertagen die Gottesdienste in Nagelsberg. Erst nachdem kurz nach 1900 die Zahl
der Nagelsberger jüdischen Gemeindeglieder auf zwei bis drei herabsank, bestand
für das Kirchenvorsteheramt in Künzelsau keine moralische oder rechtliche
Verpflichtung mehr, den Gottesdienst in Nagelsberg für die Zukunft aufrecht zu
erhalten. Nach Einweihung der Synagoge in Künzelsau im Sommer 1907
wurde die
Nagelsberger Synagoge geschlossen und mit Kaufvertrag vom 19. Juni 1908 an den
Adlerwirt Karl Träger für 780 Mark verkauft. Als Verkäufer traten die
Vertreter der Künzelsauer Gemeinde Lehrer Selig Wissmann, Alexander Neumann und
Gustav Ledermann auf. Im Kaufvertrag wurde geregelt, dass das "Allerheiligste"
(Toraschrein) vollständig mitgenommen wird und auch das "Vorlesepult, sämtliche
Subsellien der Frauen- und Männer-Synagoge, die Leuchter" sowie die "alten
Akten nebst Torarollen" im Eigentum der israelitischen Gemeinde bleiben werden.
Auch wurde dem Käufer zur Bedingung gemacht, dass in der erkauften Synagoge
kein Viehstall oder ein Schweinestall errichtet werden darf,
"welches für den Käufer und für seine Rechtsnachfolger Geltung haben"
und "im Grundbuch eingetragen werden soll".
Bis 1960 diente das Gebäude als Saal der unmittelbar
benachbarten Gastwirtschaft "Zum Adler" (Mühlbergstraße 24) und wurde dann
abgebrochen. An der Stelle des Synagogengebäudes steht inzwischen ein neuer,
erweiterter Saal des Gasthauses. Eine Gedenktafel ist vorhanden.
Fotos
Historisches Foto:
(Quelle: Jüdische Gotteshäuser und Friedhöfe in
Württemberg. 1932)
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Synagoge Nagelsberg von 1789,
vgl. die Baubeschreibung oben |
Fotos nach 1945/Gegenwart:
| Fotos 1986:
(Fotos: Hahn) |
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Die ehemalige Synagoge stand anstelle des linken Neben- Gebäudes zum
Gasthaus Adler |
Die 1986 angebrachte Gedenktafel |
Anbau zum Gasthaus Adler mit angebrachter Gedenktafel
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Fotos 2003:
(Fotos: Hahn, Aufnahmedatum 22.9.2003) |
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| Das Gasthaus Adler besteht
nicht mehr; die Gebäude sind noch vorhanden |
Die Gedenktafel |
Früherer Gasthof Adler mit
Anbau (links) auf dem Synagogengrundstück |
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Unweit der Synagoge: Haus, in
dem früher eine christliche und eine jüdische Familie lebten, die
separate Eingänge zu ihren Wohnungen hatten. |
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Links und Literatur
Links:
Literatur:
 | Paul Sauer: Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. 1966. S.
110-111. |
 | Hubert Lung: Die Juden in Nagelsberg, in:
Künzelsauer Heimatbuch 2. 1983 (hg. Jürgen Hermann Rauser). S. 512-518. |
 | Hubert Lung: Der Brand
des Nagelsberger Schlosses 1843 (maschinenschriftlich). |
 | Naftali Bar-Giora Bamberger: Die jüdischen Friedhöfe im
Hohenlohekreis. 2002. |

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